The Value of Thinking for Satisfying Our Quest for Knowledge
The Relationship Between the Spiritual Science and the Natural SciencesGA 164
27 September 1915, Dornach
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Der Wert des Denkens für eine den Menschen befriedigende Erkenntnis
Das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft II
Das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft II
[ 1 ] Ich habe gestern in Anknüpfung an eine Charakteristik der materialistisch-mechanischen Weltanschauung durch Herrn von Wrangell auch von der Dichterin Marie Eugenie delle Grazie gesprochen als Beispiel eines wirklichen Ernstnehmens, ich möchte sagen BeimWort-Nehmens der materialistischen Weltauffassung. Nicht wahr, man könnte ja die Frage aufwerfen: Wie muß ein Mensch, der elementarische, starke Gefühle für alles Menschliche hat, welches durch das geschichtliche Werden den Menschen anerzogen worden ist, wie muß der Mensch dann fühlen, wenn er die materialistisch-mechanische Weltanschauung als wahr voraussetzt? So ungefähr hat sich nämlich — es ist jetzt 25 bis 30 Jahre her — Marie Eugenie delle Grazie der materialistisch-mechanischen Weltanschauung gegenübergestellt. Sie nannte Haeckel ihren Meister und ging davon aus, daß gewissermaßen der Laplacesche Kopf mit seiner Weltvorstellung recht hat. Aber sie hat diese Weltanschauung nicht theoretisch ausgesprochen, sondern unter der Voraussetzung, daß sie wahr ist, auch das menschliche Gefühl sprechen lassen. Und so sind ihre Dichtungen vielleicht das allersprechendste Zeugnis für die Art und Weise, wie sich in unserer Zeit das fühlende Menschenherz gegenüber der materialistisch-mechanischen Weltanschauung verhalten kann, was man unter ihrer Voraussetzung spüren, fühlen, empfinden kann. Und damit Sie so recht anschaulich ein Beispiel des Eindruckes der materialistisch-mechanischen Anschauung auf ein menschliches Herz haben, werden wir Ihnen zunächst einige dieser delle Grazieschen Dichtungen vortragen.
[ 1 ] Ich habe gestern in Anknüpfung an eine Charakteristik der materialistisch-mechanischen Weltanschauung durch Herrn von Wrangell auch von der Dichterin Marie Eugenie delle Grazie gesprochen als Beispiel eines wirklichen Ernstnehmens, ich möchte sagen BeimWort-Nehmens der materialistischen Weltauffassung. Nicht wahr, man könnte ja die Frage aufwerfen: Wie muß ein Mensch, der elementarische, starke Gefühle für alles Menschliche hat, welches durch das geschichtliche Werden den Menschen anerzogen worden ist, wie muß der Mensch dann fühlen, wenn er die materialistisch-mechanische Weltanschauung als wahr voraussetzt? So ungefähr hat sich nämlich — es ist jetzt 25 bis 30 Jahre her — Marie Eugenie delle Grazie der materialistisch-mechanischen Weltanschauung gegenübergestellt. Sie nannte Haeckel ihren Meister und ging davon aus, daß gewissermaßen der Laplacesche Kopf mit seiner Weltvorstellung recht hat. Aber sie hat diese Weltanschauung nicht theoretisch ausgesprochen, sondern unter der Voraussetzung, daß sie wahr ist, auch das menschliche Gefühl sprechen lassen. Und so sind ihre Dichtungen vielleicht das allersprechendste Zeugnis für die Art und Weise, wie sich in unserer Zeit das fühlende Menschenherz gegenüber der materialistisch-mechanischen Weltanschauung verhalten kann, was man unter ihrer Voraussetzung spüren, fühlen, empfinden kann. Und damit Sie so recht anschaulich ein Beispiel des Eindruckes der materialistisch-mechanischen Anschauung auf ein menschliches Herz haben, werden wir Ihnen zunächst einige dieser delle Grazieschen Dichtungen vortragen.
[ 2 ] [Rezitation durch Marie Steiner]
[ 2 ] [Rezitation durch Marie Steiner]
Um Mitternacht
Wenn müde und halb berauscht
Von des Tages bunt wechselndem Leben
In sel’ger Ruhe die Erde träumt,
Des Mondes bläulicher Glanz
Die öden Straßen durchflutet
Und heil’ge Vergessenheit
Die linden Fittiche hebt
In diesen gesegneten Stunden,
So wonne- und schlummerreich
Warum, laut pochendes Herz,
Kannst nur du keine Ruhe finden?
Warum, heißfiebernde Stirn,
Durchwirbelt so schlummerraubend
Und traumverscheuchend nur dich
Der Gedanken quälendes Heer?Geruhigen Wandels zieh’n
Am Himmel oben die Sterne,
Und regungslos liegt die Stadt,
Die weite, weite Riesenstadt — denn siehe,
's ist Mitternacht und arm wie reich beglückte
Ohn’ Unterschied des Traumgott’s lockender Becher,
Der schwere, mohnumkränzte...Du nur stöhnst
Und wimmerst um Mitternacht in deine Kissen,
Unsel’ge, und weinst und brütest — denn
Ein Dämon ist’s, der finster und dennoch berückend
Dein Lager umschwebt und Dämonengeflüster scheucht
Des Traumes Märchenboten aus deiner Nähe,
So daß ihr lieblicher Reigen glanzlos zerstiebt
Und die Nachtunholde des Wahnsinns dich umkteisen.
Und winkt auch leuchtenden Auges dir
Das Zauberweib Phantasie mit den gold’nen Schwingen,
Dem Mohnktanz und hold verjüngenden Feuertrank
Der Begeist’rung — satanisch grinsend scheucht
Dein Böser Feind auch diese Tröst’rin von hinnen
Und sinnberörend ins Aug’ dir blickend, weilt
So lang Unselige er an deinem Lager,
Bis du die Arme breitest, ans Herz ihn drückst
Und verlangend, sklavisch nur ihm entgegenatmest,
Ein Opfer, das willenlos sich selbst ergibt.
Dann breitet er die schwarzen Dämonenflügel
Und schüttelt seiner Locken nächtliche Pracht,
Küßt frostig Lieb’ und Glauben dir aus der Seele,
Träuft leis’ das Gift der Verzweiflung in deine Brust,
Zerfleischt mit krampfhaft zuckenden Raubtierkrallen
Dein Herz, umfängt dich brünstig wie ein Vampir
Und flüstert eisig lächelnd: «ich heiße Erkenntnis!»2.
Mit ehernen Banden hält
Und ketter an Staub und Verwesung
Natur, deine Zeug’rin, dich fest;
Natur, das lockende Ungeheuer,
Bald lächelnd und sonnengoldig
Zu wütender Daseinsfreude dich spornend, bald
Entsetzen und Not gebärend,
Mit der Rute des Jammers dich peitschend,
Doch immer vernichtend und rätselhaft, immer
Medusa und Sphinx zugleich!
Dutch deine Pulse jagt
Und rast in fiebernden Takten
Ihr unbarmherz’ges Gesetz,
Das ew’ge Gesetz der Zerstörung;
Sie gab dir Wille und Kraft
Dich selbst zu vernichten — dich selbst
Zu retten aber vermagst du nie und nimmer!
An ihrem Triumphwagen zieh’n
Wir alle — keuchend, schweißbetrieft und dennoch
Auch selig: denn als Fata morgana schaukelt
Die Hoffnung vor uns und das Glück und jegliches Blendwerk,
Das uns zum Hohn sie geschaffen,
Und wir, das schnsuchtsvergiftete Sklavenheer,
Ideale nennen! — So stürmen in lechzender Eile
Und toller Jagd wir dahin, bis tückisch
Die Kraft uns verläßt, der Odem schwindet und ferner
Denn je unser Ziel auf goldigen Wolken schwebt,
Bis hilflos und keuchend wir
Zusammenbrechen — dann jauchzt dämonisch sie auf,
Dann ruft sie ihr grausames: «Evoe!» und lenkt
Zermalmend über tausend Opfer hinweg
Die ehernen Speichen ihrer Biga!3.
Welch grausamer Dämon wohl
Den quälenden Liebesdrang
Ins pochende Herz uns geschrieben?
Welch tückischer Höllenwahn
Es sehnend beben und töricht
Nach göttlicher Wonne lechzen und dürsten heißt,
Nach einem Unendlichen
In fiebernder Glut sich verzehren
Und über dem brodelnden Sumpf
Der Endlichkeit das lockendste Märchenreich
Des Traumes erbau’n — ach! klagend und ungelöst
Verhallt in Ewigkeit diese bange Frage...Berückend lächelt und winkt
In jenen Rätselstunden
Das Göttliche uns zu
Allein wir wollen’s auch haschen,
Auch fesseln, auch im Gewand der Vergänglichkeit sch’n
Und rufen, ein zweites, törichtes Ich
An unser Schicksal kettend: «Gefunden — gefunden!»Allein nur Götter und Märchenhelden erquickt
Der Nektar ewiger Torheit,
Die kleinen Menschen lenkt Vernunft,
Und Vernunft, die gefräßige Riesin,
Sie nährt und stärkt sich nur
Von zertrümmerten Idealen!
Entzaubert und fröstelnd erwacht
Das Herz und die nüchterne Alltagsseele,
Sie lächelt des Traum’s, der eh’mals sie berauscht...
Den leuchtenden Stern der Göttlichkeit,
Nicht stolz und titanisch konnte
Vom Himmel sie ihn reißen — nein, sie griff
Und langte, törichter als ein törichtes Kind,
Nach seinem trüben Widerschein
In der Pfütze der eigenen Gattung...Im Kreise der Lebenden geht
Und wandelt von Mund zu Mund
Ein schreckgeflüstertes Wörtchen
Sein eherner Klang, er läßt
Die rosigen Wangen erbleichen,
Die Jubelhymnen des Wahns,
Die schillernden Lügenmärchen
Des Daseins werden ihm zerrissen, und
Verhallen mit ihm in Ewigkeit.
Die Dornenkrone des Leids,
Die Rosenkränze des Glückes
Und Diademe des Ruhms
Sie alle, alle umwindet,
Umstrickt und überwuchert
Des bleichen Todes Asphodill!
Wem seine Fittiche tauschen,
Der bebt, und wem seine hohle Stimme ertönt,
Der hat zum letzten Mal gelogen...Verwesung und Moder gärt
In unsren Adern, Verwesung leitet uns
Nach ihrem Gesetz, und was da lebt und atmet,
Verwesung hat es geschaffen,
Verwesung zerstört es auch!
Ein schmutziger Wirbel voll Rätsel und Wahnsinn kreist
Das Leben, und unser Pygmäengeschlecht, es kreist
Mit ihm: in blinder Schwäche, drolliger Würde
Und Ohnmacht...Allsiegend und frei nur herrscht
Der Riese Tod: mit blinkendem Schwerte mäht er
Die gleißende Daseinslüge hinweg
Und spricht, in Ewigkeit
Auf Staub und Verwesung deutend,
Die einzige, ewige Wahrheit: «Es ist nichts!»
Um Mitternacht
Wenn müde und halb berauscht
Von des Tages bunt wechselndem Leben
In sel’ger Ruhe die Erde träumt,
Des Mondes bläulicher Glanz
Die öden Straßen durchflutet
Und heil’ge Vergessenheit
Die linden Fittiche hebt
In diesen gesegneten Stunden,
So wonne- und schlummerreich
Warum, laut pochendes Herz,
Kannst nur du keine Ruhe finden?
Warum, heißfiebernde Stirn,
Durchwirbelt so schlummerraubend
Und traumverscheuchend nur dich
Der Gedanken quälendes Heer?Geruhigen Wandels zieh’n
Am Himmel oben die Sterne,
Und regungslos liegt die Stadt,
Die weite, weite Riesenstadt — denn siehe,
's ist Mitternacht und arm wie reich beglückte
Ohn’ Unterschied des Traumgott’s lockender Becher,
Der schwere, mohnumkränzte...Du nur stöhnst
Und wimmerst um Mitternacht in deine Kissen,
Unsel’ge, und weinst und brütest — denn
Ein Dämon ist’s, der finster und dennoch berückend
Dein Lager umschwebt und Dämonengeflüster scheucht
Des Traumes Märchenboten aus deiner Nähe,
So daß ihr lieblicher Reigen glanzlos zerstiebt
Und die Nachtunholde des Wahnsinns dich umkteisen.
Und winkt auch leuchtenden Auges dir
Das Zauberweib Phantasie mit den gold’nen Schwingen,
Dem Mohnktanz und hold verjüngenden Feuertrank
Der Begeist’rung — satanisch grinsend scheucht
Dein Böser Feind auch diese Tröst’rin von hinnen
Und sinnberörend ins Aug’ dir blickend, weilt
So lang Unselige er an deinem Lager,
Bis du die Arme breitest, ans Herz ihn drückst
Und verlangend, sklavisch nur ihm entgegenatmest,
Ein Opfer, das willenlos sich selbst ergibt.
Dann breitet er die schwarzen Dämonenflügel
Und schüttelt seiner Locken nächtliche Pracht,
Küßt frostig Lieb’ und Glauben dir aus der Seele,
Träuft leis’ das Gift der Verzweiflung in deine Brust,
Zerfleischt mit krampfhaft zuckenden Raubtierkrallen
Dein Herz, umfängt dich brünstig wie ein Vampir
Und flüstert eisig lächelnd: «ich heiße Erkenntnis!»2.
Mit ehernen Banden hält
Und ketter an Staub und Verwesung
Natur, deine Zeug’rin, dich fest;
Natur, das lockende Ungeheuer,
Bald lächelnd und sonnengoldig
Zu wütender Daseinsfreude dich spornend, bald
Entsetzen und Not gebärend,
Mit der Rute des Jammers dich peitschend,
Doch immer vernichtend und rätselhaft, immer
Medusa und Sphinx zugleich!
Dutch deine Pulse jagt
Und rast in fiebernden Takten
Ihr unbarmherz’ges Gesetz,
Das ew’ge Gesetz der Zerstörung;
Sie gab dir Wille und Kraft
Dich selbst zu vernichten — dich selbst
Zu retten aber vermagst du nie und nimmer!
An ihrem Triumphwagen zieh’n
Wir alle — keuchend, schweißbetrieft und dennoch
Auch selig: denn als Fata morgana schaukelt
Die Hoffnung vor uns und das Glück und jegliches Blendwerk,
Das uns zum Hohn sie geschaffen,
Und wir, das schnsuchtsvergiftete Sklavenheer,
Ideale nennen! — So stürmen in lechzender Eile
Und toller Jagd wir dahin, bis tückisch
Die Kraft uns verläßt, der Odem schwindet und ferner
Denn je unser Ziel auf goldigen Wolken schwebt,
Bis hilflos und keuchend wir
Zusammenbrechen — dann jauchzt dämonisch sie auf,
Dann ruft sie ihr grausames: «Evoe!» und lenkt
Zermalmend über tausend Opfer hinweg
Die ehernen Speichen ihrer Biga!3.
Welch grausamer Dämon wohl
Den quälenden Liebesdrang
Ins pochende Herz uns geschrieben?
Welch tückischer Höllenwahn
Es sehnend beben und töricht
Nach göttlicher Wonne lechzen und dürsten heißt,
Nach einem Unendlichen
In fiebernder Glut sich verzehren
Und über dem brodelnden Sumpf
Der Endlichkeit das lockendste Märchenreich
Des Traumes erbau’n — ach! klagend und ungelöst
Verhallt in Ewigkeit diese bange Frage...Berückend lächelt und winkt
In jenen Rätselstunden
Das Göttliche uns zu
Allein wir wollen’s auch haschen,
Auch fesseln, auch im Gewand der Vergänglichkeit sch’n
Und rufen, ein zweites, törichtes Ich
An unser Schicksal kettend: «Gefunden — gefunden!»Allein nur Götter und Märchenhelden erquickt
Der Nektar ewiger Torheit,
Die kleinen Menschen lenkt Vernunft,
Und Vernunft, die gefräßige Riesin,
Sie nährt und stärkt sich nur
Von zertrümmerten Idealen!
