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The Rudolf Steiner Archive

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Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste
GA 167

25 April 1916, Berlin

7. Die Lebenslüge der heutigen Zeit

[ 1 ] Den Ausgang möchte ich auch heute wiederum nehmen in unseren Betrachtungen von Dingen, die wir auch in den verflossenen Betrachtungen gepflogen haben. Von den Gebräuchen gewisser Brüderschaften habe ich gesprochen und einiges angegeben, was in solchen Gebräuchen solcher Brüderschaften sich vollzieht, einiges namentlich angegeben von der Art, wie, ich möchte sagen, verdorrt zu einem trockenen Gehäuse die tieferen Impulse der okkulten Brüderschaften noch in der modernen Freimaurerei enthalten sind. Das letztemal im besonderen habe ich angeknüpft an jenen Gebrauch, der da darstellt die Grablegung und Auferstehung und der ja im Grunde genommen nichts anderes ist als dasjenige, was man den Ostergebrauch nennen könnte. Heute will ich, wie gesagt, den Ausgang nehmen von etwas anderem, das mit diesen Dingen verknüpft ist.

[ 2 ] Man sagt innerhalb dieser Kreise in bezug auf dasjenige, was man sucht, was da eigentlich erstrebt wird, man suche «das verloren gegangene Wort». Nun, ich kann mich auf Einzelheiten nicht einlassen, das würde zu weit führen, allein will man ein wenig nachforschen mit, ich möchte sagen, naheliegenden Mitteln nach dem, was mit dem verloren gegangenen Worte gemeint ist, so braucht man ja nur den Anfang des Johannes-Evangeliums ins Auge zu fassen: «Im Urbeginne war das Wort». Im Griechischen war das Wort immer: der Logos. «Und das Wort war bei Gott; und ein Gott war das Wort.» Mit diesem Worte ist ja — wir haben oftmals über diese Dinge gesprochen — selbstverständlich nicht dasjenige gemeint, was wir jetzt mit dem Worte Wort bezeichnen, sondern mit diesem Worte ist etwas ganz anderes gemeint. Man kommt nur nahe dem, was damit eigentlich gemeint ist, wenn man sich erinnert — und wir haben ja solche Dinge gerade in den letzten Stunden hier besprochen —, daß die Menschheit in uralten Zeiten eine UrOffenbarung gehabt hat, eine Ur-Weisheit. Denken Sie sich diese Ur-Weisheit, die der noch kindlichen Menschheit auf die Art gegeben worden ist, wie es hier besprochen worden ist, denken Sie sich diese in Ausbreitung und nennen Sie sie dann den Logos, das Urwort, dann werden Sie ungefähr eine Vorstellung von dem haben, was mit dem Worte, mit dem Logos gemeint ist. Und man kann ja sagen: Dasjenige, was einstmals durch die Vermittelung höherer Geister der noch in den Kinderzeitaltern stehenden Menschheit als eine Weisheit gegeben worden ist, die weit überragt alles dasjenige, was wir heute auch in unserer Geisteswissenschaft schon wissen können, das ist verloren gegangen. Und es ist ein schöner Brauch, wenn in solchen Brüderschaften wenigstens das eine Gefühl, die eine Empfindung angeregt wird: daß so etwas verloren gegangen ist und daß es wieder gesucht werden müsse. Selbstverständlich wird es in diesen Brüderschaften natürlich nicht etwa gefunden. Sonst wären ja alle diejenigen, die einen gewissen Grad solcher Brüderschaften erreicht haben, weise, wie es einstmals die von den Göttern unterrichteten Urweisen der Menschen waren. Und das zeigt sich ja nicht gerade an denjenigen, von denen man weiß, daß sie gewisse Grade in solcher Brüderschaft erreicht haben, sonst müßte ja die Welt ganz anders aussehen. Aber in der Zeremonie, im Kultus, wird doch etwas gezeigt, was Bild ist dieses Verlorengehens der Ur-Weisheit und Wiederauffindens der Ur-Weisheit. Es soll sich so etwas in die Seelen der Menschheit senken, damit sie wenigstens in die Lage kommen, wenn sie durch die Todespforte durchgehen, durch die geistige Welt dann durchgehen, wiederum auf die Erde kommen, daß sie wenigstens dann ein Verständnis haben können für dasjenige, was dann, ja, was auch schon heute, müßte man eigentlich sagen, als eine Weisheit der Erde nötig wäre.

[ 3 ] Also das verloren gegangene Wort wird gesucht. Und im Grunde genommen ist ja alle unsere Geisteswissenschaft ein Suchen nach dem verlorenen Worte. Aber wenn dieses verlorene Wort heute noch ausgesprochen wird, das heißt, wenn irgendwie aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft heraus etwas gesagt wird, da kommen alle die Menschen, die weise geworden sind in unserer Zeit — und wir haben es ja auf allen Gebieten so herrlich weit gebracht —, und sagen: Träumerei! Phantasterei! Unsinn! — wenn nicht noch schlimmere Dinge. Aber lassen wir uns im ersten Teil unserer heutigen Betrachtung, da wir ja unter uns sind, doch wiederum auf ein solches Kapitel der Geisteswissenschaft ein, das gerade imstande sein kann, uns mancherlei von den Rätseln zu enthüllen, welche Rätsel des menschlichen Daseins selber sind. Man kann allerdings nicht einmal sagen, daß dasjenige, was heute durch Geisteswissenschaft zutage gefördert werden soll, immer so absolut unbekannt war. Ich habe ja selbst öffentlich gesprochen über einen vergessenen Ton im neueren Geistesleben, eine vergessene Strömung, in der so manches gelebt hat von dem, was wie ein Keim zur Geisteswissenschaft ist.

