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The Rudolf Steiner Archive

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Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit
Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
GA 171

2 Oktober 1916, Dornach

Neunter Vortrag

[ 1 ] Es war mir in unseren Betrachtungen schon seit einer längeren Zeit her die Aufgabe gestellt, hinzuweisen auf gewisse Impulse, auf gewisse Kräfte, welche in den Menschenseelen wirken und sich in allem äußern, was aus diesem Wirken der Menschenseelen in unser Dasein fließt, hinzudeuten darauf, wie sich im Aufgange des neueren Geisteslebens diese Impulse, diese Kräfte entwickelt haben. Und weil ich Ihren Blick lenken möchte auf eine ganz bestimmte Art neueren geistigen Strebens, so möchte ich noch einmal heute vor Ihre Seelen hinstellen einen wichtigen Ausgangspunkt für dieses neuere Geistesleben, den wir ja schon betrachtet haben, der aber zu dem Wichtigsten, zu dem Wesentlichsten gehört. Wenn wir nach den Kräften suchen, welche in den neueren Seelen wirken, müssen wir ihn als ein Wichtigstes, als ein Bedeutendstes betrachten. Ich meine das ganze Schicksal und die Entwickelung des Templertums. Also noch einmal möchte ich vor Ihre Seele hinstellen das Bild des Tempelrittertums, um dann zu zeigen, wie das, was ausgeflossen ist von dem Templertum, in weiten Strömungen heraufwirkt bis in die Gefühle und Empfindungen unserer Tage.

[ 2 ] Wir wissen, der Templerorden ist begründet worden als eine bedeutsame Begleiterscheinung der Kreuzzüge, jenes historischen Ereignisses, durch welches in ihrer Art die europäische Menschheit dem Mysterium von Golgatha näherkommen wollte, als sie das vorher gekonnt hat. Und fast gleich im Beginne der Kreuzzüge ist dieser Templerorden begründet worden. Wenn man absieht von all dem, was äußerlich über die Begründung des Templerordens und über den Verlauf seines Wirkens bekannt ist, was ja in jedem Geschichtsbuch nachgelesen werden kann, so erscheint, innerlich betrachtet, dieser Templerorden als eine besonders vertiefte Näherung der neueren Menschheit an das Mysterium von Golgatha. Zunächst eine kleine Anzahl dem Christentum treu ergebener Seelen findet sich zusammen, gründet an der Stätte, die neben der Tempelstätte des alten Salomonischen Tempels in Jerusalem lag, eine Art geistlichen Orden. Wie gesagt, vom Äußeren wollen wir absehen. Aber hinlenken wollen wir den Blick darauf, was nach und nach, geistig betrachtet, in den Seelen der Templer lebt: Sie sollten nach dem Willen, der in der Ordensgründung wirkte, ihren Sinn ablenken von der äußeren sinnlichen Wirklichkeit, sie sollten innerhalb der Menschheit sich als solche Seelen ausleben, welche schon innerhalb des Erdendaseins in innerster Lebendigkeit darinnenzustehen wußten in dem Leben, in dem seit dem Mysterium von Golgatha die innersten, die bedeutsamsten Menschenkräfte durch die Verbindung des Christus mit dem Erdendasein leben. Darinnenstehen in diesem Erdenleben in dem, was das Erdenleben durch das Mysterium von Golgatha geworden ist, ganz darinnenstehen sollten die Seelen, die sich zum Templertum zusammengetan hatten. Das Blut als Repräsentant desjenigen, was den Erdenmenschen auszeichnet, das Ich, aber auch alles Fühlen und Denken, alles Sein und Dasein dieser Seelen sollte gewissermaßen vergessen den Zusammenhang mit dem sinnlich-physischen Dasein und nur leben in dem, was aus dem Mysterium von Golgatha ausströmt, und nur kämpfen für das Weiterleben der stärksten Impulse, die mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängen. Das Blut der Templer gehörte dem Christus Jesus, das wußte jeder. Nichts anderem auf der Erde gehörte dieses Blut als dem Christus Jesus. Und jeder Augenblick im Leben dieser Templerseelen sollte dadurch ausgefüllt sein, daß sie ein immerwährendes Bewußtsein entwickelten, wie in der eigenen Seele im Paulinischen Sinne der Christus und nicht das eigene Ich wohnt. Und in blutigen und schweren Kämpfen, in hingebender Arbeit, wie es die Kreuzzüge forderten, haben die Templer ausgelebt das, was sie sich also geistig vorgesetzt haben.

[ 3 ] Worte sind ohnmächtig, das zu beschreiben, was in den Seelen solcher Menschen lebte, in jenen Seelen, die pflichtgemäß niemals wanken durften, und auch, wenn eine dreifach stärkere Macht äußerlich auf dem physischen Plane ihnen entgegenstand, nicht flüchten durften, sondern ruhig den Tod erwarten mußten, den Tod, den sie ertragen wollten, um zu befestigen im Erdendasein den Impuls, der von dem Mysterium von Golgatha ausgegangen ist. Das war intensives Leben des ganzen Menschen mit dem Mysterium von Golgatha. Und wenn sich solch intensives Leben in entsprechenden Rhythmen in den Menschenseelen so ereignet, daß es sich hineinstellt in das ganze kosmisch-irdische Strömen der Kräfte, dann entwickelt sich aus solchem Leben Bedeutendes, wohlgemerkt: Bedeutendes. Ich sage, wenn sich solches Bewußtsein hineinstellt mit einem gewissen Rhythmus innerlichmystisch in das, was äußerlich geschieht, dann kann man gewiß vieles erleben, das die eigene Seele mit dem Göttlich-Geistigen in Zusammenhang stellt. Aber noch anderes, Wirksameres wird dann entwickelt, wenn solches inneres Erleben, zusammengefaßt mit dem äußeren geschichtlichen Werdegang, nun in den Dienst dieses äußeren geschichtlichen Werdegangs gestellt ist. Was im Dienste der Wiedererringung der Macht über das Heilige Grab damals getan werden sollte, mit dem sollte in Übereinstimmung stehen das, was im Bewußtsein der Tempelritterseelen lebte. Dadurch entwickelte sich ein besonderes mystisches Leben, durch das diejenigen, die diesem sogenannten geistlichen Orden . angehörten, immer mehr für die Welt wirken konnten als andere geistliche Orden. Denn wenn in solcher Weise eben im Zusammenhange mit dem Leben der Umwelt mystisch gelebt wird, dann strömt das, was mystisch erlebt wird, in die unsichtbaren, in die übersinnlichen Kräfte der Umwelt des Menschen hinein, wird objektiv, ist dann nicht bloß innerlich in der Seele des Menschen, sondern wirkt im geschichtlichen, im historischen Werden weiter. Durch solche Mystik wird nicht nur seelisch etwas erlebt für das einzelne menschliche Individuum, sondern es wird Seelisches; objektiv gestaltete Mächte, die vorher nicht da waren in der spirituellen Strömung, welche die Menschheit trägt und hält, die werden geboren, die sind dann da. Wenn der Mensch sein Tagewerk vollbringt mit seiner Hände oder mit seiner sonstigen Werkzeuge Arbeit, so stellt er ecwas Äußerliches, Materielles in die Welt hinein. Mit solcher Mystik, wie die Tempelritter sie entfaltet haben, wird Geistiges in das Geisttum der Erde hineingestellt. Dadurch aber, daß dieses geschah, wurde die Menschheit wirklich eine Etappe weitergebracht in ihrer Entwickelung. Das Mysterium von Golgatha wurde durch dieses Erleben der Templer auf einer höheren Stufe als vorher verstanden und auch erlebt. Es war jetzt etwas da über dieses Mysterium von Golgatha, was vorher nicht dagewesen war. Die Seelen der Templer hatten aber dadurch noch etwas Besonderes erreicht.

