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World Being and I-ness
GA 169

11 July 1916, Berlin

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6. Wahrheitsgefühl

6. Wahrheitsgefühl

[ 1 ] Bevor ich zu den Vortragsbetrachtungen komme, möchten wir gerne in dem ersten Teil des heutigen Abends einige Dichtungen zum Vortrage bringen. Ich habe versucht — zunächst war es bestimmt zum Gebrauche bei eurythmischen Darstellungen —, einiges, das zusammenhängt mit der Denkweise und der Gesinnungsart geisteswissenschaftlicher Anschauung, zum Ausdruck zu bringen in einer Art gebundener Rede. Es war, wie gesagt, zunächst bestimmt für eine eurythmische Darstellung in Dornach, und ist damals auch eurythmisch dargestellt worden. Es wird demnächst in einer kleinen Veröffentlichung, die zu unseren Zyklus-Veröffentlichungen gehören wird, mit meinen Erklärungen dazu gedruckt werden und hier zu haben sein. Ich muß aber, bevor diese Dinge zum Vortrage kommen, einiges voraussenden.

[ 1 ] Bevor ich zu den Vortragsbetrachtungen komme, möchten wir gerne in dem ersten Teil des heutigen Abends einige Dichtungen zum Vortrage bringen. Ich habe versucht — zunächst war es bestimmt zum Gebrauche bei eurythmischen Darstellungen —, einiges, das zusammenhängt mit der Denkweise und der Gesinnungsart geisteswissenschaftlicher Anschauung, zum Ausdruck zu bringen in einer Art gebundener Rede. Es war, wie gesagt, zunächst bestimmt für eine eurythmische Darstellung in Dornach, und ist damals auch eurythmisch dargestellt worden. Es wird demnächst in einer kleinen Veröffentlichung, die zu unseren Zyklus-Veröffentlichungen gehören wird, mit meinen Erklärungen dazu gedruckt werden und hier zu haben sein. Ich muß aber, bevor diese Dinge zum Vortrage kommen, einiges voraussenden.

[ 2 ] Ich habe ja das letzte Mal ein paar Worte über die dichterische Kunst gesprochen in anderem Zusammenhang. Nun muß wirklich recht ernst genommen werden das, was oftmals gerade im Verlaufe dieses Winters wiederum ausgesprochen worden ist: daß der ganze Impuls, wenn ich das Paradoxon gebrauchen darf, der ganze Geist unserer Geisteswissenschaft in die geistige Zeitkultur hineingehen muß, der geistigen Zeitkultur etwas Besonderes bringen muß. Dichtung beruht nicht bloß darauf, daß irgend etwas Erfundenes oder Gedachtes ausgesprochen wird, sondern daß es in einer gewissen Form ausgesprochen wird. Nun sucht Geisteswissenschaft die Verbindung des Menschen herzustellen mit den großen Gesetzen des Universums, mit den großen Gesetzen des Kosmos. In wirklichem, wahrem Sinne verstehen wird man die tiefsten Impulse der Geisteswissenschaft erst, wenn man erfassen wird, wie weitgehend dieses Suchen nach der Beziehung zwischen dem Menschen und den großen übersinnlichen Gesetzen des Universums eigentlich ist. Dasjenige, was man Dichtung nennt, wird allmählich ein neues Gesicht bekommen. Das ist ja heute gewiß noch recht schwer zu verstehen, aber es ist doch so. In der Dichtung soll ja wiedergegeben werden es wird das heute nur mehr wenig gefühlt —, was der Mensch erlebt zusammen mit dem Weltenall, was herausgeholt ist aus den Geheimnissen des Weltenalls. Das aber muß auch fließen in die dichterische Form. Wenn wir gewisse Gedankenbilder uns machen, die Wiedergabe sind von Dingen der imaginativen Erkenntnis, so können wir damit auch die Gesetze finden, die sich beziehen auf die Stellung der zwölf Sternbilder des Tierkreises und die Beziehungen der Bewegung der sieben Planeten mit der Bewegung der zwölf Tierkreisbilder. Wir können auch herausheben gewisse Bewegungen und Gesetze, die sich auf weniger als auf die sieben Planeten beziehen, die sich zum Beispiel nur beziehen auf Sonne, Mond und den Durchgang der Sonne und des Mondes durch die Tierkreisbilder und dergleichen. Nicht darauf kommt es an, daß wir ansingen dasjenige, was da im Universum vorgeht, sondern daß dasselbe, was in den großen Gesetzen des Universums spricht, auch in der Form der Dichtung spricht. Und so werden Sie heute Versuche — es sind selbstverständlich erste Versuche — kennenlernen, in denen in der Aufeinanderfolge der Zeilen, in dem gegenseitigen Bezug der Zeilen aufeinander und in dem, was jede Zeile ausdrückt, solche Gesetze walten, wie sie im Universum walten. Sie werden zum Beispiel eine Dichtung finden, welche aus zwölf Strophen besteht, jede Strophe aus sieben Zeilen, und der ganze Bau der Dichtung ist so, daß sich das, was in den sieben Zeilen zum Ausdruck kommt, wirklich so gibt, wie die Gesetze der Bewegungen der sieben Planeten. Und daß es gerade zwölf Strophen sind und die Stimmung der sieben Zeilen in zwölf Strophen wiederkehrt, das entspricht den Gesetzen des Durchganges der einzelnen Planeten bei ihren Bewegungen durch die Tierkreisbilder. Was also da draußen im Kosmos sich abspielt, gewissermaßen in der Sphärenharmonie, das spielt sich ab in dem Sinn, der in zwölf siebenzeiligen Strophen zum Ausdrucke kommt. Also die Gesetze des Kosmos sollen da auch herrschen in diesen zwölf siebenzeiligen Strophen. Sie finden, sagen wir in der Strophe des Steinbocks, daß die vierte Zeile eine gewisse Stellung des Mars zum Steinbock ausdrückt. Da muß aber in dieser Zeile ein solcher Sinn darinnen sein, daß, wenn jemand aus dem Schlaf aufgeweckt wird und es wird ihm nichts anderes vorgelesen als die eine Zeile aus der Steinbock-Strophe, die Mars-Zeile, er sagen können muß, wenn er sich einmal eine Empfindung dafür angeeignet hat: Das ist die Mars-Zeile der Steinbock-Strophe! — So hat jede einzelne Zeile einen Sinn. Also nicht ist es eine Äußerlichkeit, sondern es ist innerlich so gebaut. Darauf kommt es an.

[ 2 ] Ich habe ja das letzte Mal ein paar Worte über die dichterische Kunst gesprochen in anderem Zusammenhang. Nun muß wirklich recht ernst genommen werden das, was oftmals gerade im Verlaufe dieses Winters wiederum ausgesprochen worden ist: daß der ganze Impuls, wenn ich das Paradoxon gebrauchen darf, der ganze Geist unserer Geisteswissenschaft in die geistige Zeitkultur hineingehen muß, der geistigen Zeitkultur etwas Besonderes bringen muß. Dichtung beruht nicht bloß darauf, daß irgend etwas Erfundenes oder Gedachtes ausgesprochen wird, sondern daß es in einer gewissen Form ausgesprochen wird. Nun sucht Geisteswissenschaft die Verbindung des Menschen herzustellen mit den großen Gesetzen des Universums, mit den großen Gesetzen des Kosmos. In wirklichem, wahrem Sinne verstehen wird man die tiefsten Impulse der Geisteswissenschaft erst, wenn man erfassen wird, wie weitgehend dieses Suchen nach der Beziehung zwischen dem Menschen und den großen übersinnlichen Gesetzen des Universums eigentlich ist. Dasjenige, was man Dichtung nennt, wird allmählich ein neues Gesicht bekommen. Das ist ja heute gewiß noch recht schwer zu verstehen, aber es ist doch so. In der Dichtung soll ja wiedergegeben werden es wird das heute nur mehr wenig gefühlt —, was der Mensch erlebt zusammen mit dem Weltenall, was herausgeholt ist aus den Geheimnissen des Weltenalls. Das aber muß auch fließen in die dichterische Form. Wenn wir gewisse Gedankenbilder uns machen, die Wiedergabe sind von Dingen der imaginativen Erkenntnis, so können wir damit auch die Gesetze finden, die sich beziehen auf die Stellung der zwölf Sternbilder des Tierkreises und die Beziehungen der Bewegung der sieben Planeten mit der Bewegung der zwölf Tierkreisbilder. Wir können auch herausheben gewisse Bewegungen und Gesetze, die sich auf weniger als auf die sieben Planeten beziehen, die sich zum Beispiel nur beziehen auf Sonne, Mond und den Durchgang der Sonne und des Mondes durch die Tierkreisbilder und dergleichen. Nicht darauf kommt es an, daß wir ansingen dasjenige, was da im Universum vorgeht, sondern daß dasselbe, was in den großen Gesetzen des Universums spricht, auch in der Form der Dichtung spricht. Und so werden Sie heute Versuche — es sind selbstverständlich erste Versuche — kennenlernen, in denen in der Aufeinanderfolge der Zeilen, in dem gegenseitigen Bezug der Zeilen aufeinander und in dem, was jede Zeile ausdrückt, solche Gesetze walten, wie sie im Universum walten. Sie werden zum Beispiel eine Dichtung finden, welche aus zwölf Strophen besteht, jede Strophe aus sieben Zeilen, und der ganze Bau der Dichtung ist so, daß sich das, was in den sieben Zeilen zum Ausdruck kommt, wirklich so gibt, wie die Gesetze der Bewegungen der sieben Planeten. Und daß es gerade zwölf Strophen sind und die Stimmung der sieben Zeilen in zwölf Strophen wiederkehrt, das entspricht den Gesetzen des Durchganges der einzelnen Planeten bei ihren Bewegungen durch die Tierkreisbilder. Was also da draußen im Kosmos sich abspielt, gewissermaßen in der Sphärenharmonie, das spielt sich ab in dem Sinn, der in zwölf siebenzeiligen Strophen zum Ausdrucke kommt. Also die Gesetze des Kosmos sollen da auch herrschen in diesen zwölf siebenzeiligen Strophen. Sie finden, sagen wir in der Strophe des Steinbocks, daß die vierte Zeile eine gewisse Stellung des Mars zum Steinbock ausdrückt. Da muß aber in dieser Zeile ein solcher Sinn darinnen sein, daß, wenn jemand aus dem Schlaf aufgeweckt wird und es wird ihm nichts anderes vorgelesen als die eine Zeile aus der Steinbock-Strophe, die Mars-Zeile, er sagen können muß, wenn er sich einmal eine Empfindung dafür angeeignet hat: Das ist die Mars-Zeile der Steinbock-Strophe! — So hat jede einzelne Zeile einen Sinn. Also nicht ist es eine Äußerlichkeit, sondern es ist innerlich so gebaut. Darauf kommt es an.

