Artistic and Existential Questions
in the Light of Spiritual Science
GA 162
31 July 1915, Dornach
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Artistic and Existential Questions, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Es ist in der Tat schwer in unserer Zeit, richtig verstanden zu werden, wenn man aus den Quellen desjenigen heraus spricht, was wir in unserem Zusammenhange Geisteswissenschaft nennen.
[ 1 ] It is indeed difficult in our time to be truly understood when one speaks from the sources of what we call Spiritual Science in our context.
[ 2 ] Weniger habe ich heute zunächst im Auge die Schwierigkeit des Verstandenwerdens bei den Einzelnen, denen wir im Leben begegnen, als vielmehr bei den Kulturen, bei den verschiedenen Weltanschauungs-Gedanken- und Gefühlsstrrömungen, denen wir in der heutigen Zeit gegenüberstehen.
[ 2 ] Today, I am less concerned with the difficulty of being understood by the individuals we encounter in life than with the cultures and the various worldviews, schools of thought, and currents of feeling we face in the present day.
[ 3 ] Wenn wir das europäische Leben betrachten, so finden wir zunächst innerhalb desselben eine große Schwierigkeit dadurch erwachsen, daß dieses europäische Leben in dem Augenblicke, wo es aufrückt von dem bloßen Wahrnehmen durch die Sinne zum Denken über die Wahrnehmungen — und dieses Aufrücken muß ja jeder für sich in jedem Augenblicke des wachen Lebens besorgen —, daß, sage ich, dieses europäische Leben in seinem Gedankeninhalt selber im Grunde nicht fühlt, wie innig der Gedankeninhalt zusammenhängt mit demjenigen, was wir als Menschen sind.
[ 3 ] When we consider European life, we find, first of all, that a great difficulty arises within it from the fact that, at the very moment when this European life advances from mere sensory perception to thinking about those perceptions — and this transition, after all, must be accomplished by each individual at every moment of waking life — that, I say, this European way of life, in the very content of its thoughts, fundamentally fails to sense how intimately that content is connected to what we are as human beings.
[ 4 ] Man denkt, man stellt vor, und man hat das Bewußtsein, daß man durch die Gedanken, die man sich bildet, durch die Vorstellungen, die man erlebt, etwas erfährt von der Welt, daß man gewissermaßen etwas wissen lernt von der Welt, daß eben die Vorstellungen etwas abbilden von der Welt. Dieses Bewußtsein hat man. Jeder, der über die Straße geht, hat ja das Gefühl, daß ihm dadurch, daß er die Bäume und so weiter anschaut, Vorstellungen aufleben, und daß diese Vorstellungen innere Repräsentanten sind desjenigen, was er wahrnimmt, daß er also durch die Vorstellungen gewissermaßen die Welt der äußeren Wahrnehmungen in sich aufnimmt und sie dann weiterlebt, diese Wahrnehmungen.
[ 4 ] One thinks, one imagines, and one is aware that through the thoughts one forms, through the mental images one experiences, one learns something about the world—that, in a sense, one comes to know something about the world—that these mental images, in fact, reflect something of the world. One has this awareness. Anyone walking down the street has the feeling that, by looking at the trees and so on, mental images come to life within them, and that these images are inner representations of what they perceive—that, in a sense, through these images they take in the world of external perceptions and then continue to live out these perceptions.
[ 5 ] Daß daneben der Gedanke, das Denken überhaupt noch etwas Wesentliches ist in unserem inneren Selbst, in unserem inneren Selbst als Menschen, daß wir etwas tun, indem wir denken, daß das eine innere Tätigkeit ist, dieses Denken, eine innere Arbeit, das bringt man sich in den seltensten Fällen, man kann schon sagen, eigentlich gar nicht innerhalb der europäischen Weltanschauung so recht zum Bewußtsein.
[ 5 ] Furthermore, the idea that thinking is still something essential within our inner self—within our inner self as human beings—that we are doing something when we think, that this thinking is an inner activity, an inner work—this is something that, within the European worldview, is rarely, if ever, truly brought to consciousness.
[ 6 ] Ich habe einmal hier darauf aufmerksam gemacht, daß jeder Gedanke noch etwas wesentlich anderes ist als dasjenige, als was man ihn gewöhnlich anerkennt. Man erkennt ihn an als ein Abbild von etwas äußerlich Wahrnehmbarem. Aber man erkennt ihn nicht an als Formbildner, als Gestalter. Jeder Gedanke, der in uns auftaucht, ergreift gewissermaßen unser inneres Leben und hat Teil zunächst, so lange wir wachsen, an unserem ganzen Aufbauen als Menschen. Er hatte schon Anteil an unserem Aufbau, bevor wir überhaupt geboren worden sind, und gehört zu den bildenden Kräften unserer Natur. Er arbeitet immer weiter und er stellt immer wieder und wieder das her, was abstirbt in uns. Also es ist nicht nur so, daß wir außerhalb unsere Vorstellungen wahrnehmen, sondern wir arbeiten immer als denkende Wesen, wir arbeiten durch das, was wir vorstellen, immerfort neu an unserer Gestaltung und Bildung.
[ 6 ] I once pointed out here that every thought is, in fact, something fundamentally different from what it is commonly recognized as. It is recognized as a reflection of something perceptible externally. But it is not recognized as a shaper of form, as a creator. Every thought that arises within us, in a sense, takes hold of our inner life and, as long as we are growing, plays a part in our entire development as human beings. It was already involved in our development before we were even born, and it belongs to the formative forces of our nature. It continues to work, and it constantly recreates what dies within us. So it is not merely that we perceive our mental images from the outside; rather, as thinking beings, we are constantly working—through what we imagine—to continually reshape and form ourselves anew.
[ 7 ] Geisteswissenschaftlich angesehen erscheint jeder Gedanke so ähnlich wie ein Kopf mit etwas wie einer Fortsetzung nach unten, so daß wir mit jedem Gedanken eigentlich in uns einschachteln etwas wie. ein Schattenbild von uns selber; nicht ganz ähnlich mit uns, aber so ähnlich wie ein Schattenbild. Dieses Schattenbild von uns selber muß in uns hineingeschachtelt werden, denn es geht fortwährend von uns etwas verloren, etwas zugrunde; es bröckelt ab in Wirklichkeit. Und das, was so da der Gedanke in uns als Menschengestalt hineinschachtelt, das erhält uns überhaupt bis zu unserem Tode hin. Also der Gedanke ist zugleich eine richtige innere Tätigkeit, ein Bauen an uns selber.
[ 7 ] From a perspective of Spiritual Science, every thought appears much like a head with something like an extension pointing downward, so that with every thought we actually enclose within ourselves something like a shadow image of ourselves; not entirely like us, but as similar as a shadow image. This shadow image of ourselves must be embedded within us, for something is constantly being lost from us, something is perishing; it is, in fact, crumbling away. And what the thought embeds within us in the form of a human figure is what sustains us at all until our death. Thus, the thought is at the same time a genuine inner activity, a process of building ourselves up.
[ 8 ] Diese letztere Erkenntnis hat man innerhalb der abendländischen Weltanschauung fast gar nicht. Man verspürt nicht, man fühlt nicht in seinem Gemüte, wie einen der Gedanke ergreift, wie er sich wirklich in uns ausbreitet. Ein Mensch, der atmet, fühlt noch ab und zu, obwohl er meist jetzt auch darauf nicht mehr achtet, daß der Atem sich in ihm ausbreitet, daß der Atem etwas zu tun hat mit seinem Wiederaufbau, mit seiner Regeneration. So ist es auch mit dem Gedanken. Aber da fühlt es der europäische Mensch schon kaum mehr, daß der Gedanke eigentlich bestrebt ist, fortwährend Mensch zu werden oder, besser gesagt, Menschengestalt zu bilden.
[ 8 ] This latter insight is almost entirely absent from the Western worldview. One does not sense, one does not feel in one’s heart how a thought takes hold of one, how it truly spreads within us. A person who breathes still feels, from time to time—although for the most part they no longer pay attention to it—that the breath spreads within them, that the breath has something to do with their renewal, with their regeneration. So it is with thought as well. But the European hardly feels anymore that thought is actually striving to continually become human, or, to put it better, to take on human form.
[ 9 ] Ohne dies Erfühlen von solchen Kräften, die in uns sind, kommen wir aber kaum dazu, wirklich ein richtiges Verständnis, ein inneres Gefühls- und Lebensverständnis dessen zu gewinnen, was die Geisteswissenschaft will. Denn sie arbeitet eigentlich gar nicht in dem, was der Gedanke uns liefert, indem er ein Äußeres abbildet, sondern sie arbeitet in diesem Lebenselemente des Gedankens, in diesem fortwährenden Gestalten des Gedankens.
[ 9 ] Without this sense of the forces that lie within us, however, we can hardly hope to gain a true understanding—an inner, emotional, and vital understanding—of what Spiritual Science seeks. For it does not actually work with what thought provides us—by representing an external reality—but rather it works with this life element of thought, with this continuous shaping of thought.
[ 10 ] Es war schon seit Jahrhunderten deshalb, weil der europäischen Menschheit dieses zuletzt charakterisierte Bewußtsein immer mehr abhanden kam, recht schwierig, von Geisteswissenschaft zu sprechen, respektive verstanden zu werden, wenn man davon sprach. In der morgenländischen Weltanschauung ist dieses Gefühl, das ich eben ausgesprochen habe gegenüber dem Gedanken, in einem hohen Maße vorhanden. Es ist wirklich in einem hohen Maße vorhanden; mindestens ist das Bewußtsein vorhanden, daß man dieses Gefühl vom inneren Erleben des Gedankens suchen muß. Daher die Neigung der Morgenländer zum Meditieren; denn das Meditieren soll ja sein ein solches Sich-Hineinleben in die Gestaltungskräfte des Gedankens, soll werden ein Gewahrwerden des lebendigen Fühlens des Gedankens. Daß der Gedanke in uns etwas tut, sollte man gewahr werden während des Meditierens. Daher finden wir solche Aussprüche im Morgenlande wie: Im Meditieren Einswerden mit dem Brahma, mit dem Gestaltenden der Welt. Dieses Bewußtsein, daß man mit dem Gedanken, wenn man sich recht in ihn einlebt, nicht nur etwas in sich hat, nicht nur selber denkt, sondern sich einlebt in die Gestaltungskräfte der Welt, das wird in der morgenländischen Weltanschauung gesucht. Aber es ist erstarrt, erstarrt aus dem Grunde, weil die morgenländische Weltanschauung es versäumt hat, sich ein Verständnis anzueignen für das Mysterium von Golgatha.
[ 10 ] For centuries now, precisely because European humanity has increasingly lost this consciousness—which I just described—it has been quite difficult to speak of Spiritual Science, or to be understood when speaking of it. In the Eastern worldview, this feeling I have just expressed toward thought is present to a high degree. It is indeed present to a high degree; at the very least, there is an awareness that one must seek this feeling through the inner experience of thought. Hence the tendency of people in the East toward meditation; for meditation is meant to be a kind of immersion into the formative powers of thought, a becoming aware of the living feeling of thought. One should become aware during meditation that thought is at work within us. This is why we find sayings in the East such as: “In meditation, become one with Brahma, with the Shaper of the world.” This awareness—that when one truly immerses oneself in thought, one does not merely have something within oneself, nor does one merely think for oneself, but rather immerses oneself in the formative forces of the world—is what is sought in the Eastern worldview. But it has become rigid—rigid because the Eastern worldview has failed to acquire an understanding of the Mystery of Golgotha.