[ 4 ] Wenn wir den Menschen heute betrachten, so wissen wir: Dasjenige, was die physischen Augen an dem Menschen sehen, ist ja nur gewissermaßen die Außenseite dieses Menschen, der physische Leib. Innerhalb dieses physischen Leibes ist wirksam und wesenhaft der Ätherleib. Aber man kommt nicht sehr weit, gar nicht weit, wenn man nichts anderes weiß, als daß eben der Mensch einen Ätherleib hat, wenn man dieses Wort kennt und höchstens noch die Vorstellung hat, mit der viele schon zufrieden sind: der Ätherleib ist halt so etwas, was dünner ist als der physische Leib, mehr nebelhaft und leuchtend. Aber damit hat man nicht viel. Dieser Ätherleib ist schon wahrhaftig ein recht, recht kompliziertes Gebilde. Sehen Sie, wenn wir die Menschen betrachten, so wie sie heute sind: Sie sind ja verschieden voneinander, nicht wahr, der europäische Mensch ist von dem afrikanischen Menschen verschieden, von dem asiatischen Menschen verschieden. Solche Verschiedenheiten muß man anerkennen. Aber wenn wir den Blick schweifen lassen über die gesamte Menschheit, so müssen wir trotz aller Verschiedenheiten der Menschen doch zugeben, diese Menschen über die ganze Erde hin sind sich viel ähnlicher als die Tiere. Denn wenn auch der Europäer und der Afrikaner sich wesentlich voneinander unterscheiden — wenn wir feinere Unterscheidungsmerkmale ins Auge fassen —, so kann man doch nicht sagen, daß die Verschiedenheit zwischen Menschen jemals so groß sein könnte, wie zwischen einem Storch und einer Maus, nicht wahr? Also die Tiere sind in viel höherem Grade voneinander verschieden als die Menschen. Die Tiere sind in Gattungen voneinander getrennt und beim Menschengeschlechte kann man schon sagen: es ist eine einzige Gattung. So sehen wir, wenn wir den Blick über das Tierreich der Erde schweifen lassen, die mannigfaltigsten, stark voneinander verschiedenen Tiere. Fassen wir das einmal ins Auge und lenken wir den Blick zurück auf die Betrachtung unseres Ätherleibes. Unser Ätherleib ist gewissermaßen in uns so, daß er zusammengehalten wird durch die elastische Kraft des physischen Leibes. Solange wir zwischen Geburt und Tod stehen, wird der Ätherleib in dieser Weise durch die elastische Kraft des physischen Leibes zusammengehalten. Stellen Sie sich das nur bildhaft so vor, daß, wenn man könnte — man kann es ja selbstverständlich nicht, solange der Mensch leben bleiben soll, aber wenn man es experimentell könnte, so daß sogar der Naturforscher sich am Ende davon überzeugen lassen würde —, experimentell den physischen Leib eines Menschen wegtun vom Ätherleib, so den Ätherleib herausziehen und dann auch den astralischen Leib und das Ich vom Ätherleib sondern, so würde, weil jetzt die Elastizität des physischen Leibes nicht mehr da ist, dieser Ätherleib zerspringen in viele Portionen. Dieser Ätherleib ist eine Mannigfaltigkeit aus vielen, vielen Einzelheiten und wird nur durch die Elastizität des physischen Leibes zusammengehalten.

[ 5 ] Und wie würden denn diese Teile, die da herausspringen aus uns, wenn wir den physischen Leib abtrennen könnten, aussehen? Ja, sehen Sie, so sonderbar das den heutigen gescheiten Menschen klingt, wahr ist es doch: Diese Teile des Ätherleibes würden Formen annehmen und sie würden ungefähr das ausgebreitete Tierreich sein, das heißt, alle die möglichen Formen des Tierreiches würden zum Vorschein kommen. Es würde wirklich so sein, daß ein gewisser Teil Ihres Ätherleibes — der des Kopfes — sich vogelähnlich gestalten würde, ein gewisser Teil des Ätherleibes, zum Beispiel aus der in der Nähe des Kehlkopfes befindlichen Partie, würde eine sehr schöne, fast engelhafte Tiergestalt sein und so weiter. Also wir tragen im Grunde genommen das ganze Tierreich in unserem Ätherleibe in uns. Das ist durchaus wahr. Unser Ätherleib ist das ausgebreitete Tierreich, das zusammengedrängt, zusammengehalten wird durch die Elastizität des physischen Leibes. Als die Entwickelung noch auf anderen Stufen war, in früheren Urzeiten, war ja überhaupt die ganze menschliche Gestalt verteilt in die vielen Tiere. Wenn man das bedenkt, dann versteht man erst dasjenige, was in grobklotziger Weise heute als Darwinismus angesehen wird. Die Menschheit hatte sich gleichsam vorbereitet, indem sie dasjenige, was sie später nur als Ätherleib ausbilden soll, auseinandergebildet hat, wie in dem Fächer des heutigen Tierreichs, das dazumal etwas anders ausgesehen hat als das heutige, veränderte Tierreich. Das heutige Tierreich ist nicht mehr dasjenige, von dem die Menschheit abstammen könnte, sondern ein ganz anderes Tierreich. Aber die Kräfte, die in diesem Tierreiche ausgebreitet sind, sind gewissermaßen extrahiert worden und sind heute noch in unserem Ätherleibe vorhanden. Nun denken Sie sich einmal, was wir da im Grunde alles in uns haben. Denn mit diesem Tierreich haben wir alle die Instinkte, alle die verschiedenen Triebe der Tiere schon in uns. Sie sind nur harmonisiert, in ein Gesamtverhältnis gesetzt dadurch, daß das alles durch die Elastizität unseres physischen Leibes vereint ist. Als physischer Mensch sind wir Menschen - als physischer Mensch. Und unsere physische Gestalt haben wir von den Geistern der Form während des Erdendaseins bekommen. Als physischer Mensch halten wir im Zaume alles dasjenige, was da in uns ist. Zuweilen kommt der eine oder der andere Trieb zum Vorschein, wenn irgendein Teil im Ätherleib die Oberhand erhält.

[ 6 ] Denken Sie, was für eine komplizierte Mannigfaltigkeit wir Menschen also eigentlich sind und wie es im Grunde genommen unmöglich ist, mit diesen Dingen, durch die man doch erst die Welt verstehen kann, an die Menschen heranzukommen. Das kann man sehen, wenn einmal jemand aus einer, ich möchte sagen, genialen Eingebung heraus so etwas ahnt von der Wahrheit. Und solche Menschen gab es im Laufe der neueren Geistesentwickelung. Zum Beispiel dem Schüler Schellings, Ofen, kam durch seine Genialität die Idee: Der Mensch ist zusammengefaßt aus dem gesamten Tierreich. Nicht im Sinne des Darwinismus der Gegenwart — ich habe das letzte Mal wiederum mit einem Worte bezeichnet, was für Unlogik die modernen Menschen entfalten, wenn sie über den Darwinismus der Gegenwart sprechen —, sondern Oken ahnte etwas von der Wirklichkeit. Er hatte noch nicht die geisteswissenschaftliche Möglichkeit, die Sache so auszusprechen, wie wir das heute aussprechen können, aber er ahnte etwas von diesem Tatbestand, von diesem Darinnenstecken des ganzen Tierreiches in dem Menschen, und er hat es kühn ausgesprochen. Aber er ist ausgelacht worden, namentlich von denjenigen, die nach seinem Zeitalter gekommen sind. Denn denken Sie sich, was soll sich denn ein so ganz gescheiter, so unendlich kluger Mensch der Gegenwart denken, wenn Oken ausspricht, was er zum Beispiel getan hat: Die Zunge ist ein Tintenfisch! Oken wollte aber das, was ich eben angedeutet habe aus der Geisteswissenschaft heraus, aus seiner genialen Intuition heraus den Menschen klar machen. Er wollte zeigen, daß die einzelnen Teile, wie sie aus dem Ätherleib herausgebildet sind, eigentlich etwas mit den Formgestalten des Tieres zu tun haben. Das Ohr führte er zum Beispiel gerade auf eine Art Kombination von einem Storch und einer Maus zurück, aber die Zunge führte er zurück auf die Natur des Tintenfisches. Selbstverständlich wurde er mit einer solchen Sache ausgelacht. Aber man sieht, dasjenige, was so lächerlich erscheinen kann, das ist die Vorahnung von etwas, was ein tiefes Wissen bilden muß und sich einleben muß in die Menschheit gerade der kommenden Zeiten. Denn man wird nicht die Erscheinungen dieser Welt umfassen können, wenn man solche Dinge nicht wissen wird. Und die Wirklichkeit wird man nur beurteilen können, wenn man solche Dinge wissen wird.