[ 4 ] Durch dieses intensive Sich-Hineinleben in das Mysterium von Golgatha hatten diese Seelen die Macht erlangt, die christliche Einweihung durch dieses historische Ereignis wirklich zu erreichen. Diese christlicheEinweihung, man kann sie so erreichen, wie es in unseren Schriften geschildert ist; aber hier durch die Templer wurde diese christliche Einweihung so erreicht, daß die äußeren Taten und der Enthusiasmus, der in den äußeren Taten lebte, die Seelen der Templer heraustrug, so daß diese Seelen, abgesehen vom Leibe, außer dem Leibe, in dem geistigen Werdegang der Menschheit mitlebten, durchdrangen, seelisch-geistig durchdrangen die Geheimnisse von Golgatha. Da wurde vieles nicht nur für die einzelnen Seelen, sondern für die Menschheit erlebt. Das ist das Wichtige, das ist das Bedeutsame.

[ 5 ] Dann, wissen wir, breitete sich der Templerorden aus, und er erlangte zu dem ungeheuer starken Einflusse, den er geistig hatte - mehr auf übersinnliche Art, als durch äußere Einflüsse —, hinzu bedeutende äußere Schätze. Und ich habe nun schon beschrieben, wie damit der Zeitpunkt gekommen war, diese äußeren Schätze, die der Templerorden in immer größerem und größerem Umfang erreicht hatte, übergehen zu lassen in die weltliche Macht, und ich habe beschrieben, wie durch eine Art Initiation, wirklich durch eine Art Initiation mit dem bösen Prinzip des Goldes Philipp der Schöne zum Werkzeuge ausersehen war, dem 'Templertum entgegenzutreten. Das heißt, er wollte zunächst die äußeren Schätze des Templertums sich aneignen. Aber Philipp der Schöne wußte mehr als andere Menschen in der Welt. Philipp der Schöne wußte durch das, was er durchgemacht hatte, vieles von den Geheimnissen des seelisch-menschlichen Daseins. Und so kam es denn, daß Philipp der Schöne ein Werkzeug sein konnte gerade im Dienste der mephistophelisch-ahrimanischen Gewalten, welche darauf ausgingen, das Templertum in der Gestalt, wie es zunächst sich ausgelebt hatte, unwirksam zu machen. Philipp der Schöne war, wie gesagt, das Werkzeug anderer geistiger, mephistophelisch-ahrimanischer Mächte. Philipp der Schöne wußte unter der Inspiration seiner Mächte, was das bedeutet haben würde, wenn in jene spirituellen Strömungen, welche ebenso wie das Sichtbare durch die Welt gehen, sich hineinergossen hätte das, was die Templer geistig sich erobert hatten an Wissen vom Mysterium von Golgatha und an Empfindungen und Gefühlen und Willensimpulsen, die sich anschlossen an das Mysterium von Golgatha. Es sollte das, was sich so entwickelt hatte, entrissen werden gewissermaßen den göttlich-geistigen, normal fortschreitenden Mächten; es sollte in andere Bahnen gelenkt werden.

[ 6 ] Dazu mußte man erreichen, daß nun wiederum etwas, was nur in den Seelen der Templer leben konnte, herausgerissen wurde aus der Individualität der Templer selber. Geradeso wie das, was die Templer erlebt hatten über das Mysterium von Golgatha, nicht bei ihnen als Individuen blieb, sondern herausgesetzt wurde in die allgemeine Entwickelung der Menschheit, so sollte auch etwas anderes herausgesetzt werden aus den Individuen, sollte einverleibt werden dem objektiven historischen Strom. Und das konnte nur durch einen besonderen Akt der Grausamkeit vollzogen werden, durch einen furchtbaren Akt der ‚Grausamkeit vollzogen werden. Den Templern wurde der Prozeß gemacht. Sie wurden angeklagt nicht nur äußerer Verbrechen, an denen sie ganz gewiß unschuldig waren - was sich auch äußerlich historisch nachweisen läßt, wenn man nur die Wahrheit sehen will, auch in der äußeren Geschichte -, die Templer wurden vor allen Dingen beschuldigt, daß’sie verlästert hätten das Christentum, daß sie verlästert hätten das Mysterium von Golgatha selber, daß sie Götzendienst getrieben hätten, Heidentum hereingebracht hätten in den Dienst des Mysteriums von Golgatha, daß sie die richtigen Formeln bei der Konsekration, bei der Transsubstantiation nicht angewendet hätten, daß sie sogar das Kreuz entheiligt hätten. Und allerlei anderer, sogar widernatürlicher Verbrechen wurden die Templer angeklagt. Hunderte und aber Hunderte wurden grausamster Folterung unterworfen. Und man wußte auf der Seite, die den Prozeß machte, was solche Folterung bedeutet: Das gewöhnliche Tagesbewußtsein wurde den Gefolterten unterdrückt; dadurch vergaßen sie während der Folterung in ihrem Oberbewußtsein ihren Zusammenhang mit dem Mysterium von Golgatha. Aber sie hatten, weil das bei jedem so ist, der in die geistige Welt hineinschaut, sie hatten alle die Anfechtungen, alle die Versuchungen in der Tat kennengelernt, die da aufsteigen aus des Menschen Innerem, wenn sich der Mensch den guten göttlich-geistigen Kräften nähert. All die Feinde, die da wirken aus dem untergeordneten geistigen Reiche heraus und die den Menschen abbringen wollen vom Guten, die den Menschen verleiten wollen zum Bösen, die in den Trieben, in den Begierden, in den Leidenschaften, in den Affekten wirken können, die aber namentlich auch wirken können in Spott und Haß und Verachtung und Ironisierung des Guten, all die Mächte, die da aufgerufen werden konnten, die Templer hatten sie kennengelernt. Und sie hatten in vielen, vielen ihnen heiligen Stunden jene inneren Siege errungen, die der Mensch erringen kann, wenn er sehend hindurchgeht durch die Welten, die jenseits der Schwelle der sinnlichen Welt liegen und die überwunden werden müssen, damit der Mensch nach der Überwindung mit gestärkten Kräften in die ihm angemessenen geistigen Welten einziehen kann.

[ 7 ] Den Ausblick über diese den Menschen angemessenen geistigen Welten hatten die Templer herabgedrückt bekommen während der Folterung; das Oberbewußtsein war ihnen abgelähmt, und ihr innerer Seelenblick wurde während der Folterung nur auf das gerichtet, was sie erlebt hatten als ein zu Überwindendes, was als Anfechtung in ihnen war, worüber sie Sieg über Sieg in ihrer Seele erreicht hatten. Das wurde ihnen heraufgedrängt in das Bewußisein, in das abgelähmte, getrübte Bewußtsein während der Folterung. Und so kam es, daß diese gefolterten Tempelritter in den Augenblicken, in denen sie der Folterung unterzogen wurden, vergaßen ihren Zusammenhang mit dem Mysterium von Golgatha, vergaßen, wie sie wohnten mit ihrer Seele in den geistig ewigen Welten, und das, was sie überwunden hatten, das, was als Anfechtung in ihnen lebte, das stand vor ihnen als Vision, wenn sie auf der Folter lagen, und sie gestanden als einen Gebrauch innerhalb des Ordens, was sie — jeder einzelne für sich — überwunden hatten. Sie gestanden das als ihre Fehler, was sie gerade erlebt hatten so, daß sie Sieg über Sieg darüber errungen hatten. Als der Mensch mußte jeder dieser Templer erscheinen, der von jedem dieser Templer, dieser wahren Templer — selbstverständlich, Auswüchse gibt es überall — innerlichst überwunden war, der überwunden werden mußte, um gerade mit höheren Kräften das Allerbeste, Höchste, Heiligste zu erreichen. Das wußte man auf seiten der Gegner. Man wußte: weil ja das gewöhnliche Bewußtsein abgelähmt war, so war, ebenso wie auf der anderen Seite im Guten das Mysterium von Golgatha herausgestellt war, damit jetzt herausgestellt, verobjektiviert und der Menschheitsentwickelung einverleibt das, was in diesem bösen Bewußtsein lebte. Das war ein historischer Faktor geworden.

[ 8 ] So waren zwei Strömungen in die neuere Geschichte eingeführt: Das, was die Templer erlebt hatten in ihren heiligsten Stunden, was sie erarbeitet hatten innerhalb der spirituellen fortschreitenden Strömung der Menschheit, aber auch das, was ihnen durch Ahriman-Mephistopheles abgezogen war, herausgeholt war aus ihrem Bewußtsein, um es objektiv zu machen, und so objektiv im weiteren Fortschritte der Jahrhunderte wirksam zu gestalten.

