Notwendigkeit und Freiheit
im Weltengeschehen und im menschlichen Handeln
GA 166
30 Januar 1916, Berlin
Dritter Vortrag
[ 1 ] Was ich heute als Fortsetzung der Betrachtungen der verflossenen Woche zu geben habe, werde ich versuchen, zunächst durch eine Art hypothetischen Fall wiederum klarzumachen. Man kann manche Dinge, die gerade mit den tiefsten Rätseln des menschlichen Daseins zusammenhängen, eben am besten der abstrakten Betrachtungsweise entheben und dem Wirklichen mehr nähern, wenn man Beispiele nimmt. Selbstverständlich gilt dasjenige, was ich als ein Beispiel ausführen werde, das hypothetisch angenommen wird, für alle möglichen Lagen des Lebens. Nehmen wir also zunächst einmal ein hypothetisches Beispiel.
[ 2 ] Wir versetzen uns in eine Schule, vielleicht in eine Schule von drei Klassen, denen drei Lehrer vorgesetzt sind und ein Direktor. Diese drei Lehrer, nehmen wir an, seien von sehr, sehr verschiedener Charakter- und Temperamentsart. Wir denken, es sei der Beginn eines neuen Schuljahres. Der Direktor bespricht sich mit seinen Lehrern über das kommende Schuljahr. Da ist zunächst ein Lehrer einer Klasse. Der sagt zu dem Direktor, nachdem ihn der Direktor gefragt hat, wie er sich einzurichten gedenke, wie er am besten vorwärtszukommen gedenke im nächsten Schuhjahr: Nun, ich habe während der Ferienzeit sorgfältig dasjenige mir aufgeschrieben, wovon ich angenommen habe, daß es in meinen Anordnungen, in meiner ganzen Schulleitung im vorigen Jahre von den Schülern nicht ganz gut getroffen worden ist, was also von mir nicht gut eingerichtet war. Und ich habe mir nun fürs kommende Jahr einen neuen Plan zurechtgerückt, einen Plan, der alles dasjenige enthält, wovon ich mich überzeugt habe, daß es im vorigen Jahre gut getroffen worden ist, daß es in die Hirne, in die Köpfe hineingegangen ist. Ich habe alle Aufgaben, die ich im Laufe des Jahres stellen werde, so eingerichtet, daß in meinem ganzen Plane für das kommende Jahr dasjenige enthalten ist, was am allerbesten im verflossenen Jahre getroffen worden ist, wovon man also annehmen kann, daß es sich im verflossenen Jahre gut erprobt hat. — Als ihn der Direktor etwas weiter fragte, da konnte er sogleich herausrücken mit einem Plane, den er sich über die Verteilung des Lehrstoffes zurechtgelegt hatte. Er konnte ferner anführen, welche Schulaufgaben er im Laufe des Jahres geben werde, welche Hausaufgaben er geben werde. Alle Themen für Schul- und Hausaufgaben hatte er nach den sorgfältigen Erfahrungen, wie er sagte, des vorigen Jahres sich zurechtgelegt. Da meinte der Direktor: Nun, ich bin sehr zufrieden. Sie sind zweifellos ein sorgfältiger Lehrer, und Sie werden mit Ihrer Klasse, wie ich glauben kann, etwas Ausgezeichnetes erreichen.
[ 3 ] Der zweite Lehrer sagte in einer ähnlichen Weise: Ich habe das ganze Pensum, das ich mit meinen Schülern in dem vorigen Jahre absolviert habe, durchgenommen, und ich habe gesehen, was ich alles verfehlt habe. Ich habe mir nun den neuen Plan so eingerichtet, daß ich alle Fehler, die gemacht worden sind, vermeiden werde. — Und er konnte ebenfalls dem Direktor ein ausgearbeitetes Pensum zeigen: Themen für alle Schul- und Hausarbeiten, die er im Laufe des Jahres den Schülern auf Grundlage, wie er sagte, der Erfahrungen des vorigen Jahres, der Erfahrungen über seine Fehler, die er gemacht habe, geben wollte. Der Direktor sagte: Der, den ich vorher gesprochen habe, hat versucht, sich alles Vorzügliche, was ihm gelungen ist, zu notieren und danach sein Pensum zu notieren. Sie haben versucht, alle Fehler zu vermeiden. Man kann es auf beide Arten machen. Ich habe die Beruhigung, daß Sie etwas Ausgezeichnetes mit Ihrer Klasse erreichen werden. Ich sehe mit einer gewissen Befriedigung, daß ich Lehrer in meiner Schule habe, welche, indem sie zurückschauen auf dasjenige, was sie geleistet haben, sich durch eine weise Selbsterkenntnis in entsprechender Weise zu verhalten wissen. — Die Vorzüge gut erkennen, das ist etwas, was auf einen Direktor einen sehr guten Eindruck machen muß.
[ 4 ] Nun kam der dritte Lehrer daran. Der dritte Lehrer sagte: Ich habe auch mir während der Ferien viel durch den Kopf gehen lassen, was sich im vorigen Jahre in meiner Klasse ereignet hat. Ich versuchte, die Charaktere der Schüler zu studieren, habe eine Art Rückschau gehalten auf dasjenige, was sich bei dem einen zugetragen hat, und was sich bei dem anderen zugetragen hat. — Nun, sagte der Direktor, da werden Sie ja auch gesehen haben, was Sie für Fehler gemacht haben und was Sie Gutes geleistet haben, und werden sich auch eine Art Programm machen können für das kommende Jahr. — Da sagte der Lehrer: Nein. Fehler werde ich schon gemacht haben. Einiges werde ich auch gut gemacht haben. Aber ich habe nur studiert die Charaktere der Schüler und dasjenige, was sich zugetragen hat. Ich habe nicht besonders nachgedacht darüber, ob ich besondere Fehler gemacht habe, ob dies oder jenes besonders gut war. Das habe ich nicht getan. Ich habe mir gedacht: Ja, so wie es gekommen ist, hat es eben einmal kommen müssen. Und so habe ich eben nur das studiert, wovon ich glaube, daß es durch eine Art von Notwendigkeit hat kommen müssen, Die Schüler waren in einer gewissen Weise geartet. Wie sie geartet waren, das habe ich sorgfältig studiert. Ich war auch in einer bestimmten Art geartet, und durch unser beider Artung ist eben das herausgekommen, was herauskommen konnte. Ja, mehr kann ich nicht sagen, meinte der dritte Lehrer. — Nun, sagte der Direktor, es scheint ja, als ob Sie ein recht selbstzufriedener Mann wären. Haben Sie nun auch sich ein Programm gemacht, haben Sie auch die Themen ausgearbeitet, die Sie im Laufe des Jahres Ihren Schülern geben werden als Schul- und Hausaufgaben? — Nein, antwortete der Lehrer, das habe ich nicht gemacht. — Ja, wie wollen Sie es dann machen in Ihrer Klasse? — Da sagte der Lehrer: Ich werde sehen, was ich nun in diesem Jahr für Schülermaterial haben werde. Und ich denke, daß ich das werde besser erkennen können als im vorigen Jahre, weil ich immer während meiner Ferien die Charaktere vom vorigen Jahre studiert habe. Aber wie sie dieses Jahr sein werden, das kann ich ja nicht wissen, das wird sich ja erst ergeben. Ja, werden Sie denn nicht Themen ausarbeiten für die Schul- und Hausaufgaben? — Ja, aber das werde ich machen dann, wenn ich sehen werde, wie die Schüler begabt oder unbegabt sind. Ich werde versuchen, mich danach einzurichten. — Nun ja, sagte der Direktor, da können wir schön ins Unbestimmte hineinsegeln. Darauf kann man sich ja kaum einlassen.