[ 7 ] Sehen Sie, auf unseren physischen Leib wirken in erster Linie die Geister der Form. Diese Geister der Form geben während der Erdenzeit die Form nur dem Menschen. Die Tiere haben ihre ererbte Form von der alten Mondenentwickelung. Diese tierische Form ist daher eine luziferisch geartete Form, sie ist zurückgebliebene Form von der alten Mondenentwickelung. Was dazumal nur ätherisch war, ist verhärtet. Der Mensch hat von den Geistern der Form seine äußere physische Gestalt, und in seinem Inneren wirken weniger die Geister der Form. Also auf den Ätherleib wirken schon weniger die Geister der Form als die Geister der Persönlichkeit, diejenigen geistigen Wesenheiten, die wir als Archangeloi oder als Angeloi bezeichnen. Die wirken auf den Ätherleib, und die haben etwas zu tun mit dem Dirigieren dieser Mannigfaltigkeit im Ätherleib, von der ich eben gesprochen habe. Und wenn wir auf die genaueren geisteswissenschaftlichen Tatsachen eingehen, dann müssen wir uns eben gerade zum Beispiel über so etwas ganz klar sein, daß in diesen unseren Ätherleib hineinwirken auch alle jene Kräfte, die aus der Volksseele heraus kommen. Was wir mit unserm physischen Leibe auffassen, was wir durch unsere Augen sehen, durch unsere Ohren hören zunächst, das ist schon international. Viel tiefer ist das Nationale sitzend in der Unbewußtheit zum Beispiel des Ätherleibes. Von einer anderen Seite habe ich das etwa vor anderthalb Jahren hier einmal dargestellt. Kurz, der Mensch kommt in die Lage, zu sehen, wie kompliziert eigentlich sein Wesen ist und was er zu suchen hat, um sich selbst zu verstehen, von dem, was einstmals als Ur-Weisheit vorhanden war.

[ 8 ] Und tiefe Bilder gibt es im Grunde genommen, Weisheiten, die als Bilder den Menschen mitgeteilt sind und die verstanden werden können, wenn man will. Nehmen Sie einmal an, wir sprechen oder singen: Es ist ein bloßes Vorurteil, wenn man glaubt, daß da bloß der physische Leib in irgendwelcher Bewegung wäre. Die Hauptsache der Bewegung vollzieht sich im Ätherleibe und vollzieht sich innerhalb jener Mannigfaltigkeit im Ätherleibe, von der ich eben gesprochen habe. Daher ist dasjenige, was im Gesang oder in der tönenden Kunst überhaupt zum Bewußtsein kommt, so sehr aus unterbewußten Tiefen herauf, kann so wenig leicht wirklich in Worte gefaßt werden, weil es eben mit all dem, was die Kompliziertheit des Ätherleibes ist, zusammenhängt. Und wie verwandt mit der übrigen Welt kommen wir uns wiederum vor, wenn wir wissen: Das, was da draußen ausgebreitet ist als Tierreich, in unserem Ätherleibe lebt es in der Weise, wie es geschildert worden ist. Selbstverständlich, wenn ein Trieb dann in uns tätig sein will, muß er in den astralischen Leib heraufkommen. Die Dinge widersprechen sich nicht, wenn man sie nur in Wirklichkeit ordentlich betrachtet. Also, wenn man von der Anwesenheit von Trieben und Instinkten im Menschen spricht, muß man sie natürlich dem astralischen Leibe zuschreiben. Aber die Formähnlichkeit, wie sie jetzt mit dem Tierreiche besprochen worden ist, die liegt der Sache zugrunde.

[ 9 ] Und wiederum, wenn wir unseren astralischen Leib betrachten, wenn wir ihn so absondern könnten, wie ich das jetzt angegeben habe für das Absondern des ätherischen Leibes, da würde er zerfallen, denn auch er ist nur durch die Elastizität des physischen und Ätherleibes zusammengehalten; da würde er zerfallen und würde etwas darstellen, was so ähnlich wäre, wie das gesamte Pflanzenreich. Wirklich, in uns steckt dadurch, daß wir einen astralischen Leib haben, alles, was in den Formen des Pflanzenreiches in Mannigfaltigkeit draußen in der Welt sich ausbreitet. Wenn Sie die ganze Pflanzenwelt studieren in der Art und Weise, wie sich Form neben Form stellt, so haben Sie ein äußeres Bild, ein auseinandergefächertes Bild desjenigen, was zusammengezogen ist im menschlichen astralischen Leibe. Auch das gehört zum verlorengegangenen Worte. In der Urweisheit war Bewußtsein von diesen Dingen vorhanden. Daher hat man sich gesagt: Also ist im Menschen etwas, was seine tief-innerste Verwandtschaft mit der Baum-, mit der Pflanzennatur zum Ausdrucke bringt. Lesen Sie die germanische Mythologie; Mythologien sind ja nur ein später Ausdruck der Ur-Weisheiten der Menschen. Da sehen Sie, wie das erste Menschengeschlecht gewonnen wird aus Esche und Ulme, und Sie haben darinnen steckend etwas von einem Bewußtsein dieser Verwandtschaft des Menschen mit der Pflanzennatur, die ja ihre Grundlage darinnen hat, daß der Mensch selber während der Sonnenzeit auf der Stufe des Pflanzenreiches, während der Mondenzeit auf der Stufe des Tierreiches gestanden hat.

[ 10 ] Und innerhalb des astralischen Leibes wiederum tragen wir das eigentliche Ich. Der Mensch weiß ja im äußeren physischen Leben von diesem eigentlichen Ich wenig genug. Selbstverständlich, Philosophen wissen sehr viel davon! Die wissen zum Beispiel, daß dieses Ich so, wie der Mensch es im physischen Leibe wahrnimmt, dasjenige ist, was gleich bleibt von der Geburt bis zum Tode in allen Veränderungen, die der Mensch seelisch durchmacht. Das wissen die Philosophen. Man kann es in unzähligen philosophischen Büchern lesen. Als wenn die Leute vergessen hätten, daß der Mensch innerhalb vierundzwanzig Stunden immer schläft, und dieses Ich ausgelassen wird; und jeder Schlaf unterbricht dieses Gleichbleiben des Ich in den Veränderungen! Aber so etwas, das geniert die Philosophen weiter nicht, selbstverständlich, denn sie sind ja gescheit, sehr gescheit!

