World Being and I-ness
GA 169
11 July 1916, Berlin
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World Being and I-ness, tr. SOL
6. Wahrheitsgefühl
6. Sense of Truth
[ 1 ] Bevor ich zu den Vortragsbetrachtungen komme, möchten wir gerne in dem ersten Teil des heutigen Abends einige Dichtungen zum Vortrage bringen. Ich habe versucht — zunächst war es bestimmt zum Gebrauche bei eurythmischen Darstellungen —, einiges, das zusammenhängt mit der Denkweise und der Gesinnungsart geisteswissenschaftlicher Anschauung, zum Ausdruck zu bringen in einer Art gebundener Rede. Es war, wie gesagt, zunächst bestimmt für eine eurythmische Darstellung in Dornach, und ist damals auch eurythmisch dargestellt worden. Es wird demnächst in einer kleinen Veröffentlichung, die zu unseren Zyklus-Veröffentlichungen gehören wird, mit meinen Erklärungen dazu gedruckt werden und hier zu haben sein. Ich muß aber, bevor diese Dinge zum Vortrage kommen, einiges voraussenden.
[ 1 ] Before I turn to my reflections on the lecture, we would like to present some poetry in the first part of this evening’s program. I have attempted—though it was originally intended for use in eurythmic performances—to express certain ideas related to the way of thinking and the spirit of the anthroposophical worldview in a kind of metrical speech. As I said, it was originally intended for a eurythmic performance in Dornach, and was indeed presented as such at that time. It will soon be published in a small volume—part of our series of cycle publications—along with my explanatory notes, and will be available here. However, before I present these works, I must first say a few introductory words.
[ 2 ] Ich habe ja das letzte Mal ein paar Worte über die dichterische Kunst gesprochen in anderem Zusammenhang. Nun muß wirklich recht ernst genommen werden das, was oftmals gerade im Verlaufe dieses Winters wiederum ausgesprochen worden ist: daß der ganze Impuls, wenn ich das Paradoxon gebrauchen darf, der ganze Geist unserer Geisteswissenschaft in die geistige Zeitkultur hineingehen muß, der geistigen Zeitkultur etwas Besonderes bringen muß. Dichtung beruht nicht bloß darauf, daß irgend etwas Erfundenes oder Gedachtes ausgesprochen wird, sondern daß es in einer gewissen Form ausgesprochen wird. Nun sucht Geisteswissenschaft die Verbindung des Menschen herzustellen mit den großen Gesetzen des Universums, mit den großen Gesetzen des Kosmos. In wirklichem, wahrem Sinne verstehen wird man die tiefsten Impulse der Geisteswissenschaft erst, wenn man erfassen wird, wie weitgehend dieses Suchen nach der Beziehung zwischen dem Menschen und den großen übersinnlichen Gesetzen des Universums eigentlich ist. Dasjenige, was man Dichtung nennt, wird allmählich ein neues Gesicht bekommen. Das ist ja heute gewiß noch recht schwer zu verstehen, aber es ist doch so. In der Dichtung soll ja wiedergegeben werden es wird das heute nur mehr wenig gefühlt —, was der Mensch erlebt zusammen mit dem Weltenall, was herausgeholt ist aus den Geheimnissen des Weltenalls. Das aber muß auch fließen in die dichterische Form. Wenn wir gewisse Gedankenbilder uns machen, die Wiedergabe sind von Dingen der imaginativen Erkenntnis, so können wir damit auch die Gesetze finden, die sich beziehen auf die Stellung der zwölf Sternbilder des Tierkreises und die Beziehungen der Bewegung der sieben Planeten mit der Bewegung der zwölf Tierkreisbilder. Wir können auch herausheben gewisse Bewegungen und Gesetze, die sich auf weniger als auf die sieben Planeten beziehen, die sich zum Beispiel nur beziehen auf Sonne, Mond und den Durchgang der Sonne und des Mondes durch die Tierkreisbilder und dergleichen. Nicht darauf kommt es an, daß wir ansingen dasjenige, was da im Universum vorgeht, sondern daß dasselbe, was in den großen Gesetzen des Universums spricht, auch in der Form der Dichtung spricht. Und so werden Sie heute Versuche — es sind selbstverständlich erste Versuche — kennenlernen, in denen in der Aufeinanderfolge der Zeilen, in dem gegenseitigen Bezug der Zeilen aufeinander und in dem, was jede Zeile ausdrückt, solche Gesetze walten, wie sie im Universum walten. Sie werden zum Beispiel eine Dichtung finden, welche aus zwölf Strophen besteht, jede Strophe aus sieben Zeilen, und der ganze Bau der Dichtung ist so, daß sich das, was in den sieben Zeilen zum Ausdruck kommt, wirklich so gibt, wie die Gesetze der Bewegungen der sieben Planeten. Und daß es gerade zwölf Strophen sind und die Stimmung der sieben Zeilen in zwölf Strophen wiederkehrt, das entspricht den Gesetzen des Durchganges der einzelnen Planeten bei ihren Bewegungen durch die Tierkreisbilder. Was also da draußen im Kosmos sich abspielt, gewissermaßen in der Sphärenharmonie, das spielt sich ab in dem Sinn, der in zwölf siebenzeiligen Strophen zum Ausdrucke kommt. Also die Gesetze des Kosmos sollen da auch herrschen in diesen zwölf siebenzeiligen Strophen. Sie finden, sagen wir in der Strophe des Steinbocks, daß die vierte Zeile eine gewisse Stellung des Mars zum Steinbock ausdrückt. Da muß aber in dieser Zeile ein solcher Sinn darinnen sein, daß, wenn jemand aus dem Schlaf aufgeweckt wird und es wird ihm nichts anderes vorgelesen als die eine Zeile aus der Steinbock-Strophe, die Mars-Zeile, er sagen können muß, wenn er sich einmal eine Empfindung dafür angeeignet hat: Das ist die Mars-Zeile der Steinbock-Strophe! — So hat jede einzelne Zeile einen Sinn. Also nicht ist es eine Äußerlichkeit, sondern es ist innerlich so gebaut. Darauf kommt es an.
[ 2 ] Last time, I did say a few words about the art of poetry in a different context. Now we must take very seriously what has been reiterated time and again, especially in the course of this winter: that the entire impulse—if I may use this paradox—the entire spirit of our spiritual science must enter into the spiritual culture of our time and must contribute something special to it. Poetry does not rest merely on the expression of something invented or conceived, but on its expression in a certain form. Now, spiritual science seeks to establish a connection between the human being and the great laws of the universe, the great laws of the cosmos. One will understand the deepest impulses of spiritual science in a real, true sense only when one grasps just how extensive this search for the relationship between the human being and the great supersensible laws of the universe actually is. What we call poetry will gradually take on a new aspect. This is certainly still quite difficult to understand today, but it is nonetheless true. Poetry is meant to convey—though this is scarcely felt today—what human beings experience in union with the universe, what is drawn from the mysteries of the universe. But this must also flow into the poetic form. When we form certain mental images that are representations of things derived from imaginative knowledge, we can thereby also discover the laws relating to the positions of the twelve constellations of the zodiac and the relationships between the movements of the seven planets and the movements of the twelve zodiacal signs. We can also highlight certain movements and laws that relate to fewer than the seven planets—for example, those that relate only to the Sun, the Moon, and the passage of the Sun and Moon through the zodiac signs, and the like. What matters is not that we sing about what is happening in the universe, but that the same forces that speak through the great laws of the universe also speak in the form of poetry. And so today you will encounter attempts—these are, of course, initial attempts—in which, in the sequence of the lines, in the mutual relationship of the lines to one another, and in what each line expresses, such laws prevail as prevail in the universe. For example, you will find a poem consisting of twelve stanzas, each stanza comprising seven lines, and the entire structure of the poem is such that what is expressed in the seven lines truly corresponds to the laws governing the movements of the seven planets. And the fact that there are precisely twelve stanzas, and that the mood of the seven lines recurs in twelve stanzas, corresponds to the laws governing the passage of the individual planets as they move through the signs of the zodiac. What takes place out there in the cosmos—in the harmony of the spheres, so to speak—is expressed in the sense conveyed by these twelve seven-line stanzas. Thus, the laws of the cosmos are also meant to prevail in these twelve seven-line stanzas. You will find, for example, in the stanza of Capricorn, that the fourth line expresses a certain position of Mars in relation to Capricorn. But there must be such a meaning in this line that if someone is awakened from sleep and nothing else is read to them but that one line from the Capricorn stanza—the Mars line—they must be able to say, once they have developed a sense for it: “That is the Mars line of the Capricorn stanza!” — Thus, every single line has a meaning. So it is not merely superficial; rather, it is structurally built this way from within. That is what matters.
