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The Rudolf Steiner Archive

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Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste
GA 167

7 März 1916, Berlin

2. Das geistig-seelische Wesen des Menschen

[ 1 ] Ich möchte heute, teils zurückkommend auf manches in der letzten Zeit und öfter schon Besprochene, teils manches erweiternd, zunächst einzelne Ausführungen machen über des Menschen Inneres, über des Menschen seelisch-geistiges Wesen. Sie wissen, wir sprechen zunächst von demjenigen Gliede des inneren Menschen, das wir mit einem abstrakten Ausdrucke als den Ätherleib bezeichnen. Und während der physische Leib des Menschen für die äußeren Sinne wahrnehmbar ist, für die äußere Wissenschaft, die an den Verstand und ihre Beobachtungen gebunden ist, zugänglich ist, wissen wir, daß der Ätherleib ein Übersinnliches ist. Ferner sprechen wir von dem nächsten Gliede der menschlichen Wesenheit als dem sogenannten astralischen Leibe. Wir erinnern uns, wie oft wir betont haben, daß man ja nicht sagen kann als Mensch, das Innere des Menschen sei dem Menschen vollständig unbekannt: der Mensch nimmt ja wahr in der physischen Welt innerhalb seines leiblichen Daseins sein Denken, sein Fühlen, sein Wollen. Er erlebt es innerlich, und er erlebt dieses Denken, Fühlen und Wollen durchstrahlt, durchleuchtet von dem Ich. Man kann sagen, dieses Denken, Fühlen und Wollen nimmt der Mensch innerlich wahr. Aber man kann doch nicht sagen — wie Sie sich allmählich zu denken angeeignet haben werden —, daß der Mensch seinen astralischen Leib wirklich wahrnimmt. Und man kann auch nicht einmal sagen, daß er sein Ich wirklich wahrnimmt. Denn dieses Ich — wir haben darauf gerade im Verlaufe der letzten Vorträge aufmerksam gemacht —, von dem der Mensch spricht, das mit jedem Einschlafen in die Unbewußtheit zurückfällt, ist nur ein Bild des wahren und wirklichen Ichs. So daß also in einem gewissen Sinne schon geschlossen werden kann, daß auch mit diesem Ich, mit dem Denken, Fühlen und Wollen, in einer ähnlichen Weise nur ein Ausdruck, eine Offenbarung des eigentlichen Inneren des Menschen gegeben ist, wie mit dem physischen Leibe eine Offenbarung, ein Ausdruck des Geistigen gegeben ist, dessen, was wir als den Ätherleib bezeichnen. Nun, der Mensch ist selbstverständlich froh, wenn er über irgendein Wissensgebiet so eine hübsche Einteilung hat, die er so recht, man möchte sagen, in geistige Schachteln packen und aufbewahren kann. Daher sind manche so zufrieden, wenn sie nun das ganz außerordentlich phänomenale Wissen haben, daß der Mensch besteht aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem astralischen Leib, dem Ich. Aber im Grunde genommen hat man — das ist ja auch schon oftmals hier betont worden — mit diesen vier Worten eben nicht viel mehr als Worte, nicht viel mehr als Ausdrücke hat man. Und wenn man zur wirklichen Betrachtung schreitet, dann muß) man in einer gewissen Weise immer überschreiten die Grenzen, die durch diese Ausdrücke so leicht festgesetzt werden.

[ 2 ] Gewiß, wenn man so im allgemeinen spricht, kann man sagen: Denken, Fühlen und Wollen gehen im astralischen Leibe vor sich. Aber damit ist nur in einer recht einseitigen, recht abstrakten Weise die Tatsache des Denkens erschöpft. So, wie wir als Menschen zunächst in der physischen Welt darinnen stehen, so ist allerdings der Impuls zu unserem Denken im astralischen Leibe, sogar im Ich, gegeben. Aber das Denken entwickelt sich als Vorstellung, als Gedanke nur dadurch, daß wir den beweglichen Ätherleib haben. Hier, als physische Menschen, würde unser ganzes Denken unbewußt bleiben, wenn nicht der astralische Leib seine Impulse, seine Denkimpulse in den Ätherleib hinein senden würde und der Ätherleib in seiner Beweglichkeit eben aufnehmen würde die Denkimpulse des astralischen Leibes. Und jeder Gedanke wiederum würde einfach vorübergehen, ohne daß eine Erinnerung bliebe, wenn wir nicht einen physischen Leib hätten. Man kann nicht sagen, daß der physische Leib der Träger des Gedächtnisses ist; das ist schon der Ätherleib. Aber für uns Menschen im physischen Leibe würde dasjenige, was im Ätherleib vorhanden bleibt von unserem Denken, verfließen, wie die Träume verfließen, wenn es sich nicht eingraben könnte in die physische Materie des physischen Leibes. So daß unsere Gedanken hier im physischen Leibe sich behaupten können dadurch, daß wir eben diesen physischen Leib haben.

[ 3 ] Sie sehen also, was für ein komplizierter Prozeß dieses Denken eigentlich schon ist. Es hat seine Impulse im astralischen Leibe, eigentlich schon im Ich. Diese Impulse setzen sich als Kräfte in den Ätherleib hinein fort, rufen da die Gedanken hervor, und die Gedanken graben wiederum ihre Spuren in den physischen Leib ein. Und dadurch, daß sie eingegraben sind, können sie immer wiederum aus der Erinnerung während des physischen Lebens herausgeholt werden.

[ 4 ] Nun betrachten Sie noch einmal dasjenige — wir haben ja schon von der Sache öfter hier gesprochen —, was eigentlich die Erinnerung für den Menschen hier im physischen Leibe ist. Nicht wahr, der Mensch hat Erlebnisse. Diese Erlebnisse verarbeitet er. Er geht dann von diesen Erlebnissen hinweg. Es kommt eine Zeit, wo solche Erlebnisse sich so verhalten können zu uns Menschen, als ob wir gar nichts von ihnen wüßten, als ob sie in gar keinem Verhältnisse mehr zu uns stünden. Dann aber kommt wieder die Zeit, wo wir aus unserm Innern die Vorstellungen an solche Erlebnisse heraufholen. Wir vergegenständlichen uns dann in Erinnerungsform dasjenige, was wir erlebt haben.

[ 5 ] Nun sehen Sie, zunächst muß der Mensch mit Recht glauben: Dieser Vorgang der Erinnerung gehört ihm, der gehört seiner Seele. Wenn wir als Mensch durch die Straßen gehen, in Gesellschaften gehen, kann uns ja keiner zunächst mit äußeren, physischen Sinnesorganen ansehen, was wir in uns für Erinnerungen bergen, das heißt was wir für Erlebnisse gehabt haben. Das tragen wir in unserer Seele. Ich möchte sagen, die Hülle des physischen Leibes, sie ist so da, daß wir in unserer Seele verhüllt, wie in dem Mantel des physischen Leibes, aufbewahren unsere Erinnerungen. Sie gehören uns, und durch das ganze Leben hindurch arbeiten wir so an uns. Wir machen gewissermaßen die Außenwelt zu unserer inneren Welt. Wir tragen dann diese Außenwelt in der Form der Erinnerungen mit uns durch das Dasein. Als unser ureigenstes Eigentum tragen wir diese Erinnerungen dahin. Nun wäre es ein großer Irrtum, wenn man glaubte, daß dieses Tragen der Erinnerungen durch das Leben wirklich schon den ganzen Vorgang umfaßte. Das ist nicht der Fall. Es hat Darwin zum Beispiel mit Recht gefallen, einmal zu untersuchen, ob denn solche Tiere wie die Regenwürmer nicht eine besondere Aufgabe haben, und er hat gefunden, daß die Regenwürmer nicht bloß da sind, um sich des Daseins zu erfreuen, sondern daß sie eine sehr bedeutende Aufgabe haben, indem sie zur Fruchtbarkeit des Bodens, den sie durchwühlen, Wesentliches beitragen. Das sind so Dinge, die die Naturwissenschaft gewiß heute zugibt, und das ist ein Boden, auf dem sich die Naturwissenschaft sicher glaubt. Die Naturwissenschaft soll dabei gar nicht getadelt werden, denn von der Naturwissenschaft ist es schön, wenn sie sich auf die einzelnen Dinge einläßt. Nur baut man auch Weltanschauungen auf solche Dinge. Da muß dann selbstverständlich der Spruch in Betracht gezogen werden von dem Mann, der gierig nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn er Regenwürmer findet. Nun aber, ins Geistige gewandt, kann man fragen: Hat denn wirklich diese Tätigkeit des Menschen, durch die er sein ganzes Leben hindurch Erlebnisse zu Gedanken formt und in Erinnerungen bewahrt, für das gesamte Weltall gar keine Bedeutung? Ist dieser Erinnerungsvorgang wirklich nur ein Vorgang, der in uns sich abspielt?