[ 11 ] Wenn wir von dem Ich sprechen, so müssen wir von demjenigen im Menschen sprechen, das zum Beispiel nicht nur ein Bewußtsein hat während des Wachens, sondern das auch da ist, wenn der Mensch schläft, das seine Kräfte entfaltet ins ganze Universum hinaus, das von den geistigen Kräften des Kosmos durchstrahlt und durchwirkt und durchpulst ist, wenn der Mensch schläft: das tragen wir unbewußt in uns. Und wenn wir es herausexstirpieren könnten aus dem Menschen, so wie wir das gesagt haben für den Ätherleib, für den astralischen Leib, wir würden aus diesem Ich das ganze Bild des mineralischen Weltenalls bekommen mit allen seinen verschiedenen Geheimnissen des Kosmos. In diesem Ich steckt alles dasjenige zusammengedrängt, was im ganzen Kosmos ausgebreitet ist. Wir tragen den mineralischen Kosmos also in uns.

[ 12 ] So bekommen wir ein Bild von dem, was der Mensch eigentlich ist und wie er verwandt ist mit dem Kosmos. Und wenn wir davon sprechen, der Mensch bestehe aus physischem Leib, aus dem Ätherleib, aus dem astralischen Leib, aus dem Ich, dann müssen wir eben das nicht als bloße Worte hinnehmen, sondern daran denken, wie wir erst verstehen können, was hinter diesen Worten steckt, wenn wir durch Geisteswissenschaft den ganzen Zusammenhang zwischen dem Menschen und dem Kosmos wirklich ins Auge fassen können.

[ 13 ] Ja, das wäre solch ein Kapitel aus der Geisteswissenschaft. Und notwendig wäre es schon, daß der Mensch wenigstens ein bißchen von unserem heutigen Zeitabschnitte ab sich im allgemeineren hineinfände in das Verständnis solcher Sachen. Denn man redet ja heute über den Menschen in der aller-unverständigsten Weise, weil man im zeitgenössischen Sinne ja selbstverständlich gescheit redet; man redet in der unverständigsten Weise. Und die Zeit gibt uns größere Aufgaben, als sie mit der unverständigen Wissenschaft und Weisheit gelöst werden können. Aber wie wehren sich die Menschen, auch nur einen Begriff aufzunehmen von so etwas, wie es zum Beispiel jetzt wiederum auseinandergesetzt worden ist! Und es kommt ja nicht darauf an, daß man gerade just diese Dinge weiß, sondern es kommt darauf an, daß man so denken lernt, diese Beweglichkeit des Denkens bekommt, die man eben haben muß, wenn man sich so etwas klar machen kann. Derjenige, der heute die Dinge durchschaut, weiß, daß durch die harten Prüfungsereignisse der Gegenwart in der nächsten Zeit der Menschheit schwere, schwere Aufgaben gestellt sein werden, Aufgaben, von denen vielleicht wenige heute noch ahnen. Nur soll man nicht glauben, daß mit der Beweglichkeit und Elastizität des Denkens, die die Menschen heute haben, es möglich sein wird, diese Aufgaben zu lösen. Wenn man so etwas bedenkt im unmittelbaren Zusammenhang mit den harten Prüfungsereignissen unserer Zeit, dann wird man noch ein ganz anderes Gefühl bekommen von der Notwendigkeit des Einlebens von Geisteswissenschaft in die menschlichen Gemüter von unserer heutigen Zeit an. Blut düngt unsere Erde. Aber entwickeln muß sich etwas auf dieser blutgedüngten Erde in der Zukunft, was wirklich mit einem anderen Denken umspannt werden muß als dem Denken, das sich aus der mehr oder weniger materialistischen Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts, die von dem Geisteswissenschafter, wie Sie wissen, durchaus nicht verkannt wird in ihrer Bedeutung und in ihren großen Triumphen, ergeben kann. Denn eben das Karma dieser materialistischen Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts hat als seine Folge hervorgebracht die Ströme des Blutes und all das Traurige, das in der Gegenwart geschieht.

[ 14 ] Nicht, sage ich, werden sich die Menschen hineinfinden, irgendwie den Mut zu entwickeln, selbst wenn sie das Geisteswissenschaftliche flüchtig kennen lernen wollen, auch da, wo sie können, für diese Geisteswissenschaft das zu tun, was getan werden muß. Denn es ist ja sehr eigentümlich, man muß sagen: Ausgelacht, verhöhnt, als Phantasterei, als Träumerei verschrieen wird diese Geisteswissenschaft mit Worten. Wird sie es denn aber eigentlich auch in Wirklichkeit?

[ 15 ] Da ist eine Erscheinung zu besprechen, die uns zeigen kann, in welcher tiefen Lebenslüge wir eigentlich stecken. Ich will Ihnen einmal einen uns naheliegenden Beweis zeigen, wie unwahr in dieser Beziehung eigentlich die Verhältnisse sind, die unter den Menschen heute in der Gegenwart walten. Erinnern Sie sich einer Sache, die da steht in jenem Zyklus, wo die Auseinandersetzung gegeben wird über die christliche Einweihung. Da wird als die erste Einweihungsstufe von der Fußwaschung gesprochen, die einfach ein symbolischer Ausdruck ist für etwas, was der Mensch in seiner Seele sich erüben soll. Es wird dort beschrieben, wie der Mensch gewisse Gefühle, gewisse Empfindungen entwickeln soll, die ja dahin gehen, seinen Zusammenhang mit dem ganzen All der Reiche der Natur zu empfinden. Ja, wenn man hineinschaut in diesen Zusammenhang, dann sagt man sich, mit tiefem, innigem Gefühl hinunterschauend zu dem Tierreich: Dieses Tierreich muß da sein als Grundlage des Menschenreiches. Was wären wir, die höher entwickelten Geschöpfe, wenn das niedere Reich nicht da wäre? Dies zu einer lebendigen Empfindung zu machen, ist der Anfang des ersten Grades der christlichen Einweihung. Und dann, sich klar zu machen, wie wiederum das Tier, als dem höheren Reiche angehörig, hinunterschauen müßte auf die Pflanzen und sagen müßte: Du, Pflanze, die du zwar niedriger stehest als ich in der Reihe der Erscheinungen, dir verdanke ich mein Dasein. Und wiederum die Pflanze müßte hinunterfühlen zum Mineral, aus dem sie herauswächst, zum mineralischen Boden, und sagen: Dir verdanke ich mein Dasein. Und so beten die Angeloi, zum Menschenreich hinunterschauend: Euch Menschen, die ihr auf einer niedrigeren Stufe der Entwickelung steht, euch danken wir unser Dasein! Und so weiter hinauf. Da verwandelt sich dasjenige, was man sich erdenken kann, was man erforschen kann, in eine Grundempfindung der menschlichen Seele.

