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The Present and the Past in the Human Spirit
GA 167

13 February 1916, Berlin

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The Present and the Past in the Human Spirit, tr. SOL
  1. Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste

1. Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste

1. The Present and the Past in the Human Spirit

[ 1 ] Zuerst wollen wir heute eine Rezitation uns anhören aus Dichtungen von Friedrich Lienhard und von Wilhelm Jordan, und dann werde ich mir gestatten, anzuschließen an diese Rezitation einige anthroposophisch-literarische Betrachtungen über die Gegenwart und deren Aufgaben. Das soll dann den Abschluß unseres Abends bilden. Vorausschicken möchte ich nur ein paar Worte.

[ 1 ] First, let us listen today to a recitation of poems by Friedrich Lienhard and Wilhelm Jordan, and then I will take the liberty of following this recitation with some anthroposophical-literary reflections on the present and its challenges. This will then bring our evening to a close. I would just like to preface this with a few words.

[ 2 ] Friedrich Lienhard ist einer derjenigen Dichter der Gegenwart, von denen wir schon sagen können, daß sie mit ihrem eigenen Streben dem Streben der Geisteswissenschaft in einer gewissen Beziehung nahe kommen. Am 4. Oktober des verflossenen Jahres 1915 beging Friedrich Lienhard seinen fünfzigsten Geburtstag. Auch wir haben dazumal von Dornach aus uns angeschlossen den zahlreichen Begrüßungen, die diesem geisterfüllten Dichter der Gegenwart von allen Seiten zugekommen sind, und ich glaube, wir haben besondere Gründe, gerade bei dem Dichter Friedrich Lienhard, der sich ja in einer gewissen Weise unserer Bewegung angeschlossen und freundlich gezeigt hat, ein wenig hinzublicken auf den eigentlichen Inhalt und auf den Kunstgehalt seines dichterischen Wesens. Er sagt ja selber, daß er, der aus einer französisch-elsässischen Wiege stammt, sich unter manchen Schwierigkeiten hat hindurchringen müssen zu dem, was er seine Weltanschauung nennt, die er versuchte, immer mehr und mehr herauszugebären, herauszuentwickeln aus mitteleuropäischem deutschem Wesen, aber so, daß in seinen Dichtungen wirklich von ihm angestrebt wird, den eigentümlichen Wellenschlag dieses mitteleuropäischen deutschen Wesens zur Wirksamkeit zu bringen. Und da muß man bei Friedrich Lienhard vor allen Dingen sehen, wie wirklich in ihm dasjenige lebt, was er als seinem Wesen so innig Verwandtes, wie ich es gerade zu charakterisieren versuchte, angestrebt hat. Es lebt in ihm vielleicht ein Element, das nur in der richtigen Weise zu würdigen ist von dem künstlerisch-geistigen Ausgangspunkte der Geisteswissenschaft her. Da haben wir vor allen Dingen in Lienhards Dichtungen wunderbare Naturschilderungen, Naturlyrik, aber eine Naturlyrik ganz besonderer Art. Naturlyrik ist es aber auch bei Friedrich Lienhard, wenn er versucht, die Menschen zum Sprechen zu bringen. Auch da ist etwas wie von der Natur der Menschen unmittelbar auf natürliche Weise ausgehend und den Geist im Naturdasein zeigend. Woher kommt dieses? Es kommt von etwas, das man vielleicht nur richtig bemerken kann bei Friedrich Lienhard, wenn man — und das sollte man ja bei aller Kunst, nur ist es heute schon, ich möchte sagen, ganz und gar aus dem Bewußtsein der Menschen verschwunden, die Kunst so zu betrachten, namentlich die Dichtung — nicht bloß das Inhaltliche, das Vorstellungsmäßige seiner Kunst auf sich wirken läßt, sondern das eigentlich Künstlerisch-Formale. Wie sich in ihm die Gefühle, die Vorstellungen bewegen, wie sie sich entwickeln, wie sie sich schürzen und lösen, in diesem eigentümlichen Wogen seiner in dichterischer Sprache zum Ausdruck kommenden Seelenerlebnisse merken wir etwas wie das Walten elementarischer Geistigkeit, ein Mitgehen der dichterischen Seele mit demjenigen, was nach unseren Anschauungen in der Ätherwelt draußen in der Natur elementarisch lebt hinter dem bloß sinnlichen Dasein, und was lebt in der Ätherwelt, wenn sich Menschliches auf naturgemäße Weise zum Ausdrucke bringt, wie zum Beispiel in dem Ausdrucke des kindlichen Seelenlebens. Verfolgt man die Worte Friedrich Lienhards, so erscheinen sie einem förmlich so, wie wenn aus diesen Worten sich weiterbewegen würden gerade die Elementargeister, von denen wir wissen, daß sie alle Naturerscheinungen durchrieseln, durchwärmen, durchleben, durchweben. Und dieses Durchrieseln und Durchwärmen und Durchleben und Durchweben der elementarischen Wesenheiten in bezug auf die Natur, das setzt sich gerade bei einem solchen Dichter, der nun wirklich versteht, mit dem Geiste der Natur zu leben, in seine Dichtung hinein fort.

[ 2 ] Friedrich Lienhard is one of those contemporary poets of whom we can already say that, through their own aspirations, they come close in a certain respect to the aspirations of Spiritual Science. On October 4 of the past year, 1915, Friedrich Lienhard celebrated his fiftieth birthday. We, too, joined in from Dornach at that time with the numerous greetings that came from all sides to this spiritually inspired contemporary poet, and I believe we have special reasons, particularly in the case of the poet Friedrich Lienhard—who, after all, has in a certain way aligned himself with our movement and shown us kindness—to take a closer look at the actual content and artistic substance of his poetic essence. He himself says that he, who hails from a French-Alsatian background, had to struggle through many difficulties to arrive at what he calls his worldview—which he sought to bring forth and develop more and more from the Central European German spirit, but in such a way that in his poetry he genuinely strives to bring the distinctive rhythm of this Central European German essence to life. And here, with Friedrich Lienhard, one must above all see how truly alive within him is that which he has strived for—that which is so intimately related to his essence, as I have just attempted to characterize it. Perhaps there is an element within him that can only be properly appreciated from the artistic-spiritual vantage point of Spiritual Science. Above all, in Lienhard’s poetry we find wonderful depictions of nature, nature poetry—but a nature poetry of a very special kind. Yet it is also nature poetry when Friedrich Lienhard attempts to make people speak. Here, too, there is something that springs directly and naturally from human nature and reveals the spirit within our existence in nature. Where does this come from? It comes from something that one can perhaps only truly perceive in Friedrich Lienhard if one—and this is something one should do with all art, though today it has, I would say, completely vanished from people’s consciousness: the art of viewing art in this way, particularly poetry—allows oneself to be moved not merely by the content and the conceptual aspects of his art, but by what is truly artistic and formal. In the way his feelings and mental images move within him, how they develop, how they intensify and subside—in this peculiar surging of his soul’s experiences expressed in poetic language—we perceive something like the reign of elemental spirituality, a harmonious movement of the poetic soul with that which, according to our views, lives elementally in the etheric world out there in nature, beyond mere sensory existence, and what lives in the etheric world when the human expresses itself in a natural way, as, for example, in the expression of a child’s inner life. If one follows Friedrich Lienhard’s words, they seem to one as if the very elemental spirits—which we know permeate, warm, live through, and interweave all natural phenomena—were moving forth from these words. And this permeating, warming, living through, and weaving of the elemental beings in relation to nature continues right into the poetry of a poet who truly understands how to live in harmony with the spirit of nature.

[ 3 ] Ein weiteres Element bei Friedrich Lienhard ist, daß er gerade durch sein Erfassen großer Menschheits- und Weltenzusammenhänge, denen er, ich möchte sagen, mit seinem Gefühle innig verwandt ist, ohne in irgendein engherzig Nationales zu verfallen, die treibenden, wirkenden Kräfte und Wesenheiten des Volkslebens zu erfassen sucht, und wiederum das Volksleben nicht aus der Einzelheit der zufälligen Individuen heraus, sondern aus dem ganzen Walten und Wogen des Volksseelenprinzips heraus zu erfassen versucht, und die einzelnen Gestalten hineinstellt in den großen geistigen Zusammenhang, in dem sie im Volksleben drinnenstehen können. Dadurch ist Friedrich Lienhard imstande, eine solche Gestalt, die von einer Art atavistischem Hellsehertum durchgeistigt ist wie der Pfarrer Oberlin vom elsässischen Steintal, in einer auf der einen Seite wirklich ganz plastischen und auf der anderen Seite doch wiederum außerordentlich intim-seelischen Weise zu erfassen und darzustellen. Und aus diesem Impulse heraus wußte er die Göttergestalten der Vorzeit in die Gegenwart wiederum heraufzurufen, nicht so, daß er etwa von den alten Göttersagen, von den alten Heldensagen nur das Inhaltliche nimmt, sondern indem er wirklich versucht, in der Sprache der Gegenwart die Möglichkeit zu finden, das, was als Wellenschlag dieses alte Leben durchlebt hat und bis in unsere heutige Zeit heraufschlägt, wiederum zu erwecken. Dadurch ist in gewissem Sinne Friedrich Lienhard wirklich einer der vornehmen Dichter der Gegenwart, weil andere Dichter der Gegenwart so sehr gesucht haben, mit Absehen, möchte ich sagen, von allem Künstlerisch-Geistigen auf das Naturalistische und Realistische sich zu verlegen und dadurch etwas Neues zu schaffen; während der wirkliche Poet nicht in diesem Sinne durch naturalistische Schrullen in unserer Gegenwart das Neue schaffen will, sondern es schaffen will dadurch, daß er den ewigen Strom der ewigen Schönheit in einer neuen Weise erfaßt, so aber, daß die Kunst wirklich Kunst bleibt. Und wirkliche Kunst kann eben niemals ohne Geistigkeit sein.