[ 9 ] Man kann gewiß solchen Erscheinungen gegenüber die einfache, bequeme Menschheitsfrage aufwerfen: Warum lassen die göttlich-geistigen Vorsehermächte solches geschehen? Warum führen sie die Menschheit nicht, ohne daß sie durch solche schmerzlichen Prüfungen gehen muß, durch den Werdegang der Geschichte? — Solcher Gedanke ist eben menschlich, allzumenschlich; er kann der Gesinnung entspringen, die derjenige fassen kann, der glauben kann, die Welt wäre besser geworden, wenn sie nicht von Göttern, sondern von Menschen gemacht wäre. Das kann mancher Mensch glauben, daß er mit seinem Verstande eine Kritik üben kann an dem, was als Weisheit durch die Welt wallt und webt. Aber solches Denken verführt auch zum äußersten Erkenntnishochmut und zum äußersten Erkenntnisübermut. Wir Menschen sind dazu berufen, einzudringen in die Geheimnisse des Daseins, aber nicht, die weisheitsvolle Weltenlenkung zu kritisieren. Daher müssen wir auch Einsichten gewinnen in die Stellung und in die Bedeutung, die als Böses, als böse Strömung zugelassen wird von der weisheitsvollen Weltenlenkung. Denn würde nur das Gute zugelassen, würden nur gute Impulse walten im geschichtlichen Werden, so würde die Menschheit niemals so hingelenkt werden auf dieses geschichtliche Werden, daß sie zur Freiheit sich entwickeln könnte. Nur dadurch, daß das Böse selber waltet im geistigen Werdegang der menschlichen Geschichte, kann die Menschheit sich zur Freiheit entwickeln. Und würden die Götter ablenken den menschlichen Seelenblick von dem Bösen, so würden die Menschen ewig Automaten bleiben müssen, niemals frei werden. Es ist schon so eingerichtet im menschlichen Werdegang, daß auch das, was tiefstes Leiden, intensivsten Schmerz verursacht, zuletzt ins Gute geleitet wird. Der Schmerz ist ja nur ein zeitlicher, deshalb natürlich nicht ein minder großer und tiefer; man darf sich nicht über den Schmerz hinwegtäuschen, man darf nicht einer billigen verschwommenen Mystik sich hingeben wollen, die den Schmerz nicht sehen will. Man muß den Schmerz mitmachen wollen, muß in den Schmerz sich einsenken wollen, muß ihn abladen können auf die eigene Seele; aber man muß auch ohne Kritik des geistigen Daseinswillens verstehen lernen, wie die verschiedensten Impulse positiver und negativer Art in den Werdegang der Menschheit hineinversetzt werden, damit der Mensch nicht nur gut, sondern auch frei mit eigenen Impulsen werde.

[ 10 ] So sehen wir in der Entwickelung, in dem Schicksal des Templertums einen wichtigen Impuls für alle folgenden Jahrhunderte der neueren Zeit. Hätte das Templertum sich ausleben können mit der Intensität, mit der Stärke, die intendiert war von den großen Templern, dann hätte die folgende Menschheit das nicht ertragen können. Gewissermaßen mußte die Schnelligkeit der Entwickelung abgedämpft werden; zurückgehalten mußte der Strom werden. Damit wurde er aber auch verinnerlicht. Und so sehen wir, wie sich denn unter den beiden Strömungen, die wir angedeutet haben, im neueren geschichtlichen Werdegang innerlichstes Leben entwickelt neben dem äußeren Materialismus. Denn das, was Mephistopheles-Ahriman durch sein Werkzeug, Philipp den Schönen, herausgedrängt hat als mephistophelischen Impuls für den nächsten Werdegang der Menschheit, das lebte fort, und das lebte mit vielem anderen zusammen in der materialistischen Gesinnung und lebte in allen materialistischen Impulsen sich aus, die jetzt im 14., 15., 16., 17., 18., 19. Jahrhundert über die Menschheit heraufzogen. Und das bewirkte, daß in der Breite des Lebens sich geistig-seelisch, sozial das auslebte, was wir als den Materialismus kennen, sich das auslebte, was das Karma auch unserer Tage hervorbrachte. Wäre das nicht so gegangen, wäre nicht in dieBreite des Lebens der materialistische Strom durch den mephistophelischen Impuls geflossen, so hätte auf der anderen Seite der Zusammenhang mit der geistigen Welt nicht so verinnerlicht werden können. Oh, was die Templer nach der anderen Seite durch ihr spirituelles Einleben in das Mysterium von Golgatha bewirkt hatten, das lebte fort! Und diejenigen Templerseelen, die, nachdem sie die schweren Erfahrungen auf der Folterbank durchgemacht hatten vierundfünfzig Templer waren hingerichtet worden nachher -, diese Templerseelen, die so durch die Pforte des Todes gegangen sind, sie konnten nun aus den geistigen Welten Ströme geistigen Lebens heruntersenken für die Menschen, die in den folgenden Jahrhunderten lebten. 1312 hatte die Hinrichtung der vierundfünfzig Templer stattgefunden; vierundfünfzig Seelen sind hinaufgestiegen in die geistigen Welten. Und jetzt geschieht innerhalb der europäischen Menschheit seit jener Zeit übersinnlich, unsichtbar, ohne daß es sich für den äußeren Anblick in den geschichtlichen Tatsachen auslebt, eine geistige Entwickelung, die darinnen besteht, daß immer einzelne der Nachkommenden inspiriert werden aus der geistigen Welt heraus mit dem, was diese vierundfünfzig Seelen durch die Pforte des Todes hineingetragen hatten in die geistige Welt.

[ 11 ] Nur ein Beispiel will ich dafür erwähnen, das ich früher schon, in dem vorhergehenden Vortrage, angedeutet habe, das ich jetzt von einem anderen Gesichtspunkte etwas ausführlicher erwähnen will. Bevor die tragische Entwickelung sich über den Templerherrenorden ergossen hat, lange vor dem Jahre 1312, ein Jahrhundert vorher, hatte in Einsamkeit, könnte man sagen, oder wenigstens nur im kleinen Kreise wirksam, Wolfram von Eschenbach seinen «Parzival» gedichtet, das Lied von jener Seele, die durch innere Läuterung strebt zu jenem Leben, das auch als Endziel dem Templertum vorschwebte. In reichen Bildern, in wunderbaren Imaginationen entrollt Wolfram von Eschenbach das innere Leben des Parzival, für ihn als Repräsentanten des Tempelrittertums. Sehen wir eine bedeutsame äußere Wirkung des «Parzival» im geschichtlichen Werden der folgenden Zeit? Nein. Ins geschichtliche Werden der europäischen Menschheit hat ja erst wiederum Richard Wagner in anderer Art den Parzival hineingestellt. Aber das, was als spirituelle Macht, als geistiger Impuls dazumal noch von der Erde aus sich in die Seele des Wolfram von Eschenbach ergießen konnte, das wurde in den folgenden Jahrhunderten zur Inspiration von der geistigen Welt aus für manchen anderen. Und wer die Dinge innerlich schaut, wer die Zusammenhänge, die geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen dem sinnlichen Erdenleben und dem geistigen Leben schaut, der weiß, wie in Goethes Seele hereingeflossen sind die Impulse, die durch das Schicksal der Templer in die geistige Welt hinausgetragen worden sind. Nicht umsonst hat Goethe bereits in den achtziger Jahren ein Gedicht angefangen, das er dann nicht fertiggebracht hat. Es ist bedeutsam, daß er es begonnen hat; ebenso bedeutsam ist der Umstand, daß Goethe, selbst Goethe nicht stark genug war, den gewaltigen Gedanken dieses Gedichtes in Wirklichkeit umzusetzen. Ich meine «Die Geheimnisse», wo der Bruder Markus zu einem einsamen Schlosse der Rosenkreuzer geht und in den Kreis der zwölf Rosenkreuzer tritt. Goethe hat den Grundgedanken, der auch im «Parzival» liegt, ja in seiner Art aufgefaßt, aber er hat ihn nicht vollenden können, durch das Nichtvollenden anzeigend, daß wir alle eigentlich drinnenstehen in dieser geistigen Entwickelung, die Goethe auch nur in ihren Anfängen erlebt hat, und an der wir arbeiten und arbeiten und arbeiten müssen, damit wir immer weiter und weiter schreiten in der Durchdringung der geistigen Welt und diese Anfänge immer weiter und immer weiter gestalten. Dem hat Goethe die besten Kräfte seines Daseins gewidmet, dieses hat er auch in seinen «Faust» einfließen lassen, als er den Zusammenhang des Menschen mit den geistigen Kräften schildern wollte, die für ihn auch die ahrimanisch-mephistophelischen sind.

