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Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste
GA 167

2 Mai 1916, Berlin

8. Thomas Morus’ «Utopia»

[ 1 ] Wir haben Betrachtungen angestellt in Anknüpfung an dasjenige, was man nennen kann okkulte Brüderschaften, und wir haben ja auch das letzte Mal hier versucht, einiges Licht zu werfen auf dasjenige, was als eines der bedeutsamsten Symbole innerhalb solcher Brüderschaften immer wieder und wiederum vorkommt: die Auffindung des verloren gegangenen Wortes. Heute möchte ich zu diesem Thema, zu dem man jahrelang hindurch fortsprechen könnte und es selbstverständlich doch nicht erschöpfen würde, gewissermaßen etwas dazu beibringen, das wohl in der Welt, die von Geisteswissenschaft nichts weiß, wenig oder gar nicht — man kann schon sagen: gar nicht — in irgendeinen Zusammenhang gebracht werden kann mit demjenigen, was, ich will nun nicht sagen, okkulte Brüderschaft ist, sondern durch die okkulten Brüderschaften als Lehre, als Kultus, als Weltanschauung fließt. Also von etwas wollen wir sprechen, das mit den Gegenständen, die wir besprochen haben, in einer Art von Zusammenhang steht, den wir uns nur dann klar machen können, wenn wir zum Schlusse auf die ganze geisteswissenschaftliche Seite der Frage, um die es sich heute handeln wird, eingehen werden.

[ 2 ] Über ein trübes Kapitel der Geschichte ist es dabei notwendig zu sprechen, welches ja gerade von dem Gesichtspunkte aus, den wir heute erörtern werden im Zusammenhange mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, auch überschrieben werden könnte: Wie manchmal Religionen entstehen. Sie werden sich vielleicht noch aus Ihrer Schulzeit erinnern, daß vom Jahre 1509 bis zum Jahre 1547 auf dem Thron von England Heinrich VIII. saß. Ich glaube, Sie werden alle diesen Heinrich VIII. wohl kaum als ein besonders nachahmungswürdiges Beispiel edler Menschlichkeit in Ihre Seele und in Ihr Herz geschlossen haben. Diejenige Geschichte, die Ihnen ja vielleicht am besten von diesem Heinrich VII. im Gedächtnis geblieben ist, wird ja wohl diese sein, daß er sechs Frauen gehabt hat, von denen er zwei hinrichten ließ: Die eine, weil sie ihm nicht mehr gefiel, die andere im Grunde auch, weil sie ihm nicht mehr gefiel. Gründe findet man ja dann immer dafür. Von den anderen ließ er sich scheiden. Die letzte, die sechste, hat er ja auch hinrichten lassen wollen, aber es ist nicht mehr dazu gekommen, weil in einer besonders koketten Rede, die stattgefunden hat zwischen Heinrich VII. und dieser seiner sechsten Frau, diese ein wenig schlauer war als er, und ihn wieder herumgekriegt hat. Nun aber ging ja insbesondere, wie Sie wissen, das Scheiden von seiner ersten Frau nicht gerade ganz leicht, denn die Ehe war vollzogen nach allen kirchlichen Regeln, und es wäre notwendig gewesen, wenn alle Gebräuche und Anschauungen der äußeren Welt gewahrt worden wären, daß Heinrich VIII. durch den Papst Clemens VII. geschieden worden wäre. Aber der Papst fand keinen Grund zur Scheidung und weigerte sich immer wieder und wiederum. Viele Jahre gingen die Verhandlungen hin und her. Der Papst wollte nicht scheiden. Nicht wahr, eine fatale Situation! Was tut man in einem solchen Falle? Na, man kann es ja nicht immer tun, aber wenn man Heinrich VII. ist, so tut man es eben: Man gründet eine neue Religion, man stiftet eine neue Kirche. Und so stiftete denn Heinrich VIII. die neue Kirche, die dann fortlebt nach mancherlei Umformungen in der anglikanischen Kirche Englands, die heute zwanzig Millionen Bekenner hat. Es stiftete also Heinrich VII. eine neue Kirche. Eine neue Kirche zu stiften, das machen andere so, daß sie eine neue Lehre in eine Form prägen. Aber Heinrich VII. war ja kein kluger Mann, wie schon das Gespräch mit seiner letzten Frau, von dem ich erzählt habe, zeigt, und es fiel ihm eigentlich gar nichts ein, womit er eine neue Kirche begründen sollte. Da ließ er denn die Lehre die alte sein und gründete eine neue Kirche, das heißt, er suchte nach und nach die erleuchteten Männer des Parlaments, des Staates dahin zu bringen, daß sie zustimmten, nicht mehr den Papst weiter als das Oberhaupt der englischen Kirche anzuerkennen, sondern ihn selber, Heinrich VII. Es ist die berühmte Supremats-Akte, die dazumal in England gestiftet worden ist, wodurch Heinrich VII. — und damit selbstverständlich jeder seiner Nachfolger — zum Oberhaupt dieser Kirche erklärt worden ist. Nun konnte er sich scheiden lassen. Der Zweck war erreicht, nicht wahr? Aber man darf vielleicht doch eine solche Sache im Zusammenhange mit all den fortlaufenden Geschehnissen der Menschheitsentwickelung ein wenig betrachten.

