Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit
Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
GA 171
7 Oktober 1916, Dornach
Zehnter Vortrag
[ 1 ] In den Vorträgen, die hier in den letzten Wochen gehalten worden sind, habe ich mich bemüht, einiges von dem zu zeigen, was in der neueren Menschheitsentwickelung gelebt hat an verschiedenen inneren Impulsen, die eingegriffen haben in diese moderne Menschheitsentwickelung. Wir sind weit zurückgegangen. Wir haben zu verstehen gesucht, wie herüberspielen aus der atlantischen Kultur die Überreste, die stehengebliebenen Überreste alter atlantischer Mysterienmagie. Wir haben vor unsere Seele geführt, wie eine Seite dieser atlantischen Mysterienkultur in Dekadenzzuständen lebte bei den Völkern, die aufgefunden worden sind von den europäischen Völkern durch die Entdeckung Amerikas. Wir haben uns weiter etwas vertieft in die Überbleibsel des anderen Zweiges atlantischer Magie, der seine Strahlen und Strömungen hinübergesendet hat aus Asien nach Europa. Und so haben wir ein Zusammenwirken gewissermaßen eines westlichen und eines östlichen Poles bei den aus der Atlantis übriggebliebenen Impulsen kennengelernt. Wir haben uns dann etwas vertieft in die Eigentümlichkeit, in das Wesen der griechisch-lateinischen Kultur, die ja in gewissem Sinne eine Nachbildung, eine Art Wiederholung der atlantischen Kultur war, aber auf einer anderen Stufe. Und wir haben wiederum versucht, die beiden Pole der vierten nachatlantischen Kulturzeit, nämlich den griechischen Pol und den romanischen Pol, kennenzulernen. Wir haben dann auch versucht, die verschiedenen weiteren Impulse, wenigstens teilweise, zu erwähnen, welche im europäischen Kulturleben tätig waren. Wir haben insbesondere betrachtet jenen Impuls, der in den geistigen Strom der europäischen Kulturentwickelung gekommen ist dadurch, daß die Tempelherren ein gewisses Schicksal durchgemacht haben, und daß durch dieses so eindringliche, so gewaltig auf unsere Seele wirkende Schicksal der Tempelherren geistige Kräfte ins Dasein gerufen worden sind, welche fortgewirkt haben auf geistige Art, gewissermaßen inspirierend, impulsierend, initiierend dasjenige, was im äußeren Gang der Geschichte der europäischen Völker sich zugetragen hat. Und wir haben dann zu verfolgen versucht, wie diese sich fortentwickelnden Impulse in die neuere materialistische Zeitenkultur hereingeströmt sind. Wir haben am letzten Montag betrachtet, was sie bewirkt haben am Ende des 18. Jahrhunderts, wie sie eine eigentümliche Färbung verliehen haben — das suchten wir zu begreifen — den Ideen, die damals durch die Welt schwirrten, den Ideen von Brüderlichkeit, von Freiheit und Gleichheit. Es könnten noch viele solche Impulse, wie sie im Laufe der Jahrhunderte nach und nach geboren werden in der europäischen Entwickelung, charakterisiert werden; das kann aber einer späteren Zeit überlassen werden. Ich wollte an einigen bedeutungsvollen Impulsen charakterisieren, welcher Art der Gang des europäischen Kulturlebens war. Denn worauf es uns ja ganz besonders ankommen muß, das ist, in geisteswissenschaftlicher Art immer besser und besser zu verstehen, welches die Eigentümlichkeit des Zeitpunktes ist, in dem wir selber stehen, wie dieser Zeitpunkt bestimmt worden ist durch die besondere geistige Struktur des 19. Jahrhunderts. In diesem 19. Jahrhundert haben ja dann, mehr oder weniger verhüllt, alle diese Strömungen auf geistige Art gespielt, diese Kulturimpulse, von denen wir gesprochen haben.
[ 2 ] Nun habe ich Sie auch schon öfter darauf aufmerksam gemacht, daß in bezug auf die Entwickelung der neueren Kulturvölker die Mitte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Zeitpunkt war. Es war der Zeitpunkt, in dem im fünften nachatlantischen Zeitraum dasjenige besonders bedeutsam werden sollte, was der Mensch erkennen und hervorbringen kann durch den Verstand, insofern dieser Verstand an das physische Gehirn gebunden ist. Denn das müssen wir uns nur ganz klarmachen: mit dem fünften nachatlantischen Zeitraum kommt etwas von Kräften in die nachatlantische Kulturentwickelung herein, was noch ganz anders war im griechisch-lateinischen Zeitraum, im vierten nachatlantischen Zeitraum. Selbstverständlich hatten die Griechen auch Verstand, aber einen Verstand ganz anderer Art als derjenige ist, der durch den fünften nachatlantischen Zeitraum heraufgezogen ist und in der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine ganz besondere Krisis eingetreten ist. Der Verstand, der sich im Griechentum ausgebildet hatte zum Beispiel, der durchstrahlt hat dasjenige, was das Griechentum künstlerisch geschaffen hat, der durchstrahlt hat dasjenige, was das Griechentum in seinen Städteeinrichtungen — nicht Staatseinrichtungen — geschaffen hat, der Verstand, der dann in der griechischen Philosophie Platos und Aristoteles’ gewirkt hat, der Verstand, der dann auch mit dem Römertum in das Staatswesen eingezogen ist, dieser Verstand war im vierten nachatlantischen Zeitraum noch etwas ganz anderes, als er im fünften nachatlantischen Zeitraum geworden ist. Daß sich dies selbst philosophisch nachweisen läßt, das können Sie ja entnehmen aus dem ersten Band meiner «Rätsel der Philosophie», worinnen ich zu zeigen versuchte, wie anders der Grieche mit dem Begriffe, mit der Idee lebte, als der Mensch zum Beispiel des 19. Jahrhunderts. Beim Griechen war dieldee wirklich so vorhanden, daß er sie gewissermaßen wahrnahm, wie wir heute nur noch Farben oder Töne, Sinnesempfindungen wahrnehmen. Bei den modernen Menschen unserer Zeit ist der Verstand abgetrennt von der äußeren Wahrnehmung und wirkt im Innern des Menschen, aber doch so im Innern des Menschen, wie er wirken muß, wenn er sich betätigt durch das Gehirn, überhaupt durch den physischen Organismus.
