Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten
GA 168
22 February 1916, Leipzig
3. Über das Ereignis des Todes und Tatsachen der nachtodlichen Zeit
[ 1 ] Wir leben in einer Zeit, in welcher wir an den Tod, das Hindurchgehen der Menschen durch die Todespforte, an dieses bedeutsame Lebensereignis des Menschen, täglich oder stündlich gemahnt werden. Denn ein Lebensereignis wird der Tod für den Menschen im wahren Sinne des Wortes nur durch die Geisteswissenschaft, die dem Menschen zeigt, wie in seinem Inneren jene ewigen Kräfte wirken, die durch Geburten und Tode hindurchgehen und die sich für die Zeit zwischen Geburt und Tod die eine Art des Daseins, eine besondere Form des Daseins schaffen, um nach dem Durchgehen durch die Todespforte eine andere Daseinsform anzunehmen. So wird der Tod gewissermaßen aus dem abstrakten Lebensende, das er allein sein kann für die materialistische Weltanschauung, durch die Geisteswissenschaft ein Ereignis, wenn auch ein tief schwerwiegendes, im umfassenden Leben des Menschen. Und auch innerhalb unserer Reihen selber, in erster Linie durch die gegenwärtigen geschichtlichen Ereignisse, dann aber auch durch Gründe außerhalb derselben, sind liebe Freunde durch die Todespforte gegangen, so daß es vielleicht gerade in der Gegenwart besonders angemessen erscheint, über das Ereignis des Todes und diejenigen Tatsachen des menschlichen Lebens, die sich an den Tod anreihen, in unserer heutigen Betrachtung einiges zu geben.
[ 2 ] Allerdings, immer wieder und wiederum sind in unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen Auseinandersetzungen aufgetaucht über das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und wir haben gerade über diesen Gegenstand schon viele Anhaltspunkte gewonnen. Allein, Sie wissen ja wohl aus dem bisherigen Verlauf der Geisteswissenschaft, daß immer alles nur gegeben werden kann von einem gewissen Gesichtspunkt aus, und daß wir im Grunde die Dinge nur immer genauer und genauer dadurch kennenlernen können, daß sie uns von verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchtet sind. So werde ich denn zu demjenigen, was wir schon wissen, heute über das angeregte Thema einiges hinzufügen, das uns für unsere Gesamtweltauffassung nützlich sein kann.
[ 3 ] Wir betrachten — und das ist zunächst gut — den Menschen geisteswissenschaftlich so, wie er als Ausdruck seiner Gesamtwesenheit hier in der physischen Welt vor uns steht. Wir müssen zunächst von dem ausgehen, was uns der Mensch in der physischen Welt darbietet, und daher habe ich auch immer wieder und wiederum darauf aufmerksam gemacht, wie wir gewissermaßen etwas wie eine leitende Übersicht bekommen über den Gesamtmenschen, wenn wir ihn so betrachten, daß wir zugrunde legen zunächst den physischen Leib, den wir von außen durch Sinnesbetrachtung, durch die wissenschaftliche Zergliederung des sinnlich Betrachteten hier in der physischen Welt kennenlernen. Wir legen dann denjenigen Leib oder diejenige Organisationsform zugrunde, welche wir als den ätherischen Leib bezeichnen, der ja schon einen übersinnlichen Charakter hat, der also mit den gewöhnlichen Sinnesorganen nicht betrachtet werden kann — auch mit dem Verstand nicht, der an das Gehirn gebunden ist — und der daher der gewöhnlichen Wissenschaft bereits unzugänglich ist. Dieser ätherische Leib ist aber immerhin ein Gebilde, von dem man sagen kann, daß auch Geister wie Immanuel Hermann Fichte, der Sohn des großen Johann Gottlieb Fichte, dann Troxler und andere davon gewußt haben. Dieser ätherische Leib ist etwas im Menschen, welches zwar nur in imaginativer Erkenntnis aufgefaßt werden kann, weil es übersinnlich ist, was aber doch für die übersinnliche Erkenntnis eben äußerlich angeschaut werden kann, so wie für die sinnliche Erkenntnis der sinnliche physische Leib äußerlich angeschaut werden kann.
[ 4 ] Wir steigen dann in der Betrachtung auf zu dem astralischen Leib. Der astralische Leib ist nun nicht etwas, was so äußerlich sinnlich angeschaut werden kann wie der physische Leib durch die äußeren Sinne, wie der ätherische Leib durch den inneren Sinn, sondern der astralische Leib ist so etwas, was nur innerlich erlebt werden kann, worinnen man selber sein muß, um es zu erleben, und ebenso das vierte Glied, das wir zunächst hier in der physischen Welt zu erfassen haben, das Ich. Aus diesen vier Gliedern der menschlichen Natur bauen wir uns den Gesamtmenschen auf. Wir wissen aber auch aus den bisherigen Betrachtungen, daß dasjenige, was wir eigentlich den physischen Leib des Menschen nennen, etwas sehr Kompliziertes ist, daß sich dieser physische Leib des Menschen aufbaut in einem langen Werdegang durch Saturn-, Sonnen-, Mondenzeit hindurch, daß auch schon mitgewirkt hat das Erdenwerden von dem Urbeginne des Erdendaseins bis in unsere Zeit. Ein komplizierter Entwickelungsgang hat unseren physischen Leib aufgebaut. Von dem, was da eigentlich in dem physischen Leibe lebt, bietet sich der Betrachtung, die dem Menschen in der physischen Welt zunächst zugänglich ist, auch für die gewöhnliche Wissenschaft eigentlich nur die Außenseite dar. Man könnte sagen, das gewöhnliche physische Anschauen und die physische Wissenschaft, wie sie hier in der Welt leben, die kennen von dem physischen Leibe nur so viel, als ein Mensch von einem Hause kennt, der außen um das Haus herumgeht und niemals in das Innere gekommen ist, niemals kennengelernt hat, was im Inneren des Hauses ist und welche Menschen im Hause leben. Nur wird selbstverständlich derjenige, der im materialistischen Sinne auf dem Boden der äußeren Wissenschaft steht, sagen: Oh, wir kennen sehr gut dieses Innere des physischen Leibes! Wir kennen, weil wir oftmals das Gehirn geschaut haben innerhalb der Gehirnwände, weil wir den Magen, das Herz geschaut haben bei der Leichensezierung, wir kennen ja dieses Innere!
[ 5 ] Aber dieses Innere, das so von außen gesehen werden kann, das Räumlich-Innere, das ist nicht dasjenige, was hier gemeint ist, wenn von dem Inneren gesprochen wird. Dieses Räumlich-Innere ist auch nur ein Äußeres; dieses Räumlich-Innere ist sogar beim physischen Menschenleib viel äußerlicher als das wirkliche Räumlich-Äußerliche. Das ist allerdings sonderbar, wenn ich das sage. Aber Sie wissen ja aus den bisherigen Beschreibungen unserer Geisteswissenschaft, daß unsere Sinnesorgane schon während der Saturnzeit aufgebaut worden sind, und die tragen wir an der Außenseite unseres Leibes, an der räumlichen Außenseite. Die sind aus viel geistigeren Kräften aufgebaut als zum Beispiel unser Magen oder dasjenige, was innerlich im räumlichen Sinne ist. Dasjenige, was innerlich ist, ist aus den ungeistigsten Kräften aufgebaut. Und so sonderbar es klingt, so muß doch einmal darauf aufmerksam gemacht werden, daß der Mensch sich eigentlich verkehrt ausspricht über sich. Es ist das ja natürlich, weil wir hier auf dem physischen Plan leben — aber verkehrt spricht er sich aus. Er müßte eigentlich dasjenige, was die Haut im Gesichte ist, das Innere nennen und seinen Magen das Äußere. Da würde man der Wirklichkeit viel näherkommen! Man würde der Wirklichkeit näherkommen, wenn man sagen würde, wir essen von innen nach außen, wir schicken die Speisen von innen nach außen, indem wir sie in den Magen schikken, als jetzt, wo wir sagen: von außen nach innen; denn je weiter unsere Organe an der Oberfläche liegen, von desto geistigeren Kräften rühren sie her, und von um so ungeistigeren Kräften rühren sie her, je mehr sie in unserem räumlichen Inneren liegen.