Entzaubert und fröstelnd erwacht
Das Herz und die nüchterne Alltagsseele,
Sie lächelt des Traum’s, der eh’mals sie berauscht...
Den leuchtenden Stern der Göttlichkeit,
Nicht stolz und titanisch konnte
Vom Himmel sie ihn reißen — nein, sie griff
Und langte, törichter als ein törichtes Kind,
Nach seinem trüben Widerschein
In der Pfütze der eigenen Gattung...Im Kreise der Lebenden geht
Und wandelt von Mund zu Mund
Ein schreckgeflüstertes Wörtchen
Sein eherner Klang, er läßt
Die rosigen Wangen erbleichen,
Die Jubelhymnen des Wahns,
Die schillernden Lügenmärchen
Des Daseins werden ihm zerrissen, und
Verhallen mit ihm in Ewigkeit.
Die Dornenkrone des Leids,
Die Rosenkränze des Glückes
Und Diademe des Ruhms
Sie alle, alle umwindet,
Umstrickt und überwuchert
Des bleichen Todes Asphodill!
Wem seine Fittiche tauschen,
Der bebt, und wem seine hohle Stimme ertönt,
Der hat zum letzten Mal gelogen...Verwesung und Moder gärt
In unsren Adern, Verwesung leitet uns
Nach ihrem Gesetz, und was da lebt und atmet,
Verwesung hat es geschaffen,
Verwesung zerstört es auch!
Ein schmutziger Wirbel voll Rätsel und Wahnsinn kreist
Das Leben, und unser Pygmäengeschlecht, es kreist
Mit ihm: in blinder Schwäche, drolliger Würde
Und Ohnmacht...Allsiegend und frei nur herrscht
Der Riese Tod: mit blinkendem Schwerte mäht er
Die gleißende Daseinslüge hinweg
Und spricht, in Ewigkeit
Auf Staub und Verwesung deutend,
Die einzige, ewige Wahrheit: «Es ist nichts!»
[ 3 ] Gerade an einem solchen Beispiele, glaube ich, kann man ersehen, wohin die materialistisch-mechanische Weltauffassung führen muß. Wenn diese Weltanschauung die einzig tonangebende geworden wäre und die Menschen die Möglichkeit des Fühlens behalten hätten, dann hätte solch eine Stimmung, wie die aus diesen Dichtungen sprechende, im weitesten Umkreise die Menschen ergreifen müssen und nur diejenigen, die gefühllos weiter hätten leben wollen, nur diese Gefühllosen hätten es vermeiden können, von einer solchen Stimmung ergriffen zu werden.
[ 3 ] Gerade an einem solchen Beispiele, glaube ich, kann man ersehen, wohin die materialistisch-mechanische Weltauffassung führen muß. Wenn diese Weltanschauung die einzig tonangebende geworden wäre und die Menschen die Möglichkeit des Fühlens behalten hätten, dann hätte solch eine Stimmung, wie die aus diesen Dichtungen sprechende, im weitesten Umkreise die Menschen ergreifen müssen und nur diejenigen, die gefühllos weiter hätten leben wollen, nur diese Gefühllosen hätten es vermeiden können, von einer solchen Stimmung ergriffen zu werden.
[ 4 ] Man lernt den Gang der Welt nicht dutch jene bloß theoretischen Gedanken kennen und in der richtigen Weise durchschauen, mit denen sich die Menschen gewöhnlich Weltanschauungen zimmern, sondern die Tragkraft einer Weltanschauung lernt man erst kennen, wenn man sie einfließen sieht in das Leben. Und ich muß sagen, es war ein tiefer Eindruck, als ich, es ist jetzt schon sehr lange her, die mechanisch-materialistische Weltanschauung einziehen sah in die geniale Seele — denn sie darf eine geniale Seele genannt werden — der Marie Eugenie delle Grazie.
[ 4 ] Man lernt den Gang der Welt nicht dutch jene bloß theoretischen Gedanken kennen und in der richtigen Weise durchschauen, mit denen sich die Menschen gewöhnlich Weltanschauungen zimmern, sondern die Tragkraft einer Weltanschauung lernt man erst kennen, wenn man sie einfließen sieht in das Leben. Und ich muß sagen, es war ein tiefer Eindruck, als ich, es ist jetzt schon sehr lange her, die mechanisch-materialistische Weltanschauung einziehen sah in die geniale Seele — denn sie darf eine geniale Seele genannt werden — der Marie Eugenie delle Grazie.
[ 5 ] Man muß aber auch die Vorbedingungen bedenken, die dazu führten, daß ein menschliches Herz sich der mechanisch-materialistischen Weltanschauung so gegenüberstellt. Marie Eugenie delle Grazie ist ja schon ihrer Abstammung nach, ich möchte sagen, eine kosmopolitische Erscheinung. Sie hat von ihren Vorfahren her Blut aller möglichen Nationalitäten in ihren Adern. Die Leiden des Lebens hat sie schon in früher Kindheit kennengelernt, und sie hat auch in früher Kindheit schon gelernt, wie man sich hinaufrankt, um zu dem, was des Lebens äußerlichen Sinn bildet, etwas hinzuzufinden, was dieses Leben dutch eine höhere Kraft zu einem Höheren trägt; denn ihr Erzieher wurde ein katholischer Priester, der vor einigen Jahren gestorben ist. Die Genialität der delle Grazie gab sich dadurch kund, daß sie bereits in ihrem 16., 17. Jahre ein lyrisches Gedichtbuch, ein umfassendes Epos, eine Tragödie und ein Novellenbändchen geschrieben hat. So viel man nach dieser oder jener Richtung auch gegen diese Dichtungen haben möchte: Genialität spricht sich in ihnen in einer hinreißenden Art und Weise aus. Mir kamen diese Dichtungen dazumal, als sie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erschienen waren, in die Hände, und gleichzeitig hörte ich durch allerlei Bekannte von delle Grazie sprechen. Ich hörte zum Beispiel, daß der Ästhetiker Robert Zimmermann, der eine Ästhetik und eine Geschichte der Ästhetik geschrieben hat und ein bedeutender Vertreter der Herbartschen Philosophenschule war jetzt sind die Herbartianer ausgestorben —, und der dazumal schon ein alter Mann war, sagte: delle Grazie sei das einzige wirkliche Genie, das er im Leben kennengelernt habe.
[ 5 ] Man muß aber auch die Vorbedingungen bedenken, die dazu führten, daß ein menschliches Herz sich der mechanisch-materialistischen Weltanschauung so gegenüberstellt. Marie Eugenie delle Grazie ist ja schon ihrer Abstammung nach, ich möchte sagen, eine kosmopolitische Erscheinung. Sie hat von ihren Vorfahren her Blut aller möglichen Nationalitäten in ihren Adern. Die Leiden des Lebens hat sie schon in früher Kindheit kennengelernt, und sie hat auch in früher Kindheit schon gelernt, wie man sich hinaufrankt, um zu dem, was des Lebens äußerlichen Sinn bildet, etwas hinzuzufinden, was dieses Leben dutch eine höhere Kraft zu einem Höheren trägt; denn ihr Erzieher wurde ein katholischer Priester, der vor einigen Jahren gestorben ist. Die Genialität der delle Grazie gab sich dadurch kund, daß sie bereits in ihrem 16., 17. Jahre ein lyrisches Gedichtbuch, ein umfassendes Epos, eine Tragödie und ein Novellenbändchen geschrieben hat. So viel man nach dieser oder jener Richtung auch gegen diese Dichtungen haben möchte: Genialität spricht sich in ihnen in einer hinreißenden Art und Weise aus. Mir kamen diese Dichtungen dazumal, als sie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erschienen waren, in die Hände, und gleichzeitig hörte ich durch allerlei Bekannte von delle Grazie sprechen. Ich hörte zum Beispiel, daß der Ästhetiker Robert Zimmermann, der eine Ästhetik und eine Geschichte der Ästhetik geschrieben hat und ein bedeutender Vertreter der Herbartschen Philosophenschule war jetzt sind die Herbartianer ausgestorben —, und der dazumal schon ein alter Mann war, sagte: delle Grazie sei das einzige wirkliche Genie, das er im Leben kennengelernt habe.
[ 6 ] Allerlei Umstände brachten es dann dahin, daß ich mit delle Grazie persönlich bekannt und befreundet wurde und daß viel Weltanschauliches und auch sonstiges zwischen uns gesprochen worden ist. Es war eine bedeutsame Lehre, auf der einen Seite zu sehen den Erzieher der delle Grazie, den katholischen Priester, der, im Katholizismus berufsmäßig drinnenstehend, sich zu einer Weltanschauung durchgerungen hatte, die er nur mit Ironie und Humor aussprach, wenn er intimer sprach, und auf der anderen Seite delle Grazie selber. Schon als ich das allererste Gespräch mit ihr hatte, zeigte es sich, daß etwas Tiefgründiges gegenüber Welt und Leben in ihr war. Sie hatte infolge ihrer Erziehung durch den Priester die katholische Christologie kennengelernt, mit allen möglichen Lichtseiten, die man kennenlernen konnte, wenn man Professor Müllner — das ist dieser Priester — nahestand, der seinerseits auch tief in das Leben hineingeschaut hatte. Das alles hatte sich in der delle Grazie so gestaltet, daß sie mit dem Weltbild, das ihr zunächst von seiten dieses Priesters gegeben worden war — Sie müssen im Auge haben, daß ich von einem siebzehnjährigen Mädchen spreche —, alles verband, was das Leben an Übel und Bösem, an Schmerz und Leid bringt, so daß daraus die Idee einer Dichtung entstand, die sie mir in einem langen Gespräche auseinandersetzte: sie wollte eine «Satanide» schreiben. Sie wollte zeigen, wie Leid und Schmerz in der Welt stehen auf der einen Seite, und auf der anderen Seite jene Weltanschauung, die ihr überliefert worden ist.
[ 6 ] Allerlei Umstände brachten es dann dahin, daß ich mit delle Grazie persönlich bekannt und befreundet wurde und daß viel Weltanschauliches und auch sonstiges zwischen uns gesprochen worden ist. Es war eine bedeutsame Lehre, auf der einen Seite zu sehen den Erzieher der delle Grazie, den katholischen Priester, der, im Katholizismus berufsmäßig drinnenstehend, sich zu einer Weltanschauung durchgerungen hatte, die er nur mit Ironie und Humor aussprach, wenn er intimer sprach, und auf der anderen Seite delle Grazie selber. Schon als ich das allererste Gespräch mit ihr hatte, zeigte es sich, daß etwas Tiefgründiges gegenüber Welt und Leben in ihr war. Sie hatte infolge ihrer Erziehung durch den Priester die katholische Christologie kennengelernt, mit allen möglichen Lichtseiten, die man kennenlernen konnte, wenn man Professor Müllner — das ist dieser Priester — nahestand, der seinerseits auch tief in das Leben hineingeschaut hatte. Das alles hatte sich in der delle Grazie so gestaltet, daß sie mit dem Weltbild, das ihr zunächst von seiten dieses Priesters gegeben worden war — Sie müssen im Auge haben, daß ich von einem siebzehnjährigen Mädchen spreche —, alles verband, was das Leben an Übel und Bösem, an Schmerz und Leid bringt, so daß daraus die Idee einer Dichtung entstand, die sie mir in einem langen Gespräche auseinandersetzte: sie wollte eine «Satanide» schreiben. Sie wollte zeigen, wie Leid und Schmerz in der Welt stehen auf der einen Seite, und auf der anderen Seite jene Weltanschauung, die ihr überliefert worden ist.
[ 7 ] Nun fiel in eine solche Seele die materialistisch-mechanische Weltanschauung hinein. Diese wirkt ja mit einer starken Überzeugungskraft, entfaltet eine Riesenkraft der Logik, so daß die Menschen ihr nur schwer entgehen können. Ich habe delle Grazie später gefragt, warum sie die «Satanide» nicht geschrieben habe. Sie sagte mir, da sie nach der materialistisch-mechanischen Anschauung nicht an Gott glaube und somit auch nicht an den Gegner des Gottes, den Satan, könne sie aus der Wahrhaftigkeit ihres Gefühles heraus die Satanide nicht schreiben.
[ 7 ] Nun fiel in eine solche Seele die materialistisch-mechanische Weltanschauung hinein. Diese wirkt ja mit einer starken Überzeugungskraft, entfaltet eine Riesenkraft der Logik, so daß die Menschen ihr nur schwer entgehen können. Ich habe delle Grazie später gefragt, warum sie die «Satanide» nicht geschrieben habe. Sie sagte mir, da sie nach der materialistisch-mechanischen Anschauung nicht an Gott glaube und somit auch nicht an den Gegner des Gottes, den Satan, könne sie aus der Wahrhaftigkeit ihres Gefühles heraus die Satanide nicht schreiben.
[ 8 ] Aber sie hatte eine ungeheure Kraft des menschlichen Erlebens und die prägte sie dann in dem großen zweibändigen Epos «Robespierre» aus, das ganz von solchen Stimmungen, wie Sie sie gehört haben, durchzogen ist. Ich habe noch während des Entstehens viele Gesänge von ihr selbst vorlesen hören. Zwei Frauen wurde es einmal dabei übel. Sie konnten das nicht zu Ende hören. Das ist charakteristisch dafür, wie sich die Menschen Schleier vormachen. Sie glauben an die Wissenschaft des Materialismus, aber wenn man ihnen die Konsequenz vor Augen führen würde, so würden sie ohnmächtig.
[ 8 ] Aber sie hatte eine ungeheure Kraft des menschlichen Erlebens und die prägte sie dann in dem großen zweibändigen Epos «Robespierre» aus, das ganz von solchen Stimmungen, wie Sie sie gehört haben, durchzogen ist. Ich habe noch während des Entstehens viele Gesänge von ihr selbst vorlesen hören. Zwei Frauen wurde es einmal dabei übel. Sie konnten das nicht zu Ende hören. Das ist charakteristisch dafür, wie sich die Menschen Schleier vormachen. Sie glauben an die Wissenschaft des Materialismus, aber wenn man ihnen die Konsequenz vor Augen führen würde, so würden sie ohnmächtig.
[ 9 ] Die materialistische Weltanschauung macht die Menschen wirklich schwach und feige. Sie schauen die Welt mit einem Schleier an und wollen dabei noch Christen sein. Und das insbesondere erschien später Marie Eugenie delle Grazie als das Schlimmste im Dasein. Sie sagte sich etwa folgendes: Alles ist nur wirbelnde Atome, durcheinanderwirbelnde Atome. Was machen diese durcheinanderwirbelnden Atome? Sie ballen — nachdem sie sich zu Weltenkörpern zusammengeballt haben, nachdem sie Pflanzen haben wachsen lassen —, sie ballen Menschen und Menschengehirne zusammen und in diesen entstehen durch jenes Ballen von Atomen Ideale, Ideale von Schönheit, von allerlei Großem, von allerlei Göttlichem. Was ist das für ein furchtbares Dasein, sagte sie sich, wenn Atome wirbeln und so wirbeln, daß sie den Menschen ein Dasein von Idealen vormachen. Betrogen und verlogen ist das ganze Weltendasein. — So sagen eben diejenigen, die nicht zu feige sind, die letzten Konsequenzen der materialistisch-mechanischen Weltanschauung zu ziehen. Delle Grazie sagt: Wäre sie wenigstens wahrhaftig, diese Welt durcheinanderwirbelnder Atome, dann würden wir im Geiste vor uns haben durcheinanderwirbelnde Atome. So aber betrügen uns die durcheinanderwirbelnden Atome noch, lügen uns an, als ob es in der Welt Ideale gäbe.
