Chance, Necessity, and Providence
Imaginative Insight and Processes after Death
GA 163
23 August 1915, Dornach
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Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung
Erster Vortrag
Erster Vortrag
[ 1 ] Es wird heute meine Aufgabe sein, davon zu sprechen, inwiefern es für den Menschen schwierig ist, im gewöhnlichen menschlichen Gedankengang den Faden der Wahrheit aufrechtzuerhalten. Ich möchte eine Vorstellung davon hervorrufen, wie es einem nicht leicht gelingt, wenn man einen Gedankengang fortspinnt, wirklich alle Faktoren so ins Auge zu fassen, daß die Art, wie man den Gedankengang verfolgt, nicht abirrt von der Richtigkeit, wie leicht einem gleichsam der Faden des Richtigen entschlüpft, indem man einen Gedankengang fortspinnt. Es wird ja gewiß eine solche Betrachtung, wie ich sie heute anzustellen gedenke, für uns zu den schwierigeren gehören. Aber es hat für uns auch in gewisser Beziehung einen inneren moralischen Wert, sich einmal klar zu sein darüber, daß das Auffinden der Wahrheit schwierig ist, und daß man sehr leicht abirren kann, wenn man einen Gedanken fortsetzt, um durch strenge logische Schlußfolgerung zur Wahrheit zu kommen. Sie werden sehen, daß dasjenige, was ich Ihnen heute zu sagen habe, uns leichter machen wird, gewisse Dinge, die wir im zweiten Vortrage werden zu besprechen haben, zu verstehen. Ich werde dann zu Ihnen zu sprechen haben über die wichtigen Begriffe Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung. Und da möchte ich heute eine Einleitung geben, die, wenn sie auch schwieriger ist, uns doch etwas wird geben können, was nicht nur wichtig und bedeutungsvoll ist dadurch, daß wir uns theoretisch hineinfinden, sondern auch insofern, als wir uns dadurch gewissermaßen ein Gefühl von der Art des Suchens nach der Wahrheit verschaffen können.
[ 1 ] Es wird heute meine Aufgabe sein, davon zu sprechen, inwiefern es für den Menschen schwierig ist, im gewöhnlichen menschlichen Gedankengang den Faden der Wahrheit aufrechtzuerhalten. Ich möchte eine Vorstellung davon hervorrufen, wie es einem nicht leicht gelingt, wenn man einen Gedankengang fortspinnt, wirklich alle Faktoren so ins Auge zu fassen, daß die Art, wie man den Gedankengang verfolgt, nicht abirrt von der Richtigkeit, wie leicht einem gleichsam der Faden des Richtigen entschlüpft, indem man einen Gedankengang fortspinnt. Es wird ja gewiß eine solche Betrachtung, wie ich sie heute anzustellen gedenke, für uns zu den schwierigeren gehören. Aber es hat für uns auch in gewisser Beziehung einen inneren moralischen Wert, sich einmal klar zu sein darüber, daß das Auffinden der Wahrheit schwierig ist, und daß man sehr leicht abirren kann, wenn man einen Gedanken fortsetzt, um durch strenge logische Schlußfolgerung zur Wahrheit zu kommen. Sie werden sehen, daß dasjenige, was ich Ihnen heute zu sagen habe, uns leichter machen wird, gewisse Dinge, die wir im zweiten Vortrage werden zu besprechen haben, zu verstehen. Ich werde dann zu Ihnen zu sprechen haben über die wichtigen Begriffe Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung. Und da möchte ich heute eine Einleitung geben, die, wenn sie auch schwieriger ist, uns doch etwas wird geben können, was nicht nur wichtig und bedeutungsvoll ist dadurch, daß wir uns theoretisch hineinfinden, sondern auch insofern, als wir uns dadurch gewissermaßen ein Gefühl von der Art des Suchens nach der Wahrheit verschaffen können.
[ 2 ] Ich habe schon öfter in Anknüpfung an verschiedenes erwähnt, daß es in unserer Zeit einen Philosophen gibt, Fritz Mauthner, der eine «Kritik der Sprache» geschrieben hat. Es sollte durch diese «Kritik der Sprache» für unsere Zeit etwas noch Richtigeres geschaffen werden, als was schon seinerzeit Kant durch seine «Kritik der reinen Vernunft» geschaffen hat. Denn Fritz Mauthner glaubt — so könnte man das ausdrücken — nicht mehr daran, daß die Menschen ihre Erkenntnisse suchen durch Begriffe, sondern er glaubt, daß es im Grunde genommen nur die Sprache ist, an deren Faden die Menschen ihre Erkenntnisse spinnen, daß die Menschen, indem sie denken, eigentlich nicht wirkliche Begriffe haben, sondern die Überlieferung der Worte, und daß sie bei den Worten gewissermaßen Hinweise haben auf dies oder jenes. Mauthner glaubt, daß die Menschen bei den Worten ein gewisses inneres Erlebnis haben, wortgläubig werden, ihre Worte gewissermaßen zusammenwürfeln, zusammensetzen, und sich Erkenntnisse verschaffen durch dieses Würfeln der Worte. Das ist eine vollständige Verkennung des ganzen Erkenntnisprozesses, aber etwas, was ganz notwendig einmal herauskommen mußte in einem Zeitalter, das so wie das unsere zu der ärgsten Konsequenz des Materialismus sich hindurcharbeitet.
[ 2 ] Ich habe schon öfter in Anknüpfung an verschiedenes erwähnt, daß es in unserer Zeit einen Philosophen gibt, Fritz Mauthner, der eine «Kritik der Sprache» geschrieben hat. Es sollte durch diese «Kritik der Sprache» für unsere Zeit etwas noch Richtigeres geschaffen werden, als was schon seinerzeit Kant durch seine «Kritik der reinen Vernunft» geschaffen hat. Denn Fritz Mauthner glaubt — so könnte man das ausdrücken — nicht mehr daran, daß die Menschen ihre Erkenntnisse suchen durch Begriffe, sondern er glaubt, daß es im Grunde genommen nur die Sprache ist, an deren Faden die Menschen ihre Erkenntnisse spinnen, daß die Menschen, indem sie denken, eigentlich nicht wirkliche Begriffe haben, sondern die Überlieferung der Worte, und daß sie bei den Worten gewissermaßen Hinweise haben auf dies oder jenes. Mauthner glaubt, daß die Menschen bei den Worten ein gewisses inneres Erlebnis haben, wortgläubig werden, ihre Worte gewissermaßen zusammenwürfeln, zusammensetzen, und sich Erkenntnisse verschaffen durch dieses Würfeln der Worte. Das ist eine vollständige Verkennung des ganzen Erkenntnisprozesses, aber etwas, was ganz notwendig einmal herauskommen mußte in einem Zeitalter, das so wie das unsere zu der ärgsten Konsequenz des Materialismus sich hindurcharbeitet.
[ 3 ] Wodurch Fritz Mauthner zu einer solchen Ansicht kommt, davon möchte ich Ihnen heute eigentlich nur ein Gefühl geben, das ich dadurch hervorrufen will, daß ich Ihnen eine Stelle vorlese aus Fritz Mauthners «Wörterbuch der Philosophie», das er später geschrieben hat als seine «Kritik der Sprache», und zwar eine Stelle aus der Abhandlung über das Wort «Zufall»; denn wir werden ja gerade über «Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung» zu sprechen haben. Sie können an der Stelle, die ich Ihnen vorlese, sehen, wie das Zeitalter des Materialismus über gewisse Dinge allmählich, ich möchte sagen, sprechen gelernt hat. Ich möchte, indem ich diese Stelle zunächst vorlese, in Ihnen weniger irgendein Theoretisches nach der einen oder anderen Seite anschlagen, sondern ich möchte, daß Sie Ihr Fühlen, Ihr Empfinden fragen, wie eben so etwas sich erleben läßt, was ein materialistischer Philosoph der Gegenwart in einem solchen Zusammenhange sagt. Ich möchte, daß Sie sich ein Gefühl verschaffen von der Art, wie er spricht. Er sagt in dem Artikel «Zufall» : «Und es hieße wahrhaftig zum Kinde werden, das aus seinem Wunderknäuel die Überraschungen abwickelt, die ein gütiger Fabrikant hineingewickelt hat.» Er meint, wenn man so alles Zufällige ansieht, so hieße das zum Kinde werden, das wie aus einem Wunderknäuel die Überraschungen abwickelt, die ein gütiger Fabrikant hineingewickelt hat! «Wollte man nach Spinoza, Hume, Kant und Schopenhauer immer noch den lieben Gott bemühen... .», meint er. Wollte man die Welt so erklären, daß man dabei den lieben Gott bemüht, so gliche man heute dem Kinde, das von einem Wunderknäuel so nach und nach abwickelt dasjenige, was ein gütiger Fabrikant ihm in denselben hineingewoben hat. Es wickelt ab; da kommt ein Schönes nach dem anderen heraus. So also kommt einem, meint Mauthner, derjenige vor, der den lieben Gott bemüht, indem er ihn der Welt zugrunde legt, um die Welterscheinungen weisheitsvoll zu erklären. Und er redet in folgender Weise: «Wollte man nach Spinoza, Hume, Kant und Schopenhauer den lieben Gott bemühen, Schopenhauers alten Juden» — also, er nennt den lieben Gott «Schopenhauers alten Juden», weil schon die Bezeichnung «Gott der Christen» ihm unrichtig erscheint — «um diese Verwirrung von Zufall und Zweck zu entwirren.»
