Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten
GA 168
16 February 1916, Hamburg
1. Das Leben zwischen Tod und neuer Geburt
[ 1 ] Es ist unser Bestreben, erkennend, soweit es möglich ist, einzudringen in diejenigen Welten, welche der gewöhnlichen sinnenfälligen, verstandesmäßigen Erkenntnis, die an den physischen Plan gebunden ist, verschlossen sind. Wir sind ja gewohnt worden zu denken im Laufe der Jahre, daß der Mensch in dem Leben, in dem er innerhalb seines physischen Leibes eingeschlossen ist, in einer Welt steht, die nur ein geringer Teil der gesamten wirklichen Welt ist. Wir können, da wir so selten zusammenkommen, gerade bei diesen Zusammenkünften nicht alles, ich möchte sagen aus den Fundamenten heraus erklären. Bei unseren sonstigen Versammlungen und aus unseren Schriften muß sich erkennen lassen, daß die Dinge wohlbegründet sind, die ausgesprochen werden bei denjenigen Zusammenkünften, die wir nur seltener haben können. Denn es darf unser Bedürfnis sein, gerade bei solchen Zusammenkünften Wichtiges und Wesentliches über die eben angedeutete, größere wirkliche Welt, die die physische Welt und die geistige Welt umfaßt, erkennen zu lernen.
[ 2 ] Seit wir das letzte Mal uns hier getroffen haben, ist ja auch innerhalb der Kreise, in welchen unsere Geisteswissenschaft gepflegt wird, mancherlei geschehen. Eine größere Anzahl lieber Freunde sind durch die Pforte des Todes gegangen. Auch seit dem Beginne dieser schweren Kriegszeit sind Freunde durch die Pforte des Todes gegangen, die unmittelbar teilnehmen müssen an den großen Ereignissen. Das heißt, wir sind selbst auch innerhalb unseres Kreises von der großen geistigen Welt insofern berührt worden, als Seelen, die innerhalb unserer Reihen waren, nach Ablegung ihres Leibes diese geistige Welt betreten haben. Es liegt in der Gesinnung, welche aus unserer Geisteswissenschaft erfließt, daß für uns die Seelen, die also den physischen Plan verlassen haben, die von einer anderen Welt aufgenommen worden sind, uns verbunden bleiben, wie sie uns verbunden waren, während sie noch durch physische Augen uns anblickten, durch die Mittel des physischen Leibes zu uns sprechen konnten.
[ 3 ] Gerade wenn man sich der Welt nähert, die unsere Toten aufnimmt, dann lernt man in solchen Momenten, in denen man den Seelen der sogenannten Verstorbenen nahetritt, alles Erschütternde kennen, das schon einmal auf unsere Seele sich entladen muß, wenn diese Seele versucht, hinüberzublicken über jene Schwelle, die uns trennt von der geistigen Welt, und einzutreten in die Welt, die nur geschaut werden kann im entkörperten Zustand der Seele. Und Sie werden es vielleicht begreiflich finden, daß aus mancherlei Empfindungen heraus, die gerade durch meine eigene Seele gezogen sind im Laufe des Jahres, seit wir uns gesehen haben, daß aus solchen Empfindungen heraus manches Wort getönt wird, das wir heute miteinander zu sprechen haben.
[ 4 ] Ich habe gerade im letzten Jahre öfter zu unseren Freunden auszusprechen gehabt, daß das rechte Vertrauen desjenigen, der in die Bedingungen des Daseins hineinsieht, doch eigentlich erst erwachsen kann, wenn man weiß, daß diejenigen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und hier treu mitarbeitende Seelen waren, dieses bleiben, so daß wir ganz gewiß für unsere Arbeit diejenigen Seelen nicht verlieren, die Verständnis für unsere Sache gewonnen haben, da sie mit uns verbunden waren hier, bevor sie durch die Pforte des Todes gegangen sind. Und unter solchen Seelen sind so treue Mitarbeiter, daß wir sagen können: Wenn manchmal die Gegnerschaft und das Unverständnis hier in der physischen Welt gerade unserer Sache gegenüber so groß ist und immer größer wird, wie wir es bemerken können, so dürfen wir doch an das Einleben unserer Sache in den Entwickelungsgang der Menschheit glauben, weil wir diesen Glauben gewinnen können durch die Verbindung mit den entkörperten Seelen, die Verständnis gewonnen haben für die ganze Bedeutung, die unsere Sache für diesen Entwickelungsgang der Menschheit hat.
[ 5 ] Allerdings gerade dann, wenn der Mensch durch die geöffnete Seele herantritt an die Welt, in der die sogenannten Toten sind — man kann so schon sprechen, wenn es selbstverständlich auch die gesamte geistige Welt ist, in der die Toten sind —, gerade wenn der Mensch heranzutreten vermag, ich möchte sagen wie ein Besucher, wie ein Begleiter der Toten an die geistige Welt, dann lernt er immer mehr kennen das, was auch hier schon betont worden ist: daß wirklich die Begriffe, die Vorstellungen, die Ideen, die wir uns über die Welt machen und die wir uns deshalb so machen, weil wir im physischen Leibe sind, daß diese Vorstellungen und Ideen vielfach verändert werden müssen, biegsam gemacht werden müssen, damit sie auch dasjenige umfassen können, was die Geheimnisse des geistigen Daseins sind. Der heutige Mensch ist sehr, sehr angepaßt an das bloß materielle Schauen seiner Umgebung, und er bildete sich deshalb auch die Vorstellungen nach diesem bloß materiellen Schauen. Dadurch wird es ihm vor allen Dingen schwierig, in die geistigen Welten auch nur mit der Vorstellung einzudringen. Gar viele glauben, man könne nicht ein Verständnis der geistigen Welten gewinnen, wenn man noch nicht hineinschauen kann. Sie glauben es aber nur aus dem Grunde, weil sie ihre Ideen starr und tot gemacht haben dadurch, daß sie sich zu stark gewöhnt haben, nur an die physische Welt zu denken.
[ 6 ] Nachdem ich dies vorausgeschickt habe, möchte ich gerade einiges von dem heute zu Ihnen sprechen, was mit dem Leben der sogenannten Toten zusammenhängt. Wir wissen, daß wir betrachten müssen und beachten müssen, wenn wir das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ins Auge fassen wollen, wie der Mensch sich aus den vier Gliedern, die wir ja gut kennen — physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich — zusammensetzt. Wenn wir zunächst die äußerlichste, noch von dem physischen Plane her sichtbare Tatsache des Todes ins Auge fassen, so ist es diese, daß der Mensch seinen physischen Leib ablegt. Wir brauchen nicht einzugehen auf die verschiedene Art, in der nun dieser physische Leib, sei es durch Verbrennung, sei es durch Verwesung — beides ist im Grunde genommen nur durch die Zeit verschieden, in der es geschieht —, sich mit dem Erdendasein vereint. Aber schon wenn wir diese Tatsache, daß der physische Leib von dem gesamten Wesen des Menschen abfällt im Tode und sich mit der Erde, wie man sagt vereinigt— wenn man bloß diese Tatsache betrachtet in ihrer Bedeutung für den physischen Plan, so ist sie eigentlich in einer recht unvollkommenen Weise ins Auge gefaßt. Sie ist sogar oftmals in einer recht unvollkommenen Weise ins Auge gefaßt von geisteswissenschaftlichen Richtungen, die bis zu einem gewissen Grade hineinblicken in geistige Gebiete. Diese lassen sich noch beirren durch allerlei moralische Vorstellungen, die aber in vieler Beziehung gerade ungeeignet sind, das Hereinragen des Geistigen in die physische Welt in der richtigen Art zu verstehen.
[ 7 ] Alle physischen Ereignisse haben auch ihre geistigen Bedeutungen. Es gibt kein physisches Ereignis, das nicht auch eine geistige Bedeutung hätte. Also das physische Ereignis ist, daß unser physischer Leib von uns abfällt, gleichsam in seine Teile, in seine Moleküle, in seine Atome zersplittert wird und der Erde übergeben wird. Nun ist es ein großes Vorurteil der heutigen materialistischen Weltanschauung, die aber im Grunde genommen schon lange mehr oder weniger die Menschheit beherrscht, daß der menschliche Leib, wie wir ihn von der Geburt bis zum Tode tragen oder, sagen wir von der Empfängnis bis zum Tode, daß dieser menschliche Leib einfach in kleinste Teile, in Atome zerfällt, und daß diese Atome dann der Erde einverleibt werden oder dem Erdgebiete einverleibt werden und dann Atome bleiben und als Atome dann in andere Wesenheiten übergehen. Zu diesem Vorurteil kommt man leicht durch die heutige materialistische Anschauungsweise. Aber schon diese Vorstellungsweise ist eigentlich im Grunde genommen vor der Geisteswissenschaft nichts anderes als ein Unsinn. Denn Atome in dem Sinne, wie der Chemiker sie annimmt, gibt es in Wirklichkeit nicht. Dasjenige, was da aus den kleinsten Teilen unseres Leibes wird, gleichgültig wie wir mit der Erde als Leib vereinigt werden, das ist zuletzt Wärme. Es verwandelt sich im Grunde genommen in irgendeiner Weise in kürzerer oder längerer Zeit unser gesamter physischer Organismus zuletzt in Wärme.