[ 3 ] Another aspect of Friedrich Lienhard’s work is that, precisely through his grasp of the grand contexts of humanity and the world—to which, I might say, he is deeply connected through his feelings—he seeks to grasp the driving, active forces and entities of national life without falling into any kind of narrow-minded nationalism, and, in turn, he attempts to grasp folk life not from the particulars of random individuals, but from the entire ebb and flow of the principle of the folk soul, placing the individual figures within the larger spiritual context in which they can exist within folk life. Through this, Friedrich Lienhard is able to grasp and portray a figure such as Pastor Oberlin of the Alsatian Steintal—who is imbued with a kind of atavistic clairvoyance—in a manner that is, on the one hand, truly vivid and, on the other hand, extraordinarily intimate and spiritual. And driven by this impulse, he was able to summon the divine figures of antiquity back into the present—not by merely drawing on the content of the ancient myths of gods and heroes, but by genuinely striving to find, in the language of the present, a way to reawaken that which, like the surge of a wave, has lived through that ancient life and continues to wash up into our own time. In this sense, Friedrich Lienhard is truly one of the distinguished poets of our time, because other contemporary poets have sought so earnestly—with disregard, I might say, for all that is artistic and spiritual—to focus on the naturalistic and the realistic in order to create something new; whereas the true poet does not seek to create the new in this sense through naturalistic quirks in our present age, but rather seeks to create it by grasping the eternal stream of eternal beauty in a new way—yet in such a way that art truly remains art. And true art can never exist without spirituality.

[ 4 ] Dadurch ist es wohl auch, daß Friedrich Lienhard näher gekommen ist demjenigen, was er nennt «Wege nach Weimar». Er hat ja lange Zeit eine in freien Zeiträumen erscheinende Zeitschrift herausgegeben, «Wege nach Weimar», wo er versuchte, zu den großen Ideen und Kunst-Impulsen der großen Zeit von der Neige des achtzehnten und dem Beginne des neunzehnten Jahrhunderts sich hinzuwenden, um zu erkennen, was in dieser gerade heute in vieler Beziehung, wie wir in der Schlußbetrachtung vielleicht sehen werden, vollständig oder zum großen Teil doch vergessenen und verklungenen großen Periode wirklich Wert hat. Daher suchte er nun wieder seine späteren künstlerischen Perioden zu vertiefen, ich möchte sagen, zu verinnerlichen, so daß zuletzt eben so wunderbar innerliche Dichtungen herauskommen konnten wie diejenigen, die sich auf Gestalten wie etwa die Odilia beziehen und dergleichen. Mit all dem weiß er dann zu verbinden im echten, wahren Sinne die christlichen Impulse, die durch die Menschheit wallen und weben. Und merkwürdig ist es, daß er sich, nicht durch den äußeren Inhalt seines dichterischen Schaffens, sondern durch die Art und Weise, wie die elementarischen Wesen ihn tragen, bis ins Einzelne hinein nähert einem Elemente, das, wie es schien, ganz verloren gegangen war der deutschen Dichtung, daß er sich nähert — Sie werden es bemerken können aus der Rezitation heraus an manchen Stellen — dem alliterierenden Kunstelemente, der Alliteration.

[ 4 ] This is likely also why Friedrich Lienhard has come closer to what he calls “Paths to Weimar.” For a long time, he published a journal that appeared at irregular intervals, “Wege nach Weimar,” in which he sought to turn his attention to the great ideas and artistic impulses of that momentous era spanning the late eighteenth and early nineteenth centuries, in order to discern what truly holds value in this great period—a period that, as we may see in the concluding remarks, has been completely or largely forgotten and faded away in many respects, especially today. Consequently, he sought once again to deepen—I would say, to internalize—his later artistic periods, so that ultimately he was able to produce poems just as wonderfully intimate as those relating to figures such as Odilia and the like. He then knew how to combine all of this, in the genuine, true sense, with the Christian impulses that surge and weave through humanity. And it is remarkable that—not through the external content of his poetic work, but through the way in which the elemental beings carry him—he approaches, down to the finest detail, an element that, as it seemed, had been completely lost to German poetry; that he approaches — as you will be able to notice from the recitation in some places — the artistic element of alliteration.

[ 5 ] Diese Alliteration und dasjenige, was sie für das deutsche Wesen Verwandtes hat mit der ganzen mitteleuropäischen deutschen Volkssubstanz, bringt ihn eben einem Dichter nahe, der, zum Teil durch seine Schuld, aber hauptsächlich durch die Schuld der Zeit und ihrer Abwege wenig hat verstanden werden können, und den wir Ihnen im zweiten Teil durch die Rezitation heute nahebringen wollen: Wilhelm Jordan. Wilhelm Jordan versuchte gerade durch den Stabreim, die Alliteration, wieder zu erneuern, wie er meint, den «alten Redestrom der rauschenden Vorzeit». Er konnte gar nicht anders, als dieses Formale der alten Dichtung wiederum hereinzutragen in die Gegenwart, die er zu erheben versuchte über das Kleine des Alltags hinaus zu den großen bewegenden Impulsen. Und man muß sagen: Es ist förmlich ein Jammer, obwohl es nicht ganz ohne die Schuld Jordans geschehen ist, daß solch eine Dichtung wie der «Demiurg», wo versucht wird, die weltbewegenden Geist-Prinzipien mit dem Menschheitsgeschehen auf der Erde in wahren Zusammenhang zu bringen, so ganz vorübergehen konnte ohne eine Wirkung. Sie ist in den fünfziger Jahren, wie ich sagte, nicht ganz ohne die eigene Schuld Wilhelm Jordans, vorübergegangen. Aus dem Grunde sage ich das, weil die naturalistisch-naturwissenschaftliche Art, die Dinge anzuschauen, allerdings ja schon hineinfiel in bezug auf seine eigene Weltanschauung, und er sich dadurch vieles verdorben hat. Vieles verdorben hat ja auch in den «Nibelungen», daß da statt der früher in viel tieferer Weise angesehenen Prinzipien die naturalistischen Prinzipien der Vererbung walten, der stoffliche Übergang der Kräfte der Vererbung von einer Generation auf die andere, daß, ich möchte sagen, statt der Seele zu sehr das Blut waltet. Dadurch hat gewiß Wilhelm Jordan seinen Tribut abgetragen an die naturalistisch-naturwissenschaftliche Auffassung der Gegenwart. Er hat aber auf der anderen Seite seinen Dichtungen dasjenige genommen, was vielleicht schon in einer früheren Zeit den Kunstbestrebungen der Menschheit die großen geistigen Impulse hätte geben können, so daß nicht alles hätte versinken müssen in dem unkünstlerischen Barbarentum, das vielfach in der späteren Zeit an die Stelle früherer geistiger Prinzipien getreten ist. Wir können da ja sehen, wie heute nur noch gespottet wird über dasjenige, was Wilhelm Jordan wollte. Aber, ich möchte sagen, an uns ist es, diese großen Impulse, wo immer sie aufgetreten sind, wirklich auf unsere Seele wirken zu lassen, denn es wird dennoch für diese Impulse die Zeit kommen, wo sie eine gewisse Mission im ganzen Welten-Menschheitswerden werden zu erfüllen haben.

[ 5 ] This alliteration—and what it shares with the German spirit, which is akin to the entire Central European German folk tradition—brings him close to a poet who, partly through his own fault but mainly through the fault of the times and their aberrations, has been little understood, and whom we wish to introduce to you today in the second part through a recitation: Wilhelm Jordan. Wilhelm Jordan sought, precisely through alliteration and assonance, to revive, as he put it, the “ancient flow of speech from the roaring past.” He could not help but reintroduce this formal element of ancient poetry into the present, which he sought to elevate beyond the trivialities of everyday life to the great, stirring impulses. And one must say: It is truly a pity—though it did not happen entirely without Jordan’s own fault—that a work of poetry such as The Demiurge, which attempts to establish a true connection between the world-shaking spiritual principles and the course of human history on Earth, could pass by so completely without making an impact. As I said, it passed unnoticed in the 1950s, though not entirely without Wilhelm Jordan’s own fault. I say this because the naturalistic, scientific way of viewing things had, in fact, already crept into his own worldview, and he thereby spoiled much for himself. Much was also spoiled in The Nibelungen by the fact that, instead of the principles that were previously viewed in a much deeper way, the naturalistic principles of heredity prevail—the material transmission of hereditary forces from one generation to the next—so that, I would say, blood prevails too much over the soul. In this way, Wilhelm Jordan certainly paid his tribute to the naturalistic-scientific view of the present. On the other hand, however, he has deprived his works of that which might, even in an earlier age, have provided the great spiritual impulses for humanity’s artistic endeavors, so that not everything would have had to sink into the inartistic barbarism that has in many cases replaced earlier spiritual principles in later times. We can see, after all, how what Wilhelm Jordan sought is now merely a subject of ridicule. But, I would say, it is up to us to truly allow these great impulses—wherever they have arisen—to take effect upon our souls, for the time will nevertheless come when these impulses will have a certain mission to fulfill in the overall development of the world and humanity.

[ 6 ] Gewiß, der Dichter Friedrich Lienhard wird in weiten Kreisen anerkannt. Aber dasjenige, was vielleicht gerade innerhalb unserer Kreise in ihm gefunden werden kann, das sollen wir versuchen herauszufinden, denn das wird es ja vor allen Dingen sein, was, ich glaube, seine künstlerischen Bestrebungen zusammen mit der Woge der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen in die Zukunft tragen wird. Und jetzt wollen wir zunächst Friedrich Lienhards Dichtungen und einiges aus der Nibelungen-Dichtung Wilhelm Jordans, der Siegfried-Sage selber, anhören.

[ 6 ] Certainly, the poet Friedrich Lienhard is widely recognized. But we should try to discover what it is about him that can perhaps be found specifically within our circles, for that, I believe, will be the very thing that carries his artistic endeavors—together with the wave of endeavors in the field of Spiritual Science—into the future. And now let us first listen to Friedrich Lienhard’s poems and some excerpts from Wilhelm Jordan’s Nibelungen epic—the Siegfried saga itself.