[ 16 ] Unser lieber Freund, der so tapfere, so treu zu unserer Sache haltende Christian Morgenstern, er hat gerade diese Fußwaschung in ein schönes Gedicht gebracht. Dasjenige, was vor Jahren eben gesagt wurde im Zusammenhang mit der christlichen Einweihung, haben wir ja in Morgensterns letzter Gedichtsammlung, die nach seinem Tode erschienen ist, und die da heißt: «Wir fanden einen Pfad», in dem schönen Gedichte «Die Fußwaschung» wiedergegeben:

Ich danke dir, du stummer Stein,
und neige mich zu dir hernieder:
Ich schulde dir mein Pflanzensein.

Ich danke euch, ihr Grund und Flor
und bücke mich zu euch hernieder:
Ihr halft zum Tiere mir empor.

Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier,
und beuge mich zu euch hernieder:
Ihr halft mir alle drei zu Mir.

Wir danken dir, du Menschenkind,
und lassen fromm uns vor dir nieder:
Weil dadurch, daß du bist, wir sind.

Es dankt aus aller Gottheit Ein-
und aller Gottheit Vielfalt wieder.
In Dank verschlingt sich alles Sein.

[ 17 ] Und Christian Morgenstern, der durch Jahre hindurch in unserer Mitte mit seinen Empfindungen gelebt hat, hat in tapferer Weise gerade in diesem seinem letzten Gedichtband sich bekannt zu demjenigen, was durch unsere Weltanschauungsströmung fließt. Soweit also das, wasChristian Morgensternbetrifft, der selbstverständlich auch nicht im geringsten etwas kann für das Folgende, das ich nun zu sagen habe. Denn würde Christian Morgenstern heute als physischer Mensch noch unter uns sein — er ist ja vor zwei Jahren durch die Pforte des Todes gegangen —, er würde heute ganz gewiß noch stärker und tapferer mit seinem ganzen Wesen für unsere Sache eintreten. Aber nun erscheint eine Kritik der Morgensternschen Gedichte. Mancherlei wird in dieser Kritik gesagt, selbstverständlich auch Gutes über Christian Morgenstern; denn man hat ja schon früher gewußt, bevor er gestorben ist, daß er ein bedeutender Dichter ist, warum sollte denn derjenige, der eine solche Kritik jetzt schreibt, das vergessen haben ? Da wird selbstverständlich nichts gesagt davon, wie Christian Morgenstern gerade mit all dem, was durch diesen Gedichtband fließt, ganz innerhalb unserer Strömung steht. Aber etwas anderes wird gesagt: Dieses Gedicht, das ich eben vorgelesen habe, wird angeführt, und über dieses Gedicht wird gesagt, man sehe daran, daß ein Mensch eine Anschauung haben könne, welche das Geistige im Gleichnis und doch wiederum ganz gleichnislos darstelle. Und Folgendes wird über dieses Gedicht gesagt: «In diesen wundersamen Strophen ist kein Bild; aber inmitten der leiblosen, ganz spirituellen Dichtungen wirkt dies Gedicht mit besonderer Kraft, weil das Irdische darin sichtbar wird: in ihm noch sichtbar ist. Wirklichkeithaft erscheint es, angeredet, nicht als Gleichnis. Der Weg des Menschen: gleichsam die früheren, erdischen Stücke; nun wandert er fort, jenseitige Strophen verkünden es. Dies verehrungswürdige Gedicht ist ein diesseitiges Gebild; und, darum vielleicht, für mein Gefühl das größte dieses Buches, das größte, das Morgenstern schuf, und eins der größten Gedichte, welche in der deutschen Lyrik jemals entstanden sind.»

[ 18 ] Christian Morgenstern wäre selbstverständlich der erste, der da sagen würde, daß dieses Gedicht niemals aus jenem Geisteszusammenhange heraus hätte entstehen können, aus dem Ernst Lissauer diese Kritik geschrieben hat, sondern Christian Morgenstern würde selbstverständlich tapfer eintreten dafür, daß dieses Gedicht aus einem ganz anderen Geisteszusammenhange heraus geschrieben ist. — Da haben Sie ein Beispiel, in welcher Lebenslüge wir leben. So werden die Dinge anerkannt, wenn man nicht nötig hat, einzustehen für den Boden, aus dem sie entsprießen, wenn man sich noch vorbehalten kann, solche Dinge für die schönsten Blüten des Geisteslebens zu halten und den Boden, aus dem sie entsprießen, eine Träumerei, eine Phantasterei, eine Schwindelei weiter nennen darf!

[ 19 ] Das sind die Dinge, meine lieben Freunde, innerhalb derer wir leben. Wahrhaftig, ich würde Ihnen gerne als Osterbetrachtungen anderes, vielleicht Erbaulicheres noch sagen. Aber unsere Zeiten, unsere blutigen Zeiten, machen notwendig, daß wir es uns so recht in die Seele schreiben, daß wir so recht empfinden, in welcher karmischen Entwickelung wir eigentlich drinnen leben. Ernst sind diese Zeiten, und man muß ein Verständnis haben für den Ernst dieser Zeiten. Das ist schon das erbaulichste Gefühl, das wir uns in diesen Zeiten aneignen können. Und man muß mit offenen Augen die Dinge ansehen. Sehen wir uns Einzelnes an, sehen wir uns zum Beispiel an, was wir täglich, stündlich erleben können von Urteilsfähigkeit, die sich aus der in dem neunzehnten Jahrhundert, in das zwanzigste herein entwickelten Geistfähigkeit ergeben hat. Man kann jeden Tag seine Erfahrungen auf diesem Gebiete machen. Nur einzelne Beispiele seien Ihnen angeführt.

[ 20 ] Bald nach Ausbruch des Krieges ist mir immer wieder und wiederum zugeschickt oder auf den Vortragstisch gelegt worden ein Gedicht, von dem behauptet worden ist, daß es im Nachlaß Robert Hamerlings als eine Prophetie der gegenwärtigen Zeit gefunden worden sei. Man brauchte nur ein wenig sich eingelebt zu haben in die Art und Weise der Dichtkunst Robert Hamerlings, um zu wissen, daß auch nicht eine Zeile in diesem Gedichte von Robert Hamerling herrühren könnte. Trotzdem ging durch eine ganze Reihe von Zeitungen immer wieder und wiederum bewundernd die Rede, wie Hamerling vor seinem Tode — er ist ja 1889 gestorben — die gegenwärtige Zeit voraus besungen hat. Mancherlei Geister sind darauf hereingefallen in einer Zeit, in der man sogar schon hat wissen können, daß das Gedicht erschwindelt ist. Ich war erstaunt, wie verhältnismäßig spät erst zum Beispiel Maximilian Harden in der «Zukunft» hereingefallen ist auf dieses Gedicht. Und «schöne» Worte — schön mit Gänsefüßchen — braucht Harden, um zu sagen, wie man die Muse Robert Hamerlings durch die edlen Verse dieses Gedichtes durchfühle. Vor einigen Tagen nun konnte man hier ein Abendblatt kaufen, da wurde in einem Leitartikel die bittere Pille besprochen, die uns als Osterpille in die gegenwärtige Zeit hereingefallen ist. Und man konnte den Ernst, mit dem das Zeitungsblatt diese Sache besprach, daran ermessen, daß in diesem Leitartikel, wo eine bitter-ernste Angelegenheit besprochen wird, zum Schlusse wiederum dieses Gedicht «von Robert Hamerling» angeführt wird! Das ist so recht ein Beispiel, wie ernst auch jede andere Zeile zu nehmen ist da, wo solche Urteilskraft oder vielmehr solches Gegenteil von aller Urteilskraft vorhanden ist.

