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Das Karma des Berufes des Menschen
in Anknüpfung an Goethes Leben
GA 172

4 November 1916, Dornach

Erster Vortrag

[ 1 ] Ich werde nun morgen damit beginnen, über die Probleme zu sprechen, die ich schon andeutete: über den Zusammenhang der geisteswissenschaftlichen Impulse mit mancherlei ungeklärten Aufgaben der gegenwärtigen Zeit und über den Einfluß, den Geisteswissenschaft auf einzelne, namentlich auf wissenschaftliche Probleme nehmen muß, und ich möchte dann hinweisen, wie ich schon sagte, auf das, was ich im Sinne des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes nennen möchte das Karma des Berufes der Menschen.

[ 2 ] Heute werde ich den Ausgangspunkt nehmen von etwas scheinbar, aber eben nur scheinbar damit wenig Zusammenhängendem. Aber dieser Ausgangspunkt wird die Möglichkeit bieten zu mancherlei Anknüpfungspunkten. Ich werde nämlich heute versuchen, dasjenige im Leben Goethes zu zeigen, was Goethe als eine Persönlichkeit des fünften nachatlantischen Zeitraumes besonders charakterisiert. Manches, was ich besonders in der letzten Zeit schon angedeutet habe, wird ja allerdings dabei wieder anklingen. Allein ich möchte gerade eine auf diese Persönlichkeit bezügliche Reihe von Tatsachen vor ihre Seele eben führen, von Tatsachen, welche für jeden die Möglichkeit bieten, am unmittelbar Tatsächlichen wichtige Erscheinungen des aufgehenden fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes sich zu charakterisieren. Ist ja Goethes Leben und Persönlichkeit etwas so Umfassendes und Einschneidendes mit Bezug auf geistige Menschheitsangelegenheiten, wie das von kaum einer anderen Persönlichkeit so leicht gesagt werden kann; und ist auf der anderen Seite, kann man sagen, für das Leben bis in unsere Tage herein trotz vielem, was geschehen ist, dieses Leben und diese Persönlichkeit Goethes so unwirksam geblieben wie nur irgend möglich. Das hängt aber mit der ganzen Eigentümlichkeit unserer neueren Kultur zusammen. Man kann sagen: Wie sollte überhaupt behauptet werden können, Goethes Leben sei unwirksam geblieben? Kennt man nicht seine Werke? Ist nicht erst in jüngster Zeit eine Goethe-Ausgabe mit Hunderten von Bänden erschienen? War nicht schon die Zahl der veröffentlichten Briefe Goethes um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert sechs- bis siebentausend? — und sie wird wohl heute kaum weniger als zehntausend sein. Gibt es nicht eine reiche Literatur über Goethe, man kann fast sagen, in allen Kultursprachen? Werden nicht seine Werke immer wieder und wiederum aufgeführt? Wird nicht gerade das Zentralste seiner Werke, «Faust», immer wieder und wiederum den Menschen vor die Seele geführt?

[ 3 ] Nun, ich habe mehrfach in der letzten Zeit einen merk würdigen Irrtum eines neueren großen Gelehrten angeführt, der doch viel mehr, als man meint, symptomatisch, bezeichnend ist für unsere Gegenwart. Ein großer Naturforscher der Gegenwart, ein tonangebender Naturforscher will über dieBedeutung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung in der Gegenwart sprechen, so, daß er diese naturwissenschaftliche Weltanschauung als das Glanzvollste nicht nur unserer Zeit, sondern aller Menschheitszeiten anführen will, und er schwingt sich dann auf zu dem Satze: Wenn es auch schwer zu erweisen ist, daß wir in der besten der Welten leben, sicher ist mindestens für den Naturforscher, daß wir Menschen der Gegenwart in der besten der Zeiten leben, und man könnte mit Goethe, dem großen Welt- und Menschenkenner, in die Worte ausbrechen:

...es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.

[ 4 ] Und dieser große Naturforscher irrt sich in der Weise, daß er dies als seine innerste Gesinnung angibt und glaubt, anzuknüpfen an den großen Welt- und Menschenkenner Goethe; er knüpft aber nur an den Wagner an, der von Goethe der Faust-Gestalt gegenübergestellt wird. Es liegt doch in einem solchen Irrtum wenigstens ein gut Stück Ehrlichkeit unserer Zeit, denn wahrer spricht der Mann doch als all die zahlreichen Menschen, die heute Goethe zitieren, die den «Faust» im Munde führen, aber mit echter unverfälschter Wagner-Gesinnung dies tun. Lassen wir also einmal als Grundlage für die Betrachtung Goethes Leben als geistige Erscheinung vor unseren Blicken vorüberziehen.