[ 6 ] Sie können das sogar aus den bisherigen Schilderungen der Geisteswissenschaft leicht einsehen. Wenn Sie sich genau erinnern an dasjenige, was in der bisherigen Schilderung der Geisteswissenschaft vorgebracht worden ist, so werden Sie wissen, daß während der Mondenentwickelung sich etwas abspaltet und bei der Erdenentwickelung wieder abspaltet und hinausgeht aus der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung in den Weltenraum. Bei dieser Abspaltung ist nämlich etwas Merkwürdiges geschehen: Wir sind gewendet worden, richtig so gewendet worden, wie ein Handschuh umgedreht, umgewendet wird, das Innere nach außen und das Äußere nach innen. Dasjenige, was sich heute als Gesicht nach außen wendet, war wirklich während der Saturn- und Sonnenzeit — in der ersten Anlage natürlich — nach innen gewendet, und auch noch während eines Teiles der Mondenzeit; und die Anlagen zu unseren heutigen inneren Organen wurden während des Mondendaseins noch so gebildet, daß sie von außen gebildet wurden. Wir sind seit jener Zeit wirklich umgewendet wie ein Rock. Heute tut man das nicht mehr so viel, Röcke wenden, aber man hat es in früheren Zeiten getan, als man die Röcke noch länger tragen konnte. Heute ist das ja nicht mehr üblich.
[ 7 ] Wenn wir von unserem physischen Leib sprechen, müssen wir uns also bewußt werden, daß an ihm vieles Übersinnliche ist, daß seine ganze Bauart übersinnlich ist, daß er aus dem Übersinnlichen heraus gebaut ist und uns nur seine Außenseite zuwendet, wenn wir das betrachten als Ganzes. Wenn wir nun an den Ätherleib kommen, so ist dieser überhaupt nicht mehr für die physisch-sinnliche Betrachtung sichtbar; aber um so wichtiger wird dieser Ätherleib dann, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Da ist zunächst in der Zeit, in die wir eintreten in den ersten Tagen, dieser Ätherleib von einer ganz besonderen Wichtigkeit. Aber auch in bezug auf den physischen Leib müssen wir noch lernen umzudenken, richtig lernen umzudenken, wenn wir in dem rechten Maße das ins Auge fassen wollen, was uns nach dem Durchgang durch die Todespforte erwartet. Sie wissen ja, denn das kann noch von der physischen Welt aus beobachtet werden, beim Durchgang durch die Todespforte legt der Mensch seinen physischen Leib, wie man sagt, ab. Er wird übergeben durch Verwesung oder Verbrennung — die beiden Prozesse unterscheiden sich nur durch Zeitlänge — dem Element der Erde. Nun könnte es scheinen, als ob für den, der nun durch die Todespforte gegangen ist, dieser physische Leib als solcher einfach abgetan wäre. Das ist aber nicht der Fall. Der Erde können wir von unserem physischen Leib nämlich nur dasjenige übergeben, was von der Erde selber stammt. Nicht können wir der Erde übergeben von unserem physischen Leib dasjenige, was von dem alten Mondendasein herrührt, was von dem alten Sonnendasein herrührt, von dem alten Saturndasein herrührt. Dasjenige, was von dem alten Saturndasein herrührt, von dem Sonnendasein und vom Mondendasein, ja sogar von einem großen Teil des Erdendaseins noch, das sind übersinnliche Kräfte. Und diese übersinnlichen Kräfte, die in unserem physischen Leib drinnenstecken, von denen sich uns eben nur in der sinnlichen Anschauung, wie ich eben auseinandergesetzt habe, die Außenseite zeigt, diese übersinnlichen Kräfte, wohin kommen denn die, wenn wir durch die Todespforte hindurchgegangen sind? Von unserem physischen Leib, von diesem wunderbarsten Gebilde, das überhaupt in der Welt vorhanden ist zunächst als Gebilde, von unserem physischen Leib wird, wie gesagt, nur dasjenige, was ihm die Erde gegeben hat, der Erde zurückgegeben. Das andere, wo ist es denn, wenn wir durch die Todespforte geschritten sind? — Das andere zieht sich zurück von dem, was in die Erde gleichsam hineinsinkt durch Verwesung oder Verbrennung; das andere wird aufgenommen in das ganze Universum. Und wenn Sie alles, alles, was Sie ahnen können im Umkreis der Erde, mit sämtlichen Planeten und Fixsternen denken, und wenn Sie das möglichst geistig denken, so werden Sie in diesem also geistig Gedachten den Ort haben, wo das Geistige von uns ist. Denn nur ein Stück dieses Geistigen wird abgetrennt, das in Wärme lebt, und das bei der Erde verbleibt. Wärme, unsere innere Wärme, unsere Eigenwärme wird abgetrennt, bleibt bei der Erde. Aber alles dasjenige, was sonst geistig ist am physischen Leib, das wird hinausgetragen in den ganzen Weltenraum, in den ganzen Kosmos.
[ 8 ] Wenn wir nun als Mensch unseren physischen Leib verlassen, wohinein gehen wir denn, in was tauchen wir denn eigentlich unter? Wir tauchen wie in Blitzesschnelligkeit mit unserem Tode in das unter, was aus all den übersinnlichen Kräften unseren physischen Leib bildet. Sie können sich ganz ruhig vorstellen, daß alle die Baukräfte, die seit der Saturnzeit an Ihrem physischen Leib gewirkt haben, sich ins Unendliche ausdehnen und Ihnen den Ort bereiten, in dem Sie leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Alles das ist, möchte ich sagen, nur zusammengezogen in dem Raum, der von unserer Haut eingeschlossen ist zwischen der Geburt und dem Tode.
[ 9 ] Wenn wir nun außerhalb des physischen Leibes sind, dann machen wir vor allen Dingen eine Erfahrung, die für das ganze nachfolgende Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wichtig ist. Ich habe sie schon öfters angedeutet. Diese Erfahrung ist von entgegengesetzter Natur wie die entsprechende Erfahrung hier im Leben des physischen Planes. Hier im Leben des physischen Planes, da können wir mit dem gewöhnlichen sinnlichen Erkennen, das wir haben, nicht zurückblikken bis zu der Stunde unserer Geburt. Kein Mensch kann seine eigene Geburt erinnern, kann zurückschauen. Er weiß nur, daß er geboren ist, erstens deshalb, weil man es ihm vielleicht gesagt hat, und zweitens, weil er es daraus schließt, daß alle Menschen, die noch später die Erde betreten haben als er, auch geboren sind; aber eine wirkliche Erfahrung von seiner eigenen Geburt kann der Mensch nicht haben.
[ 10 ] Gerade umgekehrt ist es mit der entsprechenden Erfahrung nach dem Tode. Während niemals die unmittelbare Anschauung unserer Geburt vor unserer Seele stehen kann in dem physischen Leben, steht im ganzen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt der Moment des Todes, wenn der Mensch nur hinschaut auf ihn geistig, vor der Seele. Nur müssen wir uns allerdings klar sein, daß dieser Moment des Todes dann von der anderen Seite gesehen wird. Wenn der Tod etwas Schreckhaftes haben kann, so ist es nur deshalb, weil er hier gesehen wird als eine Auflösung gewissermaßen, als ein Ende. Von der anderen Seite, von der geistigen Seite her, wenn zurückgeschaut wird zum Moment des Todes, erscheint der Tod immerfort als der Sieg des Geistes, als das Heraus-sich-Winden des Geistes aus dem Physischen. Da erscheint er als das größte, herrlichste, als das bedeutsamste Ereignis. Und außerdem entzündet sich an diesem Ereignisse dasjenige, was unser Ich-Bewußtsein nach dem Tode ist. Wir haben in der ganzen Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nicht nur in ähnlichem, sondern sogar in einem viel höheren Sinne ein Ich-Bewußtsein als hier im physischen Leben. Aber dieses Ich-Bewußtsein würden wir nicht haben, wenn wir nicht immerfort zurückblicken könnten, sehen würden, aber von der anderen Seite, von der geistigen Seite, diesen Moment, in dem wir uns herausgerungen haben mit unserem Geistigen aus dem Physischen. Daß wir ein Ich sind, wissen wir nur dadurch, daß wir wissen: Wir sind gestorben, wir haben unser Geistiges aus unserem Physischen herausgelöst. In dem Augenblicke, wo wir jenseits der Pforte des Todes nicht hinschauen auf den Moment des Todes, da ist es für dieses Ich-Bewußtsein nach dem Tode so, wie es für das physische Ich-Bewußtsein hier im Schlafe ist. Wie man im Schlafe nichts weiß von dem physischen Ich-Bewußtsein, so weiß man nach dem Tode nichts von sich, wenn man nicht vor Augen hat diesen Moment des Sterbens. Man hat ihn als einen der herrlichsten, als einen der erhabensten Augenblicke vor sich.