[ 8 ] Deshalb sprechen wir auch von Wärme in der Geisteswissenschaft, wie bekannt ist, als von einem vierten Aggregatzustande, während die Physik die Wärme nicht gelten läßt als einen vierten Aggregatzustand, sondern sie nur als eine Eigenschaft der Körper betrachtet. Und diese Wärme ist es zunächst, welche wirklich der Erde gegeben wird. Sie wird der Erde mitgeteilt. Wir geben also von unserem physischen Leib aus unserer Erde Wärme. Es ist wirklich die in der Erde vorhandene Wärme innig zusammenhängend mit dem, was die Menschen zurücklassen von sich. In Luft, in Wasser und so weiter verwandelt sich der Mensch nicht. Das sind nur Übergangszustände, die er durchmacht. Was von ihm zu Luft und Wasser wird, wird zuletzt Wärme. Ja, wenn auch erst nach Jahrhunderten die letzten Reste des Materiellen in Wärme übergehen, wenn auch dasjenige, was Knochensystem ist, meinetwillen sogar erst nach Jahrtausenden in Wärme übergeht, es geht zuletzt in Wärme über. Und wenn Sie auch in die Museen gehen, jetzt uralte Skelette finden von Menschen, die in ganz vergangenen Zeiten die Erde betreten haben, einmal wird auch der Zeitpunkt kommen, wo das, was da heute in Skeletten vorhanden ist, nur noch Wärme innerhalb des Erdenkörpers ist. Daß überhaupt unser physischer Leib der Erde verbleibt, das hat für den, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, eine große, eine wesentliche Bedeutung. Er geht in die geistige Welt. Er läßt seinen Leib der Erde zurück. Das ist für den sogenannten Toten ein Erlebnis, eine Erfahrung. Er macht das durch: Dein Leib geht von dir weg. — Man muß sich vorstellen, daß das ein Erlebnis ist. Was ist das für ein Erlebnis? Nun, davon können Sie sich einen Begriff machen, wenn Sie die Erlebnisse auf dem physischen Plane nehmen. Ein Erlebnis ist es, sagen wir, wenn Sie irgendeine neue Empfindung, die Sie vorher nicht gehabt haben, erleben und sie verstehen lernen; da haben Sie etwas Ihrer Seele zuerteilt, was sie vorher nicht besessen hat, einen neuen Begriff, eine neue Vorstellung. Aber nun denken Sie sich solch ein kleines Erlebnis ins Große gesteigert. Es ist ein unendlich Gewaltiges, das der Mensch durchmacht, was ihm überhaupt die Möglichkeit gibt, zwischen Tod und Geburt zu sehen, zu denken, zu begreifen: daß er den Leib von sich ablegt, daß er ihn dem Planeten übergibt, den er verläßt. Es ist ein großes, ein gewaltiges Erlebnis, das sich mit keinem Erlebnis des Erdendaseins vergleichen läßt. Der Wert eines Erlebnisses besteht darinnen, daß wir etwas in der Seele haben, das zurückbleibt als Folge, als Konsequenz des Erlebnisses. So können wir die Frage aufwerfen: Was bleibt denn zurück als Folge, als Konsequenz dieses Erlebnisses des Hinweggehens des physischen Leibes von unserem gesamten Menschenwesen?
[ 9 ] Würden wir beim Durchgang durch die Todespforte dieses Erlebnis nicht haben können, das wir wissentlich mitmachen, das Weggehen unseres physischen Leibes, so würden wir nach dem Tode niemals ein Ich-Bewußtsein entfalten können! Das Ich-Bewußtsein nach dem Tode wird angeregt durch dieses Erleben des Hinweggehens des physischen Leibes. Für den Toten ist es von größter Bedeutung: Ich sehe meinen physischen Leib von mir hinwegschwinden. — Und das andere: Ich sehe aus diesem Ereignis heraus in mir selber die Empfindung erwachsen: Ich bin ein Ich. — Man kann das paradoxe Wort aussprechen: Könnten wir unseren Tod nicht erleben von der anderen Seite, würden wir nach dem Tode nicht ein Ich-Bewußtsein haben können. — So wahr die Menschenseele, wenn sie durch die Geburt oder auch schon durch die Empfängnis ins Dasein tritt, sich nach und nach dem Gebrauche des physischen Apparates anpaßt und dadurch das Ich-Bewußtsein im Leibe gewinnt, so wahr gewinnt das Menschenwesen das Ich-Bewußtsein nach dem Tode von der anderen Seite des Daseins dadurch, daß es das Abfallen des physischen Leibes von dem Gesamtmenschen erlebt.
[ 10 ] Denken Sie nur einmal, was das eigentlich bedeutet. Wenn wir den Tod von dieser physischen Seite des Daseins ansehen, erscheint er uns als das Ende dieses Daseins, als dasjenige, was hinter sich für die physische Anschauung das Nichts hat. Von der anderen Seite angesehen, ist der Tod als solcher das Herrlichste, das immerzu vor des Menschen Seele stehen kann. Denn das bedeutet, daß der Mensch immer die Empfindung haben kann von dem Sieg des geistigen Daseins über das Leibliche. Und während wir hier im physischen Leben nicht immer die Vorstellung unserer Geburt vor uns haben können — kein Mensch hat die Vorstellung seiner Geburt, kein Mensch kann aus physischer Erfahrung heraus etwas über seine Geburt wissen —, so wenig wir also hier im physischen Leben auf unsere Geburt hinschauen können, so sicher haben wir immer, wenn wir voll bewußt werden nach dem Tode, unser Todesereignis unmittelbar vor uns. Aber nichts irgendwie Beklemmendes hat dieses Todesereignis, sondern dieses Todesereignis ist dort das größte, das herrlichste, das schönste Ereignis, das wir vor unserer Seele haben können. Denn es stellt uns immer dar die ganze Größe dieser Tatsache, daß von dem Tode das Bewußtsein, das Selbstbewußtsein herrührt in der geistigen Welt, daß der Tod der Anreger dieses Selbstbewußtseins in der geistigen Welt ist.
[ 11 ] Als zweites müssen wir das zweite Glied unseres Menschendaseins betrachten, den ätherischen Leib. Wir wissen aus den elementaren Darstellungen, die wir alle durchgemacht haben im Laufe unseres Zweiglebens, daß dieser Ätherleib uns noch eine verhältnismäßig kurze Zeit nach dem Tode erhalten bleibt, daß er aber dann auch abgelegt wird. Wir wissen auch, daß eine gewisse Bedeutung darinnen liegt, daß dieser ätherische Leib, so wie wir ihn hatten, nach dem Tode noch tagelang mit uns vereinigt bleibt.
[ 12 ] Solange wir diesen ätherischen Leib an uns tragen, nachdem wir den physischen Leib abgelegt haben, können wir noch immer alles dasjenige denken, was wir haben denken können während unseres physischen Daseins. Daher können wir alle Gedanken, die wir in uns tragen, wie in einem großen Tableau überblicken. Unsere Gedanken, die wir während des Lebens durchgemacht haben, erblicken wir in dem Lebenstableau, das Ihnen oft beschrieben worden ist. Wir haben unser ganzes Leben wie in einem Panorama vor uns in den Tagen, in denen wir den Ätherleib noch an uns tragen, und wir haben es vor uns in Gleichzeitigkeit, das heißt, wir erblicken alles auf einmal. Denn dasjenige, was wir hier in der physischen Welt Gedächtnis nennen, das entsteht zwar im Ätherleib, aber es ist an den physischen Leib gebunden. Diesen physischen Leib haben wir abgelegt. Wir schauen die Gedanken. Wir bringen sie nicht aus den Untergründen herauf, die mit dem physischen Leib etwas zu tun haben, wir schauen sie und überschauen wie in einem Panorama das Leben, das wir durchgemacht haben.
[ 13 ] Dann legen wir diesen ätherischen Leib ab. Aber dieser ätherische Leib, den wir da ablegen, er bleibt uns unser ganzes ferneres Leben nach dem Tode sichtbar. Er ist außen, aber er bleibt uns sichtbar. Er vereinigt sich mit dem gesamten Universum, aber dasjenige, was da mit ihm geschieht, das bleibt uns sichtbar, das schauen wir. Und das gehört zu den Geheimnissen des Todes, daß wir dasjenige, was wir in uns gehabt haben an Gedanken, als wir lebten, in einem Panorama schauen, solange wir den Ätherleib an uns tragen, daß wir das außer uns mit der Welt vereinigen, gewissermaßen der Welt einverwoben überschauen, daß das zu unserer Welt gehört, nicht zu unserem Ich nach dem Tode. Es ist wirklich das Erlebnis so, als ob dasjenige, was da als Ätherleib während des Lebens in uns webt und lebt, einfach sich hineinleben würde in die Ätherwelt draußen.