[ 6 ] Der Materialist ist ja darauf angewiesen, zu sagen: Selbstverständlich ist das ein Vorgang, der sich nur in uns abspielt. Mit dem Tode legen wir unsern physischen Leib ins Grab, und dann ist es mit dem, was wir als Erinnerung bewahrt haben, selbstverständlich aus wie mit einer erloschenen Sache. Wir gehen jetzt nicht auf eine solche materialistische Erwiderung ein, wir haben das öfter getan, aber wir wollen auf etwas anderes eingehen. Wir wollen die Frage aufwerfen: Ist denn dieser unser Gedanken- und Erinnerungsvorgang nicht vielleicht noch etwas ganz, ganz anderes als das, was sich da in unserem Erinnern abspielt? Und so ist es. Während wir denken, während wir uns aus den Erlebnissen Gedanken bilden und diese als Erinnerungen bewahren, während dieser Zeit beschäftigen wir uns nicht bloß mit unseren Gedanken, sondern mit unseren Gedanken beschäftigt sich die ganze Welt der Hierarchien, die wir als die dritte Hierarchie bezeichnen, als die Hierarchie der Angeloi, Archangeloi, Archai. Wir denken nicht bloß für uns, wir denken und bewahren unsere Gedanken in unserm Innern auf, damit ein Betätigungsfeld schaffend für Angeloi, Archangeloi, Archai. Während wir glauben, unsere Gedanken lebten nur in uns, beschäftigen sich drei geistige Hierarchien mit unseren Gedanken. Das Wenigste von dem, was wir mit unseren Gedanken vornehmen, ist dasjenige, worauf es ankommt bei unseren Gedanken. Auch während wir die Gedanken vergessen haben, die wir später wiederum aus der Erinnerung hervorrufen, sind sie in uns. Und ebenso, wie wir uns als Menschen mit unseren Maschinen auf der Erde befassen oder mit Essen und Trinken, so beschäftigen sich Angeloi, Archangeloi und Archai mit einem Gewebe, das aus unseren Gedanken geflochten, gesponnen, gebildet wird; die arbeiten fortwährend an diesen unseren Gedanken. Es ist also nur die uns zugewendete Seite der Gedankentätigkeit, von der wir wissen. Es gibt dazu eine uns abgewendete Seite, und diese uns abgewendete Seite sieht sich für das geistige Anschauen so an, daß wir sehen: Während wir da unsere Gedanken in unserem Innern haben, beschäftigen sich von außen her die genannten geistigen Wesenheiten mit unseren Gedanken und weben sie, so daß wir, wenn wir diese Erkenntnis erlangen, uns sagen können: Unser Denkvorgang ist wahrhaftig nicht etwas Unnötiges in der Welt, unser Denkvorgang ist nicht etwas bloß für uns, unser Denkvorgang steht drinnen in der ganzen Weltenentwickelung und trägt bei, daß Neues immerfort einverwoben wird der Weltenentwickelung. Wenn wir nicht als einzelner geboren wären, gedacht hätten, Erinnerungen bewahrt hätten, so würde bei unserem Tode das Stück, das gewoben werden kann aus unseren Gedanken, das wir nicht selber weben, für die Weltenentwickelung verloren sein.

[ 7 ] Und wenn wir dann durch die Pforte des Todes gehen — den elementarischen Vorgang haben wir ja öfter beschrieben —, wir wissen: Unsern physischen Leib legen wir ab, der wird den Elementen der Erde auf irgendeine Weise übergeben. Unser Ätherleib bleibt uns noch eine kurze Zeit. Für unser Inneres stellt er sich zunächst so dar, daß er ein großes Lebenstableau vor uns aufrollt. Alles dasjenige, dessen wir sonst in der Zeit uns erinnern, das wird gleichzeitig wie in einem gewaltigen Panorama um uns herum aufgestellt in einem mächtigen Lebenstableau. Dann aber wird unser ätherisches Wesen von uns losgelöst, es wird gleichsam aus uns herausgezogen. Wer tut denn das? Ja, das tun schon die Wesenheiten der drei genannten Hierarchien, und die weben es allmählich dem Weltenäther ein, so daß dieses Gewebe des Weltenäthers nach unserm Tode aus dem besteht, was wir während unseres Lebens zwischen Geburt und Tod hinzugefügt haben und was verarbeitet worden ist von den Wesen der drei nächsthöheren Hierarchien. Hinweggenommen von uns wird also dasjenige, was wir so hinzuverwoben haben zu dem, was vor unserer Geburt noch nicht da war, und einverwoben wird es dem ganzen Weltall. Die Erkenntnis davon hat jeder Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Denn für den Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, tritt ja jetzt etwas ein, was wir nicht anders bezeichnen können als mit den folgenden Worten. — Sehen Sie, der Ätherleib des Menschen ist losgelöst worden von ihm, sein ätherisches Gewebe ist dem allgemeinen Weltenäther einverwoben worden, dasjenige, was er Zeit seines Lebens in sich getragen hat, das ist jetzt draußen; das ist wichtig. Und derjenige, der solche Dinge kennt, bezeichnet das mit einem kurzen Worte, das man sich immer wieder und wieder meditativ vor die Seele rufen soll, denn es bezeichnet kurz einen wichtigen und wesentlichen Vorgang. — Man kann sagen: Das Innere wird ein Äußeres, das heißt, dasjenige, was wir immer gefühlt haben als ein Inneres, als unser Gedankenleben, wird ein Äußeres, wird Außenwelt. So wahr uns hier umgeben Flüsse und Berge und Bäume und Wolken und Sterne, so wahr tritt etwas ein nach unserem Tode, was man so charakterisieren kann: Das, was Zeit unseres physischen Lebens in uns gelebt hat, ist nun ein Stück Außenwelt geworden, so daß es von uns angeschaut werden, von uns betrachtet werden kann.

[ 8 ] Aber nun haben wir außer diesem Ätherleibe die Welt unseres astralischen Leibes. Die Welt unseres astralischen Leibes kommt uns zunächst so zum Bewußtsein, daß wir sie fühlen als Denken. Aber das Denken habe: ich ja gerade charakterisiert, das sendet seine Impulse in den Ätherleib hinab, so daß im astralischen Leib das Denken selber nicht bewußt werden kann. Erst das Fühlen und Wollen kann im Astralleibe bewußt werden. Unser ganzes Leben fühlen und wollen wir wiederum. Wir hegen über gewisse Erlebnisse gewisse Empfindungen. Das sind Vorgänge in unserem astralischen Leibe. Das ist wiederum sein eigenartiges Weben, aber jetzt nicht ein Weben in Gedanken, wie ich es vorher beschrieben habe, sondern ein Weben in Empfindungs- und Willensimpulsen, Antrieben zum Willen. Auch an dem, was wir das ganze Leben hindurch fühlen und als Willensantriebe haben, auch daran arbeiten höhere Wesenheiten, auch das ist das Arbeitsfeld für höhere Wesenheiten. Wie an unserem Denken die Wesenheiten der dritten Hierarchie arbeiten, so arbeiten an unserem Fühlen und an unseren Willensimpulsen die Wesenheiten der zweiten Hierarchie, einschließlich sogar der Throne.

