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Kunst- und Lebensfragen
im Lichte der Geisteswissenschaft
GA 162

31 Juli 1915, Dornach

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Es ist in der Tat schwer in unserer Zeit, richtig verstanden zu werden, wenn man aus den Quellen desjenigen heraus spricht, was wir in unserem Zusammenhange Geisteswissenschaft nennen.

[ 2 ] Weniger habe ich heute zunächst im Auge die Schwierigkeit des Verstandenwerdens bei den Einzelnen, denen wir im Leben begegnen, als vielmehr bei den Kulturen, bei den verschiedenen Weltanschauungs-Gedanken- und Gefühlsstrrömungen, denen wir in der heutigen Zeit gegenüberstehen.

[ 3 ] Wenn wir das europäische Leben betrachten, so finden wir zunächst innerhalb desselben eine große Schwierigkeit dadurch erwachsen, daß dieses europäische Leben in dem Augenblicke, wo es aufrückt von dem bloßen Wahrnehmen durch die Sinne zum Denken über die Wahrnehmungen — und dieses Aufrücken muß ja jeder für sich in jedem Augenblicke des wachen Lebens besorgen —, daß, sage ich, dieses europäische Leben in seinem Gedankeninhalt selber im Grunde nicht fühlt, wie innig der Gedankeninhalt zusammenhängt mit demjenigen, was wir als Menschen sind.

[ 4 ] Man denkt, man stellt vor, und man hat das Bewußtsein, daß man durch die Gedanken, die man sich bildet, durch die Vorstellungen, die man erlebt, etwas erfährt von der Welt, daß man gewissermaßen etwas wissen lernt von der Welt, daß eben die Vorstellungen etwas abbilden von der Welt. Dieses Bewußtsein hat man. Jeder, der über die Straße geht, hat ja das Gefühl, daß ihm dadurch, daß er die Bäume und so weiter anschaut, Vorstellungen aufleben, und daß diese Vorstellungen innere Repräsentanten sind desjenigen, was er wahrnimmt, daß er also durch die Vorstellungen gewissermaßen die Welt der äußeren Wahrnehmungen in sich aufnimmt und sie dann weiterlebt, diese Wahrnehmungen.

[ 5 ] Daß daneben der Gedanke, das Denken überhaupt noch etwas Wesentliches ist in unserem inneren Selbst, in unserem inneren Selbst als Menschen, daß wir etwas tun, indem wir denken, daß das eine innere Tätigkeit ist, dieses Denken, eine innere Arbeit, das bringt man sich in den seltensten Fällen, man kann schon sagen, eigentlich gar nicht innerhalb der europäischen Weltanschauung so recht zum Bewußtsein.

[ 6 ] Ich habe einmal hier darauf aufmerksam gemacht, daß jeder Gedanke noch etwas wesentlich anderes ist als dasjenige, als was man ihn gewöhnlich anerkennt. Man erkennt ihn an als ein Abbild von etwas äußerlich Wahrnehmbarem. Aber man erkennt ihn nicht an als Formbildner, als Gestalter. Jeder Gedanke, der in uns auftaucht, ergreift gewissermaßen unser inneres Leben und hat Teil zunächst, so lange wir wachsen, an unserem ganzen Aufbauen als Menschen. Er hatte schon Anteil an unserem Aufbau, bevor wir überhaupt geboren worden sind, und gehört zu den bildenden Kräften unserer Natur. Er arbeitet immer weiter und er stellt immer wieder und wieder das her, was abstirbt in uns. Also es ist nicht nur so, daß wir außerhalb unsere Vorstellungen wahrnehmen, sondern wir arbeiten immer als denkende Wesen, wir arbeiten durch das, was wir vorstellen, immerfort neu an unserer Gestaltung und Bildung.

[ 7 ] Geisteswissenschaftlich angesehen erscheint jeder Gedanke so ähnlich wie ein Kopf mit etwas wie einer Fortsetzung nach unten, so daß wir mit jedem Gedanken eigentlich in uns einschachteln etwas wie. ein Schattenbild von uns selber; nicht ganz ähnlich mit uns, aber so ähnlich wie ein Schattenbild. Dieses Schattenbild von uns selber muß in uns hineingeschachtelt werden, denn es geht fortwährend von uns etwas verloren, etwas zugrunde; es bröckelt ab in Wirklichkeit. Und das, was so da der Gedanke in uns als Menschengestalt hineinschachtelt, das erhält uns überhaupt bis zu unserem Tode hin. Also der Gedanke ist zugleich eine richtige innere Tätigkeit, ein Bauen an uns selber.

[ 8 ] Diese letztere Erkenntnis hat man innerhalb der abendländischen Weltanschauung fast gar nicht. Man verspürt nicht, man fühlt nicht in seinem Gemüte, wie einen der Gedanke ergreift, wie er sich wirklich in uns ausbreitet. Ein Mensch, der atmet, fühlt noch ab und zu, obwohl er meist jetzt auch darauf nicht mehr achtet, daß der Atem sich in ihm ausbreitet, daß der Atem etwas zu tun hat mit seinem Wiederaufbau, mit seiner Regeneration. So ist es auch mit dem Gedanken. Aber da fühlt es der europäische Mensch schon kaum mehr, daß der Gedanke eigentlich bestrebt ist, fortwährend Mensch zu werden oder, besser gesagt, Menschengestalt zu bilden.

[ 9 ] Ohne dies Erfühlen von solchen Kräften, die in uns sind, kommen wir aber kaum dazu, wirklich ein richtiges Verständnis, ein inneres Gefühls- und Lebensverständnis dessen zu gewinnen, was die Geisteswissenschaft will. Denn sie arbeitet eigentlich gar nicht in dem, was der Gedanke uns liefert, indem er ein Äußeres abbildet, sondern sie arbeitet in diesem Lebenselemente des Gedankens, in diesem fortwährenden Gestalten des Gedankens.

[ 10 ] Es war schon seit Jahrhunderten deshalb, weil der europäischen Menschheit dieses zuletzt charakterisierte Bewußtsein immer mehr abhanden kam, recht schwierig, von Geisteswissenschaft zu sprechen, respektive verstanden zu werden, wenn man davon sprach. In der morgenländischen Weltanschauung ist dieses Gefühl, das ich eben ausgesprochen habe gegenüber dem Gedanken, in einem hohen Maße vorhanden. Es ist wirklich in einem hohen Maße vorhanden; mindestens ist das Bewußtsein vorhanden, daß man dieses Gefühl vom inneren Erleben des Gedankens suchen muß. Daher die Neigung der Morgenländer zum Meditieren; denn das Meditieren soll ja sein ein solches Sich-Hineinleben in die Gestaltungskräfte des Gedankens, soll werden ein Gewahrwerden des lebendigen Fühlens des Gedankens. Daß der Gedanke in uns etwas tut, sollte man gewahr werden während des Meditierens. Daher finden wir solche Aussprüche im Morgenlande wie: Im Meditieren Einswerden mit dem Brahma, mit dem Gestaltenden der Welt. Dieses Bewußtsein, daß man mit dem Gedanken, wenn man sich recht in ihn einlebt, nicht nur etwas in sich hat, nicht nur selber denkt, sondern sich einlebt in die Gestaltungskräfte der Welt, das wird in der morgenländischen Weltanschauung gesucht. Aber es ist erstarrt, erstarrt aus dem Grunde, weil die morgenländische Weltanschauung es versäumt hat, sich ein Verständnis anzueignen für das Mysterium von Golgatha.