[ 3 ] Einer derjenigen Männer nun, der stark sein Leben verbunden hat mit all dem, was da als eine neue Kirchengründung durch einen ja so heiligen Mann wie Heinrich VII. stattgefunden hatte, ist der berühmte, ich weiß nicht, wie weit gekannte, Thomas Morus. Thomas Morus ist ja, wie Sie wohl wissen, der Verfasser einer Schrift von der Art, die man seitdem Utopien nennt. Sie erinnern sich vielleicht noch an die Utopie des Bellamy. Solcher Utopien sind viele geschrieben worden, meinen die Menschen. Wie wir gleich sehen werden, meinen es die Menschen bloß, daß viele solcher Utopien, wie Thomas Morus sie geschrieben hat, geschrieben worden sind. Aber man nennt seit Morus dasjenige, was jemand als Ideal einer Staatsordnung schreibt, von der die gescheiten Leute glauben, daß sie nicht verwirklicht werden kann — sie können dann aber auch gescheit sein, denn manche Utopien lassen sich ja wirklich nicht verwirklichen —, deshalb Utopien, weil Thomas Morus in einer besonderen Schrift das Land «Utopia» beschrieben hat, das eine besondere Staatseinrichtung habe. Thomas Morus hat in dieser Utopia verschiedene Einrichtungen seines Staates — sagen wir zunächst: seines Phantasie-Staates — beschrieben, und eine der Einrichtungen ist auch diese, daß in diesem Phantasie-Staate Toleranz der verschiedenen Religionen herrschen soll. Ein Staat also, der gewissermaßen die Religion zur Privatsache erklärt. Man kann sagen, daß jener Redemptorist — das ist eine Sorte von Jesuiten — der noch vor gar nicht langer Zeit über Thomas Morus geschrieben hat, eigentlich gar nicht Unrecht hatte, wenn er bezweifelte, daß Thomas Morus wirklich gedacht haben könnte, daß in irgendeinem Idealstaate religiöse Toleranz walten sollte. Man darf ja auch nicht vergessen, daß es einem Redemptoristen schwer würde, solches anzunehmen, denn die katholische Kirche hat Thomas Morus selig gesprochen, und auf diese Seligsprechung ist in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts so stark hingewiesen worden, daß man aus diesen verschiedenen Hinweisen ersehen kann: die katholische Kirche hat sogar die Absicht, "Thomas Morus sehr bald heilig zu sprechen.

[ 4 ] Ja, meine lieben Freunde, die katholische Kirche kennt in einem solchen Falle in der Regel die Akten sehr gut. Denn eine Heiligsprechung ist eine recht ausführliche und auf die Akten tief eingehende Prozedur. Da hat vor allen Dingen der «Advocatus Regius» alles dasjenige hervorzuheben, was dafür spricht, daß der Betreffende wirklich ein heiliger Mann war, daß durch ihn Wunder geschehen seien. Denn ohne daß durch einen Wunder geschehen, kann man in der katholischen Kirche nicht heilig gesprochen werden. Diese Prozedur dauert schon sehr lange. Dann spricht aber auch der sogenannte «Advocatus Diaboli». Der hat alles dasjenige vorzubringen, was gegen den Betreffenden spricht. Nun stelle man sich vor, daß sich die Kirche der Gefahr aussetzen würde, daß der Advocatus Diabolus bei einer eventuellen Heiligsprechung des Thomas Morus vorbrächte: Dieser Mann hätte das Wunder vollbracht, religiöse Toleranz anzuerkennen! — Unmöglich, nicht wahr! Aber es spricht wirklich vieles andere noch dagegen. Und wenn wir in Ausführlichkeit die Biographie des Thomas Morus, soweit sie bekannt ist, entwickeln könnten, so würden wir sehen, wie vieles dagegen spricht, daß Thomas Morus so ohne weiteres religiöse Toleranz, wie man das nennt, habe predigen wollen durch seine Schrift «Utopia». Aber es spricht ja vielleicht sogar schon ein Hauptzug seines Lebens dafür. Thomas Morus war nämlich eigentlich in seinem Leben, trotzdem er ein sehr frommer Mann war, zunächst, man könnte sagen, ein Glückskind. Er stieg auf zu verschiedenen Staatsämtern, wurde Parlamentsmitglied und zuletzt Lordkanzler Heinrichs VIII. Also er hatte eine hohe Würde bei einem heiligen Manne erlangt! Thomas Morus war aber ein frommer Mann und ein gewissenstreuer Mann. Und er hatte — durch das besondere Verhältnis, in dem er stand zu dem heiligen Manne, Heinrich VII. — sein Urteil abzugeben über die Stiftung der neuen Kirche. Und siehe da, dazu ließ er sich nicht herbei, obwohl er, trotzdem er ein frommer Mann war, auch eine weiche Natur war. Thomas Morus ließ sich nicht dazu gewinnen, sein richterliches Urteil dahin abzugeben, daß Heinrich VIII. recht habe.

[ 5 ] Was tut man in einem solchen Fall, wenn man ein Mann wie Heinrich VIII ist? Man widerlegt wohl den Betreffenden, der so triftige Einwendungen macht wie Thomas Morus? Nein! Man sperrt ihn ein! Und so ließ denn auch Heinrich VIII. nach mancherlei Zwischenprozeduren Thomas Morus in den Tower werfen. Und das sehr erleuchtete Gericht der Lords hatte nun zu entscheiden, welches Urteil über diesen Thomas Morus zu fällen sei, der sozusagen eine der ersten großen Sünden der neuen Kirche begangen hatte. Es ist doch nicht uninteressant, meine lieben Freunde, dieses Urteil, das dazumal gefällt worden ist, ein wenig ins Auge zu fassen. Thomas Morus wurde nämlich zu folgendem verurteilt. Also er wurde geführt — machen wir uns die Situation klar — von dem Tower zu dem erleuchteten Gerichtshofe und wurde nun verurteilt, durch Hilfe des Sheriffs oder Stadtrichters, William Pinkston, wieder zurück in den Tower gebracht zu werden, von dort in einem geflochtenen Korbe durch die Stadt London bis nach Tyburn geschleift zu werden, dann dort in Tyburn gehangen zu werden, aber nur so lange, bis er halb tot sei; dann lebendig abgeschnitten zu werden; dann, nachdem ihm gewiesse Glieder abgeschnitten worden seien, solle ihm der Leib aufgerissen werden, die Eingeweide verbrannt, sein Leib mit Ausnahme des Kopfes in vier Teile geteilt werden, welche nach den vier Enden der Stadt London gebracht werden sollten, um dort auf Spießen aufgespießt zu werden. Sein Kopf aber sollte auf der Londoner Brücke auf einem hohen Spieße zum Abschrecken der Leute aufgepflanzt werden, damit sie in der Zukunft nicht solche Sachen machten. Dieses Urteil wurde ausgesprochen durch die erleuchteten Lords. Es wurde allerdings nicht ausgeführt, sondern Thomas Morus wurde dazu begnadigt, bloß im Tower enthauptet zu werden und die übrigen Dinge wurden nicht gemacht, bloß das Haupt ist auf der Londoner Brücke auf einem hohen Spieße aufgepflanzt worden. So steht Thomas Morus vor uns in der Geschichte da. Und das alles hat sich ja in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts vollzogen. Gar so lange ist die Sache nicht her. Und nun, nachdem wir es danach haben unwahrscheinlich finden müssen, daß Thomas Morus Religionstoleranz gepredigt habe, weil er nur Heinrich VII. aus treuer Anhänglichkeit zur katholischen Kirche widerstanden hat und deswegen eben als ein Märtyrer selig gesprochen worden ist, — nachdem wir also wohl verstanden haben werden, daß Thomas Morus so ohne weiteres kein Rationalist von der Sorte der Rationalisten, der Freigeister des achtzehnten Jahrhunderts sein kann, welche Religionstoleranz gepredigt haben, so müssen wir uns nun seine «Utopia» etwas ansehen. Es ist aber ein ausführliches Buch, und ich kann nur ein paar Züge davon erklären.