[ 3 ] Ebenso ist in der kleinen Dichtung, die vierzeilige Strophen hat, die Anordnung so, daß gewisse Bewegungen kosmische Vorgänge ausdrücken. Von den zwöltstrophigen Versuchen ist der eine ernst gemeint, von dem anderen werden Sie gleich sehen, wenn er Ihnen nachher vorgetragen wird, daß er eine richtige Satire ist. Nun könnte man sehr leicht meinen, daß es etwas Ungehöriges ist, so, wie man sagt, «heilige Dinge» satirisch zu behandeln. Aber wirklich, meine lieben Freunde, will man weiterkommen gerade auf dem Gebiete geistiger Weltanschauung, dann ist eine Grundforderung diese, daß man nicht das Lachen verlernt über dasjenige, worüber in der Welt gelacht werden muß, wenn man es richtig beurteilt. Eine Dame erzählte einmal von einem Herrn, der immer in der Stimmung war, «hinaufzusehen zu den großen Offenbarungen des Weltenalls». Von anderen Menschen, als von «Meistern», sprach er überhaupt nicht, und, verzeihen Sie, aber sie sagte noch: Er hat eigentlich immer «ein Gesicht bis ans Bauch» gemacht — sie war keine Deutsche, die betreffende Dame — also ein tragisch verlängertes Gesicht trug er stets zur Schau. Ich mußte, als ich diesen Ausspruch der Dame hörte, daß jener Herr immer so ein tragisch verlängertes Gesicht hat, mich erinnern an ein mir wirklich außerordentlich interessantes Erlebnis, das ich vor langer Zeit in Wien hatte. Da lebte in Wien ein Mann, der sich auf alle Weise in das Geistgebiet einzuleben versuchte. Er war der Professor der Physik und Mathematik an der Wiener Hochschule für Bodenkultur, Oskar Simony, der dann ja viel später, erst vor ganz kurzer Zeit, tragisch geendet hat. Er begegnete mir einmal — ich weiß das so, wie wenn es gestern gewesen wäre — in der Salesianergasse, auf der Landstraße, in Wien. Ich kannte ihn vom Sehen, gesprochen hatte ich nie mit ihm. Er kannte mich gar nicht, wir begegneten uns eben wie zwei, die auf dem Trottoir aneinander vorbeigehen. Ich war dazumal ein ganz junger Lebensanfänger, ein junger Dachs von 26, 27 Jahren. Nun, Oskar Simony guckte mich an, blieb stehen — ich erzähle nur eine Tatsache — und fing mit mir ein Gespräch an über allerlei Dinge der geistigen Wissenschaft, nahm mich dann auch zu sich nach Hause und schenkte mir seine jüngste Publikation über eine Erweiterung der vier Rechnungsarten, die er in der alten Akademie der Wissenschaften damals veröffentlicht hatte. Es war dazumal gerade die Zeit, in der der österreichische Kronprinz Rudolf zusammen mit dem Erzherzog Johann, der dann als Johann Orth, wie Sie vielleicht wissen, verschwunden ist, sich beschäftigten mit der Entlarvung eines Mediums und überhaupt mit solchen Dingen. Daher war dazumal sehr viel von solchen Dingen in Wien die Rede, und Oskar Simony beschäftigte sich außerdem ja sehr wissenschaftlich mit diesen Dingen, er hat ein Buch geschrieben über das Schlingen eines Knotens in ein ringförmig geschlossenes Band, das sehr interessant ist. — Nun, während wir so sprachen, machte er eine Pause im Gespräche und sagte: «Ach, wenn man sich mit diesen Dingen beschäftigt, da braucht man eigentlich viel Humor dazu!» — Und wahrhaftig, es ist nötig, gerade wenn man in die Tiefen der geistigen Wissenschaft hineingeht, daß man den Humor nicht verlernt, daß man mit anderen Worten sich nicht ständig verpflichtet fühlt, das tragisch verlängerte Gesicht nur zu tragen. Und ich habe sogar die Überzeugung, daß Oskar Simony in der letzten Zeit seines Lebens eben den Humor verloren hatte, bevor er so tragisch geendet hat.
[ 3 ] Similarly, in the short poems with four-line stanzas, the arrangement is such that certain rhythms express cosmic processes. Of the two twelve-stanza poems, one is meant to be serious; as for the other, you will see right away—when it is recited to you later—that it is a true satire. Now, one might very easily think that it is inappropriate to treat what are called “sacred things” satirically. But truly, my dear friends, if one wishes to make progress precisely in the realm of spiritual worldview, then a fundamental requirement is that one not forget how to laugh at those things in the world that, when properly judged, deserve to be laughed at. A lady once told of a gentleman who was always in the mood to “look up to the great revelations of the universe.” He never spoke of other people as “masters” at all, and—forgive me—but she also said: He actually always had “a face that went all the way down to his stomach”—the lady in question was not German—so he always displayed a tragically elongated face. When I heard this remark from the lady—that this gentleman always had such a tragically elongated face—I was reminded of an experience I had long ago in Vienna that I found truly extraordinary. There lived in Vienna a man who was trying in every way to immerse himself in the spiritual realm. He was the professor of physics and mathematics at the Vienna University of Natural Resources and Life Sciences, Oskar Simony, who then, much later—only very recently—met a tragic end. He once crossed paths with me—I remember it as if it were yesterday—on Salesianergasse, on Landstraße, in Vienna. I knew him by sight, but I had never spoken to him. He didn’t know me at all; we simply passed each other on the sidewalk like two strangers. At the time, I was a very young man just starting out in life, a young buck of 26 or 27 years old. Well, Oskar Simony looked at me, stopped—I’m just stating a fact—and struck up a conversation with me about all sorts of things related to spiritual science; he then invited me to his home and gave me his latest publication on an extension of the four types of calculation, which he had published at the time in the old Academy of Sciences. It was precisely the time when the Austrian Crown Prince Rudolf, together with Archduke Johann—who later disappeared as Johann Orth, as you may know—was engaged in exposing a medium and dealing with such matters in general. That’s why there was a great deal of talk about such matters in Vienna at the time, and Oskar Simony, moreover, approached these topics from a very scientific perspective; he wrote a book about tying a knot in a closed, ring-shaped band, which is very interesting. — Well, as we were talking, he paused in the conversation and said, “Oh, when you’re dealing with these things, you really need a good sense of humor!” — And indeed, especially when one delves into the depths of spiritual science, it is necessary not to lose one’s sense of humor—in other words, not to feel constantly obliged to wear a perpetually somber expression. And I am even convinced that Oskar Simony had lost his sense of humor in the final years of his life, before he met such a tragic end.
[ 4 ] Nun ist ja auch reichlich Gelegenheit, Humor zu entfalten, gerade innerhalb unserer geistigen Bewegung. Denn an nichts so sehr wie an solche geistige Bewegungen hängen sich die Karikaturen des Strebens nach dem Geistigen. Nicht Menschen meine ich, sondern Strebungen meine ich mit diesen Karikaturen. Was soll nicht alles gehen unter der Flagge des geistigen Strebens, oder sagen wir, des Dazugehörens zu einer Bewegung, welche das geistige Streben zu dem ihrigen macht! Das ist ja dasjenige, was so schwierig macht, vor der Welt solch eine geistige Bewegung zu vertreten. An sich war gar nichts dagegen einzuwenden, daß eine Zeitlang — es ist auch heute noch nichts einzuwenden — einige Damen solche Kleidung getragen haben, wie ich sie einmal ausfindig machen mußte für die erste Szene der Aufführung des ersten Mysteriendramas; denn da konnte man keine modernen Kleider auf der Bühne haben. Dann haben Damen solche Kleider gemacht. Das war aller Anerkennung wert, selbstverständlich, aber auch das ist ausgeartet, und das brauche ich nicht weiter zu erzählen, das ist ja hinlänglich bekannt, wie diese Dinge ausgeartet sind, wie man dann geglaubt hat, daß zu einer solchen Kleidung unbedingt kurze Haare gehören. Ja, man konnte sogar hören, daß — was ja nur in einzelnen Fällen vorgekommen ist — bei uns Damen mit ganz kurzen Haaren und Herren mit recht langen Haaren herumgingen. Aber das waren ja nur Ausnahmen. Jedenfalls hat das dazu geführt, daß ich oftmals bei öffentlichen Vorträgen gefragt worden bin, ob denn zur Theosophie gehöre, daß man sich die Haare schneiden läßt. Nun, das ist eine Äußerlichkeit; aber auch mit Innerlichkeiten wurde schon in unseren Kreisen mancherlei Unfug getrieben, gegen den man sich scharf wenden muß. Was wird nicht alles gesagt, was ich gesagt haben soll, was wird nicht alles gesagt, was sein soll, und dergleichen! Manchmal nehmen sich die Dinge, die gesagt werden, durchaus nicht so aus, daß man nicht zu dem Urteil kommen könnte, daß der Betreffende, der es sagt, sich ein bißchen wichtig machen will, gelinde gesagt. Also es gibt Auswüchse, wegen welcher es schwierig ist, unsere Bewegung vor denjenigen zu vertreten, deren Lachmuskeln insbesondere dann wie von selbst in Bewegung kommen, wenn sie von etwas hören, das sie doch nicht verstehen. Die lachen dann über das Ernste, über das Bedeutungsvolle auch. Aber man braucht nicht noch Veranlassung zu geben durch die mit dem Streben nach dem Geistigen einhergehende Karikatur, daß sie ein gewisses Recht haben, zu lachen.
[ 4 ] Now, there is certainly ample opportunity to display a sense of humor, especially within our spiritual movement. For it is precisely such spiritual movements that are the primary targets of caricatures of the pursuit of the spiritual. By “caricatures,” I do not mean people, but rather aspirations. What all sorts of things can be done under the banner of spiritual striving—or, let’s say, of belonging to a movement that makes spiritual striving its own! That is precisely what makes it so difficult to represent such a spiritual movement before the world. In and of itself, there was nothing wrong with the fact that, for a time—and there is still nothing wrong with it today—some ladies wore the kind of clothing I once had to find for the first scene of the performance of the first Mystery Drama; for modern dresses could not be worn on stage there. Then women began making such dresses. That was certainly worthy of all praise, of course, but that, too, got out of hand, and I need not go into further detail—it is well known how these things got out of hand, how people then came to believe that short hair was an absolute necessity to go with such clothing. Yes, one could even hear that—though this occurred only in isolated cases—there were women among us with very short hair and men with quite long hair. But those were merely exceptions. In any case, this has led to me being asked on numerous occasions during public lectures whether having one’s hair cut is part of theosophy. Well, that is an outward matter; but even regarding inner matters, all sorts of nonsense has been spread in our circles, against which one must take a firm stand. What all sorts of things are said about what I am supposed to have said, what all sorts of things are said about what is supposed to be true, and so on! Sometimes the things that are said do not come across in such a way that one could not conclude that the person saying them is trying to make themselves seem a bit important, to put it mildly. So there are excesses that make it difficult to defend our movement before those whose laughter muscles spring into action all on their own, especially when they hear about something they do not understand. They then laugh at what is serious, and at what is significant as well. But we need not give them further cause—through the caricature that often accompanies the pursuit of the spiritual—to feel they have a certain right to laugh.