[ 3 ] Dies hatte allmählich — und es mußte durch den Sinn der neueren Geschichte so sein — im 19. Jahrhundert die Tendenz heraufgebracht, das menschliche Leben immer mehr und mehr zu durchziehen mit materialistischer Erkenntnis und mit dem bloßen Nützlichkeitsprinzip im praktischen Leben. Wir haben ja gesehen, mit welcher Notwendigkeit sich diese Dinge entwickelt haben. Wir haben gesehen, wie in den westlichen Kulturländern Europas gewisse Triebe zu Fragen aufgetaucht sind, wie da andere Fragen gestellt worden sind, oder, wenn wir so sagen wollen, wie gewisse große Menschheitsfragen anders gestellt worden sind als zum Beispiel im Osten. Wir haben gesehen, daß der Westen durch lange Vorbereitung dahin gedrängt worden ist, auf dem Erkenntnisgebiete und auch auf dem Gebiete des praktischen Lebens den Geist in eine gewisse Konfiguration hineinzudrängen. Wir haben gesehen, daß sich die Fragen allmählich zugespitzt haben. Ich werde heute die Ausdrücke gebrauchen, auf die ich schon hingewiesen habe, die aber heute so gebraucht werden sollen, daß sie besonders präzise dasjenige bezeichnen — wir haben es angeführt —, was im Westen hauptsächlich gefragt worden ist: die Verwandtschaften der Wesen und alles, was sich beim Menschen auf Geburt und Vererbung bezieht. Man kann im tiefsten Sinne die westliche Erkenntniskultur verstehen, wenn man weiß, daß diese Frage nach der Verwandtschaft der Wesen im Weltenall und nach Geburt und Vererbung tonangebend war. Damit, daß man im 19. Jahrhundert nach den Verwandtschaften fragte, wurde in der westlichen Welt begründet das, was Physik, was Chemie ist, und so weit gebracht, daß die Verwandtschaft der verschiedenen Naturkräfte erkannt werden wollte als Einheit der Naturkräfte auf chemischem Gebiete; daß die Verwandtschaft der verschiedenen Stoffe untersucht wurde chemisch, aber auch auf biologischem Gebiete, auf dem Gebiete der Lebenslehre; daß die einzelnen Formen der Tiere und Pflanzen untersucht wurden und ihre Verwandtschaft geprüft wurde. Das alles sollte dann dahin führen, daß begriffen werden sollte der Mensch, aber der Mensch so, wie er sich herausentwickelt aus dem rein tierisch-natürlichen Dasein, man kann sagen, die Geburt des Menschen zu begreifen, das heißt den sinnlichen Menschen zu verstehen in seiner Verwandtschaft mit den anderen sinnlichen Wesen der Erde. Dazu spitzte sich zu in der Geburts- und Vererbungsfrage dasjenige, was die westliche Welt suchte.
[ 4 ] Die östliche Welt suchte auf dem erkenntnismäßigen Gebiete um andere Fragen sich zu bemühen. Und wenn wir diese wieder zusammenfassen wollen, so können wir sagen: Es ist das Böse, das Leiden in der Welt. — Nirgends ist so viel wie im Osten Europas gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu nachgedacht worden, über nichts ist so viel nachgedacht worden, als über die Frage: Wie kommt das Böse, die Sünde könnten wir auch sagen, in die Welt herein? Gewiß, es ist auch in anderen Gegenden über die Sünde nachgedacht worden, aber, man möchte sagen, nicht mit soviel Begabung wie im Osten Europas. Die literarische Produktion, das philosophische Denken, sie stehen im Osten Europas, namentlich im russischen Geistesleben, ganz unter dem Impuls, das Böse zu erforschen. Und dieselben Mühen, die im Westen auf die Verwandtschaften der Wesen verwendet werden, die werden im Osten verwendet auf die Erforschung des Bösen, der Leiden, der Sünde. Dieselben Mühen, die im Westen verwendet werden auf den natürlichen Zusammenhang des Menschen, so daß der physische Mensch, wie er durch die Geburt ins Dasein tritt, begriffen werden soll, dieselben Mühen werden im Osten verwendet, den Tod zu begreifen. Wie der Mensch als Seele sich aufrechterhält im Tode, wie er durch die Pforte des Todes tritt als lebendige Seele, was der Tod im ganzen Lebenszusammenhange bedeutet, das kündigt sich im Osten an als eine Frage, die da ebenso wichtig ist für den Osten wie für den Westen, die Frage nach den natürlichen Verwandtschaften, nach dem, was zu der physischen Geburt des Menschen führt. Wie wir bei den westlichen Philosophen auch philosophisch nachweisen können, daß diese Fragen ihnen zugrunde liegen, so können wir bei dem größten, bei dem vorläufig größten östlichen Philosophen, bei Wladimir Solowjow, nachweisen, wie all sein Denken, all sein Sinnen beherrscht ist von den Fragen: Tod und das Böse, die Sünde.