[ 9 ] Denken Sie, wie wir in der Welt stehen, wenn wir diese Dinge wissen, wie wir uns hineinversetzt fühlen in die geistige Welt. Wir sagen uns auf der einen Seite: Du Mensch, du gehst denkend durch die Welt, aber dein Denken, indem es dir seine innere Seite zuwendet, das ist nur die eine Seite des Denkens. Dasjenige, was du denkst, ist Stoff für die Arbeit der Angeloi, der Archangeloi, der Archai. Und indem wir fühlen und wollen, schaffen wir Stoff für die Geister der Form, die Geister der Bewegung, die Geister der Weisheit, die Throne oder Geister des Willens. Wie der Mensch die Erde umgräbt und bearbeitet und auch nicht weiß, während er die Erde bearbeitet, daß er nur die eine Seite bearbeitet, daß dann an der anderen Seite wesentliche Vorgänge sind, wie er mit dem normalen Bewußtsein das nicht weiß, so glaubt der Mensch, seine Gefühle, seine Willensimpulse seien bloß seine eigenen. Aber ein Feld sind sie für die Arbeit der genannten Wesen der höheren Hierarchie. Wir sind wahrhaftig nicht bloß als physischer Leib so da, daß dieser unser physischer Leib mit der Umgebung in Verbindung steht, sondern wir sind auch als seelisch-geistiges Wesen so da, daß dieses seelisch-geistige Wesen mit der Umgebung in Verbindung steht. Man denkt ja gewöhnlich nicht daran, wie auch unser physischer Leib zu der ganzen Umgebung gehört. Aber das ist leicht vorzustellen. Nicht. wahr, in irgendeinem Augenblicke, wenn Sie sich selber sich körperlich vorstellen, so haben Sie nicht bloß Knochen, Blut und Muskeln und so weiter, sondern Sie haben auch einen gewissen Luftstrom in sich, den Sie eben eingeatmet haben und den Sie gleich wieder ausatmen werden. Der gehört, während Sie eingeatmet haben, zu Ihnen. Der war im vorigen Augenblicke außer Ihnen, im nächsten Augenblicke ist er wieder außer Ihnen. Denken Sie sich ohne diesen Luftstrom! Es ist unmöglich, sich ohne ihn zu denken, er gehört zu uns dazu. Es ist schon unsinnig, auch nur den physischen Leib so zu denken, als ob er nur in der Haut eingeschlossen wäre, während er ja darauf angewiesen ist, mit der ganzen Luftumgebung zu leben. Aber ebenso, wie wir durch unseren physischen Leib mit der Luftumgebung und mit der Wärmeumgebung leben, ebenso leben wir durch unsere Gedanken mit der Umgebung der Hierarchie der dritten Ordnung, und wir leben durch unsere Gefühle und unsere Willensimpulse mit den Wesenheiten der Hierarchie der zweiten Ordnung und mit den Geistern des Willens. So stehen wir im Weltenall drinnen.

[ 10 ] Wenden wir das wiederum an auf den Durchgang durch die Todespforte, dann können wir sagen: Wenn der Mensch durch die Todespforte durchgeht, so wissen wir, daß, wenn sein ätherischer Leib dann weggenommen ist von ihm, wenn die Einverwebung beginnt in den allgemeinen Weltenäther, er ja dann sein physisches Leben in einer Zeit, die dreimal so schnell verlebt wird wie das physische Leben zwischen Geburt und Tod, zurückzuleben hat, indem er die Wirkungen davon wahrnimmt. Also dasjenige, was wit in uns erlebt haben während unseres physischen Lebens, das nehmen wir dann nicht wahr; das haben wir hier im physischen Leben wahrgenommen. Wenn wir jemandem eine Beleidigung zugefügt haben: Das Gefühl, aus dem wir die Beleidigung getan haben, das haben wir hier im physischen Leben durchlebt, das steht als Ursache da und trägt sich in das Karma ein. Was wir nicht erlebt haben hier im physischen Leben, das ist der Eindruck, den die Beleidigung auf die andere Seele gemacht hat. Wir erleben hier überhaupt nicht dasjenige, was unsere Taten, unsere Handlungen, unsere Gedanken für Wirkungen in der äußeren Welt machen. Hier im physischen Leben erleben wir das nicht, das erleben wir jetzt bei der Rückwärtswanderung in der Zeit vom Tode bis zu der Geburt. Da leben wir alles, was draußen ist, durch, nicht so, wie es von uns erlebt worden ist, sondern so, wie es von der Außenwelt erlebt worden ist, mit der wir zusammen waren. Wirklich alles dasjenige, was die Menschen empfunden haben durch unsere Gedanken, durch unsere Worte, wir erleben es durch. Und das ist deshalb, weil jetzt das Äußere ein Inneres werden muß. Mit unseren Gedanken, haben wir sagen können, ist es so, daß das Innere ein Äußeres wird. Bei diesem Leben jetzt ist es so, daß das Äußere, die Wirkungen unserer Gedanken, unserer Taten im Leben, ein Inneres wird, das heißt ein innerlich Erlebtes, ein vom Geistmenschen nach dem Tode Erlebtes. Denn er muß sich ja jetzt in die Welt einleben, in der er unbewußt während der Zeit seines Lebens lebt, indem er einen astralischen Leib hat und die Geister der zweiten Hierarchie an seinem astralischen Leibe arbeiten, er muß sich jetzt in die Welt einleben, in der es eben so zugeht, daß sein astralischer Leib allmählich sich auflöst in dem Äußeren, aber er das Äußere jetzt innerlich durchlebt, richtig innerlich durchlebt. Er muß lernen, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in der Sphäre zu arbeiten, in der die Geister der zweiten Hierarchie arbeiten, in der sie dasjenige vorbereiten, was ihn dann wiederum zu einer neuen Inkarnation führen kann. Und dann, wissen wir ja, wird der astralische Leib nach einiger Zeit eben so, daß er sich verflüchtigt in die äußere Welt und der Mensch mit seinem eigentlichen Inneren in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt weiterlebt.

[ 11 ] Nun, wenn wir verstehen wollen einiges von diesem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so müssen wir immer viele Gesichtspunkte geltend machen. Das ist ja überhaupt unser Ziel, nicht einseitig zu sein, sondern viele Gesichtspunkte geltend zu machen, so daß allmählich sich ein umfassendes Verständnis dieser Vorgänge eröffnen kann. Fassen Sie also ins Auge: So, wie der Mensch durch seine Geburt eintritt in die Naturvorgänge, die um ihn herum vorgehen im Mineralreich, Pflanzen-, Tierreich, so tritt er in die Welt ein, die um ihn vorgeht durch die Wesenheiten der genannten Hierarchien. Er ist gewissermaßen eingefaltet in deren Tätigkeit, und dasjenige, was er ihnen mitgebracht hat, das weben sie zusammen, so daß es die Grundlage werden kann zu seiner nächsten Inkarnation.

[ 12 ] Sehen Sie, auf diesem Gebiete ist es, ich möchte sagen, besonders schwierig, der Gegenwart richtige Begriffe zu geben, aus Gründen, die ja auch schon öfter dargelegt worden sind. Die Gegenwart arbeitet gerade mit den verkehrtesten Begriffen auf diesem Gebiete. Wenn ein Mensch durch die Geburt ins physische Dasein tritt, so tritt er ja mit gewissen Eigenschaften in dieses physische Dasein. Die Gegenwart bestrebt sich, bloß von Vererbung zu sprechen, und meint die physische Vererbung, und man spricht so von dieser physischen Vererbung, daß man sagt: Ein Mensch zeigt diese oder jene Eigenschaften, man muß also diese oder jene Eigenschaften bei den Vorfahren suchen. Es gibt zum Beispiel heute ein sehr fleißig gearbeitetes Buch über Goethe, worinnen Goethes Eigenschaften so dargestellt werden, daß, soweit man nur hinaufgehen kann, man das eine, was er hatte, sucht bei diesen Vorfahren, das andere bei jenen Vorfahren, bei einer Ur-Urgroßmutter das, bei einem Ur-Urgroßvater jenes, und so habe sich alles vererbt. — Ich habe schon öfter gesagt: Eine Weisheit ist das, die man bildlich veranschaulichen kann dadurch, daß man zeigt, wie billig sie eben zu haben ist. Denn es ist nicht gescheiter, zu sagen, daß das Kind die Eigenschaften der Eltern hat, als zu sagen, daß ein Mensch naß ist, wenn er ins Wasser gefallen ist und herausgezogen wird. Er hat das Wasser selbstverständlich an sich, wenn er herausgezogen wird. So hat er die Eigenschaften seiner Vorfahren an sich, weil er durch sie seine Seele durchgeleitet hat. Es ist keine größere Weisheit darinnen. Und so auf Ursachen zurückzuschließen, das für logisch zu erklären, ist nun schließlich das Allerunlogischste, das man nur irgendwie machen kann: Man will beweisen, daß sich die seelisch-geistigen Eigenschaften vererben, indem man zeigt, ein Genie wie Goethe habe die gleichen Eigenschaften, wie seine Vorfahren sie gehabt haben. Aber, wie gesagt, das ist nicht gescheiter als die Behauptung, daß ein Mensch naß ist, wenn er ins Wasser gefallen ist. Beweisen, daß das Genie und die genialischen Eigenschaften mit der Vererbung etwas zu tun haben, würde man, wenn man die Nachkommen des Genies aufweisen und an ihnen zeigen würde, wie sich die Eigenschaften des Genies auf die Nachkommen vererbt haben. Das würde ein Beweis sein. Das wird man aber wohl bleiben lassen. Man wird zum Beispiel nicht gerade darauf ausgehen, zu zeigen, wie sich in Goethes Sohn die genialischen Eigenschaften seines Vaters vererbt haben, nicht wahr? Gewiß, manchmal kann es ja vorkommen, daß man wie mit Fingern auf solche Dinge hindeutet. Es gibt da in der europäischen Welt gegenwärtig einen Staatsmann, der der Sohn eines Vaters ist, der auch ein Staatsmann war. Da kann man sagen, da haben sich die genialischen Eigenschaften des Staatsmannes vom Vater auf den Sohn vererbt. Aber es könnte die Lösung auch darinnen bestehen, daß sie alle beide keine Genies waren!