[ 3 ] Ebenso ist in der kleinen Dichtung, die vierzeilige Strophen hat, die Anordnung so, daß gewisse Bewegungen kosmische Vorgänge ausdrücken. Von den zwöltstrophigen Versuchen ist der eine ernst gemeint, von dem anderen werden Sie gleich sehen, wenn er Ihnen nachher vorgetragen wird, daß er eine richtige Satire ist. Nun könnte man sehr leicht meinen, daß es etwas Ungehöriges ist, so, wie man sagt, «heilige Dinge» satirisch zu behandeln. Aber wirklich, meine lieben Freunde, will man weiterkommen gerade auf dem Gebiete geistiger Weltanschauung, dann ist eine Grundforderung diese, daß man nicht das Lachen verlernt über dasjenige, worüber in der Welt gelacht werden muß, wenn man es richtig beurteilt. Eine Dame erzählte einmal von einem Herrn, der immer in der Stimmung war, «hinaufzusehen zu den großen Offenbarungen des Weltenalls». Von anderen Menschen, als von «Meistern», sprach er überhaupt nicht, und, verzeihen Sie, aber sie sagte noch: Er hat eigentlich immer «ein Gesicht bis ans Bauch» gemacht — sie war keine Deutsche, die betreffende Dame — also ein tragisch verlängertes Gesicht trug er stets zur Schau. Ich mußte, als ich diesen Ausspruch der Dame hörte, daß jener Herr immer so ein tragisch verlängertes Gesicht hat, mich erinnern an ein mir wirklich außerordentlich interessantes Erlebnis, das ich vor langer Zeit in Wien hatte. Da lebte in Wien ein Mann, der sich auf alle Weise in das Geistgebiet einzuleben versuchte. Er war der Professor der Physik und Mathematik an der Wiener Hochschule für Bodenkultur, Oskar Simony, der dann ja viel später, erst vor ganz kurzer Zeit, tragisch geendet hat. Er begegnete mir einmal — ich weiß das so, wie wenn es gestern gewesen wäre — in der Salesianergasse, auf der Landstraße, in Wien. Ich kannte ihn vom Sehen, gesprochen hatte ich nie mit ihm. Er kannte mich gar nicht, wir begegneten uns eben wie zwei, die auf dem Trottoir aneinander vorbeigehen. Ich war dazumal ein ganz junger Lebensanfänger, ein junger Dachs von 26, 27 Jahren. Nun, Oskar Simony guckte mich an, blieb stehen — ich erzähle nur eine Tatsache — und fing mit mir ein Gespräch an über allerlei Dinge der geistigen Wissenschaft, nahm mich dann auch zu sich nach Hause und schenkte mir seine jüngste Publikation über eine Erweiterung der vier Rechnungsarten, die er in der alten Akademie der Wissenschaften damals veröffentlicht hatte. Es war dazumal gerade die Zeit, in der der österreichische Kronprinz Rudolf zusammen mit dem Erzherzog Johann, der dann als Johann Orth, wie Sie vielleicht wissen, verschwunden ist, sich beschäftigten mit der Entlarvung eines Mediums und überhaupt mit solchen Dingen. Daher war dazumal sehr viel von solchen Dingen in Wien die Rede, und Oskar Simony beschäftigte sich außerdem ja sehr wissenschaftlich mit diesen Dingen, er hat ein Buch geschrieben über das Schlingen eines Knotens in ein ringförmig geschlossenes Band, das sehr interessant ist. — Nun, während wir so sprachen, machte er eine Pause im Gespräche und sagte: «Ach, wenn man sich mit diesen Dingen beschäftigt, da braucht man eigentlich viel Humor dazu!» — Und wahrhaftig, es ist nötig, gerade wenn man in die Tiefen der geistigen Wissenschaft hineingeht, daß man den Humor nicht verlernt, daß man mit anderen Worten sich nicht ständig verpflichtet fühlt, das tragisch verlängerte Gesicht nur zu tragen. Und ich habe sogar die Überzeugung, daß Oskar Simony in der letzten Zeit seines Lebens eben den Humor verloren hatte, bevor er so tragisch geendet hat.

[ 3 ] Ebenso ist in der kleinen Dichtung, die vierzeilige Strophen hat, die Anordnung so, daß gewisse Bewegungen kosmische Vorgänge ausdrücken. Von den zwöltstrophigen Versuchen ist der eine ernst gemeint, von dem anderen werden Sie gleich sehen, wenn er Ihnen nachher vorgetragen wird, daß er eine richtige Satire ist. Nun könnte man sehr leicht meinen, daß es etwas Ungehöriges ist, so, wie man sagt, «heilige Dinge» satirisch zu behandeln. Aber wirklich, meine lieben Freunde, will man weiterkommen gerade auf dem Gebiete geistiger Weltanschauung, dann ist eine Grundforderung diese, daß man nicht das Lachen verlernt über dasjenige, worüber in der Welt gelacht werden muß, wenn man es richtig beurteilt. Eine Dame erzählte einmal von einem Herrn, der immer in der Stimmung war, «hinaufzusehen zu den großen Offenbarungen des Weltenalls». Von anderen Menschen, als von «Meistern», sprach er überhaupt nicht, und, verzeihen Sie, aber sie sagte noch: Er hat eigentlich immer «ein Gesicht bis ans Bauch» gemacht — sie war keine Deutsche, die betreffende Dame — also ein tragisch verlängertes Gesicht trug er stets zur Schau. Ich mußte, als ich diesen Ausspruch der Dame hörte, daß jener Herr immer so ein tragisch verlängertes Gesicht hat, mich erinnern an ein mir wirklich außerordentlich interessantes Erlebnis, das ich vor langer Zeit in Wien hatte. Da lebte in Wien ein Mann, der sich auf alle Weise in das Geistgebiet einzuleben versuchte. Er war der Professor der Physik und Mathematik an der Wiener Hochschule für Bodenkultur, Oskar Simony, der dann ja viel später, erst vor ganz kurzer Zeit, tragisch geendet hat. Er begegnete mir einmal — ich weiß das so, wie wenn es gestern gewesen wäre — in der Salesianergasse, auf der Landstraße, in Wien. Ich kannte ihn vom Sehen, gesprochen hatte ich nie mit ihm. Er kannte mich gar nicht, wir begegneten uns eben wie zwei, die auf dem Trottoir aneinander vorbeigehen. Ich war dazumal ein ganz junger Lebensanfänger, ein junger Dachs von 26, 27 Jahren. Nun, Oskar Simony guckte mich an, blieb stehen — ich erzähle nur eine Tatsache — und fing mit mir ein Gespräch an über allerlei Dinge der geistigen Wissenschaft, nahm mich dann auch zu sich nach Hause und schenkte mir seine jüngste Publikation über eine Erweiterung der vier Rechnungsarten, die er in der alten Akademie der Wissenschaften damals veröffentlicht hatte. Es war dazumal gerade die Zeit, in der der österreichische Kronprinz Rudolf zusammen mit dem Erzherzog Johann, der dann als Johann Orth, wie Sie vielleicht wissen, verschwunden ist, sich beschäftigten mit der Entlarvung eines Mediums und überhaupt mit solchen Dingen. Daher war dazumal sehr viel von solchen Dingen in Wien die Rede, und Oskar Simony beschäftigte sich außerdem ja sehr wissenschaftlich mit diesen Dingen, er hat ein Buch geschrieben über das Schlingen eines Knotens in ein ringförmig geschlossenes Band, das sehr interessant ist. — Nun, während wir so sprachen, machte er eine Pause im Gespräche und sagte: «Ach, wenn man sich mit diesen Dingen beschäftigt, da braucht man eigentlich viel Humor dazu!» — Und wahrhaftig, es ist nötig, gerade wenn man in die Tiefen der geistigen Wissenschaft hineingeht, daß man den Humor nicht verlernt, daß man mit anderen Worten sich nicht ständig verpflichtet fühlt, das tragisch verlängerte Gesicht nur zu tragen. Und ich habe sogar die Überzeugung, daß Oskar Simony in der letzten Zeit seines Lebens eben den Humor verloren hatte, bevor er so tragisch geendet hat.

[ 4 ] Nun ist ja auch reichlich Gelegenheit, Humor zu entfalten, gerade innerhalb unserer geistigen Bewegung. Denn an nichts so sehr wie an solche geistige Bewegungen hängen sich die Karikaturen des Strebens nach dem Geistigen. Nicht Menschen meine ich, sondern Strebungen meine ich mit diesen Karikaturen. Was soll nicht alles gehen unter der Flagge des geistigen Strebens, oder sagen wir, des Dazugehörens zu einer Bewegung, welche das geistige Streben zu dem ihrigen macht! Das ist ja dasjenige, was so schwierig macht, vor der Welt solch eine geistige Bewegung zu vertreten. An sich war gar nichts dagegen einzuwenden, daß eine Zeitlang — es ist auch heute noch nichts einzuwenden — einige Damen solche Kleidung getragen haben, wie ich sie einmal ausfindig machen mußte für die erste Szene der Aufführung des ersten Mysteriendramas; denn da konnte man keine modernen Kleider auf der Bühne haben. Dann haben Damen solche Kleider gemacht. Das war aller Anerkennung wert, selbstverständlich, aber auch das ist ausgeartet, und das brauche ich nicht weiter zu erzählen, das ist ja hinlänglich bekannt, wie diese Dinge ausgeartet sind, wie man dann geglaubt hat, daß zu einer solchen Kleidung unbedingt kurze Haare gehören. Ja, man konnte sogar hören, daß — was ja nur in einzelnen Fällen vorgekommen ist — bei uns Damen mit ganz kurzen Haaren und Herren mit recht langen Haaren herumgingen. Aber das waren ja nur Ausnahmen. Jedenfalls hat das dazu geführt, daß ich oftmals bei öffentlichen Vorträgen gefragt worden bin, ob denn zur Theosophie gehöre, daß man sich die Haare schneiden läßt. Nun, das ist eine Äußerlichkeit; aber auch mit Innerlichkeiten wurde schon in unseren Kreisen mancherlei Unfug getrieben, gegen den man sich scharf wenden muß. Was wird nicht alles gesagt, was ich gesagt haben soll, was wird nicht alles gesagt, was sein soll, und dergleichen! Manchmal nehmen sich die Dinge, die gesagt werden, durchaus nicht so aus, daß man nicht zu dem Urteil kommen könnte, daß der Betreffende, der es sagt, sich ein bißchen wichtig machen will, gelinde gesagt. Also es gibt Auswüchse, wegen welcher es schwierig ist, unsere Bewegung vor denjenigen zu vertreten, deren Lachmuskeln insbesondere dann wie von selbst in Bewegung kommen, wenn sie von etwas hören, das sie doch nicht verstehen. Die lachen dann über das Ernste, über das Bedeutungsvolle auch. Aber man braucht nicht noch Veranlassung zu geben durch die mit dem Streben nach dem Geistigen einhergehende Karikatur, daß sie ein gewisses Recht haben, zu lachen.

[ 4 ] Nun ist ja auch reichlich Gelegenheit, Humor zu entfalten, gerade innerhalb unserer geistigen Bewegung. Denn an nichts so sehr wie an solche geistige Bewegungen hängen sich die Karikaturen des Strebens nach dem Geistigen. Nicht Menschen meine ich, sondern Strebungen meine ich mit diesen Karikaturen. Was soll nicht alles gehen unter der Flagge des geistigen Strebens, oder sagen wir, des Dazugehörens zu einer Bewegung, welche das geistige Streben zu dem ihrigen macht! Das ist ja dasjenige, was so schwierig macht, vor der Welt solch eine geistige Bewegung zu vertreten. An sich war gar nichts dagegen einzuwenden, daß eine Zeitlang — es ist auch heute noch nichts einzuwenden — einige Damen solche Kleidung getragen haben, wie ich sie einmal ausfindig machen mußte für die erste Szene der Aufführung des ersten Mysteriendramas; denn da konnte man keine modernen Kleider auf der Bühne haben. Dann haben Damen solche Kleider gemacht. Das war aller Anerkennung wert, selbstverständlich, aber auch das ist ausgeartet, und das brauche ich nicht weiter zu erzählen, das ist ja hinlänglich bekannt, wie diese Dinge ausgeartet sind, wie man dann geglaubt hat, daß zu einer solchen Kleidung unbedingt kurze Haare gehören. Ja, man konnte sogar hören, daß — was ja nur in einzelnen Fällen vorgekommen ist — bei uns Damen mit ganz kurzen Haaren und Herren mit recht langen Haaren herumgingen. Aber das waren ja nur Ausnahmen. Jedenfalls hat das dazu geführt, daß ich oftmals bei öffentlichen Vorträgen gefragt worden bin, ob denn zur Theosophie gehöre, daß man sich die Haare schneiden läßt. Nun, das ist eine Äußerlichkeit; aber auch mit Innerlichkeiten wurde schon in unseren Kreisen mancherlei Unfug getrieben, gegen den man sich scharf wenden muß. Was wird nicht alles gesagt, was ich gesagt haben soll, was wird nicht alles gesagt, was sein soll, und dergleichen! Manchmal nehmen sich die Dinge, die gesagt werden, durchaus nicht so aus, daß man nicht zu dem Urteil kommen könnte, daß der Betreffende, der es sagt, sich ein bißchen wichtig machen will, gelinde gesagt. Also es gibt Auswüchse, wegen welcher es schwierig ist, unsere Bewegung vor denjenigen zu vertreten, deren Lachmuskeln insbesondere dann wie von selbst in Bewegung kommen, wenn sie von etwas hören, das sie doch nicht verstehen. Die lachen dann über das Ernste, über das Bedeutungsvolle auch. Aber man braucht nicht noch Veranlassung zu geben durch die mit dem Streben nach dem Geistigen einhergehende Karikatur, daß sie ein gewisses Recht haben, zu lachen.