[ 11 ] Zwar ist die morgenländische Weltanschauung — und davon werden wir noch sprechen — in hohem Grade geneigt, sich hineinzuleben in die Gestaltungskräfte des Gedankenlebens, aber sie lebt sich doch dabei ein in ein ersterbendes Element, sie lebt sich ein in ein Gewebe von abstrakten, unlebendigen Vorstellungen. So daß man sagen könnte: Während das richtige Einleben darinnen besteht, daß man das Leben der Gedankenwelt erlebt, lebt sich die morgenländische Weltanschauung ein in eine Nachbildung des Lebens der Gedanken. Man sollte sich so einleben in die Gedankenwelt, wie wenn man sich hineinversetzt in ein lebendiges Wesen. Aber es ist ein Unterschied zwischen einem lebendigen Wesen und dem Nachgemachten eines lebendigen Wesens, nehmen wir an, einer Nachahmung aus Papiermaché. Die morgenländische Weltanschauung lebt sich nicht in das lebendige Wesen hinein, weder Brahmanismus, noch Buddhismus, noch das Chinesentum, noch das Japanertum; sondern sie leben sich hinein in etwas, was man bezeichnen kann wie eine Nachahmung der Gedankenwelt, wie in etwas, das sich so verhält zu der lebendigen Gedankenwelt, wie der aus Papiermaché nachgemachte Organismus zum lebendigen Organismus.
[ 11 ] Although the Eastern worldview—and we will speak more about this later—is highly inclined to immerse itself in the creative forces of the life of thought, it nevertheless immerses itself in a dying element; it immerses itself in a web of abstract, lifeless mental images. So one could say: While true immersion consists in experiencing the life of the world of thought, the Eastern worldview immerses itself in a replica of the life of thought. One should immerse oneself in the world of thought as if one were placing oneself within a living being. But there is a difference between a living being and an imitation of a living being—let us say, an imitation made of papier-mâché. The Eastern worldview does not immerse itself in the living being—neither Brahmanism, nor Buddhism, nor Chinese culture, nor Japanese culture—but rather immerses itself in something that can be described as an imitation of the world of thought, as in something that relates to the living world of thought in the same way that a papier-mâché replica of an organism relates to a living organism.
[ 12 ] Das ist also das Schwierige sowohl im Abendlande auf der einen Seite, wie auf der anderen Seite im Morgenlande. Man wird im Abendlande weniger verstanden, weil man da überhaupt nicht viel Bewußtsein von diesen lebendigen Gestaltungskräften des Gedankens hat; im Morgenlande wird man nicht richtig verstanden, weil man da nicht so recht ein Bewußtsein hat von der Lebendigkeit der Gedanken, sondern nur von dem toten Nachgemachten, von dem steifen, im Abstrakten Webenden der Gedanken.
[ 12 ] This, then, is the difficulty both in the West, on the one hand, and in the East, on the other. In the West, one is less understood because there is very little awareness of these living, creative forces of thought; in the East, one is not properly understood because there is not really an awareness of the liveliness of thoughts, but only of dead imitations, of the rigid, abstract weaving of thoughts.
[ 13 ] Nun brauchen Sie sich nur klarzumachen, woher das, was ich jetzt eben auseinandergesetzt habe, eigentlich kommt. Sie erinnern sich wohl alle an die Darstellung der Mondenentwickelung, die gegeben worden ist in meinem Buche «Geheimwissenschaft». Der Mensch hat ja in seiner eigenen Entwickelung richtig mitgemacht alles das, was sich zugetragen hat als Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung, und er macht weiter zurzeit das hier mit, was sich zuträgt als Erdenentwickelung. Wenn Sie sich erinnern an die Mondentwickelung, wie sie dargestellt ist in meiner «Geheimwissenschaft», so werden Sie darauf kommen, daß damals während der Mondentwickelung stattgefunden hat das Loslösen des Mondplaneten von der Sonne. Das trat da zum ersten Male in ausgesprochener Weise auf. So daß ein solches Loslösen wirklich stattfand. Wir können also sagen: Während vorher in gewissem Sinne da war ein Ineinander-Geschachteltsein der planetarischen Welt, war bei der Loslösung des Mondes von der Sonne der vorirdischen Zeit ein Nebeneinander-Laufen, ein zeitweiliges Nebeneinander-Laufen der Mondenentwickelung und der Sonnenentwickelung da. Ein solches Losgelöstsein war da.
[ 13 ] Now you just need to realize where what I have just explained actually comes from. You all probably remember the description of the Moon’s evolution that was given in my book *Secret Science*. In the course of his own evolution, humanity has indeed actively participated in everything that took place during the Saturn, Sun, and Moon phases, and is currently continuing to participate in what is unfolding as the Earth phase. If you recall the lunar evolution as described in my *Secret Science*, you will realize that during the lunar evolution, the separation of the Moon from the Sun took place. This occurred for the first time in a distinct manner—such that a genuine separation actually took place. We can therefore say: Whereas previously, in a certain sense, there was an interlocking of the planetary worlds, the separation of the Moon from the Sun in pre-Earth times marked a period of parallel development—a temporary coexistence of the Moon’s evolution and the Sun’s evolution. Such a state of separation existed.
[ 14 ] Dieses Losgelöstsein hat, wie Sie ersehen können aus der «Geheimwissenschaft», eine große Bedeutung. Der Mensch hätte, so wie er jetzt ist, nicht entstehen können, wenn diese Loslösung nicht stattgefunden hätte. Aber auf der anderen Seite ist mit jedem solchen Vorgange das Hereinkommen einer Einseitigkeit in unsere Entwickelung innig verknüpft. Es ist so gekommen, daf gewisse Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, die also während der Mondentwickelung Menschen waren, dazumal, man könnte sagen, sich geweigert haben, sich antipathisch gezeigt haben gegen das WiederZusammengehen mit der Sonne. Der Mond trennte sich also ab, und bei dem späteren Wieder-Zusammengehen mit der Sonne haben sie sich geweigert, diesen Schritt mitzumachen, wieder zusammenzugehen mit der Sonne.
[ 14 ] As you can see from *The Secret Science*, this detachment is of great significance. Human beings, as they are today, could not have come into being if this detachment had not taken place. But on the other hand, every such process is intimately linked to the introduction of a one-sidedness into our evolution. It came to pass that certain beings from the hierarchy of the Angeloi—who were, in other words, human beings during the lunar evolution—refused, so to speak, to reunite with the Sun. The Moon thus separated, and during the later reunion with the Sun, they refused to take this step—to reunite with the Sun.
[ 15 ] Alles luziferische Zurückbleiben beruht ja auf einem solchen Nicht-Mitmachen späterer Entwickelungsphasen; und so ist ein Teil des Luziferischen darin begründet, daß solche Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, die damals Menschen waren, nicht mitmachen wollten das Wieder-Zusammengehen mit der Sonne im letzten Teile der alten Mondenzeit. Gewiß, sie mußten ja wieder herunter, aber in ihrem Gemüte, in ihrem Inneren, haben sie sich die Sehnsucht für das Mondendasein erhalten. Sie waren dann deplaciert; sie waren nicht weiter zu Hause in der eigentlichen Entwickelung, sie fühlten sich eigentlich als Mondwesen. Darin bestand ihr Zurückgeblieben. sein. Diese Art von Wesen gehörte natürlich auch zu der Schar von luziferischen Wesen, die dann in ihrer weiteren Entwickelung gewissermaßen auf unsere Erde heruntergestiegen sind. Die leben auch in uns in der Art, wie ich es in einem der letzten Vorträge angedeutet habe. Und diese sind es, welche gewissermaßen in unserm Denken des Abendlandes nicht heraufkommen lassen das Bewußtsein, daß dieses Denken ein innerlich lebendiges ist. Sie wollen es mondenhaft erhalten, abgetrennt von dem inneren Lebenselemente, das mit dem Sonnenhaften zusammenhängt; sie wollen es in der Lostrennung erhalten. Und sie wirken dahin, daß man ins Bewußtsein hineinbekommt nicht ein Gefühl: das Denken hängt mit der inneren Gestaltung zusammen —, sondern ein Gefühl, wie wenn das Denken nur mit dem Äußeren zusammenhinge, eben mit dem, was losgetrennt ist. So daß sie für das Denken ein Gefühl hervorrufen: man kann nur abbilden mit dem Denken das Äußere, man kann nicht ergreifen das innerlich Gestaltende, Lebendige, man kann nur Äußeres ergreifen. Sie verfälschen also unser Denken.
[ 15 ] All Luciferic backwardness is, after all, based on such a refusal to participate in later phases of development; and so part of the Luciferic nature stems from the fact that certain beings from the hierarchy of the Angeloi—who were human at that time—did not wish to participate in the reunion with the Sun during the final phase of the old Lunar Age. Certainly, they had to descend again, but in their hearts, in their innermost being, they retained a longing for lunar existence. They were then out of place; they no longer felt at home in the actual course of evolution; they actually felt themselves to be lunar beings. This was the nature of their backwardness. This kind of being naturally also belonged to the host of Luciferic beings who, in their further evolution, descended, so to speak, onto our Earth. They also live within us in the way I indicated in one of my recent lectures. And it is these beings who, so to speak, prevent the awareness from arising in our Western thinking that this thinking is an inwardly living one. They want to keep it lunar in nature, separated from the inner element of life connected to the solar; they want to preserve it in this state of separation. And they work to instill in our consciousness not a sense that thinking is connected to inner formation, but rather a sense as if thinking were connected only to the external—precisely to that which is separated. Thus they evoke a feeling regarding thinking: one can only represent the external world through thinking; one cannot grasp the inner, formative, living reality; one can only grasp the external. They therefore distort our thinking.
[ 16 ] Das war eben das Karma der abendländischen Menschheit, gerade Bekanntschaft zu machen mit diesen Geistern, die in dieser Form das Denken verfälschen, das Denken verändern, veräußerlichen, die bestrebt sind, ihm den Stempel aufzudrücken, als ob es nur dienen könnte, das Äußere abzubilden und nicht das innerlich Lebendige zu erfassen. Dem Karma der morgenländischen Bevölkerung war es beschieden, verschont zu bleiben von dieser Art luziferischer Elemente. Daher blieb ihr mehr das Bewußtsein, im Denken das innerlich Formende, Gestaltende des Menschen zu suchen, das ihn im Inneren Vereinigende mit der lebendigen Gedankenwelt des Universums. Den Griechen war es auferlegt, den Übergang zu bilden zwischen dem einen und dem anderen.
[ 16 ] It was precisely the karma of Western humanity to encounter these spirits, which in this form distort thought, alter it, and externalize it—spirits that strive to impose their stamp upon it, as if thought could serve only to reflect the external and not to grasp the inner life. It was the karma of the Eastern peoples to be spared from this kind of Luciferic element. Consequently, they retained a greater awareness of seeking, in their thinking, that which inwardly shapes and forms the human being—that which unites him inwardly with the living world of thought of the universe. It was incumbent upon the Greeks to form the transition between the one and the other.