[ 5 ] Sie wissen, Goethe ist in einer Stadt geboren und unter Verhältnissen, die, wenn man den Zusammenhang des Menschenlebens mit den großen Schicksalsfragen, den Karmafragen, studieren will, sich für Goethes Leben als recht bedeutsam erweisen. Im 17. Jahrhundert ist die väterliche Familie Goethes in Frankfurt am Main eingewandert. Alteingesessen ist die mütterliche Familie, angesehen ist diese mütterliche Familie in Frankfurt am Main, so angesehen, daß, was ja wirklich für das. Ansehen einer Familie in der damaligen Zeit für eine solche Stadt viel besagt, aus der Familie der Textor, aus der mütterlicherseits Goethe hervorgegangen ist, die Bürgermeister von Frankfurt gewählt wurden. Goethes Vater war ein außerordentlich von Pflichtgefühl durchsetzter Mann, aber auch ein Mann, der für die damalige Zeit weitgehende Interessen hatte. Er hatte selbst Reisen in Italien gemacht, von bedeutenden Erscheinungen der römischen Welt Nachbildungen an allen Wänden seines Frankfurter Patrizierhauses hängen, und er sprach gerne von die„sen Dingen. Und was von der Kultur der damaligen Zeit, von der ja das damalige Frankfurter Leben noch ganz durchsetzenden französischen Kultur, sich geltend machte, das spielte sich alles so ab, daß Goethes Haus daran den innigsten Anteil nahm. Die großen Welterscheinungen spielten schon herein in dieses Goethe-Haus, und Goethes Vater war innig daran interessiert. Und Goethes Mutter war eine Frau von ursprünglichster menschlicher Gesinnung, von, man möchte sagen, allerunmittelbarstem Anteil für alles dasjenige, was die menschliche Natur anknüpft an das Legendarische, das Märchenhafte, dasjenige, was den Menschen wie auf Flügeln einer poetischen, phantasievollen Gesinnung hinausträgt über das Alltägliche.

[ 6 ] Und mehr als den Menschen in unserer Zeit war es Goethe möglich, in seiner Zeit aufzuwachsen, unbeirrt von jenen Störungen, die sich in unserer Zeit ja viel mehr einstellen als eben in der damaligen Zeit, von jenen Störungen, die sich einstellen dadurch, daß der Mensch in verhältnismäßig frühen Lebensjahren in die Schule geschleppt wird. Goethe wurde nicht in dieSchule geschleppt, sondern konnte sich frei im Elternhause entwickeln und entwickelte sich auch unter dem Einflusse des strengen, nie derben Vaters, unter dem Einfluß der poetisch veranlagten Mutter in außerordentlich freier Weise. Und er entwickelte sich so, daß er in späteren Jahren wirklich mit inniger Befriedigung an diese seine Knabenjahre, Kinderjahre, zurückdenken konnte, denn er entwickelte sich in reinem Menschentum. Manche Dinge, die man heute, nur mit einem etwas pedantischen Humor ausgestattet, in Goethes Lebensbeschreibung «Dichtung und Wahrheit» liest, haben doch eine viel größere Bedeutung, als man vielleicht denkt. Wenn Goethe selbst erzählt, wie er den Klavierunterricht absolviert hat, so ist es durchaus auf tiefe menschliche Zusammenhänge hinweisend, daß da, ich möchte sagen, wie vor dem Auge mythologisch sich abspielend, die verschiedenen Finger der Hand zu beseelten selbständigen Gestalten werden, zu Däumerling, zu Deuterling die Finger werden, und dieser Däumerling und Deuterling, ich möchte sagen, ohne Sentimentalität gewisse mystische Beziehungen zu den Tönen gewinnen. Es bezeugt das, wie Goethe als ganzer Mensch hineingeführt werden sollte ins Leben. Nicht sollte einseitig bloß ein Stück dieses Menschen, wie es so häufig geschieht, nämlich der Kopf eingeführt werden in das Menschenleben, und dann, wenn man den Kopf unterstützen will, noch der übrige Leib durch allerlei Turnerisches oder Sportliches, sondern es sollte der durchgeistigte Menschenleib, der bis in die Fingerspitzen hinein durchgeistigte Menschenleib zu der Außenwelt in Beziehung treten.