[ 9 ] Die materialistische Weltanschauung macht die Menschen wirklich schwach und feige. Sie schauen die Welt mit einem Schleier an und wollen dabei noch Christen sein. Und das insbesondere erschien später Marie Eugenie delle Grazie als das Schlimmste im Dasein. Sie sagte sich etwa folgendes: Alles ist nur wirbelnde Atome, durcheinanderwirbelnde Atome. Was machen diese durcheinanderwirbelnden Atome? Sie ballen — nachdem sie sich zu Weltenkörpern zusammengeballt haben, nachdem sie Pflanzen haben wachsen lassen —, sie ballen Menschen und Menschengehirne zusammen und in diesen entstehen durch jenes Ballen von Atomen Ideale, Ideale von Schönheit, von allerlei Großem, von allerlei Göttlichem. Was ist das für ein furchtbares Dasein, sagte sie sich, wenn Atome wirbeln und so wirbeln, daß sie den Menschen ein Dasein von Idealen vormachen. Betrogen und verlogen ist das ganze Weltendasein. — So sagen eben diejenigen, die nicht zu feige sind, die letzten Konsequenzen der materialistisch-mechanischen Weltanschauung zu ziehen. Delle Grazie sagt: Wäre sie wenigstens wahrhaftig, diese Welt durcheinanderwirbelnder Atome, dann würden wir im Geiste vor uns haben durcheinanderwirbelnde Atome. So aber betrügen uns die durcheinanderwirbelnden Atome noch, lügen uns an, als ob es in der Welt Ideale gäbe.
[ 10 ] Wenn man also erkennen gelernt hat, welche Konsequenzen das menschliche Gemüt ziehen muß, wenn es in Ehrlichkeit sich verhält zu der materialistisch-mechanischen Weltanschauung, dann hat man wieder einen der Gründe für das Arbeiten an einer spirituellen Weltanschauung.
[ 10 ] Wenn man also erkennen gelernt hat, welche Konsequenzen das menschliche Gemüt ziehen muß, wenn es in Ehrlichkeit sich verhält zu der materialistisch-mechanischen Weltanschauung, dann hat man wieder einen der Gründe für das Arbeiten an einer spirituellen Weltanschauung.
[ 11 ] Denjenigen, die da immer sagen: Wir haben ja alles, wir haben unsere Ideale, wir haben das, was das Christentum bisher gebracht hat —, muß erwidert werden: Hat man es denn nicht dadurch, wie man sich verhalten hat, gebracht zu der mächtigen mechanisch-materialistischen Weltanschauung? Wollt ihr so fortmachen? — Diejenigen, die die Unnötigkeit unserer Bewegung dartun wollen, weil von anderen Seiten dies oder jenes vorgebracht wird, die sollten sich besinnen, daß trotzdem diese anderen Seiten Jahrhunderte hindurch gewirkt haben, die mechanistisch-materialistische Weltanschauung groß geworden ist. Es handelt sich eben darum, daß man das Leben da, wo es in Wahrheit auftritt, zu erfassen bestrebt ist. Nicht darauf kommt es an, was wir uns für Gedanken machen, sondern darauf, daß wir hinschauen auf die Tatsachen und uns von den Tatsachen belehren lassen. Ich habe es öfter erwähnt, daß ich einmal in einer Stadt einen Vortrag gehalten habe über das Christentum vom Standpunkte der Geisteswissenschaft. Da waren auch zwei Priester. Die kamen nach dem Vortrage zu mir und sagten: Das ist ja alles schön und gut, was Sie da sagen, aber so wie Sie es vortragen, das verstehen ja nur einige wenige; das Richtigere ist doch, wie wir die Sache vortragen, denn das ist für alle Menschen. — Darauf konnte ich nichts anderes sagen als: Verzeihen Sie, aber gehen wirklich alle Menschen zu Ihnen hin? Daß Sie glauben, es ist für alle Menschen, das entscheidet nichts über die Sache, sondern was wirklich ist, und so werden Sie nicht ableugnen können, daß zahlreiche Menschen nicht mehr zu Ihnen hingehen. Und für diese wird bei uns gesprochen, weil diese auch den Weg zum Christus finden müssen. — So spricht man, wenn man nicht den bequemen Weg wählt, wenn man nicht einfach die eigene Meinung für gut findet, sondern sich von den Tatsachen leiten läßt.
[ 11 ] Denjenigen, die da immer sagen: Wir haben ja alles, wir haben unsere Ideale, wir haben das, was das Christentum bisher gebracht hat —, muß erwidert werden: Hat man es denn nicht dadurch, wie man sich verhalten hat, gebracht zu der mächtigen mechanisch-materialistischen Weltanschauung? Wollt ihr so fortmachen? — Diejenigen, die die Unnötigkeit unserer Bewegung dartun wollen, weil von anderen Seiten dies oder jenes vorgebracht wird, die sollten sich besinnen, daß trotzdem diese anderen Seiten Jahrhunderte hindurch gewirkt haben, die mechanistisch-materialistische Weltanschauung groß geworden ist. Es handelt sich eben darum, daß man das Leben da, wo es in Wahrheit auftritt, zu erfassen bestrebt ist. Nicht darauf kommt es an, was wir uns für Gedanken machen, sondern darauf, daß wir hinschauen auf die Tatsachen und uns von den Tatsachen belehren lassen. Ich habe es öfter erwähnt, daß ich einmal in einer Stadt einen Vortrag gehalten habe über das Christentum vom Standpunkte der Geisteswissenschaft. Da waren auch zwei Priester. Die kamen nach dem Vortrage zu mir und sagten: Das ist ja alles schön und gut, was Sie da sagen, aber so wie Sie es vortragen, das verstehen ja nur einige wenige; das Richtigere ist doch, wie wir die Sache vortragen, denn das ist für alle Menschen. — Darauf konnte ich nichts anderes sagen als: Verzeihen Sie, aber gehen wirklich alle Menschen zu Ihnen hin? Daß Sie glauben, es ist für alle Menschen, das entscheidet nichts über die Sache, sondern was wirklich ist, und so werden Sie nicht ableugnen können, daß zahlreiche Menschen nicht mehr zu Ihnen hingehen. Und für diese wird bei uns gesprochen, weil diese auch den Weg zum Christus finden müssen. — So spricht man, wenn man nicht den bequemen Weg wählt, wenn man nicht einfach die eigene Meinung für gut findet, sondern sich von den Tatsachen leiten läßt.
[ 12 ] Darum genügt es auch nicht, wie Sie gestern sehen konnten, daß man hintereinander die Sätze einer solchen Schrift, wie die Wrangellsche, liest, sondern daß man daran anknüpft, was man anknüpfen kann. Ich möchte Ihnen dadurch ein Beispiel geben — und man kann das auf verschiedene Art machen —, wie verschiedene Schriften in unseren Zweigen besprochen werden können, und wie das, was in unserer Geisteswissenschaft lebt, klar hervortreten kann dadurch, daß wir es messen an dem, was in solchen Broschüren besprochen wird.
[ 12 ] Darum genügt es auch nicht, wie Sie gestern sehen konnten, daß man hintereinander die Sätze einer solchen Schrift, wie die Wrangellsche, liest, sondern daß man daran anknüpft, was man anknüpfen kann. Ich möchte Ihnen dadurch ein Beispiel geben — und man kann das auf verschiedene Art machen —, wie verschiedene Schriften in unseren Zweigen besprochen werden können, und wie das, was in unserer Geisteswissenschaft lebt, klar hervortreten kann dadurch, daß wir es messen an dem, was in solchen Broschüren besprochen wird.
[ 13 ] Das nächste Kapitel in Wrangells Broschüre heißt:
[ 13 ] Das nächste Kapitel in Wrangells Broschüre heißt:
Bildung der Begriffe
Das, was den Menschen umgibt, ist vielgestaltig. Jedes Ding ist von dem anderen verschieden. Wenn mehrere Dinge auch in manchen ihrer Eigenschaften übereinstimmen, d.h. die gleichen oder doch ähnliche Sinneseindrücke hervorrufen, so unterscheiden sie sich mindestens in einem Attribut: Jedes Ding, das ich durch meine Sinne gewahr werde, nimmt zur Zeit einen bestimmten Raumesteil ein.
Zur größeren Übersichtlichkeit dieser vielgestaltigen Welt faßt der Mensch ähnliche, d.h. mit gleichartigen Eigenschaften behaftete Dinge unter gemeinsamen Bezeichnungen zusammen. Für diese gedanklich erzeugten Begriffe bildet er Worte. Auch gleiche oder ähnliche Eigenschaften, wie z.B. rot, hart, warm, heiß usw., bezeichnet er durch Worte.
Bildung der Begriffe
Das, was den Menschen umgibt, ist vielgestaltig. Jedes Ding ist von dem anderen verschieden. Wenn mehrere Dinge auch in manchen ihrer Eigenschaften übereinstimmen, d.h. die gleichen oder doch ähnliche Sinneseindrücke hervorrufen, so unterscheiden sie sich mindestens in einem Attribut: Jedes Ding, das ich durch meine Sinne gewahr werde, nimmt zur Zeit einen bestimmten Raumesteil ein.
Zur größeren Übersichtlichkeit dieser vielgestaltigen Welt faßt der Mensch ähnliche, d.h. mit gleichartigen Eigenschaften behaftete Dinge unter gemeinsamen Bezeichnungen zusammen. Für diese gedanklich erzeugten Begriffe bildet er Worte. Auch gleiche oder ähnliche Eigenschaften, wie z.B. rot, hart, warm, heiß usw., bezeichnet er durch Worte.
[ 14 ] Hier spricht sich Herr von Wrangell über die Bildung von Begriffen in einer Weise aus, die sehr populär ist und die sehr häufig so gegeben wird. Man sagt sich: Ich sehe eine rote Blume, eine zweite, eine dritte rote Blume von bestimmter Gestalt und Anordnung der Blumenblätter, und da ich diese gleich finde, so bilde ich mir über sie zusammen einen Begriff. Ein Begriff wäre also so gebildet, daß ich aus Verschiedenem das Gleiche zusammenfasse. Zum Beispiel der Begriff «Pferd» ist dadurch gebildet, daß ich auf bestimmte Weise eine Anzahl von Tieren, die gewisse Ähnlichkeiten haben, in einen einzigen Gedanken, in eine einzige Vorstellung zusammenfasse. Ebenso kann ich es mit Eigenschaften machen. Ich sehe etwas mit einer bestimmten Farbennuance, etwas anderes mit einer ähnlichen Farbennuance und bilde mir den Begriff von der Farbe «Rot».
[ 14 ] Hier spricht sich Herr von Wrangell über die Bildung von Begriffen in einer Weise aus, die sehr populär ist und die sehr häufig so gegeben wird. Man sagt sich: Ich sehe eine rote Blume, eine zweite, eine dritte rote Blume von bestimmter Gestalt und Anordnung der Blumenblätter, und da ich diese gleich finde, so bilde ich mir über sie zusammen einen Begriff. Ein Begriff wäre also so gebildet, daß ich aus Verschiedenem das Gleiche zusammenfasse. Zum Beispiel der Begriff «Pferd» ist dadurch gebildet, daß ich auf bestimmte Weise eine Anzahl von Tieren, die gewisse Ähnlichkeiten haben, in einen einzigen Gedanken, in eine einzige Vorstellung zusammenfasse. Ebenso kann ich es mit Eigenschaften machen. Ich sehe etwas mit einer bestimmten Farbennuance, etwas anderes mit einer ähnlichen Farbennuance und bilde mir den Begriff von der Farbe «Rot».
[ 15 ] Wer den Dingen genauer zu Leibe gehen will, muß sich aber fragen: Ist denn dieses wirklich der Weg der Begriffsbildung? Ich kann jetzt nur Andeutungen machen, sonst würden wir durch die Schrift niemals durchkommen, denn man kann eigentlich an jegliches Ding die ganze Welt immer anknüpfen.
[ 15 ] Wer den Dingen genauer zu Leibe gehen will, muß sich aber fragen: Ist denn dieses wirklich der Weg der Begriffsbildung? Ich kann jetzt nur Andeutungen machen, sonst würden wir durch die Schrift niemals durchkommen, denn man kann eigentlich an jegliches Ding die ganze Welt immer anknüpfen.
[ 16 ] Zur Veranschaulichung dessen, wie Herr von Wrangell es darstellt, daß Begriffe gebildet werden, will ich ein geometrisches Beispiel wählen.1Hier wurde offensichtlich an der Tafel demonstriert; die Zeichnung ist nicht überliefert. Nehmen wir an, wir hätten Verschiedenes gesehen in der Welt und wir fänden das eine Mal etwas so begrenzt, das andere Mal etwas so begrenzt, und das dritte Mal etwas so begrenzt und so unzählige Male weiter. Diese einander so ähnlichen Begrenztheiten sehen wir häufig und nun würden wir uns nach der Definition des Herrn von Wrangell den Begriff «Kreis» bilden. — Aber bilden wir wirklich nach so einander ähnlichen Begrenztheiten den Begriff Kreis? Nein, den Begriff Kreis bilden wir uns erst, wenn wir folgendes anstellen: Hier ist ein Punkt, der eine gewisse Entfernung von diesem Punkte hat. Da ist ein Punkt, der wieder die gleiche Entfernung von jenem Punkte hat, und da ist wieder ein Punkt, der dieselbe Entfernung hat und so weiter. Ich suche alle Punkte auf, die dieselbe Entfernung haben von einem bestimmten Punkte. Wenn ich diese Punkte verbinde, bekomme ich eine Linie, die ich Kreis nenne, und den Begriff des Kreises bekomme ich, wenn ich sagen kann: Der Kreis ist eine Linie, bei welcher alle Punkte gleich weit vom Mittelpunkte entfernt sind. Und jetzt habe ich eine Formel und das führt mich zum Begriff. Das innere Erarbeiten, das innere Konstruieren führt in Wirklichkeit zum Begriff. Erst derjenige hat ein Recht, von Begriffen zu sprechen, der auf diese Weise Begriffe zu machen versteht, der nachzukonstruieren versteht, was draußen in der Welt vorhanden ist. Den Begriff eines Pferdes finden wir nicht dadurch, daß wir hundert Pferde anschauen, um das ihnen Gleiche herauszufinden, sondern das Wesen des Pferdes finden wir dadurch, daß wir es nachkonstruieren, und dann finden wir das Nachkonstruierte in jedem Pferde.
[ 16 ] Zur Veranschaulichung dessen, wie Herr von Wrangell es darstellt, daß Begriffe gebildet werden, will ich ein geometrisches Beispiel wählen.1Hier wurde offensichtlich an der Tafel demonstriert; die Zeichnung ist nicht überliefert. Nehmen wir an, wir hätten Verschiedenes gesehen in der Welt und wir fänden das eine Mal etwas so begrenzt, das andere Mal etwas so begrenzt, und das dritte Mal etwas so begrenzt und so unzählige Male weiter. Diese einander so ähnlichen Begrenztheiten sehen wir häufig und nun würden wir uns nach der Definition des Herrn von Wrangell den Begriff «Kreis» bilden. — Aber bilden wir wirklich nach so einander ähnlichen Begrenztheiten den Begriff Kreis? Nein, den Begriff Kreis bilden wir uns erst, wenn wir folgendes anstellen: Hier ist ein Punkt, der eine gewisse Entfernung von diesem Punkte hat. Da ist ein Punkt, der wieder die gleiche Entfernung von jenem Punkte hat, und da ist wieder ein Punkt, der dieselbe Entfernung hat und so weiter. Ich suche alle Punkte auf, die dieselbe Entfernung haben von einem bestimmten Punkte. Wenn ich diese Punkte verbinde, bekomme ich eine Linie, die ich Kreis nenne, und den Begriff des Kreises bekomme ich, wenn ich sagen kann: Der Kreis ist eine Linie, bei welcher alle Punkte gleich weit vom Mittelpunkte entfernt sind. Und jetzt habe ich eine Formel und das führt mich zum Begriff. Das innere Erarbeiten, das innere Konstruieren führt in Wirklichkeit zum Begriff. Erst derjenige hat ein Recht, von Begriffen zu sprechen, der auf diese Weise Begriffe zu machen versteht, der nachzukonstruieren versteht, was draußen in der Welt vorhanden ist. Den Begriff eines Pferdes finden wir nicht dadurch, daß wir hundert Pferde anschauen, um das ihnen Gleiche herauszufinden, sondern das Wesen des Pferdes finden wir dadurch, daß wir es nachkonstruieren, und dann finden wir das Nachkonstruierte in jedem Pferde.