[ 5 ] Der Unterschied ist nur der, daß im Westen die Entwickelung verhältnismäßig weit fortgeschritten ist, daß man schon sehr weit gekommen ist in der Erforschung desjenigen, was mit den charakterisierten zwei Fragen zusammenhängt, während im Osten die Sachen mehr im Anfange stehen. Alle diese Dinge übertragen sich dann auf das praktische Gebiet, auf das Einrichten des sozialen Lebens, auf die Ideen, die man im Alltag verwirklichen will. Und wir haben ja gesehen, wenn wir den gewissermaßen intimsten Lebenstrieb des Westens suchten, wie er sich unter diesem Erkenntnisimpulse entwickelte. Wir können ihn bezeichnen als das Nachdenken über das Glück des Menschen. Bedenken Sie, wie das Nachdenken über das Glück des Menschen beginnt mit den Ütopisten Bacon, Thomas Morus und so weiter. Wie aber entwickelt sich dann dieses Nachdenken weiter in den verschiedensten sozialistischen Programmen, die im Westen zum Vorschein kommen? Gewiß, auch im Osten sind sozialistische Programme zum Vorschein gekommen. Wer aber einen Sinn hat für Differenzierung, der kann sehr leicht herausfinden, wie diese einem ganz anderen Impulse entspringen als die sozialistischen Ideen des Westens, die zu den neueren sozialistischen Ideen geführt haben. Das alles, sowohl die Freiheitsideen der Revolution wie die sozialistischen Ideen des 19. Jahrhunderts, sie haben, könnte man sagen, als ihr praktisches Ideal das Glück. Wenn wir nach dem Osten hinüberschauen — wir haben es schon vor einigen Wochen ausgesprochen —, so finden wir, allerdings hier auch wiederum mehr im Anfange, aber wir finden es deutlich: es wird gesucht, wie dort das Glück, so hier die Erlösung, die innere Befreiung des Menschen. Es ist die Sehnsucht vorhanden, kennenzulernen, wie das Leben der Seele mit Besiegung des physischen Lebens sich entfalten kann. Man versteht dasjenige, was im europäischen Leben merkwürdig durcheinanderspielt, wenn man dieses Durcheinanderspielen der Impulse, die sich so ausleben, ins Auge faßt. Und wir haben gesehen, wie selbst eine Erkenntnisbetrachtung höchster Art, die Betrachtung des Christus Jesus-Lebens, ihre Färbung erhält durch alles das, was in diesen Impulsen, in diesen Trieben liegt.
[ 6 ] Hier im Westen betrachtet der charakteristischste und genialste Betrachter des Jesus-Lebens, Ernest Renan, den Jesus nur als Jesus. Er betrachtet ihn so, wie man einen anderen Menschen betrachtet, indem er ihn aus seinen natürlichen Bedingungen heraus entwickelt: wie Jesus herausgeboren ist aus seinem Volke, herausgeboren ist aus seinem Klima, seinem Land, seiner Nation. Im Osten spricht man wenig von dem Jesus, und wenn man von dem Jesus spricht, nur, um über ihn weg zu dem Christus zu kommen. Und insbesondere scharf ausgeprägt — aber nicht nur bei ihm, sondern auch bei anderen — können Sie dieses finden wiederum bei Solowjow. Mitten drinnen, habe ich schon gesagt, steht wenn man einen Sinn hat für das, was Goethe das Urphänomen nennt, so wird man, und das mit Recht, gerade diese drei Namen nennen —, origineller und genialer als alle anderen Jesus-Betrachter, David Friedrich Strauß.
[ 7 ] Ernest Renan betrachtet, man könnte sagen, einzig den Jesus. Solowjow betrachtet einzig den Christus. Bei Ernest Renan wird Jesus zu einem bloßen Menschen, der menschlich, man könnte fast sagen, allzu menschlich von Ernest Renan betrachtet wird. Bei Solowjow verliert sich das Menschliche vollständig. Ein Aufstieg in die geistigen Welten wird von Solowjow immer gesucht, wenn er den Christus betrachtet, und nur von moralisch-geistigen Wirksamkeiten und Impulsen wird gesprochen, wenn er den Christus betrachtet. Alles ist in eine spirituelle Sphäre gerückt. Dieser Christus des Solowjow hat nichts Irdisches, obwohl er sein Wirken in das Irdische hereingießt. Mitten drinnen steht David Friedrich Strauß. Ich habe Ihnen schon charakterisiert, wie eigentümlich seine Christus Jesus-Betrachtung ist. Er leugnet den Jesus nicht, er gibt zu, daß solch eine Persönlichkeit gelebt hat, wie sie Ernest Renan einzig und allein als Mensch betrachtet. Aber dieser Jesus hat für David Friedrich Strauß nur insoferne eine Bedeutung, als in ihm zunächst die Idee der ganzen Menschheit aufgetaucht ist. Damit ist aufgetaucht durch Jesus alles dasjenige, was die Menschen ersehnt und erahnt haben in den Mythen aller Zeiten. Was in der Mythenbildung gelebt hat als die Idee der Gesamtmenschheit, das tritt in Jesus auf. David Friedrich Strauß betrachtet nicht das irdische Leben des Jesus. Es wird ihm dieses irdische Leben des Jesus nicht die Hauptsache, wie es das für Ernest Renan ist, sondern David Friedrich Strauß betrachtet das irdische Leben Jesu nur als ein Mittel, um zeigen zu können, wie in dem Zeitpunkt, da der Jesus auftritt, die Menschheit das Bedürfnis hat, alle die Mythen, die sich auf die Entwickelung der Gesamtmenschheit und auf die Ideale der Gesamtmenschheit immer bezogen, zusammenzufassen. So wird in der Betrachtung von David Friedrich Strauß dasjenige, was bei Ernest Renan farbenreich, menschlich farbenreich ist, das Leben Jesu, nur ein, man möchte sagen, Schattenleben, das gewissermaßen hineingestellt wird in die Welt der Entwickelung, um zeigen zu können, wie die Mythen von Jahrtausenden zusammenfließen. Und Christus ist bei David Friedrich Strauß nicht eine abgeschlossene Individualität, eine Wesenheit, wie bei Solowjow, die gewissermaßen persönlich hereinwirkte mit ihren Impulsen in das Menschheitsleben, sondern die Idee der Menschheit, dasjenige, was in jedem Menschen lebt, was in der ganzen Menschheit lebt, der Christus, der über die Jahrtausende der Menschheitsentwickelung ausgegossen ist, der sich mit der Menschheit selber entwickelt. Bei David Friedrich Strauß finden wir gewissermaßen nur die Idee des Jesus mit der Idee des Christus vereinigt. So daß wir bei Ernest Renan einen Jesus haben, der persönlich ist und der geschichtlich ist; bei Solowjow haben wir einen Christus, der überpersönlich ist, aber individuell, und der übergeschichtlich ist. Überpersönlich, aber individuell, ist er aus dem Grunde, weil er eine in sich abgeschlossene Wesenheit ist. So wie der Mensch eine physisch abgeschlossene Persönlichkeit ist, so ist der Christus des Solowjow eine in der Geistwelt, wenn auch im Erdenkreise lebende Persönlichkeit, also eine Überpersönlichkeit; und übergeschichtlich ist er, weil er nicht unter den geschichtlichen Persönlichkeiten lebt wie der Jesus des Ernest Renan, sondern weil er anders in die Geschichte eingreift, übergeschichtlich ist. Jede Persönlichkeit, die mit physischem Leibe begabt ist, würde geschichtlich eingreifen, außer dem Christus, der in dem physischen Leibe nur lebte, um seither immer zu leben mit der Erde, aber übergeschichtlich die Erde zu lenken durch die Impulse, die von ihm ausgehen. Dazwischen steht die Betrachtung des David Friedrich Strauß, der es nicht zu tun hat mit der Anschauung, daß das Persönliche bei Christus Jesus besonders in Betracht kommt. Diese Persönlichkeit trat nur auf, um gewissermaßen ein Konzentrationspunkt zu sein für die bei allen Völkern zerstreuten Mythen, die von einem ähnlichen Heiland sprachen.
