The Value of Thinking for Satisfying Our Quest for Knowledge
The Relationship Between the Spiritual Science and the Natural SciencesGA 164
27 September 1915, Dornach
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The Value of Thinking for Satisfying Our Quest for Knowledge, tr. SOL
Das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft II
The Relationship Between the Spiritual Science and the Natural Sciences II
[ 1 ] Ich habe gestern in Anknüpfung an eine Charakteristik der materialistisch-mechanischen Weltanschauung durch Herrn von Wrangell auch von der Dichterin Marie Eugenie delle Grazie gesprochen als Beispiel eines wirklichen Ernstnehmens, ich möchte sagen BeimWort-Nehmens der materialistischen Weltauffassung. Nicht wahr, man könnte ja die Frage aufwerfen: Wie muß ein Mensch, der elementarische, starke Gefühle für alles Menschliche hat, welches durch das geschichtliche Werden den Menschen anerzogen worden ist, wie muß der Mensch dann fühlen, wenn er die materialistisch-mechanische Weltanschauung als wahr voraussetzt? So ungefähr hat sich nämlich — es ist jetzt 25 bis 30 Jahre her — Marie Eugenie delle Grazie der materialistisch-mechanischen Weltanschauung gegenübergestellt. Sie nannte Haeckel ihren Meister und ging davon aus, daß gewissermaßen der Laplacesche Kopf mit seiner Weltvorstellung recht hat. Aber sie hat diese Weltanschauung nicht theoretisch ausgesprochen, sondern unter der Voraussetzung, daß sie wahr ist, auch das menschliche Gefühl sprechen lassen. Und so sind ihre Dichtungen vielleicht das allersprechendste Zeugnis für die Art und Weise, wie sich in unserer Zeit das fühlende Menschenherz gegenüber der materialistisch-mechanischen Weltanschauung verhalten kann, was man unter ihrer Voraussetzung spüren, fühlen, empfinden kann. Und damit Sie so recht anschaulich ein Beispiel des Eindruckes der materialistisch-mechanischen Anschauung auf ein menschliches Herz haben, werden wir Ihnen zunächst einige dieser delle Grazieschen Dichtungen vortragen.
[ 1 ] Yesterday, in connection with a description of the materialistic-mechanistic worldview presented by Mr. von Wrangell, I also spoke of the poet Marie Eugenie delle Grazie as an example of truly taking the materialistic worldview seriously—or, I might say, taking it at its word. Isn’t it true that one could raise the question: How must a person—who has deep, fundamental feelings for everything human, feelings instilled in people through the course of history—how must such a person feel when they accept the materialistic-mechanistic worldview as true? That is roughly how—25 to 30 years ago now—Marie Eugenie delle Grazie confronted the materialistic-mechanistic worldview. She called Haeckel her master and assumed that, in a sense, Laplace’s mind was correct in its conception of the world. But she did not express this worldview merely in theoretical terms; rather, assuming it to be true, she also gave voice to human emotion. And so her poems are perhaps the most eloquent testimony to the way in which the feeling human heart can respond to the materialistic-mechanistic worldview in our time—to what one can sense, feel, and experience under its premise. And so that you may have a vivid example of the impact of the materialistic-mechanistic worldview on a human heart, we will first present some of these poems by Delle Grazia.
[ 2 ] [Rezitation durch Marie Steiner]
[ 2 ] [Recited by Marie Steiner]
Um Mitternacht
Wenn müde und halb berauscht
Von des Tages bunt wechselndem Leben
In sel’ger Ruhe die Erde träumt,
Des Mondes bläulicher Glanz
Die öden Straßen durchflutet
Und heil’ge Vergessenheit
Die linden Fittiche hebt
In diesen gesegneten Stunden,
So wonne- und schlummerreich
Warum, laut pochendes Herz,
Kannst nur du keine Ruhe finden?
Warum, heißfiebernde Stirn,
Durchwirbelt so schlummerraubend
Und traumverscheuchend nur dich
Der Gedanken quälendes Heer?Geruhigen Wandels zieh’n
Am Himmel oben die Sterne,
Und regungslos liegt die Stadt,
Die weite, weite Riesenstadt — denn siehe,
's ist Mitternacht und arm wie reich beglückte
Ohn’ Unterschied des Traumgott’s lockender Becher,
Der schwere, mohnumkränzte...Du nur stöhnst
Und wimmerst um Mitternacht in deine Kissen,
Unsel’ge, und weinst und brütest — denn
Ein Dämon ist’s, der finster und dennoch berückend
Dein Lager umschwebt und Dämonengeflüster scheucht
Des Traumes Märchenboten aus deiner Nähe,
So daß ihr lieblicher Reigen glanzlos zerstiebt
Und die Nachtunholde des Wahnsinns dich umkteisen.
Und winkt auch leuchtenden Auges dir
Das Zauberweib Phantasie mit den gold’nen Schwingen,
Dem Mohnktanz und hold verjüngenden Feuertrank
Der Begeist’rung — satanisch grinsend scheucht
Dein Böser Feind auch diese Tröst’rin von hinnen
Und sinnberörend ins Aug’ dir blickend, weilt
So lang Unselige er an deinem Lager,
Bis du die Arme breitest, ans Herz ihn drückst
Und verlangend, sklavisch nur ihm entgegenatmest,
Ein Opfer, das willenlos sich selbst ergibt.
Dann breitet er die schwarzen Dämonenflügel
Und schüttelt seiner Locken nächtliche Pracht,
Küßt frostig Lieb’ und Glauben dir aus der Seele,
Träuft leis’ das Gift der Verzweiflung in deine Brust,
Zerfleischt mit krampfhaft zuckenden Raubtierkrallen
Dein Herz, umfängt dich brünstig wie ein Vampir
Und flüstert eisig lächelnd: «ich heiße Erkenntnis!»2.
Mit ehernen Banden hält
Und ketter an Staub und Verwesung
Natur, deine Zeug’rin, dich fest;
Natur, das lockende Ungeheuer,
Bald lächelnd und sonnengoldig
Zu wütender Daseinsfreude dich spornend, bald
Entsetzen und Not gebärend,
Mit der Rute des Jammers dich peitschend,
Doch immer vernichtend und rätselhaft, immer
Medusa und Sphinx zugleich!
Dutch deine Pulse jagt
Und rast in fiebernden Takten
Ihr unbarmherz’ges Gesetz,
Das ew’ge Gesetz der Zerstörung;
Sie gab dir Wille und Kraft
Dich selbst zu vernichten — dich selbst
Zu retten aber vermagst du nie und nimmer!
An ihrem Triumphwagen zieh’n
Wir alle — keuchend, schweißbetrieft und dennoch
Auch selig: denn als Fata morgana schaukelt
Die Hoffnung vor uns und das Glück und jegliches Blendwerk,
Das uns zum Hohn sie geschaffen,
Und wir, das schnsuchtsvergiftete Sklavenheer,
Ideale nennen! — So stürmen in lechzender Eile
Und toller Jagd wir dahin, bis tückisch
Die Kraft uns verläßt, der Odem schwindet und ferner
Denn je unser Ziel auf goldigen Wolken schwebt,
Bis hilflos und keuchend wir
Zusammenbrechen — dann jauchzt dämonisch sie auf,
Dann ruft sie ihr grausames: «Evoe!» und lenkt
Zermalmend über tausend Opfer hinweg
Die ehernen Speichen ihrer Biga!3.
Welch grausamer Dämon wohl
Den quälenden Liebesdrang
Ins pochende Herz uns geschrieben?
Welch tückischer Höllenwahn
Es sehnend beben und töricht
Nach göttlicher Wonne lechzen und dürsten heißt,
Nach einem Unendlichen
In fiebernder Glut sich verzehren
Und über dem brodelnden Sumpf
Der Endlichkeit das lockendste Märchenreich
Des Traumes erbau’n — ach! klagend und ungelöst
Verhallt in Ewigkeit diese bange Frage...Berückend lächelt und winkt
In jenen Rätselstunden
Das Göttliche uns zu
Allein wir wollen’s auch haschen,
Auch fesseln, auch im Gewand der Vergänglichkeit sch’n
Und rufen, ein zweites, törichtes Ich
An unser Schicksal kettend: «Gefunden — gefunden!»Allein nur Götter und Märchenhelden erquickt
Der Nektar ewiger Torheit,
Die kleinen Menschen lenkt Vernunft,
Und Vernunft, die gefräßige Riesin,
Sie nährt und stärkt sich nur
Von zertrümmerten Idealen!
Entzaubert und fröstelnd erwacht
Das Herz und die nüchterne Alltagsseele,
Sie lächelt des Traum’s, der eh’mals sie berauscht...
Den leuchtenden Stern der Göttlichkeit,
Nicht stolz und titanisch konnte
Vom Himmel sie ihn reißen — nein, sie griff
Und langte, törichter als ein törichtes Kind,
Nach seinem trüben Widerschein
In der Pfütze der eigenen Gattung...Im Kreise der Lebenden geht
Und wandelt von Mund zu Mund
Ein schreckgeflüstertes Wörtchen
Sein eherner Klang, er läßt
Die rosigen Wangen erbleichen,
Die Jubelhymnen des Wahns,
Die schillernden Lügenmärchen
Des Daseins werden ihm zerrissen, und
Verhallen mit ihm in Ewigkeit.
Die Dornenkrone des Leids,
Die Rosenkränze des Glückes
Und Diademe des Ruhms
Sie alle, alle umwindet,
Umstrickt und überwuchert
Des bleichen Todes Asphodill!
Wem seine Fittiche tauschen,
Der bebt, und wem seine hohle Stimme ertönt,
Der hat zum letzten Mal gelogen...Verwesung und Moder gärt
In unsren Adern, Verwesung leitet uns
Nach ihrem Gesetz, und was da lebt und atmet,
Verwesung hat es geschaffen,
Verwesung zerstört es auch!
Ein schmutziger Wirbel voll Rätsel und Wahnsinn kreist
Das Leben, und unser Pygmäengeschlecht, es kreist
Mit ihm: in blinder Schwäche, drolliger Würde
Und Ohnmacht...Allsiegend und frei nur herrscht
Der Riese Tod: mit blinkendem Schwerte mäht er
Die gleißende Daseinslüge hinweg
Und spricht, in Ewigkeit
Auf Staub und Verwesung deutend,
Die einzige, ewige Wahrheit: «Es ist nichts!»
At midnight
When, weary and half-intoxicated
By the day’s ever-changing life
The earth dreams in blissful peace,
The moon’s bluish glow
Floods the deserted streets
And holy oblivion
Lifts its gentle wings
In these blessed hours,
So rich in delight and slumber
Why, heart pounding loudly,
Can you alone find no rest?
Why, feverish brow,
Does it swirl so sleep-robbing
And, driving away your dreams, only you
Are tormented by this army of thoughts?The stars move peacefully
Across the sky above,
And the city lies motionless,
The vast, vast metropolis—for behold,
It is midnight, and both the poor and the rich
are equally blessed by the dream god’s alluring cup,
the heavy one, crowned with poppies...Only you groan
and whimper into your pillows at midnight,
unfortunate one, and weep and brood—for
It is a demon, dark yet enchanting
That hovers around your bed, and demonic whispers chase away
The fairy-tale messengers of dreams from your vicinity,
So that their lovely dance shatters without splendor
And the night fiends of madness encircle you.
And with shining eyes, she beckons to you
The enchantress Fantasy with her golden wings,
With the dance of the poppies and the sweet, rejuvenating fire-drink
Of inspiration—grinning satanically,
Your evil enemy drives even this comforter away
And gazing into your eyes with a touch that stirs the soul, he lingers
So long, wretched one, by your bedside,
Until you spread your arms, press him to your heart
And, longing, breathe back at him only slavishly,
A victim who surrenders herself without will.
Then he spreads his black demonic wings
And shakes the nocturnal splendor from his curls,
Frostily kisses love and faith from your soul,
Softly drips the poison of despair into your breast,
Tears apart your heart with convulsively twitching predatory claws
And embraces you lustfully like a vampire
And whispers with an icy smile: “My name is Knowledge!”2.
With iron bonds,
And chained to dust and decay,
Nature, your creator, holds you fast;
Nature, the alluring monster,
Now smiling and sun-gilded
Spurring you on to a furious joy of existence, now
Giving birth to horror and distress,
Whipping you with the rod of misery,
Yet always destructive and enigmatic, always
Medusa and Sphinx at once!
Your pulse races
And races in feverish beats
Her merciless law,
The eternal law of destruction;
She gave you will and strength
To destroy yourself—yourself
But you can never, ever save yourself!
Pulling her triumphal chariot
— gasping, drenched in sweat, and yet
Also blissful: for like a mirage,
Hope sways before us, and happiness, and every illusion,
Which she created to mock us,
And we, the army of slaves poisoned by desire,
Call them ideals! — Thus, in a thirsty rush
And a frenzied chase, we rush on, until treacherously
Our strength abandons us, our breath fades, and farther
Than ever our goal floats on golden clouds,
Until, helpless and gasping, we
Collapse—then she shouts demonically,
Then she cries out her cruel “Evoe!” and steers
Crushing over a thousand victims
The bronze spokes of her Biga!3.