[ 11 ] Zwar ist die morgenländische Weltanschauung — und davon werden wir noch sprechen — in hohem Grade geneigt, sich hineinzuleben in die Gestaltungskräfte des Gedankenlebens, aber sie lebt sich doch dabei ein in ein ersterbendes Element, sie lebt sich ein in ein Gewebe von abstrakten, unlebendigen Vorstellungen. So daß man sagen könnte: Während das richtige Einleben darinnen besteht, daß man das Leben der Gedankenwelt erlebt, lebt sich die morgenländische Weltanschauung ein in eine Nachbildung des Lebens der Gedanken. Man sollte sich so einleben in die Gedankenwelt, wie wenn man sich hineinversetzt in ein lebendiges Wesen. Aber es ist ein Unterschied zwischen einem lebendigen Wesen und dem Nachgemachten eines lebendigen Wesens, nehmen wir an, einer Nachahmung aus Papiermaché. Die morgenländische Weltanschauung lebt sich nicht in das lebendige Wesen hinein, weder Brahmanismus, noch Buddhismus, noch das Chinesentum, noch das Japanertum; sondern sie leben sich hinein in etwas, was man bezeichnen kann wie eine Nachahmung der Gedankenwelt, wie in etwas, das sich so verhält zu der lebendigen Gedankenwelt, wie der aus Papiermaché nachgemachte Organismus zum lebendigen Organismus.

[ 12 ] Das ist also das Schwierige sowohl im Abendlande auf der einen Seite, wie auf der anderen Seite im Morgenlande. Man wird im Abendlande weniger verstanden, weil man da überhaupt nicht viel Bewußtsein von diesen lebendigen Gestaltungskräften des Gedankens hat; im Morgenlande wird man nicht richtig verstanden, weil man da nicht so recht ein Bewußtsein hat von der Lebendigkeit der Gedanken, sondern nur von dem toten Nachgemachten, von dem steifen, im Abstrakten Webenden der Gedanken.

[ 13 ] Nun brauchen Sie sich nur klarzumachen, woher das, was ich jetzt eben auseinandergesetzt habe, eigentlich kommt. Sie erinnern sich wohl alle an die Darstellung der Mondenentwickelung, die gegeben worden ist in meinem Buche «Geheimwissenschaft». Der Mensch hat ja in seiner eigenen Entwickelung richtig mitgemacht alles das, was sich zugetragen hat als Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung, und er macht weiter zurzeit das hier mit, was sich zuträgt als Erdenentwickelung. Wenn Sie sich erinnern an die Mondentwickelung, wie sie dargestellt ist in meiner «Geheimwissenschaft», so werden Sie darauf kommen, daß damals während der Mondentwickelung stattgefunden hat das Loslösen des Mondplaneten von der Sonne. Das trat da zum ersten Male in ausgesprochener Weise auf. So daß ein solches Loslösen wirklich stattfand. Wir können also sagen: Während vorher in gewissem Sinne da war ein Ineinander-Geschachteltsein der planetarischen Welt, war bei der Loslösung des Mondes von der Sonne der vorirdischen Zeit ein Nebeneinander-Laufen, ein zeitweiliges Nebeneinander-Laufen der Mondenentwickelung und der Sonnenentwickelung da. Ein solches Losgelöstsein war da.

[ 14 ] Dieses Losgelöstsein hat, wie Sie ersehen können aus der «Geheimwissenschaft», eine große Bedeutung. Der Mensch hätte, so wie er jetzt ist, nicht entstehen können, wenn diese Loslösung nicht stattgefunden hätte. Aber auf der anderen Seite ist mit jedem solchen Vorgange das Hereinkommen einer Einseitigkeit in unsere Entwickelung innig verknüpft. Es ist so gekommen, daf gewisse Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, die also während der Mondentwickelung Menschen waren, dazumal, man könnte sagen, sich geweigert haben, sich antipathisch gezeigt haben gegen das WiederZusammengehen mit der Sonne. Der Mond trennte sich also ab, und bei dem späteren Wieder-Zusammengehen mit der Sonne haben sie sich geweigert, diesen Schritt mitzumachen, wieder zusammenzugehen mit der Sonne.

[ 15 ] Alles luziferische Zurückbleiben beruht ja auf einem solchen Nicht-Mitmachen späterer Entwickelungsphasen; und so ist ein Teil des Luziferischen darin begründet, daß solche Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, die damals Menschen waren, nicht mitmachen wollten das Wieder-Zusammengehen mit der Sonne im letzten Teile der alten Mondenzeit. Gewiß, sie mußten ja wieder herunter, aber in ihrem Gemüte, in ihrem Inneren, haben sie sich die Sehnsucht für das Mondendasein erhalten. Sie waren dann deplaciert; sie waren nicht weiter zu Hause in der eigentlichen Entwickelung, sie fühlten sich eigentlich als Mondwesen. Darin bestand ihr Zurückgeblieben. sein. Diese Art von Wesen gehörte natürlich auch zu der Schar von luziferischen Wesen, die dann in ihrer weiteren Entwickelung gewissermaßen auf unsere Erde heruntergestiegen sind. Die leben auch in uns in der Art, wie ich es in einem der letzten Vorträge angedeutet habe. Und diese sind es, welche gewissermaßen in unserm Denken des Abendlandes nicht heraufkommen lassen das Bewußtsein, daß dieses Denken ein innerlich lebendiges ist. Sie wollen es mondenhaft erhalten, abgetrennt von dem inneren Lebenselemente, das mit dem Sonnenhaften zusammenhängt; sie wollen es in der Lostrennung erhalten. Und sie wirken dahin, daß man ins Bewußtsein hineinbekommt nicht ein Gefühl: das Denken hängt mit der inneren Gestaltung zusammen —, sondern ein Gefühl, wie wenn das Denken nur mit dem Äußeren zusammenhinge, eben mit dem, was losgetrennt ist. So daß sie für das Denken ein Gefühl hervorrufen: man kann nur abbilden mit dem Denken das Äußere, man kann nicht ergreifen das innerlich Gestaltende, Lebendige, man kann nur Äußeres ergreifen. Sie verfälschen also unser Denken.

[ 16 ] Das war eben das Karma der abendländischen Menschheit, gerade Bekanntschaft zu machen mit diesen Geistern, die in dieser Form das Denken verfälschen, das Denken verändern, veräußerlichen, die bestrebt sind, ihm den Stempel aufzudrücken, als ob es nur dienen könnte, das Äußere abzubilden und nicht das innerlich Lebendige zu erfassen. Dem Karma der morgenländischen Bevölkerung war es beschieden, verschont zu bleiben von dieser Art luziferischer Elemente. Daher blieb ihr mehr das Bewußtsein, im Denken das innerlich Formende, Gestaltende des Menschen zu suchen, das ihn im Inneren Vereinigende mit der lebendigen Gedankenwelt des Universums. Den Griechen war es auferlegt, den Übergang zu bilden zwischen dem einen und dem anderen.