[ 5 ] Aber es war nichts anderes zu machen. Der Direktor mußte sich auf die Sache einlassen. Und nun ging es eben los für das nächste Jahr. Der Direktor inspizierte öfter die Schule. Er sah, wie es die beiden ersten Lehrer ganz ausgezeichnet machten. Bei dem dritten fand er immer, daß die Sache doch nicht so recht ginge. Man hätte keine Sicherheit, sagte er, man wisse eigentlich niemals, was im nächsten Monat geschehen werde. Nun, es ging aber so das Jahr hindurch. Und zum Schluß kam die Klassifikation. Aus der Klassifikation glaubte der Direktor zu erkennen, daß die beiden ersten Lehrer sehr günstig gewirkt hätten. Es sind ja bei ihnen selbstverständlich auch einige durchgefallen, andere durchgekommen von den Schülern, aber es ist alles in der Ordnung gegangen. Der dritte Lehrer hatte nach der Klassifikation keine schlimmeren Ergebnisse. Aber es hatte sich im Laufe des Jahres die Meinung verbreitet, er wäre eben sehr nachsichtig. Während die anderen strenge Lehrer waren, wäre er eben sehr nachsichtig, sehe sehr häufig durch die Finger, und der Direktor hatte die Überzeugung, daß die Klasse des letzten Lehrers eigentlich am schlimmsten abschnitte.
[ 6 ] Nun kam das nächste Jahr. Die Ferien waren vorübergegangen. Das nächste Schuljahr kam, und die beiden ersten Lehrer sprachen sich in ähnlicher Weise aus, der dritte wieder in ähnlicher Weise wie im vorigen Jahr. Wiederum spielte sich eine ähnliche Sache ab. Der Schulinspektor kam ja auch öfter. Dem fiel natürlich dasjenige auf, was der Direktor gewissermaßen schon in ihm vorbereitet hatte: daß die beiden ersten Lehrer sehr gut seien, der andere aber ein sehr mäßiger Lehrer wäre. Ja, es war nichts anderes zu machen. Ich brauche kaum besonders zu sagen, daß die beiden guten Lehrer Orden bekamen nach einigen Jahren, dazu vorgeschlagen worden waren, daß der Direktor einen Orden höherer Klasse bekam. Das ist ja Nebensache, nicht wahr?
[ 7 ] Nach einiger Zeit geschah das Folgende: Der Direktor kam weg von dieser Schule, und ein anderer Direktor kam hin im Anfang des Schuljahres. Der besprach nun auch mit den drei Lehrern, wie sie es machen würden im nächsten Schuljahre und dergleichen. Da sagte wiederum der erste Lehrer in einer ähnlichen Weise aus, wie ich es Ihnen schon geschildert habe; der zweite auch, der dritte auch. Da sagte der Direktor: Ja, ja, das ist allerdings ein gewisser Unterschied in der Behandlungsweise. Allein ich glaube doch, daß sich die beiden ersten Herren ein wenig nach dem dritten Lehrer richten müßten. — Was, sagten die beiden ersten Herren, der frühere Direktor hat doch immer gesagt, daß sich der nach uns richten müßte! — Ja, sagte dieser Direktor, das meine ich nicht; mir scheint, daß sich die beiden ersten Herren nach dem dritten richten müßten. — Sie konnten sich aber nicht recht nach ihm richten, denn sie konnten nicht einsehen, wie man überhaupt in irgendeiner vernünftigen Weise voraussehen kann, was in der Zeit des nächsten Jahres geschieht, wenn man in einer solch blinden Weise wie der letzte Lehrer in dieses nächste Jahr hineintapst. Sie konnten sich das einfach nicht vorstellen.
[ 8 ] Der frühere Direktor war mittlerweile selbst, selbstverständlich durch seine Einsicht in den guten Gang der Schulereignisse, Schuliinspektor geworden. Er war nun höchst erstaunt über die Anschauungen, die sein Nachfolger ihm da entwickelte gerade in der Schule, die er doch sehr gut kannte. Wie denn das sein könne? Und er sagte: Ja, der dritte Lehrer, der hat mir nie etwas anderes gesagt als: ich muß erst sehen, wie die Schüler sind, dann kann ich mir von Woche zu Woche ein Programmbilden, — da kann man ja gar nichts voraussehen! Das geht doch ganz unmöglich, daß man nicht irgend etwas voraussieht. — Da sagte der Direktor: Ja, aber sehen Sie doch, gewiß, ich habe auch meine Lehrer gefragt, wie sie denn den Unterschied machen in bezug auf das Voraussehen. Es sagten mir die ersten beiden Herren immer: ich weiß ganz genau, am 25. Februar des nächsten Jahres werde ich diese und jene Schulaufgabe geben, da kann ich ganz genau sagen, was da geschehen wird, und ich weiß ganz genau: zu Ostern werde ich dies oder jenes durchnehmen. Der andere Lehrer, der sagte mir: ich weiß nicht gerade, wie ich’s machen werde zu Ostern, ich weiß auch nicht, was ich im Februar für eine Schulaufgabe geben werde, ich werde mich nach dem richten, wie es das Schülermaterial ergibt. Und da meinte er auch, er könne in einer gewissen Weise voraussehen, daß die Sache gut werden würde. Ich bin eigentlich, sagte der neue Direktor, mit ihm ganz einverstanden. Man kann immer erst nachher sehen, daß das, was man sich vorgenommen hat, ganz gut ist, daß aus dem, wie man sich verhält zum vorigen Jahre, indem man die Schülerchäraktere des vorigen Jahres studiert, man sich größere Fähigkeiten aneignet, die neuen Schülercharaktere kennenzulernen. Ich sehe ein, daß man dadurch mehr erreicht. — Ja, aber man kann da doch nichts vorauswissen! Da bleibt ja alles im Unbestimmten. Wo bleibt dann die Vorausbestimmung für das ganze Schuljahr? meinte der vorige, der frühere Direktor, man kann doch da gar nichts voraussehen. Man muß aber doch irgend etwas voraussehen können, wenn man irgend etwas vernünftig einrichten will. — Ja, meinte der neue Direktor, man kann voraussehen, daß die Sache gut gehen werde, wenn man sich gewissermaßen mit dem Genius, der in dem Schülermaterial waltet, verbindet, und ein gewisses Vertrauen zu dem Genius hat, der in diesem Schülermaterial wirkt. Und wenn man dem Genius vertraut, dem gleichsam gelobt: man hält sich an ihn, — so wird man zwar nicht voraussagen können, was im Februar als Schulaufgabe gegeben wird, aber man wird voraussagen können, daß die richtige gegeben wird. — Ja, aber da kann man nichts bestimmt voraussehen, da bleibt alles im Unbestimmten, sagte der Schulinspektor.— Da sagte der Direktor: Ich habe früher, sehen Sie, Herr Schulinspektor, einmal so etwas getrieben, was die Leute Geisteswissenschaft nennen. Da habe ich mir noch gemerkt von daher, daß Wesen, die sogar über den Menschen hinaus sehr viel erhaben sind, in viel wichtigeren Angelegenheiten es auch so gemacht haben sollen: denn am Anfange in der Bibel heißt es zum Beispiel «Und Gott machte das Licht», und erst nachdem er das Licht gemacht hatte, steht da «Und dann sah er, daß es gut war». — Ja, da konnte der Inspektor darauf gar nichts mehr Rechtes sagen.