[ 17 ] Dieses Moment der Aktivität, wenn man Vorstellungen, Begriffe bildet, wird häufig vergessen. Auch in diesem Kapitel ist vergessen worden, das Moment der inneren Aktivität zu berücksichtigen.
[ 17 ] Dieses Moment der Aktivität, wenn man Vorstellungen, Begriffe bildet, wird häufig vergessen. Auch in diesem Kapitel ist vergessen worden, das Moment der inneren Aktivität zu berücksichtigen.
[ 18 ] Das nächste Kapitel heißt:
[ 18 ] Das nächste Kapitel heißt:
Vorstellungen von Raum und Zeit
Der Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen erzeugt die Vorstellung des Raumes. Das unmittelbare Erleben des Nacheinanders von Empfindungen führt uns zur Vorstellung der Zeit. Raum und Zeit sind die Denkformen, in denen sich unsere Vorstellungen von der Welt außer uns gestalten, soweit wir sie durch unsere fünf Sinne wahrnehmen.
Die Vorstellung der Bewegung, als der Veränderung der Lage eines Dinges im Raume innerhalb eines Zeitabschnittes, ist gleichfalls eine ursprüngliche, zunächst durch die Bewegung des eigenen Körpers gegebene Vorstellung.
Wenn Dinge, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, innerhalb eines gewissen Zeitabschnittes die gleichen Sinneseindrücke in uns hervorrufen, so gewinnen wir die Vorstellung des «Seins», des Bestehens. Verändern sich dagegen die vom gleichen Ding empfangenen Eindrücke, so gewinnen wir die Vorstellung des «Geschehens».
Vorstellungen von Raum und Zeit
Der Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen erzeugt die Vorstellung des Raumes. Das unmittelbare Erleben des Nacheinanders von Empfindungen führt uns zur Vorstellung der Zeit. Raum und Zeit sind die Denkformen, in denen sich unsere Vorstellungen von der Welt außer uns gestalten, soweit wir sie durch unsere fünf Sinne wahrnehmen.
Die Vorstellung der Bewegung, als der Veränderung der Lage eines Dinges im Raume innerhalb eines Zeitabschnittes, ist gleichfalls eine ursprüngliche, zunächst durch die Bewegung des eigenen Körpers gegebene Vorstellung.
Wenn Dinge, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, innerhalb eines gewissen Zeitabschnittes die gleichen Sinneseindrücke in uns hervorrufen, so gewinnen wir die Vorstellung des «Seins», des Bestehens. Verändern sich dagegen die vom gleichen Ding empfangenen Eindrücke, so gewinnen wir die Vorstellung des «Geschehens».
[ 19 ] Also in einer sauberen Weise, wie man sagt, sucht Herr von Wrangell Vorstellungen zu gewinnen über die Begriffe von Raum und Zeit, von Bewegung, Sein und Geschehen. Nun würde es höchst interessant sein zu studieren, wie in diesem Kapitel trotzdem alles, ich möchte sagen, «leicht geschürzt» ist. Es wäre recht gut für viele — ich will nicht sagen, gerade für Sie, meine lieben Freunde, aber für viele Menschen —, wenn sie sich überlegen würden, daß ein sehr scharfsinniger Mann, ein ausgezeichneter Wissenschafter, sich solche Vorstellungen bildet, sich alle Mühe gibt, über diese einfachen Begriffe Vorstellungen zu bilden. Mindestens viel von Gewissenhaftigkeit im Nachdenken kann man daran kennenlernen. Und das ist wichtig; denn es gibt so viele Menschen, die gar nicht das Bedürfnis haben, bevor sie über alles mögliche, den Kosmos, nachdenken, sich zuerst einmal zu fragen: Wie komme ich zu den einfachen Vorstellungen von Sein, Geschehen und Bewegung? — Das ist den Menschen in der Regel zu langweilig.
[ 19 ] Also in einer sauberen Weise, wie man sagt, sucht Herr von Wrangell Vorstellungen zu gewinnen über die Begriffe von Raum und Zeit, von Bewegung, Sein und Geschehen. Nun würde es höchst interessant sein zu studieren, wie in diesem Kapitel trotzdem alles, ich möchte sagen, «leicht geschürzt» ist. Es wäre recht gut für viele — ich will nicht sagen, gerade für Sie, meine lieben Freunde, aber für viele Menschen —, wenn sie sich überlegen würden, daß ein sehr scharfsinniger Mann, ein ausgezeichneter Wissenschafter, sich solche Vorstellungen bildet, sich alle Mühe gibt, über diese einfachen Begriffe Vorstellungen zu bilden. Mindestens viel von Gewissenhaftigkeit im Nachdenken kann man daran kennenlernen. Und das ist wichtig; denn es gibt so viele Menschen, die gar nicht das Bedürfnis haben, bevor sie über alles mögliche, den Kosmos, nachdenken, sich zuerst einmal zu fragen: Wie komme ich zu den einfachen Vorstellungen von Sein, Geschehen und Bewegung? — Das ist den Menschen in der Regel zu langweilig.
[ 20 ] Nun, ein tieferes Eingehen würde zeigen, daß die Begriffe, wie sie Herr von Wrangell bildet, doch recht leicht geschürzt sind. So zum Beispiel sagt Herr von Wrangell so ohne weiteres: «Der Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen erzeugt die Vorstellung des Raumes.» Denken Sie doch nur einmal, meine lieben Freunde, wenn Sie sich nicht der Schreibtafel bedienen, um einen Kreis aufzuzeichnen, sondern den Kreis in der Phantasie zeichnen, was hat damit der Tastsinn zu tun, was hat damit das Sehen zu tun? Kann man demgegenüber noch sagen: «Der Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen erzeugt die Vorstellung des Raumes»? Man kann es nicht. Es könnte allerdings nun jemand einwenden, daß man aber, bevor man in der Phantasie einen Kreis zeichnen kann, die Vorstellung des Raumes gewonnen haben muß, und die gewinne man eben durch den Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen. — Ja, da handelt es sich doch darum, einmal zu bedenken, was wir uns für eine Vorstellung bilden in dem Augenblicke, wo wir etwas durch den Tastsinn angreifen. Denken wir uns nur mit dem Tastsinn begabt und daß wir etwas angreifen, so bilden wir uns die Vorstellung: Das Angegriffene ist außer uns. Nun nehmen Sie diesen Satz: «Das Angegriffene ist außer uns.» In dem «außer uns» liegt der Raum, das heißt, wenn wir einen Gegenstand betasten, so müssen wir, damit wir das Tasten nur ausführen können, den Raum schon in uns haben. — Das war es, was Kant dazu gebracht hat, anzunehmen, daß allen äußeren Erfahrungen, also auch der Erfahrung des Tastens und Sehens, der Raum vorausgehe, und ebenso in bezug auf die Zeit, daß sie der Mannigfaltigkeit von Prozessen in der Zeit vorausgehe; daß Raum und Zeit die Vorbedingungen der sinnlichen Wahrnehmung sind.
[ 20 ] Nun, ein tieferes Eingehen würde zeigen, daß die Begriffe, wie sie Herr von Wrangell bildet, doch recht leicht geschürzt sind. So zum Beispiel sagt Herr von Wrangell so ohne weiteres: «Der Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen erzeugt die Vorstellung des Raumes.» Denken Sie doch nur einmal, meine lieben Freunde, wenn Sie sich nicht der Schreibtafel bedienen, um einen Kreis aufzuzeichnen, sondern den Kreis in der Phantasie zeichnen, was hat damit der Tastsinn zu tun, was hat damit das Sehen zu tun? Kann man demgegenüber noch sagen: «Der Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen erzeugt die Vorstellung des Raumes»? Man kann es nicht. Es könnte allerdings nun jemand einwenden, daß man aber, bevor man in der Phantasie einen Kreis zeichnen kann, die Vorstellung des Raumes gewonnen haben muß, und die gewinne man eben durch den Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen. — Ja, da handelt es sich doch darum, einmal zu bedenken, was wir uns für eine Vorstellung bilden in dem Augenblicke, wo wir etwas durch den Tastsinn angreifen. Denken wir uns nur mit dem Tastsinn begabt und daß wir etwas angreifen, so bilden wir uns die Vorstellung: Das Angegriffene ist außer uns. Nun nehmen Sie diesen Satz: «Das Angegriffene ist außer uns.» In dem «außer uns» liegt der Raum, das heißt, wenn wir einen Gegenstand betasten, so müssen wir, damit wir das Tasten nur ausführen können, den Raum schon in uns haben. — Das war es, was Kant dazu gebracht hat, anzunehmen, daß allen äußeren Erfahrungen, also auch der Erfahrung des Tastens und Sehens, der Raum vorausgehe, und ebenso in bezug auf die Zeit, daß sie der Mannigfaltigkeit von Prozessen in der Zeit vorausgehe; daß Raum und Zeit die Vorbedingungen der sinnlichen Wahrnehmung sind.
[ 21 ] Im Grunde genommen könnte ein solches Kapitel über Raum und Zeit nur jemand schreiben, der nicht nur gründliche Kantstudien gemacht hat, sondern auch überhaupt den ganzen Verlauf der Philosophie kennt; sonst wird man in bezug auf Raum und Zeit immer leichtgeschürzte Begriffe haben. Genauso ist es auch mit den anderen Begriffen, den Begriffen von «Sein» und von «Geschehen». Da könnte leicht gezeigt werden, wie der Begriff des Seins überhaupt nicht bestehen könnte, wenn die Definition, die Herr von Wrangell gibt, richtig wäre. Denn er sagt: «Wenn Dinge, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, innerhalb eines gewissen Zeitabschnittes die gleichen Sinneseindrücke hervorrufen, so gewinnen wir die Vorstellung des «Seins , des Bestehens. Verändern sich dagegen die vom gleichen Ding empfangenen Eindrücke, so gewinnen wir die Vorstellung des «Geschehens.» Ebensogut könnte man sagen: Wenn wir sehen, daß sich am gleichen Dinge die Empfindungseindrücke verändern, so müssen wir voraussetzen, daß dieses Verändern an einem Sein haftet, an einem Sein vorkommt. Wir könnten ebensogut behaupten, daß erst an der Veränderung das Sein erkannt werde. Und wer behaupten wollte, zum Begriffe des Seins käme man nur, wenn innerhalb einer gewissen Zeit gleiche Eindrücke hervorgerufen werden — denken Sie nur! —, wenn wir so zum Begriffe des Seins kommen wollten, dann wäre ja wohl möglich, daß wir überhaupt nicht zu dem Begriffe des Seins kommen könnten; es gäbe überhaupt nichts, was man mit dem Begriffe des Seins verbinden könnte.
[ 21 ] Im Grunde genommen könnte ein solches Kapitel über Raum und Zeit nur jemand schreiben, der nicht nur gründliche Kantstudien gemacht hat, sondern auch überhaupt den ganzen Verlauf der Philosophie kennt; sonst wird man in bezug auf Raum und Zeit immer leichtgeschürzte Begriffe haben. Genauso ist es auch mit den anderen Begriffen, den Begriffen von «Sein» und von «Geschehen». Da könnte leicht gezeigt werden, wie der Begriff des Seins überhaupt nicht bestehen könnte, wenn die Definition, die Herr von Wrangell gibt, richtig wäre. Denn er sagt: «Wenn Dinge, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, innerhalb eines gewissen Zeitabschnittes die gleichen Sinneseindrücke hervorrufen, so gewinnen wir die Vorstellung des «Seins , des Bestehens. Verändern sich dagegen die vom gleichen Ding empfangenen Eindrücke, so gewinnen wir die Vorstellung des «Geschehens.» Ebensogut könnte man sagen: Wenn wir sehen, daß sich am gleichen Dinge die Empfindungseindrücke verändern, so müssen wir voraussetzen, daß dieses Verändern an einem Sein haftet, an einem Sein vorkommt. Wir könnten ebensogut behaupten, daß erst an der Veränderung das Sein erkannt werde. Und wer behaupten wollte, zum Begriffe des Seins käme man nur, wenn innerhalb einer gewissen Zeit gleiche Eindrücke hervorgerufen werden — denken Sie nur! —, wenn wir so zum Begriffe des Seins kommen wollten, dann wäre ja wohl möglich, daß wir überhaupt nicht zu dem Begriffe des Seins kommen könnten; es gäbe überhaupt nichts, was man mit dem Begriffe des Seins verbinden könnte.
[ 22 ] Wir können gerade an diesem Kapitel «Vorstellungen von Raum und Zeit» lernen, wie man mit großem Scharfsinn und außerordentlich ehrlicher Wissenschaftlichkeit Begriffe finden kann, die an allen möglichen Orten brüchig sind. Will man sich Begriffe bilden, die vor dem Leben ein wenig bestehen können, dann muß man sie so gewonnen haben, daß sie in bezug auf ihren Lebenswert von uns wenigstens einigermaßen geprüft worden sind.
[ 22 ] Wir können gerade an diesem Kapitel «Vorstellungen von Raum und Zeit» lernen, wie man mit großem Scharfsinn und außerordentlich ehrlicher Wissenschaftlichkeit Begriffe finden kann, die an allen möglichen Orten brüchig sind. Will man sich Begriffe bilden, die vor dem Leben ein wenig bestehen können, dann muß man sie so gewonnen haben, daß sie in bezug auf ihren Lebenswert von uns wenigstens einigermaßen geprüft worden sind.
[ 23 ] Sehen Sie, aus diesem Grunde sagte ich, ich hätte nur den Mut gefunden, über die letzten Szenen des «Faust» zu Ihnen zu sprechen, weil ich seit mehr als dreißig Jahren immer wieder und wieder in den letzten Szenen des «Faust» gelebt habe, die Begriffe im Leben zu erproben versuchte. Das ist der einzige Weg, gültige Begriffe von nichtgültigen zu unterscheiden; nicht logisches Spintisieren, nicht wissenschaftliches Theoretisieren, sondern der Versuch, mit den Begriffen zu leben, zu untersuchen, wie sich die Begriffe bewähren, indem wir sie ins Leben einführen und von dem Leben uns die Antwort geben zu lassen, das ist der notwendige Weg. Das setzt aber voraus, daß wir jederzeit geneigt sind, uns nicht bloß den logischen Einbildungen hinzugeben, sondern uns dem lebendigen Strome des Lebens einzugliedern. Das hat mancherlei im Gefolge; vor allen Dingen, daß wir lernen, daran zu glauben, daß wenn jemand scheinbar logische Beweise für dieses oder jenes vorbringen kann ich habe das oftmals erwähnt —, er damit für den Wert der Sache durchaus noch nichts vorgebracht hat.
[ 23 ] Sehen Sie, aus diesem Grunde sagte ich, ich hätte nur den Mut gefunden, über die letzten Szenen des «Faust» zu Ihnen zu sprechen, weil ich seit mehr als dreißig Jahren immer wieder und wieder in den letzten Szenen des «Faust» gelebt habe, die Begriffe im Leben zu erproben versuchte. Das ist der einzige Weg, gültige Begriffe von nichtgültigen zu unterscheiden; nicht logisches Spintisieren, nicht wissenschaftliches Theoretisieren, sondern der Versuch, mit den Begriffen zu leben, zu untersuchen, wie sich die Begriffe bewähren, indem wir sie ins Leben einführen und von dem Leben uns die Antwort geben zu lassen, das ist der notwendige Weg. Das setzt aber voraus, daß wir jederzeit geneigt sind, uns nicht bloß den logischen Einbildungen hinzugeben, sondern uns dem lebendigen Strome des Lebens einzugliedern. Das hat mancherlei im Gefolge; vor allen Dingen, daß wir lernen, daran zu glauben, daß wenn jemand scheinbar logische Beweise für dieses oder jenes vorbringen kann ich habe das oftmals erwähnt —, er damit für den Wert der Sache durchaus noch nichts vorgebracht hat.
