Humanity's Internal Impulses for Development
Goethe and the Crisis of the Nineteenth Century
GA 171
16 September 1916, Dornach
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Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit
Erster Vortrag
Erster Vortrag
[ 1 ] Ich werde versuchen, in diesen Tagen die Betrachtungen über das Verhältnis des Menschen zum ganzen Universum weiter fortzusetzen, indem ich sie auf ein anderes Gebiet, auf ein allgemeineres Gebiet bringe und mir die Aufgabe setze, von einem bestimmten Gesichtspunkte aus auf die in der Menschheitsentwickelung und namentlich in der Entwickelung der Gegenwart wirksamen Kräfte zu sprechen zu kommen. Dazu brauche ich heute eine gewissermaßen historische, eine geschichtliche Einleitung, eine geschichtliche Einleitung allerdings von den Gesichtspunkten aus, die sich der Geisteswissenschaft ergeben. Wir haben es ja öfter betont, inwieferne die gewöhnliche geschichtliche Betrachtungsweise eigentlich Fable convenue ist, und wie erst von den Ausgangspunkten geisteswissenschaftlicher Betrachtung Klärung, Licht auch in das geschichtliche Werden der Menschheit kommen kann. Wir wissen ja, daß, wenn wir die Evolution im großen betrachten, wir immer in den Vorgängen, die in der Gegenwart spielen, mit erblicken müssen Zurückgebliebenes aus der Vergangenheit. Wir nennen, wie wir gesehen haben, dieses Zurückgebliebene der Vergangenheit luziferisch oder ahrimanisch, je nachdem es dieses oder jenes Wesens ist, worauf wir auch in den letzten Betrachtungen gedeutet haben. Allein erst, wenn man bei Dingen, die einem recht nahe liegen, die man in ihren Wirkungen unmittelbar in der Umgebung betrachten kann, das Zurückgebliebene und das im regelrechten Gange Fortschreitende betrachtet, kommt man zu einem völlig konkreten Verständnis.
[ 1 ] Ich werde versuchen, in diesen Tagen die Betrachtungen über das Verhältnis des Menschen zum ganzen Universum weiter fortzusetzen, indem ich sie auf ein anderes Gebiet, auf ein allgemeineres Gebiet bringe und mir die Aufgabe setze, von einem bestimmten Gesichtspunkte aus auf die in der Menschheitsentwickelung und namentlich in der Entwickelung der Gegenwart wirksamen Kräfte zu sprechen zu kommen. Dazu brauche ich heute eine gewissermaßen historische, eine geschichtliche Einleitung, eine geschichtliche Einleitung allerdings von den Gesichtspunkten aus, die sich der Geisteswissenschaft ergeben. Wir haben es ja öfter betont, inwieferne die gewöhnliche geschichtliche Betrachtungsweise eigentlich Fable convenue ist, und wie erst von den Ausgangspunkten geisteswissenschaftlicher Betrachtung Klärung, Licht auch in das geschichtliche Werden der Menschheit kommen kann. Wir wissen ja, daß, wenn wir die Evolution im großen betrachten, wir immer in den Vorgängen, die in der Gegenwart spielen, mit erblicken müssen Zurückgebliebenes aus der Vergangenheit. Wir nennen, wie wir gesehen haben, dieses Zurückgebliebene der Vergangenheit luziferisch oder ahrimanisch, je nachdem es dieses oder jenes Wesens ist, worauf wir auch in den letzten Betrachtungen gedeutet haben. Allein erst, wenn man bei Dingen, die einem recht nahe liegen, die man in ihren Wirkungen unmittelbar in der Umgebung betrachten kann, das Zurückgebliebene und das im regelrechten Gange Fortschreitende betrachtet, kommt man zu einem völlig konkreten Verständnis.
[ 2 ] Daher möchte ich heute Ihre Blicke zunächst zurückrichten nach dem griechisch-lateinischen Zeitraum, also nach der vierten nachatlantischen Periode, und möchte einiges von dem beibringen, was das Verständnis eröffnen kann für die Art, wie dieser griechisch-lateinische Zeitraum in unsere Zeit hereinwirkt, wie gewissermaßen die Kräfte dieses griechisch-lateinischen Zeitraumes noch tätig sind, wie sie in einer gewissen Beziehung mitten unter uns sind, um daraus zu verstehen, wie sich der Mensch der Gegenwart gegenüber den Einflüssen der Evolution, in der wir ja natürlich immer mitten drinnenstehen, zurechtfinden kann. Denn nur dadurch, daß man sich zurechtfindet, ist man im wahren Sinne des Wortes Mensch, ist man im wahren Sinne des Wortes imstande zu begreifen, was man sogar in jedem einzelnen Augenblicke des Lebens als das Richtige zu tun hat. Allerdings, wenn es sich um konkrete Fragen handelt solcher Art, wie sie heute besprochen werden sollen, so bin ich in der Gegenwart in einer eigentümlichen Lage, da die Möglichkeit des Mißverständnisses, und zwar zumeist sogar des willentlichen, absichtlichen Mißverständnisses, ja sich so vielfach gezeigt hat. Ungefähr in demselben Vierteljahre wurde ich von der einen Seite her als ein wütender Pangermanist bezeichnet, und von der anderen Seite her wurde gesagt, daß ich nichts verstünde von wahrem Deutschtum und eigentlich nur romanisches Wesen in mir als Kräfte fühlte und nur romanisches Wesen verstehen könnte. Wenn man in dieser Weise verstanden wird, so ist es begreiflich, daß man etwas von der Schwierigkeit des Verständnisses, der Verständigung ahnt, und man kann ja dann doch nichts anderes tun, als das zu sagen, was man für wahr erkannt hat, ganz ohne auf das eine oder andere zu achten, wenn es sich darum handelt, die Wahrheit selber zu formulieren.
[ 2 ] Daher möchte ich heute Ihre Blicke zunächst zurückrichten nach dem griechisch-lateinischen Zeitraum, also nach der vierten nachatlantischen Periode, und möchte einiges von dem beibringen, was das Verständnis eröffnen kann für die Art, wie dieser griechisch-lateinische Zeitraum in unsere Zeit hereinwirkt, wie gewissermaßen die Kräfte dieses griechisch-lateinischen Zeitraumes noch tätig sind, wie sie in einer gewissen Beziehung mitten unter uns sind, um daraus zu verstehen, wie sich der Mensch der Gegenwart gegenüber den Einflüssen der Evolution, in der wir ja natürlich immer mitten drinnenstehen, zurechtfinden kann. Denn nur dadurch, daß man sich zurechtfindet, ist man im wahren Sinne des Wortes Mensch, ist man im wahren Sinne des Wortes imstande zu begreifen, was man sogar in jedem einzelnen Augenblicke des Lebens als das Richtige zu tun hat. Allerdings, wenn es sich um konkrete Fragen handelt solcher Art, wie sie heute besprochen werden sollen, so bin ich in der Gegenwart in einer eigentümlichen Lage, da die Möglichkeit des Mißverständnisses, und zwar zumeist sogar des willentlichen, absichtlichen Mißverständnisses, ja sich so vielfach gezeigt hat. Ungefähr in demselben Vierteljahre wurde ich von der einen Seite her als ein wütender Pangermanist bezeichnet, und von der anderen Seite her wurde gesagt, daß ich nichts verstünde von wahrem Deutschtum und eigentlich nur romanisches Wesen in mir als Kräfte fühlte und nur romanisches Wesen verstehen könnte. Wenn man in dieser Weise verstanden wird, so ist es begreiflich, daß man etwas von der Schwierigkeit des Verständnisses, der Verständigung ahnt, und man kann ja dann doch nichts anderes tun, als das zu sagen, was man für wahr erkannt hat, ganz ohne auf das eine oder andere zu achten, wenn es sich darum handelt, die Wahrheit selber zu formulieren.
[ 3 ] So also wollen wir unsere Blicke zurückwenden nach dem griechisch-lateinischen Zeitraum, nach diesem Zeitraum, der zu uns herüberleuchtet zunächst durch alles das, was zurückgeblieben ist vom Griechentum, und durch alles das, was sich hereingelebt hat in die Gegenwart aus dem Römertum. Führen wir uns einmal vor die Seele, was man empfinden kann als das griechische Wesen, dieses griechische Wesen, welches immer wieder und wiederum die Sehnsucht so vieler ausgezeichneter Seelen bildet, in welches sich immer wieder und wiederum so viele vertiefen wollen. Einiges vom griechischen Wesen weiß ja wohl jeder, entweder aus der Geschichte oder aus dem vielen sonstigen, das als Denkmäler da ist vom griechischen Wesen. Da hat man von diesem griechischen Wesen auf der einen Seite das, was in den Geschichtsbüchern steht. In diesen Geschichtsbüchern wird oftmals erzählt, was man die griechischen Taten nennen könnte, auch einiges von den griechischen sozialen Einrichtungen. Angefangen wird oftmals beim Trojanischen Krieg; es wird weitergeschritten bis in die späteren Zeiten des Griechentums, zu den Perserkriegen, in noch spätere Zeiten des Griechentums, zum Peloponnesischen Krieg und so weiter, bis zum Untergang des Griechentums durch die Römer. Das alles ist aber, ich möchte sagen, nur das eine Kapitel in dem großen Weltenbuche, das uns über griechisches Wesen spricht. Ein anderes Kapitel ist alles das, was wir ja auch öfter von der einen oder der anderen Seite her berührt haben in unseren Betrachtungen, was wir haben in den Gesängen Homers, in den Dichtungen des Äschylos, Sophokles, Euripides, soweit sie auf uns gekommen sind, was wir haben in den Gesängen des großen Pindar und in den Erinnerungen an die große griechische Kunstwelt, was wir haben an Hinterlassenschaft der griechischen Philosophie.
[ 3 ] So also wollen wir unsere Blicke zurückwenden nach dem griechisch-lateinischen Zeitraum, nach diesem Zeitraum, der zu uns herüberleuchtet zunächst durch alles das, was zurückgeblieben ist vom Griechentum, und durch alles das, was sich hereingelebt hat in die Gegenwart aus dem Römertum. Führen wir uns einmal vor die Seele, was man empfinden kann als das griechische Wesen, dieses griechische Wesen, welches immer wieder und wiederum die Sehnsucht so vieler ausgezeichneter Seelen bildet, in welches sich immer wieder und wiederum so viele vertiefen wollen. Einiges vom griechischen Wesen weiß ja wohl jeder, entweder aus der Geschichte oder aus dem vielen sonstigen, das als Denkmäler da ist vom griechischen Wesen. Da hat man von diesem griechischen Wesen auf der einen Seite das, was in den Geschichtsbüchern steht. In diesen Geschichtsbüchern wird oftmals erzählt, was man die griechischen Taten nennen könnte, auch einiges von den griechischen sozialen Einrichtungen. Angefangen wird oftmals beim Trojanischen Krieg; es wird weitergeschritten bis in die späteren Zeiten des Griechentums, zu den Perserkriegen, in noch spätere Zeiten des Griechentums, zum Peloponnesischen Krieg und so weiter, bis zum Untergang des Griechentums durch die Römer. Das alles ist aber, ich möchte sagen, nur das eine Kapitel in dem großen Weltenbuche, das uns über griechisches Wesen spricht. Ein anderes Kapitel ist alles das, was wir ja auch öfter von der einen oder der anderen Seite her berührt haben in unseren Betrachtungen, was wir haben in den Gesängen Homers, in den Dichtungen des Äschylos, Sophokles, Euripides, soweit sie auf uns gekommen sind, was wir haben in den Gesängen des großen Pindar und in den Erinnerungen an die große griechische Kunstwelt, was wir haben an Hinterlassenschaft der griechischen Philosophie.
