The Spiritual Unification of Humanity
through the Christ Impulse
GA 165
6 January 1916, Dornach
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The Spiritual Unification of Humanity through the Christ Impulse, tr. SOL
Wandlungen des menschlichen Empfindungs- und Gedankenelementes von der vierten zur fünften Kulturepoche I
Transformations of the Human Elements of Feeling and Thought from the Fourth to the Fifth Cultural Epoch I
[ 1 ] Es obliegt mir, einiges über den Unterschied der Denkungs- und Vorstellungsweise unseres fünften nachatlantischen Zeitraums gegenüber dem vierten nachatlantischen Zeitraum zu sprechen. Namentlich möchte ich zunächst heute andeuten, in bezug auf welches Gedanken- und Empfindungselement sich vieles geändert hat von dem einen Zeitraum, dem einen. Zyklus in den andern Zyklus hinein. Und ich möchte namentlich andeuten, inwiefern gewisse Vorstellungsarten und Empfindungsarten gewissermaßen in eine tiefere Sphäre heruntergestiegen sind, um dann anzudeuten, was insbesondere nötig ist im fünften nachatlantischen Zeitraum, in dem wir selber sind, damit die Menschheit wiederum einen Aufstieg unternehmen kann.
[ 1 ] It falls to me to speak a bit about the difference in the modes of thought and imagination of our fifth post-Atlantean epoch compared to the fourth post-Atlantean epoch. Specifically, I would like to begin today by indicating with regard to which element of thought and feeling much has changed from one epoch—that one— cycle to the other cycle. And I would like, in particular, to indicate to what extent certain modes of imagination and feeling have, so to speak, descended into a deeper sphere, and then to suggest what is especially necessary in the fifth post-Atlantean epoch—in which we ourselves now live—so that humanity can once again embark on an ascent.
[ 2 ] Nun habe ich lange versucht zu erforschen, wie die Sache sich am anschaulichsten darstellen läßt, und möchte aus diesen Forschungen heraus heute versuchen, die Sache gleichsam bildhaft zur Anschauung zu bringen. Aus diesem Grunde möchte ich damit beginnen, daß ich Ihnen einiges, sagen wir, in einer Art novellistischer Form erzähle, was sich bei mir aus gewissen Dingen zusammengefunden hat.
[ 2 ] I have long sought to determine how this matter can be presented most vividly, and based on these explorations, I would like to try today to bring the matter to life, so to speak, in a pictorial way. For this reason, I would like to begin by telling you—let’s say—in a sort of short-story format—about certain things that have come together in my mind.
[ 3 ] Ich möchte davon erzählen, daß in einer Zeit, die nicht sehr weit zurückliegt, eine Familie lebte, die einer andern Familie nahegestanden hat. Und weil allerlei Vorkommnisse der einen Familie einem Angehörigen der andern Familie außerordentlich interessant und bedeutsam waren, so versuchte dieser Angehörige der andern Familie hinter die Gründe der Vorkommnisse zu kommen. Ich will davon ausgehen, daß sich in dieser erstgemeinten Familie ein junges Mädchen fand — wie gesagt, die Sache gehört schon ein wenig der Vergangenheit an —, das noch lange nicht die Zwanzigerjahre erreicht hatte. Der Vater dieses Mädchens war ein Krieger, und die Zeit, auf die wir jetzt besonders hinschauen, war vor einem größeren Kriege, den der Vater dieses Mädchens mitzumachen hatte. Das Mädchen aber war gewissermaßen verlobt mit einem andern Krieger, der auch in den Krieg ziehen mußte, und sie hatte ihn außerordentlich gern, so daß sie tief, tief unglücklich war darüber, daß er in den Krieg ziehen mußte. Und da sie den Gedanken hatte, daß ihr Vater mitschuldig wäre an dem ganzen Ausbruche des Krieges, so faßte sie auch in ihrem Inneren, ohne daß sie es zunächst äußerlich merken ließ, eine Art Groll gegen den Vater. Und je mehr die Zeit heranrückte, desto mehr kamen die Vorstellungen und Empfindungen dieses jungen Mädchens in Verwirrung. Sie konnte das gar nicht ertragen, daß sie den Geliebten verlieren sollte. Und weil diese Empfindungen so tief in ihr saßen, so entstellte sich ihr vollständig das Bild des eigenen Vaters. Der Groll in ihr wuchs immer mehr. Der Krieg kam. Aber, was in der Seele des jungen Mädchens Platz gegriffen hatte, das wuchs geradezu wie zu einer Art Seelenverwirrung, bis zu jener Art Seelenverwirrung, die die Ärzte in unserer Zeit durchaus als eine Art von Geisteskrankheit auffassen. Und so hatte dieses junge Mädchen namentlich über den Ausbruch des Krieges allerlei seelische Erfahrungen, aber solche, die schon in die Geisteskrankheit hineingingen: Visionen und allerlei Ähnliches. Namentlich war eine starke Vision diese: ihr Geliebter werde im Kriege fallen, und alles dasjenige, was sie im Verein mit dem Geliebten noch in der Welt hätte leisten können, würde mit seinem Tod wegfallen, und sie würde eigentlich mit alledem, was in ihren Absichten lag, ein Opfer des Krieges werden. Die Geisteskrankheit brach immer mehr aus. Es kam dazu, daß die Ärzte es am besten fanden, sie in weitab liegende ländliche Verhältnisse zu bringen, wo sie gut beaufsichtigt war, wo sie auch durch eine gewisse Art der Seelen ihrer Umgebung, so wie es bei solchen Kranken vorkommen kann, segensreich wirkte, aber ohne daß man jemals hätte eine Hoffnung haben können, daß sich nicht wiederum die ganze Abnormität der Geisteskrankheit zeigen würde, wenn sie den Verhältnissen entnommen und in andere Verhältnisse hineinkommen würde. Und so lebte sie denn da jahrelang.
[ 3 ] I would like to tell the story of how, not very long ago, there was a family that was close to another family. And because all sorts of events in the first family were of extraordinary interest and significance to a member of the other family, this member of the other family tried to get to the bottom of the reasons behind those events. I’ll assume that in this first family there was a young girl—as I said, this story is already somewhat in the past—who was still far from reaching her twenties. This girl’s father was a soldier, and the period we are now focusing on took place before a major war in which her father was to take part. The girl, however, was, so to speak, engaged to another soldier who also had to go to war, and she loved him dearly, so that she was deeply, deeply unhappy that he had to go to war. And since she believed that her father was partly to blame for the outbreak of the war, she began to harbor a kind of resentment toward him deep within herself, though she did not initially let it show outwardly. And the closer the time drew near, the more the mental images and feelings of this young girl became confused. She simply could not bear the thought of losing her beloved. And because these feelings ran so deep within her, the image she had of her own father became completely distorted. The resentment within her grew ever stronger. The war came. But what had taken root in the young girl’s soul grew into a kind of mental confusion—the sort that doctors today would certainly classify as a form of mental illness. And so, particularly following the outbreak of the war, this young girl experienced all manner of psychological phenomena—ones that already bordered on mental illness: visions and all manner of similar phenomena. One particularly powerful vision was this: her beloved would fall in the war, and everything she could still have accomplished in the world together with him would be lost with his death, and she herself, along with all her aspirations, would in fact become a victim of the war. Her mental illness became increasingly pronounced. It came to the point where the doctors deemed it best to place her in a remote rural setting, where she was well supervised, and where the particular nature of the people around her—as can sometimes happen with such patients—had a beneficial effect on her, though there was never any hope that the full extent of her mental illness would not resurface if she were removed from those circumstances and placed in a different environment. And so she lived there for years.