[ 5 ] Solche Dinge haben dazu geführt, daß auch eine solche Dichtung als Satire einmal von mir gemacht worden und dann eurythmisch dargestellt worden ist, und die soll auch heute zum Vortrage kommen. Diese Satire mit den zwölf Tierkreisstimmungen, in denen auch die Planeten verwendet sind, aber verwendet sind, um, ich möchte sagen, die Schattenseiten des geisteswissenschaftlichen Betriebes — nicht der Geisteswissenschaft, die hat schon keine Schattenseiten, aber, sagen wir, des geisteswissenschaftlichen Anhanges — ein bißchen zu zeigen. Diese Versuche — es sollen wie gesagt bescheidene Versuche sei — sind eben gemacht, um zu zeigen, wie aus den erfühlten Gesetzen des Kosmos sich wirkliche Formgesetze einer Dichtung für die Zukunft ergeben werden. Diese Dichtungen sollen vorgetragen werden im Zusammenhange mit einigen von Robert Hamerling, die dazwischen genommen werden, und damit wollen wir heute beginnen, bevor wir zu unserer Vortragsbetrachtung schreiten. Also Sie müssen bei den Dichtungen in Erwägung ziehen, daß sie zur eurythmischen Aufführung bestimmt waren; sie werden heute vorgetragen ohne Eurythmie, aber das macht nichts.

[ 5 ] Solche Dinge haben dazu geführt, daß auch eine solche Dichtung als Satire einmal von mir gemacht worden und dann eurythmisch dargestellt worden ist, und die soll auch heute zum Vortrage kommen. Diese Satire mit den zwölf Tierkreisstimmungen, in denen auch die Planeten verwendet sind, aber verwendet sind, um, ich möchte sagen, die Schattenseiten des geisteswissenschaftlichen Betriebes — nicht der Geisteswissenschaft, die hat schon keine Schattenseiten, aber, sagen wir, des geisteswissenschaftlichen Anhanges — ein bißchen zu zeigen. Diese Versuche — es sollen wie gesagt bescheidene Versuche sei — sind eben gemacht, um zu zeigen, wie aus den erfühlten Gesetzen des Kosmos sich wirkliche Formgesetze einer Dichtung für die Zukunft ergeben werden. Diese Dichtungen sollen vorgetragen werden im Zusammenhange mit einigen von Robert Hamerling, die dazwischen genommen werden, und damit wollen wir heute beginnen, bevor wir zu unserer Vortragsbetrachtung schreiten. Also Sie müssen bei den Dichtungen in Erwägung ziehen, daß sie zur eurythmischen Aufführung bestimmt waren; sie werden heute vorgetragen ohne Eurythmie, aber das macht nichts.

[ 6 ] [Programm der anschließenden Rezitation durch Frau Dr. Steiner: Gedichte von Robert Hamerling: «O, laßt mich einsam singen ...», «Sohn und Erbe der Ewigkeit ...», «Zwischen Himmel und Erde», «Nächtliche Regung», «Geister der Nacht», «Scheltet nicht die weichen Klänge ...», «Venedig», «Lebenslied», — Harmoniumspiel — «Der Adler». — «Planetentanz», «Pfingstspruch» («Wo Sinneswissen endet ...»), «Zwölf Stimmungen» von Rudolf Steiner, — Harmonium: Die Himmel rühmen — «Verlorene Klänge» und «Diamanten» von Robert Hamerling, «Das Lied von der Initiation», Satire von Rudolf Steiner.]

[ 6 ] [Programm der anschließenden Rezitation durch Frau Dr. Steiner: Gedichte von Robert Hamerling: «O, laßt mich einsam singen ...», «Sohn und Erbe der Ewigkeit ...», «Zwischen Himmel und Erde», «Nächtliche Regung», «Geister der Nacht», «Scheltet nicht die weichen Klänge ...», «Venedig», «Lebenslied», — Harmoniumspiel — «Der Adler». — «Planetentanz», «Pfingstspruch» («Wo Sinneswissen endet ...»), «Zwölf Stimmungen» von Rudolf Steiner, — Harmonium: Die Himmel rühmen — «Verlorene Klänge» und «Diamanten» von Robert Hamerling, «Das Lied von der Initiation», Satire von Rudolf Steiner.]

[ 7 ] Ich möchte ausgehen von dem, was ja jetzt schon öfter unseren Betrachtungen zugrunde gelegt worden ist. Wirklich nicht so soll das, was uns geisteswissenschaftlich durchdringt, in unserer Seele leben, daß wir, sowie man Geographie, Botanik, Staatswissenschaft oder dergleichen gelernt hat, auch Geisteswissenschaft kennen und dann das übrige Leben so hübsch davon trennen; sondern Geisteswissenschaft soll Impulse, Lebenskräfte geben, die sich wirklich hineinergießen in das Auffassen der Wirklichkeit, die uns umgibt. Nicht nur, daß das um der Geisteswissenschaft selber willen so sein muß, sondern es hat die Geisteswissenschaft wirklich die Aufgabe, einzugreifen in das gegenwärtige Geistesleben, so daß manches, in bezug auf welches das gegenwärtige Geistesleben wie in eine Sackgasse geht, wiederum angeregt werde, daß manches, was im gegenwärtigen Geistesleben krank ist, gesund werde. Und wir haben ja gehört: Eines muß ja unser ganzes Seelenweben durchdringen, wenn wir so richtig in der Geisteswissenschaft drinnenstehen wollen: das ist Wahrhaftigkeit! Man wird von Wahrhaftigkeit so durchdrungen werden müssen, daß man, wenn man Geisteswissenschaft treiben will, nicht von dieser Wahrhaftigkeit weicht, in bezug auf die ganze Auffassung des Lebens. Aber gerade da steht man heute einer Lebensauffassung gegenüber, die in der Beurteilungsart, in der Gesinnung, wirklich nicht von der Wahrhaftigkeit durchzogen ist.

[ 7 ] Ich möchte ausgehen von dem, was ja jetzt schon öfter unseren Betrachtungen zugrunde gelegt worden ist. Wirklich nicht so soll das, was uns geisteswissenschaftlich durchdringt, in unserer Seele leben, daß wir, sowie man Geographie, Botanik, Staatswissenschaft oder dergleichen gelernt hat, auch Geisteswissenschaft kennen und dann das übrige Leben so hübsch davon trennen; sondern Geisteswissenschaft soll Impulse, Lebenskräfte geben, die sich wirklich hineinergießen in das Auffassen der Wirklichkeit, die uns umgibt. Nicht nur, daß das um der Geisteswissenschaft selber willen so sein muß, sondern es hat die Geisteswissenschaft wirklich die Aufgabe, einzugreifen in das gegenwärtige Geistesleben, so daß manches, in bezug auf welches das gegenwärtige Geistesleben wie in eine Sackgasse geht, wiederum angeregt werde, daß manches, was im gegenwärtigen Geistesleben krank ist, gesund werde. Und wir haben ja gehört: Eines muß ja unser ganzes Seelenweben durchdringen, wenn wir so richtig in der Geisteswissenschaft drinnenstehen wollen: das ist Wahrhaftigkeit! Man wird von Wahrhaftigkeit so durchdrungen werden müssen, daß man, wenn man Geisteswissenschaft treiben will, nicht von dieser Wahrhaftigkeit weicht, in bezug auf die ganze Auffassung des Lebens. Aber gerade da steht man heute einer Lebensauffassung gegenüber, die in der Beurteilungsart, in der Gesinnung, wirklich nicht von der Wahrhaftigkeit durchzogen ist.

[ 8 ] Lassen Sie uns einmal von einem Ereignis, das wir in den letzten Tagen erfahren mußten, ausgehen. Auch das ist schon NichtWahrhaftigkeit, daß man über solche Ereignisse viel zu wenig nachdenkt, sie viel zu wenig im Zusammenhange mit dem ganzen Leben betrachtet. Sie werden es vielleicht gelesen haben, was, abgesehen von jenen furchtbaren, großen, gigantischen Erschütterungen, die heute vorgehen, im kleinen Kreise in diesen Tagen Frschütterndes an einem einzelnen menschlichen Schicksal sich abgespielt hat; heute ist ja alles ein kleiner Kreis, was sich außerhalb des großen abspielt. Ein Maler, der offenbar eigentlich ein guter Maler ist, das ging aus der Prozeßführung hervor, malte Bilder und schrieb darauf: Böcklin, Uhde, Menzel, Spitzweg und ähnliche berühmte Namen, malte viele solche Bilder, die verkauft wurden an diejenigen Menschen, die einen Böcklin, einen Lenbach, einen Menzel kaufen wollten. Es hatte sie aber Herr Lehmann gemalt. Aber Herr Lehmann konnte gut malen, so daß alle sie für richtige Menzels, Uhdes, Böcklins und so weiter gekauft haben. Nun wurde ihm der Prozeß gemacht. Es ist ja selbstverständlich ein ganz klarer Betrug. Die Sachverständigen haben gefunden, daß der Betrug um so größer ist, weil er eben ein guter Maler ist und wirklich auch die Sache so gut machen konnte, daß man sie nicht unterscheiden konnte von den Bildern, welche die betreffenden Berühmtheiten gemalt haben, und er wurde nun wegen Betrugs zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

[ 8 ] Lassen Sie uns einmal von einem Ereignis, das wir in den letzten Tagen erfahren mußten, ausgehen. Auch das ist schon NichtWahrhaftigkeit, daß man über solche Ereignisse viel zu wenig nachdenkt, sie viel zu wenig im Zusammenhange mit dem ganzen Leben betrachtet. Sie werden es vielleicht gelesen haben, was, abgesehen von jenen furchtbaren, großen, gigantischen Erschütterungen, die heute vorgehen, im kleinen Kreise in diesen Tagen Frschütterndes an einem einzelnen menschlichen Schicksal sich abgespielt hat; heute ist ja alles ein kleiner Kreis, was sich außerhalb des großen abspielt. Ein Maler, der offenbar eigentlich ein guter Maler ist, das ging aus der Prozeßführung hervor, malte Bilder und schrieb darauf: Böcklin, Uhde, Menzel, Spitzweg und ähnliche berühmte Namen, malte viele solche Bilder, die verkauft wurden an diejenigen Menschen, die einen Böcklin, einen Lenbach, einen Menzel kaufen wollten. Es hatte sie aber Herr Lehmann gemalt. Aber Herr Lehmann konnte gut malen, so daß alle sie für richtige Menzels, Uhdes, Böcklins und so weiter gekauft haben. Nun wurde ihm der Prozeß gemacht. Es ist ja selbstverständlich ein ganz klarer Betrug. Die Sachverständigen haben gefunden, daß der Betrug um so größer ist, weil er eben ein guter Maler ist und wirklich auch die Sache so gut machen konnte, daß man sie nicht unterscheiden konnte von den Bildern, welche die betreffenden Berühmtheiten gemalt haben, und er wurde nun wegen Betrugs zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

