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Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste
GA 167

13 Februar 1916, Berlin

1. Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste

[ 1 ] Zuerst wollen wir heute eine Rezitation uns anhören aus Dichtungen von Friedrich Lienhard und von Wilhelm Jordan, und dann werde ich mir gestatten, anzuschließen an diese Rezitation einige anthroposophisch-literarische Betrachtungen über die Gegenwart und deren Aufgaben. Das soll dann den Abschluß unseres Abends bilden. Vorausschicken möchte ich nur ein paar Worte.

[ 2 ] Friedrich Lienhard ist einer derjenigen Dichter der Gegenwart, von denen wir schon sagen können, daß sie mit ihrem eigenen Streben dem Streben der Geisteswissenschaft in einer gewissen Beziehung nahe kommen. Am 4. Oktober des verflossenen Jahres 1915 beging Friedrich Lienhard seinen fünfzigsten Geburtstag. Auch wir haben dazumal von Dornach aus uns angeschlossen den zahlreichen Begrüßungen, die diesem geisterfüllten Dichter der Gegenwart von allen Seiten zugekommen sind, und ich glaube, wir haben besondere Gründe, gerade bei dem Dichter Friedrich Lienhard, der sich ja in einer gewissen Weise unserer Bewegung angeschlossen und freundlich gezeigt hat, ein wenig hinzublicken auf den eigentlichen Inhalt und auf den Kunstgehalt seines dichterischen Wesens. Er sagt ja selber, daß er, der aus einer französisch-elsässischen Wiege stammt, sich unter manchen Schwierigkeiten hat hindurchringen müssen zu dem, was er seine Weltanschauung nennt, die er versuchte, immer mehr und mehr herauszugebären, herauszuentwickeln aus mitteleuropäischem deutschem Wesen, aber so, daß in seinen Dichtungen wirklich von ihm angestrebt wird, den eigentümlichen Wellenschlag dieses mitteleuropäischen deutschen Wesens zur Wirksamkeit zu bringen. Und da muß man bei Friedrich Lienhard vor allen Dingen sehen, wie wirklich in ihm dasjenige lebt, was er als seinem Wesen so innig Verwandtes, wie ich es gerade zu charakterisieren versuchte, angestrebt hat. Es lebt in ihm vielleicht ein Element, das nur in der richtigen Weise zu würdigen ist von dem künstlerisch-geistigen Ausgangspunkte der Geisteswissenschaft her. Da haben wir vor allen Dingen in Lienhards Dichtungen wunderbare Naturschilderungen, Naturlyrik, aber eine Naturlyrik ganz besonderer Art. Naturlyrik ist es aber auch bei Friedrich Lienhard, wenn er versucht, die Menschen zum Sprechen zu bringen. Auch da ist etwas wie von der Natur der Menschen unmittelbar auf natürliche Weise ausgehend und den Geist im Naturdasein zeigend. Woher kommt dieses? Es kommt von etwas, das man vielleicht nur richtig bemerken kann bei Friedrich Lienhard, wenn man — und das sollte man ja bei aller Kunst, nur ist es heute schon, ich möchte sagen, ganz und gar aus dem Bewußtsein der Menschen verschwunden, die Kunst so zu betrachten, namentlich die Dichtung — nicht bloß das Inhaltliche, das Vorstellungsmäßige seiner Kunst auf sich wirken läßt, sondern das eigentlich Künstlerisch-Formale. Wie sich in ihm die Gefühle, die Vorstellungen bewegen, wie sie sich entwickeln, wie sie sich schürzen und lösen, in diesem eigentümlichen Wogen seiner in dichterischer Sprache zum Ausdruck kommenden Seelenerlebnisse merken wir etwas wie das Walten elementarischer Geistigkeit, ein Mitgehen der dichterischen Seele mit demjenigen, was nach unseren Anschauungen in der Ätherwelt draußen in der Natur elementarisch lebt hinter dem bloß sinnlichen Dasein, und was lebt in der Ätherwelt, wenn sich Menschliches auf naturgemäße Weise zum Ausdrucke bringt, wie zum Beispiel in dem Ausdrucke des kindlichen Seelenlebens. Verfolgt man die Worte Friedrich Lienhards, so erscheinen sie einem förmlich so, wie wenn aus diesen Worten sich weiterbewegen würden gerade die Elementargeister, von denen wir wissen, daß sie alle Naturerscheinungen durchrieseln, durchwärmen, durchleben, durchweben. Und dieses Durchrieseln und Durchwärmen und Durchleben und Durchweben der elementarischen Wesenheiten in bezug auf die Natur, das setzt sich gerade bei einem solchen Dichter, der nun wirklich versteht, mit dem Geiste der Natur zu leben, in seine Dichtung hinein fort.

[ 3 ] Ein weiteres Element bei Friedrich Lienhard ist, daß er gerade durch sein Erfassen großer Menschheits- und Weltenzusammenhänge, denen er, ich möchte sagen, mit seinem Gefühle innig verwandt ist, ohne in irgendein engherzig Nationales zu verfallen, die treibenden, wirkenden Kräfte und Wesenheiten des Volkslebens zu erfassen sucht, und wiederum das Volksleben nicht aus der Einzelheit der zufälligen Individuen heraus, sondern aus dem ganzen Walten und Wogen des Volksseelenprinzips heraus zu erfassen versucht, und die einzelnen Gestalten hineinstellt in den großen geistigen Zusammenhang, in dem sie im Volksleben drinnenstehen können. Dadurch ist Friedrich Lienhard imstande, eine solche Gestalt, die von einer Art atavistischem Hellsehertum durchgeistigt ist wie der Pfarrer Oberlin vom elsässischen Steintal, in einer auf der einen Seite wirklich ganz plastischen und auf der anderen Seite doch wiederum außerordentlich intim-seelischen Weise zu erfassen und darzustellen. Und aus diesem Impulse heraus wußte er die Göttergestalten der Vorzeit in die Gegenwart wiederum heraufzurufen, nicht so, daß er etwa von den alten Göttersagen, von den alten Heldensagen nur das Inhaltliche nimmt, sondern indem er wirklich versucht, in der Sprache der Gegenwart die Möglichkeit zu finden, das, was als Wellenschlag dieses alte Leben durchlebt hat und bis in unsere heutige Zeit heraufschlägt, wiederum zu erwecken. Dadurch ist in gewissem Sinne Friedrich Lienhard wirklich einer der vornehmen Dichter der Gegenwart, weil andere Dichter der Gegenwart so sehr gesucht haben, mit Absehen, möchte ich sagen, von allem Künstlerisch-Geistigen auf das Naturalistische und Realistische sich zu verlegen und dadurch etwas Neues zu schaffen; während der wirkliche Poet nicht in diesem Sinne durch naturalistische Schrullen in unserer Gegenwart das Neue schaffen will, sondern es schaffen will dadurch, daß er den ewigen Strom der ewigen Schönheit in einer neuen Weise erfaßt, so aber, daß die Kunst wirklich Kunst bleibt. Und wirkliche Kunst kann eben niemals ohne Geistigkeit sein.