[ 17 ] Die Morgenländer haben, weil sie mit jenem luziferischen Elemente, das ich eben charakterisiert habe, wenig Bekanntschaft geschlossen haben, keine rechte Ahnung davon, daß man auch in Zusammenhang kommen kann mit dem Lebendigen des Denkens über das Äußere. Es ist bei ihnen immer wie aus Papiermaché dasjenige, mit dem sie da zusammenkommen; sie haben wenig Verständnis, das Denken auf das Äußere anzuwenden. Es muß schon Luzifer mitwirken in der Tätigkeit, die ich Ihnen eben charakterisiert habe, damit der Mensch die Neigung bekommt, auch über die äußere Welt nachzudenken. Dann ist es aber gleich so wie beim Pendelausschlag, der nach der einen Seite hingeht: er versteift sich auf diese Tätigkeit nach dem Äußeren. Das ist überhaupt die Eigentümlichkeit alles Lebens: daß es einmal nach der einen und einmal nach der anderen Seite ausschlägt. Ausschlagen muß sein, aber man muß wieder den Rückweg finden von dem einen zum anderen, von dem Morgenländischen zu dem Abendländischen. Die Griechen sollten finden den Übergang von dem Morgenländischen zu dem Abendländischen. Das Morgenländische würde ganz in steife Abstraktionen verfallen sein — ist es ja auch zum Teil —, die sogar von manchen Menschen geliebt werden, wenn das Griechentum nicht eingegriffen hätte in die Welt. Wenn wir rein auf dem aufbauen, was wir jetzt betrachtet haben, so werden wir im Griechentum die Tendenz finden, innerlich gestalthaft, lebendig zu machen den Gedanken.

[ 18 ] Nun, verfolgen Sie sowohl die griechische Literatur wie die griechische Kunst, so werden Sie überall finden, wie der Grieche danach strebt, aus seinem inneren Erleben die menschlichen Formen herauszubringen, sowohl in der Plastik wie in der Dichtung, Ja sogar in der Philosophie. Wenn Sie sich bekanntmachen mit der Art und Weise, wie noch Plato versuchte, nicht eine abstrakte Philosophie zu begründen, sondern Menschen hinzustellen, die miteinander sprechen, die ihre Ansichten austauschen, so daß eben nicht eine Weltanschauung dasteht bei Plato — wir haben ja bei ihm nur Gespräche —, sondern Menschen, die sich aussprechen, die Gedanken äußern, in denen der Gedanke menschlich wirkt, so werden Sie das bestätigt finden. Also wir haben es bis in die Philosophie hinein so, daß der Gedanke sich nicht abstrakt ausspricht, sondern sich verkleidet gleichsam in dem ihn vertretenden Menschen.

[ 19 ] Wenn man so Sokrates sprechen sieht, kann man nicht von Sokrates auf der einen Seite und von sokratischer Weltanschauung auf der anderen Seite sprechen. Das ist Eins, eine Einheit. Man könnte sich in Griechenland nicht denken, daß, meinetwillen wie ein moderner Philosoph, einer in Griechenland aufgetreten wäre, der eine abstrakte Philosophie begründet hätte, der sich hinstellt vor die Menschen und sagt: Das ist nun die richtige Philosophie. — Das wäre unmöglich, das wäre nur bei einem modernen Philosophen möglich, denn dies ruht ja im Geheimen bei jedem modernen Philosophen. Der Grieche Plato aber, der stellt den Sokrates hin als die verkörperte Weltanschauung, und man muß sich denken, daß die Gedanken von Sokrates nicht so ausgesprochen werden wollen, als ob man bloß die Welt erkennt, sondern daß sie in Gestalt des Sokrates herumgehen und sich so zu den Menschen verhalten, wie er sich eben verhält. Und dieses Element, die Gedanken zu vermenschlichen, gleichsam in das äußere Formenhafte, Gestaltenhafte zu gießen, das ist das gleiche bei den Homerischen, bei den Sophokleischen, bei allen dichterischen Figuren, und ist das gleiche bei allen plastischen Figuren, die das Griechentum geschaffen hat. Deshalb sind die plastischen Götter der griechischen Bildhauerei so menschlich, weil das hineingegossen ist, was ich eben ausgesprochen habe.

[ 20 ] Das ist zu gleicher Zeit ein Hinweis darauf, wie die Entwickelung der Menschheit in geistiger Beziehung danach strebte, gleichsam aus dem Gedanklichen des Kosmos heraus zu erfassen das Lebendige des Menschen und es dann zu gestalten. Deshalb erscheinen uns diese griechischen Kunstwerke — Goethe haben sie ja in eminentem Sinne so geschienen — als etwas, was in seiner Art kaum mehr zu erhöhen, kaum zu vervollkommnen ist, weil man zusammengefaßt hat all das, was einem geblieben ist aus der alten Uroffenbarung an lebendig wirkenden und webenden Gedanken, die man da in die Form ausgegossen hat. Es war gleichsam das Bestreben, all das, was man als den Gedanken von innen heraus finden konnte, zusammenzuziehen zu der menschlichen Gestalt, die im Griechentum Philosophie, Kunst, Plastik geworden ist (Zeichnung a, Seite 198).

[ 21 ] Eine andere Aufgabe hat die neuere Zeit, die Gegenwart, eine völlig andere Aufgabe. Jetzt hat man die Aufgabe, gewissermaßen das, was im Menschen ist, dem Weltall wieder zurückzugeben (Zeichnung b). Es hat alle vorgriechische Entwickelung dahin geführt, zusammenzunehmen das, was man aus der Welt heraus gewissermaßen über das Lebendige der Form des Menschen entdecken konnte, um das zusammenzufassen. Das ist das unendlich Große der griechischen Kunst, daß eigentlich die ganze Vorwelt in ihr zusammengefaßt und gestaltet ist. Jetzt haben wir die Aufgabe, umgekehrt den Menschen, der unendlich vertieft worden ist durch das Mysterium von Golgatha, der in seiner kosmischen Bedeutung innerlich erfaßt worden ist, wieder dem Universum zurückzugeben.

Diagram 1

[ 22 ] Sie müssen sich nur wirklich ganz in die Seele einschreiben, daß diese Griechen die christliche Anschauung von dem Mysterium von Golgatha eben nicht hatten, daß bei ihnen alles aus der kosmischen Weisheit heraus zusammenfloß. Und nun denken Sie sich diesen ungeheuren, wirklich unermeßlichen Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit dadurch, daß die Wesenheit, die früher vom Kosmos draußen gewirkt hat, die man so aus dem Kosmos heraus erkennen mußte, und darnach auf dem irdischen Schauplatze in der Form ausdrücken konnte, daß die nun aus dem Kosmos heraus in die Erde hineingeht, selber Mensch wird, in der Menschenentwickelung weiterlebt.