[ 7 ] Dazu müssen wir nun rechnen die durchaus vom Anfange an scharfe Individualität zeigende Anlage und Natur Goethes. Alles deutet auf eine bestimmte Wegrichtung des Lebens von frühester Jugend an hin. Er ist ebenso geneigt, wie er so heranwächst, hingebungsvoll zu folgen den anmutigen, anregenden Märchen und sonstigen Erzählungen der Mutter und dadurch schon als Knabe seine Phantasie in ein lebendiges Spiel zu bringen, wie er geneigt ist, sich, wenn es geht, auch den Blicken der Mutter und namentlich des strengen Vaters zu entziehen, sich in die engen Gassen zu schleichen und da nicht nur allerlei Verhältnisse früh zu beobachten, sondern sich sogar in allerlei Verhältnisse früh zu verstricken, wodurch er mancherlei, was sich ablagert auf das menschliche Karma, in lebendigem Empfinden und lebendigem Fühlen früh durchmacht. Der Vater ist ein strenger Mann, der, man möchte sagen, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit den Knaben hinlenkt zu dem, was nach damaliger Anschauung allein dem Menschen Halt und Richtung geben kann im Leben. Der Vater ist Jurist, in romanischen Anschauungen aufgewachsen, von romanischen Anschauungen durchdrungen, durchdringt auch das Knabengemüt mit den juristisch-romanischen Anschauungen. Dabei aber entzündet sich schon in der Knabenseele früh aus dem Anblicke der Bilder, die Römisches darstellen, Roms Kunstwerke und Kunstschätze, ein gewisser Drang nach demjenigen, was innerhalb der römischen Kultur geschaffen worden ist.

[ 8 ] Alles geht darauf hinaus, Goethe in einer ganz bestimmten Art in das Leben seiner Zeit hereinzustellen. Dadurch wird er, ich möchte sagen, im 3. bis 4. Jahrhundert der fünften nachatlantischen Periode eine Persönlichkeit, die alle Impulse der aufgehenden fünften nachatlantischen Periode in sich trägt. Er wird gewissermaßen früh eine auf sich selbst gestellte, aus sich heraus lebende Persönlichkeit: nichts von dem, was den Menschen verbindet in starrer, pedantischer Weise mit gewissen Formen, die sich ihm aufdrängen aus diesen oder jenen sozialen Verhältnissen heraus. Er lernt die sozialen Verhältnisse so kennen, daß sie ihn berühren, aber er wird nicht zusammengeschmiedet mit ihnen. Er bewahrt sich immer gewissermaßen einen Isolierschemel, auf dem er steht und von dem aus er zu allem ein Verhältnis gewinnen kann, aber mit nichts so zusammenwächst, wie viele Menschen von frühester Zeit an mit den umliegenden Verhältnissen zusammenwachsen. Gewiß, das alles ist Folge eines besonders günstigen Karmas. Aber wenn wir in einer objektiven Weise dieses Karma betrachten, werden sich uns wichtige karmische Fragen und Probleme überhaupt lösen können.

[ 9 ] Dann wird Goethe, nachdem er von seinem Vater in die Juristerei eingeführt worden war, auf die Universität Leipzig versetzt. Er tritt .1765, also in verhältnismäßig früher Zeit, in das Leben an der Universität Leipzig ein. Man darf nicht vergessen, wie er in dieses Leben der Universität Leipzig eintritt: nicht zermartert und zerfasert von denjenigen Anstrengungen, welche junge Menschen in unserer Zeit bis in ein weit späteres Lebensjahr hinein durchmachen müssen, um das Abiturium zu absolvieren, und dann, zermartert und zerfasert nach absolviertem Abiturium, mit der Sehnsucht, hinwegzufegen dasjenige, was man da gelernt hat, wenigstens bis zu einem hohen Grade hinwegzufegen, an das Hochschulstudium heranzutreten, um nun einmal das Leben zu genießen. Er war nicht an die Universität Leipzig gekommen, um durchaus bloß zu schwänzen — für diejenigen, denen die deutsche Sprache nicht ganz geläufig ist, bemerke ich, daß «schwänzen» heißt: nicht in die Vorlesungen gehen, sondern während der Zeit der Vorlesungen etwas anderes treiben —, aber er hat dann doch dieses Schwänzen in reichlichem Maße getrieben. Er trat ja, indem er in das Leben, in das hohe wissenschaftliche Leben, in das berühmte wissenschaftliche Leben der Universität Leipzig eintrat, ein in Kreise, welche ihm eine tiefe Sehnsucht erwecken mußten, solange er von ihnen hörte. Er hatte ja gehört: An der Universität Leipzig wirkt vor allen Dingen der große Gottsched, jener große Gottsched, welcher die Bildung der damaligen Zeit in seinem Haupte verschloß und in zahlreichen Kanälen schriftlicher und mündlicher Art in das damalige Dasein derjenigen einfließen ließ, die mit Leipzigs Kultur zusammenhingen. Lebte nun zwar noch neben Gottscheds Einfluß Lessings großer Impuls in Leipzig, so war es doch für Goethe zunächst so, daß er sich zu denken hatte, er werde durch Gottscheds erhabene Gestalt eingeführt werden in den ganzen Umkreis der damaligen Weisheit, werde da zusammengefaßt studieren können Juristerei und Philosophie und auch dasjenige, was dem Weltmenschen von der Theologie, von der Gelehrsamkeit über die überirdischen Dinge wird.

