Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste
GA 167
28 März 1916, Berlin
3. Streiflichter auf die tieferen Impulse der Geschichte
[ 1 ] Es ist mir heute auferlegt, einiges Geschichtliche zu besprechen von einem gewissen geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Ich werde Sie dabei zu bitten haben, da ja über alle diese Dinge nur skizzenhafte Schilderungen gegeben werden können, im Auge zu haben, daß selbstverständlich, wenn gewisse, sagen wir, aus den Bewegungen des Geistes heraus fließende Schilderungen gegeben werden und so gegeben werden müssen, wie sie hier gegeben werden, ja nur Lichter geworfen werden können auf dieses oder jenes Geschichtliche, daß nicht in demselben Sinne über Ursachen und Wirkungen gleich unmittelbar gesprochen werden kann, wie man das in der äußeren Geschichte gewohnt ist. Wir müssen uns ja durch unsere Geisteswissenschaft schon bekannt gemacht haben mit der Idee, daß hinter allem, was in der Welt geschieht, geistige Kräfte stehen, geistige Absichten, geistige Ziele.
[ 2 ] Wenn man so die Geschichte äußerlich betrachtet, so bietet sie ja selbstverständlich gewissermaßen nur den äußeren geschichtlichen Mechanismus für dasjenige, was als geistige Absichten und geistige Ziele in ihr webt und lebt. Der geisteswissenschaftlich geschulte Blick sieht dann mehr unmittelbar die geistigen Strömungen, die geistigen Prozesse, die dahinter stehen. Aber man muß dafür auch in dem, was so geschildert wird, eben nicht gleich etwas sehen, wovon man sagen kann: der, der die Dinge auseinandergesetzt hat, wolle etwa die historischen Ereignisse ganz unmittelbar aus dem, was er geschildert hat, ableiten. Das ist nicht der Fall, sondern es sollen, wie gesagt, nur einige Streiflichter geworfen werden auf die tieferen Kräfte, die man ja weder sieht, wenn man nur ganz äußerlich die materiell historischen Tatsachen schildert, noch auch, wenn man solche Tatsachen schildert, wie ich sie heute schildern werde. Aber wenn man dann beides zusammenfügt, so bekommt man doch ein Bild von dem, was eigentlich in der Welt geschieht.
[ 3 ] Anknüpfen muß ich dabei an eine Persönlichkeit, deren Name Ihnen ja allen bekannt ist, an die Persönlichkeit der H. P. Blavatsky, Sie wissen alle, diese H.P. Blavatsky, die als eine besonders psychisch veranlagte Persönlichkeit gelebt hat in der Zeit, in der im äußeren Leben gerade die Hochflut des Materialismus war, steht in einer ganz eigentümlichen Weise in dieser geistigen Bewegung der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts darinnen. Mit ihr ist, wie gesagt, eine im eminentesten Sinne psychische Persönlichkeit hineingestellt in das ganze sonstige materielle Getriebe, von dem ja alles, was man als Wissenschaft ansieht, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mehr oder weniger abhängig war. Nun war H.P.Blavatsky nicht eine Persönlichkeit, die man etwa im gewöhnlichen Sinne als ein Medium bezeichnen konnte, sondern schon eine im allertiefsten Sinne sehr, sehr merkwürdige psychische Persönlichkeit. Man muß, wenn man sie ganz verstehen, wenn man sie wenigstens bis zu einem hohen Grade verstehen will, dann schon darauf sehen, aus welchem Milieu sie hervorgegangen ist. Sie ist aus dem russischen Milieu hervorgegangen, aus der russischen Art und Weise, wie da Geistiges und Physisches in einem Leibe zusammenwirken kann, der nun eben nicht normal, sondern ganz abnorm ist. Und dabei muß man dann Rücksicht darauf nehmen, inwiefern vermöge des Volkseigentümlichen das russische Volk abweicht von den mittleren und westlichen Völkern Europas. Die mittleren und westlichen Völker Europas sind ja die Fortsetzer und in gewissem Sinne auch die schöpferischen Neugestalter der Kultur, die hervorgegangen ist aus dem vierten nachatlantischen, dem griechisch-lateinischen Kulturzeitraum. Was da gelebt hat in diesem griechisch-lateinischen Kulturzeitraum, wird durch Mittel- und Westeuropa fortgesetzt. Das kann nur fortgesetzt werden, konnte nur fortgesetzt werden dadurch, daß in diesem West- und Mitteleuropa ganz besonders die physischen Leiber sich ausbildeten zu besonderen Instrumenten auch für geistiges Wirken, für Denken, Fühlen und Wollen. Was Denken, Fühlen und Wollen zustande bringen konnten durch das Instrument des physischen Leibes, das sollte in West- und Mitteleuropa vorzugsweise herauskommen. Anders in Osteuropa bei den slawischen Völkern und insbesondere beim russischen Volk. Man kann sagen: in der Weise den physischen Leib durchzumechanisieren, wie das in West- und Mitteleuropa der Fall ist, das kann überhaupt beim russischen Volk, insoferne dieses Volk in seinem Volkstume drinnen bleibt, nicht stattfinden. Man kann mit westeuropäischer Wissenschaft überhaupt das russische Volk nicht verstehen, wenn man es wirklich verstehen will. Man kann es nur verstehen, wenn man weiß: es gibt einen Ätherleib. Denn das Charakteristische gerade des russischen Volkstums besteht darinnen, daß die wichtigste Betätigung des Lebens nicht so in den physischen Leib hineingeht, wie in West- und Mitteleuropa, sondern mehr im Ätherleib sich abspielt und gar nicht so sehr den physischen Leib durchdringt. Es hat im russischen Volkstum der Ätherleib eine viel, viel größere Bedeutung, als er jetzt noch hat für das Volkstum West- und Mitteleuropas und auch für das amerikanische Volkstum; für dieses letztere ganz besonders. Daher kann innerhalb des russischen Volkstums — des Volkstums, nicht der regierenden Kreise —, niemals sich in demselben Grade ein unmittelbar starkes Ich ausbilden, wie das in West- und Mitteleuropa bei den Menschen der Fall ist, sondern das Ich wird immer mit einer gewissen Traum-Umflorung da sein, wird immer etwas von Träumerischem haben. Denn so wie das Ich jetzt noch im fünften nachatlantischen Zeitraum in den Menschen lebt, so ist es bedingt durch die geschilderte besondere Ausbildung des physischen Leibes. Während dieses fünften nachatlantischen Zeitraums soll das russische Volkstum gar nicht soweit kommen, das Ich als solches unmittelbar auszubilden. Es soll gar nicht mit dem, was im Ätherleibe da lebt und webt, sich hineinprägen in den physischen Leib. Natürlich, die Worte retouchieren immer ein bißchen, weil ja unsere Worte noch nicht für Geistiges geprägt sind. Wenn man sagt: traumhaft, so kann natürlich jemand kommen, der materialistisch denkt, und kann anführen, daß die Leute gar nicht träumen und so weiter. Aber das sind ja alles äußerliche Einwände, die mit dem Werdegang, wie er sich nun wirklich abspielt, gar nichts zu tun haben.