[ 7 ] (Rezitation der folgenden Gedichte Friedrich Lienhards durch Frau Dr. Steiner:

[ 7 ] (Recitation of the following poems by Friedrich Lienhard by Dr. Steiner:

[ 8 ] «Glaube», «Morgenwind», «Waldgruß», «Das schaffende Licht», «Einsamer Fels», «Habt ihr es auch erfahren?», «All die zarten Blumenglockeny. «Seelenwanderung». «Elfentanz». «Sommernacht». Odilienlieder: «Herbst auf Odilienberg». «St. Odiliay. — Rezitation aus dem «Nibelungenlied» von Wilhelm Jordan.)

[ 8 ] “Faith,” “Morning Wind,” “Greeting from the Forest,” “The Creative Light,” “Lonely Rock,” “Have You Also Experienced It?,” “All the Delicate Flower Bells,” “Migration of Souls,” “Elven Dance.” “Summer Night.” Odilia Songs: “Autumn on Odilia Mountain.” “St. Odilia.” — Recitation from the “Nibelungenlied” by Wilhelm Jordan.)

[ 9 ] Es wird immer wiederum gut sein, dichterische Kunst gerade solcher Art auf sich wirken zu lassen. Wir haben ja in Friedrich Lienhard einen Dichter vor uns, der versucht, wirklich in die Gegenwart noch hereinzutragen geistig-idealistische Seelenerlebnisse, die er stark genug ist, mit Naturerlebnissen zu verbinden. Und bei solchen Dingen spürt man noch etwas davon, daß es mehr ankommt auf das Wie in der Kunst, denn auf das Was. Wie wunderbar zieht sich hin der Zauber über die Gegend um den Odilienberg herum, und wie schön wird lyrisch unmittelbar gegenwärtig die Empfindung, welche diese Schutzpatronin Odilia des Klosters vom Odilienberg ausstrahlt. Daß sie einstmals von ihrem grausamen Vater verfolgt worden ist, geblendet worden ist, und daß sie gerade durch den Verlust des Augenlichtes die mystische Fähigkeit erlangte, Blinde zu heilen, sehend zu machen, das ist ja die Sage, um die sich alles übrige herumgliedert. Und alles dasjenige, was an wahrer, tiefer Mystik sich um diese Sage gliedert, lyrisch verbunden mit der Natur um den elsässischen Odilienberg herum, findet sich gerade in den Ihnen rezitierten Gedichten Friedrich Lienhards. Gedichte aber von solcher Kraft und zu gleicher Zeit von solcher Intimität, von solch seelisch-geistiger Art, können Sie viele, viele bei ihm finden. Und er gibt wirklich Veranlassung, durch dasjenige, was, ich möchte sagen, elementarisch schwingt und webt mit der Form seines Dichtens, sich zu erinnern des wirklich viel verkannten Wilhelm Jordan.

[ 9 ] It will always be a good thing to let poetic art of precisely this kind take its course. In Friedrich Lienhard, we have before us a poet who attempts to truly bring into the present spiritual-idealistic experiences of the soul—experiences he is strong enough to combine with experiences of nature. And in such works, one still senses that in art, the “how” matters more than the “what.” How wonderfully the magic envelops the area around the Odilienberg, and how beautifully the feeling radiated by Odilia, the patron saint of the Odilienberg Monastery, becomes lyrically and immediately present. That she was once persecuted by her cruel father, that she was blinded, and that it was precisely through the loss of her sight that she attained the mystical ability to heal the blind and restore their sight—that is, after all, the legend around which everything else is structured. And all that true, profound mysticism centered on this legend—lyrically intertwined with the natural world surrounding the Odilienberg in Alsace—is found precisely in the poems by Friedrich Lienhard that were recited to you. But you will find many, many poems of such power and, at the same time, such intimacy, of such a spiritual and soulful nature, in his work. And he truly gives us reason, through that which—I would say—vibrates and weaves in an elemental way with the form of his poetry, to remember the truly much-misunderstood Wilhelm Jordan.

[ 10 ] Aus der kleinen Probe, die wir haben heute hören können, werden Sie auf der einen Seite ersehen haben, wie sehr sich dieser Dichter bemüht, die Gestalten, die er hinstellt vor uns, aus dem großen geistigen Weben des Lebens heraus zu schaffen und mit dem, was uns in der äußeren physischen Welt entgegentritt, zugleich mitleben zu lassen dasjenige, was webt und wirkt aus der wogenden Geisteswelt heraus. Gerade bei Wilhelm Jordan kann man erfahren, denke ich, wie die dichterische Seele sich verbinden kann mit einem weltgeschichtlichen Strömen, so daß in dem, was uns dichterisch-künstlerisch entgegentritt, wirklich das Streben lebt, das als geistige Strömungen das Weltenwerden durchschwirrt und durchwirkt.

[ 10 ] From the brief excerpt we were able to hear today, you will have seen, on the one hand, how earnestly this poet strives to create the figures he presents to us out of the great spiritual tapestry of life, and to weave them together with what we encounter in the outer physical world, at the same time allowing them to experience that which weaves and works from the surging spiritual world. It is precisely in Wilhelm Jordan, I believe, that one can experience how the poetic soul can connect with the currents of world history, so that in what confronts us poetically and artistically, the striving truly lives on—the striving that, as spiritual currents, permeates and interweaves the unfolding of the world.

[ 11 ] Ich habe das letzte Mal, als wir hier beisammen waren am letzten Dienstag, darauf hinweisen müssen: Was würde aus der Fortentwickelung der Menschheit auf der Erde, wenn kein geistiger, kein spiritueller Einschlag sich hineinfinden könnte in dasjenige, was sozusagen durch das rein äußere physische Dasein veranlagt ist? Und nicht nur auf dem äußeren Gebiete des Wissens, der Wissenschaft, des sozialen Lebens und so weiter, sondern auch auf den Gebieten der Kunst tritt uns stark entgegen, daß wir in einer kritischen Zeit leben, insofern als eine Krisis sich vollzieht, nicht in dem Sinne, wie das Wort «Kritik», das mit Krisis auch zusammenhängt, in der Zwergenliteratur der Gegenwart verwendet wird. Denn wenn nicht das Lebendige der Geisteswissenschaft das menschliche Seelenleben erfaßt, muß die Kunst, die ohne Geist nicht sein kann, der Menschheit verloren gehen, muß verschwinden in der Art, wie sie noch herübertönt von Gestalten wie Wilhelm Jordan, und wie sie festgehalten zu werden versucht wird von Gestalten wie Friedrich Lienhard. Heute sehen die Menschen noch nicht diese drohende Gefahr des künstlerischen Niederganges ein, weil in vieler Beziehung auch auf diesem Gebiete jener Rausch waltet und jenes Traumleben, von dem ich am letzten Dienstag hier gesprochen habe, obwohl man heute schon vieles sehen könnte, wenn man nur Auffassungs-Organe dafür hätte. Wünschen möchte man, daß immer mehr und mehr Leute gerade aus einem geisteswissenschaftlichen Empfinden heraus einsehen würden, was es eigentlich heißt für dieGegenwart, daß eine noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit wirklich vorhandene Kunst, die Schauspielkunst, versumpft und verdirbt in demjenigen, was der Gegensatz von allem künstlerischen Sinn ist. Der Reinhardtianismus ist Vorzeichen von dem, wozu Kunst verkommen wird, wenn es nichts weiter geben wird als jenes Sichabkehren von allem geistigen Leben und geistigen Empfinden, das immer mehr und mehr um sich greift. Zu den traurigsten Erscheinungen der Gegenwart gehört es, daß eine größere Anzahl von Menschen sich heute finden kann, die überhaupt solche Gaukelei, wie der Reinhardtianismus ist, noch als Kunst anzusprechen vermögen.

[ 11 ] The last time we were gathered here, last Tuesday, I had to point out: What would become of humanity’s further development on Earth if no intellectual, no spiritual influence could find its way into that which is, so to speak, determined by purely external physical existence? And not only in the external realms of knowledge, science, social life, and so on, but also in the realm of art, it becomes strikingly clear to us that we are living in a critical time, insofar as a crisis is unfolding—not in the sense in which the word “criticism,” which is also related to “crisis,” is used in the trivial literature of the present day. For if the living essence of Spiritual Science does not grasp the life of the human soul, art—which cannot exist without spirit—must be lost to humanity; it must vanish in the manner in which it still resonates through figures such as Wilhelm Jordan, and as it is being attempted to be preserved by figures such as Friedrich Lienhard. Today, people do not yet recognize this looming danger of artistic decline, because in many respects, even in this field, that intoxication and that dreamlike existence prevail—the very ones I spoke of here last Tuesday—even though one could already see much today, if only one had the faculties of perception for it. One would wish that more and more people, precisely out of a spiritual science-based sensibility, would come to realize what it actually means for the present that an art form—the art of drama—which truly existed until relatively recently is now stagnating and decaying into that which is the very antithesis of all artistic sense. Reinhardtianism is a harbinger of what art will degenerate into if there is nothing left but that turning away from all spiritual life and spiritual sensibility, which is spreading more and more. One of the saddest phenomena of the present day is that a large number of people today are still capable of regarding such a charade as Reinhardtianism as art at all.

[ 12 ] Um hier auf diesem Gebiete klar zu sehen, dazu gehört heute schon jener starke Impuls, der aus dem von der Geisteswissenschaft entflammten künstlerischen Empfinden heraus kommen kann. Denn dasjenige, was heute gerade modernes Leben auf künstlerischem Gebiete genannt wird, das ist vielfach nichts anderes, als ein wirres Taumeln durch die Welt. Wenn man nur versucht, wirklich das Leben der Gegenwart zu erfassen, kann man schon, ich möchte sagen, die Stelle bezeichnen, wo heute hineinplumpst das vom Materialismus ganz zerfressene Leben gerade in das Sumpfgebiet der Kunst, oder, von der anderen Seite angesehen, in das Vergessen alles desjenigen, was Kunst eigentlich ist. Denn damit wirklicher künstlerischer Sinn in der Entwickelung der Menschheit fortgepflanzt werden kann, dazu ist notwendig, daß dasjenige, was von früher gekommen ist, was zum Beispiel auch in Lienhards Dichtungen lebt und was in einer gewissen Weise eine Art von Natur-Pantheismus und Geistes-Pantheismus ist, ins Konkrete hinein sich entwickeln kann, daß die Menschen verstehen lernen die Mannigfaltigkeit des Lebens so, daß sie sehen neben dem Sinnlichen das Ätherische und das Astralische und das Geistige. Denn ohne dieses Sehen bleibt die Menschheit blind, blind gerade in bezug auf das Künstlerische. Und die Welt veranlagt sich, könnte man sagen, gerade in bezug auf die künstlerische Anschauung dazu, nur noch das ganz derbe äußere Sinnliche zu nehmen und dieses anzuschauen, wie es ist, und es unmittelbar zu beschreiben.