[ 10 ] Es war allerdings eine kleine Enttäuschung, die sich für Goethe, der nun schon einmal einen gewissen Sinn für Ästhetik hatte, ergab, als er seinen ersten Besuch bei Gottsched machte. Er kam vor Gottscheds Türe an; der Diener — ich weiß nicht, ob er schon dazumal irgend etwas fühlte von dem, was in Goethe lebte —, er ließ, ohne in der nötigen Weise sich Zeit zu gönnen, Gottsched den Goethe-Besuch in der richtigen Weise zu melden, Goethe so ohne weiteres zu Gottsched hinein, so daß Goethe Gottsched traf, den großen Mann, als dieser — ja, seine Perücke nicht auf hatte, sondern in dem Glatzkopf da war. Das war für einen Gelehrten der damaligen Zeit — wir stehen im Jahre 1765! etwas ganz Furchtbares. Und nun mußte Goethe, der ja eindrucksvoll für solche Dinge war, anschauen, wie Gottsched dann mit einer graziösen Wendung schnell seine Perücke faßte und sich über den Glatzkopf stülpte, aber mit der anderen Hand seinem Diener eine gewaltige Ohrfeige versetzte. So war Goethe denn doch ein wenig abgekühlt. Er wurde dann noch mehr abgekühlt dadurch, daß Gottscheds Art wenig dem entsprach, wonach er sich sehnte. Auch Gellerts moralische Vorlesungen sprachen ihm nicht von so weiten Gesichtskreisen, als er verlangte. Und so kam es, daß er sich in Leipzig bald mehr den medizinischen, naturwissenschaftlichen Vorlesungen zuwandte, von denen er gewissermaßen eine Art von Fortsetzung erlebte im Hause des Professors Ludwig, in dem er seinen Mittagstisch hatte und in dem man viel dergleichen Dinge besprach. Man kann nicht sagen, daß Goethe in Wirklichkeit in Leipzig «Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert» habe, aber er hatte sich die Dinge angesehen und hatte vor allen Dingen viele naturwissenschaftliche Vorstellungen der damaligen Zeit schon in Leipzig aufgenommen.

[ 11 ] Dann erlebte er — und solche Dinge müssen für denjenigen, der das Menschenleben geisteswissenschaftlich betrachtet, durchausberücksichtigt werden —, nachdem er sich in mancherlei Wissenschaften herumgetrieben hatte, nachdem er auch mancherlei vom Leben gesehen hatte, auch in mancherlei Lebensaffären hineinverwickelt worden war, eine Todkrankheit. Er schaute dem Tod ins Angesicht. Man muß sich vergegenwärtigen, daß dazumal vieles durch Goethes Seele zog, während er infolge eines außerordentlich heftigen Blutsturzes, der sich mehrmals wiederholte, wirklich dem Tod gegenüberstand. Er war nun schwach, mußte nach Hause und konnte erst nach einiger Zeit seine Universitätsstudien fortsetzen. Das tat er nun in Straßburg. Und in Straßburg trat er in die Kreise einer sehr bedeutenden Persönlichkeit, die ihm außerordentlich viel sein konnte. Nun muß man, um zu beurteilen, mit welchen Gefühlen Goethe gerade dieser Persönlichkeit entgegentrat, in Betracht ziehen, daß Goethe, als er unter dem Eindrucke jener innersten Seelenerlebnisse, die er dem Tode gegenüber in Leipzig durchgemacht hatte, nach Frankfurt zurückgekommen war, schon angefangen hatte, durch mancherlei menschliche Zusammenhänge, in die er da gekommen war, sich zu vertiefen in mystisches Erleben und mystisches Auffassen der Welt. Schon dazumal vertiefte er sich in mystisch-okkulte Schriften, versuchte sich in seiner Art, noch jugendlich, ein Weltensystem, ein Weltanschauungssystem zusammenzustellen, welches von mystischen, man könnte sagen, mystisch-kabbalistischen Gesichtspunkten ausging. Er versuchte wirklich dazumal schon so etwas wie: zu erkennen, «was die Welt im Innersten zusammenhält», versuchte auf sich wirken zu lassen «alle Wirkenskraft und Samen», und wollte nicht, wie er das in Leipzig hat mitansehen müssen, «in Worten kramen».