[ 4 ] Der Krieg war längst vorüber, es waren dann andere fatale Verhältnisse in der Familie eingetreten, die ich im einzelnen nicht genauer charakterisieren will, allerlei fatale Verhältnisse, darunter war auch das, daß nach einer ziemlichen Anzahl von Jahren auch bei dem Bruder dieses Mädchens eine Geisteskrankheit ausbrach. Nur stellte sich das Eigentümliche heraus, daß der Bruder, der die Geisteskrankheit des Mädchens ins Männliche umgesetzt hatte, nun auch nach allerlei andern Beschlüssen, die man gefaßt hatte, von einem verständigen Menschen gerade dorthin gebracht wurde, wo das Mädchen war. Und siehe da, die ganz merkwürdige Tatsache stellte sich heraus, daß der Bruder, trotzdem er auch als geisteskrank angesehen wurde, auf das Mädchen günstig wirkte, und daß sie sich in ihrer Einsamkeit, in der sie sich unter den andern Leuten getroffen hatten, und durch das ganze Milieu veranlaßt, wiedererkannten, trotzdem sie sich viele Jahre nicht gesehen hatten, und aneinander gesundeten. So daß das Mädchen nach Hause zurückkehren konnte und in ihrer Heimat eine Art Asyl gründete, das derart eingerichtet war, daß dort insbesondere solche Kranke, wie sie beide waren, auf eine vernünftige Weise, durch Erkenntnis der Gründe, auf seelische Art geheilt werden konnten. Das Asyl, das sie begründete, hatte einen tief religiösen Charakter.
[ 4 ] The war had long since ended, and other tragic circumstances had since arisen within the family—circumstances I do not wish to describe in detail—all sorts of tragic circumstances, including the fact that, after quite a number of years, this girl’s brother also developed a mental illness. But what turned out to be peculiar was that the brother, who had channeled the girl’s mental illness into a masculine form, was now—following all sorts of other decisions that had been made—taken by a sensible person to the very place where the girl was. And lo and behold, the most remarkable fact emerged: that the brother, even though he too was considered mentally ill, had a beneficial effect on the girl; and that, in their solitude—where they had found each other among other people—and prompted by the entire environment, they recognized one another despite not having seen each other for many years, and were healed by each other’s presence. As a result, the girl was able to return home and establish a kind of asylum in her hometown, which was set up in such a way that patients like the two of them, in particular, could be healed in a reasonable manner—through an understanding of the underlying causes—and in a spiritual sense. The asylum she founded had a deeply religious character.
[ 5 ] Nun sagte ich, dieser Familie, der diese Ereignisse angehörten, stand eine andere Familie nahe. Ein Angehöriger dieser andern Familie interessierte sich sehr für alle diese merkwürdigen Geschehnisse und sagte: Das muß man untersuchen, was da eigentlich für ein kurioser Fall vorliegt. Die Ereignisse, die ich jetzt anführe, sind wenige Jahre zurückliegend zu denken. Er wandte sich also an einen medizinisch-naturwissenschaftlich gebildeten Mann, einen Arzt, der ihm bekannt war, und der sich seines Zeichens Psychopathologe nannte, weil er Psychopathologie trieb. Nennen wir diesen Arzt, diesen Psychopathologen, Lövius, Professor Dr. Lövius. Er teilte dem Arzt zunächst mit, was er wußte, namentlich über die beiden Kinder, über die Art der Entstehung der Krankheit des Mädchens durch den Groll gegenüber dem Vater; wie er sie hatte beobachten können, was er von der Sache gesehen hatte. Der Professor Dr. Lövius hörte sehr aufmerksam zu, machte ein außerordentlich ernstes Gesicht, dachte tief nach und sagte: Da muß im höchsten Grade eine erbliche Belastung vorliegen. Erbliche Belastung, das ist ganz zweifellos, wir haben es mit einer erblichen Belastung zu tun. Da müssen wir in den Familienakten genau nachsehen, müssen alles einzelne erforschen!
[ 5 ] Now, I said, this family—to whom these events pertained—was close to another family. A member of that other family took a keen interest in all these strange occurrences and said, “We must investigate what kind of curious case this actually is.” The events I am about to describe took place a few years ago. He therefore turned to a man with a background in medicine and the natural sciences—a doctor he knew—who called himself a psychopathologist because he practiced psychopathology. Let’s call this doctor, this psychopathologist, Lövius—Professor Dr. Lövius. He first told the doctor what he knew, specifically about the two children, about how the girl’s illness had arisen from her resentment toward her father; how he had been able to observe her, and what he had witnessed regarding the matter. Professor Dr. Lövius listened very attentively, put on an exceptionally serious expression, thought deeply, and said: “There must be a hereditary predisposition of the highest degree. Hereditary predisposition—there is no doubt about it; we are dealing with a hereditary predisposition. We must examine the family records closely and investigate every detail!”
[ 6 ] Und siehe da, man trug alles mögliche zusammen aus den Familienakten. Es ergab sich, wie man sagt, der glückliche Zufall, daß man weit hinauf, bis zum Großvater, Urgroßvater und sogar bis zum Ururgroßvater dieEigenschaften, die Qualitäten der Vorfahren erforschen konnte. Lange beschäftigte sich der Professor Dr. Lövius mit diesem Fall, und immer mehr fand man es bestätigt, daß man es mit einem außerordentlichen Fall von erblicher Belastung zu tun hatte, wie man es nennt, geradezu mit einem typischen Fall von erblicher Belastung, mit einem Schulfall außerordentlicher Art. Der Professor Dr. Lövius, der schon die Psychopathie von Conrad Ferdinand Meyer, von Viktor Scheffel, von Hebbel und von andern untersucht hatte, fand diesen Schulfall außerordentlich interessant und stellte alle die Daten zusammen, aus denen dieser Schulfall erklärbar sein kann.