[ 4 ] Daher kann man sagen, daß dasjenige, was in diesem russischen Volkstum als Volkstum veranlagt ist, gegenwärtig überhaupt noch nicht zur äußeren Offenbarung kommen kann, daß diesem russischen Volkstum vorläufig von außen aufgeprägt ist dasjenige, was seine Eigenschaften zuweilen in ganz entgegengesetzter Weise als sie sind, zur Tat werden läßt, zur Ausbildung bringt. Aus diesem russischen Volkstum ist zum großen Teil hervorgewachsen diese H. P. Blavatsky. Daraus wird es verständlich, daß bei ihr in einem ungeheuren Maße der Ätherleib in seiner Tätigkeit alle physische Tätigkeit, insofern sie Erkenntnistätigkeit ist, überwog. Wir haben daher im wesentlichen in H. P. Blavatsky eine Persönlichkeit, die in ihrem Ätherleibe vieles, unendlich vieles erleben kann. Das ist natürlich etwas ganz anderes, als was man durch Denken und Erkennen mit Hilfe des Gehirns erleben kann. Sie kann also, ich möchte sagen, einfach dadurch, daß sie herausgewachsen ist aus dem russischen Volkstum, in ihrem Ätherleibe Unendliches erleben. Aber es ist damit verknüpft, daß ihr die Eigenschaften fehlten — und die fehlten ihr ja tatsächlich —, die der Westeuropäer schon einmal nicht entbehren will, wenn er von den geistigen Welten irgend etwas geoffenbart haben soll. Es fehlte Blavatsky alle Möglichkeit, logisch zu denken, ihre Erkenntnisse logisch zu gruppieren, irgendwie zwei Dinge so nacheinander zu sagen, daß das eine aus dem andern folgte; so daß man bei dem, was sie durch ihre inneren Schauungen im Ätherleibe zustande brachte, wenn man sie übersetzen will in das, was man ja selbstverständlich hat als west- und mitteleuropäischer Mensch, immer das Gefühlt hat, daß einem eigentlich ein Mühlrad im Kopfe herumgeht. Man muß schon selber abgeneigt sein einem gewissen ernsten Denken, wenn man nicht wahrhaben will, daß einem bei dem, was Blavatsky hervorgebracht hat, ein Mühlrad im Kopfe herumgehe. Aber das hindert nicht, daß dasjenige, was sich bei ihr durchdrängte durch den Ätherleib, was bei ihr durch ihre ätherische Erkenntnisfähigkeit in ungeordneter Weise auftrat, selbstverständlich bedeutsame Offenbarungen enthalten kann aus der geistigen Welt. Nur muß man Kritik haben, man muß die Möglichkeit haben, die Dinge so aufzunehmen, wie sie schon einmal sind, nämlich so, daß man sie nicht liest wie etwa ein wissenschaftliches oder sonst irgendein Buch, das in unserem heutigen Geistesleben einen normalen Platz hat.
[ 5 ] So war also gerade in der Zeit, in der eigentlich die Menschheit, ich möchte sagen, durch den höchstgespannten Materialismus gehen sollte, eine solche Persönlichkeit vorhanden. Da sind wir einfach vor eine Tatsache gestellt: Eine Persönlichkeit ist vorhanden, die hervorgegangen ist aus osteuropäischem Volkstum, die aber auch in ihrer Vererbungsströmung, in ihrem Blut doch noch, ich möchte sagen, einen Stich von Mitteleuropäertum hatte — in ihrer Abstammung ist ja das sehr leicht nachzuweisen. Also es war schon das vorhanden, aber überflutet vom osteuropäischen Element, was in Mitteleuropa führt zum logischen Wesen, und was namentlich zur Willensinitiative führt, die ja der Russe als Angehöriger seines Volkes gar nicht hat. — Nun, was ist geschehen? Wenn wir so die zwei äußersten Pole, möchte ich sagen, zusammenfassen, so können wir sagen: Das, was zuletzt geschehen ist — nicht wahr, wir haben ja lauter englische Bücher von Blavatsky —, ist, daß dasjenige, was vermöge ihres Wurzelns im Russentum aus dem Ätherleibe der Blavatsky herauskommen konnte, eingefaßt worden ist von englischem Wesen, vom Engländertum, und aus englischer Verarbeitung in den Büchern der Blavatsky erscheint. So liegt es vor. Das Wichtige ist nur alles dasjenige, was dazwischen geschehen ist.
[ 6 ] Um nun zu verstehen, was dazwischen geschehen ist, muß man sich klar sein darüber, daß im Westen Europas, namentlich ausgehend von britischem Wesen, ein weitgehendes Arbeiten in okkulter Wissenschaft immer vorhanden war. Soweit eigentlich von englischer Geschichte gesprochen werden kann: ein weitgehendes Arbeiten in Okkultismus war immer vorhanden. Mitteleuropa hat eigentlich wirklich durch die ganze Entwickelung seiner geistigen Kultur keinen rechten Begriff davon, wie einschneidend okkultes Wesen und okkultes Arbeiten von den britischen Landesteilen immer ausgegangen ist und sich verbreitet hat über Westeuropa, auch über Südeuropa und so weiter. Nun muß man, wenn man verstehen will, wie die Dinge eigentlich liegen, sich diesen, namentlich britisch gefärbten Okkultismus ein wenig ansehen. Also dieser britisch gefärbte Okkultismus ist durchaus vorhanden. Dasjenige, was die Leute äußerlich wissen von allerlei Hochgrad-Orden schottischer Maurerei und so weiter, das sind eigentlich nur die Außenseiten, die der Welt gezeigt werden. Aber hinter diesen Außenseiten stehen nun wirklich umfassend arbeitende okkulte Schulen, und diese okkulten Schulen haben in einem viel höheren Maße, als das in Mitteleuropa der Fall ist, die alten okkulten Traditionen und alten okkulten Strömungen in sich aufgenommen. In Mitteleuropa — das haben Sie ja schon aus meinen verschiedenen öffentlichen Vorträgen gesehen — strebt man mehr danach und mußte mehr danach streben, aus der eigenen Geistigkeit heraus aufzusteigen zu einem spirituellen Erkennen, zu einem Erkennen der spirituellen Welten. Da hat man sich weniger angelehnt an das von anderen Seiten, namentlich von älteren okkulten Schulen Überkommene. Wir können die Jahrhunderte zurückgehen, namentlich bis zum Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, da finden wir namentlich über England, Schottland und Irland — über Irland weniger, aber über Schottland — ausgebreitet solche okkulten Gemeinschaften, die in sich fortgepflanzt haben dasjenige, was okkultes Wissen in den ältesten Zeiten war, das sie aber in einer gewissen Weise umgestaltet haben.
[ 7 ] Will man den Grund zu dieser Umgestaltung so recht einsehen, so muß man wissen, daß der vierte nachatlantische Zeitraum, der also das Griechentum, das Römertum und so weiter umfaßte und bis zum Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts eigentlich gedauert hat, in sich zu verarbeiten hatte auf rein menschliche Weise das, was in früheren Zeiträumen als geistige Offenbarung da war: Was der Mensch in Offenbarungen empfangen hat, das sollte da geistig verarbeitet werden in diesem vierten Zeitraum. Dann kam der fünfte nachatlantische Zeitraum, der genau eben mit dem Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts beginnt. Da sollte der Mensch mehr seine Blicke auf die Außenwelt richten, mehr auf dem physischen Plane leben, weniger neue Begriffe ausarbeiten. Alle Begriffe, die wir heute in der Welt haben, sind ja Begriffe aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum, die sind ja alle herübergekommen. Neue Begriffe sind seit dem fünfzehnten Jahrhundert überhaupt nicht gebildet worden. Kein einziger wirklich neuer Begriff ist gebildet worden; es sind nur die alten Begriffe angewendet worden in neuer Art auf die Vorgänge. Der Darwinismus hat nicht etwa einen neuen Entwickelungsbegriff heraufgebracht, er ist nur angewandt worden auf gewisse Vorgänge. Also kein einziger neuer Begriff ist entstanden seit dem Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts, die sind alle im vierten nachatlantischen Zeitraume entstanden. Der fünfte nachatlantische Zeitraum sollte den Blick auf die äußere physische Welt, auf den physischen Plan richten. Für diese Aufgabe war aber besonders vorbereitet das britische Volk. Und gerade durch die Art und Weise, wie sich seine Eigentümlichkeit verhältnismäßig spät herausgebildet hat auf den Britischen Inseln, war das britische Volk zu dieser Aufgabe besonders geeignet.