[ 3 ] Wodurch Fritz Mauthner zu einer solchen Ansicht kommt, davon möchte ich Ihnen heute eigentlich nur ein Gefühl geben, das ich dadurch hervorrufen will, daß ich Ihnen eine Stelle vorlese aus Fritz Mauthners «Wörterbuch der Philosophie», das er später geschrieben hat als seine «Kritik der Sprache», und zwar eine Stelle aus der Abhandlung über das Wort «Zufall»; denn wir werden ja gerade über «Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung» zu sprechen haben. Sie können an der Stelle, die ich Ihnen vorlese, sehen, wie das Zeitalter des Materialismus über gewisse Dinge allmählich, ich möchte sagen, sprechen gelernt hat. Ich möchte, indem ich diese Stelle zunächst vorlese, in Ihnen weniger irgendein Theoretisches nach der einen oder anderen Seite anschlagen, sondern ich möchte, daß Sie Ihr Fühlen, Ihr Empfinden fragen, wie eben so etwas sich erleben läßt, was ein materialistischer Philosoph der Gegenwart in einem solchen Zusammenhange sagt. Ich möchte, daß Sie sich ein Gefühl verschaffen von der Art, wie er spricht. Er sagt in dem Artikel «Zufall» : «Und es hieße wahrhaftig zum Kinde werden, das aus seinem Wunderknäuel die Überraschungen abwickelt, die ein gütiger Fabrikant hineingewickelt hat.» Er meint, wenn man so alles Zufällige ansieht, so hieße das zum Kinde werden, das wie aus einem Wunderknäuel die Überraschungen abwickelt, die ein gütiger Fabrikant hineingewickelt hat! «Wollte man nach Spinoza, Hume, Kant und Schopenhauer immer noch den lieben Gott bemühen... .», meint er. Wollte man die Welt so erklären, daß man dabei den lieben Gott bemüht, so gliche man heute dem Kinde, das von einem Wunderknäuel so nach und nach abwickelt dasjenige, was ein gütiger Fabrikant ihm in denselben hineingewoben hat. Es wickelt ab; da kommt ein Schönes nach dem anderen heraus. So also kommt einem, meint Mauthner, derjenige vor, der den lieben Gott bemüht, indem er ihn der Welt zugrunde legt, um die Welterscheinungen weisheitsvoll zu erklären. Und er redet in folgender Weise: «Wollte man nach Spinoza, Hume, Kant und Schopenhauer den lieben Gott bemühen, Schopenhauers alten Juden» — also, er nennt den lieben Gott «Schopenhauers alten Juden», weil schon die Bezeichnung «Gott der Christen» ihm unrichtig erscheint — «um diese Verwirrung von Zufall und Zweck zu entwirren.»
[ 4 ] Sie sehen, in welche Sprache der Materialist allmählich verfällt, wenn er sich ernst nimmt. Es ist ja gewiß, daß sehr viele den Materialismus, der immer zugleich Atheismus sein muß, nicht viel ernster nehmen als derjenige, der gesagt hat: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist! — Aber diejenigen, die ernst nehmen den Atheismus, die müssen zu gleicher Zeit alles dasjenige, was eine Vorsehung oder dergleichen bemüht, eigentlich heute schon verspotten. Denn es gibt kaum eine andere Möglichkeit, wenn man auf dem Boden des Materialismus steht.
[ 4 ] Sie sehen, in welche Sprache der Materialist allmählich verfällt, wenn er sich ernst nimmt. Es ist ja gewiß, daß sehr viele den Materialismus, der immer zugleich Atheismus sein muß, nicht viel ernster nehmen als derjenige, der gesagt hat: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist! — Aber diejenigen, die ernst nehmen den Atheismus, die müssen zu gleicher Zeit alles dasjenige, was eine Vorsehung oder dergleichen bemüht, eigentlich heute schon verspotten. Denn es gibt kaum eine andere Möglichkeit, wenn man auf dem Boden des Materialismus steht.
[ 5 ] Nun möchte ich Ihnen den Fritz Mauthner aus dem Grunde vorführen, weil er, trotzdem er unsere Empfindungen, unsere Gefühle in der tiefsten Weise verletzen muß, doch im heutigen materialistischen Sinne ein ehrlicher, aufrichtiger Wahrheitssucher ist, weil das alles, was er da macht, ehrlich ist. Ich will also nicht irgendeinen bekämpfen, der von Amts wegen philosophiert oder dergleichen, sondern einen, der wenigstens das Philosophieren innerlich zu seinem Beruf gemacht hat aus einem ganz anderen äußeren Beruf heraus, und der sich auch eine gewisse Gelehrsamkeit angeeignet hat. Denn dasjenige, was man heute so sehr vermißt, wenn Weltanschauungen aufgebaut werden, das ist ja der Ernst, der darin bestehen würde, sich wirklich zu vertiefen in die Leistungen, die die verschiedenen Wissenschaften bis zur Gegenwart herauf zustande gebracht haben. Dieser Fritz Mauthner ist wirklich ein gelehrter Herr geworden, so daß ich imstande bin, indem ich von ihm ausgehe, indem ich Ihnen die Schwierigkeiten des Wahrheitssuchens darlegen werde, immerhin zu fußen auf dem Gedankengange eines sehr gelehrten und sehr gescheiten Menschen. Also, ich möchte nicht jeden Beliebigen aufrufen, sondern einen sehr gelehrten und sehr gescheiten Menschen.
[ 5 ] Nun möchte ich Ihnen den Fritz Mauthner aus dem Grunde vorführen, weil er, trotzdem er unsere Empfindungen, unsere Gefühle in der tiefsten Weise verletzen muß, doch im heutigen materialistischen Sinne ein ehrlicher, aufrichtiger Wahrheitssucher ist, weil das alles, was er da macht, ehrlich ist. Ich will also nicht irgendeinen bekämpfen, der von Amts wegen philosophiert oder dergleichen, sondern einen, der wenigstens das Philosophieren innerlich zu seinem Beruf gemacht hat aus einem ganz anderen äußeren Beruf heraus, und der sich auch eine gewisse Gelehrsamkeit angeeignet hat. Denn dasjenige, was man heute so sehr vermißt, wenn Weltanschauungen aufgebaut werden, das ist ja der Ernst, der darin bestehen würde, sich wirklich zu vertiefen in die Leistungen, die die verschiedenen Wissenschaften bis zur Gegenwart herauf zustande gebracht haben. Dieser Fritz Mauthner ist wirklich ein gelehrter Herr geworden, so daß ich imstande bin, indem ich von ihm ausgehe, indem ich Ihnen die Schwierigkeiten des Wahrheitssuchens darlegen werde, immerhin zu fußen auf dem Gedankengange eines sehr gelehrten und sehr gescheiten Menschen. Also, ich möchte nicht jeden Beliebigen aufrufen, sondern einen sehr gelehrten und sehr gescheiten Menschen.
[ 6 ] Ich muß nun, indem ich Ihnen gerade an einem sehr bestimmten Falle bei Fritz Mauthner zeige, wie schwer sozusagen das Wahrheitssuchen ist, von einem einfachen Begriffe ausgehen. Sie wissen ja alle, daß es jetzt schon seit langer Zeit dasjenige gibt, was man die Wahrscheinlichkeitsrechnung nennt. Man kann in ganz einfacher Weise begreifen, welches Prinzip die Wahrscheinlichkeitsrechnung verfolgt. Nehmen Sie zum Beispiel an, Sie haben einen Würfel. Ich will gewiß niemand zum Würfelspiel verleiten, aber nehmen Sie an, Sie haben einen Würfel. Sie wissen: ein Würfel ist so angeordnet, daß auf einer Seite ein Auge steht, auf der anderen Seite zwei Augen stehen und so weiter bis zu sechs Augen, denn der Würfel hat sechs Seiten. Nun, wenn man einen solchen Würfel nimmt und mit ihm würfelt, so kann er zunächst jede Seite zeigen. Sechs Fälle sind also möglich. Man kann nun die Frage aufwerfen: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß eine bestimmte Seite, sagen wir also die Sechs, fällt? Man kann diese Frage wirklich aufwerfen: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß gerade eine Sechs fällt, wenn ich einen Würfelbecher umkehre und den Würfel hinwerfe? — Nun rechnet der Mathematiker so und sagt: Sechs Fälle sind möglich. Daß auf einem hingeworfenen Würfel eine Sechs fällt, davon ist die Wahrscheinlichkeit ein Sechstel. — Sie sehen, um wieviel kleiner die Wahrscheinlichkeit ist als eine Gewißheit. Damit irgendein Ereignis gewiß sein würde, da müßten sechs Fälle möglich sein, sechs Fälle wirklich werden können; da müßten der Zähler und der Nenner gleich sein. Die Gewißheit würde gleich sein der Eins (6/6 = 1). Also sechsmal kleiner ist bei einem bloß hingeworfenen Würfel die Wahrscheinlichkeit als die Gewißheit. — Man kann nun weiter fragen: Wenn ich aber zwei Würfel habe in dem Würfelbecher, wie groß ist denn dann die Wahrscheinlichkeit, daß, indem ich die zwei Würfel hinwerfe, zwei Sechs geworfen werden? Diese Wahrscheinlichkeit kann man auch ausrechnen. Sie ist 1 gebrochen durch 36 (durch 6 x 6). Die Wahrscheinlichkeit ist also 1/36, weil nämlich 36 Fälle möglich sind. Diese 36 Fälle bekommen Sie heraus, wenn Sie so denken: Mit einem Würfel kann eine 1 geworfen werden, mit einer 1 des anderen Würfels zusammen, mit einer 2, 3, 4, 5 oder 6 zusammen, das gibt schon sechs Möglichkeiten. Jetzt kann die zweite Seite des Würfels mit der 1, 2, 3, 4, 5, 6 zusammen geworfen werden und so weiter; dann bekommen Sie 36 mögliche Würfe heraus. Daß Sie gerade einen bestimmten herauskriegen, davon ist die Wahrscheinlichkeit 1/36. Würden Sie die Wahrscheinlichkeit ausrechnen wollen, mit drei Würfeln drei Sechs zu werfen, dann würden Sie diese Wahrscheinlichkeit so bekommen: l/6 x 1/6 x 1/6 = 1/216. Das ist also schon eine sehr kleine Wahrscheinlichkeit. Die Wahrscheinlichkeit wird immer geringer, je mehr Fälle möglich sind; daß ein Fall wirklich wird, das ist um so unwahrscheinlicher, je mehr Fälle möglich sind.