[ 4 ] Das ist, ich möchte sagen, das andere Kapitel, ein Kapitel, aus dem uns spricht ein unendlicher Reichtum menschlicher Erlebnisse, menschlicher Empfindungen und Gefühle, menschlicher Anschauungen, ein unendlicher Reichtum von Vorstellungen über den Weltenbau. Und in das alles spielt hinein, gewissermaßen es überglänzend, überstrahlend, was wir an griechischen Mythen, an griechischen Göttersagen haben, und von dem wir ja so oft gehört haben, wie es in bildhafter Form in wunderbarer Art ausdrückt, was die Griechen erschauen konnten in bezug auf die Weltengeheimnisse. Auch einiges von dem ist an unsere Seele herangetreten, was das griechische Mysterienwesen ist. Und all das gehört eben zu diesem anderen Kapitel des Griechentums, zu jenem Kapitel, welches den Menschen, der zum Geistigen aufblicken will, viel mehr interessieren muß als das erste Kapitel. Und wenn wir heute sprechen von dem, was uns die Griechen sind, so ist natürlich viel mehr ins Auge zu fassen dieses zweite Kapitel als das erste, das uns ja doch nur Nachricht geben kann von den vergänglichen Taten, aus denen vielleicht der Ruhm der Helden spricht, aber die doch nur weniges hinterlassen haben von dem, was irgendwie für heute noch eine Bedeutung hat der Menschenseele gegenüber, während all das, was im zweiten Kapitel vom Griechentum aus zu uns herüber spricht, heute noch für den Menschen, der da will, lebendig werden kann, indem er eintreten kann selbst in das Begeisternde, eintreten kann in das Schöpferische dieses Griechentums. So können wir die eine Seite der griechisch-lateinischen Zeit uns vor unsere Seele stellen.
[ 4 ] Das ist, ich möchte sagen, das andere Kapitel, ein Kapitel, aus dem uns spricht ein unendlicher Reichtum menschlicher Erlebnisse, menschlicher Empfindungen und Gefühle, menschlicher Anschauungen, ein unendlicher Reichtum von Vorstellungen über den Weltenbau. Und in das alles spielt hinein, gewissermaßen es überglänzend, überstrahlend, was wir an griechischen Mythen, an griechischen Göttersagen haben, und von dem wir ja so oft gehört haben, wie es in bildhafter Form in wunderbarer Art ausdrückt, was die Griechen erschauen konnten in bezug auf die Weltengeheimnisse. Auch einiges von dem ist an unsere Seele herangetreten, was das griechische Mysterienwesen ist. Und all das gehört eben zu diesem anderen Kapitel des Griechentums, zu jenem Kapitel, welches den Menschen, der zum Geistigen aufblicken will, viel mehr interessieren muß als das erste Kapitel. Und wenn wir heute sprechen von dem, was uns die Griechen sind, so ist natürlich viel mehr ins Auge zu fassen dieses zweite Kapitel als das erste, das uns ja doch nur Nachricht geben kann von den vergänglichen Taten, aus denen vielleicht der Ruhm der Helden spricht, aber die doch nur weniges hinterlassen haben von dem, was irgendwie für heute noch eine Bedeutung hat der Menschenseele gegenüber, während all das, was im zweiten Kapitel vom Griechentum aus zu uns herüber spricht, heute noch für den Menschen, der da will, lebendig werden kann, indem er eintreten kann selbst in das Begeisternde, eintreten kann in das Schöpferische dieses Griechentums. So können wir die eine Seite der griechisch-lateinischen Zeit uns vor unsere Seele stellen.
[ 5 ] Dann sehen wir, wie dieses Griechentum immer mehr und mehr entgegeneilt seiner Reife gerade auf geistigen Gebieten. Das ist wunderbar zu sehen, wenn man es im einzelnen wirklich sachgemäß verfolgen will. Man braucht nur gewissermaßen den Extrakt des Geisteslebens zu nehmen, man braucht nur zu nehmen die griechische Philosophie, wie sie hervorgeht aus den alten großen Philosophen, die Nietzsche «das tragische Zeitalter der Griechen» genannt hat: Thales, Anaximander, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras. Wir blicken dann hin zu dem, der in einer wunderbaren Weise ein neues Zeitalter eingeleitet hat, Sokrates, und zu dem endlich, der anknüpfend an Sokrates die Menschheit in einer unerhörten Weise heraufgehoben hat zu geistigen Idealen, geistigen ideellen Anschauungen, zu Plato. Dann tritt uns derjenige entgegen, der doch trotz allem, was die Menschheit später gedacht hat, die umfassendsten, die eindringlichsten Begriffe schon gefaßt hat, zu Aristoteles, der diese Begriffe so stark gefaßt hat, daß Jahrhunderte und Jahrhunderte nachher das noch nachzudenken hatten, was Aristoteles gedacht hat, und daß wir mit unserem Denken in der Außenwelt noch lange nicht so weit sind, mit allen Begriffen des Aristoteles schon rechnen zu können. Goethe hat erst später in seinem «Faust» eingesetzt: «Faustens Unsterbliches»; zuerst hatte er im Manuskript stehen: «Faustens Entelechie» — Entelechie, diesen aristotelischen Begriff, der in einer viel intimeren Weise das Menschlich-Seelische, das durch die Pforte des Todes geht, ausdrückt, als selbst das Wort «Unsterbliches», das ein negatives Wort ist, während Entelechie ein positives Wort ist. Aber Goethe hat wohl selber gefühlt, als er schrieb: «Faustens Entelechie wird von den Engeln himmelwärts getragen» —, daß die neuere Menschheit wenig Konkretes sich vorstellt bei dem Ausdruck Entelechie; daher hat er den gebräuchlicheren Ausdruck «Faustens Unsterbliches» dann an die Stelle gesetzt. Aber er hat etwas gefühlt von der Tiefe des Entelechiebegriffs. Dieser Begriff und mancher andere Begriff, sie sind noch nicht gehoben, weil das Griechentum, als es zu seiner Reife schritt, wirklich die Begriffe fein plastisch ausarbeitete und aus der Wirklichkeit heraus holte, und die Menschheit des fünften nachatlantischen Zeitraums und auch schon in der Einleitung dieses Zeitraums im ersten Mittelalter, viel zuviel zu tun hatte, gröbere Begriffe für die äußere materielle Wirklichkeit zu verstehen, und die feineren Begriffe, welche die äußere materielle Wirklichkeit im Sinne des Ariistoteles verbinden mit der geistigen Wirklichkeit, zunächst gar nicht ordentlich sich vor die Seele schaffen konnte.
[ 5 ] Dann sehen wir, wie dieses Griechentum immer mehr und mehr entgegeneilt seiner Reife gerade auf geistigen Gebieten. Das ist wunderbar zu sehen, wenn man es im einzelnen wirklich sachgemäß verfolgen will. Man braucht nur gewissermaßen den Extrakt des Geisteslebens zu nehmen, man braucht nur zu nehmen die griechische Philosophie, wie sie hervorgeht aus den alten großen Philosophen, die Nietzsche «das tragische Zeitalter der Griechen» genannt hat: Thales, Anaximander, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras. Wir blicken dann hin zu dem, der in einer wunderbaren Weise ein neues Zeitalter eingeleitet hat, Sokrates, und zu dem endlich, der anknüpfend an Sokrates die Menschheit in einer unerhörten Weise heraufgehoben hat zu geistigen Idealen, geistigen ideellen Anschauungen, zu Plato. Dann tritt uns derjenige entgegen, der doch trotz allem, was die Menschheit später gedacht hat, die umfassendsten, die eindringlichsten Begriffe schon gefaßt hat, zu Aristoteles, der diese Begriffe so stark gefaßt hat, daß Jahrhunderte und Jahrhunderte nachher das noch nachzudenken hatten, was Aristoteles gedacht hat, und daß wir mit unserem Denken in der Außenwelt noch lange nicht so weit sind, mit allen Begriffen des Aristoteles schon rechnen zu können. Goethe hat erst später in seinem «Faust» eingesetzt: «Faustens Unsterbliches»; zuerst hatte er im Manuskript stehen: «Faustens Entelechie» — Entelechie, diesen aristotelischen Begriff, der in einer viel intimeren Weise das Menschlich-Seelische, das durch die Pforte des Todes geht, ausdrückt, als selbst das Wort «Unsterbliches», das ein negatives Wort ist, während Entelechie ein positives Wort ist. Aber Goethe hat wohl selber gefühlt, als er schrieb: «Faustens Entelechie wird von den Engeln himmelwärts getragen» —, daß die neuere Menschheit wenig Konkretes sich vorstellt bei dem Ausdruck Entelechie; daher hat er den gebräuchlicheren Ausdruck «Faustens Unsterbliches» dann an die Stelle gesetzt. Aber er hat etwas gefühlt von der Tiefe des Entelechiebegriffs. Dieser Begriff und mancher andere Begriff, sie sind noch nicht gehoben, weil das Griechentum, als es zu seiner Reife schritt, wirklich die Begriffe fein plastisch ausarbeitete und aus der Wirklichkeit heraus holte, und die Menschheit des fünften nachatlantischen Zeitraums und auch schon in der Einleitung dieses Zeitraums im ersten Mittelalter, viel zuviel zu tun hatte, gröbere Begriffe für die äußere materielle Wirklichkeit zu verstehen, und die feineren Begriffe, welche die äußere materielle Wirklichkeit im Sinne des Ariistoteles verbinden mit der geistigen Wirklichkeit, zunächst gar nicht ordentlich sich vor die Seele schaffen konnte.
[ 6 ] So sehen wir ein Wunderbares sich entfalten in dem gesamten griechischen Kulturleben. Und als dieses griechische Kulturleben seiner Reife entgegengeht, als das Griechentum immer weiter und weiterschreitet, man möchte sagen, in einzelnen Teilen dann überreif wird, da wird es gewissermaßen, wie man so sagt, erobert, äußerlich überwunden von dem Römertum. Es ist ein merkwürdiger Prozeß, wie dieses Griechentum von dem Römertum, wie man sagt, überwunden wird. Und in den beiden Kulturströmungen, dem Griechentum und dem Römertum, haben wir das, was den vierten nachatlantischen Zeitraum zusammensetzt, so daß das Verständnis dieser beiden Kulturströmungen äußerlich, exoterisch erläutern kann dasjenige, was innerlich wirkt und webt in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum. Unterworfen also wird äußerlich das Griechentum vom Römertum, unterworfen wird es so, daß man in dem ganzen Prozeß, der sich nun abspielt zwischen dem Griechentum und dem Römertum, ein weltgeschichtlich interessantestes Faktum vor sich hat.
[ 6 ] So sehen wir ein Wunderbares sich entfalten in dem gesamten griechischen Kulturleben. Und als dieses griechische Kulturleben seiner Reife entgegengeht, als das Griechentum immer weiter und weiterschreitet, man möchte sagen, in einzelnen Teilen dann überreif wird, da wird es gewissermaßen, wie man so sagt, erobert, äußerlich überwunden von dem Römertum. Es ist ein merkwürdiger Prozeß, wie dieses Griechentum von dem Römertum, wie man sagt, überwunden wird. Und in den beiden Kulturströmungen, dem Griechentum und dem Römertum, haben wir das, was den vierten nachatlantischen Zeitraum zusammensetzt, so daß das Verständnis dieser beiden Kulturströmungen äußerlich, exoterisch erläutern kann dasjenige, was innerlich wirkt und webt in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum. Unterworfen also wird äußerlich das Griechentum vom Römertum, unterworfen wird es so, daß man in dem ganzen Prozeß, der sich nun abspielt zwischen dem Griechentum und dem Römertum, ein weltgeschichtlich interessantestes Faktum vor sich hat.