What cruel demon could
Have inscribed the tormenting urge of love
Into our throbbing hearts?
What treacherous hellish delusion
Is it that we tremble with longing and foolishly
Crave and thirst for divine bliss,
For the Infinite
To consume ourselves in feverish fervor
And above the seething swamp
Of finitude, the most alluring fairy-tale realm
Of dreams—ah! lamenting and unresolved
This anxious question echoes into eternity...Enchantingly smiles and beckons
In those enigmatic hours
The Divine beckons us to
Yet we too wish to seize it,
To bind it, to clothe it in the garb of transience
And cry out, a second, foolish self
Chaining itself to our fate: “Found—found!”But only gods and fairy-tale heroes are refreshed
The nectar of eternal folly,
Reason guides the little people,
And Reason, that voracious giantess,
She feeds and strengthens herself only
On shattered ideals!
Disenchanted and shivering,
The heart and the sober soul of everyday life awaken,
They smile at the dream that once intoxicated them...
The shining star of divinity,
Not proudly and titanically could
They snatch it from the heavens—no, they reached
And grasped, more foolish than a foolish child,
Its murky reflection
In the puddle of its own kind...Among the living, there goes
And passes from mouth to mouth
A little word whispered in terror
Its brazen sound causes
Rosy cheeks to pale,
The jubilant hymns of delusion,
The dazzling fairy tales of lies
Of existence are torn apart by it, and
Fade away with it into eternity.
The crown of thorns of suffering,
The rosaries of happiness
And the diadems of glory
All of them, all of them are entwined,
Enveloped and overgrown
By the asphodel of pale death!
Whoever is touched by its wings,
Trembles, and whoever hears its hollow voice,
Has lied for the last time...Decay and rot ferment
In our veins; decay guides us
According to its law, and whatever lives and breathes there,
Decay has created it,
Decay also destroys it!
A filthy vortex full of riddles and madness swirls
Life, and our pygmy race, swirls
With it: in blind weakness, comical dignity
And powerlessness...Omniscient and free, he alone reigns
The giant Death: with a flashing sword he mows down
The glistening lie of existence
And speaks, for all eternity
Pointing to dust and decay,
The only, eternal truth: “There is nothing!”
[ 3 ] Gerade an einem solchen Beispiele, glaube ich, kann man ersehen, wohin die materialistisch-mechanische Weltauffassung führen muß. Wenn diese Weltanschauung die einzig tonangebende geworden wäre und die Menschen die Möglichkeit des Fühlens behalten hätten, dann hätte solch eine Stimmung, wie die aus diesen Dichtungen sprechende, im weitesten Umkreise die Menschen ergreifen müssen und nur diejenigen, die gefühllos weiter hätten leben wollen, nur diese Gefühllosen hätten es vermeiden können, von einer solchen Stimmung ergriffen zu werden.
[ 3 ] It is precisely in examples such as this, I believe, that one can see where a materialistic-mechanistic worldview must inevitably lead. If this worldview had become the only dominant one and people had retained the capacity to feel, then a mood such as that expressed in these poems would have swept people up far and wide, and only those who wished to continue living without feeling—only these unfeeling people—would have been able to avoid being swept up by such a mood.
[ 4 ] Man lernt den Gang der Welt nicht dutch jene bloß theoretischen Gedanken kennen und in der richtigen Weise durchschauen, mit denen sich die Menschen gewöhnlich Weltanschauungen zimmern, sondern die Tragkraft einer Weltanschauung lernt man erst kennen, wenn man sie einfließen sieht in das Leben. Und ich muß sagen, es war ein tiefer Eindruck, als ich, es ist jetzt schon sehr lange her, die mechanisch-materialistische Weltanschauung einziehen sah in die geniale Seele — denn sie darf eine geniale Seele genannt werden — der Marie Eugenie delle Grazie.
[ 4 ] One does not come to know the workings of the world—and understand them correctly—through those purely theoretical ideas with which people usually construct their worldviews; rather, one only comes to understand the power of a worldview when one sees it flowing into life. And I must say, it made a deep impression on me—though it was a very long time ago now—to see the mechanistic-materialistic worldview take root in the brilliant soul—for it may indeed be called a brilliant soul—of Marie Eugenie delle Grazie.
[ 5 ] Man muß aber auch die Vorbedingungen bedenken, die dazu führten, daß ein menschliches Herz sich der mechanisch-materialistischen Weltanschauung so gegenüberstellt. Marie Eugenie delle Grazie ist ja schon ihrer Abstammung nach, ich möchte sagen, eine kosmopolitische Erscheinung. Sie hat von ihren Vorfahren her Blut aller möglichen Nationalitäten in ihren Adern. Die Leiden des Lebens hat sie schon in früher Kindheit kennengelernt, und sie hat auch in früher Kindheit schon gelernt, wie man sich hinaufrankt, um zu dem, was des Lebens äußerlichen Sinn bildet, etwas hinzuzufinden, was dieses Leben dutch eine höhere Kraft zu einem Höheren trägt; denn ihr Erzieher wurde ein katholischer Priester, der vor einigen Jahren gestorben ist. Die Genialität der delle Grazie gab sich dadurch kund, daß sie bereits in ihrem 16., 17. Jahre ein lyrisches Gedichtbuch, ein umfassendes Epos, eine Tragödie und ein Novellenbändchen geschrieben hat. So viel man nach dieser oder jener Richtung auch gegen diese Dichtungen haben möchte: Genialität spricht sich in ihnen in einer hinreißenden Art und Weise aus. Mir kamen diese Dichtungen dazumal, als sie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erschienen waren, in die Hände, und gleichzeitig hörte ich durch allerlei Bekannte von delle Grazie sprechen. Ich hörte zum Beispiel, daß der Ästhetiker Robert Zimmermann, der eine Ästhetik und eine Geschichte der Ästhetik geschrieben hat und ein bedeutender Vertreter der Herbartschen Philosophenschule war jetzt sind die Herbartianer ausgestorben —, und der dazumal schon ein alter Mann war, sagte: delle Grazie sei das einzige wirkliche Genie, das er im Leben kennengelernt habe.
[ 5 ] But one must also consider the preconditions that led a human heart to take such a stance against the mechanistic-materialistic worldview. Marie Eugenie delle Grazie is, by virtue of her ancestry alone—I would say—a cosmopolitan figure. Through her ancestors, she has the blood of all manner of nationalities flowing through her veins. She became acquainted with life’s sufferings in early childhood, and she also learned at an early age how to rise above the outward meaning of life to find something that, through a higher power, elevates this life to a higher plane; for her tutor was a Catholic priest who died a few years ago. Delle Grazie’s genius manifested itself in the fact that, by the age of 16 or 17, she had already written a book of lyric poetry, a comprehensive epic, a tragedy, and a small volume of short stories. No matter how much one might object to these works from one perspective or another, genius expresses itself in them in a captivating manner. I came across these works back when they were first published in the 1880s, and at the same time I heard people talking about delle Grazie through various acquaintances. I heard, for example, that the aesthetician Robert Zimmermann—who wrote a treatise on aesthetics and a history of aesthetics and was a leading representative of Herbart’s school of philosophy (the Herbartians are now extinct)—and who was already an old man at the time, said: delle Grazie was the only true genius he had ever known in his life.
[ 6 ] Allerlei Umstände brachten es dann dahin, daß ich mit delle Grazie persönlich bekannt und befreundet wurde und daß viel Weltanschauliches und auch sonstiges zwischen uns gesprochen worden ist. Es war eine bedeutsame Lehre, auf der einen Seite zu sehen den Erzieher der delle Grazie, den katholischen Priester, der, im Katholizismus berufsmäßig drinnenstehend, sich zu einer Weltanschauung durchgerungen hatte, die er nur mit Ironie und Humor aussprach, wenn er intimer sprach, und auf der anderen Seite delle Grazie selber. Schon als ich das allererste Gespräch mit ihr hatte, zeigte es sich, daß etwas Tiefgründiges gegenüber Welt und Leben in ihr war. Sie hatte infolge ihrer Erziehung durch den Priester die katholische Christologie kennengelernt, mit allen möglichen Lichtseiten, die man kennenlernen konnte, wenn man Professor Müllner — das ist dieser Priester — nahestand, der seinerseits auch tief in das Leben hineingeschaut hatte. Das alles hatte sich in der delle Grazie so gestaltet, daß sie mit dem Weltbild, das ihr zunächst von seiten dieses Priesters gegeben worden war — Sie müssen im Auge haben, daß ich von einem siebzehnjährigen Mädchen spreche —, alles verband, was das Leben an Übel und Bösem, an Schmerz und Leid bringt, so daß daraus die Idee einer Dichtung entstand, die sie mir in einem langen Gespräche auseinandersetzte: sie wollte eine «Satanide» schreiben. Sie wollte zeigen, wie Leid und Schmerz in der Welt stehen auf der einen Seite, und auf der anderen Seite jene Weltanschauung, die ihr überliefert worden ist.
[ 6 ] Various circumstances led to my becoming personally acquainted with and befriending delle Grazie, and to our discussing many worldviews and other matters. It was a significant lesson to see, on the one hand, delle Grazie’s educator—the Catholic priest who, while professionally immersed in Catholicism, had arrived at a worldview that he expressed only with irony and humor when speaking more intimately—and, on the other hand, delle Grazie herself. Even during my very first conversation with her, it became clear that she possessed a profound perspective on the world and life. As a result of her education under the priest, she had become acquainted with Catholic Christology, along with all the positive aspects one could discover by being close to Professor Müllner—that is, this priest—who, for his part, had also looked deeply into the nature of life. All of this had taken shape within delle Grazie in such a way that she had integrated the worldview initially imparted to her by this priest—you must bear in mind that I am speaking of a seventeen-year-old girl— with everything that life brings in terms of evil and wickedness, pain and suffering, so that from this arose the idea for a work of fiction, which she explained to me in a long conversation: she wanted to write a “Satanide.” She wanted to show, on the one hand, how suffering and pain exist in the world, and on the other hand, the worldview that had been handed down to her.
[ 7 ] Nun fiel in eine solche Seele die materialistisch-mechanische Weltanschauung hinein. Diese wirkt ja mit einer starken Überzeugungskraft, entfaltet eine Riesenkraft der Logik, so daß die Menschen ihr nur schwer entgehen können. Ich habe delle Grazie später gefragt, warum sie die «Satanide» nicht geschrieben habe. Sie sagte mir, da sie nach der materialistisch-mechanischen Anschauung nicht an Gott glaube und somit auch nicht an den Gegner des Gottes, den Satan, könne sie aus der Wahrhaftigkeit ihres Gefühles heraus die Satanide nicht schreiben.
[ 7 ] Now, the materialistic-mechanistic worldview took root in such a soul. This worldview exerts a powerful persuasive force and unfolds an immense power of logic, making it very difficult for people to escape its influence. I later asked Delle Grazie why she had not written *Satanide*. She told me that, since she did not believe in God according to the materialistic-mechanistic worldview—and therefore could not believe in God’s adversary, Satan either—she could not write *Satanide* in keeping with the truth of her feelings.
[ 8 ] Aber sie hatte eine ungeheure Kraft des menschlichen Erlebens und die prägte sie dann in dem großen zweibändigen Epos «Robespierre» aus, das ganz von solchen Stimmungen, wie Sie sie gehört haben, durchzogen ist. Ich habe noch während des Entstehens viele Gesänge von ihr selbst vorlesen hören. Zwei Frauen wurde es einmal dabei übel. Sie konnten das nicht zu Ende hören. Das ist charakteristisch dafür, wie sich die Menschen Schleier vormachen. Sie glauben an die Wissenschaft des Materialismus, aber wenn man ihnen die Konsequenz vor Augen führen würde, so würden sie ohnmächtig.
[ 8 ] But she possessed an immense power of human experience, which she then channeled into the great two-volume epic *Robespierre*, which is entirely permeated by the very moods you have heard. I heard her read many of the cantos aloud myself while the work was still in progress. Two women once felt sick while listening to it. They couldn’t bring themselves to hear it through to the end. This is characteristic of how people delude themselves. They believe in the science of materialism, but if one were to show them the logical consequences, they would faint.