[ 4 ] Dadurch ist es wohl auch, daß Friedrich Lienhard näher gekommen ist demjenigen, was er nennt «Wege nach Weimar». Er hat ja lange Zeit eine in freien Zeiträumen erscheinende Zeitschrift herausgegeben, «Wege nach Weimar», wo er versuchte, zu den großen Ideen und Kunst-Impulsen der großen Zeit von der Neige des achtzehnten und dem Beginne des neunzehnten Jahrhunderts sich hinzuwenden, um zu erkennen, was in dieser gerade heute in vieler Beziehung, wie wir in der Schlußbetrachtung vielleicht sehen werden, vollständig oder zum großen Teil doch vergessenen und verklungenen großen Periode wirklich Wert hat. Daher suchte er nun wieder seine späteren künstlerischen Perioden zu vertiefen, ich möchte sagen, zu verinnerlichen, so daß zuletzt eben so wunderbar innerliche Dichtungen herauskommen konnten wie diejenigen, die sich auf Gestalten wie etwa die Odilia beziehen und dergleichen. Mit all dem weiß er dann zu verbinden im echten, wahren Sinne die christlichen Impulse, die durch die Menschheit wallen und weben. Und merkwürdig ist es, daß er sich, nicht durch den äußeren Inhalt seines dichterischen Schaffens, sondern durch die Art und Weise, wie die elementarischen Wesen ihn tragen, bis ins Einzelne hinein nähert einem Elemente, das, wie es schien, ganz verloren gegangen war der deutschen Dichtung, daß er sich nähert — Sie werden es bemerken können aus der Rezitation heraus an manchen Stellen — dem alliterierenden Kunstelemente, der Alliteration.

[ 5 ] Diese Alliteration und dasjenige, was sie für das deutsche Wesen Verwandtes hat mit der ganzen mitteleuropäischen deutschen Volkssubstanz, bringt ihn eben einem Dichter nahe, der, zum Teil durch seine Schuld, aber hauptsächlich durch die Schuld der Zeit und ihrer Abwege wenig hat verstanden werden können, und den wir Ihnen im zweiten Teil durch die Rezitation heute nahebringen wollen: Wilhelm Jordan. Wilhelm Jordan versuchte gerade durch den Stabreim, die Alliteration, wieder zu erneuern, wie er meint, den «alten Redestrom der rauschenden Vorzeit». Er konnte gar nicht anders, als dieses Formale der alten Dichtung wiederum hereinzutragen in die Gegenwart, die er zu erheben versuchte über das Kleine des Alltags hinaus zu den großen bewegenden Impulsen. Und man muß sagen: Es ist förmlich ein Jammer, obwohl es nicht ganz ohne die Schuld Jordans geschehen ist, daß solch eine Dichtung wie der «Demiurg», wo versucht wird, die weltbewegenden Geist-Prinzipien mit dem Menschheitsgeschehen auf der Erde in wahren Zusammenhang zu bringen, so ganz vorübergehen konnte ohne eine Wirkung. Sie ist in den fünfziger Jahren, wie ich sagte, nicht ganz ohne die eigene Schuld Wilhelm Jordans, vorübergegangen. Aus dem Grunde sage ich das, weil die naturalistisch-naturwissenschaftliche Art, die Dinge anzuschauen, allerdings ja schon hineinfiel in bezug auf seine eigene Weltanschauung, und er sich dadurch vieles verdorben hat. Vieles verdorben hat ja auch in den «Nibelungen», daß da statt der früher in viel tieferer Weise angesehenen Prinzipien die naturalistischen Prinzipien der Vererbung walten, der stoffliche Übergang der Kräfte der Vererbung von einer Generation auf die andere, daß, ich möchte sagen, statt der Seele zu sehr das Blut waltet. Dadurch hat gewiß Wilhelm Jordan seinen Tribut abgetragen an die naturalistisch-naturwissenschaftliche Auffassung der Gegenwart. Er hat aber auf der anderen Seite seinen Dichtungen dasjenige genommen, was vielleicht schon in einer früheren Zeit den Kunstbestrebungen der Menschheit die großen geistigen Impulse hätte geben können, so daß nicht alles hätte versinken müssen in dem unkünstlerischen Barbarentum, das vielfach in der späteren Zeit an die Stelle früherer geistiger Prinzipien getreten ist. Wir können da ja sehen, wie heute nur noch gespottet wird über dasjenige, was Wilhelm Jordan wollte. Aber, ich möchte sagen, an uns ist es, diese großen Impulse, wo immer sie aufgetreten sind, wirklich auf unsere Seele wirken zu lassen, denn es wird dennoch für diese Impulse die Zeit kommen, wo sie eine gewisse Mission im ganzen Welten-Menschheitswerden werden zu erfüllen haben.

[ 6 ] Gewiß, der Dichter Friedrich Lienhard wird in weiten Kreisen anerkannt. Aber dasjenige, was vielleicht gerade innerhalb unserer Kreise in ihm gefunden werden kann, das sollen wir versuchen herauszufinden, denn das wird es ja vor allen Dingen sein, was, ich glaube, seine künstlerischen Bestrebungen zusammen mit der Woge der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen in die Zukunft tragen wird. Und jetzt wollen wir zunächst Friedrich Lienhards Dichtungen und einiges aus der Nibelungen-Dichtung Wilhelm Jordans, der Siegfried-Sage selber, anhören.

