Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste
GA 167
9 Mai 1916, Berlin
9. Kultus und Symbol. Der Jesuitenstaat in Paraguay
[ 1 ] Die Zeit, die wir jetzt zu diesen Betrachtungen haben, versuche ich, wie das ja schon die vorhergehenden Stunden gezeigt haben, zu verwenden, um einige Lichtblicke von der Geisteswissenschaft her auf mancherlei Tatsachen des menschlichen Lebens zu richten, weil wir ja in einer Zeit leben, in welcher es besonders notwendig ist, den Blick zu schärfen für ein Verständnis desjenigen, was im Menschenleben und in der menschlichen Geschichte wirkt. Nun habe ich versucht, einiges anzudeuten über die Art und Weise, wie in okkulten Verbrüderungen oder in solchen Verbrüderungen, die auf allerlei Okkultismen zurückgehen, auf die menschliche Seele in einer anderen Weise gewirkt wird, als in der Art, wie es das Gewöhnliche und auch das Erstrebenswerte im Grunde genommen in unserer Zeit sein soll. Und ich habe das letzte Mal auf einen Fall hingewiesen, auf den Fall des Thomas Morus, auf seine «Utopia», und habe zu zeigen versucht, wie man in jene «fable convenue», die wir Geschichte nennen, die so wimmelt von allen möglichen Legenden, von allen möglichen zurechtgestutzten Anschauungen, von einer gewissen Seite her dadurch Wahrheit bringen kann, daß man gerade auf solche Einflüsse, die in das menschliche Leben hereinkommen, aus den übersinnlichen Welten, Rücksicht nimmt.
[ 2 ] Nun fragen wir uns heute einmal: Worauf beruht es denn, daß man mit den Lehren von der Auferstehung, wie ich es angedeutet habe, von dem verlorenen und wieder zu findenden Worte, daß man mit gewissen Kultushandlungen, wie sie üblich sind in solchen okkulten Verbrüderungen, auf die menschliche Seele noch in einer ganz besonderen Art wirken kann? Woher kommt denn das?
[ 3 ] Das steht gar sehr im Zusammenhange mit der Art und Weise, wie sonst die menschliche Seele in unserer Zeit auf sich wirken läßt und immer mehr und mehr wird auf sich wirken lassen, je mehr Zeit die Menschheit zugebracht haben wird in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum, in dem wir leben und in dessen erstem Drittel wir im Grunde genommen ja erst stehen. Also ich meine, die Art, wie auf die menschliche Seele gewirkt wird, ist in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum zunächst einmal von uns ins Auge zu fassen. Alle Bestrebungen der Menschen gehen ja in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum darauf hin, gewisse Dinge, die früher dem Menschen natürlich waren, auszuschalten. Nehmen Sie nur ein verhältnismäßig gar nicht weit zurückliegendes naturwissenschaftliches Werk aus dem dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert in die Hand, etwa des Albertus Magnus, da werden Sie sehen, daß diese Art, die Natur anzuschauen, für den gegenwärtigen Menschen schon ganz und gar befremdend ist. Warum ist das? Weil der Mensch in der damaligen Zeit durchaus noch damit rechnete, daß in alledem, was uns als Natur umgibt, wenn er auch nicht mehr von Wesenheiten sprach, doch gewisse elementarische Kräfte sind, die geistig-ätherischer Art sind. Das ist ja das Wesentliche der neueren Anschauung, daß alles herausgeworfen worden ist aus den menschlichen Vorstellungen, was nicht mit den Sinnen gesehen werden kann, was irgendwie geistig-ätherischer Art ist. Nur wenn man voraussetzt, daß solche Bücher, wie die des Albertus Magnus im dreizehnten Jahrhundert, eben rechneten damit, daß auch noch geistige Kräfte überall in unserer physischen Umgebung sind, dann versteht man sie. Das aber ist das Bedeutsame im neueren naturwissenschaftlichen Zeitalter, das nicht etwa bloß auf die Naturanschauungen seine Einflüsse übt, sondern auf alles menschliche Vorstellen und Denken bis herunter zum einfachsten Volksgemüte, das ist das Eigentümliche dieses naturwissenschaftlichen Zeitalters, daß der Mensch zunächst nurmehr dasjenige in seine Vorstellungen von der Außenwelt her aufnimmt, was in seine Sinne fällt, was sich auf dem Felde abspielt, das seine Sinne beobachten. Wenn man heute auch draußen in der Welt von einer Geisteswissenschaft spricht, etwa Ästhetik, Kunstgeschichte, Soziologie, ja sogar Geschichte als Geisteswissenschaften anspricht, so ist das ja natürlich eine ganz ungeeignete Bezeichnungsweise. Denn Geisteswissenschaft kann nur da sein, wenn man vom Geist spricht, das heißt von demjenigen, das sich nicht in der Sinneswelt abspielt. Aber dasjenige, was uns die heutige Geschichte erzählt, spielt sich ja in der Sinneswelt ab, wenn es auch aus Gedanken, aus Empfindungen und so weiter hergeleitet wird. Da hat man es also nicht etwa mit Geisteswissenschaften zu tun, sondern eben doch auch nur in Wahrheit mit Sinneswissenschaft. Also aufzunehmen in die Vorstellungen zunächst dasjenige, was nur die äußere, sinnenfällige Natur hergibt, das ist das Charakteristische unseres fünften nachatlantischen Zeitalters.
[ 4 ] Glauben wir nun nicht, daß man besonders recht tue dann, wenn man über diesen fünften nachatlantischen Zeitraum und seine Anschauungen bloß herfällt und sagt: Rohe materialistische Vorstellungen! Damit hat man außerordentlich wenig gesagt, wenn man nicht diesen rohen materialistischen Vorstellungen etwa ebenso Wirkliches entgegenstellen kann. Denn dieser fünfte nachatlantische Zeitraum ist geradezu da, um in einer gewissen Beziehung den Materialismus auszubilden, um gewissermaßen alles andere aus den menschlichen Vorstellungen herauszuwerfen, was nicht von der Sinneswelt hereinkommt. Denn nur dadurch, daß der Mensch einmal während mehr als zweitausend Jahren — so lange dauert ja ein solcher Zeitraum — sich hingibt einem Leben mit der Welt, das, wie gesagt, elementarische Kräfte ausschließt, dadurch erlangt der Mensch die Möglichkeit, vollständig seine Freiheit zu entwickeln, vollständig aus seinem eigenen Innern heraus eine eigentliche Geistwirksamkeit zu entfalten. Die Ausschreitungen des Materialismus in diesem unserem ersten Drittel der zweitausend Jahre rühren nur davon her, daß wir eben am Anfange dieses Zeitraumes stehen, daß gewissermaßen die Flut des Sinnlichen den Menschen überfallen hat und er noch nicht das Geistige aus seinem Inneren herausgetrieben hat. Dieses Geistige muß eben durch eine wirkliche Geisteswissenschaft noch kommen.