[ 6 ] Diese «Utopia» also enthält Ideen über ein Staatsgebilde, von dem uns erzählt wird, daß es sich entwickelt habe auf der fernen Insel, eben Utopia. Dieses Staatsgebilde — wollen wir es nur in den Hauptzügen charakterisieren — zeigt Einrichtungen, welche ganz gewiß sehr vielen Menschen aus manchen Untergründen des Nachdenkens heraus als sehr wünschenswerte Züge erscheinen. Mancherlei allerdings zeigt ja, daß bloßer nüchterner, trockener Verstand in diesem Staatsgebilde herrscht. So wird uns zum Beispiel beschrieben, daß die Häuser alle quadratförmigen, viereckigen Grundriß haben, daß alle gleich sind, die Straßen auch alle gleichmäßig verlaufen. Dann wird uns erzählt, daß es in jedem Hause geregelt werden muß, streng polizeilich, könnte man sagen, wieviele Jünglinge und Männer, Jungfrauen und Frauen darin wohnen dürfen. Stellt es sich einmal heraus, daß eine Überzahl in einem Hause ist, dann müssen einige heraus und in anderen Häusern einspringen, wo Lücken sind. Also es wird auf eine genaue Verteilung des Menschenmaterials auf die verschiedenen Häuser gewisser Wert gelegt. Dann aber wird darauf gesehen, daß private Besitztümer nicht erworben werden, sondern daß eine gewisse kommunistische Wirtschaft sei. Damit die Menschen nicht zur Überschätzung des Privateigentums in Form des Goldes kommen, kann jeder durch polizeiliche Gewalt nur so viel erwerben, daß es eine bestimmte Höhe erreicht. Alles andere wird an den Staat abgeführt. Namentlich darf kein einzelner Gold erwerben. Alles Gold wird an den Staat abgeführt. Aber es soll nicht einmal die Anschauung aufkommen, daß das Gold etwas sei, was ganz besonders begehrenswert sein könnte. Denn wenn man Gold genug habe, im Überfluß Gold habe, so müsse aller Überfluß oder alles dasjenige, was Überfluß werden könnte, zu Ketten geformt werden, mit denen man die Verbrecher fesselt, oder es wird verteilt, indem gewisse, aber nur zu untergeordneten Zwekken in den Häusern dienliche Gefäße daraus geformt werden und dergleichen mehr. Also das Gold soll ganz entschieden in einer Weise verwendet werden, daß man auch niemals auf den Glauben kommen könne, daß es irgendwelchen Wert habe. Die polizeiliche Gewalt wird in diesem Staate Utopia nicht ganz ins Wüste getrieben. Gewisse Grenzen werden gesetzt. So wird zum Beispiel ausdrücklich gesagt, die Zahl der Kinder, die man in einem Hause haben dürfe, werde nicht vorgeschrieben. Die Mahlzeiten in den Häusern sind gemeinschaftlich für die Hausgenossen. Es ist streng angeordnet, wo die Alten sitzen, wo die Jungen sitzen, wer zuzutragen hat und so weiter. Auch über die Gesinnungen, die herrschen — wir haben es ja zu tun mit einer Insel Utopia, also der Staat existiert für die Phantasie, es ist nicht ein Zukunftsideal —, über die Gesinnungen der Bewohner von Utopia wird etwas gesagt: Sie sind von untergeordneten selbstsüchtigen Leidenschaften und Begierden durch die vernünftigen Einrichtungen ihres Staates in einem gewissen Sinne so stark frei geworden, daß sie zum Beispiel immer die Redensart auf der Zunge führen: Man dürfe ja nicht essen aus dem Grunde, weil einem das Essen irgendwie schmecke, das sei wider die höhere Entwickelung der menschlichen Natur, aber man müsse dankbar sein der Gnade, die den Menschen geworden sei, daß mit dem notwendigen Genuß der Speise zugleich ein angenehmes Gefühl verbunden sei. Sie merken die feinen Unterschiede, nicht wahr! Und insbesondere sagen diese Bewohner von Utopia, man müsse dankbar sein, daß jene Krankheit, die man Hunger nennen könnte — denn daß der Mensch hungrig werden kann, ist wahrhaftig ebenso schlimm, wie daß er krank werden könne —, nicht mit Giften und bitteren Arzneien geheilt werden muß wie andere Krankheiten, denn sonst müßte man jeden Tag Gifte und bittere Arzneien zu sich nehmen, und das wäre schlimm. Dann wird ausdrücklich gesagt, daß man selbst bei Tisch, oder wenigstens bevor man beginnt, immer einen frommen, auf die Sittlichkeit bezüglichen Vortrag hören müsse von einem der erleuchteten Geister in Utopia. Dann wird davon gesprochen, daß die Utopisten überhaupt ganz geführt werden von den erleuchteten Männern, die zugleich Priester sind, und ähnliches mehr.

