The Present and the Past in the Human Spirit
GA 167
2 May 1916, Berlin
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The Present and the Past in the Human Spirit, tr. SOL
8. Thomas Morus’ «Utopia»
8. Thomas More’s “Utopia”
[ 1 ] Wir haben Betrachtungen angestellt in Anknüpfung an dasjenige, was man nennen kann okkulte Brüderschaften, und wir haben ja auch das letzte Mal hier versucht, einiges Licht zu werfen auf dasjenige, was als eines der bedeutsamsten Symbole innerhalb solcher Brüderschaften immer wieder und wiederum vorkommt: die Auffindung des verloren gegangenen Wortes. Heute möchte ich zu diesem Thema, zu dem man jahrelang hindurch fortsprechen könnte und es selbstverständlich doch nicht erschöpfen würde, gewissermaßen etwas dazu beibringen, das wohl in der Welt, die von Geisteswissenschaft nichts weiß, wenig oder gar nicht — man kann schon sagen: gar nicht — in irgendeinen Zusammenhang gebracht werden kann mit demjenigen, was, ich will nun nicht sagen, okkulte Brüderschaft ist, sondern durch die okkulten Brüderschaften als Lehre, als Kultus, als Weltanschauung fließt. Also von etwas wollen wir sprechen, das mit den Gegenständen, die wir besprochen haben, in einer Art von Zusammenhang steht, den wir uns nur dann klar machen können, wenn wir zum Schlusse auf die ganze geisteswissenschaftliche Seite der Frage, um die es sich heute handeln wird, eingehen werden.
[ 1 ] We have been reflecting on what might be called occult brotherhoods, and last time we were here, we also attempted to shed some light on what repeatedly appears as one of the most significant symbols within such brotherhoods: the rediscovery of the lost word. Today, on this topic—one that one could discuss for years on end without ever exhausting it—I would like, in a sense, to add something that, in a world that knows nothing, little, or nothing at all—one might even say: absolutely nothing—about Spiritual Science, can hardly be connected in any way to what, I do not wish to call an “occult brotherhood,” but rather what flows through the occult brotherhoods as a teaching, a cult, and a worldview. So let us speak of something that stands in a certain kind of connection with the subjects we have discussed—a connection that we can only make clear to ourselves when, in conclusion, we turn to the entire aspect of Spiritual Science related to the question that will be our focus today.
[ 2 ] Über ein trübes Kapitel der Geschichte ist es dabei notwendig zu sprechen, welches ja gerade von dem Gesichtspunkte aus, den wir heute erörtern werden im Zusammenhange mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, auch überschrieben werden könnte: Wie manchmal Religionen entstehen. Sie werden sich vielleicht noch aus Ihrer Schulzeit erinnern, daß vom Jahre 1509 bis zum Jahre 1547 auf dem Thron von England Heinrich VIII. saß. Ich glaube, Sie werden alle diesen Heinrich VIII. wohl kaum als ein besonders nachahmungswürdiges Beispiel edler Menschlichkeit in Ihre Seele und in Ihr Herz geschlossen haben. Diejenige Geschichte, die Ihnen ja vielleicht am besten von diesem Heinrich VII. im Gedächtnis geblieben ist, wird ja wohl diese sein, daß er sechs Frauen gehabt hat, von denen er zwei hinrichten ließ: Die eine, weil sie ihm nicht mehr gefiel, die andere im Grunde auch, weil sie ihm nicht mehr gefiel. Gründe findet man ja dann immer dafür. Von den anderen ließ er sich scheiden. Die letzte, die sechste, hat er ja auch hinrichten lassen wollen, aber es ist nicht mehr dazu gekommen, weil in einer besonders koketten Rede, die stattgefunden hat zwischen Heinrich VII. und dieser seiner sechsten Frau, diese ein wenig schlauer war als er, und ihn wieder herumgekriegt hat. Nun aber ging ja insbesondere, wie Sie wissen, das Scheiden von seiner ersten Frau nicht gerade ganz leicht, denn die Ehe war vollzogen nach allen kirchlichen Regeln, und es wäre notwendig gewesen, wenn alle Gebräuche und Anschauungen der äußeren Welt gewahrt worden wären, daß Heinrich VIII. durch den Papst Clemens VII. geschieden worden wäre. Aber der Papst fand keinen Grund zur Scheidung und weigerte sich immer wieder und wiederum. Viele Jahre gingen die Verhandlungen hin und her. Der Papst wollte nicht scheiden. Nicht wahr, eine fatale Situation! Was tut man in einem solchen Falle? Na, man kann es ja nicht immer tun, aber wenn man Heinrich VII. ist, so tut man es eben: Man gründet eine neue Religion, man stiftet eine neue Kirche. Und so stiftete denn Heinrich VIII. die neue Kirche, die dann fortlebt nach mancherlei Umformungen in der anglikanischen Kirche Englands, die heute zwanzig Millionen Bekenner hat. Es stiftete also Heinrich VII. eine neue Kirche. Eine neue Kirche zu stiften, das machen andere so, daß sie eine neue Lehre in eine Form prägen. Aber Heinrich VII. war ja kein kluger Mann, wie schon das Gespräch mit seiner letzten Frau, von dem ich erzählt habe, zeigt, und es fiel ihm eigentlich gar nichts ein, womit er eine neue Kirche begründen sollte. Da ließ er denn die Lehre die alte sein und gründete eine neue Kirche, das heißt, er suchte nach und nach die erleuchteten Männer des Parlaments, des Staates dahin zu bringen, daß sie zustimmten, nicht mehr den Papst weiter als das Oberhaupt der englischen Kirche anzuerkennen, sondern ihn selber, Heinrich VII. Es ist die berühmte Supremats-Akte, die dazumal in England gestiftet worden ist, wodurch Heinrich VII. — und damit selbstverständlich jeder seiner Nachfolger — zum Oberhaupt dieser Kirche erklärt worden ist. Nun konnte er sich scheiden lassen. Der Zweck war erreicht, nicht wahr? Aber man darf vielleicht doch eine solche Sache im Zusammenhange mit all den fortlaufenden Geschehnissen der Menschheitsentwickelung ein wenig betrachten.
[ 2 ] It is necessary to discuss a dark chapter in history, one that—precisely from the perspective we will be exploring today in connection with insights from Spiritual Science—could also be titled: How Religions Sometimes Come into Being. You may recall from your school days that Henry VIII sat on the throne of England from 1509 to 1547. I believe none of you would have held this Henry VIII in your hearts and minds as a particularly exemplary model of noble humanity. The story about Henry VIII that has perhaps stuck most firmly in your memory is surely that he had six wives, two of whom he had executed: one because she no longer pleased him, and the other, essentially, for the same reason—she no longer pleased him. One can always find reasons for such things. He divorced the others. He had intended to have the last one—the sixth—executed as well, but it never came to that because, in a particularly flirtatious exchange that took place between Henry VII and this sixth wife of his, she proved a bit wiser than he was and managed to win him back. But as you know, the divorce from his first wife, in particular, wasn’t exactly easy, because the marriage had been solemnized according to all the rules of the Church, and if all the customs and beliefs of the secular world had been observed, it would have been necessary for Henry VIII to be granted a divorce by Pope Clement VII. But the Pope found no grounds for divorce and refused time and time again. For many years, negotiations went back and forth. The Pope would not grant a divorce. Isn’t that a dire situation! What does one do in such a case? Well, you can’t always do it, but if you’re Henry VII, then that’s exactly what you do: you found a new religion; you establish a new church. And so Henry VIII established the new church, which, after various transformations, lives on as the Anglican Church of England, which today has twenty million adherents. So Henry VII established a new church. When others establish a new church, they do so by shaping a new doctrine into a specific form. But Henry VII was no wise man, as the conversation with his last wife—which I have already recounted—shows, and he actually could not think of anything with which to found a new church. So he left the doctrine as it was and founded a new church—that is, he gradually sought to persuade the enlightened men of Parliament and the state to agree to no longer recognize the Pope as the head of the English church, but rather to recognize him, Henry VII, in that role. It is the famous Act of Supremacy, which was enacted in England at that time, whereby Henry VII—and thus, of course, each of his successors—was declared the head of this church. Now he could get a divorce. The goal had been achieved, hadn’t it? But perhaps one should nevertheless consider such a matter a little in the context of all the ongoing events in the development of humanity.
[ 3 ] Einer derjenigen Männer nun, der stark sein Leben verbunden hat mit all dem, was da als eine neue Kirchengründung durch einen ja so heiligen Mann wie Heinrich VII. stattgefunden hatte, ist der berühmte, ich weiß nicht, wie weit gekannte, Thomas Morus. Thomas Morus ist ja, wie Sie wohl wissen, der Verfasser einer Schrift von der Art, die man seitdem Utopien nennt. Sie erinnern sich vielleicht noch an die Utopie des Bellamy. Solcher Utopien sind viele geschrieben worden, meinen die Menschen. Wie wir gleich sehen werden, meinen es die Menschen bloß, daß viele solcher Utopien, wie Thomas Morus sie geschrieben hat, geschrieben worden sind. Aber man nennt seit Morus dasjenige, was jemand als Ideal einer Staatsordnung schreibt, von der die gescheiten Leute glauben, daß sie nicht verwirklicht werden kann — sie können dann aber auch gescheit sein, denn manche Utopien lassen sich ja wirklich nicht verwirklichen —, deshalb Utopien, weil Thomas Morus in einer besonderen Schrift das Land «Utopia» beschrieben hat, das eine besondere Staatseinrichtung habe. Thomas Morus hat in dieser Utopia verschiedene Einrichtungen seines Staates — sagen wir zunächst: seines Phantasie-Staates — beschrieben, und eine der Einrichtungen ist auch diese, daß in diesem Phantasie-Staate Toleranz der verschiedenen Religionen herrschen soll. Ein Staat also, der gewissermaßen die Religion zur Privatsache erklärt. Man kann sagen, daß jener Redemptorist — das ist eine Sorte von Jesuiten — der noch vor gar nicht langer Zeit über Thomas Morus geschrieben hat, eigentlich gar nicht Unrecht hatte, wenn er bezweifelte, daß Thomas Morus wirklich gedacht haben könnte, daß in irgendeinem Idealstaate religiöse Toleranz walten sollte. Man darf ja auch nicht vergessen, daß es einem Redemptoristen schwer würde, solches anzunehmen, denn die katholische Kirche hat Thomas Morus selig gesprochen, und auf diese Seligsprechung ist in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts so stark hingewiesen worden, daß man aus diesen verschiedenen Hinweisen ersehen kann: die katholische Kirche hat sogar die Absicht, "Thomas Morus sehr bald heilig zu sprechen.