[ 5 ] Solche Dinge haben dazu geführt, daß auch eine solche Dichtung als Satire einmal von mir gemacht worden und dann eurythmisch dargestellt worden ist, und die soll auch heute zum Vortrage kommen. Diese Satire mit den zwölf Tierkreisstimmungen, in denen auch die Planeten verwendet sind, aber verwendet sind, um, ich möchte sagen, die Schattenseiten des geisteswissenschaftlichen Betriebes — nicht der Geisteswissenschaft, die hat schon keine Schattenseiten, aber, sagen wir, des geisteswissenschaftlichen Anhanges — ein bißchen zu zeigen. Diese Versuche — es sollen wie gesagt bescheidene Versuche sei — sind eben gemacht, um zu zeigen, wie aus den erfühlten Gesetzen des Kosmos sich wirkliche Formgesetze einer Dichtung für die Zukunft ergeben werden. Diese Dichtungen sollen vorgetragen werden im Zusammenhange mit einigen von Robert Hamerling, die dazwischen genommen werden, und damit wollen wir heute beginnen, bevor wir zu unserer Vortragsbetrachtung schreiten. Also Sie müssen bei den Dichtungen in Erwägung ziehen, daß sie zur eurythmischen Aufführung bestimmt waren; sie werden heute vorgetragen ohne Eurythmie, aber das macht nichts.
[ 5 ] Such things led me to write a piece of poetry like this as a satire, which was then presented as a eurythmy performance, and that is what will be presented today. This satire, with its twelve zodiacal moods—in which the planets are also used, but used, I might say, to reveal a little of the dark side of the spiritual science establishment—not spiritual science itself, which has no dark side, but, let’s say, the spiritual science establishment’s entourage. These attempts—which, as I said, are meant to be modest attempts—are intended precisely to show how the laws of the cosmos, as felt, will give rise to genuine formal laws of poetry for the future. These poems are to be recited in conjunction with some by Robert Hamerling, which will be interspersed among them, and with that we will begin today before proceeding to our lecture discussion. So when considering these poems, you must bear in mind that they were intended for eurythmic performance; they will be recited today without eurythmy, but that does not matter.
[ 6 ] [Programm der anschließenden Rezitation durch Frau Dr. Steiner: Gedichte von Robert Hamerling: «O, laßt mich einsam singen ...», «Sohn und Erbe der Ewigkeit ...», «Zwischen Himmel und Erde», «Nächtliche Regung», «Geister der Nacht», «Scheltet nicht die weichen Klänge ...», «Venedig», «Lebenslied», — Harmoniumspiel — «Der Adler». — «Planetentanz», «Pfingstspruch» («Wo Sinneswissen endet ...»), «Zwölf Stimmungen» von Rudolf Steiner, — Harmonium: Die Himmel rühmen — «Verlorene Klänge» und «Diamanten» von Robert Hamerling, «Das Lied von der Initiation», Satire von Rudolf Steiner.]
[ 6 ] [Program for the subsequent recitation by Dr. Steiner: Poems by Robert Hamerling: “O, let me sing alone …,” “Son and Heir of Eternity …,” “Between Heaven and Earth,” “Nighttime Stirrings,” “Spirits of the Night,” “Do Not Rebuke the Gentle Sounds …,” “Venice,” “Song of Life,” — harmonium performance — “The Eagle.” — “Planetary Dance,” “Pentecost Verse” (“Where sensory knowledge ends…”), “Twelve Moods” by Rudolf Steiner, — harmonium: “The Heavens Praise” — “Lost Sounds” and “Diamonds” by Robert Hamerling, “The Song of Initiation,” a satire by Rudolf Steiner.]
[ 7 ] Ich möchte ausgehen von dem, was ja jetzt schon öfter unseren Betrachtungen zugrunde gelegt worden ist. Wirklich nicht so soll das, was uns geisteswissenschaftlich durchdringt, in unserer Seele leben, daß wir, sowie man Geographie, Botanik, Staatswissenschaft oder dergleichen gelernt hat, auch Geisteswissenschaft kennen und dann das übrige Leben so hübsch davon trennen; sondern Geisteswissenschaft soll Impulse, Lebenskräfte geben, die sich wirklich hineinergießen in das Auffassen der Wirklichkeit, die uns umgibt. Nicht nur, daß das um der Geisteswissenschaft selber willen so sein muß, sondern es hat die Geisteswissenschaft wirklich die Aufgabe, einzugreifen in das gegenwärtige Geistesleben, so daß manches, in bezug auf welches das gegenwärtige Geistesleben wie in eine Sackgasse geht, wiederum angeregt werde, daß manches, was im gegenwärtigen Geistesleben krank ist, gesund werde. Und wir haben ja gehört: Eines muß ja unser ganzes Seelenweben durchdringen, wenn wir so richtig in der Geisteswissenschaft drinnenstehen wollen: das ist Wahrhaftigkeit! Man wird von Wahrhaftigkeit so durchdrungen werden müssen, daß man, wenn man Geisteswissenschaft treiben will, nicht von dieser Wahrhaftigkeit weicht, in bezug auf die ganze Auffassung des Lebens. Aber gerade da steht man heute einer Lebensauffassung gegenüber, die in der Beurteilungsart, in der Gesinnung, wirklich nicht von der Wahrhaftigkeit durchzogen ist.
[ 7 ] I would like to begin with what has already served as the basis for our reflections on several occasions. What permeates us through spiritual science should not live in our souls in such a way that, just as one has studied geography, botany, political science, or the like, we also come to know spiritual science and then neatly separate the rest of our lives from it; rather, spiritual science should provide impulses and life forces that truly flow into our perception of the reality that surrounds us. Not only must this be so for the sake of spiritual science itself, but spiritual science truly has the task of intervening in contemporary spiritual life, so that certain aspects—in relation to which contemporary spiritual life seems to have reached a dead end—may be revitalized, and so that certain aspects of contemporary spiritual life that are unhealthy may be restored to health. And as we have heard: One thing must indeed permeate our entire inner life if we wish to be truly immersed in spiritual science—and that is truthfulness! One must be so imbued with truthfulness that, when one wishes to engage in spiritual science, one does not deviate from this truthfulness in one’s entire conception of life. But it is precisely here that we are confronted today with a conception of life that, in its manner of judgment and in its attitude, is truly not permeated by truthfulness.
[ 8 ] Lassen Sie uns einmal von einem Ereignis, das wir in den letzten Tagen erfahren mußten, ausgehen. Auch das ist schon NichtWahrhaftigkeit, daß man über solche Ereignisse viel zu wenig nachdenkt, sie viel zu wenig im Zusammenhange mit dem ganzen Leben betrachtet. Sie werden es vielleicht gelesen haben, was, abgesehen von jenen furchtbaren, großen, gigantischen Erschütterungen, die heute vorgehen, im kleinen Kreise in diesen Tagen Frschütterndes an einem einzelnen menschlichen Schicksal sich abgespielt hat; heute ist ja alles ein kleiner Kreis, was sich außerhalb des großen abspielt. Ein Maler, der offenbar eigentlich ein guter Maler ist, das ging aus der Prozeßführung hervor, malte Bilder und schrieb darauf: Böcklin, Uhde, Menzel, Spitzweg und ähnliche berühmte Namen, malte viele solche Bilder, die verkauft wurden an diejenigen Menschen, die einen Böcklin, einen Lenbach, einen Menzel kaufen wollten. Es hatte sie aber Herr Lehmann gemalt. Aber Herr Lehmann konnte gut malen, so daß alle sie für richtige Menzels, Uhdes, Böcklins und so weiter gekauft haben. Nun wurde ihm der Prozeß gemacht. Es ist ja selbstverständlich ein ganz klarer Betrug. Die Sachverständigen haben gefunden, daß der Betrug um so größer ist, weil er eben ein guter Maler ist und wirklich auch die Sache so gut machen konnte, daß man sie nicht unterscheiden konnte von den Bildern, welche die betreffenden Berühmtheiten gemalt haben, und er wurde nun wegen Betrugs zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.
[ 8 ] Let us take as our starting point an event we have had to experience in recent days. It is also a form of untruthfulness that people give far too little thought to such events and consider them far too little in the context of life as a whole. You may have read about what, apart from those terrible, vast, gigantic upheavals taking place today, has been unfolding in a small circle these past few days—a shattering event concerning a single human fate; after all, everything that takes place outside the larger context is, in a sense, a small circle. A painter—who, as the trial revealed, is apparently a good painter—painted pictures and signed them: Böcklin, Uhde, Menzel, Spitzweg, and similar famous names; he painted many such pictures, which were sold to people who wanted to buy a Böcklin, a Lenbach, or a Menzel. But it was Mr. Lehmann who had painted them. However, Mr. Lehmann was a skilled painter, so everyone bought them thinking they were genuine Menzels, Uhdes, Böcklins, and so on. Now he is being sued. It is, of course, a clear-cut case of fraud. The experts found that the fraud was all the more serious because he was, in fact, a skilled painter and was truly able to execute the work so well that it was indistinguishable from the paintings created by the famous artists in question, and he was subsequently sentenced to four years in prison for fraud.
