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Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten
GA 168

18 February 1916, Kassel

2. Die Wesensglieder des Menschen im Leben zwischen Tod und neuer Geburt

[ 1 ] Die Zeit, in der wir leben, wird uns ja ganz besonders nahelegen können, wie eindringlich nötig es für Menschen in unserer Gegenwart ist, den Sinn des Erdenlebens zu erforschen. Und der Sinn des Erdenlebens kann uns niemals aufgehen, wenn wir bloß den Blick hinwenden auf dasjenige, was sich in der Sinneswelt abspielt. Denn alles dasjenige, was sich in der Sinneswelt abspielt, erhält seinen tieferen Sinn erst dadurch, daß das Geistige in diesem Sinnlichen auch zum Ausdrucke kommt. Unsere Zeit ist eine schwere Prüfungszeit. Und diejenigen, welche treu und fest zu unserer Sache zu halten gewillt sind, werden insbesondere verstehen müssen, wie diese unsere Zeit eine schwere Prüfungszeit ist, wie sie ihren Sinn — auch wiederum ihren Sinn! — in unsere Seele herein nur wird offenbaren können, wenn wir uns erheben zu dem, was sich geistig auch in so schweren Ereignissen zum Ausdrucke bringt, die sich auf dem physischen Plane abspielen.

[ 2 ] Angesichts der Tatsache, daß wir auf Felder blicken, auf denen in unzähligen Fällen die Todespforte sich aufrichtet, und angesichts des Gedankens, daß auch schon viele unserer Freunde in größerer Zahl den physischen Plan verlassen haben, werden wir heute vielleicht besonders gut tun, wenn wir den Blick hinwenden auf dasjenige, was über die Welt zu sagen ist, in welche der Mensch geht, wenn er hier durch die Todespforte schreitet. Wir wollen von diesem Gesichtspunkte aus — Sie wissen ja, es gibt viele, viele Gesichtspunkte, von denen aus unsere Betrachtungsweise einsetzen kann — heute wiederum betrachten das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.

[ 3 ] In unserer Geisteswissenschaft versuchen wir zunächst den Menschen zu erkennen, wie er vor uns steht: Wir wissen, er steht so da, daß er vor uns entfaltet seine physischen Seiten und seine geistigen Seiten. Wir wissen, diese geistigen Seiten bleiben für den physischen Plan ein Übersinnliches; das Geistige kann sich nur offenbaren, ankündigen durch das Physische hindurch. Und wenn wir so den Menschen, um ihn zu verstehen im Sinne unserer Geisteswissenschaft, hier auf dem physischen Plan betrachten, so sagen wir: Es enthüllen sich uns zunächst — Sie wissen das aus meiner Darstellung der «Theosophie» vier Hauptglieder der menschlichen Wesenheit, die wir nennen den physischen Leib, den ätherischen Leib, den astralischen Leib und das Ich. Schon vom Ätherleib an aufwärts sind die Glieder der menschlichen Natur übersinnlich für die physische Betrachtung. Aber wir erleben ja unser Ich und unseren astralischen Leib. Wir erleben sie innerlich. Wir erleben sie dadurch, daß wir eben in der Lage sind, uns als Ich zu wissen, wenn dieses Ich auch unsichtbar, übersinnlich bleibt. Kurz, man kann schon verstehen, auch wenn man bleibt bei dem, was nur die physische Welt enthüllt, warum wir den Menschen nach diesen vier Gliedern betrachten.

[ 4 ] Nun wollen wir heute einmal uns vor die Seele stellen, daß man auch den Menschen, der da lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in einer ähnlichen Weise betrachten kann, daß es möglich ist, auch von Gliedern des Menschen zu sprechen, der in dem Lebenslauf ist zwischen Tod und neuer Geburt. Sie wissen ja: den physischen Leib übergeben wir den Elementen, den Substanzen der Erde; der Ätherleib wird übergeben der allgemeinen Ätherwelt; nach einiger Zeit löst sich auch dasjenige, was vorzugsweise in unserem astralischen Leibe ist, wovon aber der irdische Mensch schon nichts weiß, das löst sich gewissermaßen auch, und das Ich geht dann seinen Weg durch die Welt, die wir eben durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 5 ] Nun sollen wir nicht glauben, daß der Mensch, der zwischen dem Tod und einer neuen Geburt steht, nicht ein ebenso differenziertes, ein ebenso gegliedertes Wesen sei wie der Mensch hier in der physischen Welt. Wir können auch von Gliedern der menschlichen Natur sprechen zwischen Tod und neuer Geburt; nur werden wir dann in der folgenden Weise sprechen müssen.

[ 6 ] Hier, wenn wir den Menschen auf dem physischen Plan betrachten, erscheint uns das Ich als dasjenige, was uns zunächst — wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen — als das Höchste entgegentritt. Den physischen Leib hat der Mensch mit allen Mineralien gemeinschaftlich, den Ätherleib mit allen Pflanzen, den astralischen Leib mit allen Tieren. Das Ich hat er für sich allein. In der geistigen Welt ist das Ich, welches uns hier als gewissermaßen das höchste Glied der menschlichen Natur erscheint, dieses Ich ist dort in der Welt zwischen Tod und neuer Geburt das niederste Glied der menschlichen Natur. Wie wir hier beim physischen Leib anfangen, so muß man für die geistige Welt beim Ich anfangen, das nur während der Zeit, während der Mensch die Seelenwelt durchmacht, eingehüllt ist wie in einem Nebel vom Astralischen, aber das doch das niederste Glied der menschlichen Wesenheit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist. Und so wie wir uns hier umhüllen, indem wir aus der geistigen Welt in die physische Welt hereintreten durch die Geburt oder durch die Empfängnis, so umhüllen wir uns auch in der geistigen Welt, man möchte sagen mit Geistgliedern. Die Namen für diese Geistglieder kennen wir eigentlich schon. Nur betrachten wir sie ein wenig von einer anderen Seite her. Wir hüllen uns nämlich, wenn wir durch die Pforte des Todes getreten sind, in das Geistselbst ein. Dies ist ja ein Glied der menschlichen Natur, das der Mensch in der Zukunft während der Jupiterentwickelung bei sich entfalten wird. Dasjenige, was ich jetzt Geistselbst nenne für die Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, ist nicht genau dasselbe, was sich dann entwickeln wird, wenn der Mensch weiterschreitet von der Erde zum Jupiter hin; sondern dasjenige, was der Mensch entwickeln wird auf dem Jupiter, wird eine Art äußerliches Abbild sein, eine Art für die Sinne auftretendes Gegenbild der geistigen Wesenheit, in die sich der Mensch einhüllt, wenn er die Zeit durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das ist schon so, daß man auch dieses Glied, in das sich da der Mensch einhüllt, wenn er die Zeit durchmacht zwischen Tod und neuer Geburt, als Geistselbst bezeichnen kann.

[ 7 ] Beim weiteren Verlauf hüllt sich dann der Mensch in dasjenige Glied ein, das man als Lebensgeist bezeichnen kann, das wiederum ein geistiges Gegenstück zu etwas ist, was sich im physischen Verlauf erst während der Venusentwickelung ergeben wird. Und der eigentliche Geistmensch ist dasjenige, was sich im Menschen entwickelt als das geistige Gegenbild desjenigen, was im physischen Abbild der Mensch in der höchsten Sphäre, auf die wir heute noch hinblicken können, während der Vulkanentwickelung, in seiner physischen Entwickelung haben wird. So daß wir sagen können: Wie sich der Mensch hier einhüllt in den astralischen, ätherischen und physischen Leib, so hüllt er sich ein, indem er in die geistige Welt hineinwächst, in Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch.