[ 13 ] Der Sache selbst liegt ein viel, viel tieferer Vorgang zugrunde. Sehen Sie, das wollen die Menschen ja durchaus nicht anerkennen in unserer Zeit, daß dasjenige, was äußerlich geschieht, eben nur die Außenseite zeigt von Vorgängen, die zugleich innerlich sind, von Vorgängen, die aus dem Geistigen herausfließen. Und was gesagt werden soll, machen wir uns einmal durch folgenden hypothetischen Vergleich anschaulich. Nehmen wir an, es gäbe Wesen, welche zwar einen gewissen Verstand hätten, aber keine Anlagen, die Menschen zu sehen. Das ist selbstverständlich durchaus eine Hypothese, aber Sie können ja einmal annehmen, daß es Wesen gäbe, die alles sehen, nur nicht Menschen. Solche Wesen sähen zum Beispiel Uhren. Also denken Sie sich einmal ein Wesen, das keinen Menschen sieht und die Tätigkeit der Menschen nicht sieht, das würde durch Berlin gehen und sehen, wie überall Uhren entstehen würden. Das Wesen müßte sich selbstverständlich sagen: Die Uhren entstehen ganz von selber. — Nicht gescheiter, als ein solches Wesen, das schließen würde, die Uhren entstehen von selber, ist der Mensch, der sagt: Man braucht ja nicht weiter zu erklären, warum Menschen physisch in die Welt hereinkommen, das geschieht ganz von selber im Laufe der Fortpflanzung, im Laufe der Generationen. — So kann nur gedacht werden, weil die Menschen nicht sehen, daß das, was hier in der physischen Welt geschieht, nur der äußere Ausdruck ist für eine Tätigkeit, die fortwährend aus der geistigen Welt herunterfließt, so wie die Tätigkeit der Uhrmacher in die Uhren hineinfließt. Wenn es zum Beispiel eigens eine Wissenschaft gäbe vielleicht der Maulwürfe, so könnten diese schon zu der Anschauung kommen, daß die Uhren von selber entstünden, wenn die Maulwürfe so intelligent wären, die Uhren als so etwas anzusehen, was durch Intelligenz geschaffen ist.

[ 14 ] Dasjenige aber, was sich hier auf der Erde vollzieht, wovon die Menschen in ihrer Torheit glauben, es geschähe ganz von selbst, es sei nur ein äußerlicher physischer Vorgang, das wird dirigiert, gerade so wie die Uhrmachertätigkeit eine dirigierende ist, aus der geistigen Welt. Und wirklich, von dem Moment an, den ich im vierten Mysteriendrama genannt habe die Mitternachtsstunde des Daseins, von dem Moment an, der mitten drinnen eigentlich schon liegt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, von da ab beginnt bereits die Tätigkeit, von der geistigen Welt gewissermaßen sich herabzuneigen in die physische Welt, um nach Jahrhunderten den Menschen ins physische Dasein wieder zu geleiten. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, ist zunächst die Tätigkeit, die in der geistigen Welt ausgeübt wird, ein Verarbeiten desjenigen, was im letzten Leben hier vom Menschen erlebt, erarbeitet worden ist. Das geschieht so in der ersten Hälfte. Aber von der Hälfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt an beginnt schon die Vorbereitung für die nächste Inkarnation. Und nun ist es wirklich so, daß man sich vorstellen kann: Derjenige, der geboren wird, hat Eltern, die Eltern haben wieder Eltern, diese Eltern haben wieder Eltern. Denken Sie sich, wie das durch die Breite hinaufgeht, wenn Sie durch dreißig Generationen gehen. Aber wenn Sie so durch dreißig Generationen hindurchgehen würden, so würden Sie finden, daß gewissermaßen in vielen Leuten schon die Tendenzen liegen, die zuletzt dazu führen, daß der Mann A und die Frau B zusammengebracht werden, die dann einem Menschen das Dasein geben. Und wenn nicht das Ganze so stattgefunden hätte durch dreißig Generationen hindurch, wenn nicht da die Leute immer so geheiratet hätten, daß zuletzt der A und die B zusammengekommen wären, so würde eben nicht jene Zweiheit sich ausgebildet haben, die dann der Mensch aufsuchen kann, der hinuntersteigt zu einer physischen Inkarnation. An diesem ganzen Zusammenwirken vieler Menschen, die zuletzt in den zweien ausgipfeln, da arbeitet schon die geistige Welt mit nach dem, was die einzelne Individualität des Menschen ist. Wenn wir also sehen, daß der Sohn die Eigenschaft seines Vaters, seiner Mutter hat, dann wiederum die Mutter und der Vater auf Eigenschaften zurückführen von Großvater und Großmutter, Urgroßvater, Urgroßmutter und so weiter, so ist das deshalb, weil sich zu dem Ur-Ur-Urgroßvater und der Ur-Ur-Urgroßmutter, die dreißig Generationen nach aufwärts, etwa schon niedergeneigt hat diejenige Individualität, die dann später, nach Jahrhunderten, geboren werden will und bestimmt hat den Plan, nach dem durch Generationen hindurch die Menschen sich finden. Das wirkt alles schon mit. Und daß da vererbte Ähnlichkeiten sind, das rührt davon her, daß durch dreißig Generationen schon die Kraft herunterwirkt durch die geistige Welt, die zuletzt in einem bestimmten Menschen zum Vorschein kommen will; die wirkt schon in Vater, Mutter, Großvater, Großmutter, Urgroßvater, Urgroßmutter. Da wirkt sie schon immer und gibt einem zuletzt die Eigenschaften, die zum Vorschein kommen sollen. Nicht die physische Strömung macht die Vererbung, sondern der physischen Strömung wird die Vererbung auf diese Weise eingefügt. Gerade das Umgekehrte ist wahr von dem, was in bezug auf die physische Vererbung von der äußeren, sogenannten naturwissenschaftlichen Weltanschauung behauptet wird. Damit zuletzt Goethe zum Vorschein gekommen ist durch den Johann Kaspar Goethe und die Frau Rat Aja, wurden die Menschen immer schon von den Wesenheiten der zweiten Hierarchie durch dreißig Generationen so zusammengeführt, daß das zuletzt zu Goethe führen konnte. Das gilt natürlich nicht nur für das Genie, das gilt für jeden einzelnen. Sie können sagen: Das ist schwer vorzustellen, und Sie können auch fragen, wie verträgt sich das mit der menschlichen Freiheit, wenn da schon dreißig Generationen, bevor wir herunterkommen, durchaus bestimmt werden, wie wir dann sein sollen? Ja, aber für unsern Vater war es ebenso und für die Großväter ebenso! Und wenn das jemandem zu kompliziert ist zu denken, dann soll er nur sich noch dazudenken, daß ihm dieses Denken eben für das normale Bewußtsein des Erdendaseins erspart geblieben ist, denn es ist nicht ihm übertragen, sondern in Gemeinsamkeit mit den Geistern der Form, mit den Geistern der Bewegung und so weiter wird dieses bewirkt, so daß die Freiheit gar nicht beeinträchtigt wird. Da gehört natürlich schon jene höhere Weisheit dazu, die diesen Hierarchien entspricht. Aber die Sache ist so.