[ 9 ] Ich werde Ihnen nun das Gegenbild dazu erzählen, ein Gegenbild, das man neben dieses Ereignis stellen kann. Goethe hatte ja die Methode, Bild und Gegenbild immer gegeneinander zu stellen. Das ist freilich nicht so bequem wie das gewöhnliche Denken, aber es klärt die wahre Wirklichkeit mehr auf. Wenn man nach Brüssel kommt, so trifft man dort das Wiertz-Museum. Da sind Bilder des Malers Wiertz, und ich glaube nicht, daß es irgendeinen Menschen geben kann, der nicht im allerhöchsten Maße überrascht wäre von der Eigenart der Bilder des Wiertz. Es sind ja allerdings Bilder, die nicht so gemalt sind, wie andere sie malen, aber sie haben eine außerordentlich eigene Note, sind zuweilen so, daß selbstverständlich der steife Philister sie verrückt finden wird. Nun, das ist ja vielleicht nicht immer ein Maßstab, aber jedenfalls sind auch solche drunter, von denen man im höchsten Maße ergriffen werden kann. Wiertz wurde geboren im Anfange des 19. Jahrhunderts aus armer Familie, war ein armer Kerl, wuchs auch als armer Kerl auf; aber wie durch eine Erleuchtung kam eines Tages über ihn der Gedanke — und nun kam bei ihm zusammen, ich möchte sagen, wirkliche Berufung mit außerordentlicher Eitelkeit, die Dinge können ja zusammenkommen — , er müsse ein Maler werden, größer als Rubens, Fortsetzer von Rubens, er müsse Rubens überrubensen; ein Über-Rubens müsse er werden. Nicht wahr, man kann ja heute, in der Zeit nach Nietzsche, auch sagen: «Über-Rubens». — Also ein Über-Rubens wollte er werden; aber natürlich konnte er etwas. Er bekam dann auch ein Stipendium und konnte nach Rom gehen, konnte die italienische Malerei sehen. Und nun malte er ein Bild, das war allerdings furchtbar groß, ganz riesig groß: eine Szene aus dem Trojanischen Krieg. Es war aber wirklich weit besser als so die Durchschnittsbilder, die in Ausstellungen waren. Nun, er hat es in Paris der Louvre-Kommission eingereicht. Man hat es zwar angenommen, aber man hat es so gehängt, daß es gewirkt hat, wie wenn man es nicht angenommen hätte. Sie wissen ja, das ist so eine häufige Praxis der Kommissionen, die Bilder annehmen für Ausstellungen, daß sie etwas dann so hängen, wie wenn es nicht da wäre. Denn es kommt ja natürlich sehr darauf an, daß man ein Bild auch sieht. Wenn man es nicht sehen kann, wenn es so beleuchtet ist an einer Stelle, daß man es nicht sehen kann, so kann es ausgestellt sein, und es ist doch in Wirklichkeit nicht da. Und da Wiertz nicht gerade wenig Eitelkeit hatte neben einem großen Talent, so wurmte ihn das furchtbar. Er wurde ganz wild über Paris, ging nach Brüssel zurück und schrieb niemals mehr den Namen «Paris» auf, ohne daß er einen Blitz darüber malte, der in dieses Wort «Paris» hineinfuhr! Nun, er hat auch einige andere Auszeichnungen erhalten, die ihn nicht besonders erfreut haben. So bekam er für irgendeine Leistung einmal von dem König eine bronzene Medaille. Da sagte er: Gold habe ich nicht, Silber habe ich nicht, aber Bronze, die brauche ich auch nicht! — Und er blieb wild. Er wollte noch einmal die Probe machen mit der Louvre-Kommission. 1840 schickte er zwei Bilder zu einer Ausstellung. Das eine hatte er selber gemalt, da stand «Wiertz» darauf. Das andere ergab sich ihm aber auf eine andere Art. Es hatte nämlich ein Bekannter einen anerkannt echten, bedeutenden Rubens. Wiertz, flugs, kratzt den Namen Rubens aus und schreibt Wiertz darunter, schickt zwei «Wiertz» nach Paris. Die Leute schauen sich das an: zwei «Wiertz»? Nichts! Wird nicht ausgestellt, sind zwei Schunderzeugnisse! — Dabei war einer ein echter Rubens, es war gerade ein ganz vorzüglicher Rubens! Na, so hat er sich gerächt, hat das natürlich überall bekannt machen lassen, und es hat dazumal ein großes Aufsehen gegeben.
[ 9 ] I will now tell you about the counter-image to this, a counter-image that can be set alongside this event. Goethe, after all, had a habit of always contrasting image and counter-image. This is, of course, not as convenient as conventional thinking, but it sheds more light on true reality. When you visit Brussels, you’ll come across the Wiertz Museum. It houses paintings by the artist Wiertz, and I don’t believe there is a single person who wouldn’t be utterly astonished by the uniqueness of Wiertz’s paintings. Admittedly, these are paintings that are not painted the way others paint, but they have an extraordinarily distinctive style; at times they are such that, naturally, the stiff-necked philistine will find them crazy. Well, that may not always be a yardstick, but in any case, there are also some among them that can move you deeply. Wiertz was born at the beginning of the 19th century into a poor family; he was a poor fellow and grew up as a poor fellow; but as if by a flash of inspiration, the thought came to him one day—and here, I might say, a true calling combined with extraordinary vanity, for such things can indeed come together—that he must become a painter, greater than Rubens, a successor to Rubens; he must “out-Rubens” Rubens; he must become a “Super-Rubens.” Isn’t that right? Today, in the post-Nietzsche era, one can also say: “Super-Rubens.”—So he wanted to become a Super-Rubens; but of course he had some talent. He then received a scholarship and was able to go to Rome, where he could see Italian painting. And then he painted a picture—it was, admittedly, terribly large, absolutely enormous: a scene from the Trojan War. But it was really far better than the average paintings that were in exhibitions. Well, he submitted it to the Louvre Commission in Paris. They accepted it, but they hung it in such a way that it seemed as if they hadn’t accepted it at all. As you know, it’s a common practice among commissions that accept paintings for exhibitions to hang them in such a way that it’s as if they weren’t there at all. After all, it’s naturally very important that a painting actually be seen. If you can’t see it—if it’s lit in such a way that you can’t see it from a certain spot—then it may be on display, but in reality it isn’t really there. And since Wiertz had no small amount of vanity alongside his great talent, this bothered him terribly. He became absolutely furious about Paris, returned to Brussels, and never again wrote the name “Paris” without drawing a lightning bolt striking the word “Paris”! Well, he also received a few other honors that didn’t particularly please him. For instance, he once received a bronze medal from the king for some achievement. He said: “I don’t have gold, I don’t have silver, but bronze—I don’t need that either!” — And he remained furious. He wanted to put the Louvre Commission to the test once more. In 1840, he sent two paintings to an exhibition. He had painted one of them himself; it was signed “Wiertz.” The other, however, came about in a different way. An acquaintance of his happened to own a Rubens that was recognized as genuine and significant. Wiertz, on the spot, scratched out the name “Rubens” and wrote “Wiertz” underneath, then sent two “Wiertz” paintings to Paris. People looked at them: two “Wiertz” paintings? Nothing! They weren’t exhibited—they were deemed two pieces of trash! —Yet one of them was a genuine Rubens—in fact, it was an absolutely superb Rubens! Well, that’s how he got his revenge; he naturally made sure everyone knew about it, and it caused quite a stir at the time.
[ 10 ] Das ist das Gegenstück zu dem Ereignis, das ich Ihnen vorhin erzählt habe. Nun denken Sie sich doch, welche Summe von Unwahrheit herrscht bei der Beurteilung von Kunstwerken heute! Wer kauft denn eigentlich Kunstwerke? Namen kauft man! Denn es ist ganz klar, daß, wenn heute jemand etwas malte, was so gut ist, wie Leonardo gemalt hat — es könnte ganz gut sein — , man würde selbstverständlich Leonardo kaufen und nicht den anderen. Es hat ja auch schon andere Maler gegeben, sogar eine Zeitung erzählt heute davon, die sich darauf verlegt haben, alte Maler zu malen, da sie von sich selber nichts verkaufen konnten; aber wenn sie Leonardo oder Michelangelo oder so etwas darauf schrieben, da konnten sie verkaufen. Aber sie waren schon gestorben, als man darauf kam, da konnte man sie nicht mehr vier Jahre einsperren! Solche Ereignisse sind vor allen Dingen in dem Lichte der Unwahrhaftigkeit unserer Verhältnisse zu beurteilen. Lehmann würde kein einziges seiner Bilder verkauft haben, wenn er «Lehmann» darauf geschrieben hätte; aber sie wären gerade so gut gewesen, als sie so sind. Diese Dinge sind schon erschütternd. Es ist schon notwendig, daß man mit seinem Denken in diese Dinge hineingreift, denn das sind nur Beispiele für Dinge, die im alltäglichen Leben heute auf anderen Gebieten und mit anderen Dingen immer wieder und wieder vorkommen, und die eben zeigen, wie notwendig es unsere Zeit hat, Wahrhaftigkeit, aber auch Bekenntnis zur Wahrhaftigkeit, Streben nach Wahrhaftigkeit in sich aufzunehmen. Nun ist Streben nach Wahrhaftigkeit gar nicht erreichbar ohne den guten Willen, mit den Dingen sich zu beschäftigen, auf die Dinge einzugehen, nicht einfach darüber hinwegzuhuschen und sich nicht um sie zu kümmern. Darum handelt es sich, sich wirklich um das, was um uns herum geschieht, zu bekümmern und zu versuchen, die Dinge in ihren Tiefen ein bißchen zu verstehen. Wenn. man, ich möchte sagen, dies nicht als Übung versucht, die Wirklichkeit als Wirklichkeit in ihren Tiefen zu beobachten, so kann man nicht sehr weit kommen in bezug auf das Erfassen der Impulse, die in der Geisteswissenschaft liegen; denn die Geisteswissenschaft ist einmal aus der wahren Wirklichkeit heraus entstanden, und wir müssen uns verwandt machen dem Impuls der wahren Wirklichkeit, wenn wir Geisteswissenschaft verstehen wollen.