[ 23 ] Das, was man gesucht hat in der vorchristlichen Zeit draußen im Kosmos, das kam jetzt herein in die Erde, und das, was man in die Form ausgießen konnte, das ist jetzt in der Menschenentwickelung selber darinnen (Zeichnung c). Natürlich — ich habe es deshalb mit Punkten angedeutet: es wird noch nicht richtig erkannt, es wird noch nicht richtig erfühlt; aber es lebt in den Menschen, und die Menschen haben die Aufgabe, es nach und nach wiederum zurückzugeben dem Kosmos. Das können wir uns ganz konkret vorstellen, dieses Zurückgeben desjenigen an den Kosmos, was wir durch den Christus empfangen haben. Wir müssen uns nur nicht sträuben gegen dieses Zurückgeben.

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[ 24 ] Man kann wirklich eng sich anklammern an das wunderbare Christus-Wort: «Ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Erdenzeit.» Das heißt, was Christus uns zu offenbaren hat, ist nicht erschöpft mit dem, was im Evangelium steht. Er ist nicht als ein Toter unter uns, der einmal das, was er auf die Erde bringen wollte, in die Evangelien hinein hat ausgießen lassen, sondern er ist als ein Lebendiger darinnen in der Erdenentwickelung. Und wir können uns mit unserer Seele zu ihm durcharbeiten. Dann offenbart er sich uns gerade so, wie er sich den Evangelisten geoffenbart hat. Das Evangelium ist dann nicht etwas, was einmal dagewesen ist und dann versiegte, das Evangelium ist dann eine fortwährende Offenbarung. Man steht gewissermaßen immer dem Christus gegenüber und erwartet, zu ihm aufschauend, aufs Neue die Offenbarung.

[ 25 ] Gewiß hat derjenige — sei er nun gewesen, wer auch immer —, der da gesagt hat: Noch vieles hätte ich zu schreiben, aber alle Bücher der Welt könnten es nicht fassen —, gewiß hat er unendlich Recht gehabt, denn hätte er alles schreiben wollen, was er hätte schreiben können, so hätte er schreiben müssen, was sich erst im Laufe der Menschheitsentwickelung aus dem Christus-Ereignisse nach und nach ergeben wird. Er wollte darauf hinweisen: Wartet nur, wartet nur! Es wird schon das kommen, was alle Bücher der Welt nicht fassen können. Wir haben den Christus gehört, aber die Nachgeborenen werden ihn auch weiter hören, und so empfangen wir fortdauernd, fortwährend diese Christus-Offenbarung. — Diese ChristusOffenbarung empfangen heißt: Von Ihm Aufschluß erlangen über die Welt. Und dies Empfangene müssen wir wiederum aus dem Zentrum des Gemüts dem Kosmos zurückgeben.

[ 26 ] Daher dürfen wir das, was wir als Geisteswissenschaft erhalten haben, auffassen als lebendige Christus-Offenbarung. Er ist es, der uns wiederum sagt, wie die Erde entstanden ist, wie es sich mit der Menschennatur verhält, was die Erde für Zustände durchgemacht hat, bevor sie Erde geworden ist. Alles das, was wir als Kosmologie haben, was wir der Welt wieder zurückgeben, all das offenbart Er uns. In dieser Stimmung sich fühlen, von dem Christus gleichsam innerlich geistig den zusammengezogenen Kosmos zu empfangen und ihn so wie man ihn empfängt, verständnisvoll der Welt zuzuweisen, so daß man nicht mehr hinaufschaut nach dem Monde und ihn anglotzt als eine große Kegelkugel, mit der mechanische Kräfte Kegel geschoben haben im Weltall und die von diesen UnregelmäRigkeiten Runzeln bekommen hat und dergleichen, sondern erkennt, was er anzeigt, wie er zusammenhängt mit der Christus- und Jahve-Natur und so weiter: das ist die fortwährende Offenbarung des Christus. Wir müssen wiederum an die Außenwelt zuteilen das, was wir von ihm empfangen. Es ist zunächst ein Erkenntnisprozeß. Mit einem Erkenntnisprozeß fängt es an, später werden es schon andere Prozesse sein. Es werden Gemütsprozesse, Gefühlsprozesse sich ergeben, die von uns ausgehen und sich hinaus ergießen in den Kosmos; die werden daraus entstehen.

[ 27 ] Aber noch ein anderes ersehen Sie aus dem, was ich eben auseinandergesetzt habe. Wenn Sie diesen Gang betrachten (Zeichnung a, Seite 201), wo man aus dem Kosmos herein zusammengefaßt hat, ich möchte sagen, die Bestandstücke des Menschen, die dann in der griechischen Weltanschauung, in der griechischen Kunst zusammengeflossen sind zu dem ganzen Menschen, so werden Sie sehen: die Menschheitsentwickelung strebte im Griechentum nach plastischer Gestaltung, nach bildhafter Gestaltung; und das, was das Griechentum erlangt hat an bildhafter Gestaltung, können wir in der Tat nicht wiederum nachmachen. Wenn wir es nachahmen, so wird nichts Rechtes daraus. Das ist also ein gewisser Höhepunkt in der Menschheitsentwickelung. Man kann nämlich sagen: Die Menschheitsströmung strebt im Griechentum in der Plastik nach Konzentration aus der gesamten vorgriechischen Menschheitsentwickelung herein.

Diagram 1

[ 28 ] Wenn man dagegen das nimmt, was bier geschieht (Zeichnung b), was jetzt zu geschehen hat, so ist es, ich möchte sagen, ein Aufteilen der Bestandstücke des Menschen an den Kosmos. Sie können das bis in Einzelheiten verfolgen. Wir teilen unseren physischen Leib dem Saturn zu, den Ätherleib der Sonne, den Astralleib dem Monde, unsere Ich-Gestaltung der Erde. Also wir teilen wirklich auf, wir teilen den Menschen wiederum auf in die Welt; und so können Sie sehen: der ganzen Komposition der Geisteswissenschaft liegt ein Aufteilen, ein Wieder-in-Bewegung-Bringen dessen, was im Menschen konzentriert ist, zugrunde. Die Grundstimmung dieser neuen Weltanschauung (Zeichnung b) ist eine musikalische, die Grundstimmung der alten Welt (a) war eine plastische. Die Grundstimmung der neueren Zeit ist richtig musikalisch, die Welt wird auch immer musikalischer werden. Und wissen, wie man in der richtigen Art darinnen steht in dem, wonach die Menschheitsentwickelung strebt, heißt wissen, daß man nach einem musikalischen Elemente streben muß, daß man nicht wiederholen darf das alte plastische Element, sondern daß man nach einem musikalischen Elemente zu streben hat.

[ 29 ] Ich habe öfter erwähnt, daß an einen wichtigen Platz unseres Baues hingestellt sein wird eine Urmenschen-Gestalt, die man auch als den Christus ansprechen kann, und die auf der einen Seite Luzifer, auf der anderen Seite Ahriman haben wird. Das, was im Christus konzentriert ist, nehmen wir heraus und teilen es in Luzifer und Ahriman wieder auf, insofern es aufzuteilen ist. Wir machen das, was plastisch zusammengeschweißt wurde in die einzige Gestalt, musikalisch, indem wir es gleichsam zu einer Melodie machen: Christus-Luzifer-Ahriman.