[ 6 ] Ich muß nun, indem ich Ihnen gerade an einem sehr bestimmten Falle bei Fritz Mauthner zeige, wie schwer sozusagen das Wahrheitssuchen ist, von einem einfachen Begriffe ausgehen. Sie wissen ja alle, daß es jetzt schon seit langer Zeit dasjenige gibt, was man die Wahrscheinlichkeitsrechnung nennt. Man kann in ganz einfacher Weise begreifen, welches Prinzip die Wahrscheinlichkeitsrechnung verfolgt. Nehmen Sie zum Beispiel an, Sie haben einen Würfel. Ich will gewiß niemand zum Würfelspiel verleiten, aber nehmen Sie an, Sie haben einen Würfel. Sie wissen: ein Würfel ist so angeordnet, daß auf einer Seite ein Auge steht, auf der anderen Seite zwei Augen stehen und so weiter bis zu sechs Augen, denn der Würfel hat sechs Seiten. Nun, wenn man einen solchen Würfel nimmt und mit ihm würfelt, so kann er zunächst jede Seite zeigen. Sechs Fälle sind also möglich. Man kann nun die Frage aufwerfen: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß eine bestimmte Seite, sagen wir also die Sechs, fällt? Man kann diese Frage wirklich aufwerfen: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß gerade eine Sechs fällt, wenn ich einen Würfelbecher umkehre und den Würfel hinwerfe? — Nun rechnet der Mathematiker so und sagt: Sechs Fälle sind möglich. Daß auf einem hingeworfenen Würfel eine Sechs fällt, davon ist die Wahrscheinlichkeit ein Sechstel. — Sie sehen, um wieviel kleiner die Wahrscheinlichkeit ist als eine Gewißheit. Damit irgendein Ereignis gewiß sein würde, da müßten sechs Fälle möglich sein, sechs Fälle wirklich werden können; da müßten der Zähler und der Nenner gleich sein. Die Gewißheit würde gleich sein der Eins (6/6 = 1). Also sechsmal kleiner ist bei einem bloß hingeworfenen Würfel die Wahrscheinlichkeit als die Gewißheit. — Man kann nun weiter fragen: Wenn ich aber zwei Würfel habe in dem Würfelbecher, wie groß ist denn dann die Wahrscheinlichkeit, daß, indem ich die zwei Würfel hinwerfe, zwei Sechs geworfen werden? Diese Wahrscheinlichkeit kann man auch ausrechnen. Sie ist 1 gebrochen durch 36 (durch 6 x 6). Die Wahrscheinlichkeit ist also 1/36, weil nämlich 36 Fälle möglich sind. Diese 36 Fälle bekommen Sie heraus, wenn Sie so denken: Mit einem Würfel kann eine 1 geworfen werden, mit einer 1 des anderen Würfels zusammen, mit einer 2, 3, 4, 5 oder 6 zusammen, das gibt schon sechs Möglichkeiten. Jetzt kann die zweite Seite des Würfels mit der 1, 2, 3, 4, 5, 6 zusammen geworfen werden und so weiter; dann bekommen Sie 36 mögliche Würfe heraus. Daß Sie gerade einen bestimmten herauskriegen, davon ist die Wahrscheinlichkeit 1/36. Würden Sie die Wahrscheinlichkeit ausrechnen wollen, mit drei Würfeln drei Sechs zu werfen, dann würden Sie diese Wahrscheinlichkeit so bekommen: l/6 x 1/6 x 1/6 = 1/216. Das ist also schon eine sehr kleine Wahrscheinlichkeit. Die Wahrscheinlichkeit wird immer geringer, je mehr Fälle möglich sind; daß ein Fall wirklich wird, das ist um so unwahrscheinlicher, je mehr Fälle möglich sind.
[ 7 ] Sie sehen also, daß es möglich ist, in einer gewissen Weise mathematisch formelhaft auszudrücken, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, daß irgendein Ereignis eintritt. Man kann nun das auf alles mögliche anwenden. Ich brauche Ihnen aber nicht mehr als dieses Prinzip hier zu erklären; Sie sehen, daß man in mathematischen Formeln ausdrücken kann, was man fühlt. Fühlen kann man immer, daß es in einem gewissen Grade unwahrscheinlich ist, daß da eine Sechs geworfen wird, aber die Wahrscheinlichkeit ist 1/6, und mit zwei Würfeln ist sie 1/38 und so weiter. Also man kann gewissermaßen solche Gefühle, solche Empfindungen mathematisch ausdrücken.
[ 7 ] Sie sehen also, daß es möglich ist, in einer gewissen Weise mathematisch formelhaft auszudrücken, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, daß irgendein Ereignis eintritt. Man kann nun das auf alles mögliche anwenden. Ich brauche Ihnen aber nicht mehr als dieses Prinzip hier zu erklären; Sie sehen, daß man in mathematischen Formeln ausdrücken kann, was man fühlt. Fühlen kann man immer, daß es in einem gewissen Grade unwahrscheinlich ist, daß da eine Sechs geworfen wird, aber die Wahrscheinlichkeit ist 1/6, und mit zwei Würfeln ist sie 1/38 und so weiter. Also man kann gewissermaßen solche Gefühle, solche Empfindungen mathematisch ausdrücken.
[ 8 ] Nun gibt es einen gewissen Gedankengang, der sich bezieht auf die göttliche Vorsehung. Die Materialisten sagen nämlich etwa das Folgende: Wir wollen den Gedankengang der Gottgläubigen, der Vorsehungsgläubigen einmal vor uns hinstellen. Wie ist der Gedankengang der Vorsehungsgläubigen? Der ist mit Bezug auf die Vorsehung der Welt manchmal der folgende. Die Vorsehungsgläubigen sagen: Nehmen wir etwa den Goetheschen «Faust» oder auch Homers Dichtungen, darauf kommt es nicht an. Der Goethesche «Faust» — was ist er denn zuletzt? — Wenn man nach Art der Materialisten denkt, die die Welt aus Atomen oder Molekülen zusammensetzen, so müßte man eigentlich den ganzen «Faust» zusammengesetzt denken aus Buchstaben, wenn man nicht weiter gehen wollte, aus einzelnen Buchstaben. Nun formulieren solche Leute, die vorsehungsgläubig sind, und die dennoch an Atome und Moleküle glauben, etwa so: Nehmen wir einmal den ganzen «Faust», der besteht aus Buchstaben. Nun denke man sich, man hätte in einem Setzerkasten darinnen alle die Buchstaben, aus denen der ganze «Faust» besteht. Und durch irgendeine Maschinerie — nicht durch irgendeine Weisheit — würden diese Buchstaben hingeworfen. Da fragt nun der Vorsehungsgläubige: Wenn man diese Buchstaben hinwürfe und eine Maschinerie da wäre, die diese Buchstaben so, wie sie hingefallen sind, nebeneinandersetzte, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß da gerade der Goethesche «Faust» zum Vorschein käme? — So fragen sie. Diese Wahrscheinlichkeit ist doch eine wirklich verschwindend geringe, sagen sie. Man kann nicht annehmen, daß, wenn die Buchstaben so beliebig hingeworfen würden, durch irgendeinen Zufall — sehen Sie, da haben wir «seine Majestät den Zufall», wie Voltaire sagt — der Goethesche«Faust» sich auf diese Weise aufzeichnete. Also da das bei Goethes «Faust» nicht der Fall ist, die Welt aber denn doch viel, viel herrlicher zusammengefügt ist, so kann man nicht denken, daß diese Welt ohne Weisheit einfach so hingeworfen wäre. Also muß es eine Vorsehung geben.
[ 8 ] Nun gibt es einen gewissen Gedankengang, der sich bezieht auf die göttliche Vorsehung. Die Materialisten sagen nämlich etwa das Folgende: Wir wollen den Gedankengang der Gottgläubigen, der Vorsehungsgläubigen einmal vor uns hinstellen. Wie ist der Gedankengang der Vorsehungsgläubigen? Der ist mit Bezug auf die Vorsehung der Welt manchmal der folgende. Die Vorsehungsgläubigen sagen: Nehmen wir etwa den Goetheschen «Faust» oder auch Homers Dichtungen, darauf kommt es nicht an. Der Goethesche «Faust» — was ist er denn zuletzt? — Wenn man nach Art der Materialisten denkt, die die Welt aus Atomen oder Molekülen zusammensetzen, so müßte man eigentlich den ganzen «Faust» zusammengesetzt denken aus Buchstaben, wenn man nicht weiter gehen wollte, aus einzelnen Buchstaben. Nun formulieren solche Leute, die vorsehungsgläubig sind, und die dennoch an Atome und Moleküle glauben, etwa so: Nehmen wir einmal den ganzen «Faust», der besteht aus Buchstaben. Nun denke man sich, man hätte in einem Setzerkasten darinnen alle die Buchstaben, aus denen der ganze «Faust» besteht. Und durch irgendeine Maschinerie — nicht durch irgendeine Weisheit — würden diese Buchstaben hingeworfen. Da fragt nun der Vorsehungsgläubige: Wenn man diese Buchstaben hinwürfe und eine Maschinerie da wäre, die diese Buchstaben so, wie sie hingefallen sind, nebeneinandersetzte, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß da gerade der Goethesche «Faust» zum Vorschein käme? — So fragen sie. Diese Wahrscheinlichkeit ist doch eine wirklich verschwindend geringe, sagen sie. Man kann nicht annehmen, daß, wenn die Buchstaben so beliebig hingeworfen würden, durch irgendeinen Zufall — sehen Sie, da haben wir «seine Majestät den Zufall», wie Voltaire sagt — der Goethesche«Faust» sich auf diese Weise aufzeichnete. Also da das bei Goethes «Faust» nicht der Fall ist, die Welt aber denn doch viel, viel herrlicher zusammengefügt ist, so kann man nicht denken, daß diese Welt ohne Weisheit einfach so hingeworfen wäre. Also muß es eine Vorsehung geben.
[ 9 ] Das wäre etwa der Gedankengang eines zugleich mit dem Atomismus der Gegenwart lebenden Menschen, der aber doch gerade wegen der Unmöglichkeit, daß aus einem beliebigen Chaos des Raumes sich selbst die Welt zusammengewürfelt haben sollte, auf die Notwendigkeit einer Vorsehung schließt.
[ 9 ] Das wäre etwa der Gedankengang eines zugleich mit dem Atomismus der Gegenwart lebenden Menschen, der aber doch gerade wegen der Unmöglichkeit, daß aus einem beliebigen Chaos des Raumes sich selbst die Welt zusammengewürfelt haben sollte, auf die Notwendigkeit einer Vorsehung schließt.