[ 10 ] This is the counterpart to the event I told you about earlier. Just imagine, then, how much falsehood prevails in the evaluation of works of art today! Who actually buys works of art? People buy names! Because it’s quite clear that if someone today painted something as good as Leonardo did—and that could very well be the case—people would naturally buy Leonardo and not the other artist. There have, after all, been other painters—even a newspaper reported on this today—who specialized in painting copies of old masters because they couldn’t sell their own work; but if they signed their paintings “Leonardo” or “Michelangelo” or something like that, they could sell them. But they had already died by the time people figured this out—so they couldn’t lock them up for four years anymore! Such events must above all be judged in light of the insincerity of our circumstances. Lehmann wouldn’t have sold a single one of his paintings if he’d written “Lehmann” on them; yet they would have been just as good as they are. These things are truly shocking. It is indeed necessary to engage with these matters through our thinking, for these are merely examples of things that occur again and again in everyday life today—in other areas and with other matters—and which demonstrate just how urgently our time needs to embrace truthfulness, as well as a commitment to truthfulness and a striving for truthfulness. Now, the pursuit of truth is not at all attainable without the good will to engage with these matters, to delve into them, rather than simply skimming over them and ignoring them. That is what it is all about: truly caring about what is happening around us and trying to understand these matters a little more deeply. If one does not, I would say, attempt this as an exercise—to observe reality as reality in its depths—then one cannot get very far in terms of grasping the impulses that lie at the heart of spiritual science; for spiritual science arose, after all, out of true reality, and we must attune ourselves to the impulse of true reality if we wish to understand spiritual science.
[ 11 ] Für den, der die Tatsachen kennt, ist es auf der einen Seite ganz verständlich, daß diejenigen, die es heute mit der Wahrheit halten, wie es eben sehr häufig mit der Wahrheit gehalten wird, nicht zum Verständnis der Geisteswissenschaft kommen können, wie es auf der anderen Seite selbstverständlich ist, daß geisteswissenschaftliche Impulse in unser geistiges Leben der Gegenwart und der nächsten Zukunft hineinkommen müssen. Es ist ja wirklich so, daß man heute eigentlich bei allem, was einem vor Augen tritt, ich möchte sagen, obenhin liest; nicht bloß das, was man liest, sondern auch das Leben liest man obenhin, oberflächlich betrachtet man die Ereignisse, man huscht so darüber hin. Ich möchte Sie da auf eines aufmerksam machen, was man im Grunde genommen erst verstehen kann, wenn man sich ein wenig auf geisteswissenschaftliche Tatsachen einläßt. Derjenige, der heute die Entwickelung der Zeit verfolgt, der wird eine erstaunliche Entdeckung machen können, wenn er achtgibt auf das, was die Seele des Menschen unmittelbar aufnimmt, und auf das, was sie so aufnimmt, daß sie es behält und wirksam macht. In unserer Zeit lesen ja die meisten Menschen, die überhaupt lesen, Zeitungen. Zeitungen sind so Tagesgeschöpfe, und die meisten denken, das geht ebenso wieder aus der Seele heraus, wie es hereingegangen ist, und sie denken, daß das einen trösten kann über die Oberflächlichkeit und Unwahrhaftigkeit unserer Journalistik, die ja wirklich alles übersteigt, wie wir es noch beschreiben werden. Nun liegt die Sache aber anders, als man gewöhnlich glaubt. Für die meisten Menschen der Gegenwart, die auch Bücher lesen, schreibt sich der Inhalt eines Buches viel weniger in die Seele ein, selbst wenn er gedächtnismäßig darin bleibt, als der Inhalt der Zeitungslektüre, trotzdem die Zeitung nur ein Tagesgeschöpf ist. Gerade dieses Vorübergehende des Zeitungsstoffes, der aufgenommen und wiederum abgeworfen wird, und den man nicht dem Gedächtnis einprägt, sondern den man womöglich schnell vergißt — man muß ja schnell vergessen — , er prägt sich ins Unterbewußte unendlich tief ein. Ich habe schon einmal erwähnt, wie schnell man bei manchen Zeitungen vergessen muß. Wir waren einmal da unten in Istrien, in der Nähe von Pirano; da erscheint der «Piccolo della Sera». Nun, das war ein Blatt, das erschien jeden Abend, brachte einmal einen furchtbar sensationellen Artikel, ich weiß schon nicht mehr über was, aber drei Spalten lang, die ganze erste Seite. Aber auf derselben Seite war noch ein bißchen Platz; da war derselbe Artikel noch dementiert, da war gesagt, daß er auf einem Irrtum beruht! Das ist doch etwas, was man nicht immer erlebt, daß auf derselben Seite der Artikel gerade wieder dementiert ist, nicht wahr! Aber so asymptotisch, so allmählich bewegt sich ja überhaupt dasjenige, was namentlich die großstädtische Zeitung ist, zu diesem Punkte hin.
[ 11 ] For those who know the facts, it is, on the one hand, quite understandable that those who adhere to the truth today—as is so often the case with the truth—cannot come to an understanding of spiritual science; just as it is, on the other hand, self-evident that spiritual-scientific impulses must find their way into our spiritual life, both now and in the near future. It is indeed the case that today, with everything that presents itself to us, we—I would say—skim over it; not only what we read, but also life itself is skimmed over; we view events superficially, skimming right over them. I would like to draw your attention to something that, fundamentally speaking, can only be understood once one engages a little with the facts of spiritual science. Anyone who follows the course of our times today will be able to make an astonishing discovery if they pay attention to what the human soul immediately takes in, and to what it takes in in such a way that it retains it and makes it effective. In our time, most people who read at all read newspapers. Newspapers are, after all, creatures of the day, and most people think that what goes into the soul leaves it just as quickly as it entered, and they think that this can console them for the superficiality and insincerity of our journalism, which truly surpasses all bounds, as we shall describe later. But the reality is different from what is commonly believed. For most people today who also read books, the content of a book leaves a much shallower impression on the soul—even if it remains in their memory—than the content of a newspaper, even though the newspaper is merely a fleeting phenomenon. It is precisely this transience of newspaper material—which is absorbed and then discarded, and which one does not commit to memory but rather forgets as quickly as possible (for one must forget quickly)—that imprints itself infinitely deeply on the subconscious. I’ve mentioned before how quickly one has to forget with some newspapers. We were down in Istria once, near Pirano; that’s where the Piccolo della Sera is published. Well, that was a paper that came out every evening; it once ran a terribly sensational article—I don’t even remember what it was about anymore—but it was three columns long, taking up the entire front page. But there was still a little space left on that same page; where the same article was immediately retracted—it was stated that it was based on a mistake! That’s something you don’t see every day—an article being retracted on the very same page, isn’t it! But this is precisely the direction—asymptotically, gradually—in which the so-called big-city newspaper is moving.
[ 12 ] Wichtig ist es, zu wissen, daß das, was man so rasch aufnimmt und rasch wieder vergißt, in der Tat tief eingeprägt ist gerade in den unterbewußten Teil unserer Seele, und gerade wirksam ist als Kraft zum Weiterwirken in der Zeitenfolge. Es wirkt also weiter in dem, was so allgemeiner Zeitgeist ist, ahrimanischer Zeitgeist; da wirkt es. So daß gute Bücher, die gegenwärtig geschrieben werden, viel, viel weniger wirken als Zeitungsartikel. Gerade dasjenige, was sorgfältig aufgenommen wird und auf das Ich wirkt, vom Ich aus ins Gedächtnis geprägt wird, gerade das wirkt sogar weniger, als was flüchtig als Zeitungssache aufgenommen wird. Aber ich bitte Sie, ziehen Sie jetzt daraus nicht diese Konsequenz, daß Sie keine Zeitung lesen sollen, sondern nehmen Sie das als Ihr Karma hin. Denn selbstverständlich darf das nicht so aufgefaßt werden, als ob wir uns nun hüten sollen, irgendeine Zeile der Zeitung zu lesen. Wir müssen das als ein Zeitenkarma auffassen, müssen uns klar sein darüber, daß wir gerade die Seite unseres Wesens entwickeln müssen, welche in der Lage ist, zu empfinden, ob irgendein Inhalt, ob geistiges Ringen darinnen ist, oder bloß Phraseologie. Das ist es, was man wünschen möchte, daß wiederum Empfindung für die Art und Weise, wie geistige Leistung zustande kommt, entstehen könnte. Denn darinnen stehen wir heute so schlecht. Wir haben kein rechtes Empfinden für etwas, was gut geschrieben ist, und etwas, was spottschlecht geschrieben ist. Wir nehmen denselben Inhalt, wenn er uns in gut Geschriebenem entgegentritt, ebenso gleichgültig entgegen, wie wir ihn entgegennehmen, wenn er schlecht geschrieben ist. Diese Unterscheidung, die haben wir verloren. Wieviele Menschen gibt es heute, die etwa eine Seite bei Herman Grimm unterscheiden können von einer Seite etwa bei Eucken, Köhler oder Simmel? Ich könnte viele anführen!
[ 12 ] It is important to know that what we absorb so quickly and forget just as quickly is, in fact, deeply imprinted precisely in the subconscious part of our soul, and is precisely effective as a force that continues to work through the course of time. It thus continues to exert its influence in what is the general spirit of the age—the Ahrimanic spirit of the age; that is where it takes effect. Consequently, good books written today have far, far less impact than newspaper articles. Precisely that which is carefully absorbed and acts upon the “I”—and is imprinted in the memory from the “I”—has even less effect than what is fleetingly absorbed as a newspaper item. But I ask you not to draw the conclusion from this that you should not read newspapers; rather, accept this as your karma. For, of course, this must not be taken to mean that we should now refrain from reading even a single line of the newspaper. We must view this as a karma of our times; we must be clear that we need to develop precisely that aspect of our nature which is capable of discerning whether any given content contains intellectual struggle or is merely empty rhetoric. This is what one would hope for: that a sense of how intellectual achievement comes about might once again arise. For in this regard, we are in such a poor state today. We have no real sense of the difference between something that is well written and something that is written terribly. We treat the same content with just as much indifference when it is presented to us in well-written form as when it is poorly written. We have lost that distinction. How many people today can distinguish, for example, a page by Herman Grimm from a page by Eucken, Köhler, or Simmel? I could name many!
