Notwendigkeit und Freiheit
im Weltengeschehen und im menschlichen Handeln
GA 166
27 Januar 1916, Berlin
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Ich versuchte vorgestern hinzuweisen auf das gleich bedeutungsvolle Rätsel, das Weltengeheimnis von Notwendigkeit und Freiheit im Weltengeschehen und im menschlichen Handeln. Ich versuchte zunächst einmal, und auch die heutige Betrachtung wird sich noch in derselben Bahn halten müssen, auf die ganze Bedeutung und Schwierigkeit dieses Weltenrätsels und Menschheitsrätsels aufmerksam zu machen. Ich versuchte, durch ein hypothetisches Beispiel darauf hinzuweisen, wie uns im Weltengeschehen diese Frage entgegentreten kann. Ich sagte: Nehmen wir einmal an, eine Gesellschaft hätte sich aufgemacht, durch eine Bergschlucht zu fahren, im Laufe welcher ein überhängender Felsen ist, und die Zeit wäre ganz genau angesetzt. Der Kutscher aber versäumt durch eine Nachlässigkeit, fährt fünf Minuten zu spät ab. Dadurch kommt die Gesellschaft gerade in dem Augenblick, als der Fels abstürzt, an die betreffende Stelle, die unter dem Felsen ist. Man muß sagen nach äußerer Beurteilung — ich sage ausdrücklich: nach äußerer Beurteilung —, durch die Saumseligkeit des Kutschers, also durch ein Ereignis, das wie durch eines Menschen Schuld hereingetreten ist, sei die ganze Reisegesellschaft verschüttet worden.
[ 2 ] Das letzte Mal wollte ich hauptsächlich darauf aufmerksam machen, daß wir nicht zu schnell mit unserem gewöhnlichen Denken an ein solches Rätsel herantreten sollen und glauben, es lösen zu können. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie dieses menschliche Denken, das wir ja zunächst nur für den physischen Plan brauchen, sich auch gewöhnt hat, nur auf die Bedürfnisse des physischen Planes Rücksicht zu nehmen, und wie dieses menschliche Denken in Verwirrung kommt, wenn es ein wenig über den physischen Plan hinausgeführt wird. Heute möchte ich durch weiteres vor allen Dingen auf das Schwerwiegende des ganzen Rätsels hinweisen. Denn wir werden erst in der nächsten Betrachtung, die am Sonntag hier sein soll, uns einer Art Lösung dieses ganzen Problems nähern können, wenn wir es in seiner ganzen 'Tragweite und in seiner ganzen Bedeutung, auch für das menschliche Erkennen selbst überschauen; wenn wir zum Beispiel vollständig überschauen, wie wir hineingeraten können, gerade gegenüber den schwierigsten Lebensproblemen, in Spintisiererei, in ein Drängen und Leiten der Gedanken, die uns gewissermaßen in die Irre führen, so daß wir uns wie in einem Walde befinden, in dem wir weitergehen und glauben, weiter zu kommen, während wir uns im Grunde genommen im Kreise drehen. Erst wenn wir sehen, daß wir wieder auf den Punkt zurückgekommen sind, bemerken wir, daß wir uns im Kreise gedreht haben. Das Merkwürdige ist nur, daß wir beim menschlichen Denken nicht bemerken, wie wir immer und immer wieder auf demselben Punkte ankommen. Aber auch darüber wollen wir noch sprechen.
[ 3 ] Ich habe angedeutet, daß dieses bedeutsame Problem zusammenhängt mit dem, was wir die Kräfte des Ahriman und die Kräfte des Luzifer nennen im Weltengeschehen und in dem, was an den Menschen in seinem Handeln, in seinem ganzen Denken, Fühlen und Wollen herantritt. Ich habe bemerkt, daß man noch bis in das 15. Jahrhundert herein sehen kann, wie die Menschen ein Gefühl gehabt haben davon, daß ebenso, wie in das Naturgeschehen positive und negative Elektrizität hereinspielt, und wie sich kein Physiker geniert, von positiver und negativer Elektrizität zu sprechen, so die Menschen auch gewußt haben das Ahrimanische und Luziferische doch im Weltgeschehen zu sehen, wenn sie auch diese Namen nicht ausgesprochen haben. Ich habe da auf ein anscheinend sehr fernliegendes Beispiel hingewiesen: auf die Uhr des Prager Altstädtischen Rathauses, die so kunstvoll eingerichtet ist, daß sie nicht bloß eine Uhr, sondern eine Art Kalender ist, so daß man jedes Ereignis darauf sieht, daß man auch den Gang der Planeten darauf sieht, daß man Sonnen- und Mondenfinsternisse, wenn sie eintreten, an der Uhr ablesen kann. Kurz, es hat da ein sehr kunstsinniger Mann ein großes Kunstwerk zustande gebracht. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß man dokumentarisch nun sehr gut nachweisen kann, wie ein Professor einer Prager Hochschule dieses Kunstwerk zustande gebracht hat, daß uns das aber nicht weiter interessieren kann, denn das sind die Vorgänge, die sich auf dem physischen Plane abgespielt haben. Ich habe aber darauf hingewiesen, wie eine einfache Volkssage sich ausgebildet hat, in dem Gefühl, daß in ein solches Ereignis auch die ahrimanischen und luziferischen Kräfte hereinspielen, die Sage, daß diese Uhr also kunstvoll am Rathaus der Prager Altstadt angebracht worden ist durch einen Mann, der ein einfacher Mann war, der die ganze Begabung dazu durch eine Art göttlicher Eingebung erhalten hat, und daß dann die Sage weiter erzählt: aber der Herrscher, der wollte diese Uhr nur für sich allein haben, wollte nicht dulden, daß auch noch in irgendeiner anderen Stadt eine solche Uhr oder etwas Ähnliches konstruiert werde. Daher habe er den Meister der Uhr blenden lassen. Der mußte sich dann fernhalten. Nur als er seinen Tod herannahen fühlte, wurde ihm noch gestattet, an die Uhr heranzugehen. Und da gab er durch einen geschickten Eingriff der Uhr einen Stoß, und die Folge war, daß man sie eigentlich niemals wiederum in Ordnung bringen konnte.
[ 4 ] In dieser Volkssage fühlt man, wie auf der einen Seite eben die Empfindung vorhanden war für das luziferische Prinzip, für jenes luziferische Prinzip in dem Herrscher, der die Uhr nur für sich allein haben wollte, die allein durch eine Gnadengabe konstruiert werden konnte, die also hereingekommen ist durch die guten, fortschreitenden göttlichen Mächte; und wie dann, sobald Luzifer aufgetreten ist, Ahriman dazu kommt, denn das war eine ahrimanische Tat, daß dann der geblendete Meister dieser Uhr durch seine Geschicklichkeit die Uhr verdorben hat. In dem Augenblick, wo Luzifer aufgerufen ist — und das Umgekehrte ist auch der Fall — kommt durch einen Gegenschlag dann Ahriman. Daß aber nicht nur das Volk in der Bildung dieser Sage etwas von Ahriman und Luzifer gefühlt hat, das geht noch aus etwas anderem hervor. Das geht aus der Ausgestaltung der Uhr selber hervor. Daraus geht hervor, daß auch der Meister ahrimanische und luziferische Kräfte anbringen wollte, indem er gerade diese Uhr konstruierte, denn diese Uhr zeigt außer dem, was ich Ihnen schon beschrieben habe an Kunstvollendetem, noch etwas ganz anderes. Es sind außer dem allem, was da angebracht ist, außer dem Zifferblatt, der Planetenscheibe und so weiter, noch auf den beiden Seiten Figuren angebracht, und zwar auf der einen Seite der Tod, und auf der anderen Seite zwei Figuren: die eine ein Mann, welcher einen Geldbeutel in der Hand hat mit dem Geld darin er klappern kann. Die andere Figur stellt dar einen Mann, dem ein Spiegel vorgehalten wird, so daß er immer sich selber sehen kann. Also wir haben in diesen zwei Figuren außerordentlich schön den Menschen, der hingegeben ist in seinem Wert an das Äußere: den reichen Geizhals, den ahrimanischen Menschen, und den luziferischen Menschen, der die Kräfte seiner Eitelkeit fortwährend aufgerufen haben will, in dem Menschen, dem der Spiegel vorgehalten ist, der fortwährend sich selber ansehen kann. Wir haben also durch den Meister selber das Ahrimanische und das Luziferische einander gegenübergestellt, und wir haben auf die andere Seite gestellt den Tod, das ist das Ausgleichende — wir werden auch davon noch zu sprechen haben —, das ist dasjenige, was dastehen soll eben als eine Mahnung daran, wie durch die fortwährende Abwechslung vom Leben zwischen Tod und Geburt und Geburt und Tod der Mensch eben hinauskommt über die Sphäre, in der Ahriman und Luzifer walten. Wir sehen also in der Uhr selber in einer wunderbaren Weise dargestellt, wie damals noch ein Gefühl für das Ahrimanische und Luziferische vorhanden war.