[ 21 ] Und heute abend werden sich unzählige Menschen unterrichten aus einem Abendblatte, wie die Verhältnisse in der Schweiz liegen. Schön wird auseinandergesetzt: die Wege der Schweizer. Die Leute werden nun wissen, was die Schweizer eigentlich jetzt für politische, für militärische, für volkswirtschaftliche Nöte haben. Das wird ihnen auseinandergesetzt. Ich möchte einmal wissen, ob selbst diejenigen, die es könnten, die Unterschrift dieses Artikels lesen und ihn danach beurteilen: Max Hochdorf steht darunter — jener Mann, der jenen blöden Artikel geschrieben hat über unsere Sache; ich habe ihn angeführt in einem öffentlichen Vortrage des Architektenhauses. Dieselbe Wahrheitsliebe, die man dort finden kann, wenn er über uns schreibt, sollte man selbstverständlich auch in einem solchen Artikel suchen. Und wenn man solche Schlüsse ziehen würde, dann würde man finden, auf welchem Wege eigentlich heute die Schädel zurechtgehämmert werden, um die Zeit zu beurteilen, welche Stumpfheit und Gedankenlosigkeit im Leben der Menschen ist, die sich einhämmern lassen ein Urteil über die Zeit und über dasjenige, was in der Zeit wirkt und lebt. Vergleichen muß man, überall nachgehen, dann wird man sehen, wie wertlos alles dasjenige ist, was heute aus der Zeitbildung heraus und aus den Zeitverhältnissen heraus in die Menschenschädel hineingehämmert wird.

[ 22 ] Gar mancherlei wird da hineingehämmert. Man sollte glauben, daß heute wenigstens ein elementarisches Verständnis vorhanden sein könnte für jenen Fortschritt, den wir gemacht haben in Europa und im Abendlande überhaupt, indem wir übergegangen sind von den gewiß höchst verehrten, ja vielleicht sogar in eine Urweisheit hineinragenden germanisch-mythischen Göttern in das Christentum. Man sollte glauben, daß dafür wenigstens ein elementarisches Verständnis vorhanden sein könnte. Dennoch findet man in einer Zeitschrift, die eben jetzt erschienen ist, über die Tatsache, daß sich das alte Germanentum in das Christentum hineingefunden hat, folgendes Bedauern ausgesprochen:

[ 23 ] «Der Zwiespalt unseres Denkens, in den wir Deutsche durch die Einführung der christlichen Religion gekommen sind, war für unsere Ahnen nicht vorhanden. Ihre Welt- und Lebensanschauung kannte den Kampf in der Natur als das ewige Gesetz des Lebens; er erschien als das Natürliche; so wie der Kampf des Lichts gegen die Finsternis, dauert ewig der Kampf der Lichtsöhne gegen die Kinder der Finsternis, der Guten gegen die Schlechten. Sie wußten, daß ihre Götter nur Bilder waren» — denken Sie nur: solches Blech! — «unter denen sie die Erscheinungswelt auffaßten; die Welt ihres Glaubens und ihrer Sache war zugleich die ihrer Poesie» — nun, dabei leckt er sich natürlich die Finger ab, weil er so gescheit ist! — «Sind wir heute wirklich über sie hinausgekommen ? — — Ich fürchte nein; und die Schwierigkeiten der Altgläubigen, die Probleme des gegenwärtigen furchtbaren Weltgeschehens zu lösen, zeigen uns nur, daß die starken Wurzeln unserer Kraft in der heroischen Weltund Lebensansicht unserer Ahnen liegen.»

[ 24 ] Also möglichst schnell Wiedereinführung des Wotan- und des Thordienstes? Es ist allerdings eine Zeitschrift, in der auch einstmals die schmählichsten Angriffe gerade gegen unsere Sache erschienen sind. Es ist den Menschen schon heute nicht gestattet, sich einzuschließen in die Sehsphäre, die zwischen gewissen Scheuledern liegt und dann zwischen diesen Scheuledern allerlei Weltanschauungsprinzipien geltend zu machen. Was wird alles als Weltanschauungsprinzipien heute hoch verehrt! Ja, da macht man seine sonderbaren Erfahrungen. Und ganz frei, meine lieben Freunde, ist ja keineswegs diejenige Weltanschauung, die man so trivial die «theosophische» nennt, von dem Teilnehmen an diesem, sagen wir, allgemeinen Dusel. Dieser allgemeine Dusel ist eigentlich recht groß. Das mannigfaltigste Überhandnehmen dieses oder jenes Triebes, der durch das Überwuchern eines Teiles des Ätherleibes bewirkt wird — jetzt können Sie sich ja nach dieser Schilderung, die ich heute gegeben habe, das vorstellen —, das kommt zum Vorschein. Nicht wahr, Hochmut zum Beispiel, das ist ja etwas, was durch unser ganzes gegenwärtiges Schrifttum geht. Jeder läßt sich anmerken, wie bedeutend er eigentlich ist. Ohne das kann man ja heute schon fast gar nicht mehr schreiben, als daß sich die Leute anmerken lassen, wie bedeutend sie eigentlich sind. Ich habe oftmals gesagt: Darin besteht ein Teil der esoterischen Entwickelung, daß man einen Unsinn nicht bloß logisch als einen Unsinn empfindet, sondern daß man körperlichen Schmerz dabei empfinden kann. Diesen körperlichen Schmerz, der einen fast bis zur Verzweiflung bringen könnte, man kann ihn heute wahrhaftig recht, recht häufig spüren, wenn man dies oder jenes, sonst vielleicht ganz gescheite Dinge, durchliest.