[ 8 ] Nun möchte ich Ihnen etwas genauer schildern, wie sich die Dinge ergeben aus der, wie man sagen kann, initiierten Erkenntnis heraus. Zur Hälfte wissen Sie ja über diese Dinge schon Bescheid. Wenn der Mensch hier durch die Pforte des Todes getreten ist, so wird sein physischer Leib den Elementen der Erde übergeben. Dieses Loslösen des physischen Leibes ist ein außerordentlich Wichtiges für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Gewiß, es erscheint trivial, wenn man sagt, der Tod ist eigentlich für die geistige Welt die Geburt; aber es ist trotzdem auch ein berechtigtes Wort. Wir müssen uns nur angewöhnen, unsere Begriffe etwas beweglich zu machen, so daß wir nicht haften mit unseren Begriffen unmittelbar an dem, was uns die Erde darbietet. Wir sind gewöhnt, unsere Begriffe nur nach dem zu bilden, was uns die Erde darbietet. Wir müssen die Begriffe schon verändern können. Das Leben in der geistigen Welt ist durchaus verschieden von dem Leben der Erde. Die geistige Erfahrung, die der Mensch also macht in der geistigen Welt, indem er durch die Pforte des Todes schreitet, ist: daß abfällt von ihm der physische Leib. Das ist ein bedeutsames, ein ungeheuer bedeutsames Erleben! Und zunächst ist von diesem Erlebnis zu sagen, daß es sich ganz gegenteilig verhält in bezug auf den Beginn des geistigen Lebens nach dem Tode, wie sich die Geburt des Menschen verhält zu unserem physischen Leben zwischen Geburt und Tod. Kein Mensch kann ja mit physischer Erkenntniskraft der Erde hinschauen auf seine Geburt. Die Geburt erlebt der Mensch nicht mit seinen physischen Erkenntniskräften hier auf der Erde. Ebenso wie wir die physische Geburt nicht erleben, wie der Mensch keine Erinnerung hat — diese beginnt erst später — an die Vorgänge seiner Geburt und wie das richtig ist für das Erdenleben und so sein muß, so ist es gegenteilig für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn der Moment, der Augenblick des, ich kann nicht sagen Sterbens, aber des Gestorbenseins, der bleibt als etwas, worauf immer wieder und wiederum hinschauen kann der Mensch in dem ganzen Verlauf des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt. Ebenso wie wir uns im physischen Leben niemals erinnern an die Vorgänge unserer Geburt, ebenso klar haben wir vor uns unsere ganze Lebenszeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hindurch den Moment des Todes, aber von der anderen Seite, von der Seite des geistigen Erlebens, gewissermaßen vom anderen Ufer aus. Für den Erdenmenschen kann mit einer gewissen Berechtigung der Tod etwas Schreckhaftes haben. Er stellt den Verfall des physischen Erdenmenschen dar. Das gerade Gegenteil ist der Fall, wenn der Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zurückblickt auf das Gestorbensein: Dann stellt ihm das immerwährend dar den Sieg des Geistes über das Leibliche, dann stellt der Tod das Schönste, das Größte, das Herrlichste, das Erhabenste dar, das im Grunde genommen überhaupt erlebt werden kann. Und indem der Mensch seine ganze geistige Lebenszeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hindurch auf das Gestorbensein hinzusehen vermag, ist dieser Hinblick auf das Gestorbensein dasjenige, was uns das Bewußtsein gibt nach dem Tode, so daß wir wissen: Wir haben unseren physischen Leib abgelegt. Und daß wir das erfahren, daß wir das immer vor uns haben, das gibt uns unser Selbstbewußtsein nach dem Tode ebenso, wie wir unser Selbstbewußtsein hier in der physischen Welt dadurch erlangen, daß wir unseren physischen Leib haben.

[ 9 ] Wenn wir mit unserem astralischen Leib und Ich vom Einschlafen bis zum Aufwachen außerhalb des physischen Leibes sind, so haben wir für die physische Welt kein Bewußtsein. Wir müssen beim Aufwachen physisch in uns hineinstoßen, dann kann das Ich-Bewußtsein wieder erblühen. jedesmal, wenn wir nach dem Tode hinblicken auf das Gestorbensein, wenn das ganze Ereignis, dieses — von der anderen Seite gesprochen — erhabene, schöne Ereignis vor unserer Seele steht, dann entzündet sich immer wieder und wiederum nach dem Tode das Bewußtsein. Das hängt ganz und gar von der immerwährenden Betrachtung dieses Augenblicks ab. Und damit ist noch etwas anderes verbunden. Es ist etwas schwierig, über diese Dinge zu sprechen, weil, wie gesagt, keine entsprechenden Erfahrungen hier in der physischen Welt vorhanden sind, aber man muß versuchen, diese Dinge auch zu charakterisieren, so wie sie eben sind. Wenn wir also im weiteren Fortleben nach dem Tode hinblicken auf unser Gestorbensein, dann haben wir vor allen Dingen den empfindungs-, vorstellungsmäßigen Eindruck, daß da, wo wir gestorben sind, nunmehr, nachdem wir gestorben sind, nichts ist, nicht einmal Raum. Es ist, wie gesagt, schwer zu beschreiben, aber es ist so: Nichts ist da. Und im äußeren Sinne gesprochen: Herrlich, erhaben erscheint die Sache aus dem Grunde, weil überall sonst uns eine neue Welt aufgeht. Es drängt sich die flutende Geistwelt von allen Seiten heran, aber nichts ist da, aus dem wir herausgestorben sind.

[ 10 ] So theoretisch beschrieben hat vielleicht die Sache etwas Grauenvolles, aber in der Empfindung nach dem Tode ist es nichts Grauenvolles. In der Empfindung nach dem Tode läßt es eine tiefe Befriedigung in die Seele quellen. Man lernt gleichsam sich ausdehnen in die ganze Welt und hinschauen auf etwas, was wie leer ist in der Welt. Und daraus entsteht die Empfindung: Das ist dein Platz in der Welt, der Platz, der aus allen den Weiten heraus ist, und der dein ist. — Und man bekommt die Empfindung, gerade aus dieser Leere, daß man einen Sinn hat für die ganze Welt, daß jedes einzelne Menschendasein — man bekommt es zunächst natürlich als Erklärung für sich selber — da sein muß. Dieser Platz würde immer leer sein, wenn ich nicht da wäre — so sagt sich jede Seele. Daß jeder, jeder als Mensch einen Platz zugeteilt hat im Weltenall, diese Empfindung, die unglaublich innerlich erwärmende Empfindung, die geht aus dieser Betrachtung hervor: daß die ganze Welt da ist, und daß diese ganze Welt herausgetrieben hat wie aus einer Symphonie die einzelne Note, die man ist, und die da sein muß, sonst wäre die Welt nicht da. Diese Empfindung, das ist diejenige, die aus der Rückschau auf das Todeserlebnis entsteht. Die bleibt, denn die gibt vorzugsweise das Ich-Bewußstsein, das Selbstbewußtsein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 11 ] Dann dauert ja eine verhältnismäßig kurze Zeit — aber die genügt — ein Zusammensein noch mit dem ätherischen Leib. Alles dasjenige, was man erlebt hat im Leben, selbst die kleinsten Ereignisse, stehen auf einmal da wie in einem großen Lebenstableau, tagelang; sie bleiben tagelang. Man hat dabei das ganz intensive Gefühl: Die Erde, auf der man bisher gestanden hat, bewegt sich weiter, man selbst bleibt aber zurück, man beginnt stillzustehen. Man geht nicht mit der räumlichen Bewegung der Erde weiter mit. Und dabei breitet sich das Lebenstableau aus.

[ 12 ] Nicht im eigentlichen Sinne spricht man, wenn man von einer Erinnerung an das Leben spricht, denn Erinnerungen, die hat man so, daß man in der Zeit zurückblickt. Aber das ist nicht so, sondern es ist gleichzeitig; es ist ein Tableau, es ist ein bewegtes Tableau. Selbst, wie gesagt, auf die kleinsten Ereignisse erstreckt sich das.

[ 13 ] Dann trennt man sich von diesem ätherischen Erlebnis. Es erfolgt, wie man eben zu sagen pflegt, die Loslösung des Ätherleibes. Dasjenige, mit dem man verbunden war als Ätherleib, das hat man, während man es früher als sein Inneres anzusprechen hatte, nunmehr äußerlich, und es wird immer größer und webt sich ein — das ist eigentlich der richtige Ausdruck — in die geistige Welt, in die man jetzt eingetreten ist. Nur ist in dieser geistigen Welt die leere Aussparung, von der ich gesprochen habe; die bleibt ausgespart. Und der Ätherleib webt sich ein rund herum äußerlich, wird immer größer und größer.

[ 14 ] Nun müssen wir durchaus festhalten, daß es eine irrtümliche Vorstellung wäre — ich muß gestehen, ich habe mich in allen Fällen, in denen ich gerade diese Tatsache, von der ich jetzt spreche, intensiv untersuchen konnte, überzeugt, daß es ein Irrtum wäre —, zu glauben, daß wir in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt das, was wir da als Ätherleib einverwoben haben der allgemeinen geistigen Welt, nicht sehen würden. Wir sehen es immerdar. Wir schauen immer darauf hin, es gehört zu unserer Außenwelt. Was bisher in unserem Ätherleib zu unserer Innenwelt gehört hat, gehört nunmehr zu unserer Außenwelt. Wir schauen auf das hin. Und es ist wichtig, daß wir auf das hinschauen können, denn dadurch wird uns so viel von der geistigen Außenwelt verständlich als Verwandtschaft besteht zwischen dem, was wir hineinverwoben haben, und der gesamten geistigen Außenwelt.