[ 8 ] Im Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts drohte da etwas. Es drohte da, daß eine Art von Konfusion entstehen sollte. Das rein physische Streben des Britentums drohte konfundiert zu werden mit einem viel spirituelleren, mit einem von uralten Zeiten herein befruchteten spirituellen Leben. Es war das in der Zeit, als Landesteile des französischen Reiches noch hinübergehörten zur englischen Herrschaft, wo also die englische Herrschaft noch herüberging über den Kanal in französische Landesteile herein. Daß da eine wirkliche Scheidung eintrat, das wurde aus der geistigen Welt heraus mitbewirkt durch das Erscheinen der Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orleans, die gerade deshalb, weil sie gewissermaßen aus der geistigen Welt heraus Ordnung zu schaffen hatte im Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts, ja auch im Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts erschien. Und wirklich, das ganze äußere Wesen Europas hängt ab, wie ich schon einmal hier geschildert habe, von diesem Auftreten der Jungfrau von Orleans. Damals wurde die Scheidung zwischen französischem Wesen und britischem Wesen genau vollzogen. Vorher war es ja so, daß vielfach die unter den sagenhaften, aber eigentlich okkult gemeinten Hengist und Horsa von Mitteleuropa nach den Britischen Inseln hinüberwandernden Angeln und Sachsen eigentlich beherrscht wurden von normannisch-romanischem, namentlich romanischem Element und eine untergeordnete Schichte bildeten. Gerade dasjenige britische Wesen, das heute tonangebend ist, tonangebend geworden ist namentlich seit dem siebzehnten Jahrhundert, das bildete eine so starke Unterschicht, daß, als das französische Element da noch herrschend war, als gewissermaßen der französische Geist noch hinüberwirkte auf die britische Insel, es da eine Aristokratie dort gab, die im tiefsten Sinne alles dasjenige verachtete, was nur von Angeln und Sachsen abstammte. Es war zum Beispiel ein ganz gebräuchlicher Ausdruck, namentlich im zehnten, elften, zwölften Jahrhundert, daß, wenn ein Mensch aus dieser Oberschicht, die damals noch im gegenüberliegenden Frankreich lebte, in der französisch-normannisches Blut lebte, fluchen wollte, er sagte: Gott verdamm’ mich zu einem Engländer! Das war ein Fluch, den man oftmals hören konnte. Also man wollte, wenn man ein angesehener Mensch sein wollte, nur ja kein Engländer sein auf der britischen Insel. Das änderte sich erst gründlich, nachdem, wie gesagt, jene Scheidung sich vollzogen hatte und das Engländertum nun heraufkam. Nun spielten sich ja die verschiedensten Vorgänge ab — es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wollte ich sie schildern —, hinter denen tiefgehende geistige Kräfte walten: die Kriege der Weißen und der Roten Rose. Aber wichtig ist, daß im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts, als schon Shakespeare seine Dramen geschaffen hatte, die ja, insoferne sie KönigsDramen sind, insbesondere die Rosen-Kriege behandeln — in den Shakespeare-Dramen lebt ja der ganze Kampf der Roten und WeiBen Rose —, daß Ende des sechzehnten und im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts eine Seele in einem physischen Leib sich im britischen Reich inkarnierte, die äußerlich nicht sehr Bedeutsames wirkte, die aber weithin ungeheuer anregend wirkte. Besonders anregend konnte diese Seele wirken, die sich in einem britischen Leibe inkarnierte, in dem im Grunde genommen wenig britisches Blut war, sondern mehr französisches und schottisches Blut durcheinanderwirkte. Und von dieser Seele ging eigentlich dasjenige aus, was den Anstoß gegeben hat sowohl zu dem äußeren britischen Geistesleben, wie auch zu dem okkulten britischen Geistesleben. Und so bildete sich, natürlich mit verschiedenen Zwischenvorgängen, die zu schildern jetzt zu weit führen würde, dieses okkulte britische Geistesleben aus. Nun sagte ich Ihnen, dieses Geistesleben setzte fort die okkulten Strömungen des vierten nachatlantischen Zeitraums. Man wußte da ungeheuer viel, weil hier gerade der Boden dafür war, daß die Körper am meisten Bedeutung hatten, daß der Ätherleib am wenigsten tätig war und daß der physische Leib als ein Instrument angesehen wurde für alles geistige Leben. Gerade dadurch gab es da keine Möglichkeit, in diesen okkulten Schulen selber irgendwie viel zu erfahren aus der geistigen Welt. Aber man bewahrte in den okkulten Schulen die alten Traditionen, man bewahrte dasjenige, was überliefert war durch die alten hellseherischen Beobachter und suchte es mit den Begriffen zu durchdringen. Und so entstand da eine okkulte Wissenschaft, welche eigentlich nur arbeitete mit den Erfahrungen der im vierten und sogar noch im dritten nachatlantischen Zeitraum vorhandenen Hellseher, aber dieses, was da durch Hellscher zustande gekommen war, durcharbeitete mit rein physischen Begriffen, mit dem Begriffsmaterial, das man hat, wenn man eben nur durch den physischen Leib denkt. So entstand eine eigentümliche okkulte Wissenschaft, die aber wirklich sich über alle Gebiete des Lebens erstreckt.