[ 5 ] Der vorhergehende, der griechisch-lateinische Zeitraum hatte eine andere Aufgabe. Da waren alle Menschen darauf abgestimmt, das Elementarische, das Ätherisch-Geistige noch in der Umgebung wahrzunehmen und auch auf sich selber wirken zu lassen, nachdem sie es wahrnahmen. Da wirkte man auch von Mensch zu Mensch noch so, daß man voraussetzte: das Elementarisch-Geistige schwebt um uns herum, wie die Luft. In diesen 2160 Jahren, die unserem fünften nachatlantischen Zeitraum vorangegangen sind, da wurde nämlich erst der menschliche Leib zubereitet zu einem Werkzeuge für das jetzige denkerische, rein sinnliche Auffassen der äußeren Wirklichkeit. Die Arbeit, die am Menschen geleistet wurde während des griechisch-lateinischen Zeitraums, war eine mehr auf seinen Leib selber gehende. Die formte seinen Leib so, daß er in dem jetzigen Zeitraum eben denken kann über dasjenige, was sich ihm sinnlich zeigt. Man hatte also, wenn man zum Beispiel lehrte, entweder in den Mysterien selbst oder in denjenigen Anstalten, die von den Mysterien abhängig waren — und das waren ja im griechisch-lateinischen Zeitraum noch alle Lehr- und Unterrichts- und Kultusanstalten —, dazumal nicht im Auge, dem Menschen einfach etwas mitzuteilen, das er dann in seine Überzeugung aufnehmen solle, wie das heute der Fall sein muß, sondern man hatte die Aufgabe, bei der Mitteilung Kräfte an ihn zu übergeben, die an seinem Leibe arbeiteten. Würde heute jemand oder wird heute jemand so etwas unternehmen, in der direkten Lehrmitteilung etwas geben zu wollen, was am Leibe des Menschen arbeitet, so würde er etwas im Sinne unseres heutigen Zeitengeistes Unerlaubtes tun; denn der Mensch will heute in bezug auf seinen Leib unbeeinflußt sein. Und das mit Recht, denn das gehört zum Charakteristikon unseres Zeitalters. Es soll nur auf sein Seelisches gewirkt werden. Alles andere ist im Grunde genommen unerlaubte magische Einwirkung, die aber noch durchaus zu dem Erlaubten gehörte im griechisch-lateinischen Zeitalter. Da war gewissermaßen das leibliche Werkzeug des Menschen noch weicher, schmiegsamer, biegsamer, da mußte noch daran gearbeitet werden. Jetzt ist es in sich verhärteter geworden, und es handelt sich nur um Mitteilungen an die Seele, wenn gelehrt oder mitgeteilt wird.
[ 6 ] Aber will man also formend an dem noch weichen Leib des Menschen arbeiten, dann kann man das nicht tun mit den Dingen, die bloß von der äußeren Sinneswelt her gewonnen sind. Mit den Inhalten unserer Naturwissenschaft hätte das griechisch-lateinische Zeitalter seine Aufgabe nicht erfüllen können. Hätte man damals kopernikanische Astronomie gelehrt, hätte man Darwinismus gelehrt, dann würde man nichts anderes erreicht haben, als daß, statt den weichen Leib des Menschen vorzubereiten für den fünften nachatlantischen Zeitraum, man ihn vertrocknet haben würde. Man würde ihn falsch geformt haben. Man mußte dazumal gewissermaßen eine ganz andere Wissenschaft haben. Und das ist die Wissenschaft, die statt Photographien des äußeren Naturdaseins, wie es unsere heutige Wissenschaft gibt, Symbole gibt, die statt Experimenten, wie sie heute beschrieben werden, Kultushandlungen gibt, Sakramentalismus in gewisser Beziehung. Denn mit Sakramentalismus, mit Kultushandlungen, mit symbolisch-mythischen Darstellungen greift man in ganz andere Regionen des Menschen ein, als mit dem, was wir heute in unseren Naturgesetzen, in der kopernikanischen Weltanschauung, im Darwinismus haben.
[ 7 ] Nun haben jene Brüderschaften, wie ich angedeutet habe, zurückbehalten die alten Symbole, den Symbolismus, den Sakramentalismus, die Kultushandlungen, und sie ragen herein in unser Zeitalter und können auf die Art wirken, wie ich das dargestellt habe. Da wird insbesondere auf ein Glied der menschlichen Natur gewirkt, auf das in unserer Zeit direkt wenig gewirkt werden soll, wenn man beim Erlaubten bleibt. Gewissermaßen ist das so, wenn man beim Erlaubten bleibt in der Gegenwart, daß man seine Lehre, seine Mitteilungen in solche Worte kleidet, die halt zum Ohr des anderen gehen. Die Überzeugung bildet er sich dann aus sich selber heraus. So sollte alles im Grunde genommen sein. Also man wirkt mit der Mitteilung, mit der Lehre rein in den physischen Leib hinein, und der läßt sich heute sozusagen nicht mehr aus der Fasson bringen, die ihm im vierten nachatlantischen Zeitraum, in der griechisch-lateinischen Zeit, schon beigebracht worden ist, wenn alles normal geht. Mit den Symbolen, mit dem Sakramentalismus, mit der Kultushandlung wirkt man aber tiefer hinein, bis in den Ätherleib. Das heißt, man beeinflußt direkt die ganze Anlage der Denkrichtung des Menschen. Man nimmt gewissermaßen seine Zuflucht — indem man mitteilt, indem man etwas in seiner Umgebung entwickelt — zu etwas, was in seinen Ätherleib hineinwirkt und dadurch sein Denken in gewisse Richtungen bringt.
[ 8 ] Das ist nun so der Fall vorzugsweise bei denjenigen okkulten Verbrüderungen, von denen ich bisher gesprochen habe. Nun gibt es noch eine ganz andere Sorte von auch okkult zu nennenden Verbrüderungen, welche das gleiche befolgen, aber auf einem anderen Felde, welche auch mit der Art und Weise, wie sie wirken, tiefer in den Menschen hineinkraften und welche es verstehen, tiefer in den Menschen hineinzukraften. Zu okkulten Verbrüderungen solcher Art gehört zum Beispiel der Orden der Jesuiten. Denn der Orden der Jesuiten beruht durchaus auf Okkultismen. Ich habe das ausgeführt in dem einmal in Karlsruhe gehaltenen Vortragszyklus, wo ich direkt beschrieben habe die Übungen, die der Jesuitenschüler zu machen hat, um eben Jesuit werden zu können. Diese Übungen bewirken nun, daß der Mensch, der mitteilt oder Kultushandlungen bewirkt, statt in den Ätherleib des Menschen einzugreifen, in den astralischen Leib eingreift. Alle Schulung des Jesuitismus geht darauf hinaus, dem Jesuiten Kraft zu geben, seine Worte so zu stellen, die Art und Weise, wie er redet, so zu fügen, daß dasjenige, was er vorbringt oder was er tut, sich hineinstiehlt, möchte ich sagen, in die astralischen Impulse des Menschen.
[ 9 ] Nun ist jesuitische Wirksamkeit nicht einerlei mit dem Vorhandensein der Jesuiten da oder dort. Denn es gibt Kanäle im menschlichen Leben, durch welche man wirken kann auch an Orten, wo es einem verboten ist sich aufzuhalten. Und man soll nicht glauben, daß, wenn man im Jesuitismus gewisse Gefahren wittert, man schon alles dagegen getan hat dann, wenn man den Jesuiten den Aufenthalt in irgendeinem Territorium verbietet. Das zeigt nur, daß man nicht recht weiß, worauf es ankommt. Und man wird erst wissen, worauf es ankommt, wenn man diese Kenntnisse haben wird, die nur die Geisteswissenschaft geben kann. Aber man kann ja nicht so leicht zeigen, wie Jesuitismus wirkt, wenn man auf allerlei unbekannte Kanäle hinweisen muß. Die Leute glauben es einem auch nicht recht, wenn man auf unbekannte Kanäle hinweist. Daher möchte ich zuerst an einem Beispiel zeigen, wie es der Jesuitismus macht, wenn er ganz robust, ungehindert seinen Impulsen folgen kann, wenn er alles dasjenige tun kann, was in seinen Methoden liegt, die darauf ausgehen, in den astralischen Leib des Menschen hineinzuwirken.