[ 9 ] Nun ging die Sache so weiter, eine Zeitlang. Nicht wahr, solche Direktoren wie derjenige, den ich hypothetisch angenommen habe, gibt es wenige, ich möchte sagen hypothetisch in zweiter Potenz, denn selbst in der Hypothese ist es schon hypothetisch, wenn man solch einen Direktor annimmt. Der Direktor wurde also sehr bald weggeschickt, und ein anderer, der dem Inspektor etwas ähnlicher war, wurde hingeschickt, und die Sache ging weiter, bis eines Tages es doch so weit war, daß der gänzlich «ordenlose» Mann von der Schule mit Spott und Schande weggejagt worden ist und ein anderer, der nach dem Zuschnitt der zwei ersten war, hingeschickt worden ist. Die Sache konnte auch zunächst gar nicht anders gemacht werden, denn in allen Registern und in allen Conduitelisten — ich glaube, man nennt es so — war eingetragen, welche großen Fortschritte gemacht waren von den beiden ersten Lehrern und wie bei dem dritten im Grunde doch nur schlechtes Material aus der Schule hervorgegangen ist, aus dem einfachen Grunde, weil er durch die Finger gesehen hat; sonst hätten ja immer alle durchfallen müssen. Es sei eben nun einmal mit einem solchen Menschen, wie der dritte Lehrer war, gar nichts zu machen.
[ 10 ] Es vergingen viele Jahre. Zufällig war eine sehr merkwürdige Tatsache gefolgt. Der Direktor, der weggeschickt worden war, hatte versucht, der Sache tiefer auf den Grund zu gehen: wie es denn wurde mit den zwei Lehrern, die immer genaue Selbstschau getrieben haben in der Form, daß sie sich aufgezeichnet haben die Themen, mit denen sie weniger Erfolge gehabt haben, und sich dann solche gewählt haben, mit denen sie Erfolg gehabt haben, und was der zweite erreicht hat, was der dritte erreicht hat. Man war sogar ein wenig nachgegangen dem, was dann die betreffenden Schüler immer bei anderen Lehrern wiederum erreichen konnten. Man hat gefunden, daß die Schüler des dritten Lehrers viel schlechtere Fortschritte machten als die Schüler der beiden ersten Lehrer, wenn sie dann zu anderen Lehrern gekommen waren. Aber dabei blieb der Direktor nicht stehen. Er ging der Sache noch etwas tiefer auf den Grund und verfolgte die Leute, die aus der Hand dieser Lehrer hervorgegangen waren, ins Leben hinein. Da fand er denn, daß diejenigen, die aus der Hand der beiden ersten Lehrer hervorgegangen waren, ja ganz gewiß ehrenwerte Menschen, mit Ausnahmen selbstverständlich, geworden waren, daß sie also etwas Besonderes schon nicht erreicht haben, aber sie waren recht nette Menschen geworden. Aber unter den Schülern, die der dritte Lehrer bei seinem Schülermaterial hatte, da waren solche, aus denen ganz bedeutende Menschen hervorgegangen waren, die viel Hervorragenderes geleistet haben als die Schüler der anderen.
[ 11 ] Da konnte er in dem einen Fall das zeigen. Aber es machte keinen besonderen Eindruck auf die Welt, denn man sagte: Man kann doch nicht immer erst das ganze Leben derjenigen verfolgen, die aus der Schule hervorgehen. Nicht wahr, das geht doch nicht! Und darauf kommt es doch wohl auch gar nicht an. So meinten die Menschen.
[ 12 ] Warum erzähle ich Ihnen denn das alles? Sehen Sie, es ist ein gravierender Unterschied zwischen den beiden ersten Lehrern und dem dritten Lehrer. Die beiden ersten Lehrer nagten während der Ferien hindurch an dem, wie sie im verflossenen Jahre gearbeitet hatten. Der dritte Lehrer nagte nicht daran, sondern er hatte ein Gefühl davon, daß es hat so kommen müssen, wie es gekommen ist. Wenn ihm der Direktor, der erste Direktor, immer wieder gesagt hat: Ja, dann können Sie ja gar nicht wissen, wie Sie Fehler vermeiden sollen im kommenden Jahr, oder wie Sie, wenn Sie nicht studieren, was Sie Gutes geleistet haben im verflossenen Jahr, das Gute verwirklichen können —, da hat er zunächst nichts gesagt darauf, denn er hat keine rechte Lust gehabt, diesem Direktor das klarzumachen. Aber hinterher hat er sich gedacht: Ja nun, wenn ich auch schon wirklich weiß, welche Fehler durch das Zusammenarbeiten von mir und meinen Schülern entstanden sind, so habe ich ja dieses Jahr andere Schüler, und da folgt gar nichts aus den Fehlern, die im vorigen Jahre gemacht worden sind. Ich muß rechnen mit dem neuen Schülermaterial.
[ 13 ] Kurz, die ersten beiden Lehrer standen ganz drinnen im Toten, der letzte Lehrer fügte sich ein in das Lebendige. Man könnte auch sagen, die ersten Lehrer rechneten immer mit der Vergangenheit, der letzte Lehrer rechnete mit der unmittelbaren Gegenwart, und er grübelte nicht über die Vergangenheit, indem er sich von der Vergangenheit sagte: Das hat eben so stattfinden müssen, das ist notwendig so geschehen nach den gegebenen Bedingungen.