[ 9 ] Ich werde Ihnen nun das Gegenbild dazu erzählen, ein Gegenbild, das man neben dieses Ereignis stellen kann. Goethe hatte ja die Methode, Bild und Gegenbild immer gegeneinander zu stellen. Das ist freilich nicht so bequem wie das gewöhnliche Denken, aber es klärt die wahre Wirklichkeit mehr auf. Wenn man nach Brüssel kommt, so trifft man dort das Wiertz-Museum. Da sind Bilder des Malers Wiertz, und ich glaube nicht, daß es irgendeinen Menschen geben kann, der nicht im allerhöchsten Maße überrascht wäre von der Eigenart der Bilder des Wiertz. Es sind ja allerdings Bilder, die nicht so gemalt sind, wie andere sie malen, aber sie haben eine außerordentlich eigene Note, sind zuweilen so, daß selbstverständlich der steife Philister sie verrückt finden wird. Nun, das ist ja vielleicht nicht immer ein Maßstab, aber jedenfalls sind auch solche drunter, von denen man im höchsten Maße ergriffen werden kann. Wiertz wurde geboren im Anfange des 19. Jahrhunderts aus armer Familie, war ein armer Kerl, wuchs auch als armer Kerl auf; aber wie durch eine Erleuchtung kam eines Tages über ihn der Gedanke — und nun kam bei ihm zusammen, ich möchte sagen, wirkliche Berufung mit außerordentlicher Eitelkeit, die Dinge können ja zusammenkommen — , er müsse ein Maler werden, größer als Rubens, Fortsetzer von Rubens, er müsse Rubens überrubensen; ein Über-Rubens müsse er werden. Nicht wahr, man kann ja heute, in der Zeit nach Nietzsche, auch sagen: «Über-Rubens». — Also ein Über-Rubens wollte er werden; aber natürlich konnte er etwas. Er bekam dann auch ein Stipendium und konnte nach Rom gehen, konnte die italienische Malerei sehen. Und nun malte er ein Bild, das war allerdings furchtbar groß, ganz riesig groß: eine Szene aus dem Trojanischen Krieg. Es war aber wirklich weit besser als so die Durchschnittsbilder, die in Ausstellungen waren. Nun, er hat es in Paris der Louvre-Kommission eingereicht. Man hat es zwar angenommen, aber man hat es so gehängt, daß es gewirkt hat, wie wenn man es nicht angenommen hätte. Sie wissen ja, das ist so eine häufige Praxis der Kommissionen, die Bilder annehmen für Ausstellungen, daß sie etwas dann so hängen, wie wenn es nicht da wäre. Denn es kommt ja natürlich sehr darauf an, daß man ein Bild auch sieht. Wenn man es nicht sehen kann, wenn es so beleuchtet ist an einer Stelle, daß man es nicht sehen kann, so kann es ausgestellt sein, und es ist doch in Wirklichkeit nicht da. Und da Wiertz nicht gerade wenig Eitelkeit hatte neben einem großen Talent, so wurmte ihn das furchtbar. Er wurde ganz wild über Paris, ging nach Brüssel zurück und schrieb niemals mehr den Namen «Paris» auf, ohne daß er einen Blitz darüber malte, der in dieses Wort «Paris» hineinfuhr! Nun, er hat auch einige andere Auszeichnungen erhalten, die ihn nicht besonders erfreut haben. So bekam er für irgendeine Leistung einmal von dem König eine bronzene Medaille. Da sagte er: Gold habe ich nicht, Silber habe ich nicht, aber Bronze, die brauche ich auch nicht! — Und er blieb wild. Er wollte noch einmal die Probe machen mit der Louvre-Kommission. 1840 schickte er zwei Bilder zu einer Ausstellung. Das eine hatte er selber gemalt, da stand «Wiertz» darauf. Das andere ergab sich ihm aber auf eine andere Art. Es hatte nämlich ein Bekannter einen anerkannt echten, bedeutenden Rubens. Wiertz, flugs, kratzt den Namen Rubens aus und schreibt Wiertz darunter, schickt zwei «Wiertz» nach Paris. Die Leute schauen sich das an: zwei «Wiertz»? Nichts! Wird nicht ausgestellt, sind zwei Schunderzeugnisse! — Dabei war einer ein echter Rubens, es war gerade ein ganz vorzüglicher Rubens! Na, so hat er sich gerächt, hat das natürlich überall bekannt machen lassen, und es hat dazumal ein großes Aufsehen gegeben.

[ 9 ] Ich werde Ihnen nun das Gegenbild dazu erzählen, ein Gegenbild, das man neben dieses Ereignis stellen kann. Goethe hatte ja die Methode, Bild und Gegenbild immer gegeneinander zu stellen. Das ist freilich nicht so bequem wie das gewöhnliche Denken, aber es klärt die wahre Wirklichkeit mehr auf. Wenn man nach Brüssel kommt, so trifft man dort das Wiertz-Museum. Da sind Bilder des Malers Wiertz, und ich glaube nicht, daß es irgendeinen Menschen geben kann, der nicht im allerhöchsten Maße überrascht wäre von der Eigenart der Bilder des Wiertz. Es sind ja allerdings Bilder, die nicht so gemalt sind, wie andere sie malen, aber sie haben eine außerordentlich eigene Note, sind zuweilen so, daß selbstverständlich der steife Philister sie verrückt finden wird. Nun, das ist ja vielleicht nicht immer ein Maßstab, aber jedenfalls sind auch solche drunter, von denen man im höchsten Maße ergriffen werden kann. Wiertz wurde geboren im Anfange des 19. Jahrhunderts aus armer Familie, war ein armer Kerl, wuchs auch als armer Kerl auf; aber wie durch eine Erleuchtung kam eines Tages über ihn der Gedanke — und nun kam bei ihm zusammen, ich möchte sagen, wirkliche Berufung mit außerordentlicher Eitelkeit, die Dinge können ja zusammenkommen — , er müsse ein Maler werden, größer als Rubens, Fortsetzer von Rubens, er müsse Rubens überrubensen; ein Über-Rubens müsse er werden. Nicht wahr, man kann ja heute, in der Zeit nach Nietzsche, auch sagen: «Über-Rubens». — Also ein Über-Rubens wollte er werden; aber natürlich konnte er etwas. Er bekam dann auch ein Stipendium und konnte nach Rom gehen, konnte die italienische Malerei sehen. Und nun malte er ein Bild, das war allerdings furchtbar groß, ganz riesig groß: eine Szene aus dem Trojanischen Krieg. Es war aber wirklich weit besser als so die Durchschnittsbilder, die in Ausstellungen waren. Nun, er hat es in Paris der Louvre-Kommission eingereicht. Man hat es zwar angenommen, aber man hat es so gehängt, daß es gewirkt hat, wie wenn man es nicht angenommen hätte. Sie wissen ja, das ist so eine häufige Praxis der Kommissionen, die Bilder annehmen für Ausstellungen, daß sie etwas dann so hängen, wie wenn es nicht da wäre. Denn es kommt ja natürlich sehr darauf an, daß man ein Bild auch sieht. Wenn man es nicht sehen kann, wenn es so beleuchtet ist an einer Stelle, daß man es nicht sehen kann, so kann es ausgestellt sein, und es ist doch in Wirklichkeit nicht da. Und da Wiertz nicht gerade wenig Eitelkeit hatte neben einem großen Talent, so wurmte ihn das furchtbar. Er wurde ganz wild über Paris, ging nach Brüssel zurück und schrieb niemals mehr den Namen «Paris» auf, ohne daß er einen Blitz darüber malte, der in dieses Wort «Paris» hineinfuhr! Nun, er hat auch einige andere Auszeichnungen erhalten, die ihn nicht besonders erfreut haben. So bekam er für irgendeine Leistung einmal von dem König eine bronzene Medaille. Da sagte er: Gold habe ich nicht, Silber habe ich nicht, aber Bronze, die brauche ich auch nicht! — Und er blieb wild. Er wollte noch einmal die Probe machen mit der Louvre-Kommission. 1840 schickte er zwei Bilder zu einer Ausstellung. Das eine hatte er selber gemalt, da stand «Wiertz» darauf. Das andere ergab sich ihm aber auf eine andere Art. Es hatte nämlich ein Bekannter einen anerkannt echten, bedeutenden Rubens. Wiertz, flugs, kratzt den Namen Rubens aus und schreibt Wiertz darunter, schickt zwei «Wiertz» nach Paris. Die Leute schauen sich das an: zwei «Wiertz»? Nichts! Wird nicht ausgestellt, sind zwei Schunderzeugnisse! — Dabei war einer ein echter Rubens, es war gerade ein ganz vorzüglicher Rubens! Na, so hat er sich gerächt, hat das natürlich überall bekannt machen lassen, und es hat dazumal ein großes Aufsehen gegeben.

[ 10 ] Das ist das Gegenstück zu dem Ereignis, das ich Ihnen vorhin erzählt habe. Nun denken Sie sich doch, welche Summe von Unwahrheit herrscht bei der Beurteilung von Kunstwerken heute! Wer kauft denn eigentlich Kunstwerke? Namen kauft man! Denn es ist ganz klar, daß, wenn heute jemand etwas malte, was so gut ist, wie Leonardo gemalt hat — es könnte ganz gut sein — , man würde selbstverständlich Leonardo kaufen und nicht den anderen. Es hat ja auch schon andere Maler gegeben, sogar eine Zeitung erzählt heute davon, die sich darauf verlegt haben, alte Maler zu malen, da sie von sich selber nichts verkaufen konnten; aber wenn sie Leonardo oder Michelangelo oder so etwas darauf schrieben, da konnten sie verkaufen. Aber sie waren schon gestorben, als man darauf kam, da konnte man sie nicht mehr vier Jahre einsperren! Solche Ereignisse sind vor allen Dingen in dem Lichte der Unwahrhaftigkeit unserer Verhältnisse zu beurteilen. Lehmann würde kein einziges seiner Bilder verkauft haben, wenn er «Lehmann» darauf geschrieben hätte; aber sie wären gerade so gut gewesen, als sie so sind. Diese Dinge sind schon erschütternd. Es ist schon notwendig, daß man mit seinem Denken in diese Dinge hineingreift, denn das sind nur Beispiele für Dinge, die im alltäglichen Leben heute auf anderen Gebieten und mit anderen Dingen immer wieder und wieder vorkommen, und die eben zeigen, wie notwendig es unsere Zeit hat, Wahrhaftigkeit, aber auch Bekenntnis zur Wahrhaftigkeit, Streben nach Wahrhaftigkeit in sich aufzunehmen. Nun ist Streben nach Wahrhaftigkeit gar nicht erreichbar ohne den guten Willen, mit den Dingen sich zu beschäftigen, auf die Dinge einzugehen, nicht einfach darüber hinwegzuhuschen und sich nicht um sie zu kümmern. Darum handelt es sich, sich wirklich um das, was um uns herum geschieht, zu bekümmern und zu versuchen, die Dinge in ihren Tiefen ein bißchen zu verstehen. Wenn. man, ich möchte sagen, dies nicht als Übung versucht, die Wirklichkeit als Wirklichkeit in ihren Tiefen zu beobachten, so kann man nicht sehr weit kommen in bezug auf das Erfassen der Impulse, die in der Geisteswissenschaft liegen; denn die Geisteswissenschaft ist einmal aus der wahren Wirklichkeit heraus entstanden, und wir müssen uns verwandt machen dem Impuls der wahren Wirklichkeit, wenn wir Geisteswissenschaft verstehen wollen.

[ 10 ] Das ist das Gegenstück zu dem Ereignis, das ich Ihnen vorhin erzählt habe. Nun denken Sie sich doch, welche Summe von Unwahrheit herrscht bei der Beurteilung von Kunstwerken heute! Wer kauft denn eigentlich Kunstwerke? Namen kauft man! Denn es ist ganz klar, daß, wenn heute jemand etwas malte, was so gut ist, wie Leonardo gemalt hat — es könnte ganz gut sein — , man würde selbstverständlich Leonardo kaufen und nicht den anderen. Es hat ja auch schon andere Maler gegeben, sogar eine Zeitung erzählt heute davon, die sich darauf verlegt haben, alte Maler zu malen, da sie von sich selber nichts verkaufen konnten; aber wenn sie Leonardo oder Michelangelo oder so etwas darauf schrieben, da konnten sie verkaufen. Aber sie waren schon gestorben, als man darauf kam, da konnte man sie nicht mehr vier Jahre einsperren! Solche Ereignisse sind vor allen Dingen in dem Lichte der Unwahrhaftigkeit unserer Verhältnisse zu beurteilen. Lehmann würde kein einziges seiner Bilder verkauft haben, wenn er «Lehmann» darauf geschrieben hätte; aber sie wären gerade so gut gewesen, als sie so sind. Diese Dinge sind schon erschütternd. Es ist schon notwendig, daß man mit seinem Denken in diese Dinge hineingreift, denn das sind nur Beispiele für Dinge, die im alltäglichen Leben heute auf anderen Gebieten und mit anderen Dingen immer wieder und wieder vorkommen, und die eben zeigen, wie notwendig es unsere Zeit hat, Wahrhaftigkeit, aber auch Bekenntnis zur Wahrhaftigkeit, Streben nach Wahrhaftigkeit in sich aufzunehmen. Nun ist Streben nach Wahrhaftigkeit gar nicht erreichbar ohne den guten Willen, mit den Dingen sich zu beschäftigen, auf die Dinge einzugehen, nicht einfach darüber hinwegzuhuschen und sich nicht um sie zu kümmern. Darum handelt es sich, sich wirklich um das, was um uns herum geschieht, zu bekümmern und zu versuchen, die Dinge in ihren Tiefen ein bißchen zu verstehen. Wenn. man, ich möchte sagen, dies nicht als Übung versucht, die Wirklichkeit als Wirklichkeit in ihren Tiefen zu beobachten, so kann man nicht sehr weit kommen in bezug auf das Erfassen der Impulse, die in der Geisteswissenschaft liegen; denn die Geisteswissenschaft ist einmal aus der wahren Wirklichkeit heraus entstanden, und wir müssen uns verwandt machen dem Impuls der wahren Wirklichkeit, wenn wir Geisteswissenschaft verstehen wollen.