[ 10 ] Und da ist ein gutes, schönes Beispiel die gerade auch an der Wende des vierten und fünften nachatlantischen Zeitraums vollzogene Begründung des Jesuiten-Staates in Paraguay. 1610 wurde dieser von mir gemeinte Jesuiten-Staat in Paraguay begründet. Wie ist das geschehen? Nun, Sie wissen ja, meine lieben Freunde, nachdem Amerika entdeckt worden ist und die europäische zivilisierte Menschheit ihre verschiedenen Gelüste nach den Goldschätzen Amerikas und auch nach anderen Dingen Amerikas entwickelte, da trat ein Zeitraum ein, in dem sich die nach Amerika hinüberstrebenden Europäer ja sehr wohl fühlten, weniger aber die indianische Urbevölkerung Amerikas. Wie diese arme Urbevölkerung Amerikas von seiten der zivilisierten Europäer behandelt worden ist, das ist ja vielfach beschrieben worden. Und in einem Gebiete Südamerikas, Paraguay, wohin in einer mit Bezug auf die Behandlung der Indianer gar nicht besonders rühmenswerten Weise europäische Kultur gedrungen ist, da erschienen eines Tages in größerer Anzahl Jesuiten mit der entschiedenen Absicht, den Guaranis, einem Indianerstamme in Paraguay, eine nach ihrer Ansicht wesentlich bessere Behandlung angedeihen zu lassen als die übrigen Europäer.
[ 11 ] Nun, die Jesuiten konnten nicht guaranisch, die Guaranis konnten nicht die verschiedenen Sprachen, die die Jesuiten sprachen, konnten auch nicht lateinisch. So in einer ganz gewöhnlichen Weise, wie man agitiert, eine Tätigkeit zu entwickeln, das ging nicht. Was taten die Patres, die in größerer Anzahl in Paraguay erschienen? Sie fuhren auf Kähnen, auf Schiffen durch die Flüsse, die da sind, in wilde Gegenden hinein, die nur von Indianern bewohnt waren, in Gegenden, von denen man immer mehr und mehr gehofft hatte, daß sie sich von den im Sinne des europäischen Kapitalismus sich dort ausbreitenden Europäern würden kolonisieren lassen. Die Jesuiten fuhren also auf den Flüssen da in die Wildnisse hinein und bemühten sich vor allen Dingen, schöne Musik um sich hören zu lassen, Musik, Gesänge, und hineinzumischen in das Musikalische, in das Gesangliche allerlei, das sie aus ihrer Praxis heraus gut kannten und das gewissermaßen zwischen den Wellen des Tones und des Gesanges sich mit ausbreitete, das man zum Kultus, zum Sakramentalismus rechnen konnte. Und die Folge davon war, daß die Indianer ganz von selbst herankamen. Sie fanden sich in großer Schar zusammen, und in gar nicht zu langer Zeit hatten die Patres eine große Menschenmenge in den verschiedensten Gegenden beisammen, konnten einzelne Dörfer anlegen, organisierten in ihrer Weise diese Dörfer, faßten sie zu einer Art von Staat zusammen, den sie in ihrer Art eben mit Organisationen durchdrangen, und es entstand vom Jahre 1610 ab dieser berühmte Jesuiten-Staat in Paraguay, der zu seinen Bewohnern nur die leitenden, führenden Jesuiten und sonst die wilden Indianer hatte. Kirchen wurden gebaut, eine Kirche zum Beispiel an einem Orte, der angelegt wurde unter dem Namen Sanct Xaverius, die viertausend bis fünftausend Menschen fassen konnten. Alles wurde in diesem Jesuiten-Staate streng geregelt, aber so geregelt, daß über allem der Kultus waltete. Überall, in der kleinsten Ansiedelung wurde dafür gesorgt, daß musikalische Anregungen, nicht bloße musikalische Einflüsse, daß Kultushandlungen stattfanden, daß die Zeit eingeteilt wurde dadurch, daß alle einzelnen menschlichen Handlungen geregelt wurden nach dem Klingen der Kirchenglocke. Zu dem klang die Glocke, zu dem klang die Glocke. Nur um eines zu erwähnen: Es wurde dafür gesorgt, daß der Mensch nicht am frühen Morgen aufstand, sich die Augen wischte, wusch, und dann aufs Feld ging arbeiten. Nein, sondern die Kirchenglocke erklang. Man wußte: der Tag beginnt. Man stand auf, versammelte sich am Platze des Dorfes. Da wurde man mit Musik empfangen. In der Mitte des Platzes stand entweder das Bildnis der heiligen Jungfrau, oder irgendein anderer Heiliger, für den durch die Mitteilungen des Jesuiten-Pfarrers oder des Jesuiten-Vikars bereits ein gewisses Verständnis bei diesen Indianern sich eingelebt hatte. Da wurde zunächst eine Art Gottesdienst gehalten. Die Leute schauten im Gebete zum Himmel auf. Dann setzte sich der ganze Zug in Bewegung, vorne der Heilige, der tragbar war, oder die heilige Jungfrau. So begab man sich auf die Felder, und dann wurde gearbeitet. Dann, nachdem die Arbeit genügend verrichtet war, nahm man wiederum den Heiligen oder die Jungfrau und ging zurück bis zum Marktplatz. Dann wurden die Leute entlassen unter Kirchengeläute. Alles wurde durchdrungen von Kultus, in alles mischten sich symbolische Handlungen hinein, und auch die Arbeit auf dem Felde selbst wurde unter der Begleitung von Kultushandlungen vollbracht, für die man bestimmte Jesuiten-Patres erzogen hatte. Alles wurde durchhaucht und durchdrungen von Kultushandlungen.
[ 12 ] Dadurch war die ganze Wechselwirkung zwischen den Patres und diesem Indianervolke eine solche, die immer direkt in die astralischen Leiber hineinging. Alle diese astralischen Leiber der Menschen wurden in der entsprechenden Weise präpariert, und der ganze Jesuiten-Staat in Paraguay war im Grunde genommen von einer astralischen Aura durchdrungen, die eine Folge war des Symbolismus, des Sakramentalismus, der Kultushandlungen der Jesuiten, die natürlich in dem Sinne geleitet waren, den die Jesuiten wollten. Und man hat einiges recht Tüchtiges erreicht. Denken Sie, man hat es mit wilden Indianern zu tun gehabt, die eigentlich sich mit nichts beschäftigt hatten vorher, als im wildesten Sinne mit Jagd und anderen ähnlichen Dingen. Und was hat man erreicht? Man hat erreicht, daß die Leute intelligent wurden in verhältnismäßig kurzer Zeit, alles selbstverständlich in dem Sinne der Jesuiten. Die Leute konnten zum Beispiel bald alles dasjenige selber herstellen, was man brauchte. Die Patres haben sehr bald den Groll der übrigen Europäerherrschaft auf sich gezogen. Sie brauchten ein Heer. In verhältnismäßig kurzer Zeit haben sie ein Heer zusammengestellt, dessen Offiziere zum Teil Indianer waren, nur zum Teil Europäer waren. Sie haben ein Heer zusammengestellt, das zum Beispiel mit Glück zurückgetrieben hat eine von England gegen Paraguay dazumal durchgeführte Blockade. Es waren ja einfachere Verhältnisse als heute, aber das alles ist doch geschehen. Nun, all das, was die Patres brauchten zur Herstellung der Flinten, ihrer Kanonen, die sie sogar herstellen ließen, all das lernten in verhältnismäßig kurzer Zeit diese indianischen Guaranis. Sie lernten auch Musikinstrumente machen, sie lernten auch Orgeln bauen, sie lernten gewisse Malkünste, so daß behauptet werden konnte, sie hätten Malereien und Steinplastiken zustandegebracht, die jeder spanischen Kirche zur Ehre gereicht haben würden.