[ 7 ] Zunächst das Römertum. Anders als das Griechentum steht das Römertum im Verhältnisse zur Gegenwart. Es gibt viele Seelen, welche das Griechentum suchen; aber man muß es suchen, man muß es sich gewissermaßen immer erst herausholen aus einer grauen Geistestiefe. So ist es nicht mit dem Römertum. Dieses Römertum lebt in einer Weise viel stärker, als man gewöhnlich glaubt, in unserer gesamten europäischen Gegenwart weiter fort, lebt noch. Wir brauchen nur daran zu denken, wie lange Zeit überhaupt alles Denken der europäischen Völker, der an der europäischen Kultur teilnehmenden Völker, in lateinischer Sprache gepflogen wurde. Wir brauchen nur daran zu denken, welche Bedeutung für diejenigen, die heute sich vorbereiten für führende Lebensstellungen, noch immer die lateinische Sprache hat, das heißt, das bis in unsere Tage herein kristallisierte Römertum; wieviel von Vorstellungen, Empfindungen, von Seelenformationen aus dem Römertum unmittelbar aufgenommen wird! Unendlich viel wird gedacht im Stile des Römertums. Juristerei wird zum großen Teil nur im Stile des Römertums gedacht. Aber auch viele andere Begriffe sind heute noch so geformt, daß sie im Stil des Römertums geformt sind. Und eben gerade diejenigen, die für führende Stellungen sich vorbereiten, sie müssen durch eine solche Erziehung, durch eine solche Schulung hindurchgehen, daß sie mit der römisch-lateinischen Sprache eine große Fülle von Empfindungen dieser Welt aufnehmen, so daß unser öffentlichesLeben überall durchzogen ist von Begriffen, die aus dem römisch-lateinischen Wesen stammen, viel mehr, als der einzelne glaubt. Der Bauer murrt vielleicht gegen dieses lateinische Wesen, aber zuletzt nimmt er es hin; er läßt sich ja sogar auch die Messe in lateinischer Sprache vortragen. Und wie lange ist es her, daß die europäischen Völker sich gestemmt haben gegen das Übermaß desjenigen, was an Einflüssen vom lateinischen Wesen, vom römisch-lateinischen Wesen ausgegangen ist? Bis ins Blut hinein dringt dieses römisch-lateinische Wesen bei denjenigen, die zu führenden Stellungen sich vorbereiten. Und was die obere Schicht der europäischen Menschen denkt in bezug auf Geschichtliches, Politisches, Juristisches, auch das Verwaltungsmäßige, das ist nicht bloß dem Namen nach, sondern der Denkweise nach im hohen Grade durchsetzt von römisch-lateinischem Wesen. Also anders als zum Griechentum steht der europäische Mensch zum römisch-lateinischen Wesen, zu der anderen Strömung, zu der zweiten Strömung des vierten nachatlantischen Zeitraums.
[ 7 ] Zunächst das Römertum. Anders als das Griechentum steht das Römertum im Verhältnisse zur Gegenwart. Es gibt viele Seelen, welche das Griechentum suchen; aber man muß es suchen, man muß es sich gewissermaßen immer erst herausholen aus einer grauen Geistestiefe. So ist es nicht mit dem Römertum. Dieses Römertum lebt in einer Weise viel stärker, als man gewöhnlich glaubt, in unserer gesamten europäischen Gegenwart weiter fort, lebt noch. Wir brauchen nur daran zu denken, wie lange Zeit überhaupt alles Denken der europäischen Völker, der an der europäischen Kultur teilnehmenden Völker, in lateinischer Sprache gepflogen wurde. Wir brauchen nur daran zu denken, welche Bedeutung für diejenigen, die heute sich vorbereiten für führende Lebensstellungen, noch immer die lateinische Sprache hat, das heißt, das bis in unsere Tage herein kristallisierte Römertum; wieviel von Vorstellungen, Empfindungen, von Seelenformationen aus dem Römertum unmittelbar aufgenommen wird! Unendlich viel wird gedacht im Stile des Römertums. Juristerei wird zum großen Teil nur im Stile des Römertums gedacht. Aber auch viele andere Begriffe sind heute noch so geformt, daß sie im Stil des Römertums geformt sind. Und eben gerade diejenigen, die für führende Stellungen sich vorbereiten, sie müssen durch eine solche Erziehung, durch eine solche Schulung hindurchgehen, daß sie mit der römisch-lateinischen Sprache eine große Fülle von Empfindungen dieser Welt aufnehmen, so daß unser öffentlichesLeben überall durchzogen ist von Begriffen, die aus dem römisch-lateinischen Wesen stammen, viel mehr, als der einzelne glaubt. Der Bauer murrt vielleicht gegen dieses lateinische Wesen, aber zuletzt nimmt er es hin; er läßt sich ja sogar auch die Messe in lateinischer Sprache vortragen. Und wie lange ist es her, daß die europäischen Völker sich gestemmt haben gegen das Übermaß desjenigen, was an Einflüssen vom lateinischen Wesen, vom römisch-lateinischen Wesen ausgegangen ist? Bis ins Blut hinein dringt dieses römisch-lateinische Wesen bei denjenigen, die zu führenden Stellungen sich vorbereiten. Und was die obere Schicht der europäischen Menschen denkt in bezug auf Geschichtliches, Politisches, Juristisches, auch das Verwaltungsmäßige, das ist nicht bloß dem Namen nach, sondern der Denkweise nach im hohen Grade durchsetzt von römisch-lateinischem Wesen. Also anders als zum Griechentum steht der europäische Mensch zum römisch-lateinischen Wesen, zu der anderen Strömung, zu der zweiten Strömung des vierten nachatlantischen Zeitraums.
[ 8 ] Und nun stellen wir einmal das Römertum neben das Griechentum hin, wie man es muß, wenn man wirklich verstehen will. Man kann sich kaum unter den Fakten der neueren historischen Entwickelung, wenn ich das Griechentum und Römertum zur neueren rechne, stärkere Gegensätze denken, trotz aller anderen Gegensätze auf dem Gebiet des Geistes, als das Griechentum und das Römertum. Das Griechentum obzwar das nicht genau gesprochen ist, aber mit einem Ausdruck der Gegenwart, der heute verstanden wird —, so wie es uns erscheint von einem gewissen Distanzpunkte aus, ganz in Phantasie und künstlerisch-philosophisches Wesen getaucht, ganz erglänzend in Formen und inneren Bedeutungen, ganz sprechend von Seele und Geist. Dagegen das Römertum — nichts von alledem durch sein eigenes Wesen, nichts von alledem, was gerade, wenn man das Griechentum an sich betrachtet, das tief Bedeutsame am Griechentum ist. Die Römer, ein Volk — als Volk — ohne Phantasie, ohne jene Ergriffenheit von unmittelbar kosmischem menschlichen Leben, in die alles griechische Seelenleben getaucht war. Das unerhört freie Leben der Griechen — wenn auch das Sklaventum in Griechenland ausgebreitet war, als Volkskultur zeigt das griechische Leben Freiheit in unerhörter Weise —, das freie griechische Leben unterjocht von dem Römertum, unterjocht von einer rein juristisch-phantasielosen, soldatisch-phantasielosen, politisch-phantasielosen Kultur! Diejenigen, die selbst das Römertum in der neueren Zeit lieben, aber es kennen und aus Kenntnis und nicht aus Unkenntnis sprechen, die wissen, daß das Römertum weder auf dem Gebiete der Wissenschaft, noch auf dem Gebiete der Kunst irgendwie originell war. Herübergenommen von Griechenland hat das Römertum, nachdem es das Griechentum politisch, soldatisch überwunden hatte, dasjenige, was im Griechentum lebte an Kunst, an Wissenschaft. Und selbst die größten römischen Dichter, sie sind wirklich nichts anderes, verglichen mit der Geistesgröße der griechischen Kunst und griechischen Dichtung, als Nachahmer, bloße Nachahmer.
[ 8 ] Und nun stellen wir einmal das Römertum neben das Griechentum hin, wie man es muß, wenn man wirklich verstehen will. Man kann sich kaum unter den Fakten der neueren historischen Entwickelung, wenn ich das Griechentum und Römertum zur neueren rechne, stärkere Gegensätze denken, trotz aller anderen Gegensätze auf dem Gebiet des Geistes, als das Griechentum und das Römertum. Das Griechentum obzwar das nicht genau gesprochen ist, aber mit einem Ausdruck der Gegenwart, der heute verstanden wird —, so wie es uns erscheint von einem gewissen Distanzpunkte aus, ganz in Phantasie und künstlerisch-philosophisches Wesen getaucht, ganz erglänzend in Formen und inneren Bedeutungen, ganz sprechend von Seele und Geist. Dagegen das Römertum — nichts von alledem durch sein eigenes Wesen, nichts von alledem, was gerade, wenn man das Griechentum an sich betrachtet, das tief Bedeutsame am Griechentum ist. Die Römer, ein Volk — als Volk — ohne Phantasie, ohne jene Ergriffenheit von unmittelbar kosmischem menschlichen Leben, in die alles griechische Seelenleben getaucht war. Das unerhört freie Leben der Griechen — wenn auch das Sklaventum in Griechenland ausgebreitet war, als Volkskultur zeigt das griechische Leben Freiheit in unerhörter Weise —, das freie griechische Leben unterjocht von dem Römertum, unterjocht von einer rein juristisch-phantasielosen, soldatisch-phantasielosen, politisch-phantasielosen Kultur! Diejenigen, die selbst das Römertum in der neueren Zeit lieben, aber es kennen und aus Kenntnis und nicht aus Unkenntnis sprechen, die wissen, daß das Römertum weder auf dem Gebiete der Wissenschaft, noch auf dem Gebiete der Kunst irgendwie originell war. Herübergenommen von Griechenland hat das Römertum, nachdem es das Griechentum politisch, soldatisch überwunden hatte, dasjenige, was im Griechentum lebte an Kunst, an Wissenschaft. Und selbst die größten römischen Dichter, sie sind wirklich nichts anderes, verglichen mit der Geistesgröße der griechischen Kunst und griechischen Dichtung, als Nachahmer, bloße Nachahmer.
[ 9 ] Und nun wird dieses Römertum groß auf ganz anderen Gebieten. Es wird eben gerade groß auf denjenigen Gebieten, um die sich die Griechen weniger kümmerten, für die sich die Griechen weniger interessiert haben: es wird groß auf juristischem, auf politischem, auf soldatischem Gebiete. Es entwickelt Anschauungen, Empfindungen auf diesen Gebieten, die eben durch die eigentümliche Artung des römischen Volkes so stark sind, daß sie so lange fortwirken, wie wir heute verzeichnen konnten. Insbesondere zeigt sich der Unterschied des Griechentums und des Römertums dann, wenn man innerlich, dem Geistigen nach, die griechische Sprache und die römisch-lateinische Sprache betrachtet. Geister, die tiefer gesehen haben, wie im 19. Jahrhundert Herbart, wollten daher, daß der Gymnasialunterricht anders eingerichtet werde als er unter der mächtig fortstürmenden Welle des Römertums geworden ist. Dieser Gymnasialunterricht ist ja so, daß man zunächst Lateinisch lernt und dann Griechisch. Herbart wollte, daß man zuerst Griechisch lernt und dann Lateinisch, weil er der ganz richtigen Meinung war, daß man für das Seelenhafte, innerlich intim Wirkende des griechischen Idioms abgestumpft wird, wenn man vorher Lateinisch lernt. Es ist bisher nicht dazu gekommen, aber es ist ein Ideal vieler einsichtiger Pädagogen in der Gegenwart. Aber von Einsicht wird ja die Gegenwart nicht geleitet, und sie hat das Karma der Einsichtslosigkeit zu tragen.
[ 9 ] Und nun wird dieses Römertum groß auf ganz anderen Gebieten. Es wird eben gerade groß auf denjenigen Gebieten, um die sich die Griechen weniger kümmerten, für die sich die Griechen weniger interessiert haben: es wird groß auf juristischem, auf politischem, auf soldatischem Gebiete. Es entwickelt Anschauungen, Empfindungen auf diesen Gebieten, die eben durch die eigentümliche Artung des römischen Volkes so stark sind, daß sie so lange fortwirken, wie wir heute verzeichnen konnten. Insbesondere zeigt sich der Unterschied des Griechentums und des Römertums dann, wenn man innerlich, dem Geistigen nach, die griechische Sprache und die römisch-lateinische Sprache betrachtet. Geister, die tiefer gesehen haben, wie im 19. Jahrhundert Herbart, wollten daher, daß der Gymnasialunterricht anders eingerichtet werde als er unter der mächtig fortstürmenden Welle des Römertums geworden ist. Dieser Gymnasialunterricht ist ja so, daß man zunächst Lateinisch lernt und dann Griechisch. Herbart wollte, daß man zuerst Griechisch lernt und dann Lateinisch, weil er der ganz richtigen Meinung war, daß man für das Seelenhafte, innerlich intim Wirkende des griechischen Idioms abgestumpft wird, wenn man vorher Lateinisch lernt. Es ist bisher nicht dazu gekommen, aber es ist ein Ideal vieler einsichtiger Pädagogen in der Gegenwart. Aber von Einsicht wird ja die Gegenwart nicht geleitet, und sie hat das Karma der Einsichtslosigkeit zu tragen.