[ 5 ] Dieses Gefühl für das Ahrimanische und Luziferische müssen wir uns in einer gewissen Weise beleben, wenn wir zu einer Lösung der angedeuteten schwierigen Frage kommen wollen. Im Grunde genommen tritt uns ja die Welt wirklich immer in einer Zweiheit entgegen. Schauen wir auf die Natur. Was bloß Natur ist, tritt uns wirklich entgegen, wir können sagen, in der Signatur, in dem Ausdruck, mit der Offenbarung einer starren Notwendigkeit. Wir wissen Ja, daß es sogar das Ideal des Naturforschers ist, künftige Ereignisse mathematisch aus den vorhergehenden Ereignissen berechnen zu können. Ein Ideal ist es, allen Naturerscheinungen gegenüber es so machen zu können, wie den künftigen Sonnen- und Mondesfinsternissen gegenüber, die man aus den Konstellationen der Himmelskörper vorherberechnen kann. Also das fühlt der Mensch: sofern er den Naturereignissen gegenübersteht, steht er gegenüber einer starren Notwendigkeit, einer absoluten Notwendigkeit. Gerade seit dem 15. Jahrhundert haben sich die Menschen gewöhnt, so recht diese starre Notwendigkeit sich zum Muster überhaupt einer Weltenbetrachtung zu nehmen. Dadurch ist es allmählich entstanden, daß man nun auch geschichtliche Ereignisse mit einer solchen starren Notwendigkeit durchzieht.
[ 6 ] Nun aber muß man bei geschichtlichen Ereignissen auf der anderen Seite wiederum folgendes in Betracht ziehen. Wir wollen, nicht wahr, ein Ereignis nehmen, das unabhängig ist von der einen oder anderen Lebenssituation, in der wir sind. Nehmen wir also zum Beispiel einmal das geschichtliche Ereignis Goethe. Man hat in gewisser Beziehung das Bedürfnis, auch eine solche Erscheinung wie das Auftreten Goethes und all dasjenige, was er geschaffen hat, als in einer Art starrer Notwendigkeit begründet zu betrachten. Da kann aber einer kommen und kann sagen: Ja, aber sieh nur einmal an, Goethe ist doch am 28. August 1749 geboren. Wäre in dieser Familie nicht dieser Knabe geboren worden, was wäre denn dann geworden? Hätten wir dann auch die Werke Goethes? — Man könnte dann zeigen, daß Goethe ja selber darauf hinwies, wie er von seinem Vater und seiner Mutter in einer eigentümlichen Weise erzogen ist, wie jedes einen Beitrag geliefert hat zu der Art und Weise, wie er später geworden ist. Wenn er anders erzogen worden wäre, würden dann diese Werke entstanden sein? Und wir schauen hin auf das Zusammentreffen des Herzogs Karl August von Weimar mit Goethe. Hätte ihn der nicht gerufen, hätte ihm der nicht das gegeben, was wir als seinen Lebensverlauf von den siebziger Jahren an kennen, wären nicht da vielleicht ganz andere Werke entstanden? Oder hätte es nicht sogar sein können, daß Goethe ein ganz gewöhnlicher Minister geworden wäre, wenn er anders in seinem Vaterhause erzogen worden wäre, wenn nicht schon damals der dichterische Drang so lebendig in ihm gewaltet hätte? Wie würde sich dann dasjenige ausnehmen, was seit Goethe der Inhalt der deutschen Literatur und Kunst geworden ist, wenn das alles anders geworden wäre?
[ 7 ] Das sind alles Fragen, die aufgeworfen werden können und die uns die ganze tiefe Bedeutung dieses Rätsels vor Augen stellen können. Aber was einer oberflächlichen Lösung entgegensteht, das kommt uns da noch nicht ganz ordentlich vor Augen. Wir können noch tiefer gehen und noch andere Fragen stellen. Schauen wir zum Beispiel wiederum auf den Künstler, der jene Uhr auf dem Altstädtischen Prager Rathaus zustande gebracht hat. Er hat diese Figuren hinaufgestellt: den reichen Geizhals mit dem Geldbeutel, hat hinaufgestellt also den eitlen Menschen, und den Tod gegenübergestellt. Nun kann man sagen: Damit hat dieser Mann etwas getan, er hat das hinaufgestellt. Aber indem wir das aussprechen, sprechen wir eine Ursache aus für unendlich viele mögliche Wirkungen. Denn stellen Sie sich das lebhaft vor, wie viele Menschen davorgestanden haben, vor diesem reichen Geizhals, vor diesem eitlen Menschen, dem sein Bild gezeigt wird, vor dem Tod. Und wie viele Menschen auch noch das gesehen haben, was noch eine weit größere Kunst dieses Uhrmachers war: nämlich jedesmal, wenn die Stunde schlagen sollte, bewegte sich zunächst der Tod, der den Stundenschlag durch ein Läutwerk begleitete, und die andere Figur bewegte sich auch, und es winkte der Tod hinüber dem reichen Geizhals, und der winkte wiederum zurück. Das alles konnte man sehen. Das alles waren wichtige Merkzeichen für das Leben. Das alles konnte einen Eindruck machen auf einen Menschen, der davorstand. Es hat das auch einen tiefen Eindruck gemacht. Das geht daraus hervor, daß die Volkssage noch weiteres ausgebildet hat, daß sie nämlich noch etwas Besonderes erzählt: Der Tod, dieses Skelett, hatte nämlich eigentümlicherweise jedesmal, wenn die Stunde schlagen sollte, den Mund aufgerissen, aufgeklappt, und die Volkssage sagte: Jedesmal, wenn man da hinschaut, sieht man, wie aus dem Mund ein Sperling herauskommt, ein Spatz, und dieser hat nur die einzige Sehnsucht, wieder herauszukommen in die freie Luft. Aber wenn er herauskommen will, so klappt der Mund zu, und er ist wiederum für eine Stunde eingeschlossen. Eine sehr geistvolle Sage hat das Volk auch noch sogar an dieses Auf- und Zuklappen des Mundes angeknüpft, wodurch dieses Volk zeigen wollte, welch Bedeutendes das eigentlich ist, was wir so abstrakt «die Zeit» nennen, was wir so abstrakt «das Vorrücken der Zeit» nennen. Daß da tiefe Geheimnisse drinnen walten, das wollte das Volk andeuten.