[ 15 ] Sie erinnern sich vielleicht aus den Vorträgen, die ich einmal gehalten habe in Wien über die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daß ich gesagt habe: Zunächst ist der Mensch verwoben in eine Welt, die voller Weisheit ist. Während er hier die Weisheit angestrengt sucht, ist er da im Lichte der Weisheit ganz drinnen. Und diese Weisheit, in der er drinnen ist, die überwältigt ihn. Und sie würde ihn weiter überwältigen, wenn er nicht einweben könnte das, was er in seinem Ätherleib während des Lebens einverwoben hat an Weisheit, wenn er das nicht in die Welt hineinweben könnte. Dadurch dämpft sich ihm die ungeheure Lichtüberfülle des allgemeinen Weltenäthers ab, und er fängt an, Verständnis zu haben für dasjenige, was im allgemeinen Weltenäther die Welt durchwebt und durchseelt und durchgeistet.

[ 16 ] Damit haben wir dasjenige, was gewissermaßen von dem Menschen abfällt, wenn der Mensch in die geistige Welt aufgenommen wird. Denn von den irdischen Gliedern der menschlichen Natur bleiben im wesentlichen nur das Ich und der astralische Leib zurück. Der physische Leib ist abgefallen. Dafür bleibt, was ich genannt habe «die Leere», bestehen. Der Ätherleib wird unterworfen dem allgemeinen Weltenäther. Der Mensch geht seinen Weg weiter. Für das, was er dem Weltenäther als seinen Ätherleib nun abgibt, für das hüllt er sich ein in dasjenige, was wir genannt haben das Geistselbst. Das ist gewissermaßen jetzt ein äußeres Glied. Es dringt heran unbestimmter Äther an ihn; der umhüllt ihn mit einer Art von Geistselbst.

[ 17 ] Nun ist es gut, wenn wir ein wenig noch stehenbleiben bei dem, was zunächst, ich möchte sagen, zurückbleibt: der Begriff vom Menschen. Von dieser Leere brauchen wir nicht zu sprechen, denn die ist vor allen Dingen nur für den Menschen selber von der größten Bedeutung, der gestorben ist, der diejenigen Erlebnisse daran hat, die ich geschildert habe. Aber mit dem Ätherleib ist es etwas anderes. Schon der Ätherleib webt sich ja objektiv ein in dasjenige, was allgemeiner Weltenäther ist. Er ist dann darinnen, dieser Ätherleib des Menschen.

[ 18 ] Nun werden Sie es verständlich finden, daß gewissermaßen ein Ätherleib eines Menschen, der in jugendlichem Alter stirbt, etwas anderes ist in der Welt draußen als der Ätherleib eines Menschen, der gewissermaßen die normale Altersgrenze erreicht. Jeder Ätherleib hat selbstverständlich seine Aufgabe, und es kann nicht irgendein Wunsch, früh oder spät zu sterben, aus dem entstehen, was ich jetzt sagen werde; das wäre eine ganz schiefe und falsche, die falscheste Auffassung der Sache. Aber dennoch ist das gültig, was jetzt zu sagen ist.

[ 19 ] Wenn ein Mensch stirbt in jugendlichem Alter, so hat er einen Ätherleib, der vielleicht noch Jahrzehnte hätte den physischen Leib versorgen können, hätte arbeiten können im physischen Leib. Nun geht in der geistigen Welt ebensowenig eine Kraft verloren wie in der physischen Welt. Das heißt, in dem Ätherleib, von dem der Mensch verlassen wird nach dem Tod, ist die Kraft vorhanden, die vielleicht noch jahrzehntelang, wenn der Mensch im zwanzigsten, dreißigsten Jahre steht, den physischen Leib des Menschen hätte versorgen können. Sie ist nicht mehr in einem physischen Menschenleib; sie ist draußen in der Welt. An einem Beispiel kann dieses vielleicht am schönsten vor unsere Seele treten.

[ 20 ] Wir hatten in Dornach am Bau — zu einigen von unseren Freunden habe ich über diese Sache schon gesprochen — ein Knäblein; der Knabe ist durch einen tragischen Umstand im siebenten Lebensjahr zugrunde gegangen. Das Knäblein hatte am Abend Speisevorräte aus unserer Kantine geholt, die dort in der Nähe des Dornacher Baues ist, und eine merkwürdige Verkettung der Umstände hat ergeben, daß das Knäblein aus der Kantine heraus und durch ein Schilfrohr gegangen ist, das neben einem Wege ist, über den gerade dazumal ein vollgeladener Möbelwagen fuhr. Und der vollgeladene Möbelwagen wurde umgeworfen und zerdrückte das Knäblein. Es war eine recht schmerzliche Sache. Gerade nach dem Vortragsabend, nach zehn Uhr kam uns die Nachricht, daß das Knäblein nicht da wäre. Man konnte nichts anderes tun als nachsehen, wie das mit diesem Möbelwagen sich verhielte. Die äußeren Umstände waren auch ganz merkwürdig. Der Knabe wollte eine Viertelstunde früher weggehen und ist zurückgehalten worden von irgend jemandem, der mit ihm gehen wollte. Er wollte durch eine andere Türe hinaus; dann wäre er rechts am Möbelwagen vorbeigegangen, während er so links zerdrückt worden ist. Man hatte ihm gesagt, er solle zu dieser Türe hinausgehen, so daß er förmlich hingeschickt worden ist. Es ist außerdem ein Weg, auf dem vielleicht jahrelang kein Möbelwagen gefahren ist, und vielleicht wird auch jahrelang wieder keiner fahren. Es war ein Möbelwagen, der einem von unseren Mitgliedern ausnahmsweise einmal Möbel gebracht hat. — Man suchte den Knaben also. Der Möbelwagen war so schwer beladen und unglückseligerweise so gefallen, daß er nicht gleich gehoben werden konnte, denn die Leute, die den Möbelwagen fuhren, hatten nichts mitgebracht dazu und gingen einfach weg. Man wollte den Möbelwagen erst am nächsten Tag heben. — Nun aber mußte er natürlich in der Nacht gehoben werden, und man fand das tote Knäblein darunter.

[ 21 ] Dieses Knäblein war also einige Zeitlang immer in der Atmosphäre des Baues gewesen. Nun ist es wirklich wahr, daß seit jener Zeit, bald nach jenem Tode, der Ätherleib jenes Knäbleins in die Aura des Baues hineinverwoben ist. Und derjenige, der — es ist ja gewiß nicht unbescheiden, das zu sagen — wie ich zu tun hat mit dem ganzen Künstlerischen des Baues, der merkt, wie aus jener unverbrauchten Ätherkraft des Ätherleibes die Befruchtung kommt, die man braucht, um das oder jenes wiederum künstlerisch in den Bau einzufügen.

[ 22 ] Selbstverständlich wäre es vielleicht dem menschlichen Egoismus sympathischer, das alles immer nur der eigenen Genialität zuzuschreiben. Aber esistschon durchaus so, daß auch dasjenige, was uns innerlich kommt, daß das von äußeren geistigen Einflüssen herrührt. Und wir können diese geistigen Einflüsse im einzelnen konkret nachweisen. Wir haben es da mit dem Ätherleib eines Knaben zu tun, der sieben Jahre alt geworden ist, der also sechs bis sieben Jahrzehnte lang noch den physischen Leib hätte versorgen können, der mit der ganzen ungeheuer weisen Baukraft, die notwendig ist, um den physischen Menschenleib kunstgemäß zu formen, in der Ätheraura des Dornacher Baues ist.

[ 23 ] Und selbst den Künstlern wage ich es zu sagen, mit vollständiger Sicherheit: Die Kunst, die notwendig ist, um aus dem Ätherleib heraus den physischen Leib zu formen, die ist viel größer als irgendeine Kunst, die der Mensch auf der Erde ausübt. Der Mensch ist schon das größte Kunstprodukt. Und alle die Impulse, um den physischen Menschenleib zu formen, die stecken in dem Ätherleib darinnen. Auch der Künstler bringt sie aus seinem ätherischen Leib heraus, wenn er künstlerisch schafft.