[ 12 ] To see clearly in this field today requires that strong impulse which can arise from an artistic sensibility kindled by Spiritual Science. For what is currently called “modern life” in the artistic realm is, in many cases, nothing more than a confused stumbling through the world. If one merely attempts to truly grasp contemporary life, one can already—I would say—identify the point where life, completely corroded by materialism, plummets today into the swamp of art, or, viewed from the other side, into the oblivion of everything that art actually is. For in order for true artistic sensibility to be perpetuated in the development of humanity, it is necessary that what has come from the past—what lives, for example, in Lienhard’s poetry and what is, in a certain sense, a kind of natural pantheism and spiritual pantheism—be able to develop into the concrete, so that people may learn to understand the diversity of life in such a way that they perceive, alongside the physical, the etheric, the astral, and the spiritual. For without this vision, humanity remains blind—blind, in particular, with regard to the artistic. And the world, one might say, is inclined—precisely with regard to artistic perception—to take only the very coarse, external, sensory realm, to view it as it is, and to describe it directly.

[ 13 ] Nun ist es allerdings kaum möglich, solche Beschreibungen oder solche Nachbildungen anders zu geben als dadurch, daß etwas auftritt, was, ich möchte sagen, Unklarheit in bezug auf die Erfassung des Lebens ist, Rausch- und Traumzustände, in denen man im Grunde genommen nirgends weiß, was man eigentlich vor sich hat. Und so kann man es denn erleben, daß gerade dieses unsinnige, unklare Taumeln gegenüber den Erscheinungen des Lebens heute vielfach feine Psychologie genannt und als feine Psychologie angesehen wird. Und das Herz tut einem so oftmals weh, wenn man sieht, daß so wenig Menschen geeignet sind, auf diesem Gebiete stark genug zu empfinden, und dagegen irgendwie sich aufzulehnen. Sehen wir uns Menschen an, wie sie uns entgegentreten dann, wenn wir sie anblicken — und der Künstler muß sie ja anblicken sehend, indem er sie hineinstellen kann in das tiefere Leben der Welt — mit denjenigen Seelenorganen, die schon einmal die Entwickelungsgeschichte der Menschheit an den Tag gebracht hat, so brauchen wir die Möglichkeit, zu sagen: Da ist ein Mensch, der ist so und so geartet, der erlebt dies oder jenes, weil wir wissen, dieser ist mehr in dem physischen Leib steckend, ein anderer steckt mehr in dem Ich, ein anderer mehr in dem astralischen Leib. Und wir müssen ein lebendiges Gefühl davon haben, wie sich die Charaktere der Menschen verteilen, indem der eine mehr vom Physischen, der andere mehr vom Ätherischen, mehr vom Astralischen, mehr vom Ichlichen ergriffen wird. Und wenn man das in der Gegenwart nicht kann, und will die Menschen etwa in der Dichtung künstlerisch beschreiben, so kommt eben das Taumeln heraus, das heute vielfach als Kunst genommen wird.

[ 13 ] Now, however, it is hardly possible to present such descriptions or such recreations in any other way than through the emergence of what I would call a lack of clarity regarding the perception of life—states of intoxication and dreaming in which, essentially, one never really knows what one is actually dealing with. And so one finds that it is precisely this nonsensical, unclear staggering in the face of life’s phenomena that is today often called “subtle psychology” and regarded as such. And it breaks one’s heart so often to see that so few people are capable of feeling strongly enough in this area and of rebelling against it in some way. Let us look at people as they appear to us when we gaze upon them—and the artist must indeed gaze upon them with a seeing eye, so that he can place them within the deeper life of the world—using those spiritual faculties that the history of human development has already brought to light; then we need the ability to say: Here is a person of such and such a nature, who experiences this or that, because we know that this person is more rooted in the physical body, another is more rooted in the “I,” and yet another more in the astral body. And we must have a living sense of how human characters are distributed, in that one is more influenced by the physical, another more by the etheric, another more by the astral, and another more by the ego. And if one cannot do this in the present, and wishes, for example, to describe people artistically in literature, then what emerges is precisely that confusion that is often regarded as art today.

[ 14 ] Sehen Sie, man muß schon, ich möchte sagen, an den bedeutenderen Erscheinungen die Sache anfassen, damit ein Verständnis erweckt werden kann von dem, was eigentlich ist. Es können einem vier Menschen entgegentreten, die, sagen wir, irgendwie durch das Karma zusammengestellt sind. Wenn vier Menschen zusammengestellt sind, kann man verstehen, wie sie durch das Karma miteinander in bestimmte Beziehungen gebracht sind, wie aber auch der Strom des Karma im Weltenlaufe verfließt und wie diese Menschen gerade in einer bestimmten Weise durch ihr Karma sich haben hineinstellen wollen in die Welt. Man wird niemals etwas verstehen von Standpunkten, die heute möglich sind, wenn man solche karmischen Zusammenhänge nicht in der Welt zu sehen vermag.

[ 14 ] You see, one really must—I would say—approach the matter through its more significant manifestations so that an understanding can be awakened of what is actually the case. One might encounter four people who, let’s say, have been brought together in some way by karma. When four people are brought together, one can understand how they are linked to one another through karma in specific ways, but also how the stream of karma flows in the course of world history, and how these people, precisely through their karma, have chosen to place themselves in the world in a particular way. One will never understand anything from the perspectives available today if one is unable to see such karmic connections in the world.

[ 15 ] Nun, nehmen Sie einmal die vier Brüder Dmitri, Iwan, Aljoscha Karamasow und Smerdjakow in Dostojewskis «Brüder Karamasow». Sie haben in diesen vier Brüdern Karamasow, wenn Sie mit seelischem Auge sehen können, wirklich vier Typen, die Sie nur verstehen können in der Art und Weise, wie sie durch das Karma zusammengetragen sind, so daß man weiß: Da trägt ein Strom des Karma vier Brüder in die Welt herein so, daß sie Söhne sein müssen eines typischen Lumpen der Gegenwart, aus einem der sumpfigsten Milieus, der diese vier Brüder zu seinen Söhnen hat. Da werden sie hereingetragen, indem sie sich gerade dieses Karma auswählen. Da werden sie aber auch nebeneinander gestellt, so daß man sieht, wie sie sich unterscheiden. So kann man sie nur begreifen, wenn man weiß: In dem einen überwiegt das Ich, in Dmitri Karamasow; in einem zweiten überwiegt der astralische Leib, in Aljoscha Karamasow; bei dem dritten überwiegt der Ätherleib, in Iwan Karamasow; bei dem vierten, in Smerdjakow, überwiegt ganz der physische Leib. Und ein Licht von Lebensverständnis fällt auf die vier Brüder, wenn man sie von diesem Standpunkte aus betrachten kann. Und nun denken Sie sich, wie ein Dichter von Wilhelm Jordans Gaben, und mit einer geistigen Weltauffassung, wie es heute zeitgemäß sein müßte, solche vier Brüder nebeneinander stellen würde: Wie es ihm gelingen würde, sie in ihren geistigen Grundlagen und Grundbedingungen zu begreifen! Dostojewski — was begreift er? Er begreift nichts anderes, als daß er diese vier Brüder hinstellt als die Söhne eines ganz typischen versoffenen Lumpen einer gewissen versumpften Gesellschaft der Gegenwart: Den ersten Sohn, Dmitri, als den Sohn einer halb abenteuernden, halb hysterischen Persönlichkeit, die aber, nachdem sie zuerst durchgegangen ist mit dem versoffenen alten Karamasow, ihn verprügelt, es endlich nicht bei ihm aushält und ihm nur den Sohn zurückläßt, den älteren, Dmitri. Alles ist nur auf die Vererbung gestellt mit der versoffenen und der verprügelnden Person, alles ist, ich möchte sagen, so gestellt, daß man den Eindruck hat: Hier schildert der Dichter so wie etwa der moderne Psychiater, der nur auf das Allergröbste des Vererbungsprinzips sieht und keine Ahnung hat von den geistigen Bedingungen, und auch «erbliche Belastung» vor unsere Seele hinbringen würde, dieses Tropf-Wort — ich meine nicht ein Wort, das tropft, sondern das von Tröpfen ersonnen worden ist im heutigen wissenschaftlichen Zusammenhange —. Dann haben wir die zwei nächsten Söhne: Iwan und Aljoscha. Sie sind von einer zweiten Frau, denn selbstverständlich muß die «erbliche Belastung» anders wirken bei diesen zwei Söhnen. Sie sind von der sogenannten SchreiLise, weil sie nicht halb, sondern ganz hysterisch ist und fortwährend Schreikrämpfe bekommt. Während die frühere den alten Säufer durchgeprügelt hat, prügelt der alte Säufer jetzt die Schrei-Lise durch. Der vierte Sohn, bei dem, ich möchte sagen, überwiegt alles dasjenige, was im physischen Leib steckt, ist Smerdjakow, eine Art Gemisch von weisem, bescheidenem und idiotischem Menschen, von ganz blödsinnigem und zum Teil auch ganz klugem Menschen. Der ist nun auch der Sohn des alten Säufers, des typischen Lumpen, aber mit einer stummen Person, die herumgeht in dem Otte, ein Dorftrottel, die die stinkende Lisaweta genannt wird und die vergewaltigt wird von dem alten Säufer. Sie stirbt bei der Geburt. Man weiß selbstverständlich nicht, daß es sein Sohn ist. Smerdjakow bleibt dann im Hause. Und nun spielen all die Szenen, die sich abspielen sollen, sich ab zwischen diesen Persönlichkeiten. Und Dmitri wird, durch «erbliche Belastung» selbstverständlich, ein Mensch, bei dem das ganz unterbewußte Ich stürmt und flutet und ihn im Leben weitertreibt, so daß er überall aus dem Unbewußten, aus der Besinnungslosigkeit heraus in das Leben taumelt, und er wird uns auch so gezeichnet, daß man im Grunde genommen es nicht zu tun hat mit einer gesunden, geistigen, sondern mit einer hysterischen Kunst. Aber es ist das mit aus der naturgemäßen Entwickelung der Gegenwart heraus, jener Gegenwart, die sich nicht beeinflussen und befruchten lassen will von demjenigen, was von einer geistigen Weltauffassung kommen kann. Alles dasjenige, was nicht recht weiß, was es will, unklare Instinkte, die ebensogut zur besten Mystik sich entfalten können wie zum äußersten Verbrechertum, ja, von dem einen zu dem anderen leicht den Übergang finden aus dem Unbewußten heraus, all das gibt gewissermaßen Dostojewski in Dmitri Iwanowitsch Karamasow. Einen Russen will er schildern; denn immer will er wahres Russentum schildern.