[ 8 ] Nun denken wir uns, es könnte ein Mensch davorgestanden haben, nicht wahr? Ich wollte, indem ich auch noch diese Volkssage berührte, andeuten, was alles gedacht werden könne, nicht nur gedacht, sondern in Imaginationen gesehen werden könne; denn einen solchen Spatz erfindet man nicht. Da haben sich natürlich Leute hingestellt, die den Spatz als Imagination gesehen haben. Ich wollte das nur andeuten. Aber nehmen wir das einmal, ich möchte sagen, rationalistisch. Da kann ein Mensch davorstehen, der vielleicht gerade in einem Augenblicke ist, wo er moralisch etwas abirren könnte, und er steht vor der Uhr und sieht: der Tod winkt in jeder Stunde dem Reichen, der sich von seinem Reichtum abhängig macht, und dem eitlen Menschen. Er könnte durch diesen Eindruck, den er empfangen hat, von einer gewissen moralischen Verirrungsmöglichkeit, der er schon ausgesetzt worden war, abgelenkt werden.
[ 9 ] Aber man kann sich auch noch anderes vorstellen. Wenn man dieses in Erwägung zieht, könnte man sagen: Dieser Mann, der durch eine göttlich-geistige Eingebung dieses Kunstwerk konstruiert hat, hat eigentlich sehr viel Gutes getan. Denn sehr viele solche Menschen könnten vor diesem Kunstwerke gestanden haben und in gewisser Weise moralisch verbessert worden sein. Man könnte sagen: Was ist das doch für ein günstiges Karma dieses Menschen, daß er in so vielen Menschen günstige Seelenwirkungen auslösen konnte! — Und man könnte nun anfangen zu denken: Wie viele günstige Seelenwirkungen hat der Mensch nun in dem Festhalten durch dieses Bild ausgelöst! Man könnte nun anfangen zu rechnen mit dem Karma dieses Künstlers. Man könnte sagen: Was ist das, daß er diese Uhr gemacht hat und den Tod und Ahriman und Luzifer darauf hingestellt hat, was ist das alles für ein Ausgangspunkt für ein unendlich günstiges Karma! In einer solchen Betrachtung könnte sich jemand ergehen und sagen: Sehr, Menschen sind da, die durch eine Tat einen ganzen Strom guter Taten verrichten. Dieser Strom guter Taten muß also ganz auf ihr Karma geschrieben werden. — Man könnte anfangen, nun darüber zu denken: Ja, wie müßte ich eigentlich jede Tat einrichten, damit ein solcher Strom guter Taten daraus entsteht?
[ 10 ] Hier sehen Sie den Anfang eines Denkens, das sich verirren kann. Ein Versuch, zu denken: Wie muß ich meine Taten einrichten, damit ein solcher Strom von guten Taten daraus fließt? — Eine Unmöglichkeit, nicht wahr, wenn man dieses zum Lebensprinzip machen wollte. Es könnte sich jemand darinnen ergehen, zu sagen: Ein solcher Strom von guten Taten fließt aus dem, was der Mann getan hat. Und da könnte ein anderer kommen und sagen: Nein, ich habe mich sogar persönlich überzeugt, ich habe ein wenig diese Sache verfolgt, wie es mit der Uhr ist. Von solchen Wirkungen habe ich eigentlich nicht viel vernommen. Er könnte Pessimist sein und sagen: Dazu ist die Zeit viel zu schlecht. Die Leute können sich so etwas nicht einreden, wenn man ihnen so etwas vormacht. Ich habe in mehreren Fällen etwas ganz anderes gesehen: wie Menschen hingekommen sind, die erfüllt sind mit einem gewissen demokratischen Gefühl, Haß gegen alles Reiche, der noch nicht zum Ausbruch gekommen ist. Und da stand solch ein Mensch und sah, wie der reiche Geizhals nur gewinkt bekam vom Tod, und wie er wieder zurückwinkt. Das will ich ausführen, sagte er, und suchte den nächsten reichen Geizhals, den er bekommen konnte, und ermordete ihn. Ähnliche Stücke des Hasses sind aus den einzelnen Menschen hervorgegangen. Das hat alles der Mann angerichtet mit seinem Kunstwerk. Das ist dasjenige, was man ihm nun auf sein Karma schreiben muß.
[ 11 ] Wiederum nicht alles bedenkend, könnte jemand sagen: Ja, also könnte es ja sein, daß? man irgend etwas, was an sich künstlerisch vollendet ist, was an sich einen inneren großen Wert hat, gar nicht vollführen darf in der Welt, weil es die schlimmsten Wirkungen haben könnte, weil es unzählige schlechte Wirkungen haben könnte, die ja nun wiederum auf das Karma zurückfallen.
[ 12 ] Wir sind damit aufmerksam gemacht, ich möchte sagen, auf etwas unendlich Versucherisches für das ganze menschliche Erkenntnis- und Seelenvermögen. Denn man braucht nur ein wenig Selbstschau zu halten — zu nichts neigt der Mensch mehr, als sich bei diesem oder jenem zu fragen: Was ist dabei herausgekommen? und dann den Wert desjenigen, was er getan hat, einzurichten nach dem, was dabei herausgekommen ist. Aber wie man in ein gewisses Spekulieren hineinkommt, wenn man nachdenken will, wie im Beispiel, das ich ihnen das letzte Mal gesagt habe, ob nun der doppelten Zahlen rechts gerade so viel sind wie der Zahlen links, oder ob sie nur die Hälfte sind, wie man da in eine Verwirrung des Denkens hineinkommt, so muß man unbedingt in eine Verwirrung des Denkens hineinkommen, wenn man bei der Betrachtung dessen, was man in irgendeiner solchen Weise getan hat, den Maßstab anlegen wollte: Was hat das für Wirkungen, was wird das zum Beispiel für mein Karma für ein Resultat haben?
[ 13 ] Hier ist die Volkssage wiederum klüger und, man kann sogar sagen, im geisteswissenschaftlichen Sinne wissenschaftlicher. Denn es ist natürlich furchtbar trivial, wenn ich das ausspreche, aber die Volkssage sagte: Es war ein einfacher Mann, der die Uhr konstruiert hat. Er hat nichts anderes im Auge gehabt als den Gedanken, der ihm eingegeben war, und er hat die Uhr danach gemacht und hat nicht darüber spintisiert, was nun seine Tat nach der einen oder nach der anderen Richtung für Folgen haben könnte.
[ 14 ] Nun ist es ja nicht zu leugnen und darinnen besteht gerade das Verführerische und Versucherische, daß man wirklich etwas herausbekommt, wenn man in der Weise, wie ich es angedeutet habe, gräbt; wenn man bei irgendwelchen Taten zunächst fragt: Was werden die für Folgen haben? — Es ist schon deshalb versucherisch, weil es durchaus auch solche Taten gibt in der Welt, bei denen man nach den Folgen fragen muß. Und es wäre selbstverständlich einseitig, wenn man nun wiederum aus dem, was ich gesagt habe, die Folgerung, die Konsequenz ziehen wollte, man sollte es immer so machen wie jener Meister, man sollte nicht fragen nach den Folgen. Denn man muß nach den Folgen fragen, wenn man zum Beispiel einen jungen Knaben, der faul gewesen ist, durchwichst. Also es gibt selbstverständlich Dinge in der Welt, bei denen man durchaus nach den Folgen fragen muß. Hier aber liegt eben das, was wir uns ganz genau nun einmal zu Gemüte, zur Seele führen müssen: daß wir im Weltenzusammenhange wirklich von zwei Seiten her Eindrücke empfangen, daß wir auf der einen Seite Eindrücke empfangen von dem physischen Plane her, und auf der anderen Seite — und die Volkssage deutete es an, indem sie sagte: es war ein einfacher Mann, eine Eingabe der göttlich-geistigen Mächte, von oben gnadevoll eingegeben —, auf der anderen Seite Eindrücke aus der geistigen Welt. Wenn uns diese Eindrücke aus der geistigen Welt gegeben werden, wenn aus der geistigen Welt etwas zu unserer Seele kommt, welches unsere Seele anregt, dies oder jenes auszuführen, dann sind die Momente im Leben, wo es eine zweite Art von Gewißheit gibt, eine zweite Art von Wahrheit, nicht im objektiven, aber im subjektiven Sinne, indem wir uns anleiten lassen von der Wahrheit, eine zweite Art von Gewißheit, die unmittelbar ist, und bei der wir als einer unmittelbaren stehenbleiben müssen. Das ist es, um was es sich handelt.