[ 24 ] Das ist nur ein Beispiel, es könnten andere angeführt werden, in denen die Tragkraft der unverbrauchten Ätherleiber geschaut werden kann. Gerade in diesem Jahre sind ja auch in jugendlichem Alter liebe Freunde von uns durch die Pforte des Todes gegangen. Und so sehen wir denn, wie gerade jetzt in dieser Zeit unzählige Menschen durch die Todespforte gehen, im rüstigen Alter, ihre Ätherleiber zurücklassen, die alle noch jahrzehntelang am physischen Leib hätten arbeiten können. Diese Ätherleiber, die noch dazu gekräftigt und gestärkt sind dadurch, daß sie durch Opfertode gegangen sind, sind vorhanden und werden vorhanden sein. Und diejenigen Menschen, die in der Lage sein werden in künftigen Zeiten, wenn wiederum anderes über der europäischen Erde sich abspielt als diese gegenwärtigen Ereignisse, die dann über die europäische Erde hingehen werden, sie werden in einer geistigen, in einer Ätheratmosphäre leben, in welcher sich finden diese unverbrauchten Ätherleiber. Und wenn sich Seelen finden hier auf der Erde, welche Verständnis haben werden für dasjenige, was nicht bloß als abstraktes Angedenken, sondern als wirkliche ätherische Kräfte geistig leben wird — dieses Verständnis wird man nur aus der Geisteswissenschaft haben können —, so werden sie die inspirierenden Kräfte desjenigen, was da sein wird von diesen Ätherleibern, wohl spüren.

[ 25 ] Und das gehört zu den Gefühlen, die jetzt schwer auf unseren Herzen lasten, schwer aus dem Grunde, weil wir auf der einen Seite hinblicken müssen auf das Ungeheure, das geschehen könnte, wenn recht viele Menschen sich bewußt werden könnten, was durch die Tode gesät wird, die jetzt durch die großen Ereignisse der Zeit um uns herum geschehen, während auf der anderen Seite das Häuflein der Menschen ein noch so kleines ist, das für diese Dinge Verständnis haben kann. Und es könnte wohl sehr leicht geschehen durch den Unverstand der Menschen gegenüber der Geisteswissenschaft wegen des die ganze Menschheit erfüllenden Materialismus, daß ohne irgendeine Spur von Ahnung für dasjenige, was aus dem Tode entsteht, die Menschen in der Zukunft weiterleben könnten.

[ 26 ] Solch einen Satz sollen wir auf keine andere Weise in unserem eigenen Herzen leben lassen, als allein dadurch, daß wir uns, soweit es an uns ist, ganz von einem solchen Bewußtsein durchdringen, dieses Bewußtsein ganz voll aufnehmen und unsererseits dasjenige tun, was wir zum Verständnis einer solchen Sache tun können. Wir sollen nicht, möchte ich sagen, uns mit der bangen Sorge nur erfüllen, wieviel Materialismus da ist. Wir sollen zwar erkennen, wieviel Materialismus auf der Erde ist, aber wir sollen demgegenüber uns nicht etwa abschließen vor der immer mehr und mehr sich ausbreitenden materialistischen Weltanschauung, sondern um so mehr dasjenige tun, was uns obliegt.

[ 27 ] So viel über dasjenige, was über das Ätherisch-Leibliche zu sagen ist. Dann schreitet der Mensch weiter. Er hat sich zunächst eingehüllt in eine Art von Geistselbst, welches auf eine erwas andere Weise gebildet wird als alles dasjenige, was gebildet wird, wenn wir hier im Erdendasein leben. Man könnte sagen: Das Geistselbst ist etwas, was von allen Seiten zu uns herandringt, und in dessen Mitte wir uns fühlen. Dann lebt sich der Mensch weiter ein in die anderen Hüllen, indem er zu gleicher Zeit durchlebt, wie ich öfter geschildert habe, eine Art geistigen Rückgang, indem er durchlebt — aber jetzt in einer anderen Art als durch das bloße Tableau, das geschildert worden ist— dasjenige, was wie eine Art von Gegensatz wirkt zu dem Erdenleben. Man kann sich klarmachen, wie nun die folgende Zeit verläuft, nachdem der Ätherleib abgelegt ist und wir mit unserem Astralleib und mit unserem Ich, in das Geistselbst eingehüllt, weiterleben. Dieses Geistselbst ist eine Art Triebkraft. Das führt uns eben zurück, so daß wir zurückerleben, wirklich rückwärtsgehen unser letztes Erdenleben vom Tod bis zur Geburt hin. Wenn wir zum Beispiel hier auf Erden irgend jemandem etwas gesagt haben, das ihm Leid zugefügt hat, so erleben wir ein solches Ereignis von unserem Gesichtspunkte hier auf der Erde im physischen Leib. Wir können es nicht von dem Standpunkte des anderen erleben. Wir würden ja überhaupt nicht im physischen Leib leben können, wenn wir anders leben wollten, als eben von uns aus alles zu erleben. Aber nehmen wir den extremen Fall: Wir haben jemandem sehr weh getan durch ein Wort, das wir aus Rache gesagt haben. Was er spürt, was er empfindet, das erleben wir hier nicht. Bei dem Rückgang, den ich jetzt beschreibe, erleben wir das, was der andere empfindet, immer als die Wirkung dessen, was wir verrichtet haben. Also wir leben in der Welt der Wirkungen drinnen. Ganz aus uns herausgegangen erleben wir das, was die anderen durch uns während unseres physischen Lebens durchlebt haben, bis wir durchkommen zu dem Punkt, wo wir unsere Geburt erreicht haben. Dann umhüllen wir uns mit dem, was man nun nennen könnte das geistige Gegenbild zu dem, was sich auf der Venus entwickeln wird: wir umhüllen uns mit dem Lebensgeist.

[ 28 ] Und durch diesen Lebensgeist wird nun das weitere Leben bestimmt, das ich ja öfter geschildert habe. Sie finden es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus geschildert auch in dem Wiener Vortragszyklus über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Ich will es hier wiederum von einem anderen Gesichtspunkte schildern.

[ 29 ] Wir werden also von dem Lebensgeist gleichsam umhüllt. Das äußert sich in einer gewissen Weise, und es ist wesentlich, daß wir das verstehen, Das Geistselbst leitet uns zuerst zurück; das Geistselbst hat es hauptsächlich mit unserer Wesenheit, mit unserer Individualität zu tun, und es führt uns dann auch weiter. Nachdem es uns bis zu unserer Geburt gebracht hat, führt es uns weiter die Wege, die wir in der geistigen Welt zu tun haben.

[ 30 ] Anders ist es mit dem, was nun die weitere Hülle, der Lebensgeist, mit uns verrichtet. Hier im physischen Leib sind wir von dem Ätherleib durchdrungen, der ja auch den Lebensäther und alles das enthält, was uns belebt. Wir sind gewissermaßen — Sie wissen, der Ätherleib ragt nur ein klein wenig über den physischen Leib hervor, hat sonst eine ganz ähnliche Form — von dem Ätherleib durchdrungen, und wir leben durch diesen Ätherleib. Wer keinen Ätherleib hat, kann nicht auf dem physischen Plane leben.

[ 31 ] Wenn wir unseren astralischen Leib abgelegt haben, wissen wir: Wir sind von diesem Lebensgeist umhüllt. — Jetzt merken wir auch: Wir waren schon die ganze Zeit umhüllt, während uns das Geistselbst zurückgeführt hat. Aber jetzt merken wir es erst. Wir merken es erst hinterher, wenn wir das Ganze, was man Kamalokazeit nennt, durchgemacht haben. Und wir werden jetzt etwas sehr Merkwürdiges gewahr: Dadurch, daß wir von diesem Lebensgeist umhüllt werden, dadurch ist unser Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt erst möglich. Denn hier im physischen Leib müssen wir leben, ich möchte sagen innerhalb unserer Haut. Das können wir nicht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt. Würden wir in der geistigen Welt nur in uns leben wollen, gewissermaßen nur an einem einzigen Orte der geistigen Welt, dann würden wir fortwährend sterben müssen, also nicht leben können. Wir müssen vielmehr mit dem ganzen Universum leben. Wir müssen das ganze Universum als ein großes Lebendiges haben und müssen mit ihm leben.

[ 32 ] Nun könnte das allerdings auf zweifache Weise geschehen. Wir könnten ausfließen ins ganze Universum. Aber wenn wir auf einmal ausfließen würden, würde das Bewußtsein, das wir haben, das ich geschildert habe, dieses Selbstbewußtsein, auch ins Nebulose ausfließen. Wir müssen vielmehr herumbewegt werden in dem großen, lebendigen Weltenorganismus. Hier in unserem physischen Leib ist ein Glied von uns, sagen wir die Hand, an einem bestimmten Ort. In der geistigen Welt müssen wir immer herumgeführt werden. Wir müssen immer von einem Ort zum anderen getragen werden. Das macht der Lebensgeist. Dadurch verlassen wir den einen Ort, kommen an den anderen. Das vollzieht sich allerdings rhythmisch, so daß wir immer wieder an einen und denselben Ort zurückkommen. Aber wir müssen in der Welt herumgeführt werden. Ein bewegtes, ein geistig bewegtes Leben, das entsteht für uns. Hier, als physischer Mensch, sind wir mit gewissen Ausnahmen an einen einzigen Ort gebannt. Das Geistige wird allerdings immer etwas ins Physische hereingetragen, und dadurch können wir herumgehen auf dem physischen Plan. Das ist im wesentlichen eine ahrimanische Wirkung, da das Geistige von Ahriman hereingetragen wird ins Physische. Aber im Geistigen, da ist es recht, daß wir durch den ganzen zugehörigen Weltenorganismus geführt werden. Und auf diese Weise leben wir uns, so wie wir uns hier auf der Erde an einem Orte einleben, ich möchte sagen in den ganzen Umkreis des Erdenlebens ein. Und indem wir in ihm herumgeführt werden von Geistesort zu Geistesort — Genaueres finden Sie in meinem Wiener Zyklus —, wird in uns zu gleicher Zeit eingepflanzt dasjenige, was wir an Kräften brauchen, um unser neues Erdenleben vorzubereiten, um nun wiederum zum Erdenleben hingezogen zu werden. Denn das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, das verläuft ja in der ersten Hälfte so, daß wir uns herausfinden aus dem Erdenleben; in der zweiten Hälfte finden wir uns wiederum vorbereitend hinein in ein neues Erdenleben.

