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World Being and I-ness
GA 169

4 July 1916, Berlin

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World Being and I-ness, tr. SOL
  1. Toward Imagination, tr. Seiler
  2. Weltwesen und Ichheit

5. Lebensgleichgewicht

5. Life Balance

[ 1 ] Die heutigen Betrachtungen werden in einem gewissen Zusammenhang stehen mit den mehr in die Breite gehenden Auseinandersetzungen, die wir in der letzten Zeit vielfach gepflogen haben. Es ist ja, wie wir gesehen haben, heute durchaus nicht unnötig, auf dasjenige zu sehen, was aus dem Wirken, Meinen und Glauben unserer Zeit entgegenstrebt und sich entgegenstellt dem, was wir als Geisteswissenschaft erkennen wollen, und von dem wir die Ansicht haben müssen, daß es ein notwendiger Bestandteil werden muß der geistigen Kulturentwickelung der Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft. So ist dasjenige, was vorgebracht worden ist, durchaus nicht ohne Zusammenhang nicht nur mit den Anschauungen unserer Geisteswissenschaft, sondern mit dem ganzen Impuls, mit der Kraft, die in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung liegen soll. Und eben nach dieser Richtung möchte ich heute zunächst einige ergänzende Betrachtungen vorbringen.

[ 1 ] Today’s reflections will be related in a certain way to the more wide-ranging discussions we have frequently engaged in recently. As we have seen, it is by no means unnecessary today to consider what, in the actions, thoughts, and beliefs of our time, strives toward and stands in opposition to what we seek to recognize as spiritual science—and which we must regard as a necessary component of the spiritual cultural development of humanity in the present and the near future. Thus, what has been presented is by no means unrelated not only to the views of our spiritual science but also to the entire impulse, to the force that is to lie at the heart of our spiritual scientific movement. And it is precisely in this direction that I would like to offer a few supplementary reflections today.

[ 2 ] Immer wieder und wiederum muß man ja mahnen, daß gewisse Vorstellungen, Begriffe und Ideen, die innerhalb unserer Geisteswissenschaft Bedeutung haben müssen, nicht zu bloßen Wortvorstellungen werden, daß man namentlich an diesen Vorstellungen der Geisteswissenschaft, die ja in vieler Beziehung ein neues Geistesgut der Menschheit bedeuten, nicht herangehe mit alten Vorstellungen und inneren Seelengewohnheiten. So ist es insbesondere notwendig, daß man an solche Vorstellungen wie das «Ahrimanische», das «Luziferische» nicht herangehe mit all den gewohnten Empfindungen und Vorstellungen, die man einfach hegt, wenn man die betreffenden Worte bildet. Wir brauchen uns ja nur vorzustellen, wie in südlicheren Gegenden eine Dämonen-Vorstellung herrscht, die wir mit unseren Empfindungen treffen, wenn wir den Namen Luzifer aussprechen. Wir sollen aber nicht, wenn wir die geisteswissenschaftliche Vorstellung von Luzifer bekommen, dieselben, ich möchte sagen, durchaus abweisenden Vorstellungen und Empfindungen haben, wie man sie bei den alten Dämonenvorstellungen hatte. Ebensowenig dürfen wir die Vorstellungen, die in der Menschenseele auftauchten, wenn die mittelalterlichen Teufelsvorstellungen erweckt wurden, ohne weiteres auf unser Ahrimanisches anwenden. Wir müssen uns klar sein, daß die Welt, so wie sie vor uns steht, gewissermaßen ein Gleichgewichtszustand ist. Der Waagebalken ruht horizontal nicht dadurch, daß wir ihn einfach als Waagebalken haben, sondern daß links und rechts Gewichte daranhängen, die sich das Gleichgewicht halten. So ist es mit allem, was in unserer Welt ist. Sie ist nicht durch die Ruhe, sie ist nicht durch das Nichts, sie ist durch das Gleichgewicht, welches bewirkt wird dadurch, daß auf der einen Seite die Möglichkeit vorhanden ist, daß nach der luziferischen Seite ein radikales Ablenken von dem Rechten und Guten stattfindet, und dadurch, daß nach der anderen, der ahrimanischen Seite ein Ablenken stattfindet. Wer nun einfach sagt: Ich muß mich hüten vor allem Ahrimanischen oder Luziferischen —, der ist in dem gleichen Falle, wie einer, der sagt: Eine Waage will ich schon haben, aber keine Gewichte auf die beiden Waagschalen legen! Wir wissen ja, daß wir zum Beispiel zu gar keiner Kunst kommen könnten, wenn nicht das Luziferische in der Welt eine Rolle spielte. Wir wissen auf der anderen Seite, daß man zu keiner Anschauung der äußeren Natur kommen könnte, wenn nicht das Ahrimanische eine Rolle spielte. Es handelt sich nur darum, daß im Menschengemüte der Gleichgewichtszustand herbeigeführt wird. Und weil das so ist, kann man dem Ahrimanischen und dem Luziferischen verfallen, gerade wenn man glaubt, alles Ahrimanisch-Luziferische abzuweisen. Gegen die Wirklichkeit läßt sich zwar sündigen, aber die Wirklichkeit läßt sich nicht unterdrücken! So wird jemand, der sich vor dem Ahrimanischen hüten will, sehr leicht dem Luziferischen, jemand, der sich vor dem Luziferischen hüten will, sehr leicht dem Ahrimanischen verfallen. Die Sache ist die, daß wir das Gleichgewicht finden, daß wir vor keinem zurückschrecken, daß wir als Menschen Mut genug haben, sowohl, sagen wir, der ahrimanischen Furcht, wie der luziferischen Hoffnung oder Lust entgegenzutreten. Aber unsere Zeitkultur liebt dieses nicht. Unsere Zeitkultur liebt, ohne daß sie es weiß und selbstverständlich ohne daß sie es will, in gewisser Beziehung das Ahrimanische und das Luziferische. Sie glaubt sich davor zu hüten, verfällt ihm aber erst recht!

[ 2 ] Time and again, we must remind ourselves that certain concepts, terms, and ideas—which must hold significance within our spiritual science—must not become mere verbal constructs; in particular, we must not approach these concepts of spiritual science—which in many respects represent a new spiritual heritage for humanity—with old preconceptions and ingrained mental habits. In particular, it is essential that we not approach concepts such as the “Ahrimanic” and the “Luciferic” with all the familiar feelings and notions that we simply harbor when we form the words in question. We need only imagine how, in more southern regions, a concept of demons prevails—one that we encounter with our own feelings when we utter the name Lucifer. However, when we form the spiritual-scientific concept of Lucifer, we should not have the same—I would say, thoroughly repulsive—ideas and feelings as those associated with the old conceptions of demons. Nor should we automatically apply the ideas that arose in the human soul when medieval conceptions of the devil were evoked to our concept of the Ahrimanic. We must be clear that the world, as it stands before us, is, so to speak, a state of equilibrium. The balance beam remains horizontal not simply because we have it as a balance beam, but because weights hang from it on the left and right, holding each other in balance. So it is with everything in our world. It is not sustained by stillness, it is not sustained by nothingness; it is sustained by the balance brought about by the fact that, on the one hand, there is the possibility of a radical deviation from what is right and good toward the Luciferic side, and, on the other hand, a deviation toward the Ahrimanic side. Anyone who simply says, “I must guard against everything Ahrimanic or Luciferic,” is in the same situation as someone who says, “I want to have a set of scales, but I won’t put any weights on the two pans!” We know, for example, that we could not have any art at all if the Luciferic principle did not play a role in the world. On the other hand, we know that we could not arrive at any perception of external nature if the Ahrimanic did not play a role. The only thing that matters is that a state of balance be brought about in the human soul. And because this is so, one can fall prey to the Ahrimanic and the Luciferic precisely when one believes one is rejecting everything Ahrimanic and Luciferic. One can indeed sin against reality, but reality cannot be suppressed! Thus, someone who wants to guard against the Ahrimanic will very easily fall prey to the Luciferic, and someone who wants to guard against the Luciferic will very easily fall prey to the Ahrimanic. The point is that we must find a balance, that we must not shy away from either, that we as human beings must have enough courage to confront both, let us say, Ahrimanic fear and Luciferic hope or desire. But our contemporary culture does not appreciate this. Our contemporary culture, without realizing it and of course without intending to, favors the Ahrimanic and the Luciferic in a certain sense. It believes it is guarding against them, but in fact falls prey to them all the more!