[ 24 ] Das nächste Kapitel heißt:
[ 24 ] Das nächste Kapitel heißt:
Das Kausahtätsprinzip
Das unserem Denken zu Grunde liegende Kausalitätsprinzip zwingt uns anzunehmen, daß, wenn etwas geschieht, d.h. eine Veränderung vor sich geht, eine Ursache das bewirkt haben muß. Alles vernünftige Denken beruht auf dem «Satz vom zureichenden Grunde». Jedes Ding hat einen Grund, weshalb es ist; jede Veränderung des Bestehenden wird durch eine Ursache bewirkt.
Dieser Satz ist kein Erfahrungssatz, er geht aller Erfahrung voraus, ja, er ermöglicht sie erst, weil ohne die in ihm ausgedrückte Voraussetzung kein zusammenhängendes Denken möglich ist.
Das Kausahtätsprinzip
Das unserem Denken zu Grunde liegende Kausalitätsprinzip zwingt uns anzunehmen, daß, wenn etwas geschieht, d.h. eine Veränderung vor sich geht, eine Ursache das bewirkt haben muß. Alles vernünftige Denken beruht auf dem «Satz vom zureichenden Grunde». Jedes Ding hat einen Grund, weshalb es ist; jede Veränderung des Bestehenden wird durch eine Ursache bewirkt.
Dieser Satz ist kein Erfahrungssatz, er geht aller Erfahrung voraus, ja, er ermöglicht sie erst, weil ohne die in ihm ausgedrückte Voraussetzung kein zusammenhängendes Denken möglich ist.
[ 25 ] Herr von Wrangell stellt sich hier auf den Standpunkt des sogenannten Kausalitätsprinzipes. Er sagt: Alles vernünftige Denken muß bei allem, was uns entgegentritt, annehmen, daß dem eine Ursache zugrunde liegt. Man kann in gewisser Weise mit diesem Kausalitätsptinzip einverstanden sein. Allein, wenn man seine Bedeutung für unsere lebensvolle Weltauffassung ausmessen will, dann muß man viel, viel feinere Begriffe als dieses formale Kausalitätsptinzip ins Feld führen.
[ 25 ] Herr von Wrangell stellt sich hier auf den Standpunkt des sogenannten Kausalitätsprinzipes. Er sagt: Alles vernünftige Denken muß bei allem, was uns entgegentritt, annehmen, daß dem eine Ursache zugrunde liegt. Man kann in gewisser Weise mit diesem Kausalitätsptinzip einverstanden sein. Allein, wenn man seine Bedeutung für unsere lebensvolle Weltauffassung ausmessen will, dann muß man viel, viel feinere Begriffe als dieses formale Kausalitätsptinzip ins Feld führen.
[ 26 ] Denn sehen Sie, um von einem Dinge eine Ursache oder einen Komplex von Ursachen angeben zu können, ist viel mehr notwendig, als bloß gewissermaßen den Faden von Ursache und Wirkung zu verfolgen. Was besagt im Grunde genommen das Ursachenprinzip? Es sagt: Ein Ding hat eine Ursache. Das Ding, das ich hier zeichne [die Zeichnung ist nicht überliefert], hat eine Ursache, diese Ursache hat wieder eine Ursache und so weiter; man kann so fortmachen bis über den Anfang der Welt hinaus und ebenso kann man es auch mit der Wirkung machen. Gewiß ist das ein ganz vernünftiges Prinzip, aber man kommt doch nicht weit damit. Denn wenn man zum Beispiel die Ursache des Sohnes sucht, so muß man gewiß Ursachenkomplexe bei Vater und Mutter suchen, um dann sagen zu können, diese sind die Ursachen des Kindes. Aber zweifellos ist es auch so, daß zwar solche Ursachen da sein können, aber keine Wirkung haben, nämlich wenn Frau und Mann keine Kinder haben. Dann sind die Ursachen zwar da, haben aber keine Wirkung. Bei der Ursache kommt es eben darauf an, daß sie nicht bloß Ursache ist, sondern daß sie auch etwas verursache. Es ist ein Unterschied zwischen «Ursache sein» und «verursachen». Aber auf so feine Unterschiede lassen sich selbst die Philosophen unserer Zeit noch nicht ein. Wer aber die Dinge ernst nimmt, muß sich mit solchen Unterschieden auseinandersetzen. In Wirklichkeit handelt es sich nicht darum, daß Ursachen da sind, sondern daß sie etwas verursachen. Begriffe, die solcherart bestehen, brauchen noch nicht der Wirklichkeit zu entsprechen, sondern man kann sich mit ihnen einer großen Phantasie hingeben.
[ 26 ] Denn sehen Sie, um von einem Dinge eine Ursache oder einen Komplex von Ursachen angeben zu können, ist viel mehr notwendig, als bloß gewissermaßen den Faden von Ursache und Wirkung zu verfolgen. Was besagt im Grunde genommen das Ursachenprinzip? Es sagt: Ein Ding hat eine Ursache. Das Ding, das ich hier zeichne [die Zeichnung ist nicht überliefert], hat eine Ursache, diese Ursache hat wieder eine Ursache und so weiter; man kann so fortmachen bis über den Anfang der Welt hinaus und ebenso kann man es auch mit der Wirkung machen. Gewiß ist das ein ganz vernünftiges Prinzip, aber man kommt doch nicht weit damit. Denn wenn man zum Beispiel die Ursache des Sohnes sucht, so muß man gewiß Ursachenkomplexe bei Vater und Mutter suchen, um dann sagen zu können, diese sind die Ursachen des Kindes. Aber zweifellos ist es auch so, daß zwar solche Ursachen da sein können, aber keine Wirkung haben, nämlich wenn Frau und Mann keine Kinder haben. Dann sind die Ursachen zwar da, haben aber keine Wirkung. Bei der Ursache kommt es eben darauf an, daß sie nicht bloß Ursache ist, sondern daß sie auch etwas verursache. Es ist ein Unterschied zwischen «Ursache sein» und «verursachen». Aber auf so feine Unterschiede lassen sich selbst die Philosophen unserer Zeit noch nicht ein. Wer aber die Dinge ernst nimmt, muß sich mit solchen Unterschieden auseinandersetzen. In Wirklichkeit handelt es sich nicht darum, daß Ursachen da sind, sondern daß sie etwas verursachen. Begriffe, die solcherart bestehen, brauchen noch nicht der Wirklichkeit zu entsprechen, sondern man kann sich mit ihnen einer großen Phantasie hingeben.
[ 27 ] Grundverschieden davon ist Goethes Weltanschauung, die nicht zu den Ursachen geht, sondern zu den Urphänomenen. Das ist etwas ganz anderes. Denn Goethe führt irgend etwas, was als Erscheinung, das heißt als Phänomen in der Welt existiert — sagen wir, daß sich im Prisma gewisse Farbenserien zeigen —, das führt er zurück auf das Urphänomen, auf die Zusammenwirkung von Materie und Licht, oder wenn wir die Materie als Repräsentant vom Dunkeln nehmen, auf Dunkelheit und Licht. Genauso geht er auf das Urphänomen der Pflanze, des Tieres und so weiter ein. Das ist eine Weltanschauung, die sich den Tatsachen stellt und nicht bloß logisch, an dem Faden der Logik die Begriffe weiterspinnt, sondern die Tatsachen so gruppiert, daß sie eine Wahrheit aussprechen.
[ 27 ] Grundverschieden davon ist Goethes Weltanschauung, die nicht zu den Ursachen geht, sondern zu den Urphänomenen. Das ist etwas ganz anderes. Denn Goethe führt irgend etwas, was als Erscheinung, das heißt als Phänomen in der Welt existiert — sagen wir, daß sich im Prisma gewisse Farbenserien zeigen —, das führt er zurück auf das Urphänomen, auf die Zusammenwirkung von Materie und Licht, oder wenn wir die Materie als Repräsentant vom Dunkeln nehmen, auf Dunkelheit und Licht. Genauso geht er auf das Urphänomen der Pflanze, des Tieres und so weiter ein. Das ist eine Weltanschauung, die sich den Tatsachen stellt und nicht bloß logisch, an dem Faden der Logik die Begriffe weiterspinnt, sondern die Tatsachen so gruppiert, daß sie eine Wahrheit aussprechen.
[ 28 ] Versuchen Sie zu lesen, was Goethe in seinem Aufsatz «Der Versuch als Vermittler zwischen Subjekt und Objekt» geschrieben hat und auch das, was ich als Ergänzung zu diesem Aufsatz veröffentlichen konnte, und versuchen Sie auch zu lesen, was ich in meinen Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners «Deutsche National-Literatur» gesagt habe, dann werden Sie sehen, daß Goethes Naturanschauung auf etwas ganz anderem beruht als die der modernen Natrurwissenschafter. Wir müssen die Erscheinungen nehmen und sie nicht so gruppieren, wie sie in der Natur da sind, sondern so, daß sie uns ihre Geheimnisse aussprechen. Aus den Phänomenen das Urphänomen zu finden, das ist das Wesentliche.
[ 28 ] Versuchen Sie zu lesen, was Goethe in seinem Aufsatz «Der Versuch als Vermittler zwischen Subjekt und Objekt» geschrieben hat und auch das, was ich als Ergänzung zu diesem Aufsatz veröffentlichen konnte, und versuchen Sie auch zu lesen, was ich in meinen Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners «Deutsche National-Literatur» gesagt habe, dann werden Sie sehen, daß Goethes Naturanschauung auf etwas ganz anderem beruht als die der modernen Natrurwissenschafter. Wir müssen die Erscheinungen nehmen und sie nicht so gruppieren, wie sie in der Natur da sind, sondern so, daß sie uns ihre Geheimnisse aussprechen. Aus den Phänomenen das Urphänomen zu finden, das ist das Wesentliche.
[ 29 ] Das wollte ich auch gestern andeuten als ich sagte, daß man in die Tatsachen hineingehen muß. Was unsereiner denkt über die mechanisch-materialistische Weltanschauung, darauf kommt es wenig an. Aber wenn man zeigen kann, wie im Jahre 1872 einer ihrer Vertreter vor den versammelten Naturforschern zu Leipzig stand, der sagte: Zurückführung alles Naturgeschehens auf Bewegungen von Atomen sei die Aufgabe der Naturwissenschaft —, dann zeigt man dadurch auf eine Tatsache, gleichsam auf ein Urphänomen des geschichtlichen Werdens hin. Die Zurückführung des geschichtlichen Werdens auf Urphänomene zeigt man, wenn man auf das hinweist, was Du Bois-Reymond ausgesprochen hat, denn das ist ein Urphänomen im materialistisch-mechanischen Weltanschauungsptozeß.
[ 29 ] Das wollte ich auch gestern andeuten als ich sagte, daß man in die Tatsachen hineingehen muß. Was unsereiner denkt über die mechanisch-materialistische Weltanschauung, darauf kommt es wenig an. Aber wenn man zeigen kann, wie im Jahre 1872 einer ihrer Vertreter vor den versammelten Naturforschern zu Leipzig stand, der sagte: Zurückführung alles Naturgeschehens auf Bewegungen von Atomen sei die Aufgabe der Naturwissenschaft —, dann zeigt man dadurch auf eine Tatsache, gleichsam auf ein Urphänomen des geschichtlichen Werdens hin. Die Zurückführung des geschichtlichen Werdens auf Urphänomene zeigt man, wenn man auf das hinweist, was Du Bois-Reymond ausgesprochen hat, denn das ist ein Urphänomen im materialistisch-mechanischen Weltanschauungsptozeß.
[ 30 ] Wenn man so vorgeht, dann lernt man nicht mehr wie in einem Glastaum zu denken, sondern so zu denken, daß man zum Instrument wird für die Tatsachen, die ihre Geheimnisse aussprechen, und man kann dann an seinem Denken erproben, ob es wirklich mit den Tatsachen konform geht.
[ 30 ] Wenn man so vorgeht, dann lernt man nicht mehr wie in einem Glastaum zu denken, sondern so zu denken, daß man zum Instrument wird für die Tatsachen, die ihre Geheimnisse aussprechen, und man kann dann an seinem Denken erproben, ob es wirklich mit den Tatsachen konform geht.
[ 31 ] Wahrhaftig, nicht um zu renommieren, sondern um möglichst Selbsterlebtes zu erzählen, will ich folgendes anführen. Ich rede lieber von erlebten Begriffen als von allerlei erdachten. Wer durchaus glauben will, daß das, was ich jetzt sage, gesagt ist, um zu renommieren, der mag es glauben, aber es ist nicht so.
[ 31 ] Wahrhaftig, nicht um zu renommieren, sondern um möglichst Selbsterlebtes zu erzählen, will ich folgendes anführen. Ich rede lieber von erlebten Begriffen als von allerlei erdachten. Wer durchaus glauben will, daß das, was ich jetzt sage, gesagt ist, um zu renommieren, der mag es glauben, aber es ist nicht so.
[ 32 ] Als ich in den achtziger Jahren die Weltanschauung Goethes darzustellen versuchte, habe ich aus dem heraus, was man findet, wenn man sich hineinlebt, gesagt: Goethe muß einmal einen Aufsatz geschrieben haben, der das Intimste seiner naturwissenschaftlichen Anschauung ausspricht. Und ich sagte, nachdem ich den Aufsatz nachkonstruiert hatte, dieser Aufsatz muß, wenigstens in Goethes Kopf, dagewesen sein. — Sie finden das in meiner Einleitung zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Sie finden da auch den nachkonstruierten Aufsatz. Ich kam dann in das Goethe-Archiv und da fand sich denn auch der Aufsatz richtig so, wie ich ihn konstruiert hatte. Man muß also mit den Tatsachen gehen. Wer die Weisheit sucht, der läßt die Tatsachen sprechen. Das ist allerdings das Unbequemere, denn mit den Tatsachen muß man sich beschäftigen, mit den Gedanken, die so kommen, braucht man sich nicht zu beschäftigen.
[ 32 ] Als ich in den achtziger Jahren die Weltanschauung Goethes darzustellen versuchte, habe ich aus dem heraus, was man findet, wenn man sich hineinlebt, gesagt: Goethe muß einmal einen Aufsatz geschrieben haben, der das Intimste seiner naturwissenschaftlichen Anschauung ausspricht. Und ich sagte, nachdem ich den Aufsatz nachkonstruiert hatte, dieser Aufsatz muß, wenigstens in Goethes Kopf, dagewesen sein. — Sie finden das in meiner Einleitung zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Sie finden da auch den nachkonstruierten Aufsatz. Ich kam dann in das Goethe-Archiv und da fand sich denn auch der Aufsatz richtig so, wie ich ihn konstruiert hatte. Man muß also mit den Tatsachen gehen. Wer die Weisheit sucht, der läßt die Tatsachen sprechen. Das ist allerdings das Unbequemere, denn mit den Tatsachen muß man sich beschäftigen, mit den Gedanken, die so kommen, braucht man sich nicht zu beschäftigen.
[ 33 ] Das nächste Kapitel heißt:
[ 33 ] Das nächste Kapitel heißt:
Anwendung der Vorstellung der Wilkür auf die Umwelt
Da unsere Empfindung dasjenige ist, von dem wir, als dem unmittelbar Gegebenen, bei allem Denken ausgehen, so beurteilen wir auch das, was wir als Außenwelt ansprechen, zunächst nach dem, was in uns vorgeht.
Anwendung der Vorstellung der Wilkür auf die Umwelt
Da unsere Empfindung dasjenige ist, von dem wir, als dem unmittelbar Gegebenen, bei allem Denken ausgehen, so beurteilen wir auch das, was wir als Außenwelt ansprechen, zunächst nach dem, was in uns vorgeht.