[ 15 ] Wir stehen auf der einen Seite in der physischen Welt drinnen. In der physischen Welt sieht alles so aus, als wenn das folgende Ereignis ganz selbstverständlich aus dem vorhergehenden kommen würde. Aber wir stehen auch in der geistigen Welt drinnen. Ich versuchte das letzte Mal klarzumachen, wie geradeso, wie in unserem physischen Leib der Ätherleib drinnen ist, im ganzen Strome der Ereignisse der physischen Welt ein übersinnliches Geschehen drinnen waltet. Wir stehen auch in diesem übersinnlichen Geschehen drinnen. Aus diesem übersinnlichen Geschehen heraus kommen uns die Antriebe, die ursprünglich sind und denen wir zu folgen haben, ganz gleichgültig, wie sich dann die Wirkungen, namentlich in der physischen Welt, ausnehmen werden. Der Mensch hat nämlich, indem er in die Welt hineingestellt ist, eine Art von Gewißheit, die ihm kommen muß, wenn er die äußeren Dinge überschaut. So macht es der Naturbetrachter. Er kann auf eine andere Weise nicht zu irgendeiner Gewißheit über Ursache und Wirkung kommen, als indem er die Naturereignisse überschaut. Wir haben aber auf der anderen Seite die Möglichkeit, unmittelbare Gewißheit zu erhalten, wenn wie sie nur wollen, wenn wir nur wirklich unsere Seele öffnen den Einflüssen dieser unmittelbaren Gewißheit. Dann handelt es sich darum, daß wir stehenbleiben bei einem Ereignisse und es seinem Eigenwert, seiner Eigenart nach zu beurteilen verstehen.
[ 16 ] Dies letztere ist selbstverständlich schwierig. Aber fortwährend geben uns die Ereignisse, namentlich die Ereignisse der Weltgeschichte, die entscheidende Veranlassung, die Dinge und die Vorgänge auch nach ihrem Eigenwert zu beurteilen, die Dinge und Vorgänge, die außer uns in der Geschichte ablaufen. Dies ist fortwährend notwendig. Aber hier ist die Verwirrung der Menschen wirklich so eminent hervorspringend, wenn man genauer auf die Dinge eingeht, was uns sehr weit führen wird, wenn wir es richtig auffassen. Sie ist im Grunde genommen gar nicht immer unmittelbar für jeden einzelnen zu kontrollieren. Nehmen wir das Ereignis von Goethes «Faust». Es ist eine Schöpfung, die aufgetreten ist, nicht wahr? Es wird vielleicht sehr wenige Menschen in diesem Saale geben, welche, namentlich nach den verschiedenen Betrachtungen, die wir ja auch schon über den «Faust» angestellt haben, nicht der Anschauung sind, daß mit dem Goetheschen «Faust» der Menschheit ein großes Kunstwerk geschenkt worden ist, ein Kunstwerk, welches wirklich auch einer gnadevollen Eingebung entspricht.
[ 17 ] Mit Goethes «Faust» hat ja gewissermaßen das deutsche Geistesleben auch andere Geistesleben erobert. Goethes «Faust» hat auch schon zu Goethes Lebzeiten auf viele Menschen einen starken Einfluß geübt. Diese Menschen haben Goethes «Faust» als ein großes, einzigartiges Kunstwerk angesehen. Einen Mann in Deutschland hat es ganz besonders geärgert, daß Frau von Stael ein außerordentlich günstiges Urteil über Goethes «Faust» gefällt hat. Ich will das Urteil, das dieser Mann über Goethes «Faust» gefällt hat, einmal vorlesen, damit Sie sehen, wie gegenüber dem, was als Individuelles zu beurteilen ist, andere Meinungen auftreten können, als diejenigen, die Sie vielleicht in diesem Augenblick für die einzig möglichen halten über Goethes «Faust». Der Mann beginnt gleich beim Prolog im Himmel.
[ 18 ] Also 1822 ist dies geschrieben von einem gewissen Herrn von Spaun. Er hat dazumal folgendes Urteil über Goethes «Faust» abgegeben:
[ 19 ] Schon der Prolog zeige, «daß Herr von Goethe ein sehr schlechter Versifex sei, und der Prolog ein wahres Muster, wie man a nicht in Versen schreiben soll.»
[ 20 ] «Die verflossenen Zeitalter haben nichts aufzuweisen, das in Rücksicht auf anmaßende Erbärmlichkeit mit diesem Prolog zu vergleichen wäre... Ich muß mich aber kurz fassen, weil ich ein lang und leider auch langweiliges Stück Arbeit übernommen habe. Dem Leser soll ich beweisen, daß der berüchtigte «Faust» eine usurpierte und unverdiente Celebrität genießet und sie nur dem verderblichen Gemeingeiste einer Associatio obscurorum virorum verdanke... Mich veranlasset keine Celebritätsrivalität, über des Herrn von Goethes «Faust» die Lauge strenger Kritik auszugießen. Ich wandle nicht auf seinem Pfade zum Parnasse, und würde mich freuen, wenn er unsere deutsche Sprache mit einem Meisterwerke bereichert hätte... Unter der Menge von Bravo-Rufern mag zwar meine Stimme verhallen, doch genügt mir, mein Möglichstes getan zu haben; und gelingt es mir, auch nur einen Leser zu bekehren, und von Anbetung dieses Ungeheuers zurückzubringen, so soll mich meine undankbare Mühe nicht gereuen . .. Der arme Faust spricht ein ganz unverständliches Kauderwelsch in dem schlechtesten Gereimsel, das je in Quinta von irgend einem Studenten versifiziert worden ist. Mein Präceptor hätte mir den Steiß vollgehauen, wenn ich so schlechte Verse wie die folgenden gemacht hätte:
O Sähst du, voller Mondenschein,Ereignisse Zum letztenmal(e) auf meine Pein,Ereignisse Den ich so manche MitternachtEreignisse An diesem Pult(e) herangewacht.
[ 21 ] Von dem Unedlen der Diktion, von der Erbärmlichkeit der Versifikation, werde ich in der Folge schweigen; an dem, was der Leser sah, hat er Beweise genug, daß der Herr Verfasser in Beziehung auf den Versebau sich auch nicht mit den mittelmäßigen Dichtern der alten Schule messen könne...
[ 22 ] Der Mephistopheles erkennt selbst, daß Faust schon vor dem Kontrakte von einem Teufel besessen war. Wir aber glauben, daß er nicht in die Hölle, sondern in das Narrenhaus gehöre, mit allem was sein ist, nämlich Händ und Füßen, Kopf und Hintern. Vom sublimen Gallimathias, Unsinn in hochtönenden Worten haben uns manche Dichter Muster gegeben, aber den goethischen Gallimathias möchte ich als ein genre nouveau, den populären Gallimathias nennen, denn er wird in der gemeinsten und schlechtesten Sprache vorgetragen ...