[ 8 ] So können wir sagen: Während bei Ernest Renan der Jesus persönlich, bei Solowjow überpersönlich ist, ist er bei David Friedrich Strauß mehr unpersönlich-persönlich. Unpersönlich-persönlich, dieser Widerspruch muß gebildet werden aus dem Grunde, weil zwar die Persönlichkeit vorliegt in der Betrachtung, aber auf die Persönlichkeit selbst nicht der Hauptwert gelegt wird. Dasjenige, was gewissermaßen der Weltenlauf in der Zwischenzeit vollbracht hat mit den verschiedenen Mythen, die sich da konzentriert haben, also das unpersönliche Wirken, das stellt David Friedrich Strauß in den Mittelpunkt. Und auch nicht geschichtlich und nicht übergeschichtlich ist dieses, sondern ideell-allmenschlich. Der Christus des David Friedrich Strauß ist, weil er im Grunde nur ideell ist, weniger konkret als der Christus des Solowjow; sein Jesus ist dafür mehr ideell als der Jesus des Ernest Renan, der nur eine Persönlichkeit ist. Und man kann fast ablesen, wenn man dieses aus der Geistesgeschichte Europas heraus gewonnene Schema nimmt, wie der Zusammenhang ist. Ernest Renan, einem im eminentesten Sinne aus der Westkultur hervorgegangenen Manne, handelt es sich vorzugsweise darum, zu begreifen: Wie konnte ein Land, eine Zeit, ein Volk, wie konnte ein gewisses Milieu gebären den persönlichen Jesus? — Auf die Geburt kam es Ernest Renan an. Für Solowjow handelte es sich vorzugsweise darum: Was bedeutet der Christus für die menschheitliche Entwickelung? Wie rettet der Christus dasjenige, was im Menschen geboren ist als Seelisches? Wie führt der Christus den Menschen durch den Tod hindurch?
[ 9 ] Im 19. Jahrhundert nun erreichte namentlich dasjenige, was in dieser Entwickelung lebt — denn die letzten Ereignisse dieser Entwickelung gehören ja durchaus dem 19, Jahrhundert schon an —, eine gewisse Krisis. In der Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht es eine gewisse Krisis. Es wurde gewissermaßen das Äußerste erreicht, was anstreben kann physische Verstandesleistung: das Streben nach dem Glück wurde allmählich im 19. Jahrhundert zum Streben nach der bloßen Nützlichkeit. Und das ist es, was insbesondere in der Mitte des 19. Jahrhunderts hervortritt: das Streben sowohl auf erkenntnismäßigem Gebiete wie auf dem Gebiete der bloßen Nützlichkeit. Das war dasjenige, was insbesondere beunruhigt hat diejenigen, welche die wahren, die ewigen Bedürfnisse der Menschheitsentwickelung verstehen: daß das 19. Jahrhundert eine Krisis bringen sollte in bezug auf das Nützlichkeitsprinzip. Materialismus auf dem Gebiete des Erkenntnislebens, Nützlichkeit auf dem Gebiete des praktischen Lebens sind zwei Dinge, die zusammengehören. Hier werden diese beiden Dinge nicht aufgezählt aus dem Grunde, um sie zukritisieren und gegen sie zu zetern, sondern sie werden aufgezählt, weil sie notwendige Durchgangspunkte für die Menschheit waren. Die Menschheit mußte durchgehen sowohl durch das Prinzip des Materialismus auf dem Erkenntnisgebiete wie durch das Prinzip der bloßen Nützlichkeit auf dem Gebiete des praktischen Lebens. Nur handelte es sich darum, wie nun in diesem 19. Jahrhundert die Menschheit geführt werden sollte, um durch diesen notwendigen Punkt ihrer Entwickelung durchzugehen. Und mit der Betrachtung darüber, mit der Betrachtung desjenigen, was heute schon betrachtbar ist aus dem 19. Jahrhundert, wollen wir heute beginnen, auf einige Gesichtspunkte aufmerksam zu machen, um sie dann am nächsten Samstag weiter auszuführen.
