The Spiritual Unification of Humanity
through the Christ Impulse
GA 165
6 January 1916, Dornach
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Die geistige Vereinigung der Menschheit durch den Christus-Impuls
Wandlungen des menschlichen Empfindungs- und Gedankenelementes von der vierten zur fünften Kulturepoche I
Wandlungen des menschlichen Empfindungs- und Gedankenelementes von der vierten zur fünften Kulturepoche I
[ 1 ] Es obliegt mir, einiges über den Unterschied der Denkungs- und Vorstellungsweise unseres fünften nachatlantischen Zeitraums gegenüber dem vierten nachatlantischen Zeitraum zu sprechen. Namentlich möchte ich zunächst heute andeuten, in bezug auf welches Gedanken- und Empfindungselement sich vieles geändert hat von dem einen Zeitraum, dem einen. Zyklus in den andern Zyklus hinein. Und ich möchte namentlich andeuten, inwiefern gewisse Vorstellungsarten und Empfindungsarten gewissermaßen in eine tiefere Sphäre heruntergestiegen sind, um dann anzudeuten, was insbesondere nötig ist im fünften nachatlantischen Zeitraum, in dem wir selber sind, damit die Menschheit wiederum einen Aufstieg unternehmen kann.
[ 1 ] Es obliegt mir, einiges über den Unterschied der Denkungs- und Vorstellungsweise unseres fünften nachatlantischen Zeitraums gegenüber dem vierten nachatlantischen Zeitraum zu sprechen. Namentlich möchte ich zunächst heute andeuten, in bezug auf welches Gedanken- und Empfindungselement sich vieles geändert hat von dem einen Zeitraum, dem einen. Zyklus in den andern Zyklus hinein. Und ich möchte namentlich andeuten, inwiefern gewisse Vorstellungsarten und Empfindungsarten gewissermaßen in eine tiefere Sphäre heruntergestiegen sind, um dann anzudeuten, was insbesondere nötig ist im fünften nachatlantischen Zeitraum, in dem wir selber sind, damit die Menschheit wiederum einen Aufstieg unternehmen kann.
[ 2 ] Nun habe ich lange versucht zu erforschen, wie die Sache sich am anschaulichsten darstellen läßt, und möchte aus diesen Forschungen heraus heute versuchen, die Sache gleichsam bildhaft zur Anschauung zu bringen. Aus diesem Grunde möchte ich damit beginnen, daß ich Ihnen einiges, sagen wir, in einer Art novellistischer Form erzähle, was sich bei mir aus gewissen Dingen zusammengefunden hat.
[ 2 ] Nun habe ich lange versucht zu erforschen, wie die Sache sich am anschaulichsten darstellen läßt, und möchte aus diesen Forschungen heraus heute versuchen, die Sache gleichsam bildhaft zur Anschauung zu bringen. Aus diesem Grunde möchte ich damit beginnen, daß ich Ihnen einiges, sagen wir, in einer Art novellistischer Form erzähle, was sich bei mir aus gewissen Dingen zusammengefunden hat.
[ 3 ] Ich möchte davon erzählen, daß in einer Zeit, die nicht sehr weit zurückliegt, eine Familie lebte, die einer andern Familie nahegestanden hat. Und weil allerlei Vorkommnisse der einen Familie einem Angehörigen der andern Familie außerordentlich interessant und bedeutsam waren, so versuchte dieser Angehörige der andern Familie hinter die Gründe der Vorkommnisse zu kommen. Ich will davon ausgehen, daß sich in dieser erstgemeinten Familie ein junges Mädchen fand — wie gesagt, die Sache gehört schon ein wenig der Vergangenheit an —, das noch lange nicht die Zwanzigerjahre erreicht hatte. Der Vater dieses Mädchens war ein Krieger, und die Zeit, auf die wir jetzt besonders hinschauen, war vor einem größeren Kriege, den der Vater dieses Mädchens mitzumachen hatte. Das Mädchen aber war gewissermaßen verlobt mit einem andern Krieger, der auch in den Krieg ziehen mußte, und sie hatte ihn außerordentlich gern, so daß sie tief, tief unglücklich war darüber, daß er in den Krieg ziehen mußte. Und da sie den Gedanken hatte, daß ihr Vater mitschuldig wäre an dem ganzen Ausbruche des Krieges, so faßte sie auch in ihrem Inneren, ohne daß sie es zunächst äußerlich merken ließ, eine Art Groll gegen den Vater. Und je mehr die Zeit heranrückte, desto mehr kamen die Vorstellungen und Empfindungen dieses jungen Mädchens in Verwirrung. Sie konnte das gar nicht ertragen, daß sie den Geliebten verlieren sollte. Und weil diese Empfindungen so tief in ihr saßen, so entstellte sich ihr vollständig das Bild des eigenen Vaters. Der Groll in ihr wuchs immer mehr. Der Krieg kam. Aber, was in der Seele des jungen Mädchens Platz gegriffen hatte, das wuchs geradezu wie zu einer Art Seelenverwirrung, bis zu jener Art Seelenverwirrung, die die Ärzte in unserer Zeit durchaus als eine Art von Geisteskrankheit auffassen. Und so hatte dieses junge Mädchen namentlich über den Ausbruch des Krieges allerlei seelische Erfahrungen, aber solche, die schon in die Geisteskrankheit hineingingen: Visionen und allerlei Ähnliches. Namentlich war eine starke Vision diese: ihr Geliebter werde im Kriege fallen, und alles dasjenige, was sie im Verein mit dem Geliebten noch in der Welt hätte leisten können, würde mit seinem Tod wegfallen, und sie würde eigentlich mit alledem, was in ihren Absichten lag, ein Opfer des Krieges werden. Die Geisteskrankheit brach immer mehr aus. Es kam dazu, daß die Ärzte es am besten fanden, sie in weitab liegende ländliche Verhältnisse zu bringen, wo sie gut beaufsichtigt war, wo sie auch durch eine gewisse Art der Seelen ihrer Umgebung, so wie es bei solchen Kranken vorkommen kann, segensreich wirkte, aber ohne daß man jemals hätte eine Hoffnung haben können, daß sich nicht wiederum die ganze Abnormität der Geisteskrankheit zeigen würde, wenn sie den Verhältnissen entnommen und in andere Verhältnisse hineinkommen würde. Und so lebte sie denn da jahrelang.
[ 3 ] Ich möchte davon erzählen, daß in einer Zeit, die nicht sehr weit zurückliegt, eine Familie lebte, die einer andern Familie nahegestanden hat. Und weil allerlei Vorkommnisse der einen Familie einem Angehörigen der andern Familie außerordentlich interessant und bedeutsam waren, so versuchte dieser Angehörige der andern Familie hinter die Gründe der Vorkommnisse zu kommen. Ich will davon ausgehen, daß sich in dieser erstgemeinten Familie ein junges Mädchen fand — wie gesagt, die Sache gehört schon ein wenig der Vergangenheit an —, das noch lange nicht die Zwanzigerjahre erreicht hatte. Der Vater dieses Mädchens war ein Krieger, und die Zeit, auf die wir jetzt besonders hinschauen, war vor einem größeren Kriege, den der Vater dieses Mädchens mitzumachen hatte. Das Mädchen aber war gewissermaßen verlobt mit einem andern Krieger, der auch in den Krieg ziehen mußte, und sie hatte ihn außerordentlich gern, so daß sie tief, tief unglücklich war darüber, daß er in den Krieg ziehen mußte. Und da sie den Gedanken hatte, daß ihr Vater mitschuldig wäre an dem ganzen Ausbruche des Krieges, so faßte sie auch in ihrem Inneren, ohne daß sie es zunächst äußerlich merken ließ, eine Art Groll gegen den Vater. Und je mehr die Zeit heranrückte, desto mehr kamen die Vorstellungen und Empfindungen dieses jungen Mädchens in Verwirrung. Sie konnte das gar nicht ertragen, daß sie den Geliebten verlieren sollte. Und weil diese Empfindungen so tief in ihr saßen, so entstellte sich ihr vollständig das Bild des eigenen Vaters. Der Groll in ihr wuchs immer mehr. Der Krieg kam. Aber, was in der Seele des jungen Mädchens Platz gegriffen hatte, das wuchs geradezu wie zu einer Art Seelenverwirrung, bis zu jener Art Seelenverwirrung, die die Ärzte in unserer Zeit durchaus als eine Art von Geisteskrankheit auffassen. Und so hatte dieses junge Mädchen namentlich über den Ausbruch des Krieges allerlei seelische Erfahrungen, aber solche, die schon in die Geisteskrankheit hineingingen: Visionen und allerlei Ähnliches. Namentlich war eine starke Vision diese: ihr Geliebter werde im Kriege fallen, und alles dasjenige, was sie im Verein mit dem Geliebten noch in der Welt hätte leisten können, würde mit seinem Tod wegfallen, und sie würde eigentlich mit alledem, was in ihren Absichten lag, ein Opfer des Krieges werden. Die Geisteskrankheit brach immer mehr aus. Es kam dazu, daß die Ärzte es am besten fanden, sie in weitab liegende ländliche Verhältnisse zu bringen, wo sie gut beaufsichtigt war, wo sie auch durch eine gewisse Art der Seelen ihrer Umgebung, so wie es bei solchen Kranken vorkommen kann, segensreich wirkte, aber ohne daß man jemals hätte eine Hoffnung haben können, daß sich nicht wiederum die ganze Abnormität der Geisteskrankheit zeigen würde, wenn sie den Verhältnissen entnommen und in andere Verhältnisse hineinkommen würde. Und so lebte sie denn da jahrelang.