[ 23 ] Je mehr ich über diese lange Litanei von Unsinn nachdenke, je mehr wird mir wahrscheinlich, es gelte eine Wette, daß, wenn ein berühmter Mann sich einfallen lasse, den flachsten langweiligsten Unsinn zusammenzustoppeln, so werde sich doch eine Legion alberner Literatoren und schwindelnder Leser finden, die in diesem plattfüßigen Unsinne tiefe Weisheit und große Schönheiten zu finden und herauszuexegisieren wissen werden. Die berühmten Männer haben dieses mit dem Prinzen Piribinker und dem unsterblichen Dalai Lama gemein, daß man ihren Kaka als Konfekt auftischt und als Reliquien verehrt. War dieses des Herrn von Goethes Absicht, so hat er die Wette gewonnen ...
[ 24 ] Es mögen wohl einige Intentionen im «Faust» sein; allein ein guter Dichter muß sie nicht hinklecksen; er muß die Kunst verstehen, sie richtig zu zeichnen und zu illuminieren. Ein reicherer Stoff für die Poesie ist nicht leicht zu finden, und man wird dem Dichter gram, daß er ihn so jämmerlich verhunzt hat...
[ 25 ] Diese Diarrhöe von unverdauten Ideen rühret nicht von einem übermäßigen Andrange von gesunden Flüssigkeiten, sondern von einer Relaxation des Sphinkters des Verstandes her, und ist ein Beweis einer schwachen Konstitution. Es gibt Leute, von denen schlechte Verse wie Wasser fließen, aber diese Incontinentia urinae poeticae, diese Diabetes mellitus fader Reimlereien befällt nie einen guten Poeten .... Wenn sich Goethes Genie von allen Fesseln freigemacht hat, so kann ja die Flut seiner Ideen die Dämme der Kunst nicht durchbrechen; sie sind schon durchbrochen. Doch wenn wir auch nicht mißbilligen, daß sich ein Autor über konventionelle Regeln der Komposition hinaussetze, so müssen ihm doch die Gesetze des gesunden Menschenverstandes, der Grammatik und des Rhythmus heilig sein; auch bei Dramen, wo der Zauberstab im Spiele ist, erlaubt man ihm nur eine Hypothese als Maschinerie, und dieser muß er treu bleiben. Es muß ein dignus vindice nodus geschürzt werden, die Hexereien müssen zu großen Resultaten führen. Bei dem Faust ist das Resultat, den Patienten zu ganz gemeinen Verbrechen zu verleiten, und seinem Verführer sind seine Zauberkünste nicht notwendig; alles, was er tut, hätte irgend ein kupplerischer Schuft ohne Hexerei ebensogut leisten können. Er ist filzig, wie ein Wucherer, ungeachtet ihm die vergrabenen Schätze zu Gebote stehen...
[ 26 ] Kurz, ein miserabler Teufel, der bei Lessings Marinell: in die Schule gehen könnte. Diesem nach kassiere ich im Namen des gesunden Menschenverstandes das Urteil der Frau von Stael zugunsten des gedachten Fausts und verurteile ihn nicht in die Hölle, die dieses frostige Produkt abkühlen könnte, da sogar dem Teufel dabei winterlich im Leibe ist, sondern um in die Cloacam parnassi prezipitiert zu werden. Von Rechts wegen.»
[ 27 ] Sie sehen, auch dieses Urteil ist einmal gefällt worden, und der Zusammenhang, in dem es gefällt worden ist, zeigt den Menschen nicht etwa als einen ganz unehrlichen Menschen, sondern als einen Menschen, der das auch geglaubt hat, was er geschrieben hat. Man denke sich nun wiederum, daß dieser Mann, der so darüber spricht, daß ihn sein Präceptor in der Quinta schon davor bewahrt hätte, solch ein Zeug zu schreiben, wie der «Faust» ist, daß dieser Mensch nun selber Präceptor geworden wäre und sehr viele Jungen zu unterrichten gehabt hätte und ihnen das Zeug eingeflößt hätte. Diese Jungen würden vielleicht wiederum Lehrer geworden sein und etwas behalten haben von diesem Urteil über den «Faust». Nun denke man, was man da noch spekulieren kann, was der Mensch nun karmisch angerichtet hat mit seinem Urteil. Das möchte ich aber weniger betrachten, sondern worauf ich hauptsächlich aufmerksam machen möchte, ist, daß es schwierig ist, den Ereignissen gegenüber, die in ihrem Eigenwert dastehen, ein wirkliches, richtiges Urteil zu gewinnen, ein Urteil zu gewinnen, das gewissermaßen stehenbleiben kann. In manchen Vorträgen habe ich ja gerade hier darauf aufmerksam gemacht, wie manche Größe des 19. Jahrhunderts in den folgenden Jahrhunderten nicht mehr als Größe angesehen werden wird, wie gerade Leute, die ganz vergessen worden sind, in den nächsten Jahrhunderten als große, bedeutende Menschen werden angesehen werden. Gewiß, so etwas stellt sich mit der Zeit richtig. Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, wie unendlich schwierig es ist, zu einem Urteil zu kommen, wenn es sich darum handelt, ein solches Urteil gegenüber einem Ereignis zu gewinnen, das seinen Eigenwert haben soll. Und warum ist es denn eigentlich schwierig?
[ 28 ] Wir müssen uns nun fragen: Was macht es uns denn schwierig? Und da werden wir zunächst die Betrachtung so anstellen, daß wir den Urteilenden in einem anderen Menschen sehen als dem zum Beispiel, der beurteilt wird. Nicht wahr, wir werden heute sagen: Diejenigen, die Goethes «Faust» dazumal schon für ein großes, bedeutendes Kunstwerk ansahen, die in einer gewissen Weise objektiv urteilten, schalteten sich aus. Dieser Mann schaltete sich nicht aus, der das geschrieben hat, von dem eben die Rede war. Aber wie kommt man denn überhaupt dazu, nicht objektiv zu urteilen? Die Menschen urteilen so oft nicht objektiv, daß sie die Frage gar nicht aufwerfen: Wie kommt man denn überhaupt dazu, nicht objektiv zu urteilen? Nicht objektiv zu urteilen, dazu kommt man, nun ja, durch Sympathie und Antipathie. Würden nicht Sympathie und Antipathie sein, so würde man zu einem unobjektiven Urteil gar nicht kommen.
[ 29 ] Sympathie und Antipathie sind notwendig, um die Objektivität eines Urteils zu trüben. Aber sind denn Sympathie und Antipathie deshalb schlecht? Sind sie denn etwas, was wir geradezu aus dem Menschenleben ausschalten sollen? Wir brauchen nur ein bißchen nachzudenken und werden finden, daß dies nicht der Fall ist. Denn gerade, wenn wir uns in Goethes «Faust» vertiefen, wird uns der «Faust» sympathisch, und wir leben uns mehr und mehr in die Sympathie hinein. Wir müssen die Möglichkeit haben, Sympathie zu entfalten. Und schließlich, wenn wir gar nicht Antipathie entfalten könnten, so würden wir nicht ein ganz gutes Urteil über den Mann bekommen, dessen Urteil wir eben gehört haben. Denn ich denke mir, daß in Ihnen etwas von einem Antipathie-Gefühl gegen diesen Mann aufgestiegen sein könnte, und dieses Antipathie-Gefühl könnte vielleicht gerechtfertigt sein. Aber da sehen wir wiederum, wie es darauf ankommt, diese Dinge nicht so absolut zu nehmen, wie sie sind, sondern daß es darauf ankommt, diese Dinge in dem ganzen Zusammenhange zu betrachten. Der Mensch läßt sich nicht nur von den Dingen leiten zu Sympathie und Antipathie, sondern er geht mit Sympathie und Antipathie durchs Leben. Fr trägt den Dingen selbst schon Sympathie und Antipathie entgegen, so daß die Dinge nicht auf ihn wirken, sondern auf seine Sympathie und Antipathie wirken sie. Aber was heißt das? Also ich trete an ein Ding oder an einen Vorgang heran. Ich bringe meine Sympathie und Antipathie mit. Natürlich hat der betreffende Mann, von dem ich da geredet habe, nicht gerade seine Antipathie gegen den «Faust» mitgebracht, aber er hat solche Gefühle mitgebracht, die ihm dasjenige, was ihm im «Faust» entgegengetreten ist, eben antipathisch erscheinen lassen. Es hängt ganz von seiner Triebrichtung ab, wie er urteilt.