[ 14 ] Es handelt sich darum, daß man, wenn man die Dinge so oberflächlich nach äußeren Urteilen ansieht, dann in der Tat dem wirklichen Geschehen der Welt gegenüber irregehen kann. Man geht irre aus dem Grunde, weil, wenn man es im Sinne der ersten Lehrer macht, man die Gegenwart beurteilt nach dem Toten der Vergangenheit, nach demjenigen, was in der Vergangenheit vergangen bleiben muß. Der dritte Lehrer hat von der Vergangenheit das Lebendige genommen und dieses Lebendige dadurch herausbekommen, daß er einfach die Charaktere studiert hat und durch das Studieren der Charaktere sich selber vollkommener gemacht hat, daß er vor allen Dingen darauf bedacht war, sich selber weiterzubringen dadurch, daß er seine Rückschau auf die Vergangenheit gemacht hat. Dann sagte er sich: Wenn ich mich dadurch weiterbringen kann, wird dasjenige, was ich in Zukunft zu tun habe, mit meinen größeren Fähigkeiten, die ich mir dadurch angeeignet habe, erreicht werden.
[ 15 ] Die beiden ersten Lehrer sagten sich, indem sie einen gewissen Aberglauben an die Vergangenheit hatten: Fehler, die sich in der Vergangenheit gezeigt haben, muß man in der Zukunft vermeiden, und Vorzüge, die sich in der Vergangenheit gezeigt haben, müssen in der Zukunft angewendet werden. Aber sie machten es im toten Sinne. Sie machten es so, daß sie nicht ihre Fähigkeiten steigern wollten, sondern sie wollten nur durch die äußere Beobachtung entscheiden. Nicht durch lebendige Arbeit an sich selber wollten sie wirken, sondern sie meinten, aus der Beobachtung allein, aus demjenigen, was sich der Beobachtung ergibt, könnten sie irgend etwas für die Zukunft gewinnen.
[ 16 ] Geisteswissenschaftlich müssen wir sagen: Der erste der Lehrer, der sorgfältig untersucht hat, welche Vorzüge er in der Vergangenheit geltend gemacht hat und diese Vorzüge nun in der Zukunft wiederum seinem Wirken einverleiben will, der handelt in ahrimanischem Sinne. Das ist ahrimanisch gehandelt. Da klebt man an dem Vergangenen und betrachtet in selbstgefälliger Art aus dem persönlichen Egoismus heraus mit Befriedigung alles dasjenige, was man gut gemacht hat, und tut sich etwas zugute darauf. Das Wort ist ja nicht schlecht gewählt, weil man wirklich auf das hinsieht, was man gut gemacht hat und das weiter entwickeln will. Man tut sich etwas zugute darauf, daß man das oder jenes so gut getroffen hat und es nun weiter verwenden kann.
[ 17 ] Der zweite der Lehrer hatte einen Charakter, der mehr von luziferischen Kräften beherrscht war. Der grübelte nach, was er für Fehler gemacht hat, und sagte sich: Nun, diese Fehler muß ich vermeiden. Er sagte sich nicht: Das, was geschehen ist, war notwendig, es mußte so geschehen —, sondern er sagte: Ich habe Fehler gemacht. Dazu gehört immer etwas Egoistisches, daß man eigentlich besser gewesen sein möchte als man wirklich war, wenn man sich sagt, man habe Fehler gemacht, die hätten vermieden werden sollen, und man müsse sie jetzt vermeiden. Aber man klebt an dem Vergangenen, wie Luzifer auch, der geistig das Vergangene in die Gegenwart hinüberträgt. Das ist luziferisch gedacht.
[ 18 ] Der dritte Lehrer war, ich möchte sagen, beseelt von den Kräften der naturgemäß fortschreitenden göttlichen Wesenheiten, deren richtigem göttlichem Prinzip, welches schon im Beginne der Bibel dadurch ausgedrückt ist, daß die Elohim zuerst schaffen, und dann sehen, daß das Geschaffene gut war; aber nun nicht darauf sehen in egoistischer Weise, wie sie selber vorzügliche Wesen seien, weil sie das, was sie geschaffen hatten, gut gemacht haben, sondern daß es gut war, das nehmen sie auf, um nun weiter zu schaffen. Das verleiben sie ihrer Entwickelung ein. Sie leben im Lebendigen und weben in diesem Lebendigen.
[ 19 ] Darauf kommt es an, daß wir einsehen, wie wir selber als ein Lebendiges in eine Welt von Lebendigem hineingestellt sind. Wenn wir dieses einsehen, dann werden wir gewissermaßen auch nicht zu Kritikern der Götter, zum Beispiel der Elohim. Denn derjenige, der seine Weisheit über die Weisheit der Götter stellen möchte, der könnte ja sagen: Na, haben denn diese Götter nicht einmal, wenn sie Götter sein wollen, vorausgesehen, daß das Licht gut sein werde? Das sind mir nicht einmal Propheten, diese Götter! Wenn ich ein Gott wäre, dann würde ich selbstverständlich das Licht nur schaffen, wenn ich vorher weiß, wie das Licht ist und wenn ich nicht nachher erst sehen muß, daß das Licht gut ist.
[ 20 ] Aber das ist die Menschenweisheit, die über Götterweisheit gestellt wird. In gewissem Sinne sah auch der dritte Lehrer voraus, was kommen werde, aber er sah es in lebendigem Sinne voraus, in dem er sich hingab, ich möchte sagen, dem Genius des Wirkens, dem Genius der Entwickelung, indem er sich sagte: Indem ich mir einverleibe das, was ich durch das Studium der Charaktere im vorigen Jahre gewonnen habe, indem ich nicht genagt habe an den Fehlern, die ich gemacht habe notwendig aus dem einfachen Grunde, weil ich es eben so gab, wie ich gewesen bin, und indem ich sorgfältig studiert habe, ohne eine Kritik anzuwenden gegen dasjenige, was sich mir entgegenstellte als meine eigene Vergangenheit, dadurch habe ich meine Fähigkeit erhöht und habe mir außerdem einen fähigeren Blick erworben für das, was nun mein neues Schülermaterial ist. — Und er sah ein, daß die zwei ersten Lehrer doch nur das Schülermaterial ansehen durch die Brille desjenigen, was sie im vorigen Jahre gemacht haben, das sie doch niemals richtig beurteilen können. So konnte er sagen: Ja, ganz gewiß, ich glaube es, daß ich in vier Wochen den Schülern die richtige Schulaufgabe geben werde, und ich kann ganz gewiß auf diese meine Prophetie vertrauen, daß ich die richtige Schulaufgabe geben werde.