[ 17 ] Die Morgenländer haben, weil sie mit jenem luziferischen Elemente, das ich eben charakterisiert habe, wenig Bekanntschaft geschlossen haben, keine rechte Ahnung davon, daß man auch in Zusammenhang kommen kann mit dem Lebendigen des Denkens über das Äußere. Es ist bei ihnen immer wie aus Papiermaché dasjenige, mit dem sie da zusammenkommen; sie haben wenig Verständnis, das Denken auf das Äußere anzuwenden. Es muß schon Luzifer mitwirken in der Tätigkeit, die ich Ihnen eben charakterisiert habe, damit der Mensch die Neigung bekommt, auch über die äußere Welt nachzudenken. Dann ist es aber gleich so wie beim Pendelausschlag, der nach der einen Seite hingeht: er versteift sich auf diese Tätigkeit nach dem Äußeren. Das ist überhaupt die Eigentümlichkeit alles Lebens: daß es einmal nach der einen und einmal nach der anderen Seite ausschlägt. Ausschlagen muß sein, aber man muß wieder den Rückweg finden von dem einen zum anderen, von dem Morgenländischen zu dem Abendländischen. Die Griechen sollten finden den Übergang von dem Morgenländischen zu dem Abendländischen. Das Morgenländische würde ganz in steife Abstraktionen verfallen sein — ist es ja auch zum Teil —, die sogar von manchen Menschen geliebt werden, wenn das Griechentum nicht eingegriffen hätte in die Welt. Wenn wir rein auf dem aufbauen, was wir jetzt betrachtet haben, so werden wir im Griechentum die Tendenz finden, innerlich gestalthaft, lebendig zu machen den Gedanken.
[ 17 ] Because people in the East have had little contact with that Luciferic element I have just described, they have no real sense that one can also come into contact with the living aspect of thinking about the external world. For them, whatever they encounter there is always like papier-mâché; they have little understanding of how to apply thinking to the external world. Lucifer must be at work in the activity I have just described to you for a person to develop the inclination to think about the external world as well. But then it is just like the swing of a pendulum that goes to one side: they become fixated on this activity directed toward the external world. This is, in fact, the peculiarity of all life: that it swings first in one direction and then in the other. Such swings are inevitable, but one must find the way back from one to the other, from the Eastern to the Western. The Greeks were to find the transition from the Eastern to the Western. The Eastern way of thinking would have fallen entirely into rigid abstractions—as it indeed has to some extent—which are even cherished by some people, had Greek civilization not intervened in the world. If we build purely upon what we have just considered, we will find in Greek civilization the tendency to give inner form and life to thought.
[ 18 ] Nun, verfolgen Sie sowohl die griechische Literatur wie die griechische Kunst, so werden Sie überall finden, wie der Grieche danach strebt, aus seinem inneren Erleben die menschlichen Formen herauszubringen, sowohl in der Plastik wie in der Dichtung, Ja sogar in der Philosophie. Wenn Sie sich bekanntmachen mit der Art und Weise, wie noch Plato versuchte, nicht eine abstrakte Philosophie zu begründen, sondern Menschen hinzustellen, die miteinander sprechen, die ihre Ansichten austauschen, so daß eben nicht eine Weltanschauung dasteht bei Plato — wir haben ja bei ihm nur Gespräche —, sondern Menschen, die sich aussprechen, die Gedanken äußern, in denen der Gedanke menschlich wirkt, so werden Sie das bestätigt finden. Also wir haben es bis in die Philosophie hinein so, daß der Gedanke sich nicht abstrakt ausspricht, sondern sich verkleidet gleichsam in dem ihn vertretenden Menschen.
[ 18 ] Well, if you study both Greek literature and Greek art, you will find everywhere how the Greeks strove to bring human forms to life from their inner experiences—in sculpture as well as in poetry, and indeed even in philosophy. If you familiarize yourself with the way in which even Plato sought not to establish an abstract philosophy, but rather to portray people who speak with one another, who exchange their views—so that what we find in Plato is not a worldview — after all, we have only dialogues in his works — but rather people who speak their minds, who express thoughts in which the thought itself appears human; you will find this confirmed. Thus, even in philosophy, we see that thought does not express itself abstractly, but rather, as it were, disguises itself in the human being who represents it.
[ 19 ] Wenn man so Sokrates sprechen sieht, kann man nicht von Sokrates auf der einen Seite und von sokratischer Weltanschauung auf der anderen Seite sprechen. Das ist Eins, eine Einheit. Man könnte sich in Griechenland nicht denken, daß, meinetwillen wie ein moderner Philosoph, einer in Griechenland aufgetreten wäre, der eine abstrakte Philosophie begründet hätte, der sich hinstellt vor die Menschen und sagt: Das ist nun die richtige Philosophie. — Das wäre unmöglich, das wäre nur bei einem modernen Philosophen möglich, denn dies ruht ja im Geheimen bei jedem modernen Philosophen. Der Grieche Plato aber, der stellt den Sokrates hin als die verkörperte Weltanschauung, und man muß sich denken, daß die Gedanken von Sokrates nicht so ausgesprochen werden wollen, als ob man bloß die Welt erkennt, sondern daß sie in Gestalt des Sokrates herumgehen und sich so zu den Menschen verhalten, wie er sich eben verhält. Und dieses Element, die Gedanken zu vermenschlichen, gleichsam in das äußere Formenhafte, Gestaltenhafte zu gießen, das ist das gleiche bei den Homerischen, bei den Sophokleischen, bei allen dichterischen Figuren, und ist das gleiche bei allen plastischen Figuren, die das Griechentum geschaffen hat. Deshalb sind die plastischen Götter der griechischen Bildhauerei so menschlich, weil das hineingegossen ist, was ich eben ausgesprochen habe.
[ 19 ] When one sees Socrates speaking in this way, one cannot speak of Socrates on the one hand and the Socratic worldview on the other. It is one and the same, a unity. In Greece, one could not imagine—as a modern philosopher might—that someone had appeared who had founded an abstract philosophy, who stood before the people and said: “This is now the true philosophy.”—That would be impossible; it would only be possible for a modern philosopher, for this lies, after all, hidden within every modern philosopher. The Greek Plato, however, presents Socrates as the embodiment of a worldview, and one must imagine that Socrates’ thoughts are not meant to be expressed as if one were merely recognizing the world, but rather that they move about in the form of Socrates and relate to people just as he does. And this element—of humanizing thoughts, of casting them, as it were, into an external, form-like, figurative shape—is the same in the Homeric and Sophoclean works, in all poetic figures, and is the same in all sculptural figures created by Greek civilization. That is why the sculpted gods of Greek sculpture are so human: because what I have just described has been poured into them.
[ 20 ] Das ist zu gleicher Zeit ein Hinweis darauf, wie die Entwickelung der Menschheit in geistiger Beziehung danach strebte, gleichsam aus dem Gedanklichen des Kosmos heraus zu erfassen das Lebendige des Menschen und es dann zu gestalten. Deshalb erscheinen uns diese griechischen Kunstwerke — Goethe haben sie ja in eminentem Sinne so geschienen — als etwas, was in seiner Art kaum mehr zu erhöhen, kaum zu vervollkommnen ist, weil man zusammengefaßt hat all das, was einem geblieben ist aus der alten Uroffenbarung an lebendig wirkenden und webenden Gedanken, die man da in die Form ausgegossen hat. Es war gleichsam das Bestreben, all das, was man als den Gedanken von innen heraus finden konnte, zusammenzuziehen zu der menschlichen Gestalt, die im Griechentum Philosophie, Kunst, Plastik geworden ist (Zeichnung a, Seite 198).
[ 20 ] This is at the same time an indication of how the spiritual development of humanity strove to grasp, as it were, the living essence of the human being from the cosmic realm of thought and then to give it form. That is why these Greek works of art appear to us—as they indeed did to Goethe in an eminent sense—as something that, in its own way, can scarcely be surpassed or perfected, because they have synthesized all that remained from the ancient primordial revelation of living, active, and weaving thoughts, which were then poured into form. It was, as it were, the endeavor to draw together everything that could be found as thought from within and to shape it into the human form that, in Greek culture, became philosophy, art, and sculpture (Drawing a, page 198).
[ 21 ] Eine andere Aufgabe hat die neuere Zeit, die Gegenwart, eine völlig andere Aufgabe. Jetzt hat man die Aufgabe, gewissermaßen das, was im Menschen ist, dem Weltall wieder zurückzugeben (Zeichnung b). Es hat alle vorgriechische Entwickelung dahin geführt, zusammenzunehmen das, was man aus der Welt heraus gewissermaßen über das Lebendige der Form des Menschen entdecken konnte, um das zusammenzufassen. Das ist das unendlich Große der griechischen Kunst, daß eigentlich die ganze Vorwelt in ihr zusammengefaßt und gestaltet ist. Jetzt haben wir die Aufgabe, umgekehrt den Menschen, der unendlich vertieft worden ist durch das Mysterium von Golgatha, der in seiner kosmischen Bedeutung innerlich erfaßt worden ist, wieder dem Universum zurückzugeben.
[ 21 ] The modern era, the present, has a different task—a completely different one. Now the task is, in a sense, to give back to the universe what is within the human being (Drawing b). All pre-Greek development led to the point of gathering together what could be discovered, as it were, from the world through the living essence of the human form, in order to synthesize it. This is the infinite greatness of Greek art: that the entire pre-Greek world is, in fact, synthesized and shaped within it. Now, conversely, we have the task of returning to the universe the human being who has been infinitely deepened by the Mystery of Golgotha, whose cosmic significance has been grasped inwardly.


[ 22 ] Sie müssen sich nur wirklich ganz in die Seele einschreiben, daß diese Griechen die christliche Anschauung von dem Mysterium von Golgatha eben nicht hatten, daß bei ihnen alles aus der kosmischen Weisheit heraus zusammenfloß. Und nun denken Sie sich diesen ungeheuren, wirklich unermeßlichen Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit dadurch, daß die Wesenheit, die früher vom Kosmos draußen gewirkt hat, die man so aus dem Kosmos heraus erkennen mußte, und darnach auf dem irdischen Schauplatze in der Form ausdrücken konnte, daß die nun aus dem Kosmos heraus in die Erde hineingeht, selber Mensch wird, in der Menschenentwickelung weiterlebt.
[ 22 ] You simply have to truly take to heart that these Greeks did not share the Christian view of the Mystery of Golgotha, that for them everything flowed together out of cosmic wisdom. And now imagine this immense, truly immeasurable progress in the development of humanity: the being that formerly acted from outside the cosmos—which one had to perceive as coming from the cosmos and could then express in form on the earthly stage—now enters the Earth from the cosmos, becomes human itself, and lives on in human development.
[ 23 ] Das, was man gesucht hat in der vorchristlichen Zeit draußen im Kosmos, das kam jetzt herein in die Erde, und das, was man in die Form ausgießen konnte, das ist jetzt in der Menschenentwickelung selber darinnen (Zeichnung c). Natürlich — ich habe es deshalb mit Punkten angedeutet: es wird noch nicht richtig erkannt, es wird noch nicht richtig erfühlt; aber es lebt in den Menschen, und die Menschen haben die Aufgabe, es nach und nach wiederum zurückzugeben dem Kosmos. Das können wir uns ganz konkret vorstellen, dieses Zurückgeben desjenigen an den Kosmos, was wir durch den Christus empfangen haben. Wir müssen uns nur nicht sträuben gegen dieses Zurückgeben.