[ 30 ] Nach diesem Prinzip ist wirklich unser ganzer Bau geformt. Unser ganzer Bau trägt das besondere Grundgepräge in sich: die plastischen Formen in musikalische Bewegung zu bringen. Das ist sein Grundcharakter. Wenn Sie nicht vergessen, daß, indem man so etwas andeutet, man niemals hochmütig werden soll, sondern hübsch demütig bleiben soll, und wenn Sie beachten, daß mit dem, was mit diesem Bau getan ist, die unvollkommensten ersten Schritte getan worden sind, so werden Sie nicht mißverstehen, was mit all den Aussprüchen, die ich über den Bau tue, gemeint ist. Selbstverständlich ist nicht gemeint, daß irgend etwas von dem, was uns als fernes Ideal vorschwebt, auch nur im Allerentferntesten erreicht ist; aber ein Anfang soll damit gewollt sein, könnte man sagen. Mehr will damit auch nicht gesagt sein, als daß ein Anfang gewollt sein soll.

[ 31 ] Aber wenn Sie diesen Anfang vergleichen mit dem, was eine gewisse Vollendung im Griechentum erlebt hatte, mit der unendlichen Vervollkommnung des plastischen Prinzipes, ich will sagen, in den griechischen Gestalten der Athene und anderer, oder wie es sich in der Architektur auslebt in der Akropolis und dergleichen, wenn Sie diese Vollendung mit dem Anfang vergleichen, so werden Sie neben allem übrigen einen polarischen, einen radikalen Unterschied finden. Dort im Griechentum strebt alles nach dem Einfrieren in der Form, nach dem Festwerden in der Form. Solch eine Akropolis oder eine griechische Plastik, sie stehen da, um ewig eigentlich in dieser Form erstarrt stehen zu bleiben, um den Menschen ein Bild dessen zu bewahren, was die Schönheit der Form sein kann.

[ 32 ] Solch ein Werk wie unser Bau ist, es wird, auch wenn es einmal vollkommener ausgestaltet sein wird, immer dastehen so, daß man eigentlich sagen kann: man wird dadurch eigentlich immer angeregt, diesen Bau als solchen zu überwinden, um durch seine Formen hinauszukommen ins Unendliche. Diese Säulen und namentlich die Formen, die sich an die Säulen anschließen, und selbst dasjenige, was gemalt und gebildet wird, es ist alles dazu da, um sozusagen die Wände zu durchbrechen, um zu protestieren dagegen, daß da Wände stehen, und um die Formen aufzulösen, ich möchte sagen, in einer ätherischen Lauge aufzulösen, so daß sie einen hinausführen können in die Weiten der kosmischen Gedankenwelt.

[ 33 ] Man wird diesen Bau richtig empfinden, wenn man das Gefühl hat: dieser Bau, wenn man ihn betrachtet, löst sich auf, er überwindet seine eigenen Grenzen; alles, was da sich zu Wänden bildet, das will eigentlich hinaus in die Weiten der Welt. Dann hat man das richtige Gefühl. Mit einem griechischen Tempel fühlt man so, daß man am liebsten immer mehr eins werden möchte mit dem, was da fest durch die Wände umschlossen ist und mit dem, was nur durch die Wände herein kann. Hier bei unserem Bau wird man eigentlich das Gefühl haben: Wenn diese Wände doch nur nicht so genierlich da wären, denn sie wollen an jedem Platze, den sie darbieten, eigentlich durchbrochen werden und weiter hineinführen in die Welt des Kosmos. So sollte eben dieser Bau aus den Aufgaben unserer Zeit heraus gebildet werden, wirklich aus den Aufgaben unserer Zeit heraus.

[ 34 ] Nachdem wir jahrelang gesprochen haben nicht nur über die Gegenstände der Geisteswissenschaft, sondern auch gesprochen haben miteinander so, wie man gesinnungsmäßig dasjenige meint, was durch die Geisteswissenschaft zum Ausdruck gebracht wird, so kann es auch verstanden werden, daß dann, wenn man über dieses oder jenes in der Welt etwas Abfälliges sagt, man es gar nicht absolut abfällig, absolut tadelnd meint, sondern daß man die scheinbar tadelnden Worte gebraucht, um Tatsachen zu charakterisieren in dem richtigen Zusammenhange.

[ 35 ] Wenn man daher, ich will sagen, im Zusammenhang mit dem Gesprochenen einer welthistorischen Persönlichkeit Vorwürfe macht, so ist das nicht so gemeint, wie wenn man damit zugleich erklären wollte, daß man, wenigstens in seinem Urteil gegenüber dieser Persönlichkeit, so eine Art Scharfrichter sein möchte, der ihr, geistig gemeint, den Kopf abschlägt, indem man ein Urteil ausspricht. Moderne Kritiker sind so; aber derjenige, welcher von geisteswissenschaftlicher Gesinnung durchdrungen ist, ist nicht so. In dem Sinne, der durch diese Worte angedeutet ist, nehmen Sie, bitte, auch das, was ich jetzt zu sagen habe.

[ 36 ] Es mußte einmal gewissermaßen ein Einschnitt in der Menschheitsentwickelung gemacht werden; es mußte gewissermaßen einmal gesagt werden: Nun hat es ein Ende mit dem, was da von alten Zeiten bis jetzt heraufgekommen ist; es muß etwas Neues beginnen. Er ist nicht auf einmal gemacht worden, dieser Einschnitt; er ist sogar in mehreren Etappen gemacht worden. Aber er tritt uns in der Geschichte ganz deutlich entgegen. Nehmen Sie einmal eine solche Persönlichkeit der Geschichte wie den römischen Kaiser Augustus, also denjenigen Herrscher Roms, dessen Herrschaft zusammenfiel mit dem Aufleben der Strömung, die wir herleiten von dem Mysterium von Golgatha. Es ist heute auch schon schwierig, den Menschen ganz klarzumachen, worin das ganz wesentlich Neue bestand, das durch den Kaiser Augustus in die abendländische Entwickelung hineinkam gegenüber dem, was bis dahin unter dem Einfluß der römischen Republik in dieser abendländischen Kultur drinnen war. Man muß eben doch zu Begriffen greifen, die heute den Menschen wenig geläufig sind, wenn man so etwas auseinandersetzen will.

[ 37 ] Wenn man Geschichtsbücher liest, welche die Zeit der römischen Republik bis zur Kaiserzeit darstellen, da hat man so das Gefühl, daß die Geschichtsschreiber heute so schreiben, als wenn sie die Art, wie die römischen Konsuln und römischen Tribunen wirkten, ungefähr so sich dächten, wie das Wirken eines Präsidenten einer modernen Republik. Viel Unterschied herrscht ja nicht, wenn Niebuhr oder Mommsen über die römische Republik oder wenn sie über eine moderne Republik sprechen, weil man heute alles durch die Brille dessen sieht, was man eben unmittelbar in seiner eigenen Umgebung hat. Man kann sich nicht vorstellen, dafß dasjenige, was ein Mensch in weiter zurückliegenden Zeiten empfand und dachte, auch empfand gegenüber dem öffentlichen Leben, etwas ganz anderes war, als was der heutige Mensch empfindet. Es war aber etwas radikal anderes, und man versteht die römische republikanische Zeit wirklich nicht, wenn man sich nicht einen gewissen Begriff verschafft, der lebendig war in der Auffassung des alten republikanischen Römers, den er herübergenommen hat aus der Zeit, die man als die römische Königszeit bezeichnet.