[ 21 ] Die anderen waren bessere Propheten. Sie konnten nämlich sagen: Ich werde diejenige Schulaufgabe geben, die ich mir aufgeschrieben habe; die werde ich ganz gewiß geben. Das war aber ein Voraussehen der Tatsachen, und nicht ein Voraussehen des Ganges der beweglichen Kräfte. Diesen Unterschied muß man sehr festhalten. Prophetie als solche ist nicht unmöglich. Aber Prophetie desjenigen, was im einzelnen vorgeht, wenn in dieses einzelne hineinverwoben ist Wesen, welches aus sich selbst heraus handeln soll, solche Prophetie kann nur möglich sein, wenn man bloß auf diejenigen Erscheinungen sieht, die von Luzifer und Ahriman aus der Gegenwart in die Zukunft hinübergetragen werden.
[ 22 ] Wir kommen allmählich näher der großen Frage, die uns beschäftigt in diesen Vorträgen über Freiheit und Notwendigkeit. Aber wir müssen gerade bei dieser Frage, die so tief eingreift in das ganze Weltgeschehen und in alles menschliche Geschehen, uns auch alle Schwierigkeiten vorlegen. Wir müssen zum Beispiel uns klar sein darüber, daß, indem wir überschauen dasjenige, was sich abgespielt hat und in das wir selber verwickelt sind, wir dieses als ein Notwendiges überschauen. Und im Augenblicke, wo wir alle Bedingungen kennen, überschauen wir es als ein Notwendiges. Das ist gar kein Zweifel, wir überschauen das, was geschehen ist, als ein Notwendiges. Aber wir müssen uns zugleich die Frage vorlegen: Kann man denn so, wie es sehr häufig geschieht, die Ursachen für ein Späteres immer in dem unmittelbar Vorangegangenen finden? Die Naturwissenschaft muß es in einem gewissen Sinne so machen, daß sie für das, was in der nächsten Zeit geschieht, in der unmittelbar vorangehenden Zeit die Ursache sieht. Wenn ich ein Experiment anstelle, so muß ich selbstverständlich bei dem, was später geschieht, mir klar sein, daß in dem, was vorher geschehen ist, die Ursache liegt. Aber das bedeutet durchaus nicht, daß das für das ganze Weltengeschehen gelten müsse, denn erstens könnten wir uns sehr leicht täuschen über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, wenn wir ihn so aufsuchen würden nach den Fäden des Späteren und Früheren. Ich möchte es durch einen Vergleich klarmachen.
[ 23 ] Wenn wir die Wirklichkeit äußerlich mit den Sinnen durchschauen, so können wir sagen: Ganz gewiß, weil dies so ist, ist das andere so. Da kommen wir aber sehr häufig, wenn wir es ausdehnen auf das gesamte Geschehen, zu dem Irrtum, den ich eben durch einen Vergleich charakterisieren will. Wir kommen zu folgendem Irrtum. Nehmen wir der Einfachheit halber an, ein Mensch kutschiere sich selber. Wir sehen ein Pferd, hinten einen Wagen, einen Menschen darauf sitzen — ich habe das Beispiel schon öfter gebraucht —, der also fährt. Man sieht sich das an und sagt ganz. selbstverständlich: das Roß zieht, der Mann wird gezogen. Der Mann wird überall hingezogen, wohin ihn das Roß zieht. Das ist ja ganz klar. Also das Roß ist die Ursache, weshalb der Mann gezogen wird. In dem Ziehen des Rosses liegt die Ursache; daß der Mann gezogen wird, das ist die Wirkung. Na schön, aber Sie wissen ja alle, daß das nicht so ist, daß der Mann, der oben sitzt und sich kutschiert, das Roß nach seinem Willen lenkt. Obzwar das Roß ihn zieht, zieht ihn das Roß dahin, wohin er will.
[ 24 ] So ist es sehr häufig auch, wenn man rein äußerlich nach den Geschehnissen auf dem physischen Plane urteilt. Nehmen Sie noch einmal das hypothetische Beispiel, das wir vor einigen Tagen angeführt haben: Eine Gesellschaft macht sich auf, setzt sich in eine Kutsche, der Kutscher hat die Abfahrtszeit versäumt. Sie kommen dadurch um fünf Minuten zu spät. Dadurch kommen sie gerade in der Zeit unter einem Felsenhang an, in der dieser Felshang abstürzt, und er zerschmettert die Gesellschaft. Nun kann man, wenn man die Ursache auf dem physischen Plane verfolgt, natürlich sagen: das ist geschehen, und nachher ist das geschehen und jenes geschehen —, und man wird auf diese Weise etwas herausbekommen. Aber man könnte wirklich in diesem Falle den Fehler machen, den man macht, wenn man sagt, das Roß zieht den Führer dahin, wo es will —, wenn man nicht beachtet, daß der kutschierende Mann das Roß nach seinem Willen lenkt. Man könnte diesen Fehler aus dem Grunde machen, weil das Lenkende in diesem Falle vielleicht in der geistigen Welt zu suchen sein könnte. Wenn man die Ereignisse bloß auf dem physischen Plane verfolgt, so urteilt man eben wirklich in dem Stile, wie: daß der Betreffende dahin fahren muß, wohin das Roß ihn zieht. Wenn man aber die geheimen Kräfte, die da walten in dem ganzen Ereignisse, durchschaut, dann sieht man, daß die Ereignisse hingelenkt worden sind zu dem Punkt, und daß das Zu-spät-Einsetzen des Kutschers eben zu dem ganzen Komplex der Bedingungen gehörte. Notwendig ist alles, aber nicht so notwendig, wie man glaubt, wenn man bloß die Ereignisse auf dem physischen Plane verfolgt.
[ 25 ] Wenn man anderseits glaubt, man könne die Ursache dadurch finden, daß man immer das unmittelbar Vorangehende als Ursache nimmt, dann könnte ja folgendes passieren. Man sieht, wenn man es von außen anschaut, dieses: Zwei Menschen treffen sich. Nun geht man so zu Werke, wie man es in der Naturforschung ja richtig tun muß. Die zwei Menschen haben sich getroffen. Jetzt studiert man, wo die betreffenden zwei Menschen vorher waren in der Stunde, bevor sie sich getroffen habe, wo sie in einer weiteren Stunde vorher waren, wie sie aufgebrochen sind, um sich zu treffen. Da kann man nun verfolgen, eine gewisse Zeit hindurch, wie eins immer das andere getrieben hat, und wie die zwei Menschen zusammengeführt worden sind. — Ein anderer kümmert sich nicht um diese Dinge, sondern er hat zufällig erfahren, daß sich die beiden Menschen vor fünf Tagen zusammen besprochen haben, daß sie sich treffen werden, und er sagt: Ja, sie treffen sich, weil sie besprochen haben, daß sie sich treffen werden.