[ 9 ] Es ist nun interessant, vor allen Dingen gewisse Kapitel dieser okkulten Wissenschaft — wie gesagt, ich erzähle Ihnen lauter Tatsachen — ein wenig näher sich anzusehen. Und das ist dasjenige, was gelehrt wurde über das Schicksal der europäischen Völker. Das bildete sogar ein wesentliches Kapitel in diesen okkulten Schulen. Ich will Ihnen versuchen zu charakterisieren, was da gelehrt wurde über das Schicksal der europäischen Völker. Da wurde gesagt: Es war ein vierter nachatlantischer Zeitraum da — das hatte man aus der Tradition, aus der Überlieferung —, dieser vierte nachatlantische Zeitraum strotzte von geistigem Leben, er hatte hervorgebracht die Begriffswelt für die Menschen, die Anschauungen über soziale Einrichtungen, alles mögliche hatte er hervorgebracht, er strotzte von geistigem Leben. Er hatte sich ausgebildet im Süden Europas auf der griechischen Halbinsel, auf der italischen Halbinsel, strahlte von da aus. Die Völker Mitteleuropas, Westeuropas, die waren in der Zeit, als die Blüte des vierten nachatlantischen Zeitraumes schon da war, noch in ihrer Kindheit, Säuglinge gewissermaßen der Menschheit in geistiger Beziehung. — Ich erzähle nur, was da gelehrt wird. — Also die mittel- und westeuropäischen Völker waren Säuglinge in bezug auf das geistige Leben, Säuglinge gegenüber dem, was ausstrahlen konnte von den Kulturergebnissen des vierten nachatlantischen Zeitraums. Und nach und nach haben sich diese mittelund westeuropäischen Völker aus dem Säuglingstum herausgearbeitet, sind gewissermaßen bis in die Zeit der Renaissance und der Reformation herein reifer und reifer geworden; womit nicht eigentlich die deutsche Reformation gemeint war, sondern namentlich die englische Reformation unter Jakob I. und so weiter. Sie haben sich also losgemacht, diese mittel- und westeuropäischen Völker. Und nun entstand ein ganz bestimmtes Dogma, ein Dogma innerhalb dieser okkulten Schulen, an dem mit eiserner Gläubigkeit festgehalten wird. Das ist das Dogma, daß abzulösen hat im fünften nachatlantischen Zeitraum die angelsächsische Kultur die griechisch-lateinische Kultur. Also das wurde immer wieder und wiederum eingeschärft: Es gibt einen vierten nachatlantischen Zeitraum und einen fünften nachatlantischen Zeitraum. Tonangebend für den vierten nachatlantischen Zeitraum ist das griechisch-lateinische Wesen; tonangebend für den fünften nachatlantischen Zeitraum muß dasjenige sein, was aus der Natur des Angelsachsentums fließt. Das Angelsachsentum muß geistig regieren den fünften nachatlantischen Zeitraum. Und alles, was gedacht wird in bezug auf Menschheitsentwickelung, müsse so gedacht werden, daß dieses Dogma sich verwirklichen könne. Im Osten Europas — so wird in diesen Schulen gelehrt — leben die Menschen heute in denselben Zuständen, in denen die mittel- und westeuropäischen Völker, die dann gipfeln im Angelsachsentum, lebten, als sie das griechisch-lateinische Wesen von den Römern überliefert erhielten. Im Osten von Europa leben die slawischen Völker heute im Säuglingsalter, und jeder, der zu diesen Schulen gehört, sieht dieses osteuropäische Wesen und Volkstum an als im Säuglingsalter lebend und betrachtet nun dasjenige, was künftig geschehen muß, so, daß nunmehr diese osteuropäischen Völker sich in einer ähnlichen Weise aus dem Säuglingsalter herausarbeiten müssen zu einem späteren Lebensalter wie früher die mittel- und westeuropäischen. Aber — und das sind sogar die Worte, die man in jenen Schulen sagt, die ich Ihnen jetzt erzählen darf — gerade so, wie die Römer die Amme waren in geistiger Beziehung von West- und Mitteleuropa, so muß das Angelsachsentum die Amme sein für das osteuropäische Wesen, muß dieses osteuropäische Wesen aus dem Säuglingstum in das spätere geistige Lebensalter hinüberführen. Man schildert dann im einzelnen, wie sich, ähnlich wie sich differenziert haben die germanischen Völker in gotische und so weiter, die slawischen Völker sich differenzieren. Man schildert, indem man nun aus dem Vorhandensein der inneren Kräfte auf gewisse Zukunftsgestaltungen hinweist, wie in Rußland selber es ganz besonders bezeugt würde, daß da das Volk im Säuglingsalter lebt, weil eine Anzahl eigentlich sich nur örtlich fühlender Gemeinden, genau wie es einmal in Mittel- und Westeuropa war, da seien, die nur künstlich zusammengehalten werden durch ein Staatsband; wie anderseits ein Volk, das nur durch seine Religion zusammengehalten wird, die Polen, dazu berufen wäre — wie gesagt, ich erzähle nur Tatsachen, wie es wirklich gelehrt wird in diesen Schulen —, zuletzt doch wieder, trotz ihrer Bestrebungen, in das russische Wesen eingefügt zu werden. Man schwört in diesen Schulen geradezu darauf, daß das ganze Polentum wiederum in das russische Wesen eingeschoben werden muß. Man sagt zum Beispiel — wiederum geradezu wörtlich —: Da bildeten sich im Anschluß an das untere Donautal einzelne slawische Völkerschaften in abgeschlossenen Reichen. Über dieses Entstehen von slawischen Völkerschaften in abgeschlossenen Reichen wurde immer wieder, wie es eben beim Lehren geschieht, in diesen Schulen gesagt: Es bildeten sich solche unabhängige slawische Volksstaaten, die werden aber nur dauern bis zum nächsten großen europäischen Kriege, der da kommen wird. — Das heißt, man lehrte überall den großen europäischen Krieg, der alles durcheinander bringen wird. Nur so lange würde die Unabhängigkeit dieser slawischen Staaten dauern. Und man stellt dann die Sache so dar, als ob sich finden werde ein in der Gegenwart noch nicht Vorhandenes — Sie müssen bedenken, daß ich von Lehren rede, die durch die Jahrhunderte schon gegeben wurden, also von einer vergangenen Gegenwart aus rede ich für die Zukunft, die aber heute die Leute zum Teil eingetreten finden —, und daß in der Zukunft sich finden müsse nach und nach eine ganz andere Art des Zusammenhaltens dieser aus dem Säuglings- in das Jugendalter tretenden osteuropäischen Völker.
[ 10 ] Das waren also Lehren, die immer gegeben worden sind, die immer da waren, und Lehren, die nun wirklich nicht bloß als Theorie genommen wurden, sondern so eingebläut wurden denjenigen, die zu den betreffenden Schulen gehört haben, daß zahlreiche Menschen sich fanden, die das äußere Leben so zu gestalten versuchten, so zu beeinflussen versuchten, daß verschiedentlich im Sinne dieser Lehren sich auch wirklich die Tatsachen gestalten. Und da wäre es nun interessant, historische Tatsachen anzuführen, die zeigen würden, wie die Tatsachen im Zusammenhange geschaffen werden. Da haben die Menschen in der Regel überhaupt keinen Begriff davon, daß Dinge, die nebeneinander auftreten, eigentlich zusammen gedacht sind und gewissermaßen zusammen veranstaltet sind. In solchen weitumfassenden und in tonangebende Kreise hinaufreichenden okkulten Verbrüderungen wie diejenigen im Britischen Reiche, von denen ich spreche, und die gewissermaßen ihre Anhängsel haben in ganz Westeuropa und auch in Italien, weiß man, was der eine zu tun hat, was der andere zu tun hat, und wie man wirkt im Leben. Da weiß man ganz gut, was es bedeutet — ich will Ihnen einen konkreten Fall erwähnen —, wenn man auf der einen Seite versucht, daß Staatsmänner Englands nach und nach befreundet werden mit gewissen Staatsmännern eines kleineren Donaustaates, der ein Teil Österreichs ist. Man weiß ganz gut, was das bedeutet, wenn man die Sache so arrangiert, daß da gewissermaßen ein freundschaftliches Verhältnis sich herausbildet und ein gewisser Glaube an die Sicherheit gewisser Einrichtungen im Britischen Reich gerade in einem Donaustaat sich bildet und daß sich so sehr die Ansicht festsetzt, daß das gute Einrichtungen sind. Aber das macht man nicht bloß für sich; sondern daneben macht man das andere, daß man zum Beispiel ein wirksames Buch erscheinen läßt, in dem man ganz besonders schimpft über das Volk, das in diesem Staate lebt, so daß man das, was man auf der einen Seite hinstellt, auf der anderen Seite aus den Angeln hebt. So etwas hat eine Bedeutung, wenn es methodisch gemacht wird, daß man auf der einen Seite Freundschaft züchtet, die eine gewisse volkstümliche Bedeutung gewinnen kann, auf der anderen Seite die Schattenseiten des betreffenden Volkes besonders hervorhebt. Es ist das, Sie können sagen, ein teuflisches Beginnen; aber ahrimanische Kräfte walten ja in diesem ganzen Vorgehen. So wird es eben gemacht, mit allen diesen Dingen, die scheinbar nebeneinander einhergehen. Ein Mitglied einer solchen Verbrüderung schreibt ein Buch, das wirksam ist, das eine fürchterliche Bewegung hervorruft, und ein anderer bemüht sich, einen Kreis zu gewinnen, in dem er Freundschaft züchtet. So wird zwischen den Zeilen des Lebens gewirkt. Man weiß dann gar nicht, wenn man so ahnungslos das äußere Leben betrachtet, wie die Menschen wirken, die im Zusammenhange mit gerade so gearteten Verbrüderungen sind, die darauf ausgehen, ein gewisses Volkstum, wie in diesem Fall das Britentum, zum herrschenden, zum tonangebenden zu machen.