[ 14 ] Dann kommt die Zeit, wie Sie wissen, wo wir von dem, was wir hier auf dem physischen Plan an uns tragen, nur das Ich und den astralischen Leib haben, und selbstverständlich das Hinschauen auf dasjenige, was wir waren. Da erleben wir uns in einer ganz anderen Weise als hier im physischen Leib — mit einem erhöhten Bewußtsein, das der Tod in uns begründet hat. Aber wir dürfen uns niemals der Vorstellung hingeben, daß etwa dieses Leben zwischen Tod und neuer Geburt für die Seele unbewußt wäre. Es ist ein stärkeres, intensiveres Bewußtsein mit diesem Leben verbunden als das Bewußtsein hier im physischen Leibe, nur ist das Bewußtsein in einer ganz anderen Art ausgebildet. Und man kommt selbstverständlich dem, wie man sich den Toten vorzustellen hat, nur dadurch nahe, daß man all das zusammennimmt, was die Geisteswissenschaft geben kann, um die Vorstellungen umzuformen, die ja hier auf dem physischen Plane den rein physischen Gegenständen und Ereignissen angepaßt sind. So leben wir in unserem Ich und in unserem astralischen Leib. Unseren Ätherleib haben wir abgelegt. Er ist mit dem objektiven Dasein verbunden.
[ 15 ] Meine lieben Freunde, wohl ein erschütterndes Erlebnis ist es für den, der die geistige Welt betritt, um die Toten, mit denen man in Berührung kommen kann, zu besuchen, zu begleiten, nun nicht allein das individuelle Leben des Toten zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, sondern auch dasjenige zu verfolgen, auf das der Tote hinschaut, was sich von ihm als sein Ätherleib einverwoben hat in die Welt, die jetzt für ihn eine Außenwelt, eine objektive Welt ist, also dasjenige zu beobachten, was der Tote jetzt eben der Ätherwelt gegeben hat. Und so ist es schon, daß man in einer gewissen Weise in einer zweifachen Art den Toten erleben kann. Man kann dasjenige von ihm erleben, was er der Ätherwelt übergeben hat, man kann dasjenige von ihm erleben, worinnen sein Bewußtsein nach dem Tode sitzt.
[ 16 ] Ich sage, erschütternd ist auch das erste In-Berührung-Treten mit demjenigen, was der Tote der Ätherwelt zurückgelassen hat, erschütternd ist dieses selbst dann, wenn man nicht in Verbindung kommen könnte mit demjenigen Wesen, das zwischen dem Tod und einer neuen Geburt fortlebt und das Bewußtsein und Selbstbewußtsein des Toten trägt, sondern mit dem, was er zurückgelassen hat. Selbst dann trägt eine diesbezügliche Erfahrung all das tief, tief die Seele Angreifende, das überhaupt die Berührung mit der geistigen Welt hat.
[ 17 ] Und zu diesem Erschütternden gehört vor allen Dingen die wirkliche, lebendige Erfahrung, daß solches Geistige, wie das eben angedeutete, also solches Geistige, das ätherisch Geistiges ist, das zurückbleibt von dem Toten, daß das eigentlich fortwährend um uns herum ist. So wahr als wir in der Luft leben, die uns überall umgibt, so wahr umgibt uns die Welt, in der das zurückbleibt, was der Tote als seine Ätherwelt zurückläßt. In der Welt, in der wir drinnenstehen auch mit unseren physischen Leibern, ist auch dieses Geistige, von dem ich jetzt spreche. So wahr Luft um uns herum ist, so wahr ist um uns herum dasjenige, was die Toten zurücklassen. Nur durch Bewußtseinszustände sind wir getrennt von den geistigen Welten; nicht durch Raumesverhältnisse, durch Bewußtseinszustände sind wir getrennt.
[ 18 ] Nehmen Sie einmal einen Menschen, der sich bemüht, Seelenübungen zu machen. Ich betone ausdrücklich, solche Seelenübungen müssen in aller Ruhe der Seele gemacht werden. Wer irgendwie aufgeregt wird durch die Seelenübungen, der schadet sich. Wenn Seelenübungen in der Art gemacht werden, wie hier von ihnen gesprochen wird und wie in unserer Literatur von ihnen gesprochen wird, so daß sie wirklich Seelenübungen sind und das leibliche Dasein an ihnen nicht teilnimmt, dann können sie niemals auch im geringsten Maße den Menschen schaden, auch nicht seelischen Schaden bringen. Aber wir würden ja in das wirkliche Geisteswissen gar nicht hineingelangen, wenn wir nicht auch ab und zu immer solche Dinge andeuten könnten.
[ 19 ] Nehmen Sie an, ein Mensch macht etwa die folgende Übung. Er sagt sich: Ich sehe mit meinen Augen Farben: Rot, Blau und so weiter. — Und nun ginge er über dazu, etwas in einem gewissen Sinne Lebendiges mit dem Rot, Blau, Grün und so weiter zu erleben. Man kommt ja allmählich darauf, daß man als Mensch in der physischen Welt, insbesondere in unserer heutigen materialistischen Zeit, in einer sehr groben Weise drinnensteht, daß man nicht eingeht auf das Feinere, das man erleben kann. Dieses Feinere erlebt man, wenn man auf den mehr seelischen Eindruck achtet, den Farben, es können aber auch andere Sinneseindrücke sein, auf uns machen. Natürlich weiß jeder auch im Groben: Wenn er eine blaue Fläche auf sich wirken läßt, so wirkt sie anders, als wenn er eine rote Fläche auf sich wirken läßt. Eine rote Fläche hat für den, der, ohne nervös dabei zu werden — ich betone das ausdrücklich —, empfindet, etwas Attackierendes, etwas gewissermaßen aus seiner Fläche Herausgehendes, uns Angreifendes. Aus dem Rot kommt immer etwas uns entgegen. Das Blau ruft in uns die gegenteilige Empfindung hervor. Es bleibt ruhig an seinem Platze. Es kommt uns nichts entgegen aus dem Blau. Im Gegenteil, wir haben die Empfindung, wenn wir feiner mitempfinden können mit den Farben, daß wir mit unseren Seelenkräften in das Blau hineindringen können, daß wir es durchdringen können. Das Grün ist gewissermaßen in einem rhythmischen Gleichgewichtszustande. Daher wirkt es so wohltätig als Pflanzendecke der Erde. Das Grüne wirkt so auf uns, daß wir zum Teil eindringen, daß es auch wiederum auf uns zurückkommt. Sehen wir ein weithin grünes Feld, so haben wir das Gefühl, daß wir in etwas hineinkommen — und dann kommt es uns wieder entgegen: hinein — entgegen. Dadurch jenes Erfrischende, das ein weites, grünes Feld für uns hat.
[ 20 ] Daß so etwas von den Menschen auch bemerkt worden ist, daß man gewissermaßen mit den Farben leben kann, davon können Sie sich ja überzeugen, wenn Sie in Goethes — allerdings heute von wenigen verstandenen — Farbenlehre das Kapitel über sittliche Wirkungen der Farben lesen, wo Sie für alle Farben die entsprechenden Empfindungen angegeben finden, die man bei ihnen haben kann. Man kann also mit den Farben leben, auch mit den anderen Sinnesempfindungen, aber wir wollen, um ein Beispiel zu bringen, jetzt von den Farben sprechen. Man kann mit den Farben so leben, daß einem beim Blau etwas in der Seele ersteht wie eine Kraft, die gleich ist etwa der Sehnsucht, die aus unserer Seele hinausgeht, die aber wohlgefällig aufgenommen wird von dem Blauen. Bei dem Roten entsteht immer etwas, was uns wie entgegenkommt, was uns nicht gelten lassen will, was uns in einer gewissen feinen Weise überfallen will. Man kann, während man Farben empfindet, gewissermaßen moralisch-seelisches Erleben haben. Selbstverständlich kann nicht jeder Mensch in einer Inkarnation solche Übungen machen; aber ich schildere solche Übungen, damit Sie sehen, wie die einzelnen Welten miteinander zusammenhängen. Würde also ein Mensch solche Übungen machen, so würde er viel reiner leben in der Welt der Farben. Würde er für andere Sinnesempfindungen solche Übungen machen, würde er in der Welt der anderen Sinnesempfindungen reiner leben. Aber dann würde bald auch etwas anderes eintreten.
[ 21 ] Nehmen Sie an, ein Mensch würde so lebendig das blaue Himmelsgewölbe erleben. Er würde dann nicht bloß das Blau über sich haben — und das ist ja noch dazu ein Blau, das sehr subjektiv ist, denn es ist in Wirklichkeit kein Gewölbe da —, sondern er würde wie eine wohltätige innere Halbkugelfläche über sich erleben, die überall sein seelisches Leben aufnimmt, eine Halbkugelfläche, hinter deren Flächenhaftigkeit sich das seelische Erleben hineinfinden kann. Menschen, die in tieferem Sinne die Welt mitleben, sprechen deshalb so wie zum Beispiel Jakob Böhme, der nicht sagt: Wenn der Mensch das blaue Himmelsgewölbe sieht ... —, sondern der sagt: Wenn der Mensch die Tiefe sieht. — Darinnen liegt das ganze Miterleben des Blau: Wenn der Mensch die Tiefe sieht.
[ 22 ] Aber es tritt eine Begleiterscheinung auf, wenn man sich so hineinlebt in das Farbenleben, daß Seelisches zugleich erglimmt, wenn die Farben da sind. Es lebt auf die Möglichkeit, einen ganz kleinen Zeitraum zu benützen, den man sonst gar nicht benützen kann. Wenn Sie einem äußeren Gegenstand entgegentreten im gewöhnlichen physischen Leben, so sehen Sie ihn; Sie sehen also eine bestimmte Farbe. Da beginnt doch eigentlich Ihr Eindruck. Dann können Sie nachdenken, sich eine Vorstellung über die Farbe bilden. Aber mit dem Sehen der Farbe beginnt Ihr Mitleben mit dem Gegenstande. Aber das ist nicht der Anfang desjenigen, was geschieht. Das weiß heute schon der äußere Laboratoriumspsychologe, daß eine gewisse Zeit verfließt zwischen der Wirkung auf unser Auge und dem Eintreten der Vorstellung des Blau. Also das Blau wirkt zunächst auf unser Auge. Dann nehmen wir es nicht gleich wahr, sondern es verfließt eine gewisse Zeit; dann erst wird es uns bewußt.