[ 4 ] Der Krieg war längst vorüber, es waren dann andere fatale Verhältnisse in der Familie eingetreten, die ich im einzelnen nicht genauer charakterisieren will, allerlei fatale Verhältnisse, darunter war auch das, daß nach einer ziemlichen Anzahl von Jahren auch bei dem Bruder dieses Mädchens eine Geisteskrankheit ausbrach. Nur stellte sich das Eigentümliche heraus, daß der Bruder, der die Geisteskrankheit des Mädchens ins Männliche umgesetzt hatte, nun auch nach allerlei andern Beschlüssen, die man gefaßt hatte, von einem verständigen Menschen gerade dorthin gebracht wurde, wo das Mädchen war. Und siehe da, die ganz merkwürdige Tatsache stellte sich heraus, daß der Bruder, trotzdem er auch als geisteskrank angesehen wurde, auf das Mädchen günstig wirkte, und daß sie sich in ihrer Einsamkeit, in der sie sich unter den andern Leuten getroffen hatten, und durch das ganze Milieu veranlaßt, wiedererkannten, trotzdem sie sich viele Jahre nicht gesehen hatten, und aneinander gesundeten. So daß das Mädchen nach Hause zurückkehren konnte und in ihrer Heimat eine Art Asyl gründete, das derart eingerichtet war, daß dort insbesondere solche Kranke, wie sie beide waren, auf eine vernünftige Weise, durch Erkenntnis der Gründe, auf seelische Art geheilt werden konnten. Das Asyl, das sie begründete, hatte einen tief religiösen Charakter.
[ 4 ] Der Krieg war längst vorüber, es waren dann andere fatale Verhältnisse in der Familie eingetreten, die ich im einzelnen nicht genauer charakterisieren will, allerlei fatale Verhältnisse, darunter war auch das, daß nach einer ziemlichen Anzahl von Jahren auch bei dem Bruder dieses Mädchens eine Geisteskrankheit ausbrach. Nur stellte sich das Eigentümliche heraus, daß der Bruder, der die Geisteskrankheit des Mädchens ins Männliche umgesetzt hatte, nun auch nach allerlei andern Beschlüssen, die man gefaßt hatte, von einem verständigen Menschen gerade dorthin gebracht wurde, wo das Mädchen war. Und siehe da, die ganz merkwürdige Tatsache stellte sich heraus, daß der Bruder, trotzdem er auch als geisteskrank angesehen wurde, auf das Mädchen günstig wirkte, und daß sie sich in ihrer Einsamkeit, in der sie sich unter den andern Leuten getroffen hatten, und durch das ganze Milieu veranlaßt, wiedererkannten, trotzdem sie sich viele Jahre nicht gesehen hatten, und aneinander gesundeten. So daß das Mädchen nach Hause zurückkehren konnte und in ihrer Heimat eine Art Asyl gründete, das derart eingerichtet war, daß dort insbesondere solche Kranke, wie sie beide waren, auf eine vernünftige Weise, durch Erkenntnis der Gründe, auf seelische Art geheilt werden konnten. Das Asyl, das sie begründete, hatte einen tief religiösen Charakter.
[ 5 ] Nun sagte ich, dieser Familie, der diese Ereignisse angehörten, stand eine andere Familie nahe. Ein Angehöriger dieser andern Familie interessierte sich sehr für alle diese merkwürdigen Geschehnisse und sagte: Das muß man untersuchen, was da eigentlich für ein kurioser Fall vorliegt. Die Ereignisse, die ich jetzt anführe, sind wenige Jahre zurückliegend zu denken. Er wandte sich also an einen medizinisch-naturwissenschaftlich gebildeten Mann, einen Arzt, der ihm bekannt war, und der sich seines Zeichens Psychopathologe nannte, weil er Psychopathologie trieb. Nennen wir diesen Arzt, diesen Psychopathologen, Lövius, Professor Dr. Lövius. Er teilte dem Arzt zunächst mit, was er wußte, namentlich über die beiden Kinder, über die Art der Entstehung der Krankheit des Mädchens durch den Groll gegenüber dem Vater; wie er sie hatte beobachten können, was er von der Sache gesehen hatte. Der Professor Dr. Lövius hörte sehr aufmerksam zu, machte ein außerordentlich ernstes Gesicht, dachte tief nach und sagte: Da muß im höchsten Grade eine erbliche Belastung vorliegen. Erbliche Belastung, das ist ganz zweifellos, wir haben es mit einer erblichen Belastung zu tun. Da müssen wir in den Familienakten genau nachsehen, müssen alles einzelne erforschen!
[ 5 ] Nun sagte ich, dieser Familie, der diese Ereignisse angehörten, stand eine andere Familie nahe. Ein Angehöriger dieser andern Familie interessierte sich sehr für alle diese merkwürdigen Geschehnisse und sagte: Das muß man untersuchen, was da eigentlich für ein kurioser Fall vorliegt. Die Ereignisse, die ich jetzt anführe, sind wenige Jahre zurückliegend zu denken. Er wandte sich also an einen medizinisch-naturwissenschaftlich gebildeten Mann, einen Arzt, der ihm bekannt war, und der sich seines Zeichens Psychopathologe nannte, weil er Psychopathologie trieb. Nennen wir diesen Arzt, diesen Psychopathologen, Lövius, Professor Dr. Lövius. Er teilte dem Arzt zunächst mit, was er wußte, namentlich über die beiden Kinder, über die Art der Entstehung der Krankheit des Mädchens durch den Groll gegenüber dem Vater; wie er sie hatte beobachten können, was er von der Sache gesehen hatte. Der Professor Dr. Lövius hörte sehr aufmerksam zu, machte ein außerordentlich ernstes Gesicht, dachte tief nach und sagte: Da muß im höchsten Grade eine erbliche Belastung vorliegen. Erbliche Belastung, das ist ganz zweifellos, wir haben es mit einer erblichen Belastung zu tun. Da müssen wir in den Familienakten genau nachsehen, müssen alles einzelne erforschen!
[ 6 ] Und siehe da, man trug alles mögliche zusammen aus den Familienakten. Es ergab sich, wie man sagt, der glückliche Zufall, daß man weit hinauf, bis zum Großvater, Urgroßvater und sogar bis zum Ururgroßvater dieEigenschaften, die Qualitäten der Vorfahren erforschen konnte. Lange beschäftigte sich der Professor Dr. Lövius mit diesem Fall, und immer mehr fand man es bestätigt, daß man es mit einem außerordentlichen Fall von erblicher Belastung zu tun hatte, wie man es nennt, geradezu mit einem typischen Fall von erblicher Belastung, mit einem Schulfall außerordentlicher Art. Der Professor Dr. Lövius, der schon die Psychopathie von Conrad Ferdinand Meyer, von Viktor Scheffel, von Hebbel und von andern untersucht hatte, fand diesen Schulfall außerordentlich interessant und stellte alle die Daten zusammen, aus denen dieser Schulfall erklärbar sein kann.