[ 15 ] Well, take, for example, the four brothers—Dmitri, Ivan, Alyosha Karamazov, and Smerdyakov—in Dostoevsky’s The Brothers Karamazov. If you can see with the eye of the soul, you will find in these four Karamazov brothers four distinct types whom you can only understand in terms of how they have been brought together by karma, so that one knows: A stream of karma carries these four brothers into the world in such a way that they must be the sons of a typical scoundrel of the present day, from one of the most seedy milieus, who has these four brothers as his sons. They are brought into the world by choosing precisely this karma. But they are also placed side by side, so that one can see how they differ. Thus one can understand them only if one knows: in one, the ego predominates—in Dmitri Karamazov; in a second, the astral body predominates—in Alyosha Karamazov; in the third, the etheric body predominates—in Ivan Karamazov; and in the fourth, Smerdyakov, the physical body predominates entirely. And a light of understanding of life shines upon the four brothers when one can view them from this perspective. And now imagine how a poet endowed with Wilhelm Jordan’s gifts—and possessing a spiritual worldview appropriate to our times—would place these four brothers side by side: how he would succeed in grasping them in their spiritual foundations and fundamental conditions! Dostoevsky—what does he understand? He understands nothing other than that he presents these four brothers as the sons of a thoroughly typical, drunken scoundrel from a certain degenerate contemporary society: The first son, Dmitri, as the son of a half-adventurous, half-hysterical woman who, after initially going through a rough patch with the drunken old Karamazov, beats him up, finally can’t stand him anymore, and leaves him only with their son, the older one, Dmitri. Everything is framed solely in terms of heredity—the drunkard and the abusive mother—and everything is, I might say, presented in such a way that one gets the impression: Here the author describes things much like a modern psychiatrist who focuses only on the crudest aspects of the principle of heredity and has no idea of the psychological conditions, and who would also present “hereditary burden” to our minds—this dripping word—I do not mean a word that drips, but one that has been concocted from drips in today’s scientific context. Then we have the next two sons: Ivan and Alyosha. They are by a second wife, for of course the “hereditary burden” must have a different effect on these two sons. They are by the so-called “Screaming Lise,” because she is not half but completely hysterical and constantly suffers from screaming fits. While the first wife used to beat the old drunkard senseless, the old drunkard now beats “Screaming Lise” senseless. The fourth son, in whom—I might say—everything inherent in the physical body predominates, is Smerdyakov, a sort of mixture of a wise, modest, and idiotic man—a man who is completely foolish and, in part, also quite clever. He, too, is the son of the old drunkard—that typical scoundrel—but his mother was a mute woman who wandered around Otte, a village idiot known as Stinking Lisaveta, who was raped by the old drunkard. She died in childbirth. Of course, no one knows that he is her son. Smerdyakov then remains in the house. And now all the scenes that are meant to unfold take place between these characters. And Dmitri becomes—due to “hereditary burden,” of course—a man in whom the entirely subconscious self rages and surges, driving him forward in life, so that he stumbles into life everywhere from the unconscious, from a state of unconsciousness, and he is portrayed to us in such a way that, fundamentally speaking, we are not dealing with a healthy, intellectual art, but with a hysterical one. But this stems from the natural development of the present—that present which refuses to be influenced or enriched by anything that might come from an intellectual worldview. Everything that does not quite know what it wants—unclear instincts that can unfold just as easily into the highest mysticism as into the most extreme criminality, indeed, that can easily transition from one to the other from within the unconscious—all of this, in a sense, Dostoevsky portrays in Dmitri Ivanovich Karamazov. He wants to portray a Russian; for he always seeks to portray true Russianness.

[ 16 ] Iwan, der andere Sohn, der nächste, der ist ein Westler. Westler nennt man diejenigen, welche mehr mit der Kultur des Westens bekannt geworden sind, während Dmitri nichts weiß von der Kultur des Westens, sondern ganz aus den russischen Instinkten heraus wirkt. Iwan war in Paris, hat allerlei studiert, hat die westliche Weltanschauung aufgenommen, diskutiert mit den Leuten — so will ihn uns Dostojewski zeigen — nun ganz erfüllt mit den Ideen der materialistischen Weltanschauung des Westens, aber mit der Grübelei des Russen. Er diskutiert mit den Menschen darüber, indem sich der Nebel der Instinkte hineinmischt in allerlei Gedanken der modernen geistigen Kultur. Er diskutiert: Soll man Atheist sein, soll man nicht Atheist sein, kann man einen Gott annehmen, kann man nicht einen Gott annehmen? Dann kommt er dazu: Man kann doch einen Gott annehmen! Ja, den Gott akzeptiere ich — dafür tritt er zuletzt ja ein, den Gott anzunehmen —, aber die Welt kann ich nicht akzeptieren! Wenn ich schon den Gott akzeptiere, so kann ich nicht die Welt akzeptieren, denn diese Welt, wie sie da ist, wie sie auftritt, die kann nicht von Gott erschaffen sein. Ich nehme den Gott an, ich nehme aber nicht die Welt an! So gehen seine Diskussionen.

[ 16 ] Ivan, the other son, the younger one, is a “Westernizer.” “Westernizers” are those who have become more familiar with Western culture, whereas Dmitri knows nothing of Western culture but acts entirely on the basis of Russian instincts. Ivan was in Paris, studied all sorts of things, absorbed the Western worldview, and debated with people—this is how Dostoevsky wants to portray him to us—now completely imbued with the ideas of the West’s materialist worldview, yet with the brooding mind of a Russian. He debates these matters with people, as the fog of instincts mingles with all manner of thoughts from modern intellectual culture. He debates: Should one be an atheist, or should one not be an atheist? Can one accept a God, or can one not accept a God? Then he comes to this conclusion: One can, after all, accept a God! Yes, I accept that God—for in the end, that is what he advocates, accepting God—but I cannot accept the world! If I accept God, I cannot accept the world, for this world, as it is, as it appears, cannot have been created by God. I accept God, but I do not accept the world! That is how his discussions go.

[ 17 ] Der dritte, Aljoscha, wird früh Klosterbruder. Es ist derjenige, in dem der astralische Leib überwiegt. Aber es wird uns auch angezeigt, wie in ihm allerlei Instinkte wirken, auch durch die Mystik, die sich in ihm entwickelt, und wie er im Grunde genommen durch dieselben Instinkte, durch die sein älterer Bruder, Dmitri, der nur von einer anderen Mutter ist, eine eigentlich verbrecherisch veranlagte Natur ist, die sich bei ihm anders ausbilden, dazu kommt, Mystiker zu sein. Verbrechertum ist nur eine besondere Ausgestaltung derselben Instinkte, die auf der anderen Seite das Sichwundbeten und das Glauben an die göttliche Liebe, die alle Welt durchzieht, hervorrufen, denn beides kommt aus dem Niederen, aus den unteren Instinkten der Menschennatur, bildet sich nur nach verschiedener Weise aus.

[ 17 ] The third, Alyosha, becomes a monk at an early age. He is the one in whom the astral body predominates. But we are also shown how all manner of instincts are at work within him—including through the mysticism that develops in him—and how, fundamentally, it is through these very same instincts—which, in his older brother Dmitri (who is simply from a different mother), give rise to a nature with a criminal disposition that manifests differently in him—that he comes to be a mystic. Criminality is merely a particular manifestation of the same instincts that, on the other hand, give rise to self-flagellation and belief in the divine love that pervades the entire world; for both stem from the lower realm, from the base instincts of human nature, and simply take shape in different ways.