[ 10 ] Die griechische Sprache zeigt als Sprache überall, daß hinter dem griechischen Geistesleben dasjenige steht, was hereingeflossen ist aus den alten Imaginationen des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes. Allerdings, die heutige Menschheit ist ja oftmals nicht sehr geeignet dazu, zu fühlen hinter jedem griechischen Wort dieses Lebendige, das da war in der griechischen Seele. Da war das Wort in der Tat mehr eine äußere Gebärde für ein volles, inhaltsvolles Erleben. Gewiß, die Imagination, das bildhafte, visionelle Vorstellen war nicht mehr in dem Grade bei den Griechen vorhanden wie im ägyptisch-chaldäischen Zeitraum. Aber den Worten merkt man noch an, daß ein Nachempfinden, ein starkes inneres Nacherfühlen in der griechischen Seele lebt von dem, was das alte imaginative Vorstellen durchweht hat. Und in das Wort drängt sich überall hinein, ich möchte sagen, ein Nichtachten des bloßen Wortes in der griechischen Sprache, ein noch Gesättigtsein von Seelenhaftigkeit. Den besten überlieferten griechischen Worten merkt man diese Seelenhaftigkeit an. Man schaut durch das Wort hindurch; man hört nicht das Wort unmittelbar, sondern schaut durch das Wort hindurch auf einen Seelenprozeß, der sich abspielt. In der Lautung und in der grammatikalischen Konfiguration der griechischen Sprache ist dieses ausgedrückt.
[ 10 ] Die griechische Sprache zeigt als Sprache überall, daß hinter dem griechischen Geistesleben dasjenige steht, was hereingeflossen ist aus den alten Imaginationen des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes. Allerdings, die heutige Menschheit ist ja oftmals nicht sehr geeignet dazu, zu fühlen hinter jedem griechischen Wort dieses Lebendige, das da war in der griechischen Seele. Da war das Wort in der Tat mehr eine äußere Gebärde für ein volles, inhaltsvolles Erleben. Gewiß, die Imagination, das bildhafte, visionelle Vorstellen war nicht mehr in dem Grade bei den Griechen vorhanden wie im ägyptisch-chaldäischen Zeitraum. Aber den Worten merkt man noch an, daß ein Nachempfinden, ein starkes inneres Nacherfühlen in der griechischen Seele lebt von dem, was das alte imaginative Vorstellen durchweht hat. Und in das Wort drängt sich überall hinein, ich möchte sagen, ein Nichtachten des bloßen Wortes in der griechischen Sprache, ein noch Gesättigtsein von Seelenhaftigkeit. Den besten überlieferten griechischen Worten merkt man diese Seelenhaftigkeit an. Man schaut durch das Wort hindurch; man hört nicht das Wort unmittelbar, sondern schaut durch das Wort hindurch auf einen Seelenprozeß, der sich abspielt. In der Lautung und in der grammatikalischen Konfiguration der griechischen Sprache ist dieses ausgedrückt.
[ 11 ] Anders ist das bei der römisch-lateinischen Sprache. Dasjenige, was Sie verfolgen können mit Bezug auf die Mythologie, ist ein Charakteristikon des lateinisch-römischen Idioms selber. Nehmen Sie die griechischen Mythen mit den Götternamen, die überliefert sind: Sie werden überall hinter den Götternamen die konkretesten mythischen Begebenheiten finden. Und wiederum in den mythischen Begebenheiten drinnen werden die Götter lebendig, so daß sie vor uns stehen, an uns vorübergehen, daß sie sich unmittelbar — vergleichsweise gesprochen — wie Fleisch und Blut, aber seelisch gemeint, uns darbieten. Nehmen Sie die Götternamen der Römer, den Saturnus, den Jupiter: fast zu abstrakten Begriffen sind sie geworden. Das, was dahintersteht im Griechentum, hat sich verloren, zu abstrakten Begriffen sind sie geworden. Und so ist es mit dem römisch-lateinischen Idiom. Vieles von dem, was hinter der griechischen Sprache liegt, hat sich verloren. Und das Wort selber, wie es lautet, wie es in der Sprache grammatikalisch sich bildet, das Wort selbst ist dasjenige geworden, auf das man die Aufmerksamkeit richtet, in dem man lebt. Das unmittelbar Seelenhafte, das kernhaft Gemütsinnige, das die griechische Sprache hat, das ist in der lateinischen Sprache selber einem Kälteren gewichen. Daher bedurfte es im lateinisch-römischen Wesen hinter der Sprache nicht jenes Nachklanges von imaginativem Leben — das war ja nicht mehr da —, sondern es bedurfte des Affektes, der Leidenschaft, der Emotion, um gewissermaßen die Worte in Bewegung zu bringen. Denn die lateinische Sprache ist im vollsten Sinne eine logische Sprache, und damit sie nicht bloß logisch kalt verläuft, muß dasjenige, was in ihr ausgedrückt wird, fortwährend angefacht werden von dem Emotionellen, das immer hinter dem römischen Leben ist und das in der ganzen römischen Geschichte lebt. Dieses ganze zweite Kapitel, das ich angeführt habe, findet sich nicht in der gleichen Art in der römisch-lateinischen Geschichte. In dieser römisch-lateinischen Geschichte sind die Dinge, die das erste große Kapitel ausfüllen, die Hauptsache. Und diese Hauptsache lernen zunächst auch unsere jungen Leute als das Tonangebende in der Welt, in der menschlichen Entwickelung. Und Juristerei zu fassen und menschliche Zusammenhänge, wie sie sich aus der Emotion herausleben, darzustellen, das ist gewissermaßen das Geheimnis der lateinischen Sprache geworden.
[ 11 ] Anders ist das bei der römisch-lateinischen Sprache. Dasjenige, was Sie verfolgen können mit Bezug auf die Mythologie, ist ein Charakteristikon des lateinisch-römischen Idioms selber. Nehmen Sie die griechischen Mythen mit den Götternamen, die überliefert sind: Sie werden überall hinter den Götternamen die konkretesten mythischen Begebenheiten finden. Und wiederum in den mythischen Begebenheiten drinnen werden die Götter lebendig, so daß sie vor uns stehen, an uns vorübergehen, daß sie sich unmittelbar — vergleichsweise gesprochen — wie Fleisch und Blut, aber seelisch gemeint, uns darbieten. Nehmen Sie die Götternamen der Römer, den Saturnus, den Jupiter: fast zu abstrakten Begriffen sind sie geworden. Das, was dahintersteht im Griechentum, hat sich verloren, zu abstrakten Begriffen sind sie geworden. Und so ist es mit dem römisch-lateinischen Idiom. Vieles von dem, was hinter der griechischen Sprache liegt, hat sich verloren. Und das Wort selber, wie es lautet, wie es in der Sprache grammatikalisch sich bildet, das Wort selbst ist dasjenige geworden, auf das man die Aufmerksamkeit richtet, in dem man lebt. Das unmittelbar Seelenhafte, das kernhaft Gemütsinnige, das die griechische Sprache hat, das ist in der lateinischen Sprache selber einem Kälteren gewichen. Daher bedurfte es im lateinisch-römischen Wesen hinter der Sprache nicht jenes Nachklanges von imaginativem Leben — das war ja nicht mehr da —, sondern es bedurfte des Affektes, der Leidenschaft, der Emotion, um gewissermaßen die Worte in Bewegung zu bringen. Denn die lateinische Sprache ist im vollsten Sinne eine logische Sprache, und damit sie nicht bloß logisch kalt verläuft, muß dasjenige, was in ihr ausgedrückt wird, fortwährend angefacht werden von dem Emotionellen, das immer hinter dem römischen Leben ist und das in der ganzen römischen Geschichte lebt. Dieses ganze zweite Kapitel, das ich angeführt habe, findet sich nicht in der gleichen Art in der römisch-lateinischen Geschichte. In dieser römisch-lateinischen Geschichte sind die Dinge, die das erste große Kapitel ausfüllen, die Hauptsache. Und diese Hauptsache lernen zunächst auch unsere jungen Leute als das Tonangebende in der Welt, in der menschlichen Entwickelung. Und Juristerei zu fassen und menschliche Zusammenhänge, wie sie sich aus der Emotion herausleben, darzustellen, das ist gewissermaßen das Geheimnis der lateinischen Sprache geworden.
[ 12 ] Man muß solche Dinge heute schon ohne Sympathie und Antipathie betrachten, wenn man sie wirklich verstehen will; denn es ist wichtig, diese Dinge zu verstehen, weil sie eine so große Rolle eben gerade in unserem Bildungsleben spielen, weil sie sich so hineingenistet haben in unser Bildungsleben. Bedenken wir, aber wie gesagt ganz ohne Sympathie und Antipathie, rein historisch, welche Dinge eigentlich aufgenommen werden von dem jugendlichen Gemüte, indem römische Geschichte studiert wird. Vieles bleibt ja unausgesprochen; aber das Unausgesprochene wird ja erst recht vom astralischen Leibe aufgenommen und lebt dann in den Empfindungen, lebt in den Gefühlen der Menschen weiter. Das, was wir heute Recht nennen, gewiß, es war in der einen oder in der anderen Weise vor der römischen Kultur da; aber so, wie wir heute das Recht verstehen, ist es gewissermaßen eine Erfindung der Römer. Jenes Recht, das sich besonders gut eignet, geschrieben zu werden, jenes Recht, das sich besonders gut eignet, in Paragraphen die Dinge abzuteilen, hübsch einzuteilen, Begriffe über- und unterzuschachteln, es ist eine Erfindung des römischen Volkes. Und warum hätten die Römer denn nicht der Welt sagen sollen, was Recht ist und wie man recht handelt? Das wird ja doch, nicht wahr, unmittelbar illustriert, warum sie das haben tun sollen, wenn man bedenkt, daß sie ihre eigene Geschichte zurückführen auf Romulus, der seinen Bruder erschlagen hatte, der alle diejenigen, die etwas ausgefressen hatten in der Nachbarschaft, zusammensammelte, um daraus die ersten römischen Bürger zu machen; daß sie zurückführen die Möglichkeit, ihr Geschlecht fortzupflanzen, auf den Raub der Sabinerinnen! Also scheint ja doch wirklich, mit Hilfe jener Macht, die dadurch schafft und wirkt, daß sie den Widerstand in der richtigen Weise betätigt, dieses Volk in der Tat berufen worden zu sein zur Erfindung des Rechts, zur Ausrottung des Unrechts, dieses Volk, das sich selbst zurückführt — die Männer auf Räuber und die Frauen auf Frauenraub! Durch den Gegensatz, durch den Kontrast erklärt sich ja mancherlei in der Weltgeschichte. Man muß diese Dinge, wie gesagt, ohne Sympathien und Antipathien betrachten, so betrachten, wie sie sind.
[ 12 ] Man muß solche Dinge heute schon ohne Sympathie und Antipathie betrachten, wenn man sie wirklich verstehen will; denn es ist wichtig, diese Dinge zu verstehen, weil sie eine so große Rolle eben gerade in unserem Bildungsleben spielen, weil sie sich so hineingenistet haben in unser Bildungsleben. Bedenken wir, aber wie gesagt ganz ohne Sympathie und Antipathie, rein historisch, welche Dinge eigentlich aufgenommen werden von dem jugendlichen Gemüte, indem römische Geschichte studiert wird. Vieles bleibt ja unausgesprochen; aber das Unausgesprochene wird ja erst recht vom astralischen Leibe aufgenommen und lebt dann in den Empfindungen, lebt in den Gefühlen der Menschen weiter. Das, was wir heute Recht nennen, gewiß, es war in der einen oder in der anderen Weise vor der römischen Kultur da; aber so, wie wir heute das Recht verstehen, ist es gewissermaßen eine Erfindung der Römer. Jenes Recht, das sich besonders gut eignet, geschrieben zu werden, jenes Recht, das sich besonders gut eignet, in Paragraphen die Dinge abzuteilen, hübsch einzuteilen, Begriffe über- und unterzuschachteln, es ist eine Erfindung des römischen Volkes. Und warum hätten die Römer denn nicht der Welt sagen sollen, was Recht ist und wie man recht handelt? Das wird ja doch, nicht wahr, unmittelbar illustriert, warum sie das haben tun sollen, wenn man bedenkt, daß sie ihre eigene Geschichte zurückführen auf Romulus, der seinen Bruder erschlagen hatte, der alle diejenigen, die etwas ausgefressen hatten in der Nachbarschaft, zusammensammelte, um daraus die ersten römischen Bürger zu machen; daß sie zurückführen die Möglichkeit, ihr Geschlecht fortzupflanzen, auf den Raub der Sabinerinnen! Also scheint ja doch wirklich, mit Hilfe jener Macht, die dadurch schafft und wirkt, daß sie den Widerstand in der richtigen Weise betätigt, dieses Volk in der Tat berufen worden zu sein zur Erfindung des Rechts, zur Ausrottung des Unrechts, dieses Volk, das sich selbst zurückführt — die Männer auf Räuber und die Frauen auf Frauenraub! Durch den Gegensatz, durch den Kontrast erklärt sich ja mancherlei in der Weltgeschichte. Man muß diese Dinge, wie gesagt, ohne Sympathien und Antipathien betrachten, so betrachten, wie sie sind.