[ 9 ] Die materialistische Weltanschauung macht die Menschen wirklich schwach und feige. Sie schauen die Welt mit einem Schleier an und wollen dabei noch Christen sein. Und das insbesondere erschien später Marie Eugenie delle Grazie als das Schlimmste im Dasein. Sie sagte sich etwa folgendes: Alles ist nur wirbelnde Atome, durcheinanderwirbelnde Atome. Was machen diese durcheinanderwirbelnden Atome? Sie ballen — nachdem sie sich zu Weltenkörpern zusammengeballt haben, nachdem sie Pflanzen haben wachsen lassen —, sie ballen Menschen und Menschengehirne zusammen und in diesen entstehen durch jenes Ballen von Atomen Ideale, Ideale von Schönheit, von allerlei Großem, von allerlei Göttlichem. Was ist das für ein furchtbares Dasein, sagte sie sich, wenn Atome wirbeln und so wirbeln, daß sie den Menschen ein Dasein von Idealen vormachen. Betrogen und verlogen ist das ganze Weltendasein. — So sagen eben diejenigen, die nicht zu feige sind, die letzten Konsequenzen der materialistisch-mechanischen Weltanschauung zu ziehen. Delle Grazie sagt: Wäre sie wenigstens wahrhaftig, diese Welt durcheinanderwirbelnder Atome, dann würden wir im Geiste vor uns haben durcheinanderwirbelnde Atome. So aber betrügen uns die durcheinanderwirbelnden Atome noch, lügen uns an, als ob es in der Welt Ideale gäbe.
[ 9 ] The materialistic worldview truly makes people weak and cowardly. They view the world through a veil and yet still want to be Christians. And it was this, in particular, that later seemed to Marie Eugenie delle Grazie to be the worst aspect of existence. She told herself something like this: Everything is just swirling atoms, atoms swirling chaotically. What do these chaotically swirling atoms do? They clump together—after they have clumped together to form celestial bodies, after they have caused plants to grow—they clump people and human brains together, and within these, through that clumping of atoms, ideals arise: ideals of beauty, of all manner of greatness, of all manner of the divine. “What a terrible existence this is,” she said to herself, “if atoms swirl and swirl in such a way that they make humans believe in an existence of ideals. The entire existence of the world is deceptive and false.”—That is precisely what those say who are not too cowardly to draw the ultimate conclusions of the materialistic-mechanistic worldview. Delle Grazie says: If only this world of swirling atoms were at least truthful, then we would have swirling atoms before us in our minds. But as it is, the swirling atoms deceive us even further, lying to us as if there were ideals in the world.
[ 10 ] Wenn man also erkennen gelernt hat, welche Konsequenzen das menschliche Gemüt ziehen muß, wenn es in Ehrlichkeit sich verhält zu der materialistisch-mechanischen Weltanschauung, dann hat man wieder einen der Gründe für das Arbeiten an einer spirituellen Weltanschauung.
[ 10 ] Once one has come to recognize the consequences the human mind must face when it approaches the materialistic-mechanistic worldview with honesty, one has found yet another reason to work toward a spiritual worldview.
[ 11 ] Denjenigen, die da immer sagen: Wir haben ja alles, wir haben unsere Ideale, wir haben das, was das Christentum bisher gebracht hat —, muß erwidert werden: Hat man es denn nicht dadurch, wie man sich verhalten hat, gebracht zu der mächtigen mechanisch-materialistischen Weltanschauung? Wollt ihr so fortmachen? — Diejenigen, die die Unnötigkeit unserer Bewegung dartun wollen, weil von anderen Seiten dies oder jenes vorgebracht wird, die sollten sich besinnen, daß trotzdem diese anderen Seiten Jahrhunderte hindurch gewirkt haben, die mechanistisch-materialistische Weltanschauung groß geworden ist. Es handelt sich eben darum, daß man das Leben da, wo es in Wahrheit auftritt, zu erfassen bestrebt ist. Nicht darauf kommt es an, was wir uns für Gedanken machen, sondern darauf, daß wir hinschauen auf die Tatsachen und uns von den Tatsachen belehren lassen. Ich habe es öfter erwähnt, daß ich einmal in einer Stadt einen Vortrag gehalten habe über das Christentum vom Standpunkte der Geisteswissenschaft. Da waren auch zwei Priester. Die kamen nach dem Vortrage zu mir und sagten: Das ist ja alles schön und gut, was Sie da sagen, aber so wie Sie es vortragen, das verstehen ja nur einige wenige; das Richtigere ist doch, wie wir die Sache vortragen, denn das ist für alle Menschen. — Darauf konnte ich nichts anderes sagen als: Verzeihen Sie, aber gehen wirklich alle Menschen zu Ihnen hin? Daß Sie glauben, es ist für alle Menschen, das entscheidet nichts über die Sache, sondern was wirklich ist, und so werden Sie nicht ableugnen können, daß zahlreiche Menschen nicht mehr zu Ihnen hingehen. Und für diese wird bei uns gesprochen, weil diese auch den Weg zum Christus finden müssen. — So spricht man, wenn man nicht den bequemen Weg wählt, wenn man nicht einfach die eigene Meinung für gut findet, sondern sich von den Tatsachen leiten läßt.
[ 11 ] To those who always say, “We have everything; we have our ideals; we have what Christianity has brought us so far”—we must reply: Hasn’t the way you have behaved led to this powerful mechanistic-materialistic worldview? Do you want to continue like this? — Those who seek to demonstrate the unnecessary nature of our movement because this or that is put forward by other sides should reflect on the fact that, despite the influence of these other sides over the centuries, the mechanistic-materialistic worldview has grown to prominence. The point is precisely that we strive to grasp life where it truly manifests itself. What matters is not what thoughts we entertain, but that we look at the facts and allow ourselves to be instructed by them. I have mentioned on several occasions that I once gave a lecture in a city on Christianity from the standpoint of Spiritual Science. There were also two priests in the audience. They came up to me after the lecture and said: “What you’re saying is all well and good, but the way you present it, only a few people can understand it; the more correct approach is the way we present the matter, because that is for everyone.” — To that I could say nothing other than: “Excuse me, but do all people really go to you? The fact that you believe it is for everyone does not determine the matter; what really matters is the truth, and so you cannot deny that many people no longer go to you. And we speak to these people, because they, too, must find the path to Christ.” — That is how one speaks when one does not choose the easy path, when one does not simply consider one’s own opinion to be correct, but allows oneself to be guided by the facts.
[ 12 ] Darum genügt es auch nicht, wie Sie gestern sehen konnten, daß man hintereinander die Sätze einer solchen Schrift, wie die Wrangellsche, liest, sondern daß man daran anknüpft, was man anknüpfen kann. Ich möchte Ihnen dadurch ein Beispiel geben — und man kann das auf verschiedene Art machen —, wie verschiedene Schriften in unseren Zweigen besprochen werden können, und wie das, was in unserer Geisteswissenschaft lebt, klar hervortreten kann dadurch, daß wir es messen an dem, was in solchen Broschüren besprochen wird.
[ 12 ] That is why, as you saw yesterday, it is not enough simply to read the sentences of a text such as Wrangell’s one after another; rather, one must build upon what one can build upon. I would like to give you an example of this—and there are various ways to do so—of how different writings can be discussed in our branches, and how what is alive in our Spiritual Science can clearly emerge when we measure it against what is discussed in such pamphlets.
[ 13 ] Das nächste Kapitel in Wrangells Broschüre heißt:
[ 13 ] The next chapter in Wrangell's brochure is titled:
Bildung der Begriffe
Das, was den Menschen umgibt, ist vielgestaltig. Jedes Ding ist von dem anderen verschieden. Wenn mehrere Dinge auch in manchen ihrer Eigenschaften übereinstimmen, d.h. die gleichen oder doch ähnliche Sinneseindrücke hervorrufen, so unterscheiden sie sich mindestens in einem Attribut: Jedes Ding, das ich durch meine Sinne gewahr werde, nimmt zur Zeit einen bestimmten Raumesteil ein.
Zur größeren Übersichtlichkeit dieser vielgestaltigen Welt faßt der Mensch ähnliche, d.h. mit gleichartigen Eigenschaften behaftete Dinge unter gemeinsamen Bezeichnungen zusammen. Für diese gedanklich erzeugten Begriffe bildet er Worte. Auch gleiche oder ähnliche Eigenschaften, wie z.B. rot, hart, warm, heiß usw., bezeichnet er durch Worte.
Formation of Concepts
The world around us is multifaceted. Every thing is different from every other thing. Even if several things share some of their properties—that is, if they evoke the same or at least similar sensory impressions—they differ in at least one attribute: every thing I perceive through my senses currently occupies a specific part of space.
To make this diverse world more comprehensible, humans group similar things—that is, things with similar properties—under common designations. They form words for these concepts created in the mind. They also use words to describe identical or similar properties, such as red, hard, warm, hot, etc.
[ 14 ] Hier spricht sich Herr von Wrangell über die Bildung von Begriffen in einer Weise aus, die sehr populär ist und die sehr häufig so gegeben wird. Man sagt sich: Ich sehe eine rote Blume, eine zweite, eine dritte rote Blume von bestimmter Gestalt und Anordnung der Blumenblätter, und da ich diese gleich finde, so bilde ich mir über sie zusammen einen Begriff. Ein Begriff wäre also so gebildet, daß ich aus Verschiedenem das Gleiche zusammenfasse. Zum Beispiel der Begriff «Pferd» ist dadurch gebildet, daß ich auf bestimmte Weise eine Anzahl von Tieren, die gewisse Ähnlichkeiten haben, in einen einzigen Gedanken, in eine einzige Vorstellung zusammenfasse. Ebenso kann ich es mit Eigenschaften machen. Ich sehe etwas mit einer bestimmten Farbennuance, etwas anderes mit einer ähnlichen Farbennuance und bilde mir den Begriff von der Farbe «Rot».
[ 14 ] Here, Mr. von Wrangell discusses the formation of concepts in a way that is very common and frequently presented in this manner. People say to themselves: I see a red flower, a second one, a third red flower with a certain shape and arrangement of petals, and since I find them to be the same, I form a single concept about them. A concept would thus be formed by my summarizing the same from different things. For example, the concept of “horse” is formed by my synthesizing, in a certain way, a number of animals that share certain similarities into a single thought, into a single mental image. I can do the same with properties. I see something with a certain shade of color, something else with a similar shade of color, and form the concept of the color “red.”
[ 15 ] Wer den Dingen genauer zu Leibe gehen will, muß sich aber fragen: Ist denn dieses wirklich der Weg der Begriffsbildung? Ich kann jetzt nur Andeutungen machen, sonst würden wir durch die Schrift niemals durchkommen, denn man kann eigentlich an jegliches Ding die ganze Welt immer anknüpfen.
[ 15 ] Anyone who wants to get to the bottom of things, however, must ask: Is this really the way to form concepts? I can only offer hints at this point; otherwise, we would never get through the text, for one can, in fact, always connect the entire world to any given thing.
[ 16 ] Zur Veranschaulichung dessen, wie Herr von Wrangell es darstellt, daß Begriffe gebildet werden, will ich ein geometrisches Beispiel wählen.1Hier wurde offensichtlich an der Tafel demonstriert; die Zeichnung ist nicht überliefert. Nehmen wir an, wir hätten Verschiedenes gesehen in der Welt und wir fänden das eine Mal etwas so begrenzt, das andere Mal etwas so begrenzt, und das dritte Mal etwas so begrenzt und so unzählige Male weiter. Diese einander so ähnlichen Begrenztheiten sehen wir häufig und nun würden wir uns nach der Definition des Herrn von Wrangell den Begriff «Kreis» bilden. — Aber bilden wir wirklich nach so einander ähnlichen Begrenztheiten den Begriff Kreis? Nein, den Begriff Kreis bilden wir uns erst, wenn wir folgendes anstellen: Hier ist ein Punkt, der eine gewisse Entfernung von diesem Punkte hat. Da ist ein Punkt, der wieder die gleiche Entfernung von jenem Punkte hat, und da ist wieder ein Punkt, der dieselbe Entfernung hat und so weiter. Ich suche alle Punkte auf, die dieselbe Entfernung haben von einem bestimmten Punkte. Wenn ich diese Punkte verbinde, bekomme ich eine Linie, die ich Kreis nenne, und den Begriff des Kreises bekomme ich, wenn ich sagen kann: Der Kreis ist eine Linie, bei welcher alle Punkte gleich weit vom Mittelpunkte entfernt sind. Und jetzt habe ich eine Formel und das führt mich zum Begriff. Das innere Erarbeiten, das innere Konstruieren führt in Wirklichkeit zum Begriff. Erst derjenige hat ein Recht, von Begriffen zu sprechen, der auf diese Weise Begriffe zu machen versteht, der nachzukonstruieren versteht, was draußen in der Welt vorhanden ist. Den Begriff eines Pferdes finden wir nicht dadurch, daß wir hundert Pferde anschauen, um das ihnen Gleiche herauszufinden, sondern das Wesen des Pferdes finden wir dadurch, daß wir es nachkonstruieren, und dann finden wir das Nachkonstruierte in jedem Pferde.