[ 15 ] Und so wird zusammengearbeitet dasjenige, was wir als Gedanken dem Weltenäther übergeben können, mit dem, was wir in unserem Gefühls-, in unserem Willensleben ausleben während unseres physischen Daseins. Wirklich, Geisteswissenschaft soll nicht bloß eine Summe von Wissen in uns anregen, sondern sie soll vor allen Dingen eine gewisse Gemütsstimmung hervorzubringen vermögen. Ich habe versucht, diese Gemütsstimmung in den ersten Partien des zweiten Mysteriums anzudeuten, in der Begegnung zwischen Capesius und Benediktus, wie wirklich zu dem Ziele, daß der Mensch hier als ganzes Menschenwesen auf der Erde leben kann, Götter und Götter, Geister und Geister zusammenwirken, daß der Mensch für Götter und Götter, Geister und Geister ein Ziel ist. Dieses Gefühl, ich möchte sagen der Dankbarkeit dem geistigen Universum gegenüber, dieses Gefühl, sich drinnen zu wissen im geistigen Universum, das muß uns auch durch Geisteswissenschaft in unsere Seele hineinfließen. Es muß uns so natürlich werden, wie dem Menschen natürlich ist, sich in Zusammenhang mit der physischen Welt zu wissen. Darauf achtet er ja gewöhnlich nicht. Aber heute ist die Wissenschaft so weit, daß jeder das Bewußtsein davon hat, daß er die Luft braucht, also daß er nicht bloß für sich leben kann, sondern daß er ein Glied in der ganzen Umgebung ist. Aber wenn er Hunger hat oder Durst hat, dann achtet er schon darauf, daß die Außenwelt seinem Dasein in physischer Weise nötig ist, daß er im Grunde genommen in einem universellen Vorgange drinnen steht in der Außenwelt. So aber steht auch der Mensch in einem universellen Vorgange in der geistigen Welt drinnen, und indem er zu denken vermag, steht er mit Angeloi, Archangeloi, Archai, indem er zu fühlen und zu wollen versteht, mit der nächsthöheren Hierarchie in einem geistigen Zusammenhange. Wahrhaftig, so wie die Luft, wie die Natur in seinen physischen Leib hereinstreicht, so wirken in sein Geistiges und in seine Seele hinein die Tätigkeiten der genannten Hierarchien.

[ 16 ] Die theoretischen Einwände, die von seiten unserer materialististischen Gegenwart kommen, wir haben sie ja oftmals besprochen. Diese theoretischen Einwände, die sind eben durch Erkenntnisbetrachtungen und dergleichen aus dem Felde zu schlagen. Aber dann kommen ja die Materialisten sehr häufig noch mit der Praxis und sagen: Ja, mag es selbst richtig sein, daß es solch eine geistige Welt gibt, was hilft es uns aber, von dieser geistigen Welt etwas zu wissen, auch wenn du schon sagst, daß das Denken, Fühlen und Wollen mit den höheren Hierarchien in Verbindung steht? Um zu denken, brauchen wir ja nichts zu wissen von diesen Hierarchien. Wir denken ja schon in der Welt, ohne daß wir etwas davon wissen. Der Mensch atmet ja auch, Gott sei Dank, denn wenn er hätte warten müssen, bis er den Vorgang des Atmens theoretisch ganz genau kennen gelernt hätte, könnte er heute noch immer nicht atmen, denn das, was er heute physikalisch, physiologisch weiß vom Atmungsprozeß, würde gar nicht ausreichen, um den Atmungsvorgang zu bewirken. Aber auch ohne daß man die «verschrobene Seite» hat — werden die Leute sagen —, denken kann man schon, ohne von irgendwelchen Hierarchien, die da mitarbeiten, etwas zu wissen.

[ 17 ] Wir aber stellen die Gegenfrage: Kann man wirklich denken, ohne daß man das hat? — Gegenwärtig, sehen Sie, arbeiten die Menschen eben noch mit den Erbgütern der alten Zeit, sie arbeiten wirklich mit dem, was sie geerbt haben, und damit haben sie mancherlei noch erfinden können, sogar so komplizierte Maschinen, wie man sie gegenwärtig zum Menschentöten verwendet und so weiter. Aber das alles ist Erbgut noch aus einer früheren Zeit. Schon daß es Erbgut ist, wollen die Leute natürlich nicht leicht zugeben, denn mancher Mensch — es ist ja ganz merkwürdig in dieser Beziehung —, der behauptet, daß man es so herrlich weit gebracht habe, meint das im Grunde genommen doch nur deshalb, weil man eingesehen habe, daß alles Denken in der früheren Zeit kindisch war und die Menschen jetzt sich bewußt geworden seien, wie man nüchtern, nicht mehr kindisch denkt. Man könnte heute wirklich schon rein äußerlich, ich möchte sagen, sich überzeugen davon, daß dies ein Unsinn ist, und daß die Menschen dieses Denken, das sie jetzt haben, erst seit ein paar Jahrhunderten haben.

[ 18 ] Wir waren da neulich in Hamburg, haben ein Bild aus dem dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert gesehen von dem Meister Bertram. Über dieses Bild möchte ich Ihnen das Folgende erzählen. Gehen wir zurück zu der biblischen Erzählung vom Sündenfall, die wir in der Geisteswissenschaft nennen die luziferische Versuchung. Wenn heute ein Maler der aufgeklärten Zeit den Sündenfall malt, so wird er Adam und Eva malen zu beiden Seiten des Baumes, und dann eine Schlange an den Baum malen, eine Schlange selbstverständlich. Je nachdem er Impressionist oder Kubist oder Expressionist oder irgend ein anderer «Ist» ist, wird er sie mehr oder weniger scheußlich malen — schön malen, meine ich! Aber er wird eine Schlange so malen, wie eine Schlange ist, die im Grase kriecht. Nun ja, das ist Realismus. Ist es denn wirklich Realismus? Es ist nicht eigentlich Realismus; denn wie soll man denn als realistischer Mensch voraussetzen, daß diese Schlange, die da im Grase herumkriecht, es fertig gebracht habe, die Eva, mag sie noch so einfältig gewesen sein — was sie gar nicht gewesen sein soll —, zu verführen? Ich denke, es gibt keine so einfältige Frau, daß sie sich von einer bloß im Grase schleichenden Schlange verführen lassen würde. Nicht wahr, das geht doch nicht! Also naturalistisch ist die Sache nicht gerade. Wir wissen aus unserer Geisteswissenschaft, daß Luzifer ein Wesen ist, das auf der Mondenentwickelung stehen geblieben ist. Luzifer kann also selbstverständlich, da während der Mondenentwickelung noch nicht so gesehen worden ist wie hier während der Erdenentwickelung, nicht mit physischem Auge gesehen werden. Das kann keine Schlange sein, die mit physischem Auge gesehen wird. Er muß innerlich gesehen werden, Luzifer.