[ 25 ] Dafür ein kleines Beispiel: Da habe ich ein Büchelchen, über den Inhalt will ich weiter nicht sprechen. Der Verfasser ist Thomas Mann, einer derjenigen, die heute von vielen als die erleuchtetsten Geister angesehen werden. Er spricht auch über die Art und Weise, wie man den gegenwärtigen Krieg in seinen Ursachen zu betrachten habe. Nun, ich will in diese Sache nicht eingehen. Aber indem er auf die Urteile der anderen blickt, sagt er: «Ein wenig Mut zur Geistesklarheit, meine Herrschaften!» — Er findet, daß die anderen nicht Mut haben zur Geistesklarheit. Also bescheiden ist der Mann nicht! Und jetzt kommt das, wobei man wirklich vor Schmerz aufspringen könnte. Jetzt will er beweisen, wo die Ursachen liegen. Da sagt er: «Zum Kriegführen gehören zwei oder mehrere, und wenn nur Deutschland bereit gewesen wäre, es auf die ultima ratio ankommen zu lassen, wenn nicht auch die anderen den Krieg, wie die korrekte Redensart lautet, «in ihren Willen aufgenommem gehabt und ihn einem diplomatischen Erfolge Deutschlands begeistert vorgezogen hätten, — nun! so wäre er nicht gekommen». — Zum Kriegführen gehören zwei, sonst kommt der Krieg nicht, — natürlich, das ist die Logik, mit der man heute denkt. Also das heißt: Wenn einer angreift, und nicht zwei da sind, die wollen, da kommt kein Krieg. Zum Kriegführen gehören zwei, da müssen zwei wollen. Das ist die Logik, meine lieben Freunde, eine Logik, die man noch dadurch besonders unterstreicht, daß man sagt: «Mut zur Geistesklarheit, meine Herrschaften!» Solche Erscheinungen spüren manche, und sie erziehen sich dann zur Demut, zur Bescheidenheit. Aber oftmals kommt einem diese Bescheidenheit so vor, daß man es charakterisieren könnte, mit einem Gedichte von Matthias Claudius, einem schönen Gedicht über die Bescheidenheit, der man sich hingibt. Ich will nicht über die Bescheidenheit sprechen, sondern dieses Gedicht sprechen lassen. Das Gedicht heißt — verzeihen Sie —: «Der Esely.

Hab nichts, mich dran zu freuen,
Bin dumm und ungestalt,
Ohn Mut und ohn Gewalt;
Mein spotten und mich scheuen
Die Menschen, jung und alt;
Bin weder warm noch kalt;
Hab nichts, mich dran zu freuen,
Bin dumm und ungestalt;

[ 26 ] Bescheiden ist er, nicht wahr!

Muß Stroh und Disteln käuen;
Werd unter Säcken alt —
Ah, die Natur schuf mich im Grimme!
Sie gab mir nichts als eine schöne Stimme.

[ 27 ] So bescheiden kommt einem mancher vor, der heute eine Weltanschauung begründet. Er ist bescheiden in allen Dingen, selbst bescheiden in dem, was man zu lernen hat, um eine Weltanschauung zu erhalten. Aber er weiß genau: die Natur gab ihm die Fähigkeit des Mutes zur Geistesklarheit, wie — verzeihen Sie — dem Esel die schöne Stimme.

[ 28 ] Wie gesagt, diese Dinge müssen, so sehr sie auf dem Boden der Alltäglichkeit zu spielen scheinen, schon durchaus beachtet werden, man muß schon den Blick darauf hinwenden. Denn viel wichtiger ist, daß man die Fähigkeit des beweglichen Denkens erlangt, als der Besitz einzelner geisteswissenschaftlicher Wahrheiten. Bei der Kraft der Klarheit des Denkens und bei der Weite und Beweglichkeit des Denkens, die nötig ist, um sich hineinzufinden in das Anerkennen der geisteswissenschaftlichen Wahrheit, kann man nicht anders, als spüren und empfinden, wo heute das vorhanden ist, was ich als Lebenslüge, Hochmut und alle möglichen Dinge dieser Art charakterisiert habe, die heute so vielfach das Leben beherrschen. An den breiten Menschenmassen liegt es nicht. Derjenige, meine lieben Freunde, der das Menschenleben kennt, der weiß, daß wenn es nur auf die menschlichen Naturen ankäme, es ebensogut möglich wäre, daß, wie Ihre Zahl hier Geisteswissenschaft aufnimmt, zwei Drittel von Berlin Geisteswissenschaft aufnehmen würden! An den Menschen als solchen, an der breiten Menschenmasse liegt es nicht. Es liegt an den Verhältnissen und an den führenden Persönlichkeiten. Das muß klar und deutlich empfunden werden. Und nicht einmal so sehr an den führenden Persönlichkeiten als an den Strömungen, in die diese führenden Persönlichkeiten eben durch die Zeit hineingepfercht sind, und wobei es dahin gekommen ist, daß heute jeder glaubt, über alles ohne eine Grundlage der Einsicht in die Welterscheinungen ein Urteil haben zu können. Man sagt ja, es werde heute viel Geistreiches geschrieben, wenn man auf dem Standpunkt der ganz gescheiten Leute steht. In Wahrheit wird viel gekohlt. Man könnte hier auch sagen, es wird viel «gekohlert»; denn der Professor Dr. Kohler ist Professor an der Berliner Universität, Rechtslehrer, und ist Neu-Hegelianer. Daher könnte man auch das Wort «kohlen» durch «kohlern» ersetzen. Ja, sehen Sie sich nur das an von einem etwas gründlichen Standpunkte, was von solchen Neu-Hegelianern zusammengekohlert wird! Wie gesagt, notwendig ist es, ein offenes Auge und einen freien Sinn zu haben für dasjenige, was da lebt in unserer Zeitbildung, im Zeitdenken.

[ 29 ] Denn wahrhaftig, ebenso wie die Menschen heroisch ihr Blut vergießen, ebenso würden sie dem Geiste sich zuneigen, wenn dieser Geist in der richtigen Weise an sie herankommen könnte. An den Menschen liegt es nicht. Das zeigt all dasjenige, was an großen Opfern und großen Taten in unserer Gegenwart verrichtet wird.

[ 30 ] Notwendig ist es, meine lieben Freunde, daß wir aus solchen Dingen der Geisteswissenschaft heraus, wie sie auch heute wiederum besprochen worden sind, den Willen bekommen, wirklich ein offenes Urteil und einen freien Sinn für dasjenige zu haben, was in unserer Umgebung lebt. Ich habe Ihnen vor kurzem darüber gesprochen, wie man in vieler Beziehung nur aneinander vorbeiredet. An einem epochemachenden Buch des Professors Schleich habe ich Ihnen angeführt, an einem besonderen Beispiel, wie man aneinander vorbeireden kann. Lesen sie wenigstens einzelne Kapitel dieses Buches. Es ist dieses Buch so recht ein Beispiel, wie in Wahrheit es sich ganz anders verhält als nach den menschlichen Meinungen. In Wahrheit arbeiten schon die wirklich redlichen Menschen so, wie man in einem Tunnel arbeitet: von zwei Seiten her, so daß man sich in der Mitte begegnet. Lesen Sie zum Beispiel gerade das Kapitel, an dessen Ende das steht von dem Goetheschen Zettel, der erst noch gefunden werden soll, der aber schon seit dem Jahre 1892 gefunden ist, dieses Kapitel über den «Mythos vom Stoffwechsel im Gehirn» — so nennt Schleich dieses Kapitel —, dann werden Sie spüren, wie ein redlicher ernster Forscher, der zu gleicher Zeit ein Denker ist, durch die Notwendigkeiten seiner anatomisch-chirurgischen Untersuchungen, die er in zahlreichen Fällen machen konnte, weil sie ihm chirurgisch auferlegt waren, dazu kommt, etwas zu schildern. Lesen Sie dieses Kapitel, Sie werden sehen, was Schleich eigentlich schildert von der anderen Seite her: Den Ätherleib des Kopfes schildert er in Wirklichkeit! Er ist gedrängt, gezwängt duch die notwendigen Tatsachen, diesen Ätherleib zu schildern.