[ 16 ] To illustrate how Mr. von Wrangell describes the formation of concepts, I will choose a geometric example.1This was obviously demonstrated on the blackboard; the drawing has not been preserved. Let us suppose we have observed various things in the world and found, on one occasion, something bounded in this way; on another, something bounded in that way; and on a third, something bounded in yet another way—and so on countless times. We frequently observe these boundednesses that are so similar to one another, and now, according to Mr. von Wrangell’s definition, we would form the concept of a “circle.” — But do we really form the concept of a circle based on such similar limitations? No, we only form the concept of a circle when we do the following: Here is a point that is a certain distance from this point. There is a point that is the same distance from that point, and there is another point that is the same distance, and so on. I locate all the points that are the same distance from a specific point. When I connect these points, I get a line that I call a circle, and I arrive at the concept of a circle when I can say: A circle is a line on which all points are equidistant from the center. And now I have a formula, and that leads me to the concept. The inner elaboration, the inner construction, actually leads to the concept. Only those who understand how to form concepts in this way—who understand how to reconstruct what exists out there in the world—have the right to speak of concepts. We do not discover the concept of a horse by looking at a hundred horses to find what they have in common; rather, we discover the essence of the horse by reconstructing it, and then we find what we have reconstructed in every horse.
[ 17 ] Dieses Moment der Aktivität, wenn man Vorstellungen, Begriffe bildet, wird häufig vergessen. Auch in diesem Kapitel ist vergessen worden, das Moment der inneren Aktivität zu berücksichtigen.
[ 17 ] This aspect of activity—the process of forming mental images and concepts—is often overlooked. In this chapter, too, the aspect of inner activity has been neglected.
[ 18 ] Das nächste Kapitel heißt:
[ 18 ] The next chapter is titled:
Vorstellungen von Raum und Zeit
Der Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen erzeugt die Vorstellung des Raumes. Das unmittelbare Erleben des Nacheinanders von Empfindungen führt uns zur Vorstellung der Zeit. Raum und Zeit sind die Denkformen, in denen sich unsere Vorstellungen von der Welt außer uns gestalten, soweit wir sie durch unsere fünf Sinne wahrnehmen.
Die Vorstellung der Bewegung, als der Veränderung der Lage eines Dinges im Raume innerhalb eines Zeitabschnittes, ist gleichfalls eine ursprüngliche, zunächst durch die Bewegung des eigenen Körpers gegebene Vorstellung.
Wenn Dinge, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, innerhalb eines gewissen Zeitabschnittes die gleichen Sinneseindrücke in uns hervorrufen, so gewinnen wir die Vorstellung des «Seins», des Bestehens. Verändern sich dagegen die vom gleichen Ding empfangenen Eindrücke, so gewinnen wir die Vorstellung des «Geschehens».
Mental images of Space and Time
The sense of touch, in conjunction with sight, gives rise to the mental image of space. The immediate experience of the succession of sensations leads us to the mental image of time. Space and time are the forms of thought in which our mental images of the world outside ourselves take shape, insofar as we perceive it through our five senses.
The mental image of motion—defined as the change in the position of an object in space over a period of time—is likewise a fundamental mental image, initially derived from the movement of one’s own body.
When things we perceive through our senses evoke the same sensory impressions in us within a certain period of time, we gain the mental image of “being,” of existence. If, on the other hand, the impressions received from the same thing change, we gain the mental image of “happening.”
[ 19 ] Also in einer sauberen Weise, wie man sagt, sucht Herr von Wrangell Vorstellungen zu gewinnen über die Begriffe von Raum und Zeit, von Bewegung, Sein und Geschehen. Nun würde es höchst interessant sein zu studieren, wie in diesem Kapitel trotzdem alles, ich möchte sagen, «leicht geschürzt» ist. Es wäre recht gut für viele — ich will nicht sagen, gerade für Sie, meine lieben Freunde, aber für viele Menschen —, wenn sie sich überlegen würden, daß ein sehr scharfsinniger Mann, ein ausgezeichneter Wissenschafter, sich solche Vorstellungen bildet, sich alle Mühe gibt, über diese einfachen Begriffe Vorstellungen zu bilden. Mindestens viel von Gewissenhaftigkeit im Nachdenken kann man daran kennenlernen. Und das ist wichtig; denn es gibt so viele Menschen, die gar nicht das Bedürfnis haben, bevor sie über alles mögliche, den Kosmos, nachdenken, sich zuerst einmal zu fragen: Wie komme ich zu den einfachen Vorstellungen von Sein, Geschehen und Bewegung? — Das ist den Menschen in der Regel zu langweilig.
[ 19 ] So, in a clear and precise manner, as they say, Mr. von Wrangell seeks to gain mental images of the concepts of space and time, of motion, being, and becoming. Now, it would be most interesting to study how, in this chapter nonetheless, everything is—I would say—“slightly abridged.” It would be quite beneficial for many—I won’t say specifically for you, my dear friends, but for many people—if they were to consider that a very astute man, an outstanding scientist, forms such mental images for himself and goes to great lengths to form ideas about these simple concepts. At the very least, one can recognize a great deal of conscientiousness in his thinking. And that is important; for there are so many people who, before reflecting on all manner of things—the cosmos—do not feel the need to first ask themselves: How do I arrive at the simple mental images of being, becoming, and movement? —That is generally too boring for people.
[ 20 ] Nun, ein tieferes Eingehen würde zeigen, daß die Begriffe, wie sie Herr von Wrangell bildet, doch recht leicht geschürzt sind. So zum Beispiel sagt Herr von Wrangell so ohne weiteres: «Der Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen erzeugt die Vorstellung des Raumes.» Denken Sie doch nur einmal, meine lieben Freunde, wenn Sie sich nicht der Schreibtafel bedienen, um einen Kreis aufzuzeichnen, sondern den Kreis in der Phantasie zeichnen, was hat damit der Tastsinn zu tun, was hat damit das Sehen zu tun? Kann man demgegenüber noch sagen: «Der Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen erzeugt die Vorstellung des Raumes»? Man kann es nicht. Es könnte allerdings nun jemand einwenden, daß man aber, bevor man in der Phantasie einen Kreis zeichnen kann, die Vorstellung des Raumes gewonnen haben muß, und die gewinne man eben durch den Tastsinn in Verbindung mit dem Sehen. — Ja, da handelt es sich doch darum, einmal zu bedenken, was wir uns für eine Vorstellung bilden in dem Augenblicke, wo wir etwas durch den Tastsinn angreifen. Denken wir uns nur mit dem Tastsinn begabt und daß wir etwas angreifen, so bilden wir uns die Vorstellung: Das Angegriffene ist außer uns. Nun nehmen Sie diesen Satz: «Das Angegriffene ist außer uns.» In dem «außer uns» liegt der Raum, das heißt, wenn wir einen Gegenstand betasten, so müssen wir, damit wir das Tasten nur ausführen können, den Raum schon in uns haben. — Das war es, was Kant dazu gebracht hat, anzunehmen, daß allen äußeren Erfahrungen, also auch der Erfahrung des Tastens und Sehens, der Raum vorausgehe, und ebenso in bezug auf die Zeit, daß sie der Mannigfaltigkeit von Prozessen in der Zeit vorausgehe; daß Raum und Zeit die Vorbedingungen der sinnlichen Wahrnehmung sind.
[ 20 ] Well, a more in-depth examination would show that the concepts, as formulated by Mr. von Wrangell, are actually quite simplistic. For example, Mr. von Wrangell states quite casually: “The sense of touch, in conjunction with sight, produces the mental image of space.” Just think about it for a moment, my dear friends: if you do not use a blackboard to draw a circle, but instead draw the circle in your imagination, what does the sense of touch have to do with it, and what does sight have to do with it? Can one still say, in this context: “The sense of touch, in conjunction with sight, produces the mental image of space”? One cannot. Someone might object, however, that before one can draw a circle in one’s imagination, one must have acquired the mental image of space—and that this mental image is gained precisely through the sense of touch in conjunction with sight. — Yes, but the point here is to consider what kind of mental image we form at the very moment we touch something with our sense of touch. Let us imagine that we are endowed only with the sense of touch and that we are touching something; we then form a mental image: “What we are touching is outside of us.” Now take this sentence: “What we are touching is outside of us.” The phrase “outside of us” implies space; that is to say, when we touch an object, we must already possess space within us in order to be able to perform the act of touching at all. — This is what led Kant to assume that space precedes all external experiences—including the experiences of touch and sight—and, similarly with regard to time, that it precedes the multiplicity of processes in time; that space and time are the preconditions of sensory perception.
[ 21 ] Im Grunde genommen könnte ein solches Kapitel über Raum und Zeit nur jemand schreiben, der nicht nur gründliche Kantstudien gemacht hat, sondern auch überhaupt den ganzen Verlauf der Philosophie kennt; sonst wird man in bezug auf Raum und Zeit immer leichtgeschürzte Begriffe haben. Genauso ist es auch mit den anderen Begriffen, den Begriffen von «Sein» und von «Geschehen». Da könnte leicht gezeigt werden, wie der Begriff des Seins überhaupt nicht bestehen könnte, wenn die Definition, die Herr von Wrangell gibt, richtig wäre. Denn er sagt: «Wenn Dinge, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, innerhalb eines gewissen Zeitabschnittes die gleichen Sinneseindrücke hervorrufen, so gewinnen wir die Vorstellung des «Seins , des Bestehens. Verändern sich dagegen die vom gleichen Ding empfangenen Eindrücke, so gewinnen wir die Vorstellung des «Geschehens.» Ebensogut könnte man sagen: Wenn wir sehen, daß sich am gleichen Dinge die Empfindungseindrücke verändern, so müssen wir voraussetzen, daß dieses Verändern an einem Sein haftet, an einem Sein vorkommt. Wir könnten ebensogut behaupten, daß erst an der Veränderung das Sein erkannt werde. Und wer behaupten wollte, zum Begriffe des Seins käme man nur, wenn innerhalb einer gewissen Zeit gleiche Eindrücke hervorgerufen werden — denken Sie nur! —, wenn wir so zum Begriffe des Seins kommen wollten, dann wäre ja wohl möglich, daß wir überhaupt nicht zu dem Begriffe des Seins kommen könnten; es gäbe überhaupt nichts, was man mit dem Begriffe des Seins verbinden könnte.
[ 21 ] Essentially, such a chapter on space and time could only be written by someone who has not only thoroughly studied Kant but is also familiar with the entire history of philosophy; otherwise, one’s concepts of space and time will always be superficial. The same is true of the other concepts, the concepts of “being” and “becoming.” It could easily be shown how the concept of being could not exist at all if the definition given by Mr. von Wrangell were correct. For he says: “When things that we perceive through our senses evoke the same sensory impressions within a certain period of time, we gain the mental image of ‘being,’ of existence. If, on the other hand, the sensory impressions received from the same thing change, we form the mental image of ‘becoming.’ One might just as well say: When we see that the sensory impressions of the same thing change, we must assume that this change is attached to a being, that it occurs in a being. We could just as well assert that being is recognized only through change. And if anyone were to claim that we arrive at the concept of being only when the same impressions are evoked within a certain period of time—just think!—if we were to arrive at the concept of being in this way, then it would well be possible that we could not arrive at the concept of being at all; there would be nothing at all that could be associated with the concept of being.
[ 22 ] Wir können gerade an diesem Kapitel «Vorstellungen von Raum und Zeit» lernen, wie man mit großem Scharfsinn und außerordentlich ehrlicher Wissenschaftlichkeit Begriffe finden kann, die an allen möglichen Orten brüchig sind. Will man sich Begriffe bilden, die vor dem Leben ein wenig bestehen können, dann muß man sie so gewonnen haben, daß sie in bezug auf ihren Lebenswert von uns wenigstens einigermaßen geprüft worden sind.
[ 22 ] It is precisely from this chapter, “Mental Images of Space and Time,” that we can learn how, with great acumen and extraordinary scientific integrity, one can arrive at concepts that are fragile in all sorts of ways. If one wishes to form concepts that can withstand the test of life to some extent, then one must have arrived at them in such a way that their practical value has been at least somewhat tested by us.
[ 23 ] Sehen Sie, aus diesem Grunde sagte ich, ich hätte nur den Mut gefunden, über die letzten Szenen des «Faust» zu Ihnen zu sprechen, weil ich seit mehr als dreißig Jahren immer wieder und wieder in den letzten Szenen des «Faust» gelebt habe, die Begriffe im Leben zu erproben versuchte. Das ist der einzige Weg, gültige Begriffe von nichtgültigen zu unterscheiden; nicht logisches Spintisieren, nicht wissenschaftliches Theoretisieren, sondern der Versuch, mit den Begriffen zu leben, zu untersuchen, wie sich die Begriffe bewähren, indem wir sie ins Leben einführen und von dem Leben uns die Antwort geben zu lassen, das ist der notwendige Weg. Das setzt aber voraus, daß wir jederzeit geneigt sind, uns nicht bloß den logischen Einbildungen hinzugeben, sondern uns dem lebendigen Strome des Lebens einzugliedern. Das hat mancherlei im Gefolge; vor allen Dingen, daß wir lernen, daran zu glauben, daß wenn jemand scheinbar logische Beweise für dieses oder jenes vorbringen kann ich habe das oftmals erwähnt —, er damit für den Wert der Sache durchaus noch nichts vorgebracht hat.