[ 11 ] Sie sehen, schon in diesem Falle müssen wir uns damit bekanntmachen, eine eigentlich geistige Welt ganz anders zu denken als hier die sinnlich-physische Welt. Wenn man in bequemer Weise nur bei den Begriffen bleiben will, die man hier für die physisch-sinnliche Welt hat, so kann man gar nicht das Geistige irgendwie genauer erfassen. Denn das Wichtigste nach dem Tode ist, daß der Moment des Sterbens von der anderen Seite angesehen wird. Dadurch eben entzündet sich unser Ich-Bewußtsein auf der anderen Seite. Wir haben gewissermaßen hier in der physischen Welt die eine Seite des Ich-Bewußtseins; nach dem Tode haben wir die andere Seite des Ich-Bewußtseins. Ich habe vorhin auseinandergesetzt, wo eigentlich das Übersinnliche unseres physischen Leibes ist nach dem Tode, wo wir es zu suchen haben. In der ganzen Welt, so weit wir sie nur ahnen können, haben wir dieses Physische als Kräfteverhältnis, als Kräfteorganismus, als Kräftekosmos zu suchen. Dieses Physische bereitet uns den Ort, durch den wir durchzugehen haben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
[ 12 ] Es ist also dasjenige, was wir hier in unserem physischen Körper, in diesem verhältnismäßig zur Gesamtwelt kleinen Körper eingeschlossen haben in unserer Haut, wirklich ein Mikrokosmos, wirklich eine ganze Welt. Sie ist wirklich nur zusammengerollt — möchte ich sagen, wenn ich trivial sprechen darf —, sie rollt sich dann auf und erfüllt die Welt mit Ausnahme eines kleinen Raumes, der immer leer bleibt. Wenn wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben, sind wir eigentlich mit dem, was hier unserem physischen Leib als übersinnliche Kräfte zugrunde liegt, überall in der Welt, nur an einem einzigen Ort nicht, der bleibt leer. Das ist der Raum, den wir hier in der physischen Welt einnehmen innerhalb unserer Haut. Und immer blicken wir auf diese Leere. Wir schauen uns dann von außen an und schauen in eine Hohlheit hinein. Das, in was wir hineinschauen, bleibt leer, aber es bleibt so leer, daß wir davon eine Grundempfindung haben. Dieses Hinschauen ist nicht ein abstraktes Hinschauen, wie man hier auf dem physischen Plan hinstiert auf irgendwelche Dinge, sondern dieses Hinschauen ist verbunden mit einer mächtigen inneren Lebenserfahrung, mit einem mächtigen Erlebnis. Es ist verbunden damit, daß in uns durch die Anschauung dieser Leere aufsteigt eine Empfindung, die uns nun begleitet durch unser ganzes Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, die viel von dem ausmacht, was wir überhaupt dieses jenseitige Leben nennen. Es ist die Empfindung: Da ist etwas in der Welt, das muß immer wieder und wiederum von dir ausgefüllt werden. — Und man erlangt dann die Empfindung: Man ist in der Welt zu etwas da, wozu man nur selber da sein kann. Man empfindet seinen Platz in der Welt. Man empfindet, daß man ein Baustein ist in der Welt, ohne den die Welt nicht sein könnte. Das ist die Anschauung dieser Leere. Das Darinnenstehen als etwas, was zu der Welt gehört, das überkommt einen dadurch, daß man auf eine Leere hinschaut.
[ 13 ] Das alles hängt nun zusammen mit dem, was aus unserem physischen Leib dann wird. Nun werden wir aus den elementareren Darstellungen gewissermaßen nur immer schematisch darlegen können dasjenige, was wirklich in der geistigen Welt die Bilder braucht für das Wirkliche. Aber wir müssen diese Bilder erst haben, um nach und nach uns zu Vorstellungen aufzuschwingen, die mehr in das Wirkliche der geistigen Welt eindringen.
[ 14 ] Wir wissen, daß wir dann durch Tage eine Art Rückerinnerung haben. Aber diese Rückerinnerung wird doch nur im uneigentlichen Sinne — obwohl mit Recht, aber im uneigentlichen Sinne — Rückerinnerung genannt, denn durch einige Tage haben wir etwas wie ein Tableau, wie ein Panorama, das gewoben ist aus alldem, was wir im eben verflossenen Leben erlebt haben. Aber wir haben es nicht so wie eine gewöhnliche Erinnerung innerhalb des physischen Leibes. Eine Erinnerung des physischen Leibes ist so, daß wir sie zeitlich heraufholen aus dem Gedächtnisse. Ein solches Gedächtnis ist eine Kraft, die an den physischen Leib gebunden ist, ein Gedachtes, wo man so zeitlich heraufholt die Erinnerungen. Diese Rückerinnerung nach dem Tode, die ist so, daß, wie in einem Panorama, gleichzeitig alles, was sich im Leben abgespielt hat, in Imaginationen um uns herum ist. Wir leben durch Tage innerhalb unseres, man kann nur sagen: Erlebens. In mächtigen Bildern ist gleichzeitig das Ereignis da, welches wir eben noch erlebt haben in den letzten Zeiten vor unserem Tode, und gleichzeitig ist dasjenige da, was wir erlebt haben in der Kindheit. Ein Lebenspanorama, ein Lebensbild, welches dasjenige, was sonst in der Zeit nacheinander gefolgt ist, in einem Gewebe uns darstellt, das aus Äther geflochten ist. Das alles, was wir da sehen, lebt im Äther.
[ 15 ] Vor allen Dingen empfinden wir dasjenige, was daum uns herum ist, als lebendig. Es lebt und webt alles darinnen. Dann empfinden wir es als geistig tönend, als geistig leuchtend und auch als geistig wärmend. Dieses Lebenstableau schwindet, wie wir wissen, schon nach Tagen. Aber wodurch endet es denn eigentlich, und was ist dieses Lebenstableau?
[ 16 ] Ja, wenn man dieses Lebenstableau untersucht auf das hin, was es eigentlich ist, so muß man sagen: Es ist hineinverwoben alles das, was wir im Leben erlebt haben. Aber wie erlebt? — Indem wir dabei gedacht haben! Also alles das, was wir denkend, vorstellend erlebten, das steckt dadrinnen. Sagen wir, um auf etwas Konkretes einzugehen, wir haben im Leben mit einem anderen Menschen zusammengelebt, wir haben mit dem anderen Menschen gesprochen. Indem wir mit ihm gesprochen haben, haben sich seine Gedanken unseren Gedanken mitgeteilt. Wir haben Liebe von ihm empfangen, wir haben seine ganze Seele auf uns wirken lassen, all das innerlich durchlebt. Wir leben ja mit, wenn wir mit einem anderen Menschen leben. Er lebt und wir leben, und wir erleben etwas an ihm. Das, was wir an ihm erleben, das erscheint uns jetzt in dieses ätherische Lebenstableau hineinverwoben. Es ist dasselbe, an das wir uns erinnern. Denken Sie sich einmal den Moment, wo Sie vor zehn, zwanzig Jahren mit irgend jemand anderem etwas erlebt haben. Denken Sie sich, Sie erinnern sich daran, und Sie erinnern sich nicht so, wie man sich gewöhnlich im Leben erinnert, daß alles grau in grau verschwimmt, sondern Sie erinnerten sich so daran, daß die Erinnerung in Ihnen so lebendig wäre, wie das Erlebnis selber war, daß der Freund so vor Ihnen steht, wie er damals gestanden hat während des Erlebnisses. Im Leben hier sind wir oftmals recht traumhaft. Dasjenige, was wir herzhaft erleben auf dem physischen Plan, stumpft sich ab, das lähmt sich herab. Wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind und es im Lebenstableau haben, da ist es nicht so herabgelähmt, da ist es mit all der Frische und Herzhaftigkeit vorhanden, in denen es vorhanden war während des Lebens. So webt es sich hinein in dieses Lebenstableau, so erleben wir es selber dann durch Tage.