[ 6 ] And lo and behold, all sorts of information was gathered from the family records. As they say, a fortunate coincidence arose: it became possible to trace the characteristics and qualities of the ancestors far back—all the way to the grandfather, great-grandfather, and even the great-great-grandfather. Professor Dr. Lövius spent a long time studying this case, and it became increasingly clear that they were dealing with an extraordinary case of hereditary predisposition, as it is called—indeed, a textbook case of hereditary predisposition, a textbook case of an extraordinary nature. Professor Dr. Lövius, who had already studied the psychopathy of Conrad Ferdinand Meyer, Viktor Scheffel, Hebbel, and others, found this textbook case exceptionally interesting and compiled all the data that could be used to explain it.


[ 7 ] Versuchen wir einmal, schematisch dem Manne zu folgen. Wir haben es also zunächst bei dem, was man von dem Fall wissen konnte, mit der Tochter jenes Kriegers und mit ihrem Bruder zu tun — das sind zunächst die beiden Individuen. Gehen wir weiter hin auf, so kommen wir zum Vater. Den Vater, den hat der Professor Dr. Lövius zunächst aufs Korn genommen, hat gefunden, daß er etwas außerordentlich Gewaltsames in seinem Charakter hatte und ein über das Maß ehrgeiziger Mann war, allerdings auch ein Mann mit viel Initiative. Er hatte Eigenschaften, die sich in einer ganz sonderbaren Weise als in Stärke umgesetzte Eigenschaften bei seinem Bruder wiederfanden — man muß ja in einem solchen Falle die ganzen Verwandtschaftsverhältnisse untersuchen —, der hatte sie nur in einer viel liebenswürdigeren Weise, in einer schwächlicheren Weise. Aber der Vater der beiden Geschwister, das war ein über die Maßen ehrgeiziger und außerordentlich initiative-reicher Mann.
[ 7 ] Let’s try to follow the man’s line of thought schematically. So, based on what was known about the case, we are initially dealing with the daughter of that warrior and her brother—these are the two individuals in question. Moving on, we come to the father. Professor Dr. Lövius initially focused on the father, finding that he had something extraordinarily violent in his character and was a man of excessive ambition, though also a man with great initiative. He had traits that were reflected in a very peculiar way—as traits transformed into strength—in his brother—one must, after all, examine the entire family relationships in such a case—only his brother possessed them in a much more amiable, more feeble manner. But the father of the two siblings was a man who was exceedingly ambitious and possessed an extraordinary amount of initiative.
[ 8 ] Solches Übermaß von Ehrgeiz, Tatendrang, auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen die Welt, das muß man natürlich in der Vererbungslinie weiter zurückverfolgen. Da ging man also zunächst zu dem Vater des Vaters hinauf. Also kommen wir zu dem Vater des Vaters, der wiederum einen Bruder hatte. Da stellte sich die außerordentlich interessante Tatsache heraus, daß die Brüder durch zwei Generationen hindurch so gewisse Ähnlichkeiten und auch Verschiedenheiten hatten. Da war nämlich wiederum der Vater des Vaters, also der Großvater unseres jungen Mädchens, der — während der Vater bloß ein übertrieben ehrgeiziger und energischer Mann war —, schon eine Art Wüterich war. Beim Vater hatte sich die Eigenschaft geschwächt. Aber der Bruder war ein liebenswürdiger Mann, der durch seine Güte eigentlich schon ins Krankhafte ausartete, ins Abnorme. Abnorm — das ist die Ähnlichkeit — waren sie eben beide in der vorvorigen Generation, aber der eine artete als Wüterich aus, und der andere artete durch Güte aus. Und da kam dieser Professor Dr. Lövius darauf, daß dieser Wüterich, also der Großvater unseres jungen Mädchens, immer darauf aus war, Zwietracht und Unheil in die Familie seines Bruders hineinzutragen. Und dieser Wüterich brachte es wirklich dahin, konstatierte der Professor Dr. Lövius — wir sind also jetzt beim Großvater —, diesem seinem Bruder die Söhne ganz zu verderben. Den einen machte er zum Spieler, den andern verführte er in einer andern Weise, kurz, er verdarb dem Vater die Söhne gründlich. Soviel war aus den Familienakten herauszukriegen: Allerlei böse Dinge waren da geschehen. So ganz klar kam man nicht hinter die Sache. Aber das war sicher klar: schließlich hatte sich der eine Mann gegen seinen Bruder, den andern Mann, so benommen, daß eigentlich die ganze Familie, alle Söhne entartet sind, nur ein einziger noch geblieben ist, der beschloß, den Vater an seinem Bruder zu rächen. Dadurch aber brachte er erst recht wiederum bei diesen Racheakten Unheil in die Familien hinein, namentlich in die Familie des Vaters unseres Mädchens. Es kam zu allen möglichen Unzukömmlichkeiten.
[ 8 ] Such an excess of ambition, drive, and even a certain resilience in the face of the world—one must, of course, trace these traits further back in the family line. So, we first went back to the father’s father. This brings us to the father’s father, who, in turn, had a brother. There, an extraordinarily interesting fact emerged: across two generations, the brothers exhibited certain similarities as well as differences. For there was, in turn, the father’s father—that is, our young girl’s grandfather—who, while her father was merely an excessively ambitious and energetic man, was already something of a hothead. In the father, this trait had weakened. But the brother was a kind man whose goodness actually bordered on the pathological, on the abnormal. Abnormal—that is the similarity—they were both in the generation before last, but one degenerated into a hothead, and the other degenerated through his goodness. And then Professor Dr. Lövius realized that this hothead—that is, our young girl’s grandfather—was always intent on sowing discord and mischief in his brother’s family. And this hothead actually succeeded, Professor Dr. Lövius noted—so we’re now talking about the grandfather—in completely corrupting his brother’s sons. He turned one into a gambler; he led the other astray in a different way; in short, he thoroughly corrupted the father’s sons. That much could be gleaned from the family records: all sorts of evil things had happened there. It wasn’t entirely clear how the matter had unfolded. But one thing was certain: ultimately, one man had behaved so badly toward his brother—the other man—that the entire family, all the sons, had actually gone astray; only one remained, who decided to avenge his father against his brother. But in doing so, through these acts of vengeance, he brought even more disaster upon the families, particularly upon the family of our girl’s father. All sorts of complications arose.