[ 7 ] (Rezitation der folgenden Gedichte Friedrich Lienhards durch Frau Dr. Steiner:

[ 8 ] «Glaube», «Morgenwind», «Waldgruß», «Das schaffende Licht», «Einsamer Fels», «Habt ihr es auch erfahren?», «All die zarten Blumenglockeny. «Seelenwanderung». «Elfentanz». «Sommernacht». Odilienlieder: «Herbst auf Odilienberg». «St. Odiliay. — Rezitation aus dem «Nibelungenlied» von Wilhelm Jordan.)

[ 9 ] Es wird immer wiederum gut sein, dichterische Kunst gerade solcher Art auf sich wirken zu lassen. Wir haben ja in Friedrich Lienhard einen Dichter vor uns, der versucht, wirklich in die Gegenwart noch hereinzutragen geistig-idealistische Seelenerlebnisse, die er stark genug ist, mit Naturerlebnissen zu verbinden. Und bei solchen Dingen spürt man noch etwas davon, daß es mehr ankommt auf das Wie in der Kunst, denn auf das Was. Wie wunderbar zieht sich hin der Zauber über die Gegend um den Odilienberg herum, und wie schön wird lyrisch unmittelbar gegenwärtig die Empfindung, welche diese Schutzpatronin Odilia des Klosters vom Odilienberg ausstrahlt. Daß sie einstmals von ihrem grausamen Vater verfolgt worden ist, geblendet worden ist, und daß sie gerade durch den Verlust des Augenlichtes die mystische Fähigkeit erlangte, Blinde zu heilen, sehend zu machen, das ist ja die Sage, um die sich alles übrige herumgliedert. Und alles dasjenige, was an wahrer, tiefer Mystik sich um diese Sage gliedert, lyrisch verbunden mit der Natur um den elsässischen Odilienberg herum, findet sich gerade in den Ihnen rezitierten Gedichten Friedrich Lienhards. Gedichte aber von solcher Kraft und zu gleicher Zeit von solcher Intimität, von solch seelisch-geistiger Art, können Sie viele, viele bei ihm finden. Und er gibt wirklich Veranlassung, durch dasjenige, was, ich möchte sagen, elementarisch schwingt und webt mit der Form seines Dichtens, sich zu erinnern des wirklich viel verkannten Wilhelm Jordan.

[ 10 ] Aus der kleinen Probe, die wir haben heute hören können, werden Sie auf der einen Seite ersehen haben, wie sehr sich dieser Dichter bemüht, die Gestalten, die er hinstellt vor uns, aus dem großen geistigen Weben des Lebens heraus zu schaffen und mit dem, was uns in der äußeren physischen Welt entgegentritt, zugleich mitleben zu lassen dasjenige, was webt und wirkt aus der wogenden Geisteswelt heraus. Gerade bei Wilhelm Jordan kann man erfahren, denke ich, wie die dichterische Seele sich verbinden kann mit einem weltgeschichtlichen Strömen, so daß in dem, was uns dichterisch-künstlerisch entgegentritt, wirklich das Streben lebt, das als geistige Strömungen das Weltenwerden durchschwirrt und durchwirkt.

[ 11 ] Ich habe das letzte Mal, als wir hier beisammen waren am letzten Dienstag, darauf hinweisen müssen: Was würde aus der Fortentwickelung der Menschheit auf der Erde, wenn kein geistiger, kein spiritueller Einschlag sich hineinfinden könnte in dasjenige, was sozusagen durch das rein äußere physische Dasein veranlagt ist? Und nicht nur auf dem äußeren Gebiete des Wissens, der Wissenschaft, des sozialen Lebens und so weiter, sondern auch auf den Gebieten der Kunst tritt uns stark entgegen, daß wir in einer kritischen Zeit leben, insofern als eine Krisis sich vollzieht, nicht in dem Sinne, wie das Wort «Kritik», das mit Krisis auch zusammenhängt, in der Zwergenliteratur der Gegenwart verwendet wird. Denn wenn nicht das Lebendige der Geisteswissenschaft das menschliche Seelenleben erfaßt, muß die Kunst, die ohne Geist nicht sein kann, der Menschheit verloren gehen, muß verschwinden in der Art, wie sie noch herübertönt von Gestalten wie Wilhelm Jordan, und wie sie festgehalten zu werden versucht wird von Gestalten wie Friedrich Lienhard. Heute sehen die Menschen noch nicht diese drohende Gefahr des künstlerischen Niederganges ein, weil in vieler Beziehung auch auf diesem Gebiete jener Rausch waltet und jenes Traumleben, von dem ich am letzten Dienstag hier gesprochen habe, obwohl man heute schon vieles sehen könnte, wenn man nur Auffassungs-Organe dafür hätte. Wünschen möchte man, daß immer mehr und mehr Leute gerade aus einem geisteswissenschaftlichen Empfinden heraus einsehen würden, was es eigentlich heißt für dieGegenwart, daß eine noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit wirklich vorhandene Kunst, die Schauspielkunst, versumpft und verdirbt in demjenigen, was der Gegensatz von allem künstlerischen Sinn ist. Der Reinhardtianismus ist Vorzeichen von dem, wozu Kunst verkommen wird, wenn es nichts weiter geben wird als jenes Sichabkehren von allem geistigen Leben und geistigen Empfinden, das immer mehr und mehr um sich greift. Zu den traurigsten Erscheinungen der Gegenwart gehört es, daß eine größere Anzahl von Menschen sich heute finden kann, die überhaupt solche Gaukelei, wie der Reinhardtianismus ist, noch als Kunst anzusprechen vermögen.