[ 3 ] One of the men who devoted his life to everything related to the establishment of a new church by a man as holy as Henry VII is the famous—though I do not know how widely known—Thomas More. Thomas More is, as you probably know, the author of a work of the kind that has since been called a utopia. You may still recall Bellamy’s Utopia. People believe that many such utopias have been written. As we shall see shortly, people merely believe that many such utopias—like the one Thomas More wrote—have been written. But ever since More, whatever someone writes as an ideal form of government—which intelligent people believe cannot be realized (and they may well be right, for some utopias truly cannot be realized)—has been called a “utopia,” because Thomas More described in a specific work the land of “Utopia,” which had a unique form of government. In this Utopia, Thomas More described various institutions of his state—let us say, for now, his imaginary state—and one of these institutions is that tolerance of different religions is to prevail in this imaginary state. A state, then, that, in a sense, declares religion to be a private matter. One could say that the Redemptorist—a branch of the Jesuits—who wrote about Thomas More not so long ago was actually not entirely wrong when he doubted that Thomas More could really have believed that religious tolerance should prevail in any ideal state. One must also not forget that it would be difficult for a Redemptorist to accept such a view, for the Catholic Church has beatified Thomas More, and this beatification was so strongly emphasized in the 1890s that one can infer from these various references: the Catholic Church even intends to “canonize Thomas More very soon.”
[ 4 ] Ja, meine lieben Freunde, die katholische Kirche kennt in einem solchen Falle in der Regel die Akten sehr gut. Denn eine Heiligsprechung ist eine recht ausführliche und auf die Akten tief eingehende Prozedur. Da hat vor allen Dingen der «Advocatus Regius» alles dasjenige hervorzuheben, was dafür spricht, daß der Betreffende wirklich ein heiliger Mann war, daß durch ihn Wunder geschehen seien. Denn ohne daß durch einen Wunder geschehen, kann man in der katholischen Kirche nicht heilig gesprochen werden. Diese Prozedur dauert schon sehr lange. Dann spricht aber auch der sogenannte «Advocatus Diaboli». Der hat alles dasjenige vorzubringen, was gegen den Betreffenden spricht. Nun stelle man sich vor, daß sich die Kirche der Gefahr aussetzen würde, daß der Advocatus Diabolus bei einer eventuellen Heiligsprechung des Thomas Morus vorbrächte: Dieser Mann hätte das Wunder vollbracht, religiöse Toleranz anzuerkennen! — Unmöglich, nicht wahr! Aber es spricht wirklich vieles andere noch dagegen. Und wenn wir in Ausführlichkeit die Biographie des Thomas Morus, soweit sie bekannt ist, entwickeln könnten, so würden wir sehen, wie vieles dagegen spricht, daß Thomas Morus so ohne weiteres religiöse Toleranz, wie man das nennt, habe predigen wollen durch seine Schrift «Utopia». Aber es spricht ja vielleicht sogar schon ein Hauptzug seines Lebens dafür. Thomas Morus war nämlich eigentlich in seinem Leben, trotzdem er ein sehr frommer Mann war, zunächst, man könnte sagen, ein Glückskind. Er stieg auf zu verschiedenen Staatsämtern, wurde Parlamentsmitglied und zuletzt Lordkanzler Heinrichs VIII. Also er hatte eine hohe Würde bei einem heiligen Manne erlangt! Thomas Morus war aber ein frommer Mann und ein gewissenstreuer Mann. Und er hatte — durch das besondere Verhältnis, in dem er stand zu dem heiligen Manne, Heinrich VII. — sein Urteil abzugeben über die Stiftung der neuen Kirche. Und siehe da, dazu ließ er sich nicht herbei, obwohl er, trotzdem er ein frommer Mann war, auch eine weiche Natur war. Thomas Morus ließ sich nicht dazu gewinnen, sein richterliches Urteil dahin abzugeben, daß Heinrich VIII. recht habe.
[ 4 ] Yes, my dear friends, in such cases the Catholic Church is generally very familiar with the files. For canonization is a very detailed procedure that delves deeply into the files. Above all, the “Advocatus Regius” must highlight everything that indicates that the person in question was truly a holy man and that miracles were performed through him. For without miracles, one cannot be canonized in the Catholic Church. This process takes a very long time. But then the so-called “Advocatus Diaboli” also speaks. He must present everything that speaks against the person in question. Now imagine that the Church would expose itself to the risk that, in the event of a possible canonization of Thomas More, the Advocatus Diaboli might argue: “This man performed the miracle of recognizing religious tolerance!” — Impossible, isn’t it! But there are indeed many other arguments against it. And if we could elaborate in detail on the biography of Thomas More, as far as it is known, we would see how much speaks against the idea that Thomas More would have wanted to preach religious tolerance—as it is called—so readily through his work Utopia. But perhaps even a central feature of his life speaks in its favor. For Thomas More, despite being a very pious man, was—one might say—initially a man of good fortune. He rose to various government offices, became a member of Parliament, and ultimately Lord Chancellor to Henry VIII. So he had attained a high position under a holy man! Yet Thomas More was a pious man and a man of conscience. And—because of the special relationship he had with the holy man, Henry VII—he was called upon to render his judgment on the establishment of the new church. And lo and behold, he would not bring himself to do so, even though, despite being a devout man, he was also of a gentle nature. Thomas More could not be persuaded to render a judicial verdict stating that Henry VIII was in the right.
[ 5 ] Was tut man in einem solchen Fall, wenn man ein Mann wie Heinrich VIII ist? Man widerlegt wohl den Betreffenden, der so triftige Einwendungen macht wie Thomas Morus? Nein! Man sperrt ihn ein! Und so ließ denn auch Heinrich VIII. nach mancherlei Zwischenprozeduren Thomas Morus in den Tower werfen. Und das sehr erleuchtete Gericht der Lords hatte nun zu entscheiden, welches Urteil über diesen Thomas Morus zu fällen sei, der sozusagen eine der ersten großen Sünden der neuen Kirche begangen hatte. Es ist doch nicht uninteressant, meine lieben Freunde, dieses Urteil, das dazumal gefällt worden ist, ein wenig ins Auge zu fassen. Thomas Morus wurde nämlich zu folgendem verurteilt. Also er wurde geführt — machen wir uns die Situation klar — von dem Tower zu dem erleuchteten Gerichtshofe und wurde nun verurteilt, durch Hilfe des Sheriffs oder Stadtrichters, William Pinkston, wieder zurück in den Tower gebracht zu werden, von dort in einem geflochtenen Korbe durch die Stadt London bis nach Tyburn geschleift zu werden, dann dort in Tyburn gehangen zu werden, aber nur so lange, bis er halb tot sei; dann lebendig abgeschnitten zu werden; dann, nachdem ihm gewiesse Glieder abgeschnitten worden seien, solle ihm der Leib aufgerissen werden, die Eingeweide verbrannt, sein Leib mit Ausnahme des Kopfes in vier Teile geteilt werden, welche nach den vier Enden der Stadt London gebracht werden sollten, um dort auf Spießen aufgespießt zu werden. Sein Kopf aber sollte auf der Londoner Brücke auf einem hohen Spieße zum Abschrecken der Leute aufgepflanzt werden, damit sie in der Zukunft nicht solche Sachen machten. Dieses Urteil wurde ausgesprochen durch die erleuchteten Lords. Es wurde allerdings nicht ausgeführt, sondern Thomas Morus wurde dazu begnadigt, bloß im Tower enthauptet zu werden und die übrigen Dinge wurden nicht gemacht, bloß das Haupt ist auf der Londoner Brücke auf einem hohen Spieße aufgepflanzt worden. So steht Thomas Morus vor uns in der Geschichte da. Und das alles hat sich ja in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts vollzogen. Gar so lange ist die Sache nicht her. Und nun, nachdem wir es danach haben unwahrscheinlich finden müssen, daß Thomas Morus Religionstoleranz gepredigt habe, weil er nur Heinrich VII. aus treuer Anhänglichkeit zur katholischen Kirche widerstanden hat und deswegen eben als ein Märtyrer selig gesprochen worden ist, — nachdem wir also wohl verstanden haben werden, daß Thomas Morus so ohne weiteres kein Rationalist von der Sorte der Rationalisten, der Freigeister des achtzehnten Jahrhunderts sein kann, welche Religionstoleranz gepredigt haben, so müssen wir uns nun seine «Utopia» etwas ansehen. Es ist aber ein ausführliches Buch, und ich kann nur ein paar Züge davon erklären.