[ 30 ] Was liegt da eigentlich vor? Das liegt vor, daß Sympathie und Antipathie zunächst nur Worte sind für reale geistige Tatsachen. Und die realen geistigen Tatsachen sind die Taten des Ahriman und des Luzifer. In jeder Sympathie steckt in einer gewissen Weise das Luziferische, und in jeder Antipathie steckt in einer gewissen Weise das Ahrimanische. Indem wir uns von Sympathie und Antipathie durch die Welt tragen lassen, lassen wir uns von Ahriman und Luzifer durch die Welt tragen. Wir müssen nur nicht wiederum in den Fehler verfallen, den ich schon oftmals hier eben als einen Fehler charakterisierte, daß wir sagen: Luzifer, Ahriman, die fliehen wir! Wir wollen gute Menschen werden. Also nichts von Luzifer und Ahriman, ja nichts von Luzifer und Ahriman! Die müssen weg von uns, ganz weg! — Dann müssen wir aber auch weg aus der Welt! Denn geradeso, wie es positive und negative Elektrizität geben kann, nicht nur den Ausgleich zwischen beiden, so gibt es überall, wo wir hintreten, Luzifer und Ahriman. Es handelt sich nur darum, wie wir uns zu ihnen stellen. Die beiden Kräfte müssen da sein. Es handelt sich nur darum, daß wir sie immer im Leben ins Gleichgewicht bringen. Wenn es zum Beispiel keinen Luzifer gäbe, gäbe es keine Kunst. Es handelt sich nur darum, daß wir die Kunst nicht so gestalten, daß vielleicht rein Luziferisches aus ihr spricht.
[ 31 ] So handelt es sich darum, daß wir gewahr werden: indem wir mit Antipathie und Sympathie durch die Welt schreiten, wirken in uns Luzifer und Ahriman, das heißt, wir müssen die Möglichkeit gewinnen, Luzifer und Ahriman in uns wirklich wirken zu lassen. Aber indem wir uns bewußt sind, daß sie in uns wirken, müssen wir uns die Fähigkeit aneignen, dennoch den Dingen objektiv gegenüberzutreten. Das können wir nur dadurch, daß wir nun nicht bloß darauf sehen, wie wir das andere in der Welt beurteilen, wie wir dasjenige, was außer uns geschieht in der Welt, beurteilen, sondern indem wir auch darauf hinblicken, wie wir uns selber in der Welt beurteilen. Und dieses «Uns-selber-in-der- Welt-Beurteilen» führt uns wiederum ein Stück tiefer in die ganze Frage und in den ganzen Fragenkomplex hinein. Uns selber beurteilen in der Welt können wir, wenn wir auf uns selber in der Beurteilung eine einheitliche Betrachtungsweise anwenden. Diese Frage müssen wir jetzt aufwerfen.
[ 32 ] Wir sehen hinaus in die Natur. Auf der einen Seite sehen wir eine starre Notwendigkeit; eins läuft aus dem anderen. Wir sehen auf unsere eigenen Taten und glauben, daß sie bloß der Freiheit unterworfen sind und bloß mit Schuld und Sühne und dergleichen verbunden sind. Beides ist eine Einseitigkeit. Daß beides eine Einseitigkeit ist, in der wir die Stellung von Luzifer und Ahriman nicht richtig beurteilen, das wird uns aus dem Folgenden hervorgehen. Wir können nicht in unsere eigene Seele so blicken, wenn wir uns als Menschen anschauen, die hier auf dem physischen Plane stehen, daß wir nur dasjenige in uns sehen, was jetzt unmittelbar in uns vorgeht. Indem wir jetzt jeder uns fragen, was jetzt unmittelbar in uns vorgeht, ist das gewiß ein Stück Selbsterkenntnis. Aber diese Selbsterkenntnis gibt uns lange nicht alles, was wir auch nur für eine oberflächliche Selbsterkenntnis verlangen können. Denn, selbstverständlich ohne irgend jemand zu nahe zu treten, nehmen wir uns alle, wie wir hier sind: ich, der ich zu Ihnen spreche, Sie, die Sie zuhören. Ich würde nicht so sprechen können, wie ich jetzt spreche, wenn nicht alles das andere vorangegangen ist, was in meinem jetzigen Leben und in anderen Inkarnationen vorangegangen ist. Also das Hinblicken bloß auf dasjenige, was ich jetzt etwa zu Ihnen spreche, würde ein sehr einseitiges sein in bezug auf meine Selbsterkenntnis. Aber, ohne irgend jemand zu nahe zu treten, ist es doch klar, daß jeder von Ihnen anders zuhört, und daß jeder von Ihnen um eine Nuance anders empfindet und auffaßt, was ich Ihnen sage. Das ist ja ganz selbstverständlich. Und zwar fassen Sie das alle auf wiederum nach Maßgabe Ihres vorangehenden Lebens und nach Maßgabe Ihrer vorangehenden Inkarnationen. Es würde ja notwendig sein, daß hier wirklich nicht Menschen sitzen, wenn nicht jeder in einer anderen Weise das auffaßte, was hier gesagt wird. Aber das führt viel weiter. Das führt dazu, in sich überhaupt eine Zweiheit zu erkennen. Denken Sie doch nur einmal darüber nach, daß Sie, wenn Sie ein Urteil fällen, dieses Urteil in einer gewissen Weise fällen. Nehmen wir ein herausgerissenes Beispiel! Sie sagen, wenn Sie dies oder jenes sehen, zum Beispiel eine Aufführung bei Reinhardt: «Ich bin entzückt.» Der andere sagt: «Das ist der Verderb aller Kunst!» Gewiß, beides soll jetzt nicht kritisiert werden. Das eine kann von dem einen, das andere kann von dem anderen möglich sein. Wovon wird das abhängen, daß der eine so, der andere anders urteilt? Wiederum von dem, was schon in ihm ist, von den Voraussetzungen, mit denen er an die Dinge herangeht.