[ 23 ] What people sought in pre-Christian times out in the cosmos has now come into the Earth, and what could be poured into form is now contained within human development itself (drawing c). Of course—that is why I have indicated it with dots—it is not yet truly recognized, it is not yet truly felt; but it lives within human beings, and human beings have the task of gradually giving it back to the cosmos. We can create a mental image of this quite concretely: this giving back to the cosmos of what we have received through Christ. We simply must not resist this act of giving back.


[ 24 ] Man kann wirklich eng sich anklammern an das wunderbare Christus-Wort: «Ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Erdenzeit.» Das heißt, was Christus uns zu offenbaren hat, ist nicht erschöpft mit dem, was im Evangelium steht. Er ist nicht als ein Toter unter uns, der einmal das, was er auf die Erde bringen wollte, in die Evangelien hinein hat ausgießen lassen, sondern er ist als ein Lebendiger darinnen in der Erdenentwickelung. Und wir können uns mit unserer Seele zu ihm durcharbeiten. Dann offenbart er sich uns gerade so, wie er sich den Evangelisten geoffenbart hat. Das Evangelium ist dann nicht etwas, was einmal dagewesen ist und dann versiegte, das Evangelium ist dann eine fortwährende Offenbarung. Man steht gewissermaßen immer dem Christus gegenüber und erwartet, zu ihm aufschauend, aufs Neue die Offenbarung.
[ 24 ] We can truly cling closely to Christ’s wonderful words: “I am with you always, even to the end of the age.” This means that what Christ has to reveal to us is not limited to what is written in the Gospels. He is not among us as a dead person who once poured out into the Gospels what he wanted to bring to Earth, but he is present as a living being within the course of Earth’s development. And we can work our way toward him with our souls. Then he reveals himself to us just as he revealed himself to the evangelists. The Gospel is then not something that once existed and then dried up; the Gospel is then a continuous revelation. In a sense, we are always facing Christ and, looking up to him, await the revelation anew.
[ 25 ] Gewiß hat derjenige — sei er nun gewesen, wer auch immer —, der da gesagt hat: Noch vieles hätte ich zu schreiben, aber alle Bücher der Welt könnten es nicht fassen —, gewiß hat er unendlich Recht gehabt, denn hätte er alles schreiben wollen, was er hätte schreiben können, so hätte er schreiben müssen, was sich erst im Laufe der Menschheitsentwickelung aus dem Christus-Ereignisse nach und nach ergeben wird. Er wollte darauf hinweisen: Wartet nur, wartet nur! Es wird schon das kommen, was alle Bücher der Welt nicht fassen können. Wir haben den Christus gehört, aber die Nachgeborenen werden ihn auch weiter hören, und so empfangen wir fortdauernd, fortwährend diese Christus-Offenbarung. — Diese ChristusOffenbarung empfangen heißt: Von Ihm Aufschluß erlangen über die Welt. Und dies Empfangene müssen wir wiederum aus dem Zentrum des Gemüts dem Kosmos zurückgeben.
[ 25 ] Certainly, whoever it was—whoever he may have been—who said: “I have much more to write, but all the books in the world could not contain it”—certainly he was infinitely right, for if he had wanted to write everything he could have written, he would have had to write what will only gradually emerge in the course of human development from the Christ event. He wanted to point out: Just wait, just wait! What all the books in the world cannot contain will surely come. We have heard the Christ, but future generations will continue to hear him as well, and thus we continually, unceasingly receive this revelation of the Christ. — To receive this revelation of the Christ means: to gain insight into the world from him. And what we have received, we must in turn give back to the cosmos from the center of our soul.
[ 26 ] Daher dürfen wir das, was wir als Geisteswissenschaft erhalten haben, auffassen als lebendige Christus-Offenbarung. Er ist es, der uns wiederum sagt, wie die Erde entstanden ist, wie es sich mit der Menschennatur verhält, was die Erde für Zustände durchgemacht hat, bevor sie Erde geworden ist. Alles das, was wir als Kosmologie haben, was wir der Welt wieder zurückgeben, all das offenbart Er uns. In dieser Stimmung sich fühlen, von dem Christus gleichsam innerlich geistig den zusammengezogenen Kosmos zu empfangen und ihn so wie man ihn empfängt, verständnisvoll der Welt zuzuweisen, so daß man nicht mehr hinaufschaut nach dem Monde und ihn anglotzt als eine große Kegelkugel, mit der mechanische Kräfte Kegel geschoben haben im Weltall und die von diesen UnregelmäRigkeiten Runzeln bekommen hat und dergleichen, sondern erkennt, was er anzeigt, wie er zusammenhängt mit der Christus- und Jahve-Natur und so weiter: das ist die fortwährende Offenbarung des Christus. Wir müssen wiederum an die Außenwelt zuteilen das, was wir von ihm empfangen. Es ist zunächst ein Erkenntnisprozeß. Mit einem Erkenntnisprozeß fängt es an, später werden es schon andere Prozesse sein. Es werden Gemütsprozesse, Gefühlsprozesse sich ergeben, die von uns ausgehen und sich hinaus ergießen in den Kosmos; die werden daraus entstehen.
[ 26 ] Therefore, we may regard what we have received as Spiritual Science as a living revelation of Christ. It is He who tells us anew how the Earth came into being, what human nature is like, and what states the Earth went through before it became the Earth. All that we have as cosmology, all that we give back to the world—He reveals all of this to us. To feel oneself in this state of mind—to receive the condensed cosmos from Christ, as it were, inwardly and spiritually, and to assign it to the world with understanding, just as one receives it, so that one no longer looks up at the moon and stares at it as if it were a giant bowling ball, with which mechanical forces have knocked down pins in outer space and which has become wrinkled from these irregularities and the like, but rather recognizes what it signifies, how it is connected to the nature of Christ and Yahweh, and so on: this is the ongoing revelation of Christ. We must, in turn, impart to the external world what we receive from him. It is, first and foremost, a process of cognition. It begins with a process of cognition; later, other processes will follow. Mental processes and emotional processes will arise, emanating from us and pouring out into the cosmos; they will emerge from this.
[ 27 ] Aber noch ein anderes ersehen Sie aus dem, was ich eben auseinandergesetzt habe. Wenn Sie diesen Gang betrachten (Zeichnung a, Seite 201), wo man aus dem Kosmos herein zusammengefaßt hat, ich möchte sagen, die Bestandstücke des Menschen, die dann in der griechischen Weltanschauung, in der griechischen Kunst zusammengeflossen sind zu dem ganzen Menschen, so werden Sie sehen: die Menschheitsentwickelung strebte im Griechentum nach plastischer Gestaltung, nach bildhafter Gestaltung; und das, was das Griechentum erlangt hat an bildhafter Gestaltung, können wir in der Tat nicht wiederum nachmachen. Wenn wir es nachahmen, so wird nichts Rechtes daraus. Das ist also ein gewisser Höhepunkt in der Menschheitsentwickelung. Man kann nämlich sagen: Die Menschheitsströmung strebt im Griechentum in der Plastik nach Konzentration aus der gesamten vorgriechischen Menschheitsentwickelung herein.
[ 27 ] But you can see something else as well from what I have just explained. If you look at this sequence (drawing a, page 201), where the elements of the human being—which I would say were drawn together from the cosmos—then converged in the Greek worldview and in Greek art to form the whole human being, you will see: in Greek culture, human development strove toward sculptural form, toward pictorial form; and what Greek civilization achieved in pictorial form, we cannot, in fact, replicate. If we try to imitate it, nothing right comes of it. This is therefore a certain high point in human development. For one can say: In Greek sculpture, the current of human development strives toward a concentration drawn from the entirety of pre-Greek human development.


[ 28 ] Wenn man dagegen das nimmt, was bier geschieht (Zeichnung b), was jetzt zu geschehen hat, so ist es, ich möchte sagen, ein Aufteilen der Bestandstücke des Menschen an den Kosmos. Sie können das bis in Einzelheiten verfolgen. Wir teilen unseren physischen Leib dem Saturn zu, den Ätherleib der Sonne, den Astralleib dem Monde, unsere Ich-Gestaltung der Erde. Also wir teilen wirklich auf, wir teilen den Menschen wiederum auf in die Welt; und so können Sie sehen: der ganzen Komposition der Geisteswissenschaft liegt ein Aufteilen, ein Wieder-in-Bewegung-Bringen dessen, was im Menschen konzentriert ist, zugrunde. Die Grundstimmung dieser neuen Weltanschauung (Zeichnung b) ist eine musikalische, die Grundstimmung der alten Welt (a) war eine plastische. Die Grundstimmung der neueren Zeit ist richtig musikalisch, die Welt wird auch immer musikalischer werden. Und wissen, wie man in der richtigen Art darinnen steht in dem, wonach die Menschheitsentwickelung strebt, heißt wissen, daß man nach einem musikalischen Elemente streben muß, daß man nicht wiederholen darf das alte plastische Element, sondern daß man nach einem musikalischen Elemente zu streben hat.
[ 28 ] If, on the other hand, we consider what is happening here (Drawing b)—what is now to take place—it is, I would say, a distribution of the constituent parts of the human being to the cosmos. You can follow this in detail. We assign our physical body to Saturn, the etheric body to the Sun, the astral body to the Moon, and our “I” to the Earth. So we truly divide; we divide the human being back into the world; and thus you can see: the entire structure of Spiritual Science is based on a division, a setting in motion once more of what is concentrated within the human being. The fundamental mood of this new worldview (drawing b) is a musical one; the fundamental mood of the old world (a) was a sculptural one. The fundamental mood of the modern era is truly musical, and the world will become increasingly musical. And knowing how to stand in the right way within what human development is striving toward means knowing that one must strive for a musical element, that one must not repeat the old plastic element, but rather that one must strive for a musical element.
[ 29 ] Ich habe öfter erwähnt, daß an einen wichtigen Platz unseres Baues hingestellt sein wird eine Urmenschen-Gestalt, die man auch als den Christus ansprechen kann, und die auf der einen Seite Luzifer, auf der anderen Seite Ahriman haben wird. Das, was im Christus konzentriert ist, nehmen wir heraus und teilen es in Luzifer und Ahriman wieder auf, insofern es aufzuteilen ist. Wir machen das, was plastisch zusammengeschweißt wurde in die einzige Gestalt, musikalisch, indem wir es gleichsam zu einer Melodie machen: Christus-Luzifer-Ahriman.
[ 29 ] I have mentioned on several occasions that a figure of a primordial human being—who can also be referred to as Christ—will be placed in a prominent location in our building, with Lucifer on one side and Ahriman on the other. We take what is concentrated in the Christ and divide it again into Lucifer and Ahriman, insofar as it can be divided. We transform what has been sculpturally fused into a single figure into something musical, by turning it, as it were, into a melody: Christ-Lucifer-Ahriman.