[ 12 ] Für den, der die Geschichte konkret betrachtet in ihrem geistigen Werden, für den ist es eine Anschauung, daß aus der geistigen Welt in die Seele Goethes auf Erden hineinfloß das, was die Templer, die durch des Todes Pforte auf so bedeutungsvolle, grausame Art gegangen waren, hinaufgetragen hatten in die geistigen Welten, und eben deshalb, weil sie so durch die Todespforte gegangen waren, herabfließen lassen konnten als Inspirationen in Menschenseelen. Und nicht nur in diese eine Goethesche Seele, wenn auch vielleicht in diese gerade bedeutsam, in viele andere Menschenseelen ist das eingeflossen und lebt, wenn auch von der äußeren Welt heute noch wenig beachtet. Denn wie sehr ist das Geistige in «Faust» selbst noch unbeachtet geblieben von der äußeren Welt! Es lebt aber doch, und lebt einem immer reicheren Leben entgegen und wird immer fruchtbarer und fruchtbarer werden müssen, wenn die Menschheit sich nicht in die Dekadenz statt in die Aufwärtsentwickelung begeben will. Allerdings ist gerade für unser Zeitalter das, was in der Menschheit wirken soll in der Zukunft, in die eigene freie Hand der Menschen gegeben, und vor die Wahl ist die Menschheit gestellt und wird es immer mehr und mehr werden, ob sie eintreten will in die Dekadenz und es mit dem Materialismus weiter halten will, oder ob sie hinaufstreben will in die geistigen Welten.

[ 13 ] Wir Menschen leben nämlich, so wie wir auf der Erde leben, nur mit unserem physischen Leib ein Leben, das mit der Erde zusammenhängt. Schon derjenige Leib, der aus Licht und Ton und Leben gewoben ist, und der in diesem physischen Leib drinnensteckt, schon dieser sogenannte ätherische Leib lebt nicht nur ein Erdenleben, sondern lebt das kosmische Leben mit. Und wenn eine Menschenseele aus den getstigen Welten durch die Geburt ins Dasein heruntersteigt, so richten sich schon vorher im außerirdischen Kosmos Kräfte zurecht, welche den Ätherorganismus des Menschen zusammensetzen, so wie aus den physischen Erdenkräften und physischen Erdenstoffen der physische Leib des Menschen zusammengesetzt ist.

[ 14 ] In den einfachsten Begriffen der Menschheit lebt eigentlich Hochmut und Übermut, insbesondere in unserer maternalistischen Zeit. In unserer materialistischen Zeit glauben ja die Vorfahren auch, daß sie die Nachkommen ganz allein ins Dasein stellen. Und indem der Materialismus sich ausbreitet, wird man immer mehr und mehr glauben, daß die Vorfahren allein es sind, die die Nachkommen ins Dasein stellen. Anders ist es geistig gesehen. Die Menschen hier auf der Erde geben nur die Veranlassung, daß das Geistige zu ihnen herunterkommen kann. Das, was der Mensch als Vorfahre tun kann, das besteht einzig und allein darinnen, daß er den Ort zubereitet, durch den sich ein Ätherleib, der aus den Weiten des Kosmos in Kräften sich zubereitet, daß ein solcher Ätherorganismus sich auf die Erde herabsenken kann. Dieser Ätherorganismus ist ein ebenso organisiertes Wesen, wie es der physische Organismus des Menschen ist. Den physischen Organismus des Menschen, wir sehen ihn mit dem Haupte, mit den Armen, mit den Händen, mit dem Rumpfe, mit alle dem, was er dem Anatomen, dem Physiologen darbietet. Für die Geistesschau ist durchglüht, durchleuchtet, wie wir wissen, dieser physische Organismus von dem Ätherorganismus. Der physische Organismus atmet die Luft ein, atmet die Luft aus. Der Ätherorganismus atmet Licht aus, und dieses Licht gibt er uns. Und indem er Licht ausatmet und uns das Licht zuteilt, leben wir durch sein Licht. Und er atmet Licht ein. Wie wir Luft ein- und ausatmen, so atmet unser Ätherleib Licht aus und ein. Und indem er Licht einatmet, verarbeitet er das Licht in sich, wie wir die Luft in uns physisch verarbeiten. Lesen Sie das nach in meinen Mysteriendramen, wo an einer bestimmten Stelle gerade dieses Geheimnis der ätherischen Welt dramatisch entwickelt ist. Der Ätherleib atmet Licht ein, verarbeiter das Licht in sich zur Dunkelheit, und in diese Dunkelheit kann er als seine Nahrung den Weltenton aufnehmen, der in der Sphärenharmonie lebt, und kann aufnehmen die Lebensimpulse. Wie wir die physische Nahrung aufnehmen, so atmet ein und aus das ätherischeWesen, das in uns lebt, Licht. Wie wir die Luft in uns als Sauerstoff verarbeiten und zu Kohlensäure machen, so verarbeitet der Ätherleib das Licht und durchzieht es mit Dunkelheit, wodurch es in Farben erscheint und der Ätherleib uns, für den hellsichtigen Blick, in wogenden Farben erscheint. Aber während der Ätherleib das Licht für die Dunkelheit zubereitet und dadurch innere Atmungsarbeit für sich verrichtet, lebt er, indem er den Weltenton aufnimmt, den Weltenton in das Weltenleben verarbeitet. Das aber, was wir so als unseren Ätherleib aufnehmen, das kommt zu uns herunter zu gewissen Zeiten aus den Weiten des Kosmos.

[ 15 ] Es ist heute noch nicht möglich, hinzuweisen auf die Umstände, wie der menschliche Ätherleib auf den Bahnen des Lichtes herunterzieht, wenn diese Bahnen des Lichtes durch die Sternkonstellation in einer gewissen Weise gelenkt werden. Damit das einmal gesagt werden könne, müssen die Menschen sich noch auf eine höhere Stufe der Moral erheben. Denn heute noch würde gerade dieses Mysterium von dem Hereinziehen der menschlichen Ätherleiber auf Lichtes- und Sphärenharmonie-Tonbahnen von den Menschen, wenn sie es kennten, in der furchtbarsten Weise mißbraucht werden. Denn in diesem Mysterium steckt alles, was, wenn die Menschen mit niederen Trieben es sich aneignen wollten, den Vorfahren unumschränkte Macht über die ganze Nachkommenschaft geben würde. Sie werden es daher glauben, daß dieses Mysterium, wie auf Lichtesbahnen und auf den Bahnen der Töne aus der Sphärenharmonie die Ätherleiber zu den Menschen, die sich verkörpern, kommen, daß dieses Mysterium noch längere Zeit eben ein Mysterium wird bleiben müssen. Nur unter ganz bestimmten Bedingungen kann man gerade von diesem Mysterium etwas wissen; denn bei Nichterfüllung dieser Bedingungen würden die Menschen sich, wie gesagt, als Vorfahren eine Macht über die Nachkommenschaft aneignen, die unerhört wäre, wodurch die Nachkommenschaft gänzlich ihrer freien Selbständigkeit, Persönlichkeit und Individualität beraubt werden könnte, und der Wille der Vorfahren dieser Nachkommenschaft aufgedrängt werden könnte. Weisheitsvoll ist dies für die Menschheit in die Unbewußtheit gehüllt, und gedeiht durch den Willen der weisheitsvollen Weltenlenkung in der Unbewußtheit ganz gut.