[ 31 ] Segen wird einmal erst da sein, wenn man wissen wird, daß von der anderen Seite her die Geisteswissenschaft arbeitet. Denn man wird nichts machen können mit alledem, was da von der einseitigen Naturwissenschaft her gebracht wird. Wenn man immer wieder und wiederum sehen muß — oh, es ist schmerzlich —, daß die Naturforscher eigentlich von der anderen Seite her arbeiten und das beschreiben, so weit sie eben kommen können, von der anderen Seite, worauf die Geisteswissenschaft aus einer breiten, umfassenden Weltanschauung kommt, da hat man das Gefühl: die Leute haben ja dasjenige in der Hand, um das es sich handelt. Aber wie haben sie es in der Hand? Sie haben es in der Hand wie einer, der ein Magneteisen in der Hand hat, einen Hufeisen-Magneten, und der da sagt: Da behauptest du mir, da sei eine magnetische Kraft drinnen; ich sehe das stoffliche Eisen! — und der dieses stoffliche Eisen nimmt und damit das Pferd beschlägt. Denken Sie sich einmal: Gerade so verhalten sich die bloß auf dem Boden der Naturforschung stehenden Menschen, wie der, der ein Pferd beschlägt, statt den Magnetismus zu verwenden, woraus dann etwas ganz anderes entstehen könnte als ein Hufeisen, das man einem Pferd annagelt; dazu braucht das Eisen eben nicht magnetisch zu sein, es ist vielleicht gar nicht gut, wenn es magnetisch ist. Denken Sie, was anderes entstehen würde aus alledem, was unsere Naturwissenschaft gebracht hat, wenn es möglich wäre, daß die Leute ohne Vorurteile und unbefangen sich wirklich begegnen würden mit dem, was die Geisteswissenschaft ihnen entgegenbringt. Und denken Sie, wie das auf allen Gebieten so ist. Wie hilflos, wie grenzenlos hilflos sind die volkswirtschaftlichen Untersuchungen der gescheiten Leute der Gegenwart! Sie ahnen nicht, was aus der gegenwärtigen Volkswirtschaft würde, wenn man sich begegnen wollte mit dem, was die Geisteswissenschaft zu geben vermag. Und so auf allen, allen Gebieten. Überall ist es so, daß man sieht: Die Leute haben das Eisen, sie wissen nur nicht, daß es magnetisch ist, daß eine unsichtbare Kraft in dem ist, was sie in der Hand haben. Das ist dasjenige, was wir fühlen, was wir empfinden müssen. Überall werden die Menschen durch die Notwendigkeit der Entwickelung an den Geist herangedrängt. Aber die Meinung ist so befangen, daß sie diesen Geist nicht anerkennen können.

[ 32 ] Dieses Gefühl uns anzueignen, wahrhaftig, ein Zeichen dafür ist dasjenige, was wir als im Sinne der Zeitgeschichte und als Zeitereignisse jetzt erleben. Und was ist das, was ich schon neulich anführte? Dadurch zeichnet sich unsere Zeit besonders aus, daß die Verhältnisse, die Ereignisse, kompliziert geworden sind, und die Gedanken diese komplizierten Ereignisse nicht im entferntesten umspannen können. Und so zersplittert sich alles. Die Leute gehen aneinander vorbei. Alles zersplittert sich. Jeder findet auf seinem besonderen Gebiete seine eigene Methode und ahnt nicht, daß die geschichtliche Notwendigkeit vorliegt, alles das wirklich beleuchten zu lassen von der Geisteswissenschaft aus.

[ 33 ] Nun, ich habe es oftmals hier ausgesprochen: Jedes physische Ereignis hat schon seine geistige Seite. Wie verwandt wir mit der Welt sind, zeigt sich, indem wir der Welt zurückgegeben werden, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Das, was ich über den Ätherleib gesagt habe, bezieht sich auf die Zeit zwischen Geburt und Tod. Anders wird es, wenn unter dem Halt des Ich und des astralischen Leibes zunächst während einiger Tage nach dem Tode der Ätherleib zusammengehalten und dann dem Kosmos übergeben wird. Dann wirkt er so, wie ich das oftmals dargestellt habe. Viele solche Ätherleiber — ich habe es oft gesagt — von jung durch die Pforte des Todes Gegangenen sind gegenwärtig in der geistigen Sphäre und bleiben dort mit all dem geistigen Inhalte, der da kommt von dem Opfertode. Das können Helfer sein für die Vergeistigung der Menschheit in der Zukunft. Aber hier auf der Erde werden Menschenseelen sein müssen, welche verstehen, was ätherisch um den Menschen herumschwebt als teuer-werter Überrest der durch den Opfertod Gegangenen. Das wird ein realer, nicht bloß ein abstrakter Erinnerungsprozeß sein. Und an den Menschen, die hier sind, wird es sein, daß sie diese Kräfte, die von den noch jungen Ätherleibern kommen können, in den Dienst der Menschheit stellen, wo sie hin wollen. Wenn die Menschenseelen hier nicht dazu reif sein werden, dann werden diese Kräfte in ahrimanisch-luziferische Strömungen einlaufen müssen. Nicht nur Erkenntnisse, nicht nur Gefühle, meine lieben Freunde, sondern auch Verantwortungen zeigt uns die Geisteswissenschaft, Verantwortungen, die wir treulich in unserer Seele lebendig machen sollen.

[ 34 ] Und im Grunde genommen ist es das rechte Ergebnis einer solchen Betrachtung, wie wir sie heute nach der einen und nach der anderen Richtung gepflogen haben, wenn wir fühlen lernen die Verantwortung, die auch das Seelische des Menschen hat gegenüber der Zeit, die sich entwickelt, die die Ereignisse entwickeln muß, da, wo sie sich werden abspielen müssen über blutgedüngtem Boden. Nur wenn wir so, nicht in leichtem, sentimentalem Sinn, sondern in echtem, ernstem Sinne uns erbauen an der Betrachtung des Zusammenhanges von Mensch und Welt, wie die Geisteswissenschaft es geben kann, dann verstehen wir recht die Worte, die oftmals hier gebraucht sind und die uns zur Seele rufen sollen die Gefühle, die in den gegenwärtigen Menschen so notwendig sind angesichts der großen Zeitereignisse:

[ 35 ] Aus dem Mut der Kämpfer, Aus dem Blut der Schlachten, Aus dem Leid Verlassener,

[ 36 ] Aus des Volkes Opfertaten Wird erwachsen Geistesfrucht — Lenken Seelen geistbewußt

[ 37 ] Ihren Sinn ins Geisterreich!