[ 9 ] Und nun sagte sich der Professor Dr. Lövius: Man muß noch weiter hinaufgehen in der Abstammungslinie. Denn dieses junge Mädchen hatte im Beginn ihres Wahnsinns ganz merkwürdige Visionen gezeigt. Sie träumte immerfort von sehr weit entfernten Gegenden, in denen sie während ihrer Mädchenzeit nicht gewesen war, die aber mit einer bestimmten Lokalität merkwürdig übereinstimmten. Aus einem Familientagebuch bekam der Professor Dr. Lövius heraus, daß in diesen Visionen etwas lebte von dem, wie die Gegend war, wo noch der Urgroßvater und der Ürurgroßvater sich einmal aufgehalten hatten. Ach, sagte sich der Professor Dr. Lövius, das ist ja ein ganz besonders interessanter Schulfall: Da tritt die Vererbung in den Vorstellungen als Visionen auf; da waren Urur- und Urgroßvater woanders als in der Gegend, in der zuletzt die Nachkommen lebten! Und das, was frühere Generationen noch durchlebt haben, hat sich so vererbt, daß die Urenkelin oder Ururenkelin davon im Wahnsinn Visionen hatte! — Das war natürlich für den Professor etwas außerordentlich Interessantes. So kam er denn dahin, daß also der Großvater wieder einen Vater hatte, der war — wie gesagt, nach einem alten Familientagebuch — aus einer ganz fremden, also andern Gegend ausgewandert, die in ihrer ganzen Kultur anders geartet war. Ich nenne keine Lokalität, weil das jetzt so unangenehm ist: Die Völker sind so gegeneinander, und wenn man jetzt Lokalitäten nennt, so werden gleich Empfindungen hervorgerufen. Also aus einer fremden Gegend kamen Urgroßvater und Ururgroßvater. Nun, aus diesem Tagebuch ergab sich denn, daß dieser Urgroßvater auch schon ein merkwürdiger Mensch war. Er hatte eben in dieser abgelegenen Gegend allerlei tolles Zeug getrieben, war auch ein Wüterich, der zuzeiten tobsüchtig geworden ist. Da er in seiner Tobsucht allerlei angestellt hatte, konnte er in der Gegend nicht bleiben, er mußte eben auswandern und wanderte in jene Gegend hin, wo dann die Nachkommen waren. Aber in der Gegend, wo die Nachkommen waren, hat er auch gleich wieder Unheil angerichtet, obwohl er später sogar ein sehr angesehener Mann geworden ist. In der Gegend, wo die Nachkommen waren, hat er dadurch Unheil angerichtet, daß er einfach, weil er in eine Frau verliebt war und deren Vater die Ehe nicht zugeben wollte, den Vater im Duell getötet hat. Auf diese Weise hat er dann die Tochter bekommen. Die Sache ist, wie man so sagt, vertuscht worden, und er konnte ein angesehener Mann werden.
[ 9 ] And now Professor Dr. Lövius said to himself: One must go even further back in the family line. For this young girl had exhibited very strange visions at the onset of her madness. She kept dreaming of places very far away—places she had never visited during her girlhood—but which strangely corresponded to a specific location. From a family diary, Professor Dr. Lövius discovered that these visions contained something of what the area was like where her great-great-grandfather and great-great-great-grandfather had once lived. “Ah,” Professor Dr. Lövius said to himself, “this is a particularly interesting case study: here, heredity manifests itself in mental images; her great-great-grandfather and great-grandfather were somewhere other than the area where their descendants most recently lived!” And what earlier generations had actually experienced had been passed down in such a way that the great-granddaughter or great-great-granddaughter had visions of it in her madness! — This was, of course, something extraordinarily interesting to the professor. So he came to the conclusion that the grandfather, in turn, had a father who—as mentioned, according to an old family diary—had emigrated from a completely foreign, that is, different region, one that was culturally distinct in every respect. I won’t name any specific location, because that’s so unpleasant these days: People are so at odds with one another, and if you name specific places now, it immediately stirs up strong feelings. So my great-grandfather and great-great-grandfather came from a foreign region. Well, this diary revealed that this great-grandfather was also quite a remarkable person. He had gotten up to all sorts of crazy antics in this remote region and was also a hothead who would occasionally fly into a rage. Since he had caused all sorts of trouble during his fits of rage, he couldn’t stay in the area; he simply had to emigrate and moved to the region where his descendants were. But in the region where his descendants were, he immediately caused trouble again, even though he later became a highly respected man. In the region where his descendants lived, he caused trouble by killing the woman’s father in a duel—simply because he was in love with her and her father refused to consent to the marriage. In this way, he ended up marrying the daughter. The matter was, as they say, swept under the rug, and he was able to become a respected man.
[ 10 ] Nun konnte, dank dem Familienbuch, der Professor Dr. Lövius bis zum Ururgroßvater hinaufkommen. Und dieser Ururgroßvater war ein ganz besonders merkwürdiger Mensch. Er lebte in einer ganz exotischen Gegend, er war ein Mensch, der sich eine Art tiefere Einsicht in die Geheimnisse der Geschichte erworben hatte. Ein sehr spiritueller Mensch war er. Aber, sagte der Professor Dr. Lövius, einer, der das Spirituelle so übertreibt, wie es dieser Ururgroßvater übertrieben hat, an dem ist schon ohnedies etwas im Oberstübchen nicht in Ordnung. Und als er dann in den Familienpapieren weiter forschte, fand er denn auch, daß dieser Ururgroßvater, trotzdem er gründlich in spirituellen Dingen versiert war, doch gewisse menschliche Eigenschaften behalten hatte. Vor allem konnte er alle andern Leute nicht leiden, die nicht auf seine Art, sondern auf irgendeine offizielle Art zur geistigen Erkenntnis gekommen waren. Die waren ihm ein Dorn im Auge. Und denen irgendeinen Schabernack anzutun, das gehörte zu dem, was er geradezu ein wenig wie eine geistige Delikatesse empfand. Was ich jetzt erzählen werde, ist ein Ereignis, das schon etwa in die sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts zurückfällt. Aber die Dinge wiederholen sich: Eduard von Hartmann hat mit den philiströsen Menschen des 19. Jahrhunderts dann etwas Ähnliches gemacht, wovon ich öfter einmal erzählt habe. Dieser Ururgroßvater, der ließ einmal so etwas wie eine Schrift erscheinen — aber er setzte seinen Namen nicht darauf, sondern ließ sie anonym erscheinen — in der er alles dasjenige, was seine eigene Lehre war, sehr gründlich widerlegte. Alles stellte er als konfus und dumm und töricht hin, und immer so, daß die andern sich daran recht entzücken konnten, weil er immer ihre Gründe, das, was sie ungefähr hätten sagen können, ins Feld führte: Das waren dann Leckerbissen für die andern; da hatte er ihnen einen großen Schabernack gespielt.