[ 11 ] Für den, der die Tatsachen kennt, ist es auf der einen Seite ganz verständlich, daß diejenigen, die es heute mit der Wahrheit halten, wie es eben sehr häufig mit der Wahrheit gehalten wird, nicht zum Verständnis der Geisteswissenschaft kommen können, wie es auf der anderen Seite selbstverständlich ist, daß geisteswissenschaftliche Impulse in unser geistiges Leben der Gegenwart und der nächsten Zukunft hineinkommen müssen. Es ist ja wirklich so, daß man heute eigentlich bei allem, was einem vor Augen tritt, ich möchte sagen, obenhin liest; nicht bloß das, was man liest, sondern auch das Leben liest man obenhin, oberflächlich betrachtet man die Ereignisse, man huscht so darüber hin. Ich möchte Sie da auf eines aufmerksam machen, was man im Grunde genommen erst verstehen kann, wenn man sich ein wenig auf geisteswissenschaftliche Tatsachen einläßt. Derjenige, der heute die Entwickelung der Zeit verfolgt, der wird eine erstaunliche Entdeckung machen können, wenn er achtgibt auf das, was die Seele des Menschen unmittelbar aufnimmt, und auf das, was sie so aufnimmt, daß sie es behält und wirksam macht. In unserer Zeit lesen ja die meisten Menschen, die überhaupt lesen, Zeitungen. Zeitungen sind so Tagesgeschöpfe, und die meisten denken, das geht ebenso wieder aus der Seele heraus, wie es hereingegangen ist, und sie denken, daß das einen trösten kann über die Oberflächlichkeit und Unwahrhaftigkeit unserer Journalistik, die ja wirklich alles übersteigt, wie wir es noch beschreiben werden. Nun liegt die Sache aber anders, als man gewöhnlich glaubt. Für die meisten Menschen der Gegenwart, die auch Bücher lesen, schreibt sich der Inhalt eines Buches viel weniger in die Seele ein, selbst wenn er gedächtnismäßig darin bleibt, als der Inhalt der Zeitungslektüre, trotzdem die Zeitung nur ein Tagesgeschöpf ist. Gerade dieses Vorübergehende des Zeitungsstoffes, der aufgenommen und wiederum abgeworfen wird, und den man nicht dem Gedächtnis einprägt, sondern den man womöglich schnell vergißt — man muß ja schnell vergessen — , er prägt sich ins Unterbewußte unendlich tief ein. Ich habe schon einmal erwähnt, wie schnell man bei manchen Zeitungen vergessen muß. Wir waren einmal da unten in Istrien, in der Nähe von Pirano; da erscheint der «Piccolo della Sera». Nun, das war ein Blatt, das erschien jeden Abend, brachte einmal einen furchtbar sensationellen Artikel, ich weiß schon nicht mehr über was, aber drei Spalten lang, die ganze erste Seite. Aber auf derselben Seite war noch ein bißchen Platz; da war derselbe Artikel noch dementiert, da war gesagt, daß er auf einem Irrtum beruht! Das ist doch etwas, was man nicht immer erlebt, daß auf derselben Seite der Artikel gerade wieder dementiert ist, nicht wahr! Aber so asymptotisch, so allmählich bewegt sich ja überhaupt dasjenige, was namentlich die großstädtische Zeitung ist, zu diesem Punkte hin.

[ 11 ] Für den, der die Tatsachen kennt, ist es auf der einen Seite ganz verständlich, daß diejenigen, die es heute mit der Wahrheit halten, wie es eben sehr häufig mit der Wahrheit gehalten wird, nicht zum Verständnis der Geisteswissenschaft kommen können, wie es auf der anderen Seite selbstverständlich ist, daß geisteswissenschaftliche Impulse in unser geistiges Leben der Gegenwart und der nächsten Zukunft hineinkommen müssen. Es ist ja wirklich so, daß man heute eigentlich bei allem, was einem vor Augen tritt, ich möchte sagen, obenhin liest; nicht bloß das, was man liest, sondern auch das Leben liest man obenhin, oberflächlich betrachtet man die Ereignisse, man huscht so darüber hin. Ich möchte Sie da auf eines aufmerksam machen, was man im Grunde genommen erst verstehen kann, wenn man sich ein wenig auf geisteswissenschaftliche Tatsachen einläßt. Derjenige, der heute die Entwickelung der Zeit verfolgt, der wird eine erstaunliche Entdeckung machen können, wenn er achtgibt auf das, was die Seele des Menschen unmittelbar aufnimmt, und auf das, was sie so aufnimmt, daß sie es behält und wirksam macht. In unserer Zeit lesen ja die meisten Menschen, die überhaupt lesen, Zeitungen. Zeitungen sind so Tagesgeschöpfe, und die meisten denken, das geht ebenso wieder aus der Seele heraus, wie es hereingegangen ist, und sie denken, daß das einen trösten kann über die Oberflächlichkeit und Unwahrhaftigkeit unserer Journalistik, die ja wirklich alles übersteigt, wie wir es noch beschreiben werden. Nun liegt die Sache aber anders, als man gewöhnlich glaubt. Für die meisten Menschen der Gegenwart, die auch Bücher lesen, schreibt sich der Inhalt eines Buches viel weniger in die Seele ein, selbst wenn er gedächtnismäßig darin bleibt, als der Inhalt der Zeitungslektüre, trotzdem die Zeitung nur ein Tagesgeschöpf ist. Gerade dieses Vorübergehende des Zeitungsstoffes, der aufgenommen und wiederum abgeworfen wird, und den man nicht dem Gedächtnis einprägt, sondern den man womöglich schnell vergißt — man muß ja schnell vergessen — , er prägt sich ins Unterbewußte unendlich tief ein. Ich habe schon einmal erwähnt, wie schnell man bei manchen Zeitungen vergessen muß. Wir waren einmal da unten in Istrien, in der Nähe von Pirano; da erscheint der «Piccolo della Sera». Nun, das war ein Blatt, das erschien jeden Abend, brachte einmal einen furchtbar sensationellen Artikel, ich weiß schon nicht mehr über was, aber drei Spalten lang, die ganze erste Seite. Aber auf derselben Seite war noch ein bißchen Platz; da war derselbe Artikel noch dementiert, da war gesagt, daß er auf einem Irrtum beruht! Das ist doch etwas, was man nicht immer erlebt, daß auf derselben Seite der Artikel gerade wieder dementiert ist, nicht wahr! Aber so asymptotisch, so allmählich bewegt sich ja überhaupt dasjenige, was namentlich die großstädtische Zeitung ist, zu diesem Punkte hin.

[ 12 ] Wichtig ist es, zu wissen, daß das, was man so rasch aufnimmt und rasch wieder vergißt, in der Tat tief eingeprägt ist gerade in den unterbewußten Teil unserer Seele, und gerade wirksam ist als Kraft zum Weiterwirken in der Zeitenfolge. Es wirkt also weiter in dem, was so allgemeiner Zeitgeist ist, ahrimanischer Zeitgeist; da wirkt es. So daß gute Bücher, die gegenwärtig geschrieben werden, viel, viel weniger wirken als Zeitungsartikel. Gerade dasjenige, was sorgfältig aufgenommen wird und auf das Ich wirkt, vom Ich aus ins Gedächtnis geprägt wird, gerade das wirkt sogar weniger, als was flüchtig als Zeitungssache aufgenommen wird. Aber ich bitte Sie, ziehen Sie jetzt daraus nicht diese Konsequenz, daß Sie keine Zeitung lesen sollen, sondern nehmen Sie das als Ihr Karma hin. Denn selbstverständlich darf das nicht so aufgefaßt werden, als ob wir uns nun hüten sollen, irgendeine Zeile der Zeitung zu lesen. Wir müssen das als ein Zeitenkarma auffassen, müssen uns klar sein darüber, daß wir gerade die Seite unseres Wesens entwickeln müssen, welche in der Lage ist, zu empfinden, ob irgendein Inhalt, ob geistiges Ringen darinnen ist, oder bloß Phraseologie. Das ist es, was man wünschen möchte, daß wiederum Empfindung für die Art und Weise, wie geistige Leistung zustande kommt, entstehen könnte. Denn darinnen stehen wir heute so schlecht. Wir haben kein rechtes Empfinden für etwas, was gut geschrieben ist, und etwas, was spottschlecht geschrieben ist. Wir nehmen denselben Inhalt, wenn er uns in gut Geschriebenem entgegentritt, ebenso gleichgültig entgegen, wie wir ihn entgegennehmen, wenn er schlecht geschrieben ist. Diese Unterscheidung, die haben wir verloren. Wieviele Menschen gibt es heute, die etwa eine Seite bei Herman Grimm unterscheiden können von einer Seite etwa bei Eucken, Köhler oder Simmel? Ich könnte viele anführen!

[ 12 ] Wichtig ist es, zu wissen, daß das, was man so rasch aufnimmt und rasch wieder vergißt, in der Tat tief eingeprägt ist gerade in den unterbewußten Teil unserer Seele, und gerade wirksam ist als Kraft zum Weiterwirken in der Zeitenfolge. Es wirkt also weiter in dem, was so allgemeiner Zeitgeist ist, ahrimanischer Zeitgeist; da wirkt es. So daß gute Bücher, die gegenwärtig geschrieben werden, viel, viel weniger wirken als Zeitungsartikel. Gerade dasjenige, was sorgfältig aufgenommen wird und auf das Ich wirkt, vom Ich aus ins Gedächtnis geprägt wird, gerade das wirkt sogar weniger, als was flüchtig als Zeitungssache aufgenommen wird. Aber ich bitte Sie, ziehen Sie jetzt daraus nicht diese Konsequenz, daß Sie keine Zeitung lesen sollen, sondern nehmen Sie das als Ihr Karma hin. Denn selbstverständlich darf das nicht so aufgefaßt werden, als ob wir uns nun hüten sollen, irgendeine Zeile der Zeitung zu lesen. Wir müssen das als ein Zeitenkarma auffassen, müssen uns klar sein darüber, daß wir gerade die Seite unseres Wesens entwickeln müssen, welche in der Lage ist, zu empfinden, ob irgendein Inhalt, ob geistiges Ringen darinnen ist, oder bloß Phraseologie. Das ist es, was man wünschen möchte, daß wiederum Empfindung für die Art und Weise, wie geistige Leistung zustande kommt, entstehen könnte. Denn darinnen stehen wir heute so schlecht. Wir haben kein rechtes Empfinden für etwas, was gut geschrieben ist, und etwas, was spottschlecht geschrieben ist. Wir nehmen denselben Inhalt, wenn er uns in gut Geschriebenem entgegentritt, ebenso gleichgültig entgegen, wie wir ihn entgegennehmen, wenn er schlecht geschrieben ist. Diese Unterscheidung, die haben wir verloren. Wieviele Menschen gibt es heute, die etwa eine Seite bei Herman Grimm unterscheiden können von einer Seite etwa bei Eucken, Köhler oder Simmel? Ich könnte viele anführen!