[ 26 ] Hier haben Sie die Möglichkeit, zu sehen, daß die Ursache durchaus nicht da zu finden sein muß, wo das unmittelbar Vorhergehende ist, und daß, wenn wir das Suchen nach dem Faden der Ursache abreißen vor dem entsprechenden richtigen Gliede, wir überhaupt nicht zu dem entsprechenden rechten Gliede kommen; denn wir können ja die Kette der Ursachen nur immer bis zu einem gewissen Gliede hin verfolgen. Auch in der Natur können wir das nur bis zu einem gewissen Gliede hin. Besonders bei Erscheinungen, in welche die Menschen hineinverflochten sind, können wir das nur bis zu einem gewissen Gliede hin. Wenn wir das aber tun, und dann so vorgehen, daß wir immer das Vorhergehende und wieder das Vorhergehende suchen und glauben, wir werden die Ursache erkennen, dann geben wir uns natürlich einem Irrtum, einer Täuschung hin.
[ 27 ] Sie müssen das nur durchdringen mit dem, was Sie bisher aus der Geisteswissenschaft schon haben gewinnen können. Nehmen Sie an, ein Mensch vollzieht irgendeine Handlung auf dem physischen Plane. Also wir sehen ihn diese Handlung vollziehen. Wer nun seine Betrachtungen nur beschränken will auf den physischen Plan, der wird sehen, wie der betreffende Mensch sich vorher verhalten hat. Wenn er dann weitergeht, wird er sehen, wie er erzogen worden ist. Er wird vielleicht auch noch, wie das jetzt Mode ist, die Vererbung ins Auge fassen und so weiter. Aber nehmen wir an, in die Handlung, die sich hier auf dem physischen Plane vollzogen hat, sei eingeflossen etwas, was nur zu finden ist in dem Leben, das der Betreffende in dem Leben zwischen dem letzten Tod und der neuen Geburt durchgemacht hat. Dann bedeutet das, daß wir die Linie der Ursachen eben bei der Geburt abreißen und zu dem gehen, wo etwas Ähnliches vorliegt wie in dem Vergleiche der Verabredung. Denn es kann dasjenige, was ich jetzt ausführe, vorbestimmt sein vor Jahrhunderten in dem Leben, das zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt abgelaufen ist. Und dasjenige, was da durchlebt worden ist, das fließt ein in das, was ich jetzt tue und unternehme.
[ 28 ] So ist eben die Notwendigkeit, daß wir in gewisser Weise, ohne in die geistigen Welten einzudringen, für die menschlichen Handlungen überhaupt nicht — also überhaupt nicht hier auf dem physischen Plane — die Ursächlichkeit finden können, daß da ein Aufsuchen der Ursachen unter Umständen überhaupt eine ganz verfehlte Sache sein kann, ein Aufsuchen der Ursachen in demselben Sinne, wie man es für die äußeren Naturereignisse tut.
[ 29 ] Dennoch, wenn man genauer hinschaut auf die Art und Weise, wie das menschliche Handeln hineinverwoben ist in das Weltengeschehen, dann wird man dennoch zu einer gewissen befriedigenden Anschauung kommen können auch über dasjenige, was man Freiheit nennt, gegenüber dem, daß man sich sagen muß: Notwendigkeit liegt vor. Aber was man Aufsuchen der Ursachen nennt, das ist zunächst vielleicht überhaupt dadurch beschränkt, daß man auf dem physischen Plane gar nicht vordringen kann bis zu demjenigen Gebiet, wo die Verursachung liegt.
[ 30 ] Aber nun kommt etwas anderes, was in Betracht zu ziehen ist. Freiheit, Notwendigkeit sind einmal zwei Begriffe, die außerordentlich schwer zu fassen und noch schwerer miteinander zu vereinigen sind. Nicht umsonst ist es, daß die philosophischen Bestrebungen zum großen Teil gerade bei der Freiheits- und Notwendigkeitsfrage gescheitert sind. Es ist dies zum großen Teil aus dem Grunde her gekommen, weil sich die Menschen die Schwierigkeiten der Fragen nicht vor Augen gerückt haben. Deshalb bemühe ich mich so sehr, in diesen Vorträgen gerade die Schwierigkeiten dieser Fragen Ihnen vor Augen zu rücken.
[ 31 ] Wenn wir hinsehen auf das menschliche Geschehen, können wir zunächst den Faden der Notwendigkeit überall sehen. Denn auch das wäre ein Vorurteil, wenn man jede einzelne menschliche Handlung als ein Produkt der Freiheit hinstellen wollte. Ich will es wiederum mit einem hypothetischen Beispiel klarmachen. Nehmen wir einmal an, jemand wüchse heran. Dadurch, daß er heranwächst in einer bestimmten Art und Weise, kann man nachweisen, daß alle Bedingungen seines Erlebens sich eben so gestaltet haben, nun, sagen wir, daß er ein Briefträger geworden ist, ein Landbriefträger, der jeden Morgen mit der Post aufs Land hinausgehen und die Briefe abgeben muß. Dann geht er wieder zurück. Am nächsten Morgen geht er wieder hinaus. Ich glaube, Sie werden alle zugeben, daß man eine gewisse Notwendigkeit finden kann in diesen Vorgängen. Wenn man alles dasjenige studiert, was sich zugetragen hat in der Kindheit des betreffenden Menschen, wenn man alle die Ereignisse, die auf sein Leben gewirkt haben, zusammenzieht, so wird man gewiß sehen, wie sich das alles zusammengruppiert hat, um ihn zum Landbriefträger zu machen, und wie dann gerade dadurch, daß die eine Stelle frei war, er mit Notwendigkeit in diese hineingeschoben worden ist. Und dann hört die Freiheit wohl schon auf, denn er kann ja selbstverständlich die Adressen der Briefe, die er bekommt, nicht umändern. Da ist ja durch eine äußere Notwendigkeit gegeben, welche Haustür er auf-, und welche er wieder zumacht. Also da sehen wir schon recht viel Notwendigkeit in dem, was er zu vollbringen hat.