[ 7 ] Aber nun wird eben auch auseinandergesetzt, wie in diesem Utopien Grundsätze herrschen so, daß man Gott recht dienen könne, selbst für den Fall, daß es ihm gefallen hätte, sich nicht auf eine einzige, sondern auf verschiedene Arten von den Menschen verehren zu lassen. Und das war einer der Gründe, sogar der erheblichste Grund für Utopus, den Gründer der Staatseinrichtungen von Utopia, vollständig Religionsfreiheit zu gestatten. Diese Religionsfreiheit ist nun wirklich recht vernünftig, denn sie enthält zugleich, daß jeder dasjenige aussprechen kann, was er für seine religiöse Überzeugung hält. Allerdings, vorausgesetzt wird dabei, daß es keinen Menschen gibt und je geben kann in Utopia, welcher das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und das jenseitige Gericht nach dem Tode leugne. Das seien gemeinsame Grundsätze für alle Religionen, und die würde ohnedies jeder anerkennen. Als das vernünftige Gegenbild dieser Religionsfreiheit ist zugleich ausgesprochen, daß niemand irgend jemanden wegen seiner religiösen Überzeugung beschimpfen oder ihm gar etwas zu Leide tun darf. Kurz, wenn man sich einläßt auf diesen Inhalt des Buches «Utopia» von Thomas Morus, so sieht man wirklich, daß es aufgebaut ist auf merkwürdigen Anschauungen, von denen man nur sagen kann: Sie sind vernünftig nach jeder Richtung hin. Und wenn Thomas Morus solche Einschiebsel macht, wie ich sie erwähnt habe, von dem Preis der Gnade, die es den Menschen möglich macht, doch angenehme Empfindungen vom Essen zu haben oder ähnliches, so beruht das auf ganz gewissen Voraussetzungen, die durchaus nicht darauf hinweisen, daß Thomas Morus sagen wollte, der ganze Staat sei ein Unsinn, ohne weiteres, sondern daß er sagen wollte: Die Menschen sind nur nicht dazu veranlagt, vernünftige Lehren wirklich auch immer vernünftig auszulegen, sondern sie verzerren sie zur Karikatur. — Es gibt auch noch andere Gesellschaften, die zwar nicht in Utopia sind, sondern anderswo, in denen zum Beispiel auch Gleichberechtigung, gleiche Anerkennung der verschiedenen Religionsgemeinschaften herrscht, in denen man sich auch bemüht, vernünftige Lehren zur Wirklichkeit zu machen, und in denen auch nicht jeder einzelne durchaus immer Vernünftiges gibt, wenn er zum Beispiel seine Anschauungen und Gesinnungen erzählt, die er aus dem Vernünftigen heraus geholt hat. Ich will nicht auf die «fernen» Gebiete hinweisen, in denen so etwas vorkommt!

[ 8 ] Also Thomas Morus muß von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit seiner Insel Utopia sehr ernst genommen werden. Dabei dürfen wir wiederum nicht vergessen, daß dieser Thomas Morus von Kindheit auf nicht nur ein frommer Mann war, sondern auch ein Mann, der unablässig seine Meditationen, seine geistigen Übungen, absolvierte, ein Mensch, der seine Meditationen im tiefsten Sinne ernst nahm, und der täglich stundenlang damit zubrachte, seine Seele durch Meditation den Weg in die geistige Welt gehen zu lassen. Noch am letzten Tage vor seiner Hinrichtung sandte Thomas Morus aus dem Tower die geheimen Dinge, die er zu seinen geistigen Übungen hatte, an seine Tochter, damit diejenigen, die ihn wegführten, sie in seiner Zelle nicht finden würden. Bis zu seiner Hinrichtung setzte er seine geistigen Übungen fort. Dieser Mann, der es so ernst nahm mit der Entwickelung seiner Seele, er hat immer wieder und wiederum deutlich zum Ausdruck gebracht, daß er im Sinne seiner Zeit — wir stehen ja vor der Ausbreitung des Protestantismus selbstverständlich — durchaus nichts anderes sein wollte als ein treuer Sohn seiner Kirche, nämlich der römisch-katholischen Kirche. Und für diese Kirche hat er sich ja auch hinrichten lassen.

[ 9 ] Einige Züge müssen noch vor unsere Seele treten aus dem Buche «Utopia». Da wird vor allen Dingen gesagt: Auf dieser fernen Insel, die gar keinen geographischen Zusammenhang mit Europa habe, sind nur einmal alte Weise gelandet, römische und ägyptische Weise, die dasjenige angegeben haben, was dann den Utopus, den Begründer des Staates veranlaßt hat, seine Einrichtungen zu treffen. Dann werden merkwürdige Dinge mitgeteilt; wenigstens in den älteren Ausgaben des Buches «Utopia» sind sie enthalten. Ein gewisses Alphabet wird mitgeteilt, das aus gewissen rechten Winkeln und ihrer Zusammensetzung besteht, und das das Alphabet der Schrift von Utopia sein soll. Wer heute in den gebräuchlichen Büchern, die die Schriften mancher freimaurerischer Orden wiedergeben, nachsieht, der kann gar nicht umhin, schon dieses Äußerliche anzuerkennen, wie ähnlich die Schrift ist, die da Thomas Morus als die Schrift von Utopia mitteilte, der Schrift, die in gewissen freimaurerischen Zusainmenhängen gebraucht wird. Außerdem werden gewisse Sprüche mitgeteilt, die gewisse Richtschnuren geben sollen für Handlungsweisen in Utopien. Und da wird in einer merkwürdigen Weise zusammengesetzt lateinischer, griechischer, hebräischer Text, so daß das wiederum erinnert an gewisse Formeln okkulter Verbrüderungen, wenn auch die Sache nur sehr, sehr verhüllt angedeutet wird. Dann wird noch etwas Merkwürdiges gesagt. Es wird ausdrücklich gesagt, römische und ägyptische Weise seien gelandet auf jener Insel, aber vom Christentum sei nichts hingekommen. Nun wird die Sache immer rätselhafter. Denken Sie, Thomas Morus ist frommer Katholik, ist ein Mann, der geistige Übungen macht. Thomas Morus schreibt ein Buch «Utopia», in dem er eine Insel beschreibt mit von ihm zweifellos innerhalb der weitesten Grenzen ernst gemeinten Einrichtungen; aber das Christentum ist niemals hingekommen.