[ 19 ] Sehen Sie, wenn wir den Menschen genauer studieren — Sie können es an jedem Skelett —, so gliedert sich deutlich schon das Skelett aus zwei Teilen: aus dem Schädel mit dem daran anhängenden Rückgrat — natürlich ist das nicht Skelett, es ist das Hirn darinnen, und das Rückenmark im Rückgrat —, und daran ist wie angehängt das andere des Menschen. Es ist ja wirklich kaum anders zu nennen als angehängt. Das ist aus dem Grunde — wir werden auch darüber einmal ausführlicher sprechen —, weil das, was wir als Haupt an uns tragen, wirklich ein sehr kompliziertes Gebilde ist. Das ist eine richtige kleine Weltkugel. Da muß man auch sagen: Gott sei Dank, daß der Mensch durch seine Weisheit nichts beizutragen hat zu der Geburt, und daß dieses Haupt zustande kommen kann. Denn das würde schön ausschauen, wenn er durch seine jetzige Anatomie oder Physiologie irgend etwas dazu beitragen sollte, daß dieser Wunderbau des menschlichen Hauptes zustande komme. Das kommt auf ganz andere Weise zustande, es kommt dadurch zustande, daß während der Zeit vom Tode bis zu einer neuen Geburt wie in einer gewaltigen Sphäre, die wir vergleichen können mit unserer blauen Himmelssphäre, das, was in unserem Karma geschrieben ist, verwoben wird und eine ganze Anordnung getroffen wird, die dann, indem es gegen die Inkarnation zu geht, immer kleiner und kleiner wird und sich dann mit dem, was von der Mutter kommt, vereinigt. Aus dem ganzen Weltall heraus wird gewoben durch unzählige Wesen vieler Hierarchien das, was dann unser Haupt wird, was eine Weisheit von ungeheuerster Größe und ungeheuerstem Umfang in sich schließt, eine Weisheit, die aufgebaut ist auf all den Erfahrungen, die durch Saturn, Sonne und Mond gewonnen worden ist. Und das, was daran hängt, das ist Erdenerzeugnis. Unser Haupt ist eigentlich Erbstück von Saturn, Sonne und Mond. Die Erde mit ihren Kräften hat nur das zustande bringen können, was daran hängt. Der andere Mensch, nicht das Haupt mit dem Rückenmark, sondern was daran hängt, das ist eigentlich der Erdenmensch.

[ 20 ] Wie wird man denn nun, wenn man, innerlich geschaut, den Luzifer darstellen will, also eigentlich ein Mondenwesen darstellen müssen? Man wird ein menschliches Haupt darzustellen haben und etwas wie schlangenförmig daran hängend: das noch nicht verknöcherte Rückgrat. So stellt jener Meister Bertram aus dem dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert den Luzifer dar auf dem Baum zwischen Adam und Eva. Im Hamburger Museum können Sie das Bild so dargestellt sehen. Würden die Menschen heute denken können, so würden sie sich sagen: Der Maler hat das gemalt, also war dazumal noch lebendig das Wissen von der geistigen Welt. Bis zu dem Wissen von der Gestalt des Luzifer war lebendig das Wissen von der geistigen Welt.

[ 21 ] So kurz ist es her, daß das, was wir altererbtes, atavistisches Hellsehen nennen, verloren gegangen ist für die Menschen. Aber das Denken, das ist ja nicht sehr verbreitet heute. Autorität gilt ja allerdings heute als etwas, was nichts ist, Autoritätsgefühl darf heute der freie Mensch nicht haben. Heute denkt man über alles nach, heute hat jeder seine eigenen Meinungen. Meist bedeutet allerdings die eigene Meinung haben nichts weiter, als daß man vergessen hat, in welcher Broschüre oder gar in welcher Zeitung man die betreffende Meinung gelesen hat, nicht wahr? Das hat man vergessen, und dann ist es eine eigene Meinung geworden, wenn man das vergessen hat. Würde man aber denken, würde man die Dinge zusammenhalten, dann würde man aus einer solchen Tatsache, daß ein Maler des dreizehnten, vierzehnten Jahrhunderts den Luzifer richtig malt, wissen, was die Menschen vor wenigen Jahrhunderten noch gewußt haben, und wie sie sich wiederum zu diesem Wissen hindurchringen müssen.

[ 22 ] Ich möchte noch von einer anderen Seite das Thema betrachten, damit wir sehen, wie es mit der Behauptung der materialistisch gesinnten Menschheit sich verhält, daß man das alles nicht braucht, was da hereinkommt aus der geistigen Welt und sich unseres Denkens und Fühlens so bemächtigt, wie die Luft unseres Atmens, wie die Nahrung unseres Hungers und Durstes. Ja, wenn man durchaus diese Behauptung aufrecht erhalten will, daß man das alles nicht braucht, dann könnte man sagen: Gerade unter dem Einflusse dieser Anschauungen sind ja gewisse materialistische Lehren heraufgezogen, die ganz unwiderleglich sind. Öfter schon habe ich den bedeutenden Kriminal-Anthropologen Benedikt angeführt. Er war der erste, welcher Verbrechergehirne untersucht hat — nach dem Tode selbstverständlich —, der Verbrechergehirne sezierte im Hinblick darauf, ob ein Zusammenhang besteht zwischen dem Bau des Gehirnes und den verbrecherischen Eigenschaften. Benedikt hat an den Verbrechergehirnen etwas sehr Wichtiges gefunden, er hat gefunden, daß sie alle eine gemeinschaftliche Eigenschaft haben, nämlich einen zu kurzen Hinterhauptslappen, der das Kleinhirn nicht vollständig bedeckt. Also stellen Sie sich vor, daß die gemeinsame Eigenschaft der Verbrechergehirne ein zu kurzer Hinterhauptslappen ist — wie ihn die Affen auch haben —, der das Kleinhirn nicht bedeckt. Das ist aber eine Eigenschaft, die ganz selbstverständlich eine Eigenschaft des physischen Leibes ist. Man muß daraus notwendigerweise zu der Anschauung kommen: Es gibt zweierlei Menschen durch die Geburt. Die einen haben einen richtigen Hinterhauptslappen, der das Kleinhirn bedeckt, die anderen haben einen zu kurzen Hinterhauptslappen. Diejenigen, die einen richtigen Hinterhauptslappen haben, werden keine Verbrecher; diejenigen, die einen zu kurzen Hinterhauptslappen haben, müssen Verbrecher werden, können gar nicht anders, als Verbrecher werden.

[ 23 ] Wird dieser Erkenntnis gegenüber, gegen die gar nichts einzuwenden ist, denn sie ist absolut richtig, vom Standpunkt der materialistischen Weltanschauung, nicht all unser Reden von Moral eine Farce, ein Unsinn ? Können wir Menschen noch bestrafen, wenn wir uns sagen müssen: Die können, weil sie einen zu kurzen Hinterhauptslappen haben, nicht anders als Verbrecher werden’? Sie sehen, wohin der Materialismus nach und nach ausarten muß. Er muß auch alles Geistige im sozialen, ethischen, im juristischen Leben auslöschen, oder er wird selbstverständlich in einer fortwährenden Lüge arbeiten müssen. Denn gegen die Tatsache, die ich angeführt habe, ist nichts einzuwenden — so ist sie! Und für denjenigen, der eben nicht eine geistige Weltanschauung zugibt, gibt es eben nichts als diese Tatsache.

[ 24 ] Nehmen wir jetzt dasjenige, was wir zu sagen haben. Gewiß, die Menschen werden so geboren, daß es solche gibt mit richtigen Hinterhauptslappen und solche mit zu kurzen Hinterhauptslappen. Aber es ist ein Ätherleib da, der in ganz anderer Weise ausgebildet werden kann und beweglicher ist als der physische Leib. Für den Hinterhauptslappen des physischen Leibes ist der Hinterhauptslappen des Ätherleibes da. Die Menschen der Zukunft werden lernen müssen zu unterscheiden zwischen Kindern, die einen zu kurzen Hinterhauptslappen und einen langen Hinterhauptslappen haben, und danach werden sie zu erziehen haben als Lehrer oder Erzieher. Sie werden wissen müssen, in welchen Eigenschaften ein zu kurzer Hinterhauptslappen in frühestem Kindesalter sich äußert. Diese Kinder wird man so zu erziehen haben, daß auf sie gewirkt wird so, daß der Ätherlappen entsprechenderweise stark sich ausbildet, daß ein Gegengewicht gebildet ist. Dann wird man dadurch, daß der Ätherlappen sich stark ausbildet, den Schaden verhindern, den der physische Lappen anrichten kann, wenn er zu kurz ist.