[ 10 ] Fritz Mauthner ist nun ein gründlicher Herr, und er hat sich sogar darauf eingelassen, nun nicht bloß den Gedankengang so einfach hinzustellen, sondern richtig zu berechnen, wie unwahrscheinlich es ist, daß zum Beispiel der Goethesche «Faust» auf diese Weise durch ein einfaches Hinwerfen der Buchstaben, die in ihm vorkommen, entstanden wäre. Er hat also die Rechnung wirklich angestellt, und das möchte ich Ihnen also vorführen. Er ist hier wirklich mit einer gewissen Gründlichkeit vorgegangen. Fritz Mauthner sagt: «Das Dasein Gottes soll daraus bewiesen werden, daß die Schönheit und Ordnung der Welt ohne absichtsvollen Schöpfer, durch reinen Zufall also ebenso höchst unwahrscheinlich sei, wie die Herstellung der FaustDichtung etwa dadurch, daß ein ungeheurer Setzerkasten umgeworfen würde und die Lettern und andere Satzzeichen sich zufällig in der Reihenfolge von Goethes «Faust» geordnet hätten. Die Unwahrscheinlichkeit für eine solche Herstellung des «Faust: ist wirklich ungeheuer groß. Größer, als die Phantasie sich vorstellen kann. Auch wenn man die übertolle Annahme, die Lettern könnten sich im Raume auch noch zu Zeilen ordnen, beiseite läßt und an die Wahrscheinlichkeit eines unendlich günstiger liegenden Extrazufalles denkt. So etwa: eine deutsche Schreibmaschine oder Setzmaschine gelangt in die Hände eines Chinesen, der von der deutschen Sprache und von deutschen Buchstaben keine Ahnung hat, der aber unverdrossen auf den Tasten herumtippt, wochenlang oder monatelang, und die Maschine auch sonst richtig bedient» —, daß der also durch dieses bloße Herumtippen den Goetheschen «Faust» zusammenbringt! Mauthner fährt fort: «Ich habe mir nun den Spaß gemacht, die Wahrscheinlichkeit für den Zufall näherungsweise zu berechnen, daß bei diesem blinden Herumtippen just Goethes « Faust) herauskomme. Auf einige Dezimalstellen in der Mantisse des Logarithmus kommt es nicht an. Auch habe ich großmütig die Wahrscheinlichkeit dadurch erhöht, daß ich einen «Faust» mit 100 Druckfehlern noch als «Faust» anerkannte, also überaus zahlreiche günstige Fälle anstatt eines einzigen theoretisch geforderten annahm. Zum «Faust» sind etwa 300 000 Buchstaben nötig. Die Wahrscheinlichkeit nun, bei jedesmaligem Tippen gerade den richtigen Buchstaben zufällig zu treffen, ist nicht ganz klein, fast 1/1oo, weil gegen 100 verschiedene Zeichen im ganzen vorhanden sind.» Also man kann hundert Zeichen greifen. Wenn man blind hintappt, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß man eines richtig greift, 1/100 nach dem Prinzip, das ich Ihnen vorher bei dem Würfel vorgeführt habe. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit, daß dieser Chinese, der von der «Faust»-Sprache keine Ahnung hat, einmal richtig hintappt, 1/100. «Da aber nach elementaren Regeln die Wahrscheinlichkeit, so zufällig den ganzen «Faust» herzustellen, bei 300000 Buchstaben gleich ist dem Produkte von 300 000 Partial-Wahrscheinlichkeiten, so berechnet sich die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Entstehung des «Faust» 1:100 300000.»
[ 10 ] Fritz Mauthner ist nun ein gründlicher Herr, und er hat sich sogar darauf eingelassen, nun nicht bloß den Gedankengang so einfach hinzustellen, sondern richtig zu berechnen, wie unwahrscheinlich es ist, daß zum Beispiel der Goethesche «Faust» auf diese Weise durch ein einfaches Hinwerfen der Buchstaben, die in ihm vorkommen, entstanden wäre. Er hat also die Rechnung wirklich angestellt, und das möchte ich Ihnen also vorführen. Er ist hier wirklich mit einer gewissen Gründlichkeit vorgegangen. Fritz Mauthner sagt: «Das Dasein Gottes soll daraus bewiesen werden, daß die Schönheit und Ordnung der Welt ohne absichtsvollen Schöpfer, durch reinen Zufall also ebenso höchst unwahrscheinlich sei, wie die Herstellung der FaustDichtung etwa dadurch, daß ein ungeheurer Setzerkasten umgeworfen würde und die Lettern und andere Satzzeichen sich zufällig in der Reihenfolge von Goethes «Faust» geordnet hätten. Die Unwahrscheinlichkeit für eine solche Herstellung des «Faust: ist wirklich ungeheuer groß. Größer, als die Phantasie sich vorstellen kann. Auch wenn man die übertolle Annahme, die Lettern könnten sich im Raume auch noch zu Zeilen ordnen, beiseite läßt und an die Wahrscheinlichkeit eines unendlich günstiger liegenden Extrazufalles denkt. So etwa: eine deutsche Schreibmaschine oder Setzmaschine gelangt in die Hände eines Chinesen, der von der deutschen Sprache und von deutschen Buchstaben keine Ahnung hat, der aber unverdrossen auf den Tasten herumtippt, wochenlang oder monatelang, und die Maschine auch sonst richtig bedient» —, daß der also durch dieses bloße Herumtippen den Goetheschen «Faust» zusammenbringt! Mauthner fährt fort: «Ich habe mir nun den Spaß gemacht, die Wahrscheinlichkeit für den Zufall näherungsweise zu berechnen, daß bei diesem blinden Herumtippen just Goethes « Faust) herauskomme. Auf einige Dezimalstellen in der Mantisse des Logarithmus kommt es nicht an. Auch habe ich großmütig die Wahrscheinlichkeit dadurch erhöht, daß ich einen «Faust» mit 100 Druckfehlern noch als «Faust» anerkannte, also überaus zahlreiche günstige Fälle anstatt eines einzigen theoretisch geforderten annahm. Zum «Faust» sind etwa 300 000 Buchstaben nötig. Die Wahrscheinlichkeit nun, bei jedesmaligem Tippen gerade den richtigen Buchstaben zufällig zu treffen, ist nicht ganz klein, fast 1/1oo, weil gegen 100 verschiedene Zeichen im ganzen vorhanden sind.» Also man kann hundert Zeichen greifen. Wenn man blind hintappt, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß man eines richtig greift, 1/100 nach dem Prinzip, das ich Ihnen vorher bei dem Würfel vorgeführt habe. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit, daß dieser Chinese, der von der «Faust»-Sprache keine Ahnung hat, einmal richtig hintappt, 1/100. «Da aber nach elementaren Regeln die Wahrscheinlichkeit, so zufällig den ganzen «Faust» herzustellen, bei 300000 Buchstaben gleich ist dem Produkte von 300 000 Partial-Wahrscheinlichkeiten, so berechnet sich die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Entstehung des «Faust» 1:100 300000.»
[ 11 ] Sie sehen, die Wahrscheinlichkeit, daß der «Faust» auf diese Weise hervorgeht, ist nicht 1/6 oder 1/36 und so weiter, sondern sie ist gleich dem Bruch, der entsteht, wenn ich 1 dividiere durch 100 mal 100 mal 100 und so weiter, und das 300000mal mache; das ist ein Bruch mit einem, wie Sie sich vorstellen können, riesigen Nenner; das heißt, diese Wahrscheinlichkeit ist eine ungeheuer winzige. Mauthner sagt weiter: «Das ist auf einen Bruch, dessen Zähler 1 ist, dessen Nenner eine ganze Zahl von 600 000 Ziffern. Auch die Einbildungskraft der Inder» — die Mauthner für sehr groß hält —, «auch das mathematische Genie des Archimedes könnte diesen Nenner nicht fassen. Seine Zahl ist namenlos. Also waren die Griechen und Römer im Recht, wenn sie die zufällige Herstellung eines wohlgeordneten Ganzen für äußerst unwahrscheinlich erklärten. Die Grenze der Unmöglichkeit ist erreicht.» Aber nur für das menschliche Vorstellen — meint er. Man kann sich das nicht vorstellen, daß der «Faust» auf diese Weise entstände. «Und die Griechen und Römer hätten auch den Schluß, daß also die sinnreiche Herstellung des «Faust» durch einen Schöpfer höchstwahrscheinlich oder so gut wie gewiß sei, mit dem gleichen Rechte auf die Existenz eines Weltschöpfers übertragen können, wenn nur diese Übertragung oder Metapher, wenn nur die ganze Fragestellung nicht so unsäglich albern wäre. Nichts liegt mir ja ferner als der Glaube an die zufällige Entstehung auch nur des Wunderbaues einer Mücke im Sinne des Materialismus. Durch materiellen Zufall ist die Entstehung einer Mücke ebenso unwahrscheinlich, wie die des «Faust». Der Darwinismus hat an den Unbegreiflichkeiten wirklich nicht viel geändert. Aber die Kopfarbeit des lieben Gottes, der nicht dreimal hunderttausend Elemente oder Buchstaben (mit Wiederholungen), sondern die Elemente der Welt unendlich mal (mit Wiederholungen) zu ordnen gehabt hätte, ist für Menschenvorstellung — wir haben wirklich keine andere — doch womöglich noch unwahrscheinlicher als eine zufällige Entstehung des «Faust». Ich mag meine Rechnerei nicht auf den Grad der Unwahrscheinlichkeit einer Weltregierung und einer Vorsehung ausdehnen.»