[ 13 ] Wer kann unterscheiden, daß alle Kultur Mittel- und Westeuropas auf einer Seite Herman Grimms in der Art lebt, wie er die Sätze bildet, wie er einen Satz formt, und daß, wenn wir uns diesem Satzbau hingeben, wir eine Verbindung bekommen mit dem wirklich geistig in der Welt Waltenden, während wir bei dem gewöhnlichen Gelehrten-Geplapper mit gar nichts eine Verbindung kriegen, als mit den Verschrobenheiten der betreffenden Herren oder — heute kann man ja das auch schon sagen — Damen. Ich habe Gelehrte kennengelernt, mit denen ich über Herman Grimm gesprochen habe, die waren wirklich imstande, Herman Grimm zu vergleichen mit Richard M. Meyer oder so einem, weil sie sagten, bei Richard M. Meyer — man sagte immer «M.», er hat das «M.» nie ausgeschrieben, ich weiß nicht, warum er sich geniert hat, und man sagte auch so — finde man klare, entschiedene, streng methodische Forschung; Herman Grimm nannten die Gelehrten nicht einen Arbeiter auf dem Gebiete der Wissenschaft, sondern einen Spaziergänger. Das war überhaupt Sitte, von ihm zu sagen, er sei ein Spaziergänger auf dem Gebiete der Wissenschaft, weil er zu wenig Anmerkungen hatte. Wer hat heute eine Empfindung dafür, daß wirklich bei Herman Grimm im Stil, ganz abgesehen von dem, was drinnen steht, in der Art und Weise, wie dargestellt wird, die ganze europäische Kultur bis zum Ende des 19. Jahrhunderts liegt? Das ist dasjenige, wozu wir es aber bringen müssen: Stilempfindung, wahre Kunstempfindung auch auf diesem Gebiete, denn das ist eine große Schule der Wahrhaftigkeit, während das fuselige Lesen, das nur auf den Inhalt geht, sich nur informieren will, eine Schule der Unwahrhaftigkeit, der Lüge ist. Und in dieser Beziehung, fühlen Sie nur die Gegenwart an, da werden Sie sehen, wie unendlich viel gewirkt werden muß, damit die Menschen wiederum lernen, Stilgefühl, Stilempfindungen zu bekommen. Gewiß, man muß heute die Zeitungen lesen; aber man sollte auch die Empfindung bekommen, daß es einen zwickt und zwackt und man auf die Wände kriechen möchte über den Stil, der sich da allmählich eingebürgert hat, der gar nicht anders sein kann. Dazu muß man kommen, das muß man mitmachen. Aber inwieweit dies verlorengegangen ist, dafür gibt es unzählige Beispiele, und wie wenig man geneigt ist, ich möchte sagen, da bis auf den Grund mit seinem Denken zu gehen, darauf kommen die Menschen heute gar nicht.

[ 13 ] Wer kann unterscheiden, daß alle Kultur Mittel- und Westeuropas auf einer Seite Herman Grimms in der Art lebt, wie er die Sätze bildet, wie er einen Satz formt, und daß, wenn wir uns diesem Satzbau hingeben, wir eine Verbindung bekommen mit dem wirklich geistig in der Welt Waltenden, während wir bei dem gewöhnlichen Gelehrten-Geplapper mit gar nichts eine Verbindung kriegen, als mit den Verschrobenheiten der betreffenden Herren oder — heute kann man ja das auch schon sagen — Damen. Ich habe Gelehrte kennengelernt, mit denen ich über Herman Grimm gesprochen habe, die waren wirklich imstande, Herman Grimm zu vergleichen mit Richard M. Meyer oder so einem, weil sie sagten, bei Richard M. Meyer — man sagte immer «M.», er hat das «M.» nie ausgeschrieben, ich weiß nicht, warum er sich geniert hat, und man sagte auch so — finde man klare, entschiedene, streng methodische Forschung; Herman Grimm nannten die Gelehrten nicht einen Arbeiter auf dem Gebiete der Wissenschaft, sondern einen Spaziergänger. Das war überhaupt Sitte, von ihm zu sagen, er sei ein Spaziergänger auf dem Gebiete der Wissenschaft, weil er zu wenig Anmerkungen hatte. Wer hat heute eine Empfindung dafür, daß wirklich bei Herman Grimm im Stil, ganz abgesehen von dem, was drinnen steht, in der Art und Weise, wie dargestellt wird, die ganze europäische Kultur bis zum Ende des 19. Jahrhunderts liegt? Das ist dasjenige, wozu wir es aber bringen müssen: Stilempfindung, wahre Kunstempfindung auch auf diesem Gebiete, denn das ist eine große Schule der Wahrhaftigkeit, während das fuselige Lesen, das nur auf den Inhalt geht, sich nur informieren will, eine Schule der Unwahrhaftigkeit, der Lüge ist. Und in dieser Beziehung, fühlen Sie nur die Gegenwart an, da werden Sie sehen, wie unendlich viel gewirkt werden muß, damit die Menschen wiederum lernen, Stilgefühl, Stilempfindungen zu bekommen. Gewiß, man muß heute die Zeitungen lesen; aber man sollte auch die Empfindung bekommen, daß es einen zwickt und zwackt und man auf die Wände kriechen möchte über den Stil, der sich da allmählich eingebürgert hat, der gar nicht anders sein kann. Dazu muß man kommen, das muß man mitmachen. Aber inwieweit dies verlorengegangen ist, dafür gibt es unzählige Beispiele, und wie wenig man geneigt ist, ich möchte sagen, da bis auf den Grund mit seinem Denken zu gehen, darauf kommen die Menschen heute gar nicht.

[ 14 ] Wirklich nicht, um einzugehen auf irgend etwas, was, ich möchte sagen, auf nationalen Vorurteilen oder Sympathie oder Antipathie beruht — man muß jeden Standpunkt verstehen und sich in jeden Standpunkt hineinfinden können —, aber davon ganz abgesehen möchte ich erwähnen: Da ist vor einigen Monaten ein Buch erschienen, das in Deutschland nicht verbreitet ist, begreiflicherweise. Dieses Buch heißt: «J’accuse, von einem Deutschen», ist in alle Sprachen, auch ins Deutsche übersetzt und in vielen hunderttausenden Exemplaren auf der ganzen Welt verbreitet. Nun wirklich, ich will nicht darüber reden, daß dieses Buch «J’accuse» anklagt, alles schwarz in schwarz malt, was das Verhältnis Deutschlands zum Kriege, das Verhältnis Österreichs zu diesem Kriege betrifft, ich will davon nicht sprechen, jeder mag seinen Standpunkt haben. Darauf kommt es nicht an in diesem Falle, daß alles in der schlimmsten Weise geschildert wird, alle Schuld nur auf die mitteleuropäischen Mächte geschoben wird und alle anderen ganz reingewaschen werden, ja, nicht nur reingewaschen, sondern sogar so hingestellt werden, als ob sie reiner als rein wären. Davon will ich wirklich nicht reden. Die Ansicht kann man haben, mag jeder seine Ansicht haben, darauf kommt es nicht an. Aber dieses Buch hat große Verbreitung gefunden, nicht nur bei Leuten, die sonst durch Zeitungslektüre verdorben sind und nichts anderes lesen, sondern merkwürdigerweise bei als erleuchtet geltenden Geistern. Man konnte das konstatieren.

[ 14 ] Wirklich nicht, um einzugehen auf irgend etwas, was, ich möchte sagen, auf nationalen Vorurteilen oder Sympathie oder Antipathie beruht — man muß jeden Standpunkt verstehen und sich in jeden Standpunkt hineinfinden können —, aber davon ganz abgesehen möchte ich erwähnen: Da ist vor einigen Monaten ein Buch erschienen, das in Deutschland nicht verbreitet ist, begreiflicherweise. Dieses Buch heißt: «J’accuse, von einem Deutschen», ist in alle Sprachen, auch ins Deutsche übersetzt und in vielen hunderttausenden Exemplaren auf der ganzen Welt verbreitet. Nun wirklich, ich will nicht darüber reden, daß dieses Buch «J’accuse» anklagt, alles schwarz in schwarz malt, was das Verhältnis Deutschlands zum Kriege, das Verhältnis Österreichs zu diesem Kriege betrifft, ich will davon nicht sprechen, jeder mag seinen Standpunkt haben. Darauf kommt es nicht an in diesem Falle, daß alles in der schlimmsten Weise geschildert wird, alle Schuld nur auf die mitteleuropäischen Mächte geschoben wird und alle anderen ganz reingewaschen werden, ja, nicht nur reingewaschen, sondern sogar so hingestellt werden, als ob sie reiner als rein wären. Davon will ich wirklich nicht reden. Die Ansicht kann man haben, mag jeder seine Ansicht haben, darauf kommt es nicht an. Aber dieses Buch hat große Verbreitung gefunden, nicht nur bei Leuten, die sonst durch Zeitungslektüre verdorben sind und nichts anderes lesen, sondern merkwürdigerweise bei als erleuchtet geltenden Geistern. Man konnte das konstatieren.

[ 15 ] Nun ist dieses Buch die schlimmste Hintertreppen-Literatur, die man sich denken kann, ganz abgesehen von dem Standpunkte. Wer das Buch einfach liest, wie es ist, findet in bezug auf das Formale, in bezug auf die Durchführung des Satzbaues, Hintertreppen-Literatur, also künstlerisch über alle Maßen schandbare Literatur. Also das Künstlerische will ich in Betracht ziehen dabei, ganz von Standpunkten absehen, denn ich kann sehr wohl einen entgegengesetzten Standpunkt oder jeden Standpunkt verstehen. Aber das unendlich Traurige ist, daß man nicht das Gefühl dafür gehabt hat, daß jemand, der so schändlich schlecht schreibt in der Art des Satzbaus und des Denkens, in der Bildung der Gedankenfolge, nicht in Betracht kommt als höchstens für diejenigen Leser, die eben nicht durchs Vorderhaus, sondern durch die Hintertreppen ihre Literatur bekommen. Ich würde das heute nicht sagen, aber es wurde vorgestern die Sache wiederum aufgefrischt durch einen Artikel, der in der «Vossischen Zeitung» hier erschien, in der alten «Tante Voß». Nun, sie hat jetzt ganz ihr altes Tantengepräge aufgegeben, die «Tante Voß», sie ist Jetzt eine heutige Zeitung geworden. Ein Artikel von einem Privatdozenten, Dr. Fr. Oppenheimer, handelt über dieses Buch und eine recht gelungene Gegenschrift, die darüber erschienen ist, «AntiJ’accuse»; aber er beginnt in einer merkwürdigen Weise, dieser Artikel in der «Vossischen Zeitung» von Dr. Fr. Oppenheimer. Er schreibt, er wäre aufmerksam gemacht worden auf dieses Buch von einem Menschen, der den neutralen Landen angehört, den er bisher für einen der allerausgezeichnetsten und vielverkanntesten Schriftsteller der Gegenwart gehalten hat. Dann gibt er seine Eindrücke über dieses Buch selber. Er kommt ja zum Teil darauf, wie schlecht dieses Buch geschrieben ist — und das ist vor allem dasjenige, was hier betont werden soll —, aber ich war doch eigentlich etwas gespannt, ob aus dem einen Gedanken ein anderer nun herausspringen könnte, denn mir schien, daß aus den Gedanken und Empfindungen, die Oppenheimer über das Buch gehabt hat, einigermaßen der andere hätte folgen sollen: Also war ich doch ein wenig nicht ganz bei mir, wenn ich den für einen großen Mann gehalten habe, der mir nachher ein solches Schandbuch als etwas Besonderes anempfiehlt. Aber diese Konsequenz steht nicht da.

[ 15 ] Nun ist dieses Buch die schlimmste Hintertreppen-Literatur, die man sich denken kann, ganz abgesehen von dem Standpunkte. Wer das Buch einfach liest, wie es ist, findet in bezug auf das Formale, in bezug auf die Durchführung des Satzbaues, Hintertreppen-Literatur, also künstlerisch über alle Maßen schandbare Literatur. Also das Künstlerische will ich in Betracht ziehen dabei, ganz von Standpunkten absehen, denn ich kann sehr wohl einen entgegengesetzten Standpunkt oder jeden Standpunkt verstehen. Aber das unendlich Traurige ist, daß man nicht das Gefühl dafür gehabt hat, daß jemand, der so schändlich schlecht schreibt in der Art des Satzbaus und des Denkens, in der Bildung der Gedankenfolge, nicht in Betracht kommt als höchstens für diejenigen Leser, die eben nicht durchs Vorderhaus, sondern durch die Hintertreppen ihre Literatur bekommen. Ich würde das heute nicht sagen, aber es wurde vorgestern die Sache wiederum aufgefrischt durch einen Artikel, der in der «Vossischen Zeitung» hier erschien, in der alten «Tante Voß». Nun, sie hat jetzt ganz ihr altes Tantengepräge aufgegeben, die «Tante Voß», sie ist Jetzt eine heutige Zeitung geworden. Ein Artikel von einem Privatdozenten, Dr. Fr. Oppenheimer, handelt über dieses Buch und eine recht gelungene Gegenschrift, die darüber erschienen ist, «AntiJ’accuse»; aber er beginnt in einer merkwürdigen Weise, dieser Artikel in der «Vossischen Zeitung» von Dr. Fr. Oppenheimer. Er schreibt, er wäre aufmerksam gemacht worden auf dieses Buch von einem Menschen, der den neutralen Landen angehört, den er bisher für einen der allerausgezeichnetsten und vielverkanntesten Schriftsteller der Gegenwart gehalten hat. Dann gibt er seine Eindrücke über dieses Buch selber. Er kommt ja zum Teil darauf, wie schlecht dieses Buch geschrieben ist — und das ist vor allem dasjenige, was hier betont werden soll —, aber ich war doch eigentlich etwas gespannt, ob aus dem einen Gedanken ein anderer nun herausspringen könnte, denn mir schien, daß aus den Gedanken und Empfindungen, die Oppenheimer über das Buch gehabt hat, einigermaßen der andere hätte folgen sollen: Also war ich doch ein wenig nicht ganz bei mir, wenn ich den für einen großen Mann gehalten habe, der mir nachher ein solches Schandbuch als etwas Besonderes anempfiehlt. Aber diese Konsequenz steht nicht da.