[ 38 ] Die alten Könige, von Romulus bis Tarquinius Superbus, die waren für den alten Römer wirklich Wesenheiten, die innig zusammenhingen mit dem Göttlichen, mit der göttlich-geistigen Weltregierung. Und nicht anders konnte der alte Römer der Königszeit die Bedeutung seines Königs begreifen als dadurch, daß er sich vorstellen konnte: bei jedem Geschehen liegt etwas Ähnliches vor wie bei Numa Pompilius, dem römischen König, der zur Nymphe FEgeria ging, um zu wissen, was er zu tun habe. Von den Göttern, respektive aus dem Geisterlande empfing man die Inspirationen für das, was man auf der Erde zu tun hatte. Das war ein lebendiges Bewußtsein. Die Könige waren die Brücke zwischen dem, was auf der Erde geschah, und dem, was die Götter aus der geistigen Welt heraus mit der Erde wollten.

[ 39 ] So war auf das öffentliche Leben ausgedehnt dasjenige, was ein Gefühl in der alten Weltanschauung überhaupt war: das, was der Mensch in der Welt wirkt, hängt zusammen mit dem, was aus dem Kosmos herein ihn gestaltet, so daß fortwährend Einströmungen aus dem Kosmos geschehen. Man machte nicht Halt bei der Menschheitsregierung. So wie man, wenn man Plato war, sich sagte: Was der Mensch wissen kann, existiert nicht dadurch, daß er es in seiner Seele ausziseliert als Begriffe, sondern dadurch, daß er es als Ausfluß der göttlichen Wesenheiten bekommt. — So sagte man sich auch im alten Rom nicht, ein Mensch regiert die anderen Menschen, sondern man sagte: Die Götter regieren den Menschen, und derjenige, welcher da äußerlich in Menschengestalt regiert, der ist nur das Gefäß, in das die Impulse der Götter hineinfließen. — Das war aber noch übergegangen bis in die Zeiten der römischen Republik auf die Konsul-Würde. Die Konsul-Würde ist in der alten Zeit nicht etwa jenes, ich möchte sagen, bürgerliche Element, als das sich etwa eine heutige Staatsregierung immer mehr oder weniger bildet, sondern der Römer hatte wirklich den Gedanken, das Gefühl, die lebendige Empfindung: Der kann nur Konsul sein, der noch den Sinn offen hat für das, was die Götter in die Menschheitsentwickelung hineinfließen lassen wollen.

[ 40 ] Daß man das immer weniger glauben konnte, als die Republik vorschritt und als die großen Diskrepanzen und Streitigkeiten in der Republik kamen, das führte gerade dazu, daß die römische Republik nicht weiter bestehen konnte. Es war das etwa so: Man dachte sich, wenn die Republik eine Bedeutung in der. Welt haben soll, so müssen die Konsuln gewissermaßen doch göttlich inspirierte Menschen sein; sie müssen das heruntertragen, was von den Göttern kommt.

[ 41 ] Wenn man sich aber die späteren Konsuln der Republik ansah, so konnte man sich sagen: Die Kerle sind nicht mehr die richtigen Werkzeuge für die Götter. — Damit hängt aber auch zusammen, daß? man nicht mehr so fühlen, lebendig fühlen konnte für die Berechtigung der Republik. Nun lag natürlich die Entwickelung eines solchen Gefühls hinter dem offenbaren Bewußtsein der Menschen. Das lag sehr stark im Unterbewußten und war im Bewußtsein nur bei den sogenannten Eingeweihten. Die Eingeweihten wußten in diesen Dingen völlig Bescheid. Wer daher auch in der späteren römischen Republik meinetwillen noch ein gewöhnlicher, materialistisch denkender Durchschnittsbürger war, der sagte: Na, der Konsul, der gefällt mir nicht, der ist gewiß kein göttliches Instrument! — Der Eingeweihte würde das nie zugegeben haben, er würde gesagt haben: Er ist trotzdem ein göttliches Instrument; nur mit der fortschreitenden Entwickelung kann die göttliche Inspiration immer weniger in die Menschheit hinein. Die menschliche Entwickelung nimmt eine solche Gestalt an, daß immer weniger das Göttliche hereinkommen kann.

[ 42 ] Und so kam es, daß, als ein Eingeweihter, ein wirklich Eingeweihter auftrat, der das alles durchschaute, er sich sagen mußte: So können wir es nicht mehr weiter machen! Wir müssen jetzt an ein anderes göttliches Element appellieren, das mehr den Menschen entzogen ist. — So, wie sich die Menschen äußerlich, moralisch und so weiter entwickelt hatten, so konnte man denen, die Konsuln wurden, nicht mehr zutrauen, daß nun wirklich da, wo der Mensch sich durch seine eigene Entwickelung entgegenstellt dem Göttlichen, das Göttliche noch hereinkam. Daher kam man dazu, gleichsam das Hereinströmen des Göttlichen herabzudrücken auf ein Gebiet, das mehr den Menschen entzogen war. Das sah Augustus, der bis zu einem gewissen Grade ein in diese Geheimnisse Eingeweihter war, wohl ein. Daher war es sein Bestreben, die göttliche Weltregierung zu entziehen dem, was die Menschen bisher hatten, und zurückzugehen auf das, wo die Götter noch unbewußster wirken, also darauf hinzuarbeiten, daß bei der Erteilung der Konsul-Würde das Erblichkeitsprinzip in Betracht gezogen würde. Er war bestrebt, die Konsuln nicht mehr so zu wählen, wie sie bis dahin gewählt wurden, sondern so, daß die Würde durch das Blut weitergepflanzt werde, so daß dadurch die Fähigkeit weitergepflanzt werde, im öffentlichen Leben das zum Ausdruck zu bringen, was die Götter wollen. Man drückte auf eine unter der Schwelle des Bewußtseins liegende Stufe herab den Fortgang des Göttlichen im Menschen, weil man sah, daß die Menschen auf einer Stufe angekommen waren, wo sie das Göttliche nicht mehr entgegennehmen konnten.

[ 43 ] Sie kommen nur dann zu einem wirklichen Verständnis dieser außerordentlich merkwürdigen Gestalt des Augustus, wenn Sie überall voraussetzen, daß er diese Dinge voll gewußt hat und aus vollem Bewußtsein heraus, unter dem Einfluß der dazumal namentlich athenischen Eingeweihten, die zu ihm gekommen sind, alle die Dinge getan hat, die uns von ihm berichtet werden. Seine Grenze lag nur darinnen, daß er kein Verständnis gewinnen konnte für das Mysterium von Golgatha, daß er nur sah, wie die Menschen herunterkommen in die Materie, und daher nur einen Sinn haben konnte für das Versenken des Göttlichen im Materiellen des Blutes. Kein Verständnis hatte er dafür, daß etwas ganz Neues nun aufging in dem Mysterium von Golgatha. Er war ein in hohem Sinne Eingeweihter in die alten Mysterien, aber er hatte kein Verständnis für das, was sich jetzt in dem Menschengeschlecht als Neues heraufentwickelte.