[ 18 ] Es ist selbstverständlich nicht das Geringste dagegen einzuwenden, auch solche Gestalten in der Kunst zu verwenden, denn alles, was in der Wirklichkeit ist, kann Gegenstand der Kunst werden. Aber auf das Wie kommt es an, nicht auf das Was, sie müssen dann durchdrungen sein von dem Weben und Wesen des Geistigen. Durch die eigentümlichen Verhältnisse, die ich oftmals hier besonders in bezug auf die russische Kultur auseinandergesetzt habe, hat sich gerade in Dostojewski dasjenige zum Ausdruck gebracht, was die Menschheitsentwickelung sein muß, wenn im russischen Leben noch Spiritualität walten wird rein durch das Fortentwickeln der natürlichen Verhältnisse, wie ich es neulich im Gegensatz stellte zu den spirituellen Verhältnissen. Dostojewski war ja vom Anfange an der inkarnierte Deutschenhasser, der es sich instinktiv zur Aufgabe gemacht hat, nur ja nichts in seine Seele hereinfließen zu lassen von westeuropäischer Kultur, der nur dabei stehen bleiben wollte, im Taumel die Weltengestalten zu erfassen, die an ihm vorüberzogen, und der sorgfältig vermied, irgend etwas Spirituelles in dem physischen Menschengewoge zu schauen, das vor seiner Seele auf und ab wogte, und der, statt aus den Tiefen des Seelischen heraus die Gestalten zu fassen, sie aus den Untergründen der rein physischen Natur, die bei ihm selber krankhaft war, herausbrachte. Und das wirkte dann auf die Menschen, die vergessen hatten die Möglichkeit, heraufzukommen in das Geistige. Das wirkte auf die Menschen, daß noch eine Natur ihr, ich möchte sagen, krankhaftes Brodeln und Kochen, das in den Eingeweiden des Menschen wirkt, umzugestalten in der Lage war in der Kunst mit Ausschluß alles Geistigen. Das wirkte. Sonst würde natürlich die bloße Schilderung eben eine Schilderung, eine Beschreibung sein, würde strohern und hölzern sein. Aber dadurch, daß es aus einem Unterbewußtsein, das krankhaft, das hysterisch wirkt, heraus kommt, dadurch ist es interessant geworden, sogar in vieler Beziehung sehr interessant, namentlich durch jene Paradoxie, welche herauskommt, wenn man sich ohne einen Funken von spirituellem Leben, ich möchte sagen, mit Gemüt, denn das ist ja bei Dostojewski in höchstem Maße vorhanden, überläßt dem bloß physischen Dasein der Welt.

[ 18 ] Of course, there is not the slightest objection to using such figures in art, for everything that exists in reality can become the subject of art. But it is the “how” that matters, not the “what”; they must then be imbued with the interplay and essence of the spiritual. Through the peculiar circumstances that I have often discussed here—particularly in relation to Russian culture—it is precisely in Dostoevsky that what the development of humanity must be has found expression, if spirituality is to continue to prevail in Russian life purely through the further development of natural conditions, as I recently contrasted this with spiritual conditions. Dostoevsky was, after all, from the very beginning the incarnate hater of Germans, who instinctively made it his task to let absolutely nothing from Western European culture flow into his soul, who wanted only to stand there, in a frenzy, grasping the figures of the world as they passed him by, and who carefully avoided to see anything spiritual in the physical human tide that surged up and down before his soul, and who, instead of grasping the figures from the depths of the soul, brought them forth from the depths of purely physical nature, which was pathological in him. And this then had an effect on people who had forgotten the possibility of ascending into the spiritual. This had an effect on people such that another aspect of nature—I would say its pathological seething and boiling, which works within the human gut—was able to be transformed in art, to the exclusion of everything spiritual. That had an effect. Otherwise, of course, the mere depiction would simply be a depiction, a description; it would be straw-like and wooden. But because it springs from a subconscious that acts in a pathological, hysterical manner, it has become interesting—even very interesting in many respects—namely through that paradox that emerges when one, without a spark of spiritual life, so to speak, with feeling—for this is present to the highest degree in Dostoevsky—surrenders to the purely physical existence of the world.

[ 19 ] Und so ist denn in «Die Brüder Karamasow» hineinverwoben jene merkwürdige Episode von dem Großinquisitor, der uns vorgestellt wird so, daß vor ihm der wiederverkörperte Christus auftritt, so daß also einem Großinquisitor — es wird das so dargestellt, daß Iwan Karamasow diese Novelle geschrieben hat, und sie wird dann eingefügt in die «Brüder Karamasow» —, dem rechten Mann des orthodoxen Christentums seiner Zeit, denn er weiß, was im Christentum webt und lebt für seine Zeit, der wiederverkörperte Christus gegenübertritt. Nun denken Sie sich den Mann des Christentums, den rechten Mann der Orthodoxie, dem wiederverkörperten Christus selber gegenüberstehend. Was kann er anderes tun, der Großinquisitor, der das «rechte» Christentum vertritt, als selbstverständlich den Christus, der wiederverkörpert auftritt, einsperren zu lassen! Das ist das erste, das er tut. Dann hat er Inquisition zu üben, er hat ihn zu verhören. Es stellt sich auch heraus, daß der Großinquisitor, der die Religion im rechten Sinne vertritt, der weiß, was dem Christentum nottut in unserer Zeit, erkennt: Es ist der Christus wiedergekommen. Da sagt er: Ja, du bist wohl der Christus — ich kann das nur ungefähr darstellen —, aber in die Angelegenheit des Christentums, die wir zu vertreten haben, hast du jetzt nicht hineinzureden, davon verstehst du jetzt ganz und gar nichts. Dasjenige, was du geleistet hast: Hat es den Menschen irgend etwas gebracht, was sie glücklich gemacht hätte? Wir mußten erst aus dem, was du in solcher Einseitigkeit, in solch unpraktischer Art an die Menschen herangebracht hast, das Rechte machen. Würde nur dein Christentum unter die Menschen gekommen sein, dann würden die Menschen nicht jenes Heil in dem Christentum gefunden haben, das wir ihnen gebracht haben. Denn man braucht, wenn man den Menschen wirklich Heil bringen will, eine Lehre, die auf den Menschen wirkt. Du hast geglaubt, daß die Lehre auch wahr sein muß. Mit solchen Dingen kann man aber den Menschen gegenüber nichts anfangen. Vor allen Dingen kommt es darauf an, daß die Menschen die Lehre glauben, daß sie ihnen so gegeben wird, daß sie gezwungen werden zu glauben. Autorität haben wir begründet.

[ 19 ] And so, woven into The Brothers Karamazov is that curious episode of the Grand Inquisitor, who is presented to us in such a way that the reincarnated Christ appears before him—that is, the Grand Inquisitor—it is portrayed as though Ivan Karamazov had written this novella, and it is then inserted into The Brothers Karamazov —the true man of Orthodox Christianity of his time, for he knows what is at work in Christianity and lives for his time—is confronted by the reincarnated Christ. Now imagine this man of Christianity, the true representative of Orthodoxy, standing face to face with the reincarnated Christ himself. What else can the Grand Inquisitor—who represents “true” Christianity—do but, as a matter of course, have the reincarnated Christ imprisoned! That is the first thing he does. Then he must conduct the inquisition; he must interrogate him. It also turns out that the Grand Inquisitor, who represents religion in the true sense and knows what Christianity needs in our time, recognizes: Christ has returned. So he says: “Yes, you are indeed the Christ—I can only describe this roughly—but you have no say now in the affairs of Christianity that we are called upon to uphold; you understand absolutely nothing about that now. As for what you have accomplished: Has it brought people anything that would have made them happy? We first had to make the right of it from what you presented to people in such a one-sided, impractical way. If only your Christianity had reached the people, then they would not have found in Christianity the salvation that we have brought them. For if one truly wants to bring salvation to people, one needs a teaching that has an effect on them. You believed that the teaching must also be true. But such things are of no use when dealing with people. Above all, what matters is that people believe the teaching—that it is presented to them in such a way that they are compelled to believe. We have established authority.

[ 20 ] Ja, es blieb wirklich nichts anderes übrig, als den wiederverkörperten Christus der Inquisition zu überliefern. Denn man kann doch in dem Christentum, das der Großinquisitor vertritt, den Christus nicht brauchen, wenn er sich unseligerweise wieder darin verkörpern sollte, nicht wahr? Es ist eine grandiose Idee, noch grandioser ausgeführt. Aber sie ist hineingestellt in eine Dichtung, die nur eine hysterische Wiedergabe des Wirklichen ist, so daß nichts dabei herauskommt von den großen Impulsen, die durch das Weltengeschehen gehen, daß gar nichts anschaulich wird von irgend etwas Spirituellem bei Dostojewski, sondern nur jene Äußerlichkeit des Christus wiederverkörpert da auftritt und von dem Großinquisitor gewissermaßen zerschmettert wird.

[ 20 ] Yes, there really was no other choice but to hand over the reincarnated Christ to the Inquisition. After all, in the Christianity represented by the Grand Inquisitor, there is no need for Christ if he were to have the misfortune of reincarnating within it, is there? It is a magnificent idea, executed even more magnificently. But it is set within a work of fiction that is merely a hysterical rendering of reality, so that nothing emerges of the great impulses that run through world events; nothing spiritual in Dostoevsky becomes vivid, but only that outward appearance of the reincarnated Christ appears there and is, in a sense, shattered by the Grand Inquisitor.

[ 21 ] Mit vielen anderen Dingen sind solche Dinge verwandt, und ich möchte sagen: Es gehört sich für diejenigen, die Geisteswissenschaft in ihrem Nerv verstehen wollen, diese Verwandtschaft zu fühlen, nicht allzuleicht die Dinge des Lebens zu nehmen. Nicht wahr, wozu wir es gebracht haben, das kann ja durch mancherlei charakterisiert werden. Man braucht zum Beispel nur an zwei Bücher zu denken, die vor gar nicht allzu langer Zeit erschienen sind, wovon das eine heißt: «Jesus, eine psycho-pathologische Studie», und das andere: «Jesus Christus vom psychiatrischen Standpunkte aus betrachtet». Da wird dasjenige, was in den Evangelien steht, so betrachtet, daß es hingeschleppt wird vor die Aufstellungen des Psychiaters der Gegenwart und nachgesehen wird, wie man die einzelnen Evangelien-Stellen, namentlich die Worte des Christus Jesus selber, dadurch erklären kann, daß man eben den pathologischen Zustand dieser Persönlichkeit, die da am Ausgangspunkt der neueren Entwickelung gestanden hat, die krankhafte Psyche des Christus Jesus ins Auge faßt. Der Irrenarzt, der Christus als einen abnormen Menschen prüft nach den Regeln der modernen Psychiatrie — er ist schon da! Es gibt Bücher darüber.

[ 21 ] Such things are related to many other things, and I would like to say: It is fitting for those who wish to understand Spiritual Science at its core to sense this connection and not to take the things of life too lightly. Isn’t it true that what we have come to can be characterized in many ways? One need only think, for example, of two books that appeared not too long ago, one of which is titled Jesus: A Psychopathological Study, and the other Jesus Christ Viewed from a Psychiatric Perspective. There, what is written in the Gospels is examined in such a way that it is dragged before the frameworks of the contemporary psychiatrist, and one looks to see how the individual passages of the Gospels—namely, the words of Jesus Christ himself—can be explained by focusing precisely on the pathological state of this personality, who stood at the starting point of modern development: the diseased psyche of Jesus Christ. The psychiatrist who examines Christ as an abnormal person according to the rules of modern psychiatry—he is already here! There are books on the subject.