[ 13 ] Nun gründen die Römer nach und nach ein großes Reich. Wir sehen, wie zuerst unter dem Einflusse von alter magischer Weisheit die sieben Könige wirtschaften, die mehr sind als eine bloße Mythe — das haben wir oft hervorgehoben —, wie aber zuletzt diese sieben Könige im Übermute endigen. Wir gehen dann die Zeiten der Republik durch, von denen sich die Menschheit noch immer nicht gesteht, wie wenig interessant eigentlich für einen Gegenwartsmenschen doch diese Zeiten der römischen Republik im Grunde sind. Das heißt, obwohl sie so wenig interessant sind, so wenig bedeutungsvoll für den Menschen der Gegenwart, bilden sie ja immerhin noch einen großen Teil desjenigen, womit man die Jugend heute bildet: diese Kämpfe der Patrizier und Plebejer, diese Kämpfe, die dann zu jenen Tatsachen geführt haben, innerhalb welcher wir den wenig erfreulichen Streit zwischen Marius und Sulla sehen, in welchem wir sehen, wie Rom erzittert vor dem Catilina, sehen die unendliche Reihe von Sklavenkämpfen der furchtbarsten Art. Diese ganze Reihe, sie steht heute vielfach da als das Bildungsmittel für unsere Jugend.
[ 13 ] Nun gründen die Römer nach und nach ein großes Reich. Wir sehen, wie zuerst unter dem Einflusse von alter magischer Weisheit die sieben Könige wirtschaften, die mehr sind als eine bloße Mythe — das haben wir oft hervorgehoben —, wie aber zuletzt diese sieben Könige im Übermute endigen. Wir gehen dann die Zeiten der Republik durch, von denen sich die Menschheit noch immer nicht gesteht, wie wenig interessant eigentlich für einen Gegenwartsmenschen doch diese Zeiten der römischen Republik im Grunde sind. Das heißt, obwohl sie so wenig interessant sind, so wenig bedeutungsvoll für den Menschen der Gegenwart, bilden sie ja immerhin noch einen großen Teil desjenigen, womit man die Jugend heute bildet: diese Kämpfe der Patrizier und Plebejer, diese Kämpfe, die dann zu jenen Tatsachen geführt haben, innerhalb welcher wir den wenig erfreulichen Streit zwischen Marius und Sulla sehen, in welchem wir sehen, wie Rom erzittert vor dem Catilina, sehen die unendliche Reihe von Sklavenkämpfen der furchtbarsten Art. Diese ganze Reihe, sie steht heute vielfach da als das Bildungsmittel für unsere Jugend.
[ 14 ] Und dann sehen wir, während sich das auf dem römischen Boden selber zuträgt, dieses Römertum sich immer mehr und mehr ausbreiten, so daß es zum Imperium wird, gewissermaßen die ganze damalige bekannte Welt zu umfassen strebt und nach und nach auch wirklich umfaßt. Aber wir sehen, wie der Römer sich allein fühlt, fühlt in einer Weise, bei der man manchmal nicht recht nachdenkt, wenn man sie heute überblickt. Wie gut stimmen die Taten, nun, sagen wir eines Caracalla oder anderer, zu der Erfindung des Rechtes für die Menschheit? Man beachtet heute viel zuwenig, wie diese Römer Recht und Macht auf sich vereinigt haben bei furchtbarster Knechtung ihrer Kolonien und furchtbarster Knechtung derjenigen Völker, über die sie nach und nach ihre Eroberung ausgedehnt haben. Aber da die Geschichte Roms so bekannt ist, ist es doch gut — weil es leicht ist —, sie von einem reiferen Standpunkt, den man schon einnehmen kann, einmal zu durchschauen. Man wird dann gewiß nichts in den Darstellungen zu korrigieren haben, denn die werden schon richtig gegeben in der Geschichte, aber man wird manches an den Gefühlen, die man dabei einzusaugen gekriegt hat, zu korrigieren haben. Man kann allerdings Gefühle korrigieren; denn man könnte ja zum Beispiel sagen, wenn man nicht ohne Sympathie oder Antipathie die ganze Sache betrachtet, sondern mit der sehr häufigen Sympathie und Antipathie: Ja, aber haben denn die Römer nicht aus sich heraus später das römische Bürgerrecht den Bewohnern ihrer Kolonien gegeben? — Nun, auf die Motive geschaut, nimmt sich das doch sonderbar aus, denn der Caracalla war es, dem man sehr selbstlose Motive nicht gerade zuzutrauen hat, sondern römisch-egoistische Motive, der den Kolonisten das römische Bürgerrecht gegeben hat. Das spricht genug für die Art und Weise, wie die Seelen lebten im alten Römertum. Es gab allerdings edle Juristen, die mit Seelenhaftigkeit sich der Jurisprudenz gewidmet haben, wie zum Beispiel den Papinian, ein edler Mann; aber Caracalla hat ihn hinmorden lassen. Und so könnte man noch viele Beispiele anführen, die schon zu einer Korrektur der Empfindung führen würden.
[ 14 ] Und dann sehen wir, während sich das auf dem römischen Boden selber zuträgt, dieses Römertum sich immer mehr und mehr ausbreiten, so daß es zum Imperium wird, gewissermaßen die ganze damalige bekannte Welt zu umfassen strebt und nach und nach auch wirklich umfaßt. Aber wir sehen, wie der Römer sich allein fühlt, fühlt in einer Weise, bei der man manchmal nicht recht nachdenkt, wenn man sie heute überblickt. Wie gut stimmen die Taten, nun, sagen wir eines Caracalla oder anderer, zu der Erfindung des Rechtes für die Menschheit? Man beachtet heute viel zuwenig, wie diese Römer Recht und Macht auf sich vereinigt haben bei furchtbarster Knechtung ihrer Kolonien und furchtbarster Knechtung derjenigen Völker, über die sie nach und nach ihre Eroberung ausgedehnt haben. Aber da die Geschichte Roms so bekannt ist, ist es doch gut — weil es leicht ist —, sie von einem reiferen Standpunkt, den man schon einnehmen kann, einmal zu durchschauen. Man wird dann gewiß nichts in den Darstellungen zu korrigieren haben, denn die werden schon richtig gegeben in der Geschichte, aber man wird manches an den Gefühlen, die man dabei einzusaugen gekriegt hat, zu korrigieren haben. Man kann allerdings Gefühle korrigieren; denn man könnte ja zum Beispiel sagen, wenn man nicht ohne Sympathie oder Antipathie die ganze Sache betrachtet, sondern mit der sehr häufigen Sympathie und Antipathie: Ja, aber haben denn die Römer nicht aus sich heraus später das römische Bürgerrecht den Bewohnern ihrer Kolonien gegeben? — Nun, auf die Motive geschaut, nimmt sich das doch sonderbar aus, denn der Caracalla war es, dem man sehr selbstlose Motive nicht gerade zuzutrauen hat, sondern römisch-egoistische Motive, der den Kolonisten das römische Bürgerrecht gegeben hat. Das spricht genug für die Art und Weise, wie die Seelen lebten im alten Römertum. Es gab allerdings edle Juristen, die mit Seelenhaftigkeit sich der Jurisprudenz gewidmet haben, wie zum Beispiel den Papinian, ein edler Mann; aber Caracalla hat ihn hinmorden lassen. Und so könnte man noch viele Beispiele anführen, die schon zu einer Korrektur der Empfindung führen würden.
[ 15 ] Herübergenommen in der Weise, wie es eben konnte, hat das Römertum das Griechentum. Das Griechentum floß ein in das Römertum. Geistig ist durchaus das Römertum von dem Griechentum überwunden worden. Aber das Griechentum mußte diese Überwindung mit seinem Untergang bezahlen, mit seinem Untergang als politische, man kann nicht sagen Einheit, denn die Griechen waren nie eine politische Einheit, sondern als politische Gemeinschaft, mit seinem Untergang als politische Gemeinschaft. Bossuet sagt mit Recht, allerdings indem er seine Bewunderung an diese Worte knüpft, aber Worte können ja richtig sein und man kann sie in verschiedener Weise empfinden: Das einzige, wovon man reden hört, ist die Größe des römischen Namens. Gerade in den besten Zeiten des Römertums ist es die Größe des römischen Namens, das, was in das Wort ausgeflossen ist, das, was das Wort als solches, als Eigenschaft fühlt und empfindet. Und so zeigt denn auch, sozial gefaßt, das Römertum ungeheuren Reichtum, der aus den Kolonien zusammenfließt in Rom, und daneben ungeheure Armut eines großen Teiles der Bevölkerung.
[ 15 ] Herübergenommen in der Weise, wie es eben konnte, hat das Römertum das Griechentum. Das Griechentum floß ein in das Römertum. Geistig ist durchaus das Römertum von dem Griechentum überwunden worden. Aber das Griechentum mußte diese Überwindung mit seinem Untergang bezahlen, mit seinem Untergang als politische, man kann nicht sagen Einheit, denn die Griechen waren nie eine politische Einheit, sondern als politische Gemeinschaft, mit seinem Untergang als politische Gemeinschaft. Bossuet sagt mit Recht, allerdings indem er seine Bewunderung an diese Worte knüpft, aber Worte können ja richtig sein und man kann sie in verschiedener Weise empfinden: Das einzige, wovon man reden hört, ist die Größe des römischen Namens. Gerade in den besten Zeiten des Römertums ist es die Größe des römischen Namens, das, was in das Wort ausgeflossen ist, das, was das Wort als solches, als Eigenschaft fühlt und empfindet. Und so zeigt denn auch, sozial gefaßt, das Römertum ungeheuren Reichtum, der aus den Kolonien zusammenfließt in Rom, und daneben ungeheure Armut eines großen Teiles der Bevölkerung.
[ 16 ] In der ersten Zeit der Eroberung nimmt das Römertum das Griechentum hinüber. Dann sehen wir, wie in das Römertum sich vorschiebt das Christentum, wie das Christentum sich in das Römertum hineinschiebt und wie das Christentum seinerseits über sich ergehen lassen muß das Formale, das da liegt in dem römischen Wesen. Man könnte sagen: Hinein wächst alles das, was Institution ist des ersten Christentums, in die Struktur des römischen Juristisch-Verwaltungsmäßigen. Und so wird das alte Römertum in der Kirchenbildung konserviert, bewahrt. Dieses Kirchentum zeigt in seinen Institutionen gerade in allem die Formen, die aus dem Römertum heraus gebildet sind, nimmt auch die lateinische Sprache auf, um in der lateinischen Sprache zu denken und damit, mit der Ausbreitung des Christentums, das römisch-lateinische Wesen über Europa mit auszubreiten. Allerdings, als dann das Römertum aufgenommen hatte Griechentum und Christentum, kam eine Zeit, wo man empfand, daß man eigentlich das Aufgenommene nicht versteht, wo man es nicht wollte, wo man es wie einen Fremdkörper empfand. Zunächst wirkte es mächtig in der Zeit, als man das Griechentum eroberte; aber allmählich fühlte sich das Römertum in seinem juristischen, politischen Wesen erstarkt und empfand in den Formen drinnen das Griechentum als etwas, was man nicht mehr haben wollte. Und eine Folge davon ist ja, daß dann im 6. Jahrhundert der oströmische Kaiser Justinian, der das ganze politisch-juristische Wesen des Römertums kodifizieren ließ im Corpus juris civilis, so daß alles beieinander war, was gerade im politisch-juristischen Wesen das Römertum hervorgebracht hat, daß Justinian, der wie eine Inkarnation des römisch-lateinischen Wesens war, trotzdem er drüben im oströmischen Reiche herrschte, daß er es war, der die athenischen Philosophenschulen nun endgültig schloß, auflöste und die griechische Philosophie ertötete, ihren Betrieb nicht mehr gestattete. Er war es, der auch die ursprüngliche freie Entfaltung des christlichen Wesens ertötete, indem er hauptsächlich es bewirkte, daß Origenes, der die Weisheit des Griechentums verbunden hat mit der Tiefe des Christentums, der noch okkultes, also halb geisteswissenschaftliches Gut in das Christentum hineingebracht hat, von der Kirche verdammt wurde. Es bewirkte dieses Justinian.