[ 13 ] Aber nun stellen Sie sich vor, in welche astralische Aura das Ganze getaucht war! Diejenigen, die mit den Indianern direkt verkehrten, die sich ihnen unmittelbar zeigten, das waren nur Mittelspersonen der Patres. Die Patres wohnten streng abgesondert, hatten nur alle Fäden in der Hand, leiteten alles und waren nur zu sehen in ihren Prunkgewändern, die in Gold erglänzten, bei den Messezeremonialhandlungen, wo sie im Grunde genommen geschaut wurden von den Indianern nur im Weihrauchduft. Es war gar kein Wunder, daß diese Indianer in einer gewissen Beziehung zu ihnen wie zu höheren Wesen aufschauten, aus allen diesen Gründen heraus. Aber das alles gehörte dazu, in den astralischen Leib hinein unmittelbar zu wirken.
[ 14 ] Der moralische Zustand dieses Jesuiten-Staates scheint wahrhaftig nicht besonders schlecht gewesen zu sein. Wenigstens wird erzählt, daß in den zahlreichsten Fällen die Indianer, die gar nicht zu fürchten brauchten, daß irgend etwas, was sie angestellt haben, verraten werden könnte, es mit ihrem Gewissen nicht vereinen konnten, sich nicht selber anzuzeigen. Und man hat darauf gesehen, daß eigentlich nur solche Strafen verhängt wurden, mit denen sich der Betreffende, der bestraft wurde, selber einverstanden erklärte.
[ 15 ] Ich weiß nicht, ob die Anwendung dieses Prinzips in unserer Gesellschaft Glück machen würde. Aber die Menschen begreifen eben gar nicht, wie sehr sich die Denkweisen im Laufe der Jahrhunderte geändert haben. Denken Sie doch nur, daß ungefähr in derselben Zeit der Italiener Campanella in einer ähnlichen Weise einen Staat beschreibt wie Thomas Morus, der Engländer, einen Staat, von dem Campanella durchaus nicht glaubt, daß er nicht ausführbar sei. Er schildert ihn auch als sogar sehr ausführbar für die damalige Zeit. Aber er stellt es als Grundbedingung in diesem Staate auf, daß keiner gehängt wird, der nicht einverstanden damit ist, der sich nicht erst bereit erklärt, sich hängen zu lassen. Das ist nicht ein Scherz, das sieht man nur in unserer heutigen Zeit als einen Scherz an.
[ 16 ] Eines haben diese Jesuiten in ihrem Staate auch zustande gebracht: Sie haben nämlich nachgedacht über das Problem, wieviel gearbeitet werden muß von allen Menschen, wenn sie ihre Arbeitskraft anwenden; denn alle haben gearbeitet in der Weise, wie ich es geschildert habe, mit Ausnahme der Jesuiten, die sich eben mit der Leitung beschäftigten. So haben sie nachgedacht, wie lange der Mensch arbeiten muß, wenn alle arbeiten, damit das zustande komme, was eine solche menschliche Gesellschaft, die in sich geschlossen ist, zusammen braucht. Und sie haben herausbekommen, daß der Mensch dann zwei Tage in der Woche arbeiten muß bei ziemlich normaler Arbeitszeit. Wenn also in einem geschlossenen Staate die Menschen zwei Tage in der Woche arbeiten würden, so würden sie alles erzeugen, was die menschliche Gesellschaft braucht. Daher haben diese Jesuiten auch die Leute nur zwei Tage in der Woche für sich arbeiten lassen; was sie noch in den anderen Tagen der Woche gearbeitet haben, mußte an den Staat abgeliefert werden. Das wurde allerdings für die Jesuiten-Propaganda in der übrigen Welt verwendet, nicht wahr; na, das ist aber eben auf das Konto des Jesuitismus zu schreiben. So daß durch mehr als ein Jahrhundert die Jesuiten immerhin die Möglichkeit hatten, überall in der Welt zu wirken mit demjenigen, was ihnen die fünftägige oder wenigstens viertägige Arbeit — Sonntags ließen sie ja die Leute ruhen, da mußten sie immer in der Kirche all die Zeremonien sich ansehen und anhören — in diesem Jesuiten-Staate ergab, mit dem konnten die Jesuiten dann in der übrigen Welt wirtschaften.
[ 17 ] Schließlich ist aber den Europäern, die dort ihre Herrschaft begründet hatten, die keine Jesuiten waren, sondern eben im auflebenden Kapitalismus standen, diese Jesuitenwirtschaft doch zu dumm geworden, und am 22. Juli 1768 erschienen genügend viele und genügend große Reiterschwadronen und nahmen die Jesuiten einfach gefangen und mit, und aus war es mit diesem Jesuiten-Staate. Er hat also von 1610 bis 1768 gedauert und hat eine Tätigkeit entfaltet, wie ich es Ihnen geschildert habe.
[ 18 ] Ich wollte Ihnen das nur schildern, um Ihnen zu zeigen, was man erreichen kann, wenn man Methoden entwickelt, die in den astralischen Leib des Menschen hineingehen. Nun waren diese Methoden selbstverständlich leichter anwendbar auf die Indianer, als sie anwendbar wären auf andere Glieder der Menschenwelt; denn andere Glieder der Menschenwelt ließen sich nicht so ohne weiteres einfangen. Denken Sie, was Leute der angrenzenden Provinzen hier tun würden, wenn die Elbe herauf unbekannte Wesen kommen würden und durch Musizieren die Menschen würden einfangen wollen! Also es ließen sich diese Methoden damals leicht anwenden, denn man hatte es mit verhältnismäßig primitiven Menschen zu tun. Und je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto bestimmbarer ist ja auch der astralische Leib und der Ätherleib des Menschen. Und diese wilden Völkerschaften haben etwas von der früheren Bestimmbarkeit behalten, haben vor allen Dingen etwas von der Bestimmbarkeit noch des physischen Leibes behalten. Wirken muß man auf den astralischen Leib, wenn man so wirken will; aber der astralische Leib kommt dann in seine Schwingungen und wirkt auf den physischen Leib, und das ist das eigentlich Wirksame. Wenn Sie zu einem europäischen Menschen reden, da senden Sie seinem Ohre die Worte zu, aber sein Gehirn schwingt so, wie eben sein Gehirn schwingen kann nach der ganzen Erziehung und nach den ganzen Lebensbedingungen, in die er hineingestellt ist. Das war bei den Indianern nicht so. Da arbeitete man hinein in ihren astralischen Leib, und dann schwang das Gehirn mit. Ich möchte sagen, durch diese musikalischen und durch die anderen Kultushandlungen wurden diese Indianer eingespannt in all die Schwingungen, die ausgingen von diesen Handlungen. Und sie wurden im Grunde genommen nur ganz Glieder darinnen in einer gemeinsamen astralischen Aura.