[ 12 ] Um hier auf diesem Gebiete klar zu sehen, dazu gehört heute schon jener starke Impuls, der aus dem von der Geisteswissenschaft entflammten künstlerischen Empfinden heraus kommen kann. Denn dasjenige, was heute gerade modernes Leben auf künstlerischem Gebiete genannt wird, das ist vielfach nichts anderes, als ein wirres Taumeln durch die Welt. Wenn man nur versucht, wirklich das Leben der Gegenwart zu erfassen, kann man schon, ich möchte sagen, die Stelle bezeichnen, wo heute hineinplumpst das vom Materialismus ganz zerfressene Leben gerade in das Sumpfgebiet der Kunst, oder, von der anderen Seite angesehen, in das Vergessen alles desjenigen, was Kunst eigentlich ist. Denn damit wirklicher künstlerischer Sinn in der Entwickelung der Menschheit fortgepflanzt werden kann, dazu ist notwendig, daß dasjenige, was von früher gekommen ist, was zum Beispiel auch in Lienhards Dichtungen lebt und was in einer gewissen Weise eine Art von Natur-Pantheismus und Geistes-Pantheismus ist, ins Konkrete hinein sich entwickeln kann, daß die Menschen verstehen lernen die Mannigfaltigkeit des Lebens so, daß sie sehen neben dem Sinnlichen das Ätherische und das Astralische und das Geistige. Denn ohne dieses Sehen bleibt die Menschheit blind, blind gerade in bezug auf das Künstlerische. Und die Welt veranlagt sich, könnte man sagen, gerade in bezug auf die künstlerische Anschauung dazu, nur noch das ganz derbe äußere Sinnliche zu nehmen und dieses anzuschauen, wie es ist, und es unmittelbar zu beschreiben.

[ 13 ] Nun ist es allerdings kaum möglich, solche Beschreibungen oder solche Nachbildungen anders zu geben als dadurch, daß etwas auftritt, was, ich möchte sagen, Unklarheit in bezug auf die Erfassung des Lebens ist, Rausch- und Traumzustände, in denen man im Grunde genommen nirgends weiß, was man eigentlich vor sich hat. Und so kann man es denn erleben, daß gerade dieses unsinnige, unklare Taumeln gegenüber den Erscheinungen des Lebens heute vielfach feine Psychologie genannt und als feine Psychologie angesehen wird. Und das Herz tut einem so oftmals weh, wenn man sieht, daß so wenig Menschen geeignet sind, auf diesem Gebiete stark genug zu empfinden, und dagegen irgendwie sich aufzulehnen. Sehen wir uns Menschen an, wie sie uns entgegentreten dann, wenn wir sie anblicken — und der Künstler muß sie ja anblicken sehend, indem er sie hineinstellen kann in das tiefere Leben der Welt — mit denjenigen Seelenorganen, die schon einmal die Entwickelungsgeschichte der Menschheit an den Tag gebracht hat, so brauchen wir die Möglichkeit, zu sagen: Da ist ein Mensch, der ist so und so geartet, der erlebt dies oder jenes, weil wir wissen, dieser ist mehr in dem physischen Leib steckend, ein anderer steckt mehr in dem Ich, ein anderer mehr in dem astralischen Leib. Und wir müssen ein lebendiges Gefühl davon haben, wie sich die Charaktere der Menschen verteilen, indem der eine mehr vom Physischen, der andere mehr vom Ätherischen, mehr vom Astralischen, mehr vom Ichlichen ergriffen wird. Und wenn man das in der Gegenwart nicht kann, und will die Menschen etwa in der Dichtung künstlerisch beschreiben, so kommt eben das Taumeln heraus, das heute vielfach als Kunst genommen wird.

[ 14 ] Sehen Sie, man muß schon, ich möchte sagen, an den bedeutenderen Erscheinungen die Sache anfassen, damit ein Verständnis erweckt werden kann von dem, was eigentlich ist. Es können einem vier Menschen entgegentreten, die, sagen wir, irgendwie durch das Karma zusammengestellt sind. Wenn vier Menschen zusammengestellt sind, kann man verstehen, wie sie durch das Karma miteinander in bestimmte Beziehungen gebracht sind, wie aber auch der Strom des Karma im Weltenlaufe verfließt und wie diese Menschen gerade in einer bestimmten Weise durch ihr Karma sich haben hineinstellen wollen in die Welt. Man wird niemals etwas verstehen von Standpunkten, die heute möglich sind, wenn man solche karmischen Zusammenhänge nicht in der Welt zu sehen vermag.