[ 16 ] In der ersten Zeit der Eroberung nimmt das Römertum das Griechentum hinüber. Dann sehen wir, wie in das Römertum sich vorschiebt das Christentum, wie das Christentum sich in das Römertum hineinschiebt und wie das Christentum seinerseits über sich ergehen lassen muß das Formale, das da liegt in dem römischen Wesen. Man könnte sagen: Hinein wächst alles das, was Institution ist des ersten Christentums, in die Struktur des römischen Juristisch-Verwaltungsmäßigen. Und so wird das alte Römertum in der Kirchenbildung konserviert, bewahrt. Dieses Kirchentum zeigt in seinen Institutionen gerade in allem die Formen, die aus dem Römertum heraus gebildet sind, nimmt auch die lateinische Sprache auf, um in der lateinischen Sprache zu denken und damit, mit der Ausbreitung des Christentums, das römisch-lateinische Wesen über Europa mit auszubreiten. Allerdings, als dann das Römertum aufgenommen hatte Griechentum und Christentum, kam eine Zeit, wo man empfand, daß man eigentlich das Aufgenommene nicht versteht, wo man es nicht wollte, wo man es wie einen Fremdkörper empfand. Zunächst wirkte es mächtig in der Zeit, als man das Griechentum eroberte; aber allmählich fühlte sich das Römertum in seinem juristischen, politischen Wesen erstarkt und empfand in den Formen drinnen das Griechentum als etwas, was man nicht mehr haben wollte. Und eine Folge davon ist ja, daß dann im 6. Jahrhundert der oströmische Kaiser Justinian, der das ganze politisch-juristische Wesen des Römertums kodifizieren ließ im Corpus juris civilis, so daß alles beieinander war, was gerade im politisch-juristischen Wesen das Römertum hervorgebracht hat, daß Justinian, der wie eine Inkarnation des römisch-lateinischen Wesens war, trotzdem er drüben im oströmischen Reiche herrschte, daß er es war, der die athenischen Philosophenschulen nun endgültig schloß, auflöste und die griechische Philosophie ertötete, ihren Betrieb nicht mehr gestattete. Er war es, der auch die ursprüngliche freie Entfaltung des christlichen Wesens ertötete, indem er hauptsächlich es bewirkte, daß Origenes, der die Weisheit des Griechentums verbunden hat mit der Tiefe des Christentums, der noch okkultes, also halb geisteswissenschaftliches Gut in das Christentum hineingebracht hat, von der Kirche verdammt wurde. Es bewirkte dieses Justinian.
[ 17 ] Und so sehen wir, wie ausfließt in die Institutionen Europas das Römertum auf dem Umwege durch die Kirche, der sich dann die anderen politischen Institutionen anpassen, gewissermaßen sich aus ihr ergeben, indem die Herrscher ein besonderes Gewicht darauf legen, sich zu nennen «Defensor fidei» — wenn sie auch nachher, als sie sich scheiden lassen wollten, diesen Titel ablegten und eine eigene Kirche gründeten! Nun ja, diese Dinge betrachtet man nicht immer so mit aller Gründlichkeit. Also solche Herrscher, sie nennen sich Defensor fidei, sie nennen sich den «allerchristlichsten König» und so weiter. Die Institutionen des öffentlichen Lebens entwickeln sich herein aus dem Römertum. Das Römertum infiziert gewissermaßen alles, impft sein Wesen der europäischen Bildung ein. Und so sehen wir denn, wie in den europäischen Institutionen, nachdem Justinian den großen Kodex des römisch-juristisch-politischen Denkens angelegt hatte, nachdem er die griechische Philosophie ausgerottet hatte, nachdem er den Origenes hat verdammen lassen, so sehen wir, wie fortlebt in Europa das Römertum ohne den Inhalt des Griechentums; wie gewissermaßen das Äußerliche, das im Wort erstarrt und in der äußeren Institution erstarkt, bleibt, wie das fortlebt, und wie es herausgedrängt hat das inhaltsvolle, geistig vollsaftige Griechentum.
[ 17 ] Und so sehen wir, wie ausfließt in die Institutionen Europas das Römertum auf dem Umwege durch die Kirche, der sich dann die anderen politischen Institutionen anpassen, gewissermaßen sich aus ihr ergeben, indem die Herrscher ein besonderes Gewicht darauf legen, sich zu nennen «Defensor fidei» — wenn sie auch nachher, als sie sich scheiden lassen wollten, diesen Titel ablegten und eine eigene Kirche gründeten! Nun ja, diese Dinge betrachtet man nicht immer so mit aller Gründlichkeit. Also solche Herrscher, sie nennen sich Defensor fidei, sie nennen sich den «allerchristlichsten König» und so weiter. Die Institutionen des öffentlichen Lebens entwickeln sich herein aus dem Römertum. Das Römertum infiziert gewissermaßen alles, impft sein Wesen der europäischen Bildung ein. Und so sehen wir denn, wie in den europäischen Institutionen, nachdem Justinian den großen Kodex des römisch-juristisch-politischen Denkens angelegt hatte, nachdem er die griechische Philosophie ausgerottet hatte, nachdem er den Origenes hat verdammen lassen, so sehen wir, wie fortlebt in Europa das Römertum ohne den Inhalt des Griechentums; wie gewissermaßen das Äußerliche, das im Wort erstarrt und in der äußeren Institution erstarkt, bleibt, wie das fortlebt, und wie es herausgedrängt hat das inhaltsvolle, geistig vollsaftige Griechentum.
[ 18 ] Die einsichtigen Okkultisten aller Jahrhunderte haben daher immer ein gewisses Gefühl gehabt, das sie erhalten haben, das einstimmig ist unter denjenigen, die es nicht kaschieren wollen aus gewissen Gründen heraus; sie haben das rechte Gefühl gehabt, daß fortlebte auf vielen Gebieten, wie man sagte, das Gespenst, der «Revenant» des alten Römertums in den europäischen Institutionen.
[ 18 ] Die einsichtigen Okkultisten aller Jahrhunderte haben daher immer ein gewisses Gefühl gehabt, das sie erhalten haben, das einstimmig ist unter denjenigen, die es nicht kaschieren wollen aus gewissen Gründen heraus; sie haben das rechte Gefühl gehabt, daß fortlebte auf vielen Gebieten, wie man sagte, das Gespenst, der «Revenant» des alten Römertums in den europäischen Institutionen.
[ 19 ] Aber wir sehen immer wieder und wiederum, wie ins Folgende das Vorhergehende hineinspielt, wie es wieder auflebt. Und so sehen wir, daß noch ein zweites Mal das Römertum von dem Griechentum befruchtet wird. Das erste Mal war es ja in der Zeit, als die Republik sich ins Kaisertum hinüberentwickelte in Rom, wo griechische Kunst, griechische Philosophie, griechisches Geistesleben hinüberfloß nach Rom, wo gewissermaßen die Römer das Griechentum lebten. Sie verhielten sich ja wie die großen Herren und machten es sich leicht, dieses Griechentum herüberzunehmen: die philosophisch gebildeten Griechen wurden großenteils als Erzieher der Söhne römischer Bürger angestellt, als Sklaven eigentlich. So erhält man eine Kultur, die man überwunden hat, so nimmt man sie herüber nach römischen Begriffen.
[ 19 ] Aber wir sehen immer wieder und wiederum, wie ins Folgende das Vorhergehende hineinspielt, wie es wieder auflebt. Und so sehen wir, daß noch ein zweites Mal das Römertum von dem Griechentum befruchtet wird. Das erste Mal war es ja in der Zeit, als die Republik sich ins Kaisertum hinüberentwickelte in Rom, wo griechische Kunst, griechische Philosophie, griechisches Geistesleben hinüberfloß nach Rom, wo gewissermaßen die Römer das Griechentum lebten. Sie verhielten sich ja wie die großen Herren und machten es sich leicht, dieses Griechentum herüberzunehmen: die philosophisch gebildeten Griechen wurden großenteils als Erzieher der Söhne römischer Bürger angestellt, als Sklaven eigentlich. So erhält man eine Kultur, die man überwunden hat, so nimmt man sie herüber nach römischen Begriffen.
[ 20 ] Dann wiederum folgt eine besondere Epoche nach einer Epoche der Stagnation, nach einer Epoche, von der die Geschichte sogar nur weniges verzeichnet, weil diese Epoche lebte in einer verkirchlichten Jurisprudenz und judiziell gewordenen Kirche, in einer verpolitisierten Kirche; dann folgte wie ein Wiederaufleben des Griechentums die Zeit von Dante bis zum Untergang der florentinischen Freiheit, die Zeit, die wir bezeichnen als die Zeit der Renaissance, wo das Griechentum wiederum auflebt im Römertum, wo die Römer wiederum griechisch werden, wo insbesondere Raffael und die anderen, in deren Mitte Raffael steht, Griechisches wiederum aufleben lassen im Römertum. Aber es ist eine Renaissance; es ist keine Naissance, es ist eine Renaissance. Und lange genug mußte Europa zurückblicken zu dieser Renaissance. Als Goethe nach Italien ging, suchte er nicht römisches Wesen auf studieren Sie das, was Goethe in Italien erlebte; was suchte er? Griechisches Wesen in Italien! Überall suchte er durch das Römertum hindurch griechische Art und Weise zu erkennen. Wahrhaftig, so zusammenwachsen vergleichsweise — ich will das mehr als Bild sagen, was ich jetzt sagen werde —, so zusammenwachsen konnten wiederum in der Renaissance Griechentum und Christentum, daß jetzt die Nachwelt gar nicht mehr unterscheiden kann Griechentum und Christentum in den Schöpfungen der Renaissance. Gestritten wird, wie ich Ihnen öfter schon gesagt habe, ob das berühmte Bild Raffaels «Die Schule von Athen», wie es genannt wird, wirklich in den Mittelfiguren Plato und Aristoteles darstelle, oder ob es darstellt Petrus und Paulus. Für das eine wie für das andere sprechen gewichtige Gründe; das eine wie das andere wurde vertreten, so daß an einem der hervorragendsten der Bilder nicht zu unterscheiden ist, ob man es mit griechischen oder mit christlichen Gestalten zu tun hat. Aber es ist eben so zusammengewachsen, daß jene wunderbare Ehe, welche im griechischen Geistesleben geschlossen war zwischen dem Geistigen und dem Materiellen, daß jene wunderbare Ehe sich ebenso ausdrücken läßt durch Plato und Aristoteles, wie durch Petrus und Paulus. In dem Plato, den manche sehen wollen in dem Bilde, das man «Die Schule von Athen» nennt, sehen wir den Greis, der hinaufhebt die Hand ins himmlische Reich, neben ihm stehend Aristoteles mit seiner begrifflichen Welt, hinunterweisend nach der materiellen Welt, um den Geist in der Materie zu suchen. Ebensogut kann man in dem Hinaufweisenden den Petrus, in dem Hinunterweisenden den Paulus sehen. Aber immer ist während dieser Renaissance rechtmäßig die Sache auf zwei Personen verteilt.