[ 34 ] Wenn ich Ihnen «Wahrheit und Wissenschaft» vorlesen würde, so könnte ich Ihnen zeigen, welches der richtige Gedanke, die richtige Auffassung ist und wie hier wieder ein leichtgeschürztes Denken vorliegt. Ich möchte erstens wissen, wie es jemals eine Mathematik geben würde, wenn wir bei allem unserem Denken von unseren Empfindungen ausgehen würden. Dann würden wir niemals zu einer Mathematik kommen können. Denn was soll unsere Empfindung sein bei der Frage: Wie groß ist die Summe der beiden Kathetenquadrate bei einem rechtwinkligen Dreieck in bezug auf das Quadrat der Hypotenuse? Aber Wrangell meint: «Da unsere Empfindung dasjenige ist, von dem wir, als dem unmittelbar Gegebenen, bei allem Denken ausgehen, so beurteilen wir auch das, was wir als Außenwelt ansprechen, zunächst nach dem, was in uns vorgeht.» — Man kann nicht viel mit diesem Satz anfangen. Wir wollen weiter sehen:
[ 34 ] Wenn ich Ihnen «Wahrheit und Wissenschaft» vorlesen würde, so könnte ich Ihnen zeigen, welches der richtige Gedanke, die richtige Auffassung ist und wie hier wieder ein leichtgeschürztes Denken vorliegt. Ich möchte erstens wissen, wie es jemals eine Mathematik geben würde, wenn wir bei allem unserem Denken von unseren Empfindungen ausgehen würden. Dann würden wir niemals zu einer Mathematik kommen können. Denn was soll unsere Empfindung sein bei der Frage: Wie groß ist die Summe der beiden Kathetenquadrate bei einem rechtwinkligen Dreieck in bezug auf das Quadrat der Hypotenuse? Aber Wrangell meint: «Da unsere Empfindung dasjenige ist, von dem wir, als dem unmittelbar Gegebenen, bei allem Denken ausgehen, so beurteilen wir auch das, was wir als Außenwelt ansprechen, zunächst nach dem, was in uns vorgeht.» — Man kann nicht viel mit diesem Satz anfangen. Wir wollen weiter sehen:
Wir haben das Bewußtsein, daß diejenigen Veränderungen in der Umwelt, welche wir selbst bewußt durch Bewegungen unserer Gliedmaßen hervorbringen, durch innere Vorgänge hervorgerufen werden, die wir Willensimpulse nennen. Deshalb setzt der unbefangene Mensch auch bei anderen Veränderungen der Umwelt zunächst ähnliche Ursachen voraus, d.h. er nimmt an, daß auch sie durch Willensimpulse von Wesen, die ihm ähnlich sind, verursacht werden. Die Mythologien aller Völker sind die Äußerungen dieser anthropomorphischen Belebung der Natur, und der Glaube an geistige Wesenheiten, welcher auch jetzt noch vielen Menschen zur Erklärung vieles Geschehens in der Umwelt dient, hat den gleichen Ursprung. Endlich zeigt die Beobachtung des Kindes, daß es sogar leblosen Gegenständen ein Wollen, ähnlich dem seinen, zuspricht. Es stößt sich am Tisch und schilt den Tisch dieser Unart wegen.
Wir haben das Bewußtsein, daß diejenigen Veränderungen in der Umwelt, welche wir selbst bewußt durch Bewegungen unserer Gliedmaßen hervorbringen, durch innere Vorgänge hervorgerufen werden, die wir Willensimpulse nennen. Deshalb setzt der unbefangene Mensch auch bei anderen Veränderungen der Umwelt zunächst ähnliche Ursachen voraus, d.h. er nimmt an, daß auch sie durch Willensimpulse von Wesen, die ihm ähnlich sind, verursacht werden. Die Mythologien aller Völker sind die Äußerungen dieser anthropomorphischen Belebung der Natur, und der Glaube an geistige Wesenheiten, welcher auch jetzt noch vielen Menschen zur Erklärung vieles Geschehens in der Umwelt dient, hat den gleichen Ursprung. Endlich zeigt die Beobachtung des Kindes, daß es sogar leblosen Gegenständen ein Wollen, ähnlich dem seinen, zuspricht. Es stößt sich am Tisch und schilt den Tisch dieser Unart wegen.
[ 35 ] Ich habe öfter schon gesagt: das Kind stößt sich am Tisch und prügelt den Tisch, weil es einen Willen hineinversetzt. Es beurteilt den Tisch als seinesgleichen, weil es bei sich noch nicht die Vorstellung des Tisches entwickelt hat. Es ist genau das Umgekehrte der Fall, und an dieser Verwechslung krankt auch das nächste Kapitel:
[ 35 ] Ich habe öfter schon gesagt: das Kind stößt sich am Tisch und prügelt den Tisch, weil es einen Willen hineinversetzt. Es beurteilt den Tisch als seinesgleichen, weil es bei sich noch nicht die Vorstellung des Tisches entwickelt hat. Es ist genau das Umgekehrte der Fall, und an dieser Verwechslung krankt auch das nächste Kapitel:
Beobachtung gleichmäßig verlaufender Erscheinungen
Wenn daher zunächst vieles Geschehen vom Menschen auf freie Willensimpulse zurückgeführt wird, so zeigt ihm doch die tägliche Beobachtung, daß bezüglich mancher Erscheinungen er mit Sicherheit auf eine regelmäßige, ihm bekannte Wiederholung rechnen kann. Er weiß zum Beispiel, daß die Sonne, nachdem sie im Westen untergegangen, am nächsten Tage im Osten wieder erscheinen wird; daß damit Licht und Wärme zusammenhängt. Er weiß, daß die Jahreszeiten in ihrem regelmäßigen Verlauf das Leben der Pflanzen beeinflussen usw. Dieses Wissen befähigt den Menschen, sein Tun zweckmäßig danach einzurichten. Er findet bald, daß er um so besser sich in Einklang mit der Natur setzen kann, je genauer er sie beobachtet, je mehr Regelmäßigkeiten er in ihr entdeckt.
Beobachtung gleichmäßig verlaufender Erscheinungen
Wenn daher zunächst vieles Geschehen vom Menschen auf freie Willensimpulse zurückgeführt wird, so zeigt ihm doch die tägliche Beobachtung, daß bezüglich mancher Erscheinungen er mit Sicherheit auf eine regelmäßige, ihm bekannte Wiederholung rechnen kann. Er weiß zum Beispiel, daß die Sonne, nachdem sie im Westen untergegangen, am nächsten Tage im Osten wieder erscheinen wird; daß damit Licht und Wärme zusammenhängt. Er weiß, daß die Jahreszeiten in ihrem regelmäßigen Verlauf das Leben der Pflanzen beeinflussen usw. Dieses Wissen befähigt den Menschen, sein Tun zweckmäßig danach einzurichten. Er findet bald, daß er um so besser sich in Einklang mit der Natur setzen kann, je genauer er sie beobachtet, je mehr Regelmäßigkeiten er in ihr entdeckt.
[ 36 ] Wenn man auf diese Weise von den Regelmäßigkeiten in der Natur sprechen will, dann darf man nicht außer acht lassen, daß wir in ganz verschiedener Art von solchen Regelmäßigkeiten sprechen. Ich habe in «Wahrheit und Wissenschaft» darauf aufmerksam gemacht. Nehmen wir zum Beispiel an: Ich ziehe mich am Morgen an, gehe ans Fenster und sehe draußen einen Menschen vorbeigehen. Am nächsten Morgen ziehe ich mich wieder an, schaue wieder zum Fenster hinaus, und der Mensch geht wieder vorbei. Am dritten Morgen geschieht dasselbe und am vierten wieder. Da sehe ich eine Regelmäßigkeit. Das erste, was ich tue, ist das Anziehen, dann das Gehen zum Fenster; das nächste ist, daß ich den Menschen da draußen gehen sehe. Ich sehe eine Regelmäßigkeit, denn die Vorgänge wiederholen sich. Also bilde ich mir ein Urteil und dieses müßte lauten: Weil ich mich anziehe, und weil ich aus dem Fenster hinausschaue, darum geht der Mensch da draußen vorbei. — Wir bilden uns solche Urteile natürlich nicht, weil es verrückt wäre. Aber in anderen Fällen scheint es so, als ob wir es täten; aber in Wirklichkeit tun wir es auch dann nicht. Aber wir bilden uns Begriffe, und aus der inneren Konstruktion der Begriffe finden wir, daß eine innere Gesetzmäßigkeit in den Erscheinungen steckt. Und weil ich nicht konstruieren kann eine Kausalität zwischen meinem Anziehen, dem Zum-Fenster-Hinaussehen und dem, was da draußen vorbeigeht, so erkenne ich auch keine Kausalität an. Das Genauere hierüber finden Sie in «Wahrheit und Wissenschaft». Sie finden da alle Voraussetzungen, auch die von David Hume dargestellte, daß wir aus Wiederholungen heraus etwas über die Gesetzmäßigkeit der Welt gewinnen können.
[ 36 ] Wenn man auf diese Weise von den Regelmäßigkeiten in der Natur sprechen will, dann darf man nicht außer acht lassen, daß wir in ganz verschiedener Art von solchen Regelmäßigkeiten sprechen. Ich habe in «Wahrheit und Wissenschaft» darauf aufmerksam gemacht. Nehmen wir zum Beispiel an: Ich ziehe mich am Morgen an, gehe ans Fenster und sehe draußen einen Menschen vorbeigehen. Am nächsten Morgen ziehe ich mich wieder an, schaue wieder zum Fenster hinaus, und der Mensch geht wieder vorbei. Am dritten Morgen geschieht dasselbe und am vierten wieder. Da sehe ich eine Regelmäßigkeit. Das erste, was ich tue, ist das Anziehen, dann das Gehen zum Fenster; das nächste ist, daß ich den Menschen da draußen gehen sehe. Ich sehe eine Regelmäßigkeit, denn die Vorgänge wiederholen sich. Also bilde ich mir ein Urteil und dieses müßte lauten: Weil ich mich anziehe, und weil ich aus dem Fenster hinausschaue, darum geht der Mensch da draußen vorbei. — Wir bilden uns solche Urteile natürlich nicht, weil es verrückt wäre. Aber in anderen Fällen scheint es so, als ob wir es täten; aber in Wirklichkeit tun wir es auch dann nicht. Aber wir bilden uns Begriffe, und aus der inneren Konstruktion der Begriffe finden wir, daß eine innere Gesetzmäßigkeit in den Erscheinungen steckt. Und weil ich nicht konstruieren kann eine Kausalität zwischen meinem Anziehen, dem Zum-Fenster-Hinaussehen und dem, was da draußen vorbeigeht, so erkenne ich auch keine Kausalität an. Das Genauere hierüber finden Sie in «Wahrheit und Wissenschaft». Sie finden da alle Voraussetzungen, auch die von David Hume dargestellte, daß wir aus Wiederholungen heraus etwas über die Gesetzmäßigkeit der Welt gewinnen können.
[ 37 ] Das nächste Kapitel heißt:
[ 37 ] Das nächste Kapitel heißt:
Wesen aller Wissenschaft
Das ist wohl der Anfang aller Wissenschaft, deren Wesen darin besteht, Tatsachen der Erfahrung übersichtlich zusammenzufassen, um aus ihnen Regeln zu entnehmen, die den Menschen befähigen, im voraus zu wissen, was geschehen wird. Deshalb enthält jede Wissenschaft einen beschreibenden Teil, die übersichtliche Zusammenstellung von Tatsachen, und einen theoretischen Teil, das Entnehmen von Regeln aus diesen Tatsachen und die aus diesen Regeln zu ziehenden Folgerungen.
Wesen aller Wissenschaft
Das ist wohl der Anfang aller Wissenschaft, deren Wesen darin besteht, Tatsachen der Erfahrung übersichtlich zusammenzufassen, um aus ihnen Regeln zu entnehmen, die den Menschen befähigen, im voraus zu wissen, was geschehen wird. Deshalb enthält jede Wissenschaft einen beschreibenden Teil, die übersichtliche Zusammenstellung von Tatsachen, und einen theoretischen Teil, das Entnehmen von Regeln aus diesen Tatsachen und die aus diesen Regeln zu ziehenden Folgerungen.
[ 38 ] Goethe hat gegen solche Folgerungen eingewandt: Brauchte denn etwa ein Galilei viele Erscheinungen wie die schwingende Kitchenlampe im Dome zu Pisa zu sehen, um zu seinem Gesetz des Falles zu kommen? Nein, er erkannte das Gesetz, nachdem er diese Erscheinung gesehen hatte. Da ging ihm die Sache auf. Nicht aus der Wiederholung der Tatsachen, sondern aus der innerlich erlebten Konstruktion der Tatsachen erfahren wir etwas über das Wesen der Dinge. Es war ein Grundirrtum der neueren Erkenntnistheorie, anzunehmen, daß wir durch das Zusammenfassen der Tatsachen irgend etwas wie die Naturgesetze gewinnen können. Es widerspricht das so offenkundig allem wirklichen Gewinnen von Naturgesetzen, und trotzdem wird es immer wieder und wieder wiederholt.
[ 38 ] Goethe hat gegen solche Folgerungen eingewandt: Brauchte denn etwa ein Galilei viele Erscheinungen wie die schwingende Kitchenlampe im Dome zu Pisa zu sehen, um zu seinem Gesetz des Falles zu kommen? Nein, er erkannte das Gesetz, nachdem er diese Erscheinung gesehen hatte. Da ging ihm die Sache auf. Nicht aus der Wiederholung der Tatsachen, sondern aus der innerlich erlebten Konstruktion der Tatsachen erfahren wir etwas über das Wesen der Dinge. Es war ein Grundirrtum der neueren Erkenntnistheorie, anzunehmen, daß wir durch das Zusammenfassen der Tatsachen irgend etwas wie die Naturgesetze gewinnen können. Es widerspricht das so offenkundig allem wirklichen Gewinnen von Naturgesetzen, und trotzdem wird es immer wieder und wieder wiederholt.
[ 39 ] Das nächste Kapitel:
[ 39 ] Das nächste Kapitel:
Sternenkunde, die älteste Wissenschaft
Wenn wir Umschau halten im unermeßlichen Gebiete dessen, was wit durch unsere Sinne wahrnehmen, so finden wir in keiner Gruppe von Erscheinungen die Gesetzmäßigkeit des Geschehens so auffällig, so leicht zu entdecken und auszudrücken, wie in der scheinbaren Bewegung der Gestirne. Es ist darum begreiflich, daß die Himmelskunde die älteste aller auf Sinneswahrnehmungen begründeten Wissenschaften ist.
Es ist vor allem die gleichmäßige, sich Tag für Tag wiederholende scheinbare Bewegung der Gestitne, welche den aufmerksamen Beschauer fesselt, ihn zur Beobachtung anregt und zur Bildung einer anschaulichen Vorstellung drängt. In den wolkenlosen Gebieten Vorderasiens und Nordafrikas waren die äußeren Bedingungen besonders günstig zur Erforschung der Himmelserscheinungen. Dem unmittelbaren Sinneseindruck folgend, nahmen die Astronomen des Altertums an, daß die zahllosen Fixsterne, die in ihrer gegenseitigen Stellung unverändert bleiben, an eine durchsichtige aber feste Himmelskugel befestigt seien, in deren Mittelpunkt die Erde ruht. Die sich gleichmäßig um eine Achse drehende Himmelskugel gab eine anschauliche Vorstellung des wahrgenommenen Vorganges.
Sternenkunde, die älteste Wissenschaft
Wenn wir Umschau halten im unermeßlichen Gebiete dessen, was wit durch unsere Sinne wahrnehmen, so finden wir in keiner Gruppe von Erscheinungen die Gesetzmäßigkeit des Geschehens so auffällig, so leicht zu entdecken und auszudrücken, wie in der scheinbaren Bewegung der Gestirne. Es ist darum begreiflich, daß die Himmelskunde die älteste aller auf Sinneswahrnehmungen begründeten Wissenschaften ist.
Es ist vor allem die gleichmäßige, sich Tag für Tag wiederholende scheinbare Bewegung der Gestitne, welche den aufmerksamen Beschauer fesselt, ihn zur Beobachtung anregt und zur Bildung einer anschaulichen Vorstellung drängt. In den wolkenlosen Gebieten Vorderasiens und Nordafrikas waren die äußeren Bedingungen besonders günstig zur Erforschung der Himmelserscheinungen. Dem unmittelbaren Sinneseindruck folgend, nahmen die Astronomen des Altertums an, daß die zahllosen Fixsterne, die in ihrer gegenseitigen Stellung unverändert bleiben, an eine durchsichtige aber feste Himmelskugel befestigt seien, in deren Mittelpunkt die Erde ruht. Die sich gleichmäßig um eine Achse drehende Himmelskugel gab eine anschauliche Vorstellung des wahrgenommenen Vorganges.