[ 16 ] Aber andere Wege als der physische Leib macht unser Ätherleib. Wir tragen ja, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, diesen Ätherleib nur noch wenige Tage; dann müssen wir ihn wieder zurückgeben an den Kosmos. Nur wie ein Bild im Kosmos, im Geistigen, bleibt der Ätherleib für unser ferneres Leben, das wir durchmachen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Aber dem Kosmos wird unser Ätherleib einverleibt, einverleibt in der verschiedensten Weise: in anderer Weise bei denjenigen Menschen, die durch ein Unglück früh sterben oder die sonst früh sterben, in einer anderen Weise bei denjenigen Menschen, die ein hohes Alter erreichen. Aber gerade wenn man hinübersieht in diejenige Welt, die jenseits der Schwelle liegt, so weiß man, daß sowohl das eine wie das andere, der frühere Tod und der spätere Tod, im ganzen kosmischen Zusammenhang eine große Bedeutung hat. Denn das, was wir als unseren Ätherleib abgeben, das wirkt weiter fort, wirkt nun geistig fort.

[ 17 ] Ja, im Grunde genommen, tiefer betrachtet, werden wir, alle Menschen, gleich alt. Physisch stirbt einer früher, der andere später. Geistig betrachtet werden wir im Grunde genommen alle gleich alt. Sterben wir früh, so geht unser physischer Leib früh zugrunde; aber der Ätherleib lebt weiter für den Kosmos, und gerade dadurch, daß wir früh gestorben sind, hat dieser Ätherleib andere Funktionen für den Kosmos, als wenn wir spät sterben. Wenn wir zusammenzählen die Jahre, die wir durchleben im physischen Leib und im Ätherleib als Menschen, und das, was wir im physischen Leib verrichten, als Erdentaten ansehen, das, was wir im Ätherleib verrichten, auch nach dem Tode, und was wir nicht für uns, sondern für den Kosmos leben, für dieWelt, als Himmelstaten, wenn wir das zusammenzählen nach den Jahren: bei allen Menschen finden wir ein gleiches Alter ungefähr.

[ 18 ] Aber dadurch nun, daß so etwas gemacht wird, wie es durch die Templer geschehen ist, dadurch wird noch etwas anderes bewirkt, als wenn wir Menschen nur ein individuelles Leben führen. Was wir als individuelles Leben führen, bleibt innerhalb unserer Person; was wir als solches Leben führen, das objektiv abgesondert werden kann, wie auf der einen Seite von der Seele der Templer dasjenige, was sie für die Fortpflanzung des Mysteriums von Golgatha tun konnten, und auf der anderen Seite das, was geschehen ist durch mephistophelisch-ahrimanische Mächte für die Impulse des neueren Materialismus, das lebt auch gewissermaßen als Stücke des Ätherleibes fort. Aber es wird dem geschichtlichen Werdegang einverleibt; so daß einiges von dem, was der Mensch in seinem Ätherleib lebt, mit der menschlichen Individualität weiterlebt, einiges davon dem geschichtlichen Werdegang einverleibt wird, wenn die Dinge in der geschilderten Weise losgerissen werden von dem Menschen. Aber der Ätherleib ist das Mittel, das Medium, wodurch dasjenige, was der Mensch in seiner Seele so objektiv lebt, daß es heraustreten kann aus seiner Seele, wodurch das, was sich so objektiviert hat, Anhaltspunkte hat, um weiterzuleben. Das ist der Ätherleib.

[ 19 ] Was in die ätherische Welt einfloß von den geistigen Impulsen der Templer, das lebte ätherisch weiter; und durch dieses Weiterleben im Ätherischen wurde manche Seele dazu bereitet, aufzunehmen die Inspirationen, die ich beschrieben habe, die aus den geistigen Welten von den Templerseelen selber kommen. Das ist der konkrete Vorgang, der sich abgespielt hat in der neueren Zeit.

[ 20 ] In dasjenige, was aus den Templerseelen floß, ist aber immer mehr und mehr, und zwar gerade in der Breite des Lebens, eingeströmt dasjenige, was aus mephistophelisch-ahrimanischen Impulsen fließt, was durchtränkt ist von dem mephistophelisch-ahrimanischen Elemente, was inauguriert wurde auf den Folterbänken der Templer dadurch, daß sie unter der Folter Unwahres über sich selber aussagen mußten. Dies nicht allein, aber dies mit als einer der Gründe, der geistigen Gründe zum modernen Materialismus, dies gehört zu dem, was man verstehen muß, wenn man innerlich den Sinn der modernen materialistischen Entwickelung verstehen will.

[ 21 ] So kam es, daß allerdings in der neueren Zeit einige inspiriert wurden mit hohen geistigen Wahrheiten, daß aber die allgemeine Kultur einen immer materialistischeren und materialistischeren Charakter annahm, daß immer mehr und mehr gewissermaßen sich der Blick der Seele trübte für dasjenige, was geistig uns umgibt, und in das wir eintreten durch die Pforte des Todes, aus dem wir herausgetreten sind durch die Pforte der Geburt. Abgelenkt immer mehr und mehr von diesem auf den verschiedensten Gebieten des Lebens, auf dem geistigen Gebiete, auf dem religiösen Gebiete, auf dem sozialen Gebiete wurde die Menschheit, abgelenkt von dem Hineinschauen in das Geistige. Der Blick wurde immer mehr und mehr nur auf das gerichtet, was als materielle, stoffliche Welt sich den Sinnen darbietet. So kam es, daß die neuere Menschheit seit dem Heraufkommen der neueren Zeit durch viele, viele Irrtümer gegangen ist. Aber urteilen wir wiederum nicht kritisch darüber, daß die Menschheit durch Irrtümer gegangen ist. Gerade indem Irrtümer sich hineinlebten in die menschliche Entwickelung, mußten die Menschen diese Irrtümer erleben, und sie werden sie nach und nach sehen, und in dem Überwinden dieser Irrtümer stärkere Kräfte gewinnen, als wenn ihnen automatisch nur der Weg nach dem, was sie sollen, eingeimpft worden wäre. Aber heute ist die Zeit gekommen, wo eingesehen werden muß, wie in dem Spirituellen die Impulse zu Irrtümern leben, und die Menschheit ist angewiesen darauf heute, immer mehr und mehr freie Entschlüsse zu fassen, die Irrtümer zu durchschauen und zu überwinden.

[ 22 ] Nicht angeklagt soll irgendein historisches Ereignis werden, sondern nur ganz objektiv betrachtet. Die historischen Ereignisse der neueren Zeit, sie entwickelten sich ja so, daß in den Menschen die Gedanken und Empfindungen lebten nur nach der äußeren physischen Wirklichkeit, nur nach dem hin, was der Mensch durchlebt zwischen Geburt und Tod. Selbst das religiöse Leben nahm allmählich einen persönlichen Charakter an, indem es sich darauf richtete, dem Menschen lediglich die Mittel an die Hand zu geben, mit seiner eigenen Seele selig zu werden. Das neuere religiöse Leben, das den Blick der Menschen von der konkreten geistigen Welt immer mehr und mehr ablenkt, es ist vielfach durchzogen von materialistischer Gesinnung, materialistischer Empfindung. Wie gesagt, nicht angeklagt soll irgendeine historische Erscheinung werden, aber dargestellt soll sie werden so, wie sie verstanden werden muß, wenn die kommende Menschheit nicht in Dekadenz verfallen, sondern eine Aufwärtsbewegung durchmachen soll.