[ 6 ] Und siehe da, man trug alles mögliche zusammen aus den Familienakten. Es ergab sich, wie man sagt, der glückliche Zufall, daß man weit hinauf, bis zum Großvater, Urgroßvater und sogar bis zum Ururgroßvater dieEigenschaften, die Qualitäten der Vorfahren erforschen konnte. Lange beschäftigte sich der Professor Dr. Lövius mit diesem Fall, und immer mehr fand man es bestätigt, daß man es mit einem außerordentlichen Fall von erblicher Belastung zu tun hatte, wie man es nennt, geradezu mit einem typischen Fall von erblicher Belastung, mit einem Schulfall außerordentlicher Art. Der Professor Dr. Lövius, der schon die Psychopathie von Conrad Ferdinand Meyer, von Viktor Scheffel, von Hebbel und von andern untersucht hatte, fand diesen Schulfall außerordentlich interessant und stellte alle die Daten zusammen, aus denen dieser Schulfall erklärbar sein kann.


[ 7 ] Versuchen wir einmal, schematisch dem Manne zu folgen. Wir haben es also zunächst bei dem, was man von dem Fall wissen konnte, mit der Tochter jenes Kriegers und mit ihrem Bruder zu tun — das sind zunächst die beiden Individuen. Gehen wir weiter hin auf, so kommen wir zum Vater. Den Vater, den hat der Professor Dr. Lövius zunächst aufs Korn genommen, hat gefunden, daß er etwas außerordentlich Gewaltsames in seinem Charakter hatte und ein über das Maß ehrgeiziger Mann war, allerdings auch ein Mann mit viel Initiative. Er hatte Eigenschaften, die sich in einer ganz sonderbaren Weise als in Stärke umgesetzte Eigenschaften bei seinem Bruder wiederfanden — man muß ja in einem solchen Falle die ganzen Verwandtschaftsverhältnisse untersuchen —, der hatte sie nur in einer viel liebenswürdigeren Weise, in einer schwächlicheren Weise. Aber der Vater der beiden Geschwister, das war ein über die Maßen ehrgeiziger und außerordentlich initiative-reicher Mann.
[ 7 ] Versuchen wir einmal, schematisch dem Manne zu folgen. Wir haben es also zunächst bei dem, was man von dem Fall wissen konnte, mit der Tochter jenes Kriegers und mit ihrem Bruder zu tun — das sind zunächst die beiden Individuen. Gehen wir weiter hin auf, so kommen wir zum Vater. Den Vater, den hat der Professor Dr. Lövius zunächst aufs Korn genommen, hat gefunden, daß er etwas außerordentlich Gewaltsames in seinem Charakter hatte und ein über das Maß ehrgeiziger Mann war, allerdings auch ein Mann mit viel Initiative. Er hatte Eigenschaften, die sich in einer ganz sonderbaren Weise als in Stärke umgesetzte Eigenschaften bei seinem Bruder wiederfanden — man muß ja in einem solchen Falle die ganzen Verwandtschaftsverhältnisse untersuchen —, der hatte sie nur in einer viel liebenswürdigeren Weise, in einer schwächlicheren Weise. Aber der Vater der beiden Geschwister, das war ein über die Maßen ehrgeiziger und außerordentlich initiative-reicher Mann.
[ 8 ] Solches Übermaß von Ehrgeiz, Tatendrang, auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen die Welt, das muß man natürlich in der Vererbungslinie weiter zurückverfolgen. Da ging man also zunächst zu dem Vater des Vaters hinauf. Also kommen wir zu dem Vater des Vaters, der wiederum einen Bruder hatte. Da stellte sich die außerordentlich interessante Tatsache heraus, daß die Brüder durch zwei Generationen hindurch so gewisse Ähnlichkeiten und auch Verschiedenheiten hatten. Da war nämlich wiederum der Vater des Vaters, also der Großvater unseres jungen Mädchens, der — während der Vater bloß ein übertrieben ehrgeiziger und energischer Mann war —, schon eine Art Wüterich war. Beim Vater hatte sich die Eigenschaft geschwächt. Aber der Bruder war ein liebenswürdiger Mann, der durch seine Güte eigentlich schon ins Krankhafte ausartete, ins Abnorme. Abnorm — das ist die Ähnlichkeit — waren sie eben beide in der vorvorigen Generation, aber der eine artete als Wüterich aus, und der andere artete durch Güte aus. Und da kam dieser Professor Dr. Lövius darauf, daß dieser Wüterich, also der Großvater unseres jungen Mädchens, immer darauf aus war, Zwietracht und Unheil in die Familie seines Bruders hineinzutragen. Und dieser Wüterich brachte es wirklich dahin, konstatierte der Professor Dr. Lövius — wir sind also jetzt beim Großvater —, diesem seinem Bruder die Söhne ganz zu verderben. Den einen machte er zum Spieler, den andern verführte er in einer andern Weise, kurz, er verdarb dem Vater die Söhne gründlich. Soviel war aus den Familienakten herauszukriegen: Allerlei böse Dinge waren da geschehen. So ganz klar kam man nicht hinter die Sache. Aber das war sicher klar: schließlich hatte sich der eine Mann gegen seinen Bruder, den andern Mann, so benommen, daß eigentlich die ganze Familie, alle Söhne entartet sind, nur ein einziger noch geblieben ist, der beschloß, den Vater an seinem Bruder zu rächen. Dadurch aber brachte er erst recht wiederum bei diesen Racheakten Unheil in die Familien hinein, namentlich in die Familie des Vaters unseres Mädchens. Es kam zu allen möglichen Unzukömmlichkeiten.
[ 8 ] Solches Übermaß von Ehrgeiz, Tatendrang, auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen die Welt, das muß man natürlich in der Vererbungslinie weiter zurückverfolgen. Da ging man also zunächst zu dem Vater des Vaters hinauf. Also kommen wir zu dem Vater des Vaters, der wiederum einen Bruder hatte. Da stellte sich die außerordentlich interessante Tatsache heraus, daß die Brüder durch zwei Generationen hindurch so gewisse Ähnlichkeiten und auch Verschiedenheiten hatten. Da war nämlich wiederum der Vater des Vaters, also der Großvater unseres jungen Mädchens, der — während der Vater bloß ein übertrieben ehrgeiziger und energischer Mann war —, schon eine Art Wüterich war. Beim Vater hatte sich die Eigenschaft geschwächt. Aber der Bruder war ein liebenswürdiger Mann, der durch seine Güte eigentlich schon ins Krankhafte ausartete, ins Abnorme. Abnorm — das ist die Ähnlichkeit — waren sie eben beide in der vorvorigen Generation, aber der eine artete als Wüterich aus, und der andere artete durch Güte aus. Und da kam dieser Professor Dr. Lövius darauf, daß dieser Wüterich, also der Großvater unseres jungen Mädchens, immer darauf aus war, Zwietracht und Unheil in die Familie seines Bruders hineinzutragen. Und dieser Wüterich brachte es wirklich dahin, konstatierte der Professor Dr. Lövius — wir sind also jetzt beim Großvater —, diesem seinem Bruder die Söhne ganz zu verderben. Den einen machte er zum Spieler, den andern verführte er in einer andern Weise, kurz, er verdarb dem Vater die Söhne gründlich. Soviel war aus den Familienakten herauszukriegen: Allerlei böse Dinge waren da geschehen. So ganz klar kam man nicht hinter die Sache. Aber das war sicher klar: schließlich hatte sich der eine Mann gegen seinen Bruder, den andern Mann, so benommen, daß eigentlich die ganze Familie, alle Söhne entartet sind, nur ein einziger noch geblieben ist, der beschloß, den Vater an seinem Bruder zu rächen. Dadurch aber brachte er erst recht wiederum bei diesen Racheakten Unheil in die Familien hinein, namentlich in die Familie des Vaters unseres Mädchens. Es kam zu allen möglichen Unzukömmlichkeiten.