[ 23 ] Sie können heute in den gewöhnlichen Büchern nachlesen, wie in den Laboratorien darüber die Versuche gemacht werden. Man konstruiert gewisse Apparate und versucht, einen Eindruck auftreten zu lassen, und hat davor das Versuchskaninchen, den Studenten. Der muß nun registrieren durch einen anderen Apparat, wann er den Eindruck bekommt, so daß man den kleinen Zeitraum feststellen kann, der verfließt zwischen gleichsam dem Anschlagen unserer Sinnesorgane und dem Bewußtwerden. Da vergeht ein gewisser Zeitraum. In diesem Zeitraum erleben wir also noch nicht die blaue Farbe, wenn es sich um einen blauen Eindruck handelt, aber wir erleben in diesem Zeitraum schon den sittlichen Eindruck der Farbe. Der wirkt schon in uns. Also wie die Seele sich hineinergießt in das Blau, wie das wohlgefällig aufgenommen wird, das ist schon in uns. Das Seelische der Farbe, das wirkt eigentlich früher, nur bleibt es im Unbewußten. Der Mensch nimmt es nicht wahr. Und der Mensch fängt erst an, sein Bewußtsein zu entwickeln, wenn die Farbe auftritt. Er beachtet das nicht, was der Farbempfindung vorangeht.
[ 24 ] Denken Sie nun einmal, wenn man genötigt ist, in einer gewissen Weise auf diesen sittlichen Eindruck der Farbe, auf dieses Seelenerleben der Farbe besonders zu achten, dann stellt sich etwas Besonderes auch ein. Man muß darauf achten, wenn man notwendig hat, die Farbe gewissermaßen selbst erst hinzuzutun auf irgendeine Fläche, das heißt, wenn man malt, oder wenn man überhaupt Farben vermittelt, die erst erscheinen sollen aus dem Gedanken heraus. Wenn man es mit wirklicher Malerei zu tun hat, arbeitet man dann aus dem seelischen Eindruck der Farbe heraus. Da macht man es nicht so wie der reine Modell-Künstler, der bloß das Modell nachmacht, sondern da weiß man, da hat man diesen seelischen Eindruck hervorzurufen, da gibt man Rot hin. An einer anderen Fläche gibt man Blau hin, weil man diesen oder jenen seelischen Eindruck hervorzurufen hat. So ist die ganze Malerei gehalten in unserem Dornacher Bau. Da ist das, was Farbengebung ist, durchaus entsprungen aus dem Seelischen, das ja erscheinen soll durch die Farben. Dadurch war aber im eminentesten Sinne notwendig, zuerst den Bau in sich zu haben als seelisches Wesen. So wie der Bau der Welt entgegentreten wird, so ist er herausgewachsen als Bau aus dem seelischen Wesen. Das, woraus er herausgewachsen ist, das würden die Menschen wahrnehmen am Dornacher Bau, wenn sie diesen kleinen Zeitraum benutzen könnten, der da verfließt zwischen dem, daß der Bau auf die Sinnesorgane wirkt, und dem, daß der Eindruck zum Bewußtsein gebracht wird. Aber derjenige, der beteiligt war an dem Aufbau, der muß aus diesem kleinen Zeitraum heraus gerade schaffen, der muß alles, was an dem Bau an Farben und Formen ist, aus diesem kleinen Zeitraum heraus schaffen.
[ 25 ] Ich habe Sie, ich möchte sagen in einer wissenschaftlicheren Weise in etwas geführt, was Ihnen vielleicht schwer erscheint. Aber man muß auch solche Schwierigkeiten überwinden. Es kann auch in der heutigen Zeit durchaus schon so sein, daß der Mensch nun wie begnadet — und begnadet sind wir in einer gewissen Weise immer, indem wir in der Welt drinnenstehen — in irgendeiner Weise diesen Augenblick festhalten kann. Er sieht irgend etwas und wird doch zuweilen den Eindruck haben können, daß eigentlich schon eine Wechselwirkung stattgefunden hat zwischen ihm und dem, was er sieht, wenn er es sich zum Bewußtsein bringt. Er sieht etwas und sagt sich: Es kommt mir vor, wie wenn ich das schon früher gesehen hätte.
[ 26 ] Sie werden vielleicht alle Bekanntschaft gemacht haben damit, daß man gewissermaßen einem Wesen oder Gegenstand gegenübertritt und so das Gefühl hat: Es ist nicht erst dann da, wenn es einen Eindruck auf das Bewußtsein macht, sondern es hat sich genähert, es ist schon vorher nahe an uns herangekommen. Das Heranschleichen, könnte man sagen, man kann es zuweilen bemerken. Für das gewöhnliche Leben aber liegt das, was so in diesem kleinen Zeitraum stattfindet, schon durchaus jenseits des Bewußtseins, jenseits der Schwelle. In dem Augenblick, wo man sich zum Bewußtsein bringen kann das, was so gerade jenseits der Schwelle des Bewußiseins liegt, in diesem Augenblick macht man eine wichtige geistige Entdeckung. Ich will es in einem speziellen Fall noch einmal vor Augen bringen. Eine Anzahl von Ihnen hat ja die Sache schon gehört, ich habe es vielleicht auch hier schon erwähnt. Im vorigen Jahre starb ein Knäblein in der Nähe des Baues, wurde zerdrückt von einem Möbelwagen. Der Ätherleib dieses Knäbleins ist mit dem Dornacher Bau vereint, bildet die Aura des Dornacher Baues, lebt in der Aura des Dornacher Baues. Und wenn man künstlerisch zu schaffen hat an dem Dornacher Bau, dann kommen Kräfte aus diesem Ätherleib, der vergrößert natürlich dann erscheint. Man fühlt in sich diese Kräfte, wie man seelisch den Bau fühlt.
[ 27 ] Warum ist denn das? Das ist aus dem Grunde, weil in der Welt, von der ich eben gesprochen habe, die immer um uns ist, die wir nur nicht wahrnehmen, weil sie unbeachtet bleibt, bevor der Eindruck an uns kommt, weil in der Welt also die Ätherleiber der Toten enthalten sind, auf die die Toten hinschauen. Was die Toten von unserer Welt sehen, worauf die Toten schauen, das ist in der uns umgebenden Ätherwelt enthalten. Und wir würden es sogar immer schauen, wenn wir gewissermaßen schauen könnten, bevor wir schauen in der physischen Welt, wenn wir nur ein wenig diese Schwelle übertreten könnten.
[ 28 ] Das hindert aber nicht, daß die Toten durch dasjenige, was sie zurückgelassen haben, immer wirksam sind in dieser Welt. Uns umgibt eine Welt, in der die Ätherleiber der Toten leben. In irgendeiner Weise sind sie mit ihr verbunden. Und nur weil dasjenige, was im Äther lebt, erst an unseren physischen Leib anschlagen und den Apparat des physischen Leibes in Bewegung setzen muß, nehmen wir dieses gewaltige Umwobensein von dem, was von den Toten in unserer Welt ätherisch vorhanden bleibt, nicht wahr. Dieses Gefühl müssen wir uns aber aneignen, daß unsere Welt bereichert werden muß für unsere Vorstellungen um dasjenige, was zunächst in dieser ganzen Ätherwelt durch die Ätherleiber der Toten vorhanden ist.
[ 29 ] Die Toten selber sind zunächst nicht in dieser Welt drinnen, nur ihre zurückgebliebenen Ätherleiber. Die Toten selber können wir auf so leichte Art nicht finden — obwohl diese leichte Art auch schwierig ist. Die Toten selber leben also weiter, nachdem sie ihren Ätherleib abgelegt haben, in ihrem astralischen Leib und in ihrem Ich. Sie können ermessen, wie wir unsere Vorstellungen umgestalten müssen, wenn Sie in Betracht ziehen, daß ja alles Gedankenhafte mit dem Ätherleib, der in die äußere Ätherwelt geht, von uns abgesondert ist. Das Gedankenhafte, das wir hier in unserem physischen Leibe aufgeschichtet haben, bleibt uns nicht nach dem Tode. Das Gedankenhafte wird eine Außenwelt. Der Tote sieht auf seine Gedanken nach dem Tode nicht so hin, wie er hinsah etwa auf Gedanken, die er sich während des Lebens gebildet hat, und an die er sich dann erinnert, die er aus seinen Untergründen heraufbringt. Der Tote sieht auf seine Gedanken wie auf ein ätherisches Gemälde hin, er sieht seine Gedanken draußen in der Welt. Gedanken sind etwas Äußerliches für denjenigen, der durch die Pforte des Todes gegangen ist. Dasjenige, was hier sich uns offenbart durch Gefühl und Wille, das bleibt mit unserer Individualität verbunden. Das lebt dann weiter in unserem astralischen Leib und in unserem Ich. Unser Ich entzündet sich zum Selbstbewußtsein durch die Anschauung des Momentes des Todes. Unser astralischer Leib entzündet sich dadurch, daß die Gedanken in dem Gemälde vor uns sind, sich in unseren astralischen Leib hereindrängen. Wir erleben sie dadurch in unserem astralischen Leib. Hier im physischen Leib erleben wir Gedanken so, daß wir sie von innen heraus holen. Nach dem Tode erleben wir Gedanken so, daß wir auf sie hinblicken wie auf Sterne, auf Welten oder auf Berge, und sie machen auf uns einen Eindruck. Diesen Eindruck empfangen wir und erleben ihn in unserem astralischen Leib und in unserem Ich. Also das gerade Umgekehrte ist der Fall wie im physischen Leben. Während wir Gedanken hier etwas Innerliches nennen, müssen wir sie nach dem Tode ein Äußerliches nennen. Wir leben, aufgegangen in die Welt, ausgegossen in die Welt. Das ist wichtig, daß wir das einsehen, daß wir nicht uns der Vorstellung hingeben, als ob die Welt nach dem Tode nur so etwas wäre wie eine feine, dünne Wiederholung der physischen Welt hier, wie man es oftmals in spiritistischen Kreisen annimmt. Sie ist etwas ganz anderes. Sie ist schon deshalb etwas ganz anderes, weil unsere Gedanken Wesen außerhalb unserer sind.