[ 23 ] You see, that is why I said I had only found the courage to speak to you about the final scenes of *Faust* because, for more than thirty years, I have lived through those final scenes of *Faust* again and again, trying to put the concepts to the test in life. That is the only way to distinguish valid concepts from invalid ones; not logical speculation, not scientific theorizing, but the attempt to live with the concepts, to examine how they hold up by introducing them into life and letting life itself provide the answer—that is the necessary path. But this presupposes that we are always inclined not merely to indulge in logical fantasies, but to integrate ourselves into the living current of life. This has various implications; above all, that we learn to believe that even if someone can present seemingly logical proofs for this or that—I have mentioned this often—they have by no means thereby demonstrated the value of the matter itself.
[ 24 ] Das nächste Kapitel heißt:
[ 24 ] The next chapter is titled:
Das Kausahtätsprinzip
Das unserem Denken zu Grunde liegende Kausalitätsprinzip zwingt uns anzunehmen, daß, wenn etwas geschieht, d.h. eine Veränderung vor sich geht, eine Ursache das bewirkt haben muß. Alles vernünftige Denken beruht auf dem «Satz vom zureichenden Grunde». Jedes Ding hat einen Grund, weshalb es ist; jede Veränderung des Bestehenden wird durch eine Ursache bewirkt.
Dieser Satz ist kein Erfahrungssatz, er geht aller Erfahrung voraus, ja, er ermöglicht sie erst, weil ohne die in ihm ausgedrückte Voraussetzung kein zusammenhängendes Denken möglich ist.
The Principle of Causality
The principle of causality, which underlies our thinking, compels us to assume that when something happens—that is, when a change takes place—there must be a cause that brought it about. All rational thinking is based on the “principle of sufficient reason.” Every thing has a reason for its existence; every change in what exists is brought about by a cause.
This principle is not an empirical principle; it precedes all experience—indeed, it is what makes experience possible in the first place, because without the premise expressed in it, coherent thinking is impossible.
[ 25 ] Herr von Wrangell stellt sich hier auf den Standpunkt des sogenannten Kausalitätsprinzipes. Er sagt: Alles vernünftige Denken muß bei allem, was uns entgegentritt, annehmen, daß dem eine Ursache zugrunde liegt. Man kann in gewisser Weise mit diesem Kausalitätsptinzip einverstanden sein. Allein, wenn man seine Bedeutung für unsere lebensvolle Weltauffassung ausmessen will, dann muß man viel, viel feinere Begriffe als dieses formale Kausalitätsptinzip ins Feld führen.
[ 25 ] Here, Mr. von Wrangell adopts the standpoint of the so-called principle of causality. He says: All rational thinking must assume, with regard to everything we encounter, that there is an underlying cause. In a certain sense, one can agree with this principle of causality. However, if one wishes to gauge its significance for our vibrant worldview, one must bring into play concepts that are much, much more nuanced than this formal principle of causality.
[ 26 ] Denn sehen Sie, um von einem Dinge eine Ursache oder einen Komplex von Ursachen angeben zu können, ist viel mehr notwendig, als bloß gewissermaßen den Faden von Ursache und Wirkung zu verfolgen. Was besagt im Grunde genommen das Ursachenprinzip? Es sagt: Ein Ding hat eine Ursache. Das Ding, das ich hier zeichne [die Zeichnung ist nicht überliefert], hat eine Ursache, diese Ursache hat wieder eine Ursache und so weiter; man kann so fortmachen bis über den Anfang der Welt hinaus und ebenso kann man es auch mit der Wirkung machen. Gewiß ist das ein ganz vernünftiges Prinzip, aber man kommt doch nicht weit damit. Denn wenn man zum Beispiel die Ursache des Sohnes sucht, so muß man gewiß Ursachenkomplexe bei Vater und Mutter suchen, um dann sagen zu können, diese sind die Ursachen des Kindes. Aber zweifellos ist es auch so, daß zwar solche Ursachen da sein können, aber keine Wirkung haben, nämlich wenn Frau und Mann keine Kinder haben. Dann sind die Ursachen zwar da, haben aber keine Wirkung. Bei der Ursache kommt es eben darauf an, daß sie nicht bloß Ursache ist, sondern daß sie auch etwas verursache. Es ist ein Unterschied zwischen «Ursache sein» und «verursachen». Aber auf so feine Unterschiede lassen sich selbst die Philosophen unserer Zeit noch nicht ein. Wer aber die Dinge ernst nimmt, muß sich mit solchen Unterschieden auseinandersetzen. In Wirklichkeit handelt es sich nicht darum, daß Ursachen da sind, sondern daß sie etwas verursachen. Begriffe, die solcherart bestehen, brauchen noch nicht der Wirklichkeit zu entsprechen, sondern man kann sich mit ihnen einer großen Phantasie hingeben.
[ 26 ] For you see, in order to be able to identify a cause—or a complex of causes—for a thing, much more is required than merely tracing the thread of cause and effect, so to speak. What, fundamentally, does the principle of causality state? It states: A thing has a cause. The thing I am drawing here [the drawing has not been preserved] has a cause; this cause, in turn, has a cause, and so on; one can continue in this way beyond the beginning of the world, and one can do the same with the effect. Certainly, this is a perfectly reasonable principle, but it does not take us very far. For if, for example, one seeks the cause of the son, one must certainly look for a complex of causes in the father and mother in order to be able to say that these are the causes of the child. But it is undoubtedly also the case that, although such causes may exist, they have no effect—namely, when a man and woman have no children. In that case, the causes are present but have no effect. The point about a cause is precisely that it is not merely a cause, but that it also brings about something. There is a difference between “being a cause” and “causing.” But even the philosophers of our time have not yet come to terms with such subtle distinctions. But anyone who takes things seriously must grapple with such distinctions. In reality, the issue is not that causes exist, but that they bring about an effect. Concepts that exist in this way do not necessarily correspond to reality; rather, one can use them to indulge in a vivid imagination.
[ 27 ] Grundverschieden davon ist Goethes Weltanschauung, die nicht zu den Ursachen geht, sondern zu den Urphänomenen. Das ist etwas ganz anderes. Denn Goethe führt irgend etwas, was als Erscheinung, das heißt als Phänomen in der Welt existiert — sagen wir, daß sich im Prisma gewisse Farbenserien zeigen —, das führt er zurück auf das Urphänomen, auf die Zusammenwirkung von Materie und Licht, oder wenn wir die Materie als Repräsentant vom Dunkeln nehmen, auf Dunkelheit und Licht. Genauso geht er auf das Urphänomen der Pflanze, des Tieres und so weiter ein. Das ist eine Weltanschauung, die sich den Tatsachen stellt und nicht bloß logisch, an dem Faden der Logik die Begriffe weiterspinnt, sondern die Tatsachen so gruppiert, daß sie eine Wahrheit aussprechen.
[ 27 ] Goethe’s worldview is fundamentally different from this; it does not go back to the causes, but to the primordial phenomena. That is something entirely different. For Goethe takes something that exists as an appearance—that is, as a phenomenon in the world—let us say, the fact that certain color series appear in a prism—and traces it back to the primordial phenomenon, to the interaction of matter and light, or, if we take matter as representative of darkness, to darkness and light. In exactly the same way, he addresses the primordial phenomenon of the plant, the animal, and so on. This is a worldview that confronts the facts and does not merely spin concepts further along the thread of logic, but rather groups the facts in such a way that they express a truth.
[ 28 ] Versuchen Sie zu lesen, was Goethe in seinem Aufsatz «Der Versuch als Vermittler zwischen Subjekt und Objekt» geschrieben hat und auch das, was ich als Ergänzung zu diesem Aufsatz veröffentlichen konnte, und versuchen Sie auch zu lesen, was ich in meinen Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners «Deutsche National-Literatur» gesagt habe, dann werden Sie sehen, daß Goethes Naturanschauung auf etwas ganz anderem beruht als die der modernen Natrurwissenschafter. Wir müssen die Erscheinungen nehmen und sie nicht so gruppieren, wie sie in der Natur da sind, sondern so, daß sie uns ihre Geheimnisse aussprechen. Aus den Phänomenen das Urphänomen zu finden, das ist das Wesentliche.
[ 28 ] Try reading what Goethe wrote in his essay “The Experiment as Mediator Between Subject and Object,” as well as what I was able to publish as a supplement to that essay, and also try reading what I said in my introductions to Goethe’s scientific writings in Kürschner’s *Deutsche National-Literatur*; then you will see that Goethe’s view of nature is based on something entirely different from that of modern natural scientists. We must take the phenomena and group them not as they exist in nature, but in such a way that they reveal their secrets to us. To find the primordial phenomenon within the phenomena—that is the essential point.
[ 29 ] Das wollte ich auch gestern andeuten als ich sagte, daß man in die Tatsachen hineingehen muß. Was unsereiner denkt über die mechanisch-materialistische Weltanschauung, darauf kommt es wenig an. Aber wenn man zeigen kann, wie im Jahre 1872 einer ihrer Vertreter vor den versammelten Naturforschern zu Leipzig stand, der sagte: Zurückführung alles Naturgeschehens auf Bewegungen von Atomen sei die Aufgabe der Naturwissenschaft —, dann zeigt man dadurch auf eine Tatsache, gleichsam auf ein Urphänomen des geschichtlichen Werdens hin. Die Zurückführung des geschichtlichen Werdens auf Urphänomene zeigt man, wenn man auf das hinweist, was Du Bois-Reymond ausgesprochen hat, denn das ist ein Urphänomen im materialistisch-mechanischen Weltanschauungsptozeß.
[ 29 ] That is what I was trying to imply yesterday when I said that one must delve into the facts. What people like us think about the mechanistic-materialistic worldview is of little consequence. But if one can show how, in 1872, one of its representatives stood before the assembled natural scientists in Leipzig and said that the task of natural science is to reduce all natural phenomena to the movements of atoms—then one thereby points to a fact, as it were, to a primordial phenomenon of historical development. One demonstrates the reduction of historical development to primordial phenomena by pointing to what Du Bois-Reymond stated, for that is a primordial phenomenon within the process of the mechanistic-materialist worldview.
[ 30 ] Wenn man so vorgeht, dann lernt man nicht mehr wie in einem Glastaum zu denken, sondern so zu denken, daß man zum Instrument wird für die Tatsachen, die ihre Geheimnisse aussprechen, und man kann dann an seinem Denken erproben, ob es wirklich mit den Tatsachen konform geht.
[ 30 ] If one proceeds in this way, one no longer learns to think as if in a glass dream, but rather to think in such a way that one becomes an instrument for the facts as they reveal their secrets, and one can then test one’s thinking to see whether it truly conforms to the facts.
[ 31 ] Wahrhaftig, nicht um zu renommieren, sondern um möglichst Selbsterlebtes zu erzählen, will ich folgendes anführen. Ich rede lieber von erlebten Begriffen als von allerlei erdachten. Wer durchaus glauben will, daß das, was ich jetzt sage, gesagt ist, um zu renommieren, der mag es glauben, aber es ist nicht so.
[ 31 ] Truly, not to seek fame, but to recount as much as possible what I have experienced myself, I wish to state the following. I prefer to speak of concepts I have experienced rather than all sorts of imagined ones. Anyone who insists on believing that what I am saying now is said for the sake of self-aggrandizement may believe it, but that is not the case.
[ 32 ] Als ich in den achtziger Jahren die Weltanschauung Goethes darzustellen versuchte, habe ich aus dem heraus, was man findet, wenn man sich hineinlebt, gesagt: Goethe muß einmal einen Aufsatz geschrieben haben, der das Intimste seiner naturwissenschaftlichen Anschauung ausspricht. Und ich sagte, nachdem ich den Aufsatz nachkonstruiert hatte, dieser Aufsatz muß, wenigstens in Goethes Kopf, dagewesen sein. — Sie finden das in meiner Einleitung zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Sie finden da auch den nachkonstruierten Aufsatz. Ich kam dann in das Goethe-Archiv und da fand sich denn auch der Aufsatz richtig so, wie ich ihn konstruiert hatte. Man muß also mit den Tatsachen gehen. Wer die Weisheit sucht, der läßt die Tatsachen sprechen. Das ist allerdings das Unbequemere, denn mit den Tatsachen muß man sich beschäftigen, mit den Gedanken, die so kommen, braucht man sich nicht zu beschäftigen.
[ 32 ] When I attempted to describe Goethe’s worldview in the 1980s, I said—based on what one discovers when one immerses oneself in his work—that Goethe must once have written an essay that expressed the most intimate aspects of his scientific outlook. And I said, after I had reconstructed the essay, that this essay must have existed, at least in Goethe’s mind. — You can find this in my introduction to Goethe’s scientific writings. You will also find the reconstructed essay there. I then went to the Goethe Archive, and there I found the essay exactly as I had reconstructed it. So one must go with the facts. Whoever seeks wisdom lets the facts speak for themselves. That is, admittedly, the more inconvenient path, for one must grapple with the facts, whereas one need not concern oneself with the thoughts that simply come to mind.