[ 30 ] Nach diesem Prinzip ist wirklich unser ganzer Bau geformt. Unser ganzer Bau trägt das besondere Grundgepräge in sich: die plastischen Formen in musikalische Bewegung zu bringen. Das ist sein Grundcharakter. Wenn Sie nicht vergessen, daß, indem man so etwas andeutet, man niemals hochmütig werden soll, sondern hübsch demütig bleiben soll, und wenn Sie beachten, daß mit dem, was mit diesem Bau getan ist, die unvollkommensten ersten Schritte getan worden sind, so werden Sie nicht mißverstehen, was mit all den Aussprüchen, die ich über den Bau tue, gemeint ist. Selbstverständlich ist nicht gemeint, daß irgend etwas von dem, was uns als fernes Ideal vorschwebt, auch nur im Allerentferntesten erreicht ist; aber ein Anfang soll damit gewollt sein, könnte man sagen. Mehr will damit auch nicht gesagt sein, als daß ein Anfang gewollt sein soll.
[ 30 ] Our entire composition is truly shaped by this principle. Our entire composition embodies a distinctive fundamental characteristic: bringing sculptural forms into musical motion. That is its fundamental character. If you keep in mind that, in hinting at such things, one should never become arrogant but should remain quite humble, and if you consider that what has been done with this structure represents only the most imperfect first steps, then you will not misunderstand the meaning of all the remarks I make about the structure. Of course, this does not mean that any of what we envision as a distant ideal has even remotely been achieved; but one might say that the intention is to make a start. That is all that is meant by this—that a start should be made.
[ 31 ] Aber wenn Sie diesen Anfang vergleichen mit dem, was eine gewisse Vollendung im Griechentum erlebt hatte, mit der unendlichen Vervollkommnung des plastischen Prinzipes, ich will sagen, in den griechischen Gestalten der Athene und anderer, oder wie es sich in der Architektur auslebt in der Akropolis und dergleichen, wenn Sie diese Vollendung mit dem Anfang vergleichen, so werden Sie neben allem übrigen einen polarischen, einen radikalen Unterschied finden. Dort im Griechentum strebt alles nach dem Einfrieren in der Form, nach dem Festwerden in der Form. Solch eine Akropolis oder eine griechische Plastik, sie stehen da, um ewig eigentlich in dieser Form erstarrt stehen zu bleiben, um den Menschen ein Bild dessen zu bewahren, was die Schönheit der Form sein kann.
[ 31 ] But if you compare this beginning with what Greek civilization had achieved in terms of a certain degree of perfection—with the infinite refinement of the sculptural principle, that is to say, in the Greek figures of Athena and others, or as it finds expression in architecture in the Acropolis and the like—if you compare this perfection with the beginning, you will find, above all else, a polar, a radical difference. There, in Greek culture, everything strives toward being frozen in form, toward becoming fixed in form. Such an Acropolis or a Greek sculpture—they stand there to remain eternally frozen in this form, to preserve for humanity an image of what the beauty of form can be.
[ 32 ] Solch ein Werk wie unser Bau ist, es wird, auch wenn es einmal vollkommener ausgestaltet sein wird, immer dastehen so, daß man eigentlich sagen kann: man wird dadurch eigentlich immer angeregt, diesen Bau als solchen zu überwinden, um durch seine Formen hinauszukommen ins Unendliche. Diese Säulen und namentlich die Formen, die sich an die Säulen anschließen, und selbst dasjenige, was gemalt und gebildet wird, es ist alles dazu da, um sozusagen die Wände zu durchbrechen, um zu protestieren dagegen, daß da Wände stehen, und um die Formen aufzulösen, ich möchte sagen, in einer ätherischen Lauge aufzulösen, so daß sie einen hinausführen können in die Weiten der kosmischen Gedankenwelt.
[ 32 ] A work such as our building—even when it is one day more fully realized—will always stand in such a way that one can truly say: it actually always inspires us to transcend this building as such, to move beyond its forms into the infinite. These columns—and especially the forms that adjoin them, and even what is painted and sculpted—are all there, so to speak, to break through the walls, to protest against the very existence of those walls, and to dissolve the forms; I would say, to dissolve them in an ethereal lye, so that they can lead one out into the vastness of the cosmic world of thought.
[ 33 ] Man wird diesen Bau richtig empfinden, wenn man das Gefühl hat: dieser Bau, wenn man ihn betrachtet, löst sich auf, er überwindet seine eigenen Grenzen; alles, was da sich zu Wänden bildet, das will eigentlich hinaus in die Weiten der Welt. Dann hat man das richtige Gefühl. Mit einem griechischen Tempel fühlt man so, daß man am liebsten immer mehr eins werden möchte mit dem, was da fest durch die Wände umschlossen ist und mit dem, was nur durch die Wände herein kann. Hier bei unserem Bau wird man eigentlich das Gefühl haben: Wenn diese Wände doch nur nicht so genierlich da wären, denn sie wollen an jedem Platze, den sie darbieten, eigentlich durchbrochen werden und weiter hineinführen in die Welt des Kosmos. So sollte eben dieser Bau aus den Aufgaben unserer Zeit heraus gebildet werden, wirklich aus den Aufgaben unserer Zeit heraus.
[ 33 ] One will truly appreciate this building when one feels that, upon looking at it, it dissolves, transcending its own boundaries; everything that forms its walls actually yearns to reach out into the vastness of the world. Then one has the right feeling. With a Greek temple, one feels a desire to become ever more one with what is firmly enclosed by the walls and with what can only enter through them. Here, with our building, one actually gets the feeling: If only these walls weren’t there to get in the way, for at every point they offer, they actually want to be broken through and lead further into the world of the cosmos. This is precisely how this building should be shaped by the challenges of our time—truly by the challenges of our time.
[ 34 ] Nachdem wir jahrelang gesprochen haben nicht nur über die Gegenstände der Geisteswissenschaft, sondern auch gesprochen haben miteinander so, wie man gesinnungsmäßig dasjenige meint, was durch die Geisteswissenschaft zum Ausdruck gebracht wird, so kann es auch verstanden werden, daß dann, wenn man über dieses oder jenes in der Welt etwas Abfälliges sagt, man es gar nicht absolut abfällig, absolut tadelnd meint, sondern daß man die scheinbar tadelnden Worte gebraucht, um Tatsachen zu charakterisieren in dem richtigen Zusammenhange.
[ 34 ] Since we have spent years discussing not only the subjects of Spiritual Science but also conversing with one another in a way that reflects our shared understanding of what Spiritual Science seeks to express, it can be understood that when one says something disparaging about this or that in the world, one does not mean it in an absolutely disparaging or absolutely critical sense, but rather uses these seemingly critical words to characterize facts in their proper context.
[ 35 ] Wenn man daher, ich will sagen, im Zusammenhang mit dem Gesprochenen einer welthistorischen Persönlichkeit Vorwürfe macht, so ist das nicht so gemeint, wie wenn man damit zugleich erklären wollte, daß man, wenigstens in seinem Urteil gegenüber dieser Persönlichkeit, so eine Art Scharfrichter sein möchte, der ihr, geistig gemeint, den Kopf abschlägt, indem man ein Urteil ausspricht. Moderne Kritiker sind so; aber derjenige, welcher von geisteswissenschaftlicher Gesinnung durchdrungen ist, ist nicht so. In dem Sinne, der durch diese Worte angedeutet ist, nehmen Sie, bitte, auch das, was ich jetzt zu sagen habe.
[ 35 ] Therefore, when one—so to speak—levels accusations in connection with the words of a figure in world history, this is not meant in the same way as if one were simultaneously seeking to declare that, at least in one’s judgment of this figure, one wishes to be a sort of executioner who, in a spiritual sense, beheads them by passing judgment. Modern critics are like that; but those imbued with a Spiritual Science-oriented mindset are not. Please take what I am about to say in the sense implied by these words.
[ 36 ] Es mußte einmal gewissermaßen ein Einschnitt in der Menschheitsentwickelung gemacht werden; es mußte gewissermaßen einmal gesagt werden: Nun hat es ein Ende mit dem, was da von alten Zeiten bis jetzt heraufgekommen ist; es muß etwas Neues beginnen. Er ist nicht auf einmal gemacht worden, dieser Einschnitt; er ist sogar in mehreren Etappen gemacht worden. Aber er tritt uns in der Geschichte ganz deutlich entgegen. Nehmen Sie einmal eine solche Persönlichkeit der Geschichte wie den römischen Kaiser Augustus, also denjenigen Herrscher Roms, dessen Herrschaft zusammenfiel mit dem Aufleben der Strömung, die wir herleiten von dem Mysterium von Golgatha. Es ist heute auch schon schwierig, den Menschen ganz klarzumachen, worin das ganz wesentlich Neue bestand, das durch den Kaiser Augustus in die abendländische Entwickelung hineinkam gegenüber dem, was bis dahin unter dem Einfluß der römischen Republik in dieser abendländischen Kultur drinnen war. Man muß eben doch zu Begriffen greifen, die heute den Menschen wenig geläufig sind, wenn man so etwas auseinandersetzen will.
[ 36 ] At some point, a turning point had to be made, so to speak, in the development of humanity; it had to be said, so to speak: Now what has emerged from ancient times until now has come to an end; something new must begin. This turning point was not made all at once; in fact, it took place in several stages. But it stands out quite clearly in history. Take, for example, a historical figure such as the Roman Emperor Augustus—that is, the ruler of Rome whose reign coincided with the resurgence of the current that we trace back to the Mystery of Golgotha. Even today, it is difficult to make it entirely clear to people what the truly essential novelty was that Emperor Augustus introduced into Western development, as opposed to what had previously existed within Western culture under the influence of the Roman Republic. One must resort to concepts that are little known to people today if one wishes to explain such a thing.
[ 37 ] Wenn man Geschichtsbücher liest, welche die Zeit der römischen Republik bis zur Kaiserzeit darstellen, da hat man so das Gefühl, daß die Geschichtsschreiber heute so schreiben, als wenn sie die Art, wie die römischen Konsuln und römischen Tribunen wirkten, ungefähr so sich dächten, wie das Wirken eines Präsidenten einer modernen Republik. Viel Unterschied herrscht ja nicht, wenn Niebuhr oder Mommsen über die römische Republik oder wenn sie über eine moderne Republik sprechen, weil man heute alles durch die Brille dessen sieht, was man eben unmittelbar in seiner eigenen Umgebung hat. Man kann sich nicht vorstellen, dafß dasjenige, was ein Mensch in weiter zurückliegenden Zeiten empfand und dachte, auch empfand gegenüber dem öffentlichen Leben, etwas ganz anderes war, als was der heutige Mensch empfindet. Es war aber etwas radikal anderes, und man versteht die römische republikanische Zeit wirklich nicht, wenn man sich nicht einen gewissen Begriff verschafft, der lebendig war in der Auffassung des alten republikanischen Römers, den er herübergenommen hat aus der Zeit, die man als die römische Königszeit bezeichnet.
[ 37 ] When reading history books that cover the period from the Roman Republic to the Imperial era, one gets the feeling that today’s historians write as if they imagined the role of Roman consuls and tribunes to be roughly equivalent to that of the president of a modern republic. There isn’t much difference, after all, when Niebuhr or Mommsen speak of the Roman Republic or of a modern republic, because today we view everything through the lens of what we immediately experience in our own surroundings. It is hard to form a mental image of what a person in times long past felt and thought—including their feelings toward public life—as being something entirely different from what people today feel. But it was something radically different, and one truly cannot understand the Roman Republican era unless one acquires a certain concept that was alive in the mindset of the ancient Roman republican—a concept he had carried over from the period known as the Roman Kingdom.