[ 44 ] Nun ist es aber so, daß dasjenige, was Augustus vollbracht hat, gewissermaßen ein Unmögliches ist. Es kann sich in der irdischen Entwickelung, ohne daß die irdische Entwickelung ins Luziferische verfällt, das Göttliche nicht in der reinen Materie des Blutes versenken. Die Menschen würden sich nicht entwickeln können, wenn sie sich nur entwickeln würden, wie das Blut es will, also von Generation zu Generation das, was vorher schon da war. Damit aber, daß diese Tatsache sich vollzog, ist etwas unendlich Bedeutungsvolles verbunden. Sie müssen sich nun denken, daß in den alten Zeiten, wo die alten Mysterien gewirkt haben, man in diesen alten Mysterien immerhin ein ungeheuer stark wirkendes spirituelles Element hatte, wenn uns das auch heute nicht mehr in derselben Weise bedeutsam sein kann. Man wußte doch von den geistigen Welten. Sie kamen doch substantiell herein in das Menschengemüt, diese geistigen Welten. Und auf der anderen Seite hörte man auf in der Zeit des Augustus, etwas zu wissen von dem spirituellen Elemente der Welt; man hörte auf, etwas davon zu wissen, infolge der notwendigen menschlichen Entwickelung.

[ 45 ] Es bestand gerade die Augustus-Einweihung darin, daß er wußte: die Menschen werden nun immer weniger geeignet sein, in der alten Weise ein spirituelles Element aufzunehmen. Es hat etwas ungeheuer Tragisches an sich, was sich da verbreitet um die Person des Augustus. Es waren in dieser Zeit die alten Mysterien noch da; aber es entstand immer mehr das Gefühl: da ist irgend etwas nicht richtig in diesen alten Mysterien. Dasjenige, was man aufnahm in diesen alten Mysterien, war ein unendlich Bedeutsames, ein großartiges, spirituelles Wissen und Erkennen. Aber man fühlte auch: ein unendlich Bedeutsames kommt heran. — Wir wissen, es ist die Strömung des Mysteriums von Golgatha, das man mit dem alten Mysterienwissen nicht begreifen kann, worauf dieses alte Mysterienwissen nicht paßte. Was aber durch das Mysterium von Golgatha selber den Menschen bewußt werden konnte, war noch sehr weniges. Wir sind ja heute mit unserer Geisteswissenschaft im Grunde genommen selbst auch erst am Anfange, dasjenige zu verstehen, was mit dem Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwickelung eingeflossen ist.

[ 46 ] Da war also etwas, was wie ein Abbrechen ist mit dem alten Elemente, woraus man verstehen kann, daß es Menschen gegeben hat, die sich immer wieder und wieder gesagt haben: Mit dem, was uns da kommt von dem Mysterium von Golgatha, kann man nichts anfangen. Das waren gerade Menschen, die auf einer gewissen geistigen Höhe im alten Sinne, im Sinne der vorchristlichen, der Vor-Golgatha-Zeit standen. Gerade diese sagten sich: Ja, da wird uns erzählt von einem Christus, der gewisse Lehren verbreitet hat. — Das Tiefere in diesen Lehren fühlten sie noch nicht; aber das, was sie davon hörten, war ihnen wie aufgewärmte alte Weisheiten. Es wurde ihnen erzählt, daß da Einer verurteilt worden war, am Kreuze gestorben sei, der das und das gelehrt habe. Das alles konnten sie nicht verstehen. Das kam ihnen dann alles recht gewöhnlich vor, oder wie Lug und Trug. Dagegen kam ihnen die alte Weisheit, die ihnen überliefert worden war, ungeheuer großartig und glänzend vor. Aus dieser Stimmung heraus ist Julian der Abtrünnige, Julian Apostata zu verstehen; seine ganze Stimmung ist in dieser Weise zu verstehen.

[ 47 ] Aber immer mehr und mehr kamen auch solche Persönlichkeiten herauf, die sich sagten: Das, was die alte Weisheit gibt, was sie über den Kosmos auseinandersetzt, ist nicht zu vereinigen mit dem, was, wie aus einem neuen Zentrum heraus, aufblüht durch das Mysterium von Golgatha. — Eine solche Persönlichkeit, die so empfand, war im 6. Jahrhundert der oströmische Kaiser Justinian, und die Taten des Justinian — er herrschte vom Jahre 527 bis zum Jahre 565 — sind gerade unter diesem Gesichtspunkte zu begreifen. Man muß ihn so auffassen, daß er durch die ganze Art, wie er in seine Zeit hineingewachsen war, empfand, daß etwas Neues in der Welt war. Daneben kam in diese neue Welt herein das, was überliefert war aus der alten Zeit. Nehmen wir nur drei Dinge, die überliefert waren aus der alten Zeit.

[ 48 ] Es war ja längst, fünf bis sechs Jahrhunderte, Rom von Kaisern beherrscht gewesen. Aber es hatte fortbestanden wie ein Schatten der alten Zeit in Rom eigentlich immer die Konsulnwürde; die Konsuln waren noch immer gewählt worden. Wenn man nun mit den Augen des Justinian diese Wahlen der Konsuln anschaute, so sah man darin etwas, was keinen Sinn mehr hatte, was wohl einen Sinn gehabt hatte zur Zeit der römischen Republik, was aber jetzt ganz ohne Sinn war. Daher schaffte er die Konsulnwürde ab. Das war das erste.

[ 49 ] Das zweite war, daß die athenischen, die griechischen Schulen noch immer vorhanden waren. In diesen lehrte man die alte Mysterienweisheit, die enthielt ein viel höheres Weisheitsgut als dasjenige war, zu dem man jetzt gekommen war unter dem Einfluß des Mysteriums von Golgatha. Aber diese alte Mysterienweisheit enthielt nichts über das Mysterium von Golgatha. Daher schloß Justinian die alten griechischen Philosophenschulen.

[ 50 ] Origenes, der Kirchenlehrer, war ebenso in dem bewandert, was mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhing, wie er auch noch darinnen stand in der alten Weisheit, wenn auch nicht als stark Eingeweihter, so doch in hohem Maße als Wissender. Er hatte amalgamiert in seinem Weltbilde das Christus-Ereignis mit dem Weltbilde der alten Weisheit; er suchte durch sie auch dieses Christus-Ereignis zu begreifen. Das ist gerade das Interessante an der Weltanschauung des Origenes, daß er einer derjenigen war, die am meisten im Sinne der alten Mysterienweisheit das Mysterium von Golgatha zu begreifen suchten. Und Justinian hat viel dazu beigetragen, daß gerade Origenes verdammt worden ist von der katholischen Kirche. Das war die dritte Tat.