[ 33 ] Sehen Sie, der Materialismus macht heute aus allen Dingen im Grunde das Gegenteil. Er wird den Menschen in die schwersten Irrtümer hineinführen, und zwar in solche, die nicht nur glaublich, sondern fast wie selbstverständlich sind. Wenn eine Persönlichkeit auftritt, die genial ist wie zum Beispiel Goethe, so nehmen die Leute das ganz materialistisch. Über Goethe ist ein ganz dickes Buch geschrieben worden und erschienen, wo alle seine Vorfahren, die aufgetrieben werden können, im materialistischen Sinne körperlich und geistig geprüft werden — aber der Materialist nimmt nur Körper an —, und dann wird gezeigt, wie Goethe das eine von dem einen Vorfahren, das andere von dem anderen hat. Goethe hat ja selbst ironisch gesagt: Vom Vater hab’ ich die Statur, von der Mutter die Frohnatur — und so weiter. Gerade hier in Kassel habe ich in einem Vortragszyklus einmal entwickelt, wie die Leute das ganz matersalistisch nehmen, indem gezeigt wird, wie wir alles «vererbt» haben durch die physische Vererbungsströmung, insbesondere auch das Genie. Und schon öfter habe ich gesagt: Die Sache ist absurd, lächerlich töricht, und doch wieder so glaublich, denn dem Materialisten leuchtet das unmittelbar ein, wenn durch viele Generationen hindurch gewisse Eigenschaften gesteigert werden, daß sie dann beim Genie wie vererbt erscheinen. Der Materialist glaubt sogar, damit eine Erfahrung auszusprechen. Aber er spricht keine andere Erfahrung aus als etwa diejenige, daß einer, der ins Wasser fällt und herausgezogen wird, naß ist. — Die Seele geht natürlich durch all die Vorfahren hindurch in einer gewissen Weise, und dadurch hängt ihr das alles an, was sie aus den Vorfahren herausgezogen hat. So wie der naß ist, der ins Wasser gefallen ist, so hat der Mensch auch die Eigenschaften seiner Vorfahren, wenn er durch die Generationen hindurchgeht. Anders wäre es, wenn das Gegenteil davon eintreten würde, wenn man nachweisen würde, daß das Genie, das vorhanden ist, auf die Nachkommen sich vererbt: Das tut es aber nicht. Das sollten die Leute einmal beweisen! Aber das werden sie wohl bleibenlassen. Man untersucht Goethes Vorfahren; aber man läßt es hübsch bleiben, zu seinem Sohn oder zu seinen Enkeln zu gehen! Sehen Sie nur einmal nach, ob die genialen Eigenschaften sich auf die Nachkommen vererben! Es können Fälle eintreten, wo die Sache kaschiert ist, aber von einer Vererbung genialer Eigenschaften auf die Nachkommen kann gar nicht die Rede sein. Da würde es sich ja erst zeigen, da würde man es erfahren. Eine solche Vererbung genialer Eigenschaften gibt es aber nicht.

[ 34 ] Aber etwas anderes ist der Fall. Wenn man versucht, eine Menschenindividualität, die in einem bestimmten Zeitpunkt in einen physischen Leib hineingeht, weiter zurückzuverfolgen — sie kommt ja aus der geistigen Welt heraus —, so ist es dieselbe Individualität, die nun schon Vater und Mutter zusammenbringt, die mitwirkt, daß Vater und Mutter zu ihrer Erzeugung zusammenkommen. Ja sie wirkt schon mit, noch weiter zurück. Sie wirkt gewissermaßen die ganze Generationenfolge so in einer Ordnung, daß zuletzt die zwei Menschen sich finden, durch die diese eine Individualität ihre Verkörperung finden kann. In dem, was sich abspielt durch Jahrhunderte von den Vorfahren auf die Nachkommen, wirkt schon die Individualität mit. So sonderbar es klingt, es ist so. Goethe hatte Vater und Mutter, Großvater und Großmutter und so weiter. Wenn wir die Jahrhunderte zurückgehen, so sehen wir, daß diese Individualität von Goethe aus der geistigen Welt heraus schon so wirkt, daß sich immer diejenigen zusammenfinden, die zuletzt den alten Kaspar Goethe und die Frau Aja ergeben haben. Durch Jahrhunderte wirkt aus der geistigen Welt die Individualität schon; sie wirkt hinein in die Generationenfolge.

[ 35 ] Es ist gerade das Umgekehrte der Fall von dem, was angenommen wird. Der Mensch hat das, was er in seiner Seele trägt, nicht von seinen Vorfahren physisch ererbt, sondern er stellt sich seine Vorfahren so zusammen aus der geistigen Welt, von der Weltenmitternacht an, die in der Mitte liegt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daß er diejenigen dann finden kann, durch die er den Weg ins Erdenleben herein macht. Das ist das Mysterium, das da herauskommt. Das ist etwas ungeheuer Bedeutsames, im Grunde genommen eigentlich Erschütterndes. Und wir sehen dadurch gerade, daß wirklich ein inniger Zusammenhang ist zwischen dem, was in der geistigen Welt geschieht und dem, was weiter unten in der physischen Welt geschieht. Und wir sehen zu gleicher Zeit, wie merkwürdig hineinverflochten ist unser geistig-seelisches Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in das, was hier geschieht, was nur hier nicht beachtet wird.

[ 36 ] Man redet vom Geiste in der neueren Philosophie in einer ganz merkwürdigen Weise. Da hat es in Halle einen Professor gegeben, der jetzt als ein sehr bedeutendes Licht auf philosophischem Gebiet angesehen wird, der hat ein Buch veröffentlicht — «Die Philosophie des Als Ob» —, in dem er nachzuweisen versucht, daß solche Begriffe wie Geist und Seele keine Wirklichkeit darstellen, daß sie aber doch nützlich sind in der Weltenbetrachtung des Menschen. Man sollte, sagt er, den Menschen nicht so betrachten, daß man sagt, er habe eine Seele. Aber nun, er bewegt seine Hände und er spricht, so daß man sagen kann: Man betrachtet ihn, als ob er eine Seele hätte. Im übrigen läßt man die Seele Seele sein. Man leugnet sie ab; man kümmert sich nicht um sie; aber man betrachtet es so, als ob der Mensch eine Seele hätte, als ob die Seele dies alles zusammen bewirken wolle.

[ 37 ] Es ist eine bequeme, aber auch eine furchtbar gedankenlose Philosophie. Derjenige allerdings, welcher versucht, diese Philosophie einmal im konkreten Leben anzuwenden, der sieht, daß diese «Als-ob-Philosophie» wenig taugt, selbst als Methode. Und solch einen Menschen, wie Fritz Mauthner, der eine Sprachphilosophie geschrieben hat und der alles auf Sprache zurückführt, den müßte man eigentlich unter dem Gesichtspunkt dieser «Als-ob-Philosophie» betrachten: als ob solch ein Mensch auch Geist haben könnte. Wenn man aber diesen Versuch macht, so taugt diese Methode nicht. Man bringt nicht heraus, daß er so betrachtet werden kann, als ob er Geist gehabt hätte; es läßt sich nicht anwenden. Wo kein Geist vorhanden ist, da läßt es sich nicht anwenden. — Sie wissen selbstverständlich, wie ich dies meine. Aber ich führe diesen Fritz Mauthner nur deshalb an, weil er zu denjenigen gehört, welche den ganzen Sinn der Geschichte überhaupt ableugnen und welcher es am evidentesten ausgesprochen hat vom Standpunkte des gegenwärtigen Materialismus, daß die Geschichte nie eine Wissenschaft sein kann. Er sagt: Wenn ein Regentropfen auf die Erde fällt, so kann man die Gesetze des Regentropfens finden naturwissenschaftlich, denn es fallen viele Regentropfen nach denselben Gesetzen. Da kann man die einzelnen Fälle miteinander vergleichen, und da kann man die Gesetze finden. — Das ist dasjenige, was gegenwärtig Philosophen glauben, daß es zu den einzelnen Gesetzen führt, wenn man viele Fälle beobachtet und sich immer dasselbe zeigt. Aber in der Geschichte geschehen die Dinge alle nur einmal, der Dreißigjährige Krieg nur einmal und so weiter; und daher ist die ganze Geschichte nur eine Folge von Zufällen für Fritz Mauthner. Zu solchen Behauptungen müssen die Menschen in der Gegenwart kommen, wenn sie den Geist in Wirklichkeit ableugnen; denn Geschichte wäre auch nur eine Folge von Zufälligkeiten, wenn nicht das gerade als Reales in der Geschichte wirkte, was wir jetzt aufgezeigt haben, was aus der geistigen Welt heraus wirkt und woran mitarbeiten die Menschen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wir weben gewissermaßen an dem, was hier auf der Erde geschieht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wir weben nur nach denjenigen Impulsen, die uns dann aus der geistigen Welt zukommen.