[ 20 ] Dann wiederum folgt eine besondere Epoche nach einer Epoche der Stagnation, nach einer Epoche, von der die Geschichte sogar nur weniges verzeichnet, weil diese Epoche lebte in einer verkirchlichten Jurisprudenz und judiziell gewordenen Kirche, in einer verpolitisierten Kirche; dann folgte wie ein Wiederaufleben des Griechentums die Zeit von Dante bis zum Untergang der florentinischen Freiheit, die Zeit, die wir bezeichnen als die Zeit der Renaissance, wo das Griechentum wiederum auflebt im Römertum, wo die Römer wiederum griechisch werden, wo insbesondere Raffael und die anderen, in deren Mitte Raffael steht, Griechisches wiederum aufleben lassen im Römertum. Aber es ist eine Renaissance; es ist keine Naissance, es ist eine Renaissance. Und lange genug mußte Europa zurückblicken zu dieser Renaissance. Als Goethe nach Italien ging, suchte er nicht römisches Wesen auf studieren Sie das, was Goethe in Italien erlebte; was suchte er? Griechisches Wesen in Italien! Überall suchte er durch das Römertum hindurch griechische Art und Weise zu erkennen. Wahrhaftig, so zusammenwachsen vergleichsweise — ich will das mehr als Bild sagen, was ich jetzt sagen werde —, so zusammenwachsen konnten wiederum in der Renaissance Griechentum und Christentum, daß jetzt die Nachwelt gar nicht mehr unterscheiden kann Griechentum und Christentum in den Schöpfungen der Renaissance. Gestritten wird, wie ich Ihnen öfter schon gesagt habe, ob das berühmte Bild Raffaels «Die Schule von Athen», wie es genannt wird, wirklich in den Mittelfiguren Plato und Aristoteles darstelle, oder ob es darstellt Petrus und Paulus. Für das eine wie für das andere sprechen gewichtige Gründe; das eine wie das andere wurde vertreten, so daß an einem der hervorragendsten der Bilder nicht zu unterscheiden ist, ob man es mit griechischen oder mit christlichen Gestalten zu tun hat. Aber es ist eben so zusammengewachsen, daß jene wunderbare Ehe, welche im griechischen Geistesleben geschlossen war zwischen dem Geistigen und dem Materiellen, daß jene wunderbare Ehe sich ebenso ausdrücken läßt durch Plato und Aristoteles, wie durch Petrus und Paulus. In dem Plato, den manche sehen wollen in dem Bilde, das man «Die Schule von Athen» nennt, sehen wir den Greis, der hinaufhebt die Hand ins himmlische Reich, neben ihm stehend Aristoteles mit seiner begrifflichen Welt, hinunterweisend nach der materiellen Welt, um den Geist in der Materie zu suchen. Ebensogut kann man in dem Hinaufweisenden den Petrus, in dem Hinunterweisenden den Paulus sehen. Aber immer ist während dieser Renaissance rechtmäßig die Sache auf zwei Personen verteilt.
[ 21 ] Gegenüber der Renaissance, die ein Wiederaufleben des Griechentums war, muß etwas Ursprüngliches wieder kommen. Das kann nur kommen durch Synthese, durch die höhere Synthese. Sie ist dadurch gegeben, daß in derselben Person die eine wie die andere Geste sein wird: die Geste hinauf zum Himmlischen, die Geste hinunter zum Irdischen. Dann braucht man allerdings das Luziferische und das Ahrimanische, einander kontrastierend. Was Sie sehen in einem der größten Kunstwerke der Renaissance auf zwei Personen verteilt, müssen Sie in unserer Gruppe, die geschaffen werden soll, sehen in der einen Person des Menschheitsrepräsentanten: die eine wie die andere Geste!
[ 21 ] Gegenüber der Renaissance, die ein Wiederaufleben des Griechentums war, muß etwas Ursprüngliches wieder kommen. Das kann nur kommen durch Synthese, durch die höhere Synthese. Sie ist dadurch gegeben, daß in derselben Person die eine wie die andere Geste sein wird: die Geste hinauf zum Himmlischen, die Geste hinunter zum Irdischen. Dann braucht man allerdings das Luziferische und das Ahrimanische, einander kontrastierend. Was Sie sehen in einem der größten Kunstwerke der Renaissance auf zwei Personen verteilt, müssen Sie in unserer Gruppe, die geschaffen werden soll, sehen in der einen Person des Menschheitsrepräsentanten: die eine wie die andere Geste!
[ 22 ] Es brauchte das Mittelalter oder die beginnende Neuzeit diese Renaissance, dieses Wiederaufleben des Griechentums. Und wie viel schreibt sich doch an lebendigem Leben, wie es seither verflossen ist, von dieser Renaissance her! Wir sehen, wie bei einem Philosophen wie Nietzsche diese Renaissance wieder auflebt in seinen besten Jahren; wir sehen, wie sie aus der Gelehrsamkeit des Jacob Burckhardt heraussprießt in einer so wunderbaren Weise. Bis in die neueste Zeit wirkt sie nach, diese Renaissance, und sie stellt sich wie etwas aus der früheren griechischen Zeit Herübergehendes hinein in diese neuere Zeit. Man kann sagen: Das Griechentum ist äußerlich vernichtet worden von dem Römertum, aber viele Sprossen griechischer Geisteskräfte sind geblieben. Ungefähr bis zum Jahre 333 — denn Justinian hat nur noch den Sarg vernagelt, der zu zimmern begonnen wurde seit dem 4. Jahrhundert — haben sie noch gereicht, hereingereicht, diese griechischen Geisteshelden. Und so wie zurückgebliebene Triebe der geistigen Welt kommen sie wieder hervor in der Renaissancezeit. Man möchte sagen: Wie in der großen Evolution gewisse Mondenkräfte zu einer bestimmten Zeit wiederum aufleuchten, ohne deren Aufleuchten die menschliche Vernunft und die menschliche Sprache nicht hätten geboren werden können, so leuchtet das Griechentum wie ein zurückgebliebener Faktor wiederum auf im 15., 16. Jahrhundert und bildet die Renaissance. Da haben wir ein lebendiges Beispiel, wie dasjenige, was zurückgeblieben ist und was in einer späteren Zeit dennoch als Luziferisches wirkt, zum Fortschritte der Menschheit gewendet wird in der Gesamtvernunft des Werdens. Gewiß, das zurückgebliebene Griechentum, das in der Renaissance erscheint, man kann es als etwas Luziferisches ansprechen, und es hat ja alle Nebenerscheinungen von Luziferischem erzeugt, wenn wir neben den Gestalten von Leonardo, von Michelangelo, von Raffael solche Gestalten sehen wie Alexander VI., den Papst, oder wie Cesare Borgia und die anderen, die als die Begleiterscheinung dieser Renaissance erscheinen.
[ 22 ] Es brauchte das Mittelalter oder die beginnende Neuzeit diese Renaissance, dieses Wiederaufleben des Griechentums. Und wie viel schreibt sich doch an lebendigem Leben, wie es seither verflossen ist, von dieser Renaissance her! Wir sehen, wie bei einem Philosophen wie Nietzsche diese Renaissance wieder auflebt in seinen besten Jahren; wir sehen, wie sie aus der Gelehrsamkeit des Jacob Burckhardt heraussprießt in einer so wunderbaren Weise. Bis in die neueste Zeit wirkt sie nach, diese Renaissance, und sie stellt sich wie etwas aus der früheren griechischen Zeit Herübergehendes hinein in diese neuere Zeit. Man kann sagen: Das Griechentum ist äußerlich vernichtet worden von dem Römertum, aber viele Sprossen griechischer Geisteskräfte sind geblieben. Ungefähr bis zum Jahre 333 — denn Justinian hat nur noch den Sarg vernagelt, der zu zimmern begonnen wurde seit dem 4. Jahrhundert — haben sie noch gereicht, hereingereicht, diese griechischen Geisteshelden. Und so wie zurückgebliebene Triebe der geistigen Welt kommen sie wieder hervor in der Renaissancezeit. Man möchte sagen: Wie in der großen Evolution gewisse Mondenkräfte zu einer bestimmten Zeit wiederum aufleuchten, ohne deren Aufleuchten die menschliche Vernunft und die menschliche Sprache nicht hätten geboren werden können, so leuchtet das Griechentum wie ein zurückgebliebener Faktor wiederum auf im 15., 16. Jahrhundert und bildet die Renaissance. Da haben wir ein lebendiges Beispiel, wie dasjenige, was zurückgeblieben ist und was in einer späteren Zeit dennoch als Luziferisches wirkt, zum Fortschritte der Menschheit gewendet wird in der Gesamtvernunft des Werdens. Gewiß, das zurückgebliebene Griechentum, das in der Renaissance erscheint, man kann es als etwas Luziferisches ansprechen, und es hat ja alle Nebenerscheinungen von Luziferischem erzeugt, wenn wir neben den Gestalten von Leonardo, von Michelangelo, von Raffael solche Gestalten sehen wie Alexander VI., den Papst, oder wie Cesare Borgia und die anderen, die als die Begleiterscheinung dieser Renaissance erscheinen.
[ 23 ] Europa brauchte diese Renaissance, denn diese Renaissance bot Europa recht, recht viel. Und so haben wir denn wiederum, vom 15., 16. Jahrhundert ab erst recht, wenn auch jetzt in einer verhüllteren Gestalt, die beiden Strömungen: die eine, die wieder erneuert war in der Renaissance, die andere, die eigentlich immer fortgewirkt hat und geblieben ist im Romanismus, die nur die mannigfaltigsten Formen und Veränderungen durchgemacht hat. Und so laufen sie in der neueren Zeit wiederum nebeneinander, die beiden Strömungen, tief einschneidend nebeneinander, haben eine außerordentlich große Bedeutung. Und man muß, wenn man so etwas bespricht, sich schon bekanntmachen mit einer Lebens- und Weltenauffassung, die imstande ist, nicht bei den Worten gleich Sympathien und Antipathien zu empfinden, sondern objektiv zu charakterisieren, wirklich die Dinge anzusehen.
[ 23 ] Europa brauchte diese Renaissance, denn diese Renaissance bot Europa recht, recht viel. Und so haben wir denn wiederum, vom 15., 16. Jahrhundert ab erst recht, wenn auch jetzt in einer verhüllteren Gestalt, die beiden Strömungen: die eine, die wieder erneuert war in der Renaissance, die andere, die eigentlich immer fortgewirkt hat und geblieben ist im Romanismus, die nur die mannigfaltigsten Formen und Veränderungen durchgemacht hat. Und so laufen sie in der neueren Zeit wiederum nebeneinander, die beiden Strömungen, tief einschneidend nebeneinander, haben eine außerordentlich große Bedeutung. Und man muß, wenn man so etwas bespricht, sich schon bekanntmachen mit einer Lebens- und Weltenauffassung, die imstande ist, nicht bei den Worten gleich Sympathien und Antipathien zu empfinden, sondern objektiv zu charakterisieren, wirklich die Dinge anzusehen.
[ 24 ] Wir haben viele Renaissancevorstellungen, viele Renaissancebegriffe, die weniger auf dem Wege der Schulung der Jugend als auf dem Wege des mehr geistigen Lebens zu den Menschen kommen. Wiederum weiß man von diesen Sachen nicht viel; aber sie leben bei jedem, diese Renaissancebegriffe, und sie sind ein anderes Element als das, was eigentlich nie verschwunden ist, sondern sich immer nur fortgebildet hat als die Begriffe und Anschauungen des Romanismus. Eine Art imaginativen Elementes, eine Rettung des imaginativen Elementes liegt in der Renaissance, ein Sich-Entwinden dem bloßen Logischen, ein Sich-Entwinden dem Kalten des Latinismus, der den emotionellen Nachschub immer braucht, um sich zu beleben, weil er in sich selber kalt ist.
[ 24 ] Wir haben viele Renaissancevorstellungen, viele Renaissancebegriffe, die weniger auf dem Wege der Schulung der Jugend als auf dem Wege des mehr geistigen Lebens zu den Menschen kommen. Wiederum weiß man von diesen Sachen nicht viel; aber sie leben bei jedem, diese Renaissancebegriffe, und sie sind ein anderes Element als das, was eigentlich nie verschwunden ist, sondern sich immer nur fortgebildet hat als die Begriffe und Anschauungen des Romanismus. Eine Art imaginativen Elementes, eine Rettung des imaginativen Elementes liegt in der Renaissance, ein Sich-Entwinden dem bloßen Logischen, ein Sich-Entwinden dem Kalten des Latinismus, der den emotionellen Nachschub immer braucht, um sich zu beleben, weil er in sich selber kalt ist.