[ 10 ] Ja, wie steht man eigentlich vor solch einem Manne? Wie begreift man ihn? Nun, wir brauchen nur anzuknüpfen an die Tatsache, daß er geistige Übungen machte, und man braucht nur Verschiedenes, was er geäußert hat und was im Zusammenhang mit seinen geistigen Übungen steht, richtig zu betrachten, so wird man finden, daß Thomas Morus es auch zu etwas gebracht hat durch seine geistigen Übungen. Aber nun erinnern Sie sich, in welcher Zeit Thomas Morus steht. Erinnern Sie sich, daß wir in der Regierungszeit Heinrichs VII. stehen, im sechzehnten Jahrhundert, also kurz nach dem Übergange der vierten nachatlantischen Zeit in die fünfte nachatlantische Zeit. Ich habe Ihnen vor kurzem diesen Übergang geschildert, indem ich Sie hingewiesen habe auf Pico von Mirandola, auf Savonarola und so weiter, indem ich Ihnen den ganzen Übergang, ich möchte sagen, so zu charakterisieren versuchte, wie er aus Persönlichkeiten heraus spricht. Aber auch in Thomas Morus haben wir einen Menschen vor uns, der im Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraums steht, jenes Zeitraumes, den wir ja so oft charakterisiert haben durch seine tiefste Eigenart: daß zurückgegangen sind die alten okkulten Fähigkeiten. Sie sind für das gewöhnliche menschliche Erleben zurückgegangen, aber erlangbar sind sie wiederum durch geistige Übungen. Und Thomas Morus hat solche geistigen Übungen gemacht.

[ 11 ] Nun kann ein bestimmter Fall eintreten. Man kann durch solche geistigen Übungen, wie es jetzt eigentlich immer beim richtigen Üben angestrebt wird, dahin kommen, gleich ordentlich zu durchschauen, wie der Zusammenhang ist zwischen dem gewöhnlichen menschlichen Vorstellen des Alltagslebens und dem, was aus den Tiefen der Seele heraufzieht als Anschauung einer höheren spirituellen, geistigen Welt. Aber es kann auch anderes eintreten. Und bei Thomas Morus ist eben etwas anderes eingetreten. Thomas Morus hat sich durch seine geistigen Übungen versetzt während seiner Schlafenszeit in die astralische Welt, so daß er in dieser astralischen Welt ganz andere Erfahrungen machen konnte als der gewöhnliche Mensch, der keine geistigen Übungen in der astralischen Welt macht, aber er konnte sie nicht unmittelbar bewußt herüberbringen. Er konnte ausführlich erleben gewisse Dinge in der geistigen Welt, er konnte sie zwar nicht bewußt herüberbringen, aber er brachte sie herüber, und was er herübergebracht hat aus dieser astralischen Welt, das hat er in seinem Buche «Utopia» beschrieben. Dieses Buch «Utopia» ist nur für die, verzeihen Sie, ganz gescheiten Leute ein Phantasiebild. Es ist für den, der die Tatsachen kennt, ein geistiges Erlebnis, bei dem nur der Zusammenhang zwischen dem gewöhnlichen Denken und dem geistigen Erlebnis nicht voll zum Bewußtsein gekommen ist. Aber um so zwingender sind solche geistigen Erlebnisse. Man kann gut frommer Katholik sein, man kann sogar so frommer Katholik sein, daß man nachher selig und heilig gesprochen worden ist, man kann Märtyrer für seinen Katholizismus werden, wie Thomas Morus: Wenn man solche geistigen Erfahrungen gehabt hat, wie er sie gehabt hat auf dem astralischen Plan, dann schreibt man sie doch nieder! Denn man hat sie erlebt. Und das Erleben wirkt mit elementarer Gewalt.

[ 12 ] Es ist mir entgegengetreten, daß immer oder wenigstens sehr häufig der Versuch gemacht wird, Utopia, den Inselnamen, zu übersetzen. Und ich glaube, daß die deutsche Literatur den Leuten die Übersetzung: «Nirgendheim» aufgemutzt hat, also die Insel, die nirgends ist. Das ist solch eine von denjenigen Übersetzungen, die man macht, wenn man eben von der ganzen Sache nichts versteht. Man muß schon die ganze Sache durchschauen, wenn man den Namen Utopia richtig übersetzen will. Wenn man nämlich wirklich hineinkommt in die astralische Welt, so ist es zum ersten gehörig, was man in dieser astralischen, elementarischen Welt erlebt, daß die Gesetze des Raumes in der Weise aufhören, wie sie hier im gewöhnlichen dreidimensionalen Raume sind. Diese Gesetze, wie wir sie in der Geometrie kennen lernen, haben wirklich nur für die äußere Sinneswelt Geltung. Und es ist unmöglich, in der gleichen Weise von dem zu sprechen, was man in der astralischen Welt erlebt. Bildlich kann man es; aber in Wirklichkeit muß man wissen, daß das Bildliche etwas anderes bedeutet. Es ist unmöglich, von dem, was man in der astralischen Welt erlebt, in derselben Weise zu sprechen, wie man hier von Dingen und Wesen der Sinneswelt spricht. Nicht wahr, ich darf von diesen Dingen und Wesen der Sinneswelt sprechen, spreche auch davon: diese Dame sitzt hier, diese Dame sitzt dort, an dem einen, an dem anderen Orte. Das so unmittelbar auf die astralische Welt zu übertragen, hat nicht den geringsten Sinn. Das wird man bald gewahr in dieser Welt, daß man da in der Welt der NichtÖrtlichkeit, der Nicht-Topigkeit, des Nicht-Topismus, steht, daß man also, wenn man etwas reden will über diese Welt, das Örtlichsein der sinnlich-physischen Welt verneinen muß. Und man müßte übersetzen «Utopia»: Nicht-Örtlichkeit. Auf die Qualität der Welt, in die Thomas Morus hineingeschaut hat, kommt es dabei an.