[ 5 ] What does one do in such a case, if one is a man like Henry VIII? Does one refute the person in question, who raises such sound objections as Thomas More? No! You lock him up! And so, after various procedural steps, Henry VIII had Thomas More thrown into the Tower. And the very enlightened Court of Lords now had to decide what sentence to pass on this Thomas More, who had, so to speak, committed one of the first great sins of the new Church. It is certainly not uninteresting, my dear friends, to take a closer look at this verdict that was handed down at that time. Thomas More was, in fact, sentenced as follows. So he was led—let’s be clear about the situation—from the Tower to the enlightened court and was then sentenced, by order of the sheriff or magistrate, William Pinkston, to be taken back to the Tower, from there to be dragged through the city of London in a wicker basket all the way to Tyburn, then to be hanged there at Tyburn, but only until he was half dead; then to be beheaded while still alive; then, after certain limbs had been cut off, his body was to be torn open, his entrails burned, and his body—with the exception of his head—divided into four parts, which were to be taken to the four corners of the city of London to be impaled on stakes there. His head, however, was to be mounted on a high pike on London Bridge as a warning to the people, so that they might not commit such acts in the future. This sentence was pronounced by the enlightened Lords. It was not, however, carried out; instead, Thomas More was pardoned so that he would merely be beheaded in the Tower, and the other parts of the sentence were not carried out—only his head was mounted on a high pike on London Bridge. This is how Thomas More stands before us in history. And all of this took place in the first half of the sixteenth century. It was not that long ago. And now, having concluded that it is unlikely Thomas More preached religious tolerance—since he opposed Henry VII solely out of loyal devotion to the Catholic Church and was therefore beatified as a martyr— — now that we have come to understand that Thomas More cannot simply be classified as a rationalist of the sort found among the freethinkers of the eighteenth century who preached religious tolerance—we must now take a closer look at his Utopia. It is, however, a lengthy book, and I can only explain a few of its features.
[ 6 ] Diese «Utopia» also enthält Ideen über ein Staatsgebilde, von dem uns erzählt wird, daß es sich entwickelt habe auf der fernen Insel, eben Utopia. Dieses Staatsgebilde — wollen wir es nur in den Hauptzügen charakterisieren — zeigt Einrichtungen, welche ganz gewiß sehr vielen Menschen aus manchen Untergründen des Nachdenkens heraus als sehr wünschenswerte Züge erscheinen. Mancherlei allerdings zeigt ja, daß bloßer nüchterner, trockener Verstand in diesem Staatsgebilde herrscht. So wird uns zum Beispiel beschrieben, daß die Häuser alle quadratförmigen, viereckigen Grundriß haben, daß alle gleich sind, die Straßen auch alle gleichmäßig verlaufen. Dann wird uns erzählt, daß es in jedem Hause geregelt werden muß, streng polizeilich, könnte man sagen, wieviele Jünglinge und Männer, Jungfrauen und Frauen darin wohnen dürfen. Stellt es sich einmal heraus, daß eine Überzahl in einem Hause ist, dann müssen einige heraus und in anderen Häusern einspringen, wo Lücken sind. Also es wird auf eine genaue Verteilung des Menschenmaterials auf die verschiedenen Häuser gewisser Wert gelegt. Dann aber wird darauf gesehen, daß private Besitztümer nicht erworben werden, sondern daß eine gewisse kommunistische Wirtschaft sei. Damit die Menschen nicht zur Überschätzung des Privateigentums in Form des Goldes kommen, kann jeder durch polizeiliche Gewalt nur so viel erwerben, daß es eine bestimmte Höhe erreicht. Alles andere wird an den Staat abgeführt. Namentlich darf kein einzelner Gold erwerben. Alles Gold wird an den Staat abgeführt. Aber es soll nicht einmal die Anschauung aufkommen, daß das Gold etwas sei, was ganz besonders begehrenswert sein könnte. Denn wenn man Gold genug habe, im Überfluß Gold habe, so müsse aller Überfluß oder alles dasjenige, was Überfluß werden könnte, zu Ketten geformt werden, mit denen man die Verbrecher fesselt, oder es wird verteilt, indem gewisse, aber nur zu untergeordneten Zwekken in den Häusern dienliche Gefäße daraus geformt werden und dergleichen mehr. Also das Gold soll ganz entschieden in einer Weise verwendet werden, daß man auch niemals auf den Glauben kommen könne, daß es irgendwelchen Wert habe. Die polizeiliche Gewalt wird in diesem Staate Utopia nicht ganz ins Wüste getrieben. Gewisse Grenzen werden gesetzt. So wird zum Beispiel ausdrücklich gesagt, die Zahl der Kinder, die man in einem Hause haben dürfe, werde nicht vorgeschrieben. Die Mahlzeiten in den Häusern sind gemeinschaftlich für die Hausgenossen. Es ist streng angeordnet, wo die Alten sitzen, wo die Jungen sitzen, wer zuzutragen hat und so weiter. Auch über die Gesinnungen, die herrschen — wir haben es ja zu tun mit einer Insel Utopia, also der Staat existiert für die Phantasie, es ist nicht ein Zukunftsideal —, über die Gesinnungen der Bewohner von Utopia wird etwas gesagt: Sie sind von untergeordneten selbstsüchtigen Leidenschaften und Begierden durch die vernünftigen Einrichtungen ihres Staates in einem gewissen Sinne so stark frei geworden, daß sie zum Beispiel immer die Redensart auf der Zunge führen: Man dürfe ja nicht essen aus dem Grunde, weil einem das Essen irgendwie schmecke, das sei wider die höhere Entwickelung der menschlichen Natur, aber man müsse dankbar sein der Gnade, die den Menschen geworden sei, daß mit dem notwendigen Genuß der Speise zugleich ein angenehmes Gefühl verbunden sei. Sie merken die feinen Unterschiede, nicht wahr! Und insbesondere sagen diese Bewohner von Utopia, man müsse dankbar sein, daß jene Krankheit, die man Hunger nennen könnte — denn daß der Mensch hungrig werden kann, ist wahrhaftig ebenso schlimm, wie daß er krank werden könne —, nicht mit Giften und bitteren Arzneien geheilt werden muß wie andere Krankheiten, denn sonst müßte man jeden Tag Gifte und bittere Arzneien zu sich nehmen, und das wäre schlimm. Dann wird ausdrücklich gesagt, daß man selbst bei Tisch, oder wenigstens bevor man beginnt, immer einen frommen, auf die Sittlichkeit bezüglichen Vortrag hören müsse von einem der erleuchteten Geister in Utopia. Dann wird davon gesprochen, daß die Utopisten überhaupt ganz geführt werden von den erleuchteten Männern, die zugleich Priester sind, und ähnliches mehr.
[ 6 ] This “Utopia,” then, contains ideas about a political system that we are told developed on the distant island of Utopia. This political system—let us characterize it only in broad strokes—features institutions that, based on certain underlying currents of thought, certainly appear to many people as highly desirable traits. However, various aspects do indeed show that mere sober, dry reason prevails in this political system. For example, we are told that all the houses have square, rectangular floor plans, that they are all identical, and that the streets also run uniformly. We are then told that in every house it must be regulated—strictly, one might say, as if by the police—how many young men and men, maidens and women, are permitted to live there. If it turns out that there is an excess of people in one house, then some must move out and fill vacancies in other houses. Thus, great importance is placed on the precise distribution of the population among the various houses. However, care is also taken to ensure that private property is not acquired, but rather that a certain communist economy prevails. To prevent people from overvaluing private property in the form of gold, the police enforce a limit on how much each person may acquire, ensuring it does not exceed a certain amount. Everything else is turned over to the state. In particular, no individual is allowed to acquire gold. All gold is turned over to the state. But the very notion that gold might be something particularly desirable must not even arise. For if one has enough gold—if one has gold in abundance—then all that excess, or anything that could become excess, must be fashioned into chains with which to shackle criminals, or it must be distributed by shaping it into vessels for certain, but only subordinate, domestic purposes, and the like. Thus, gold is to be used in such a way that no one could ever come to believe that it has any value whatsoever. Police power is not entirely eliminated in this state of Utopia. Certain limits are set. For example, it is expressly stated that the number of children one may have in a household is not prescribed. Meals in the homes are communal for the household members. It is strictly regulated where the elders sit, where the young sit, who is to serve the food, and so on. Something is also said about the prevailing attitudes—after all, we are dealing with the island of Utopia, meaning the state exists in the imagination; it is not a future ideal—about the attitudes of the inhabitants of Utopia: Through the rational institutions of their state, they have, in a certain sense, been so thoroughly freed from base, selfish passions and desires that, for example, they always have this saying on their lips: One must not eat simply because the food tastes good in some way; that is contrary to the higher development of human nature, but one must be grateful for the grace bestowed upon humanity, that the necessary enjoyment of food is accompanied by a pleasant sensation. You notice the subtle distinctions, don’t you! And in particular, these inhabitants of Utopia say that one must be grateful that the ailment one might call hunger—for it is truly just as bad for a person to become hungry as it is to become ill—does not have to be cured with poisons and bitter medicines like other illnesses, for otherwise one would have to take poisons and bitter medicines every day, and that would be terrible. It is then explicitly stated that even at the table—or at least before one begins to eat—one must always listen to a pious lecture on morality delivered by one of the enlightened minds of Utopia. It is then mentioned that the Utopians are, in general, entirely guided by these enlightened men, who are also priests, and so on.