[ 3 ] So im Allgemeinen, in Abstraktem herumreden führt eigentlich in der Regel zu gar nichts. Wir kommen nur zu etwas, wenn wir solch bedeutsame Lebensfragen ganz konkret anfassen. Und deshalb wähle ich so viele besondere Beispiele, an denen man sehen kann, wie der Mensch das Gleichgewicht im Leben finden kann, die Ausgleichung zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Einheit und Mannigfaltigkeit. Es gibt Philosophen oder Weltanschanungsleute, die sagen, sie streben nach der Einheit. Das ist schön, aber es ist rein luziferisch! Andere streben nach der Mannigfaltigkeit, wollen nichts wissen von einer Einheit. Auch das kann heute Früchte bringen, ist aber ahrimanisch. Nur derjenige, der die Einheit in der Mannigfaltigkeit, und wiederum die Mannigfaltigkeit so sucht, daß sich durch die Mannigfaltigkeit die Einheit offenbart, strebt nach dem Gleichgewichte. Es handelt sich nur darum, daß man die Möglichkeit findet, dies in der Wirklichkeit zu tun. Ich kann immer nur einzelne Versündigungen gegen das Gleichgewicht anführen.

[ 3 ] Talking in general, abstract terms usually leads nowhere. We only make progress when we address such significant questions of life in very concrete terms. And that is why I choose so many specific examples that illustrate how a person can find balance in life—the equilibrium between rest and movement, between unity and diversity. There are philosophers and thinkers who say they strive for unity. That is fine, but it is purely Luciferic! Others strive for diversity and want nothing to do with unity. That, too, can bear fruit today, but it is Ahrimanic. Only those who seek unity within diversity—and, in turn, seek diversity in such a way that unity is revealed through that diversity—are striving for balance. It is simply a matter of finding the possibility to do this in reality. I can only ever cite individual transgressions against this balance.

[ 4 ] Eine solche Versündigung geschieht in unserer Zeit hauptsächlich dadurch, daß man Geschichte in einer ganz bestimmten Weise betrachtet. Wie betrachtet man heute Geschichte? Man studiert, wie die Ereignisse aufeinander folgen, wie die Ereignisse in der Zeit, wie man glaubt, nach Ursache und Wirkung zusammenhängen. Das Nächstfolgende nimmt man, versucht es aus dem unmittelbar Vorhergehenden zu erklären, wobei allerdings zu bemerken ist, daß ja heute das Gedächtnis der Menschen in der Regel sehr kurz ist. Wir können es ja bemerken, daß seit fast zwei Jahren die Menschen so sprechen über die Ereignisse der Geschichte, über die Ereignisse, die zu diesen gegenwärtigen, furchtbar tragischen Konflikten geführt haben, als ob die Welt überhaupt erst ihren Anfang genommen hätte im Juli 1914. Die Menschen vergessen so leicht, was vorher geschehen ist. In zahlreichen Betrachtungen finden wir heute, wie dasjenige, was vorhergegangen ist, einfach vergessen wird. Aber davon noch ganz abgesehen, wenn man Geschichte schon einmal betrachtet, so wird das Folgende an das Vorhergehende angereiht, das Vorhergehende wiederum an das Nächstvorhergehende. Man macht das so, daß man immer, ich möchte sagen, die einzelnen Tatsachen aneinanderreiht, wie die einzelnen Perlen einer Perlenkette. Das nennt man dann Geschichte. Dadurch aber kann man niemals die Wahrheit finden, mindestens kann man nicht eine solche Wahrheit finden, daß sie uns als geschichtliche Wahrheit für das Leben helfen kann. Denn die Ereignisse folgen zwar aufeinander, eines auf das andere, aber das eine Ereignis ist viel wichtiger als das andere. Und zuweilen zeigt sich an einem bestimmten Ereignisse, das in einer bestimmten Zeit stattfindet, viel mehr für das Verständnis des nächstfolgenden, als durch andere Ereignisse. Es handelt sich darum, daß man die richtigen Ereignisse, die richtigen Tatsachen findet. Solch eine Geschichtsbetrachtung nannte ich oftmals vor Ihnen eine symptomatische Geschichtsbetrachtung, im Gegensatz zu der bloß pragmatischen, die man heute vielfach sucht, eine Erkenntnis des inneren, des geistigen Werdeganges aus Symptomen, wobei man an gewissen Stellen Ereignisse findet, die die Ereignisse ihrer Umgebung an Bedeutung überragen.

[ 4 ] In our time, such a fall into sin occurs mainly because history is viewed in a very specific way. How is history viewed today? People study how events follow one another, how events are connected in time—as they believe—through cause and effect. People take the next event and try to explain it based on what immediately preceded it, though it should be noted that people’s memories are generally very short these days. We can indeed observe that for nearly two years now, people have been speaking about historical events—the events that led to these current, terribly tragic conflicts—as if the world had only just begun in July 1914. People forget so easily what happened before. In numerous analyses today, we find that what preceded these events is simply forgotten. But quite apart from that, when one looks at history, what follows is strung together with what came before, and what came before is in turn linked to what came before that. One does this by, I would say, stringing together the individual facts like the individual pearls of a pearl necklace. This is then called history. But in this way one can never find the truth—at least not a truth that can help us as historical truth for our lives. For although events do follow one another, one after the other, one event is far more important than another. And sometimes a particular event that takes place at a specific time reveals far more for understanding the next event than other events do. The point is to identify the right events, the right facts. I have often referred to this approach to history before you as a symptomatic view of history—in contrast to the merely pragmatic approach that is so widely sought today—an understanding of the inner, spiritual development derived from symptoms, in which one finds events at certain points that surpass the events around them in significance.

[ 5 ] Diese Betrachtungsweise ist vorzugsweise eine Goethesche; denn Goethe hat das in seine ganze Betrachtungsweise eingeführt, nicht einfach jedes Ereignis so neben das andere hinzustellen, sondern die Ereignisse nach dem, wie sich das Geistige in ihnen mehr oder minder offenbart, als bedeutsam für den Gang der Menschheitsereignisse hinzunehmen. Es wird einmal eine Geschichtsschreibung kommen über die gegenwärtigen tragischen Konflikte, da wird man ganz bestimmte einzelne Tatsachen der letzten Jahrzehnte erzählen, und man wird aus diesen Tatsachen erkennen, wie sich alles ergeben hat, so daß das Heutige gekommen ist. Heute ist nicht die Zeit, solche Tatsachen zu erzählen, es würde nur mißverstanden werden. Aber man wird Tatsachen erzählen, die heute, wenn sie jemand liest, einfach übergangen werden, aus denen aber, wenn ich so sagen darf, die Wahrheit ausstrahlt. Ich habe das im Laufe der Jahre immer so gemacht: Ich habe Ihnen mannigfaltige Tatsachen erzählt, niemals ohne die Absicht, durch diese Tatsachen über den wahren geistigen Gang der Ereignisse zu sprechen. Nun, über diese Sache mußte ich mehr abstrakt sprechen, denn wollte ich auf einzelne Tatsachen eingehen, welche.klärend wirken können gerade für die Gegenwart, so würde ich wahrscheinlich doch Dinge besprechen müssen, die heute nicht besprochen werden können, weil man sie nicht hören will. Derjenige, der nicht so Geschichte betrachtet, sie nicht symptomatisch betrachtet, der findet nicht das Gleichgewicht zwischen Ahrimanischem und Luziferischem, er verfällt einer ahrimanischen Geschichtsbetrachtung. Daher ist die heutige Geschichtsbetrachtung zum großen Teil ahrimanisch. Es werden die Tatsachen nicht bewertet. Die Leute glauben zwar, die Tatsachen zu bewerten, sie tun es aber nicht. Sie kennen sogar die wichtigsten zumeist nicht, weil sie die wichtigen Tatsachen für das Unbedeutendste halten. Aber das Umsgekehrte findet auch statt, und darüber können wir schon genauer sprechen. Das Umgekehrte ist, wenn der Mensch nun gar nicht auf die Tatsachen Rücksicht nimmt, sondern sich aus seinem Herzen, aus seiner Seele heraus allgemeine Wahrheiten formt, die gelten sollen, die er sozusagen mit sich durch das Leben trägt, und die er überall anbringen will. Da kann er dann in dieser Lebenslage und in der entgegengesetzten Lebenslage sein: Überall wird er dieselbe Wahrheit anbringen. Das ist mehr eine luziferische Ausschreitung. Aber die Menschen lieben sie heute. Sie möchten sozusagen eine Art Essenz der Wahrheit haben, und für diese soll sich ihnen nirgends mehr etwas anderesergeben, die soll sie durch alle, alle Einzelheiten tragen, das ist ihnen angenehm. Aber so geht es nicht, man muß das Gleichgewicht finden.