[ 40 ] Das Kapitel heißt also «Sternenkunde, die älteste Wissenschaft». Jetzt müßte man zuerst eigentlich eingehen darauf, wie die älteste Sternenkunde war. Denn da kommt vor allen Dingen in Betracht, daß die älteste Sternenkunde so war, daß man nicht auf die Regelmäßigkeit gesehen hat, sondern auf den Willen der geistigen Wesen, die die Bewegungen bewirken. Der Verfasser hat aber die Sternenkunde von heute im Auge und stempelt diese zur ältesten Wissenschaft. Manchmal ist es wirklich notwendig, in seiner Methode ganz ungeschminkt, das heißt mit keiner geschminkten Methode der Wahrheit nachzugehen. Und wenn das Kapitel hier auf Seite 13 heißt: «Sternenkunde, die älteste Wissenschaft», so vergleiche ich das — weil ich bei den Tatsachen bleibe und nicht mir Gedanken mache — mit dem, was auf Seite 3 steht. Da heißt es, «daß ich meinem Studium nach Astronom bin». Vielleicht könnte es sein, daß einer, der Mathematiker oder Physiologe ist, zu einer anderen Anschauung kommen würde; man darf also das, was auf Seite 3 steht, nicht vergessen. Es ist von großer Bedeutung, auf die subjektiven Motive bei einem Menschen viel mehr hinzuweisen, als man das gewöhnlich tut; denn diese subjektiven Motive erklären meist erst dasjenige, was zu erklären ist. Aber in bezug auf die subjektiven Motive sind wirklich die Menschen ganz eigenartig. Sie wollen sich selber möglichst wenig von subjektiven Motiven gestehen. Ich habe schon öfter einen Herrn erwähnt, den ich kennengelernt hatte und der da sagte, daß es ihm, indem er dieses oder jenes tut, vor allen Dingen darauf ankäme, nicht dasjenige zu tun, was er nach seiner persönlichen Vorliebe tun will, sondern dasjenige, was am wenigsten seiner persönlichen Vorliebe entspricht, was er aber ansehen müsse als seine ihm von der geistigen Welt auferlegte Mission. Es hat nichts genützt, ihm klarzumachen, daß er sich das Fingerablecken auch zu seiner geistigen Mission rechnen müsse, wenn er sich sagt: Ich tue alles nach meiner mir von der geistigen Welt auferlegten Mission. — Er maskierte das aber, denn es gefiel ihm besser, wenn er als strenges Pflichtgefühl hinstellen konnte, was er so furchtbar gern tat.
[ 40 ] Das Kapitel heißt also «Sternenkunde, die älteste Wissenschaft». Jetzt müßte man zuerst eigentlich eingehen darauf, wie die älteste Sternenkunde war. Denn da kommt vor allen Dingen in Betracht, daß die älteste Sternenkunde so war, daß man nicht auf die Regelmäßigkeit gesehen hat, sondern auf den Willen der geistigen Wesen, die die Bewegungen bewirken. Der Verfasser hat aber die Sternenkunde von heute im Auge und stempelt diese zur ältesten Wissenschaft. Manchmal ist es wirklich notwendig, in seiner Methode ganz ungeschminkt, das heißt mit keiner geschminkten Methode der Wahrheit nachzugehen. Und wenn das Kapitel hier auf Seite 13 heißt: «Sternenkunde, die älteste Wissenschaft», so vergleiche ich das — weil ich bei den Tatsachen bleibe und nicht mir Gedanken mache — mit dem, was auf Seite 3 steht. Da heißt es, «daß ich meinem Studium nach Astronom bin». Vielleicht könnte es sein, daß einer, der Mathematiker oder Physiologe ist, zu einer anderen Anschauung kommen würde; man darf also das, was auf Seite 3 steht, nicht vergessen. Es ist von großer Bedeutung, auf die subjektiven Motive bei einem Menschen viel mehr hinzuweisen, als man das gewöhnlich tut; denn diese subjektiven Motive erklären meist erst dasjenige, was zu erklären ist. Aber in bezug auf die subjektiven Motive sind wirklich die Menschen ganz eigenartig. Sie wollen sich selber möglichst wenig von subjektiven Motiven gestehen. Ich habe schon öfter einen Herrn erwähnt, den ich kennengelernt hatte und der da sagte, daß es ihm, indem er dieses oder jenes tut, vor allen Dingen darauf ankäme, nicht dasjenige zu tun, was er nach seiner persönlichen Vorliebe tun will, sondern dasjenige, was am wenigsten seiner persönlichen Vorliebe entspricht, was er aber ansehen müsse als seine ihm von der geistigen Welt auferlegte Mission. Es hat nichts genützt, ihm klarzumachen, daß er sich das Fingerablecken auch zu seiner geistigen Mission rechnen müsse, wenn er sich sagt: Ich tue alles nach meiner mir von der geistigen Welt auferlegten Mission. — Er maskierte das aber, denn es gefiel ihm besser, wenn er als strenges Pflichtgefühl hinstellen konnte, was er so furchtbar gern tat.
[ 41 ] Das nächste Kapitel:
[ 41 ] Das nächste Kapitel:
Gleichmäßige Bewegung
Wenn wir von Gleichförmigkeit in der Bewegung eines Objektes reden, so meinen wir damit, daß der betreffende Gegenstand in gleichen Zeitabschnitten gleiche Raumesteile durchläuft.
Gleichmäßige Bewegung
Wenn wir von Gleichförmigkeit in der Bewegung eines Objektes reden, so meinen wir damit, daß der betreffende Gegenstand in gleichen Zeitabschnitten gleiche Raumesteile durchläuft.
[ 42 ] Erinnern Sie sich an den Vortrag von der Geschwindigkeit, den ich hier einmal gehalten habe. [In diesem Band.]
[ 42 ] Erinnern Sie sich an den Vortrag von der Geschwindigkeit, den ich hier einmal gehalten habe. [In diesem Band.]
Um das aber zu ermitteln, genügt nicht die bloße Wahrnehmung; man muß imstande sein, sowohl Raumesteile wie auch Zeitabschnitte zu messen. Erst wenn wir dutch Messen, d.h. durch Vergleichen mit einer unveränderlichen, als Einheit gewählten, gleichartigen Größe, sowohl Raumesteile wie auch Zeitabschnitte in Zahlen ausdrücken können, erst dann kann die tatsächliche Gleichförmigkeit einer Bewegung, so wie auch die der Größe nach stets gleiche Wirkung einer bestimmten Ursache erfahrungsmäßig nachgewiesen werden.
Um das aber zu ermitteln, genügt nicht die bloße Wahrnehmung; man muß imstande sein, sowohl Raumesteile wie auch Zeitabschnitte zu messen. Erst wenn wir dutch Messen, d.h. durch Vergleichen mit einer unveränderlichen, als Einheit gewählten, gleichartigen Größe, sowohl Raumesteile wie auch Zeitabschnitte in Zahlen ausdrücken können, erst dann kann die tatsächliche Gleichförmigkeit einer Bewegung, so wie auch die der Größe nach stets gleiche Wirkung einer bestimmten Ursache erfahrungsmäßig nachgewiesen werden.
[ 43 ] Hier beginnt der gelehrte Wissenschafter zu sprechen. Sie brauchen nur ein wenig Umschau zu halten, welches Verlangen die Wissenschafter durchdringt, nach Objektivität dadurch zu streben, daß man mißt, was unabhängig ist vom subjektiven Menschen, daß man strebt, objektive Maßstäbe anzuwenden. Das geschieht am objektivsten, wenn wir wirklich messen. Daher gilt ja auch als wirkliche Wissenschaft das, was durch Messen gewonnen wird. Daher spricht Herr von Wrangell im nächsten Kapitel vom Messen selber.
[ 43 ] Hier beginnt der gelehrte Wissenschafter zu sprechen. Sie brauchen nur ein wenig Umschau zu halten, welches Verlangen die Wissenschafter durchdringt, nach Objektivität dadurch zu streben, daß man mißt, was unabhängig ist vom subjektiven Menschen, daß man strebt, objektive Maßstäbe anzuwenden. Das geschieht am objektivsten, wenn wir wirklich messen. Daher gilt ja auch als wirkliche Wissenschaft das, was durch Messen gewonnen wird. Daher spricht Herr von Wrangell im nächsten Kapitel vom Messen selber.
Das Messen
Jeder Meßoperation liegt die Voraussetzung zugrunde, daß das als Einheit gewählte Maß, zum Beispiel ein Meter, ein Gramm, eine Sekunde usw., unveränderlich sei. Bedingungslos können wir das von unseren Maßen nicht nachweisen, wohl aber sicher sein, daß unsere Meßoperationen in gewissen, von uns erkennbaren Grenzen richtig sind. Es sei zur Erläuterung des Gesagten ein anschauliches Beispiel angeführt: Wir wollen die Länge zweier Gegenstände vergleichen und messen sie dazu mit dem gleichen Meterstab, voraussetzend, daß er seine Länge beibehält. Wir wissen aber, daß alle Körper sich unter dem Einfluß der Temperatur, Feuchtigkeit usw. verändern, unser Meterstab also auch länger oder kürzer geworden sein kann. Ohne die Größe der mutmaßlichen Veränderung zu kennen, haben wir jedoch die begründete Überzeugung, daß die Veränderung in so kurzer Zeit die Größe von, sagen wir 1 mm nicht erreicht haben kann. Wir können also sicher sein, bei diesem Messen keinen Fehler begangen zu haben, der auf jeden gemessenen Meter 1 mm übersteigt. Durch eine solche Meßoperation haben wir eine empirische Tatsache gewonnen — in unserem Falle das Verhältnis zweier Längen —, die für uns Gültigkeit hat in den durch Kritik festzustellenden Grenzen der Genauigkeit.
Das Messen
Jeder Meßoperation liegt die Voraussetzung zugrunde, daß das als Einheit gewählte Maß, zum Beispiel ein Meter, ein Gramm, eine Sekunde usw., unveränderlich sei. Bedingungslos können wir das von unseren Maßen nicht nachweisen, wohl aber sicher sein, daß unsere Meßoperationen in gewissen, von uns erkennbaren Grenzen richtig sind. Es sei zur Erläuterung des Gesagten ein anschauliches Beispiel angeführt: Wir wollen die Länge zweier Gegenstände vergleichen und messen sie dazu mit dem gleichen Meterstab, voraussetzend, daß er seine Länge beibehält. Wir wissen aber, daß alle Körper sich unter dem Einfluß der Temperatur, Feuchtigkeit usw. verändern, unser Meterstab also auch länger oder kürzer geworden sein kann. Ohne die Größe der mutmaßlichen Veränderung zu kennen, haben wir jedoch die begründete Überzeugung, daß die Veränderung in so kurzer Zeit die Größe von, sagen wir 1 mm nicht erreicht haben kann. Wir können also sicher sein, bei diesem Messen keinen Fehler begangen zu haben, der auf jeden gemessenen Meter 1 mm übersteigt. Durch eine solche Meßoperation haben wir eine empirische Tatsache gewonnen — in unserem Falle das Verhältnis zweier Längen —, die für uns Gültigkeit hat in den durch Kritik festzustellenden Grenzen der Genauigkeit.
[ 44 ] Es ist dies ein sehr schönes Kapitelchen, wo anschaulich gemacht wird, wie durch Messen zunächst etwas über Größenverhältnisse ausgesagt werden kann.
[ 44 ] Es ist dies ein sehr schönes Kapitelchen, wo anschaulich gemacht wird, wie durch Messen zunächst etwas über Größenverhältnisse ausgesagt werden kann.
[ 45 ] Das nächste Kapitel:
[ 45 ] Das nächste Kapitel:
Das den Uhren zugrunde liegende Prinzip
Ähnlich verhält es sich mit dem Messen von Zeiträumen. Die dazu dienenden Instrumente, die Uhren, beruhen im Wesen auf der Überzeugung, daß gleiche Ursachen gleiche Wirkungen hervorbringen. Die Alten bedienten sich dazu meistens der Wasseruhren (Klepsydren), bei denen das Ausfließen von Wasser aus einem Behälter unter möglichst gleichförmige Bedingungen gebracht wurde (der Wasserstand auf gleicher Höhe gehalten, die Ausflußröhre von bestimmter Form usw.), und aus der Menge des entströmten Wassers schloß man auf die Größe des Zeitabschnittes. Unsere Pendeluhren beruhen auf der Wahrnehmung, daß die Geschwindigkeit einer Pendelschwingung unter sonst gleichen Bedingungen von der Länge des Pendels abhängt. Indem man dafür sorgt, daß die Länge möglichst gleich bleibt, daß die Widerstände möglichst gering seien, die Kraft, welche sie überwindet, gleichmäßig wirke, erreicht man einen gleichmäßigen Gang einer Uhr. Es gibt Methoden, um diesen Gang zu prüfen, wobei man genau angeben kann, um wieviel im Höchstmaß die Uhr im Laufe, z.B. eines Tages, zu viel oder zu wenig gelaufen ist.
Das den Uhren zugrunde liegende Prinzip
Ähnlich verhält es sich mit dem Messen von Zeiträumen. Die dazu dienenden Instrumente, die Uhren, beruhen im Wesen auf der Überzeugung, daß gleiche Ursachen gleiche Wirkungen hervorbringen. Die Alten bedienten sich dazu meistens der Wasseruhren (Klepsydren), bei denen das Ausfließen von Wasser aus einem Behälter unter möglichst gleichförmige Bedingungen gebracht wurde (der Wasserstand auf gleicher Höhe gehalten, die Ausflußröhre von bestimmter Form usw.), und aus der Menge des entströmten Wassers schloß man auf die Größe des Zeitabschnittes. Unsere Pendeluhren beruhen auf der Wahrnehmung, daß die Geschwindigkeit einer Pendelschwingung unter sonst gleichen Bedingungen von der Länge des Pendels abhängt. Indem man dafür sorgt, daß die Länge möglichst gleich bleibt, daß die Widerstände möglichst gering seien, die Kraft, welche sie überwindet, gleichmäßig wirke, erreicht man einen gleichmäßigen Gang einer Uhr. Es gibt Methoden, um diesen Gang zu prüfen, wobei man genau angeben kann, um wieviel im Höchstmaß die Uhr im Laufe, z.B. eines Tages, zu viel oder zu wenig gelaufen ist.
[ 46 ] Sehen Sie, dieses Kapitel ist deshalb so gut, weil man sich in einfachen Begriffen einmal ins Bewußtsein bringen kann, wie wir im Leben gleichsam abkürzen. Wir können das leicht einsehen, wenn wir zunächst bei den alten Uhren, bei den Wasseruhren bleiben. Nehmen Sie an, ein Mann, der sich der Wasseruhr bedient hat, hätte gesagt: Ich habe zu dieser Arbeit drei Stunden gebraucht. — Was heißt das? Man meint, so etwas versteht jeder Mensch. Aber man bedenkt nicht, daß man dabei schon sich auf gewisse Voraussetzungen stützt. Denn der Betreffende hätte eigentlich sagen müssen, wenn er Tatsachen ausgedrückt hätte: Während ich gearbeitet habe, ist vom Anfang bis zum Ende meiner Arbeit so und so viel Wasser ausgeflossen. Statt daß wir nun immer gesagt hätten: Vom Anfang bis zum Ende meiner Arbeit ist so und so viel Wasser ausgeflossen, haben wir das Ausfließen des Wassers mit dem Gang der Sonne verglichen und haben eine Abkürzung, die Formel gebraucht: ich habe drei Stunden gearbeitet. Diese Formel gebrauchen wir dann weiter. Wir glauben etwas Tatsächliches im Sinn zu haben, abet wir haben einen Gedanken ausgelassen, nämlich, so und so viel ist ausgeflossen von dem Wasser. Wir haben nur den zweiten Gedanken als Abbreviatur. Aber indem wir uns die Möglichkeit gegeben haben, daß eine solche Tatsache formelhaft wird, entfernen wir uns von der Tatsache. Und nun denken Sie einmal, daß wir im Leben nicht nur eine Arbeit und eine Formel zusammenbringen, sondern daß wir überhaupt in Formeln reden, richtig in Formeln reden. Denken Sie zum Beispiel nur, was es heißt: «fleißig sein». Wenn wir auf die Tatsachen zurückgehen, so ist das eine ungeheure Menge von Tatsachen, die der Formel «fleißig sein» zugrunde liegen. Wir haben vieles geschehen sehen und es verglichen mit der Zeit, in der es geschehen kann, und so sprechen wir von «fleißig sein». Ein ganzes Heer von Tatsachen ist datin enthalten, und oft sprechen wir solche Formeln aus, ohne daß wir auf die Tatsachen reflektieren.