[ 10 ] Thanks to the family register, Professor Dr. Lövius was able to trace his lineage all the way back to his great-great-grandfather. And this great-great-grandfather was a particularly remarkable man. He lived in a very exotic region; he was a man who had acquired a kind of deeper insight into the mysteries of history. He was a very spiritual man. But, said Professor Dr. Lövius, someone who takes the spiritual to such extremes as this great-great-grandfather did must have something wrong with his head anyway. And as he continued to delve into the family records, he discovered that this great-great-grandfather, despite being thoroughly versed in spiritual matters, had nevertheless retained certain human traits. Above all, he couldn’t stand anyone who had arrived at spiritual insight not in his own way, but through some official means. They were a thorn in his side. And playing some sort of prank on them was something he actually regarded as a bit of a spiritual delicacy. What I am about to recount is an event that dates back to around the 1760s. But history repeats itself: Eduard von Hartmann later did something similar to the philistines of the 19th century, a story I have told on more than one occasion. This great-great-grandfather once published something like a treatise—but he did not put his name on it; instead, he had it published anonymously—in which he thoroughly refuted everything that constituted his own doctrine. He portrayed everything as confused, stupid, and foolish, and always in such a way that the others could take great delight in it, because he always brought up their own arguments—the very things they might have said themselves: These were then treats for the others; he had played a great prank on them.
[ 11 ] Da sagte sich der Professor Dr. Lövius: Nun, da sieht man ja alles! Selbst bis in die Zeiten des Ururgroßvaters hinauf sieht man in der Vererbungslinie walten, was sich nun in den Nachkommen in einer so furchtbaren Weise zum Ausdruck gebracht hat. Sogar die gute Seite des Ururgroßvaters, seine spirituelle Begabung, zeigte sich wieder in der Ururenkelin, die eine Art spirituellen Asyls begründete. Man sieht, alle guten und alle schlechten Eigenschaften sind in diesem Schulfall «erbliche Belastungen» im höchsten Grade! Diese Geschichte interessierte also den Professor Dr. Lövius in außerordentlicher Weise. Er hatte sich selbstverständlich vorgenommen, ein dickes Buch über diesen typischen Schulfall zu schreiben, und setzte ihn einmal einem Kollegen auseinander. Und sehen Sie, bei dieser Gelegenheit hörte einer zu, der es gar nicht wollte, aber er konnte gar nicht anders, er hörte zu. Einer, der nicht nur Menschenkenntnis hatte, sondern der Weltenkenntnis im Sinne der Menschheitsentwickelung hatte, der hörte zu,und dem kamen allerlei Gedanken, während der Professor Dr. Lövius seinen Fall erzählte. Diese Gedanken will ich Ihnen denn in einer Fassung vorlegen — auf die Fassung kommt nicht viel an —, und will dabei immer an diesen Stammbaum anknüpfen, an den Stammbaum des Schulfalles des Professors Dr. Lövius.
[ 11 ] Then Professor Dr. Lövius said to himself: Well, that explains everything! Even all the way back to the days of the great-great-grandfather, one can see at work in the hereditary line what has now manifested itself in the descendants in such a terrible way. Even the great-great-grandfather’s good side—his spiritual gift—was evident again in the great-great-granddaughter, who founded a kind of spiritual sanctuary. As you can see, all the good and all the bad traits are, in this textbook case, “hereditary burdens” of the highest order! This story therefore interested Professor Dr. Lövius to an extraordinary degree. He had, of course, resolved to write a thick book about this typical textbook case, and once explained it in detail to a colleague. And you see, on this occasion, someone was listening who didn’t want to at all, but he simply couldn’t help himself—he listened. Someone who not only had insight into human nature but also an understanding of the world in terms of human evolution—he listened, and all sorts of thoughts came to him while Professor Dr. Lövius recounted his case. I would like to present these thoughts to you in a certain form—the form itself isn’t very important—and in doing so, I will always refer back to this family tree, the family tree of Professor Dr. Lövius’s school case.
[ 12 ] Also folgende Gedanken kamen dem Menschen: Es war einmal im Verlaufe der Menschheitsentwickelung ein ansehnliches Geschlecht. Das Los des Begründers dieses Geschlechtes, Tantalus, der im Tartarus büßte, ist in weitesten Kreisen bekannt. Er war eingeweiht in die Geheimnisse der Götter. Die Griechen drücken das dadurch aus, daß ein solcher Mensch, der eingeweiht ist in die Geheimnisse der Götter, sogar an den Göttermahlen teilnehmen kann. Aber er hatte so etwas, daß er es gegen die Götter, gegen die offiziell anerkannten Götter wie einen Stachel, oder man könnte auch sagen, wie einen Leckerbissen empfand, sie zu täuschen. Und da setzte er ihnen — Sie wissen es alle — als Leckerspeise für die Götter seinen eigenen Sohn vor, den er zerstückelt hatte, Und die Götter, die in ihrer Allwissenheit einen Irrtum begangen, aßen davon und tranken auch von dem Blut. Dafür wurde Tantalus in den Tartarus geworfen, und er mußte die Tantalus-Qualen ausstehen, von denen die griechischen Mythen erzählen. Durch eine Reihe von Verbrechen, die von Glied zu Glied stattfanden, erbte sich nun die Rache der Götter bis auf die letzten Nachkommen fort. Zunächst wurde Pelops, der Sohn des Tantalus, aus dem Himmel verwiesen, in welchen ihn die Götter aufgenommen hatten. Er wanderte über Kleinasien nach Griechenland, und errang Hippodameia durch die Besiegung ihres Vaters zur Gemahlin.
[ 12 ] So the following thoughts occurred to the man: Once upon a time, in the course of human evolution, there was a distinguished lineage. The fate of the founder of this lineage, Tantalus, who suffered in Tartarus, is widely known. He was initiated into the mysteries of the gods. The Greeks express this by saying that such a person, who is initiated into the mysteries of the gods, can even take part in the feasts of the gods. But he had a certain inclination—he found it, as it were, a thorn in his side—or one might also say, a delicacy—to deceive the gods, the officially recognized gods. And so—as you all know—he set before them his own son, whom he had dismembered, as a delicacy for the gods. And the gods, having erred in their omniscience, ate of it and drank of the blood as well. For this, Tantalus was cast into Tartarus, where he had to endure the torments of Tantalus described in Greek mythology. Through a series of crimes passed down from one generation to the next, the vengeance of the gods was thus inherited by his descendants right down to the very last. First, Pelops, the son of Tantalus, was banished from heaven, where the gods had taken him in. He wandered through Asia Minor to Greece and won Hippodameia as his wife by defeating her father.