[ 17 ] Wie wir den Eindruck haben in bezug auf die physische Welt, daß unser physischer Leib von uns abfällt, so haben wir dann nach Tagen den Eindruck, daß zwar von uns auch abgefallen ist unser ätherischer Leib, aber dieser unser ätherischer Leib ist eigentlich nicht so abgefallen wie unser physischer Leib, sondern er ist einverwoben dem ganzen Universum, der ganzen Welt. Er ist dadrinnen, er hat dadrinnen seine Eindrücke gemacht während der Tage, während wir das Lebenstableau erleben. Und dasjenige, was wir so als Lebenstableau haben, das ist übergegangen in die äußere Welt, das lebt um uns herum, ist von der Welt aufgenommen.
[ 18 ] Wir machen dabei während dieser Tage wiederum eine wichtige, eine eindringliche Erfahrung. Denn dasjenige, was wir nach dem Tode erleben, sind nicht nur Erlebnisse, die so wie Erinnerungen an das Erdenleben sind, sondern es sind durchaus Stücke für neue Erlebnisse. Das ist ja selbst ein neues Erlebnis, wie wir zu unserem Ich kommen, indem wir zurückschauen zu dem Tode, denn so etwas können wir mit den Erdensinnen hier nicht erleben. Das erschließt sich nur dem initiierten Erkennen. Aber auch, was wir während der Tage erleben, indem wir dieses Lebenstableau, dieses von uns sich ablösende und dem Universum sich einwebende Ätherweben um uns herum haben, auch das, was wir da erleben, ist etwas erschütternd Erhabenes, etwas ganz Gewaltiges für die Menschenseele.
[ 19 ] Hier im physischen Leben, ja, da stehen wir der Welt gegenüber, diesem mineralischen, diesem pflanzlichen, diesem tierischen, diesem menschlichen Reich. Wir erleben an diesen das, was unsere Sinne erleben können, was unser an das Gehirn gebundener Verstand an den Sinneserlebnissen haben kann, was unser an unser Gefäßsystem gebundenes Gemüt erleben kann, das alles erleben wir hier. Und wir Menschen sind eigentlich hier zwischen Geburt und Tod, von einem höheren Gesichtspunkt aufgefaßt, außerordentlich große — verzeihen Sie den Ausdruck —, außerordentlich große «Tröpfe», Riesentröpfe. Fürchterlich dumm sind wir vor der Weisheit der großen Welt, wenn wir glauben, damit sei es abgetan, daß wir hier etwas erleben in der beschriebenen Weise und dann dieses, was wir hier erleben, in unseren Erinnerungen tragen und als Mensch es uns angeeignet haben. Das glauben wir so. Aber während wir erleben, während wir uns unsere Vorstellungen, unsere Gemütsempfindungen bilden in dem Erleben, arbeitet in diesem unserem Erlebeprozeß, in diesem Vorgang die ganze Welt der Hierarchien. Die lebt und webt darinnen. Wenn Sie einem Menschen gegenübertreten und ihm in die Augen schauen, in Ihrem Blick und in dem, was sein Blick Ihnen entgegensendet, leben die Geister der Hierarchien darinnen, leben die Hierarchien, lebt die Arbeit der Hierarchien. Auch das, was wir erleben, bietet uns nur die Außenseite, denn in diesem Erleben arbeiten die Götter darinnen. Und während wir glauben, wir leben nur für uns, arbeiten sich die Götter durch unser Erleben etwas aus, wodurch sie etwas haben, was sie jetzt der Welt einweben können. Wir haben Gedanken gefaßt, wir haben Gemütserlebnisse gehabt — die Götter nehmen sie und teilen sie ihrer Welt mit. Und nachdem wir gestorben sind, wissen wir, daß wir gelebt haben deshalb, damit die Götter dieses Gewebe spinnen können, das jetzt in unserem Ätherleib von uns kommt und dem ganzen Universum mitgeteilt wird. Die Götter haben uns leben lassen, damit sie für sich etwas spinnen können, wodurch sie ihre Welt um ein Stück bereichern können. Es ist ein erschütternder Gedanke! Wenn wir nur einen Schritt durch die Welt machen, so ist dieser Schritt der äußere Ausdruck für ein Göttergeschehen und ein Stück von dem Gewebe, das die Götter in ihrem Weltenplan verwenden, das sie uns nur lassen, bis wir durch die Pforte des Todes gehen, um es dann von uns wegzuziehen und dem Universum einzuverleiben. Diese unsere Menschengeschicke sind zugleich Götterhandlungen, und was sie für uns Menschen sind, ist nur eine Außenseite. Das ist das Bedeutsame, das Wichtige, das Wesentliche.
[ 20 ] Wem gehört eigentlich jetzt, nachdem wir gestorben sind, dasjenige an, was wir im Leben innerlich dadurch gewonnen haben, daß wir denken können, daß wir Gemütsempfindungen haben, wem gehört es an? — Nach unserem Tode gehört es der Welt an! So aber, wie wir auf unseren Tod zurückblicken, so blicken wir mit dem, was uns bleibt, mit unserem astralischen Leib und mit unserem Ich, zurück auf dasjenige, was sich da einverwoben hat dem Universum, der Welt. Während unseres Lebens tragen wir das, was sich da dem Universum eingewoben hat, als Ätherleib in uns. Jetzt ist es aufgesponnen und einverwoben der Welt. Wir blicken darauf hin, schauen es an. Wie wir es hier innerlich erleben, so schauen wir es nach dem Tode an, so ist es in der Welt draußen. Wie wir hier Sterne anschauen und Berge und Flüsse, so schauen wir nach dem Tode auch neben dem, was geworden ist mit Blitzesschnelle, sagte ich, aus unserem physischen Leib, das an, was sich der Welt einverwoben hat aus unseren eigenen Erlebnissen. Und dasjenige, was sich da aus unseren eigenen Erlebnissen dem ganzen Weltenbau einverleibt, das spiegelt sich jetzt in dem, was wir noch haben, im astralischen Leib und Ich, geradeso wie sich spiegelt die äußere Welt in unseren physischen Organen durch unseren physischen Menschen hier. Und indem sich das spiegelt in uns, bekommen wir etwas, was wir hier während dieser Erdenzeit nicht haben können, was wir in einem äußeren, mehr physischen Abdruck später während der Jupiterzeit haben werden, was wir aber in einer geistigen Art dadurch bekommen, daß jetzt unser ätherisches Sein außerhalb ist und auf uns einen Eindruck macht. Statt daß es vorher von uns erlebt wurde als unser Inneres, macht es jetzt auf uns einen Eindruck. Der Eindruck, der auf uns gemacht wird, ist allerdings zunächst ein Geistiges, er ist bildhaft, aber er ist als Bildhaftes schon ein Vorbild für das, was wir erst auf dem Jupiter haben werden: das Geistselbst. Dadurch also, daß sich einwebt unser Ätherisches dem Universum, wird für uns geboren — aber geistig, nicht so, wie wir es später auf dem Jupiter haben werden — ein Geistselbst, so daß wir jetzt haben, nachdem wir unseren ätherischen Leib abgelegt haben: astralischen Leib, Ich, Geistselbst. Dasjenige, was uns von unserem Erdendasein bleibt, das ist also unser Astralleib und unser Ich.