[ 9 ] Und nun sagte sich der Professor Dr. Lövius: Man muß noch weiter hinaufgehen in der Abstammungslinie. Denn dieses junge Mädchen hatte im Beginn ihres Wahnsinns ganz merkwürdige Visionen gezeigt. Sie träumte immerfort von sehr weit entfernten Gegenden, in denen sie während ihrer Mädchenzeit nicht gewesen war, die aber mit einer bestimmten Lokalität merkwürdig übereinstimmten. Aus einem Familientagebuch bekam der Professor Dr. Lövius heraus, daß in diesen Visionen etwas lebte von dem, wie die Gegend war, wo noch der Urgroßvater und der Ürurgroßvater sich einmal aufgehalten hatten. Ach, sagte sich der Professor Dr. Lövius, das ist ja ein ganz besonders interessanter Schulfall: Da tritt die Vererbung in den Vorstellungen als Visionen auf; da waren Urur- und Urgroßvater woanders als in der Gegend, in der zuletzt die Nachkommen lebten! Und das, was frühere Generationen noch durchlebt haben, hat sich so vererbt, daß die Urenkelin oder Ururenkelin davon im Wahnsinn Visionen hatte! — Das war natürlich für den Professor etwas außerordentlich Interessantes. So kam er denn dahin, daß also der Großvater wieder einen Vater hatte, der war — wie gesagt, nach einem alten Familientagebuch — aus einer ganz fremden, also andern Gegend ausgewandert, die in ihrer ganzen Kultur anders geartet war. Ich nenne keine Lokalität, weil das jetzt so unangenehm ist: Die Völker sind so gegeneinander, und wenn man jetzt Lokalitäten nennt, so werden gleich Empfindungen hervorgerufen. Also aus einer fremden Gegend kamen Urgroßvater und Ururgroßvater. Nun, aus diesem Tagebuch ergab sich denn, daß dieser Urgroßvater auch schon ein merkwürdiger Mensch war. Er hatte eben in dieser abgelegenen Gegend allerlei tolles Zeug getrieben, war auch ein Wüterich, der zuzeiten tobsüchtig geworden ist. Da er in seiner Tobsucht allerlei angestellt hatte, konnte er in der Gegend nicht bleiben, er mußte eben auswandern und wanderte in jene Gegend hin, wo dann die Nachkommen waren. Aber in der Gegend, wo die Nachkommen waren, hat er auch gleich wieder Unheil angerichtet, obwohl er später sogar ein sehr angesehener Mann geworden ist. In der Gegend, wo die Nachkommen waren, hat er dadurch Unheil angerichtet, daß er einfach, weil er in eine Frau verliebt war und deren Vater die Ehe nicht zugeben wollte, den Vater im Duell getötet hat. Auf diese Weise hat er dann die Tochter bekommen. Die Sache ist, wie man so sagt, vertuscht worden, und er konnte ein angesehener Mann werden.
[ 9 ] Und nun sagte sich der Professor Dr. Lövius: Man muß noch weiter hinaufgehen in der Abstammungslinie. Denn dieses junge Mädchen hatte im Beginn ihres Wahnsinns ganz merkwürdige Visionen gezeigt. Sie träumte immerfort von sehr weit entfernten Gegenden, in denen sie während ihrer Mädchenzeit nicht gewesen war, die aber mit einer bestimmten Lokalität merkwürdig übereinstimmten. Aus einem Familientagebuch bekam der Professor Dr. Lövius heraus, daß in diesen Visionen etwas lebte von dem, wie die Gegend war, wo noch der Urgroßvater und der Ürurgroßvater sich einmal aufgehalten hatten. Ach, sagte sich der Professor Dr. Lövius, das ist ja ein ganz besonders interessanter Schulfall: Da tritt die Vererbung in den Vorstellungen als Visionen auf; da waren Urur- und Urgroßvater woanders als in der Gegend, in der zuletzt die Nachkommen lebten! Und das, was frühere Generationen noch durchlebt haben, hat sich so vererbt, daß die Urenkelin oder Ururenkelin davon im Wahnsinn Visionen hatte! — Das war natürlich für den Professor etwas außerordentlich Interessantes. So kam er denn dahin, daß also der Großvater wieder einen Vater hatte, der war — wie gesagt, nach einem alten Familientagebuch — aus einer ganz fremden, also andern Gegend ausgewandert, die in ihrer ganzen Kultur anders geartet war. Ich nenne keine Lokalität, weil das jetzt so unangenehm ist: Die Völker sind so gegeneinander, und wenn man jetzt Lokalitäten nennt, so werden gleich Empfindungen hervorgerufen. Also aus einer fremden Gegend kamen Urgroßvater und Ururgroßvater. Nun, aus diesem Tagebuch ergab sich denn, daß dieser Urgroßvater auch schon ein merkwürdiger Mensch war. Er hatte eben in dieser abgelegenen Gegend allerlei tolles Zeug getrieben, war auch ein Wüterich, der zuzeiten tobsüchtig geworden ist. Da er in seiner Tobsucht allerlei angestellt hatte, konnte er in der Gegend nicht bleiben, er mußte eben auswandern und wanderte in jene Gegend hin, wo dann die Nachkommen waren. Aber in der Gegend, wo die Nachkommen waren, hat er auch gleich wieder Unheil angerichtet, obwohl er später sogar ein sehr angesehener Mann geworden ist. In der Gegend, wo die Nachkommen waren, hat er dadurch Unheil angerichtet, daß er einfach, weil er in eine Frau verliebt war und deren Vater die Ehe nicht zugeben wollte, den Vater im Duell getötet hat. Auf diese Weise hat er dann die Tochter bekommen. Die Sache ist, wie man so sagt, vertuscht worden, und er konnte ein angesehener Mann werden.
[ 10 ] Nun konnte, dank dem Familienbuch, der Professor Dr. Lövius bis zum Ururgroßvater hinaufkommen. Und dieser Ururgroßvater war ein ganz besonders merkwürdiger Mensch. Er lebte in einer ganz exotischen Gegend, er war ein Mensch, der sich eine Art tiefere Einsicht in die Geheimnisse der Geschichte erworben hatte. Ein sehr spiritueller Mensch war er. Aber, sagte der Professor Dr. Lövius, einer, der das Spirituelle so übertreibt, wie es dieser Ururgroßvater übertrieben hat, an dem ist schon ohnedies etwas im Oberstübchen nicht in Ordnung. Und als er dann in den Familienpapieren weiter forschte, fand er denn auch, daß dieser Ururgroßvater, trotzdem er gründlich in spirituellen Dingen versiert war, doch gewisse menschliche Eigenschaften behalten hatte. Vor allem konnte er alle andern Leute nicht leiden, die nicht auf seine Art, sondern auf irgendeine offizielle Art zur geistigen Erkenntnis gekommen waren. Die waren ihm ein Dorn im Auge. Und denen irgendeinen Schabernack anzutun, das gehörte zu dem, was er geradezu ein wenig wie eine geistige Delikatesse empfand. Was ich jetzt erzählen werde, ist ein Ereignis, das schon etwa in die sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurückfällt. Aber die Dinge wiederholen sich: Eduard von Hartmann hat mit den philiströsen Menschen des 19. Jahrhunderts dann etwas Ähnliches gemacht, wovon ich öfter einmal erzählt habe. Dieser Ururgroßvater, der ließ einmal so etwas wie eine Schrift erscheinen — aber er setzte seinen Namen nicht darauf, sondern ließ sie anonym erscheinen — in der er alles dasjenige, was seine eigene Lehre war, sehr gründlich widerlegte. Alles stellte er als konfus und dumm und töricht hin, und immer so, daß die andern sich daran recht entzücken konnten, weil er immer ihre Gründe, das, was sie ungefähr hätten sagen können, ins Feld führte: Das waren dann Leckerbissen für die andern; da hatte er ihnen einen großen Schabernack gespielt.