[ 7 ] Aber nun wird eben auch auseinandergesetzt, wie in diesem Utopien Grundsätze herrschen so, daß man Gott recht dienen könne, selbst für den Fall, daß es ihm gefallen hätte, sich nicht auf eine einzige, sondern auf verschiedene Arten von den Menschen verehren zu lassen. Und das war einer der Gründe, sogar der erheblichste Grund für Utopus, den Gründer der Staatseinrichtungen von Utopia, vollständig Religionsfreiheit zu gestatten. Diese Religionsfreiheit ist nun wirklich recht vernünftig, denn sie enthält zugleich, daß jeder dasjenige aussprechen kann, was er für seine religiöse Überzeugung hält. Allerdings, vorausgesetzt wird dabei, daß es keinen Menschen gibt und je geben kann in Utopia, welcher das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und das jenseitige Gericht nach dem Tode leugne. Das seien gemeinsame Grundsätze für alle Religionen, und die würde ohnedies jeder anerkennen. Als das vernünftige Gegenbild dieser Religionsfreiheit ist zugleich ausgesprochen, daß niemand irgend jemanden wegen seiner religiösen Überzeugung beschimpfen oder ihm gar etwas zu Leide tun darf. Kurz, wenn man sich einläßt auf diesen Inhalt des Buches «Utopia» von Thomas Morus, so sieht man wirklich, daß es aufgebaut ist auf merkwürdigen Anschauungen, von denen man nur sagen kann: Sie sind vernünftig nach jeder Richtung hin. Und wenn Thomas Morus solche Einschiebsel macht, wie ich sie erwähnt habe, von dem Preis der Gnade, die es den Menschen möglich macht, doch angenehme Empfindungen vom Essen zu haben oder ähnliches, so beruht das auf ganz gewissen Voraussetzungen, die durchaus nicht darauf hinweisen, daß Thomas Morus sagen wollte, der ganze Staat sei ein Unsinn, ohne weiteres, sondern daß er sagen wollte: Die Menschen sind nur nicht dazu veranlagt, vernünftige Lehren wirklich auch immer vernünftig auszulegen, sondern sie verzerren sie zur Karikatur. — Es gibt auch noch andere Gesellschaften, die zwar nicht in Utopia sind, sondern anderswo, in denen zum Beispiel auch Gleichberechtigung, gleiche Anerkennung der verschiedenen Religionsgemeinschaften herrscht, in denen man sich auch bemüht, vernünftige Lehren zur Wirklichkeit zu machen, und in denen auch nicht jeder einzelne durchaus immer Vernünftiges gibt, wenn er zum Beispiel seine Anschauungen und Gesinnungen erzählt, die er aus dem Vernünftigen heraus geholt hat. Ich will nicht auf die «fernen» Gebiete hinweisen, in denen so etwas vorkommt!
[ 7 ] But now we will also examine how, in this Utopia, principles are established in such a way that one can serve God properly, even in the event that it had pleased Him to be worshiped by humans not in a single way, but in various ways. And that was one of the reasons—indeed, the most significant reason—for Utopus, the founder of Utopia’s political institutions, to grant complete freedom of religion. This freedom of religion is truly quite reasonable, for it also entails that everyone may express what they hold to be their religious conviction. However, this is based on the assumption that there is no one in Utopia—nor can there ever be—who denies the existence of God, the immortality of the soul, and the judgment in the afterlife. These are common principles shared by all religions, and everyone would acknowledge them in any case. As the reasonable counterpart to this religious freedom, it is also explicitly stated that no one may insult anyone else because of their religious beliefs, much less cause them harm. In short, if one engages with the content of Thomas More’s book Utopia, one truly sees that it is built upon remarkable views, about which one can only say: They are reasonable in every respect. And when Thomas More makes such asides as I have mentioned—about the price of grace, which makes it possible for people to still derive pleasant sensations from eating or the like—this is based on very specific premises that by no means suggest Thomas More intended to say that the entire state is nonsense, without further ado, but rather that he meant to say: People are simply not inclined to interpret reasonable teachings in a truly reasonable way, but rather distort them into caricatures. — There are also other societies—not in Utopia, but elsewhere—in which, for example, equality and equal recognition of the various religious communities prevail, and in which people also strive to put rational teachings into practice, and in which not every individual always expresses rational ideas when, for example, he recounts his views and convictions, which he has derived from reason. I do not wish to point to the “distant” regions where such things occur!
[ 8 ] Also Thomas Morus muß von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit seiner Insel Utopia sehr ernst genommen werden. Dabei dürfen wir wiederum nicht vergessen, daß dieser Thomas Morus von Kindheit auf nicht nur ein frommer Mann war, sondern auch ein Mann, der unablässig seine Meditationen, seine geistigen Übungen, absolvierte, ein Mensch, der seine Meditationen im tiefsten Sinne ernst nahm, und der täglich stundenlang damit zubrachte, seine Seele durch Meditation den Weg in die geistige Welt gehen zu lassen. Noch am letzten Tage vor seiner Hinrichtung sandte Thomas Morus aus dem Tower die geheimen Dinge, die er zu seinen geistigen Übungen hatte, an seine Tochter, damit diejenigen, die ihn wegführten, sie in seiner Zelle nicht finden würden. Bis zu seiner Hinrichtung setzte er seine geistigen Übungen fort. Dieser Mann, der es so ernst nahm mit der Entwickelung seiner Seele, er hat immer wieder und wiederum deutlich zum Ausdruck gebracht, daß er im Sinne seiner Zeit — wir stehen ja vor der Ausbreitung des Protestantismus selbstverständlich — durchaus nichts anderes sein wollte als ein treuer Sohn seiner Kirche, nämlich der römisch-katholischen Kirche. Und für diese Kirche hat er sich ja auch hinrichten lassen.
[ 8 ] So, from a certain point of view, Thomas More must be taken very seriously with regard to his island of Utopia. At the same time, we must not forget that this Thomas More was, from childhood onward, not only a devout man but also a man who ceaselessly engaged in his meditations and spiritual exercises—a person who took his meditations seriously in the deepest sense and who spent hours every day allowing his soul to journey into the spiritual world through meditation. Even on the very last day before his execution, Thomas More sent the secret materials he used for his spiritual exercises from the Tower to his daughter, so that those who were leading him away would not find them in his cell. He continued his spiritual exercises right up until his execution. This man, who took the development of his soul so seriously, repeatedly and clearly expressed that, in keeping with the spirit of his time—we are, of course, on the eve of the spread of Protestantism—he wanted to be nothing other than a faithful son of his Church, namely the Roman Catholic Church. And it was for this Church that he allowed himself to be executed.
[ 9 ] Einige Züge müssen noch vor unsere Seele treten aus dem Buche «Utopia». Da wird vor allen Dingen gesagt: Auf dieser fernen Insel, die gar keinen geographischen Zusammenhang mit Europa habe, sind nur einmal alte Weise gelandet, römische und ägyptische Weise, die dasjenige angegeben haben, was dann den Utopus, den Begründer des Staates veranlaßt hat, seine Einrichtungen zu treffen. Dann werden merkwürdige Dinge mitgeteilt; wenigstens in den älteren Ausgaben des Buches «Utopia» sind sie enthalten. Ein gewisses Alphabet wird mitgeteilt, das aus gewissen rechten Winkeln und ihrer Zusammensetzung besteht, und das das Alphabet der Schrift von Utopia sein soll. Wer heute in den gebräuchlichen Büchern, die die Schriften mancher freimaurerischer Orden wiedergeben, nachsieht, der kann gar nicht umhin, schon dieses Äußerliche anzuerkennen, wie ähnlich die Schrift ist, die da Thomas Morus als die Schrift von Utopia mitteilte, der Schrift, die in gewissen freimaurerischen Zusainmenhängen gebraucht wird. Außerdem werden gewisse Sprüche mitgeteilt, die gewisse Richtschnuren geben sollen für Handlungsweisen in Utopien. Und da wird in einer merkwürdigen Weise zusammengesetzt lateinischer, griechischer, hebräischer Text, so daß das wiederum erinnert an gewisse Formeln okkulter Verbrüderungen, wenn auch die Sache nur sehr, sehr verhüllt angedeutet wird. Dann wird noch etwas Merkwürdiges gesagt. Es wird ausdrücklich gesagt, römische und ägyptische Weise seien gelandet auf jener Insel, aber vom Christentum sei nichts hingekommen. Nun wird die Sache immer rätselhafter. Denken Sie, Thomas Morus ist frommer Katholik, ist ein Mann, der geistige Übungen macht. Thomas Morus schreibt ein Buch «Utopia», in dem er eine Insel beschreibt mit von ihm zweifellos innerhalb der weitesten Grenzen ernst gemeinten Einrichtungen; aber das Christentum ist niemals hingekommen.
[ 9 ] Some passages from the book Utopia must still come to mind. Above all, it is stated there: On this distant island, which has no geographical connection whatsoever with Europe, only ancient sages—Roman and Egyptian sages—once landed, and they laid out the principles that then prompted Utopus, the founder of the state, to establish its institutions. Then strange things are recounted; at least, they are contained in the older editions of the book Utopia. A certain alphabet is described, consisting of specific right angles and their combinations, which is said to be the alphabet of the Utopian script. Anyone who looks today in the commonly available books that reproduce the writings of certain Masonic orders cannot help but recognize, even from this external aspect alone, how similar the script that Thomas More described as the script of Utopia is to the script used in certain Masonic contexts. In addition, certain sayings are presented that are intended to provide guidelines for conduct in Utopia. And there, Latin, Greek, and Hebrew texts are combined in a peculiar way, so that this, in turn, is reminiscent of certain formulas of occult brotherhoods, even if the matter is only hinted at in a very, very veiled manner. Then something else curious is mentioned. It is explicitly stated that Roman and Egyptian customs have found their way to that island, but that nothing from Christianity has reached it. Now the matter becomes increasingly puzzling. Consider that Thomas More is a devout Catholic, a man who practices spiritual exercises. Thomas More writes a book titled Utopia, in which he describes an island with institutions that he undoubtedly intended to be taken seriously within the broadest possible limits; yet Christianity never reached it.
[ 10 ] Ja, wie steht man eigentlich vor solch einem Manne? Wie begreift man ihn? Nun, wir brauchen nur anzuknüpfen an die Tatsache, daß er geistige Übungen machte, und man braucht nur Verschiedenes, was er geäußert hat und was im Zusammenhang mit seinen geistigen Übungen steht, richtig zu betrachten, so wird man finden, daß Thomas Morus es auch zu etwas gebracht hat durch seine geistigen Übungen. Aber nun erinnern Sie sich, in welcher Zeit Thomas Morus steht. Erinnern Sie sich, daß wir in der Regierungszeit Heinrichs VII. stehen, im sechzehnten Jahrhundert, also kurz nach dem Übergange der vierten nachatlantischen Zeit in die fünfte nachatlantische Zeit. Ich habe Ihnen vor kurzem diesen Übergang geschildert, indem ich Sie hingewiesen habe auf Pico von Mirandola, auf Savonarola und so weiter, indem ich Ihnen den ganzen Übergang, ich möchte sagen, so zu charakterisieren versuchte, wie er aus Persönlichkeiten heraus spricht. Aber auch in Thomas Morus haben wir einen Menschen vor uns, der im Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraums steht, jenes Zeitraumes, den wir ja so oft charakterisiert haben durch seine tiefste Eigenart: daß zurückgegangen sind die alten okkulten Fähigkeiten. Sie sind für das gewöhnliche menschliche Erleben zurückgegangen, aber erlangbar sind sie wiederum durch geistige Übungen. Und Thomas Morus hat solche geistigen Übungen gemacht.