[ 19 ] Wir Europäer, nicht wahr, wir haben es besser. Denn unsere Köpfe sind eben dicker geworden und sind nicht so leicht zu beeinflussen. Das ist schon klar. Aber alles, meine lieben Freunde, ist nur gradweise, und bei den einzelnen Menschen wiederum gradweise verschieden. Und wenn auch nicht in einer solchen Weise, wie es eben beschrieben worden ist, in Europa unter der hochkultivierten Menschheit gearbeitet werden könnte, so findet natürlich schon in minderem Grade noch die Möglichkeit statt, daß in den ätherischen, in den astralischen Leib der Menschen hineingearbeitet wird und dies sich dann in den physischen Leib weitervibrierend überträgt. Nur darf es nicht in solcher Weise von dem einzelnen Menschen ausgehen; denn selbst wenn er sich in einen Weihrauchqualm physischer oder geistiger Art begeben würde, so würde die Wirkung in der europäischen Menschheit keine große mehr sein. Aber was die Jesuiten, ich möchte sagen, getan haben, indem sie einfach ihren physischen Menschen ins Feld geführt haben, das braucht ja nicht immer mit den physischen Menschen zu geschehen. Und wo, wie gesagt, der Leib dichter ist als bei den Indianern, da kann es auch nicht mit dem physischen Menschen geschehen, denn das läßt man sich nicht gefallen. Man würde ja autoritätsgläubig sein, wenn man es sich gefallen ließe! Das läßt man sich nicht gefallen.
[ 20 ] Aber in demselben Maße — so ist es noch im ersten Drittel der fünften nachatlantischen Zeit, in der wir leben —, in dem gewissermaßen die in irgend einem physischen Menschen verkörperte Autorität, wie sie da die Jesuiten ausübten, schwindet, in demselben Maße nimmt der Autoritätsglaube zu, wenn diejenigen Wesen, die da wirken, weniger oder gar nicht physisch sind, indem bloß durch die physischen Menschen gewirkt wird. Wir wissen ja, es gibt auch ahrimanische Wesenheiten, die das Volk Teufel nennt. Und wenngleich innerhalb der sogenannten zivilisierten Menschheit ausgeschlossen ist dasjenige, was man wie das brennende Feuer fürchtet: Autorität eines leibhaftigen Menschen, — so ist doch nicht ausgeschlossen die Autorität, wenn durch das, was Menschen tun, ahrimanische Wesenheiten wirken. Denn: den Teufel merkt der Gebildete nie, und wenn er ihn auch schon am Kragen hätte; mit einer kleinen Umänderung eines Ausspruchs im «Faust» kann man das sagen.
[ 21 ] Und diese ahrimanischen, unsichtbar unter uns webenden Wesen, die haben ihre eigenen Methoden und müssen ihre eigenen Methoden haben gegenüber denen, die zum Beispiel die Jesuiten im ParaguayStaate anwendeten im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Denn bei diesen Indianern konnte man auf den astralischen Leib wirken, und ihr physischer Leib war weich. Jetzt muß man anders wirken. Jetzt muß man namentlich in Aussicht nehmen, muß sich dessen bewußt sein, daß man das Denken der Menschen als solches beeinflußt, daß man sich mit den Kräften so in die Gedankenrichtungen der Menschen hineinbegibt, daß sie es nicht merken. Ich sage nicht, Menschen tun das: Durch Menschen wird das meistens getan, von ahrimanischen Wesenheiten geht das aus, die sich in die Gedankenrichtungen der Menschen hineinbegeben. Die Menschen glauben dann, wenn sie ein Urteil übernehmen, daß sie dieses aus ihrer Überzeugung übernehmen. An der Oberfläche ist das auch richtig. In den Tiefen ist es aber nicht richtig, sondern die Sache verhält sich anders. Wenn das Urteil so gleichsam schwirrt im öffentlichen Leben, daß es gewissen Gefühlsrichtungen, gewissen Empfindungsströmungen sich — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck — einschmiert, dann glauben die Leute, mit dem Verstande hätten sie es begriffen. In Wahrheit haben sie es nur in ihre Denkgewohnheiten aufgenommen, in die es sich hineingeschmiert hat. Und dann haben die Leute selbstverständlich die Meinung, daß sie nun etwas ganz ohne irgend einen Autoritätsglauben aufgenommen haben, während sie eben gerade die Art und Weise, wie es sich in ihre Seele hineingestohlen hat, ganz und gar nicht merken.
[ 22 ] Wie geschieht so etwas? Nun, sehen Sie, so etwas geschieht zum Beispiel auf folgende Weise: Es bildet sich im Laufe der Zeiten durch alle möglichen Denkgewohnheiten — denn wenn Sie geschichtlich der Sache nachgehen, werden Sie schon sehen, daß es wahrhaftig nicht aus dem Verstande heraus sich gebildet hat — so eineUtteilrichtung über das, was wissenschaftlich ist, was wissenschaftliche Methode sein muß, was strenge Wissenschaft ist. Dann gesellt sich, wiederum auf dieselbe Weise, zu diesem Urteil über das, was strenge Wissenschaft ist, im Laufe der Zeit hinzu, daß diese strenge Wissenschaft von einem geheimnisvollen Orte ausgehen muß: Universität oder ähnlichem. Was nicht von dorther weht, das schmiert sich in die Gedankengewohnheiten doch nicht so hinein, nicht wahr? Dann aber schmieren sich in diese Gedankengewohnheiten allerlei Namen hinein. Man glaubt nicht an eine Autorität, selbstverständlich; aber man glaubt auch an alles andere nicht, höchstens an das, was die berühmte Persönlichkeit darüber gesagt hat. Und aus allen solchen Elementen setzt sich ein solcher Strom von Urteilen zusammen. Das ist richtig ein Flußbett für den Ahriman, ein Fluß für den Ahriman! Da kann nun Ahriman seine Kräfte hineinfließen lassen. Denn ins bewußte Leben, ins wirklich bewußte Leben kann ja Ahriman nicht herauf. Wenn man Wache hält vor seinem Bewußtsein, dann kann Ahriman nicht herein. Aber wenn man nicht Wache hält und auf diese Weise, wie ich es geschildert habe, sich in den Strom der Denkgewohnheiten hinein aufnehmen läßt, dann kann der Ahriman überall herein und einen zurichten. Und man ist besonders wenig geschützt vor dieser Zurichtung, wenn man sich so recht mit seiner ganzen Persönlichkeit in diesen Strom hineinbegeben hat, wenn man zum Beispiel von frühester Jugend auf dressiert worden ist auf «strenge Wissenschaft».
[ 23 ] Nehmen wir also einmal an, jemand wäre in unserer Zeit dressiert worden von frühester Jugend auf auf die strenge psychologische Methode. Psychologie ist ja in unserer Zeit etwas ganz Besonderes geworden. Eduard von Hartmann hat 1901 eine Geschichte der modernen Psychologie geschrieben. Darinnen hat er gleich im Anfang auch von dem geredet, wovon diese moderne Psychologie nicht mehr redet, weil das wissenschaftlich überwunden ist, weil es nicht mehr zur Wissenschaft gehört, über solche Dinge zu reden. Er sagt zum Beispiel: «Nur in der ersten Hälfte des zu besprechenden Zeitraums» — nämlich der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts — «halten noch einige theistische Philosophen wie an der Unsterblichkeit einer selbstbewußten Seelensubstanz so auch an einem Rest indeterministischer Freiheit fest, begnügen sich dann aber meistens damit, die wissenschaftliche Möglichkeit dieser Herzenswünsche begründen zu wollen.» — Aber in der neuesten Zeit hat das ganz aufgehört. Es ist selbstverständlich, daß man sich in der Psychologie weder mit der Unsterblichkeitsfrage befaßt noch mit der Frage, ob es eine menschliche Freiheit gibt; das sind keine wissenschaftlichen Fragen mehr!