[ 23 ] Wir sehen den Strom des Materialismus neben dem, ich möchte sagen, verborgenen Parallelstrom heraufziehen und sehen ein gewaltiges Ereignis eintreten am Ende des 18, Jahrhunderts, ein Ereignis, unter dessen Eindruck das ganze 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit herein steht: Wir sehen am Ende des 18. Jahrhunderts die Französische Revolution über die europäische Kultur hinfließen. Vieles lebte sich so aus, wie die Historiker beschrieben haben, daß es in der Französischen Revolution lebt. Aber man wird zu dem, was man bisher versteht von dieser Französischen Revolution und was fortwirkte an Impulsen, ausgehend von der Französischen Revolution, das noch hinzuverstehen müssen, was spirituell aus den materialistischen Impulsen, aus ahrimanisch-mephistophelischen Impulsen wird. Die Französische Revolution strebte — wie gesagt, nicht angeklagt soll ein historisches Ereignis werden, sondern verstanden - nach einem Höchsten; aber sie strebte nach einem Höchsten in einer Zeit, auf welche noch schwer die Schatten jenes Ereignisses fielen, das ich heute charakterisiert habe, jenes Ereignisses, durch das Mephistopheles-Ahriman mächtig geworden war, in das europäische Leben hereinzusenden den materialistischen Impuls. Und so hatten denn die Besten, welche die Französische Revolution inaugurierten, wenn sie auch in ihrem Bewußtsein etwas anderes zu glauben vermeinten — darauf kommt es nicht an, daß man sich mit Worten zu diesem oder jenem bekennt, sondern darauf kommt es an, daß man ein lebendiges, seelisch-lebendiges Bewußtsein hat von dem, was wirkt in der Welt -, die Besten, welche die Französische Revolution inaugurierten, hatten nur ein Bewußtsein von dem physischen Plane. Sie strebten gewiß nach einem Höchsten, aber sie wußten nichts von der Trinität im Menschen: von dem Leib, der da wirkt durch das ätherische Prinzip im Menschen, von der Seele, die da wirkt durch das astralische Prinzip, von dem Geist, der zunächst im Menschen wirkt durch das Ich.

[ 24 ] Man sah ja auch schon am Ende des 18. Jahrhunderts den Menschen so an, wie ihn zum Unheil der Menschheit die heutige materialistische Wissenschaft ansieht, die Physiologie, die Biologie. Man sah den Menschen so an, daß man, auch wenn man religiös ahnte etwas von einem geistigen Leben, doch nur den Blick richtete - von dem anderen redete man vielleicht —, aber den konkreten Blick richtete man auf das, was in der physischen Welt hier zwischen Geburt und Tod sich auslebt. Das kann man verstehen, was sich hier auslebt, wenn man es auch heute noch nicht ganz versteht, wenn man nur den Blick auf den äußeren physischen Leib richtet. Was aber im ganzen Menschen lebt, das kann man nur verstehen, wenn man weiß, wie mit dem äußeren physischen Leib das ätherische Prinzip, das astralische und das Ich-Prinzip verknüpft sind. Denn schon indem wir hier in der physischen Welt zwischen Geburt und Tod stehen, lebt in uns das Geistig-Seelische, das den geistigen Welten angehört. Leib, Seele und Geist sind wir hier, und wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, werden wir, nur mit einem anderen geistigen Leibe, wiederum eine Dreiheit sein als Menschen. Wer also den Erdenmenschen nur betrachtet so, wie er als physischer Mensch sich auslebt zwischen Geburt und Tod, der betrachtet nicht den ganzen Menschen, der gibt sich über den ganzen Menschen einem Irrtum hin. Und wenn er dann ein menschliches Ideal aufstellt für den physischen Menschen allein, dann paßt dieses Ideal nicht für den ganzen Menschen. Die Ereignisse, die in der Welt geschehen, dürfen wir nicht so ansehen, daß sie an sich irrtümlich sind. Das, was erscheint, ist schon die Wahrheit; aber die Art, wie der Mensch es ansieht und in seinen eigenen Taten verwertet, das macht oftmals Konfusionen. Und so entstand in den Seelen der Menschen am Ende des 18. Jahrhunderts dadurch eine Konfusion, daß alles in den Leib hinein gewissermaßen projiziert wurde, und Ideale, die nur einen Sinn haben, wenn man den Menschen als eine Trinität ansieht, wurden angestrebt für ein menschliches bloß leibliches Monon.

[ 25 ] Und so kam es denn, daß schöne Ideale am Ende des 18. Jahrhunderts durch die Menschen schwirrten: Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit! Schöne Ideale schwirrten durch die Menschheit, aber sie schwirrten durch die Menschheit in einer Zeit, in der sie nicht verstanden werden konnten, in der konfundiert wurde Leibliches, Seelisches und Geistiges, weil sie alle miteinander so aufgefaßt wurden, wie sie aufgefaßt werden von Menschen, die in Wahrheit nur an den physischen Menschenleib glauben. Denn für den physischen Menschenleib gilt als Ideal berechtigterweise nur die Brüderlichkeit, und die Freiheit hat nur Sinn, wenn man sie bezieht auf die menschliche Seele, und die Gleichheit hat nur Sinn, wenn man sie bezieht auf den Geist, so, wie sich der Geist auslebt in der Menschheit als das Ich. Nur wenn man weiß, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, und daß von den drei Idealen vom Ende des 18. Jahrhunderts sich die Brüderlichkeit auf den Leib, die Freiheit auf die Seele, die Gleichheit auf das Ich bezieht, dann redet man in einem Sinn, der mit dem inneren Sinn der spirituellen Welt übereinstimmt. Brüderlichkeit können wir entwickeln, insofern wir als physische Menschen physische Erdenleiber tragen, und wenn wir in die sozialen Ordnungen die Brüderlichkeit aufnehmen, dann ist dieBrüderlichkeit für die sozialeOrdnung auf dem physischen Plan ein Rechtes. Freiheit kann sich der Mensch nur erwerben in der Seele, insofern er mit der Seele sich auf der Erde verkörpert. Freiheit herrscht auf der Erde nur und ist auf der Erde nur möglich - das wollte auch Goethe in dem schönen Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie ausdrücken -, wenn sie bezogen werden wird auf die Menschenseelen, die in solchen Ordnungen auf der Erde leben, daß sie sich die Fähigkeit erwerben, das Gleichgewicht zu halten zwischen den niederen und den höheren Kräften. Wenn man die Waage zu halten vermag als Mensch zwischen den niederen und den höheren Kräften der Menschenseele, dann entwickelt man diejenigen Kräfte, die leben können hier zwischen Geburt und Tod; man entwickelt auch diejenigen Kräfte, die man braucht, wenn man durch die Pforte des Todes geht. Und so ist neben der sozialen Ordnung eine seelische Ordnung auf der Erde nötig, in welche die Seelen sich so einbetten können, daß sie die Kräfte der Freiheit entwickeln, die wir durchtragen können durch die Pforte des Todes, die wir nur dann durchtragen werden durch die Pforte des Todes, wenn wir uns vorbereiten für das Leben nach dem Tod in diesem Leben hier. Daß ein solcher seelischer Verkehr gestiftet werde von Seele zu Seele auf der Erde, daß die Seelen sich solche Kräfte entwickeln können, daß alle Ereignisse des Menschenlebens von klein auf, daß alle Gestaltung der Wissenschaften, alle Gestaltung der Künste, alle Gestaltung des menschlichen Schaffens dem Ideale zustreben, daß der Mensch als Seele die Waage zu halten vermag zwischen dem, was geistig wirkt und lebt und dem, was hier physisch wirkt und lebt, das muß ein Ideal werden. Frei wird der Mensch, wenn er sich solche Seelenkräfte zu erwerben vermag in der äußeren physischen Welt, wie er sie zum Beispiel erwerben kann, wenn er die schönen Formen zu verfolgen vermag, die in einer wirklich aus dem Geistigen heraus kommenden Kunst leben. Frei wird der Mensch, wenn der Verkehr zwischen Seele und Seele so ist, daß die eine Seele die andere mit immer größerem und größerem Verständnisse und mit immer größerer und größerer Liebe zu verfolgen vermag. Wenn es sich um die Leiber handelt, kommt die Brüderlichkeit in Betracht. Wenn es sich um die Seelen handelt, kommt in Betracht die Herausgestaltung jener zarten Bande, die sich entwickeln von Seele zu Seele, die sich auch hineinleben müssen in die Struktur des Erdenlebens, die aber darauf gehen müssen, Interesse, tiefes, tiefes Interesse zu begründen in der einen Seele für die andere Seele. Denn nur dadurch können die Seelen frei werden, und nur die Seelen können frei werden.