[ 12 ] Da kam er nun nach Straßburg, wo er ja insbesondere wiederum naturwissenschaftliche Vorlesungen hören konnte, denen er sich auch zunächst zuwandte. Die Juristerei, die besonders seinem Vater — weniger ihm selbst — stark am Herzen lag, nun, über die dachte er: Das wird sich auf irgendeine Weise schon finden. — Aber er hatte den Drang, die Gesetzmäßigkeit der Natur kennenzulernen. Da trat er einmal, als er über eine Treppe hinaufging in Straßburg, einer Persönlichkeit entgegen, die durch ihr Äußeres und ein durch das geistvolle Antlitz blikkendes Inneres auf ihn sogleich, augenblicklich einen ungeheuren Eindruck machte. Das Äußere: Nun, es kam ein Mann, der allerdings einen gewissen priesterlichen Eindruck machte, der aber den langen Mantel so trug, daß er die langen Schleifen hinten in die Taschen hineingesteckt hatte, merkwürdigerweise, aber der einen glanzvollen Eindruck auf Goethe machte. Es war Herder. Und nun lebte er sich ein auf der einen Seite in all dasjenige, was dazumal in Herder brauste. In Herder lebte dazumal außerordentlich viel. Man möchte sagen: Herder trug in sich eine ganz neue Weltanschauung. Was im Grunde genommen noch nie in der Art unternommen worden war, Herder trug es geistvoll in sich: zu verfolgen die Welterscheinungen von dem Einfachsten herauf, von dem einfachsten Unlebendigen, durch das Pflanzen-, das Tierreich bis herauf zum Menschen, bis zu der Geschichte und bis zu der göttlichen Weltenregierung in der Geschichte. Ein großes, umfassendes Weltanschauungsbild lebte dazumal schon in Herder. Und Herder sprach. mit Begeisterung, aber auch, wo es sich darum handelte, mit Empörung gegen all das hergebrachte Zopfliche, von seinen neuen Ideen. Und an vielen Gesprächen Herders konnte sich Goethe erwärmen. Daß alles in der Welt in Entwickelung ist und daß ein geistiger Weltenplan alle Entwickelung trägt: in solchem Zusammenhange, wie es Herder dazumal sah, hatte man es noch nie gesehen. Aber Herder hatte ja all das noch nicht geschrieben; es war ja alles im Werden. Und Goethe empfing es im Werden und nahm teil an dem Streben, Sinnen, Kämpfen Herders. Man möchte sagen: Vom Staubkorn angefangen, durch alle Reiche der Natur bis zum Gott hinauf wollte Herder die Entwickelung der Welt verfolgen, wie er es dann in so großem, umfassendem Stile getan hat, soweit es in der damaligen Zeit notwendig war, in dem unvergleichlich großen Werke «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit». Da sehen wir wirklich, wie in diesem Geiste Herders zusammengefaßt wird alles, was bekannt war an Tatsachen des Natur- und Menschenreiches in der damaligen Zeit. Aber es wurde alles das zusammengefaßt zu einer vom Geiste durchdrungenen Weltanschauung.

[ 13 ] Daneben wirkte nach aus Herders Geist in Goethe hinein dasjenige, was Spinoza in die neuere Weltanschauungsentwickelung hineingebracht hat. Und die Hinneigung, die Goethe sich sein Leben lang für Spinoza bewahrte, sie keimte dazumal in Straßburg durch Herder auf. Außerdem war Herder, was in der damaligen Zeit noch unerhört war, ein begeisterter Verehrer Shakespeares. Man muß sich nur denken, wie diese eigentümliche Seelenpolarität zwischen Goethe und Herder wirken mußte, da Goethe kam, erfüllt mit der Sehnsucht zu schauen alles dasjenige, was ihm die zeitgenössische Bildung nicht geben konnte, wie er in Herder gewissermaßen einen revolutionären, gegen diese Zeitbildung anstürmenden Geist allerersten Ranges fand. Goethe hatte bis dahin verehren gelernt jene Formkunst, welche in Corneille, in Racine lebt, hatte dies alles aufgenommen, wie ein Mensch Dinge aufnimmt, von denen er hört, daß sie das Bedeutendste in der Welt sind. Aber all das hatte er doch aufgenommen mit einer inneren Empörung. Und wie ein Labsal wirkte es auf seine Seele, als er durch Herder in Shakespeare eingeführt wurde, in den Dichter, der frei war von allem Formalen, der Gestalten schuf aus der unmittelbar menschlichen Individualität heraus, der nichts von dem hatte, was Goethe so hoch verehren gelernt hatte: Einheit der Zeit, Einheit des Ortes, der Handlung — sondern der Menschen hingestellt hatte. Und man möchte sagen: Auf den Namen Shakespeare getauft, lebte sich in Goethes Seele ein eine innere kulturrevolutionäre Gesinnung, die man etwa so aussprechen kann, daß man sagt: Ich will den Menschen kennenlernen, nicht wie der Mensch in formale Regeln und formale Gesetze in den Weltzusammenhang eingespannt wird, nicht das Netz von Einheiten der Situation, der Zeit, des Ortes, der Handlung, sondern den Menschen will ich fassen.