[ 10 ] Nun konnte, dank dem Familienbuch, der Professor Dr. Lövius bis zum Ururgroßvater hinaufkommen. Und dieser Ururgroßvater war ein ganz besonders merkwürdiger Mensch. Er lebte in einer ganz exotischen Gegend, er war ein Mensch, der sich eine Art tiefere Einsicht in die Geheimnisse der Geschichte erworben hatte. Ein sehr spiritueller Mensch war er. Aber, sagte der Professor Dr. Lövius, einer, der das Spirituelle so übertreibt, wie es dieser Ururgroßvater übertrieben hat, an dem ist schon ohnedies etwas im Oberstübchen nicht in Ordnung. Und als er dann in den Familienpapieren weiter forschte, fand er denn auch, daß dieser Ururgroßvater, trotzdem er gründlich in spirituellen Dingen versiert war, doch gewisse menschliche Eigenschaften behalten hatte. Vor allem konnte er alle andern Leute nicht leiden, die nicht auf seine Art, sondern auf irgendeine offizielle Art zur geistigen Erkenntnis gekommen waren. Die waren ihm ein Dorn im Auge. Und denen irgendeinen Schabernack anzutun, das gehörte zu dem, was er geradezu ein wenig wie eine geistige Delikatesse empfand. Was ich jetzt erzählen werde, ist ein Ereignis, das schon etwa in die sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurückfällt. Aber die Dinge wiederholen sich: Eduard von Hartmann hat mit den philiströsen Menschen des 19. Jahrhunderts dann etwas Ähnliches gemacht, wovon ich öfter einmal erzählt habe. Dieser Ururgroßvater, der ließ einmal so etwas wie eine Schrift erscheinen — aber er setzte seinen Namen nicht darauf, sondern ließ sie anonym erscheinen — in der er alles dasjenige, was seine eigene Lehre war, sehr gründlich widerlegte. Alles stellte er als konfus und dumm und töricht hin, und immer so, daß die andern sich daran recht entzücken konnten, weil er immer ihre Gründe, das, was sie ungefähr hätten sagen können, ins Feld führte: Das waren dann Leckerbissen für die andern; da hatte er ihnen einen großen Schabernack gespielt.
[ 11 ] Da sagte sich der Professor Dr. Lövius: Nun, da sieht man ja alles! Selbst bis in die Zeiten des Ururgroßvaters hinauf sieht man in der Vererbungslinie walten, was sich nun in den Nachkommen in einer so furchtbaren Weise zum Ausdruck gebracht hat. Sogar die gute Seite des Ururgroßvaters, seine spirituelle Begabung, zeigte sich wieder in der Ururenkelin, die eine Art spirituellen Asyls begründete. Man sieht, alle guten und alle schlechten Eigenschaften sind in diesem Schulfall «erbliche Belastungen» im höchsten Grade! Diese Geschichte interessierte also den Professor Dr. Lövius in außerordentlicher Weise. Er hatte sich selbstverständlich vorgenommen, ein dickes Buch über diesen typischen Schulfall zu schreiben, und setzte ihn einmal einem Kollegen auseinander. Und sehen Sie, bei dieser Gelegenheit hörte einer zu, der es gar nicht wollte, aber er konnte gar nicht anders, er hörte zu. Einer, der nicht nur Menschenkenntnis hatte, sondern der Weltenkenntnis im Sinne der Menschheitsentwickelung hatte, der hörte zu,und dem kamen allerlei Gedanken, während der Professor Dr. Lövius seinen Fall erzählte. Diese Gedanken will ich Ihnen denn in einer Fassung vorlegen — auf die Fassung kommt nicht viel an —, und will dabei immer an diesen Stammbaum anknüpfen, an den Stammbaum des Schulfalles des Professors Dr. Lövius.
[ 11 ] Da sagte sich der Professor Dr. Lövius: Nun, da sieht man ja alles! Selbst bis in die Zeiten des Ururgroßvaters hinauf sieht man in der Vererbungslinie walten, was sich nun in den Nachkommen in einer so furchtbaren Weise zum Ausdruck gebracht hat. Sogar die gute Seite des Ururgroßvaters, seine spirituelle Begabung, zeigte sich wieder in der Ururenkelin, die eine Art spirituellen Asyls begründete. Man sieht, alle guten und alle schlechten Eigenschaften sind in diesem Schulfall «erbliche Belastungen» im höchsten Grade! Diese Geschichte interessierte also den Professor Dr. Lövius in außerordentlicher Weise. Er hatte sich selbstverständlich vorgenommen, ein dickes Buch über diesen typischen Schulfall zu schreiben, und setzte ihn einmal einem Kollegen auseinander. Und sehen Sie, bei dieser Gelegenheit hörte einer zu, der es gar nicht wollte, aber er konnte gar nicht anders, er hörte zu. Einer, der nicht nur Menschenkenntnis hatte, sondern der Weltenkenntnis im Sinne der Menschheitsentwickelung hatte, der hörte zu,und dem kamen allerlei Gedanken, während der Professor Dr. Lövius seinen Fall erzählte. Diese Gedanken will ich Ihnen denn in einer Fassung vorlegen — auf die Fassung kommt nicht viel an —, und will dabei immer an diesen Stammbaum anknüpfen, an den Stammbaum des Schulfalles des Professors Dr. Lövius.
[ 12 ] Also folgende Gedanken kamen dem Menschen: Es war einmal im Verlaufe der Menschheitsentwickelung ein ansehnliches Geschlecht. Das Los des Begründers dieses Geschlechtes, Tantalus, der im Tartarus büßte, ist in weitesten Kreisen bekannt. Er war eingeweiht in die Geheimnisse der Götter. Die Griechen drücken das dadurch aus, daß ein solcher Mensch, der eingeweiht ist in die Geheimnisse der Götter, sogar an den Göttermahlen teilnehmen kann. Aber er hatte so etwas, daß er es gegen die Götter, gegen die offiziell anerkannten Götter wie einen Stachel, oder man könnte auch sagen, wie einen Leckerbissen empfand, sie zu täuschen. Und da setzte er ihnen — Sie wissen es alle — als Leckerspeise für die Götter seinen eigenen Sohn vor, den er zerstückelt hatte, Und die Götter, die in ihrer Allwissenheit einen Irrtum begangen, aßen davon und tranken auch von dem Blut. Dafür wurde Tantalus in den Tartarus geworfen, und er mußte die Tantalus-Qualen ausstehen, von denen die griechischen Mythen erzählen. Durch eine Reihe von Verbrechen, die von Glied zu Glied stattfanden, erbte sich nun die Rache der Götter bis auf die letzten Nachkommen fort. Zunächst wurde Pelops, der Sohn des Tantalus, aus dem Himmel verwiesen, in welchen ihn die Götter aufgenommen hatten. Er wanderte über Kleinasien nach Griechenland, und errang Hippodameia durch die Besiegung ihres Vaters zur Gemahlin.
[ 12 ] Also folgende Gedanken kamen dem Menschen: Es war einmal im Verlaufe der Menschheitsentwickelung ein ansehnliches Geschlecht. Das Los des Begründers dieses Geschlechtes, Tantalus, der im Tartarus büßte, ist in weitesten Kreisen bekannt. Er war eingeweiht in die Geheimnisse der Götter. Die Griechen drücken das dadurch aus, daß ein solcher Mensch, der eingeweiht ist in die Geheimnisse der Götter, sogar an den Göttermahlen teilnehmen kann. Aber er hatte so etwas, daß er es gegen die Götter, gegen die offiziell anerkannten Götter wie einen Stachel, oder man könnte auch sagen, wie einen Leckerbissen empfand, sie zu täuschen. Und da setzte er ihnen — Sie wissen es alle — als Leckerspeise für die Götter seinen eigenen Sohn vor, den er zerstückelt hatte, Und die Götter, die in ihrer Allwissenheit einen Irrtum begangen, aßen davon und tranken auch von dem Blut. Dafür wurde Tantalus in den Tartarus geworfen, und er mußte die Tantalus-Qualen ausstehen, von denen die griechischen Mythen erzählen. Durch eine Reihe von Verbrechen, die von Glied zu Glied stattfanden, erbte sich nun die Rache der Götter bis auf die letzten Nachkommen fort. Zunächst wurde Pelops, der Sohn des Tantalus, aus dem Himmel verwiesen, in welchen ihn die Götter aufgenommen hatten. Er wanderte über Kleinasien nach Griechenland, und errang Hippodameia durch die Besiegung ihres Vaters zur Gemahlin.