[ 22 ] Mit diesen Erscheinungen sollte man doch zusammenhalten dasjenige, was einem sonst auch vor die Seele geleitet werden könnte. Wie viele Menschen gibt es demgegenüber, die den ganzen Sumpf, die ganze Verblödung einer solchen Geisteskultur wirklich fühlen, so fühlen, daß sie sie bis in ihre einzelnen Verzweigungen hinein verfolgen wollen? Muß man es denn nicht immer wieder und wiederum erleben: Da ist irgendwo ein großer Psychiater, die Leute laufen ihm zu. Er schreibt epochemachende Werke über die Psychiatrie, wird als ein großer Psychiater angesehen. Schüler oder Kollegen von ihm sind es, in gar nicht weiter Abzweigung, die eine psychopathologische Studie nicht nur über Goethe, Schiller, Nietzsche und allerlei Leute, die irgendeine Bedeutung gehabt haben und zur geschichtlichen Anerkennung gekommen sind, schreiben, sondern auch über den Christus Jesus selber! Und indem wir mit all der erheuchelten, ich will nicht sagen Ehrfurcht, mit all dem zwar nicht erheuchelten, aber gedankenlosen Autoritäts-Glauben die Schwelle eines Psychiaters oder irgendeines anderen naturwissenschaftlichen Weltanschauers überschreiten, bewegen wir uns in derselben Strömung, die, zu einem Extrem, zu einer Karikatur ausgebildet, die Welt in die Verblödung hineinführt. Die Lebenszusammenhänge klar sehen zu wollen, das ist ja gewiß etwas, was auf der einen Seite, gegen die Bequemlichkeiten des Lebens gehalten, gerne gemieden wird, was aber notwendig ist, angefacht zu werden.

[ 22 ] One should, after all, consider these phenomena alongside whatever else might otherwise come to mind. How many people, on the other hand, truly feel the entire quagmire, the entire stupidity of such a spiritual culture—feel it so deeply that they want to trace it down to its very finest details? Must we not experience it time and time again: There is a great psychiatrist somewhere, and people flock to him. He writes epoch-making works on psychiatry and is regarded as a great psychiatrist. It is his students or colleagues, without any further distinction, who write psychopathological studies not only on Goethe, Schiller, Nietzsche, and all sorts of people who have had some significance and achieved historical recognition, but also on Christ Jesus himself! And by crossing the threshold of a psychiatrist or any other scientific worldview with all that feigned—I won’t say reverence—and with all that belief in authority that, while not feigned, is nonetheless thoughtless, we are moving within the same current that, taken to an extreme and turned into a caricature, leads the world into stupidity. The desire to see the connections of life clearly is certainly something that, on the one hand, is often avoided in favor of the comforts of life, but which must be encouraged.

[ 23 ] Wir kommen wahrhaftig nicht dadurch vorwärts, daß wir uns zusammensetzen und mit einer gewissen Sensationslust oder mystischen Schwärmerei Geisteswissenschaft auf uns wirken lassen, sondern dadurch kommen wir vorwärts, daß diese Geisteswissenschaft in uns lebendig wird, daß wir das Leben nach dem betrachten lernen, was sie in uns an Impulsen wirken kann. Wir sind noch nicht Geisteswissenschafter dadurch, daß wir uns jede Woche einmal das, was über Elementargeister, über Hierarchien und so weiter gesagt werden kann, wie einen kalten Schauer oder wie einen warmen Schauer — ich weiß nicht, wie das ist! — über den Rücken laufen lassen, sondern dadurch werden wir wirkliche Geisteswissenschafter, daß die Dinge in uns lebendig werden, daß wir sie in alle Einzelheiten des Lebens hineintragen können und daß wir wirklich auch soweit kommen können, daß uns zum Beispiel vor dem Kunstsumpf der Gegenwart deshalb, weil wir Geisteswissenschafter sind, ekeln kann, wenn wir nicht etwa auf dem Standpunkt stehen, daß wir ja als Theosophen verpflichtet sind, allgemeine Menschenliebe walten zu lassen und wir deshalb auch das Versumpfte und Schlechte selbstverständlich nicht mit dem wahren Namen belegen dürfen.

[ 23 ] We certainly do not make progress by sitting down together and allowing Spiritual Science to influence us with a certain thirst for sensation or mystical enthusiasm; rather, we make progress when Spiritual Science comes alive within us, when we learn to view life in light of the impulses it can awaken in us. We do not yet become Spiritual Scientists simply by letting what is said about elemental spirits, hierarchies, and so on run through us once a week—like a cold shiver or a warm shiver—I don’t know what it’s like! — run down our spines; rather, we become true practitioners of Spiritual Science when these things come alive within us, when we can carry them into every detail of life, and when we can truly reach the point where, for example, the artistic morass of the present day can feel revulsion—if we do not, for instance, take the position that, as Theosophists, we are obligated to practice universal love for humanity and therefore, of course, must not call the corrupt and the evil by their true names.

[ 24 ] Es ist merkwürdig, wie die Menschen ungeneigt sind in der Gegenwart, wirklich die Augen aufzumachen. Freilich, es ist nicht immer die Schuld des einzelnen, sondern es ist die Schuld des ganzen geistigen Lebens der Gegenwart. Es wird dem einzelnen recht schwer gemacht, deutlich zu sehen, denn die ganze öffentliche Erziehung geht vielfach darauf hin, solche Dinge, wie diejenigen sind, auf die sich gerade heute an diesem herausgerissenen episodischen Abend aufmerksam machen wollte, zu übergehen. So wie man sonst sagt, man wird auf etwas gestoßen, so werden Menschen gleichsam vorbeigezogen, nicht darauf gestoßen, sondern weggezogen von den Dingen. Wir leben jetzt wirklich auch in dieser Beziehung in einer der größten Schulzeiten der Menschenentwickelung drinnen und dürfen nicht, ich möchte sagen, einfach unempindlich sein gegenüber der Schule, die wir in dieser Beziehung durchleben. Denken Sie doch nur einmal, wie man es zustande gebracht hat, vor kurzer Zeit noch alles, ich möchte sagen, durcheinander zu genießen, ohne einzugehen auf die Art und Weise, wie sich die Menschen der heutigen Gegenwart gegenüberstehen. Zum Beispiel darf das Prinzip, daß keine Unterschiede existieren, ja nicht dahin führen, wie ich schon einmal oder öfter gesagt habe, alle Differenzierungen zu verwischen, alles unklar zu machen, so wie es von der Leiterin der «Theosophical Society» geschehen ist, die sich bemüht hat, die Unterschiede der verschiedenen Religionen möglichst auszulöschen, so daß nur noch das Hindu-Wesen etwa in besonderer Glorie prangen konnte. Aber sonst hat sie die Sache ausgelöscht nach einer Logik, die ich ja öfter verglichen habe damit, daß einer sagt: Ich muß alles dasjenige, was als Zutaten auf dem Tische steht, in gleicher Weise als Zutaten behandeln und nicht auf die Unterschiede sehen. So würde dieses Verfahren, alle Religionen gleich zu behandeln, keinen Unterschied zwischen ihnen zu sehen, ebenso sein, wie wenn einer sagte: Salz ist ist eine Speisezutat, Zucker eine Speisezutat, Pfeffer auch, denn alles ist das gleiche, alles ist Speisezutat. Man soll nur versuchen, ob es das gleiche ist: man pfeffere sich den Kaffee und zuckere sich die Suppe und papriziere sich einmal die Torte oder sonst etwas! Dieselbe Logik liegt aber zugrunde auf jener Seite, es liegt zugrunde die Unfähigkeit, die konkrete Entwickelung zu sehen.

[ 24 ] It is strange how reluctant people are today to truly open their eyes. Of course, it is not always the fault of the individual, but rather the fault of the entire intellectual life of our time. It is made quite difficult for the individual to see clearly, for public education as a whole is often geared toward overlooking precisely the kinds of things I wanted to draw attention to this evening, which stands out as a singular, episodic moment. Just as one usually says that one “stumbles upon” something, so people are, as it were, swept past—not stumbling upon these things, but being drawn away from them. In this regard, we are truly living through one of the greatest periods of learning in human development, and we must not—I would say—simply be insensitive to the lessons we are experiencing in this context. Just think for a moment how, until recently, people managed to, I would say, enjoy everything in a jumbled way, without delving into the nature of how people relate to one another in the present day. For example, the principle that no differences exist must not—as I have said once or more often—lead to blurring all distinctions and making everything unclear, as was done by the leader of the “Theosophical Society,” who endeavored to erase the differences between the various religions as much as possible, so that only the Hindu essence, for instance, could shine in particular glory. But otherwise, she has obliterated the matter according to a logic that I have often compared to someone saying: “I must treat everything that is on the table as ingredients in the same way and not pay attention to the differences.” Thus, this approach of treating all religions equally, without seeing any difference between them, would be just like saying: Salt is a food ingredient, sugar is a food ingredient, pepper is too, because everything is the same—everything is a food ingredient. Just try it to see if it’s the same: pepper your coffee, sugar your soup, and try sprinkling paprika on your cake or something else! But the same logic underlies that position; at its core lies the inability to see the concrete development.