[ 14 ] Dabei ergab sich für ihn die Möglichkeit, Menschen kennen zu lernen dazumal in Straßburg, welche versuchten, auch in die tieferen, intimeren Seiten des menschlichen Seelenerlebens hineinzublicken, wie den wunderbaren Jung-Stilling, der die okkulten Seiten des menschlichen Seelenlebens studierte und in so ausführlicher Weise zu beschreiben wußte, Ist doch Jung-Stillings Lebensgeschichte, ist doch JungStillings Beschreibung desjenigen, was er den «grauen Mann» nennt, der im Unterirdischen der Erde waltet, etwas, was zum Schönsten gehört in bezug auf Beschreibungen okkulter Verhältnisse. Man möchte sagen: In dasjenige, was das Natur- und Geschichtsleben, was das ästhetische Leben trägt, wurde Goethe durch Herder eingeführt, durch JungStilling in die okkulten Seiten des Menschenlebens, welche ihm schon nähergetreten waren in Frankfurt durch ein eingehenderes Studium Swedenborgs.

[ 15 ] Das alles brauste in Goethes Seele mit demjenigen zusammen, was ihm an Naturgesetzen überliefert wurde, während er die naturwissenschaftlichen Vorlesungen in Straßburg hörte. Und da gingen ihm denn auf die großen Fragen und großen Probleme des menschlichen Lebens. Er hatte tief hineingeschaut in dasjenige, was man erkennen und wollen kann, hatte tief hineingeschaut in Zusammenhänge, die die menschliche Seelennatur mit der Allnatur hat. Paracelsus hatte er auch kennengelernt im Zusammenhang mit all dem, schon in Frankfurt. Und so lebte sich ihm neben dem, was er sonst in Straßburg erlebte, diese Sehnsucht, zu schauen «alle Wirkenskraft und Samen», gerade in Straßburg in besonders tiefer Weise ein. Man darf sich nicht vorstellen, daß Goethe in Straßburg seine Zeit nur vertändelt hat, indem er, was ich wahrhaftig nicht allzu gering anschlagen will, nach dem Pfarrhaus in Sesenheim oftmals gewandert ist. Goethe konnte eben durchaus vereinigen das Leben im Tiefsten des Menschenwollens und Menschenerkennens, und das Leben im Zusammenhange mit allem unmittelbar Menschlich-Alltäglichen, mit jedem menschlichen Schicksal.

[ 16 ] Dann wurde er, nachdem er seine Thesen verteidigt hatte, eine Art Doktor der Jurisprudenz in Straßburg, Lizentiat und Doktor der Jurisprudenz. Damit hatte er seinen Vater auch befriedigt und konnte nun heimziehen. Die Advokatenpraxis beginnt. Es war allerdings eine merkwürdige Disharmonie in der Seele dieses Menschen, der nun beim Reichskammergericht in Wetzlar über Akten studieren sollte, die oftmals wörtlich, nicht symbolisch — jahrhundertealt waren. Denn da schleppten sich «Gesetz’ und Rechte wie eine ew’ge Krankheit fort». Aber man konnte ja in späterer Zeit an anderen Orten noch manches in dieser Richtung erleben. Sehen Sie, in einem Orte, in dem ich aufwuchs gestatten Sie, daß ich das einfüge —, konnte ich doch auch folgendes erleben: Es war in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, da hörten wir einmal — ich war ein Bube —, daß ein Mann eingesperrt werden sollte. In den siebziger Jahren! Es war ein angesehener Mann des dortigen Ortes, der ein für den dortigen Ort ziemlich großes Geschäft hatte. Er wurde eingesperrt, anderthalb Jahre, glaube ich, weil er nämlich im Jahre 1848 bei der Revolution Steine geworfen hat auf ein Gasthaus! Der Prozeß hatte wirklich vom Jahre 1848, wo der Mann als junger Bub Steine geworfen hat auf ein Gasthaus, bis in sein spätes Alter gedauert, und er wurde, so um 1873, eingesperrt auf eineinhalb Jahre. Es war immerhin vielleicht dazumal schon nicht mehr so schlimm wie in der Zeit, in der Goethe die Akten beim Reichskammergericht studiert hat, aber es war noch immer schlimm genug. Dem Vater aber machte das Freude, und er beteiligte sich in mancherlei Weise ratend und hilfeleistend bei den Problemen, die da Goethe über den verstaubten Akten zu lösen hatte. Aber man darf nicht glauben, daß sich Goethe als Advokat ungeschickt benommen hätte. Das war ganz und gar nicht der Fall. Goethe stellte schon durchaus seinen Mann auch als Advokat, und Goethe gibt keine Veranlassung dazu, immer wieder und wieder zu betonen, daß ein großer, in den Idealen lebender Geist ungeschickt sein muß im Leben. Goethe war als Advokat durchaus nicht ungeschickt. Und wenn etwa heute so mancher Advokat auf seine Tätigkeit hin“weist und dann bemerklich macht, daß er ja eben neben seiner ausgebreiteten Tätigkeit keine Zeit hat, Goethe zu lesen, so darf schon darauf hingewiesen werden, daß Goethe selbst ganz gewiß ein ebenso guter Advokat war — das läßt sich heute noch dokumentarisch belegen, wie manches also auf seine Arbeit Hinweisende —, nur daß Goethe neben dem, daß er so praktisch war, wie die Praktiker nur sein können, dazumal noch in seiner Seele bereits trug den «Götz von Berlichingen», ja, in seiner Seele trug die Idee, die in ihm schon in Frankfurt aufgetaucht war aus seinen naturwissenschaftlichen Studien heraus, aus seiner Bekanntschaft mit Herder, mit Jung-Stilling: die Idee zu seinem «Faust».