[ 13 ] Diese Gedanken kamen dem Zuhörer bei dem, was der Professor Dr. Lövius ausführte, nicht wahr, daß jener ein Duell mit dem Vater hatte und sich dadurch die Gemahlin erwarb. Noch war ihm, wie sein Glück bewies, die Gnade des Himmels keineswegs entzogen. Doch bald machte er sich ihrer Gunst durch mancherlei Handlungen so unwürdig, daß der Segen aus seinem Hause schied. Aus seiner Ehe mit Hippodameia stammten die beiden Söhne Atreus und Thyestes ab, welche mit Mordschuld befleckt nach Argos flüchteten, wo sie den Thron dieses Reiches von ihrem Vetter Eurysthes erbten. Dort beging das Bruderpaar neue Greuel, so daß der königliche Palast von Mykenä der Schauplatz einer Blutrache war, welche von Kind zu Kind die einzelnen Glieder der beiden Familien vernichtete. Das schlimmste Verbrechen war das sogenannte Mahl des 'Thyestes. Atreus nämlich, der in Erfahrung brachte, daß seine Gemahlin von Thyestes zur Untreue verführt worden sei, lud den letzteren samt seinen beiden Söhnen zu einem Gastmahl ein. Der Schuldbewußte ließ sich verlocken, und kam zu dem Mahle.
[ 13 ] Diese Gedanken kamen dem Zuhörer bei dem, was der Professor Dr. Lövius ausführte, nicht wahr, daß jener ein Duell mit dem Vater hatte und sich dadurch die Gemahlin erwarb. Noch war ihm, wie sein Glück bewies, die Gnade des Himmels keineswegs entzogen. Doch bald machte er sich ihrer Gunst durch mancherlei Handlungen so unwürdig, daß der Segen aus seinem Hause schied. Aus seiner Ehe mit Hippodameia stammten die beiden Söhne Atreus und Thyestes ab, welche mit Mordschuld befleckt nach Argos flüchteten, wo sie den Thron dieses Reiches von ihrem Vetter Eurysthes erbten. Dort beging das Bruderpaar neue Greuel, so daß der königliche Palast von Mykenä der Schauplatz einer Blutrache war, welche von Kind zu Kind die einzelnen Glieder der beiden Familien vernichtete. Das schlimmste Verbrechen war das sogenannte Mahl des 'Thyestes. Atreus nämlich, der in Erfahrung brachte, daß seine Gemahlin von Thyestes zur Untreue verführt worden sei, lud den letzteren samt seinen beiden Söhnen zu einem Gastmahl ein. Der Schuldbewußte ließ sich verlocken, und kam zu dem Mahle.
[ 14 ] Das erinnerte diesen Menschenkenner sehr an den Streit vom Großvater und dessen Bruder, der ihm die Söhne verführt und sie in allerlei hineingebracht hatte, wodurch die Söhne zugrunde gegangen sind, wie es in den Familienakten stand.
[ 14 ] Das erinnerte diesen Menschenkenner sehr an den Streit vom Großvater und dessen Bruder, der ihm die Söhne verführt und sie in allerlei hineingebracht hatte, wodurch die Söhne zugrunde gegangen sind, wie es in den Familienakten stand.
[ 15 ] Doch das Gräßliche geschah: Atreus setzte dem Bruder das insgeheim geschlachtete Söhnepaar vor. Dieser trank vom Blut. — Das ist Ja eigentlich auch «erbliche Belastung»: Der alte Tantalus hat das schon gegenüber den Göttern getan, jetzt tut es der Enkel! — Dies war eine Untat, vor welcher Apoll seine Sonnenrosse schaudernd umwandte, als er auf Mykenä niedersah. Ihr Rächer war ein später geborener Sohn des Thyestes namens Agisthus. Ägisthus, von dem scheußlichen Vorfall unterrichtet, tötete zuerst seinen Oheim Atreus und lauerte dann auch dessen Kindern auf.
[ 15 ] Doch das Gräßliche geschah: Atreus setzte dem Bruder das insgeheim geschlachtete Söhnepaar vor. Dieser trank vom Blut. — Das ist Ja eigentlich auch «erbliche Belastung»: Der alte Tantalus hat das schon gegenüber den Göttern getan, jetzt tut es der Enkel! — Dies war eine Untat, vor welcher Apoll seine Sonnenrosse schaudernd umwandte, als er auf Mykenä niedersah. Ihr Rächer war ein später geborener Sohn des Thyestes namens Agisthus. Ägisthus, von dem scheußlichen Vorfall unterrichtet, tötete zuerst seinen Oheim Atreus und lauerte dann auch dessen Kindern auf.
[ 16 ] Atreus hatte von seiner Gattin A&rope zwei Söhne, Agamemnon und Menelaus, genannt die Atriden oder Atreussöhne. Ihnen gegenüber spann Ägisthus, der letzte Sohn des Thyestes, heimtückische Rachepläne. Doch konnte er nicht eher aus dem Versteck hervortreten, als bis die beiden verwandten Brüder den großen Heerzug nach Troja unternommen hatten. Nach ihrer Entfernung wußte er die leidenschaftliche Königin zu betören. Klytamnästra hatte ihrem Gemahl drei Töchter und einen Sohn geboren — jene Tochter, die uns vor allem interessiert, heißt Iphigenia —, und den Sohn Orestes. Iphigenia, die älteste Tochter, fie] als Schlachtopfer auf dem Altar der Artemis, der Diana, denn diese Göttin hatte wider die abziehenden Griechen heftigen Groll gefaßt und mußte durch die Tochter versöhnt werden. Die Mutter haßte den Gemahl und ging auf die ihr zugeflüsterten Mordgedanken ein. — Nun wissen wir, daß Iphigenia nach Tauris entrückt wurde und in dem Gehege eines Tempels zu sich kam. Wir wissen, daß sie in eine ländliche Gegend versetzt wurde, in eine Umgebung, wo sie unschädlich war, ein Schicksal, ähnlich dem unserer Ururenkelin. — Die weiteren Geschehnisse im Hause brauche ich nicht zu erzählen. Aber nun berichtet der Mythos noch das Folgende: Nachdem Orestes seine Schwester Iphigenia in Tauris wiedergefunden und sie ihn vom Wahnsinn geheilt hatte, brachte er sie nach Griechenland zurück. Dann wird weiter erzählt, daß Iphigenia, als sie nach Griechenland zurückgekehrt war, eine Art Orakel, eine Opferstätte für die taurische Diana errichtete, was ins Griechische übertragen, ungefähr dasselbe wäre, als wenn jetzt jemand ein Asyl für Kranke errichten würde nach solchen geisteswissenschaftlichen Grundsätzen, wie ich sie erwähnt habe.
[ 16 ] Atreus hatte von seiner Gattin A&rope zwei Söhne, Agamemnon und Menelaus, genannt die Atriden oder Atreussöhne. Ihnen gegenüber spann Ägisthus, der letzte Sohn des Thyestes, heimtückische Rachepläne. Doch konnte er nicht eher aus dem Versteck hervortreten, als bis die beiden verwandten Brüder den großen Heerzug nach Troja unternommen hatten. Nach ihrer Entfernung wußte er die leidenschaftliche Königin zu betören. Klytamnästra hatte ihrem Gemahl drei Töchter und einen Sohn geboren — jene Tochter, die uns vor allem interessiert, heißt Iphigenia —, und den Sohn Orestes. Iphigenia, die älteste Tochter, fie] als Schlachtopfer auf dem Altar der Artemis, der Diana, denn diese Göttin hatte wider die abziehenden Griechen heftigen Groll gefaßt und mußte durch die Tochter versöhnt werden. Die Mutter haßte den Gemahl und ging auf die ihr zugeflüsterten Mordgedanken ein. — Nun wissen wir, daß Iphigenia nach Tauris entrückt wurde und in dem Gehege eines Tempels zu sich kam. Wir wissen, daß sie in eine ländliche Gegend versetzt wurde, in eine Umgebung, wo sie unschädlich war, ein Schicksal, ähnlich dem unserer Ururenkelin. — Die weiteren Geschehnisse im Hause brauche ich nicht zu erzählen. Aber nun berichtet der Mythos noch das Folgende: Nachdem Orestes seine Schwester Iphigenia in Tauris wiedergefunden und sie ihn vom Wahnsinn geheilt hatte, brachte er sie nach Griechenland zurück. Dann wird weiter erzählt, daß Iphigenia, als sie nach Griechenland zurückgekehrt war, eine Art Orakel, eine Opferstätte für die taurische Diana errichtete, was ins Griechische übertragen, ungefähr dasselbe wäre, als wenn jetzt jemand ein Asyl für Kranke errichten würde nach solchen geisteswissenschaftlichen Grundsätzen, wie ich sie erwähnt habe.