[ 26 ] Gleichheit für die äußere physische Welt gedacht, ist ein Unsinn, denn Gleichheit wäre Einförmigkeit. Alles in der Welt ist in Verwandlung, alles ist in die Zahlen gebannt, alles in der Welt muß sich in der Vielheit und der Vielgestaltigkeit ausleben. Dazu ist die physische Welt da, daß das Geistige durch die Vielheit der Formen gehe. Aber eines bleibt in unserem vielfachen und mannigfaltigen Menschenleben gleich, weil es zunächst ein Anfang ist. Unsere übrige Menschheit tragen wir schon seit der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit in uns, das Ich erst während der Erdenzeit. Das Ich ist im Anfange! Unser ganzes Leben zwischen Geburt und Tod kommen wir nicht weiter im Geistigen, als daß wir zu uns«Ich» sagen, und daß wir dieses Ich empfinden. Schauen kann es der Mensch entweder nur außer dem Leibe schon hier zwischen Geburt und Tod durch Initiation, oder wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, wo er dann in der Erinnerung zurück an seinen Erdenleib das Ich geistig zu schauen bekommt. Aber durch dieses Ich lebt sich hier auf der Erde alle Mannigfaltigkeit aus. Und die Struktur des Erdenlebens muß so gestaltet werden, daß die Möglichkeit vorhanden ist, daß durch die gleichen Iche all die Mannigfaltigkeiten sich ausleben, die durch die menschlichen Individualitäten in die Erde hereinkommen können. Der eine Mensch lebt diese, der andere jene, ein dritter eine weitere Individualität dar. Alle diese Individualitäten versammeln sich in ihren Wirkungsstrahlen in dem Fokus, in dem Brennpunkt des Ich, gleich; aber dieses, daß wir gleich sind, das macht die Möglichkeit, daß durch dieses Ich dasjenige geht, was wir uns mitteilen als Geister, daß wir ein Gemeinsamkeitsleben der Menschheit entwickeln. Durch das Gleiche geht das Verschiedene. So begründet sich in geistiger Gleichheit dasjenige, was nicht von einem einzelnen Menschen in den ganzen Strom des kosmisch-spirituellen Werdens hineingeht, sondern indem durch unser Ich, durch unser Geistiges schreitet dasjenige, was uns im mannigfaltigen Leben gesetzt ist, wird es ein Gemeinsames, geht als gemeinsamer Strom im kosmischen Werden weiter.

[ 27 ] Dem Geiste geziemt die Gleichheit. Und ein Geschlecht wird erst verstehen, wie die drei Ideale von Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit sich in die Menschheit einleben können, welches verstehen wird, daß der Mensch diese Dreigliedrigkeit von Leib, Seele und Geist in sich trägt. Daß das im 18. Jahrhundert und durch das ganze 19. Jahrhundert nicht verstanden werden konnte, das war noch eine Folge der Stärke des ahrimanisch-mephistophelischen Stromes, der auf die Ihnen geschilderte Art in die neuere Menschheitsentwickelung hineingekommen ist. Konfundiert hat das 18. Jahrhundert Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, indem es die drei angewendet hat allein auf das äußere physische Leben. Wie es das 19. Jahrhundert verstanden hat, kann es nur Chaos, soziales Chaos sein. Und in dieses soziale Chaos würde die Menschheit hineinschreiten müssen, wenn sie nicht aufnähme geistige Wissenschaft, spirituelles Leben, welche zum Verständnis führen werden, daß der Mensch eine Dreiheit ist, welche begründen werden eine Struktur des Erdenlebens für den dreigliedrigen Menschen.

[ 28 ] Der Mensch beziehungsweise die Menschheit mußte durch den Materialismus durchgehen; ihre Kräfte wären zu schwach gewesen für die Folgezeit, wenn diese Menschheit nicht durch den Materialismus durchgegangen wäre. Denn merkwürdig ist ja die Entwickelung der Menschheit. Gestern habe ich Ihnen einen Fall aus der Astronomie angeführt. Heute zum Schluß lassen Sie mich einen Fall anführen, aus dem Sie sehen werden, wie kompliziert der Gang der Menschheit durch das Erdenwerden ist, ich meine durch das Erdenleben im ganzen, wenn wir die Sache geistig anschauen. Sie wissen, wir leben jetzt in der fünften Periode des Zeitalters, das ich durch diesen Strich bezeichnen will (es wird gezeichnet), das wir das fünfte Zeitalter der Erde nennen, das nachatlantische. Unserer Periode ging die griechisch-römische voran. Der nachatlantischen Zeit ging voran das Zeitalter, das in der griechisch-römischen Zeit sich wiederholte, das aber abgetrennt ist von dem nachatlantischen Zeitalter durch die große atlantische Flut, welche die Geologie die Eiszeit nennt. Das nennen wir das atlantische Zeitalter; das griechisch-römische ist nur eine Wiederholung davon, eine vergeistigte Wiederholung. Diesem atlantischen Zeitalter ging aber voran das lemurische Zeitalter, das wiederum durch eine Katastrophe getrennt ist von dem atlantischen. Und dann kommen wir zu früheren Zeitaltern, die wir nicht weiter in Erwägung ziehen wollen.

[ 29 ] Werfen wir jetzt ganz kurz einen Blick auf ein Ereignis des lemurischen Zeitalters. Da gab es einen bestimmten Punkt in der Entwickelung, der jetzt Tausende und Tausende Jahre zurückliegt, wo die Menschheit der Erde noch ganz anders war als heute. Sie wissen aus der Art, wie ich in der «Geheimwissenschaft im Umriß» diese Entwickelung der Menschheit auf der Erde beschrieben habe, wie nach und nach die Impulse in die Menschheit hineinkommen. Es gab einen Punkt in der Entwickelung, wo sich festsetzte im Innern des Menschen aus dem Kosmos heraus das, was wir heute kennen als magnetische und namentlich als elektrische Kräfte. Denn in uns leben auf geheimnisvolle Art auch die magnetischen und elektrischen Kräfte. Vor diesem Zeitalter, in der lemurischen Zeit, lebte der Mensch auf der Erde noch ohne die magnetischen und elektrischen Kräfte, die sich in seinem Nervensystem, zwischen den Nervenwirkungen und den Blutwirkungen geistig entwickeln. Da wurden ihm diese Kräfte einverleibt. Von den magnetischen Kräften wollen wir absehen, auch von einem gewissen Teile der elektrischen Kräfte wollen wir absehen. Dadurch nun, daß sich diese Kräfte, die ich als elektrische Kräfte im Galvanismus, im Voltaismus und so weiter bezeichnen will, also jene Kräfte, die heute in die Kultur so tief eingreifen, in der Urzeit in den menschlichen Organismus hineingelebt haben, mit dem menschlichen Leben verbanden, dadurch konnten diese Kräfte eine Zeitlang für das menschliche Bewußtsein unbekannt bleiben. Der Mensch trug sie im Innern, aber äußerlich blieben sie ihm unbekannt. Nun, die magnetischen, die anderen elektrischen Kräfte außer dem Galvanismus und Voltaismus lernten wir schon früher kennen. Denn Galvanismus, die Berührungselektrizität, die mehr, als man heute sich überlegt, unserem Zeitalter sein Karma aufdrückt von außen, sie wurde, wie Sie wissen, erst um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert durch Galvani und Volta gefunden. Über solche Dinge denkt man gewöhnlich viel zu wenig nach. Denken Sie einmal, dieser Galvani, einen Froschschenkel präpariert er. Dadurch, daß er ihn, wie man sagt, zufällig am Fenster befestigt und der Froschschenkel mit Eisen in Berührung kommt, zuckt er. Das ist der Anfang all der Entdeckungen, all der Erfindungen, die heute durch den elektrischen Strom unsere Erde beherrschen! Seit so kurzer Zeit ist das erst. Man denkt gewöhnlich nicht nach: Wie kommt es denn, daß die Menschheit so etwas früher nicht gewußt hat? Plötzlich taucht auf eine ganz wunderbare Art in einem Menschen dieser Gedanke auf; er wird darauf gestoßen, dieser Mensch, auf diesen Gedanken. Unser materialistisches Zeitalter denkt natürlich über solche Dinge nicht nach. Aber deshalb versteht unser materialistisches Zeitalter rein gar nichts wissenschaftlich von dem wirklichen Werdegang der Welt. Die Wahrheit ist diese:

[ 30 ] Nachdem die Menschheit den Zeitpunkt in der lemurischen Zeit durchgemacht hatte, wo sie sich selbst jene Kräfte in ihr Inneres eingepflanzt hat, oder wo sie eingepflanzt erhalten hat die Kräfte, die heute in der Elektrizität durch den Draht gehen, und die auf unsichtbare Weise im Menschen wirken, nachdem dieses Zeitalter vorübergegangen war, lebte gewissermaßen die Elektrizität im Innern des Menschen. Nun geht die Entwickelung nicht so vorwärts, wie man es leichthin zeichnet, so mit einem einfachen Strich. Man glaubt nur, die Zeit geht so vorwärts, daß sie ins Unendliche verfließt. Das ist aber eine ganz abstrakte Vorstellung. In Wahrheit geht die Zeit so, daß sie sich weiterbewegt, daß die Entwickelung wieder umgekehrt wird und zurückläuft. Nicht nur im Raume gehen diese Bewegungen in der Lemniskate vor sich, sondern auch in der Zeit.