[ 32 ] Aber nehmen wir nun an, ein anderer Mensch, vielleicht ein jüngerer, jünger von mir angenommen aus dem Grunde, daß ich jetzt ausführen kann, was ich jetzt auszuführen habe, ohne daß Sie diesem jüngeren Menschen gleich die bittersten Vorwürfe machen über sein Gebaren. Also ein anderer, jüngerer Mensch, der noch so jung ist, daß er nicht deshalb, weil er das tut, gleich ein Faulenzer ist, der faßt die Idee, jeden Morgen mitzugehen und den Landbriefträger auf seinen Wegen zu begleiten. Das führt er auch aus. Er steht ordentlich auf jeden Morgen, schließt sich dem Landbriefträger an, macht alle einzelnen Handlungen mit und geht dann wiederum zurück, macht das eine gewisse Zeit hindurch. Es ist gar kein Zweifel, daß wir bei dem letzteren nicht in demselben Sinne von Notwendigkeit sprechen können wie bei dem ersteren. Denn alles dasjenige, was durch den ersten Menschen geschieht, muß notwendigerweise geschehen. Nichts, was durch den letzteren Menschen geschieht, müßte eigentlich geschehen. Er könnte jeden Tag wegbleiben, könnte man sagen, und es würde genau das Gleiche geschehen in einem gewissen objektiven Zusammenhange drinnen. Es ist Ja ganz klar, nicht wahr? So daß wir sagen können: Der erste tut alles aus Notwendigkeit, der letztere tut alles aus Freiheit. Das kann man ganz gut sagen, und dennoch, in einem gewissen Sinne tun sie beide dasselbe. Ja, man könnte sich sogar die folgende Vorstellung bilden. Man könnte sagen, dieser zweite Mensch sieht einmal einen Morgen herankommen, an dem er nicht aufstehen will. Er könnte es ja unterlassen, aber er tut es nun doch, weil er’s einmal gewohnt ist. Er tut, was er aus Freiheit tut, mit einer gewissen Notwendigkeit. Wir sehen Freiheit und Notwendigkeit förmlich zusammenfließen.
[ 33 ] Wenn man studiert die Art und Weise, wie jener zweite Mensch in uns wohnt, von dem ich Ihnen im öffentlichen Vortrage gesprochen habe, wie das eigentliche Seelische in uns wohnt, das in seiner Qualität durch die Pforte des Todes gehen wird, so ist es im Grunde nicht viel anders, als daß man dieses eigentlich Seelische, das in uns wohnt, vergleichen könnte mit einem Begleiter des äußeren Menschen, der durch die physische Welt geht. Es ist zwar für einen gewöhnlichen materialistischen Monisten etwas ganz Greuliches, wenn man das sagt. Aber solch ein materialistischer Monist, der steht ja doch, wie wir wissen, auf dem Standpunkte, daß er sagt: Ihr seid ganz greuliche Dualisten, wenn ihr glaubt, das Wasser bestehe aus Wasserstoff und Sauerstoff. Man muß alles einheitlich haben. Es ist doch Unsinn, zu sagen, das Monon «Wasser», das bestehe aus Wasserstoff und Sauerstoff! — Nun ja, von diesem Monismus muß man sich nur nicht täuschen lassen. Um was es sich handelt, das ist, daß nun wirklich von zwei Seiten her zueinanderkommt, was wir im Leben sind, und daß wahrhaftig das, was da von zwei Seiten her kommt, zu vergleichen ist mit der Art und Weise, wie Wasserstoff und Sauerstoff im Wasser drinnen sind. Denn was unser äußeres Physisches ist, das strömt in der Vererbungslinie weiter, und strömt nicht bloß mit den physischen Eigenschaften in der Vererbungslinie weiter, sondern es strömt auch mit dem weiter, wie wir sozial hineingestellt sind in die Vererbungslinie. Wir haben ja nicht bloß eine bestimmte Gestalt, Nase, Haarfarbe und so weiter dadurch, daß unser Vater und unsere Mutter diese bestimmte Gestalt hatten, sondern wir sind vorherbestimmt durch die Lebenslage unserer Vorfahren in bezug auf äußere soziale Stellung und so weiter. Also was zum physischen Plane gehört, nicht bloß das Aussehen unseres physischen Leibes, unsere Muskelstärke und dergleichen, sondern alles das, wie wir hineingestellt sind, alles, was zum physischen Plane gehört —, alles das strömt weiter in der Vererbungslinie, strömt von einer Generation zur anderen Generation.
[ 34 ] Dazu kommt wirklich nun von einer zweiten Seite her dasjenige, was als unser individuelles Wesen aus der geistigen Welt herkommt und was zunächst nichts zu tun hat mit all den Kräften, die in der Vererbungsströmung und in der Generationenfolge sind, was aus der geistigen Welt herkommt und was Ursachen, die vor Jahrhunderten in uns veranlagt sein können, geistig vereinigt mit den Ursachen, die in der Vererbungs- und Generationen-Strömung liegen. Zwei Wesen kommen zueinander. Und in der Tat ist es so, daß wir die Sache nur richtig beurteilen, wenn wir dieses zweite Wesen, das aus der geistigen Welt herkommt und sich mit dem Physischen vereinigt, wirklich wie eine Art Begleiter des ersten ansehen. Deshalb habe ich das Beispiel gewählt von dem Begleiter, der alles mitmacht. So ist es auch, daß unsere eigentliche Seele die äußeren Ereignisse in einem gewissen Sinne mitmacht.
[ 35 ] Der zweite Mensch, der den Landbriefträger begleitet hat, der hat das alles freiwillig getan. Es ist nicht zu leugnen, daß er es freiwillig getan hat. Man könnte ja Ursachen suchen, aber die Ursachen liegen gegenüber der Notwendigkeit, in die der erste Briefträger versetzt ist, auf dem Gebiete der Freiheit. Er hat das alles freiwillig getan. Aber sehen Sie, eines folgt aus dieser Freiheit, ich möchte sagen mit Notwendigkeit. Sie werden nicht leugnen: wenn der zweite Mensch, der den ersten begleitet hat, das durch eine gewisse Zeit hindurch getan hat, so wird er zweifellos ein guter Briefträger geworden sein. Er wird das gut machen können, was der getan hat, den er begleitet hat. Und er wird es sogar besser machen können, weil er gewisse Fehler vermeiden wird. Aber wenn der erste die Fehler nicht gemacht hätte, dann würde er nicht auf diese Fehler gekommen sein. Man kann sich überhaupt gar nicht den Fall denken, daß es nützlich sein sollte für den zweiten, nun nachzudenken über die Fehler des ersten. Wenn man lebendig denkt, so wird man das als eine ganz unnütze Grübelei ansehen, wenn der zweite über die Fehler des ersten nachdenkt und sich damit beschäftigt. Gerade wenn er nicht über die Fehler nachdenkt, sondern lebendig alles mitmacht und nur die ganzen Vorgänge betrachtet, so wird es lebendig in ihn übergehen, und er wird von selber diese Fehler nicht machen.