[ 10 ] Die Erkenntnis gerade, die auf die Geburt hinging und auf die Vererbung, auf das Begreifen des Menschen als eines natürlichen Geschöpfes, diese Erkenntnis wurde nun in den Dienst des Materialismus, ja sogar als Erkenntnis in den Dienst des Nützlichkeitsprinzips gestellt. Das kann man auf den verschiedensten Gebieten nachweisen. Machen wir uns klar, was da eigentlich geschehen ist. Sie wissen alle, und ich habe es in den beiden öffentlichen Vorträgen in dieser Woche ja auch öffentlich hervorgehoben: Der Darwinismus ist heraufgekommen, der Darwinismus hat über das Problem der Geburt des Menschen, das heißt des Hervorgehens des Menschen aus der übrigen Organismenreihe ganz besondere Ideen heraufzubringen versucht. Wir wissen, daß alles dasjenige, was mehr spirituell, geistig ist am Darwinismus, schon in Goethes Metamorphosenlehre steckt; aber diese Goethesche Metamorphosenlehre solite zunächst, man möchte sagen, wie esoterisch bleiben. Die gröbere materialistische Form der Verwandelungslehre, die der Darwinismus gebracht hat, sollte zunächst unter die Menschheit kommen, sollte beliebt werden, sollte von den Menschen zu verstehen gesucht werden. Und wir haben ja im öffentlichen Vortrage gesehen, welche Schicksale der Darwinismus durchgemacht hat, wie die intimsten Schüler der Darwinisten im Laufe weniger Jahrzehnte dazu gekommen sind, diesen Darwinismus selbst, insofern er in seiner drastischen Färbung aufgetreten ist, in den Grund und Boden zu bohren. Aber dieser Darwinismus, ist er eigentlich in die Weltbetrachtungen des 19. Jahrhunderts eingezogen deshalb, weil irgendwelche Naturtatsachen dazu nötigen? Nicht einmal die Naturforscher selber, die denken, behaupten das heute mehr. Ich habe das gestern auseinandergesetzt. Oscar Hertwig sagt es ausdrücklich: Weil die Menschen in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Punkt angekommen waren, nur die äußeren Nützlichkeitsprinzipien gelten zu lassen, die merkantilen, die sozialen Nützlichkeitsprinzipien, haben sie diese Prinzipien auch übertragen auf die äußere Welt. Kein Wunder, daß die äußere Welt das nicht bewahrheitet hat, als man sie genauer betrachtete. Die Menschen wollten ein Spiegelbild ihres eigenen Denkens in der Natur sehen.
[ 11 ] Aber wie ist Darwin eigentlich zu dieser Anschauungsweise gekommen? Das ganze Nützlichkeitsprinzip ist ja wiederum aus der Anschauung über das Glück, wie man dasGlück auf der Erde begründet, hervorgegangen. Es ist außerordentlich charakteristisch. Nun wurde Darwin aufmerksam in seiner Zeit auf eine gewisse Strömung, welche, man könnte sagen, in der denkbar materialistischsten Weise über das Glück der Menschen auf Erden nachdachte, darüber nachdachte, wie das Glück auf der Erde begründet werden solle. Darwin kam dem nahe und stellte sein Denken in den Dienst desjenigen, was man Malthusianismus nannte, die Lehre des Malthus. Was ist das? Diese Lehre des Malthus ging aus von der Anschauung, daß auf Erden die Lebensmittel sich vermehren dadurch, daß man die Fruchtbarkeit der Erde rationeller ausnützt, daß man also die Fruchtbarkeit der Erde vergrößern kann. Aber neben dieser Zunahme der Fruchtbarkeit der Erde betrachteten die Malthusianer auch die Zunahme in der Bevölkerung der Erde, wie sie das eben betrachten konnten. Alle Inkarnationsideen waren ja ausgeschaltet. Und da kamen sie darauf, daß in ungleicher Art die Fruchtbarkeit der Erde zunimmt, einerseits die Fruchtbarkeit in bezug auf die Nahrungsmittel, andererseits die Fruchtbarkeit in bezug auf die Bevölkerung. Sie dachten, die Zunahme der Nahrungsmittel geschieht etwa so: 1 2 3 4, wie man sagt, in arithmetischer Progression, die Zunahme der Bevölkerung dagegen 1 4 9 16 und so weiter in entsprechend langen Zeiträumen, wie man sagt, in geometrischer Progression. Die Anhänger des Malthus begründeten auf diese Anschauung eine Ansicht, die sie glaubten begründen zu müssen im Sinne der Glückseligkeit der Menschen auf Erden. Denn wohin soll es denn führen, wenn die Erde so übervölkert wird, wie sie übervölkert werden muß, wenn die Bevölkerung in geometrischer Progression steigt, während die vorhandenen Nahrungsmittel nur in arithmetischer Progression steigen? Daraus ging ein Prinzip hervor, das, ich möchte sagen, Gott sei Dank nur kurze Zeit wenige verblendet hat, es ging das Prinzip des sozialen Malthusianismus hervor, das Ideal des Zweikindersystems. Man sagte, da die Natur die Tendenz hat, die Menschenvermehrung geometrisch vorwärtszutreiben, muß Einhalt geschaffen werden durch das Zweikindersystem. Nun, über diese besondere Anwendung des Glückseligkeitsprinzipes im ganz materialistischen Sinne, daß man einfach die Geburtenfolge der Erde so bestimmt, wie man sich sie nur unter materiellen Voraussetzungen bestimmbar dachte, brauchen wir uns ja nicht weiter einzulassen. Aber Darwin stand ganz unter dem Einfluß dieses Prinzipes, und er sagte sich: Wie ist die Natur also eigentlich beschaffen, wenn sie solch ein Prinzip hat? — Er ging aus von der Gewißheit dieses Prinzipes, daß für alle Wesen, die leben, die Nahrungsmittelzunahme in arithmetischer Progression geschieht, die Zunahme an Individuen in geometrischer Progression. Daraus ergab sich ihm das Folgende, er sagte sich: Wenn die Nahrungsmittel nur zunehmen wie 1 2 3 4 5, die Vermehrung aber der einzelnen tierischen Wesen wie 1 4 9 16 25 und so weitet, dann muß notwendigerweise unter den Wesen der Kampf um die Nahrungsmittel, der Kampf ums Dasein ein wirksames Prinzip sein. Und aus dem Malthusianismus heraus, also aus etwas, was im Grunde genommen für das praktische Leben bestimmt war, hat Darwin sein Prinzip vom Kampf ums Dasein gebildet, nicht aus Beobachtung der Natur, sondern aus dem Malthusianismus heraus; der hat ihn angeregt, der hat ihn inspiriert. Kampf ums Dasein ist aus diesem Grunde da.