[ 15 ] Nun, nehmen Sie einmal die vier Brüder Dmitri, Iwan, Aljoscha Karamasow und Smerdjakow in Dostojewskis «Brüder Karamasow». Sie haben in diesen vier Brüdern Karamasow, wenn Sie mit seelischem Auge sehen können, wirklich vier Typen, die Sie nur verstehen können in der Art und Weise, wie sie durch das Karma zusammengetragen sind, so daß man weiß: Da trägt ein Strom des Karma vier Brüder in die Welt herein so, daß sie Söhne sein müssen eines typischen Lumpen der Gegenwart, aus einem der sumpfigsten Milieus, der diese vier Brüder zu seinen Söhnen hat. Da werden sie hereingetragen, indem sie sich gerade dieses Karma auswählen. Da werden sie aber auch nebeneinander gestellt, so daß man sieht, wie sie sich unterscheiden. So kann man sie nur begreifen, wenn man weiß: In dem einen überwiegt das Ich, in Dmitri Karamasow; in einem zweiten überwiegt der astralische Leib, in Aljoscha Karamasow; bei dem dritten überwiegt der Ätherleib, in Iwan Karamasow; bei dem vierten, in Smerdjakow, überwiegt ganz der physische Leib. Und ein Licht von Lebensverständnis fällt auf die vier Brüder, wenn man sie von diesem Standpunkte aus betrachten kann. Und nun denken Sie sich, wie ein Dichter von Wilhelm Jordans Gaben, und mit einer geistigen Weltauffassung, wie es heute zeitgemäß sein müßte, solche vier Brüder nebeneinander stellen würde: Wie es ihm gelingen würde, sie in ihren geistigen Grundlagen und Grundbedingungen zu begreifen! Dostojewski — was begreift er? Er begreift nichts anderes, als daß er diese vier Brüder hinstellt als die Söhne eines ganz typischen versoffenen Lumpen einer gewissen versumpften Gesellschaft der Gegenwart: Den ersten Sohn, Dmitri, als den Sohn einer halb abenteuernden, halb hysterischen Persönlichkeit, die aber, nachdem sie zuerst durchgegangen ist mit dem versoffenen alten Karamasow, ihn verprügelt, es endlich nicht bei ihm aushält und ihm nur den Sohn zurückläßt, den älteren, Dmitri. Alles ist nur auf die Vererbung gestellt mit der versoffenen und der verprügelnden Person, alles ist, ich möchte sagen, so gestellt, daß man den Eindruck hat: Hier schildert der Dichter so wie etwa der moderne Psychiater, der nur auf das Allergröbste des Vererbungsprinzips sieht und keine Ahnung hat von den geistigen Bedingungen, und auch «erbliche Belastung» vor unsere Seele hinbringen würde, dieses Tropf-Wort — ich meine nicht ein Wort, das tropft, sondern das von Tröpfen ersonnen worden ist im heutigen wissenschaftlichen Zusammenhange —. Dann haben wir die zwei nächsten Söhne: Iwan und Aljoscha. Sie sind von einer zweiten Frau, denn selbstverständlich muß die «erbliche Belastung» anders wirken bei diesen zwei Söhnen. Sie sind von der sogenannten SchreiLise, weil sie nicht halb, sondern ganz hysterisch ist und fortwährend Schreikrämpfe bekommt. Während die frühere den alten Säufer durchgeprügelt hat, prügelt der alte Säufer jetzt die Schrei-Lise durch. Der vierte Sohn, bei dem, ich möchte sagen, überwiegt alles dasjenige, was im physischen Leib steckt, ist Smerdjakow, eine Art Gemisch von weisem, bescheidenem und idiotischem Menschen, von ganz blödsinnigem und zum Teil auch ganz klugem Menschen. Der ist nun auch der Sohn des alten Säufers, des typischen Lumpen, aber mit einer stummen Person, die herumgeht in dem Otte, ein Dorftrottel, die die stinkende Lisaweta genannt wird und die vergewaltigt wird von dem alten Säufer. Sie stirbt bei der Geburt. Man weiß selbstverständlich nicht, daß es sein Sohn ist. Smerdjakow bleibt dann im Hause. Und nun spielen all die Szenen, die sich abspielen sollen, sich ab zwischen diesen Persönlichkeiten. Und Dmitri wird, durch «erbliche Belastung» selbstverständlich, ein Mensch, bei dem das ganz unterbewußte Ich stürmt und flutet und ihn im Leben weitertreibt, so daß er überall aus dem Unbewußten, aus der Besinnungslosigkeit heraus in das Leben taumelt, und er wird uns auch so gezeichnet, daß man im Grunde genommen es nicht zu tun hat mit einer gesunden, geistigen, sondern mit einer hysterischen Kunst. Aber es ist das mit aus der naturgemäßen Entwickelung der Gegenwart heraus, jener Gegenwart, die sich nicht beeinflussen und befruchten lassen will von demjenigen, was von einer geistigen Weltauffassung kommen kann. Alles dasjenige, was nicht recht weiß, was es will, unklare Instinkte, die ebensogut zur besten Mystik sich entfalten können wie zum äußersten Verbrechertum, ja, von dem einen zu dem anderen leicht den Übergang finden aus dem Unbewußten heraus, all das gibt gewissermaßen Dostojewski in Dmitri Iwanowitsch Karamasow. Einen Russen will er schildern; denn immer will er wahres Russentum schildern.

[ 16 ] Iwan, der andere Sohn, der nächste, der ist ein Westler. Westler nennt man diejenigen, welche mehr mit der Kultur des Westens bekannt geworden sind, während Dmitri nichts weiß von der Kultur des Westens, sondern ganz aus den russischen Instinkten heraus wirkt. Iwan war in Paris, hat allerlei studiert, hat die westliche Weltanschauung aufgenommen, diskutiert mit den Leuten — so will ihn uns Dostojewski zeigen — nun ganz erfüllt mit den Ideen der materialistischen Weltanschauung des Westens, aber mit der Grübelei des Russen. Er diskutiert mit den Menschen darüber, indem sich der Nebel der Instinkte hineinmischt in allerlei Gedanken der modernen geistigen Kultur. Er diskutiert: Soll man Atheist sein, soll man nicht Atheist sein, kann man einen Gott annehmen, kann man nicht einen Gott annehmen? Dann kommt er dazu: Man kann doch einen Gott annehmen! Ja, den Gott akzeptiere ich — dafür tritt er zuletzt ja ein, den Gott anzunehmen —, aber die Welt kann ich nicht akzeptieren! Wenn ich schon den Gott akzeptiere, so kann ich nicht die Welt akzeptieren, denn diese Welt, wie sie da ist, wie sie auftritt, die kann nicht von Gott erschaffen sein. Ich nehme den Gott an, ich nehme aber nicht die Welt an! So gehen seine Diskussionen.

[ 17 ] Der dritte, Aljoscha, wird früh Klosterbruder. Es ist derjenige, in dem der astralische Leib überwiegt. Aber es wird uns auch angezeigt, wie in ihm allerlei Instinkte wirken, auch durch die Mystik, die sich in ihm entwickelt, und wie er im Grunde genommen durch dieselben Instinkte, durch die sein älterer Bruder, Dmitri, der nur von einer anderen Mutter ist, eine eigentlich verbrecherisch veranlagte Natur ist, die sich bei ihm anders ausbilden, dazu kommt, Mystiker zu sein. Verbrechertum ist nur eine besondere Ausgestaltung derselben Instinkte, die auf der anderen Seite das Sichwundbeten und das Glauben an die göttliche Liebe, die alle Welt durchzieht, hervorrufen, denn beides kommt aus dem Niederen, aus den unteren Instinkten der Menschennatur, bildet sich nur nach verschiedener Weise aus.