[ 10 ] Yes, how does one actually approach such a man? How does one understand him? Well, we need only take as our starting point the fact that he engaged in spiritual exercises, and we need only properly consider various things he said that are connected to his spiritual exercises—then we will find that Thomas More also achieved something through his spiritual exercises. But now, remember the era in which Thomas More lived. Remember that we are in the reign of Henry VII, in the sixteenth century—that is, shortly after the transition from the fourth post-Atlantean epoch to the fifth post-Atlantean epoch. I recently described this transition to you by referring to Pico della Mirandola, Savonarola, and so on, as I attempted to characterize the entire transition—I might say—as it is expressed through these personalities. But in Thomas More, too, we have before us a person who stands at the beginning of the fifth post-Atlantean epoch—that epoch which we have so often characterized by its most profound characteristic: that the ancient occult abilities have receded. They have receded from ordinary human experience, but they can be regained through spiritual exercises. And Thomas More undertook such spiritual exercises.
[ 11 ] Nun kann ein bestimmter Fall eintreten. Man kann durch solche geistigen Übungen, wie es jetzt eigentlich immer beim richtigen Üben angestrebt wird, dahin kommen, gleich ordentlich zu durchschauen, wie der Zusammenhang ist zwischen dem gewöhnlichen menschlichen Vorstellen des Alltagslebens und dem, was aus den Tiefen der Seele heraufzieht als Anschauung einer höheren spirituellen, geistigen Welt. Aber es kann auch anderes eintreten. Und bei Thomas Morus ist eben etwas anderes eingetreten. Thomas Morus hat sich durch seine geistigen Übungen versetzt während seiner Schlafenszeit in die astralische Welt, so daß er in dieser astralischen Welt ganz andere Erfahrungen machen konnte als der gewöhnliche Mensch, der keine geistigen Übungen in der astralischen Welt macht, aber er konnte sie nicht unmittelbar bewußt herüberbringen. Er konnte ausführlich erleben gewisse Dinge in der geistigen Welt, er konnte sie zwar nicht bewußt herüberbringen, aber er brachte sie herüber, und was er herübergebracht hat aus dieser astralischen Welt, das hat er in seinem Buche «Utopia» beschrieben. Dieses Buch «Utopia» ist nur für die, verzeihen Sie, ganz gescheiten Leute ein Phantasiebild. Es ist für den, der die Tatsachen kennt, ein geistiges Erlebnis, bei dem nur der Zusammenhang zwischen dem gewöhnlichen Denken und dem geistigen Erlebnis nicht voll zum Bewußtsein gekommen ist. Aber um so zwingender sind solche geistigen Erlebnisse. Man kann gut frommer Katholik sein, man kann sogar so frommer Katholik sein, daß man nachher selig und heilig gesprochen worden ist, man kann Märtyrer für seinen Katholizismus werden, wie Thomas Morus: Wenn man solche geistigen Erfahrungen gehabt hat, wie er sie gehabt hat auf dem astralischen Plan, dann schreibt man sie doch nieder! Denn man hat sie erlebt. Und das Erleben wirkt mit elementarer Gewalt.
[ 11 ] Now, a certain situation may arise. Through such spiritual exercises—as is actually always the goal of proper practice—one can come to clearly perceive the connection between the ordinary human mental images of everyday life and that which rises from the depths of the soul as a vision of a higher spiritual world. But something else can also happen. And in the case of Thomas More, something else did indeed happen. Through his spiritual exercises, Thomas More transported himself into the astral world while he was asleep, so that in this astral world he was able to have experiences quite different from those of the ordinary person who does not engage in spiritual exercises in the astral world; however, he was unable to bring them back with immediate consciousness. He was able to experience certain things in the spiritual world in great detail; although he could not bring them back consciously, he did bring them back, and what he brought back from this astral world, he described in his book Utopia. This book, Utopia, is—forgive me—merely a fantasy for very intelligent people. For those who know the facts, it is a spiritual experience in which only the connection between ordinary thinking and the spiritual experience has not fully come to consciousness. But such spiritual experiences are all the more compelling for that. One can very well be a devout Catholic; one can even be so devout a Catholic that one is later beatified and canonized; one can become a martyr for one’s Catholic faith, like Thomas More: If one has had such spiritual experiences as he had on the astral plane, then one must write them down! For one has lived through them. And that experience exerts a powerful force.
[ 12 ] Es ist mir entgegengetreten, daß immer oder wenigstens sehr häufig der Versuch gemacht wird, Utopia, den Inselnamen, zu übersetzen. Und ich glaube, daß die deutsche Literatur den Leuten die Übersetzung: «Nirgendheim» aufgemutzt hat, also die Insel, die nirgends ist. Das ist solch eine von denjenigen Übersetzungen, die man macht, wenn man eben von der ganzen Sache nichts versteht. Man muß schon die ganze Sache durchschauen, wenn man den Namen Utopia richtig übersetzen will. Wenn man nämlich wirklich hineinkommt in die astralische Welt, so ist es zum ersten gehörig, was man in dieser astralischen, elementarischen Welt erlebt, daß die Gesetze des Raumes in der Weise aufhören, wie sie hier im gewöhnlichen dreidimensionalen Raume sind. Diese Gesetze, wie wir sie in der Geometrie kennen lernen, haben wirklich nur für die äußere Sinneswelt Geltung. Und es ist unmöglich, in der gleichen Weise von dem zu sprechen, was man in der astralischen Welt erlebt. Bildlich kann man es; aber in Wirklichkeit muß man wissen, daß das Bildliche etwas anderes bedeutet. Es ist unmöglich, von dem, was man in der astralischen Welt erlebt, in derselben Weise zu sprechen, wie man hier von Dingen und Wesen der Sinneswelt spricht. Nicht wahr, ich darf von diesen Dingen und Wesen der Sinneswelt sprechen, spreche auch davon: diese Dame sitzt hier, diese Dame sitzt dort, an dem einen, an dem anderen Orte. Das so unmittelbar auf die astralische Welt zu übertragen, hat nicht den geringsten Sinn. Das wird man bald gewahr in dieser Welt, daß man da in der Welt der NichtÖrtlichkeit, der Nicht-Topigkeit, des Nicht-Topismus, steht, daß man also, wenn man etwas reden will über diese Welt, das Örtlichsein der sinnlich-physischen Welt verneinen muß. Und man müßte übersetzen «Utopia»: Nicht-Örtlichkeit. Auf die Qualität der Welt, in die Thomas Morus hineingeschaut hat, kommt es dabei an.
[ 12 ] It has struck me that people always—or at least very often—attempt to translate “Utopia,” the name of the island. And I believe that German literature has foisted upon people the translation “Nirgendheim”—that is, the island that is nowhere. That is the kind of translation one comes up with when one simply doesn’t understand the whole thing. One really has to grasp the whole concept if one wants to translate the name Utopia correctly. For when one truly enters the astral world, one of the first things one experiences in this astral, elemental world is that the laws of space cease to apply in the same way they do here in ordinary three-dimensional space. These laws, as we learn them in geometry, really apply only to the outer sensory world. And it is impossible to speak in the same way about what one experiences in the astral world. One can do so figuratively; but in reality, one must know that the figurative means something else. It is impossible to speak of what one experiences in the astral world in the same way that one speaks here of things and beings of the sensory world. Isn’t it true that I may speak of these things and beings of the sensory world—and indeed do speak of them: this lady is sitting here, that lady is sitting there, in one place or another? To transfer this so directly to the astral world makes not the slightest sense. One soon becomes aware in this world that one is standing in a world of non-locality, of non-topicality, of non-topism; that is to say, if one wishes to speak about this world, one must negate the locational nature of the sensory-physical world. And one would have to translate “Utopia” as “non-locality.” What matters here is the nature of the world that Thomas More gazed into.
[ 13 ] Was ist ihm nun in dieser Welt ganz besonders entgegengetreten? Braucht man sich denn eigentlich zu verwundern, daß ihm etwas entgegengetreten ist, was demjenigen ähnlich sieht, was in okkulten Verbrüderungen als Grundsätze herrscht und als gewisse Gebräuche herrscht? Diese Gebräuche der okkulten Verbrüderungen, wir haben es betont, sind ja altes okkultes Weistum, stammen ja auch von den alten Beobachtungen aus dieser astralischen Welt. Als das hinuntergegangen war und nur in den verschiedenen Ordensgemeinschaften weiter lebte durch Tradition, bei Leuten, die es zwar historisch hatten und denen es diktiert wurde und im Bilde gezeigt wurde, die aber selber keinen Einblick hatten, da war es natürlich rein äußerlich der Anschauung entschwunden. Aber dadurch, daß solche Leute wie Thomas Morus geistige Übungen machten, versetzten sie sich gerade in die geistige Welt hinein, und es kam ihnen nun aus der geistigen Welt heraus etwas Ähnliches entgegen. Und sie beschrieben das. Kein Wunder daher, daß dasjenige, was in vielen okkulten Verbrüderungen lebte als noch nicht vom Christentum berührte Lehre, auch von Thomas Morus so dargestellt wird, daß es durchdringt als Staatseinrichtung die Insel Utopia, auf die zwar alte ägyptische und römische Weise gekommen sind, aber noch nicht das Christentum. Es wird auf solche okkulte Verbrüderungen hingewiesen, die immer und immer gerade ihre hohe Bedeutung dadurch hervorheben, daß sie sich ägyptische Orden nennen, auf Früheres hinweisen und dergleichen.