[ 12 ] Wir sehen also: Erkenntnismäßige Naturbetrachtung war es nicht, was Darwin den Anstoß gegeben hat, sondern es war das Nützlichkeitsprinzip im Leben, das der Malthusianismus durch Geburtenregulierung gesucht hat. Dann hat man geglaubt, diesen Kampf ums Dasein in der Natur überall zu finden und hat sich gesagt: Alle Wesen leben im Kampf ums Dasein, das Unpassende wird besiegt, das Passende bleibt übrig im Kampf ums Dasein, — Auslese des Nützlichen. Jetzt brauchte man kein weisheitsvolles Prinzip, sondern man hatte an die Stelle der Weltenweisheit den Kampf ums Dasein gesetzt. Das Nützliche erhält sich, das Nutzlose geht verloren im Kampf ums Dasein: Auslese des Passendsten. Wie geeignet für die Menschen des 19. Jahrhunderts, die einen gewissen Trieb entwickelten, möglichst das Geistige abzustreifen und möglichst nur im Materiellen zu leben! Denn Ideale zu haben, daran brauchte man ja nicht zu denken, wenn man nur dem großen Prinzipe der Auslese des Passendsten leben konnte. Und man brauchte sich ja so wenig zu bemühen, Ideale zu verwirklichen, da die Natur ohnedies das Passendste ausliest, ja man könnte sogar der Natur entgegenarbeiten, wenn man Idealen sich hingäbe, denn die Natur findet in sich selber das Prinzip, das Passendste auszulesen. Man könnte, wenn man Ideale verwirklicht, sich vielleicht sogar zu einem unpassenden Individuum machen, das den Kampf ums Dasein in seinen Idealen zugrunde legen müßte! Das ist nicht etwas, was bloß ein einzelner empfindet, sondern was in den Menschen des 19. Jahrhunderts lebte und klar und deutlich ausgesprochen wurde überall. Aber außerdem, wie konnte man sich sozusagen die Finger ablecken, wenn man auf den Wegen des 19. Jahrhunderts es zu etwas gebracht hatte, wenn man, sagen wir zum Beispiel durch irgendwelche, seien es auch noch so fragwürdige Mittel, eine besondere Position im Leben erworben hat! Die Natur hat das allgemeine Prinzip, das Passendste auszuwählen; man war also der Passendste! Man genierte sich zwar, das immer auszusprechen, aber man wirkte doch unter dem Triebe, so zu denken. Wenn man sich ein möglichst großes Vermögen ergaunert hat, warum sollte man dies nicht gerechtfertigt finden, da die Natur immer das Passende auswählt? Man war also der Passendste. Kurz, dadurch kam eine Weltanschauung herauf, welche die Menschheit des 19. Jahrhunderts in einer ganz besonderen Weise betäuben mußte.
[ 13 ] Ich wollte hauptsächlich zeigen, wo der wahre Antrieb, der wahre Impuls des Darwinismus liegt, weil in den schönen Vereinen, die sich heute als Monistenvereine kundgeben, oder in den Vereinen, die überhaupt heute Aufklärungen verbreiten, der materialistisch gefärbte Darwinismus wie ein Evangelium gelehrt wird, wenig aber gewußt wird, welche Impulse eigentlich in ihm leben, wie denn auf diesem Gebiete die Menschen überhaupt viel mehr geneigt sind, solche Begriffe und Ideen zu predigen und entgegenzunehmen, durch die sie sich über die Wahrheit betäuben, als solche, durch die sie sich über die Wahrheit etwa aufklären würden. So könnten wir noch vieles anführen, was ein Ausdruck dafür wäre, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Verstandeskultur in eine Krisis eingetreten war.
[ 14 ] Nun handelte es sich für diejenigen, die da wissen, daß niemals eine der Strömungen, die notwendig sind zum Fortschritt der Menschheit, ganz getöter werden darf, darum, wie im Zeitalter der bloßen Nützlichkeit aufrechtzuerhalten war spirituelle Kultur. Es ist kein Zufall, sondern im Sinne der ganzen menschlichen Entwickelung begründet ich habe schon öfter darauf hingewiesen und ich will heute noch einmal darauf hinweisen —, daß, als das Nützlichkeitsprinzip in der Mitte des 19. Jahrhunderts die europäische Entwickelung in eine Krisis brachte, geboren wurde eine Persönlichkeit wie die Frau Blavatsky, welche durch natürliche Veranlagung fähig gewesen wäre, ganz besonders viel aus der geistigen Welt heraus der Menschheit zu offenbaren. Wenn jemand als Astrologe die Sache betrachten wollte, so könnte er folgendes schöne Experiment machen: Er könnte den Zeitpunkt der stärksten Nützlichkeitskrise in der Mitte des 19. Jahrhunderts untersuchen und der Nützlichkeitskrise im 19. Jahrhundert das Horoskop stellen. Er kann dasselbe Horoskop bekommen, wenn er das Geburtshoroskop der Blavatsky stellt! Es war dies einfach ein Symptom, daß der sich entwickelnde Weltengeist im Laufe der Zeit eine Persönlichkeit in die Welt stellen wollte, durch deren Seele das Gegenteil des Nützlichkeitsprinzipes zum Vorscheine kommen sollte.