[ 25 ] Wir sind eben noch nicht in das Zeitalter eingetreten, in welchem das alte Erbgut schon ganz verglommen ist; aber die Zeit wird kommen. Und würde Geisteswissenschaft nicht in die Gemüter eindringen können, so würde es eben unbedingt dahin kommen, daß der Materialismus auch alle Moral, alle Ethik, alle Juristerei ergreifen müßte, daß das Geistige überhaupt ausgelöscht werden müßte. Denn das würde allein konsequent sein. Zu dem, was kommen muß, kann man aber nur kommen, wenn man sich bewußt wird, daß, ebenso wie man die Luft einatmet, man auch braucht die Mitarbeiterschaft der geistigen Hierarchien bei demjenigen, was man denken, was man fühlen will. Aber da kommen natürlich unsere Zeitgenossen und sagen: Ja, wir können doch ganz gut denken, wir können ja vorzüglich denken, und wir glauben nicht, daß diese Hierarchien da so in uns wirtschaften! Wie sollten wir nicht gut denken können? — Ein Naturforscher der Gegenwart, der ein sehr guter Naturforscher ist, der aber dieSchwachheit hat, allerlei philosophisches Zeug auch noch nebenbei zu schreiben, der begeht diese eigentümlich unbewußte Tat, daß er einen seiner Vorträge damit schließt, wie man es «so herrlich weit gebracht» hat und so weiter, und gar nicht nachschaut in Goethes Faust, wer das sagt. Die Menschen haben eben das Bewußtsein: Sie können recht, recht gut denken, sind nicht angewiesen darauf, ihr Denken befruchten zu lassen aus der geistigen Welt.

[ 26 ] Man müßte eigentlich viel reden, wenn man gründlich über dieses Kapitel reden wollte. Aber lassen Sie mich von vielen nur ein kleines, ganz kleines Beispielchen anführen. Ich habe neulich in dem öffentlichen Vortrage aufmerksam gemacht auf einen vergessenen Denker: auf Karl Christian Planck. Ich will durchaus nicht in dogmatischer Weise alles verteidigen, was Karl Christian Plank geschrieben hat. Ich habe aber aufmerksam darauf gemacht, wie er wirklich aus einem tieferen geistigen Bewußtsein heraus gearbeitet hat, und wie er eine gewisse geistgemäße Weltanschauung doch zustande gebracht hat. 1880 ist er gestorben. Kein Mensch hat sich im Grunde genommen um seine Bücher viel gekümmert. 1912 ist noch erschienen «Das Testament eines Deutschen» von Karl Christian Planck, ein wunderbares Buch. Es ist also, da er 1880 gestorben ist, vor 1880 geschrieben. Dazumal wurde es in der ersten Auflage 1881 von Köstlin herausgegeben. Jetzt ist es wiederum 1912 herausgegeben worden. Aber die Leute haben sich nicht viel darum gekümmert und man kann ja auf solche Erscheinungen, ich sagte schon, in irgendeiner Form aufmerksam machen. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht in der ersten Auflage der «Rätsel der Philosophie», in «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert», — ich habe auf Karl Christian Planck also schon 1900 hingewiesen. Aber es nützt das nicht leicht etwas, auf eine geistgemäße Weltanschauung heute hinzuweisen, denn zunächst haben die Leute so die Meinung: Eine geistgemäße Weltanschauung — was kaufen wir uns denn dafür eigentlich? — Aber die andere Frage ist doch die: Lebt denn nicht in einer solchen geistgemäßen Weltanschauung doch eben etwas von jenen spirituellen Kräften, die das Denken befruchten? — Ja, da kommen natürlich die materialistisch denkenden Menschen und sagen: Das sieht man ja an all den Idealisten und Spiritualisten und Menschen, die so in der geistigen Welt leben, man sieht es ja an denen, sie sind unpraktische Leute, sie wissen gar nichts von der Wirklichkeit, und würde man sich im praktischen Leben auf diese Leute einlassen, dann könnte dieses praktische Leben nicht weitergehen, zum praktischen Leben gehören praktische Menschen. — Die so reden, haben alles von der praktischen Weisheit mit Löffeln gegessen, und daß sie das von der praktischen Weisheit mit Löffeln gegessen haben, das rührt nach ihrer eigenen Anschauung namentlich davon her, daß sie nicht hören auf diese verblendeten, träumerischen, phantastischen Idealisten! Nun, Planck war wirklich ein Idealist, war wirklich ein Mensch, der in einer geistigen Welt gelebt hat und der eigentlich etwas zustande bringen wollte, was aus dem Geistigen heraus in die Welt eingreift. Wir könnten viele Gebiete anführen, aber wie gesagt, ein Beispielchen möchte ich Ihnen nur gerade von diesem Karl Christian Planck anführen. Ich habe es gerade hier in Berlin in dem öffentlichen Vortrage nicht erwähnt, man kann nicht immer alles erwähnen, an anderen Orten aber habe ich es auch im öffentlichen Vortrage erwähnt. Man konnte doch immer wieder und wiederum von Zeitungsdiplomaten, Zeitungspolitikern, vielleicht sogar von sogenannten wirklichen Diplomaten, wirklichen Politikern hören: Wenn man auf diese Idealisten und ihr Wissen von der Welt gar in bezug auf das äußere politische Leben etwas geben würde, was für ein Jammer, was für ein Schreckliches würde das sein! — Da will ich Ihnen einmal eine Stelle aus Plancks «Testament eines Deutschen», 1880 geschrieben, vorlesen, wo er spricht von dem jetzigen Krieg — ja, von dem jetzigen Krieg! Und da sagt er folgendes:

[ 27 ] «Keine politische Klugheit, keine Friedensliebe von seiten Deutschlands vermag innerhalb der jetzigen bloß nationalen Ordnung diesen feindlichen Zusammenstoß zu verhindern. Denn mächtiger als alle Klugheit ist die Natur der Verhältnisse; und schon jetzt tritt ungeachtet der befreundeten Haltung Deutschlands und Österreichs die feindliche Stimmung des russischen Ostens nur um so deutlicher hervor, deshalb, weil man ihm nicht in allem die freie Hand lassen konnte, sondern notwendig ein bestimmtes Ziel setzen mußte. Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses doch nicht an unserer Seite finden, sondern wie im Osten, so werden wir zugleich auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen; nach allen Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.»

[ 28 ] Nun frage ich Sie, ob irgend jemand von den «praktischen» Leuten 1880 die Situation von 1914, 1915, 1916 so prägnant geschildert hat? Wie viele von diesen praktischen Leuten haben — ja, wie lange denn! — keine Ahnung davon haben wollen, daß es in bezug auf den Süden zum Beispiel auch so gehen könne? Dieser unpraktische, zu den verschimpften und unpraktischen Leuten gehörende Idealist hat 1880 Worte niedergeschrieben, die genau decken dasjenige, was heute geschieht. Man müßte einen Willen haben, hinzuhorchen auf solche Tatsachen. Dann würde man einsehen, daß allerdings drinnenstecken in der geistigen Welt und wissen, daß es eine geistige Welt gibt — wie es eine Luft gibt für den physischen Leib —, etwas bedeutet, was das Denken geeignet macht, die Wirklichkeit richtig zu beurteilen.

[ 29 ] Sie werden vielleicht verstehen, nachdem ich Ihnen dieses klar gemacht habe an einem Beispielchen, daß der Geistesforscher heute mit Recht sagen kann, wenn man es ihm auch noch nicht glaubt: Heute können die Leute mit dem alten Erbgut des Denkens noch Maschinen erfinden, aber es wird keine fünfzig Jahre dauern, da werden die Leute nichts mehr erfinden, wenn sie sich weigern, die geistigen Einflüsse auf ihr Denken anzunehmen. Und alles wird absterben, was etwas hineinstellen will in die physische Welt, was nicht aus der geistigen Welt herausstammt. Heute können noch Maschinen erfunden werden, weil noch ein altes Erbgut da ist. Dasjenige, was auf anderen Gebieten vielfach geschieht, das zeigt ja doch wohl schon, in welcher Weise das geistige Vermögen wirklich abnimmt, aus der geistigen Welt der physischen Welt etwas einzuverleiben, denn auf vielen Gebieten nennt man heute «nichts können» aus diesem Grunde schon ein «höheres Können». Kein ordentliches Gesicht mehr malen können, sondern irgendwie Striche zusammenzumachen und allerlei Zeug darauf zu schmieren, das hätte der Maler noch vor einiger Zeit genannt — selbstverständlich, der wirkliche Maler tut es auch noch heute — eine Schmiererei. Aber heute gibt es schon Schulen, die nennen solche Schmiererei die «höhere Kunst», und die wirkliche Kunst ist etwas, was vorbei ist, was nicht mehr da sein soll. Auf allen Gebieten geht es so, auf allen, allen Gebieten.