[ 18 ] Es ist selbstverständlich nicht das Geringste dagegen einzuwenden, auch solche Gestalten in der Kunst zu verwenden, denn alles, was in der Wirklichkeit ist, kann Gegenstand der Kunst werden. Aber auf das Wie kommt es an, nicht auf das Was, sie müssen dann durchdrungen sein von dem Weben und Wesen des Geistigen. Durch die eigentümlichen Verhältnisse, die ich oftmals hier besonders in bezug auf die russische Kultur auseinandergesetzt habe, hat sich gerade in Dostojewski dasjenige zum Ausdruck gebracht, was die Menschheitsentwickelung sein muß, wenn im russischen Leben noch Spiritualität walten wird rein durch das Fortentwickeln der natürlichen Verhältnisse, wie ich es neulich im Gegensatz stellte zu den spirituellen Verhältnissen. Dostojewski war ja vom Anfange an der inkarnierte Deutschenhasser, der es sich instinktiv zur Aufgabe gemacht hat, nur ja nichts in seine Seele hereinfließen zu lassen von westeuropäischer Kultur, der nur dabei stehen bleiben wollte, im Taumel die Weltengestalten zu erfassen, die an ihm vorüberzogen, und der sorgfältig vermied, irgend etwas Spirituelles in dem physischen Menschengewoge zu schauen, das vor seiner Seele auf und ab wogte, und der, statt aus den Tiefen des Seelischen heraus die Gestalten zu fassen, sie aus den Untergründen der rein physischen Natur, die bei ihm selber krankhaft war, herausbrachte. Und das wirkte dann auf die Menschen, die vergessen hatten die Möglichkeit, heraufzukommen in das Geistige. Das wirkte auf die Menschen, daß noch eine Natur ihr, ich möchte sagen, krankhaftes Brodeln und Kochen, das in den Eingeweiden des Menschen wirkt, umzugestalten in der Lage war in der Kunst mit Ausschluß alles Geistigen. Das wirkte. Sonst würde natürlich die bloße Schilderung eben eine Schilderung, eine Beschreibung sein, würde strohern und hölzern sein. Aber dadurch, daß es aus einem Unterbewußtsein, das krankhaft, das hysterisch wirkt, heraus kommt, dadurch ist es interessant geworden, sogar in vieler Beziehung sehr interessant, namentlich durch jene Paradoxie, welche herauskommt, wenn man sich ohne einen Funken von spirituellem Leben, ich möchte sagen, mit Gemüt, denn das ist ja bei Dostojewski in höchstem Maße vorhanden, überläßt dem bloß physischen Dasein der Welt.

[ 19 ] Und so ist denn in «Die Brüder Karamasow» hineinverwoben jene merkwürdige Episode von dem Großinquisitor, der uns vorgestellt wird so, daß vor ihm der wiederverkörperte Christus auftritt, so daß also einem Großinquisitor — es wird das so dargestellt, daß Iwan Karamasow diese Novelle geschrieben hat, und sie wird dann eingefügt in die «Brüder Karamasow» —, dem rechten Mann des orthodoxen Christentums seiner Zeit, denn er weiß, was im Christentum webt und lebt für seine Zeit, der wiederverkörperte Christus gegenübertritt. Nun denken Sie sich den Mann des Christentums, den rechten Mann der Orthodoxie, dem wiederverkörperten Christus selber gegenüberstehend. Was kann er anderes tun, der Großinquisitor, der das «rechte» Christentum vertritt, als selbstverständlich den Christus, der wiederverkörpert auftritt, einsperren zu lassen! Das ist das erste, das er tut. Dann hat er Inquisition zu üben, er hat ihn zu verhören. Es stellt sich auch heraus, daß der Großinquisitor, der die Religion im rechten Sinne vertritt, der weiß, was dem Christentum nottut in unserer Zeit, erkennt: Es ist der Christus wiedergekommen. Da sagt er: Ja, du bist wohl der Christus — ich kann das nur ungefähr darstellen —, aber in die Angelegenheit des Christentums, die wir zu vertreten haben, hast du jetzt nicht hineinzureden, davon verstehst du jetzt ganz und gar nichts. Dasjenige, was du geleistet hast: Hat es den Menschen irgend etwas gebracht, was sie glücklich gemacht hätte? Wir mußten erst aus dem, was du in solcher Einseitigkeit, in solch unpraktischer Art an die Menschen herangebracht hast, das Rechte machen. Würde nur dein Christentum unter die Menschen gekommen sein, dann würden die Menschen nicht jenes Heil in dem Christentum gefunden haben, das wir ihnen gebracht haben. Denn man braucht, wenn man den Menschen wirklich Heil bringen will, eine Lehre, die auf den Menschen wirkt. Du hast geglaubt, daß die Lehre auch wahr sein muß. Mit solchen Dingen kann man aber den Menschen gegenüber nichts anfangen. Vor allen Dingen kommt es darauf an, daß die Menschen die Lehre glauben, daß sie ihnen so gegeben wird, daß sie gezwungen werden zu glauben. Autorität haben wir begründet.

[ 20 ] Ja, es blieb wirklich nichts anderes übrig, als den wiederverkörperten Christus der Inquisition zu überliefern. Denn man kann doch in dem Christentum, das der Großinquisitor vertritt, den Christus nicht brauchen, wenn er sich unseligerweise wieder darin verkörpern sollte, nicht wahr? Es ist eine grandiose Idee, noch grandioser ausgeführt. Aber sie ist hineingestellt in eine Dichtung, die nur eine hysterische Wiedergabe des Wirklichen ist, so daß nichts dabei herauskommt von den großen Impulsen, die durch das Weltengeschehen gehen, daß gar nichts anschaulich wird von irgend etwas Spirituellem bei Dostojewski, sondern nur jene Äußerlichkeit des Christus wiederverkörpert da auftritt und von dem Großinquisitor gewissermaßen zerschmettert wird.

[ 21 ] Mit vielen anderen Dingen sind solche Dinge verwandt, und ich möchte sagen: Es gehört sich für diejenigen, die Geisteswissenschaft in ihrem Nerv verstehen wollen, diese Verwandtschaft zu fühlen, nicht allzuleicht die Dinge des Lebens zu nehmen. Nicht wahr, wozu wir es gebracht haben, das kann ja durch mancherlei charakterisiert werden. Man braucht zum Beispel nur an zwei Bücher zu denken, die vor gar nicht allzu langer Zeit erschienen sind, wovon das eine heißt: «Jesus, eine psycho-pathologische Studie», und das andere: «Jesus Christus vom psychiatrischen Standpunkte aus betrachtet». Da wird dasjenige, was in den Evangelien steht, so betrachtet, daß es hingeschleppt wird vor die Aufstellungen des Psychiaters der Gegenwart und nachgesehen wird, wie man die einzelnen Evangelien-Stellen, namentlich die Worte des Christus Jesus selber, dadurch erklären kann, daß man eben den pathologischen Zustand dieser Persönlichkeit, die da am Ausgangspunkt der neueren Entwickelung gestanden hat, die krankhafte Psyche des Christus Jesus ins Auge faßt. Der Irrenarzt, der Christus als einen abnormen Menschen prüft nach den Regeln der modernen Psychiatrie — er ist schon da! Es gibt Bücher darüber.