[ 11 ] Nun denken Sie sich einmal hineingestellt in diese okkulte Verbrüderungswirtschaft eine Persönlichkeit wie die Blavatsky. Diejenigen, die solchen okkulten Verbrüderungen angehören und das ganze Wesen des Okkultismus kannten aus den Überlieferungen, wenn auch nicht aus irgend einer fruchtbaren Intuition heraus, erfahren von dem Dasein einer solchen Persönlichkeit. Den ganz gescheiten Leuten, die nichts wissen vom Okkultismus, denen ist natürlich die Blavatsky eine Persönlichkeit, die ein wenig barock, ein wenig abnorm ist. Aber das ist sie nicht für die Okkultisten, wenn es auch Okkultisten der ahrimanischen Linie sind, wie diejenigen, von denen ich gesprochen habe. Das ist sie für solche Leute nicht. Die wissen: Wenn in einer Zeit, die so geartet ist, eine solche Wesenheit auftritt, so tritt sie heraus aus allen Entwickelungskräften des Menschentums; da bedeutet das etwas, daß hineingesetzt wird in die Zeit eine Persönlichkeit, bei der der Ätherleib in der geschilderten Weise tätig sein kann. Nun ist es aber eine ganz eigentümliche Zeit, in der das alles geschieht und sich abspielt. Sehen Sie, es ist doch eine Zeit, in der man mit dem denkbar größten Mißtrauen denjenigen entgegenkommt, die da über die geistige Welt so einfach sprechen. Leuten, die sich, wie es bei uns aus den oft geschilderten Gründen geschehen soll, einfach hinstellen und über die geistige Welt sprechen, mit Gründen sprechen über die geistige Welt, wird man in unserer Zeit, selbstverständlich wiederum aus vielen angeführten Gründen, nicht so ohne weiteres glauben. Aber so ganz im Sinne des bloßen, ehrlichen Wahrheitsstrebens zu wirken, das lag ja nicht im Interesse der britischen, vom Britentum sich ausbreitenden okkulten Verbrüderungen. In ihrem Sinne lag es vor allen Dingen, daß der Welt mitgeteilt werden sollten geistige Wahrheiten, also Wahrheiten, die aus der geistigen Welt heraus kamen, aber in einer viel handgreiflicheren Weise. Diese Wahrheiten sollten aber günstig sein den Theorien, die dort wie ein Dogma vom herrschenden Angelsachsentum der fünften nachatlantischen Zeit gelehrt wurden.
[ 12 ] Und so entstand in den sechziger und Anfang der siebziger Jahre die Tendenz bei diesen okkulten Verbrüderungen des Westens, die Blavatsky dazu zu benützen, vor die Welt geistige Wahrheiten hinzustellen, aber solche geistigen Wahrheiten, von denen man sagen konnte: Seht ihr, die kommen nicht aus einem ganz gewöhnlichen menschlichen Gehirn heraus, sondern die kommen heraus aus einem Ätherleib, und noch dazu als reines Zukunftselement aus einem Ätherleib, der innerhalb derjenigen Volksmasse sich gebildet hat, die ja die Grundlage enthält für die sechste nachatlantische Zeit. Aber weil dieses Zukunftselement eben in der fünften nachatlantischen Zeit sich noch nicht vollständig selber in der Hand hat, so dachte man, karin man nun die ganze Sache so einrichten, daß man die Blavatsky, die ja nicht ein gewöhnliches Medium, sondern das ist, was ich geschildert habe, die aber dennoch durch die gewöhnlichen medialen Kräfte zu beeinflussen ist, so beeinflusse, daß aus ihr nicht dasjenige herauskam, was heraus kam, wenn sie sich ganz selbst überlassen war, sondern dasjenige, wovon die britischen Verbrüderungen wollen, daß es herauskommen soll. Dann treten nicht sie, diese britischen Verbrüderungen, vor die Welt und kündigen einfach an, das Britentum soll herrschen, sondern dann zeigen sie: Seht ihr, da hat sich eine Persönlichkeit in die Welt hereingestellt, wir tun nichts dazu, aus ihrem eigenen Ätherleibe heraus bringt sie als Imagination eine neue Wissenschaft, ganz neue Begriffe. — Aber diese neuen Begriffe sollten durch den Einfluß, den diese okkulten Verbrüderungen hatten, genau so formuliert werden, so gestaltet werden, daß sie dazu führten, im Angelsachsentum das maßgebende Element der fünften nachatlantischen Zeit zu zeigen. Das entstand nun als Ziel. Und man glaubte nach seinem Dogma, daß man da ganz richtig verfährt; denn man nahm ja eine Russin, eine russische Seele, behandelte sie wie einen Säugling und benahm sich gegen sie wie eine Amme mit dem westeuropäischen Okkultismus. Es lag also der ganze Vorgang ganz im Dogma drinnen. Die Absicht war also, vor die Welt hinzustellen eine neue okkulte Wissenschaft, die aber den westlichen Brüderschaften geeignet erschien für dasjenige, was sie als ihre Spezialzwecke wollten.
[ 13 ] Die ganze Sache wäre gut gegangen, wenn die Blavatsky eine bloße Russin gewesen wäre und daher alles mit ihr hätte gemacht werden können, was eventuell mit einer bloßen Russin hätte gemacht werden können. Aber ich sagte, es war ein gewisser Stich von mitteleuropäischem Wesen in ihr. Sie war doch eine viel zu selbständige Natur. Und so kam es denn — ich kann jetzt nicht im einzelnen die verschiedenen Winkelzüge aufzeigen, die man machte, um das zu erreichen, was ich schildere, das würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen —, daß sie diese verschiedenen Winkelzüge immer und immer durchkreuzte. Darauf wäre sie nicht eingegangen, denn natürlich kamen ihr alle die Dinge zum Bewußtsein, die in ihrem AÄtherleibe lebten, es wäre ihr nicht eingefallen, etwa nach London zu gehen in irgendeine okkulte Brüderschaft und sich da als ein höheres Medium ausbilden zu lassen. Dann wäre ja alles gut gegangen, selbstverständlich im Sinne der okkulten Brüderschaften; aber darauf würde sie nie eingegangen sein.