[ 15 ] Das Nützlichkeitsprinzip ist nun ganz und gar begründet in der Westkultur. Die Ostkultur aber hat immer Front gemacht gegen das Nützlichkeitsprinzip. Daher sehen wir auch das eigentümliche Schauspiel, daß im Westen bis in die Erkenntnis hinein das Nützlichkeitsprinzip getrieben wird im materialistischen Darwinismus, daß der Kampf ums Dasein einzieht in die wissenschaftliche Betrachtung, der brutale Kampf ums Dasein. Wissenschaftlich ist zuerst Front gemacht worden gegen den Kampf ums Dasein vom Osten her durch russische Forscher, deren emsige Geistesarbeit dann Kropotkin zusammengefaßt hat in seinem Buche, das zu lesen sehr nützlich ist, in dem er zeigt, wie nicht der Kampf ums Dasein in der Entwickelung der tierischen Arten lebt, sondern die gegenseitige Hilfeleistung. Und so haben wir um die Mitte des 19. Jahrhunderts erscheinend Darwins «Entstehung der Arten», Entwickelung der Arten durch Kampf ums Dasein im Westen, im Osten haben wir bei Kropotkin den Gegenpol zusammengefaßt. Aber Kropotkin faßt eben nur eine ganze Reihe russischer Forschungen zusammen in dem Buche, das die Entwickelung der Lebewesen, die Entwickelung der Arten dadurch charakterisiert, daß gezeigt wird, wie diejenigen Arten am besten fortkommen, welche am meisten darauf veranlagt sind, daß sich ihre Individuen gegenseitig helfen. Diejenigen Tierarten entwickeln sich am besten weiter, welche am meisten zur gegenseitigen Hilfeleistung angelegte Individuen haben. Dem Kampf ums Dasein wird die gegenseitige Hilfeleistung gegenübergestellt.
[ 16 ] So wird gelehrt auf der einen Seite, gewissermaßen am einen Pol der neueren Geisteskultur: Diejenigen Arten entwickeln sich am besten vorwärts, die am brutalsten bestehen im Kampfe ums Dasein, die die anderen am besten verdrängen können. Von Osten her, vom anderen Pole wird gelehrt: Diejenigen Arten entwickeln sich am besten, deren Individuen am meisten dafür angelegt sind, daß das eine dem anderen hilft. Es ist das außerordentlich interessant, und man möchte sagen: Wie Darwin um die Mitte des 19. Jahrhunderts wirkt aus dem Milieu des Westens heraus, so wirkt aus der Aura des Ostens heraus dasjenige, was in der Seele der Blavatsky veranlagt war. Nur konnte es noch nicht, weil es noch nicht an der Zeit war, vollständig zur Entwickelung kommen. Wir haben ja gesehen, wie der Westen mit Bezug auf dasjenige, was er gerade anstrebt, schon in einer gewissen Weise vorwärtsgekommen ist, und wie der Osten am Anfange erst ist. Und so tritt denn auch ein Anfangs-Seelengebilde in der Seele der Blavatsky auf. Und ein merkwürdiges Schicksal erlebt dieses Anfangsgebilde der Blavatsky. Ganz herausgeboren ist diese Seele aus der russischen Aura, mit allen möglichen Eigenschaften einer russischen Seele ist Blavatsky trotz ihrer Abstammung, die ja nicht eine rein russische war, ausgestattet. Aber diese Seele, die bis in ihr visionäres Leben herauf, bis in ihre Genialität, die in so hohem Sinne bei der Blavatsky ausgebildet war, russisch ausgestattet ist, sie wird im Verlaufe ihres Lebens eigentlich ganz geführt in die Westkultur, sie wird so weit geführt in die Westkultur, daß sie in einer westlichen Sprache ihre Werke schreibt. Bis nach Amerika hinüber — ich habe ja die Schicksale der Blavatsky schon erzählt — wurde die Blavatsky verwoben mit der Westkultur der neueren Zeit. Man kann sagen, daß in ihr der Versuch gemacht wird, wie sich die beiden Dinge miteinander verschmelzen, durcheinanderorganisieren lassen. Ein außerordentlich interessanter Versuch. Aus all dem, was ich Ihnen dargestellt habe, und auch aus all dem, was Sie erlebt haben in der Entwickelung dessen, was sich an den Namen Blavatsky knüpft, werden Sie ja wissen, daß dasjenige, was mit der Blavatsky versucht worden ist, gescheitert ist, daß ihm gewissermaßen der Sinn entrissen worden ist. Denn schon die Werke der Blavatsky selber — ich habe es ja oft gesagt — sind chaotisch. Große, bedeutende Wahrheiten stehen in ihnen, vermischt mit konfusem Zeug, und nur derjenige, der solches sondern kann, ist gewachsen dem, was in den Büchern der Blavatsky steht.