[ 30 ] Gerade wenn man solche Vorstellungen sich vor die Seele führt, dann merkt man, daß man nicht nur, ich möchte sagen ein wenig Vorurteilslosigkeit braucht, um sich mit der Geisteswissenschaft einverstanden zu erklären, sondern daß man auch eine gewisse Möglichkeit haben muß, die Begriffe flüssig zu machen, die Begriffe etwas zu verändern, daß man nicht den Anspruch erheben darf, mit den Begriffen, die man hier hat, auch dasjenige sich vorstellen zu können, was in der geistigen Welt darinnen ist. Daher ist für denjenigen, der in der Lage ist, einen sogenannten Toten, sagen wir, zu besuchen, nötig, daß er diesen Verkehr mit den Toten lernt. Während wir hier, wenn wir einem Menschen gegenübertreten, dadurch, ich möchte sagen in eine Beziehung zu seinem Inneren treten, daß er vielleicht dieses Innere uns ausspricht durch Worte oder durch Mienen oder durch Gebärden, ist es beim Toten so, daß, wenn wir zu ihm in Beziehung treten, er uns dasjenige, was er uns sagen will, in der objektiven Welt zeigt. Wir sehen gleichsam in Imaginationen, auf die er uns hinweist, dasjenige, was er erlebt, was er uns zu sagen hat. Ich möchte sagen, der Tote sagt, wenn man ihn irgend etwas frägt: Sehe dort hin, dort wirst du finden, was ich jetzt erlebe.
[ 31 ] Aber das alles ist ein schneller Vorgang. Der Tote hat also die Fähigkeit, Gedanken, die wir hier nur innerlich, unsichtbar erleben, übersinnlich zu schauen. Nur wenn man sich die Fähigkeit aneignet, mit ihm Gedanken zu schauen, dann kann man mit ihm erleben. Dadurch hat er die ganz besondere Fähigkeit, auch unsere Gedanken als Toter, als sogenannter Toter, mitzuerleben. |
[ 32 ] Das tritt einem insbesondere bei einer Erscheinung auf, die ich auch hier berühren möchte. Wenn jemand von uns weggegangen ist, den wir geliebt haben, so tragen wir die Gedanken an ihn in unserer Seele weiter. Wir denken an dasjenige, was wir mit ihm zusammen erlebt haben, was wir mit ihm erfühlt haben und so weiter. Der Tote, sagte ich, schaut Gedanken. Er sieht auch unsere Gedanken, und er kann sogar sehr bald unterscheiden die Gedanken, die er als Abdrücke der geistigen Welt selber hat, die Imaginationen bedeuten für das, was in der geistigen Welt ist, und diejenigen Gedanken, die ein Mensch in der Seele denkt, die in einem Leibe ist. Er kann das unterscheiden. Er unterscheidet es durch sein inneres Erleben. Der Unterschied ist sogar ein sehr großer. Wenn der Tote — beim Initiierten ist es ganz gleich den Gedanken von etwas erleben soll, was nur in der geistigen Welt ist, so muß er aktiv diesen Gedanken erleben. Er muß jedes Stück dieses Gedankens, das er erlebt, selber, ich möchte sagen erst nachfahren. Der Vorgang ist ja schwer klarzumachen. Nehmen Sie an, hier wäre ein Gemälde, aber dieses Gemälde würden Sie nur sehen, wenn Sie alle Einzelheiten selbst nachzeichnen und nachmalen würden. Das kann der Tote. Alle Gedanken, die er sieht, malt er nach, er schafft sie gleichsam nach, und er erlebt dieses Nachschaffen. Darinnen besteht im wesentlichen ein großes Stück des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, daß dasjenige, was in der geistigen Welt in der Gedankenbildung vorhanden ist, nachgeschaffen wird. Das schafft man so nach. Dann weiß man, man hat es zu tun mit Gedankenbildungen, die bloß der geistigen Welt angehören.
[ 33 ] Anders ist das Erlebnis, wenn man auf Gedanken hinschaut von der geistigen Welt aus, die bei den Menschen leben, die man zurückgelassen hat in der physischen Welt. Da ist es nicht, als ob man sie nachschafft, sondern da treten einem wirklich die Gedanken so entgegen, daß man sich passiv zu ihnen verhalten kann. Wie der Blumenstock von mir nicht erst nachgezeichnet zu werden braucht, sondern sich unmittelbar als Eindruck dann bildet, so sind die Gedanken der Lebenden. Die entstehen wirklich in einer ähnlichen Weise, wie die Eindrücke der physischen Welt hier entstehen. Und das ist dasjenige, was die Toten an den Gedanken der Lebenden, die sie liebten, erhebt, erfreut, erwärmt. Denn es ist ein ganz besonderes Gebiet für die Toten, hineinzuschauen in die Gedanken der sie liebenden Zurückgebliebenen. Das ist eine besondere Welt für sie. Man könnte ja hier die physische Welt erleben so, daß nur dasjenige da wäre, was im mineralischen, im tierischen, im pflanzlichen und im menschlichen Reich entsteht. Dann würde es zum Beispiel keine Kunst geben. Die Kunst ist hinzuerschaffen zu dem, über das hinaus, was man eigentlich braucht. Sie ist dasjenige aber, von dem der Mensch, der die Entwickelung der Menschheit überhaupt seelisch ins Auge faßt, weiß, daß es nicht fehlen darf in der Welt, trotzdem die Natur ebenso vollständig wäre, wie sie ist, auch wenn es keine Kunst gäbe. So könnte der Tote allenfalls leben, wie der Mensch in der öden, toten, bloßen Naturwelt leben würde, in einer Welt ohne Kunst, so könnte der Tote leben, wenn das Sonderbare eintreten würde, daß jeder Tote gleich nach seinem Tode von seinen Lieben vergessen würde. Dasjenige, was geschaut wird an Gedanken, die in den Seelen der die Toten Liebenden zurückgeblieben sind, das ist etwas, was zu der Welt, die der Tote unmittelbar braucht, allerdings hinzukommt, was aber das Dasein des Toten erhöht, verschönert. Man kann das vergleichen mit der Kunst in der physischen Welt, aber der Vergleich hinkt, denn für den Toten ist es eine Erhöhung, eine Verschönung in einem weit höheren Sinne als die Verschönung der physischen Welt für uns durch die Kunst.
[ 34 ] Es hat daher im ganzen Weltendasein einen tiefen Sinn, wenn wir unsere Gedanken mit den Gedanken der Toten vereinen, namentlich auch in der Weise, wie hier öfter davon gesprochen worden ist, daß wir namentlich auch solche Gedanken an die Toten heranbringen, die in der Sprache, in der Begriffssprache abgefaßt sind, die ja den Lebenden und den Toten gemeinschaftlich ist: in der Sprache, die wir hier in der Geisteswissenschaft sprechen. Denn dasjenige, was Inhalt der Geisteswissenschaft ist, verstehen die Toten so gut wie die Lebendigen. Das wird ihnen auch niemals fremd, den Toten.
[ 35 ] Ich glaube, gerade durch das Zusammentragen von solchen Vorstellungen bekommen wir allmählich ein plastisches Bild von der geistigen Welt. Wir können uns hineinfinden in dasjenige, was jenseits der Schwelle liegt und woraus im Grunde genommen doch alles dasjenige auch fließt, was diesseits dieser Schwelle für uns vorhanden ist.