[ 14 ] Nachdem sie nun zunächst eine ganz ordentliche, schöne Leitung gehabt hat und vieles in ihr sich entwickelt hat, was auf sehr gutem Wege war, wurde die ganze Sache so gelenkt, daß sie eintrat in einen Hochgrad-Orden in Paris, der aber abhängig war von britisch-okkultistischen Strömungen. Da sollte sie präpariert werden, so daß aus ihrer Seele dasjenige herauskam, was man wollte. Aber es war eben der Stich in ihr, von dem ich gesprochen habe, Und dadurch durchkreuzte sie jetzt, nachdem sie schon früher einiges durchkreuzt hatte, die Absichten, die man mit ihr gehabt hat. Sie stellte Bedingungen in diesem Orden, die ganz und gar nicht erfüllt werden können, die unmöglich zu erfüllen sind in einem Orden, der nicht ungeheuren Sturm hervorrufen will. Und die Folge davon war, daß, als kaum die Prozedur begonnen hatte, sie wieder ausgeschlossen worden ist. Aber sie hat immerhin — denn sie hatte doch ihren eigenen Kopf bis zu einem gewissen Grade — einiges Bedeutsame aufgenommen gerade von den mancherlei Geheimnissen, die auf die geschilderte Weise in solchen okkulten Orden eben vorhanden sind.
[ 15 ] Dann war in ihr das entstanden, was ich nennen möchte: sie hat Geschmack bekommen an der ganzen Rolle. Sie bekam doch in gewissem Sinne Geschmack daran, nun eine ganz allererste okkulte Rolle zu spielen. Aber sie wollte nicht bloß ein höheres Medium sein, sie wollte die ganze Sache selber dirigieren. Und da kam es dann dazu, daß sie in einen amerikanischen Orden eintrat. Man kann wirklich gar nicht einmal erzählen, was sie alles anstellen wollte und zum Teil schon inauguriert hatte in diesem amerikanischen okkulten Orden. Nun war sie da drinnen, hat unzählige Geheimnisse erfahren, von denen man bis dahin niemand anderem als dem, der hochgraduiert war, Mitteilungen gemacht hat. Man hatte ja eine bestimmte Absicht, und unter dieser Absicht arbeitete man noch immer. Das alles führte dazu, daß sie nun aber auch in ihr Bewußtsein herein eine Unsumme von Wissen bekommen hatte. Denken Sie, jetzt hatte man eine ganz neue Situation geschaffen! Jetzt gab es eine Persönlichkeit, die unendlich viel von dem wußte, was man als das okkulte Wissen geheimer Orden bis dahin ganz gut verwahrt hatte. Das war eine ganz neue Situation. Solch eine Situation war im Grunde genommen noch nicht da! Nun machte sie aber in Amerika etwas, was unmöglich machte, daß sie in dem Orden drinnen geblieben wäre oder weiter gewirkt hätte, denn sie zeigte sogleich, daß sie dieses okkulte Wissen, das sie erlangt hatte, in einer Weise anwenden wollte, womit sich die Orden nicht einverstanden erklären konnten. Es war ganz unmöglich, sich damit einverstanden zu erklären, es wäre eine heillose Verwirrung herausgekommen, wenn man sie nun hätte weiter machen lassen, wie man im Deutschen sagt.
[ 16 ] Da griff man zu einem Mittel, welches wirklich sehr, sehr selten angewendet wird, und das ein sehr bedenkliches Mittel ist. Man griff zu dem Mittel, die gute, arme Blavatsky — die also, wie Sie sehen, ein Spielball der verschiedensten Mächte war, die auf sie einwirkten —, wie man sagt, in okkulte Gefangenschaft zu setzen. Diese okkulte Gefangenschaft besteht darinnen — man erreicht das durch gewisse Mittel zeremonieller Magie —, daß man bewirkt, daß alles dasjenige, was die betreffende Seele entwickelt, nur bis zu einer gewissen Sphäre geht und dann zurückgeworfen wird. So daß der Betreffende alles dasjenige, was er in sich entwickelt, nur selber sieht, daß er es nicht irgendwie der Außenwelt mitzuteilen vermag, daß er es ganz nur in sich selber verarbeiten kann. Es ist das eine sehr eigentümliche Sache, aber es wurde beschlossen, das über Blavatsky zu verhängen, um sie unschädlich zu machen, so daß sie nicht der Welt alle möglichen Dinge mitteile, sondern es sollte ihr ganzes Streben zurückgeworfen werden. Rückwerfen des Strebens oder okkulte Gefangenschaft nennt man das. 1879, auf einer von Okkultisten der verschiedensten Länder besuchten okkultistischen Versammlung wurde dies beschlossen und über die Blavatsky verhängt. Und so lebte jetzt eine größere Anzahl von Jahren Blavatsky wirklich in okkulter Gefangenschaft. Wie die äußeren Lebensverhältnisse in der Zeit liefen, die da nebenher gingen, das ist nicht notwendig zu erzählen, denn derjenige, der die Sache äußerlich betrachtet, braucht ja von alledem, was ich jetzt erzähle, überhaupt gar nichts zu sehen.
[ 17 ] Nun handelte es sich für gewisse, jetzt indische Okkultisten, darum, sie aus dieser okkulten Gefangenschaft zu befreien. Und jetzt beginnt eigentlich die Zeit, wo Blavatsky erst ins indische Fahrwasser gekommen ist. Alles das, was ich Ihnen bisher erzählt habe, ist eigentlich Vorgeschichte der Blavatsky. Die Entwickelung davon, von den Zeiten an, von denen die Leute wissen, die beginnt eigentlich erst jetzt. Und alles, was die Blavatsky schwer Begreifliches an sich hat, hängt mit dem, was ich geschildert habe, zusammen. Gewisse indische Okkultisten, die nun wiederum ihrerseits das Bestreben hatten, sie vor dem britischen Wesen zu retten, wendeten nun ihrerseits gewisse Mittel an, um die okkulte Gefangenschaft aufzulösen. Das wurde sogar durchaus im Einklange mit denjenigen gemacht, die früher die okkulte Gefangenschaft über die Blavatsky verhängt hatten. Und für die Blavatsky war die Folge davon, daß gewissermaßen in ihre Seele jetzt alles hereinströmte, was nur mit indischem Okkultismus zusammenhing. Ich muß immer wieder betonen: Man hat es wirklich mit sich offenbarenden Geheimnissen der geistigen Welt zu tun, die nur, ich möchte sagen, in allerlei verzerrten Bildern und Karikaturen zum Vorschein kommen, die man aber nicht so ansprechen darf, als ob nicht große okkulte Geheimnisse durch sie zutage treten. Selbstverständlich kamen jetzt mit den ungeheuren Kräften, die in der Blavatsky walteten schon durch ihre Anlagen und dann durch alles das, was sie noch durchgemacht hatte, die indischen okkulten Wahrheiten in einem ganz besonderen Maße durch sie zum Vorschein.