[ 33 ] Das nächste Kapitel heißt:
[ 33 ] The next chapter is titled:
Anwendung der Vorstellung der Wilkür auf die Umwelt
Da unsere Empfindung dasjenige ist, von dem wir, als dem unmittelbar Gegebenen, bei allem Denken ausgehen, so beurteilen wir auch das, was wir als Außenwelt ansprechen, zunächst nach dem, was in uns vorgeht.
Applying the Mental Image of Arbitrariness to the Environment
Since our sensation is that which we take as our starting point in all thinking—as something immediately given—we also judge what we refer to as the external world, at first, according to what is going on within us.
[ 34 ] Wenn ich Ihnen «Wahrheit und Wissenschaft» vorlesen würde, so könnte ich Ihnen zeigen, welches der richtige Gedanke, die richtige Auffassung ist und wie hier wieder ein leichtgeschürztes Denken vorliegt. Ich möchte erstens wissen, wie es jemals eine Mathematik geben würde, wenn wir bei allem unserem Denken von unseren Empfindungen ausgehen würden. Dann würden wir niemals zu einer Mathematik kommen können. Denn was soll unsere Empfindung sein bei der Frage: Wie groß ist die Summe der beiden Kathetenquadrate bei einem rechtwinkligen Dreieck in bezug auf das Quadrat der Hypotenuse? Aber Wrangell meint: «Da unsere Empfindung dasjenige ist, von dem wir, als dem unmittelbar Gegebenen, bei allem Denken ausgehen, so beurteilen wir auch das, was wir als Außenwelt ansprechen, zunächst nach dem, was in uns vorgeht.» — Man kann nicht viel mit diesem Satz anfangen. Wir wollen weiter sehen:
[ 34 ] If I were to read “Truth and Science” to you, I could show you which is the correct idea, the correct view, and how this is yet another example of superficial thinking. First of all, I would like to know how mathematics could ever exist if we were to base all our thinking on our sensations. Then we would never be able to arrive at mathematics. For what would our sensation be in response to the question: How large is the sum of the squares of the two legs of a right triangle relative to the square of the hypotenuse? But Wrangell argues: “Since our sensation is that from which we, as something immediately given, proceed in all our thinking, we also judge what we refer to as the external world, first and foremost, according to what is going on within us.” — One cannot make much of this statement. Let us continue:
Wir haben das Bewußtsein, daß diejenigen Veränderungen in der Umwelt, welche wir selbst bewußt durch Bewegungen unserer Gliedmaßen hervorbringen, durch innere Vorgänge hervorgerufen werden, die wir Willensimpulse nennen. Deshalb setzt der unbefangene Mensch auch bei anderen Veränderungen der Umwelt zunächst ähnliche Ursachen voraus, d.h. er nimmt an, daß auch sie durch Willensimpulse von Wesen, die ihm ähnlich sind, verursacht werden. Die Mythologien aller Völker sind die Äußerungen dieser anthropomorphischen Belebung der Natur, und der Glaube an geistige Wesenheiten, welcher auch jetzt noch vielen Menschen zur Erklärung vieles Geschehens in der Umwelt dient, hat den gleichen Ursprung. Endlich zeigt die Beobachtung des Kindes, daß es sogar leblosen Gegenständen ein Wollen, ähnlich dem seinen, zuspricht. Es stößt sich am Tisch und schilt den Tisch dieser Unart wegen.
We are aware that the changes in the environment which we ourselves consciously bring about through the movements of our limbs are caused by internal processes that we call volitional impulses. For this reason, an unbiased person initially assumes similar causes for other changes in the environment as well; that is, he assumes that they, too, are caused by volitional impulses from beings similar to himself. The mythologies of all peoples are expressions of this anthropomorphic animation of nature, and the belief in spiritual beings—which even today serves as an explanation for many events in the environment for many people—has the same origin. Finally, observation of children shows that they even attribute a will, similar to their own, to inanimate objects. A child bumps into a table and scolds the table for this misbehavior.
[ 35 ] Ich habe öfter schon gesagt: das Kind stößt sich am Tisch und prügelt den Tisch, weil es einen Willen hineinversetzt. Es beurteilt den Tisch als seinesgleichen, weil es bei sich noch nicht die Vorstellung des Tisches entwickelt hat. Es ist genau das Umgekehrte der Fall, und an dieser Verwechslung krankt auch das nächste Kapitel:
[ 35 ] I have said this many times before: the child bumps into the table and hits it because it projects its own will onto it. It regards the table as its equal because it has not yet developed a mental image of the table within itself. The exact opposite is true, and this confusion also underlies the next chapter:
Beobachtung gleichmäßig verlaufender Erscheinungen
Wenn daher zunächst vieles Geschehen vom Menschen auf freie Willensimpulse zurückgeführt wird, so zeigt ihm doch die tägliche Beobachtung, daß bezüglich mancher Erscheinungen er mit Sicherheit auf eine regelmäßige, ihm bekannte Wiederholung rechnen kann. Er weiß zum Beispiel, daß die Sonne, nachdem sie im Westen untergegangen, am nächsten Tage im Osten wieder erscheinen wird; daß damit Licht und Wärme zusammenhängt. Er weiß, daß die Jahreszeiten in ihrem regelmäßigen Verlauf das Leben der Pflanzen beeinflussen usw. Dieses Wissen befähigt den Menschen, sein Tun zweckmäßig danach einzurichten. Er findet bald, daß er um so besser sich in Einklang mit der Natur setzen kann, je genauer er sie beobachtet, je mehr Regelmäßigkeiten er in ihr entdeckt.
Observation of Regularly Recurring Phenomena
Although humans initially attribute many events to impulses of free will, daily observation nevertheless shows them that, with regard to certain phenomena, they can reliably count on a regular, familiar pattern of recurrence. They know, for example, that after the sun sets in the west, it will reappear in the east the next day; and that light and warmth are associated with this. They know that the seasons, in their regular course, influence the life of plants, and so on. This knowledge enables people to adapt their actions appropriately. They soon discover that the more closely they observe nature and the more regularities they discover in it, the better they can bring themselves into harmony with it.
[ 36 ] Wenn man auf diese Weise von den Regelmäßigkeiten in der Natur sprechen will, dann darf man nicht außer acht lassen, daß wir in ganz verschiedener Art von solchen Regelmäßigkeiten sprechen. Ich habe in «Wahrheit und Wissenschaft» darauf aufmerksam gemacht. Nehmen wir zum Beispiel an: Ich ziehe mich am Morgen an, gehe ans Fenster und sehe draußen einen Menschen vorbeigehen. Am nächsten Morgen ziehe ich mich wieder an, schaue wieder zum Fenster hinaus, und der Mensch geht wieder vorbei. Am dritten Morgen geschieht dasselbe und am vierten wieder. Da sehe ich eine Regelmäßigkeit. Das erste, was ich tue, ist das Anziehen, dann das Gehen zum Fenster; das nächste ist, daß ich den Menschen da draußen gehen sehe. Ich sehe eine Regelmäßigkeit, denn die Vorgänge wiederholen sich. Also bilde ich mir ein Urteil und dieses müßte lauten: Weil ich mich anziehe, und weil ich aus dem Fenster hinausschaue, darum geht der Mensch da draußen vorbei. — Wir bilden uns solche Urteile natürlich nicht, weil es verrückt wäre. Aber in anderen Fällen scheint es so, als ob wir es täten; aber in Wirklichkeit tun wir es auch dann nicht. Aber wir bilden uns Begriffe, und aus der inneren Konstruktion der Begriffe finden wir, daß eine innere Gesetzmäßigkeit in den Erscheinungen steckt. Und weil ich nicht konstruieren kann eine Kausalität zwischen meinem Anziehen, dem Zum-Fenster-Hinaussehen und dem, was da draußen vorbeigeht, so erkenne ich auch keine Kausalität an. Das Genauere hierüber finden Sie in «Wahrheit und Wissenschaft». Sie finden da alle Voraussetzungen, auch die von David Hume dargestellte, daß wir aus Wiederholungen heraus etwas über die Gesetzmäßigkeit der Welt gewinnen können.
[ 36 ] If one wishes to speak in this way about regularities in nature, one must not overlook the fact that we are referring to very different kinds of such regularities. I drew attention to this in *Truth and Science*. Let us take the following example: In the morning, I get dressed, go to the window, and see a person walking by outside. The next morning, I get dressed again, look out the window again, and the person walks by again. On the third morning, the same thing happens, and on the fourth as well. There I see a regularity. The first thing I do is get dressed, then go to the window; the next thing is that I see the person walking by outside. I see a pattern because the events repeat themselves. So I form a judgment, and it would have to go like this: Because I get dressed, and because I look out the window, that is why the person walks by outside. — Of course, we don’t actually form such judgments, because that would be crazy. But in other cases, it seems as though we do; yet in reality, we don’t do that either. But we form concepts, and from the internal structure of these concepts we find that there is an inner regularity in phenomena. And because I cannot establish a causal relationship between my getting dressed, looking out the window, and what is passing by out there, I do not recognize any causality either. You can find more detailed information on this in *Truth and Science*. There you will find all the premises, including the one presented by David Hume, that we can gain insight into the regularity of the world through repetition.
[ 37 ] Das nächste Kapitel heißt:
[ 37 ] The next chapter is titled:
Wesen aller Wissenschaft
Das ist wohl der Anfang aller Wissenschaft, deren Wesen darin besteht, Tatsachen der Erfahrung übersichtlich zusammenzufassen, um aus ihnen Regeln zu entnehmen, die den Menschen befähigen, im voraus zu wissen, was geschehen wird. Deshalb enthält jede Wissenschaft einen beschreibenden Teil, die übersichtliche Zusammenstellung von Tatsachen, und einen theoretischen Teil, das Entnehmen von Regeln aus diesen Tatsachen und die aus diesen Regeln zu ziehenden Folgerungen.
The Essence of All Science
This is, in fact, the beginning of all science, the essence of which lies in systematically summarizing empirical facts in order to derive rules from them that enable people to know in advance what will happen. Therefore, every science contains a descriptive part—the systematic compilation of facts—and a theoretical part—the derivation of rules from these facts and the conclusions to be drawn from these rules.
[ 38 ] Goethe hat gegen solche Folgerungen eingewandt: Brauchte denn etwa ein Galilei viele Erscheinungen wie die schwingende Kitchenlampe im Dome zu Pisa zu sehen, um zu seinem Gesetz des Falles zu kommen? Nein, er erkannte das Gesetz, nachdem er diese Erscheinung gesehen hatte. Da ging ihm die Sache auf. Nicht aus der Wiederholung der Tatsachen, sondern aus der innerlich erlebten Konstruktion der Tatsachen erfahren wir etwas über das Wesen der Dinge. Es war ein Grundirrtum der neueren Erkenntnistheorie, anzunehmen, daß wir durch das Zusammenfassen der Tatsachen irgend etwas wie die Naturgesetze gewinnen können. Es widerspricht das so offenkundig allem wirklichen Gewinnen von Naturgesetzen, und trotzdem wird es immer wieder und wieder wiederholt.
[ 38 ] Goethe objected to such conclusions: Did Galileo really need to observe many phenomena—such as the swinging chandelier in the Pisa Cathedral—to arrive at his law of falling bodies? No, he recognized the law after observing that single phenomenon. That’s when it dawned on him. It is not through the repetition of facts, but through the internally experienced construction of facts that we learn something about the nature of things. It was a fundamental error of modern epistemology to assume that by summarizing the facts we can arrive at something like the laws of nature. This so obviously contradicts any genuine discovery of natural laws, and yet it is repeated over and over again.
[ 39 ] Das nächste Kapitel:
[ 39 ] The next chapter:
Sternenkunde, die älteste Wissenschaft
Wenn wir Umschau halten im unermeßlichen Gebiete dessen, was wit durch unsere Sinne wahrnehmen, so finden wir in keiner Gruppe von Erscheinungen die Gesetzmäßigkeit des Geschehens so auffällig, so leicht zu entdecken und auszudrücken, wie in der scheinbaren Bewegung der Gestirne. Es ist darum begreiflich, daß die Himmelskunde die älteste aller auf Sinneswahrnehmungen begründeten Wissenschaften ist.
Es ist vor allem die gleichmäßige, sich Tag für Tag wiederholende scheinbare Bewegung der Gestitne, welche den aufmerksamen Beschauer fesselt, ihn zur Beobachtung anregt und zur Bildung einer anschaulichen Vorstellung drängt. In den wolkenlosen Gebieten Vorderasiens und Nordafrikas waren die äußeren Bedingungen besonders günstig zur Erforschung der Himmelserscheinungen. Dem unmittelbaren Sinneseindruck folgend, nahmen die Astronomen des Altertums an, daß die zahllosen Fixsterne, die in ihrer gegenseitigen Stellung unverändert bleiben, an eine durchsichtige aber feste Himmelskugel befestigt seien, in deren Mittelpunkt die Erde ruht. Die sich gleichmäßig um eine Achse drehende Himmelskugel gab eine anschauliche Vorstellung des wahrgenommenen Vorganges.