[ 38 ] Man kann wirklich sagen: Man glaube nur ja nicht, daß von irgendeiner wissenschaftlichen Seite her im Ernste ein Einwand gegen die Geisteswissenschaft kommen kann; denn wenn man das, was die heutige Wissenschaft wirklich leisten kann, vergleicht mit der Geisteswissenschaft, so ist die heutige Wissenschaft die beste Stütze gerade für die Geisteswissenschaft. Man muß nur die Sache in der rechten Weise anfassen.

[ 39 ] Wenn wir heute irgendein Buch in die Hand nehmen, in dem sich ein materialistisch gesinnter Mensch so halb psychologisch, also seelenkundlich, halb leibeskundlich ausspricht, so finden wir das Folgende. Diese Leute suchen, wie der Mensch vorstellt, sich dadurch zu vergegenwärtigen, daß sie den Denkapparat — Nervenleben, Gehirnleben — aufzeigen. Sie untersuchen den Denkapparat und können dann wirklich zeigen, daß, wenn in uns irgendeine Vorstellung Platz greift, ein Gehirnvorgang geschieht. Sie sagen also: Seht ihr, wir können euch nachweisen, daß ohne einen Gehirnvorgang ein Gedanke, eine Vorstellung gar nicht gefaßt werden könnte; was wollt ihr also mit einer selbständigen Seele? Es ist doch nur der Denkapparat vorhanden!

[ 40 ] Aber sie kommen noch zu etwas anderem, diese matenalistisch gesinnten Leute. Sehen Sie sich die gebräuchlichen Lehrbücher durch, so werden Sie finden: Dahin kommen diese Leute, den Denkapparat aufzuzeigen und alles Denken und Vorstellen in Verbindung zu bringen mit den mechanischen Vorgängen im Gehirn und Nervensystem; aber sie müssen ableugnen Gefühl und Wille. Gefühl und Wille kann nicht erklärt werden durch körperliche Vorgänge. Daher wird dies einfach ausgeschaltet. Und Sie können heute, wenn Sie die Bücher aufschlagen, überall finden: Die Menschen haben zwar aus ihren Vorurteilen auch einen Willen angenommen und ein Gefühl angenommen, aber das ist eigentlich ein Nichts, das ist gar nicht vorhanden.

[ 41 ] Also macht der Naturforscher gerade halt vor Gefühl und Wille. Indem wir nun wissen, daß sich die Gedanken mit unserem Ätherleib von uns absondern, erklärt sich uns, daß dieses Abgesonderte, das mit unserem Ätherleib aus uns herausgeht, auch hier auf der Erde an unserem Äußeren arbeitet, den Denkapparat sich erst herrichtet, und wenn der Denkapparat geformt ist, dann kommt das Denken mit Hilfe des vom Denken selbst geformten Denkapparates. Gefühl und Wille bleiben uns im Astralleib und im Ich. Die tragen wir in die geistige Welt. Nicht eine Wissenschaft zwingt zum Materialismus, im Gegenteil, die wirkliche heutige Wissenschaft rechtfertigt überall unsere Geisteswissenschaft. Der heutige Materialismus ist durchaus abhängig davon, daß die Leute keinen Trieb haben zu dem geistigen Leben, daß sie keinen Sinn haben wollen für geistiges Leben. Auch das Verständnis brauchte nicht zu fehlen. Denn wirklich, wenn man sich einläßt auf das, was der Geistesforscher aus der geistigen Welt heraus zu geben vermag selbst für solche Kapitel, wie wir sie heute vor unsere Seele haben treten lassen für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt: verstanden werden kann es schon, man braucht nur ein feineres, subtileres Verständnis, als das grobe Verständnis ist, das der heutige Mensch für die äußere Welt vielfach anwenden will. Aber wir leben auch in einer Zeit, in der eben der Materialismus zu seiner Hochflut gekommen ist. Der Geistesforscher kann sogar genau angeben, daß das Jahr, in dem der Materialismus zu einer Hochflut gekommen ist, das Jahr 1840/41 etwa ist. Seit der Zeit ist er sogar schon wiederum etwas im Abflauen; aber die Nachwirkungen sind natürlich große. Aber dieser Materialismus, was bedeutet er für die Auffassung des physischen Menschenlebens? Gerade die scharfsinnigsten Geister der Gegenwart führen den Menschen in eine ungeheuer zu betrauernde Irre hinein unter dem Einfluß des Matertalismus.

[ 42 ] Da ist ein wirklich ganz scharfsinniger Mann, Kriminalanthropologe ist er seinem Fache nach. Er hat viele Verbrechergehirne untersucht. Er hat zuerst einen berühmten, bedeutenden Satz über Verbrechergehirne gefunden, den Satz, daß bei dem Verbrechergehirn zumeist — bei der weitaus größten Anzahl der Fälle- der hintere Hirnlappen, der das Kleingehirn bedeckt, zu klein ausgebildet ist, wie es beim Affen auch der Fall ist. Der Affe ist gerade dadurch ausgezeichnet, daß er auch einen kleinen Hinterhauptslappen hat. Das war natürlich ein gefundenes Fressen, indem man sagen konnte: Aha, das ist ein Rückfall in die Affennatur, wenn der Mensch verbrecherisch ist; er wird geboren mit einem zu kleinen Hinterhauptslappen!

[ 43 ] Aber denken Sie, was das für das sittliche Leben für eine ungeheure Bedeutung haben muß, wenn einer nur zugeben will, daß der Mensch einen physischen Leib hat. Der muß dann sagen: Was redet ihr da alles von Verantwortlichkeit, was redet ihr davon, daß ihr den Menschen sittlich bessern wollt durch diese oder jene Erziehung? Das ist ja alles Unsinn: Diejenigen, die geboren werden mit einem zu kleinen Hinterhauptslappen, der während dieses Lebens selbstverständlich nicht über das Kleingehirn wachsen kann, die werden Verbrecher; mit Notwendigkeit werden die Verbrecher. Und wäre der Materialismus wahr, so müßte auch dieses wahr sein: Wir hängen dann die Menschen nicht aus dem Grund, weil sie einen anderen ermordet haben, sondern weil sie zu kleine Hinterhauptslappen haben! Man müßte das nur auch gestehen: Wir können gar nicht in der Welt leben, wenn wir solches nicht gestehen würden. Materialistisch in diesem Sinne kann man gar nicht sein, wenn man nicht zugeben würde: Man hängt die Leute, weil sie zu kleine Hinterhauptslappen haben. — Etwas anderes würde nur eine Verhüllung der Wahrheit sein.

[ 44 ] Aber ist es die Wahrheit? Wir müssen in dem Sinne, wie wir das heute getan haben, von dem Ätherleib sprechen, daß der auch noch vorhanden ist, von jenem Ätherleib, der nach dem Tode sich sogar vergrößert und in den allgemeinen Weltenäther sich einwebt. Wenn wir nun den jungen Menschen bekommen, der einen zu kleinen Hinterhauptslappen hat, so können wir den zwar nicht wachsen lassen, das wird keine physische Wissenschaft jemals zustande bringen, aber wir können die Erziehung in der entsprechenden Weise einrichten, indem wir uns sagen: Da ist auch ein Ätherleib vorhanden, und ein Teil des Ätherleibes, der dem Hinterhauptslappen entspricht, und wir bilden durch entsprechende Erziehung den Ätherleib des Hinterhauptslappens gerade aus, und der ist ebenso wirksam im Leben, vielleicht sogar in gewissem Sinne wirksamer als der physische Hinterhauptslappen, weil er eine gewisse Kraft überwinden muß. Und jener Trost quillt uns dann aus unserer Erkenntnis, daß die physische Gestaltung unseres Hinterhauptslappens es nicht ausmacht, sondern daß wir bei demjenigen Menschen, dessen Hinterhauptslappen zu klein ist, den Ätherlappen dann entsprechend ausbilden können dadurch, daß wir diese oder jene Gefühle in ihm hervorrufen, wenn wir bemerken, daß er diese oder jene Anlage hat zum Unrecht-Tun. Dann werden wir ihn retten können.