[ 13 ] Diese Gedanken kamen dem Zuhörer bei dem, was der Professor Dr. Lövius ausführte, nicht wahr, daß jener ein Duell mit dem Vater hatte und sich dadurch die Gemahlin erwarb. Noch war ihm, wie sein Glück bewies, die Gnade des Himmels keineswegs entzogen. Doch bald machte er sich ihrer Gunst durch mancherlei Handlungen so unwürdig, daß der Segen aus seinem Hause schied. Aus seiner Ehe mit Hippodameia stammten die beiden Söhne Atreus und Thyestes ab, welche mit Mordschuld befleckt nach Argos flüchteten, wo sie den Thron dieses Reiches von ihrem Vetter Eurysthes erbten. Dort beging das Bruderpaar neue Greuel, so daß der königliche Palast von Mykenä der Schauplatz einer Blutrache war, welche von Kind zu Kind die einzelnen Glieder der beiden Familien vernichtete. Das schlimmste Verbrechen war das sogenannte Mahl des 'Thyestes. Atreus nämlich, der in Erfahrung brachte, daß seine Gemahlin von Thyestes zur Untreue verführt worden sei, lud den letzteren samt seinen beiden Söhnen zu einem Gastmahl ein. Der Schuldbewußte ließ sich verlocken, und kam zu dem Mahle.
[ 13 ] These thoughts occurred to the listener as Professor Dr. Lövius spoke—was it not true that he had fought a duel with the father and thereby won his wife? Yet, as his good fortune proved, Heaven’s favor had by no means been withdrawn from him. But soon, through various actions, he rendered himself so unworthy of that favor that divine blessing departed from his house. From his marriage to Hippodameia came his two sons, Atreus and Thyestes, who, tainted by the guilt of murder, fled to Argos, where they inherited the throne of that kingdom from their cousin Eurystheus. There, the two brothers committed new atrocities, so that the royal palace of Mycenae became the scene of a blood feud that destroyed the individual members of both families, one child after another. The worst crime was the so-called “Feast of Thyestes.” For Atreus, having learned that his wife had been seduced into infidelity by Thyestes, invited the latter and his two sons to a banquet. Guilt-ridden, Thyestes allowed himself to be lured and attended the feast.
[ 14 ] Das erinnerte diesen Menschenkenner sehr an den Streit vom Großvater und dessen Bruder, der ihm die Söhne verführt und sie in allerlei hineingebracht hatte, wodurch die Söhne zugrunde gegangen sind, wie es in den Familienakten stand.
[ 14 ] This reminded this expert on human nature very much of the feud between his grandfather and his grandfather’s brother, who had led his sons astray and gotten them involved in all sorts of things, causing the sons to come to ruin, as recorded in the family records.
[ 15 ] Doch das Gräßliche geschah: Atreus setzte dem Bruder das insgeheim geschlachtete Söhnepaar vor. Dieser trank vom Blut. — Das ist Ja eigentlich auch «erbliche Belastung»: Der alte Tantalus hat das schon gegenüber den Göttern getan, jetzt tut es der Enkel! — Dies war eine Untat, vor welcher Apoll seine Sonnenrosse schaudernd umwandte, als er auf Mykenä niedersah. Ihr Rächer war ein später geborener Sohn des Thyestes namens Agisthus. Ägisthus, von dem scheußlichen Vorfall unterrichtet, tötete zuerst seinen Oheim Atreus und lauerte dann auch dessen Kindern auf.
[ 15 ] But the horrific event occurred: Atreus set before his brother the pair of sons he had secretly slaughtered. His brother drank their blood. — That, in fact, is also a “hereditary burden”: Old Tantalus had already done this to the gods, and now his grandson is doing it! — This was a heinous crime, at the sight of which Apollo turned his sun-red rays away in horror as he looked down upon Mycenae. Its avenger was a son of Thyestes born later, named Aegisthus. Aegisthus, having learned of the horrific incident, first killed his uncle Atreus and then lay in wait for his children as well.
[ 16 ] Atreus hatte von seiner Gattin A&rope zwei Söhne, Agamemnon und Menelaus, genannt die Atriden oder Atreussöhne. Ihnen gegenüber spann Ägisthus, der letzte Sohn des Thyestes, heimtückische Rachepläne. Doch konnte er nicht eher aus dem Versteck hervortreten, als bis die beiden verwandten Brüder den großen Heerzug nach Troja unternommen hatten. Nach ihrer Entfernung wußte er die leidenschaftliche Königin zu betören. Klytamnästra hatte ihrem Gemahl drei Töchter und einen Sohn geboren — jene Tochter, die uns vor allem interessiert, heißt Iphigenia —, und den Sohn Orestes. Iphigenia, die älteste Tochter, fie] als Schlachtopfer auf dem Altar der Artemis, der Diana, denn diese Göttin hatte wider die abziehenden Griechen heftigen Groll gefaßt und mußte durch die Tochter versöhnt werden. Die Mutter haßte den Gemahl und ging auf die ihr zugeflüsterten Mordgedanken ein. — Nun wissen wir, daß Iphigenia nach Tauris entrückt wurde und in dem Gehege eines Tempels zu sich kam. Wir wissen, daß sie in eine ländliche Gegend versetzt wurde, in eine Umgebung, wo sie unschädlich war, ein Schicksal, ähnlich dem unserer Ururenkelin. — Die weiteren Geschehnisse im Hause brauche ich nicht zu erzählen. Aber nun berichtet der Mythos noch das Folgende: Nachdem Orestes seine Schwester Iphigenia in Tauris wiedergefunden und sie ihn vom Wahnsinn geheilt hatte, brachte er sie nach Griechenland zurück. Dann wird weiter erzählt, daß Iphigenia, als sie nach Griechenland zurückgekehrt war, eine Art Orakel, eine Opferstätte für die taurische Diana errichtete, was ins Griechische übertragen, ungefähr dasselbe wäre, als wenn jetzt jemand ein Asyl für Kranke errichten würde nach solchen geisteswissenschaftlichen Grundsätzen, wie ich sie erwähnt habe.
[ 16 ] Atreus had two sons by his wife A&rope, Agamemnon and Menelaus, known as the Atreides or sons of Atreus. Aegisthus, the youngest son of Thyestes, hatched treacherous plans for revenge against them. But he could not emerge from hiding until the two brothers had set out on their great campaign to Troy. After their departure, he managed to beguile the passionate queen. Clytemnestra had borne her husband three daughters and a son—the daughter who interests us most is named Iphigenia—and the son Orestes. Iphigenia, the eldest daughter, was to be sacrificed on the altar of Artemis, or Diana, for this goddess had harbored a fierce grudge against the departing Greeks and had to be appeased through the daughter’s sacrifice. The mother hated her husband and yielded to the murderous thoughts whispered into her ear. — Now we know that Iphigenia was taken away to Tauris and came to her senses within the confines of a temple. We know that she was sent to a rural area, to a place where she posed no threat—a fate similar to that of our great-great-granddaughter. — I need not recount the further events that took place in the household. But now the myth goes on to relate the following: After Orestes had found his sister Iphigenia again in Tauris and she had cured him of his madness, he brought her back to Greece. It is further recounted that Iphigenia, upon her return to Greece, established a kind of oracle, a place of sacrifice dedicated to the Taurian Diana—which, translated into Greek terms, would be roughly equivalent to someone today establishing a sanatorium for the mentally ill according to the principles of Spiritual Science that I have mentioned.