Astronomy, the oldest science
When we survey the immeasurable realm of what we perceive through our senses, we find in no other group of phenomena a regularity of occurrence as striking, as easy to discover, and as easy to express as in the apparent motion of the celestial bodies. It is therefore understandable that astronomy is the oldest of all sciences based on sensory perception.
It is above all the uniform, day-after-day repeating apparent motion of the celestial bodies that captivates the attentive observer, inspires him to observe, and compels him to form a vivid mental image. In the cloudless regions of the Near East and North Africa, the external conditions were particularly favorable for the study of celestial phenomena. Following their immediate sensory impressions, the astronomers of antiquity assumed that the countless fixed stars, which remain unchanged in their relative positions, were attached to a transparent but solid celestial sphere, at the center of which the Earth rests. The celestial sphere, rotating uniformly around an axis, provided a vivid mental image of the observed phenomenon.
[ 40 ] Das Kapitel heißt also «Sternenkunde, die älteste Wissenschaft». Jetzt müßte man zuerst eigentlich eingehen darauf, wie die älteste Sternenkunde war. Denn da kommt vor allen Dingen in Betracht, daß die älteste Sternenkunde so war, daß man nicht auf die Regelmäßigkeit gesehen hat, sondern auf den Willen der geistigen Wesen, die die Bewegungen bewirken. Der Verfasser hat aber die Sternenkunde von heute im Auge und stempelt diese zur ältesten Wissenschaft. Manchmal ist es wirklich notwendig, in seiner Methode ganz ungeschminkt, das heißt mit keiner geschminkten Methode der Wahrheit nachzugehen. Und wenn das Kapitel hier auf Seite 13 heißt: «Sternenkunde, die älteste Wissenschaft», so vergleiche ich das — weil ich bei den Tatsachen bleibe und nicht mir Gedanken mache — mit dem, was auf Seite 3 steht. Da heißt es, «daß ich meinem Studium nach Astronom bin». Vielleicht könnte es sein, daß einer, der Mathematiker oder Physiologe ist, zu einer anderen Anschauung kommen würde; man darf also das, was auf Seite 3 steht, nicht vergessen. Es ist von großer Bedeutung, auf die subjektiven Motive bei einem Menschen viel mehr hinzuweisen, als man das gewöhnlich tut; denn diese subjektiven Motive erklären meist erst dasjenige, was zu erklären ist. Aber in bezug auf die subjektiven Motive sind wirklich die Menschen ganz eigenartig. Sie wollen sich selber möglichst wenig von subjektiven Motiven gestehen. Ich habe schon öfter einen Herrn erwähnt, den ich kennengelernt hatte und der da sagte, daß es ihm, indem er dieses oder jenes tut, vor allen Dingen darauf ankäme, nicht dasjenige zu tun, was er nach seiner persönlichen Vorliebe tun will, sondern dasjenige, was am wenigsten seiner persönlichen Vorliebe entspricht, was er aber ansehen müsse als seine ihm von der geistigen Welt auferlegte Mission. Es hat nichts genützt, ihm klarzumachen, daß er sich das Fingerablecken auch zu seiner geistigen Mission rechnen müsse, wenn er sich sagt: Ich tue alles nach meiner mir von der geistigen Welt auferlegten Mission. — Er maskierte das aber, denn es gefiel ihm besser, wenn er als strenges Pflichtgefühl hinstellen konnte, was er so furchtbar gern tat.
[ 40 ] The chapter is thus titled “Astronomy, the Oldest Science.” Now, one should actually begin by discussing what the oldest astronomy was like. For what is most important to consider is that the oldest astronomy was such that attention was not focused on regularity, but rather on the will of the spiritual beings who bring about the movements. The author, however, has modern astronomy in mind and labels it the oldest science. Sometimes it is truly necessary to pursue the truth in one’s method in a completely unvarnished way—that is, without resorting to any embellished method. And when the chapter here on page 13 is titled “Astronomy, the Oldest Science,” I compare this—because I stick to the facts and do not speculate—with what is written on page 3. There it says, “that, by my training, I am an astronomer.” Perhaps someone who is a mathematician or a physiologist might arrive at a different perspective; so one must not forget what is written on page 3. It is of great importance to draw attention to a person’s subjective motives far more than is usually done; for it is these subjective motives that most often explain what needs to be explained. But when it comes to subjective motives, people are truly peculiar. They want to admit as little as possible to being driven by subjective motives. I have mentioned on several occasions a gentleman I met who said that, in doing this or that, what mattered most to him was not to do what he personally preferred to do, but rather to do what was least in line with his personal preferences—which he, however, had to regard as his mission imposed upon him by the spiritual world. It was of no use trying to make him understand that he would also have to count licking his fingers as part of his spiritual mission if he told himself: “I do everything in accordance with the mission imposed on me by the spiritual world.” — But he masked this, for he preferred to present what he so terribly enjoyed doing as a strict sense of duty.
[ 41 ] Das nächste Kapitel:
[ 41 ] The next chapter:
Gleichmäßige Bewegung
Wenn wir von Gleichförmigkeit in der Bewegung eines Objektes reden, so meinen wir damit, daß der betreffende Gegenstand in gleichen Zeitabschnitten gleiche Raumesteile durchläuft.
Uniform Motion
When we speak of uniformity in the motion of an object, we mean that the object in question travels equal distances in equal intervals of time.
[ 42 ] Erinnern Sie sich an den Vortrag von der Geschwindigkeit, den ich hier einmal gehalten habe. [In diesem Band.]
[ 42 ] Do you remember the lecture on speed that I once gave here? [In this volume.]
Um das aber zu ermitteln, genügt nicht die bloße Wahrnehmung; man muß imstande sein, sowohl Raumesteile wie auch Zeitabschnitte zu messen. Erst wenn wir dutch Messen, d.h. durch Vergleichen mit einer unveränderlichen, als Einheit gewählten, gleichartigen Größe, sowohl Raumesteile wie auch Zeitabschnitte in Zahlen ausdrücken können, erst dann kann die tatsächliche Gleichförmigkeit einer Bewegung, so wie auch die der Größe nach stets gleiche Wirkung einer bestimmten Ursache erfahrungsmäßig nachgewiesen werden.
However, mere perception is not sufficient to determine this; one must be able to measure both spatial intervals and time intervals. Only when we can express both spatial intervals and time intervals numerically through measurement—that is, by comparing them to an unchanging, homogeneous quantity chosen as a unit—can the actual uniformity of a motion, as well as the effect of a specific cause that is always the same in magnitude, be empirically demonstrated.
[ 43 ] Hier beginnt der gelehrte Wissenschafter zu sprechen. Sie brauchen nur ein wenig Umschau zu halten, welches Verlangen die Wissenschafter durchdringt, nach Objektivität dadurch zu streben, daß man mißt, was unabhängig ist vom subjektiven Menschen, daß man strebt, objektive Maßstäbe anzuwenden. Das geschieht am objektivsten, wenn wir wirklich messen. Daher gilt ja auch als wirkliche Wissenschaft das, was durch Messen gewonnen wird. Daher spricht Herr von Wrangell im nächsten Kapitel vom Messen selber.
[ 43 ] Here the learned scientist begins to speak. You need only look around a little to see the desire that drives scientists to strive for objectivity by measuring what is independent of the subjective human being, by striving to apply objective standards. This is achieved most objectively when we actually measure. That is why what is gained through measurement is considered true science. That is why Mr. von Wrangell discusses measurement itself in the next chapter.
Das Messen
Jeder Meßoperation liegt die Voraussetzung zugrunde, daß das als Einheit gewählte Maß, zum Beispiel ein Meter, ein Gramm, eine Sekunde usw., unveränderlich sei. Bedingungslos können wir das von unseren Maßen nicht nachweisen, wohl aber sicher sein, daß unsere Meßoperationen in gewissen, von uns erkennbaren Grenzen richtig sind. Es sei zur Erläuterung des Gesagten ein anschauliches Beispiel angeführt: Wir wollen die Länge zweier Gegenstände vergleichen und messen sie dazu mit dem gleichen Meterstab, voraussetzend, daß er seine Länge beibehält. Wir wissen aber, daß alle Körper sich unter dem Einfluß der Temperatur, Feuchtigkeit usw. verändern, unser Meterstab also auch länger oder kürzer geworden sein kann. Ohne die Größe der mutmaßlichen Veränderung zu kennen, haben wir jedoch die begründete Überzeugung, daß die Veränderung in so kurzer Zeit die Größe von, sagen wir 1 mm nicht erreicht haben kann. Wir können also sicher sein, bei diesem Messen keinen Fehler begangen zu haben, der auf jeden gemessenen Meter 1 mm übersteigt. Durch eine solche Meßoperation haben wir eine empirische Tatsache gewonnen — in unserem Falle das Verhältnis zweier Längen —, die für uns Gültigkeit hat in den durch Kritik festzustellenden Grenzen der Genauigkeit.
Measurement
Every measurement operation is based on the assumption that the unit of measurement chosen—for example, a meter, a gram, a second, etc.—is unchanging. We cannot prove this unconditionally for our units of measurement, but we can be certain that our measurement operations are accurate within certain limits that we can recognize. To illustrate this point, let us consider a concrete example: We want to compare the lengths of two objects and measure them using the same meter stick, assuming that it retains its length. However, we know that all objects change under the influence of temperature, humidity, etc., so our meter stick may also have become longer or shorter. Without knowing the magnitude of the presumed change, we nevertheless have a well-founded conviction that the change cannot have reached a magnitude of, say, 1 mm in such a short time. We can therefore be certain that we have not made an error in this measurement that exceeds 1 mm per meter measured. Through such a measurement, we have obtained an empirical fact—in our case, the ratio of two lengths—that is valid for us within the limits of accuracy to be determined by critical analysis.
[ 44 ] Es ist dies ein sehr schönes Kapitelchen, wo anschaulich gemacht wird, wie durch Messen zunächst etwas über Größenverhältnisse ausgesagt werden kann.
[ 44 ] This is a very nice little chapter that clearly illustrates how measurement can be used to make initial statements about proportions.
[ 45 ] Das nächste Kapitel:
[ 45 ] The next chapter:
Das den Uhren zugrunde liegende Prinzip
Ähnlich verhält es sich mit dem Messen von Zeiträumen. Die dazu dienenden Instrumente, die Uhren, beruhen im Wesen auf der Überzeugung, daß gleiche Ursachen gleiche Wirkungen hervorbringen. Die Alten bedienten sich dazu meistens der Wasseruhren (Klepsydren), bei denen das Ausfließen von Wasser aus einem Behälter unter möglichst gleichförmige Bedingungen gebracht wurde (der Wasserstand auf gleicher Höhe gehalten, die Ausflußröhre von bestimmter Form usw.), und aus der Menge des entströmten Wassers schloß man auf die Größe des Zeitabschnittes. Unsere Pendeluhren beruhen auf der Wahrnehmung, daß die Geschwindigkeit einer Pendelschwingung unter sonst gleichen Bedingungen von der Länge des Pendels abhängt. Indem man dafür sorgt, daß die Länge möglichst gleich bleibt, daß die Widerstände möglichst gering seien, die Kraft, welche sie überwindet, gleichmäßig wirke, erreicht man einen gleichmäßigen Gang einer Uhr. Es gibt Methoden, um diesen Gang zu prüfen, wobei man genau angeben kann, um wieviel im Höchstmaß die Uhr im Laufe, z.B. eines Tages, zu viel oder zu wenig gelaufen ist.
The principle underlying clocks
The same applies to the measurement of time intervals. The instruments used for this purpose—clocks—are essentially based on the conviction that equal causes produce equal effects. The ancients mostly used water clocks (clepsydras) for this purpose, in which the outflow of water from a container was kept as uniform as possible (the water level maintained at a constant height, the outlet tube of a specific shape, etc.), and the length of the time interval was determined based on the volume of water that had flowed out. Our pendulum clocks are based on the observation that, all other conditions being equal, the speed of a pendulum’s oscillation depends on the length of the pendulum. By ensuring that the length remains as constant as possible, that resistance is minimized, and that the force overcoming it acts uniformly, one achieves a clock that runs evenly. There are methods for testing this rate, which allow one to specify exactly by how much, at most, the clock has run fast or slow over the course of, for example, a day.