[ 21 ] Unser astralischer Leib, der bleibt uns auch so, wie er zunächst uns als irdischer astralischer Leib unterworfen ist, wie Sie wissen, noch lange Zeit hindurch nach dem Tode. Er bleibt uns deshalb, weil dieser Astralleib durchzogen wird von alledem, was nur irdisch-menschlich ist und was er nicht gleich aus sich herausbringen kann. Wir machen da eine Zeit durch, in der wir nach und nach erst ablegen können dasjenige, was das Erdenleben aus unserem Astralleib gemacht hat. Wir erleben von unseren Erlebnissen eigentlich im Grunde hier auf der Erde, auch insofern sie unseren astralischen Leib berühren, immer nur höchstens die Hälfte. Von dem, was irgendwie durch uns geschieht, erleben wir eigentlich wirklich nur die Hälfte. Nehmen wir ein Beispiel: Denken Sie einmal, Sie sagen jemandem — es ist bei guten Gedanken und guten Handlungen ebenso wie bei bösen Handlungen und bösen Gedanken, aber nehmen wir dieses Beispiel einer bösen Handlung —, Sie sagen jemandem ein böses Wort, durch das er sich gekränkt fühlt. Wir haben von dem bösen Wort nur dasjenige, was uns betrifft, wir haben in uns das Gefühl, warum wir dieses böse Wort gebraucht haben; das ist der Eindruck auf unsere Seele, wenn wir das böse Wort gebrauchen. Aber der andere, dem wir das böse Wort zufügen, der hat einen ganz anderen Eindruck, der hat gleichsam die andere Hälfte des Eindrucks, der hat das Gefühl des Gekränktseins. In ihm lebt wirklich diese andere Hälfte des Eindrucks. Das, was wir für uns durchlebt haben hier während des physischen Lebens, das ist das eine; das, was der andere durchlebt hat, das ist das andere. Nun denken Sie sich, alles dasjenige, was erlebt worden ist durch uns, aber außer uns, das müssen wir nach dem Tode, indem wir unser Leben nun rückwärts durchlaufen, wieder durchleben. Die Wirkungen unserer Gedanken, unserer Taten durchleben wir im Rücklauf. Also, wir durchleben unser Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt rückwärtslaufend. Im Ablegen des Ätherleibes ist ein Lebenstableau, bei dem wir das ganze Leben gleichzeitig haben. Das Zurückleben, das ist ein wirkliches Durchleben desjenigen, was wir angerichtet haben, im Rückwärtsgehen. Und wenn wir also rückwärtsgegangen sind bis zu unserer Geburt, dann sind wir reif geworden, auch von unserem astralischen Leib dasjenige abzulegen, was von ihm vom Irdischen durchtränkt ist. Dann geht das von uns weg, und mit diesem Ablegen des astralischen Leibes tritt für uns ein neuer Zustand ein. Der Astralleib hielt uns immer, möchte ich sagen, in unseren Erlebnissen mit der Erde zusammen. Dadurch, daß wir so durch unseren astralischen Leib durchgehen müssen, nicht träumend, aber indem wir irdische Erlebnisse zurückerleben, sind wir im Erdenleben noch drinnen; wir stehen noch drinnen. Jetzt erst, wenn wir den Astralleib — uneigentlich, aber man kann nicht anders sagen, da die Sprache kein Wort dafür hat — abgelegt haben, sind wir von dem Irdischen ganz frei geworden, jetzt leben wir drinnen in der eigentlich geistigen Welt.
[ 22 ] Und dann tritt ein neues Erlebnis ein. Dieses Ablegen des astralischen Leibes, das ist eigentlich nur die eine Seite des Erlebens wiederum; die andere Seite ist etwas ganz anderes. Wenn wir diesen Astralleib nach diesem Durchgehen durch die Erdenerlebnisse abgelegt haben, dann fühlen wir uns wie mit, jetzt kann man nicht sagen: Stoff, sondern wie mit Geist innerlich durchtränkt, durchschossen, dann fühlt man sich erst so recht in der geistigen Welt darinnen, dann geht einem innerlich die geistige Welt auf. Vorher ging sie einem äußerlich auf, indem man sah das Universum und den eigenen Ätherleib in das Universum einverwoben. Jetzt geht sie einem innerlich auf, jetzt erlebt man sie innerlich. Und als ein Vor-Bild für das, was der Mensch in einem physischen Ausdruck erst auf der Venus haben wird, in einem Vor-Bild des Lebensgeistes geht uns innerlich unser Ich auf, so daß wir jetzt bestehen aus Geistselbst, Lebensgeist und Ich. Ebenso wie wir uns hier etwa traumhaft fühlen von der Geburt bis zu dem Moment, wo wir als Kind so recht zum Bewußtsein kommen, bis zu dem wir uns später zurückerinnern, so leben wir ein Dasein, das zwar vollständig selbstbewußt ist, aber bewußter und höher als das Erdenleben. Aber ein rein geistiges Leben erleben wir erst, nachdem wir uns von unserem Astralischen getrennt haben und von dem Astralischen nur das behalten haben, was uns innerlich erfüllt, so daß wir dann von dieser Zeit an Geist unter Geistern sind.
[ 23 ] Aber noch eine andere, eine wichtige, eine wesentliche Erfahrung tritt jetzt auf. Wenn wir hier in der physischen Welt leben, arbeiten wir, verrichten dies oder jenes, haben dabei Erlebnisse — davon haben wir Ja eben gesprochen. Aber wir haben nicht bloß in der physischen Welt Erlebnisse, sondern an den Erlebnissen, gleichzeitig mit den Erlebnissen, haben wir noch etwas anderes. Und ich will, wenn natürlich auch damit nur ein allgemeines Wort für diese gleichzeitigen Erlebnisse gebraucht ist, dieses Wort doch gebrauchen: Wir werden, kann man sagen, während wir erleben, ermüdet, abgenützt. Das ist ja immer so der Fall, wir werden ermüdet. Und wenn sich auch durch den Schlaf für das nächste Bewußtsein die Ermüdung wieder ausgleicht — vielmehr weniger durch den Schlaf als durch die Ruhe während des Schlafes, ganz richtig gesprochen —, so ist das doch nur eben ein geteilter Ausgleich; denn wir wissen natürlich, daß wir uns im Leben abnützen, daß wir älter werden, daß unsere Kräfte nach und nach schwinden. Wir werden auch in einem umfassenden Sinne müde. Und wenn man einmal älter geworden ist, weiß man das, daß man nicht alles ausgleichen kann durch den Schlaf. Wir werden also abgenützt hier, müde. Ja, wir können die Frage jetzt schon anders stellen. Nachdem wir das ausgesprochen haben, was wir gesagt haben, können wir jetzt die Frage aufwerfen: Warum lassen uns denn die Götter müde werden, warum werden wir denn müde? — Daß wir hier müde werden, daß wir abgenützt werden, gibt uns eben etwas, bedeutet für unser Gesamtleben eigentlich viel, recht, recht viel. Nur müssen wir den Begriff des Müdewerdens im umfassenderen Sinne, als man eben gewöhnlich glaubt, fassen. Wir müssen ihn recht sehr vor unsere Seele stellen, diesen Begriff des Müdewerdens.
[ 24 ] Sie werden am besten einen Begriff bekommen von diesem Müdewerden, wenn Sie sich die Sache so vorstellen. Wenn ich jetzt einen von Ihnen fragen würde: Weißt du etwas von dem Inneren deines Kopfes? — so wird mir wahrscheinlich nur derjenige antworten, der von Kopfschmerz geplagt ist, daß er jetzt in diesem Augenblicke etwas weiß von dem Inneren seines Kopfes. Nur der fühlt das Innere seines Kopfes; der andere lebt, ohne daß er es fühlt. Wir fühlen unsere Organe nur dann, wenn sie nicht ganz in Ordnung sind; dann wissen wir im Fühlen etwas von unseren Organen. Wir sind im Leben so eingerichtet, daß wir von unserem physischen Leib eigentlich nur insofern wissen, als er nicht ganz in Ordnung ist. Wir haben eigentlich nur ein allgemeines Gefühl unseres physischen Leibes. Das wird stärker, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Aber wir wissen doch recht wenig innerlich, wenn wir ein bloßes Gefühl haben. Wer im Leben jemals starke Kopfschmerzen gehabt hat, der weiß von dem Inneren seines Kopfes — innerlich; nicht so wie der Anatom, der nur die Gefäße kennt. Aber während wir im Leben immer müder und müder werden, tritt immer mehr und mehr doch dieses Gefühl unseres Inneren, Räumlich-Inneren, im Leibe auf.