[ 13 ] Wer kann unterscheiden, daß alle Kultur Mittel- und Westeuropas auf einer Seite Herman Grimms in der Art lebt, wie er die Sätze bildet, wie er einen Satz formt, und daß, wenn wir uns diesem Satzbau hingeben, wir eine Verbindung bekommen mit dem wirklich geistig in der Welt Waltenden, während wir bei dem gewöhnlichen Gelehrten-Geplapper mit gar nichts eine Verbindung kriegen, als mit den Verschrobenheiten der betreffenden Herren oder — heute kann man ja das auch schon sagen — Damen. Ich habe Gelehrte kennengelernt, mit denen ich über Herman Grimm gesprochen habe, die waren wirklich imstande, Herman Grimm zu vergleichen mit Richard M. Meyer oder so einem, weil sie sagten, bei Richard M. Meyer — man sagte immer «M.», er hat das «M.» nie ausgeschrieben, ich weiß nicht, warum er sich geniert hat, und man sagte auch so — finde man klare, entschiedene, streng methodische Forschung; Herman Grimm nannten die Gelehrten nicht einen Arbeiter auf dem Gebiete der Wissenschaft, sondern einen Spaziergänger. Das war überhaupt Sitte, von ihm zu sagen, er sei ein Spaziergänger auf dem Gebiete der Wissenschaft, weil er zu wenig Anmerkungen hatte. Wer hat heute eine Empfindung dafür, daß wirklich bei Herman Grimm im Stil, ganz abgesehen von dem, was drinnen steht, in der Art und Weise, wie dargestellt wird, die ganze europäische Kultur bis zum Ende des 19. Jahrhunderts liegt? Das ist dasjenige, wozu wir es aber bringen müssen: Stilempfindung, wahre Kunstempfindung auch auf diesem Gebiete, denn das ist eine große Schule der Wahrhaftigkeit, während das fuselige Lesen, das nur auf den Inhalt geht, sich nur informieren will, eine Schule der Unwahrhaftigkeit, der Lüge ist. Und in dieser Beziehung, fühlen Sie nur die Gegenwart an, da werden Sie sehen, wie unendlich viel gewirkt werden muß, damit die Menschen wiederum lernen, Stilgefühl, Stilempfindungen zu bekommen. Gewiß, man muß heute die Zeitungen lesen; aber man sollte auch die Empfindung bekommen, daß es einen zwickt und zwackt und man auf die Wände kriechen möchte über den Stil, der sich da allmählich eingebürgert hat, der gar nicht anders sein kann. Dazu muß man kommen, das muß man mitmachen. Aber inwieweit dies verlorengegangen ist, dafür gibt es unzählige Beispiele, und wie wenig man geneigt ist, ich möchte sagen, da bis auf den Grund mit seinem Denken zu gehen, darauf kommen die Menschen heute gar nicht.
[ 13 ] Who can discern that the entire culture of Central and Western Europe is embodied, on the one hand, in Herman Grimm—in the way he constructs sentences, in the way he shapes a sentence—and that, when we immerse ourselves in this sentence structure, we establish a connection with what truly reigns spiritually in the world, whereas with the usual scholarly babble we establish a connection with nothing at all except the eccentricities of the gentlemen—or, as one can certainly say today, the ladies—in question. I have met scholars with whom I spoke about Herman Grimm; they were actually capable of comparing Herman Grimm to Richard M. Meyer or someone like that, because they said that with Richard M. Meyer—people always said “M.”; he never wrote out the “M.” in full— I don’t know why he was embarrassed by it, and people also said—one finds clear, decisive, strictly methodical research; the scholars did not call Herman Grimm a worker in the field of science, but a stroller. It was common practice to say of him that he was a stroller in the field of science, because he had too few footnotes. Who today has a sense that, in Herman Grimm’s style—quite apart from the content itself—the very manner of presentation embodies the entirety of European culture up to the end of the 19th century? That is precisely what we must strive to achieve: a sense of style, a true appreciation of art even in this field, for this is a great school of truthfulness, whereas superficial reading—which focuses solely on content and seeks only to inform—is a school of untruthfulness, of lies. And in this regard, just take a look at the present—you’ll see how much work still needs to be done so that people can once again learn to develop a sense of style and an appreciation for it. Certainly, one must read the newspapers today; but one should also get the feeling that it niggles and gnaws at you, and that you want to climb the walls because of the style that has gradually become established there—a style that simply cannot be any different. One must come to this realization; one must experience it firsthand. But there are countless examples of the extent to which this has been lost, and people today are not at all inclined—I would say—to get to the very bottom of it with their thinking.
[ 14 ] Wirklich nicht, um einzugehen auf irgend etwas, was, ich möchte sagen, auf nationalen Vorurteilen oder Sympathie oder Antipathie beruht — man muß jeden Standpunkt verstehen und sich in jeden Standpunkt hineinfinden können —, aber davon ganz abgesehen möchte ich erwähnen: Da ist vor einigen Monaten ein Buch erschienen, das in Deutschland nicht verbreitet ist, begreiflicherweise. Dieses Buch heißt: «J’accuse, von einem Deutschen», ist in alle Sprachen, auch ins Deutsche übersetzt und in vielen hunderttausenden Exemplaren auf der ganzen Welt verbreitet. Nun wirklich, ich will nicht darüber reden, daß dieses Buch «J’accuse» anklagt, alles schwarz in schwarz malt, was das Verhältnis Deutschlands zum Kriege, das Verhältnis Österreichs zu diesem Kriege betrifft, ich will davon nicht sprechen, jeder mag seinen Standpunkt haben. Darauf kommt es nicht an in diesem Falle, daß alles in der schlimmsten Weise geschildert wird, alle Schuld nur auf die mitteleuropäischen Mächte geschoben wird und alle anderen ganz reingewaschen werden, ja, nicht nur reingewaschen, sondern sogar so hingestellt werden, als ob sie reiner als rein wären. Davon will ich wirklich nicht reden. Die Ansicht kann man haben, mag jeder seine Ansicht haben, darauf kommt es nicht an. Aber dieses Buch hat große Verbreitung gefunden, nicht nur bei Leuten, die sonst durch Zeitungslektüre verdorben sind und nichts anderes lesen, sondern merkwürdigerweise bei als erleuchtet geltenden Geistern. Man konnte das konstatieren.
[ 14 ] I really don’t want to go into anything that, I would say, is based on national prejudices or sympathy or antipathy—one must understand every point of view and be able to put oneself in the shoes of those holding it—but quite apart from that, I would like to mention: A few months ago, a book was published that is not widely available in Germany, understandably so. This book is titled J’accuse, by a German; it has been translated into all languages, including German, and hundreds of thousands of copies have been distributed throughout the world. Now, really, I do not wish to discuss the fact that this book, J’accuse, paints a bleak picture of Germany’s role in the war and Austria’s role in this war; I do not wish to speak of that—everyone is entitled to their own point of view. What matters in this case is not that everything is portrayed in the worst possible light, that all blame is placed solely on the Central European powers, and that all others are completely exonerated—indeed, not only exonerated, but even portrayed as if they were purer than pure. I really do not want to talk about that. One can hold that view—everyone is entitled to their own opinion—but that is not the point. However, this book has found a wide readership, not only among people who are otherwise spoiled by reading newspapers and read nothing else, but, strangely enough, among minds considered enlightened. This has been observed.
[ 15 ] Nun ist dieses Buch die schlimmste Hintertreppen-Literatur, die man sich denken kann, ganz abgesehen von dem Standpunkte. Wer das Buch einfach liest, wie es ist, findet in bezug auf das Formale, in bezug auf die Durchführung des Satzbaues, Hintertreppen-Literatur, also künstlerisch über alle Maßen schandbare Literatur. Also das Künstlerische will ich in Betracht ziehen dabei, ganz von Standpunkten absehen, denn ich kann sehr wohl einen entgegengesetzten Standpunkt oder jeden Standpunkt verstehen. Aber das unendlich Traurige ist, daß man nicht das Gefühl dafür gehabt hat, daß jemand, der so schändlich schlecht schreibt in der Art des Satzbaus und des Denkens, in der Bildung der Gedankenfolge, nicht in Betracht kommt als höchstens für diejenigen Leser, die eben nicht durchs Vorderhaus, sondern durch die Hintertreppen ihre Literatur bekommen. Ich würde das heute nicht sagen, aber es wurde vorgestern die Sache wiederum aufgefrischt durch einen Artikel, der in der «Vossischen Zeitung» hier erschien, in der alten «Tante Voß». Nun, sie hat jetzt ganz ihr altes Tantengepräge aufgegeben, die «Tante Voß», sie ist Jetzt eine heutige Zeitung geworden. Ein Artikel von einem Privatdozenten, Dr. Fr. Oppenheimer, handelt über dieses Buch und eine recht gelungene Gegenschrift, die darüber erschienen ist, «AntiJ’accuse»; aber er beginnt in einer merkwürdigen Weise, dieser Artikel in der «Vossischen Zeitung» von Dr. Fr. Oppenheimer. Er schreibt, er wäre aufmerksam gemacht worden auf dieses Buch von einem Menschen, der den neutralen Landen angehört, den er bisher für einen der allerausgezeichnetsten und vielverkanntesten Schriftsteller der Gegenwart gehalten hat. Dann gibt er seine Eindrücke über dieses Buch selber. Er kommt ja zum Teil darauf, wie schlecht dieses Buch geschrieben ist — und das ist vor allem dasjenige, was hier betont werden soll —, aber ich war doch eigentlich etwas gespannt, ob aus dem einen Gedanken ein anderer nun herausspringen könnte, denn mir schien, daß aus den Gedanken und Empfindungen, die Oppenheimer über das Buch gehabt hat, einigermaßen der andere hätte folgen sollen: Also war ich doch ein wenig nicht ganz bei mir, wenn ich den für einen großen Mann gehalten habe, der mir nachher ein solches Schandbuch als etwas Besonderes anempfiehlt. Aber diese Konsequenz steht nicht da.