[ 33 ] Aber wenn Sie über diese Voraussetzungen nachdenken, dann werden Sie sich sagen können: Ja, diese Voraussetzungen sind Dinge, die einmal nicht vorauszusetzen waren. In Ihr Urteil, das Sie jetzt fällen, wird zum Beispiel einfließen, sagen wir, was Sie mit achtzehn Jahren einmal gesehen haben oder was Sie mit dreizehn Jahren gelernt haben. Das fließt ein, das hat sich mit Ihrem ganzen Gedankenstoffe vereinigt, sitzt jetzt in Ihnen, urteilt mit. Jeder kann das natürlich bei sich wahrnehmen, wenn er es wahrnehmen will. Das urteilt mit. Fragen Sie sich, ob Sie das ändern können, was da schon in Ihnen sitzt, ob Sie das aus sich herausreißen können. Fragen Sie sich einmal! Und wenn Sie es herausreißen können aus sich, so würden Sie ja Ihr ganzes jetzt vergangenes Dasein in dieser Inkarnation aus sich herausreißen, so würden Sie sich auslöschen müssen. Sie können ebensowenig dasjenige, was Sie erlebt haben an Gedankenentschlüssen, an Empfindungsentschlüssen, aus sich wegschaffen, wie Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen und sagen: Meine Nase gefällt mir nicht, ich will eine andere haben —, wie Sie sich jetzt nicht eine andere Nase geben können. Das ist ganz klar. Sie können Ihre Vergangenheit nicht auslöschen. Dennoch, wenn Sie am Morgen früh aufstehen wollen, so werden Sie bemerken: dazu ist immer ein Entschluß notwendig. Dieser Entschluß hängt aber wirklich auch von Ihren Voraussetzungen in der diesmaligen Inkarnation ab. Er hängt noch von manchem anderen ab. Nicht wahr, wenn Sie sich nun sagen, daß das abhängt von diesem oder jenem, beeinträchtigt das die Tatsache, daß ich mir doch vornehmen muß, einmal aufzustehen? Vielleicht kann dieses Sich-Vornehmen aufzustehen so leise geschehen, daß man es gar nicht merkt, aber es muß ein wenigstens leises Vornehmen da sein, aufzustehen, das heißt, es muß das Aufstehen eine freie Tat sein.
[ 34 ] Ich habe einen Mann gekannt, der eine Zeitlang unserer Gesellschaft angehörte, der die Sache in der Weise sehr gut illustrierte, daß er eigentlich niemals aufstehen wollte. Er litt furchtbar daran, und er beklagte das immer wieder. Er sagte: Ja, ich kann nicht aufstehen! Wenn nicht irgend etwas eintritt, was die Notwendigkeit von außen herbeiführt, daß ich mich aus dem Bette erhebe, so würde ich immer liegen bleiben. — Er beichtete das so ohne weiteres. Er beichtete das, denn er empfand es als etwas furchtbar Versucherisches, was in seinem Leben drinnensteht: er will eben nicht aufstehen! Daraus sehen Sie schon, es ist eben doch eine freie Tat. Das hindert nicht, daß in uns gewisse Vorbedingungen festgelegt sind, die uns diese oder jene Ursache nahelegen, daß wir dennoch im einzelnen Fall eine freie Tat ausführen können. In gewisser Beziehung ist also durchaus die Sache die: Es gibt Leute, die wurzeln sich langsam aus dem Bett heraus, die brauchen einen stärkeren Entschluß; anderen ist es eine Freude, aufzustehen. Man kann geradezu sagen: Daraus sieht man, daß diese Vorbedingungen, die da sind, die Bedeutung haben, daß der eine gut erzogen ist, der andere schlecht erzogen ist. Wir können eine gewisse Notwendigkeit darinnen sehen, aber immer ist es doch ein freier Entschluß. Wir sehen also in einer und derselben Tatsache, in der Tatsache unseres Aufstehens, Freiheit und Notwendigkeit durcheinanderverwoben. Sie sind durchaus durcheinanderverwoben. Eine und dieselbe Sache trägt Freiheit und Notwendigkeit in sich. Und das bitte ich recht ins Auge zu fassen, daß, wenn man es recht betrachtet, man nicht streiten kann: darin ist der Mensch frei oder unfrei, sondern man kann nur sagen: In jeder Tat des Menschen ist zunächst Freiheit und Notwendigkeit durcheinandergemischt.
[ 35 ] Wodurch entsteht denn das? Wir kommen in unserer Geisteswissenschaft nicht weiter, wenn wir dasjenige, was wir menschlich betrachten, nicht zugleich im ganzen Weltenzusammenhange betrachten müßten. Woher kommt denn das? Das kommt davon her, daß, was als Notwendigkeit in uns wirkt — ich werde jetzt etwas verhältnismäßig Einfaches sagen, was aber eine ungeheure Tragweite hat —, was wir als Notwendigkeit betrachten, das ist das Vergangene in uns. Was in uns als Notwendigkeit wirkt, das muß immer vergangen sein. Wir müssen etwas durchgemacht haben, und dieses Durchgemachte muß sich auf unsere Seele abgelagert haben. Es ist dann in unserer Seele und wirkt in unserer Seele weiter wie eine Notwendigkeit.
[ 36 ] Jetzt können Sie sich sagen: Jeder Mensch trägt in sich seine Vergangenheit, jeder Mensch trägt in sich damit eine Notwendigkeit. Was gegenwärtig ist, das wirkt noch nicht als notwendig, sonst wäre die freie Tat in der Gegenwart unmittelbar nicht gegeben. Aber das Vergangene wirkt in die Gegenwart herein und verknüpft sich mit der Freiheit. Dadurch, daß das Vergangene weiterwirkt, sind in einem und demselben Akte Notwendigkeit und Freiheit innig miteinander verknüpft.
[ 37 ] Blicken wir also in uns hinein, führen wir wirklich diese Selbstschau aus, so werden wir sagen: Nicht nur in der Natur draußen ist Notwendigkeit, sondern in uns selber da drinnen ist eine Notwendigkeit. Aber indem wir auf diese Notwendigkeit schauen, müssen wir hinschauen auf unsere Vergangenheit. Das ist etwas, das dem Geisteswissenschafter einen unendlich wichtigen Gesichtspunkt abgibt. Er lernt den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Notwendigkeit kennen. Und jetzt fängt er an, die Natur zu prüfen, und findet in der Natur Notwendigkeiten drinnen, und lernt erkennen, indem er nun die Naturerscheinungen prüft, daß alles, was der Naturforscher als Notwendigkeiten in der Natur findet, auch Vergangenes ist. Was ist die ganze Natur, die ganze Natur mit ihrer Notwendigkeit?
[ 38 ] Das kann man nicht beantworten, wenn man die Antwort nicht auf Grundlage der Geisteswissenschaft sucht. Wir leben jetzt im Erdendasein. Dem Erdendasein ist das Monden-, das Sonnen-, das Saturndasein vorangegangen. Auf dem Saturndasein — lesen Sie es nach in der «Geheimwissenschaft» — da schaute der Planet noch nicht so aus, wie jetzt die Erde aussieht, da war etwas ganz anderes. Wenn Sie den Saturn prüfen, werden Sie sehen: da ist alles noch so wie Gedanken drinnen. Da fallen noch nicht Steine zur Erde. Da gibt es noch nicht dichtes Physisches. Da sind alles Wärmewirkungen. Da ist alles so, wie es im menschlichen Inneren selber vor sich geht. Das sind Seelenwirkungen, Gedanken, welche die göttlichen Geister zurückgelassen haben. Und die sind geblieben. Die ganze jetzige Natur, die Sie in ihrer Notwendigkeit überschauen, die ist einmal in Freiheit gewesen, ist eine freie Tat der Götter gewesen. Und nur, weil sie vergangen ist, weil das, was auf Saturn, Sonne und Mond sich entwickelt hat, zu uns herübergekommen ist, so wie unsere Gedanken, die wir hatten, als wir ein Kind waren, in uns weiterwirken: so wirken die Gedanken der Götter während des Saturn-, Sonnen- und Mondendaseins im Erdendasein weiter, und weil sie vergangene Gedanken sind, so erscheinen sie uns in einer Notwendigkeit.