[ 17 ] Götz von Berlichingen — Gottfried von Berlichingen —, er bezeugt sogleich, indem ihn Goethe zum Kunstwerk gestaltet, wie die Art Goethes eigentlich ist. Es tritt mit der Art Goethes etwas Neues in das geistige Schaffen der Menschheit ein. Man kann Goethe als Künstler, als Dichter nicht vergleichen mit Dante, nicht vergleichen mit Homer, nicht vergleichen mit Shakespeare, Er steht dem dichterischen Schaffen in einer anderen Art gegenüber, und das hängt im wesentlichen zusammen mit der Art wiederum, wie Goethe in seiner ganzen Zeit als Erscheinung darinnensteht. Diese Zeit, wie sie sich in der unmittelbaren Umgebung Goethes, in der weiteren Umgebung Goethes auslebte, die ließ einen solchen Geist, wie Goethe es war, nicht ganz mit sich zusammenwachsen. Ein staatliches Leben um sich herum, wie man es heute für selbstverständlich hält, das gab es für Goethe nicht. Er lebte ja in einem Gebiete, wo sich in einem hohen Grade individuell einzelne Territorien gestaltet hatten. Wie das der Fall war, darauf kommt es weniger an, aber er lebte in keinem Großstaat, er lebte so, daß nicht irgendeine überspannende Konformität sich ausgoß über das Gebiet, aus dem er herauswuchs. Das Leben hatte keine festen Formen um ihn herum. Und so konnte er es überall im engsten Kreise anfassen und im engsten Kreise das Universelle auf sich wirken lassen. Und das ist das Eigentümliche.

[ 18 ] So kam ihm ein Buch in die Hand, das ein schlecht geschriebenes Buch ist, ein recht schlecht geschriebenes Buch, das ihn aber in außerordentlichem Maße interessierte; das ist die «Selbstbiographie Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand», jener eigentümlichen Gestalt aus dem 16. Jahrhundert, die an so vielen Ereignissen des 16. Jahrhunderts teilgenommen hat, die aber in einer merkwürdigen Weise an diesen Ereignissen des 16. Jahrhunderts teilgenommen hat. Wenn man diese Lebensgeschichte des Gottfried von Berlichingen liest, so sieht man, wie er unter Kaiser Maximilian, unter Kaiser Karl dem Fünften, mit allen möglichen anderen Leuten in Zusammenhang kam, an allen möglichen Händeln und Kämpfen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts teilgenommen hat, aber immer so, daß man eigentlich sieht: da nimmt er teil einmal an diesem Ereignisse, steht ganz drinnen, lebt sich da aus. Dann steht er in einem anderen Ereignisse in einemganz anderen Charakter drinnen, wird wiederum hineingezogen, kämpft für die verschiedensten Interessen, wird später gefangen genommen. Nachdem er einen Eid geleistet hat, sich an den Händeln nicht mehr weiter zu beteiligen und ruhig auf seinem Schloß gelassen wird im mittleren Süddeutschland, wird er in die Bauernbewegung hineinverwickelt, als sich die Bauern im Kampfe für die Freiheit erheben. Alles aber so, daß man bei Gottfried von Berlichingen nirgends sieht, daß er gezogen wird von den Ereignissen, sondern überall sieht man: Dasjenige, was zusammenhält die disparaten Dinge, das ist eigentlich die Persönlichkeit, der Charakter des Gottfried von Berlichingen selber. Man kann sagen: Wenn man eben die Lebensgeschichte des Gottfried von Berlichingen liest, so sind einem zuletzt alle die Ereignisse, die er da durchmacht, in die er verwickelt ist, ich will nicht sagen so, daß sie einem zum Halse herauswachsen vor Langeweile: sie interessieren einen aber wirklich nicht, die einzelnen Händel, die einzelnen Kämpfe, die er, Gottfried von Berlichingen, durchmacht. Aber trotz aller Langeweile gegenüber den Ereignissen, die er durchmacht, hat man immer Interesse an der charakterstarken und charakter-inhaltsvollen Persönlichkeit.