[ 51 ] Augustus war die erste Etappe (Zeichnung Seite 201, Strich), Justinian war die zweite Etappe in diesem Sinne. So scheidet von der alten Zeit sich die neuere Zeit, die, insofern das Abendland in Betracht kommt, kein Verständnis mehr hatte für die Mysterienweisheit, die ja in den griechischen Philosophenschulen noch immer fortgelebt hatte. Diese neuere Zeit mußte sich nach und nach immer weiter hineinarbeiten in ein Aufblühenmachen derjenigen Menschheitsströmung, die von dem Mysterium von Golgatha ausging. So kam es, daß der neueren Menschheit, eben mit dem Verdammen des Origenes, mit dem Schließen der griechischen Philosophenschulen wirklich Unendliches verlorengegangen ist an altem spirituellem Weisheitsgut. Die weiteren Jahrhunderte des Mittelalters haben ja dann zum größten Teile gearbeitet mit Aristoteles, der aus dem menschlichen Verstande heraus versuchte das alte Weisheitsgut umzugießen. Plato hat es noch genommen aus den alten Mysterien. Aristoteles — er ist gewiß unendlich viel tiefer als heutige Philosophen — hat seine Weisheit nicht als Mysteriengut betrachtet, sondern er wollte sie begreifen mit dem menschlichen Verstande. Es war also ein Zurückstoßen der alten Mysterienweisheit, was man damals in besonderem Maße pflegte.

[ 52 ] Alles das hängt zusammen damit, daß sich in der neueren Zeit eben dieser Zustand herausgebildet hat, den ich, im Eingange des heutigen Vortrages geschildert habe. Würden die griechischen Philosophenschulen nicht geschlossen worden sein — solch einen Satz spricht man aus, aber selbstverständlich empfindet man es trotzdem als eine Notwendigkeit, daß die griechischen Philosophenschulen geschlossen worden sind; das ist kein Tadel, sondern hängt zusammen mit der charakterisierten Entwickelung —, würden diese griechischen Philosophenschulen nicht geschlossen worden sein, so würden wir den lebendigen Plato bekommen haben, nicht jenen toten Platonismus der neueren Zeit, den dann die Renaissance heraufgebracht hat, und der ein greuliches Mißverständnis des wirklichen lebendigen Plato ist. Obwohl dieser mißverstandene Plato noch etwas recht Schönes ist, etwas recht Großes ist, ist er dennoch ein schauerliches Mißverständnis des alten lebendigen Plato. Und wenn man in der Renaissancezeit geglaubt hat, etwas vom Plato wirklich zu besitzen, so bewies man damit nur, daß man eben gar keine Empfindung hatte für das, was der alte Plato in sich hatte, und daß man sich so begnügte mit jenem verstrohten Elemente, das die Renaissancezeit aus dem Plato herübergenommen hat.

[ 53 ] Heute begnügt man sich mit noch viel weniger aus dem Platonismus. Da sehen wir ein gewisses Wegführen unserer Gedanken- und Vorstellungswelt von dem eigenen Inneren; und dadurch entstand dieses Gefühl, das ich im Eingange des Vortrages charakterisiert habe: daß man bei den Gedanken das Gefühl hat, sie bilden eigentlich nur äußere Gegenstände ab, wirken nicht im Innern. Dies schreibt sich in gewissem Sinne erst davon her, daß man das alte Gefühl vom Erhalten des lebendigen Lebens und Webens der Gedanken im Menschen, mit dem Schließen der Philosophenschulen durch Justinian, weggetrieben hat.

[ 54 ] Das ist das eine, warum es schwierig ist, verstanden zu werden, wenn man von Geisteswissenschaft heute spricht: Die europäische Menschheit hat keine richtige Stellung mehr zu ihren Gedanken.

[ 55 ] Ein anderes aber ist nun in der Menschenseele die Gefühlswelt und die Willenswelt. Das Vorstellungsmäßige und das GedankenmäRige ist auf der einen Seite da; das Gefühls- und das Willensmäßige auf der anderen Seite. Über dieses Gefühls- und Willensmäßige ist dann nur noch schwieriger zu sprechen. Die Gedanken sieht der Mensch an als etwas, was von da draußen etwas abbildet. Wie das lebendig mit ihm zusammenhängt, dafür hat der moderne Mensch kein richtiges Gefühl mehr. Die Gefühlswelt und die Willenswelt sieht der Mensch heute, der abendländische Mensch besonders, so etwa an, als ob sie ganz allein nur in seiner Seele wirkte, als ob sie ganz darinnen wäre. Es ist mit der Gefühlswelt das Entgegengesetzte gegenüber der Gedankenwelt: der Gedankenwelt wird man mehr sich so bewußt, als ob sie abbilden sollte ein Äußeres; bei der Gefühlswelt hat man gar nicht mehr die Empfindung, daß man mit ihr in dem darinnen steht, worin man wirklich stehen könnte, wenn man das Reale, das Seiende der Gefühlswelt erfaßte. Nämlich in dieser Gefühlswelt lebt auch der Kosmos. Und während man als Mensch der europäischen Welt vergessen hat, daß die Gedankenwelt im Innern wirkt, hat man bei der Gefühlswelt vergessen, daß das, was man fühlt und will, auch draußen ist. Beim Gedanken hat man das Innere verloren; bei der Gefühlswelt hat man das Äußere verloren. Man merkt keinen Zusammenhang mehr zwischen dem Gefühle und dem, was sich im Kosmos ausbreitet.

[ 56 ] Das ist dadurch geworden, daß wiederum gewisse Geister, jetzt aus der Hierarchie der Archangeloi, schon früher nicht mitmachen wollten die Abtrennung des Mondes; sie blieben bei der fortlaufenden Sonnenentwickelung. Gewisse Erzengelwesenheiten, die während der Sonnenentwickelung es bis zur Menschheitsstufe gebracht hatten, wollten nun bei der Mondentwickelung die Abspaltung des Mondes von der Sonne nicht mitmachen: sie blieben bei der Sonne, sie gingen nicht hinaus mit dem Monde. Dadurch sind diese Geister in luziferische Entwickelungsbahnen hineingelangt. Die leben jetzt in unseren Gefühlen und machen, daß wir nicht heraus wollen aus uns; die wollen in uns bleiben, sie wollen nicht heraus aus unseren Gefühlen.

[ 57 ] Den Punkt, den ich jetzt hiermit angedeutet habe, behalten wir bis morgen im Auge. Was wir heute gesagt haben, haben wir gesagt über die Tatsache, daß wir keine richtige Stellung finden können gegenüber der Gedankenwelt. Morgen werden wir zeigen, wie wir keine richtige Stellung finden können gegenüber der Gefühlswelt, und wie sich dann das Mysterium von Golgatha gerade zu dieser Gefühlswelt verhält, und welches wiederum unsere Aufgaben sind in bezug auf diese Gefühlswelt, wie wir sie haben: daß wir streben müssen nach einem Musikalischwerden unserer Weltanschauung durch die rechtmäßige Erfassung dessen, was unser Gedankenleben ist.