[ 38 ] Die alten Könige, von Romulus bis Tarquinius Superbus, die waren für den alten Römer wirklich Wesenheiten, die innig zusammenhingen mit dem Göttlichen, mit der göttlich-geistigen Weltregierung. Und nicht anders konnte der alte Römer der Königszeit die Bedeutung seines Königs begreifen als dadurch, daß er sich vorstellen konnte: bei jedem Geschehen liegt etwas Ähnliches vor wie bei Numa Pompilius, dem römischen König, der zur Nymphe FEgeria ging, um zu wissen, was er zu tun habe. Von den Göttern, respektive aus dem Geisterlande empfing man die Inspirationen für das, was man auf der Erde zu tun hatte. Das war ein lebendiges Bewußtsein. Die Könige waren die Brücke zwischen dem, was auf der Erde geschah, und dem, was die Götter aus der geistigen Welt heraus mit der Erde wollten.
[ 38 ] The ancient kings, from Romulus to Tarquinius Superbus, were truly, for the ancient Romans, beings intimately connected with the divine, with the divine-spiritual government of the world. And the ancient Roman of the royal era could not understand the significance of his king in any other way than by creating a mental image of what happened with Numa Pompilius, the Roman king, who went to the nymph Fegeria to learn what he was to do. Inspiration for what one had to do on earth was received from the gods, or rather from the spirit realm. This was a living consciousness. The kings were the bridge between what happened on earth and what the gods, from the spiritual world, intended for the earth.
[ 39 ] So war auf das öffentliche Leben ausgedehnt dasjenige, was ein Gefühl in der alten Weltanschauung überhaupt war: das, was der Mensch in der Welt wirkt, hängt zusammen mit dem, was aus dem Kosmos herein ihn gestaltet, so daß fortwährend Einströmungen aus dem Kosmos geschehen. Man machte nicht Halt bei der Menschheitsregierung. So wie man, wenn man Plato war, sich sagte: Was der Mensch wissen kann, existiert nicht dadurch, daß er es in seiner Seele ausziseliert als Begriffe, sondern dadurch, daß er es als Ausfluß der göttlichen Wesenheiten bekommt. — So sagte man sich auch im alten Rom nicht, ein Mensch regiert die anderen Menschen, sondern man sagte: Die Götter regieren den Menschen, und derjenige, welcher da äußerlich in Menschengestalt regiert, der ist nur das Gefäß, in das die Impulse der Götter hineinfließen. — Das war aber noch übergegangen bis in die Zeiten der römischen Republik auf die Konsul-Würde. Die Konsul-Würde ist in der alten Zeit nicht etwa jenes, ich möchte sagen, bürgerliche Element, als das sich etwa eine heutige Staatsregierung immer mehr oder weniger bildet, sondern der Römer hatte wirklich den Gedanken, das Gefühl, die lebendige Empfindung: Der kann nur Konsul sein, der noch den Sinn offen hat für das, was die Götter in die Menschheitsentwickelung hineinfließen lassen wollen.
[ 39 ] Thus, what was essentially a feeling in the ancient worldview was extended to public life: what a human being brings about in the world is connected to what shapes him from within the cosmos, so that there is a constant inflow from the cosmos. This view did not stop at human government. Just as Plato would have said: What a human being can know does not exist because he carves it out in his soul as concepts, but because he receives it as an outflow from the divine beings. — In ancient Rome, too, people did not say that one human being governs other human beings, but rather: The gods govern humanity, and the one who governs outwardly in human form is merely the vessel into which the impulses of the gods flow. — But this had already been carried over into the times of the Roman Republic in the office of consul. In ancient times, the office of consul was not, so to speak, that “civic” element—as a modern government, for example, more or less takes shape—but rather the Romans truly held the idea, the feeling, the living sense that only one who still has an open mind to what the gods wish to infuse into the development of humanity can be a consul.
[ 40 ] Daß man das immer weniger glauben konnte, als die Republik vorschritt und als die großen Diskrepanzen und Streitigkeiten in der Republik kamen, das führte gerade dazu, daß die römische Republik nicht weiter bestehen konnte. Es war das etwa so: Man dachte sich, wenn die Republik eine Bedeutung in der. Welt haben soll, so müssen die Konsuln gewissermaßen doch göttlich inspirierte Menschen sein; sie müssen das heruntertragen, was von den Göttern kommt.
[ 40 ] The fact that this became increasingly difficult to believe as the Republic progressed and as major discrepancies and disputes arose within it was precisely what led to the Roman Republic’s inability to survive. It was something like this: People thought that if the Republic was to have any significance in the world, the consuls would, in a sense, have to be divinely inspired individuals; they would have to convey what came from the gods.
[ 41 ] Wenn man sich aber die späteren Konsuln der Republik ansah, so konnte man sich sagen: Die Kerle sind nicht mehr die richtigen Werkzeuge für die Götter. — Damit hängt aber auch zusammen, daß? man nicht mehr so fühlen, lebendig fühlen konnte für die Berechtigung der Republik. Nun lag natürlich die Entwickelung eines solchen Gefühls hinter dem offenbaren Bewußtsein der Menschen. Das lag sehr stark im Unterbewußten und war im Bewußtsein nur bei den sogenannten Eingeweihten. Die Eingeweihten wußten in diesen Dingen völlig Bescheid. Wer daher auch in der späteren römischen Republik meinetwillen noch ein gewöhnlicher, materialistisch denkender Durchschnittsbürger war, der sagte: Na, der Konsul, der gefällt mir nicht, der ist gewiß kein göttliches Instrument! — Der Eingeweihte würde das nie zugegeben haben, er würde gesagt haben: Er ist trotzdem ein göttliches Instrument; nur mit der fortschreitenden Entwickelung kann die göttliche Inspiration immer weniger in die Menschheit hinein. Die menschliche Entwickelung nimmt eine solche Gestalt an, daß immer weniger das Göttliche hereinkommen kann.
[ 41 ] But looking at the later consuls of the Republic, one might say to oneself: These guys are no longer the right instruments of the gods. — This is also connected to the fact that people could no longer feel—feel vividly—the legitimacy of the Republic. Now, of course, the development of such a feeling lay beyond people’s overt consciousness. It resided very strongly in the subconscious and was present in the conscious mind only among the so-called initiates. The initiates were fully aware of these matters. Therefore, even in the later Roman Republic, anyone who—for my sake—was still an ordinary, materialistically minded average citizen would say: “Well, I don’t like that consul; he’s certainly no divine instrument!” — The initiate would never have admitted that; he would have said: “He is nevertheless a divine instrument; it is only that, as development progresses, divine inspiration can penetrate humanity less and less. Human development is taking on such a form that the divine can enter it less and less.”
[ 42 ] Und so kam es, daß, als ein Eingeweihter, ein wirklich Eingeweihter auftrat, der das alles durchschaute, er sich sagen mußte: So können wir es nicht mehr weiter machen! Wir müssen jetzt an ein anderes göttliches Element appellieren, das mehr den Menschen entzogen ist. — So, wie sich die Menschen äußerlich, moralisch und so weiter entwickelt hatten, so konnte man denen, die Konsuln wurden, nicht mehr zutrauen, daß nun wirklich da, wo der Mensch sich durch seine eigene Entwickelung entgegenstellt dem Göttlichen, das Göttliche noch hereinkam. Daher kam man dazu, gleichsam das Hereinströmen des Göttlichen herabzudrücken auf ein Gebiet, das mehr den Menschen entzogen war. Das sah Augustus, der bis zu einem gewissen Grade ein in diese Geheimnisse Eingeweihter war, wohl ein. Daher war es sein Bestreben, die göttliche Weltregierung zu entziehen dem, was die Menschen bisher hatten, und zurückzugehen auf das, wo die Götter noch unbewußster wirken, also darauf hinzuarbeiten, daß bei der Erteilung der Konsul-Würde das Erblichkeitsprinzip in Betracht gezogen würde. Er war bestrebt, die Konsuln nicht mehr so zu wählen, wie sie bis dahin gewählt wurden, sondern so, daß die Würde durch das Blut weitergepflanzt werde, so daß dadurch die Fähigkeit weitergepflanzt werde, im öffentlichen Leben das zum Ausdruck zu bringen, was die Götter wollen. Man drückte auf eine unter der Schwelle des Bewußtseins liegende Stufe herab den Fortgang des Göttlichen im Menschen, weil man sah, daß die Menschen auf einer Stufe angekommen waren, wo sie das Göttliche nicht mehr entgegennehmen konnten.
[ 42 ] And so it came to pass that when an initiate—a true initiate—appeared who saw through all of this, he had to say to himself: We can’t go on like this any longer! We must now appeal to another divine element that is more hidden from human beings. — Just as human beings had developed externally, morally, and so on, it was no longer possible to trust that, where human beings—through their own development—opposed the divine, the divine could still enter. Therefore, one came to, as it were, suppress the influx of the divine into a realm that was more hidden from human beings. Augustus, who was to a certain extent initiated into these mysteries, surely recognized this. Therefore, it was his aim to withdraw divine world governance from what humans had hitherto possessed and to return to a realm where the gods still act more unconsciously—that is, to work toward ensuring that the principle of heredity be taken into account in the conferral of the consular office. He sought to elect consuls no longer as they had been elected up to that point, but in such a way that the office would be passed down through the bloodline, thereby ensuring that the ability to express the will of the gods in public life would also be passed down. The progression of the divine within human beings was pushed down to a level lying below the threshold of consciousness, because it was seen that people had reached a stage where they could no longer receive the divine.
[ 43 ] Sie kommen nur dann zu einem wirklichen Verständnis dieser außerordentlich merkwürdigen Gestalt des Augustus, wenn Sie überall voraussetzen, daß er diese Dinge voll gewußt hat und aus vollem Bewußtsein heraus, unter dem Einfluß der dazumal namentlich athenischen Eingeweihten, die zu ihm gekommen sind, alle die Dinge getan hat, die uns von ihm berichtet werden. Seine Grenze lag nur darinnen, daß er kein Verständnis gewinnen konnte für das Mysterium von Golgatha, daß er nur sah, wie die Menschen herunterkommen in die Materie, und daher nur einen Sinn haben konnte für das Versenken des Göttlichen im Materiellen des Blutes. Kein Verständnis hatte er dafür, daß etwas ganz Neues nun aufging in dem Mysterium von Golgatha. Er war ein in hohem Sinne Eingeweihter in die alten Mysterien, aber er hatte kein Verständnis für das, was sich jetzt in dem Menschengeschlecht als Neues heraufentwickelte.
[ 43 ] You can only arrive at a true understanding of this extraordinarily remarkable figure of Augustus if you assume throughout that he was fully aware of these things and, acting out of full consciousness and under the influence of the Athenian initiates of that time who came to him, did all the things that are reported to us about him. His limitation lay solely in the fact that he could not gain an understanding of the Mystery of Golgotha; he saw only how human beings descend into matter, and therefore could only make sense of the immersion of the Divine in the materiality of blood. He had no understanding that something entirely new was now dawning in the Mystery of Golgotha. He was, in the highest sense, an initiate into the ancient mysteries, but he had no understanding of what was now developing as something new within the human race.