[ 45 ] Sehen Sie, das ist die Wahrheit. Das ist die moralische Seite der Geisteswissenschaft! Die ist eben auch vorhanden. Trostlosigkeit und Öde namentlich in moralisch-sittlicher Beziehung, wenn man nur wahr sein wollte, würde man hervorgehen sehen aus der materialistischen Weltanschauung. Trostvolle Möglichkeit, tätig einzugreifen in das, was die Menschen werden, kann man hervorgehen sehen aus demjenigen, was uns die spirituelle Wissenschaft geben kann. Wenn wir nur im richtigen Augenblicke gewisse Anlagen bei einem Rinde bemerken, die zu verbrecherischen Handlungen führen könnten, so können wir durch eine gewisse Art der Erziehung besonders das ausbilden, was auf diesen Hinterhauptslappen im Äther besonders stark wirkt, und damit in den Menschen die Kraft hineinweben, die nun mit ihm zwischen dem Tod und einer neuen Geburt weiterlebt und gerade auch im Physischen in der nächsten Inkarnation den Hinterhauptslappen besonders gut ausbildet. Nicht nur, daß wir ihm für diese Inkarnation helfen; wir setzen auch die Anlage für ein besonders gut entwickeltes Gehirn, die er dann tragen kann durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zur Aufnahme in seiner nächsten leiblichen Inkarnation.

[ 46 ] So stellt uns nun praktisch Geisteswissenschaft in das Leben hinein. Nur wird sie tun müssen, was hinausgeht über das, was man heute tut. Heute denkt man noch viel zu sehr, daß man mit Geisteswissenschaft genügend getan habe, wenn man eine Weile zugehört hat, und wenn man glaubt, sie habe günstig, erhebend auf unsere Seele gewirkt. Das ist nicht genug! Geisteswissenschaft muß in alle Lebenszweige hineingehen in der praktischen Betätigung. In allen Lebenszweigen müssen sich die Früchte der Geisteswissenschaft zeigen. Die Pädagogik, die heute ganz besonders trostlos ist, weil man da nur ausgeht von dem, weil man nur glaubt an das, was der Mensch physisch hat, die muß ganz besonders befruchtet werden von Geisteswissenschaft.

[ 47 ] Heute kann es noch viele Menschen geben, die sagen: Ihr könnt uns ja gut erzählen von Geisteswissenschaft, aber warum sollen wir denn glauben an das, was ihr uns da erzählt? Das können wir ja doch selber nicht sehen. Höchstens könnte es derjenige sehen, der in einer gewissen Weise den Weg in die geistigen Welten findet, wie das dargestellt ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». — Wenn man sagt: Ich will vor allen Dingen etwas praktisch sehen — und dabei denkt, auf diese Weise das Geistige in die physische Welt hereinzutragen, äußerlich den Geist so zu schauen, wie man das Physische sieht, weil man zu bequem ist, den Geist auf geistige Weise zu suchen, so ist das ein ganz egoistischer Gesichtspunkt. Und wenn der Materialismus heute mit dem Egoismus zusammenhängt — Weltanschauung ist er ja! —, so ist der materialistische Spiritismus noch viel egoistischer. Denn der Materialismus geht wenigstens bloß darauf hinaus, gelten zu lassen nur die physische Welt und diese physische Welt dann auch zu befriedigen. Der Spiritismus möchte aber für die geistige Welt erstens einmal ein sinnliches Anschauen, und zweitens, möchte ich sagen fortwährend Befriedigung haben, und die eben auch auf eine physische Art. Aber in seiner Unklarheit stellt er sich diese physische Art doch als das Geistige vor, kurz, er möchte in der physischen Welt bleiben und doch ein Geistiges haben! Es ist eigentlich jammervoll, daß diejenige Steigerung unseres Materialismus möglich geworden ist, die in dem landläufigen, besonders in Amerika blühenden Spiritismus zutage tritt; denn da ist die Tendenz, das Geistige zu vergröbern, das Geistige und die geistigen Vorgänge materiell vorzustellen.

[ 48 ] Aber es gibt viele andere Wege, dasjenige, was auf dem physischen Plan ist, als einen Abdruck der geistigen Welt zu erkennen. Und einer der Wege — es können natürlich jetzt nicht alle aufgeführt werden — ist der, daß man das Geistige sucht da, wo es wirkt, zum Beispiel in den Kindern, wo es sich eben entwickeln soll. Und da muß die Pädagogik befruchtet werden. Die Pädagogik wird nur auf einen grünen Zweig kommen, wenn die Menschen dahin gelangen, eine Empfindung, ein Gefühl für das Geistige zu entwickeln, so daß der Lehrer nicht nur nach allerlei Anleitungen Pädagogik treibt, sondern vor allen Dingen davon ausgeht, die werdende Individualität zu beobachten, zu sehen, was sich aus ihr herausentwickeln will. Das muß errungen werden, richtigerrungen werden! Und es ist gut, wenn wir uns, damit wir an dieses Erringen glauben können, aufmerksam machen darauf, daß der Mensch in der Gegenwart eigentlich furchtbar kurzsichtig ist. Er glaubt, daß man es herrlich weit gebracht habe in unserer Zeit, daß man endlich alle die Kindereien früherer Jahrhunderte abgestreift hat. Es ist aber nicht wahr, daß man Vorurteile abgestreift hat. Man hat nur abstreifen müssen — um den physischen Plan deutlich zu sehen und Freiheit zu erlangen — das alte atavistische Hellsehen, und das ist in seinen letzten Ausläufern vor noch nicht so langer Zeit abgestreift worden. Ich konnte vorgestern zu unseren lieben Freunden in Hamburg von einem besonderen Beispiel dieses Hellsehens sprechen. Wenn man Gelegenheit hätte, hier herumzugehen, würde man vielleicht auch ein solches Beispiel finden können. Ich will Ihnen aber das Hamburger Beispiel erzählen; Sie können vielleicht für Kassel ein ähnliches selber suchen.

[ 49 ] Wenn der Sündenfall im Paradiese, jenes gewaltige Bild, das dasteht in der Bibel für die luziferische Verführung des Menschen, heute vom Maler dargestellt wird, so werden Adam und Eva und die Schlange realistisch dargestellt, mit dem gewöhnlichen Schlangenkopf. Nun wissen wir aus unserer Geisteswissenschaft, daß diese Schlange Luzifer ist. Die physische Schlange auf der Erde kann höchstens eine Art Symbolum für Luzifer sein, aber diese physische Schlange ist nicht der Luzifer, auch die große Schlange, die man sich ringeln läßt um einen Baum, und die oben einen gewöhnlichen, gemeinen Schlangenkopf hat, ist kein Luzifer. Luzifer ist ein Wesen, das auf dem Mondensein stehengeblieben ist, ein Wesen, das man natürlich nicht sinnlich sehen kann. Auf dem Monde hat man ja nicht so sinnlich gesehen; erst die Erde hat dieses Sinnliche hervorgebracht. Die Erdenschlange sieht man mit den Sinnen. Luzifer kann man natürlich nicht sinnlich sehen, er muß innerlich geschaut werden. Wenn man innerlich schaut, so ist das ein inneres Spüren. Und man spürt: Aha, das ist derjenige, der in seinem oberen Teile Ähnlichkeit hat mit dem menschlichen Kopf; er hat ja die Augen herausgetrieben: «Eure Augen werden aufgetan werden, ihr werdet sehend werden», er ist im Kopfe drinnen und füllt noch das Nervensystem aus bis in das Rückenmark hinunter, — ein Menschenkopf, der sich fortsetzt in dem Schlangenkörper, aber das alles nur ätherisch gedacht. Er müßte also wahrgenommen werden von innen. Wenn man den Luzifer malt, müßte man, wenn man nach der Bibel malen wollte, das Ätherische für das Rückenmark malen, und oben etwas, was auch noch ätherisch ist, was noch nicht physisch ist, den Menschenkopf. Das würde, ins Bild gefaßt, die Lehre sein von dem, was wir heute haben.