[ 39 ] Wenn Sie jetzt Ihre Hand auf einen festen Gegenstand legen, was heißt das eigentlich? Nichts anderes als: das, was da drinnen ist in dem festen Gegenstand, das wurde einmal gedacht in langer Vergangenheit, und der Gedanke ist zurückgeblieben, wie der Gedanke, den Sie gedacht haben in Ihrer Jugendzeit, in Ihnen zurückgeblieben ist. Wenn Sie auf Ihre Vergangenheit schauen und das Vergangene als etwas Lebendiges anschauen, sehen Sie das Naturwerden in sich. Wie das, was Sie jetzt denken, sprechen, heute keine Notwendigkeit, sondern eine Freiheit ist, so ist dasjenige, was heute Erdendasein ist, Freiheit gewesen in früheren Daseinsstufen. Freiheit entwickelt sich immer weiter, und indem sie bleibt, wird sie zur Notwendigkeit. Würden wir dasjenige sehen, was jetzt in der Natur geschieht, so würde es uns gar nicht einfallen, darinnen Notwendigkeit zu finden. Wir sehen von der Natur nur das Zurückgebliebene. Was jetzt geschieht als Natur, das ist geistig. Das sehen wir nicht.
[ 40 ] Dadurch gewinnt die menschliche Selbsterkenntnis eine ganz eigentümliche kosmische Bedeutung. Wir denken jetzt einen Gedanken. Jetzt ist er in uns. Wir könnten ihn gewiß auch nicht denken. Aber indem wir ihn gedacht haben, bleibt er in unserer Seele. Jetzt ist er vergangen. Jetzt ist er als eine Notwendigkeit wirkend da, ist als eine noch feine Notwendigkeit da, ist noch nicht so dichte Materie wie draußen in der Natur, weil wir Menschen und keine Götter sind. Wir bringen es nur dahin, daß wir jene innere Natur in uns erblicken, die als unser Gedächtnis, als unsere Erinnerungen in uns bleibt und wirksam ist in unseren Notwendigkeiten. Aber das, was jetzt in uns Gedanken sind, wird bei dem nächsten Jupiter-, Venusdasein schon äußere Natur werden. Da wird es als äußere Umgebung wirken. Und dasjenige, was wir jetzt als äußere Natur sehen, das war einmal Gedanke der Götter.
[ 41 ] Wir sprechen heute von den Archai, wir sprechen von den Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Die haben gedacht in der Vergangenheit, wie wir jetzt denken. Und dasjenige, was sie gedacht haben, das ist als ihr Gedächtnis geblieben, und dieses ihr Gedächtnis schauen wir an. Wir können nur das, was wir während des Erdendaseins erinnern, innerlich anschauen in uns. Aber innerlich ist es Natur geworden. Was die Götter während früherer planetarischer Zustände gedacht haben, das ist äußerlich geworden, und das schauen wir jetzt als Äußerliches an.
[ 42 ] Wahr, tief wahr ist es: solange wir Erdenmenschen sind, solange denken wir. Die Gedanken senken wir gleichsam hinunter in unser Seelenleben. Da werden sie der Anfang eines Naturdaseins. Sie bleiben aber in uns. Aber wenn das Jupiterdasein kommen wird, da gehen sie aus uns heraus. Und dasjenige, was wir heute denken, was wir heute überhaupt in uns erleben, das wird dann Außenwelt. Wir werden dann auf einer höheren Stufe auf das herunterschauen, was heute unsere Innenwelt ist, als auf eine Außenwelt. Was einmal in Freiheit erlebt wird, das verwandelt sich in eine Notwendigkeit.
[ 43 ] Dies sind sehr, sehr wichtige Gesichtspunkte, und nur wenn man diese wichtigen Gesichtspunkte hat, kann man ein Verständnis gewinnen für den eigentümlichen Fortgang der geschichtlichen Ereignisse, für dasjenige, was die gegenwärtigen Ereignisse sind, was sich gegenwärtig abspielt. Denn diese leiten unmittelbar dahin, daß wir eigentlich den Weg immerfort einschlagen, aus dem Subjektiven ins Objektive hineinzukommen. Subjektiv können wir im Grunde genommen nur in der Gegenwart sein. Sobald wir über die Gegenwart hinaus sind und das Subjektive hinuntergestoßen haben ins Seelenleben, bekommt es ein selbständiges Dasein. Freilich zunächst nur in uns, aber es bekommt ein selbständiges Dasein. Und während wir weiterleben mit anderen Gedanken, leben allerdings zunächst die früheren Gedanken, die wir gehabt haben, nur in uns. Wir geben ihnen vorläufig noch eine Hülle. Aber diese Hülle wird einmal abspringen. Im Geistigen ist die Sache schon anders. Deshalb müssen Sie solch ein Ereignis, wie ich es Ihnen hypothetisch angegeben habe, schon auch von diesem Gesichtspunkte aus sehen. Äußerlich angeschaut, ist ein Fels heruntergefallen, hat ein Gesellschaft überschüttet. Aber dies ist nur der äußere Ausdruck für etwas, was sich geistig vollzieht, und das, was geistig sich vollzieht, das ist der andere Teil des Ereignisses, der ebenso objektiv da ist wie das erste Ereignis.
[ 44 ] Das war es, was ich heute ausführen wollte, um zu zeigen, wie Freiheit und Notwendigkeit ineinanderspielen im Weltenwerden und in demjenigen Werden, in dem wir selber drinnenstehen, indem wir lebendige Menschen sind, wie wir verwoben sind mit der Welt, wie wir selber täglich, stündlich werden zu dem, was uns die Natur äußerlich zeigt. Unsere Vergangenheit ist in uns selber schon ein Stück Natur. Wir schreiten über dieses Stück Natur hinaus, indem wir uns weiterentwickeln, wie die Götter über ihre Entwickelung hinausgeschritten sind, über ihre Naturentwickelung, indem sie zu höherstehenden Hierarchien geworden sind.
[ 45 ] Das ist wiederum nur einer der Wege gewesen, von denen viele einzuschlagen sind, die uns immer wieder zeigen sollen, wie alles dasjenige, was im Physischen vor sich geht, nicht einseitig bloß nach dem physischen Anblicke beurteilt werden darf, sondern wie es beurteilt werden muß danach, daß es neben dem physischen Anblicke noch ein verborgenes Geistiges in sich hat. So wahr, wie unser physischer Leib noch unsern Ätherleib in sich hat, so wahr liegt allem Sinnlichen ein Übersinnliches zugrunde. Daraus müssen wir die Folgerung ziehen, daß wir eigentlich die Welt recht unvollständig betrachten, wenn wir sie nur danach ansehen, was sie unserem Auge darbietet, was äußerlich geschieht, und daß, während äußerlich etwas ganz anderes geschieht, innerlich, gleichzeitig dazu gehörig, geistig etwas geschehen kann, was eine viel größere, eine unendlich größere Bedeutung hat als dasjenige, was unserem physischen Anblicke sich darbietet. Was die Seelen, die da verschüttet worden sind, erlebt haben im Geistigen, das kann etwas unendlich viel Bedeutenderes sein als dasjenige, was äußerlich sich zugetragen hat. Das aber, was da geschehen ist, das hat mit der ganzen Zukunft dieser Seelen etwas zu tun, wie wir sehen werden.
[ 46 ] Doch wir wollen diese Gedanken heute hier abbrechen und wollen sie am nächsten Sonntag fortsetzen. Ich wollte heute eben durchaus nur das erreichen, daß ich Ihre Gedanken, Ihre Ideen in jene Richtung gebracht habe, die Ihnen zeigen soll, wie wir über Freiheit und Notwendigkeit, über Schuld und Sühne und so weiter richtige Begriffe nur bekommen können, wenn wir zu dem Physischen auch noch das Geistige dazunehmen.