[ 36 ] Diesen Erscheinungen gegenüber muß ins Auge gefaßt werden, daß — allerdings in berechtigter Weise, weil es zum Weltenplan gehört — die gegenwärtige Menschheit mit Bezug auf das Schauen der Welt kurzsichtig ist, aber kurzsichtiger eigentlich noch, als es sein müßte. Denn wenn so der recht materialistisch Gesinnte in unserer Gegenwart seine Begriffe, seine Vorstellungen von der Welt sich bildet, dann denkt er, diese Vorstellungen, diese Begriffe, die sind die allgemein menschlichen. Sie wissen ja, wie schwer es einem materialistisch gesinnten Menschen gerade beizubringen ist, daß man auch anders denken kann als er. Der Materialist ist ja doch gerade auf dem Boden stehend, daß er sagt, der ist ein Narr, der nicht so denkt wie er. Es gibt gerade keine größere innere Intoleranz als diejenige des materialistisch gesinnten Menschen. Der materialistisch gesinnte Mensch denkt im Grunde immer so: Früher haben die Menschen gedacht, allerlei Geistiges sei vorhanden, kaum einen Schritt haben sie gemacht im Leben, ohne daß sie überall Geister vermutet oder gesehen haben sogar. Das ist aber alles eitel Phantasterei gewesen. Jetzt haben wir es endlich so weit gebracht als Menschengeschlecht, daß wir diese Kindereien abgelegt haben. — Und doch könnten die Menschen eigentlich auf Schritt und Tritt bemerken, wie unsinnig gerade solch eine Vorstellung ist.
[ 37 ] Ich will Ihnen das an einem Beispiel klarmachen, das scheinbar weit hergeholt ist und von einer ganz anderen Seite herkommt als dasjenige, was wir heute besprochen haben. Denken wir einmal an das von uns von verschiedenen Seiten oft betrachtete Bild von dem ersten Stadium des Erdenwerdens, vom Paradiesesdasein des Menschen, wie wir es in der Bibel haben. Denken wir an dieses Bild von den ersten Menschen Adam und Eva im Paradies, Eva in den Apfel beißend, Adam den Apfel gebend, die Schlange am Baum, die Eva verführend. Dieses Motiv wird zuweilen auch noch gemalt, gerade in der heutigen Zeit allerdings so, daß man ein möglichst natürliches Weib und einen noch natürlicheren Mann malt, weil das modern ist. Sei es impressionistisch, sei es expressionistisch, jedenfalls werden ein möglichst natürliches Weib und ein noch natürlicherer Mann und eine natürliche Landschaft und eine natürliche Schlange gemalt, die natürliche gierige Zähne zeigt und so weiter. Aber man hat nicht immer so gemalt, denn ein solches Bild würde nicht den eigentlichen Tatbestand geben, den wir dabei zu sehen haben. Wir wissen ja, daß wir in der Schlange das Symbolum für den eigentlichen Verführer, für den Luzifer zu sehen haben. Aber der Luzifer ist eine Wesenheit, die, wie wir wissen, zurückgeblieben ist während des Mondendaseins, die also so, wie sie im Erdendasein auftritt, in der Schlange nur ihr Symbolum haben kann, aber die Schlange ist doch nicht der Luzifer, sondern das muß doch geistig irgendwie gesehen werden. Das heißt, es muß auch mit seelischen Kräften dieser Luzifer gesehen werden. Von innen heraus, mit Anstrengung innerer Kräfte muß dieser Luzifer gesehen werden. Wie könnte man ihn denn sehen, meine lieben Freunde? Wir tragen ja im Grunde genommen alle die Eindrücke des Luzifer in uns, geradeso wie die Eindrücke des Ahriman. Ich will Ihnen möglichst kurz, ohne alle Beweisführungen und ohne alle Erläuterungen im kleinen, die Sie sich selber suchen können nach dem, was wir schon in unserer Literatur haben, vorführen, wie man etwa über den Luzifer auch eine Vorstellung haben könnte.
[ 38 ] Der Mensch trägt die Impulse des Luziferischen in sich. Er trägt sie so in sich, daß sie in seinem Haupte sitzen, von seinem Haupte aus den astralischen Leib, bei dem das Luziferische stehengeblieben ist, durchdringen. Also während sonst die Geister der Form sein Haupt gebildet haben, drängen sich die luziferischen Impulse mit in sein Haupt hinein, aber auch in das, was aus dem Astralischen gebildet wird, in das Rückenmark. Würden wir also von einem Menschen herauszeichnen den Kopf und seine Verlängerung, das Rückgrat, so würden wir eine Schlange bekommen, eine schlangenförmige Bildung mit einem Menschenkopf. Natürlich ist das Ganze dann astralisch zu denken, der Kopf noch etwas Nachbildung des menschlichen Kopfes, und das Rückgrat, das daran hängt, schlängelt sich so. Denken Sie sich das objektiv hinausprojiziert, so ist es eine Schlange mit einem Menschenkopf. Das heißt, wer Luzifer äußerlich im Bilde sieht, könnte eigentlich sagen: Schlange mit dem Menschenkopf. — Nicht eine Schlange mit dem Schlangenkopf, denn das ist kein Luzifer mehr, das ist eine irdische Schlange, auf die schon die Geister der Form als irdisches Wesen gewirkt haben. Also Schlange mit dem Menschenkopf, müßten wir sagen. Das heißt, daß ein Maler, der den Luzifer auf dem Baume malen wollte, die Schlange an dem Baume sich schlängelnd und einen Menschenkopf oben darstellen müßte. Da würde er aus der Erkenntnis unserer Geisteswissenschaft heraus malen. Wir müßten uns also vorstellen Adam und Eva bei einem Baume, und in den Baum hineingeringelt, einem Schlangenkörper ähnlich, eben nur das astralisch gewordene Rückenmark und was nachbildet den menschlichen Kopf. Wenn das Weib ihn zunächst sieht, ist er natürlich dem weiblichen Gesichte nachgebilder.
[ 39 ] Gehen Sie hier in das Museum, in die Kunsthalle, und schauen Sie sich das Bild von dem Meister Bertram an und sehen Sie, wie dieser in der Mitte des Mittelalters noch diese Schlange an den Baum hingemalt hat, so wie ich das jetzt erzählt habe. Das ist frappierend! Das ist großartig frappierend, denn es liefert uns den Beweis, daß ein Maler in der Mitte des Mittelalters aus den realen, aus den wirklichen Vorstellungen der geistigen Welt heraus gemalt hat. Das ist ein vollgültiger Beweis, daß wir gar nicht viele Jahrhunderte zurückzugehen brauchen, um heute noch die Dokumente dafür zu erhalten, daß man dazumal noch etwas gewußt hat, was die Menschheit heute in dem materialistischen Zeitalter vergessen hat.
[ 40 ] Selbstverständlich wird niemals in einer äußeren Kunstgeschichte diese Sache, die ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, berührt werden. Dennoch kann sich jeder in unserer materialistischen Zeit nicht nur gesinnungs-, sondern anschauungsweise überzeugen davon: Das Hinschauen auf das Geistige ist erst seit ein paar Jahrhunderten verschwunden. Wer in die Kunsthalle geht und von dem Meister Bertram dieses Paradiesesbild sich ansieht, hat den vollgültigen, auf dem äußeren physischen Plane erbrachten Beweis, daß es noch gar nicht lange her ist, daß die Menschen durch, wie wir sagen atavistisches Hellsehen in die geistige Welt hineinschauen konnten und deren Geheimnisse noch ganz anders wußten, als man sie in der Gegenwart weiß. Denken Sie nur, wie blind eigentlich die Menschen durch die Welt gehen, da sie sich selbst äußerlich auf dem physischen Plane davon überzeugen könnten, wenn sie nur wollten, daß Entwickelung vorhanden ist im Menschengeschlechte.
[ 41 ] Das ist das Bedeutsame, daß im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte das vorhandene, mehr atavistisch unbewußte alte Hellsehen zurückgegangen ist. Denn selbstverständlich, der Meister Bertram hätte nicht Geisteswissenschaft entwickeln können. Er hat nur geschaut, noch im Ätherischen geschaut, was da eigentlich mit dem Luzifer ist, und hat darnach gemalt. Es war unbewußtes, instinktives Hellsehen.
[ 42 ] Damit die äußere Anschauung dem Menschen hat kommen können, mußte dieses alte Erblicken der geistigen Welt zurückgehen. Es muß aber wieder errungen werden von den Menschen. Und die Zeit muß kommen nach und nach, in der wieder errungen werden wird dasjenige, was verlorengegangen ist, nur allerdings im Felde der Bewußtheit. Daher muß es durch die Strömung der Geisteswissenschaft vorbereitet werden. Die Menschen kommen nicht anders als dadurch, daß sie die Geisteswissenschaft studieren, wiederum an die geistige Welt heran. Aber diese Geisteswissenschaft muß eben wirklich den Einblick in die geistige Welt bringen.
[ 43 ] Man kann heute wissenschaftlich beweisen, wie weit es die Naturwissenschaft bringen kann. Wenn heute der rein naturwissenschaftlich Denkende über die Sache spricht, spricht er eigentlich über den Seelenapparat, über das körperliche Werkzeug des seelischen Lebens. Nun prüfe man einmal in den Darstellungen, die heute zu haben sind — man nennt es Psychophysiologie —, die von den bedeutendsten naturwissenschaftlichen Denkern der Gegenwart herrühren, dasjenige, was sie über das Seelische, das heißt in ihrem Sinne über den Seelenapparat zu sagen wissen. Da finden Sie in höchst eigentümlicher Weise überall, daß diese Leute sagen: Betrachten wir das Empfindungs-, das Vorstellungsleben, so gehört überall der seelische Apparat dazu, und sie schildern nun, was im Gehirn, im Nervensystem geschieht, wenn ein Mensch empfindet, vorstellt. Überall läßt sich der leibliche, der materielle Parallelvorgang finden. Wenn nun diese Forscher an das Fühlen und an den Willen kommen, dann finden sie nichts von einem leiblichen Parallelvorgang.