[ 16 ] Nun sage ich das nicht, um den einzelnen Fall zu beurteilen, sondern ich möchte sagen: Typisch ist dieses, wirklich typisch. Die Menschen huschen hinweg über die Tatsachen. Ist denn das nicht geeignet, um sich zu sagen: Was hat mein Urteil bedeutet, wenn ich einen Menschen für einen bedeutenden gehalten habe, der mir nachher ein solches Buch als ein bedeutendes aufmutzen will? Ist das nicht etwas, was notwendigerweise auf den Weg einiger Selbsterkenntnis führen muß? Aber Konsequenzen ziehen aus den Dingen, die uns gerade jetzt so furchtbar vor Augen treten, das scheint in der Tat nicht das Seelenamt vieler Menschen zu sein in der Gegenwart! Man muß den Grundcharakter, die Grundstruktur des Geisteslebens unserer Gegenwart an solchen typischen Beispielen aufsuchen. Man muß wirklich fühlen können, wie die Grundmängel unserer Zeit sich in solchen Dingen aussprechen, und man darf nicht über diese Dinge einfach hinweggehen, als wenn es ein Nichts wäre. Diese Dinge sind ungeheuer bedeutend, denn sie zeigen im Kleinen dasjenige, was ich Ihnen im Großen zeigte an dem Beispiel, daß heute viele glauben, ganz gute Christen zu sein, die noch nicht einmal Türken sind. Erinnern Sie sich nur daran, wie ich Ihnen das durch eine kleine Vorlesung aus dem Koran selber gezeigt habe, wie in der Tat viel mehr über den Jesus, als die modernen Pastoren oftmals glauben und vertreten, von jedem Türken geglaubt wird, der seinen Koran kennt. Da steht es eben nur auf einem anderen Felde, auf dem Felde, wo uns das Große des Daseins vor die Seele tritt. Aber dieselben Fehler, dieselbe, ich möchte sagen, Fehlerstruktur tritt uns eben im alltäglichen Leben in dieser furchtbaren Oberflächlichkeit, die identisch ist mit Unwahrhaftigkeit des alltäglichen Lebens, heute entgegen. Über diese müssen wir hinauskommen, wenn nicht alles Reden über geisteswissenschaftliche Dinge bloß ein Schlag ins Wasser sein soll für die gegenwärtige Zeit. Darauf kommt es an, daß es nicht ein Schlag ins Wasser ist!

[ 16 ] Nun sage ich das nicht, um den einzelnen Fall zu beurteilen, sondern ich möchte sagen: Typisch ist dieses, wirklich typisch. Die Menschen huschen hinweg über die Tatsachen. Ist denn das nicht geeignet, um sich zu sagen: Was hat mein Urteil bedeutet, wenn ich einen Menschen für einen bedeutenden gehalten habe, der mir nachher ein solches Buch als ein bedeutendes aufmutzen will? Ist das nicht etwas, was notwendigerweise auf den Weg einiger Selbsterkenntnis führen muß? Aber Konsequenzen ziehen aus den Dingen, die uns gerade jetzt so furchtbar vor Augen treten, das scheint in der Tat nicht das Seelenamt vieler Menschen zu sein in der Gegenwart! Man muß den Grundcharakter, die Grundstruktur des Geisteslebens unserer Gegenwart an solchen typischen Beispielen aufsuchen. Man muß wirklich fühlen können, wie die Grundmängel unserer Zeit sich in solchen Dingen aussprechen, und man darf nicht über diese Dinge einfach hinweggehen, als wenn es ein Nichts wäre. Diese Dinge sind ungeheuer bedeutend, denn sie zeigen im Kleinen dasjenige, was ich Ihnen im Großen zeigte an dem Beispiel, daß heute viele glauben, ganz gute Christen zu sein, die noch nicht einmal Türken sind. Erinnern Sie sich nur daran, wie ich Ihnen das durch eine kleine Vorlesung aus dem Koran selber gezeigt habe, wie in der Tat viel mehr über den Jesus, als die modernen Pastoren oftmals glauben und vertreten, von jedem Türken geglaubt wird, der seinen Koran kennt. Da steht es eben nur auf einem anderen Felde, auf dem Felde, wo uns das Große des Daseins vor die Seele tritt. Aber dieselben Fehler, dieselbe, ich möchte sagen, Fehlerstruktur tritt uns eben im alltäglichen Leben in dieser furchtbaren Oberflächlichkeit, die identisch ist mit Unwahrhaftigkeit des alltäglichen Lebens, heute entgegen. Über diese müssen wir hinauskommen, wenn nicht alles Reden über geisteswissenschaftliche Dinge bloß ein Schlag ins Wasser sein soll für die gegenwärtige Zeit. Darauf kommt es an, daß es nicht ein Schlag ins Wasser ist!

[ 17 ] Wir müssen uns schon damit bekannt machen, daß wir gerade im 19. Jahrhundert und im bisher abgelaufenen 20. Jahrhundert gewissermaßen hineingeklemmt waren in eine geisteswissenschaftliche Entwickelung, die von zwei Seiten her das moderne Denken und Fühlen beeinflußte, so daß man zwei Strömungen hatte, ich möchte sagen, links und rechts, zwischen die man eingeklemmt war. Und da muß man heraus. Ich habe mancherlei Betrachtungen gerade in diesem Winter dazu verwendet, um aufmerksam zu machen, wo die tieferen Grundlagen stecken, die zu dem geführt haben, was heute gedacht, gefühlt wird. Wirklich, man kann ja an den verschiedensten Symptomen zeigen, was heute herrscht, was heute sich entwickelt. Ich habe es Ihnen gezeigt, indem ich Sie hingewiesen habe auf mancherlei okkulte Bewegungen, die sich in Gesellschaften ausleben. Ich habe Sie hingewiesen darauf, wie ein großer Teil des neuzeitlichen Denkens, der Richtung des Denkens, der Gesinnung des Denkens zurückgeht auf den Beginn eben der fünften nachatlantischen Periode, wie da ein Geist tonangebend war, lebte in dem, was Bacon leistete, was Shakespeare leistete, was sogar Jakob Böhme leistete. Das mußte so kommen. Aber wir stehen heute auch auf dem Punkte, daß das überwunden werden muß, was im Beginne der fünften nachatlantischen Periode mit Recht eingeleitet, inauguriert worden ist. Und das gerade wollte ich darstellen in diesem Buche «Vom Menschenrätsel», das jetzt gekommen ist. Ich wollte auf der einen Seite zeigen, in welche geistigen Strömungen hineingeführt hat, namentlich in Mitteleuropa, das, was fünfte nachatlantische Kulturperiode ist, und wie der Weg hinaus, gerade der geisteswissenschaftliche Weg hinaus gesucht werden muß. Es wird sich ja zeigen, ob das, was in diesem Buche geschrieben ist, was wirklich mit Herzblut geschrieben ist, daß manchmal zu einem Satze, der eine Viertelseite einnimmt, zwei Tage verwendet worden sind, um jedes Wort und jede Wendung vertreten zu können, gelesen werden kann, oder wiederum so schlecht gelesen wird, wie vorhergehende Bücher gelesen worden sind.

[ 17 ] Wir müssen uns schon damit bekannt machen, daß wir gerade im 19. Jahrhundert und im bisher abgelaufenen 20. Jahrhundert gewissermaßen hineingeklemmt waren in eine geisteswissenschaftliche Entwickelung, die von zwei Seiten her das moderne Denken und Fühlen beeinflußte, so daß man zwei Strömungen hatte, ich möchte sagen, links und rechts, zwischen die man eingeklemmt war. Und da muß man heraus. Ich habe mancherlei Betrachtungen gerade in diesem Winter dazu verwendet, um aufmerksam zu machen, wo die tieferen Grundlagen stecken, die zu dem geführt haben, was heute gedacht, gefühlt wird. Wirklich, man kann ja an den verschiedensten Symptomen zeigen, was heute herrscht, was heute sich entwickelt. Ich habe es Ihnen gezeigt, indem ich Sie hingewiesen habe auf mancherlei okkulte Bewegungen, die sich in Gesellschaften ausleben. Ich habe Sie hingewiesen darauf, wie ein großer Teil des neuzeitlichen Denkens, der Richtung des Denkens, der Gesinnung des Denkens zurückgeht auf den Beginn eben der fünften nachatlantischen Periode, wie da ein Geist tonangebend war, lebte in dem, was Bacon leistete, was Shakespeare leistete, was sogar Jakob Böhme leistete. Das mußte so kommen. Aber wir stehen heute auch auf dem Punkte, daß das überwunden werden muß, was im Beginne der fünften nachatlantischen Periode mit Recht eingeleitet, inauguriert worden ist. Und das gerade wollte ich darstellen in diesem Buche «Vom Menschenrätsel», das jetzt gekommen ist. Ich wollte auf der einen Seite zeigen, in welche geistigen Strömungen hineingeführt hat, namentlich in Mitteleuropa, das, was fünfte nachatlantische Kulturperiode ist, und wie der Weg hinaus, gerade der geisteswissenschaftliche Weg hinaus gesucht werden muß. Es wird sich ja zeigen, ob das, was in diesem Buche geschrieben ist, was wirklich mit Herzblut geschrieben ist, daß manchmal zu einem Satze, der eine Viertelseite einnimmt, zwei Tage verwendet worden sind, um jedes Wort und jede Wendung vertreten zu können, gelesen werden kann, oder wiederum so schlecht gelesen wird, wie vorhergehende Bücher gelesen worden sind.

[ 18 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, alle diese Betrachtungen, die wir angestellt haben, sie tendieren ja doch dahin, daß gefunden werden müssen in unseren Seelen die Elemente, die Kraftelemente, das Mysterium von Golgatha auf eine neue Weise aufzunehmen. Aber dieses Mysterium von Golgatha, nur derjenige kann es verstehen, der nicht mit den Kräften des physischen Leibes Verständnis sucht, sondern der mit dem verstehen kann, was unabhängig vom physischen Leibe ist. Nun werden Sie sagen: Dann könnte ja das Mysterium von Golgatha, den wirklichen Lebensquell des Christentums, erst derjenige verstehen, der durch eine esoterische Entwickelung zu diesem Verständnis kommt. Nein, so ist die Sache nicht. Bisher war es durchaus möglich, daß der Mensch ohne Geisteswissenschaft diese Freiheit seines Seelischen von dem Leiblichen erlebte, die notwendig war, um das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Immer weniger wurden allerdings diejenigen, die es verstanden haben, und immer zahlreicher wurden diejenigen, die sich gegen das wirkliche Verständnis aufgelehnt haben. Bedenken Sie nur das eine Symptom dafür: In früheren Jahrhunderten haben die Menschen auch die vier Evangelien gelesen. Sie haben daraus die Kraft gesucht, die in den Evangelien liegt, und haben sich dem empfindungsgemäßen, dem seelischen Verstehen des Mysteriums von Golgatha genähert. Dann kamen die Menschen namentlich des 19. Jahrhunderts, die waren natürlich gescheiter als alle früheren und fanden: Diese vier Evangelien widersprechen sich ja! — Wie sollte der Verstand nicht auch sehen, daß sie sich widersprechen? Ungeheurer Fleiß ist angewendet worden, um all die Widersprüche zu finden, und ungeheurer Fleiß ist darauf verwendet worden, um so einen Kern herauszusuchen, worin alle übereinstimmen. Es ist nicht viel dabei herausgekommen, aber es sind darüber sehr viele große Männer geworden im Laufe des 19., des 20. Jahrhunderts. Ja, sollten wirklich die Menschen der früheren Jahrhunderte das nicht auch gesehen haben, daß sich die Evangelien widersprechen? Sollten die wirklich alle so töricht gewesen sein, das gar nicht zu sehen, daß im Matthäus-Evangelium etwas anderes steht als im JohannesEvangelium? Oder sollten vielleicht die Menschen des 19. Jahrhunderts nur nicht darauf gekommen sein, daß die Menschen der früheren Zeit eben ein anderes Verständnis hatten, mit einem ganz anderen Seelenorgan zu verstehen suchten? Entscheiden Sie selbst die Frage nach dem, was Sie aus der Geisteswissenschaft mitbekommen haben!