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[ 31 ] Da war die Menschheit während der lemurischen Zeit (Kreuzungspunkt der Lemniskatenbewegung, siehe Zeichnung), als sie sich eingepflanzt hat in sich selber das elektrische Kraftprinzip. Diesen Weg (blau) ist sie gegangen in der atlantischen Zeit, und kam mit Bezug auf gewisse Kräfte in der nachatlantischen Zeit an um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert an den Punkt, genau an den Punkt in der Weltentwickelung, wo sie war in der alten lemurischen Zeit, als sie sich selber vom Kosmos herein das Elektrizitätsprinzip eingepflanzt hatte. Und das ist der Grund, daß Galvani dazumal die Elektrizität fand! In späteren Zeiten gehen die Menschen immer wiederum zurück nach dem, was sie schon früher durchlebt haben; zyklisch, rhythmisch vollzieht sich alles Leben. Wir standen als Menschheit gewissermaßen wirklich um die Mitte des materialistischen Zeitraums, der sich seit dem 14., 15. Jahrhunderte entwickelt hat, an dem Punkt im Weltenall, den wir einmal durchlaufen hatten während der lemurischen Zeit. Und die ganze Menschheit erinnerte sich dazumal des Hereinbrechens der Elektrizität in den Menschen, und daher imprägnierte durch diese Erinnerung die Menschheit die Kultur mit dem elektrischen Prinzip. Das, was als Seele und Geist im Menschen lebt, das fand das wiederum, was einmal durchlebt war. Solche Wahrheiten werden der Menschheit wiederum klar werden müssen, denn mit diesen Wahrheiten allein wird man die Dekadenz der Zukunft vermeiden.

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[ 32 ] Unter dem Einflusse jener Inspirationen, von denen ich heute gesprochen habe, kamen gewisse Geister auf solche Wahrheiten. Denn daß die Menschen solche Wege machen, das wird eben bewirkt dadurch, daß verschiedene Strömungen herrschen. Würde zum Beispiel nur das geherrscht haben, was von der Art war, wie es die Templer wollten, so würde eine andere Entwickelung durchgemacht worden sein. Dadurch, daß aber der andere Strom, der mephistophelische beigemischt worden ist — er war von Anfang an auch da, aber er wurde erneuert durch das Templerschicksal —, dadurch ist die Menschheit gerade in dieser Zeit in den Materialismus hereingebracht worden, wie sie eben hereingebracht worden ist. Man braucht in der Menschheitsentwickelung diese mephistophelisch-ahrimanischen Kräfte. Und ich sagte: Gewisse Geister werden durch die Inspiration, die von dem rosenkreuzerischen Templerprinzip herkommt, die aus der geistigen Welt kommt, dahin geführt, dieses Prinzip, das ich hier meine, zu erkennen.

[ 33 ] Und denken Sie nur nicht, daß ein großer Dichter, ein wirklich großer Dichter, der aus der geistigen Welt heraus schafft, seine Worte so hinsetzt, wie die Leute heute manchmal glauben, diese Worte oberflächlich nehmen zu dürfen! Nein, ein Dichter wie Goethe zum Beispiel weiß, was in dem Worte liegt, weiß, daß mit dem Worte etwas gegeben ist, was den Menschen trägt und mit dem Menschen den Geist trägt, durch die menschliche Person den Geist tönen läßt. Person? - Da erinnert man sich: persona! Persona ist das Wort, das entstanden ist aus dem griechischen Wort für die Maske, die der Schauspieler trug und durch die seine Stimme tönte: personare heißt durchtönen. Das alles hängt innig zusammen mit der Fortentwickelung desWortes: «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott und ein Göttliches war das Wort.» - DasWort war nicht im Menschen; doch die menschliche Persönlichkeit hängt damit zusammen.

[ 34 ] Aber die ganze Entwickelung wird fortgetrieben dadurch, daß nicht nur die guten Kräfte wirken, sondern auch die anderen. Und solch ein Mensch wie Goethe sagte, wenn auch zum Teil unbewußt, aber unter Inspiration, gerade in einer solchen Dichtung wie in der Faust-Dichtung die tiefsten, bedeutsamsten großen Wahrheiten. Da, wo der Herr mit Mephistopheles im «Prolog im Himmel» im Gespräche ist, da sagt der Herr zuletzt zu dem Mephistopheles, daß er gegen sein Wirken nichts hat. Er läßt diesen Mephistopheles-Ahriman gelten, weil er drinnen sein soll in derWeltenentwickelung. Durch ihn soll das drinnen sein, was «reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen». Dann aber wendet der Herr seine Stimme von ihm ab und richtet das Wort zu den «echten Göttersöhnen», welche die normale Entwickelung vorwärtsbringen, und mit denen die andere Entwickelungsströmung zusammenwirkt. Und was sagt denn der Herr zu diesen echten Göttersöhnen?

Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfaß’ euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken!

[ 35 ] Der Herr gibt direkt den Befehl seinen Söhnen, daß sie hinsetzen sollen an die Weltenorte dauernde Gedanken! Solch ein dauernder Gedanke wurde hingesetzt in die Welt, als das elektrische Prinzip den Menschen eingepflanzt wurde, und zurückgeführt wurde die Menschheit wiederum zu dem dauernden Gedanken, als die Menschheit das elektrische Prinzip entdeckte und es der materialistischen Kultur einpflanzte. Ein Gedanke von ungeheurer Tiefe, dieses:

Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfaß’ euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken!

[ 36 ] Und eine tiefe Empfindung erfaßt unsere Seele, wenn das Mysterium auf uns wirkt von den dauernden Gedanken; denn dann fühlen wir, wie in der Welt das Ewige da und dort als dauernde Gedanken sitzt, wie wir angehören der Welt der Bewegung und wie wir durchgehen durch das, was in die «schwankende Erscheinung» hineinversetzt wird als dauernde Gedanken, als das ewig wirkende und webende Schöne, das sich offenbart, damit wir es erfassen in dem rechten Augenblicke.

[ 37 ] Und so möge denn auch ein rechter Augenblick für die Menschheit kommen in einer nächsten Zukunft, wie er ihr vorbestimmt ist, wenn sie nicht in die Dekadenz kommen will. Möge sie es verstehen, daß sie durchzugehen hat durch den nächsten Punkt, der den Materialismus wiederum in sein Gegenteil aufhebt, durchzugehen hat durch den Punkt, wo die großen Gedanken der spirituellen Welt hereinstrahlen können in die Menschheit, zu welchen diese Menschheit sich vorbereiten will in denjenigen ihrer Persönlichkeiten, welche heute schon durch ihr Karma zur Geisteswissenschaft kommen durften. Hinzulenken darauf, daß auch dem materialistischen Zeitalter, das gefunden hat den dauernden Gedanken, den in der letzten Art Ahriman-Mephistopheles in die neuzeitliche Entwickelung hineingesetzt hat, dasjenige hinzugefügt werden muß, was erfahren werden kann bei dem Durchgang durch einen spirituellen dauernden Gedanken, darauf hinzuweisen, und daß die Menschheit nicht versäume, diesen spirituellen Gedanken zu erfassen, wird die immer wiederkehrende Aufgabe des geisteswissenschaftlichen Wirkens und Strebens sein. Daher darf man auch nicht müde werden, immer wieder und wiederum zu gemahnen daran, daß der Zeitpunkt zur Erfassung der Geisteswissenschaft von der Menschheit nicht versäumt werden möge.