[ 5 ] This perspective is, if anything, a Goethean one; for Goethe incorporated into his entire way of thinking the principle of not simply presenting each event side by side with the next, but of regarding events as significant for the course of human history according to the extent to which the spiritual reveals itself in them. One day, a history will be written about the current tragic conflicts; it will recount very specific individual facts from the past decades, and from these facts one will recognize how everything unfolded, leading to the situation we face today. Today is not the time to recount such facts; they would only be misunderstood. But people will recount facts that, if read today, are simply overlooked—facts from which, if I may say so, the truth shines forth. I have always done this over the years: I have told you a variety of facts, never without the intention of speaking, through these facts, about the true spiritual course of events. Well, I had to speak more abstractly about this matter, for if I were to go into individual facts that could have a clarifying effect, especially for the present, I would probably have to discuss things that cannot be discussed today because people do not want to hear them. Anyone who does not view history in this way—who does not view it symptomatically—fails to find the balance between the Ahrimanic and the Luciferic; they fall into an Ahrimanic view of history. That is why today’s view of history is largely Ahrimanic. The facts are not evaluated. People may believe they are evaluating the facts, but they are not. In most cases, they are not even aware of the most important ones, because they regard the significant facts as trivial. But the opposite also occurs, and we can speak about that in more detail. The opposite occurs when a person pays no heed to the facts at all, but instead forms general truths from the depths of their heart and soul—truths that are supposed to apply, which they carry with them through life, so to speak, and which they wish to apply everywhere. Whether they find themselves in this situation or its opposite, they will apply the same truth everywhere. This is more of a Luciferic excess. But people love it today. They want, so to speak, a kind of essence of truth, and for this, nothing else should apply anywhere else; it should carry them through all, all the details—that is what pleases them. But it doesn’t work that way; one must find the balance.

[ 6 ] Nun will ich Ihnen begreiflich machen, was ich damit meine auf diesem Gebiete. Sehen Sie, der Mensch kann durch die Welt gehen, kann oben auf einem Gebirge stehen, kann die breite Natur auf sich wirken lassen; nun ja, er schaut sich das an, aber er verbindet das nicht mit dem Geistigen. Wiederum geht er in die Heimstätten der Menschen, wo das Elend sitzt. Er schaut sich das an, er wird auch betroffen davon, er fühlt mit. Aber dasjenige, was er schließlich über die höchsten Dinge denkt, bleibt überall dasselbe, er trägt das durch alle Situationen hindurch. In der Volksweisheit, die allerdings jetzt immer mehr und mehr zurückgeht, findet sich eine deutliche Empfindung, ja auch eine deutliche Arbeit, das Gleichgewicht bei den Seelen zu suchen. So konnte es vorkommen — wie gesagt, Jetzt hört diese Volksweisheit allmählich immer mehr und mehr auf —, daß jemand durch ein Dorf ging zu der Zeit, als es noch Sonnenuhren gab. Jetzt kann es jaSonnenuhren nicht mehr leicht geben, denn die ließen sich ja gar nicht, je nachdem man will, um eine Stunde zurückstellen oder vorstellen! Das geht doch nicht! Also in der Zeit, in der die Sonnenuhren noch eine Bedeutung hatten, konnte jemand durch ein Dorf gehen, sah eine Sonnenuhr, unter der Sonnenuhr fand er Worte geschrieben. Die Worte waren schon so, daß sie Eindruck machten auf ihn. So zum Beispiel ein Spruch unter einer Sonnenuhr:

[ 6 ] Now I want to help you understand what I mean by this in this context. You see, a person can walk through the world, can stand atop a mountain, can let the vastness of nature work its magic on them; well, yes, they look at it, but they don’t connect it to the spiritual. Then again, they go into the dwellings of human beings, where misery reigns. They look at it, they are moved by it, they empathize. But what they ultimately think about the highest things remains the same everywhere; they carry that through all situations. In folk wisdom—which, admittedly, is now fading more and more—there is a clear sense, indeed a clear effort, to seek balance within the soul. So it could happen—as I said, this folk wisdom is now gradually fading more and more—that someone would walk through a village at a time when sundials still existed. Now, of course, sundials are no longer common, because they simply couldn’t be set back or forward by an hour at will! That’s just not possible! So, back in the days when sundials still had significance, someone might walk through a village, see a sundial, and find words written beneath it. The words were such that they made an impression on him. For example, a saying beneath a sundial:

[ 7 ] Ich bin ein Schatten.
Das bist auch du!
Ich rechne mit der Zeit.
Und du?

[ 7 ] I am a shadow.
So are you!
I count on time.
And you?

[ 8 ] Denken Sie sich, welche tiefen Worte unter der Sonnenuhr stehen: «Ich bin ein Schatten. Das bist auch du!» Ein Schatten, der von der Sonne geworfen wird! — «Ich rechne mit der Zeit. Und du?» Wie spricht unter der unmittelbaren Anschauung einer konkreten Wirklichkeit die tiefe Wahrheit, daß das Menschenleben ein Schatten ist desjenigen, was in der Geistigkeit wirkt und webt! Wie anschaulich tritt das dem Menschen, und mächtig sich einprägend ins Herz, da entgegen, wo er, vom Wandern müde, unter eine Uhr tritt und den Schatten sieht, und nun darauf aufmerksam gemacht wird: «Ein Schatten bist auch du. Ich rechne mit der Zeit. Und du?» Denken Sie sich, welch mächtige Frage an den Menschen, an das menschliche Gewissen: Rechnest du mit der Zeit, findest du dich hinein in die Zeit? — Das meine ich damit, wenn ich sage: Gleichgewicht muß gesucht werden. Daß die Menschen nicht einfach gehen und die Tatsachen nebeneinander wirken lassen, eine so gut wie die andere, sondern hingewiesen werden darauf, daß da eine bedeutsame Tatsache ist, die Großes sprechen kann zu dem Menschen, von ewigen Wahrheiten sprechen kann, das ist bedeutsam. Da findet jene Verschwisterung statt zwischen dem, was in der menschlichen Seele lebt und dem, was draußen im Raume ausgebreitet ist. Und nur dadurch finden wir uns wirklich mit der Wahrheit der Welt zusammen, daß wir, indem wir mit der Welt verkehren, immer auf die Wahrheit stoßen, daß wir nicht die Wahrheit einfach von vornherein in uns tragen wollen, an einer Sonnenuhr so vorbeigehend wie an einem Pflug und dergleichen, sondern daß wir, indem wir die Dinge anschauen, zugleich belehrt werden über das Höchste, das Größte, das in der menschlichen Seele aufleuchten kann. Dieses Zusammenleben mit der äußeren Wirklichkeit, mit dem, was im Raume ausgebreitet ist, dieses Im-rechten-Augenblicke-sich-dem-Ewigen-Gegenüberfühlen, das ist noch etwas ganz anderes, als aus einem Buche zu lernen, dieses oder jenes gehöre zu den ewigen Wahrheiten. Wir können noch so oft uns im abstrakten Sinne einprägen, das Menschenleben sei ein Schatten desjenigen, was in den Ewigkeiten mit dem Menschen geschieht, wir können uns noch so viele schöne, ethische Wahrheiten einprägen über den Gebrauch der Zeit: So tief werden sie nicht sitzen, wie wenn wir das rechte Verhältnis finden zwischen uns und der äußeren Wirklichkeit. Dann wird uns an der einzelnen konkreten Tatsache ein Bedeutsames entgegentreten. Das heißt das Gleichgewicht finden im Leben, das uns nicht werden kann, wenn wir uns an die Außenwelt verlieren, und uns nicht werden kann, wenn wir uns nur in unser Inneres vertiefen. Mystik ist einseitig, ist luziferisch; Naturwissenschaft ist einseitig, ist ahrimanisch. Aber Mystik, entwickelt am Äußeren, an der äußeren Naturbetrachtung, Naturbeobachtung vertieft zur Mystik: Das ist das Gleichgewicht! Oder ein anderes Beispiel. Denken Sie sich einmal einen Menschen, der in einer schönen Alpengegend wandert und, sagen wir, an einem Morgen den Gesang der Vögel, die Schönheit der Wälder, vielleicht auch die wunderbare jungfräuliche Reinheit des Wassers, das in Bächen hinunterrieselt, beobachtet. Und er wandert weiter, wandert vielleicht schon eine Stunde, einundeinhalb Stunden, und kommt dann an ein einfaches Holzkreuz mit dem Crucifixus, mit dem Christus daran. Er ist vielleicht innerlich froh, alle frohen Kräfte seiner Seele sind aufgerüttelt, er hat Schönes, Großes, Herrliches, Erhabenes gesehen. Er ist auch abgemüdet. Nun tritt er an einer bestimmten Stelle, wo um ihn die wunderbar erhabene und anmutige Natur ist, vor ein einfaches Holzkreuz mit dem Christus darauf, und auf diesem stehen die Worte:

[ 8 ] Just imagine the profound words inscribed beneath the sundial: “I am a shadow. So are you!” A shadow cast by the sun! — “I keep track of time. And you?” How, in the immediate presence of a concrete reality, does the profound truth speak that human life is a shadow of that which works and weaves in the spiritual realm! How vividly this appears to a person—and how powerfully it imprints itself on the heart—when, weary from walking, they step beneath a sundial, see the shadow, and are now made aware: “You, too, are a shadow. I keep track of time. And you?” Imagine what a powerful question this is for humanity, for the human conscience: Do you keep track of time? Do you find your place within time? — That is what I mean when I say: Balance must be sought. It is significant that people do not simply go about their business and let facts coexist side by side, one as good as the other, but are made aware that there is a significant fact that can speak volumes to the human being, that can speak of eternal truths. There, that kinship takes place between what lives in the human soul and what is spread out in the world around us. And it is only in this way that we truly come together with the truth of the world—that, as we interact with the world, we always encounter the truth; that we do not simply want to carry the truth within us from the outset, passing by a sundial just as we would a plow and the like, but rather that, as we look at things, are simultaneously instructed about the highest and greatest things that can shine forth in the human soul. This coexistence with external reality, with what is spread out in space—this feeling, at the right moment, of being face to face with the eternal—is something entirely different from learning from a book that this or that belongs to the eternal truths. No matter how often we try to impress upon ourselves, in an abstract sense, that human life is a shadow of what happens to a person in eternity, no matter how many beautiful, ethical truths we commit to memory about the use of time: they will not take root as deeply as when we find the right relationship between ourselves and external reality. Then something significant will reveal itself to us in each individual, concrete fact. This means finding a balance in life—a balance that cannot be achieved if we lose ourselves in the external world, nor if we immerse ourselves solely in our inner world. Mysticism is one-sided, it is Luciferic; natural science is one-sided, it is Ahrimanic. But mysticism developed through the external—through the contemplation of external nature—and the observation of nature deepened into mysticism: that is the balance! Or take another example. Imagine a person hiking in a beautiful Alpine region who, let’s say, one morning observes the song of the birds, the beauty of the forests, and perhaps also the wonderful, pristine purity of the water trickling down in streams. And he continues hiking—perhaps for an hour, an hour and a half—and then comes upon a simple wooden cross bearing the Crucifixus, with Christ on it. He may feel joy within; all the joyful forces of his soul have been stirred; he has seen beauty, grandeur, splendor, and the sublime. He is also weary. Now, at a certain spot, surrounded by wonderfully sublime and graceful nature, he stands before a simple wooden cross bearing the figure of Christ, and on it are inscribed the words:

Halte still, du Wandersmann,
Und sieh dir meine Wunden an.
Die Wunden stehn.
Die Stunden gehn.
Nimm dich in acht und hüte dich,
Was ich am Jüngsten Tage über dich
Für ein Urteil sprich!

Stand still, you wayfarer,
And look at my wounds.
The wounds remain.
The hours pass.
Take heed and beware,
Of the judgment I shall pass upon you
On the Last Day!

[ 9 ] Das Erlebnis, das man diesen Worten gegenüber haben kann, kann größer, in unser Herz einschneidender sein als das Erlebnis, das man gegenüber dem bekannten Michelangeloschen Bilde des Christus in der Sixtinischen Kapelle haben kann. Kein Mensch weiß, wer die Worte gedichtet hat, die ich eben gesprochen habe. Jeder aber, der etwas versteht von Dichtung, weiß, daß derjenige, der die Worte geprägt hat: «Die Wunden stehn. Die Stunden gehn» zu den größten Dichtern gehört, die es überhaupt geben kann. Aber diese Empfindung muß man erst haben. Man muß erst wissen, daß wahre Dichtung diejenige ist, die an der rechten Stelle aus der menschlichen Seele herausquillt. Nicht jedes Wortgereimsel, nicht alles dasjenige, was als Dichtung existiert, ist wirkliche Dichtung. Aber es ist wirkliche Dichtung, wenn aus den ewigen Wahrheiten des Christentums herausquillt:

[ 9 ] The experience one can have with these words can be greater, more deeply moving to our hearts, than the experience one can have with Michelangelo’s famous image of Christ in the Sistine Chapel. No one knows who wrote the words I just quoted. But anyone who understands poetry knows that the person who coined the words, “The wounds remain. The hours pass,” is among the greatest poets who could ever exist. But one must first have this feeling. One must first realize that true poetry is that which wells up from the human soul at the right moment. Not every jumble of words, not everything that exists as poetry, is true poetry. But it is true poetry when it springs from the eternal truths of Christianity:

Halte still, du Wandersmann,
Und sieh dir meine Wunden an.
Die Wunden stehn.
Die Stunden gehn.
Nimm dich in acht und hüte dich,
Was ich am Jüngsten Tage über dich
Für ein Urteil sprich!

Stand still, you wayfarer,
And look at my wounds.
The wounds remain.
The hours pass.
Take heed and beware,
Of the judgment I shall pass upon you
On the Last Day!

[ 10 ] Einfache Worte, Worte höchster, größter Dichtung! Und so aufmerksam gemacht werden auf ein Größtes in der Erdenentwikkelung in der erhabenen Natur, in dem anmutig Schönen, das heißt mit der Seele zusammen die Wirklichkeit im Raume erleben. Es ist nur ein Beispiel, noch einschneidender als dasjenige mit der Sonnenuhr. Darauf kommt es an, wo und wann dies oder jenes uns entgegentritt, und daß wir dieses im Leben entwickeln können: nicht an der Wirklichkeit vorbeizugehen, sondern auch an dem, was nicht der Mensch gemacht hat, was gewissermaßen von den ewigen Mächten selber gesetzt ist, dieses Zusammenwachsen der Menschenseele mit der Wirklichkeit zu erleben und das Gleichgewicht zu erhalten. Nicht eher können wir zu der Anschauung der geistigen Welt kommen, als bis wir so streben: nicht einseitig nach Mystik, nicht einseitig nach Naturbeobachtung, sondern nach der Verbindung zwischen der Mystik und Naturbeobachtung.

[ 10 ] Simple words, words of the highest, greatest poetry! And thus our attention is drawn to something of the greatest significance in the Earth’s development—in sublime nature, in graceful beauty—that is, experiencing reality in space together with the soul. It is just one example, even more striking than the one with the sundial. What matters is where and when this or that presents itself to us, and that we can develop this in life: not to pass reality by, but also—in what is not man-made, what is, so to speak, established by the eternal powers themselves—to experience this growing together of the human soul with reality and to maintain balance. We cannot arrive at a perception of the spiritual world until we strive in this way: not one-sidedly toward mysticism, not one-sidedly toward the observation of nature, but toward the connection between mysticism and the observation of nature.

[ 11 ] Solches muß schon heute gesagt werden, denn es gehört zu demjenigen, für das die gegenwärtige Menschheit am wenigsten eine wirkliche Empfindung hat, und das in der gegenwärtigen Menschheit am wenigsten Erlebnis werden kann. Deshalb ist der gegenwärtigen Menschheit Geisteswissenschaft so schwer verständlich, weil dasjenige, was in der Geisteswissenschaft geboten wird, ausgelöscht wird sowohl durch das einseitige Streben nach einer Einsicht, die man durch alle Dinge trägt, wie auch durch das Hinnehmen der Außenwelt, ohne daß man nach symptomatischer Ausprägung und Offenbarung des Geistigen in dem einen oder anderen Ereignisse mehr oder weniger sieht. Dafür hat die heutige Menschheit das allerwenigste Verständnis. Hätte sie es, so würde Ja in unserer Zeit wirklich viel weniger gereimt werden und, wenn ich gleich das sagen darf, viel weniger definiert werden. Denn die Menschen kommen durch Definitionen nur zur Überschätzung der Worte, und durch Reimereien kommen sie nur dazu, die Worte zu mißbrauchen. Ein Gedicht wie dasjenige, das an diesem einfachen Kreuze steht — man weiß nicht, wer der Dichter ist, aber es ist sicher entstanden in einer Zeit, in der im Volksgemüte tiefe dichterische Empfänglichkeit bei dem einen oder bei dem anderen war und wirkliches Gleichgewicht in der Seele. Ach, unsere Zeit ist ja so abgestumpft gegen dasjenige, was wirkliche Dichtung ist, dadurch, daß wir eben viel zu viel Dichtung haben; und Dichtung bringt immer Dichtung hervor, wie das ungesunde Leben den Krebs hervorbringt, das Karzinom. Denn es ist ja eine ganz gleiche Erscheinung auf geistigem Gebiete, wenn jeder heute angeregt wird zu dichten aus dem, was eben in der Dichtung existiert, wie wenn der Lebensprozeß zur Karzinombildung angeregt wird. Wir haben ja in dieser Beziehung gerade am Ende des 19. Jahrhunderts die kostbarsten Früchte der Reimkunst erlebt. Sie wissen Ja vielleicht, daß einer der bissigsten Berliner Kritiker sich sogar Alfred Kerr hat heißen müssen, weil er in Wirklichkeit Alfred Kempner heißt, aber Kempner konnte man sich nicht nennen am Ende des 19. Jahrhunderts, denn das erinnerte an die Friederike Kempner. Ja, die hat auch Verse gemacht! Wir brauchen uns ja nur zu erinnern an den schönen Vers — ich möchte Ihnen nicht viele solche Verse vorsagen, nur den einen:

[ 11 ] This must be said today, for it pertains to that which present-day humanity has the least genuine sense of, and which is least likely to become a lived experience for present-day humanity. That is why spiritual science is so difficult for present-day humanity to understand: what spiritual science offers is overshadowed both by the one-sided pursuit of an insight that applies to all things and by the acceptance of the external world without paying much attention to the symptomatic manifestations and revelations of the spiritual in one event or another. Modern humanity has the very least understanding of this. If it did, there would indeed be far fewer rhymes in our time and, if I may say so, far fewer definitions. For through definitions, people only come to overestimate words, and through rhyming, they only end up misusing them. A poem like the one inscribed on this simple cross—we do not know who the poet is, but it was surely written at a time when there was a deep poetic receptivity in the hearts of the people, in one person or another, and a true balance in the soul. Alas, our age has become so desensitized to what true poetry is, precisely because we have far too much poetry; and poetry always begets poetry, just as an unhealthy lifestyle begets cancer, the carcinoma. For it is, after all, an identical phenomenon in the intellectual realm when everyone today is inspired to write poetry based on what already exists in poetry, just as the life process is stimulated to form a carcinoma. In this regard, we experienced the most precious fruits of the art of verse precisely at the end of the 19th century. You may know that one of Berlin’s most scathing critics even had to call himself Alfred Kerr, because his real name is Alfred Kempner—but one could not call oneself Kempner at the end of the 19th century, for that brought to mind Friederike Kempner. Yes, she wrote poetry, too! We need only recall that beautiful verse—I don’t want to recite many such verses to you, just this one:

Amerika, du Land der Träume!
Du Wunderwelt, so lang und breit!
Wie schön sind deine Cocosbäume
Und deine rege Einsamkeit!

America, land of dreams!
You wondrous world, so vast and wide!
How beautiful are your coconut trees
And your lively solitude!

[ 12 ] Hier ist es nur sehr auffällig, aber viele Dichtungen, bei denen man es weniger stark merkt in der Gegenwart, sind genauso, und viele Begriffe, die gebildet werden, sind ganz genauso, wie die «rege Einsamkeit» der Friederike Kempner; denn man hat oft kein Gefühl dafür, wie sehr das Eigenschaftswort dem Hauptwort widerspricht, wenn man heute redet oder schreibt. Es müssen diese Dinge schon ins Auge gefaßt werden, es geht nicht anders heute. Denn heute redet mancher so, daß er das Wort nicht nur wie eine Gebärde auffaßt, denn das ist ja das Wort nur. Sie wissen, ich habe hingewiesen darauf, wie tolpatschig solch eine Theorie ist wie die von Fritz Mauthner, der allerdings alle Philosophie und alle Weltanschauung zurückführen will auf bloße Wortbedeutungen, und dann sowohl drei dicke Bände geschrieben hat wie auch ein ganzes Lexikon, zwei dicke Lexikonbände, in denen alphabetisch aufgereiht sind alle philosophischen Worte, aber kein einziger philosophischer Begriff. Da ist vollständig außer acht gelassen, daß das Wort sich zum Begriff wirklich so verhält wie eine Gebärde. Bei der Weltanschauung vergißt man das fortwährend. In der gemeinen Wirklichkeit, da kann man es nicht vergessen, denn man wird nicht leicht einen Tisch mit dem Worte Tisch verwechseln, und man wird nicht leicht denken, man müsse aus dem Worte Tisch heraus den Tisch kennenlernen. Aber bei der Philosophie, bei der Weltanschauung, tut man das fortwährend. Ich habe Ihnen gesagt, Fritz Mauthner sollte nur einmal kennenlernen, was man in Österreich einen «böhmischen Hofrat» nennt; dann würde er in sein Wörterbuch «böhmisch» einsetzen und alles mögliche folgern, und dann «Hofrat» und würde wieder alles mögliche folgern. Nun ist aber ein «böhmischer Hofrat» weder ein Böhme, noch ein Hofrat, sondern er kann ein steirischer Kanzleidiener sein. Es ist alles ein «böhmischer Hofrat» in Österreich, was so mit gewissen Schuhen, die nicht stärker auftreten wie die Pantoffeln, und mit Händen, die so den Nebenbuhler, aber ohne daß er es merkt, beiseite schieben, sich vorwärts bringt. Das nennt man einen «böhmischen Hofrat». Er braucht, wie gesagt, durchaus kein Böhme und kein Hofrat zu sein. Man kann aus dem Wort durchaus nichts gewinnen, es ist nur eine Gebärde. Die Gebärde tritt hier nur radikaler hervor, aber es ist so mit allen unseren Worten. Wir müssen uns klar sein, die Worte sind Gebärden: Der Kehlkopf macht die Gebärde, und die Gebärde wird hörbar durch die Luft, geradeso, wie die Hand eine Gebärde macht, oder mein Arm eine Gebärde macht, die nur nicht hörbar wird, weil sie zu langsam ist. Der Kehlkopf macht die Gebärde so rasch, daß sie hörbar wird. Der ganze Unterschied liegt nur in der Schnelligkeit des Kehlkopfes. Und ebensowenig, wie man recht tut, wenn einer auf den Tisch zeigt, seine Armbewegung zu beschreiben statt des Tisches, den er meint, ebensowenig tut man recht, wenn man das Wort benutzt, um irgend etwas für den Begriff, für die Sache, auch auf geistigem Gebiete zu erhalten. Diese Fehler werden aber heute immer gemacht. Die Leute legen sich ganz in die Worte. Sehen Sie, ich habe mir, als ich ein junger Mann war — nein, noch nicht ein junger Mann, ein Knabe, als ich in Wiener-Neustadt in Nieder-Österreich auf der Schule war —, einen Spruch gut gemerkt, der mich davor bewahrt hat, auf Definitionen, auf Worterklärungen überhaupt in der Welt besonders viel zu geben. Dieser Spruch stand auf einem Hause so als Hausspruch angeschrieben, und lautete:

[ 12 ] It’s just very noticeable here, but many works of poetry—where it’s less apparent in the present—are exactly the same, and many terms that are coined are just like Friederike Kempner’s “lively solitude”; for people often have no sense of how much the adjective contradicts the noun when they speak or write today. These things must be taken into account; there is no other way today. For today, some people speak in such a way that they do not merely regard the word as a gesture—for that is all the word is. You know, I have pointed out how clumsy a theory such as Fritz Mauthner’s is—he who, admittedly, wants to reduce all philosophy and every worldview to mere word meanings, and who has written not only three thick volumes but also an entire lexicon, two thick lexicon volumes, in which all philosophical words are listed alphabetically, but not a single philosophical concept. This completely disregards the fact that the word really does relate to the concept just as a gesture does. In worldviews, this is constantly forgotten. In everyday reality, one cannot forget it, for one does not easily confuse a table with the word “table,” and one does not easily think that one must come to know the table from the word “table.” But in philosophy, in worldviews, people do this constantly. I have told you that Fritz Mauthner should just once learn what is called a “Bohemian court councilor” in Austria; then he would look up “Bohemian” in his dictionary and draw all sorts of conclusions, and then “court councilor” and again draw all sorts of conclusions. Now, however, a “Bohemian court councilor” is neither a Bohemian nor a court councilor; rather, he might be a Styrian clerk. In Austria, anyone who advances by wearing certain shoes—no sturdier than slippers—and using his hands to push his rival aside without the latter noticing is a “Bohemian court councilor.” That is what is called a “Bohemian court councilor.” As I said, he need not be a Bohemian or a court councilor at all. One can derive absolutely nothing from the word itself; it is merely a gesture. The gesture is simply more pronounced here, but this is true of all our words. We must be clear on this: words are gestures. The larynx makes the gesture, and the gesture becomes audible through the air, just as the hand makes a gesture, or my arm makes a gesture—which simply isn’t audible because it’s too slow. The larynx makes the gesture so quickly that it becomes audible. The entire difference lies solely in the speed of the larynx. And just as it is wrong to describe someone’s arm movement instead of the table they are pointing at, so too is it wrong to use a word to represent a concept or a thing—even in the realm of the mind. Yet these mistakes are made all the time today. People get completely caught up in words. You see, when I was a young man—no, not yet a young man, but a boy, when I was in school in Wiener-Neustadt in Lower Austria—I took to heart a saying that has kept me from placing too much importance on definitions or explanations of words in general. This saying was written on a house as a motto, and it read:

Ich, Hans Prasser,
Trink lieber Wein als Wasser.
Tränk ich lieber Wasser als Wein,
Würd’ ich kein Prasser sein!

I, Hans Prasser,
I’d rather drink wine than water.
If I’d rather drink water than wine,
I wouldn’t be Prasser!

[ 13 ] So ungefähr sind die heutigen Worterklärungen vielfach. Das heißt, man macht zuerst eine Worterklärung, und dann richtet man die Erklärung so ein, daß sie stimmen muß; denn wenn sie nicht stimmte, dann wär’ es eben nicht so, wie es ist. Wenn Sie sich das merken: «Ich, Hans Prasser, trink lieber Wein als Wasser. Tränk ich lieber Wasser als Wein, würd’ ich doch kein Prasser sein’», werden Sie behütet sein vor sehr vielem, was heute auftaucht im sogenannten geistigen Leben, in breitester Wirklichkeit. Viel, viel taucht auf in unserer Zeit. Aber alle diese Dinge sind geeignet, immer mehr und mehr die Welt abzubringen von dem Hinblick auf das Geistige, von dem Bewußtsein, daß Geist wallt und webt in dem Wirklichen, in demjenigen, was uns umgibt. Immer mehr und mehr kommen wir, kommt die Welt ganz ab von einem Zusammenhang mit dem Geistigen. Denn dadurch, daß man von einem Geistigen spricht, ist ja das Geistige noch nicht gegeben. Wenn ein Mensch eine Gebärde macht, die auf eine Wirklichkeit deutet, und ein anderer dann in einem ganz anderen Raum ihm diese Gebärde nachmacht, so bedeutet ja diese nicht dasselbe für die Wirklichkeit. Aber wohin kommt die Welt, wenn sie alles Zusammensein mit dem Geistigen verliert, wenn sie dies alles abstreift? Es ist merkwürdig, wie wenig man bemerkt, wie man allmählich den Zusammenhang mit der geistigen Welt verliert. Weltanschauungen sind ein Bedürfnis der Menschheit, und ohne Weltanschauung will ein Mensch ja doch nicht sein. Die neuere Zeit jedoch ist vielfach ohne Geistigkeit, ohne einen Glauben, ohne eine Hinneigung zur Geistigkeit. Aber nicht alle, die ohne Hinneigung zur Geistigkeit sind, können Weltanschauungen entbehren. Ach, dann kommen merkwürdige Rechtfertigungen der Weltanschauung heraus!

[ 13 ] That’s pretty much how many of today’s explanations of words go. In other words, you first come up with an explanation for a word, and then you adjust the explanation so that it has to be correct; because if it weren’t correct, then things simply wouldn’t be the way they are. If you keep this in mind: “I, Hans Prasser, prefer to drink wine rather than water. If I preferred water to wine, I wouldn’t be a Prasser after all,” you will be protected from much of what appears today in so-called spiritual life, in the broadest sense of reality. Much, much is emerging in our time. But all these things are capable of increasingly diverting the world from its focus on the spiritual, from the awareness that spirit surges and weaves through reality, through that which surrounds us. More and more, we—and the world as a whole—are losing our connection to the spiritual. For merely speaking of the spiritual does not in itself make the spiritual a reality. If one person makes a gesture that points to a reality, and another person then mimics that gesture in a completely different space, that gesture does not signify the same thing in relation to reality. But where is the world headed when it loses all connection with the spiritual, when it casts all of this aside? It is remarkable how little people notice how they are gradually losing their connection with the spiritual world. Worldviews are a necessity for humanity, and after all, no one wants to be without a worldview. Modern times, however, are often devoid of spirituality, of faith, and of any inclination toward the spiritual. But not everyone who lacks an inclination toward the spiritual can do without a worldview. Oh, what strange justifications for worldviews then emerge!

[ 14 ] So mußte ich in den letzten Wochen eines Mannes gedenken, mit dem ich um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, 1898, 1899, 1900, 1901 öfter zusammen war, der dazumal gestrebt hat nach einer Weltanschauung, aber nicht zu einer Weltanschauung kommen konnte. Er versuchte, sie im Haeckelismus zu finden, scheint aber dann doch nicht befriedigt worden zu sein. Ich habe ihn ganz aus dem Auge verloren. Und jetzt sehe ich, daß derselbe Mann, der gründlich naturwissenschaftlich gebildet ist, zwar nach Weltanschauung strebt, aber sich die merkwürdigsten Vorstellungen macht über die Gründe, warum der Mensch eigentlich zu einer Weltanschauung kommt, und unter Weltanschauung versteht er auch die Religion. Wenn jemand ganz eingelebt ist in das nur äußerliche, materielle Auffassen der Tatsachen, in die ahrimanische Wirklichkeit, so kann er ja vor sich selber nicht rechtfertigen, daß er die Tatsachen zu einer Weltanschauung zusammenfaßt. Wenn er aber nun doch eine Weltanschauung sucht, man möchte sagen, was soll er nun mit sich selber machen, um dieses Suchen nach einer Weltanschauung zu rechtfertigen? Nun sieht man gerade an diesem Beispiel, auf welche Abwege die Menschen in der Gegenwart kommen. Es sind ja alles redlich strebsame Menschen. Dieser Mann sagt sich nun: Nach dem, was die Naturwissenschaft gibt, was überhaupt eine Wissenschaft gibt, was so einfach die «Wahrheit» ist, auf dem Wege kann man ja nicht zu einer Weltanschauung kommen. Wie kommt man also zu einer Weltanschauung? Die Sinne geben die Weltanschauung nicht; der Verstand, der an die Sinne gebunden sein muß, gibt die Weltanschauung nicht; was gibt die Weltanschauung? — Und da kam denn der betreffende Mann darauf, so recht im Sinne unserer Zeit den Ursprung der Weltanschauung zu suchen, nämlich in der Psycho-Sexualität! Wodurch kommt der Mensch zu einer Weltanschauung? Dadurch, daß er ein sexuelles Wesen ist! Wäre der Mensch kein sexuelles Wesen, so würde er nicht die Ereignisse zusammenfassen, sondern er würde nur die Tatsachen auffassen. Einen charakteristischen Ausspruch dieses Mannes möchte ich Ihnen doch vorlesen. Er sagt:

[ 14 ] So, in recent weeks, I have found myself thinking of a man with whom I spent a great deal of time around the turn of the 19th and 20th centuries—in 1898 and 1899— 1900, and 1901, who at that time was striving for a worldview but was unable to arrive at one. He tried to find it in Haeckelism, but it seems he was ultimately not satisfied. I had completely lost touch with him. And now I see that this same man, who is thoroughly educated in the natural sciences, does indeed strive for a worldview, but has the most peculiar ideas about the reasons why human beings actually arrive at a worldview—and by “worldview” he also means religion. If someone is completely immersed in the purely external, material perception of facts—in Ahrimanic reality—then he cannot really justify to himself the act of synthesizing those facts into a worldview. But if he is nevertheless seeking a worldview, one might ask: what is he to do with himself in order to justify this search for a worldview? Now, this very example shows the wrong turns people are taking today. They are, after all, all sincere, striving individuals. This man now says to himself: Based on what natural science provides, on what science in general provides—on what is so simply called “truth”—one cannot arrive at a worldview by that path. How, then, does one arrive at a worldview? The senses do not provide a worldview; the intellect, which must be bound to the senses, does not provide a worldview; what, then, provides a worldview? — And so this man came to the conclusion, quite in keeping with the spirit of our time, to seek the origin of the worldview in psycho-sexuality! How does a person arrive at a worldview? By virtue of being a sexual being! If a person were not a sexual being, he would not synthesize events, but would merely perceive the facts. I would like to read you a characteristic statement by this man. He says:

[ 15 ] «In der Psycho-Sexualität liegen also, wie man bei dem Verfolg des Schopenhauerschen Gedankens sagen kann» — er glaubt das aus der Schopenhauerschen Weltanschauung zu gewinnen —, «überindividuelle Richtungen und Strebungen, mit denen im letzten Grund das metaphysische Bedürfnis des Menschen in Zusammenhang gebracht werden muß, wie es sich in der Schöpfung religiöser Gefühle und Vorstellungen, in der Bildung und Ausprägung zusammenfassender Weltanschauungen ausspricht.» — Also zusammenfassende Weltanschauungen, religiöse Vorstellungen sind ein Ergebnis der Psycho-Sexualität! — «Doch dem Gegensatz der Polarität entsprechend, finden wir in der Psycho-Sexualität auch eine Kraft, welche in die Tiefen und in die Niederungen den Menschen herabzieht. Aus der Psycho-Sexualität entquellen auch die verbrecherischen Triebe.»