[ 46 ] Sehen Sie, dieses Kapitel ist deshalb so gut, weil man sich in einfachen Begriffen einmal ins Bewußtsein bringen kann, wie wir im Leben gleichsam abkürzen. Wir können das leicht einsehen, wenn wir zunächst bei den alten Uhren, bei den Wasseruhren bleiben. Nehmen Sie an, ein Mann, der sich der Wasseruhr bedient hat, hätte gesagt: Ich habe zu dieser Arbeit drei Stunden gebraucht. — Was heißt das? Man meint, so etwas versteht jeder Mensch. Aber man bedenkt nicht, daß man dabei schon sich auf gewisse Voraussetzungen stützt. Denn der Betreffende hätte eigentlich sagen müssen, wenn er Tatsachen ausgedrückt hätte: Während ich gearbeitet habe, ist vom Anfang bis zum Ende meiner Arbeit so und so viel Wasser ausgeflossen. Statt daß wir nun immer gesagt hätten: Vom Anfang bis zum Ende meiner Arbeit ist so und so viel Wasser ausgeflossen, haben wir das Ausfließen des Wassers mit dem Gang der Sonne verglichen und haben eine Abkürzung, die Formel gebraucht: ich habe drei Stunden gearbeitet. Diese Formel gebrauchen wir dann weiter. Wir glauben etwas Tatsächliches im Sinn zu haben, abet wir haben einen Gedanken ausgelassen, nämlich, so und so viel ist ausgeflossen von dem Wasser. Wir haben nur den zweiten Gedanken als Abbreviatur. Aber indem wir uns die Möglichkeit gegeben haben, daß eine solche Tatsache formelhaft wird, entfernen wir uns von der Tatsache. Und nun denken Sie einmal, daß wir im Leben nicht nur eine Arbeit und eine Formel zusammenbringen, sondern daß wir überhaupt in Formeln reden, richtig in Formeln reden. Denken Sie zum Beispiel nur, was es heißt: «fleißig sein». Wenn wir auf die Tatsachen zurückgehen, so ist das eine ungeheure Menge von Tatsachen, die der Formel «fleißig sein» zugrunde liegen. Wir haben vieles geschehen sehen und es verglichen mit der Zeit, in der es geschehen kann, und so sprechen wir von «fleißig sein». Ein ganzes Heer von Tatsachen ist datin enthalten, und oft sprechen wir solche Formeln aus, ohne daß wir auf die Tatsachen reflektieren.
[ 47 ] Wenn wir wieder auf die Tatsachen kommen, so haben wir das Bedürfnis, die Gedanken lebensvoll zu fassen und nicht in nebulosen Formeln zu sprechen. Ich hörte einmal einen Professor vortragen, der begann ein Kolleg über Literaturgeschichte, indem er sagte: Wenn wir uns zu Lessing wenden, so wollen wir, um seinen Stil ins Auge zu fassen, zunächst uns fragen, wie Lessing sich Gedanken über die Welt zu machen pflegte, wie seine Art zu arbeiten war, wie er sie zu verwenden gedachte und so weiter. Und nachdem er eine Stunde so gefragt hatte, sagte er: Meine Herren, ich habe Sie in einen Wald von Fragezeichen geführt! — Nun denken Sie sich aber einmal einen «Wald von Fragezeichen», stellen Sie sich vor, in diesem Wald von Fragezeichen wollen Sie spazieren gehen; denken Sie sich das Gefühl! Nun, von diesem Mann habe ich auch den Ausspruch gehört, daß sich diese oder jene Menschen in ein «Feuerbad» stürzen. Ich mußte dabei immer denken, wie die Menschen denn ausschauen, wenn sie sich so in ein Feuerbad stürzen. Man begegnet oft Menschen, die nicht gewahr werden, wie weit sie von der Wirklichkeit entfernt sind. Wenn man sich in ihre Worte, in ihre Wortvorstellungen vertieft und sich klarzumachen sucht, was ihre Worte bedeuten, so findet man, daß alles zerstiebt und in alle Winde verflattert, weil in der Wirklichkeit gar nicht möglich ist, was die Menschen so aussprechen. So können Sie also in diesen scharfsinnigen Kapiteln über «Das Messen» und über «Das den Uhren zugrunde liegende Prinzip» recht viel lernen, wirklich sehr viel lernen.
[ 47 ] Wenn wir wieder auf die Tatsachen kommen, so haben wir das Bedürfnis, die Gedanken lebensvoll zu fassen und nicht in nebulosen Formeln zu sprechen. Ich hörte einmal einen Professor vortragen, der begann ein Kolleg über Literaturgeschichte, indem er sagte: Wenn wir uns zu Lessing wenden, so wollen wir, um seinen Stil ins Auge zu fassen, zunächst uns fragen, wie Lessing sich Gedanken über die Welt zu machen pflegte, wie seine Art zu arbeiten war, wie er sie zu verwenden gedachte und so weiter. Und nachdem er eine Stunde so gefragt hatte, sagte er: Meine Herren, ich habe Sie in einen Wald von Fragezeichen geführt! — Nun denken Sie sich aber einmal einen «Wald von Fragezeichen», stellen Sie sich vor, in diesem Wald von Fragezeichen wollen Sie spazieren gehen; denken Sie sich das Gefühl! Nun, von diesem Mann habe ich auch den Ausspruch gehört, daß sich diese oder jene Menschen in ein «Feuerbad» stürzen. Ich mußte dabei immer denken, wie die Menschen denn ausschauen, wenn sie sich so in ein Feuerbad stürzen. Man begegnet oft Menschen, die nicht gewahr werden, wie weit sie von der Wirklichkeit entfernt sind. Wenn man sich in ihre Worte, in ihre Wortvorstellungen vertieft und sich klarzumachen sucht, was ihre Worte bedeuten, so findet man, daß alles zerstiebt und in alle Winde verflattert, weil in der Wirklichkeit gar nicht möglich ist, was die Menschen so aussprechen. So können Sie also in diesen scharfsinnigen Kapiteln über «Das Messen» und über «Das den Uhren zugrunde liegende Prinzip» recht viel lernen, wirklich sehr viel lernen.
[ 48 ] Ich kann nun nicht mit Bestimmtheit sagen, wann ich fortfahren kann, auch die nachfolgenden Kapitel dieses Büchelchens zu besprechen. Heute möchte ich nur noch bemerken, daß ich selbstverständlich nur Beispiele herausheben wollte und daß man das selbstverständlich auf hunderterlei Weise machen kann. Aber wenn wir solches tun, werden wir erreichen, daß wir mit unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung nicht eingekapselt sind, sondern wirklich die Fäden nach der ganzen Welt ziehen. Denn das wäre überhaupt das Schlimmste, wenn wir uns einkapseln würden, meine lieben Freunde.
[ 48 ] Ich kann nun nicht mit Bestimmtheit sagen, wann ich fortfahren kann, auch die nachfolgenden Kapitel dieses Büchelchens zu besprechen. Heute möchte ich nur noch bemerken, daß ich selbstverständlich nur Beispiele herausheben wollte und daß man das selbstverständlich auf hunderterlei Weise machen kann. Aber wenn wir solches tun, werden wir erreichen, daß wir mit unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung nicht eingekapselt sind, sondern wirklich die Fäden nach der ganzen Welt ziehen. Denn das wäre überhaupt das Schlimmste, wenn wir uns einkapseln würden, meine lieben Freunde.
[ 49 ] Ich habe darauf hingewiesen, daß von besonderer Wichtigkeit und Bedeutung das Denken ist, und darum ist es wichtig, daß wir auch manches, was in den letzten Wochen vor unsere Seelen sich hingestellt hat, so nehmen, daß wir darüber denken, es nicht in der allereinseitigsten Weise auffassen und ins Leben umsetzen wollen. Wenn zum Beispiel von «mystischer Verschrobenheit» gesprochen worden ist, dann ist das mit Recht geschehen. Wenn man aber nun wieder meint, man dürfe nicht mehr von geistigen Erlebnissen sprechen, so wäre das der größte Unsinn. Wenn geistige Erlebnisse wahr sind, so sind sie Realitäten. Das Wichtige dabei ist, daß sie wahr sind, und daß wir innerhalb der geistigen Grenzen bleiben. Es ist wichtig, daß wir nicht von einem Extrem ins andere verfallen. Bedeutungsvoller ist, daß wir wirklich versuchen, nicht nur die Geisteswissenschaft als solche hinzunehmen, sondern daß wir uns auch bewußt werden, daß die Geisteswissenschaft in das Gefüge der Welt hineingestellt werden muß.
[ 49 ] Ich habe darauf hingewiesen, daß von besonderer Wichtigkeit und Bedeutung das Denken ist, und darum ist es wichtig, daß wir auch manches, was in den letzten Wochen vor unsere Seelen sich hingestellt hat, so nehmen, daß wir darüber denken, es nicht in der allereinseitigsten Weise auffassen und ins Leben umsetzen wollen. Wenn zum Beispiel von «mystischer Verschrobenheit» gesprochen worden ist, dann ist das mit Recht geschehen. Wenn man aber nun wieder meint, man dürfe nicht mehr von geistigen Erlebnissen sprechen, so wäre das der größte Unsinn. Wenn geistige Erlebnisse wahr sind, so sind sie Realitäten. Das Wichtige dabei ist, daß sie wahr sind, und daß wir innerhalb der geistigen Grenzen bleiben. Es ist wichtig, daß wir nicht von einem Extrem ins andere verfallen. Bedeutungsvoller ist, daß wir wirklich versuchen, nicht nur die Geisteswissenschaft als solche hinzunehmen, sondern daß wir uns auch bewußt werden, daß die Geisteswissenschaft in das Gefüge der Welt hineingestellt werden muß.
[ 50 ] Gewiß würde es auch falsch sein, wenn jetzt geglaubt würde, man sollte nun gar nicht mehr Geisteswissenschaft betreiben, sondern nur noch solche Broschüren in den Zweigen lesen. Das wäre auch wieder eine unrichtige Ausdeutung. Man muß nachdenken darüber, was ich gemeint habe. Aber das große Übel, das ich angedeutet habe, daß viele statt zuzuhören, nachschreiben, wird dadurch verhindert, daß wir zuhören und nicht nachschreiben. Denn wenn beim Nachschreiben nur solches Zeug zustande kommt, wie es wirklich beim Vorlesen von nachgeschriebenen Vorträgen geschieht, und wir glauben, daß wir solche nachgeschriebenen Vorträge durchaus brauchen, ja, meine lieben Freunde, dann muß ich sagen, zeigen wir erstens, daß wir auf dasjenige, was im Druck erschienen ist, wenig Wert legen, denn es ist wirklich eigentlich reichliches Material da, das schon gedruckt ist; und zweitens ist es gar nicht notwendig, daß wir immer nach dem Allerneuesten jagen. Das ist eine durch die Journalistik von den Menschen angenommene Eigenart, und wir dürfen sie nicht bei uns kultivieren. Das gründliche Durcharbeiten dessen, was da ist, ist etwas Wesentliches und Bedeutungsvolles, und wir werden uns nicht das genaue Zuhören verderben dadurch, daß wir nachschreiben, sondern Sehnsucht haben, genau zuzuhören. Denn bei dem Nachkritzeln kommt selten etwas anderes heraus, als daß wir uns die Aufmerksamkeit verderben, die wir beim Hinhören entwickeln könnten. Daher glaube ich, daß diejenigen unter uns, die in den Zweigen arbeiten wollen, Gelegenheit finden werden, wenn sie glauben, keinen Stoff zu haben, doch solche Stoffe zu haben. Sie brauchen nicht mehr jeden zu zupfen, der nachgekritzelt hat, um nachgeschriebene Vorträge zu bekommen, nur damit man immer das Neueste vorlesen kann. Wirklich, es kommt auf den Ernst an, und daß in dieser Richtung nicht sehr ernst gearbeitet worden ist, das hat viele Erscheinungen, wenn auch mittelbar, hervorgebracht, an denen wir eigentlich kranken.
[ 50 ] Gewiß würde es auch falsch sein, wenn jetzt geglaubt würde, man sollte nun gar nicht mehr Geisteswissenschaft betreiben, sondern nur noch solche Broschüren in den Zweigen lesen. Das wäre auch wieder eine unrichtige Ausdeutung. Man muß nachdenken darüber, was ich gemeint habe. Aber das große Übel, das ich angedeutet habe, daß viele statt zuzuhören, nachschreiben, wird dadurch verhindert, daß wir zuhören und nicht nachschreiben. Denn wenn beim Nachschreiben nur solches Zeug zustande kommt, wie es wirklich beim Vorlesen von nachgeschriebenen Vorträgen geschieht, und wir glauben, daß wir solche nachgeschriebenen Vorträge durchaus brauchen, ja, meine lieben Freunde, dann muß ich sagen, zeigen wir erstens, daß wir auf dasjenige, was im Druck erschienen ist, wenig Wert legen, denn es ist wirklich eigentlich reichliches Material da, das schon gedruckt ist; und zweitens ist es gar nicht notwendig, daß wir immer nach dem Allerneuesten jagen. Das ist eine durch die Journalistik von den Menschen angenommene Eigenart, und wir dürfen sie nicht bei uns kultivieren. Das gründliche Durcharbeiten dessen, was da ist, ist etwas Wesentliches und Bedeutungsvolles, und wir werden uns nicht das genaue Zuhören verderben dadurch, daß wir nachschreiben, sondern Sehnsucht haben, genau zuzuhören. Denn bei dem Nachkritzeln kommt selten etwas anderes heraus, als daß wir uns die Aufmerksamkeit verderben, die wir beim Hinhören entwickeln könnten. Daher glaube ich, daß diejenigen unter uns, die in den Zweigen arbeiten wollen, Gelegenheit finden werden, wenn sie glauben, keinen Stoff zu haben, doch solche Stoffe zu haben. Sie brauchen nicht mehr jeden zu zupfen, der nachgekritzelt hat, um nachgeschriebene Vorträge zu bekommen, nur damit man immer das Neueste vorlesen kann. Wirklich, es kommt auf den Ernst an, und daß in dieser Richtung nicht sehr ernst gearbeitet worden ist, das hat viele Erscheinungen, wenn auch mittelbar, hervorgebracht, an denen wir eigentlich kranken.
[ 51 ] Also, meine lieben Freunde, ich weiß es noch nicht genau; aber wenn es wieder geht, dann werde ich vielleicht am Sonnabend die Besprechung der ausgezeichneten, scharfsinnigen Broschüre von Herrn von Wrangell, die ich gewählt habe, weil sie von einem Wissenschafter geschrieben ist und einen zustimmenden und nicht negativen Inhalt hat, weiter fortsetzen.
[ 51 ] Also, meine lieben Freunde, ich weiß es noch nicht genau; aber wenn es wieder geht, dann werde ich vielleicht am Sonnabend die Besprechung der ausgezeichneten, scharfsinnigen Broschüre von Herrn von Wrangell, die ich gewählt habe, weil sie von einem Wissenschafter geschrieben ist und einen zustimmenden und nicht negativen Inhalt hat, weiter fortsetzen.