[ 15 ] Now, this book is the worst kind of trash literature one can imagine, quite apart from its point of view. Anyone who simply reads the book as it is will find, in terms of form and sentence structure, “back-stairs literature”—that is, literature that is artistically shameful beyond measure. So I want to consider the artistic aspect here, setting aside all points of view, because I can very well understand an opposing point of view or any point of view at all. But what is infinitely sad is that no one seemed to realize that someone who writes so shamefully poorly—in terms of sentence structure, thought processes, and the development of ideas—should be considered, at most, for those readers who obtain their literature not through the front door but via the back stairs. I wouldn’t say that today, but the matter was brought up again the day before yesterday by an article that appeared here in the Vossische Zeitung, the old “Aunt Voß.” Well, “Aunt Voß” has now completely shed its old “aunt-like” character; it has become a modern newspaper. An article by a private lecturer, Dr. Fr. Oppenheimer, discusses this book and a rather successful counter-essay that was published about it, Anti-J’accuse; but this article in the Vossische Zeitung by Dr. Fr. Oppenheimer begins in a peculiar way. He writes that he was made aware of this book by a person from a neutral country, whom he had previously considered one of the most outstanding and most misunderstood writers of our time. Then he gives his own impressions of the book. He does touch on how poorly the book is written—and that is, above all, what should be emphasized here—but I was actually somewhat curious to see if one thought might lead to another, for it seemed to me that, given the thoughts and feelings Oppenheimer had about the book, the other should have followed to some extent: So I was a little taken aback when I considered him a great man who later recommended such a disgraceful book to me as something special. But that consistency isn’t there.
[ 16 ] Nun sage ich das nicht, um den einzelnen Fall zu beurteilen, sondern ich möchte sagen: Typisch ist dieses, wirklich typisch. Die Menschen huschen hinweg über die Tatsachen. Ist denn das nicht geeignet, um sich zu sagen: Was hat mein Urteil bedeutet, wenn ich einen Menschen für einen bedeutenden gehalten habe, der mir nachher ein solches Buch als ein bedeutendes aufmutzen will? Ist das nicht etwas, was notwendigerweise auf den Weg einiger Selbsterkenntnis führen muß? Aber Konsequenzen ziehen aus den Dingen, die uns gerade jetzt so furchtbar vor Augen treten, das scheint in der Tat nicht das Seelenamt vieler Menschen zu sein in der Gegenwart! Man muß den Grundcharakter, die Grundstruktur des Geisteslebens unserer Gegenwart an solchen typischen Beispielen aufsuchen. Man muß wirklich fühlen können, wie die Grundmängel unserer Zeit sich in solchen Dingen aussprechen, und man darf nicht über diese Dinge einfach hinweggehen, als wenn es ein Nichts wäre. Diese Dinge sind ungeheuer bedeutend, denn sie zeigen im Kleinen dasjenige, was ich Ihnen im Großen zeigte an dem Beispiel, daß heute viele glauben, ganz gute Christen zu sein, die noch nicht einmal Türken sind. Erinnern Sie sich nur daran, wie ich Ihnen das durch eine kleine Vorlesung aus dem Koran selber gezeigt habe, wie in der Tat viel mehr über den Jesus, als die modernen Pastoren oftmals glauben und vertreten, von jedem Türken geglaubt wird, der seinen Koran kennt. Da steht es eben nur auf einem anderen Felde, auf dem Felde, wo uns das Große des Daseins vor die Seele tritt. Aber dieselben Fehler, dieselbe, ich möchte sagen, Fehlerstruktur tritt uns eben im alltäglichen Leben in dieser furchtbaren Oberflächlichkeit, die identisch ist mit Unwahrhaftigkeit des alltäglichen Lebens, heute entgegen. Über diese müssen wir hinauskommen, wenn nicht alles Reden über geisteswissenschaftliche Dinge bloß ein Schlag ins Wasser sein soll für die gegenwärtige Zeit. Darauf kommt es an, daß es nicht ein Schlag ins Wasser ist!
[ 16 ] Now, I’m not saying this to judge this particular case, but rather to point out: This is typical—truly typical. People skim over the facts. Isn’t this a good reason to ask oneself: What did my judgment mean if I considered someone significant, only to have that person later try to foist such a book on me as if it were significant? Isn’t this something that must necessarily lead to a certain degree of self-knowledge? But drawing conclusions from the things that are so terribly evident to us right now—that does not seem to be the spiritual task of many people today! One must seek out the fundamental character, the fundamental structure of our present-day spiritual life, in such typical examples. One must truly be able to feel how the fundamental flaws of our time are expressed in such things, and one must not simply gloss over these things as if they were nothing. These things are immensely significant, for they reveal on a small scale what I showed you on a large scale using the example that today many who are not even Turks believe themselves to be quite good Christians. Just remember how I demonstrated this to you myself through a short lecture on the Qur’an—how, in fact, every Turk who knows his Qur’an believes far more about Jesus than modern pastors often believe and teach. It is simply found in a different realm—the realm where the grandeur of existence presents itself to our souls. But the same mistakes—the same, I would say, pattern of error—confront us today in everyday life in the form of this terrible superficiality, which is identical to the insincerity of everyday life. We must move beyond this if all this talk about spiritual science is not to be merely a waste of effort in the present age. What matters is that it not be a waste of effort!
[ 17 ] Wir müssen uns schon damit bekannt machen, daß wir gerade im 19. Jahrhundert und im bisher abgelaufenen 20. Jahrhundert gewissermaßen hineingeklemmt waren in eine geisteswissenschaftliche Entwickelung, die von zwei Seiten her das moderne Denken und Fühlen beeinflußte, so daß man zwei Strömungen hatte, ich möchte sagen, links und rechts, zwischen die man eingeklemmt war. Und da muß man heraus. Ich habe mancherlei Betrachtungen gerade in diesem Winter dazu verwendet, um aufmerksam zu machen, wo die tieferen Grundlagen stecken, die zu dem geführt haben, was heute gedacht, gefühlt wird. Wirklich, man kann ja an den verschiedensten Symptomen zeigen, was heute herrscht, was heute sich entwickelt. Ich habe es Ihnen gezeigt, indem ich Sie hingewiesen habe auf mancherlei okkulte Bewegungen, die sich in Gesellschaften ausleben. Ich habe Sie hingewiesen darauf, wie ein großer Teil des neuzeitlichen Denkens, der Richtung des Denkens, der Gesinnung des Denkens zurückgeht auf den Beginn eben der fünften nachatlantischen Periode, wie da ein Geist tonangebend war, lebte in dem, was Bacon leistete, was Shakespeare leistete, was sogar Jakob Böhme leistete. Das mußte so kommen. Aber wir stehen heute auch auf dem Punkte, daß das überwunden werden muß, was im Beginne der fünften nachatlantischen Periode mit Recht eingeleitet, inauguriert worden ist. Und das gerade wollte ich darstellen in diesem Buche «Vom Menschenrätsel», das jetzt gekommen ist. Ich wollte auf der einen Seite zeigen, in welche geistigen Strömungen hineingeführt hat, namentlich in Mitteleuropa, das, was fünfte nachatlantische Kulturperiode ist, und wie der Weg hinaus, gerade der geisteswissenschaftliche Weg hinaus gesucht werden muß. Es wird sich ja zeigen, ob das, was in diesem Buche geschrieben ist, was wirklich mit Herzblut geschrieben ist, daß manchmal zu einem Satze, der eine Viertelseite einnimmt, zwei Tage verwendet worden sind, um jedes Wort und jede Wendung vertreten zu können, gelesen werden kann, oder wiederum so schlecht gelesen wird, wie vorhergehende Bücher gelesen worden sind.
[ 17 ] We must come to terms with the fact that, particularly in the 19th century and in the 20th century so far, we were, so to speak, caught in the middle of a development in the humanities that influenced modern thinking and feeling from two sides, so that there were two currents—I would say, left and right—between which we were caught. And we must break free from that. I have devoted various reflections to this very topic this winter in order to draw attention to where the deeper foundations lie that have led to what is thought and felt today. Indeed, one can demonstrate through a wide variety of symptoms what prevails today and what is developing today. I have shown this to you by pointing out various occult movements that are playing out in society. I have pointed out to you how a large part of modern thought—the direction of thought, the mindset of thought—traces back to the very beginning of the fifth post-Atlantean period, how a certain spirit set the tone there, living on in the works of Bacon, Shakespeare, and even Jakob Böhme. That was bound to happen. But today we have also reached the point where we must overcome what was rightly introduced and inaugurated at the beginning of the fifth post-Atlantean period. And that is precisely what I wanted to illustrate in this book, The Riddle of Man, which has now been published. On the one hand, I wanted to show the spiritual currents into which the fifth post-Atlantean cultural period has led us—particularly in Central Europe—and how the way out, specifically the spiritual-scientific way out, must be sought. It remains to be seen whether what is written in this book—which was truly written with heart and soul, to the extent that two days were sometimes spent on a single sentence occupying a quarter of a page in order to get every word and every turn of phrase just right—will be read, or whether it will be received as poorly as previous books have been.