[ 18 ] So haben wir in der Blavatsky den konkreten Fall, daß, als eine solche Seele erscheint, wie die Blavatsky es ist, britisches, das Angelsachsentum zum herrschenden Element machen wollendes Wesen, britischer Okkultismus sich bemüht, mit dem, was er heute noch als einen Säugling ansieht, weiter zu kommen. Alles das geht darauf aus, Mitteleuropa vollständig zu übersehen, Mitteleuropa gar nicht zu beachten, über Mitteleuropa hinwegzugehen. Man redet wirklich so, wie ich es Ihnen erzählt habe, und betrachtet diese Strömung, die ich so oft als die mitteleuropäische Strömung geschildert habe, als etwas, was gewissermaßen bei der ganzen Prozedur überrannt werden muß. So kam ein selbstverständlich in vieler Beziehung anfechtbares okkultes Wissen, das, ich möchte sagen, kaleidoskopartig in allen möglichen Farben schillerte, durch die Blavatsky zum Vorschein. Und immer wirkten in diesen Okkultismen — wie Sie ja meiner ganzen Schilderung entnehmen können — politische Intentionen, politische Absichten herein. Denn sowohl die Bedingung, die von Blavatsky in Paris gestellt worden war, war in einer politischen Absicht gestellt, wie namentlich auch dasjenige, was sie in Amerika anzetteln wollte, durchaus in politischer Absicht war. Soll ich die beiden Absichten, die Blavatsky in Paris und in Amerika gehabt hat, ein wenig charakterisieren, so muß ich sagen: Es war die innere Opposition ihres Russentums gegen ein Abhängigmachen des Russentums von dem westeuropäischen und amerikanischen Wesen. Daher stellte sie auch in Paris eine Bedingung, die nicht erfüllt werden kann und eine politische Umwälzung oder Umgestaltung in Frankreich bedingt hätte. In Amerika stellte sie die Bedingung nicht selber, sondern da ließ sie sich ein mit jemandem, der gewissermaßen in Politik groß geworden war, mit Olcott, um allerlei politische Machinationen zu bewirken, aber mit Hilfe des überall vorgeschobenen Okkultismus. Alle diese Dinge gingen dahin, das auszuführen, was unter der Leitung des maskierten, ursprünglichen Leiters der Blavatsky — über diese Leiter ist ja überhaupt sehr schwer zu sprechen — anders angestrebt wurde. Der ursprüngliche Leiter wollte durchaus Blavatsky in ein richtiges Fahrwasser bringen; dann aber wurde er abgelöst durch einen Leiter, der alles eher war als dasjenige, was die Blavatsky einen Mahatma nannte, alles andere eher.
[ 19 ] Und so entstand durch die verschiedensten Kräfte, die da zusarmmenwirkten, ein verworrenes, aber unzählige große, gewaltige Wahrheiten enthaltendes Schriftmaterial durch die Blavatsky in ihrer «Secret Doctrine». Es war dieses Schriftenmaterial auch geeignet, in Mitteleuropa sehr viel zu wirken. Nun sehen Sie — Sie können das ja auch zum Beispiel aus einem sehr bedeutsamen Roman von George Sand ersehen —, in Westeuropa spielen geheime Gesellschaften, von Okkultismus durchdrungene Verbrüderungen, in politischen Bewegungen eine große, wenn auch meistens äußerlich nicht wahrnehmbare und ersichtliche unterirdische Rolle. Ich habe am Ende des öffentlichen Vortrags am Freitag solche Dinge angedeutet, die gegenwärtig wirken. Da spielen politische Konspirationen und alles mögliche eine bedeutende Rolle. Denn es ist tatsächlich so, wie ich diese Dinge am letzten Freitag im öffentlichen Vortrag erzählt habe, daß man durchaus nachweisen kann in okkulte Untergründe, in okkulte Unterströmungen hineinspielende Konspirationen, und daß mit solchen die Ermordung des Jaures und all die anderen Dinge zusammenhängen, von denen ich am Freitag noch gesprochen habe, auch die Ermordung des Franz Ferdinand und so weiter. In diesen ganzen Kranz von Verschwörungen, von denen die Außenwelt zumeist wenig weiß, der in London beginnt, sich um Westeuropa herüberspinnt, nach Südeuropa geht, in die Balkanländer hineingeht und sich in Petersburg schließt, in diesen ganzen Kranz spielen lauter solche Dinge durchaus hinein, Wie gesagt, diese Dinge müssen als nicht so historisch angesehen werden, wie sonst historische Tatsachen, sondern als Licht verbreitend, Licht auf manches werfend angesehen werden.
[ 20 ] Vor allen Dingen ist dies festzuhalten, daß durch eine solche Seele, wie die Blavatsky-Seele ist, hindurchspielen diejenigen Kräfte, die in der geistigen Welt wirken und sich in der physischen Welt nur offenbaren, und daß bei einer solchen Seele ganz besonders zu beobachten ist, wie sie mitgenommen wird von einem, ich möchte sagen, unter dem Niveau, das den physischen Plan bedeutet, Spielenden, wie sie von einer solchen Strömung mitgerissen wird und zeigt, welche Kräfte im historischen Werden drinnen sind. Daß man nach und nach solche Dinge wird kennen lernen müssen, das geht Ihnen ja aus vielen Auseinandersetzungen, die hier gepflogen worden sind, gewiß hervor. Und ich habe heute gerade diese Auseinandersetzungen geben müssen aus dem Grunde, weil aus ihnen ersichtlich werden kann, wieviel man nicht sieht von den Ereignissen der Welt und ihren bestimmenden Ursachen, wenn man nur dasjenige sehen will, was heute gemeiniglich gesehen wird. Es gibt schon ganz andere Strömungen, die unter der Oberfläche der gewöhnlichen Tatsachen sich abspielen, und man ist gewissermaßen blind, wenn man mit seinem Blick nur an der Oberfläche der Tatsachen schweift. Daher wird es immer wieder und wiederum kommen, daß man über gewisse Dinge überrascht und erstaunt sein muß, die sich in einer gewissen Zeit zutragen, und nicht erstaunt und überrascht zu sein brauchte in demselben Grade, wenn man eingehen würde auf die tieferen Strömungen, tieferen Kräfte. Aber leider liegt ja heute die Sache zumeist so, daß auf der einen Seite diejenigen Menschen stehen, die sich nur um den äußeren Verlauf der Tatsachen kümmern und nicht berücksichtigen, daß dieser äußere Verlauf der Tatsachen nicht bloß gerade fortläuft als eine Strömung, sondern immer von unten herauf durch Strudel ergriffen wird, die aus der Tiefe kommen. Und auf der anderen Seite stehen Menschen, die ja allerdings sich interessieren für allerlei Okkultes, aber nur vom sensationellen Standpunkte aus, weil das interessant ist, wenn man da oder dort irgend etwas von Okkultismus hört. Daß dasjenige, was man gerade auf okkultem Felde vernehmen kann, unendlich aufklärend wirken kann, wenn man begreifen will, was in der äußeren Welt geschieht, dafür haben heute die wenigsten Menschen noch ein Organ. Und so gibt es natürlich Leute auf der einen Seite, die das Leben der Blavatsky außerordentlich interessiert, auf der anderen Seite gibt es Leute, die dieses Leben gar nicht interessiert, sondern die sich nur für die äußeren Tatsachen interessieren, die auf dem physischen Plane geschehen. Aber wenn man sie, wie ich heute nur andeuten konnte, im Zusammenhange betrachtet, dann geht einem gewöhnlich manches auf, und das ist wichtig. Und dieser Zeit müssen wir entgegenleben, wo wirklich immer mehr und mehr Menschen da sind, die in die tieferen Strömungen des Daseins hineinblicken wollen, die den guten Willen haben, in diese tieferen Strömungen des Daseins hineinzublicken.