[ 25 ] Bedenken Sie nur: Je mehr wir uns im Leben ermüden, desto mehr treten für uns auf die Gebresten des Lebens, Gebresten des Alters zum Beispiel. Unser Leben besteht darin, daß wir allmählich dieses unser Physisches erspüren, empfinden lernen. Indem es uns, ich möchte sagen verhärtet, sich in uns so hineinschiebt, lernen wir es spüren. Für uns ist das, ich möchte sagen ein — weil es so allmählich kommt — geringes Empfinden. Der Mensch würde ja erst sehen können, wie stark das ist, wenn er — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck, aber er wird Ihnen das geben, was ich meine —, wenn er zum Beispiel sich in einem Moment fühlen könnte pumperlgesund, wie ein strotzend gesundes Kind, und dann gleich danach, damit er vergleichen kann, so, wie man sich fühlt, wenn die Glieder brüchig geworden sind, mit achtzig, fünfundachtzig Jahren. Dann würde er es schon mehr fühlen. Nur weil es so langsam kommt, merkt man nicht, wie man sich da fühlend hineinspinnt in das Erleben des Physischen, in das Müdewerden. Dieses Müdewerden ist ein wirklicher Vorgang, der zuerst zwar gar nicht da ist, denn das Kind strotzt von Leben, dann aber wird die Lebenskraft immerzu übertönt vom Müdewerden, dann ringt sich dieses Müdewerden heraus. Wir können müde werden; während wir so müde werden — wenn das auch, sagen wir hier nur ein leises Gefühl ist von unserem Inneren —, entsteht wirklich etwas innerlich in uns. Unser Leben hier in der physischen Welt bietet uns ja nur die Außenseite von tiefen, von bedeutsamen, von erhabenen Geheimnissen. Daß wir so leise im Leben uns begleitet fühlen vom Müdewerden und damit das Innere unseres Leibes erspüren, das ist die Außenseite von etwas, was gewoben wird in uns, wunderbar gewoben wird aus reiner Weisheit, ein ganzes Gewebe von reiner Weisheit. Indem wir so müde werden im dahingehenden Leben, uns erspüren lernen innerlich, wird uns einverwoben ein feines Wissen von dem Wunderbau unserer Organe, unserer inneren Organe. Am Herzen lernen wir müde werden; aber dieses Müdewerden bedeutet, daß uns einverwoben wird ein Wissen, wie ein Herz aufgebaut wird aus dem Weltenall heraus. An dem Magen werden wir müde, den ermüden wir meistens dadurch, daß wir ihn verderben mit Essen; aber trotzdem wird uns einverwoben während der Ermüdung des Magens alle Weisheit, ein Weisheitsbild aus dem Kosmos heraus, wie der Magen aufgebaut wird. Wie unser innerer Organismus erhaben, wundersam aufgebaut ist, dieses gewaltige Kunstwerk, das entsteht im Bilde. Und das wird erst jetzt lebendig, wenn wir das Äußere, an die Erde Gebundene des astralischen Leibes abgelegt haben. Und das ist es, was uns als Lebensgeist erfüllt, was jetzt in uns lebt. Die Weisheit von uns selbst, von unserem Wunderbau des Inneren lebt jetzt in uns.
[ 26 ] Und jetzt beginnt die Zeit, wo wir gewissermaßen vergleichen dasjenige, was da aus Weisheit in unserem Inneren uns jetzt als Lebensgeist anfüllt, mit dem, was sich als Äthergespinst vorher einverwoben hat in das Universum. Jetzt arbeiten wir an diesem Vergleich, wie das eine zum anderen passen kann, und bauen uns im Bilde unseren Menschen auf, so wie er in der nächsten Inkarnation werden soll. So beginnen wir, indem wir allmählich entgegenleben der Weltenmitternacht, wie Sie es in dem einen der Mysterien, in «Der Seelen Erwachen», angedeutet finden. So vollziehen wir namentlich nach der Weltenmitternacht eine Arbeit, die da verläuft, indem wir an dem Schaffen der Welt teilnehmen, an dem Hereinbringen desjenigen, was wir hier genießen. Während des Lebens zwischen dem Tode und der Geburt, da arbeiten wir, da weben wir mit, weben wir an den Götterbildern. Wir dürfen mittätig sein an dem, was Götterziel ist, indem die Götter den Menschen hereinstellen in die Welt. Vorbereiten dürfen wir uns eine nächste Inkarnation. Dabei spielen sich natürlich ab nicht nur Vorgänge, die egoistisch auf uns einen Bezug haben, sondern alle möglichen Vorgänge sonst. Und das kann uns namentlich aus dem Folgenden hervorgehen.
[ 27 ] Dieser wunderbare Prozeß ist ein viel höherer als das, was sich hier auf der Erde abspielt, wenn Winter und Sommer wechseln, die Sonne aufgeht, die Sonne untergeht, alles das sich vollzieht, was sich als Erdenarbeit vollzieht: Dort vollzieht sich dasjenige, was allerdings zuletzt zu unserer irdischen Inkarnation führt, was zum Menschendasein führt; aber es ist eine gewaltige himmlische Arbeit, die nicht nur eine äußerliche Bedeutung hat, sondern eine Bedeutung für die ganze Welt. Wenn es einem allmählich gelingt, im geistigen Anschauen diesen wunderbaren Prozeß zu erleben, dann tritt einem doch eines entgegen. Es wird Ihnen allerdings sonderbar erscheinen, wenn ich dieses sage, aber die höheren Geheimnisse müssen für das physisch-sinnliche Anschauen des Menschen zunächst immer sonderbar erscheinen, und dasjenige, was uns da vor die Seele tritt, muß uns erschüttern, je mehr, desto besser. Denn diese Dinge, so wie sie sind, sollen gar nicht so an unsere Seele kommen, daß wir sie nüchtern, trocken erkenntnismäßig aufnehmen und dabei gleichgültig bleiben. Wir sollen gerade durch diese Dinge einen Gemütseindruck bekommen von der Erhabenheit und Größe der göttlich-geistigen Welt. Man könnte sagen: Wenn jemand nur darauf sich einläßt, Geisteswissenschaft so trocken vorzubringen, daß sie nicht zugleich den ganzen Menschen ergreift, und er mit dem Eindruck davon nicht zugleich einen Eindruck hat von der Größe und Erhabenheit desjenigen, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchpulst und durchwest, dann würden wir nämlich alle, nach dem, was ich eben beschrieben habe, trotz allem, was wir können, nach den jetzigen Verhältnissen der Welt kopflos geboren werden. Denn den Bau des Kopfes, den könnten wir nicht bewirken. Das menschliche Haupt ist in seinem Bau ein so erhabenes Abbild des Universums, daß der Mensch selbst mit dem, was ihm einverwoben wird als Weisheit eines Lebens, es nicht bauen könnte, daß er es nicht vorbereiten könnte für die nächste Inkarnation; da müssen eben mitwirken alle Götterhierarchien. Das, was in Ihrem Haupte, in dieser nur von dem Hinterhaupt lose durchbrochenen Kugel, etwas umgeformten Kugel, vorhanden ist, das ist für sich noch ein wirklicher Mikrokosmos, ein wirklicher Abdruck der großen Weltenkugel. Darinnen lebt alles, was draußen im Universum lebt, zusammen, da wirkt alles zusammen, was in den verschiedenen Hierarchien tätig sein kann. Indem wir anfangen zu bauen aus unserer in der Ermüdung angesammelten Weisheit an unserer nächsten Inkarnation, greifen in diese Tätigkeit ein alle Hierarchien, um dasjenige, was dann unser Haupt wird, als Abdruck aller Götterweisheiten uns einzuverleiben.