[ 11 ] Sie sehen, die Wahrscheinlichkeit, daß der «Faust» auf diese Weise hervorgeht, ist nicht 1/6 oder 1/36 und so weiter, sondern sie ist gleich dem Bruch, der entsteht, wenn ich 1 dividiere durch 100 mal 100 mal 100 und so weiter, und das 300000mal mache; das ist ein Bruch mit einem, wie Sie sich vorstellen können, riesigen Nenner; das heißt, diese Wahrscheinlichkeit ist eine ungeheuer winzige. Mauthner sagt weiter: «Das ist auf einen Bruch, dessen Zähler 1 ist, dessen Nenner eine ganze Zahl von 600 000 Ziffern. Auch die Einbildungskraft der Inder» — die Mauthner für sehr groß hält —, «auch das mathematische Genie des Archimedes könnte diesen Nenner nicht fassen. Seine Zahl ist namenlos. Also waren die Griechen und Römer im Recht, wenn sie die zufällige Herstellung eines wohlgeordneten Ganzen für äußerst unwahrscheinlich erklärten. Die Grenze der Unmöglichkeit ist erreicht.» Aber nur für das menschliche Vorstellen — meint er. Man kann sich das nicht vorstellen, daß der «Faust» auf diese Weise entstände. «Und die Griechen und Römer hätten auch den Schluß, daß also die sinnreiche Herstellung des «Faust» durch einen Schöpfer höchstwahrscheinlich oder so gut wie gewiß sei, mit dem gleichen Rechte auf die Existenz eines Weltschöpfers übertragen können, wenn nur diese Übertragung oder Metapher, wenn nur die ganze Fragestellung nicht so unsäglich albern wäre. Nichts liegt mir ja ferner als der Glaube an die zufällige Entstehung auch nur des Wunderbaues einer Mücke im Sinne des Materialismus. Durch materiellen Zufall ist die Entstehung einer Mücke ebenso unwahrscheinlich, wie die des «Faust». Der Darwinismus hat an den Unbegreiflichkeiten wirklich nicht viel geändert. Aber die Kopfarbeit des lieben Gottes, der nicht dreimal hunderttausend Elemente oder Buchstaben (mit Wiederholungen), sondern die Elemente der Welt unendlich mal (mit Wiederholungen) zu ordnen gehabt hätte, ist für Menschenvorstellung — wir haben wirklich keine andere — doch womöglich noch unwahrscheinlicher als eine zufällige Entstehung des «Faust». Ich mag meine Rechnerei nicht auf den Grad der Unwahrscheinlichkeit einer Weltregierung und einer Vorsehung ausdehnen.»
[ 12 ] Sie sehen, man kann eine ungeheuer gelehrte Betrachtung anstellen — Sie werden doch wohl die Betrachtung hinreichend genug gelehrt gefunden haben —, die zu dem logischen Schluß führt: Was müßte der liebe Gott alles im Kopfe haben, wenn er aus all den Elementen der Welt nun die Welt zusammensetzen wollte; denn schon aus einem Setzerkasten oder einer Schreibmaschine durch Zufall etwa den «Faust» zu machen, würde zu einer solchen Unwahtscheinlichkeit führen, die geradezu an eine Unmöglichkeit grenzt. So, sagt also Mauthner, ist sowohl der Begriff des Zufalls, wie auch der Begriff der göttlichen Vorsehung unmöglich, denn man kann bei einer Welt erst recht nicht annehmen, daß diese aus einem großen Setzerkasten zufällig wohlgeordnet herausfällt, wenn beim «Faust» schon die Wahrscheinlichkeit so klein ist; aber einen Gott kann man ebensowenig annehmen, denn was müßte in dem Gott für eine Weisheit sein, wenn er nun aus all den Elementen der Welt die Welt zusammenzusetzen hätte!
[ 12 ] Sie sehen, man kann eine ungeheuer gelehrte Betrachtung anstellen — Sie werden doch wohl die Betrachtung hinreichend genug gelehrt gefunden haben —, die zu dem logischen Schluß führt: Was müßte der liebe Gott alles im Kopfe haben, wenn er aus all den Elementen der Welt nun die Welt zusammensetzen wollte; denn schon aus einem Setzerkasten oder einer Schreibmaschine durch Zufall etwa den «Faust» zu machen, würde zu einer solchen Unwahtscheinlichkeit führen, die geradezu an eine Unmöglichkeit grenzt. So, sagt also Mauthner, ist sowohl der Begriff des Zufalls, wie auch der Begriff der göttlichen Vorsehung unmöglich, denn man kann bei einer Welt erst recht nicht annehmen, daß diese aus einem großen Setzerkasten zufällig wohlgeordnet herausfällt, wenn beim «Faust» schon die Wahrscheinlichkeit so klein ist; aber einen Gott kann man ebensowenig annehmen, denn was müßte in dem Gott für eine Weisheit sein, wenn er nun aus all den Elementen der Welt die Welt zusammenzusetzen hätte!
[ 13 ] Man kann also weder einen Gott, noch «seine Majestät, den Zufall» annehmen. Deshalb will Mauthner, daß das alles ungültig ist, daß das alles nur Sprachbegriffe sind, mit denen sich die Menschen eben wie mit Sprachen, wie mit Übersetzungen betätigen. «Kritik der Sprache» nennt er das!
[ 13 ] Man kann also weder einen Gott, noch «seine Majestät, den Zufall» annehmen. Deshalb will Mauthner, daß das alles ungültig ist, daß das alles nur Sprachbegriffe sind, mit denen sich die Menschen eben wie mit Sprachen, wie mit Übersetzungen betätigen. «Kritik der Sprache» nennt er das!
[ 14 ] Wir haben also — daran wollen wir festhalten — einen wirklich scharfsinnigen Gedankengang, der mit sehr viel Mühe vollzogen ist, der nun dazu führt, daß die Alternative aufgeworfen wird: Entweder müßte man annehmen, die Welt wäre durch Zufall entstanden — diese Wahrscheinlichkeit ist natürlich unendlich klein —, oder man müßte daran denken, daß ein «Lieber Gott» alle diese Weisheiten einmal im Kopf gehabt hat, um aus dem Chaos heraus weisheitsvoll die Welt zu bilden; das ist noch weniger anzunehmen.
[ 14 ] Wir haben also — daran wollen wir festhalten — einen wirklich scharfsinnigen Gedankengang, der mit sehr viel Mühe vollzogen ist, der nun dazu führt, daß die Alternative aufgeworfen wird: Entweder müßte man annehmen, die Welt wäre durch Zufall entstanden — diese Wahrscheinlichkeit ist natürlich unendlich klein —, oder man müßte daran denken, daß ein «Lieber Gott» alle diese Weisheiten einmal im Kopf gehabt hat, um aus dem Chaos heraus weisheitsvoll die Welt zu bilden; das ist noch weniger anzunehmen.
[ 15 ] Versuchen wir jetzt, die wir in der Geisteswissenschaft nicht bloß danach streben, dies oder jenes zu erkennen, sondern auch richtig zu denken, das heißt, überall die Faktoren in Betracht zu ziehen, die zu einem richtigen Gedankengang führen können, entsprechend dem Ernste der Geisteswissenschaft uns mit diesem Gedankengang auseinanderzusetzen. Nehmen wir den Satz noch einmal auf: Die Wahruscheinlichkeit, daß zufällig aus einem Setzerkasten heraus der Goethesche «Faust» entstehe, ist so klein, daß sie sich als 1 gebrochen durch eine Zahl von 600 000 Ziffern darstellt. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Welt durch einen solchen Urzufall entstanden ist, wäre selbstverständlich unsäglichmal kleiner. Aber der ganze «Faust» ist doch entstanden! Ist er denn auf die Weise entstanden, daß Goethe — sagen wir jetzt statt «der liebe Gott» «der liebe Goethe» — in seinem Kopfe die Gesetze gehabt hat, die aus dem Setzerkasten heraus nach den Prinzipien des Setzens die 300 000 Buchstaben zusammenordneten, so daß sie nun soldatenmäßig, reihenweise den «Faust» bildeten? Hat er denn an die Gesetze gedacht, wie man da hineingreifen muß, daß man die richtigen Buchstaben findet? — Nein! Wenn wir an die Entstehung der Goetheschen «Faust» denken, so hat die gar nichts zu tun mit dem Zusammenwürfeln! Der tut etwas ganz anderes, der den Goetheschen «Faust» entstehen läßt! Der käme gar nicht dazu, daran zu denken, daß sich aus 300000 Buchstaben der «Faust» zusammenwürfelt! Goethe brauchte nicht im entferntesten irgend etwas zu wissen, wie sich aus 300000 Buchstaben zusammenwürfeln ließe der «Faust», und er machte ihn doch! So könnten und müßten wir uns einerseits das Chaos denken, in dem meinetwillen die Dinge in wilder Weise durcheinandergewürfelt sind, und andererseits, daß der liebe Gott im Kopf all die verschiedenen Gesetze hätte, wenn er die Welt in der Weise zusammenwürfeln würde, wie Goethe den «Faust» zusammengewürfelt hätte, wenn er sich vor den Setzerkasten gestellt hätte! Aber der liebe Gott machte das ja ebensowenig, wie Goethe seinen «Faust» eben nicht zusammengewürfelt hat. Es hat das, was wir uns in der Seele des Gottes zu denken haben, gar nichts zu tun mit dem ganzen Gedankengang vom Zusammenwürfeln, ebensowenig wie die Entstehung von Goethes «Faust» etwas zu tun hat mit dieser ganzen ungeheuer gelehrt gedachten Art des Zusammenwürfelns. Das heißt: Dieser ganze Gedankengang führt auf eine absolute Unmöglichkeit! Er ist geistvoll, er ist richtig, er ist gewissenhaft, alles das ist er, aber er führt auf eine Unmöglichkeit! Das beruht darauf, daß hier ein gewissenhafter Mensch einen Gedankengang aufnimmt, ihn weiterspinnt, aber während des Gedankenganges verliert er die realen Faktoren, die ihn zu einem wirklichen, richtigen Ende kommen ließen.