[ 17 ] Damit wollte ich nur sagen: Denkbar ist der etwa gleiche Vorgang im alten Griechenland und in der neueren Zeit. Je nachdem die Zeiten sind, trägt er sich zu. Denn Sie sehen, daß der Vorgang aus dem 19. und 18. Jahrhundert, den ich zunächst erzählt habe, sich genau so, wie ich ihn erzählt habe, hätte abspielen können. Niemand wird das geringste Detail bezweifeln können. Ebenso wird niemand das ganze Drum und Dran bezweifeln können, das ich entwickelt habe. Aber ein gewisser Unterschied herrscht doch: nämlich wie man diesen Fall empfindet, wie man über ihn denkt.
[ 17 ] All I meant to say was: It’s conceivable that a similar process took place in ancient Greece and in more recent times. It unfolds according to the times. For you see that the event from the 19th and 18th centuries, which I described at the beginning, could have taken place exactly as I described it. No one will be able to doubt the slightest detail. Likewise, no one will be able to doubt the whole story I have developed. But there is a certain difference: namely, how one perceives this case, how one thinks about it.
[ 18 ] Wir haben gesehen, wie der Professor Lövius im 19., 20. Jahrhundert konstatierte: Erbliche Belastung! Schulfall! Der Grieche sagte sich: Wenn so etwas geschieht, so drückt sich gerade in einem solchen Geschehen aus, welche tieferen Kräfte in der Geschichte der Menschheit walten, und er dichtete den Mythos darüber. Professor Dr. Löviusse hat es im alten Griechenland nicht gegeben, aber einen Dichter, der in tieferem Sinne diese ein, zwei, drei, vier, fünf Generationen (siehe Zeichnung) verstanden und sie in solcher Weise gedichtet hat, daß die Dichter darüber fortwährend noch fortdichten bis zu Goethes herrlicher «Iphigenie». Und dabei ist der Unterschied gar nicht einmal so groß. Denn denken Sie einmal, Sie brauchen heute nur eine Psychologie oder Psychiatrie eines der vielen Naturforscher in dieHand zu nehmen, die über Seelenkunde und über Geisteskräfte handelt, so werden Sie überall finden, daß man das Folgende sagt: Der gesunde Mensch als solcher ist in seinen seelischen Eigenschaften außerordentlich schwierig zu studieren. Aber am Krankenbett und in der Klinik und durch die Sektion von Geisteskranken lernt man auch viel Entsprechendes über den normalen Gang der gesunden Seele, und ungeheuer viel wird aus der kranken Seele auf die gesunde geschlossen. Ich erinnere nur daran, daß man zum Beispiel das Sprachzentrum, den Ort, in dem die Sprache konzentriert ist, zu erkennen glaubte, indem man es am kranken Menschen, der an mangelnder Sprachfähigkeit leidet, untersuchte. So sagte man sich: Gerade an dem, was nicht in der Ordnung ist, kann man lernen, was am Gesunden waltet.
[ 18 ] We have seen how Professor Lövius observed in the 19th and 20th centuries: Hereditary burden! A case for the school! The Greek said to himself: When something like this happens, it is precisely in such an event that the deeper forces at work in human history are expressed, and he composed a myth about it. There was no Professor Dr. Lövius in ancient Greece, but there was a poet who, in a deeper sense, understood these one, two, three, four, five generations (see illustration) and depicted them in such a way that poets have continued to draw inspiration from them ever since, right up to Goethe’s magnificent *Iphigenia*. And yet the difference is not even that great. For just consider this: if you were to pick up any book on psychology or psychiatry by one of the many natural scientists who write about the study of the soul and mental faculties, you would find everywhere that the following is stated: The healthy human being, as such, is extraordinarily difficult to study in terms of his or her psychological characteristics. But at the sickbed, in the clinic, and through the autopsy of the mentally ill, one also learns much of the same about the normal functioning of the healthy soul, and an immense amount is inferred about the healthy soul from the sick one. I would simply like to point out that, for example, people believed they had identified the speech center—the location where speech is concentrated—by examining it in a sick person suffering from impaired speech. Thus, they reasoned: It is precisely from what is not in order that one can learn what prevails in the healthy person.
[ 19 ] Man denke sich das nun nicht im 19. Jahrhundert, sondern in der Sprache der Griechen, so würde es so lauten: Wollen wir wissen, was für Kräfte im Fortgange der Menschheitsentwickelung walten, so müssen wir nicht zu denjenigen Menschen gehen und sie studieren, die in ihrem Seelenleben und allem, was sie so sind, nur das sogenannte Gesunde zeigen, sondern da müssen wir zu allerlei Menschen gehen, die gegenüber dem Normalen abnorme Eigenschaften haben. Wie es mit den Griechen gekommen ist, suchten also diese griechischen Dichter zu verstehen, die zugleich noch in gewisser Beziehung griechische Weise waren, weil da Weisheit und Schönheit miteinander verbunden waren. So kam es, daß diese griechischen Dichter gerade das Schicksal des Griechentums an diesen anormalen Generationen darstellten.
[ 19 ] If we were to imagine this not in the 19th century, but in the language of the Greeks, it would read as follows: If we want to know what forces are at work in the course of human development, we must not turn to those people and study them who, in their inner life and in everything they are, display only what is called “normal”; rather, we must turn to all kinds of people who possess characteristics that are abnormal in relation to the norm. These Greek poets—who were, in a certain sense, still Greek in their way, because wisdom and beauty were united in them—sought to understand what had become of the Greeks. Thus it came to pass that these Greek poets depicted the very fate of Greek civilization through these abnormal generations.
[ 20 ] Aber der Grieche unterschied einiges. Der große Unterschied in der Art, wie der Professor Dr. Lövius spricht und wie der Grieche spricht, besteht darin, daß der Grieche etwas über die Geheimnisse der menschlichen Seele weiß. Ein großer Unterschied besteht zwischen dem, was in der Seele die Erzählung von dem außerordentlichen Mythos der Atriden, der Iphigenia, Tantalus und Pelops wachruft, und alledem, was sich an Vorstellungen in unserer Seele ansetzt, wenn wir den bebrillten Professor Dr. Lövius hören, der da sagt: «Alles erbliche Belastung!» Denn «erbliche Belastung» ist dasjenige, was den Schulfall doch in seiner vollen Gestalt nach der neueren Wissenschaft, nach dem Wissen des fünften nachatlantischen Zeitraums erfüllt. Darin haben wir den Gegensatz zu einem Menschen, der noch ganz im Griechentum darin steht. Denken Sie sich den Griechen, der auch schildern wollte, wie Iphigenia, nachdem sie durchlebt hatte, was der Grieche in dem Geschehen auf Aulis ausdrückte, dann versetzt worden wäre in eine fremde Gegend, nach Tauris, dort das Wiedersehen mit Orestes erlebt hätte und so weiter, was der Grieche alles erzählt hat, denken Sie sich nun, wie das wieder aufgegangen ist in Goethes «Iphigenie»! Versetzen Sie sich in den einzigen Augenblick, wo der König Thoas in Tauris vor Iphigenie steht, in Goethes Diktum, wo er wirbt um Iphigenie, und wo Iphigenie sich verpflichtet fühlt, die Worte auszusprechen: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!» — «Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.»