[ 13 ] Was ist ihm nun in dieser Welt ganz besonders entgegengetreten? Braucht man sich denn eigentlich zu verwundern, daß ihm etwas entgegengetreten ist, was demjenigen ähnlich sieht, was in okkulten Verbrüderungen als Grundsätze herrscht und als gewisse Gebräuche herrscht? Diese Gebräuche der okkulten Verbrüderungen, wir haben es betont, sind ja altes okkultes Weistum, stammen ja auch von den alten Beobachtungen aus dieser astralischen Welt. Als das hinuntergegangen war und nur in den verschiedenen Ordensgemeinschaften weiter lebte durch Tradition, bei Leuten, die es zwar historisch hatten und denen es diktiert wurde und im Bilde gezeigt wurde, die aber selber keinen Einblick hatten, da war es natürlich rein äußerlich der Anschauung entschwunden. Aber dadurch, daß solche Leute wie Thomas Morus geistige Übungen machten, versetzten sie sich gerade in die geistige Welt hinein, und es kam ihnen nun aus der geistigen Welt heraus etwas Ähnliches entgegen. Und sie beschrieben das. Kein Wunder daher, daß dasjenige, was in vielen okkulten Verbrüderungen lebte als noch nicht vom Christentum berührte Lehre, auch von Thomas Morus so dargestellt wird, daß es durchdringt als Staatseinrichtung die Insel Utopia, auf die zwar alte ägyptische und römische Weise gekommen sind, aber noch nicht das Christentum. Es wird auf solche okkulte Verbrüderungen hingewiesen, die immer und immer gerade ihre hohe Bedeutung dadurch hervorheben, daß sie sich ägyptische Orden nennen, auf Früheres hinweisen und dergleichen.

[ 14 ] Und nun fassen wir im Zusammenhange mit diesem Gesagten dasjenige, was wir kennen gelernt haben als mit dem tiefsten Nerv der christlichen Weltanschauungsströmung zusammenhängend. Ich habe öfter auf das aufmerksam gemacht, was ich jetzt wiederum erwähnen will. Das Christentum beruht ja darauf, daß jene geistige Macht, welche wir mit dem Christus-Namen bezeichnen, heruntergestiegen ist und durchgeistet hat im dreißigsten Jahre ihres Lebens den Leib des Jesus, der nach und nach zu dieser Fähigkeit sich aufgeschwungen hat dadurch, daß er durch die Seelen der beiden Jesus-Knaben gegangen ist. Was ist da eigentlich geschehen? Nun, eine geistige Gewalt, die bis zu dem Mysterium von Golgatha nicht verwoben war in die Erdenentwickelung, hat sich von da ab mit der Erdenentwickelung verwoben, indem sie zuerst lebte in dem Leibe des Jesus von Nazareth, dann durch das Mysterium von Golgatha überging in die Erdenentwickelung, um immer tiefer und tiefer, fester und fester sich in der weiteren Erdenentwickelung mit dieser zu verbinden. Wir haben das ja oft ausgesprochen. Also aus geistigen Höhen, in denen diese Macht früher war, ist sie heruntergestiegen auf den physischen Erdenplan. Wenn also — ich habe ja auch das schon erwähnt — ein alter Weiser, der wirklich hellsichtig war, in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha sich in die geistigen Höhen hinaufhob, so traf er in diesen geistigen Höhen natürlich den Christus. Daher wurden diejenigen, die dazumal von dem Christus sprechen konnten, Propheten, die das Ankommen des Christus vorhersagen konnten; denn sie fanden Christus in den geistigen Welten und sahen ihn gewissermaßen auf seinem Wege zur Erde hin, wie er als Sonnengeist herunterstieg, um allmählich Erdgeist zu werden. Sie schauten also hin auf einen zukünftigen Augenblick der Erdenentwickelung, in dem sich das, was sie nur in geistigen Höhen sahen, mit der Erdenentwickelung verbinden werde. Wenn man die Erde dazumal, vor dem Mysterium von Golgatha, in allen ihren Weiten durchforschte nach dem, was man aus ihr wissen konnte, fand man den Christus nicht. Daher hat die Erdenwissenschaft der alten vor dem Mysterium von Golgatha lebenden Völker selbstverständlich den Christus nicht. Aber wenn die Eingeweihten dieser Mysterien einen gewissen Grad erreicht hatten, wurde ihnen verkündet das Kommen des Christus auf die Erde.

[ 15 ] Bedenken Sie nun, wie das alles anders ist seit dem Mysterium von Golgatha. Es ist ja gerade das Gegenteil davon seit dem Mysterium von Golgatha da. Seit dem Mysterium von Golgatha findet man, wenn man hier die Erdenentwickelung durchforscht, den Christus hineinverwoben in die ganze Geschichte derjenigen Völker, die eben schon vom Christentum durchdrungen sind. Und eine geschichtliche Darstellung zu geben, ohne vom Christus zu sprechen, ist eigentlich ein Unding. Das hat sogar der Historiker Ranke empfunden und sich noch in seinem hohen Alter die Frage gestellt, ob denn Geschichte überhaupt etwas heißt, wenn man nicht überall zeigt, wie der Christus-Impuls in den einzelnen Erscheinungen drinnen lebt. Dafür aber ist in denjenigen Welten, in die man aufsteigen kann, aus denen der Christus herausgekommen ist, um eben mit der Erdenentwickelung sich zu verbinden, der Christus nicht so unmittelbar darin. Man muß dann schon von jenen Höhen herunterschauen auf die Erde und sehen, wie er sich mit der Erde verbunden hat.

[ 16 ] Sehen Sie, das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, liegt als reale Tatsache zugrunde der heillosen Angst, welche gewisse Religionsbekenntnisse vor dem Okkultismus haben. Denn natürlich, von dem wahren Okkultismus verstehen sie nichts, und wie der Christus doch gefunden wird durch die wahre Geisteswissenschaft, davon wissen sie eben nichts. Aber, ich möchte sagen, mit jenem seichten Okkultismus machen sie zuweilen Bekanntschaft, der gerade darin besteht, daß man den Leuten vom okkulten Standpunkte aus erklärt: Der Christus ist ja doch nur etwas auf der Erde, und wenn ihr euch in die erhabenen geistigen Welten hinaufbegebt, dann müßt ihr diesen Christus abstreifen, denn da oben ist gar nicht der Christus. — Es ist die Angst, die gewisse Priesterschaften haben, daß die Leute durch den Okkultismus, den sie nur in seiner seichten Form kennen, hinter dieses Geheimnis kommen könnten, das selbstverständlich das Christentum tiefer begründet, wenn man die wirklichen Tatsachen kennt, das aber das Christentum gefährdet, wenn man nur den seichten Okkultismus kennt. Daher die Bekämpfung des Okkultismus von kirchlicher Seite. Dem liegt schon eine reale Tatsache zugrunde.