[ 28 ] Während das alles geschieht, bereitet sich auf der Erde durch Generationen hindurch dasjenige vor, was unsere physische Vererbungslinie ist. Geradeso wie wir nur dasjenige, was von der Erde kommt, der Erde übergeben nach unserem Tode, so bekommen wir von Eltern, Voreltern nur dasjenige, was irdisch ist an uns. Und dasjenige, was irdisch ist an uns, das ist eben nur das Äußere, ist eben nur der äußere Ausdruck in diesem Irdischen. Da ist alles dasjenige einverwoben, was wir erstens selber auf die geschilderte Weise weben können, und dasjenige, was ganze Götterhierarchien weben, bevor wir durch die Empfängnis eine Beziehung bekommen zu dem, in das wir uns einhüllen, einkleiden, wenn wir den physischen Plan betreten.
[ 29 ] Ich sagte, je mehr wir in unser Gefühl aufnehmen können von diesen erhabenen Erkenntnissen, desto besser für uns. Denn bedenken Sie doch nur einmal: Wir benützen unseren Kopf, wir haben aber keine Spur von Wissen in der Regel, insofern wir im Materiellen lebende Menschen sind, daß ganze Götterhierarchien ihre Arbeit darauf verwenden, unseren Kopf zu formen, das zu formen, was geistig unserem Kopfe zugrunde liegt, damit wir überhaupt sein können. Wenn wir das im Sinne der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis fassen, so durchdringt es uns von selber mit Dankesempfindungen und Dankesgefühlen gegenüber dem ganzen Universum.
[ 30 ] Daher soll ja auch dasjenige, was wir uns durch die Geisteswissenschaft aneignen, ein immer sich steigerndes Erhöhen unseres Gefühlslebens bewirken. Immer mehr sollen wir mit unserem Fühlen nachkommen unserem Erkennen auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft. Und es ist nicht gut, wenn wir mit unserem Fühlen zurückbleiben. Indem wir immer wieder und wiederum ein neues, höheres Stück der Geisteswissenschaft kennenlernen, sollen wir, ich möchte sagen andächtigere Gefühle entwickeln können für die Geheimnisse der Welt, die zu den Geheimnissen des Menschen zuletzt immer wieder und wiederum führen. In dieser läuternden geistigen Wärme unserer Empfindungen und unseres Gefühles legt eigentlich das rechte Fortschreiten in der Geisteswissenschaft.
[ 31 ] Eines muß ich noch erwähnen, weil es sich ausnimmt wie eine Ergänzung der ganzen Betrachtung, die wir angestellt haben. Hier in die physische Welt leben wir uns herein, indem wir zuerst ein dumpfes Bewußtsein als Kind noch haben, nur die Mutter erkennen und erst nach und nach die Menschen kennenlernen. Wir glauben, indem wir uns in die physische Welt hereinleben, daß wir immer wieder neue und neue Menschen kennenlernen. So ist es auch für unser physisches Bewußtsein. Wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, so haben wir eine wirkliche, eine reale Beziehung zu allen denjenigen Seelen, denen wir im Leben nahegetreten sind. Die treten wiederum auf vor unserem geistigen Blicke. Diejenigen Seelen, die uns nahegetreten sind im Leben und die vor uns durch die Pforte des Todes gegangen sind, wir können sagen, die «finden» wir. Das Wort ist für physische Verhältnisse geprägt, aber jenes erlebende Nahetreten von Seelen zu Seelen kann man bezeichnen mit einem Finden. Nur muß man sich dieses Finden der Seelen, die vor uns durch die Pforte des Todes gegangen sind, so vorstellen, daß man gewissermaßen in umgekehrter Weise an die Seelen herankommt, wie man hier an Menschen herankommt auf dem physischen Plan. Hier kommt man an Menschen heran, indem man ihnen zunächst äußerlich-physisch entgegentritt. Dann lernt man allmählich ihr Inneres kennen, ihr Inneres entwickelt sich ja erst aus unserem Einleben mit ihnen. Also das, was man innerlich an einem Menschen erlebt, entwickelt sich erst aus unserem eigenen Inneren heraus. Nachdem man selbst durch die Pforte des Todes gegangen ist und den Seelen, die vor uns durch die Pforte des Todes gegangen sind, entgegentritt, weiß man zunächst als erstes: Da ist die betreffende Seele. Man erfühlt sie, man weiß, sie ist da. — Aber man muß jetzt sein ganzes Inneres hingeben an das, was als erster Eindruck, als abstraktester Eindruck da ist. Hier muß man den Menschen auf sich wirken lassen; dort muß man sein Inneres hingeben, und man muß sich nun das Bild selber aufbauen, die Imagination. Das Imaginative, dasjenige, was man schauen kann, das muß man sich nach und nach aufbauen. Sie bekommen etwa eine Vorstellung von dem, wie die Erfahrung der Seele nach dem Tode ist, wenn Sie sich denken: Sie sehen das nicht, sondern Sie greifen es nur, und Sie bilden sich, indem Sie es nach und nach greifend umfassen, ein Bild. Sie bauen sich das Bild auf. So müssen Sie tätig, innerlich tätig sich das Bild der Seele, der Sie begegnen, aufbauen. Gewissermaßen wissen Sie: Jetzt begegne ich einer Seele. — Da hat sie noch nicht Geistgestalt! Welche Seele ist das? Das ist die Seele, zu der ich — das taucht jetzt auf in Ihrer eigenen Seele — die Empfindung des Sohnes zur Mutter gehabt habe. Jetzt fangen Sie an zu fühlen: Mit dieser Seele kann ich mich erleben. — Jetzt bauen Sie sich die Geistgestalt auf. Da müssen Sie tätig sein darinnen, und dann wird das zum Bilde. Und dadurch, daß Sie so die Geistgestalt zusammen aufbauen müssen, sind Sie mit dem Toten schon, bevor Sie die Geistgestalt aufgebaut haben, zusammen. So sind Sie zusammen mit allen, mit denen Sie im Leben zusammen waren, das heißt, Sie erleben sie in einer Welt, in der Sie sie finden müssen, indem Sie sich zum Schauen erwecken, so daß Sie sie anschauen. Da muß man tätig sein.
[ 32 ] Die Seelen, die hier noch im physischen Leibe sind, die also leben bleiben, wenn wir sterben, die traten uns schon als Bild hier auf der Erde entgegen. Auf die schauen wir hinunter und brauchen uns das Bild nicht erst aufzubauen, sie schauen uns als Bild entgegen. In dieses Bild können diese Seelen allerdings dasjenige hineinverweben, was dann wie wärmende Geistesnahrung ist für den Toten, durch ihre Gedanken an ihn, durch ihre fortdauernde Liebe für ihn, die Erinnerung an ihn oder — wie wir jetzt als Geisteswissenschafter wissen durch Vorlesen.
[ 33 ] Das alles erweitert uns den Blick des Menschen erst in die wirkliche Welt hinein, richtig in die wirkliche Welt hinein. Wenn man sich das so vor die Seele treten läßt, dann bekommt man eine Vorstellung davon, wie wenig der Mensch eigentlich von der geistigen Welt weiß. Es war wirklich nicht immer so. Nur die ganz materialistischen Menschen der Gegenwart reden davon, wie man es heute «so herrlich weit gebracht» hat. Wir wissen ja, daß die Menschen früher ein Hellsehen gehabt haben und daß sie nur um der Erringung gewisser Eigenschaften willen, die verbunden sind mit dem ganzen Drinnenleben in der materiellen Welt, dieses ursprüngliche atavistische Hellsehen verloren haben. Wenn ein so richtig materialistischer Mensch, ein ganz materialistischer Gelehrter an uns herankommt, wird der selbstverständlich sagen: Das ist eine Träumerei, zu reden von einem ursprünglichen Hellsehen, davon, daß die Menschen früher irgend etwas Besonderes gewußt haben. — Wenn die Menschen nur ein wenig mit physisch sehenden Augen ordentlich durch die Welt gehen würden, so würden sie das schon widerlegt finden. Daß die Menschen mehr gewußt haben als in der Gegenwart, das ist gar nicht einmal so lange her.