[ 22 ] Mit diesen Erscheinungen sollte man doch zusammenhalten dasjenige, was einem sonst auch vor die Seele geleitet werden könnte. Wie viele Menschen gibt es demgegenüber, die den ganzen Sumpf, die ganze Verblödung einer solchen Geisteskultur wirklich fühlen, so fühlen, daß sie sie bis in ihre einzelnen Verzweigungen hinein verfolgen wollen? Muß man es denn nicht immer wieder und wiederum erleben: Da ist irgendwo ein großer Psychiater, die Leute laufen ihm zu. Er schreibt epochemachende Werke über die Psychiatrie, wird als ein großer Psychiater angesehen. Schüler oder Kollegen von ihm sind es, in gar nicht weiter Abzweigung, die eine psychopathologische Studie nicht nur über Goethe, Schiller, Nietzsche und allerlei Leute, die irgendeine Bedeutung gehabt haben und zur geschichtlichen Anerkennung gekommen sind, schreiben, sondern auch über den Christus Jesus selber! Und indem wir mit all der erheuchelten, ich will nicht sagen Ehrfurcht, mit all dem zwar nicht erheuchelten, aber gedankenlosen Autoritäts-Glauben die Schwelle eines Psychiaters oder irgendeines anderen naturwissenschaftlichen Weltanschauers überschreiten, bewegen wir uns in derselben Strömung, die, zu einem Extrem, zu einer Karikatur ausgebildet, die Welt in die Verblödung hineinführt. Die Lebenszusammenhänge klar sehen zu wollen, das ist ja gewiß etwas, was auf der einen Seite, gegen die Bequemlichkeiten des Lebens gehalten, gerne gemieden wird, was aber notwendig ist, angefacht zu werden.

[ 23 ] Wir kommen wahrhaftig nicht dadurch vorwärts, daß wir uns zusammensetzen und mit einer gewissen Sensationslust oder mystischen Schwärmerei Geisteswissenschaft auf uns wirken lassen, sondern dadurch kommen wir vorwärts, daß diese Geisteswissenschaft in uns lebendig wird, daß wir das Leben nach dem betrachten lernen, was sie in uns an Impulsen wirken kann. Wir sind noch nicht Geisteswissenschafter dadurch, daß wir uns jede Woche einmal das, was über Elementargeister, über Hierarchien und so weiter gesagt werden kann, wie einen kalten Schauer oder wie einen warmen Schauer — ich weiß nicht, wie das ist! — über den Rücken laufen lassen, sondern dadurch werden wir wirkliche Geisteswissenschafter, daß die Dinge in uns lebendig werden, daß wir sie in alle Einzelheiten des Lebens hineintragen können und daß wir wirklich auch soweit kommen können, daß uns zum Beispiel vor dem Kunstsumpf der Gegenwart deshalb, weil wir Geisteswissenschafter sind, ekeln kann, wenn wir nicht etwa auf dem Standpunkt stehen, daß wir ja als Theosophen verpflichtet sind, allgemeine Menschenliebe walten zu lassen und wir deshalb auch das Versumpfte und Schlechte selbstverständlich nicht mit dem wahren Namen belegen dürfen.

[ 24 ] Es ist merkwürdig, wie die Menschen ungeneigt sind in der Gegenwart, wirklich die Augen aufzumachen. Freilich, es ist nicht immer die Schuld des einzelnen, sondern es ist die Schuld des ganzen geistigen Lebens der Gegenwart. Es wird dem einzelnen recht schwer gemacht, deutlich zu sehen, denn die ganze öffentliche Erziehung geht vielfach darauf hin, solche Dinge, wie diejenigen sind, auf die sich gerade heute an diesem herausgerissenen episodischen Abend aufmerksam machen wollte, zu übergehen. So wie man sonst sagt, man wird auf etwas gestoßen, so werden Menschen gleichsam vorbeigezogen, nicht darauf gestoßen, sondern weggezogen von den Dingen. Wir leben jetzt wirklich auch in dieser Beziehung in einer der größten Schulzeiten der Menschenentwickelung drinnen und dürfen nicht, ich möchte sagen, einfach unempindlich sein gegenüber der Schule, die wir in dieser Beziehung durchleben. Denken Sie doch nur einmal, wie man es zustande gebracht hat, vor kurzer Zeit noch alles, ich möchte sagen, durcheinander zu genießen, ohne einzugehen auf die Art und Weise, wie sich die Menschen der heutigen Gegenwart gegenüberstehen. Zum Beispiel darf das Prinzip, daß keine Unterschiede existieren, ja nicht dahin führen, wie ich schon einmal oder öfter gesagt habe, alle Differenzierungen zu verwischen, alles unklar zu machen, so wie es von der Leiterin der «Theosophical Society» geschehen ist, die sich bemüht hat, die Unterschiede der verschiedenen Religionen möglichst auszulöschen, so daß nur noch das Hindu-Wesen etwa in besonderer Glorie prangen konnte. Aber sonst hat sie die Sache ausgelöscht nach einer Logik, die ich ja öfter verglichen habe damit, daß einer sagt: Ich muß alles dasjenige, was als Zutaten auf dem Tische steht, in gleicher Weise als Zutaten behandeln und nicht auf die Unterschiede sehen. So würde dieses Verfahren, alle Religionen gleich zu behandeln, keinen Unterschied zwischen ihnen zu sehen, ebenso sein, wie wenn einer sagte: Salz ist ist eine Speisezutat, Zucker eine Speisezutat, Pfeffer auch, denn alles ist das gleiche, alles ist Speisezutat. Man soll nur versuchen, ob es das gleiche ist: man pfeffere sich den Kaffee und zuckere sich die Suppe und papriziere sich einmal die Torte oder sonst etwas! Dieselbe Logik liegt aber zugrunde auf jener Seite, es liegt zugrunde die Unfähigkeit, die konkrete Entwickelung zu sehen.