[ 25 ] Dem stellt sich alles das gegenüber, was als erhebendes Lebenselement durch die Renaissance wiederum Europa zugefügt worden ist: imaginatives Leben. Und dieses imaginative Leben mußte ja herübergebracht werden aus dem Griechentum; denn wir werden morgen sehen, was gerade das bedeutete, daß angefacht wurde imaginatives Leben, schon als die neue Zeit begann, schon als der vierte in den fünften nachatlantischen Zeitraum herüberwuchs; was es bedeutete, daß die Renaissance gewissermaßen Pate gestanden hat bei der Geburt des fünften nachatlantischen Zeitraums. Dieser fünfte nachatlantische Zeitraum muß sich entwinden — indem er nicht gleich wiederum eben allerlei Gefühlsbegriffe anwendet, sondern indem er erkennt, er muß sich entwinden dem Romanismus, in der Bedeutung, wie wir versuchten, es heute zu schildern. Die Größe dieses Romanismus wird ja dadurch nicht verkleinert. Aber in dem Gleichklang, in dem Waagehalten und richtigen Abwägen liegt das Heil der Evolution, nicht in dem Sich-Wenden zu dem einen oder zu dem anderen einseitigen Extrem. Viele Begriffe leben innerhalb der europäischen Menschheit, die Verführer und Versucher sind, weil sie vom römisch-lateinischen Wesen geblieben sind, und weil sie wie versucherische Begriffe leben, indem sie einen Begriffs- und Empfindungskomplex in die Seele hereinbringen, dessen man sich nicht immer vollständig bewußt ist. Gewiß — ich wies schon darauf hin —, man kann nicht sagen, die Römer hätten das politisch-judizielle Element völlig erfunden; aber in der Art haben sie es doch erfunden, wie wir es heute charakterisieren wollten. Und gegenüber dem, was der Grieche an den Menschen gesehen hat aus seinen lebendigen Imaginationen oder beziehungsweise aus den Erbschaften aus lebendigen Imaginationen heraus, hat der Romanismus einen bestimmten Begriff gebildet, der in dieser Bedeutung erst im Romanismus auflebt und der eine Pflanze ist, die ganz aus juristisch-politischem Boden herauswächst, wenn man die Sache richtig versteht: das ist der Begriff des römischen Civis, des römischen Bürgers; der Mensch wird zum Civis, zum römischen Bürger. Damit wird dem Menschenbegriff ein Politisch- Juristisches beigefügt, eingefügt dem Menschenbegriffe ein juristisch-politisches Element. Und mit dem, was ich das letzte Mal als Politisierung der Begriffswelt bezeichnet habe, hängt das, was ins Blut der europäischen Völker übergegangen ist mit dem Civisbegriffe, innig zusammen. Und es hat Juristen gegeben in der neueren Zeit, welche die Zusammengehörigkeit der neueren Menschheit mit dem Römertum einfach auf den Civisbegriff gründeten, durch den, wenn er lebendig empfunden wird, sich der Mensch hineinstellt auf politisch-juristische Weise in seine Gemeinschaft. Wenn er es sich auch nicht gesteht, mit diesem Begriffe stellt er sich auf politisch-juristische Weise in die Menschheit hinein. Von «Zoon politikon» sprach noch Aristoteles; er setzte das Politische noch mit dem Zoon, mit dem Tiere zusammen. Ja, das war überhaupt noch ein ganz anderes, imaginatives Denken, das war noch nicht ein politisches Denken; das war noch nicht ein Politisieren der Begriffe.
[ 25 ] Dem stellt sich alles das gegenüber, was als erhebendes Lebenselement durch die Renaissance wiederum Europa zugefügt worden ist: imaginatives Leben. Und dieses imaginative Leben mußte ja herübergebracht werden aus dem Griechentum; denn wir werden morgen sehen, was gerade das bedeutete, daß angefacht wurde imaginatives Leben, schon als die neue Zeit begann, schon als der vierte in den fünften nachatlantischen Zeitraum herüberwuchs; was es bedeutete, daß die Renaissance gewissermaßen Pate gestanden hat bei der Geburt des fünften nachatlantischen Zeitraums. Dieser fünfte nachatlantische Zeitraum muß sich entwinden — indem er nicht gleich wiederum eben allerlei Gefühlsbegriffe anwendet, sondern indem er erkennt, er muß sich entwinden dem Romanismus, in der Bedeutung, wie wir versuchten, es heute zu schildern. Die Größe dieses Romanismus wird ja dadurch nicht verkleinert. Aber in dem Gleichklang, in dem Waagehalten und richtigen Abwägen liegt das Heil der Evolution, nicht in dem Sich-Wenden zu dem einen oder zu dem anderen einseitigen Extrem. Viele Begriffe leben innerhalb der europäischen Menschheit, die Verführer und Versucher sind, weil sie vom römisch-lateinischen Wesen geblieben sind, und weil sie wie versucherische Begriffe leben, indem sie einen Begriffs- und Empfindungskomplex in die Seele hereinbringen, dessen man sich nicht immer vollständig bewußt ist. Gewiß — ich wies schon darauf hin —, man kann nicht sagen, die Römer hätten das politisch-judizielle Element völlig erfunden; aber in der Art haben sie es doch erfunden, wie wir es heute charakterisieren wollten. Und gegenüber dem, was der Grieche an den Menschen gesehen hat aus seinen lebendigen Imaginationen oder beziehungsweise aus den Erbschaften aus lebendigen Imaginationen heraus, hat der Romanismus einen bestimmten Begriff gebildet, der in dieser Bedeutung erst im Romanismus auflebt und der eine Pflanze ist, die ganz aus juristisch-politischem Boden herauswächst, wenn man die Sache richtig versteht: das ist der Begriff des römischen Civis, des römischen Bürgers; der Mensch wird zum Civis, zum römischen Bürger. Damit wird dem Menschenbegriff ein Politisch- Juristisches beigefügt, eingefügt dem Menschenbegriffe ein juristisch-politisches Element. Und mit dem, was ich das letzte Mal als Politisierung der Begriffswelt bezeichnet habe, hängt das, was ins Blut der europäischen Völker übergegangen ist mit dem Civisbegriffe, innig zusammen. Und es hat Juristen gegeben in der neueren Zeit, welche die Zusammengehörigkeit der neueren Menschheit mit dem Römertum einfach auf den Civisbegriff gründeten, durch den, wenn er lebendig empfunden wird, sich der Mensch hineinstellt auf politisch-juristische Weise in seine Gemeinschaft. Wenn er es sich auch nicht gesteht, mit diesem Begriffe stellt er sich auf politisch-juristische Weise in die Menschheit hinein. Von «Zoon politikon» sprach noch Aristoteles; er setzte das Politische noch mit dem Zoon, mit dem Tiere zusammen. Ja, das war überhaupt noch ein ganz anderes, imaginatives Denken, das war noch nicht ein politisches Denken; das war noch nicht ein Politisieren der Begriffe.
[ 26 ] Und so bildete sich denn jenes Element, das man bezeichnet mit einer rein politisch-juristischen Kategorie. Man ist sich dessen nicht bewußt, daß man dieses Element bezeichnet mit einer juristisch-politischen Kategorie, aber man stellt damit die Menschen durch Wahlverwandtschaft der Begriffe und Ideen hinein in ein politisch-juristisches Element, indem man die Zusammengehörigkeit mit dem politisch-juristischen Römertum in all dem erfühlt, wenn auch oftmals unbewußt erfühlt, was man in der neueren Zeit bezeichnet mit dem Begriffsungetüm — denn alles das, was für eine frühere Zeit Bedeutung hat, in spätere Zeit versetzt, kann auch zum Ungetüm werden —, das sich auf dem Civisbegriff aufbaut, mit dem Worte, hinter dem ein Begriffsungetüm lebt, mit dem Worte «Zivilisation», mit dem solcher Unfug getrieben wird. Und in alledem, was hinter dem Wort Zivilisation steckt, steckt Romanismus. Das Pochen auf Zivilisation in der Art und Weise, wie es heute vielfach geschieht, ist unverstandener Romanismus, oftmals nur erfühlter Romanismus, wie es oftmals vorkommt, daß man mit einem Worte, hinter dem man etwas besonders Hohes aussprechen will, etwas ausspricht, bei dem man gar nicht weiß, wie sehr man sich damit abhängig macht von historischen Mächten. Für denjenigen, der den ganzen politisch-judiziellen Hintergrund dessen schaut, was in dem Worte Zivilisation liegt, für den bewirkt das Aussprechen des Wortes Zivilisation, wie es heute geschieht, oftmals etwas wie eine Art von Gänsehaut, wie eine Art von geheimem Gruseln, Grauen. Solche Dinge muß man schon aussprechen, denn Geisteswissenschaft ist nicht für die Kinderstube, wie es vielfach die Welt meint, sondern Geisteswissenschaft ist für ernstes Weltenerkennen. Vor diesem ernsten Weltenerkennen werden wirklich viele Begriffe, welche die Menschheit heute als ihre Götzen anbetet, von ihren Altären fallen. Das muß Geisteswissenschaft einsehen, denn sie ist nicht für die Kinderstube. Sie ist nicht dazu da, die Wesen der geistigen Welt zu einer Art von vertrautem Umgang bloß zu machen, den man gern hat, wie man mit Dichtern verkehrt, sondern die Geisteswissenschaft ist dazu da, um in allem Ernste sich der geistigen Welt und ihren Kräften zu nähern.
[ 26 ] Und so bildete sich denn jenes Element, das man bezeichnet mit einer rein politisch-juristischen Kategorie. Man ist sich dessen nicht bewußt, daß man dieses Element bezeichnet mit einer juristisch-politischen Kategorie, aber man stellt damit die Menschen durch Wahlverwandtschaft der Begriffe und Ideen hinein in ein politisch-juristisches Element, indem man die Zusammengehörigkeit mit dem politisch-juristischen Römertum in all dem erfühlt, wenn auch oftmals unbewußt erfühlt, was man in der neueren Zeit bezeichnet mit dem Begriffsungetüm — denn alles das, was für eine frühere Zeit Bedeutung hat, in spätere Zeit versetzt, kann auch zum Ungetüm werden —, das sich auf dem Civisbegriff aufbaut, mit dem Worte, hinter dem ein Begriffsungetüm lebt, mit dem Worte «Zivilisation», mit dem solcher Unfug getrieben wird. Und in alledem, was hinter dem Wort Zivilisation steckt, steckt Romanismus. Das Pochen auf Zivilisation in der Art und Weise, wie es heute vielfach geschieht, ist unverstandener Romanismus, oftmals nur erfühlter Romanismus, wie es oftmals vorkommt, daß man mit einem Worte, hinter dem man etwas besonders Hohes aussprechen will, etwas ausspricht, bei dem man gar nicht weiß, wie sehr man sich damit abhängig macht von historischen Mächten. Für denjenigen, der den ganzen politisch-judiziellen Hintergrund dessen schaut, was in dem Worte Zivilisation liegt, für den bewirkt das Aussprechen des Wortes Zivilisation, wie es heute geschieht, oftmals etwas wie eine Art von Gänsehaut, wie eine Art von geheimem Gruseln, Grauen. Solche Dinge muß man schon aussprechen, denn Geisteswissenschaft ist nicht für die Kinderstube, wie es vielfach die Welt meint, sondern Geisteswissenschaft ist für ernstes Weltenerkennen. Vor diesem ernsten Weltenerkennen werden wirklich viele Begriffe, welche die Menschheit heute als ihre Götzen anbetet, von ihren Altären fallen. Das muß Geisteswissenschaft einsehen, denn sie ist nicht für die Kinderstube. Sie ist nicht dazu da, die Wesen der geistigen Welt zu einer Art von vertrautem Umgang bloß zu machen, den man gern hat, wie man mit Dichtern verkehrt, sondern die Geisteswissenschaft ist dazu da, um in allem Ernste sich der geistigen Welt und ihren Kräften zu nähern.
[ 27 ] Morgen wollen wir dann diese Betrachtungen weiterleiten und ins Geistige hineinzustellen wissen.
[ 27 ] Morgen wollen wir dann diese Betrachtungen weiterleiten und ins Geistige hineinzustellen wissen.