[ 25 ] Und so werden viele Dinge eben so genommen, daß man auch schon alles tut, um, ich möchte sagen, die Menschen in einen Taumel, in einen Traum, in einen Rausch hineinzureiten. Man wird, wenn man solche Dinge sagt, nur allzu leicht mißverstanden. Deshalb sage ich ausdrücklich: Jeder, der mich längere Zeit gehört hat, weiß, welche Größe ich in Tolstoi sehe. Aber deshalb sollte niemals vergessen werden, wie in Tolstoi selbstverständlich etwas lebt, was nicht grau in grau neben das Westeuropäische hingestellt werden darf. Ich habe früher öfter auf solche Unterschiede aufmerksam gemacht bei Vorträgen über Tolstoi. Man kann die Größe eines Menschen wie Tolstoi deshalb doch anerkennen und braucht nicht das etwa zu tun, was nun bei Tolstoi wirklich geschehen ist. Hätte man nämlich Tolstoi einigermaßen aufmerksam gelesen in der Zeit, wo er viel gelesen worden ist, namentlich wo seine umfassenden Werke, seine ersten großen Kunstwerke gelesen worden sind, so hätte man vielleicht — vielleicht, sage ich — sich gesagt: Da haben wir einen großen Geist des Ostens, der aber voller bittersten Hasses und voller Verachtung sogar vom Deutschtum spricht. — Man hat es nicht getan, wie Sie wissen, man hat das gar nicht bemerkt. Warum nicht? Weil die ersten Übersetzer Tolstois ins Deutsche diese Stellen weggelassen oder anders gestellt haben, so daß, bis auf die Übersetzung, die dann Raphael Löwenfeld gemacht hat, die erst den richtigen Tolstoi gegeben hat, die aber zu spät kam, die deutsche Literatur einen gefälschten Tolstoi hatte.

[ 25 ] And so many things are taken in such a way that people go to great lengths, I might say, to sweep people into a frenzy, a dream, an intoxication. When one says such things, one is all too easily misunderstood. That is why I say explicitly: Anyone who has listened to me for any length of time knows the greatness I see in Tolstoy. But that is precisely why we should never forget that there is something in Tolstoy that lives so naturally—something that must not be placed, as if it were merely another shade of gray, alongside Western European thought. I have often drawn attention to such differences in the past during lectures on Tolstoy. One can therefore acknowledge the greatness of a man like Tolstoy without having to do what actually happened in Tolstoy’s case. For if one had read Tolstoy with even a modicum of attention during the time when he was widely read—namely, when his comprehensive works, his first great literary masterpieces, were being read—one might perhaps—and I say “perhaps”—have said to oneself: Here we have a great spirit of the East, who nevertheless speaks of German culture with the bitterest hatred and utter contempt. — As you know, this was not done; it went completely unnoticed. Why not? Because Tolstoy’s first translators into German omitted these passages or rephrased them, so that—with the exception of the translation later done by Raphael Löwenfeld, which finally presented the true Tolstoy but came too late—German literature had a falsified Tolstoy.

[ 26 ] Es handelt sich darum, daß man die Dinge wirklich weiß, oder aber nicht urteilt! Aber worüber man urteilt, das sollte man wirklich kennen. Man braucht Tolstoi nicht zu überschätzen. Man kann dasjenige, was er ist, gerade daraus herausfinden, daß er erstens eine Größe, zweitens eine Natur war, die ganz aus seinem Volkstum heraus sich gebildet hat. Aber man sollte sich ganz klar sein darüber, daß man nicht einfach dasjenige machen darf, was die ZwergKritiker des verpesteten Journalismus der Gegenwart so sehr häufig tun, die, während sie auf der einen Seite diesen oder jenen großnennen, meinetwillen den Goethe oder den Schiller, mit denselben Worten zum Beispiel Dostojewski groß nennen, ohne daß sie ein Gefühl dafür hervorrufen, daß gegenüber, sagen wir, dem «Wilhelm Meister» oder den «Wahlverwandtschaften» oder auch nur gegenüber solchen Dingen, wie sie Lienhard geschaffen hat, Dostojewski, selbst «Die Brüder Karamasow», für dasjenige, was wir als ästhetische Prinzipien haben müssen aus früherer Zeit, dennoch HintertreppenLiteratur ist. Zum klaren, präzisen, konkreten Urteilen bringt es einen, wenn man hineinsieht in dasjenige, was ist, und wir leben heute in einer Zeit, wo wir unser Urteil schärfen müssen, wo wir hineinsehen müssen in dasjenige, was ist. Wir leben heute in einer Zeit, in der mit jedem Tage der Haß der Völker gegeneinander größer wird. Man sollte verstehen lernen, wenn man urteilen will, wie dieser Haß sich herausentwickelte aus dem, was lange, lange da war.

[ 26 ] The point is that one either truly knows things or refrains from passing judgment! But whatever one judges, one should truly know. There is no need to overestimate Tolstoy. One can discern exactly who he is precisely from the fact that, first, he was a great figure, and second, a personality who was shaped entirely by his folk heritage. But one should be perfectly clear that one must not simply do what the petty critics of today’s corrupt journalism so often do—those who, while on the one hand extolling this or that figure, say Goethe or Schiller, use the same words to extol Dostoevsky, for example, without evoking any sense of how he compares, say, to Wilhelm Meister or Elective Affinities—or even simply in comparison to works such as those created by Lienhard—Dostoevsky, even The Brothers Karamazov, is nonetheless second-rate literature in light of the aesthetic principles we must uphold from earlier times. Looking deeply into what is leads one to clear, precise, concrete judgments, and we live today in a time when we must sharpen our judgment, when we must look deeply into what is. We live today in an age in which the hatred between peoples grows greater with each passing day. If one wishes to judge, one must learn to understand how this hatred developed from what has long, long been there.

[ 27 ] Das sind Dinge, die einmal ausgesprochen werden müssen, damit wirklich ein bißchen unter uns eine Empfindung entsteht dafür, welche Bedeutung das geisteswissenschaftliche Streben haben sollte. Es kann immer wieder ein bitteres Gefühl in einem hervorrufen, wenn einem jedes beliebige, manchmal törichte Wort, das da oder dort in einer Zeitung oder in einem Journal oder in einem Buche steht, gebracht und gesagt wird, wie da schon Theosophie waltet und so weiter, während es gerade darauf ankäme, allerdings ohne Fanatismus, das ganz Fundamentale, dasjenige, was Geisteswissenschaft sein will, wirklich zu fassen, um es hineinstellen zu können in die Kultur der Gegenwart, einzusehen, wie wenig eigentlich der Mensch der Gegenwart dasjenige lieben kann, was Geisteswissenschaft will, weil er auch nur die wenigen Schritte einfach nicht aufbringen kann, die manchmal notwendig werden, um herauszufinden aus der äußersten Frivolität, die heute vielfach das geistige Kulturleben durchzieht. In ernster Stunde auch ernste Betrachtungen anzustellen, scheint doch vielleicht berechtigt zu sein. Denn welche Stunde der Weltgeschichte wäre geeigneter, ernste Betrachtungen anzustellen, als diese Stunde heute, von der man sagen darf, daß im Verlaufe der Menschheitsentwickelung sich nichts Schrecklicheres, Furchtbareres — selbstverständlich zugleich als Großes, als Notwendiges — entwickelt hat, welche Stunde sollte geeigneter sein, ernste Töne in unserer Seele zur Wirksamkeit zu bringen, als diese gegenwärtige Stunde! Man braucht sich ja nur vor Augen zu stellen, daß Leute, die es wissen können, ausgerechnet haben, daß bei einem einzigen größeren Gefecht im Juni oder Juli des verflossenen Jahres im nördlichen Teile der Westfront an einem Tag so viel Munition verschossen worden ist, als im ganzen deutsch-französischen Kriege 1870/71 zusammen. Und wahrscheinlich ist bald der Zeitpunkt erreicht — so urteilen einige Leute, die sachverständig sind —, wo in diesen gegenwärtigen Verwickelungen der Welt so viel verschossen worden sein wird an Munition, wie in allen bisherigen Kriegen, seit mit Pulver geschossen wird, zusammen!

[ 27 ] These are things that need to be said at least once so that we can truly begin to sense, even just a little, the significance that the pursuit of Spiritual Science should have. It can repeatedly evoke a bitter feeling when any random, sometimes foolish remark—found here and there in a newspaper, a journal, or a book—is brought up and repeated, claiming that theosophy already reigns supreme and so on, whereas what really matters is—without fanaticism, of course— to truly grasp the very fundamentals—that which Spiritual Science aims to be—so that we can integrate it into contemporary culture, and to realize how little the people of today are actually capable of loving what Spiritual Science seeks, because they simply cannot bring themselves to take even the few steps that are sometimes necessary to extricate themselves from the extreme frivolity that pervades spiritual cultural life in so many ways today. It seems perhaps justified to engage in serious reflection at a serious hour. For what moment in world history would be more suitable for serious reflection than this very moment today—a moment of which one may say that, in the course of human development, nothing more dreadful, nothing more terrible—though, of course, at the same time something great and necessary—has ever unfolded? What moment could be more suitable for stirring serious tones within our souls than this very moment! One needs only to form a mental image of the fact that experts have calculated that, in a single major battle in June or July of last year in the northern part of the Western Front, as much ammunition was fired in a single day as was used during the entire Franco-Prussian War of 1870–71. And the time will likely soon come—so judge some experts—when, in these current global conflicts, as much ammunition will have been expended as in all previous wars combined, ever since gunpowder was first used!

[ 28 ] Es ist eine ernste Zeit, keine Zeit, die uns erlaubt, hinwegzugehen über dasjenige, was auch geistig als eine große Krise durch die geistige Entwickelung der Menschheit geht, so einschneidend, daß es unverzeihlich wäre, sich nicht in solch ernster Stunde die ganze Bedeutung desjenigen, was geschehen muß für die Menschheitsentwickelung, vor Augen zu stellen, wenn man durch ein Nahekommen in bezug auf die geisteswissenschaftlichen Lehren in der Lage ist, dies zu tun.

[ 28 ] These are serious times—not a time that allows us to overlook what, spiritually speaking, is a major crisis in humanity’s spiritual development, so profound that it would be unforgivable not to consider, at such a grave hour, the full significance of what must happen for the development of humanity—especially if one is in a position to do so through a deeper engagement with the teachings of Spiritual Science.

[ 29 ] Ich wollte dies als eine Art anthroposophisch-literarischer Betrachtung noch an dieRezitationen des heutigen Abends anschließen.

[ 29 ] I wanted to add this as a kind of anthroposophical-literary reflection to this evening’s recitations.