[ 17 ] Aber was ist dann aus diesem Impuls, der mit der Blavatsky versucht worden ist, hervorgegangen? Bei der Blavatsky selber schon ist der Versuch gemacht worden, den bloß traditionellen westlichen Okkultismus — ich habe das ja gerade hier in Vorträgen dargestellt zu propagieren. Und was dann weiter geworden ist nach dem Tode der Blavatsky bis in unsere Zeiten herein, das haben Sie ja erlebt bis zu jener Zeit des Humbugs mit dem Alcyone und bis zu dem, was aus Mrs. Besant geworden ist. So daß Sie das Beispiel haben eines, man möchte sagen, abgestumpften Versuches. Auf die Weise, wie es da versucht worden ist, konnte es nicht weitergehen. Und für denjenigen, der nun das prüft, was geblieben ist und auch bleiben wird aus dem, was in der Blavatsky steckte, der zu sondern weiß zwischen dem, was bleiben darf in diesem Chaos und was nicht bleiben darf, für den ist das Folgende ganz klar. Durch die eigentümliche Verschmelzung dessen, was im Osten geboren ist und nach Westen versetzt worden ist mit der Blavatsky, sollte die Blavatsky, die eine sehr mediale Natur war und die sich dadurch nicht auf ihre vollen Füße stellen konnte, ausgenützt werden, das Spirituelle, das durch sie in die Welt geführt wurde, im Sinne des Nützlichkeitsprinzips zu verwerten. Eine ahrimanische Bestrebung setzte ein. Und das ist ein furchtbares, man möchte sagen, ein grausig gewaltiges Kapitel, wie eine ahrimanische Bestrebung da einsetzt, welche dahin geht, nicht nur gewisse Erkenntnisse über die übersinnliche Welt durch die Blavatsky heraufzubringen, die dann fruchtbar werden und langsam sich fortpflanzen könnten, die zunächst in der Erkenntnissphäre schweben konnten, sondern dem Nützlichkeitsprinzip sollte auch der Spiritualismus dienstbar gemacht werden! Und es lag der Wille vor, die Blavatsky mit Persönlichkeiten zu umgeben, die danach strebten, sie ganz in ihre Hände zu bekommen. Sie ist ihnen ja durch verschiedene Umstände vielfach entschlüpft, kam ihnen nur nahe und entschlüpfte ihnen immer wieder. Aber es bemühten sich gewisse Menschen der Westwelt, sie ganz in ihre Hände zu bekommen. Dann wäre dasjenige, was in der Blavatsky-Seele lebte, ganz in die Westwelt gekommen, es wäre das Ideal der Nützlichkeit mit Hilfe des Spiritualismus verwirklicht worden. Denn das «Büro Julia» ist nur ein nach Blavatsky auftretender mißglückter Versuch. Das «Büro Julia» wurde eingerichtet, um durch die « Julia» Auskünfte von der geistigen Welt zu erhalten, die dem gewöhnlichen physischen Nützlichkeitsleben dienen sollten. Das war eine Karikatur dessen, was im großen Stile mit Blavatsky hätte versucht werden sollen. Wäre mit Blavatsky voll gelungen, was versucht werden sollte, dann hätte man heute überall Einrichtungen, in denen man Auskünfte aus der geistigen Welt durch bestimmte Medien erlangen kann: Welche Nummern von Losen da oder dort in jener Ziehung gezogen werden, was man tun kann, um dieses oder jenes Mädchen zu heiraten, mit dem man am besten diese oder jene Persönlichkeit in die Welt setzen kann. Dann würde man durch allerlei Auskunftsstätten noch manches andere erzielen können, und Börsenpapiere würde man zur Hausse oder Baisse bringen nach den Auskünften, die man durch Medien aus der geistigen Welt heraus erhält! Das spirituelle Leben sollte in den Dienst der Nützlichkeit gestellt werden.
[ 18 ] Blavatskys Tragik bestand darinnen, daß sie gewissermaßen zwischen den beiden Polen hin und her getrieben worden ist. Deshalb gewinnt dieses Leben etwas so psychologisch Merkwürdiges. Es mußte im Blavatsky-Leben gewissermaßen zur rechten Zeit zugemacht werden die Türe, die durch eine natürliche mediale Begabung sich ihr eröffnet hatte in die geistige Welt hinein. Und so sehen wir, wie diese merkwürdige Wandlung eintritt, daß eine Individualität, welche die Blavatsky wie ein Mittel betrachtet hat, um ihre Mitteilungen in die Welt des physischen Lebens zu bringen, sich zurückzieht, und an ihre Stelle jene Individualität tritt, die ich ja auch schon hier charakterisiert habe, und die Olcott selber charakterisiert als den wiedergeborenen Seeräuber aus dem 16. Jahrhundert, John King, der sich dann damit beschäftigt hat, allerlei Teetassen und dergleichen aus dem Nichts heraus zu schaffen, wenn sie gerade gebraucht wurden. In diese Dinge spielt hinein der Kampf des Nützlichkeitsprinzipes und desjenigen Prinzipes, welches dem bloßen Nützlichkeitsprinzipe im Verlaufe der neueren Menschheitskultur die Spitze abbrechen muß, indem nicht die Nützlichkeit aus der Welt geschafft wird, sondern die Nützlichkeit spirituell in die richtige Bahn gelenkt wird. Denn glauben Sie nur ja nicht, daß jemals eine spirituelle Kultur dem weiteren Leben feindlich werden könne, Die Nützlichkeit ist mit Berechtigung heraufgekommen im 19. Jahrhundert, sie hat nur noch nicht die Form gefunden, die sie im Leben finden muß, wie sie richtig sein muß im Leben. Und gerade die Nützlichkeit in das rechte Fahrwasser zu bringen, das wird die Aufgabe wahrer Geisteswissenschaft sein.
[ 19 ] Doch da treten wir in ein so wichtiges Kapitel ein, daß wir es uns auf das nächste Mal verschieben werden. Wir werden dann sprechen über die Beziehungen zwischen dem Nützlichkeitsprinzip, dem allerpraktischsten Leben unserer Gegenwart und dem, was diesem praktischen Leben, diesem Nützlichkeitsleben das spirituelle Leben werden soll und werden kann. Eine der wichtigsten Lebensfragen der Gegenwart werden wir damit berühren.
[ 20 ] [Am Ende des Vortrags stand folgendes an der Tafel:]
| Verwandschafter | Das Böse, Leiden, Sünde |
| Glück | Erlösung |
| Geburt, Vererbung | Tod |
| E. Renan | D. F. Strausß | W. Solowjow |
| Jesus | Jesus Christus | Christus |
| Persönlich | Unpersönlich-Persönlich | Überpersönlich-individuell |
| Geschichtlich | Ideell-Menschlich | Übergeschichtlich |
| Materialismus | 1 2 3 4 — — — |
| Nützlichkeit | 1 4 9 16 — — — |
| Westen | Osten |
| Darwin | Kropotkin |
| Entstehung der Arten | Entwickelung der Arten |
| Kampf ums Dasein | Gegenseitige Hilfeleistung |