[ 25 ] Und so werden viele Dinge eben so genommen, daß man auch schon alles tut, um, ich möchte sagen, die Menschen in einen Taumel, in einen Traum, in einen Rausch hineinzureiten. Man wird, wenn man solche Dinge sagt, nur allzu leicht mißverstanden. Deshalb sage ich ausdrücklich: Jeder, der mich längere Zeit gehört hat, weiß, welche Größe ich in Tolstoi sehe. Aber deshalb sollte niemals vergessen werden, wie in Tolstoi selbstverständlich etwas lebt, was nicht grau in grau neben das Westeuropäische hingestellt werden darf. Ich habe früher öfter auf solche Unterschiede aufmerksam gemacht bei Vorträgen über Tolstoi. Man kann die Größe eines Menschen wie Tolstoi deshalb doch anerkennen und braucht nicht das etwa zu tun, was nun bei Tolstoi wirklich geschehen ist. Hätte man nämlich Tolstoi einigermaßen aufmerksam gelesen in der Zeit, wo er viel gelesen worden ist, namentlich wo seine umfassenden Werke, seine ersten großen Kunstwerke gelesen worden sind, so hätte man vielleicht — vielleicht, sage ich — sich gesagt: Da haben wir einen großen Geist des Ostens, der aber voller bittersten Hasses und voller Verachtung sogar vom Deutschtum spricht. — Man hat es nicht getan, wie Sie wissen, man hat das gar nicht bemerkt. Warum nicht? Weil die ersten Übersetzer Tolstois ins Deutsche diese Stellen weggelassen oder anders gestellt haben, so daß, bis auf die Übersetzung, die dann Raphael Löwenfeld gemacht hat, die erst den richtigen Tolstoi gegeben hat, die aber zu spät kam, die deutsche Literatur einen gefälschten Tolstoi hatte.

[ 26 ] Es handelt sich darum, daß man die Dinge wirklich weiß, oder aber nicht urteilt! Aber worüber man urteilt, das sollte man wirklich kennen. Man braucht Tolstoi nicht zu überschätzen. Man kann dasjenige, was er ist, gerade daraus herausfinden, daß er erstens eine Größe, zweitens eine Natur war, die ganz aus seinem Volkstum heraus sich gebildet hat. Aber man sollte sich ganz klar sein darüber, daß man nicht einfach dasjenige machen darf, was die ZwergKritiker des verpesteten Journalismus der Gegenwart so sehr häufig tun, die, während sie auf der einen Seite diesen oder jenen großnennen, meinetwillen den Goethe oder den Schiller, mit denselben Worten zum Beispiel Dostojewski groß nennen, ohne daß sie ein Gefühl dafür hervorrufen, daß gegenüber, sagen wir, dem «Wilhelm Meister» oder den «Wahlverwandtschaften» oder auch nur gegenüber solchen Dingen, wie sie Lienhard geschaffen hat, Dostojewski, selbst «Die Brüder Karamasow», für dasjenige, was wir als ästhetische Prinzipien haben müssen aus früherer Zeit, dennoch HintertreppenLiteratur ist. Zum klaren, präzisen, konkreten Urteilen bringt es einen, wenn man hineinsieht in dasjenige, was ist, und wir leben heute in einer Zeit, wo wir unser Urteil schärfen müssen, wo wir hineinsehen müssen in dasjenige, was ist. Wir leben heute in einer Zeit, in der mit jedem Tage der Haß der Völker gegeneinander größer wird. Man sollte verstehen lernen, wenn man urteilen will, wie dieser Haß sich herausentwickelte aus dem, was lange, lange da war.

[ 27 ] Das sind Dinge, die einmal ausgesprochen werden müssen, damit wirklich ein bißchen unter uns eine Empfindung entsteht dafür, welche Bedeutung das geisteswissenschaftliche Streben haben sollte. Es kann immer wieder ein bitteres Gefühl in einem hervorrufen, wenn einem jedes beliebige, manchmal törichte Wort, das da oder dort in einer Zeitung oder in einem Journal oder in einem Buche steht, gebracht und gesagt wird, wie da schon Theosophie waltet und so weiter, während es gerade darauf ankäme, allerdings ohne Fanatismus, das ganz Fundamentale, dasjenige, was Geisteswissenschaft sein will, wirklich zu fassen, um es hineinstellen zu können in die Kultur der Gegenwart, einzusehen, wie wenig eigentlich der Mensch der Gegenwart dasjenige lieben kann, was Geisteswissenschaft will, weil er auch nur die wenigen Schritte einfach nicht aufbringen kann, die manchmal notwendig werden, um herauszufinden aus der äußersten Frivolität, die heute vielfach das geistige Kulturleben durchzieht. In ernster Stunde auch ernste Betrachtungen anzustellen, scheint doch vielleicht berechtigt zu sein. Denn welche Stunde der Weltgeschichte wäre geeigneter, ernste Betrachtungen anzustellen, als diese Stunde heute, von der man sagen darf, daß im Verlaufe der Menschheitsentwickelung sich nichts Schrecklicheres, Furchtbareres — selbstverständlich zugleich als Großes, als Notwendiges — entwickelt hat, welche Stunde sollte geeigneter sein, ernste Töne in unserer Seele zur Wirksamkeit zu bringen, als diese gegenwärtige Stunde! Man braucht sich ja nur vor Augen zu stellen, daß Leute, die es wissen können, ausgerechnet haben, daß bei einem einzigen größeren Gefecht im Juni oder Juli des verflossenen Jahres im nördlichen Teile der Westfront an einem Tag so viel Munition verschossen worden ist, als im ganzen deutsch-französischen Kriege 1870/71 zusammen. Und wahrscheinlich ist bald der Zeitpunkt erreicht — so urteilen einige Leute, die sachverständig sind —, wo in diesen gegenwärtigen Verwickelungen der Welt so viel verschossen worden sein wird an Munition, wie in allen bisherigen Kriegen, seit mit Pulver geschossen wird, zusammen!

[ 28 ] Es ist eine ernste Zeit, keine Zeit, die uns erlaubt, hinwegzugehen über dasjenige, was auch geistig als eine große Krise durch die geistige Entwickelung der Menschheit geht, so einschneidend, daß es unverzeihlich wäre, sich nicht in solch ernster Stunde die ganze Bedeutung desjenigen, was geschehen muß für die Menschheitsentwickelung, vor Augen zu stellen, wenn man durch ein Nahekommen in bezug auf die geisteswissenschaftlichen Lehren in der Lage ist, dies zu tun.

[ 29 ] Ich wollte dies als eine Art anthroposophisch-literarischer Betrachtung noch an dieRezitationen des heutigen Abends anschließen.