[ 17 ] Damit wollte ich nur sagen: Denkbar ist der etwa gleiche Vorgang im alten Griechenland und in der neueren Zeit. Je nachdem die Zeiten sind, trägt er sich zu. Denn Sie sehen, daß der Vorgang aus dem 19. und 18. Jahrhundert, den ich zunächst erzählt habe, sich genau so, wie ich ihn erzählt habe, hätte abspielen können. Niemand wird das geringste Detail bezweifeln können. Ebenso wird niemand das ganze Drum und Dran bezweifeln können, das ich entwickelt habe. Aber ein gewisser Unterschied herrscht doch: nämlich wie man diesen Fall empfindet, wie man über ihn denkt.
[ 17 ] Damit wollte ich nur sagen: Denkbar ist der etwa gleiche Vorgang im alten Griechenland und in der neueren Zeit. Je nachdem die Zeiten sind, trägt er sich zu. Denn Sie sehen, daß der Vorgang aus dem 19. und 18. Jahrhundert, den ich zunächst erzählt habe, sich genau so, wie ich ihn erzählt habe, hätte abspielen können. Niemand wird das geringste Detail bezweifeln können. Ebenso wird niemand das ganze Drum und Dran bezweifeln können, das ich entwickelt habe. Aber ein gewisser Unterschied herrscht doch: nämlich wie man diesen Fall empfindet, wie man über ihn denkt.
[ 18 ] Wir haben gesehen, wie der Professor Lövius im 19., 20. Jahrhundert konstatierte: Erbliche Belastung! Schulfall! Der Grieche sagte sich: Wenn so etwas geschieht, so drückt sich gerade in einem solchen Geschehen aus, welche tieferen Kräfte in der Geschichte der Menschheit walten, und er dichtete den Mythos darüber. Professor Dr. Löviusse hat es im alten Griechenland nicht gegeben, aber einen Dichter, der in tieferem Sinne diese ein, zwei, drei, vier, fünf Generationen (siehe Zeichnung) verstanden und sie in solcher Weise gedichtet hat, daß die Dichter darüber fortwährend noch fortdichten bis zu Goethes herrlicher «Iphigenie». Und dabei ist der Unterschied gar nicht einmal so groß. Denn denken Sie einmal, Sie brauchen heute nur eine Psychologie oder Psychiatrie eines der vielen Naturforscher in dieHand zu nehmen, die über Seelenkunde und über Geisteskräfte handelt, so werden Sie überall finden, daß man das Folgende sagt: Der gesunde Mensch als solcher ist in seinen seelischen Eigenschaften außerordentlich schwierig zu studieren. Aber am Krankenbett und in der Klinik und durch die Sektion von Geisteskranken lernt man auch viel Entsprechendes über den normalen Gang der gesunden Seele, und ungeheuer viel wird aus der kranken Seele auf die gesunde geschlossen. Ich erinnere nur daran, daß man zum Beispiel das Sprachzentrum, den Ort, in dem die Sprache konzentriert ist, zu erkennen glaubte, indem man es am kranken Menschen, der an mangelnder Sprachfähigkeit leidet, untersuchte. So sagte man sich: Gerade an dem, was nicht in der Ordnung ist, kann man lernen, was am Gesunden waltet.
[ 18 ] Wir haben gesehen, wie der Professor Lövius im 19., 20. Jahrhundert konstatierte: Erbliche Belastung! Schulfall! Der Grieche sagte sich: Wenn so etwas geschieht, so drückt sich gerade in einem solchen Geschehen aus, welche tieferen Kräfte in der Geschichte der Menschheit walten, und er dichtete den Mythos darüber. Professor Dr. Löviusse hat es im alten Griechenland nicht gegeben, aber einen Dichter, der in tieferem Sinne diese ein, zwei, drei, vier, fünf Generationen (siehe Zeichnung) verstanden und sie in solcher Weise gedichtet hat, daß die Dichter darüber fortwährend noch fortdichten bis zu Goethes herrlicher «Iphigenie». Und dabei ist der Unterschied gar nicht einmal so groß. Denn denken Sie einmal, Sie brauchen heute nur eine Psychologie oder Psychiatrie eines der vielen Naturforscher in dieHand zu nehmen, die über Seelenkunde und über Geisteskräfte handelt, so werden Sie überall finden, daß man das Folgende sagt: Der gesunde Mensch als solcher ist in seinen seelischen Eigenschaften außerordentlich schwierig zu studieren. Aber am Krankenbett und in der Klinik und durch die Sektion von Geisteskranken lernt man auch viel Entsprechendes über den normalen Gang der gesunden Seele, und ungeheuer viel wird aus der kranken Seele auf die gesunde geschlossen. Ich erinnere nur daran, daß man zum Beispiel das Sprachzentrum, den Ort, in dem die Sprache konzentriert ist, zu erkennen glaubte, indem man es am kranken Menschen, der an mangelnder Sprachfähigkeit leidet, untersuchte. So sagte man sich: Gerade an dem, was nicht in der Ordnung ist, kann man lernen, was am Gesunden waltet.
[ 19 ] Man denke sich das nun nicht im 19. Jahrhundert, sondern in der Sprache der Griechen, so würde es so lauten: Wollen wir wissen, was für Kräfte im Fortgange der Menschheitsentwickelung walten, so müssen wir nicht zu denjenigen Menschen gehen und sie studieren, die in ihrem Seelenleben und allem, was sie so sind, nur das sogenannte Gesunde zeigen, sondern da müssen wir zu allerlei Menschen gehen, die gegenüber dem Normalen abnorme Eigenschaften haben. Wie es mit den Griechen gekommen ist, suchten also diese griechischen Dichter zu verstehen, die zugleich noch in gewisser Beziehung griechische Weise waren, weil da Weisheit und Schönheit miteinander verbunden waren. So kam es, daß diese griechischen Dichter gerade das Schicksal des Griechentums an diesen anormalen Generationen darstellten.
[ 19 ] Man denke sich das nun nicht im 19. Jahrhundert, sondern in der Sprache der Griechen, so würde es so lauten: Wollen wir wissen, was für Kräfte im Fortgange der Menschheitsentwickelung walten, so müssen wir nicht zu denjenigen Menschen gehen und sie studieren, die in ihrem Seelenleben und allem, was sie so sind, nur das sogenannte Gesunde zeigen, sondern da müssen wir zu allerlei Menschen gehen, die gegenüber dem Normalen abnorme Eigenschaften haben. Wie es mit den Griechen gekommen ist, suchten also diese griechischen Dichter zu verstehen, die zugleich noch in gewisser Beziehung griechische Weise waren, weil da Weisheit und Schönheit miteinander verbunden waren. So kam es, daß diese griechischen Dichter gerade das Schicksal des Griechentums an diesen anormalen Generationen darstellten.
[ 20 ] Aber der Grieche unterschied einiges. Der große Unterschied in der Art, wie der Professor Dr. Lövius spricht und wie der Grieche spricht, besteht darin, daß der Grieche etwas über die Geheimnisse der menschlichen Seele weiß. Ein großer Unterschied besteht zwischen dem, was in der Seele die Erzählung von dem außerordentlichen Mythos der Atriden, der Iphigenia, Tantalus und Pelops wachruft, und alledem, was sich an Vorstellungen in unserer Seele ansetzt, wenn wir den bebrillten Professor Dr. Lövius hören, der da sagt: «Alles erbliche Belastung!» Denn «erbliche Belastung» ist dasjenige, was den Schulfall doch in seiner vollen Gestalt nach der neueren Wissenschaft, nach dem Wissen des fünften nachatlantischen Zeitraums erfüllt. Darin haben wir den Gegensatz zu einem Menschen, der noch ganz im Griechentum darin steht. Denken Sie sich den Griechen, der auch schildern wollte, wie Iphigenia, nachdem sie durchlebt hatte, was der Grieche in dem Geschehen auf Aulis ausdrückte, dann versetzt worden wäre in eine fremde Gegend, nach Tauris, dort das Wiedersehen mit Orestes erlebt hätte und so weiter, was der Grieche alles erzählt hat, denken Sie sich nun, wie das wieder aufgegangen ist in Goethes «Iphigenie»! Versetzen Sie sich in den einzigen Augenblick, wo der König Thoas in Tauris vor Iphigenie steht, in Goethes Diktum, wo er wirbt um Iphigenie, und wo Iphigenie sich verpflichtet fühlt, die Worte auszusprechen: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!» — «Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.»