[ 44 ] Daß so etwas nicht zutage tritt, nicht beachtet wird, das rührt nur davon her, weil die Naturforschung und ihr Nachtrab — Nachtrab kann man eigentlich nicht sagen, weil Nachtrab nützlich ist, der monistische Nachtrab der Naturforschung ist aber höchst überflüssig —, also weil die Monisten bloß krähen davon, daß für jeden Denk- und Empfindungsvorgang ein gewisser physischer Vorgang vorhanden ist und daß das Denken und Empfinden an das Gehirn gebunden ist. Aber sie sprechen nicht vom Fühlen und Wollen. Höchstens von Gefühlstönen sprechen sie, das heißt ein gewisses abgetöntes Vorstellen. Aber zum Fühlen und Wollen, da kommen sie nicht. Und die ehrlichen Naturforscher sagen: Unsere Wissenschaft erstreckt sich nicht über Fühlen und Wollen. Sie können es in der naturwissenschaftlichen Literatur nachlesen, was ich jetzt sage. Es läßt sich in allen Teilen nachweisen. Zum Beispiel können Sie bei Dr. Theodor Ziehen, dem sehr bekannten Psychiater und Psychophysiologen der Gegenwart, am leichtesten dasjenige bewahrheitet finden, was ich jetzt sage. Der weist die einzelnen Vorgänge auf, die dem Denken, die dem Empfinden entsprechen. Er kommt noch bis zur Gefühlstönung; aber zum eigentlichen Gefühl und Willen kommt er nicht. Er leugnet daher Gefühl und Wille. Die sind überhaupt nicht vorhanden, sagt er. Kann man eigentlich wissenschaftlich klarer belegen, daß sich das naturwissenschaftliche Denken bloß auf das Zeitliche, bloß auf dasjenige erstreckt, was wir mit dem Tode ablegen, und daß dasjenige, was darüber etwas hinaus ist, was gerade, wie ich angeführt habe, in Gefühl und Wille lebt, so wenig zum Leibe gehört, daß der Naturforscher es gar nicht findet, daß er es sogar ablehnt, ableugnet! Daher krähen die Leute: Gefühl und Wille gibt es nicht, weil sie nicht mit der gewöhnlichen Wissenschaft zu finden sind; die Naturwissenschaft beweist uns heute selber, daß Gefühl und Wille nicht mit dem Leib als solchem verbunden sind wie Gedanken und Empfindungen!
[ 45 ] Das hängt damit zusammen, daß die Gedanken sich absondern von uns, nach dem Tode draußen ausgebreitet erscheinen. Gefühl und Wille bleiben uns. Und aus Gefühl und Wille entspringt die Kraft, das Gedankentableau zu schaffen. Wer heute will, kann streng durch das Naturwissenschaftliche zeigen, wie mit allem, was Natur ist, Gefühl und Wille nichts zu tun haben, sondern daß sie als astralischer Leib und als Ich herausgehen nach dem Tode und mit der Menschenindividualität zusammenbleiben, sich entzünden zu einem neuen Bewußtsein auf die Weise, wie ich es beschrieben habe; aus dem Grunde, weil das gesamte Sich-Ausbreiten ätherisch ist, sich im astralischen Leibe spiegelt und dann im Ich spiegelt, wenn der astralische Leib auch abgelegt ist.
[ 46 ] Im Grunde genommen ist alles in Ordnung. Und die heutige Wissenschaft widerlegt nicht die Geisteswissenschaft, sondern sie beweist sie in Wirklichkeit! Wenn man nur einiges Verständnis aufbringen könnte, so würde man sehen, wie durch ein richtiges Verständnis gerade die echte Naturwissenschaft die Berechtigung der Geisteswissenschaft auch in bezug auf deren einzelne Behauptungen aufweist.
[ 47 ] Geisteswissenschaft ist, wie Sie sehen, etwas, was in unserer Zeit beginnen muß, in die Entwickelung der Menschheit hereinzutreten, was beginnen muß, die Menschheit zu ergreifen, weil sonst die Menschheit dahin kommen wird, nur das Zeitliche zu begreifen und vom Ewigen, das in uns lebt, nichts zu wissen. Es wird die Zeit kommen, wo die Menschen zuerst dieses einsehen werden, und dann sich auch wiederum mehr mit der Entwickelung ihres Willenslebens, mit der Entwickelung ihres Gefühlslebens befassen werden. Denn nur durch Gefühl und Wille einen wir uns mit der Welt, die nicht gedankenlos ist.
[ 48 ] Da werden natürlich die Leute einwenden: Nun, dann fühlst du halt die geistige Welt, du willst sie gar nicht! Nein, wir werden ja gerade vereint durch Gefühl und Wille mit der objektiven Gedankenwelt, mit den Gedanken, die leben, die wir nicht bloß denken. Und so wahr wie die Menschheit in der Vorzeit ein Hineinschauen in die geistige Welt gehabt hat, so wahr wird sich diese Menschheit in der Zukunft dieses Hineinschauen in die geistige Welt wiederum erringen müssen. Sie wird es sich aber nur erringen können, wenn sie sich entschließen wird, auf die Gedanken von der geistigen Welt, die von unserer Zeit abgelehnt wird, sich erst etwas einzulassen.
[ 49 ] Dazu wird vieles, vieles korrigiert werden müssen, was so an Begriffen und Vorstellungen in unserer Gegenwart herumschwirrt. Man glaubt gar nicht, wie gedankenlos im Grunde genommen die Menschen der Gegenwart — gestatten Sie, daß ich das Paradoxon gebrauche —, die Menschen denken. Sie geben Definitionen, von denen sie felsenfest überzeugt sind, daß sie richtig sind, daß sie gar nicht angefochten werden können. Der Geisteswissenschafter aber hat die Aufgabe, das, wovon die Menschen felsenfest überzeugt sind, weil es ihnen ganz logisch vorkommt, weil sie überzeugt sind davon, erst recht zu prüfen. Wenn zum Beispiel jemand gefragt wird im heutigen materialistischen Zeitalter: Was ist ein wahrer Begriff? — so wird man kommen und ungefähr sagen: Ein wahrer Begriff ist, wenn ich mir ein inneres Bild mache von einem Gegenstand, der wirklich draußen vorhanden ist in der Welt. Das heißt, jeder wird heute definieren: Wahrheit besteht in der Übereinstimmung eines Bildes, das man sich in Gedanken macht, mit einem Sein draußen. Man kann nun sehr leicht, wenn man den Begriff untersucht, nachweisen, daß der wahre Begriff mit dem, was man gewöhnlich so nennt, überhaupt nichts zu tun hat. Man kann leicht nachweisen, daß das Sein ganz andere Wege geht als das Bild, das man sich als Begriff macht. Wenn ein Begriff nur dann wahr ist, wenn er mit einem Sein übereinstimmt, dann würde er natürlich auch nur so lange wahr sein, als das Sein ihn bewahrheitet. So könnte man einen Begriff etwa vergleichen mit einem Gemälde, das man als Porträt von einem Menschen macht. Das Porträt ist dann gut, wenn es ähnlich ist dem Menschen. Aber mit dem Sein des Menschen hat es nichts zu tun. Die Übereinstimmung des Bildes mit einem Selbst kommt gar nicht dazu zu der inneren Wahrheit des Bildes. Denn denken Sie sich, Sie machen ein Porträt von einem Menschen und er stirbt gleich darnach. Erst hat das Bild übereingestimmt mit dem, was ist, und nachher mit dem, was nicht ist. Das Sein hat gar keinen Bezug darauf, ob das Bild wahr ist oder nicht, keine Beziehung mit dem Sein. Die ist überhaupt etwas ganz Erphantasiertes für den, der wirklich die Sache logisch betrachtet. Das Wesentliche ist, daß die Dinge innerlich erlebt werden. Und dieses innerliche Erleben, das muß sich die Menschheit wiederum aneignen.
[ 50 ] Dazu gehört aber vor allem — und dazu können wir insbesondere durch unsere so schwere, leidvolle Zeit hingeführt werden —, daß die Menschheit sich wiederum erringt ein Gefühl für wirkliche Wahrheit. Wir kommen ja nach und nach durch den Materialismus von der Wahrheit im Grunde genommen ganz ab. Wir haben uns verloren durch den Materialismus gerade in bezug auf den Wahrheitsbegriff. Vergleichen Sie heute einmal da, wo Sie es nachprüfen können, die journalistischen Schilderungen — und wie viele Menschen lesen heute gar nichts anderes als Zeitungen — irgendeines Ereignisses, das Sie selber mitangesehen haben mit Ihren eigenen Wahrnehmungen. Wenn Sie es wiederlesen in den Zeitungen, da werden Sie finden, es ist so geschildert, wie der betreffende Zeitungsschreiber meint, daß es auf seine Leser einen Eindruck machen kann. Aber ein Gefühl davon, daß alles der Wahrheit entsprechen soll, das, das wird immer geringer und geringer. Aber das gehört dazu. Und solange das nicht die Menschheit durchdringt, wird in den Seelen sich nicht derjenige Impuls regen können, der aus der sinnlichen Welt in die geistige hinausführt. Denn unter diesen mangelnden Wahrheitsbegriffen werden die Begriffe unter der Hand zu falschen. Wie oft erleben wir zum Beispiel folgendes: Irgendeiner schreibt über Geisteswissenschaft, sagen wir über dasjenige, was ich über Geisteswissenschaft veröffentlicht habe. Der schreibt nun und kann natürlich nicht umhin, von seinen materialistischen Begriffen aus zu sagen, daß das alles aus der Phantasie heraus gesponnen werde und daß man das nicht dürfe: aus der Phantasie heraus spinnen. Und dann kommt er darauf, daß er untersucht, wie es denn komme, daß ein Mensch ein Phantast sein kann.