[ 50 ] In Hamburg sieht man biblische Bilder von dem Meister Bertram, und so, wie ich es jetzt beschrieben habe, den Sündenfall: Nicht eine gewöhnliche Schlange, sondern eine Schlange mit der gewöhnlichen Gestalt, aber mit einem Menschenkopf. Im 14., 15. Jahrhundert, in der Mitte des Mittelalters, da malte der Maler so, das heißt, man wußte es dazumal noch. Da haben Sie es doch greifbar erwiesen, wie es um die Sache steht! Der Maler ist nicht hingegangen und hat eine gewöhnliche Schlange gemalt, sondern dazumal konnte man das noch, weil noch atavistisches Hellsehen vorhanden war. Erst seit ein paar Jahrhunderten ist dieses vollständig verschwunden, und es muß wieder errungen werden. Es kann auf keine andere Weise errungen werden als dadurch, daß wir uns vorbereiten, durch die Geisteswissenschaft die geistige Welt wiederum zu verstehen.

[ 51 ] Derjenige, der daher mit voller Seele und mit vollem Herzen bei unserer Geisteswissenschaft ist, nimmt sie so, daß er sieht: Es ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit, daß die Menschen verstehen lernen, was in der geistigen Welt ist, um dadurch sich wiederum vorzubereiten, auch wieder hineinschauen zu können in die geistige Welt, in dasjenige, was mitwirkt innerhalb der Welt, die um uns herum ist. Wie anders werden wir als Menschen durch die Welt gehen, wenn wir wissen: Nicht nur Luft umgibt uns, sondern diese Luft ist durchdrungen vom Webenden nicht nur der sichtbaren Welt — das Licht ist ja auch sonst nicht sichtbar, sondern Farben sind sichtbar —, sondern in dem Lichte weben die toten Ätherleiber. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft werden sich in schöner Weise verbinden, nur wird Geisteswissenschaft für alle Menschen da sein, da sie allen Menschen etwas bringen wird.

[ 52 ] Ich glaube, es ist in unserer Zeit ganz besonders notwendig, daß wir eindringlich uns verpflichtet fühlen, recht oft solche Wahrheiten wie diejenigen, die wir heute haben erfahren können für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in unsere Meditation hereintreten zu lassen. Auch das ist ein guter Meditationsstoff, wenn wir den Anfang des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, diese Leerheit, die uns unseren Platz anweist in der Welt, diese Anweisung der Ätherwelt, das Hineinverwobenwerden unseres eigenen Ätherleibes in die Ätherwelt, wenn wir das recht oft meditierend vor unsere Seele treten lassen. Dadurch wird das, was in uns lebt, angeregt, um immer mehr und mehr hineinzuwachsen in das unmittelbare Erleben der geistigen Welt. Und das hat schon die Menschheit in der Gegenwart notwendig. Man könnte fühlen, wenn man die Zeitereignisse betrachtet, wie notwendig dieses Hineinleben in die geistige Welt für die Gegenwartsmenschheit ist. Die gegenwärtige Prüfungszeit wird nur in der richtigen Weise durchgemacht werden können, wenn eine Anzahl von Menschen es treu und menschlich hingebend empfinden kann, was in der Geisteswissenschaft lebt und wie diese Geisteswissenschaft die menschliche Zukunft vorbereiten muß.

[ 53 ] Ernst sind schon diese Zeichen der Zeit, und der Ernst enthüllt sich, wenn wir gerade über mancherlei nachdenken, was uns so naheliegt. Denken Sie doch, wir sprechen von dem, was unseren Weg durchziehen soll mit einem ernsten Grundsatze: Aufsuchen das Gleiche in allen Menschenseelen und durch alle Nationen und Rassen hindurch. Wir betrachten mit Recht dies als ein hohes Ideal der Menschheit, aber wir dürfen uns nicht verhehlen, welchen ungeheuren Kontrast das Leben des gegenwärtigen Europa zu diesem Ideal bilder. Können wir denn sagen, daß die europäische Menschheit heute irgendwie in dem, was sie ausspricht, diesem Ideal auch nur im entferntesten nahesteht? Wie weit steht sie von ihm entfernt! Und dürfen wir denn — dürfen, sage ich — dieses Ideal als eines betrachten, das wir so unmittelbar heute anwenden dürfen? Sind wir denn nicht als Deutsche selbst verpflichtet, damit wir uns nichts vormachen, uns klar zu sein darüber, daß wir durch die europäischen Verhältnisse gar nicht im entferntesten denken können an die Realisierung eines solchen Ideales? Die uns spezifisch als Deutsche auferlegte Mission würden wir ganz schlecht erfüllen, wenn wir in allgemeinen verschwommenen Idealen heute einfach aufgehen würden. Die Zeit verpflichtet uns, das Spezifische unseres mitteleuropäischen Wesens zu entfalten. Und mit dem dürfen wir schon zusammenhängend betrachten das Karma, das uns, ich möchte sagen im Speziellen zugewachsen ist.

[ 54 ] Denken Sie doch einmal, daß wir, wenn Sie die Weltenereignisse heute betrachten, nicht ganz schlecht im Sinne dieser großen Weltenereignisse geführt worden sind. Das Karma hat es mit sich gebracht, daß unsere Bewegung zuerst der allgemeinen theosophischen Bewegung angehört hat. Lange bevor dieser Krieg gezeigt hat, was er heute den Deutschen zeigen kann, hat sich unsere deutsche Bewegung vollständig getrennt, herausgegliedert aus der theosophischen und hat betont, wie notwendig es ist, daß gerade aus deutscher Volkssubstanz heraus uns diejenige spirituelle Bewegung erwächst, die uns tragen kann und die auch die andere Welt wird tragen müssen. Wir können sagen, wir haben als anthroposophische Bewegung besonders den englischen Haß schon jahrelang vorher auf unserem speziellen Felde gespürt. Er hat sich jetzt nur vergrößert, denn man kann dort nicht schweigen; was in den letzteren Zeiten geschrieben worden ist von seiten der sogenannten englischen Theosophen über uns, das übersteigt alles menschlich irgendwie noch zu Entschuldigende. Also wir dürfen schon sagen, daß wir, wenn wir den Gang unserer Bewegung überblicken, unser Karma auch so durch unsere Bewegung laufend finden, daß es in voller Übereinstimmung ist mit dem, was uns auch heute die große Bewegung in der Welt anzeigt. Daß uns unser Karma früh genug zum selbständigen Betonen des deutschen Geisteslebens geführt hat, dürfen wir allerdings in aller Bescheidenheit als uns günstiges Karma hinstellen, und daß Anthroposophie ihren Mittelpunkt im deutschen Geistesleben gefunden hat, dürfen wir als eine Art von leuchtendem Morgenstern für unsere karmischen Strömungen betrachten. Und da, möchte ich sagen, die Vorzeichen für das, was draußen in der Welt sich abspielt, sich schon bei uns viel früher gezeigt haben, so können wir auch aus dieser einzelnen Tatsache heraus schon den Glauben ableiten, daß in unserer Bewegung etwas ist von einer Kraft für die allgemeine große Menschheitsbewegung.

[ 55 ] Lernen wir, meine lieben Freunde, der in unserer Bewegung ruhenden spirituellen Kraft vertrauen, daß sie zu dem Besten gehört, dem unsere Seele überhaupt anhängen kann. Lernen wir die ganze Schwere und die ganze Bedeutung des Gedankens und der Empfindung und des Willensimpulses durchleben, die ganze Schwere und die ganze Bedeutung von dem, was es heißt: Es muß einzelne Seelen geben, die da verstehen gegenüber den großen Anforderungen unserer Zeit, wie zusammenwirken müssen die geistigen Impulse mit dem, was sich in der zukünftigen Geschichte hier auf der Erde abspielen muß. Lernen wir verstehen, nicht bloß im abstrakten, auch im konkreten Sinne, was die unzähligen Tode, die jetzt über die Erde fluten, zu bedeuten haben. Lernen wir verstehen, wie treu unsere Seelen zu unserer Bewegung halten müssen, damit es Menschen gibt, die hinaufblicken können in rechter Weise in die Sphäre, wo auch die Ätherleiber und die Individualitäten, die die Opfer dargebracht haben für unsere Zeit auf dem großen historischen Felde, weiter wirken werden und zusammen wirken werden mit denjenigen, die später in Friedenszeiten die Erde begehen werden. Lernen wir verstehen, was es heißt, den richtigen Sinn dafür zu finden, daß eine Geistigkeit eben auch dasjenige durchdringt, was heute auf dem physischen Plan sich vollzieht, daß die Bekenner der Geisteswissenschaft dazu da sind, ihren Sinn hinaufzuwenden zu dem, was geistig entsteht aus Mut und Opfer unserer Zeit. Lernen wir im richtigen Sinne verstehen die Worte, mit denen wir unsere Betrachtungen schließen wollen:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassner,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.