[ 20 ] Aber der Grieche unterschied einiges. Der große Unterschied in der Art, wie der Professor Dr. Lövius spricht und wie der Grieche spricht, besteht darin, daß der Grieche etwas über die Geheimnisse der menschlichen Seele weiß. Ein großer Unterschied besteht zwischen dem, was in der Seele die Erzählung von dem außerordentlichen Mythos der Atriden, der Iphigenia, Tantalus und Pelops wachruft, und alledem, was sich an Vorstellungen in unserer Seele ansetzt, wenn wir den bebrillten Professor Dr. Lövius hören, der da sagt: «Alles erbliche Belastung!» Denn «erbliche Belastung» ist dasjenige, was den Schulfall doch in seiner vollen Gestalt nach der neueren Wissenschaft, nach dem Wissen des fünften nachatlantischen Zeitraums erfüllt. Darin haben wir den Gegensatz zu einem Menschen, der noch ganz im Griechentum darin steht. Denken Sie sich den Griechen, der auch schildern wollte, wie Iphigenia, nachdem sie durchlebt hatte, was der Grieche in dem Geschehen auf Aulis ausdrückte, dann versetzt worden wäre in eine fremde Gegend, nach Tauris, dort das Wiedersehen mit Orestes erlebt hätte und so weiter, was der Grieche alles erzählt hat, denken Sie sich nun, wie das wieder aufgegangen ist in Goethes «Iphigenie»! Versetzen Sie sich in den einzigen Augenblick, wo der König Thoas in Tauris vor Iphigenie steht, in Goethes Diktum, wo er wirbt um Iphigenie, und wo Iphigenie sich verpflichtet fühlt, die Worte auszusprechen: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!» — «Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.»
[ 21 ] Das ganze Griechentum lebt wiederum auf in dem, was in einem solchen Fall des Seelenlebens der Grieche oder der wiedererstandene Grieche zu sagen hat: «Ich bin aus Tantalus Geschlecht.» Und dann kommt man sich vor, wie wenn zu einem Fenstergitterchen, nachdem das gesprochen worden ist, der Professor Dr. Lövius hereinkicherte: «Hihihi! Erbliche Belastung!» — Da haben Sie den ganzen Unterschied zwischen dem, was der vierte nachatlantische Zeitraum darbot, und dem, was der fünfte, unser nachatlantischer Zeitraum darbietet. Denn tatsächlich, die beiden Dinge dürfen miteinander verglichen werden. Ich habe nicht im allergeringsten Sinne übertrieben, sondern nur ganz sachlich geschildert. Die beiden Dinge dürfen miteinander verglichen werden, und zwar deshalb, weil eben an die Stelle der Gestaltung des griechischen Mythos, an die Stelle dessen, was mit dem griechischen Mythos gemeint war, nun die Lehre von der erblichen Belastung getreten ist, bis in die Dichtung hinein. Denn schließlich, man braucht bloß Sophokles oder Aschylos mit Ibsen zu vergleichen, dann hat man auch in der. Dichtung genau denselben Gegensatz, nur daß bei den Griechen Wissenschaft und Dichtung eben nicht so auseinander traten. Sie brauchen nur nachzulesen, was ich über die Mysterien und über die Entstehung von Kunst und Religion aus den Mysterien gesagt habe, so werden Sie verstehen, daß neben einem griechischen Ibsen nicht auch noch ein griechischer Professor Dr. Lövius gewesen ist: die wären ein und dasselbe. Aber sie wären eben diejenigen, die den ganzen Mythos verfaßten, das, was der Mythos als Wahrheit enthielt. Denn, was Gesundheit war, was ärztliche Kunst war, was die Kunst des Merkur mit dem Merkurstab war, das wurde im alten Griechenland auch nicht anders als in Form von Erzählungen vorgebracht, genau wie diese Erzählung von Tantalus’ Geschlecht und Iphigenie. Es war dazumal nicht üblich, schon in abstrakten Begriffen zu sprechen, sondern man sprach in Bildern. Und durch Bilder stellte man die Wahrheit dar. Und das, was das griechische Seelenleben ausfüllte, was diese griechische Seele ganz innerlich organisierte, das verhält sich zu dem, was heute als Wahrheit, für den Urcharakter der Wahrheit hingenommen wird, wie: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!» zu: «Hihihi! Erbliche Belastung».
[ 21 ] Das ganze Griechentum lebt wiederum auf in dem, was in einem solchen Fall des Seelenlebens der Grieche oder der wiedererstandene Grieche zu sagen hat: «Ich bin aus Tantalus Geschlecht.» Und dann kommt man sich vor, wie wenn zu einem Fenstergitterchen, nachdem das gesprochen worden ist, der Professor Dr. Lövius hereinkicherte: «Hihihi! Erbliche Belastung!» — Da haben Sie den ganzen Unterschied zwischen dem, was der vierte nachatlantische Zeitraum darbot, und dem, was der fünfte, unser nachatlantischer Zeitraum darbietet. Denn tatsächlich, die beiden Dinge dürfen miteinander verglichen werden. Ich habe nicht im allergeringsten Sinne übertrieben, sondern nur ganz sachlich geschildert. Die beiden Dinge dürfen miteinander verglichen werden, und zwar deshalb, weil eben an die Stelle der Gestaltung des griechischen Mythos, an die Stelle dessen, was mit dem griechischen Mythos gemeint war, nun die Lehre von der erblichen Belastung getreten ist, bis in die Dichtung hinein. Denn schließlich, man braucht bloß Sophokles oder Aschylos mit Ibsen zu vergleichen, dann hat man auch in der. Dichtung genau denselben Gegensatz, nur daß bei den Griechen Wissenschaft und Dichtung eben nicht so auseinander traten. Sie brauchen nur nachzulesen, was ich über die Mysterien und über die Entstehung von Kunst und Religion aus den Mysterien gesagt habe, so werden Sie verstehen, daß neben einem griechischen Ibsen nicht auch noch ein griechischer Professor Dr. Lövius gewesen ist: die wären ein und dasselbe. Aber sie wären eben diejenigen, die den ganzen Mythos verfaßten, das, was der Mythos als Wahrheit enthielt. Denn, was Gesundheit war, was ärztliche Kunst war, was die Kunst des Merkur mit dem Merkurstab war, das wurde im alten Griechenland auch nicht anders als in Form von Erzählungen vorgebracht, genau wie diese Erzählung von Tantalus’ Geschlecht und Iphigenie. Es war dazumal nicht üblich, schon in abstrakten Begriffen zu sprechen, sondern man sprach in Bildern. Und durch Bilder stellte man die Wahrheit dar. Und das, was das griechische Seelenleben ausfüllte, was diese griechische Seele ganz innerlich organisierte, das verhält sich zu dem, was heute als Wahrheit, für den Urcharakter der Wahrheit hingenommen wird, wie: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!» zu: «Hihihi! Erbliche Belastung».
[ 22 ] Das ist es, meine lieben Freunde, was man sich in die Seele schreiben muß über etwas, was herabgestiegen ist vom alten Griechentum bis heute, ein herabgehender Weg. Er kann uns Anleitung geben über dasjenige, was entwickelt werden muß, um wieder hinaufzukommen. Das würde uns heute zu weit führen. Ich will für diejenigen, die es noch hören wollen, dann morgen die Fortsetzung dieser Betrachtungen anstellen.
[ 22 ] Das ist es, meine lieben Freunde, was man sich in die Seele schreiben muß über etwas, was herabgestiegen ist vom alten Griechentum bis heute, ein herabgehender Weg. Er kann uns Anleitung geben über dasjenige, was entwickelt werden muß, um wieder hinaufzukommen. Das würde uns heute zu weit führen. Ich will für diejenigen, die es noch hören wollen, dann morgen die Fortsetzung dieser Betrachtungen anstellen.