[ 20 ] But the Greek saw things differently. The great difference between the way Professor Dr. Lövius speaks and the way the Greek speaks lies in the fact that the Greek knows something about the mysteries of the human soul. There is a great difference between what the tale of the extraordinary myth of the Atreides—Iphigenia, Tantalus, and Pelops—evokes in the soul, and all the mental images that take root in our souls when we hear the bespectacled Professor Dr. Lövius say: “It’s all hereditary burden!” For “hereditary burden” is precisely what, according to modern science and the knowledge of the fifth post-Atlantean epoch, fully characterizes the school case. Herein lies the contrast to a person who is still wholly immersed in the Greek spirit. Imagine the Greek who also wanted to describe how Iphigenia, after having lived through what the Greeks expressed in the events at Aulis, would then have been transported to a foreign land, to Tauris, where she would have experienced the reunion with Orestes and so on—everything the Greeks recounted—now imagine how all of that was brought to life in Goethe’s *Iphigenia*! Imagine that single moment when King Thoas stands before Iphigenia in Tauris, in Goethe’s passage where he woos Iphigenia, and where Iphigenia feels compelled to utter the words: “Hear this! I am of the lineage of Tantalus!” — “You speak these weighty words with composure.”
[ 21 ] Das ganze Griechentum lebt wiederum auf in dem, was in einem solchen Fall des Seelenlebens der Grieche oder der wiedererstandene Grieche zu sagen hat: «Ich bin aus Tantalus Geschlecht.» Und dann kommt man sich vor, wie wenn zu einem Fenstergitterchen, nachdem das gesprochen worden ist, der Professor Dr. Lövius hereinkicherte: «Hihihi! Erbliche Belastung!» — Da haben Sie den ganzen Unterschied zwischen dem, was der vierte nachatlantische Zeitraum darbot, und dem, was der fünfte, unser nachatlantischer Zeitraum darbietet. Denn tatsächlich, die beiden Dinge dürfen miteinander verglichen werden. Ich habe nicht im allergeringsten Sinne übertrieben, sondern nur ganz sachlich geschildert. Die beiden Dinge dürfen miteinander verglichen werden, und zwar deshalb, weil eben an die Stelle der Gestaltung des griechischen Mythos, an die Stelle dessen, was mit dem griechischen Mythos gemeint war, nun die Lehre von der erblichen Belastung getreten ist, bis in die Dichtung hinein. Denn schließlich, man braucht bloß Sophokles oder Aschylos mit Ibsen zu vergleichen, dann hat man auch in der. Dichtung genau denselben Gegensatz, nur daß bei den Griechen Wissenschaft und Dichtung eben nicht so auseinander traten. Sie brauchen nur nachzulesen, was ich über die Mysterien und über die Entstehung von Kunst und Religion aus den Mysterien gesagt habe, so werden Sie verstehen, daß neben einem griechischen Ibsen nicht auch noch ein griechischer Professor Dr. Lövius gewesen ist: die wären ein und dasselbe. Aber sie wären eben diejenigen, die den ganzen Mythos verfaßten, das, was der Mythos als Wahrheit enthielt. Denn, was Gesundheit war, was ärztliche Kunst war, was die Kunst des Merkur mit dem Merkurstab war, das wurde im alten Griechenland auch nicht anders als in Form von Erzählungen vorgebracht, genau wie diese Erzählung von Tantalus’ Geschlecht und Iphigenie. Es war dazumal nicht üblich, schon in abstrakten Begriffen zu sprechen, sondern man sprach in Bildern. Und durch Bilder stellte man die Wahrheit dar. Und das, was das griechische Seelenleben ausfüllte, was diese griechische Seele ganz innerlich organisierte, das verhält sich zu dem, was heute als Wahrheit, für den Urcharakter der Wahrheit hingenommen wird, wie: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!» zu: «Hihihi! Erbliche Belastung».
[ 21 ] The entire Greek spirit is revived in what the Greek—or the reborn Greek—has to say in such a moment of the soul’s life: “I am of the lineage of Tantalus.” And then, after that has been said, one feels as if Professor Dr. Lövius were peering in through a little window grille, chuckling: “Hihihi! Hereditary burden!” — Therein lies the entire difference between what the fourth post-Atlantean epoch offered and what the fifth, our own post-Atlantean epoch, offers. For indeed, the two things may be compared with one another. I have not exaggerated in the slightest, but have merely described the situation objectively. The two things may be compared with one another, precisely because the doctrine of hereditary burden has now taken the place of the structure of Greek myth—that is, of what was meant by Greek myth—even extending into poetry. After all, one need only compare Sophocles or Aeschylus with Ibsen to find exactly the same contrast in poetry as well—except that among the Greeks, science and poetry were not so sharply divided. You need only read what I have said about the Mysteries and about the origin of art and religion from the Mysteries, and you will understand that alongside a Greek Ibsen there was not also a Greek Professor Dr. Lövius: they would have been one and the same. But they would have been precisely those who composed the entire myth—that which the myth contained as truth. For what constituted health, what constituted the art of medicine, and what the art of Mercury with his caduceus represented—all of this was presented in ancient Greece in no other form than that of narratives, just like the story of Tantalus’s lineage and Iphigenia. It was not customary in those days to speak in abstract terms; rather, people spoke in images. And truth was depicted through images. And what filled the Greek inner life, what organized the Greek soul from within, relates to what is accepted today as truth—or as the essential character of truth—in the same way that “Hear this! I am of the lineage of Tantalus!” relates to “Hihihi! Genetic predisposition.”
[ 22 ] Das ist es, meine lieben Freunde, was man sich in die Seele schreiben muß über etwas, was herabgestiegen ist vom alten Griechentum bis heute, ein herabgehender Weg. Er kann uns Anleitung geben über dasjenige, was entwickelt werden muß, um wieder hinaufzukommen. Das würde uns heute zu weit führen. Ich will für diejenigen, die es noch hören wollen, dann morgen die Fortsetzung dieser Betrachtungen anstellen.
[ 22 ] This, my dear friends, is what we must take to heart regarding something that has descended from ancient Greece to the present day—a downward path. It can guide us in understanding what must be developed in order to ascend once more. That would take us too far afield today. For those who still wish to hear it, I will continue these reflections tomorrow.