[ 24 ] Nun, so wird man hineindressiert in dasjenige, was eigentlich wissenschaftliche Methode ist. Man gründet psychologische Gesellschaften, in denen selbstverständlich so dummes Zeug wie die Geisteswissenschaft gar nicht besprochen werden darf, denn das entspricht keiner wissenschaftlichen Richtung.
[ 25 ] Ich weiß nicht, ob Sie in den letzten Tagen einen Blick in die Zeitungen geworfen haben. Es kommt gar nicht auf die Parteirichtung der Zeitung an, die Sie etwa gerade pflegen; sondern Sie konnten spaltenlange Artikel in jeder Zeitung jeder Parteirichtung über einen psychologischen Vortrag in einer gelehrten psychologischen Gesellschaft Berlins lesen. Ein Herr Dr. Löwenstein, ein so richtig gelehrter Psychologe der Gegenwart, sprach in der gelehrten psychologischen Gesellschaft über die Psychologie der Heiratsannonce! Man muß die gelehrten Methoden vollständig handhaben, um sie auf jegliches Gebiet mit strenger Wissenschaftlichkeit anwenden zu können. Denken Sie nur einmal, was es für Ausbeute für die Wissenschaft gibt, wenn man weiß: da erscheint eine Annonce in der Zeitung, man sucht ein Mädchen oder etwas ähnliches mit ganz bestimmten Eigenschaften, und da laufen so und so viele Briefe ein. In denen drückt sich die Psyche, die Seele so und so vieler Mädchen aus. Welche tiefen Lichtblicke gewinnt man auf diese Weise in das Leben der Seele! Ist es nicht wahrhaftig viel würdiger, über diese Lichtblicke zu sprechen als in der alten Weise über die Unsterblichkeit der Seele oder über die Freiheit des Menschen? Das machen nur diejenigen, die nichts von strenger Wissenschaft heute mehr verstehen! Aber man muß erst Experimentator sein, um derlei Dinge ganz wissenschaftlich behandeln zu können. Denn, nicht wahr, die strenge wissenschaftliche Methode sagt: Zufällige Beobachtungen, die führen nicht zu einer, wie man es nennt — ich weiß nicht, der Ausdruck wird Ihnen ja bekannt sein — vollständigen Induktion. Man muß immer eine vollständige Induktion zugrunde legen. Das heißt, die Fälle müssen so behandelt werden, daß man nicht bloß zufällige Beobachtungen, durch die man sich irren könnte in den Konklusionen, aufnimmt; man muß also Experimentator sein. Wie der Chemiker mit den Experimenten der Natur ihre Geheimnisse ablauscht, so muß man auch jene Geheimnisse dem Leben der Seele ablauschen, die sich entwickeln, wenn Heiratsannoncen hinausflattern und Briefe zurückgehen, nicht wahr?
[ 26 ] Aber wie wird man Experimentator? Auch das haben die Zeitungen in ihren spaltenlangen Artikeln genauer auseinandergesetzt. Man ist also Gelehrter, Psychologe — nicht von der alten Art, daß man über die Seelenunsterblichkeit noch redet; man redet über die Heiratsannonce. Man verfaßt zunächst selbst eine Heiratsannonce! Zunächst — so erzählt es die Zeitung — von der Art, daß man ein jüngeres Mädchen will, idealistisch veranlagt, die weniger auf äußere Lebenshaltung sieht. Dann läßt man diese Annonce hinausflattern. Man bekommt viele Briefe. Auf seine Annoncen hat der betreffende strenge Gelehrte überall reichlich über zweihundert Briefe bekommen. Nun, da sieht man schon hinein in die Psyche! Man kann da schon beurteilen, was solch eine Annonce in den Seelen anrichtet. — Das ist die eine Art. Aber damit man eine vollständige Induktion hat, das heißt, das Problem auch von der anderen Seite umfaßt, macht man noch eine zweite Annonce, in der man weniger eine idealistische, sondern eine fesche Lebensgefährtin sucht, mehr eine, die auf äußeres Leben schaut. Wiederum über zweihundert Antworten!
[ 27 ] Der Gelehrte ist dann auch gründlich zu Werke gegangen. Er hat die Geschichte der Heiratsannonce zurückverfolgt, wie sie sich entwickelt hat. Man weiß jetzt endlich, daß die erste Heiratsannonce schon vor mehr als hundert Jahren in einem Hamburger Blatt erschienen ist. Denken Sie nur einmal, man weiß das endlich! Man weiß sogar, wie lang sie war: viel länger als heute! Sie hatte dazumal die Länge eines ganzen Feuilletons. Aber an Zahl müssen sie sich doch vermehrt haben, diese sonderbaren Objekte neuerer Psychologie. Es wurde erzählt, daß der Betreffende, um eine vollständige Induktion zu haben, auch gezählt hat, wieviele Heiratsannoncen in zwei Zeitungen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen erscheinen. Das hat er nicht einmal gemacht, sondern immer wieder gemacht. Man macht das ja so, daß man zusammenzählt, daß man aus vielen Fällen das arithmetische Mittel nimmt, also man dividiert. Nicht wahr, wissenschaftliche Mathematik muß ja überall dabei sein. Ja, ich glaube mich nicht zu irren: Siebenhundert — haben die Zeitungen angegeben — Heiratsannoncen seien an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in zwei verschiedenen Zeitungen erschienen.
[ 28 ] Wir sehen also ein sehr reichlich zu bebauendes Feld für strenge Wissenschaft zugleich vorhanden. Nun weiß ich nicht, ob der Gelehrte wirklich so war, aber die Zeitungen haben es so geschrieben: Daß die Sache ihre gute Bedeutung hätte, hätte er gesagt, ihre tiefere Bedeutung; denn die Seelenkunde, die es nun endlich auf eine gewisse wissenschaftliche Höhe gebracht habe, die müsse nun auch wirklich ihre volle Aufgabe erfüllen und ins praktische Leben gerade in einem solchen Zeitpunkt eingreifen, der an die Menschheit grandiose Forderungen stelle wie der jetzige Zeitpunkt. Und es soll dieser Gelehrte gesagt haben: Diejenigen, die nun diese Psychologie der Heiratsannonce ausbilden, werden praktische Psychologen auf diesem Gebiet werden. Welche Dienste werden sie leisten können den heimkehrenden Kriegern aus den Schützengräben, die nun die geeignete Lebensgefährtin werden suchen müssen! Da muß nun also der Psychologe mit seiner nun endlich erlangten Gelehrtenbildung eingreifen können und aus seinen Erfahrungen, aus seinen wissenschaftlichen Ergebnissen heraus die richtige Abfassung der Heiratsannonce herausfinden, die richtige Abfassung beratschlagen können mit den bedürftigen aus den Schützengräben heimkehrenden Kriegern!