[ 15 ] Versuchen wir jetzt, die wir in der Geisteswissenschaft nicht bloß danach streben, dies oder jenes zu erkennen, sondern auch richtig zu denken, das heißt, überall die Faktoren in Betracht zu ziehen, die zu einem richtigen Gedankengang führen können, entsprechend dem Ernste der Geisteswissenschaft uns mit diesem Gedankengang auseinanderzusetzen. Nehmen wir den Satz noch einmal auf: Die Wahruscheinlichkeit, daß zufällig aus einem Setzerkasten heraus der Goethesche «Faust» entstehe, ist so klein, daß sie sich als 1 gebrochen durch eine Zahl von 600 000 Ziffern darstellt. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Welt durch einen solchen Urzufall entstanden ist, wäre selbstverständlich unsäglichmal kleiner. Aber der ganze «Faust» ist doch entstanden! Ist er denn auf die Weise entstanden, daß Goethe — sagen wir jetzt statt «der liebe Gott» «der liebe Goethe» — in seinem Kopfe die Gesetze gehabt hat, die aus dem Setzerkasten heraus nach den Prinzipien des Setzens die 300 000 Buchstaben zusammenordneten, so daß sie nun soldatenmäßig, reihenweise den «Faust» bildeten? Hat er denn an die Gesetze gedacht, wie man da hineingreifen muß, daß man die richtigen Buchstaben findet? — Nein! Wenn wir an die Entstehung der Goetheschen «Faust» denken, so hat die gar nichts zu tun mit dem Zusammenwürfeln! Der tut etwas ganz anderes, der den Goetheschen «Faust» entstehen läßt! Der käme gar nicht dazu, daran zu denken, daß sich aus 300000 Buchstaben der «Faust» zusammenwürfelt! Goethe brauchte nicht im entferntesten irgend etwas zu wissen, wie sich aus 300000 Buchstaben zusammenwürfeln ließe der «Faust», und er machte ihn doch! So könnten und müßten wir uns einerseits das Chaos denken, in dem meinetwillen die Dinge in wilder Weise durcheinandergewürfelt sind, und andererseits, daß der liebe Gott im Kopf all die verschiedenen Gesetze hätte, wenn er die Welt in der Weise zusammenwürfeln würde, wie Goethe den «Faust» zusammengewürfelt hätte, wenn er sich vor den Setzerkasten gestellt hätte! Aber der liebe Gott machte das ja ebensowenig, wie Goethe seinen «Faust» eben nicht zusammengewürfelt hat. Es hat das, was wir uns in der Seele des Gottes zu denken haben, gar nichts zu tun mit dem ganzen Gedankengang vom Zusammenwürfeln, ebensowenig wie die Entstehung von Goethes «Faust» etwas zu tun hat mit dieser ganzen ungeheuer gelehrt gedachten Art des Zusammenwürfelns. Das heißt: Dieser ganze Gedankengang führt auf eine absolute Unmöglichkeit! Er ist geistvoll, er ist richtig, er ist gewissenhaft, alles das ist er, aber er führt auf eine Unmöglichkeit! Das beruht darauf, daß hier ein gewissenhafter Mensch einen Gedankengang aufnimmt, ihn weiterspinnt, aber während des Gedankenganges verliert er die realen Faktoren, die ihn zu einem wirklichen, richtigen Ende kommen ließen.
[ 16 ] Die Sache ist viel wichtiger, als man zunächst denken mag, denn sie zeigt uns eben, daß es außerordentlich schwierig ist zuweilen, selbst wenn man noch so wissenschaftlich arbeitet, während eines Gedankenganges nicht die Möglichkeit zu verlieren, richtig zu denken. Und das müssen wir in unsere Empfindungen, in unsere Gefühle aufnehmen. Wir müssen wirklich gerade an einer solchen Sache viel, viel lernen. Zweierlei ist für uns notwendig, wenn wir uns eine solche Sache vor die Seele führen. Das eine ist, daß wir an solch eklatantem Beispiel uns erziehen zu einem Wissen davon, daß Wahrheitssuchen schwierig ist, und daß der Mensch wirklich sehr, sehr nötig hat, sich ein Gefühl davon zu verschaffen, daß nicht jeder beliebige Gedankengang, der uns auf den ersten Anhieb noch so richtig erscheint, auch wirklich schon ein wahrer Gedankengang ist. Je mehr wir uns durchdringen können damit, daß wir die Empfindung haben: Wir können irren, wir können bei der größten Gewissenhaftigkeit irren, desto mehr werden wir abkommen von dem heute so vielfach verbreiteten Prinzip des Sich-Versteifens auf seine eigene Meinung, des, ich möchte sagen, starrköpfigen Festhaltens des einen oder des anderen, das wir als richtig angesehen haben. Heute trifft man ja nichts öfter als den Fall, daß Menschen auftreten, die sagen: Dies und dies halte ich für richtig! — Und das ausschlaggebende Gefühl, das man oftmals gegenüber solchen Menschen hat, ist das: Wie glücklich und wie einfältig ist der Mensch zugleich! Glücklich, weil er gar keine Ahnung davon hat, was es heißt, an irgend etwas, was man sich ausgedacht hat, zu glauben; und wie einfältig, weil er keine Ahnung davon hat, wie weit abstehend dabei etwas von der wahren Wirklichkeit sein kann. Auf der anderen Seite muß es uns aber klar sein, daß diese Erkenntnis uns nicht deprimieren darf. Ganz bescheiden wird uns diese Erkenntnis machen; aber sie wird uns auch nicht zur Melancholie treiben, etwa zu einer Verzweiflung an dem Menschenleben, weil doch die Erkenntnis der Wahrheit so schwierig ist. Denn wir wissen, daß dieses Leben der menschlichen Seele ein unendliches ist, und daß dieses Leben der menschlichen Seele ein Suchen sein muß, daß es daher sogar einer guten, weisen Einrichtung entsprechen könnte, daß das Wahrheitssuchen schwierig ist. Und wir werden sehen, daß darauf das Leben beruht. Der Tod würde sogleich da sein für unsere Seele, wenn das Wahrheitssuchen leicht wäre, wenn es wirklich so wäre, wie viele Menschen glauben, daß man die Wahrheit leicht finden könnte; wenn es so wäre, wie manche Menschen glauben, die da herkommen und sagen: Ich habe jetzt erkannt, man muß das Leben so und so einrichten, dann kann die ganze Welt beglückt werden! Wenn das so wäre, daß man in bezug auf die Differenziertheit der ganzen Welt so leicht die Wahrheit finden könnte, wie die meisten Menschen glauben, dann würde das der Tod der Seele sein; denn das Leben der Seele beruht eben darauf, daß man nicht in solcher Totalität die Wahrheit finden kann, sondern daß man die Wahrheit langsam suchen muß und daß man höchst bescheiden bleiben muß beim langsamen, stückweisen Verfolgen des Wahren. Der Irrtum ist um so mehr möglich, je umfassender die Wahrheiten sein sollen, die wir suchen. Daher ist natürlich hier einem der gelehrtesten Herren, ich möchte sagen, ein kindlicher Irrtum unterlaufen, den ich Ihnen ja gezeigt habe, indem das Weltproblem geradezu auf Zufall und Vorsehung hin gedeutet werden sollte.
[ 16 ] Die Sache ist viel wichtiger, als man zunächst denken mag, denn sie zeigt uns eben, daß es außerordentlich schwierig ist zuweilen, selbst wenn man noch so wissenschaftlich arbeitet, während eines Gedankenganges nicht die Möglichkeit zu verlieren, richtig zu denken. Und das müssen wir in unsere Empfindungen, in unsere Gefühle aufnehmen. Wir müssen wirklich gerade an einer solchen Sache viel, viel lernen. Zweierlei ist für uns notwendig, wenn wir uns eine solche Sache vor die Seele führen. Das eine ist, daß wir an solch eklatantem Beispiel uns erziehen zu einem Wissen davon, daß Wahrheitssuchen schwierig ist, und daß der Mensch wirklich sehr, sehr nötig hat, sich ein Gefühl davon zu verschaffen, daß nicht jeder beliebige Gedankengang, der uns auf den ersten Anhieb noch so richtig erscheint, auch wirklich schon ein wahrer Gedankengang ist. Je mehr wir uns durchdringen können damit, daß wir die Empfindung haben: Wir können irren, wir können bei der größten Gewissenhaftigkeit irren, desto mehr werden wir abkommen von dem heute so vielfach verbreiteten Prinzip des Sich-Versteifens auf seine eigene Meinung, des, ich möchte sagen, starrköpfigen Festhaltens des einen oder des anderen, das wir als richtig angesehen haben. Heute trifft man ja nichts öfter als den Fall, daß Menschen auftreten, die sagen: Dies und dies halte ich für richtig! — Und das ausschlaggebende Gefühl, das man oftmals gegenüber solchen Menschen hat, ist das: Wie glücklich und wie einfältig ist der Mensch zugleich! Glücklich, weil er gar keine Ahnung davon hat, was es heißt, an irgend etwas, was man sich ausgedacht hat, zu glauben; und wie einfältig, weil er keine Ahnung davon hat, wie weit abstehend dabei etwas von der wahren Wirklichkeit sein kann. Auf der anderen Seite muß es uns aber klar sein, daß diese Erkenntnis uns nicht deprimieren darf. Ganz bescheiden wird uns diese Erkenntnis machen; aber sie wird uns auch nicht zur Melancholie treiben, etwa zu einer Verzweiflung an dem Menschenleben, weil doch die Erkenntnis der Wahrheit so schwierig ist. Denn wir wissen, daß dieses Leben der menschlichen Seele ein unendliches ist, und daß dieses Leben der menschlichen Seele ein Suchen sein muß, daß es daher sogar einer guten, weisen Einrichtung entsprechen könnte, daß das Wahrheitssuchen schwierig ist. Und wir werden sehen, daß darauf das Leben beruht. Der Tod würde sogleich da sein für unsere Seele, wenn das Wahrheitssuchen leicht wäre, wenn es wirklich so wäre, wie viele Menschen glauben, daß man die Wahrheit leicht finden könnte; wenn es so wäre, wie manche Menschen glauben, die da herkommen und sagen: Ich habe jetzt erkannt, man muß das Leben so und so einrichten, dann kann die ganze Welt beglückt werden! Wenn das so wäre, daß man in bezug auf die Differenziertheit der ganzen Welt so leicht die Wahrheit finden könnte, wie die meisten Menschen glauben, dann würde das der Tod der Seele sein; denn das Leben der Seele beruht eben darauf, daß man nicht in solcher Totalität die Wahrheit finden kann, sondern daß man die Wahrheit langsam suchen muß und daß man höchst bescheiden bleiben muß beim langsamen, stückweisen Verfolgen des Wahren. Der Irrtum ist um so mehr möglich, je umfassender die Wahrheiten sein sollen, die wir suchen. Daher ist natürlich hier einem der gelehrtesten Herren, ich möchte sagen, ein kindlicher Irrtum unterlaufen, den ich Ihnen ja gezeigt habe, indem das Weltproblem geradezu auf Zufall und Vorsehung hin gedeutet werden sollte.