[ 21 ] Und gerade innerhalb unserer Bewegung ist es so notwendig, daß diese Dinge ein wenig richtig gesehen werden, auf die ich jetzt hingedeutet habe. Denn sehen Sie, gleich nach Ausbruch des Krieges schimpfte, wie ich schon einmal erwähnt habe — verzeihen Sie den Ausdruck —, die Schülerin der Blavatsky, Mrs. Annie Besant, in ihren englischen Zeitschriften in unerhörter Weise über dasjenige, was innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung lebt. Sie schimpfte vor allen Dingen in einer solchen Weise, daß man sah: Auf jener Seite konnte man sich gar nicht vorstellen, daß Politik nicht hineinspielt in dasjenige, was bei uns ehrlicher, rein nach Wahrheit suchender Okkultismus sein soll, in den das Politische unmittelbar nicht hineinspielen kann. Nur so weit kann das mit Politik zusammenhängen, als Wahrheit überhaupt in die Politik hineinkommen kann, aber nicht in dem Sinne, wie ich das angedeutet habe bei den westeuropäischen Verbrüderungen. Unsere Bewegung konnte ja im Grunde genommen nur die Aufgabe haben, loszureißen diejenigen, die loszureißen sind, von dem Einfluß dieser westeuropäischen Verbrüderungen. Aber man kann sich auf jener Seite nicht vorstellen, daß irgend etwas geschehen kann ohne in gewissem Sinne unlautere politische Beweggründe. So wurde die Albernheit erzählt, daß ich von 1909 ab eigentlich die Absicht gehabt hätte, Präsident der ganzen Theosophical Society zu werden, nach Indien zu gehen, um von dort aus die politischen Kreise zu beeinflussen und zu wirken. Nun, nicht wahr, auf der einen Seite die Berlin-Bagdad-Bahn, und auf der anderen Seite die Anthroposophie! Ich erzähle Ihnen kein Märchen, es wird da mit der Pose des größten Zornes auseinandergesetzt, wie alle die Beamten aus der dort sehr ausgebreiteten theosophischen Bewegung hätten gewonnen werden sollen, um die Sache allmählich ins politische Fahrwasser hinüberzutragen und für den Pangermanismus zu wirken, das heißt England von Indien aus anzugreifen. Der Satz steht sogar in den Aufsätzen von Mrs. Besant; jetzt wiederholt sie die ganze Sache in einer noch wüsteren Weise.
[ 22 ] Diese Dinge zeigen Ihnen auf der einen Seite, wie man dort gar nicht anders denken kann, wie aber allmählich der Sinn für Wahrheit, für reines, bloß objektives, ehrliches Wahrheitsstreben abhanden kommen muß. Solche Dinge, wie Mrs. Besant jetzt sagt, man muß sie objektive Unwahrheiten nennen. Ich bin aber wirklich heute sogar schon genötigt, nicht bei dem Ausdruck «objektive Unwahrheit» zu bleiben; denn angesichts der Ihnen ja so gut bekannten unsinnigen Jesuiten-Beschuldigung braucht ja schon der Ausdruck «objektive Unwahrheit» nicht mehr gebraucht zu werden. Aber es kommt ja heute das andere dazu: 1909 in Budapest hatte ich Mrs. Besant etwas ganz Bestimmtes zu sagen. Dazumal war es ja auch, daß man mit mir hat einen Kompromiß schließen wollen, denn es ging damals die Absicht, diesen Alcyone zum Träger des Christus zu ernennen. Man wollte mit mir einen Kompromiß schließen, man wollte mich zum wiederverkörperten Johannes ernennen, den Evangelisten, und man würde mich dann dort anerkannt haben. Das würde Dogma geworden sein dort, wenn ich auf alle diese verschiedenen Schwindeleien eingegangen wäre. Aber gegen all das, was dazumal im Werden war, bildete sich dort eine, ich möchte sagen, internationale Gesellschaft der ehrlichen Leute. Unter anderem war auch Mr. Keightley dabei, der früher immer Mrs. Besant auf die wissenschaftlichen Fehler hin ihre Bücher ausgebessert hat. Diese internationale Gesellschaft stellte mir von Indien aus den Antrag, ihr Präsident zu werden. Und ich sagte 1909 in Budapest zu Mrs. Besant: Es ist gar keine Rede davon, daß ich jemals in einer okkulten Bewegung irgend etwas anderes sein will, als im Zusammenhange mit der deutschen Kultur — nur mit der deutschen Kultur, innerhalb Mitteleuropa. — Das sagte ich Mrs. Besant 1909. Trotzdem schrieb sie nach dem Ausbruch des Krieges die Dinge, die ich Ihnen gesagt habe. Da hat man es nicht mehr mit einer objektiven Unwahrheit, sondern mit einer ganz bewußten Lüge zu tun, denn es ist ja ausdrücklich erklärt worden, um was es sich handelt. Also man hat es mit einer ganz bewußten Lüge zu tun, nicht mit einer objektiven Unwahrheit.
[ 23 ] Das ist ungefähr der Weg, zu dem man geführt wird, wenn man gerade auf dem Gebiet der geistigen Wahrheiten sich nicht eben auf den reinen Boden der Wahrheit stellt, auf den Boden der ehrlichen unverbrüchlichen Wahrheit. Aber daß diese Dinge sich so entwickeln mußten, ja, sehen Sie, es liegt eigentlich alles schon in der Art und Weise, wie bei uns die durch die Notwendigkeit der Menschheitsentwickelung in der Gegenwart gegebenen okkultistischen Strömungen hereintreten mußten in die Welt. In dieser Notwendigkeit, in der Erkenntnis dieser Notwendigkeit, liegt eigentlich schon alles. Als Mrs. Besant zuerst in Deutschland erschien, um in Hamburg einen Vortrag zu halten, da sprach sie auch in einem kleineren Kreise. Es war der Anfang desjenigen, was von jener Seite hat geschehen sollen. Ich stellte dazumal an Mrs. Besant — und daß ich solche Dinge wohl im Gedächtnisse behalte, das wird vielleicht zuweilen Leuten recht unangenehm sein — die Frage: Wie ist es denn nun mit jenem mächtigen deutschen Okkultismus, der sich besonders um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts so intensiv mit der deutschen Kultur verbindet? — Da antwortete mir Mrs. Besant — wie gesagt, es war bei ihrem allerersten Besuch, an dem ersten Orte in Deutschland: Ach, was da in Deutschland hervorgetreten ist, das ist ein mißlungener Versuch im Okkultismus, das ist in anderen Formen hervorgetreten. Und weil das mißlungen ist, mußte das in England in die Hand genommen werden, und von England aus nun Europa der Okkultismus gebracht werden. — Sie sehen, wie so in diese Dinge auf Schleichwegen Politik doch wohl hineinspielt, und wie man solche Dinge doch berücksichtigen muß.
[ 24 ] Das, was ich Ihnen heute gesagt habe, soll eine Art von Einleitung sein zu Auseinandersetzungen, die allerdings nicht ganz auf demselben Boden stehen sollen, die uns in Wichtiges hineinführen sollen, das geschichtlich ebenso wichtig ist, wie die okkultistische Erkenntnis des einzelnen Menschen, und wovon wir dann das nächste Mal weiter hören werden.