[ 18 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, alle diese Betrachtungen, die wir angestellt haben, sie tendieren ja doch dahin, daß gefunden werden müssen in unseren Seelen die Elemente, die Kraftelemente, das Mysterium von Golgatha auf eine neue Weise aufzunehmen. Aber dieses Mysterium von Golgatha, nur derjenige kann es verstehen, der nicht mit den Kräften des physischen Leibes Verständnis sucht, sondern der mit dem verstehen kann, was unabhängig vom physischen Leibe ist. Nun werden Sie sagen: Dann könnte ja das Mysterium von Golgatha, den wirklichen Lebensquell des Christentums, erst derjenige verstehen, der durch eine esoterische Entwickelung zu diesem Verständnis kommt. Nein, so ist die Sache nicht. Bisher war es durchaus möglich, daß der Mensch ohne Geisteswissenschaft diese Freiheit seines Seelischen von dem Leiblichen erlebte, die notwendig war, um das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Immer weniger wurden allerdings diejenigen, die es verstanden haben, und immer zahlreicher wurden diejenigen, die sich gegen das wirkliche Verständnis aufgelehnt haben. Bedenken Sie nur das eine Symptom dafür: In früheren Jahrhunderten haben die Menschen auch die vier Evangelien gelesen. Sie haben daraus die Kraft gesucht, die in den Evangelien liegt, und haben sich dem empfindungsgemäßen, dem seelischen Verstehen des Mysteriums von Golgatha genähert. Dann kamen die Menschen namentlich des 19. Jahrhunderts, die waren natürlich gescheiter als alle früheren und fanden: Diese vier Evangelien widersprechen sich ja! — Wie sollte der Verstand nicht auch sehen, daß sie sich widersprechen? Ungeheurer Fleiß ist angewendet worden, um all die Widersprüche zu finden, und ungeheurer Fleiß ist darauf verwendet worden, um so einen Kern herauszusuchen, worin alle übereinstimmen. Es ist nicht viel dabei herausgekommen, aber es sind darüber sehr viele große Männer geworden im Laufe des 19., des 20. Jahrhunderts. Ja, sollten wirklich die Menschen der früheren Jahrhunderte das nicht auch gesehen haben, daß sich die Evangelien widersprechen? Sollten die wirklich alle so töricht gewesen sein, das gar nicht zu sehen, daß im Matthäus-Evangelium etwas anderes steht als im JohannesEvangelium? Oder sollten vielleicht die Menschen des 19. Jahrhunderts nur nicht darauf gekommen sein, daß die Menschen der früheren Zeit eben ein anderes Verständnis hatten, mit einem ganz anderen Seelenorgan zu verstehen suchten? Entscheiden Sie selbst die Frage nach dem, was Sie aus der Geisteswissenschaft mitbekommen haben!

[ 19 ] Aber die Zeit ist vorüber, in der die Menschen noch Verständnis werden haben können für das Mysterium von Golgatha und für das Christentum, ohne den Weg durch die Geisteswissenschaft zu gehen. Immer geringer und geringer wird die Zahl der Menschen werden, die, ohne durch die Geisteswissenschaft zu gehen, auch das Christentum werden verstehen können. Es wird ein immer mehr und mehr notwendiger Weg werden, um das Mysterium von Golgatha zu verstehen, denn das Mysterium von Golgatha muß man mit dem Ätherleibe verstehen. Alles andere kann man mit dem physischen Leibe verstehen. Aber zu dem Verständnis dessen, was mit dem Ätherleib verstanden werden soll, bereitet uns nur die Geisteswissenschaft vor. Daher wird entweder Geisteswissenschaft Glück haben und durchkommen, oder es wird auch das Christentum nicht weiter bekannt werden können, weil das Mysterium von Golgatha nicht wird verstanden werden können. In dieser Beziehung wird man wirklich noch recht wenig verstanden von denjenigen, die heute glauben, ja ganz auf dem rechten Wege zu sein.

[ 19 ] Aber die Zeit ist vorüber, in der die Menschen noch Verständnis werden haben können für das Mysterium von Golgatha und für das Christentum, ohne den Weg durch die Geisteswissenschaft zu gehen. Immer geringer und geringer wird die Zahl der Menschen werden, die, ohne durch die Geisteswissenschaft zu gehen, auch das Christentum werden verstehen können. Es wird ein immer mehr und mehr notwendiger Weg werden, um das Mysterium von Golgatha zu verstehen, denn das Mysterium von Golgatha muß man mit dem Ätherleibe verstehen. Alles andere kann man mit dem physischen Leibe verstehen. Aber zu dem Verständnis dessen, was mit dem Ätherleib verstanden werden soll, bereitet uns nur die Geisteswissenschaft vor. Daher wird entweder Geisteswissenschaft Glück haben und durchkommen, oder es wird auch das Christentum nicht weiter bekannt werden können, weil das Mysterium von Golgatha nicht wird verstanden werden können. In dieser Beziehung wird man wirklich noch recht wenig verstanden von denjenigen, die heute glauben, ja ganz auf dem rechten Wege zu sein.

[ 20 ] Ich muß immer wieder und wieder eines erzählen: Ich habe in einer süddeutschen Stadt einmal vor vielen Jahren über die Weisheitsschätze des Christentums vorgetragen. Da waren zwei Geistliche anwesend, die kamen nach dem Vortrage zu mir und sagten: Wir waren eigentlich erstaunt darüber, daß Sie das Christentum so positiv nehmen, daß Sie das alles ganz wie es nach dem Christentum sein soll, zum Ausdrucke bringen; aber so, wie Sie das darstellen, ist es doch nur verständlich für Leute, die eine gewisse Bildung haben. Wie wir das Christentum aber vertreten, ist es für alle Menschen; deshalb ist das, was wir vertreten, das Richtige, — Ich sagte: Wissen Sie, man darf nicht urteilen danach, was einem gefällt, sondern man ist verpflichtet, nur das in sein Urteil aufzunehmen, was der Wirklichkeit entspricht. Einbilden kann sich jeder, daß das richtig ist, was er denkt. Je weniger einer in der Wirklichkeit steht, desto mehr bildet er sich meist ein, daß das Richtig ist, was er meint. Der am allerwenigsten vom Christentum weiß, der bildet sich meistens ein, er weiß das meiste davon. Also es kommt nicht darauf an, daß wir uns einbilden, was das Richtige ist, sondern wir haben wirklichkeitsgemäß zu urteilen. Und da frage ich Sie: Gehen alle Menschen heute noch zu Ihnen in die Kirche hinein? — denn das allein entscheidet. Nicht, was Sie denken über das Christentum, sondern ob Sie für alle Menschen reden, darüber entscheidet das, ob alle zu Ihnen in die Kirche gehen. — Nein, nein, sagten sie, gewiß, leider bleiben so viele draußen! — Nun ja, sagte ich, und ein Teil von denen, die draußen bleiben bei Ihnen, die waren heute bei mir herinnen, für die rede ich; so ist ja alles in Ordnung. Aber diejenigen, die eben nicht zu Ihnen hineingehen, die suchen auch einen Weg zum Mysterium von Golgatha.

[ 20 ] Ich muß immer wieder und wieder eines erzählen: Ich habe in einer süddeutschen Stadt einmal vor vielen Jahren über die Weisheitsschätze des Christentums vorgetragen. Da waren zwei Geistliche anwesend, die kamen nach dem Vortrage zu mir und sagten: Wir waren eigentlich erstaunt darüber, daß Sie das Christentum so positiv nehmen, daß Sie das alles ganz wie es nach dem Christentum sein soll, zum Ausdrucke bringen; aber so, wie Sie das darstellen, ist es doch nur verständlich für Leute, die eine gewisse Bildung haben. Wie wir das Christentum aber vertreten, ist es für alle Menschen; deshalb ist das, was wir vertreten, das Richtige, — Ich sagte: Wissen Sie, man darf nicht urteilen danach, was einem gefällt, sondern man ist verpflichtet, nur das in sein Urteil aufzunehmen, was der Wirklichkeit entspricht. Einbilden kann sich jeder, daß das richtig ist, was er denkt. Je weniger einer in der Wirklichkeit steht, desto mehr bildet er sich meist ein, daß das Richtig ist, was er meint. Der am allerwenigsten vom Christentum weiß, der bildet sich meistens ein, er weiß das meiste davon. Also es kommt nicht darauf an, daß wir uns einbilden, was das Richtige ist, sondern wir haben wirklichkeitsgemäß zu urteilen. Und da frage ich Sie: Gehen alle Menschen heute noch zu Ihnen in die Kirche hinein? — denn das allein entscheidet. Nicht, was Sie denken über das Christentum, sondern ob Sie für alle Menschen reden, darüber entscheidet das, ob alle zu Ihnen in die Kirche gehen. — Nein, nein, sagten sie, gewiß, leider bleiben so viele draußen! — Nun ja, sagte ich, und ein Teil von denen, die draußen bleiben bei Ihnen, die waren heute bei mir herinnen, für die rede ich; so ist ja alles in Ordnung. Aber diejenigen, die eben nicht zu Ihnen hineingehen, die suchen auch einen Weg zum Mysterium von Golgatha.

[ 21 ] Und dieser Weg muß gefunden werden. Wir sind gezwungen, unser Urteil uns diktieren zu lassen von der Wirklichkeit, von dem, was in der Wirklichkeit webt und lebt, und nicht von dem, was wir uns einbilden. Denn selbstverständlich hält jeder seine Methode für die richtige. Aber das Richtige ist nicht das, wovon wir denken, es sei richtig, was wir ausgedacht haben und von dem wir empfunden haben, es sei richtig, sondern dasjenige, was wir der Wirklichkeit ablesen. Dazu müssen wir uns aber gewöhnen, in die Wirklichkeit unterzutauchen, und die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit, die Hingabe an die Wirklichkeit zu haben, die eben notwendig ist, um von der Wirklichkeit heraus sich seine Urteilskraft, seine Empfindung, sein Fühlen diktieren zu lassen. Das haben aber die Menschen heute verlernt. Das müssen sie wieder lernen zum Verstehen des Kleinsten und des Größten, des alltäglichen Lebens und desjenigen, was der ganzen Erdenentwickelung Sinn gibt, zum Verstehen des Mysteriums von Golgatha.

[ 21 ] Und dieser Weg muß gefunden werden. Wir sind gezwungen, unser Urteil uns diktieren zu lassen von der Wirklichkeit, von dem, was in der Wirklichkeit webt und lebt, und nicht von dem, was wir uns einbilden. Denn selbstverständlich hält jeder seine Methode für die richtige. Aber das Richtige ist nicht das, wovon wir denken, es sei richtig, was wir ausgedacht haben und von dem wir empfunden haben, es sei richtig, sondern dasjenige, was wir der Wirklichkeit ablesen. Dazu müssen wir uns aber gewöhnen, in die Wirklichkeit unterzutauchen, und die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit, die Hingabe an die Wirklichkeit zu haben, die eben notwendig ist, um von der Wirklichkeit heraus sich seine Urteilskraft, seine Empfindung, sein Fühlen diktieren zu lassen. Das haben aber die Menschen heute verlernt. Das müssen sie wieder lernen zum Verstehen des Kleinsten und des Größten, des alltäglichen Lebens und desjenigen, was der ganzen Erdenentwickelung Sinn gibt, zum Verstehen des Mysteriums von Golgatha.