[ 17 ] Also wir haben es zu tun damit, daß wir wirklich festhalten müssen dasjenige, was noch innerhalb des Erdendaseins von dem Christus erfahren werden kann. Ich habe das so oft auseinandergesetzt. Wenn wir die Grenze überschreiten und in die geistigen Welten hinaufkommen, dürfen wir nicht vergessen dasjenige, was noch innerhalb der Erde auf okkulte Art auch über den Christus erfahren werden kann. Das ist dann tiefere Geisteswissenschaft, während die seichte Geisteswissenschaft entweder den Leuten erzählt, der Christus sei überhaupt nur für das irdische Anschauen, oder er verkörpere sich in Alcyone oder dergleichen.

[ 18 ] Versetzen wir uns jetzt in die Lage von Thomas Morus. Thomas Morus hat gerade solche Übungen gemacht, welche ihn befähigten, über den Christus vollständig ins Klare zu kommen. Als dann Gefahr für die Welt eintrat, Verirrungen in bezug auf den Christus zu haben, dann haben, allerdings auch wiederum durch eine noch größere, kolossale Verirrung, die Jesuiten dem vorzubeugen versucht durch ihre jesuitischen Übungen. Solche jesuitischen Übungen hat Thomas Morus nicht gemacht; aber solche Übungen, die ihn wirklich dazu brachten, die ganze Realität des Christus Jesus vor seiner Seele zu haben. Wäre er nun vollbewußt hineingetreten in die geistige Welt, so hätte er natürlich auf die angedeutete Weise den Christus darinnen geschaut, wie er heruntergestiegen ist auf die Erde. Aber er konnte ja nicht einen vollständigen Bewußtseinszusammenhang herstellen. Die Folge davon war, daß er, eigentlich halb unbewußt, niederschrieb dasjenige, was er da erlebt hat in der geistigen Welt, wo aber der Christus fehlte. Das drückte er damit aus,daß auf die Insel Utopia das Christentum noch nicht hingekommen war. Und jetzt können wir auch begreifen, warum so etwas in «Utopia» steht, was aller Ehrlichkeit und aller Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe des Thomas Morus widersprechen würde, wenn er es bewußt, vollständig bewußt hingeschrieben hätte, ich meine, von dem Standpunkte des gewöhnlichen Bewußtseins. Nimmermehr hätte er hinschreiben können die Einrichtungen von der Religionstoleranz. Aber er schrieb ja etwas nieder, was nicht vollständig seiner ganzen Grundlage nach in sein Bewußtsein einging. Das, was er da wahrnahm in Utopia, war alles so, daß Religionstoleranz bedingt ist, daß es wirklich nicht ankommt auf die einzelne Form des Kultus und auf die einzelne Form der Gottesverehrung. In einem hohen Sinne mußte Thomas Morus von sich sagen: Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust: die eine hier in der physischen Welt, die andere, die da lebt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen und die eine ganz andere Welt erlebt, eine Welt, in die sie den Christus-Impuls nicht hineintragen kann. Und suchen wir das Grundgefühl, welches einen solchen Menschen wie Thomas Morus beleben konnte, daß er so etwas wie «Utopia» schrieb, so finden wir folgendes: Zu den Begleiterscheinungen nicht ganz voll erlebter Okkultismen, nicht ganz vollen, sondern mühevollen Hineinkommens in die geistige Welt, wie es bei Thomas Morus zweifellos der Fall war, gehört, daß Ängstlichkeiten auftreten, und diese Ängstlichkeiten werden von der Seele nicht als solche empfunden, sondern es bleibt das, was eigentlich Angstgefühl ist, mehr oder weniger im Unterbewußtsein stecken. Man sucht dann andere Gründe für das, was man erlebt und was man tut. Maskierte Angst, die sich für das Bewußtsein umsetzt in ganz etwas anderes. Bei Thomas Morus setzte sich die Angst, die er hatte, in etwas anderes um. Denn Angst bekam er durch das Wühlen seiner okkulten Erlebnisse in seinem Gemüte, er bekam Angst. Und was wäre diese Angst gewesen, wenn sie SO, wie sie war, bewußt heraufgezogen wäre in seine Seele? Was hätte sich Thomas Morus dann gesagt? Nehmen wir einen Augenblick an als Hypothese, was nicht hat sein können: in Thomas Morus’ vollständiges Bewußtsein wäre das hineingezogen: Du siehst dieses in der astralischen, elementarischen Welt — was er dann später in Utopia beschrieben hat —, du willst es beschreiben. Warum? Wenn er die Angst vollständig begriffen hätte und sich durch das Schreiben die Angst vielleicht vom Leibe geschrieben hätte, so hätte er folgende Gedanken gehabt. Man muß in dem gegenwärtigen Weltenzeitalter mit allen Fasern seiner Seele alles tun, was den Christus-Impuls durchschauen und für die Menschheitsentwickelung voll aufrecht erhalten kann. Wenn aber irgendwie die Menschen zu dem alten Hellsehen zurückkehren könnten, dann würden sie dasjenige sehen, was so aussieht — und jetzt würde er seine Utopia beschrieben haben —, und was keinen Christus-Impuls enthält. Oh, hütet euch, so würde diese Angst gesprochen haben, vor dem, was euch auf diesem Wege von dem Christus- Impuls abbringen könnte! — So würde er gesprochen haben und unter dem Eindrucke dieses Ausspruches geschrieben haben, wenn er seine Angst hätte wirklich empfinden können. Die hat er aber nicht wirklich empfunden, die blieb in seinem Unterbewußten. Und die Folge davon war, daß er die Sache hinschrieb. wie er es im Innern schaute, und nun der Welt das Rätsel aufgab, wie dieser scheinbare Widerspruch mit der ganzen Natur des Thomas Morus, die trotzdem eine gewissenhafte, redliche, wahrheitsgetreue war, zu vereinigen ist.