[ 51 ] Ein solcher Artikel ist wirklich erschienen vor gar nicht langer Zeit! Er untersucht, wie es denn kommt, daß ein Mensch so phantastisch sein kann. Da wird erzählt, wo denn der Mensch — in diesem Falle war ich es — herstammt, wo er früher gelebt hat, wie er durch eine gewisse Rassenmischung dazu kommen kann, solche Phantasien zu haben. Er phantasiert in seinem Materialismus das Unglaublichste zusammen. Und das ist das, was ich sage: Man nimmt einfach die Lüge in die Hand, man verdreht innerlich die Wahrheit.
[ 52 ] Selbstverständlich kann man das nicht unmittelbar nachweisen. Aber was für eine Verlogenheit liegt darinnen, wenn man imstande ist, jemandem Phantasie vorzuwerfen und dann über ihn selber zu phantasieren! Wenn Sie genauer unser gegenwärtiges Leben ansehen, dann werden Sie sehen, wie ungeheuer verbreitet heute dieses mangelhafte Verantwortlichkeitsgefühl dafür ist, daß alles dasjenige, was wir sagen, mit der Realität auch wirklich übereinstimmt. Ohne uns dieses Gefühl in der allerintensivsten Weise anzueignen, können wir nicht den Zugang zu der geistigen Welt finden. Wir können gar nicht erfassen, warum denn dasjenige wahr sein muß, was uns die Geisteswissenschaft aus der geistigen Welt als Wahrheit herausholt. Aber wir sind viel zu kurzdenkend, um in dieser Weise wirklich unsere Gegenwart zu betrachten, und wir sind zu sehr mit unseren Interessen an dem oder jenem hängend, um wirklich auf allen Gebieten zu sehen, wie die Unwahrheit hereinschillert und -splittert in alle einzelnen Vorgänge des Lebens.
[ 53 ] Wahres Empfinden, wahres Vorstellen, darüber wirklich nachzusinnen, das gehört zu den ersten Vorbereitungen der Geisteswissenschaft. Und hineinfallen muß solches Sinnen, ich möchte sagen in eine Art bewußter Vorbereitungszeit für dasjenige, was Menschenzukunft wirklich sein muß; denn nur in der Wiedervereinigung unserer Seele mit dem Geistigen kann das zukünftige Heil des Menschengeschlechts liegen. Geisteswissenschaft ist nicht etwas, was wir nur wie eine andere Sensation suchen, sondern Geisteswissenschaft muß etwas sein, von dem wir wissen, daß es in der gegenwärtigen Zeit auftreten muß, weil die Menschheit diese Geisteswissenschaft braucht. Und gewissermaßen wie zu ihr verpflichtet müssen wir uns fühlen, wenn wir licht und klar in den Gang der Entwickelung der Menschheit hineinblicken.
[ 54 ] Welche unendliche Bereicherung aber erfahren wir durch dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft dadurch geben kann, daß uns die Welt nach und nach erweitert wird dadurch, daß zu dem Physisch-Wirklichen der Menschheitsentwickelung auch das Geistig-Wirkliche hinzugefügt wird! Immer mehr und mehr sind von der Welt, in der der Mensch ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die Menschen in der materialistischen Zeit abgeschnitten worden. Wiederum gegeben werden muß ihnen durch die Geisteswissenschaft das Zusammenleben mit dem gesamten Menschen, mit dem auch, was vom Menschen vorhanden ist, wenn der Mensch keinen physischen Leib an sich trägt. Dafür gibt unsere Welt nichts.
[ 55 ] Man kann es wirklich schwer auf der Seele empfinden, wenn man gerade in unserer heutigen schweren Zeit so etwas sieht wie ein Buch, das jetzt eben zum Beispiel von Ernst Haeckel erschienen ist. «Ewigkeitsgedanken» nennt er dieses Buch. Nun ist Ernst Haeckel einer der ausgezeichnetsten Geister in unserer Gegenwart. Diese «Ewigkeitsgedanken» knüpfen gerade an den großen Krieg der Gegenwart an. Welches ist der Hauptinhalt davon? Der Hauptinhalt dieses neuesten Haeckelschen Buches ist, daß er fragt: Was kann uns dieser Krieg zeigen? Tausende und abertausende von Menschen sterben dahin durch die äußere Gewalt, ohne irgendeine Notwendigkeit. Kann da jemand nicht in diesem Kriege den notwendigen Beweis sehen — meint Haeckel —, daß alle Ewigkeits- und Unendlichkeitsgedanken ein Unding sind? Muß uns nicht gerade dieser Krieg davon überzeugen, der des Menschen Leben verdirbt durch die äußeren Zufälte, der Kugeln und so weiter, muß uns dieser Krieg nicht zeigen — so meint Ernst Haeckel —, wie es nichts gibt, das über das gewöhnliche physische Leben hinausgeht?
[ 56 ] Selbstverständlich werden andere Menschen der Gegenwart durch dasjenige, was diese schweren Ereignisse sind, gerade zu Ewigkeitsgedanken anderer Art kommen, zu dem entgegengesetzten Ewigkeitsgedanken, zu dem Ewigkeitsgedanken, der Ihnen wenigstens das Gefühl hervorruft, daß diejenigen, die durch die Pforte des Todes gehen in solchen Zeiten, ihre Menschheitsaufgabe in anderen Welten weiter fortsetzen und daß gerade dasjenige, was sie als Opfer bringen, in dem weiteren Leben mit der Ausgangspunkt für dasjenige ist, was sie zu leisten haben, wenn sie den physischen Leib nicht mehr an sich tragen.
[ 57 ] Mit den bisherigen Wissenschaften kann man das eine und das andere beweisen. So wie man mit den bisherigen Wissenschaften ausgezeichnete Apparate machen kann, die das menschliche Dasein erhöhen, die die menschliche Kultur im friedlichen Sinne vorwärtsbringen, und die schlimmsten Zerstörungsapparate, so läßt sich mit derselben äußeren Wissenschaft das eine und das andere machen und das eine und das andere beweisen.
[ 58 ] Um wirklich in die Welt einzudringen, in der das Ewige lebt, dazu ist die Geisteswissenschaft notwendig. Und diese Geisteswissenschaft, ich habe auch hier davon gesprochen, wenigstens zu einer Anzahl von Ihnen habe ich schon davon gesprochen, sie zeigt uns unter anderem auch, daß diejenigen, die frühzeitig, bevor das gewöhnliche Lebensalter für den physischen Plan abgelaufen ist, aus ihrem physischen Leib hinausgehen, ihren Ätherleib der Ätherwelt übergeben, in ihrer Individualität fortleben. Also der ganze Sinn und Geist der Geisteswissenschaft zeigt, daß ein solcher Ätherleib, der noch lange den physischen Leib versorgen könnte, wenn er nun der Ätherwelt übergeben wird, Lebenskräfte in sich hat, die noch durch Jahrzehnte den physischen Leib versorgen könnten. Das ist da in der Ätherwelt, wie ich es Ihnen an einem Beispiel gezeigt habe.
[ 59 ] Dasjenige, was einer mit seinem Opfertod sich erwirbt, das lebt in seiner Individualität weiter. Das lebt in ihm gerade in einer solchen Zeit, wie die unsrige ist, wo wir den Sinn dessen, was geschieht, nur durchschauen können, wenn wir ihn mit dem Seelenauge der Geisteswissenschaft durchschauen können. Und sie macht uns aufmerksam auf das geistige Gegenbild desjenigen, was jetzt über Europas Erde geschieht dadurch, daß auf dem physischen Plane Europas die gewaltigen und leidvollen Vorgänge sich abspielen. Das geistige Korrelat, der geistige Parallelvorgang davon muß, weil alles Physische von der geistigen Welt aus geleitet wird, hereinfließen in die physischen Vorgänge der Menschheitsentwickelung in die Zukunft hinein. Aber fruchtbar wird das nur werden können, wenn Menschenseelen hier auf Erden in ihren physischen Leibern ein Bewußtsein haben werden, daß sie mit dem, was von den zahlreichen, tausenden und abertausenden von Opfertoden fortlebt in der geistigen Welt, ein Wirksames und Helfendes haben, unter das sie sich gleichsam stellen können, um in die Zukunft hinein auch auf der Erde selber hier zu wirken, vereint mit den Toten durch das Bewußtsein, das die Seele haben kann von der Wirklichkeit einer geistigen Welt.
[ 60 ] Das ist es, was auch für dieses Ereignis die Geisteswissenschaft den Menschen geben muß. Dann werden sie in richtigem Sinne auch das Geistige dieses allergewaltigsten Weltereignisses für die Zukunft fruchtbar machen können und in rechtem Sinne erdenken und erfühlen und empfinden können:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