[ 13 ] What, then, has he encountered in this world that is particularly striking? Is it really any wonder that he encountered something that resembles the principles and certain customs that prevail in occult brotherhoods? These customs of the occult brotherhoods, as we have emphasized, are, after all, ancient occult wisdom, stemming from the ancient observations of this astral world. Once this had faded away and lived on only through tradition in the various monastic orders—among people who, though they had it historically and to whom it was dictated and shown in images, had no insight of their own—it naturally disappeared from view in a purely external sense. But because people like Thomas More engaged in spiritual exercises, they transported themselves right into the spiritual world, and something similar came to meet them from the spiritual world. And they described it. It is therefore no wonder that what lived on in many occult brotherhoods as a teaching not yet touched by Christianity is also portrayed by Thomas More in such a way that it permeates, as a state institution, the island of Utopia—to which, admittedly, ancient Egyptian and Roman ways had come, but not yet Christianity. Reference is made to such occult brotherhoods, which time and again emphasize their great significance precisely by calling themselves Egyptian orders, referring to the past, and the like.
[ 14 ] Und nun fassen wir im Zusammenhange mit diesem Gesagten dasjenige, was wir kennen gelernt haben als mit dem tiefsten Nerv der christlichen Weltanschauungsströmung zusammenhängend. Ich habe öfter auf das aufmerksam gemacht, was ich jetzt wiederum erwähnen will. Das Christentum beruht ja darauf, daß jene geistige Macht, welche wir mit dem Christus-Namen bezeichnen, heruntergestiegen ist und durchgeistet hat im dreißigsten Jahre ihres Lebens den Leib des Jesus, der nach und nach zu dieser Fähigkeit sich aufgeschwungen hat dadurch, daß er durch die Seelen der beiden Jesus-Knaben gegangen ist. Was ist da eigentlich geschehen? Nun, eine geistige Gewalt, die bis zu dem Mysterium von Golgatha nicht verwoben war in die Erdenentwickelung, hat sich von da ab mit der Erdenentwickelung verwoben, indem sie zuerst lebte in dem Leibe des Jesus von Nazareth, dann durch das Mysterium von Golgatha überging in die Erdenentwickelung, um immer tiefer und tiefer, fester und fester sich in der weiteren Erdenentwickelung mit dieser zu verbinden. Wir haben das ja oft ausgesprochen. Also aus geistigen Höhen, in denen diese Macht früher war, ist sie heruntergestiegen auf den physischen Erdenplan. Wenn also — ich habe ja auch das schon erwähnt — ein alter Weiser, der wirklich hellsichtig war, in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha sich in die geistigen Höhen hinaufhob, so traf er in diesen geistigen Höhen natürlich den Christus. Daher wurden diejenigen, die dazumal von dem Christus sprechen konnten, Propheten, die das Ankommen des Christus vorhersagen konnten; denn sie fanden Christus in den geistigen Welten und sahen ihn gewissermaßen auf seinem Wege zur Erde hin, wie er als Sonnengeist herunterstieg, um allmählich Erdgeist zu werden. Sie schauten also hin auf einen zukünftigen Augenblick der Erdenentwickelung, in dem sich das, was sie nur in geistigen Höhen sahen, mit der Erdenentwickelung verbinden werde. Wenn man die Erde dazumal, vor dem Mysterium von Golgatha, in allen ihren Weiten durchforschte nach dem, was man aus ihr wissen konnte, fand man den Christus nicht. Daher hat die Erdenwissenschaft der alten vor dem Mysterium von Golgatha lebenden Völker selbstverständlich den Christus nicht. Aber wenn die Eingeweihten dieser Mysterien einen gewissen Grad erreicht hatten, wurde ihnen verkündet das Kommen des Christus auf die Erde.
[ 14 ] And now, in connection with what has been said, let us summarize what we have come to know as being linked to the deepest nerve of the Christian worldview. I have often drawn attention to what I now wish to mention once again. Christianity is based, after all, on the fact that the spiritual power we designate by the name of Christ descended and, in the thirtieth year of his life, animated the body of Jesus, who had gradually risen to this capacity by passing through the souls of the two Jesus boys. What actually happened there? Well, a spiritual power that had not been interwoven with Earth’s evolution until the Mystery of Golgotha became interwoven with it from that point onward, first living in the body of Jesus of Nazareth, then passing into Earth’s evolution through the Mystery of Golgotha, in order to connect itself ever more deeply and firmly with Earth’s further evolution. We have, of course, often spoken of this. So from the spiritual heights where this power formerly resided, it descended to the physical plane of the Earth. Thus, as I have already mentioned, when an ancient sage who was truly clairvoyant ascended to the spiritual heights in the time before the Mystery of Golgotha, he naturally encountered the Christ in those spiritual heights. That is why those who could speak of the Christ at that time became prophets who could foretell the coming of the Christ; for they found the Christ in the spiritual worlds and saw him, as it were, on his way toward Earth, descending as the Sun Spirit to gradually become the Earth Spirit. They thus looked forward to a future moment in Earth’s evolution when what they saw only in the spiritual heights would become connected with Earth’s evolution. If one had searched the Earth at that time, before the Mystery of Golgotha, in all its vastness for whatever could be known of it, one would not have found the Christ. Therefore, the earth science of the ancient peoples living before the Mystery of Golgotha naturally did not include Christ. But when the initiates of these mysteries had reached a certain level, the coming of Christ to Earth was revealed to them.
[ 15 ] Bedenken Sie nun, wie das alles anders ist seit dem Mysterium von Golgatha. Es ist ja gerade das Gegenteil davon seit dem Mysterium von Golgatha da. Seit dem Mysterium von Golgatha findet man, wenn man hier die Erdenentwickelung durchforscht, den Christus hineinverwoben in die ganze Geschichte derjenigen Völker, die eben schon vom Christentum durchdrungen sind. Und eine geschichtliche Darstellung zu geben, ohne vom Christus zu sprechen, ist eigentlich ein Unding. Das hat sogar der Historiker Ranke empfunden und sich noch in seinem hohen Alter die Frage gestellt, ob denn Geschichte überhaupt etwas heißt, wenn man nicht überall zeigt, wie der Christus-Impuls in den einzelnen Erscheinungen drinnen lebt. Dafür aber ist in denjenigen Welten, in die man aufsteigen kann, aus denen der Christus herausgekommen ist, um eben mit der Erdenentwickelung sich zu verbinden, der Christus nicht so unmittelbar darin. Man muß dann schon von jenen Höhen herunterschauen auf die Erde und sehen, wie er sich mit der Erde verbunden hat.
[ 15 ] Now consider how different everything has been since the Mystery of Golgotha. In fact, the exact opposite has been the case since the Mystery of Golgotha. Since the Mystery of Golgotha, if one examines the development of the Earth, one finds Christ woven into the entire history of those peoples who have already been permeated by Christianity. And to present a historical account without speaking of Christ is actually an absurdity. Even the historian Ranke sensed this and, even in his old age, asked himself whether history has any meaning at all if one does not show everywhere how the Christ impulse lives within the individual events. In contrast, however, in those worlds to which one can ascend—from which Christ emerged in order to connect with Earth’s evolution—Christ is not so directly present there. One must then look down upon the Earth from those heights and see how he has connected himself with the Earth.
[ 16 ] Sehen Sie, das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, liegt als reale Tatsache zugrunde der heillosen Angst, welche gewisse Religionsbekenntnisse vor dem Okkultismus haben. Denn natürlich, von dem wahren Okkultismus verstehen sie nichts, und wie der Christus doch gefunden wird durch die wahre Geisteswissenschaft, davon wissen sie eben nichts. Aber, ich möchte sagen, mit jenem seichten Okkultismus machen sie zuweilen Bekanntschaft, der gerade darin besteht, daß man den Leuten vom okkulten Standpunkte aus erklärt: Der Christus ist ja doch nur etwas auf der Erde, und wenn ihr euch in die erhabenen geistigen Welten hinaufbegebt, dann müßt ihr diesen Christus abstreifen, denn da oben ist gar nicht der Christus. — Es ist die Angst, die gewisse Priesterschaften haben, daß die Leute durch den Okkultismus, den sie nur in seiner seichten Form kennen, hinter dieses Geheimnis kommen könnten, das selbstverständlich das Christentum tiefer begründet, wenn man die wirklichen Tatsachen kennt, das aber das Christentum gefährdet, wenn man nur den seichten Okkultismus kennt. Daher die Bekämpfung des Okkultismus von kirchlicher Seite. Dem liegt schon eine reale Tatsache zugrunde.
[ 16 ] You see, what I have just explained lies, as a real fact, at the root of the groundless fear that certain religious denominations have of the occult. For, of course, they understand nothing of true occultism, and they know nothing of how Christ is found through true Spiritual Science. But, I would say, they sometimes come into contact with that superficial form of occultism which consists precisely in explaining to people from an occult standpoint: “Christ is, after all, only something on Earth, and when you ascend into the sublime spiritual worlds, you must cast off this Christ, for up there, Christ does not exist at all.” — It is the fear held by certain priesthoods that people, through occultism—which they know only in its superficial form—might uncover this mystery, which of course provides a deeper foundation for Christianity when one knows the real facts, but which endangers Christianity when one knows only superficial occultism. Hence the church’s opposition to occultism. This is based on a real fact.