[ 29 ] Es ist kein Märchen, es hat sich abgespielt in diesen Tagen, meine lieben Freunde, und es zeigt uns, wie die Menschen gar nicht wissen, was in ihrem astralischen Leibe vorgeht, weil sie von diesem astralischen Leibe nichts wissen. Denn die ganze Sache ist nur möglich dadurch, daß diese Strömungen da sind, die auf ahrimanische Kräfte-Art sich hineinmischen in die Denkgewohnheiten der Menschen, und in den Menschen eine Meinung erzeugen von Wissenschaftlichkeit, die nun auf alles angewendet werden kann. Wenn sie noch von einigem Humor begleitet ist, so kann man sie noch verzeihen. Ein wenig humoristisch hat wenigstens jener exakt philologische Gelehrte geschrieben, der jetzt in den «Preußischen Jahrbüchern» auch eine zeitgemäße ausführliche Abhandlung veröffentlicht hat, in der er untersucht, ob auch die griechische Literatur einen Beweis dafür erbringen kann, daß die Griechen auch schon, so wie die heutigen Menschen, unter den Läusen gelitten haben. Und er hat nun die ganze griechische Literatur daraufhin untersucht, welche Rolle in der griechischen Literatur von Homer bis hinauf zu Aristophanes die Läuse spielten. Wenigstens mit einigem Humor. Aber die Abhandlung ist streng wissenschaftlich; sie steht in den «Preußischen Jahrbüchern>!
[ 30 ] Diese Dinge beleuchten schon dasjenige, was sich in den Untergründen des gegenwärtigen Lebens vollzieht. Und sie sind wichtiger als man zunächst denken kann. Es ist schon wichtig zu wissen, daß wir in unserer Zeit eine geisteswissenschaftliche Strömung brauchen, welche zunächst ja von denjenigen, die unter solchen Denkgewohnheiten stehen, wie ich es angedeutet habe, eigentlich gefürchtet wird. Denn gefürchtet wird sie, weil sie eine Menschenkenntnis gibt, vor der man sich fürchtet, unbewußt fürchtet; eine Menschenkenntnis, die nur ausgeglichen werden kann im Leben, wenn man unter dem, was da eintritt, seine Beziehungen zur Menschheit nicht leiden läßt. Daher ist zum Beispiel in einem solchen gesellschaftlichen Zusammenhang, wie der unserige ist, angestrebt, neben der Verbreitung der Geisteswissenschaft auch jene Gefühle zu entwickeln, die die Gefühle der Brüderlichkeit sind. Das muß das notwendige Gegenbild sein; sonst würden die Leidenschaften zu sehr entfesselt werden. Aber auf der anderen Seite ist schon notwendig, um in unserer Zeit die Dinge zu beurteilen, etwas den Blick hineinwerfen zu können in die Beschaffenheit vieler Menschen. Man wird ja auf diesem Gebiete immer eine gewisse Regel entfalten müssen, die, ich möchte sagen, sich vergleichen läßt mit der Wahrung des Briefgeheimnisses. Nicht wahr, wenn man einen Brief findet, der an einen anderen gerichtet wird, so schaut man nicht hinein. So schaut man auch nicht in das Seelenleben und in das ganze Menschenleben eines anderen hinein, ohne daß eine Veranlassung dazu ist. Aber eine Veranlassung kann schon diese sein, daß man irgendwo sieht: Da wirkt eine Persönlichkeit, die diese und jene Bedeutung hat für die Zeitgenossen. Dann muß man, um die Zeitgenossen aufzuklären, in dieses Seelenleben dieser Persönlichkeit schon hineinleuchten mit den Mitteln, die auch von der Geisteswissenschaft gegeben werden können. Denn so ein Löwenstein mit seiner Psychologie der Heiratsannonce ist schon geeignet, über den Grundcharakter des wahrhaft Wissenschaftlichen die tollsten Anschauungen unter denjenigen zu verbreiten, die beileibe nicht autoritätsgläubig sind, selbstverständlich, die aber sofort — ja, wie soll man nun sagen, autoritätsgläubig sind sie nicht, gläubig sind sie auch nicht — sagen wir dann mit dem trivialen Worte: darauf hereinfallen, wenn irgendetwas mit dem Mantel der Wissenschaftlichkeit auftritt. Wir müssen aber durchaus wissen, daß die Seele des Menschen ein recht, recht kompliziertes Ding ist, daß der ganze Mensch ein kompliziertes Ding ist und daß man ihn nicht kennen lernen kann, wenn man nicht auf seine Komplikationen eingehen kann. Bedenken Sie nur: Vier Glieder zunächst, wenn wir von den oberen Gliedern absehen, die durcheinanderwirken im Menschen, die sind da. Da kann der physische Leib zunächst noch etwas haben von der Schmiegsamkeit und Biegsamkeit der vierten nachatlantischen Periode, aber zugleich etwas haben von einer guten Empfänglichkeit für alles dasjenige, was das Gedankenleben der Gegenwart erzeugt. Da kann also ein Mensch auftreten, der, sagen wir, diese Eigenschaften hat: einen Organismus, der auf der einen Seite noch die zurückgebliebenen Eigenschaften der griechisch-lateinischen Zeit hat, aber einen Kopf zugleich, der die Gedanken, die in der Gegenwart entfaltet werden, mit einem gewissen Scharfsinn aufnehmen und wiedergeben kann. Das kann durchaus da sein. Man wird einen solchen Menschen für scharfsinnig, für sehr gescheit halten. Er kann aber daneben durch die besondere Qualität seines Leibes, von der ich gesprochen habe, schwachsinnig sein. Wenn man weiß, daß der Mensch ein kompliziertes Wesen ist, so ist es kein Widerspruch, daß er schwachsinnig und scharfsinnig, schwachsinnig und gescheit zugleich ist. Geisteswissenschaft ist schon etwas, das uns gewissermaßen eine Leuchte gibt, um uns zurechtzufinden in den gerade durch die Menschheit kompliziert gemachten Verhältnissen der Gegenwart.
[ 31 ] Wahrhaftig, meine lieben Freunde, glauben Sie ja nicht, daß ich irgend etwas dagegen habe, wenn jetzt jemand in diesen Tagen amerikanische Verhältnisse mit besonderer Vorsicht bespricht. Gegen die Beobachtung politischer Vorsichten, gegen ein entsprechendes Sich-Benehmen und Verhalten, so daß gewisse Dinge geschehen können, die geschehen sollen, wird selbstverständlich nicht im geringsten von mir etwas eingewendet. Aber das hindert nicht, daß man die Wahrheit einsieht. Und deshalb habe ich, trotzdem diese Verhältnisse gekommen sind, eben weil sie gekommen sind, in einem der öffentlichen Vorträge jüngst aufmerksam gemacht auf die Art und Weise, wie der gegenwärtig in Amerika führende Staatsmann Wilson, Gedankenformen entwickelt. Ich habe eine Stelle vorgelesen, wie er über die Freiheit denkt — im öffentlichen Vortrage war es—, um daran zu veranschaulichen, wie weit dieses, nun, sagen wir jetzt in diesen Tagen nicht amerikanische, sondern dieses mechanistische Denken, entfernt ist von dem, was wir uns für das geistige Weben und Wesen durch die europäische Kultur errungen haben zum Beispiel durch solche Leute, die die ersten Elemente zu einer wahren Freiheitslehre gelegt haben, durch Fichte oder andere ähnliche Geister. Man darf da nun fragen: Ist eine Notwendigkeit vorhanden aus den gegenwärtigen politischen Verhältnissen heraus, daß jemand nun hergeht und «zufälligerweise», sagen wir, noch dieselben Sätze, die dazumal zitiert worden sind aus dem Buch über die Freiheit, nun zitiert und dann hinzugefügt, um Mr. Wilson zu charakterisieren: So etwas Bedeutendes ist seit zwei Jahren auf der ganzen Erde nicht geschrieben worden. Wir in Europa könnten froh sein, wenn wir einen solchen Menschen hier hätten. Das ist der Fichte Amerikas. — So steht es da! Mr. Wilson: der Fichte Amerikas! Innerhalb des deutschen Schrifttums geschrieben in diesen Tagen!