[ 34 ] Sie wissen, wir haben öfters davon gesprochen — ich möchte das zum Schlusse auch noch hier erwähnen —, daß an diesem geistigen Dasein, in dem wir leben, Anteil nehmen Luzifer und Ahriman. Wir wissen auch, daß in der Bibel symbolisiert wird Luzifer als die Schlange, die Schlange auf dem Baume. Die physische Schlange, so wie man das heute erlebt und wie sie auch ein heutiger Maler, wenn er das Paradies malt, immer malen wird, die physische Schlange ist aber nicht ein wirklicher Luzifer, sondern das äußere Abbild, das physische Abbild. Der wirkliche Luzifer ist ein Wesen, das auf der Mondenentwickelung zurückgeblieben ist. Er kann nicht auf der Erde geschaut werden unter den physischen Dingen. Würde der Maler also Luzifer malen wollen, wie Luzifer ist, so müßte er ihn so malen, daß er eigentlich durch eine Art hellsichtig-inneren Anschauens erfaßt werden kann als ätherisches Gebilde. Und da würde er dann erscheinen, wie er an uns selber arbeitet, wie er an unserem Kopf, wie er an unserem Organismus, insofern er rein aus der Erde heraus ist, keinen Anteil hat, aber an der Fortsetzung des Kopfes durch das Rückenmark hinunter. So daß Luzifer gemalt werden müßte, wenn man ihn seiner ätherischen Gestalt nach malt, mit einem Menschenkopf und mit einer schlangenartigen Fortsetzung, die hier bei uns Menschen durch das Rückenmark physisch sich auslebt. Also müßte ein Maler, der etwas weiß aus der Geisteswissenschaft, Adam und Eva malen, den Baum, und auf dem Baum oben die Schlange, also nur als Ausdruck für uns als Schlange, und oben einen Menschenkopf. Wenn ein Maler so etwas malen würde, so würde man heute annehmen müssen, daß er das aus der Geisteswissenschaft heraus malen kann, selbstverständlich.
[ 35 ] Nun wird es vielleicht auch in Leipzig so etwas geben, aber die Leute gehen ja nicht mit offenen Augen im Kopfe herum, sondern mit verbundenen Augen durch die Welt. Aber in Hamburg in der Gemäldegalerie findet sich wirklich ein Gemälde, von dem Meister Bertram, aus der Mitte des Mittelalters, die Paradiesesszene darstellend. Da ist die Schlange auf dem Baum, so wie ich sie jetzt schilderte, richtig gemalt. Man kann das Bild dort sehen. Es ist von anderen Malern auch so gemalt worden. Was folgt daraus? — Daß die Leute selbst in der Mitte des Mittelalters dies noch gewußt haben, bis zu dem Grade gewußt haben, daß sie es gemalt haben. Das heißt, es ist gar nicht so lange her, daß die Menschen erst ganz auf den physischen Plan gedrängt worden sind. Und das, was uns heute erzählt wird als der Verlauf der Geistesgeschichte der Menschheit von der materialistischen Welt, das ist im Grunde genommen weiter nichts als ein äußerer Schwindel, weil man sich vorstellt, daß der Mensch immer so gewesen ist, wie er in den allerletzten Jahrhunderten erst geworden ist, während es gar nicht so lange her ist, daß er mit seinem alten Hellsehen in die geistige Welt hineingeschaut hat. Er mußte nur heraus, weil er unfrei war, und um die volle Freiheit und das Ich-Bewußtsein zu erhalten, mußte er heraus, und er muß wiederum hinein sich finden in die geistige Welt. Daher bereitet diese Geisteswissenschaft etwas Wichtiges, etwas Wesentliches vor: dieses Wieder-sich-Hineinleben in die geistige Welt. Und immer wieder und wiederum können wir uns vor die Seele führen, wie notwendig es ist, zu empfinden, zu fühlen, daß das Häuflein von Menschen, das heute mitten in der materialistischen Welt lebt und das durch sein Karma geführt wird zur Erfassung der wichtigsten Menschheitsaufgabe für die Zukunft, daß dieses Häuflein von Menschen durch sein Seelenleben Wichtiges, Wichtigstes zu vollführen hat. Ohne hochmütig zu sein, muß man sich eben vorführen, in aller Demut und Bescheidenheit, wie groß der Unterschied zwischen einer Seele ist, die in die geistige Welt sich allmählich hineinfindet, und all den äußerlichen Menschen, die heute keine Ahnung haben, aber namentlich keine Ahnung haben wollen von dem Geistigen. Es darf nicht bloß für uns werden zu einer jammervoll schmerzlichen Empfindung, sondern es muß für uns werden eine Empfindung, die uns anregt, immer weiter und weiter zu arbeiten, und treu zu arbeiten in der Strömung der Geisteswissenschaft, zu der wir durch unser Karma, unser Schicksal geführt worden sind.
[ 36 ] Bei unserem letzten Zusammensein hier habe ich auch noch erwähnt, daß, wenn der Mensch, bevor er sein Leben vollständig ausgelebt hat, durch die Pforte des Todes geht, dasjenige, was als Ätherleibskraft ihm gegeben ist, noch nicht vollständig verbraucht ist. Wenn der Mensch in jugendlichem Alter durch die Pforte des Todes geht, hätte sein Ätherleib noch jahrzehntelang am physischen Leib arbeiten können. Diese Kraft ist nicht verloren, sondern sie ist da. Ich habe auch schon erwähnt, wie in der Gegenwart dadurch, daß der Tod täglich und stündlich in so großer Zahl an die Menschheit herantritt, viele, viele Ätherleiber, die noch lange auf dem physischen Plan hätten am physischen Leibe arbeiten können, der geistig-ätherischen Welt übergeben werden und schwebend bleiben. Und die Kräfte, die in ihnen noch jahrzehntelang den physischen Leib hätten versorgen können, werden zu geistigen Kräften, die mitarbeiten an der geistigen Entwikkelung der Menschheit. Daher wird eine Zeit kommen, in der die Kräfte, die in diesen Ätherleibern sind, benützt werden können zum geistigen Fortschritt der Menschheit, aber nur dann, wenn hier auf der Erde, nachdem die heutigen furchtbaren Ereignisse hinweggegangen sein werden über diese Erde und wiederum Friede eingetreten sein wird, von Seelen, die dann in Menschenleibern über diese Erde hier noch gehen werden, etwas wird verstanden werden können davon, daß alle diejenigen, die früher hineingegangen sind in die geistige Welt, ihre Ätherleiber da oben haben, ihre Kräfte einstrahlen können. Von diesen Seelen [hier auf der Erde] wird das begriffen werden müssen. Und diese Seelen werden mitarbeiten können an diesem geistigen Fortschritt, der gerade durch so viele Opfertode für die Zukunft möglich ist.
[ 37 ] Denken Sie, was es bedeuten würde, wenn Geisteswissenschaft jetzt verschwinden würde und niemand Verständnis hätte für alles dasjenige, was durch ihre Opfertode in der geistigen Welt vorbereitet wird! Diese ganze Summe von Kräften würde an geistige Wesen verfallen, die sie zu etwas anderem verwenden, als wozu sie nach dem Ratschluß der rechtmäßig sich fortentwickelnden Götter verwendet werden sollen.
[ 38 ] Das aber ermahnt uns, auch aus den Ereignissen der Zeit heraus mit unserem Bewußtsein voll drinnenzustehen in alldem, was die geistige Welt ist. Denn auch diese Zeitereignisse, sie haben eine geistige Seite. Dasjenige, was sie äußerlich in Blut und Tod und in Opfern darbieten, das ist der äußere Ausdruck für ein inneres geistiges Geschehen, das aber im richtigen Sinne verstanden werden muß.
[ 39 ] Das ist das, an das ich immer wieder und wiederum mahnen möchte in dem Schlußwort unserer gegenwärtigen Betrachtung:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