[ 36 ] So ist es aber mit demjenigen, was in uns steckt und uns begleitet. Wenn das sich aufschwingen kann zu der Anschauung, daß notwendig ist, was wir getan haben, daß wir es begleitet haben, und daß wir nunmehr in die Zukunft hinein unser Seelisches tragen, indem es gelernt hat, dann schauen wir die Sache in der richtigen Weise an. Aber gelernt muß es haben in wirklich lebendiger Weise. Man wird sogar innerhalb der Inkarnation das, was hier gemeint ist, richtig feststellen können. Man wird vergleichen können, ich will sagen, drei Menschen. Der erste Mensch, der handelt darauflos. Es kommt ihm in einem gewissen Zeitpunkte seines Lebens der Drang, sich selbst zu erkennen. Da blickt er nun auf dasjenige, was er immer gut gemacht hat. Er ergötzt sich an dem, was er gut gemacht hat. Nun versucht er, die Sache, die er gut gemacht hat immer weiter zu machen. Er wird ja in einer gewissen Weise recht gute Sachen machen, nicht wahr?
[ 37 ] Ein anderer, der ist mehr hypochondrisch veranlagt, der sieht mehr auf seine Fehler. Wenn er dann überhaupt hinauskommt über die Hypochondrie, über seine Fehler, wenn er sich erheben kann darüber, so wird er dahin kommen, diese Fehler zu vermeiden. Aber er wird nicht erreichen, was nun ein Dritter erreichen könnte, der sich sagt: Dasjenige, was geschehen ist, war notwendig, aber es ist zu gleicher Zeit die Grundlage eines Lernens. Aber eines Lernens durch Betrachtung, nicht durch eine müßige Kritik, sondern durch Betrachtung. — Er wird jetzt in lebendiger Weise nicht fortsetzen das, was schon geschehen ist, die Vergangenheit in die Zukunft einfach hinübertragen, sondern dasjenige, was der Begleiter war, das wird er gestärkt, gekräftigt, gestählt haben, und er wird es lebendig hinübertragen in die Zukunft. Er wird nicht das wiederholen, was sein Gutes war, und nicht das vermeiden, was sein Schlechtes war, sondern wird durch das Gute und durch das Schlechte, indem er es sich einverleibt hat und indem er es einfach da stehen läßt, so wie es dasteht, es gestärkt und gekräftigt und gestählt haben.
[ 38 ] Das wird die allerbeste Kräftigung eben des Seelischen: stehenlassen dasjenige, was da geschehen ist, und es in lebendiger Weise hinübertragen in die Zukunft. Sonst kehrt man immer wiederum in luziferisch-ahrimanischer Weise zu dem Vergangenen zurück. Fortschritt in der Entwickelung ist nur möglich, wenn man das Notwendige in der richtigen Weise anfaßt. Warum? Gibt es denn auf diesem Gebiete hier ein Richtiges? Auch darüber will ich Ihnen zum Schluß jetzt etwas wie einen Vergleich geben, den ich Sie bitte, bis zum nächsten Dienstag ein wenig in Ihrer Seele zu tragen. Wir werden dann, auf diesem Vergleiche fußend, etwas weiter bauen können in unserer Frage.
[ 39 ] Denken Sie einmal, Sie wollen einen äußeren Gegenstand sehen. Sie können ihn sehen, diesen äußeren Gegenstand, aber Sie können ihn unmöglich sehen, wenn Sie zwischen diesen Gegenstand und sich einen Spiegel setzen. Aber Sie sehen dann Ihr eigenes Auge. Wollen Sie den Gegenstand sehen, so müssen Sie verzichten, Ihr eigenes Auge zu sehen, und wollen Sie Ihr eigenes Auge sehen, müssen Sie verzichten, den Gegenstand zu sehen. — Nun ist durch eine merkwürdige Verkettung von Wesenheiten in der Welt dies so mit Bezug auf das menschliche Handeln und mit Bezug auf die menschliche Erkenntnis: alles dasjenige, was wir erkennen, erkennen wir in einer gewissen Weise durch einen Spiegel. Erkennen bedeutet immer, daß wir eigentlich in einer gewissen Weise durch eine Spiegelung erkennen.
[ 40 ] Wenn wir nun die vergangenen Handlungen, die wir vollzogen haben, anschauen wollen, so schauen wir sie eigentlich immer so an, daß wir im Grunde einen Spiegel zwischen den Handlungen überhaupt und uns selber haben. Wenn wir aber handeln wollen, wenn wir zwischen uns und unserem Handeln, überhaupt zwischen uns und der Welt ein unmittelbares Verhältnis haben wollen, dann dürfen wir uns keinen Spiegel hinhalten. Dann müssen wir absehen von dem Hinblicken auf dasjenige, was uns uns selber im Spiegel zeigt. So ist es mit Bezug auf unsere verflossenen Handlungen. In dem Augenblicke, wo wir sie anschauen, stellen wir uns einen Spiegel vor sie hin, und dann können wir sie ja ganz gewiß erkennen. Wir können nun diesen Spiegel stehenlassen und sie furchtbar genau erkennen. Das wird sicher für gewisse Zwecke sehr gut sein. Aber wenn wir nicht imstande sind, den Spiegel auch wegzutun, so wird uns die ganze Erkenntnis nichts helfen, denn in dem Augenblick, wo wir den Spiegel wegtun, da sehen wir unser Eigenes nicht mehr; erst dann kann es sich aber uns einverleiben, da kann es erst eins mit uns werden.
[ 41 ] Und so müssen wir es halten mit der Selbstschau. Wir müssen uns klar darüber sein, daß, solange wir zurückschauen, diese Rückschau nur sein kann die Veranlassung dazu, nun das Erschaute lebendig in uns aufzunehmen. Aber dabei dürfen wir es nicht immer anschauen, denn sonst steht der Spiegel immer da. Mit unserer Selbstschau ist es ganz ähnlich wie mit einer Spiegelschau. Wir kommen nur dadurch weiter im Leben, daß wir dasjenige, was wir durch Selbstschau kennenlernen, auch in unser Wollen aufnehmen.
[ 42 ] Wollen Sie bitte diesen Vergleich einmal in Ihre Seelen aufnehmen, diesen Vergleich, der also darinnen liegt, daß man das eigene Auge nur sieht, wenn man verzichtet auf das Sehen eines anderen, und daß, wenn man ein anderes sehen will, man auf das Sehen des eigenen Auges verzichten muß. Wollen Sie diesen Vergleich in sich aufnehmen. Auf Grundlage dieses Vergleiches wollen wir dann von rechter Selbstschau und von unrechter Selbstschau am nächsten Dienstag sprechen und dann der Lösung unserer Fragen immer näher und näher kommen. Es ist bei dieser, ich möchte sagen, schwierigsten Menschheitsfrage, bei der Frage nach Freiheit und Notwendigkeit und der Verkettung der Handlungen der Menschen und des Weltengeschehens, schon notwendig, daß man sich alle Schwierigkeiten vorhält. Und derjenige, der glaubt, in bezug auf diese Frage zu einer Lösung kommen zu können, bevor er alle Schwierigkeiten durchschaut hat, der irrt sich eben eigentlich doch.