[ 32 ] Meine lieben Freunde, solche Erscheinungen sind ja nur möglich aus dem Grunde, weil die Menschen eben kompliziert sind. Und unter uns können wir ja schon auf solche besonderen Verhältnisse hinweisen, denn es ist notwendig, daß unter uns Menschen sind, die sich auskennen im Leben durch dasjenige, was die Geisteswissenschaft uns an die Hand gibt, damit wir uns auskennen im Leben. Ich sagte, man kann einen Leib an sich tragen, der noch so bestimmbar ist, wie ein griechisch-lateinischer Leib, der also nicht auf die Höhe der gegenwärtigen Leiblichkeit gekommen ist, und man kann dabei scharfsinnig gescheit sein und alles dasjenige, was in der Gegenwart an Urteilsformen ausgesprochen wird, in sich aufnehmen, also durchaus ein sehr gescheiter Mensch sein; man kann ein Schwachkopf und zugleich ein sehr gescheiter Mensch sein. Ja, man wird vielleicht gerade dadurch bei unseren — ja, autoritätsgläubigen kann man wieder nicht sagen —, also bei unseren nichtautoritätsgläubigen Zeitgenossen besonderen Anklang finden, wenn man durch seinen weichen Leib gewissermaßen einen Phonographen, eine Art menschlichen Phonographen abgibt, durch den allerlei Gedanken der Gegenwart noch verstärkt, verzerrt, karikiert wirken können. Man muß selbstverständlich selber in der Gegenwart darin stehen und in ihrer Geistesbildung, wenn man es blödsinnig und abgeschmackt genug finden will, solches Zeug zu schreiben, wie eben angeführt worden ist. Aber man braucht nicht, um als gescheiter Mensch zu wirken, in der Kultur der Gegenwart, in dem Geistesleben der Gegenwart darin zu stehen, sondern man braucht bloß so scharfsinnig zu sein, um die Gedankenformen der Gegenwart aufzunehmen und dann einen Leib zu haben, wie ich ihn beschrieben habe. Und sehen Sie, das ist die Erscheinung eines Journalisten der Gegenwatt, der seit Jahrzehnten einen großen Einfluß, einen weitgehenden Einfluß hat, das ist die Erscheinung Maxmilian Hardens.
[ 33 ] Und man muß wissen, welche Kräfte in unserer Gegenwart wirken, man muß wissen, wie heute öffentliche Meinungen gemacht werden und wie sie zurückzuführen sind auf die menschlichen Naturen. Man hat aber kein Mittel, um das zu kennen, wenn man sich nicht einläßt auf die Erkenntnis des Menschen aus der Geisteswissenschaft heraus. Nur dadurch wird man bewahrt, sich auch mitnehmen zu lassen von dem Strom, den ich geschildert habe und der die Denkgewohnheiten erzeugt, aus denen heraus die Leute glauben: Autoritäten, ach, das haben wir, die wir es so herrlich weit gebracht haben, längst überwunden! Autoritätsgläubig sind wir nicht, aber wir glauben alles, was in der «Zukunft» steht, — wenn wir zu einem gewissen Leserkreis gehören, selbstverständlich!
[ 34 ] Dasjenige, was da kommen muß, meine lieben Freunde, das ist, daß aus dem geisteswissenschaftlichen Urteilen heraus, ohne daß wir das einfließen lassen in unser praktisches Verhalten — selbstverständlich werden wir nicht unsere Emotionen danach einrichten, aber unser Urteilen sollen wir danach einrichten —, folgen wird ein Gewahrwerden der Wertigkeiten, die in unserer Kultur walten. Heute ist alles eine so unbestimmte chaotische Masse. Wir leben ja nicht in Gegenden, in denen wenigstens die meisten Menschen so sind, wie diese geschilderten Indianer, daß sie hinschauen, wo die Priester in ihren goldenen Meßgewändern in Weihrauchqualm sind. Nein, das tun wir nicht! Aber wir haben andere Altäre: die Zeitungen und ähnliches. Und wenn auch der Qualm geistiger ist, der um diese herum ist — Weihrauchqualm ist ja natürlich materieller als der Qualm, der um die Autoritäten der Gegenwart ist —, wenn auch dieser Qualm geistiger ist, meine lieben Freunde: geistig duftet er nicht so schön, wie Weihrauch materiell duftet!
[ 35 ] Da ist diese ganze Masse, diese chaotische Masse dessen, was auf die autoritätsentwachsenen Menschen mit starker Autorität wirkt. Aber schwierig ist es, das einzige Mittel in der rechten Weise zur Geltung zu bringen, das den Menschen herausführen kann aus dem, worinnen er heute so leicht steht. Da muß man schon auf alles Mögliche nach und nach eingehen können. Ja, meine lieben Freunde, die Schwierigkeiten sind wirklich nicht klein, die die Geisteswissenschaft hat, um in das Leben einzudringen, in das sie eindringen muß. Denn sie muß ja dann die verschiedenen Gebiete des Lebens ergreifen, und man kann immer nur auf das eine Gebiet nach dem anderen wirken, und muß langsam und allmählich auf die Menschen wirken. Da haben wir denn zum Beispiel versucht, zunächst einmal, weil das Karma es so gebracht hat, auszubilden eine Art Ausdruckskunst, die Sie ja alle kennen. Sie ist öfter besprochen worden unter dem Namen Eurythmie. Gewiß, man kann über diese Eurythmie denken, wie man will; aber das Haupterfordernis ist, daß sie in einer würdigen Weise an die Menschen gebracht wird. Vor einigen Tagen mußten wir lesen, daß ein Mitglied von uns — ein Mitglied von uns! — in München aufgetreten ist, ein langer, schmaler Herr, der zuerst in seiner Art Gedichte rezitiert hat, dann verschwunden ist, sich weiße Hosen und dazu gehörigen Rock angezogen hat und dann, wie die Zeitung selbstverständlich in diesem Fall unter Hohngelächter schreibt, unter allerlei verzerrten Bewegungen weiter rezitiert hat, indem er einen Schleier in den Händen hatte, den er in verschiedener Weise bewegte; dann wiederum verschwunden ist, in einem blauen Gewand mit gelben Säumen wieder auftrat; und unter einem Sturm von höhnischem Beifall hat er dann durchgehalten, weiter zu rezitieren. Das Ganze hat er dann angekündigt — er ist Mitglied von uns! — unter dem Titel «Eurythmische Rezitationskunst». Also wir haben es dahin gebracht, daß uns diese so lieb gewordene Eurythmie durch ein Mitglied selber in der Öffentlichkeit grundlächerlich gemacht worden ist. «Eurythmie und andere Kriegsseuchen», so war einer der Artikel in den Münchener Blättern überschrieben.
[ 36 ] Sie sehen: Schwierig ist es, Geisteswissenschaft überzuführen in das Leben, wenn bei denjenigen, die mittun wollen, nicht der richtige Geist vorhanden ist. Es ist schon notwendig, meine lieben Freunde, daß wir noch viel, viel ernster, als es bisher geschehen ist, dasjenige betrachten, was als Impulse durch unsere geisteswissenschaftliche Bewegung gehen soll.
[ 37 ] Davon dann das nächste Mal weiter.