[ 18 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, alle diese Betrachtungen, die wir angestellt haben, sie tendieren ja doch dahin, daß gefunden werden müssen in unseren Seelen die Elemente, die Kraftelemente, das Mysterium von Golgatha auf eine neue Weise aufzunehmen. Aber dieses Mysterium von Golgatha, nur derjenige kann es verstehen, der nicht mit den Kräften des physischen Leibes Verständnis sucht, sondern der mit dem verstehen kann, was unabhängig vom physischen Leibe ist. Nun werden Sie sagen: Dann könnte ja das Mysterium von Golgatha, den wirklichen Lebensquell des Christentums, erst derjenige verstehen, der durch eine esoterische Entwickelung zu diesem Verständnis kommt. Nein, so ist die Sache nicht. Bisher war es durchaus möglich, daß der Mensch ohne Geisteswissenschaft diese Freiheit seines Seelischen von dem Leiblichen erlebte, die notwendig war, um das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Immer weniger wurden allerdings diejenigen, die es verstanden haben, und immer zahlreicher wurden diejenigen, die sich gegen das wirkliche Verständnis aufgelehnt haben. Bedenken Sie nur das eine Symptom dafür: In früheren Jahrhunderten haben die Menschen auch die vier Evangelien gelesen. Sie haben daraus die Kraft gesucht, die in den Evangelien liegt, und haben sich dem empfindungsgemäßen, dem seelischen Verstehen des Mysteriums von Golgatha genähert. Dann kamen die Menschen namentlich des 19. Jahrhunderts, die waren natürlich gescheiter als alle früheren und fanden: Diese vier Evangelien widersprechen sich ja! — Wie sollte der Verstand nicht auch sehen, daß sie sich widersprechen? Ungeheurer Fleiß ist angewendet worden, um all die Widersprüche zu finden, und ungeheurer Fleiß ist darauf verwendet worden, um so einen Kern herauszusuchen, worin alle übereinstimmen. Es ist nicht viel dabei herausgekommen, aber es sind darüber sehr viele große Männer geworden im Laufe des 19., des 20. Jahrhunderts. Ja, sollten wirklich die Menschen der früheren Jahrhunderte das nicht auch gesehen haben, daß sich die Evangelien widersprechen? Sollten die wirklich alle so töricht gewesen sein, das gar nicht zu sehen, daß im Matthäus-Evangelium etwas anderes steht als im JohannesEvangelium? Oder sollten vielleicht die Menschen des 19. Jahrhunderts nur nicht darauf gekommen sein, daß die Menschen der früheren Zeit eben ein anderes Verständnis hatten, mit einem ganz anderen Seelenorgan zu verstehen suchten? Entscheiden Sie selbst die Frage nach dem, was Sie aus der Geisteswissenschaft mitbekommen haben!
[ 18 ] You see, my dear friends, all these reflections we have made ultimately point to the fact that we must find within our souls the elements—the elements of power—that will enable us to take in the Mystery of Golgotha in a new way. But this Mystery of Golgotha can be understood only by those who do not seek understanding through the forces of the physical body, but who are able to understand that which is independent of the physical body. Now you will say: Then surely the Mystery of Golgotha—the true source of life for Christianity—could be understood only by those who arrive at this understanding through esoteric development. No, that is not the case. Until now, it was entirely possible for a person, even without spiritual science, to experience that freedom of the soul from the physical body which was necessary to understand the Mystery of Golgotha. However, the number of those who understood it grew ever smaller, while the number of those who rebelled against true understanding grew ever larger. Consider just one symptom of this: In earlier centuries, people also read the four Gospels. They sought the power contained in the Gospels and drew closer to an intuitive, soul-based understanding of the Mystery of Golgotha. Then came the people of the nineteenth century in particular, who were, of course, more clever than all their predecessors and concluded: “These four Gospels contradict one another!” — How could the intellect fail to see that they contradict one another? Enormous effort was expended to find all the contradictions, and enormous effort was expended to extract a core on which they all agree. Not much came of it, but many great men emerged in the course of the 19th and 20th centuries. Yes, surely the people of earlier centuries must have seen this too—that the Gospels contradict one another? Could they really all have been so foolish as not to see that the Gospel of Matthew says something different from the Gospel of John? Or could it be that the people of the 19th century simply failed to realize that people of earlier times had a different understanding—that they sought to comprehend things with an entirely different spiritual faculty? Decide for yourself based on what you have learned from spiritual science!
[ 19 ] Aber die Zeit ist vorüber, in der die Menschen noch Verständnis werden haben können für das Mysterium von Golgatha und für das Christentum, ohne den Weg durch die Geisteswissenschaft zu gehen. Immer geringer und geringer wird die Zahl der Menschen werden, die, ohne durch die Geisteswissenschaft zu gehen, auch das Christentum werden verstehen können. Es wird ein immer mehr und mehr notwendiger Weg werden, um das Mysterium von Golgatha zu verstehen, denn das Mysterium von Golgatha muß man mit dem Ätherleibe verstehen. Alles andere kann man mit dem physischen Leibe verstehen. Aber zu dem Verständnis dessen, was mit dem Ätherleib verstanden werden soll, bereitet uns nur die Geisteswissenschaft vor. Daher wird entweder Geisteswissenschaft Glück haben und durchkommen, oder es wird auch das Christentum nicht weiter bekannt werden können, weil das Mysterium von Golgatha nicht wird verstanden werden können. In dieser Beziehung wird man wirklich noch recht wenig verstanden von denjenigen, die heute glauben, ja ganz auf dem rechten Wege zu sein.
[ 19 ] But the time has passed when people could still understand the Mystery of Golgotha and Christianity without following the path of spiritual science. The number of people who will be able to understand Christianity without passing through spiritual science will become smaller and smaller. It will become an increasingly necessary path to understanding the Mystery of Golgotha, for the Mystery of Golgotha must be understood with the etheric body. Everything else can be understood with the physical body. But only spiritual science prepares us to understand what is to be grasped with the etheric body. Therefore, either spiritual science will succeed and prevail, or Christianity itself will not be able to gain further recognition, because the Mystery of Golgotha will not be understood. In this regard, very little is truly understood even by those who believe today that they are on the right path.
[ 20 ] Ich muß immer wieder und wieder eines erzählen: Ich habe in einer süddeutschen Stadt einmal vor vielen Jahren über die Weisheitsschätze des Christentums vorgetragen. Da waren zwei Geistliche anwesend, die kamen nach dem Vortrage zu mir und sagten: Wir waren eigentlich erstaunt darüber, daß Sie das Christentum so positiv nehmen, daß Sie das alles ganz wie es nach dem Christentum sein soll, zum Ausdrucke bringen; aber so, wie Sie das darstellen, ist es doch nur verständlich für Leute, die eine gewisse Bildung haben. Wie wir das Christentum aber vertreten, ist es für alle Menschen; deshalb ist das, was wir vertreten, das Richtige, — Ich sagte: Wissen Sie, man darf nicht urteilen danach, was einem gefällt, sondern man ist verpflichtet, nur das in sein Urteil aufzunehmen, was der Wirklichkeit entspricht. Einbilden kann sich jeder, daß das richtig ist, was er denkt. Je weniger einer in der Wirklichkeit steht, desto mehr bildet er sich meist ein, daß das Richtig ist, was er meint. Der am allerwenigsten vom Christentum weiß, der bildet sich meistens ein, er weiß das meiste davon. Also es kommt nicht darauf an, daß wir uns einbilden, was das Richtige ist, sondern wir haben wirklichkeitsgemäß zu urteilen. Und da frage ich Sie: Gehen alle Menschen heute noch zu Ihnen in die Kirche hinein? — denn das allein entscheidet. Nicht, was Sie denken über das Christentum, sondern ob Sie für alle Menschen reden, darüber entscheidet das, ob alle zu Ihnen in die Kirche gehen. — Nein, nein, sagten sie, gewiß, leider bleiben so viele draußen! — Nun ja, sagte ich, und ein Teil von denen, die draußen bleiben bei Ihnen, die waren heute bei mir herinnen, für die rede ich; so ist ja alles in Ordnung. Aber diejenigen, die eben nicht zu Ihnen hineingehen, die suchen auch einen Weg zum Mysterium von Golgatha.
[ 20 ] There’s one story I have to tell over and over again: Many years ago, I gave a lecture in a city in southern Germany on the treasures of Christian wisdom. Two clergymen were present; they came up to me after the lecture and said: “We were actually surprised that you take such a positive view of Christianity, that you express all of this exactly as it should be according to Christianity; but the way you present it is only understandable to people who have a certain level of education. But the way we represent Christianity, it is for all people; therefore, what we represent is the right thing”—I said: “You know, one must not judge based on what one likes, but is obligated to include in one’s judgment only what corresponds to reality. Anyone can imagine that what they think is right. The less grounded someone is in reality, the more they usually imagine that what they believe is correct. The person who knows the least about Christianity is usually the one who imagines they know the most about it. So it doesn’t matter what we imagine to be right; rather, we must judge in accordance with reality. And so I ask you: Do all people still go to your church today? — for that alone is what matters. It’s not what you think about Christianity, but whether you speak for all people—that is what determines whether everyone goes to your church. — No, no, they said, certainly, unfortunately so many stay outside! — Well, yes, I said, and some of those who stay outside your church were here with me today; I speak for them—so everything is all right. But those who do not go into your church are also seeking a path to the Mystery of Golgotha.
[ 21 ] Und dieser Weg muß gefunden werden. Wir sind gezwungen, unser Urteil uns diktieren zu lassen von der Wirklichkeit, von dem, was in der Wirklichkeit webt und lebt, und nicht von dem, was wir uns einbilden. Denn selbstverständlich hält jeder seine Methode für die richtige. Aber das Richtige ist nicht das, wovon wir denken, es sei richtig, was wir ausgedacht haben und von dem wir empfunden haben, es sei richtig, sondern dasjenige, was wir der Wirklichkeit ablesen. Dazu müssen wir uns aber gewöhnen, in die Wirklichkeit unterzutauchen, und die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit, die Hingabe an die Wirklichkeit zu haben, die eben notwendig ist, um von der Wirklichkeit heraus sich seine Urteilskraft, seine Empfindung, sein Fühlen diktieren zu lassen. Das haben aber die Menschen heute verlernt. Das müssen sie wieder lernen zum Verstehen des Kleinsten und des Größten, des alltäglichen Lebens und desjenigen, was der ganzen Erdenentwickelung Sinn gibt, zum Verstehen des Mysteriums von Golgatha.
[ 21 ] And this path must be found. We are compelled to let reality—that which weaves and lives within reality—dictate our judgment, and not what we imagine. For, of course, everyone considers their own method to be the correct one. But what is right is not what we think is right—what we have devised and felt to be right—but rather what we discern from reality. To do this, however, we must accustom ourselves to immersing ourselves in reality and have the reverence for reality, the devotion to reality, that is necessary to allow our power of judgment, our perception, and our feelings to be dictated by reality itself. But people today have forgotten how to do this. They must learn this again in order to understand the smallest and the greatest, everyday life and that which gives meaning to the entire development of the Earth, and to understand the Mystery of Golgotha.