[ 17 ] Also wir haben es zu tun damit, daß wir wirklich festhalten müssen dasjenige, was noch innerhalb des Erdendaseins von dem Christus erfahren werden kann. Ich habe das so oft auseinandergesetzt. Wenn wir die Grenze überschreiten und in die geistigen Welten hinaufkommen, dürfen wir nicht vergessen dasjenige, was noch innerhalb der Erde auf okkulte Art auch über den Christus erfahren werden kann. Das ist dann tiefere Geisteswissenschaft, während die seichte Geisteswissenschaft entweder den Leuten erzählt, der Christus sei überhaupt nur für das irdische Anschauen, oder er verkörpere sich in Alcyone oder dergleichen.
[ 17 ] So we are faced with the fact that we really must hold fast to what can still be experienced about the Christ within earthly existence. I have explained this so often. When we cross the threshold and ascend into the spiritual worlds, we must not forget what can still be experienced about the Christ in an occult way while we are still on Earth. That is deeper Spiritual Science, whereas superficial Spiritual Science either tells people that the Christ is meant only for earthly perception, or that he incarnates in Alcyone or the like.
[ 18 ] Versetzen wir uns jetzt in die Lage von Thomas Morus. Thomas Morus hat gerade solche Übungen gemacht, welche ihn befähigten, über den Christus vollständig ins Klare zu kommen. Als dann Gefahr für die Welt eintrat, Verirrungen in bezug auf den Christus zu haben, dann haben, allerdings auch wiederum durch eine noch größere, kolossale Verirrung, die Jesuiten dem vorzubeugen versucht durch ihre jesuitischen Übungen. Solche jesuitischen Übungen hat Thomas Morus nicht gemacht; aber solche Übungen, die ihn wirklich dazu brachten, die ganze Realität des Christus Jesus vor seiner Seele zu haben. Wäre er nun vollbewußt hineingetreten in die geistige Welt, so hätte er natürlich auf die angedeutete Weise den Christus darinnen geschaut, wie er heruntergestiegen ist auf die Erde. Aber er konnte ja nicht einen vollständigen Bewußtseinszusammenhang herstellen. Die Folge davon war, daß er, eigentlich halb unbewußt, niederschrieb dasjenige, was er da erlebt hat in der geistigen Welt, wo aber der Christus fehlte. Das drückte er damit aus,daß auf die Insel Utopia das Christentum noch nicht hingekommen war. Und jetzt können wir auch begreifen, warum so etwas in «Utopia» steht, was aller Ehrlichkeit und aller Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe des Thomas Morus widersprechen würde, wenn er es bewußt, vollständig bewußt hingeschrieben hätte, ich meine, von dem Standpunkte des gewöhnlichen Bewußtseins. Nimmermehr hätte er hinschreiben können die Einrichtungen von der Religionstoleranz. Aber er schrieb ja etwas nieder, was nicht vollständig seiner ganzen Grundlage nach in sein Bewußtsein einging. Das, was er da wahrnahm in Utopia, war alles so, daß Religionstoleranz bedingt ist, daß es wirklich nicht ankommt auf die einzelne Form des Kultus und auf die einzelne Form der Gottesverehrung. In einem hohen Sinne mußte Thomas Morus von sich sagen: Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust: die eine hier in der physischen Welt, die andere, die da lebt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen und die eine ganz andere Welt erlebt, eine Welt, in die sie den Christus-Impuls nicht hineintragen kann. Und suchen wir das Grundgefühl, welches einen solchen Menschen wie Thomas Morus beleben konnte, daß er so etwas wie «Utopia» schrieb, so finden wir folgendes: Zu den Begleiterscheinungen nicht ganz voll erlebter Okkultismen, nicht ganz vollen, sondern mühevollen Hineinkommens in die geistige Welt, wie es bei Thomas Morus zweifellos der Fall war, gehört, daß Ängstlichkeiten auftreten, und diese Ängstlichkeiten werden von der Seele nicht als solche empfunden, sondern es bleibt das, was eigentlich Angstgefühl ist, mehr oder weniger im Unterbewußtsein stecken. Man sucht dann andere Gründe für das, was man erlebt und was man tut. Maskierte Angst, die sich für das Bewußtsein umsetzt in ganz etwas anderes. Bei Thomas Morus setzte sich die Angst, die er hatte, in etwas anderes um. Denn Angst bekam er durch das Wühlen seiner okkulten Erlebnisse in seinem Gemüte, er bekam Angst. Und was wäre diese Angst gewesen, wenn sie SO, wie sie war, bewußt heraufgezogen wäre in seine Seele? Was hätte sich Thomas Morus dann gesagt? Nehmen wir einen Augenblick an als Hypothese, was nicht hat sein können: in Thomas Morus’ vollständiges Bewußtsein wäre das hineingezogen: Du siehst dieses in der astralischen, elementarischen Welt — was er dann später in Utopia beschrieben hat —, du willst es beschreiben. Warum? Wenn er die Angst vollständig begriffen hätte und sich durch das Schreiben die Angst vielleicht vom Leibe geschrieben hätte, so hätte er folgende Gedanken gehabt. Man muß in dem gegenwärtigen Weltenzeitalter mit allen Fasern seiner Seele alles tun, was den Christus-Impuls durchschauen und für die Menschheitsentwickelung voll aufrecht erhalten kann. Wenn aber irgendwie die Menschen zu dem alten Hellsehen zurückkehren könnten, dann würden sie dasjenige sehen, was so aussieht — und jetzt würde er seine Utopia beschrieben haben —, und was keinen Christus-Impuls enthält. Oh, hütet euch, so würde diese Angst gesprochen haben, vor dem, was euch auf diesem Wege von dem Christus- Impuls abbringen könnte! — So würde er gesprochen haben und unter dem Eindrucke dieses Ausspruches geschrieben haben, wenn er seine Angst hätte wirklich empfinden können. Die hat er aber nicht wirklich empfunden, die blieb in seinem Unterbewußten. Und die Folge davon war, daß er die Sache hinschrieb. wie er es im Innern schaute, und nun der Welt das Rätsel aufgab, wie dieser scheinbare Widerspruch mit der ganzen Natur des Thomas Morus, die trotzdem eine gewissenhafte, redliche, wahrheitsgetreue war, zu vereinigen ist.
[ 18 ] Let us now put ourselves in Thomas More’s shoes. Thomas More had just completed exercises that enabled him to gain a complete understanding of Christ. When the world then faced the danger of falling into errors regarding Christ, the Jesuits attempted to prevent this—albeit through an even greater, colossal error—by means of their Jesuit exercises. Thomas More did not perform such Jesuit exercises; rather, he engaged in exercises that truly enabled him to hold the full reality of Christ Jesus before his soul. Had he now entered the spiritual world in full consciousness, he would naturally have beheld Christ there in the manner described, as He descended to Earth. But he was unable to establish a complete continuity of consciousness. The result was that, in a state of semi-unconsciousness, he wrote down what he had experienced in the spiritual world—a world in which Christ was absent. He expressed this by stating that Christianity had not yet reached the island of Utopia. And now we can also understand why “Utopia” contains something that would contradict all of Thomas More’s honesty, sincerity, and love of truth if he had written it down consciously—fully consciously, that is—from the standpoint of ordinary consciousness. He could never have written down the provisions regarding religious tolerance. But he did, in fact, write down something that did not fully enter his consciousness in its entirety. What he perceived there in Utopia was such that religious tolerance is a given—that the specific form of worship and the specific form of devotion to God really do not matter. In a higher sense, Thomas More had to say of himself: Two souls dwell, alas, in my breast: one here in the physical world, the other living there between falling asleep and waking up, experiencing an entirely different world—a world into which it cannot carry the Christ impulse. And if we seek the fundamental feeling that could inspire a man like Thomas More to write something like Utopia, we find the following: Among the side effects of occult experiences that are not fully lived through—not fully lived through, but rather a laborious entry into the spiritual world, as was undoubtedly the case with Thomas More—is the emergence of anxieties; and these anxieties are not perceived by the soul as such, but rather what is actually a feeling of fear remains more or less stuck in the subconscious. One then seeks other reasons for what one experiences and what one does. Masked fear, which manifests itself to the conscious mind as something entirely different. In the case of Thomas More, the fear he felt manifested itself as something else. For he became afraid as a result of his occult experiences churning within his mind; he became afraid. And what would this fear have been if it had been brought up into his soul consciously, JUST AS IT WAS? What would Thomas More have said to himself then? Let’s assume for a moment, as a hypothesis—though this could not have happened—that this had been drawn into Thomas More’s full consciousness: You see this in the astral, elemental world—what he later described in Utopia—and you want to describe it. Why? If he had fully grasped the fear and perhaps cast it off through writing, he would have had the following thoughts. In the present world age, one must do everything with every fiber of one’s soul that can penetrate the Christ impulse and fully uphold it for the development of humanity. But if, somehow, people could return to the old clairvoyance, then they would see that which looks like this—and now he would have described his Utopia—and which contains no Christ impulse. “Oh, beware,” this fear would have said, “of whatever might lead you astray from the Christ impulse along this path!”—That is how he would have spoken and written under the impression of this utterance, had he truly been able to feel this fear. But he did not truly feel it; it remained in his subconscious. And the consequence of this was that he wrote down the matter as he saw it inwardly, and now presented the world with the riddle of how this apparent contradiction could be reconciled with the entire nature of Thomas More, which was nonetheless conscientious, honest, and truthful.