[ 15 ] “Psychosexuality, then, as one might say when following Schopenhauer’s line of thought” —he believes he derives this from Schopenhauer’s worldview—, “supraindividual tendencies and aspirations with which, in the final analysis, man’s metaphysical need must be associated, as it is expressed in the creation of religious feelings and ideas, and in the formation and development of comprehensive worldviews.” — So comprehensive worldviews and religious ideas are a result of psychosexuality! — “Yet, in accordance with the principle of polarity, we also find in psychosexuality a force that drags human beings down into the depths and the abyss. Criminal impulses also spring from psychosexuality.”

[ 16 ] Also zwei Pole in der Menschennatur, die aus der PsychoSexualität kommen. Der eine Pol: Religiöse Gefühle, Weltanschauungsgedanken; der andere Pol: Verbrecherische Triebe. Ist es nicht — ich sage nicht: traurig, ich sage —: Ist es nicht tragisch, wozu unsere Zeit führt?

[ 16 ] So there are two poles in human nature that stem from psychosexuality. One pole: religious feelings, ideological thoughts; the other pole: criminal impulses. Isn’t it—I won’t say “sad,” I’ll say—“Isn’t it tragic where our times are leading us?”

[ 17 ] Diese Anschauungen sind nicht leicht zu nehmen. Wer so etwas beobachtete, der sah, mit welcher ungeheuren Geschwindigkeit diese Anschauungen sich ausbreiteten. In meiner Jugend gab es noch keine Psychoanalyse, keine Freudsche Theorie, und wer sie dazumal begründet haben würde, hätte als ein Irrsinniger gegolten. Heute gibt es nicht nur eine Freudsche Theorie mit Zeitschriften, mit Vertretung in allen Ländern, heute hat es psychoanalytische Anstalten überall, in denen der psychoanalytische Unfug getrieben wird. Heute werden die wichtigsten, und wie Sie sehen, jetzt auch schon die heiligsten Erlebnisse der Menschenseele auf Psycho-Sexualität zurückgeführt! Weit, weit ab kommt die Menschheit von jenen Bahnen, in denen sie schon war, in die sie wieder geleitet werden muß durch Geisteswissenschaft. Denn dasjenige, um was es sich handelt, ist Ja nicht so, daß man sagen kann, man kann solche Dinge furchtbar leicht widerlegen. Unendlich leicht widerlegen lassen sich die Sachen nicht, weil es auf die ganze Richtung der Seele ankommt, auf die ganze Form und Auffassung der Seele kommt es an, wenn man über diese Dinge sprechen will. Als innerhalb unserer eigenen Gesellschaft ein Büchelchen auftrat, das außerdem noch recht dilettantisch geschrieben war, über Psycho-Sexualität, da hatten wir einen großen Kampf auszukämpfen, der noch nicht einmal zu Ende ist. Man konnte gar nicht verstanden werden, warum man ein solches Büchelchen für etwas Unzukömmliches hält. Ich sagte dem Verfasser: Gerade deshalb ist der Okkultist zurückhaltend in diesen Dingen, weil in diesen Dingen das Mißverständnis von der Wahrheit durch eine Spinnewebewand, nur durch eine Spinnewebe getrennt ist, und weil es auf die ganze Verfassung der Seele ankommt, weil es gefährlich ist, über diese Dinge zu reden. — Über solche Dinge muß gesprochen werden, denn sie werden von der äußeren Wissenschaft untersucht und werden in der äußeren Wissenschaft eine gewisse Rolle spielen. Aber man muß erst wiederum zurückkommen auf jene Richtung, die die Seele nehmen muß, damit der Mensch den Weg ins Geistige hinein findet.

[ 17 ] These ideas are not easy to accept. Anyone who observed such a thing saw the tremendous speed with which these ideas spread. In my youth, there was no psychoanalysis, no Freudian theory, and anyone who had proposed such a theory back then would have been considered insane. Today, not only is there a Freudian theory with its own journals and representatives in every country, but there are also psychoanalytic institutions everywhere where psychoanalytic nonsense is practiced. Today, the most important—and, as you can see, now even the most sacred—experiences of the human soul are attributed to psychosexuality! Humanity is straying far, far away from the paths it once followed, paths to which it must be guided back through spiritual science. For what is at stake here is certainly not something that can be easily refuted. These matters cannot be refuted with infinite ease, because it all depends on the entire orientation of the soul; the entire form and conception of the soul is what matters when one wishes to speak about these things. When a little book appeared within our own society—one that was, moreover, written in a rather amateurish manner—on psychosexuality, we had to wage a great struggle, one that is not even over yet. People simply could not understand why such a little book was considered unacceptable. I told the author: It is precisely for this reason that the occultist is cautious in these matters—because in these matters, misunderstanding of the truth is separated from it by nothing more than a spider’s web, and because the entire constitution of the soul is at stake, and because it is dangerous to speak of these things. — Such things must be discussed, for they are being investigated by external science and will play a certain role in external science. But one must first return to the direction the soul must take so that the human being may find the path into the spiritual realm.

[ 18 ] Im Zusammenhang mit dieser grotesken Tatsache, daß der Ursprung der Weltanschauung in der Psycho-Sexualität gesucht wird, werde ich Ihnen eine andere nennen, eine Tatsache, die uns allen heilig ist. Das ist die Tatsache, daß das hebräische Wort, das an der Stelle der Bibel steht, wo die Paradieses-Erzählung vorgebracht wird, doch gut übersetzt ist in unsere Sprache, wenn es heißt: «Und Adam erkannte sein Weib.» Da haben Sie die Erkenntnis, den Erkenntnisbegriff auch in die Nähe der Sexualität gebracht. Aber wie? Genau in der entgegengesetzten Art! Dahinter verbirgt sich ein tiefes Mysterium. Wenn die Menschen auf umgekehrtem Weg zu den Dingen kommen werden, die wahr sind, aber die nur angeschaut werden dürfen vom Gesichtspunkte des Geistigen, wenn sie nicht auf Abwege führen sollen, dann wird erst wiederum ein Licht darüber aufgehen. Hüten muß sich der Mensch in der Gegenwart vor jener Respektlosigkeit, die besteht gegenüber dem geistigen Forschen. Und diese Respektlosigkeit besteht einmal. Überhaupt besteht im tiefsten Sinne des Wortes die Respektlosigkeit vor der geistigen Welt. Jeder glaubt, aus den allernächsten Erfahrungen des unmittelbar vor ihm Auftretenden, oder auch aus den Erfahrungen von gestern reformierend in die Welt eingreifen zu können.

[ 18 ] In connection with this grotesque fact—that the origin of worldview is sought in psychosexuality—I will mention another fact, one that is sacred to us all. That is the fact that the Hebrew word found in the passage of the Bible where the story of Paradise is told is, in fact, well translated into our language when it says: “And Adam knew his wife.” There, too, you have brought the concept of knowledge into the realm of sexuality. But how? In exactly the opposite way! A profound mystery lies behind this. When people approach the things that are true—but which may only be viewed from the spiritual perspective, lest they lead astray—by taking the reverse path, only then will light once again dawn upon them. People today must guard against the disrespect that exists toward spiritual research. And this disrespect does indeed exist. In the deepest sense of the word, there is a lack of respect for the spiritual world. Everyone believes they can intervene in the world in a reforming way, based on their most immediate experiences of what appears right before them, or even on yesterday’s experiences.