[ 17 ] Aber die Depression, das Bestürztsein darüber, daß man die Wahrheit nur so schwierig finden kann, kann uns nicht ergreifen, wenn wir bedenken, daß das Leben darin besteht, daß wir die Wahrheit suchen müssen. Im Suchen liegt dasjenige, um was es sich handelt. Man könnte sagen: Wenn der Tod der Seele eintreten würde, weil die Wahrheit nicht zu suchen wäre, da müßte er ja jetzt wirklich eintreten; denn jetzt sind wir in bezug auf das mangelnde Gefühl des wirklichen Wahrheitssuchens wirklich in der Menschheitsentwickelung auf einem Höhepunkt. Niemals hat es mehr «Programm-Menschen» gegeben, mehr Menschen, welche glauben, mit ein paar Worten das ganze Welträtsel gelöst zu haben, als in unserer Zeit. Also es gibt schon gerade heute die Anschauungsweise, von der gesagt werden kann, daß sie den seelischen Tod bedeutet. Sie würde den seelischen Tod bedeuten, wenn das richtig wäre, was diese Programm-Menschen alle finden. Aber sie ist eben falsch; sie ist glücklicherweise falsch!
[ 17 ] Aber die Depression, das Bestürztsein darüber, daß man die Wahrheit nur so schwierig finden kann, kann uns nicht ergreifen, wenn wir bedenken, daß das Leben darin besteht, daß wir die Wahrheit suchen müssen. Im Suchen liegt dasjenige, um was es sich handelt. Man könnte sagen: Wenn der Tod der Seele eintreten würde, weil die Wahrheit nicht zu suchen wäre, da müßte er ja jetzt wirklich eintreten; denn jetzt sind wir in bezug auf das mangelnde Gefühl des wirklichen Wahrheitssuchens wirklich in der Menschheitsentwickelung auf einem Höhepunkt. Niemals hat es mehr «Programm-Menschen» gegeben, mehr Menschen, welche glauben, mit ein paar Worten das ganze Welträtsel gelöst zu haben, als in unserer Zeit. Also es gibt schon gerade heute die Anschauungsweise, von der gesagt werden kann, daß sie den seelischen Tod bedeutet. Sie würde den seelischen Tod bedeuten, wenn das richtig wäre, was diese Programm-Menschen alle finden. Aber sie ist eben falsch; sie ist glücklicherweise falsch!
[ 18 ] So ein Mann wie Fritz Mauthner — und es sind viele, die heute in seinem Sinne denken — denkt viel typischer, als man glauben könnte. Im Sinne der heutigen Anschauungsweise sind die Bände des «Philosophischen Wörterbuches» mustergültig. Sie geben wirklich die Sache so, wie eben die meisten heute denken, die von dem heutigen Denken nicht abkommen wollen, etwa in der Richtung, wie die Geisteswissenschaft davon abkommen will. Solche Leute wie Fritz Mauthner sagen: Wir bekommen nach der einen Seite die unmögliche Idee heraus, daß durch Zufall die Welt entstanden ist —, denn dies hat eine so geringe Wahtrscheinlichkeit, wie ich Ihnen angedeutet habe. Aber der andere Begriff, der Begriff eines allweisen Gottes, ist ebenso unmöglich; denn das ist für unsere Menschenköpfe unmöglich zu fassen, daß es einen Gott gibt, einen lieben Gott, der nun dies alles in seinem Kopfe bildet, was er braucht, um aus dem Chaos heraus die einzelnen Buchstaben der Welt zusammenzufügen. Früher, meint Fritz Mauthner, waren die Menschen so, daß sie mit Begriffen wie «Zufall» und «Vorsehung» gewirtschaftet haben. Aber wir, meint er, sind nun über diese Dinge hinaus, denn wir wissen ja heute, daß solche Begriffe wie «Zufall» und «Vorsehung» überhaupt keine Weltbedeutung, keine objektive Bedeutung haben, sondern nur Begriffe des menschlichen Kopfes sind, nur für den Menschen eine Bedeutung haben. Darin wird gerade die Kritik gesehen, daß man solche Begriffe nicht mehr auf die Welt anwendet. Diese Leute sagen immer: Seht, früher waren die Menschen so kindisch; sie haben auf der einen Seite von «göttlicher Vorsehung», auf der anderen Seite von dem Begriff «Zufall» gesprochen. Sowohl den Begriff des Zufalls wie den Begriff einer göttlichen Vorsehung müssen wir als nur im menschlichen Denken liegend, als auf die Welt gar nicht anwendbar, annehmen! — Auf welchem Boden stehen denn diese Kritiker? Sie sagen: Wenn wir die ganze philosophische Entwickelung, diese ganze philosophische Art, die viele Philosophen getrieben haben, überschauen — und Mauthner hat sich wirklich fest hingesetzt und die Philosophen der Welt studiert, er kennt sie alle, soweit man sie kennen kann in einem Menschenleben —, so sehen wir, wie sie sich bemüht haben, Begriffe zu finden. Aber das sind alles nur Menschenbegriffe, die nicht anwendbar sind auf die Wirklichkeit! Dem Begriff von göttlicher Vorsehung entspricht keine Wirklichkeit. Und so schließt denn der Artikel «Zufall» damit, daß er etwa sagt: Früher hat man göttliche Vorsehung, Weltordnung, Weltharmonie, Weltschönheit als Begriffe angesehen, die man etwa so aufgefaßt hat: Es gibt etwas Zufälliges in der Welt —; aber die Welt zeigt eine Ordnung, die Welt zeigt auch eine Schönheit. Und Mauthner schließt den Artikel «Zufall»: «Wir aber wissen, daß der Zufallsbegriff Menschenwerk ist. Menschenwerk auch der Schönheitsbegriff und der Ordnungsbegriff. Menschenwerk der Gottesbegriff. Menschenwerk der Ursachbegriff.» Das heißt: Wir wissen alle, daß diese wichtigen Begriffe Menschenwerk sind, keine objektive Bedeutung haben. «Da ist es für uns der Gipfel wortabergläubischer Menschlichkeit, die Frage auch nur zu stellen und sie nun gar durch ein kindisches Gleichnis beantworten zu wollen: ob der Zufall oder Gott die Ursache der Weltordnung und der Weltschönheit sei.»
[ 18 ] So ein Mann wie Fritz Mauthner — und es sind viele, die heute in seinem Sinne denken — denkt viel typischer, als man glauben könnte. Im Sinne der heutigen Anschauungsweise sind die Bände des «Philosophischen Wörterbuches» mustergültig. Sie geben wirklich die Sache so, wie eben die meisten heute denken, die von dem heutigen Denken nicht abkommen wollen, etwa in der Richtung, wie die Geisteswissenschaft davon abkommen will. Solche Leute wie Fritz Mauthner sagen: Wir bekommen nach der einen Seite die unmögliche Idee heraus, daß durch Zufall die Welt entstanden ist —, denn dies hat eine so geringe Wahtrscheinlichkeit, wie ich Ihnen angedeutet habe. Aber der andere Begriff, der Begriff eines allweisen Gottes, ist ebenso unmöglich; denn das ist für unsere Menschenköpfe unmöglich zu fassen, daß es einen Gott gibt, einen lieben Gott, der nun dies alles in seinem Kopfe bildet, was er braucht, um aus dem Chaos heraus die einzelnen Buchstaben der Welt zusammenzufügen. Früher, meint Fritz Mauthner, waren die Menschen so, daß sie mit Begriffen wie «Zufall» und «Vorsehung» gewirtschaftet haben. Aber wir, meint er, sind nun über diese Dinge hinaus, denn wir wissen ja heute, daß solche Begriffe wie «Zufall» und «Vorsehung» überhaupt keine Weltbedeutung, keine objektive Bedeutung haben, sondern nur Begriffe des menschlichen Kopfes sind, nur für den Menschen eine Bedeutung haben. Darin wird gerade die Kritik gesehen, daß man solche Begriffe nicht mehr auf die Welt anwendet. Diese Leute sagen immer: Seht, früher waren die Menschen so kindisch; sie haben auf der einen Seite von «göttlicher Vorsehung», auf der anderen Seite von dem Begriff «Zufall» gesprochen. Sowohl den Begriff des Zufalls wie den Begriff einer göttlichen Vorsehung müssen wir als nur im menschlichen Denken liegend, als auf die Welt gar nicht anwendbar, annehmen! — Auf welchem Boden stehen denn diese Kritiker? Sie sagen: Wenn wir die ganze philosophische Entwickelung, diese ganze philosophische Art, die viele Philosophen getrieben haben, überschauen — und Mauthner hat sich wirklich fest hingesetzt und die Philosophen der Welt studiert, er kennt sie alle, soweit man sie kennen kann in einem Menschenleben —, so sehen wir, wie sie sich bemüht haben, Begriffe zu finden. Aber das sind alles nur Menschenbegriffe, die nicht anwendbar sind auf die Wirklichkeit! Dem Begriff von göttlicher Vorsehung entspricht keine Wirklichkeit. Und so schließt denn der Artikel «Zufall» damit, daß er etwa sagt: Früher hat man göttliche Vorsehung, Weltordnung, Weltharmonie, Weltschönheit als Begriffe angesehen, die man etwa so aufgefaßt hat: Es gibt etwas Zufälliges in der Welt —; aber die Welt zeigt eine Ordnung, die Welt zeigt auch eine Schönheit. Und Mauthner schließt den Artikel «Zufall»: «Wir aber wissen, daß der Zufallsbegriff Menschenwerk ist. Menschenwerk auch der Schönheitsbegriff und der Ordnungsbegriff. Menschenwerk der Gottesbegriff. Menschenwerk der Ursachbegriff.» Das heißt: Wir wissen alle, daß diese wichtigen Begriffe Menschenwerk sind, keine objektive Bedeutung haben. «Da ist es für uns der Gipfel wortabergläubischer Menschlichkeit, die Frage auch nur zu stellen und sie nun gar durch ein kindisches Gleichnis beantworten zu wollen: ob der Zufall oder Gott die Ursache der Weltordnung und der Weltschönheit sei.»