[ 44 ] Nun ist es aber so, daß dasjenige, was Augustus vollbracht hat, gewissermaßen ein Unmögliches ist. Es kann sich in der irdischen Entwickelung, ohne daß die irdische Entwickelung ins Luziferische verfällt, das Göttliche nicht in der reinen Materie des Blutes versenken. Die Menschen würden sich nicht entwickeln können, wenn sie sich nur entwickeln würden, wie das Blut es will, also von Generation zu Generation das, was vorher schon da war. Damit aber, daß diese Tatsache sich vollzog, ist etwas unendlich Bedeutungsvolles verbunden. Sie müssen sich nun denken, daß in den alten Zeiten, wo die alten Mysterien gewirkt haben, man in diesen alten Mysterien immerhin ein ungeheuer stark wirkendes spirituelles Element hatte, wenn uns das auch heute nicht mehr in derselben Weise bedeutsam sein kann. Man wußte doch von den geistigen Welten. Sie kamen doch substantiell herein in das Menschengemüt, diese geistigen Welten. Und auf der anderen Seite hörte man auf in der Zeit des Augustus, etwas zu wissen von dem spirituellen Elemente der Welt; man hörte auf, etwas davon zu wissen, infolge der notwendigen menschlichen Entwickelung.
[ 44 ] The fact is, however, that what Augustus accomplished is, in a sense, impossible. In earthly evolution, the Divine cannot be immersed in the pure matter of the blood without earthly evolution degenerating into the Luciferic. Human beings would not be able to evolve if they were to develop solely as the blood dictates—that is, passing down from generation to generation only what was already there. Yet the fact that this actually took place is imbued with infinite significance. You must now consider that in ancient times, when the ancient mysteries were active, these mysteries did indeed contain an immensely powerful spiritual element—even if this can no longer be meaningful to us today in the same way. People were, after all, aware of the spiritual worlds. These spiritual worlds did, in fact, enter the human mind in a substantial way. And on the other hand, during the time of Augustus, people ceased to know anything about the spiritual element of the world; they ceased to know anything about it as a result of the necessary human evolution.
[ 45 ] Es bestand gerade die Augustus-Einweihung darin, daß er wußte: die Menschen werden nun immer weniger geeignet sein, in der alten Weise ein spirituelles Element aufzunehmen. Es hat etwas ungeheuer Tragisches an sich, was sich da verbreitet um die Person des Augustus. Es waren in dieser Zeit die alten Mysterien noch da; aber es entstand immer mehr das Gefühl: da ist irgend etwas nicht richtig in diesen alten Mysterien. Dasjenige, was man aufnahm in diesen alten Mysterien, war ein unendlich Bedeutsames, ein großartiges, spirituelles Wissen und Erkennen. Aber man fühlte auch: ein unendlich Bedeutsames kommt heran. — Wir wissen, es ist die Strömung des Mysteriums von Golgatha, das man mit dem alten Mysterienwissen nicht begreifen kann, worauf dieses alte Mysterienwissen nicht paßte. Was aber durch das Mysterium von Golgatha selber den Menschen bewußt werden konnte, war noch sehr weniges. Wir sind ja heute mit unserer Geisteswissenschaft im Grunde genommen selbst auch erst am Anfange, dasjenige zu verstehen, was mit dem Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwickelung eingeflossen ist.
[ 45 ] The very essence of Augustus’s initiation lay in the fact that he knew: people would now become less and less capable of absorbing a spiritual element in the old way. There is something immensely tragic about what is unfolding around the person of Augustus. The ancient mysteries still existed at that time; but the feeling grew stronger and stronger that something was not quite right with these ancient mysteries. What was received in these ancient mysteries was something of infinite significance—a magnificent spiritual knowledge and insight. But people also sensed that something of infinite significance was approaching. — We know it is the current of the Mystery of Golgotha, which cannot be grasped with the ancient mystery knowledge—to which this ancient mystery knowledge was no longer suited. But what people were able to become aware of through the Mystery of Golgotha itself was still very little. After all, with our Spiritual Science today, we are, in essence, ourselves only just beginning to understand what has flowed into human evolution through the Mystery of Golgotha.
[ 46 ] Da war also etwas, was wie ein Abbrechen ist mit dem alten Elemente, woraus man verstehen kann, daß es Menschen gegeben hat, die sich immer wieder und wieder gesagt haben: Mit dem, was uns da kommt von dem Mysterium von Golgatha, kann man nichts anfangen. Das waren gerade Menschen, die auf einer gewissen geistigen Höhe im alten Sinne, im Sinne der vorchristlichen, der Vor-Golgatha-Zeit standen. Gerade diese sagten sich: Ja, da wird uns erzählt von einem Christus, der gewisse Lehren verbreitet hat. — Das Tiefere in diesen Lehren fühlten sie noch nicht; aber das, was sie davon hörten, war ihnen wie aufgewärmte alte Weisheiten. Es wurde ihnen erzählt, daß da Einer verurteilt worden war, am Kreuze gestorben sei, der das und das gelehrt habe. Das alles konnten sie nicht verstehen. Das kam ihnen dann alles recht gewöhnlich vor, oder wie Lug und Trug. Dagegen kam ihnen die alte Weisheit, die ihnen überliefert worden war, ungeheuer großartig und glänzend vor. Aus dieser Stimmung heraus ist Julian der Abtrünnige, Julian Apostata zu verstehen; seine ganze Stimmung ist in dieser Weise zu verstehen.
[ 46 ] So there was something that felt like a break with the old elements, from which one can understand that there were people who told themselves over and over again: We can’t make sense of what is coming to us from the Mystery of Golgotha. These were precisely people who stood at a certain spiritual height in the old sense—in the sense of the pre-Christian, pre-Golgotha era. It was precisely these people who said to themselves: “Yes, we are being told about a Christ who spread certain teachings.” — They did not yet sense the deeper meaning in these teachings; but what they heard about them seemed to them like rehashed old wisdom. They were told that someone had been condemned and had died on the cross, someone who had taught this and that. They could not understand any of this. It all seemed quite ordinary to them, or like lies and deceit. In contrast, the ancient wisdom that had been handed down to them seemed immensely magnificent and brilliant. Julian the Apostate must be understood in light of this mindset; his entire outlook must be understood in this way.
[ 47 ] Aber immer mehr und mehr kamen auch solche Persönlichkeiten herauf, die sich sagten: Das, was die alte Weisheit gibt, was sie über den Kosmos auseinandersetzt, ist nicht zu vereinigen mit dem, was, wie aus einem neuen Zentrum heraus, aufblüht durch das Mysterium von Golgatha. — Eine solche Persönlichkeit, die so empfand, war im 6. Jahrhundert der oströmische Kaiser Justinian, und die Taten des Justinian — er herrschte vom Jahre 527 bis zum Jahre 565 — sind gerade unter diesem Gesichtspunkte zu begreifen. Man muß ihn so auffassen, daß er durch die ganze Art, wie er in seine Zeit hineingewachsen war, empfand, daß etwas Neues in der Welt war. Daneben kam in diese neue Welt herein das, was überliefert war aus der alten Zeit. Nehmen wir nur drei Dinge, die überliefert waren aus der alten Zeit.
[ 47 ] But more and more, figures began to emerge who said to themselves: What the ancient wisdom offers—what it expounds about the cosmos—cannot be reconciled with what is blossoming, as if from a new center, through the Mystery of Golgotha. — One such figure who felt this way was the Eastern Roman Emperor Justinian in the 6th century, and Justinian’s deeds—he reigned from 527 to 565—must be understood precisely from this perspective. One must view him as having sensed, through the very way he had grown into his time, that something new was in the world. Alongside this, what had been handed down from ancient times entered this new world. Let us take just three things that had been handed down from ancient times.
[ 48 ] Es war ja längst, fünf bis sechs Jahrhunderte, Rom von Kaisern beherrscht gewesen. Aber es hatte fortbestanden wie ein Schatten der alten Zeit in Rom eigentlich immer die Konsulnwürde; die Konsuln waren noch immer gewählt worden. Wenn man nun mit den Augen des Justinian diese Wahlen der Konsuln anschaute, so sah man darin etwas, was keinen Sinn mehr hatte, was wohl einen Sinn gehabt hatte zur Zeit der römischen Republik, was aber jetzt ganz ohne Sinn war. Daher schaffte er die Konsulnwürde ab. Das war das erste.
[ 48 ] Rome had, after all, been ruled by emperors for a long time—five to six centuries. But the office of consul had actually always persisted in Rome as a shadow of the old days; the consuls were still being elected. If one were to view these consular elections through the eyes of Justinian, one would see in them something that no longer made sense—something that had certainly made sense during the time of the Roman Republic, but which was now completely meaningless. Therefore, he abolished the office of consul. That was the first step.
[ 49 ] Das zweite war, daß die athenischen, die griechischen Schulen noch immer vorhanden waren. In diesen lehrte man die alte Mysterienweisheit, die enthielt ein viel höheres Weisheitsgut als dasjenige war, zu dem man jetzt gekommen war unter dem Einfluß des Mysteriums von Golgatha. Aber diese alte Mysterienweisheit enthielt nichts über das Mysterium von Golgatha. Daher schloß Justinian die alten griechischen Philosophenschulen.
[ 49 ] The second was that the Athenian and Greek schools still existed. In these, the ancient wisdom of the mysteries was taught, which contained a much higher treasure of wisdom than that which had now been attained under the influence of the Mystery of Golgotha. But this ancient mystery wisdom contained nothing about the Mystery of Golgotha. Therefore, Justinian closed the ancient Greek philosophical schools.
[ 50 ] Origenes, der Kirchenlehrer, war ebenso in dem bewandert, was mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhing, wie er auch noch darinnen stand in der alten Weisheit, wenn auch nicht als stark Eingeweihter, so doch in hohem Maße als Wissender. Er hatte amalgamiert in seinem Weltbilde das Christus-Ereignis mit dem Weltbilde der alten Weisheit; er suchte durch sie auch dieses Christus-Ereignis zu begreifen. Das ist gerade das Interessante an der Weltanschauung des Origenes, daß er einer derjenigen war, die am meisten im Sinne der alten Mysterienweisheit das Mysterium von Golgatha zu begreifen suchten. Und Justinian hat viel dazu beigetragen, daß gerade Origenes verdammt worden ist von der katholischen Kirche. Das war die dritte Tat.
[ 50 ] Origen, the Church Father, was just as well versed in matters related to the Mystery of Golgotha as he was in the ancient wisdom; though not a deeply initiated initiate, he was nonetheless highly knowledgeable in these matters. He had fused the Christ event with the worldview of ancient wisdom in his own worldview; he also sought to understand this Christ event through it. This is precisely what is so interesting about Origen’s worldview: that he was one of those who sought most earnestly to understand the Mystery of Golgotha in the spirit of the ancient mystery wisdom. And Justinian played a major role in ensuring that Origen, of all people, was condemned by the Catholic Church. That was the third act.