[ 19 ] Aber versetzen wir uns einmal, nachdem wir uns das vor die Seele geführt haben, in die Lage derer, die gewissen okkulten Brüderschaften angehörten. Da hat der Thomas Morus «Utopia» geschrieben. Er ist ohnedies schon verdächtig gewesen, aber das würde natürlich die erleuchteten Lords, da sie ja noch nicht alle ganz auf den Kopf gefallen waren, nicht dazu gebracht haben, ein solches Urteil zu fällen, wie sie gefällt haben. Er ist ohnedies natürlich schon verdächtig — und der Zwang wurde auch auf die Lords ausgeübt —, gegen die Intentionen des Königs Heinrich VIII. gehandelt zu haben. Aber nehmen Sie einmal an: In dem Gerichtshofe der Lords säßen einige, die die Majorität bildeten, die zu gleicher Zeit okkulten Brüderschaften angehörten. Was konnten sich denn diese sagen, was mußten sie sich sagen? Was war sogar als eine Forderung für ihr Gewissen von ihrem Standpunkte aus voll berechtigt? Da hat dieser Thomas Morus «Utopia» geschrieben — das ist ja ein Verrat an demjenigen, was wir als Geheimnisse bewahren! Das ist ja ein voller Verrat! Da stehen in dieser Schrift alle möglichen Andeutungen über alles Mögliche darin. Und nicht nur ein Verrat; sondern gezeigt wird, wie das dann fortwirkt in der äußeren Menschheitskultur. Wenn man nun den ganzen Menschen Thomas Morus nimmt, mußten sich die Leute sagen, dann ist es ja klar: Es ist durch ihn ganz dasselbe geschehen, wovon man sagen würde sonst, wenn einer eingeweiht wäre in diese oder jene Brüderschaft, diesen oder jenen Grad erlangt hätte, daß er das verraten hätte, wovon er geschworen hat, daß er es nicht verraten wird. Eine der Eidesformeln, die dazumal gebräuchlich war in einem gewissen Grade für den Verrat, den etwa jemand verüben würde, die ist aufs Haar ähnlich dem Richterspruch, der in London gefällt worden ist über Thomas Morus. Und wenn irgendein Mitglied einer okkulten Brüderschaft eines bestimmten Grades dasjenige bewußt verraten hätte für die damalige Zeit, was in Thomas Morus’ «Utopia» steht, insofern als seine Quellen dasjenige gewesen wären, was in der okkulten Brüderschaft ist, dann wäre das ein Mensch gewesen, der, als ihm die Dinge mitgeteilt, gezeigt worden waren, eine Eidesformel gesprochen hätte, die sehr, sehr ähnlich gewesen wäre der Formel, mit der das Londoner Gericht, die weisen Lords den Mann verurteilt haben.

[ 20 ] Sie sehen, meine lieben Freunde, um Geschichte zu kennen, genügt wahrhaftig dasjenige nicht, was man in jener «fable convenue», die man heute Geschichte nennt, zusammenträgt. Sondern um Geschichte wirklich kennen zu lernen, muß man tiefer in das Werden der Menschheit und in dasjenige hineinsehen können, was in den Seelen spielt. So etwas wie der Tod des Thomas Morus steht als ein großes Wahrzeichen da, und dieses Wahrzeichen muß zum Verständnisse des geschichtlichen Werdens enträtselt werden. Und es kann nur enträtselt werden, wenn man das Hineinspielen von solchen übersinnlichen Impulsen in diese Tatsachen kennenlernt, die nur durch Geisteswissenschaft erschlossen werden können. So ist es an vielen, vielen Stellen der geschichtlichen Entwickelung. Gar manches, was sich ja, von außen angesehen, so ausnimmt, wie es nun in der fable convenue, die man Geschichte nennt, beschrieben wird, das lernt man erst kennen, wenn man ein wenig weiß, was in die Seelen hineingespielt hat, die an dem betreffenden Vorgange beteiligt sind.

[ 21 ] Und das gehört auch zu jenen großen Forderungen, die die gegenwärtige Zeit an uns stellt, daß wir über gewisse Dinge die Gedankenlosigkeit abstreifen. Denn schließlich kann ja doch niemand objektiv den Wert von so etwas, wie die anglikanische Kirche ist, beurteilen, wenn er nicht weiß, welcher «Heilige» sie gestiftet hat: daß in dem Gemüte dieses Mannes, der sie gestiftet hat, die Möglichkeit lebte, zwei Frauen wirklich hinzurichten und bei der dritten dies sich vorzunehmen, was ja offenbar bedeutsame Vorstufen ganz besonderer Heiligkeit sind. Und wenn so etwas durch Nachdenken in das wirkliche Licht gesetzt wird, in jenes Licht, das uns mancherlei lehren könnte von dem, worin wir darinnen leben, dann könnte, wenn man wahrhaftiges Nachdenken über solche Dinge übt, auch die Seele gedrängt werden, das Weitere, oftmals so geheimnisvoll mit ihnen in Zusammenhang Stehende zu erkennen. Denn diese bedeutsame, so unendlich viel offenbarende Tatsache, die mit dem Niederschreiben der «Utopia» des Thomas Morus und dem ganzen Leben des Thomas Morus gegeben ist, spielt sich im Zusammenhang mit diesen geschichtlichen Ereignissen ab.

[ 22 ] Nun, meine lieben Freunde, könnte man auch gespannt sein, was, wenn irgendein indiskreter Mensch das heute hier Gesprochene einem Jesuiten auslieferte und etwa vom Advocatus Diaboli später einmal vorgebracht würde bei der Heiligsprechung des Thomas Morus dasjenige, was heute gesagt worden ist, was der Advocatus Diaboli dazu sagt. Vielleicht würde er schwere Anklagen gegen Thomas Morus erheben. Aber sein Gegner, der gute Advocatus, könnte ja auch erwidern: Alles Okkulte ist Teufelswerk. Und gerade, wenn es bewiesen werden könnte, daß Thomas Morus aus okkulten Untergründen seine «Utopia» hervorgeholt hat, dann ist er um so heiliger, denn dann hat er das Wunder vollzogen, all den teuflischen Anfechtungen, die in allem Okkultismus liegen, zu widerstehen.

[ 23 ] Und zu verstehen — das war ja, ich möchte sagen, das Grundthema, gewissermaßen das Leitmotiv der jetzt hier gehaltenen Vorträge —, wie Geistestatsachen und geistige Angelegenheiten hineinspielen in die äußeren geschichtlichen Ereignisse, das gehört schon einmal zu dem, wozu uns die heutige so schicksaltragende Zeit, diese schweren, diese in das Menschenleben so tief eingreifenden Ereignisse, hinweisen sollen. — Davon dann nächstens weiter.