[ 19 ] Ein trostloses Beispiel trat mir in diesen Tagen vor Augen! Ein Mensch ließ die gegenwärtigen tragischen Ereignisse dieses furchtbaren Krieges auf sich wirken und kam zu der Anschauung, daß, wenn jemals wiederum Friede eintreten würde in der Welt, so wäre das eine Katastrophe, er kam zu der Anschauung: Krieg muß bleiben, denn das sei der natürliche Zustand der Menschen. Diese Worte finden Sie bei dem Betreffenden:

[ 19 ] A disheartening example came to my attention recently! One person reflected on the current tragic events of this terrible war and came to the conclusion that if peace were ever to return to the world, it would be a catastrophe; he came to the conclusion that war must remain, for that is the natural state of humankind. You can find these words on the person’s page:

[ 20 ] «Krieg lernt man nicht an einem Tage. Ein wahres Glück, daß den Prozeß der Adaptation die Drohungen unserer Gegner beschleunigen, vor allem die letzten mit «voller Vernichtung unseres Exportes>.»

[ 20 ] “War is not something you learn in a day. It is truly fortunate that the threats from our opponents are accelerating the process of adaptation—especially the most recent ones regarding the ‘complete destruction of our exports.’”

[ 21 ] Sie sehen, es ist in den allerletzten Tagen offenbar geschrieben, denn es wird schon gerechnet mit der Pariser Wirtschaftskonferenz.

[ 21 ] As you can see, this was apparently written in the very last few days, since it already takes into account the Paris Economic Conference.

[ 22 ] «Nun wird niemand mehr der logischen Folgerung ausweichen können, daß der Friede eine Katastrophe wäre, daß die einzige Möglichkeit der Krieg bleibt. Der Krieg, — bisher Reaktion auf Reiz einer Sache, Mittel zum Zweck —: von jetzt ab wird er Selbstzweck, und von jetzt ab werden auch alle jene noch unerlösten deutschen Seelen, möglicherweise sogar die letzten Pazifisten, ihren Sündenfall erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale keine Reliquien sind, sondern Relikte. Die ganze Nation wird wie ein Mann den ewigen Krieg fordern.»

[ 22 ] “Now no one will be able to avoid the logical conclusion that peace would be a catastrophe, that war remains the only option. War—hitherto a reaction to a provocation, a means to an end—will from now on become an end in itself, and from now on all those still unredeemed German souls, perhaps even the last pacifists, will recognize their fall from grace; they will realize that their ideals are not relics but vestiges. The entire nation will, as one man, demand eternal war.”

[ 23 ] Und weiter heißt es bei demselben Herrn:

[ 23 ] And the same author goes on to say:

[ 24 ] «Erziehung zum Haß, Erziehung zur Hochachtung des Hasses, Erziehung zur Liebe zum Hasse, Organisation des Hasses! Fort mit der unreifen Scheu, mit der falschen Scham vor Brutalität und Fanatismus! Auch politisch gelte das Wort Marinellis: Mehr Backpfeifen, weniger Küsse! Wir dürfen nicht zögern, blasphemisch zu verkünden: Uns ist gegeben Glaube, Hoffnung und Haß.» In der Zukunft darf es nach diesem Herrn eben nicht mehr heißen: Glaube, Hoffnung und Liebe, sondern: Glaube, Hoffnung und Haß! «Aber der Haß ist der größte unter ihnen!»

[ 24 ] “Education in hatred, education in reverence for hatred, education in love of hatred, the organization of hatred! Away with immature timidity, with false shame in the face of brutality and fanaticism! Marinelli’s words apply politically as well: More slaps, fewer kisses! We must not hesitate to proclaim blasphemously: We have been given faith, hope, and hate.” In the future, according to this gentleman, it must no longer be faith, hope, and love, but rather faith, hope, and hate! “But hate is the greatest of them all!”

[ 25 ] Ja, meine lieben Freunde, das gibt es! Es kann sich nie darum handeln, wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand zu stecken, sondern zu wissen, wohin der Materialismus führt, besonders in seiner neuesten Phase, wo man ihn aber verleugnet hat. Besser war er noch im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Büchner- und DavidFriedrich-Strauß-Zeit und in der Zeit des dicken Vogt, der den Kreislauf des Stoffes beschrieben hat, und all der anderen, die sich wenigstens dazu bekannt haben. Heute geht er aber in der Heuchlermiene daher, der Materialismus, indem die Leute sagen, er sei längst überwunden. Aber dasjenige, was sie an die Stelle setzen, dem gegenüber sie heuchlerisch ableugnen, daß es Materialismus sei, das ist Materialismus, und immer schlimmerer Materialismus!

[ 25 ] Yes, my dear friends, it does exist! It can never be a matter of burying one’s head in the sand like an ostrich, but rather of knowing where materialism leads, especially in its latest phase, which has, however, been denied. It was actually better during the 19th century, in the era of Büchner and David Friedrich Strauss, and in the time of the great Vogt, who described the cycle of matter, and all the others who at least acknowledged it. Today, however, materialism goes about with a hypocritical air, as people claim it has long since been overcome. But what they put in its place—and which they hypocritically deny is materialism—is materialism, and an ever-worsening form of materialism!

[ 26 ] Wir brauchen Goetheanismus, meine lieben Freunde, wir brauchen solche Weltanschauung, welche zusammenwachsen läßt die Seele mit der Wirklichkeit in den besonderen charakteristischen Erscheinungen der Wirklichkeit. Denn dieser Goetheanismus ist nur die Erneuerung des wahren christlichen Empfindungs- und Gefühlslebens. Warum verstehen die Orientalen nicht das Mysterium von Golgatha? Deshalb verstehen sie es nicht, weil sie nicht verstehen können, daß ein Ereignis wesentlicher ist als das andere. Nur dann versteht man das Mysterium von Golgatha, wenn man den Unterschied der Ereignisse versteht, denn nur dann kann man sich aufschwingen zu der Erkenntnis, daß ein Ereignis der Erde überhaupt erst Sinn geben kann. Wenn man Gradationen hat zwischen den Ereignissen, dann kann man eins als das wichtige haben. Im Morgenland kommt man höchstens zu einem fortwährenden Zyklusspiel, da wiederholt sich immer alles. Dieses, daß unsere Erde ganz aufgebaut ist darauf, daß wir eine Vorbereitungszeit haben bis zum Mysterium von Golgatha, dann das Mysterium von Golgotha als die Höhe der Erdenentwickelung, und dann das Einleben des Mysteriums von Golgatha, das wird die Menschheit nach und nach verstehen müssen, aber aus der symptomatischen Geschichtsbetrachtung heraus. Es gipfelt eben wirklich alles, was uns die Geisteswissenschaft geben kann, in der christlichen Weltbetrachtung, die da kommen muß. Geisteswissenschaft will wirklich, wie ich oft sagte, keine neue Religion sein, aber sie will die Werkzeuge in die Hand geben, damit eine Menschheit, die sonst völlig in Materialismus verfallen muß, das Geistige, das im Christentum liegt, wiederum voll verstehen kann. Es ist schon durchaus notwendig, daß man mit offenen Augen in unsere Zeit hineinsieht, denn das ist viel wichtiger, als jedes sentimentale Hineinsehen.

[ 26 ] We need Goetheanism, my dear friends; we need a worldview that allows the soul to grow together with reality in the specific, characteristic manifestations of reality. For this Goetheanism is nothing other than the renewal of the true Christian life of feeling and emotion. Why do people in the East not understand the Mystery of Golgotha? They do not understand it because they cannot grasp that one event is more essential than another. One can understand the Mystery of Golgotha only when one understands the difference between the events, for only then can one rise to the realization that one event alone can give meaning to the Earth in the first place. When there are gradations between the events, then one can regard one as the most important. In the East, one arrives at most at a continuous cycle, since everything is always repeated. The fact that our Earth is entirely structured around a period of preparation leading up to the Mystery of Golgotha, followed by the Mystery of Golgotha as the pinnacle of Earth’s evolution, and then the integration of the Mystery of Golgotha—this is what humanity will gradually have to understand, but through a symptomatic view of history. Indeed, everything that spiritual science can offer us culminates in the Christian worldview that must emerge. Spiritual science, as I have often said, does not seek to be a new religion, but it aims to provide the tools so that humanity—which would otherwise inevitably fall completely into materialism—can once again fully understand the spiritual essence inherent in Christianity. It is absolutely necessary to look at our time with open eyes, for that is far more important than any sentimental view of it.