[ 51 ] Augustus war die erste Etappe (Zeichnung Seite 201, Strich), Justinian war die zweite Etappe in diesem Sinne. So scheidet von der alten Zeit sich die neuere Zeit, die, insofern das Abendland in Betracht kommt, kein Verständnis mehr hatte für die Mysterienweisheit, die ja in den griechischen Philosophenschulen noch immer fortgelebt hatte. Diese neuere Zeit mußte sich nach und nach immer weiter hineinarbeiten in ein Aufblühenmachen derjenigen Menschheitsströmung, die von dem Mysterium von Golgatha ausging. So kam es, daß der neueren Menschheit, eben mit dem Verdammen des Origenes, mit dem Schließen der griechischen Philosophenschulen wirklich Unendliches verlorengegangen ist an altem spirituellem Weisheitsgut. Die weiteren Jahrhunderte des Mittelalters haben ja dann zum größten Teile gearbeitet mit Aristoteles, der aus dem menschlichen Verstande heraus versuchte das alte Weisheitsgut umzugießen. Plato hat es noch genommen aus den alten Mysterien. Aristoteles — er ist gewiß unendlich viel tiefer als heutige Philosophen — hat seine Weisheit nicht als Mysteriengut betrachtet, sondern er wollte sie begreifen mit dem menschlichen Verstande. Es war also ein Zurückstoßen der alten Mysterienweisheit, was man damals in besonderem Maße pflegte.
[ 51 ] Augustus represented the first stage (drawing on page 201, line drawing), and Justinian represented the second stage in this sense. Thus the modern era is distinguished from antiquity; an era which, as far as the West is concerned, no longer had any understanding of the wisdom of the mysteries, which had indeed continued to live on in the Greek philosophical schools. This modern era had to gradually work its way deeper and deeper into fostering the flourishing of that current of humanity that sprang from the Mystery of Golgotha. Thus it came to pass that, precisely with the condemnation of Origen and the closing of the Greek philosophical schools, modern humanity truly lost an infinite amount of the ancient spiritual heritage of wisdom. The subsequent centuries of the Middle Ages then worked for the most part with Aristotle, who attempted to recast the ancient heritage of wisdom from the perspective of human reason. Plato still drew upon the ancient mysteries. Aristotle—who is certainly infinitely deeper than today’s philosophers—did not regard his wisdom as a mystery tradition, but sought to comprehend it through human reason. It was thus a rejection of the ancient mystery wisdom that was particularly prevalent at that time.
[ 52 ] Alles das hängt zusammen damit, daß sich in der neueren Zeit eben dieser Zustand herausgebildet hat, den ich, im Eingange des heutigen Vortrages geschildert habe. Würden die griechischen Philosophenschulen nicht geschlossen worden sein — solch einen Satz spricht man aus, aber selbstverständlich empfindet man es trotzdem als eine Notwendigkeit, daß die griechischen Philosophenschulen geschlossen worden sind; das ist kein Tadel, sondern hängt zusammen mit der charakterisierten Entwickelung —, würden diese griechischen Philosophenschulen nicht geschlossen worden sein, so würden wir den lebendigen Plato bekommen haben, nicht jenen toten Platonismus der neueren Zeit, den dann die Renaissance heraufgebracht hat, und der ein greuliches Mißverständnis des wirklichen lebendigen Plato ist. Obwohl dieser mißverstandene Plato noch etwas recht Schönes ist, etwas recht Großes ist, ist er dennoch ein schauerliches Mißverständnis des alten lebendigen Plato. Und wenn man in der Renaissancezeit geglaubt hat, etwas vom Plato wirklich zu besitzen, so bewies man damit nur, daß man eben gar keine Empfindung hatte für das, was der alte Plato in sich hatte, und daß man sich so begnügte mit jenem verstrohten Elemente, das die Renaissancezeit aus dem Plato herübergenommen hat.
[ 52 ] All of this is connected to the fact that, in recent times, precisely this situation has emerged—the one I described at the beginning of today’s lecture. If the Greek philosophical schools had not been closed—one might say this, but of course one nevertheless feels it was necessary that the Greek philosophical schools be closed; this is not a criticism, but is connected to the development I have described—if these Greek philosophical schools had not been closed, we would have had the living Plato, not that dead Platonism of modern times, which the Renaissance then brought about, and which is a dreadful misunderstanding of the real, living Plato. Although this misunderstood Plato is still something quite beautiful, something quite great, he is nonetheless a dreadful misunderstanding of the old, living Plato. And if people in the Renaissance believed they truly possessed something of Plato, they thereby proved only that they had absolutely no sense of what the ancient Plato possessed within himself, and that they were thus content with that scattered element that the Renaissance period had taken from Plato.
[ 53 ] Heute begnügt man sich mit noch viel weniger aus dem Platonismus. Da sehen wir ein gewisses Wegführen unserer Gedanken- und Vorstellungswelt von dem eigenen Inneren; und dadurch entstand dieses Gefühl, das ich im Eingange des Vortrages charakterisiert habe: daß man bei den Gedanken das Gefühl hat, sie bilden eigentlich nur äußere Gegenstände ab, wirken nicht im Innern. Dies schreibt sich in gewissem Sinne erst davon her, daß man das alte Gefühl vom Erhalten des lebendigen Lebens und Webens der Gedanken im Menschen, mit dem Schließen der Philosophenschulen durch Justinian, weggetrieben hat.
[ 53 ] Today, we make do with even less from Platonism. We see a certain shift in our world of thought and imagination away from our own inner selves; and this has given rise to the feeling I described at the beginning of this lecture: that when we think, we have the sense that our thoughts merely represent external objects and do not operate within us. In a certain sense, this stems from the fact that the ancient sense of the living vitality and weaving of thoughts within human beings was driven away with the closure of the philosophical schools by Justinian.
[ 54 ] Das ist das eine, warum es schwierig ist, verstanden zu werden, wenn man von Geisteswissenschaft heute spricht: Die europäische Menschheit hat keine richtige Stellung mehr zu ihren Gedanken.
[ 54 ] That is one reason why it is difficult to be understood when speaking of Spiritual Science today: European humanity no longer has a proper relationship to its own thoughts.
[ 55 ] Ein anderes aber ist nun in der Menschenseele die Gefühlswelt und die Willenswelt. Das Vorstellungsmäßige und das GedankenmäRige ist auf der einen Seite da; das Gefühls- und das Willensmäßige auf der anderen Seite. Über dieses Gefühls- und Willensmäßige ist dann nur noch schwieriger zu sprechen. Die Gedanken sieht der Mensch an als etwas, was von da draußen etwas abbildet. Wie das lebendig mit ihm zusammenhängt, dafür hat der moderne Mensch kein richtiges Gefühl mehr. Die Gefühlswelt und die Willenswelt sieht der Mensch heute, der abendländische Mensch besonders, so etwa an, als ob sie ganz allein nur in seiner Seele wirkte, als ob sie ganz darinnen wäre. Es ist mit der Gefühlswelt das Entgegengesetzte gegenüber der Gedankenwelt: der Gedankenwelt wird man mehr sich so bewußt, als ob sie abbilden sollte ein Äußeres; bei der Gefühlswelt hat man gar nicht mehr die Empfindung, daß man mit ihr in dem darinnen steht, worin man wirklich stehen könnte, wenn man das Reale, das Seiende der Gefühlswelt erfaßte. Nämlich in dieser Gefühlswelt lebt auch der Kosmos. Und während man als Mensch der europäischen Welt vergessen hat, daß die Gedankenwelt im Innern wirkt, hat man bei der Gefühlswelt vergessen, daß das, was man fühlt und will, auch draußen ist. Beim Gedanken hat man das Innere verloren; bei der Gefühlswelt hat man das Äußere verloren. Man merkt keinen Zusammenhang mehr zwischen dem Gefühle und dem, was sich im Kosmos ausbreitet.
[ 55 ] But the world of feeling and the world of will are something else entirely in the human soul. On the one hand, there is the realm of imagination and thought; on the other, the realm of feeling and will. It is even more difficult to speak about this realm of feeling and will. People regard thoughts as something that reflects the outside world. Modern people no longer have a true sense of how this is vividly connected to them. Today, people—especially Westerners—tend to view the world of feeling and the world of will as if they were active solely within their own souls, as if they were entirely contained within them. The world of feeling is the opposite of the world of thought: one becomes more aware of the world of thought as if it were meant to reflect an external reality; in the world of feeling, one no longer has the sense of standing within it—in the very place where one could truly stand if one grasped the reality, the actual existence, of the world of feeling. For the cosmos also lives within this world of feeling. And while we as people of the European world have forgotten that the world of thought operates within us, we have forgotten, in the case of the world of feeling, that what we feel and will also exists outside us. In the case of thought, we have lost the inner aspect; in the case of the world of feeling, we have lost the outer aspect. We no longer perceive any connection between our feelings and what unfolds in the cosmos.
[ 56 ] Das ist dadurch geworden, daß wiederum gewisse Geister, jetzt aus der Hierarchie der Archangeloi, schon früher nicht mitmachen wollten die Abtrennung des Mondes; sie blieben bei der fortlaufenden Sonnenentwickelung. Gewisse Erzengelwesenheiten, die während der Sonnenentwickelung es bis zur Menschheitsstufe gebracht hatten, wollten nun bei der Mondentwickelung die Abspaltung des Mondes von der Sonne nicht mitmachen: sie blieben bei der Sonne, sie gingen nicht hinaus mit dem Monde. Dadurch sind diese Geister in luziferische Entwickelungsbahnen hineingelangt. Die leben jetzt in unseren Gefühlen und machen, daß wir nicht heraus wollen aus uns; die wollen in uns bleiben, sie wollen nicht heraus aus unseren Gefühlen.
[ 56 ] This came about because certain spirits—this time from the hierarchy of the Archangels—had previously refused to participate in the separation of the Moon; they remained with the ongoing evolution of the Sun. Certain archangelic beings, who had advanced to the human stage during the Sun’s evolution, now refused to participate in the separation of the Moon from the Sun during the Moon’s evolution: they remained with the Sun; they did not go out with the Moon. As a result, these spirits entered into Luciferic paths of evolution. They now live within our feelings and prevent us from wanting to step outside of ourselves; they want to remain within us; they do not want to leave our feelings.
[ 57 ] Den Punkt, den ich jetzt hiermit angedeutet habe, behalten wir bis morgen im Auge. Was wir heute gesagt haben, haben wir gesagt über die Tatsache, daß wir keine richtige Stellung finden können gegenüber der Gedankenwelt. Morgen werden wir zeigen, wie wir keine richtige Stellung finden können gegenüber der Gefühlswelt, und wie sich dann das Mysterium von Golgatha gerade zu dieser Gefühlswelt verhält, und welches wiederum unsere Aufgaben sind in bezug auf diese Gefühlswelt, wie wir sie haben: daß wir streben müssen nach einem Musikalischwerden unserer Weltanschauung durch die rechtmäßige Erfassung dessen, was unser Gedankenleben ist.
[ 57 ] Let’s keep the point I’ve just touched on here in mind until tomorrow. What we’ve said today concerns the fact that we cannot find a proper stance toward the world of thought. Tomorrow we will show how we cannot find the right stance toward the world of feeling, and how the Mystery of Golgotha relates precisely to this world of feeling, and what, in turn, our tasks are with regard to this world of feeling as we experience it: that we must strive to make our worldview more musical through the proper grasp of what our life of thought is.