[ 19 ] Was hat denn Fritz Mauthner getan, um zu dieser Erkenntnis zu kommen, daß der Gottesbegriff Menschenwerk, der Zufallsbegriff Menschenwerk, der Ordnungsbegriff Menschenwerk sei, so daß weder die Ordnung draußen existiert, sondern nur der Mensch sich die Vorstellung macht, es existiere eine Ordnung, es existiere eine Schönheit und so weiter? Was hat er denn gemacht, der Fritz Mauthner und die anderen Philosophendenker, die zu dieser Erkenntnis gekommen sind? Sie haben wirklich — Sie brauchen mir das nicht zu glauben — mit allem möglichen philosophischen Scharfsinn nachgewiesen, wie weise der Menschenverstand arbeitet, um zu diesen Begriffen zu kommen, und wie diese Begriffe wirklich Menschenwerk sind; das haben sie nachgewiesen! Also, das ist bewiesen, was er da sagt: «Wir aber wissen...», und so weiter. Das ist bewiesen! Wenn man aber zusieht, wie es bewiesen ist, dann sagt man: Ja, du hast wirklich Recht, mein lieber Fritz Mauthner. Wir aber wissen, daß der Zufallsbegriff Menschenwerk ist; Menschenwerk auch der Schönheitsbegriff, Menschenwerk auch der Gottesbegriff, der Zufallsbegriff, der Maikäferbegriff! So nämlich steht die Sache, sobald wir sie ins richtige Licht rücken! Wenn Sie all den großen Scharfsinn, es ist wirklich ein ungeheurer Scharfsinn, nun durchnehmen würden — Sie hätten viele Jahre damit zu tun, wenn Sie alles studieren wollten —, der aufgewendet worden ist, um nachzuweisen, daß der Gottesbegriff Menschenwerk, der Ursachenbegriff, der Zufallsbegriff Menschenwerk, der Schönheitsbegriff Menschenwerk ist, so liegen darin Gedankengänge, die ganz und gar auch anwendbar sind auf die Behauptung: der Maikäferbegriff ist Menschenwerk. — Gewiß, der Maikäferbegriff ist Menschenwerk, aber entscheidet denn dies darüber etwas, daß der Maikäfer auch draußen fliegt, daß er auch real ist? Der Maikäferbegriff ist Menschenwerk — hier liegt die Kindlichkeit! Man kann ungeheuer scharfsinnig zu Werke gehen und glauben, etwas ungeheuer richtig zu finden, und der Faden ist einem verlorengegangen, an dem die Dinge sich aufhängen, die zu dem Richtigen führen. Alle die Beweise, die geführt worden sind dafür, daß diese Begriffe Menschenwerk sind, die entscheiden nämlich nichts darüber, ob dem Begriff eine Objektivität entspricht, geradesowenig wie der Maikäferbegriff als Menschenwerk etwas darüber entscheidet, daß der Maikäfer objektiv ist, das heißt, draußen fliegt.
[ 19 ] Was hat denn Fritz Mauthner getan, um zu dieser Erkenntnis zu kommen, daß der Gottesbegriff Menschenwerk, der Zufallsbegriff Menschenwerk, der Ordnungsbegriff Menschenwerk sei, so daß weder die Ordnung draußen existiert, sondern nur der Mensch sich die Vorstellung macht, es existiere eine Ordnung, es existiere eine Schönheit und so weiter? Was hat er denn gemacht, der Fritz Mauthner und die anderen Philosophendenker, die zu dieser Erkenntnis gekommen sind? Sie haben wirklich — Sie brauchen mir das nicht zu glauben — mit allem möglichen philosophischen Scharfsinn nachgewiesen, wie weise der Menschenverstand arbeitet, um zu diesen Begriffen zu kommen, und wie diese Begriffe wirklich Menschenwerk sind; das haben sie nachgewiesen! Also, das ist bewiesen, was er da sagt: «Wir aber wissen...», und so weiter. Das ist bewiesen! Wenn man aber zusieht, wie es bewiesen ist, dann sagt man: Ja, du hast wirklich Recht, mein lieber Fritz Mauthner. Wir aber wissen, daß der Zufallsbegriff Menschenwerk ist; Menschenwerk auch der Schönheitsbegriff, Menschenwerk auch der Gottesbegriff, der Zufallsbegriff, der Maikäferbegriff! So nämlich steht die Sache, sobald wir sie ins richtige Licht rücken! Wenn Sie all den großen Scharfsinn, es ist wirklich ein ungeheurer Scharfsinn, nun durchnehmen würden — Sie hätten viele Jahre damit zu tun, wenn Sie alles studieren wollten —, der aufgewendet worden ist, um nachzuweisen, daß der Gottesbegriff Menschenwerk, der Ursachenbegriff, der Zufallsbegriff Menschenwerk, der Schönheitsbegriff Menschenwerk ist, so liegen darin Gedankengänge, die ganz und gar auch anwendbar sind auf die Behauptung: der Maikäferbegriff ist Menschenwerk. — Gewiß, der Maikäferbegriff ist Menschenwerk, aber entscheidet denn dies darüber etwas, daß der Maikäfer auch draußen fliegt, daß er auch real ist? Der Maikäferbegriff ist Menschenwerk — hier liegt die Kindlichkeit! Man kann ungeheuer scharfsinnig zu Werke gehen und glauben, etwas ungeheuer richtig zu finden, und der Faden ist einem verlorengegangen, an dem die Dinge sich aufhängen, die zu dem Richtigen führen. Alle die Beweise, die geführt worden sind dafür, daß diese Begriffe Menschenwerk sind, die entscheiden nämlich nichts darüber, ob dem Begriff eine Objektivität entspricht, geradesowenig wie der Maikäferbegriff als Menschenwerk etwas darüber entscheidet, daß der Maikäfer objektiv ist, das heißt, draußen fliegt.
[ 20 ] Sie sehen, die moderne naturwissenschaftliche Denkweise gibt eine ungeheure Sicherheit. Und man kann sagen, daß dies in dem Satze zum Ausdruck kommt: «Wir aber wissen, daß der Zufallsbegriff Menschenwerk ist. Menschenwerk auch der Schönheitsbegriff und der Ordnungsbegriff. Menschenwerk auch der Gottesbegriff. Menschenwerk der Ursachbegriff. Da ist es für uns der Gipfel wortabergläubischer Menschlichkeit, die Frage auch nur zu stellen, ob der Zufall oder Gott die Ursache der Weltordnung und Weltschönheit sei.»
[ 20 ] Sie sehen, die moderne naturwissenschaftliche Denkweise gibt eine ungeheure Sicherheit. Und man kann sagen, daß dies in dem Satze zum Ausdruck kommt: «Wir aber wissen, daß der Zufallsbegriff Menschenwerk ist. Menschenwerk auch der Schönheitsbegriff und der Ordnungsbegriff. Menschenwerk auch der Gottesbegriff. Menschenwerk der Ursachbegriff. Da ist es für uns der Gipfel wortabergläubischer Menschlichkeit, die Frage auch nur zu stellen, ob der Zufall oder Gott die Ursache der Weltordnung und Weltschönheit sei.»
[ 21 ] O ja — muß man sagen —, du glaubst, weil du beweisen kannst, daß der Maikäferbegriff Menschenwerk ist, es sei eine Kindlichkeit, eine Wortabergläubigkeit, den Maikäferbegriff jetzt auf etwas anzuwenden, was draußen fliegt? Das ist dasselbe, ganz dasselbe! Nur merkt man es nicht, daß es ganz dasselbe ist.
[ 21 ] O ja — muß man sagen —, du glaubst, weil du beweisen kannst, daß der Maikäferbegriff Menschenwerk ist, es sei eine Kindlichkeit, eine Wortabergläubigkeit, den Maikäferbegriff jetzt auf etwas anzuwenden, was draußen fliegt? Das ist dasselbe, ganz dasselbe! Nur merkt man es nicht, daß es ganz dasselbe ist.
[ 22 ] Was kann man denn durch alle diese Dinge wollen? Das will man durch alle diese Dinge: darauf aufmerksam machen, wie man schwierig zur Wahrheit kommen kann, wenn diese Wahrheit gesucht werden soll nach dem Faden logischer Begriffe, die man aneinanderreiht; darauf aufmerksam zu machen, was alles passieren kann, wenn man mit noch so großem Scharfsinn die Wahrheit sucht, und wie man sich ganz durchdringen muß von dem Gefühl, daß Wahrheitssuchen schwierig ist, schwierig im Großen, schwierig im Kleinen. Und je mehr sich das, was ich versuchte heute anzudeuten, bei Ihnen in ein Gefühl verwandeit, desto besser wird es sein.
[ 22 ] Was kann man denn durch alle diese Dinge wollen? Das will man durch alle diese Dinge: darauf aufmerksam machen, wie man schwierig zur Wahrheit kommen kann, wenn diese Wahrheit gesucht werden soll nach dem Faden logischer Begriffe, die man aneinanderreiht; darauf aufmerksam zu machen, was alles passieren kann, wenn man mit noch so großem Scharfsinn die Wahrheit sucht, und wie man sich ganz durchdringen muß von dem Gefühl, daß Wahrheitssuchen schwierig ist, schwierig im Großen, schwierig im Kleinen. Und je mehr sich das, was ich versuchte heute anzudeuten, bei Ihnen in ein Gefühl verwandeit, desto besser wird es sein.
[ 23 ] Wir wollen nun auf Grundlage dieser Voraussetzungen dann demnächst, an Hegels Geburtstag, am 27. August, von unserem geisteswissenschaftlichen Standpunkte über die Begriffe «Zufall, Vorsehung und Notwendigkeit» sprechen.
[ 23 ] Wir wollen nun auf Grundlage dieser Voraussetzungen dann demnächst, an Hegels Geburtstag, am 27. August, von unserem geisteswissenschaftlichen Standpunkte über die Begriffe «Zufall, Vorsehung und Notwendigkeit» sprechen.