[ 46 ] Sehen Sie, dieses Kapitel ist deshalb so gut, weil man sich in einfachen Begriffen einmal ins Bewußtsein bringen kann, wie wir im Leben gleichsam abkürzen. Wir können das leicht einsehen, wenn wir zunächst bei den alten Uhren, bei den Wasseruhren bleiben. Nehmen Sie an, ein Mann, der sich der Wasseruhr bedient hat, hätte gesagt: Ich habe zu dieser Arbeit drei Stunden gebraucht. — Was heißt das? Man meint, so etwas versteht jeder Mensch. Aber man bedenkt nicht, daß man dabei schon sich auf gewisse Voraussetzungen stützt. Denn der Betreffende hätte eigentlich sagen müssen, wenn er Tatsachen ausgedrückt hätte: Während ich gearbeitet habe, ist vom Anfang bis zum Ende meiner Arbeit so und so viel Wasser ausgeflossen. Statt daß wir nun immer gesagt hätten: Vom Anfang bis zum Ende meiner Arbeit ist so und so viel Wasser ausgeflossen, haben wir das Ausfließen des Wassers mit dem Gang der Sonne verglichen und haben eine Abkürzung, die Formel gebraucht: ich habe drei Stunden gearbeitet. Diese Formel gebrauchen wir dann weiter. Wir glauben etwas Tatsächliches im Sinn zu haben, abet wir haben einen Gedanken ausgelassen, nämlich, so und so viel ist ausgeflossen von dem Wasser. Wir haben nur den zweiten Gedanken als Abbreviatur. Aber indem wir uns die Möglichkeit gegeben haben, daß eine solche Tatsache formelhaft wird, entfernen wir uns von der Tatsache. Und nun denken Sie einmal, daß wir im Leben nicht nur eine Arbeit und eine Formel zusammenbringen, sondern daß wir überhaupt in Formeln reden, richtig in Formeln reden. Denken Sie zum Beispiel nur, was es heißt: «fleißig sein». Wenn wir auf die Tatsachen zurückgehen, so ist das eine ungeheure Menge von Tatsachen, die der Formel «fleißig sein» zugrunde liegen. Wir haben vieles geschehen sehen und es verglichen mit der Zeit, in der es geschehen kann, und so sprechen wir von «fleißig sein». Ein ganzes Heer von Tatsachen ist datin enthalten, und oft sprechen wir solche Formeln aus, ohne daß wir auf die Tatsachen reflektieren.
[ 46 ] You see, this chapter is so good because it allows us to realize, in simple terms, how we take shortcuts in life, so to speak. We can easily see this if we first consider old clocks and water clocks. Suppose a man who used a water clock had said: “It took me three hours to do this work.”—What does that mean? One might think that everyone understands something like that. But one doesn’t consider that in doing so, one is already relying on certain assumptions. For if he had been stating facts, he should actually have said: “While I was working, from the beginning to the end of my work, such-and-such an amount of water flowed out.” Instead of always saying, “From the beginning to the end of my work, such-and-such an amount of water flowed out,” we compared the flow of water to the course of the sun and used a shorthand, the formula: “I worked for three hours.” We then continue to use this formula. We believe we have something factual in mind, but we have omitted a thought, namely, that so much water flowed out. We have only the second thought as an abbreviation. But by allowing such a fact to become formulaic, we distance ourselves from the fact. And now just consider that in life we do not merely combine a task and a formula, but that we speak in formulas altogether—we speak strictly in formulas. Just think, for example, of what it means to “be diligent.” If we go back to the facts, there is an immense number of facts underlying the formula “to be diligent.” We have witnessed many things happen and compared them to the time it takes for them to happen, and so we speak of “being diligent.” A whole host of facts is contained therein, and we often utter such formulas without reflecting on the facts.
[ 47 ] Wenn wir wieder auf die Tatsachen kommen, so haben wir das Bedürfnis, die Gedanken lebensvoll zu fassen und nicht in nebulosen Formeln zu sprechen. Ich hörte einmal einen Professor vortragen, der begann ein Kolleg über Literaturgeschichte, indem er sagte: Wenn wir uns zu Lessing wenden, so wollen wir, um seinen Stil ins Auge zu fassen, zunächst uns fragen, wie Lessing sich Gedanken über die Welt zu machen pflegte, wie seine Art zu arbeiten war, wie er sie zu verwenden gedachte und so weiter. Und nachdem er eine Stunde so gefragt hatte, sagte er: Meine Herren, ich habe Sie in einen Wald von Fragezeichen geführt! — Nun denken Sie sich aber einmal einen «Wald von Fragezeichen», stellen Sie sich vor, in diesem Wald von Fragezeichen wollen Sie spazieren gehen; denken Sie sich das Gefühl! Nun, von diesem Mann habe ich auch den Ausspruch gehört, daß sich diese oder jene Menschen in ein «Feuerbad» stürzen. Ich mußte dabei immer denken, wie die Menschen denn ausschauen, wenn sie sich so in ein Feuerbad stürzen. Man begegnet oft Menschen, die nicht gewahr werden, wie weit sie von der Wirklichkeit entfernt sind. Wenn man sich in ihre Worte, in ihre Wortvorstellungen vertieft und sich klarzumachen sucht, was ihre Worte bedeuten, so findet man, daß alles zerstiebt und in alle Winde verflattert, weil in der Wirklichkeit gar nicht möglich ist, was die Menschen so aussprechen. So können Sie also in diesen scharfsinnigen Kapiteln über «Das Messen» und über «Das den Uhren zugrunde liegende Prinzip» recht viel lernen, wirklich sehr viel lernen.
[ 47 ] Returning to the facts, we feel the need to express our thoughts in a vivid way and not to speak in nebulous formulas. I once heard a professor give a lecture; he began a course on literary history by saying: “When we turn to Lessing, in order to grasp his style, let us first ask ourselves how Lessing used to reflect on the world, what his way of working was like, how he intended to apply it, and so on.” And after he had been asking questions like this for an hour, he said: “Gentlemen, I have led you into a forest of question marks!” — Now just imagine a “forest of question marks”—imagine you want to go for a walk in this forest of question marks; imagine that feeling! Well, I’ve also heard this man say that this or that person is throwing themselves into a “fire bath.” I always had to wonder what people look like when they throw themselves into a fire bath like that. One often encounters people who are unaware of how far removed they are from reality. When you delve into their words, into their concepts of language, and try to figure out what their words mean, you find that everything shatters and scatters to the four winds, because what people say like that is simply not possible in reality. So you can learn quite a lot—really, a great deal—from these insightful chapters on “Measurement” and “The Principle Underlying Clocks.”
[ 48 ] Ich kann nun nicht mit Bestimmtheit sagen, wann ich fortfahren kann, auch die nachfolgenden Kapitel dieses Büchelchens zu besprechen. Heute möchte ich nur noch bemerken, daß ich selbstverständlich nur Beispiele herausheben wollte und daß man das selbstverständlich auf hunderterlei Weise machen kann. Aber wenn wir solches tun, werden wir erreichen, daß wir mit unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung nicht eingekapselt sind, sondern wirklich die Fäden nach der ganzen Welt ziehen. Denn das wäre überhaupt das Schlimmste, wenn wir uns einkapseln würden, meine lieben Freunde.
[ 48 ] I cannot say with certainty when I will be able to continue discussing the subsequent chapters of this little book. Today I would just like to note that I, of course, only wanted to highlight a few examples, and that this can naturally be done in a hundred different ways. But if we do so, we will ensure that our Spiritual Science movement is not isolated, but truly reaches out to the whole world. For that would be the worst thing of all—if we were to isolate ourselves, my dear friends.
[ 49 ] Ich habe darauf hingewiesen, daß von besonderer Wichtigkeit und Bedeutung das Denken ist, und darum ist es wichtig, daß wir auch manches, was in den letzten Wochen vor unsere Seelen sich hingestellt hat, so nehmen, daß wir darüber denken, es nicht in der allereinseitigsten Weise auffassen und ins Leben umsetzen wollen. Wenn zum Beispiel von «mystischer Verschrobenheit» gesprochen worden ist, dann ist das mit Recht geschehen. Wenn man aber nun wieder meint, man dürfe nicht mehr von geistigen Erlebnissen sprechen, so wäre das der größte Unsinn. Wenn geistige Erlebnisse wahr sind, so sind sie Realitäten. Das Wichtige dabei ist, daß sie wahr sind, und daß wir innerhalb der geistigen Grenzen bleiben. Es ist wichtig, daß wir nicht von einem Extrem ins andere verfallen. Bedeutungsvoller ist, daß wir wirklich versuchen, nicht nur die Geisteswissenschaft als solche hinzunehmen, sondern daß wir uns auch bewußt werden, daß die Geisteswissenschaft in das Gefüge der Welt hineingestellt werden muß.
[ 49 ] I have pointed out that thinking is of particular importance and significance, and that is why it is important that we also approach some of the things that have presented themselves to our souls in recent weeks in such a way that we reflect on them, rather than interpreting them in the most one-sided manner and seeking to put them into practice. For example, when people have spoken of “mystical eccentricity,” they have done so with good reason. But if people now think that we should no longer speak of spiritual experiences, that would be utter nonsense. If spiritual experiences are true, then they are realities. The important thing here is that they are true, and that we remain within spiritual boundaries. It is important that we do not fall from one extreme into another. What is more significant is that we truly strive not only to accept Spiritual Science as such, but also to become aware that Spiritual Science must be integrated into the fabric of the world.
[ 50 ] Gewiß würde es auch falsch sein, wenn jetzt geglaubt würde, man sollte nun gar nicht mehr Geisteswissenschaft betreiben, sondern nur noch solche Broschüren in den Zweigen lesen. Das wäre auch wieder eine unrichtige Ausdeutung. Man muß nachdenken darüber, was ich gemeint habe. Aber das große Übel, das ich angedeutet habe, daß viele statt zuzuhören, nachschreiben, wird dadurch verhindert, daß wir zuhören und nicht nachschreiben. Denn wenn beim Nachschreiben nur solches Zeug zustande kommt, wie es wirklich beim Vorlesen von nachgeschriebenen Vorträgen geschieht, und wir glauben, daß wir solche nachgeschriebenen Vorträge durchaus brauchen, ja, meine lieben Freunde, dann muß ich sagen, zeigen wir erstens, daß wir auf dasjenige, was im Druck erschienen ist, wenig Wert legen, denn es ist wirklich eigentlich reichliches Material da, das schon gedruckt ist; und zweitens ist es gar nicht notwendig, daß wir immer nach dem Allerneuesten jagen. Das ist eine durch die Journalistik von den Menschen angenommene Eigenart, und wir dürfen sie nicht bei uns kultivieren. Das gründliche Durcharbeiten dessen, was da ist, ist etwas Wesentliches und Bedeutungsvolles, und wir werden uns nicht das genaue Zuhören verderben dadurch, daß wir nachschreiben, sondern Sehnsucht haben, genau zuzuhören. Denn bei dem Nachkritzeln kommt selten etwas anderes heraus, als daß wir uns die Aufmerksamkeit verderben, die wir beim Hinhören entwickeln könnten. Daher glaube ich, daß diejenigen unter uns, die in den Zweigen arbeiten wollen, Gelegenheit finden werden, wenn sie glauben, keinen Stoff zu haben, doch solche Stoffe zu haben. Sie brauchen nicht mehr jeden zu zupfen, der nachgekritzelt hat, um nachgeschriebene Vorträge zu bekommen, nur damit man immer das Neueste vorlesen kann. Wirklich, es kommt auf den Ernst an, und daß in dieser Richtung nicht sehr ernst gearbeitet worden ist, das hat viele Erscheinungen, wenn auch mittelbar, hervorgebracht, an denen wir eigentlich kranken.
[ 50 ] Of course, it would also be wrong to believe now that one should no longer engage in Spiritual Science at all, but only read such pamphlets in the branches. That, too, would be an incorrect interpretation. We must reflect on what I meant. But the great evil I alluded to—that many take notes instead of listening—is prevented by the fact that we listen and do not take notes. For if transcribing only produces the kind of material that actually results when transcribed lectures are read aloud—and we believe that we absolutely need such transcribed lectures—well, my dear friends, then I must say: first, we are showing that we attach little value to what has appeared in print, for there is actually a wealth of material already in print; and second, it is not at all necessary for us to always chase after the very latest. This is a habit adopted by people through journalism, and we must not cultivate it among ourselves. Thoroughly working through what is already available is something essential and meaningful, and we will not spoil our ability to listen attentively by taking notes; rather, we should have a longing to listen closely. For when we scribble notes, the result is rarely anything other than spoiling the attention we could develop while listening. Therefore, I believe that those among us who wish to work in the various branches will find opportunities—even when they think they lack material—to discover such material after all. They no longer need to pester everyone who has taken notes to obtain transcribed lectures, just so that they can always read the latest material aloud. Truly, it all comes down to seriousness, and the fact that work in this direction has not been taken very seriously has produced many manifestations—albeit indirect ones—that are actually causing us harm.
[ 51 ] Also, meine lieben Freunde, ich weiß es noch nicht genau; aber wenn es wieder geht, dann werde ich vielleicht am Sonnabend die Besprechung der ausgezeichneten, scharfsinnigen Broschüre von Herrn von Wrangell, die ich gewählt habe, weil sie von einem Wissenschafter geschrieben ist und einen zustimmenden und nicht negativen Inhalt hat, weiter fortsetzen.
[ 51 ] Well, my dear friends, I’m not quite sure yet; but if things allow, then perhaps on Saturday I will continue my discussion of Mr. von Wrangell’s excellent, insightful pamphlet, which I chose because it was written by a scholar and has an affirmative rather than a negative tone.