[ 30 ] Das ist es, das man einsehen muß: Die Zeit verlangt von uns, daß wir uns befruchten lassen aus der geistigen Welt heraus. Und nur die Befruchtung wird möglich sein, die eben von dem Ergreifen der geistigen Tatsachen, wie sie Geisteswissenschaft gibt, kommen kann. Und auch die großen Weltenaufgaben werden nur gelöst werden, wenn solche Befruchtung eintreten kann gerade auf diesem Gebiete. Man macht ja heute wirklich die grenzenlos traurigsten Beobachtungen. Immer wieder und wiederum muß man sehen, wie gerade unsere Zeit im Grunde genommen alles Zusammenhanges mit der geistigen Welt bar ist. Wir leben in einer Zeit, die entgegenleben soll — das ist ja oft betont worden — einer Tatsache, die man wie eine zweite Erscheinung des Christus auf Erden bezeichnen kann: Die ätherische Christus-Wesenheit, jene zweite Erscheinung des Christus auf Erden. Aber einer Vorbereitung bedarf es dazu, damit dieses Ereignis nicht vorbeigehe oder damit es nicht verhöhnt, verspottet werde. Und auch dasjenige, was wir jetzt durchmachen, in der richtigen Weise kann es nur durchgemacht werden, wenn ein Bewußtsein vorhanden ist, daß das Furchtbare, das um uns geschieht, wie das gottgesandte Zeichen dafür ist, daß eine Vertiefung der Menschenseele eintreten soll. Das Furchtbarste wäre es, wenn über diese Ereignisse hinaus, welche die Verhältnisse so durcheinander rütteln, das grundmaterialistische Menschendenken sich so erhalten könnte, wie es oftmals den Anschein hat. Das furchtbarste wäre dieses. Und diejenigen, die zur Geisteswissenschaft gehören, müssen das als eine Grundwahrheit in ihre Seele so geschrieben haben, daß sie wirklich stark genug sind, all dem, was auf einen einstürmt von der heutigen Welt noch als Gegnerschaft der Geisteswissenschaft, gegen eine geistige Auffassung des Daseins, begegnen zu können. Man wird ihm nur begegnen können, wenn man immer wieder und wiederum auffrischt den Gedanken an die Notwendigkeit einer geistigen Auffassung der Welt.

[ 31 ] Es ist so schwierig, solche Dinge in heutigen weiteren Kreisen verständlich zu machen, weil — auf gewissen Gebieten — die Menschen geradezu vom verkehrten Denken richtig besessen sind. Als ich in einer Stadt neulich einmal davon sprach, wie ein verklungener Ton da ist in dem Geistesleben, als ich den Vortrag hielt, den ich auch hier gehalten habe über den verklungenen Ton im Geistesleben Mitteleuropas, da kamen zwei Menschen zu mir nach dem Vortrage. Die Menschen erklärten mir erstens ihre Verwunderung, daß man in der jetzigen Zeit über die Verhältnisse so spricht. Gerade von dem, was sie Theosophie nennen, hätten sie das nicht erwartet, daß man so spricht; sie hätten sich die Theosophie anders gedacht, denn sie wären Pazifisten. Das ist ja ganz schön, nicht wahr, Pazifist zu sein, nur muß man sich klar sein, daß seit dem Entstehen des Pazifismus die größten, die blutigsten Kriege der Welt geführt werden, eine Tatsache, die ich schon hervorgehoben habe vor einem Jahrzehnt in den Vorträgen des Architektenhauses. Aber ich wollte doch auf eines aufmerksam machen, was einem leicht durchschaubar scheint. Ich sagte: Aber kommen Ihnen nicht alle diese Verhältnisse, ich meine nicht nur die äußeren Kriegsverhältnisse, sondern dieses An-die-Oberfläche-Tragen einer so furchtbaren Verlogenheit, wie sie in den gegensätzlichen Stimmen der Völker zum Vorschein kommt, kommt Ihnen denn das nicht vor wie ein Ad-absurdumFühren desjenigen, was sich als sogenannte Kultur bisher entwickelt hat? Ist das nicht wie ein Ad-absurdum-Führen? — Ja, sagte der eine Herr, ja, das ist eben jetzt eine Krankheit, die muß geheilt werden. — Man kann ihm selbstverständlich Recht geben: Gut, es ist eine Krankheit. Aber der Mann leckt sich die Finger ab — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck —, den richtigen Gedanken zu haben: Es ist eine Krankheit! Er hat aber keine Ahnung davon, daß man von einem solchen richtigen Gedanken nichts hat, daß es nicht darauf ankommt, daß man irgendwie richtige Gedanken hinpfahlen kann, sondern daß man den richtigen Gedanken, auf den es wirklich ankommt, in einem gewissen Zusammenhange einsieht. Es fiel zum Beispiel diesem Manne gar nicht ein, daß es ja ganz richtig sein kann: Das ist eine Krankheit. Aber was ist denn eine Krankheit, warum kommt sie denn? — Weil vorher die Verhältnisse nicht ordentlich sind! Die Krankheit ist ja schon das Aufbäumen der Natur, um den Menschen gesund zu machen. Dasjenige, was die unnatürlichen Verhältnisse sind, geht ja der Krankheit voran. Die Krankheit ist ja schon ein Versuch, diese ungesunden Verhältnisse herauszubringen. Die Krankheit ist, ich möchte sagen, dasjenige, was sich gegen die vor der Krankheit vorliegende Unnatur wehrt, und dieser Prozeß des Sich-Wehrens, das ist die Krankheit. Also indem er das ausspricht: das ist eine Krankheit —, weist er ja darauf hin, daß die Krankheit notwendig war, weil die unnatürlichen Verhältnisse da waren, und im weitesten Umfange ist dasjenige, was diese unnatürlichen Verhältnisse sind, der alle Kreise beherrschende Materialismus. Natürlich muß man dann den Materialismus im weiteren Sinne fassen. Da muß man den Materialismus so fassen, daß man einsieht, daß er zur Unfruchtbarkeit des Denkens führt, daß er führt zum Zertreten, zum Niederdrücken befähigter Leute, die etwas wissen von der Lebenspraxis, durch die alles niederdrückende Macht der Unfähigen, welche sagen, sie wissen das Praktische. Selbstverständlich wissen sie es, aber wie?

[ 32 ] Ins Fühlen, ins Gemüt müssen befruchtend hineinwirken die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten. Und es muß in unserer Zeit eine Anzahl von Menschen geben, welche aus innerlicher Überzeugung treu halten können zu dem, was als Notwendigkeit für die Weltenentwickelung aus der Geisteswissenschaft folgt. Darin wird das werden, was werden soll, dann wird der Christus, wenn er in einer neuen Form sich offenbaren will, diejenigen finden, welche er braucht. Und das muß sein. Wenn er erscheint in seiner ätherischen Gestalt dem oder jenem, dann muß nicht eine Zeit sein, in der dieses Erscheinen des Christus als ein Wahnsinn aufgefaßt wird, sondern aufgefaßt wird als dasjenige, was berufen ist, der Menschheit einen Ruck zu geben nach vorwärts, einen Ruck, der vor allen Dingen darinnen besteht, das Materialistische mit seinen Folgen in gründlicher Weise zu überwinden. Und dieses Jahrhundert wird nicht vergehen dürfen, ohne daß die menschlichen Anschauungen eine ganz andere Gestalt annehmen. Und wie die Feuerzeichen für dieses Ziel der Menschheit müssen die bedeutsamen, blutigen Ereignisse sein, die wir jetzt um uns herum erleben. Dann werden nicht umsonst die Opfer geflossen sein, die geflossen sind von seiten derjenigen, die durch die Todespforte oder durch das Erlebnis der blutigen Verwundung gegangen sind. Dann wird alles dasjenige, was jetzt um uns herum vorgeht, beitragen können zur Erhebung der Menschheit. Und das muß sein. Deshalb müssen wir immer wieder und wieder an der oft hier ausgesprochenen Wahrheit festhalten:

[ 33 ] Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.