[ 19 ] Aber versetzen wir uns einmal, nachdem wir uns das vor die Seele geführt haben, in die Lage derer, die gewissen okkulten Brüderschaften angehörten. Da hat der Thomas Morus «Utopia» geschrieben. Er ist ohnedies schon verdächtig gewesen, aber das würde natürlich die erleuchteten Lords, da sie ja noch nicht alle ganz auf den Kopf gefallen waren, nicht dazu gebracht haben, ein solches Urteil zu fällen, wie sie gefällt haben. Er ist ohnedies natürlich schon verdächtig — und der Zwang wurde auch auf die Lords ausgeübt —, gegen die Intentionen des Königs Heinrich VIII. gehandelt zu haben. Aber nehmen Sie einmal an: In dem Gerichtshofe der Lords säßen einige, die die Majorität bildeten, die zu gleicher Zeit okkulten Brüderschaften angehörten. Was konnten sich denn diese sagen, was mußten sie sich sagen? Was war sogar als eine Forderung für ihr Gewissen von ihrem Standpunkte aus voll berechtigt? Da hat dieser Thomas Morus «Utopia» geschrieben — das ist ja ein Verrat an demjenigen, was wir als Geheimnisse bewahren! Das ist ja ein voller Verrat! Da stehen in dieser Schrift alle möglichen Andeutungen über alles Mögliche darin. Und nicht nur ein Verrat; sondern gezeigt wird, wie das dann fortwirkt in der äußeren Menschheitskultur. Wenn man nun den ganzen Menschen Thomas Morus nimmt, mußten sich die Leute sagen, dann ist es ja klar: Es ist durch ihn ganz dasselbe geschehen, wovon man sagen würde sonst, wenn einer eingeweiht wäre in diese oder jene Brüderschaft, diesen oder jenen Grad erlangt hätte, daß er das verraten hätte, wovon er geschworen hat, daß er es nicht verraten wird. Eine der Eidesformeln, die dazumal gebräuchlich war in einem gewissen Grade für den Verrat, den etwa jemand verüben würde, die ist aufs Haar ähnlich dem Richterspruch, der in London gefällt worden ist über Thomas Morus. Und wenn irgendein Mitglied einer okkulten Brüderschaft eines bestimmten Grades dasjenige bewußt verraten hätte für die damalige Zeit, was in Thomas Morus’ «Utopia» steht, insofern als seine Quellen dasjenige gewesen wären, was in der okkulten Brüderschaft ist, dann wäre das ein Mensch gewesen, der, als ihm die Dinge mitgeteilt, gezeigt worden waren, eine Eidesformel gesprochen hätte, die sehr, sehr ähnlich gewesen wäre der Formel, mit der das Londoner Gericht, die weisen Lords den Mann verurteilt haben.
[ 19 ] But now that we have brought this to mind, let us put ourselves in the shoes of those who belonged to certain occult brotherhoods. That was when Thomas More wrote Utopia. He had already been under suspicion anyway, but that, of course, would not have led the enlightened Lords—since they had not all completely lost their minds—to pass the kind of judgment they did. He was, of course, already under suspicion—and pressure was also exerted on the Lords—of having acted against the intentions of King Henry VIII. But suppose for a moment: In the Lords’ court, there were some who formed the majority and who, at the same time, belonged to occult brotherhoods. What could they have said to one another, what did they have to say? What was, from their point of view, fully justified as a demand of their conscience? Then this Thomas More wrote Utopia—that is, after all, a betrayal of what we keep as secrets! That is a complete betrayal! This work contains all sorts of allusions to all manner of things. And it is not merely a betrayal; it also shows how this then continues to have an effect on the outer culture of humanity. If one now considers Thomas More as a whole person, people had to say to themselves, well, then it’s clear: through him, exactly the same thing happened that one would otherwise say had occurred if someone were initiated into this or that brotherhood, had attained this or that degree—that he had betrayed what he had sworn not to betray. One of the oath formulas that was in use at that time—to a certain extent—regarding the betrayal that someone might commit is strikingly similar to the judgment handed down in London against Thomas More. And if any member of an occult brotherhood of a certain degree had consciously revealed—by the standards of that time—what is described in Thomas More’s Utopia—insofar as his sources would have been what exists within the occult brotherhood—then that person would have been someone who, upon being informed of and shown these things, would have recited an oath that was very, very similar to the formula with which the London court, the wise Lords, condemned the man.
[ 20 ] Sie sehen, meine lieben Freunde, um Geschichte zu kennen, genügt wahrhaftig dasjenige nicht, was man in jener «fable convenue», die man heute Geschichte nennt, zusammenträgt. Sondern um Geschichte wirklich kennen zu lernen, muß man tiefer in das Werden der Menschheit und in dasjenige hineinsehen können, was in den Seelen spielt. So etwas wie der Tod des Thomas Morus steht als ein großes Wahrzeichen da, und dieses Wahrzeichen muß zum Verständnisse des geschichtlichen Werdens enträtselt werden. Und es kann nur enträtselt werden, wenn man das Hineinspielen von solchen übersinnlichen Impulsen in diese Tatsachen kennenlernt, die nur durch Geisteswissenschaft erschlossen werden können. So ist es an vielen, vielen Stellen der geschichtlichen Entwickelung. Gar manches, was sich ja, von außen angesehen, so ausnimmt, wie es nun in der fable convenue, die man Geschichte nennt, beschrieben wird, das lernt man erst kennen, wenn man ein wenig weiß, was in die Seelen hineingespielt hat, die an dem betreffenden Vorgange beteiligt sind.
[ 20 ] You see, my dear friends, to truly understand history, it is certainly not enough to rely on what is compiled in that “fable convenue” which we call history today. Rather, to truly come to know history, one must be able to look more deeply into the development of humanity and into what is at work within the soul. An event such as the death of Thomas More stands as a great symbol, and this symbol must be unraveled in order to understand the course of history. And it can only be unraveled by coming to understand the interplay of such supersensible impulses within these events—impulses that can only be revealed through Spiritual Science. This is the case in many, many instances of historical development. Many things that, viewed from the outside, appear just as they are described in the fable convenue that we call history—one only comes to understand them when one has some knowledge of what was at work within the souls involved in the events in question.
[ 21 ] Und das gehört auch zu jenen großen Forderungen, die die gegenwärtige Zeit an uns stellt, daß wir über gewisse Dinge die Gedankenlosigkeit abstreifen. Denn schließlich kann ja doch niemand objektiv den Wert von so etwas, wie die anglikanische Kirche ist, beurteilen, wenn er nicht weiß, welcher «Heilige» sie gestiftet hat: daß in dem Gemüte dieses Mannes, der sie gestiftet hat, die Möglichkeit lebte, zwei Frauen wirklich hinzurichten und bei der dritten dies sich vorzunehmen, was ja offenbar bedeutsame Vorstufen ganz besonderer Heiligkeit sind. Und wenn so etwas durch Nachdenken in das wirkliche Licht gesetzt wird, in jenes Licht, das uns mancherlei lehren könnte von dem, worin wir darinnen leben, dann könnte, wenn man wahrhaftiges Nachdenken über solche Dinge übt, auch die Seele gedrängt werden, das Weitere, oftmals so geheimnisvoll mit ihnen in Zusammenhang Stehende zu erkennen. Denn diese bedeutsame, so unendlich viel offenbarende Tatsache, die mit dem Niederschreiben der «Utopia» des Thomas Morus und dem ganzen Leben des Thomas Morus gegeben ist, spielt sich im Zusammenhang mit diesen geschichtlichen Ereignissen ab.
[ 21 ] And this, too, is one of the great demands that our present age places upon us: that we cast aside thoughtlessness regarding certain matters. After all, no one can objectively assess the value of something like the Anglican Church if they do not know which “saint” founded it: that within the mind of this man who founded it lay the capacity to actually execute two women and to intend to do the same to a third—which are, of course, significant precursors to a very special kind of holiness. And if such a thing is brought into the true light through reflection—into that light which could teach us many things about the world in which we live—then, if one engages in genuine reflection on such matters, the soul might also be compelled to recognize the broader context, which is often so mysteriously connected to them. For this significant fact—which reveals so much—associated with the writing of Thomas More’s Utopia and the entirety of Thomas More’s life, unfolds in connection with these historical events.
[ 22 ] Nun, meine lieben Freunde, könnte man auch gespannt sein, was, wenn irgendein indiskreter Mensch das heute hier Gesprochene einem Jesuiten auslieferte und etwa vom Advocatus Diaboli später einmal vorgebracht würde bei der Heiligsprechung des Thomas Morus dasjenige, was heute gesagt worden ist, was der Advocatus Diaboli dazu sagt. Vielleicht würde er schwere Anklagen gegen Thomas Morus erheben. Aber sein Gegner, der gute Advocatus, könnte ja auch erwidern: Alles Okkulte ist Teufelswerk. Und gerade, wenn es bewiesen werden könnte, daß Thomas Morus aus okkulten Untergründen seine «Utopia» hervorgeholt hat, dann ist er um so heiliger, denn dann hat er das Wunder vollzogen, all den teuflischen Anfechtungen, die in allem Okkultismus liegen, zu widerstehen.
[ 22 ] Well, my dear friends, one might also wonder what would happen if some indiscreet person were to reveal what was said here today to a Jesuit, and if, for example, the Advocatus Diaboli were to later raise the point—during the canonization of Thomas More—of what was said today, and what the Advocatus Diaboli would have to say about it. Perhaps he would level serious charges against Thomas More. But his opponent, the good Advocate, could also retort: Everything occult is the work of the devil. And precisely if it could be proven that Thomas More drew his Utopia from occult sources, then he would be all the more holy, for he would have accomplished the miracle of resisting all the diabolical temptations inherent in all occultism.
[ 23 ] Und zu verstehen — das war ja, ich möchte sagen, das Grundthema, gewissermaßen das Leitmotiv der jetzt hier gehaltenen Vorträge —, wie Geistestatsachen und geistige Angelegenheiten hineinspielen in die äußeren geschichtlichen Ereignisse, das gehört schon einmal zu dem, wozu uns die heutige so schicksaltragende Zeit, diese schweren, diese in das Menschenleben so tief eingreifenden Ereignisse, hinweisen sollen. — Davon dann nächstens weiter.
[ 23 ] And to understand—that was, I would say, the central theme—the leitmotif, so to speak, of the lectures being held here now—is how spiritual realities and spiritual matters interplay with external historical events; this is certainly one of the things to which our present, fateful times—these grave events that so profoundly affect human life—are meant to draw our attention. —More on that next time.