[ 19 ] Das war es aber gerade, was Goethe anzog an der Figur des Gottfried von Berlichingen. Und so konnte er, was ihm niemals auf eine andere Art möglich gewesen wäre, den Gehalt, das Streben und Leben des 16. Jahrhunderts in einer Persönlichkeit konzentriert sehen. Das brauchte er. Das war für ihn: Geschichte in die Hand zu nehmen und kennenzulernen. Wie der oder jener Historiker «mit trefflichen pragmatischen Maximen», nachdem er Rumpelkammern durchsucht und Kehrichtfässer umgeworfen hatte, einzelne historische Perioden zusammengekoppelt hätte, das wäre sicherlich nicht nach Goethes Geschmack gewesen. Aber einen Menschen in seiner Zeit lebendig drinnenstehen zu sehen und in einer Menschenseele sich spiegeln zu sehen dasjenige, was einen sonst nicht interessiert, das war etwas für Goethe. Da nahm er denn diese, ja, man möchte sagen, langweilige, schlecht geschriebene Selbstbiographie des Gottfried von Berlichingen her, las sie und gestaltete sie eigentlich merkwürdig wenig um. Daher hat er auch die erste Fassung dieses, wenn man will, Dramas, genannt: «Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, dramatisiert». Er hat nicht «Drama» daraufgeschrieben, sondern nur «dramatisiert». Er hat eigentlich nur die Geschichte Götz von Berlichingens dramatisiert, aber so dramatisiert, daß die ganze Zeit drinnen lebt, aber die Zeit in einem Menschen lebt. Und nun denken Sie, es ist die Zeit des 16. Jahrhunderts, es ist die Zeit der Morgenröte des fünften nachatlantischen Zeitraumes. Goethe sah sie an durch die Seele des Gottfried von Berlichingen, dieses dem mittleren südlichen Deutschland entwachsenen Mannes. Dazumal schon ging durch seine Seele ein Stück Leben, das historisch ist, aber angeschaut eben am wirklichen Leben, nicht an dem, was «geschichtlich» ist. Goethe wäre es ganz unmöglich gewesen in der damaligen Zeit, mit all den Menschheitsproblemen in der Seele, die ich Ihnen angedeutet habe, irgendeine Gestalt zu nehmen aus der Geschichte und nach der Geschichte sie zu dramatisieren, aber die stammelnde Selbstbiographie eines Wesens, das mit aller Menschlichkeit auf ihn wirkte, so zu dramatisieren, wie sich ihm erschlossen hatte die drama“tische Kunst dadurch, daß er sich in Shakespeare eingelebt hatte: das war es, was er konnte. Damit wurde er schon in einigen Kreisen, die sich dazumal für so etwas interessierten, bekannt, denn er hatte ein Stück Vergangenheit in eine Gegenwart, in seine Gegenwart, für seine Mitwelt heraufgehoben, für diese Mitwelt, der diese Vergangenheit «ein Buch mit sieben Siegeln» war. Denn selbstverständlich wußte man in den weitesten Kreisen dazumal von dem, was sich Goethe erschloß durch die schlecht geschriebene Geschichte des Gottfried von Berlichingen aus dem 16. Jahrhundert, so wenig, wie heute mancher Pastor von dem übersinnlichen Leben weiß.

[ 20 ] Goethe hatte ins Menschenleben hineingegriffen. Er hatte hineingreifen müssen, weil er selber nur so leben konnte, daß er mit diesem Menschenleben, wie es sich ihm unmittelbar bot, zusammenwuchs, trotzdem er immer noch auf einem Isolierschemel blieb, zusammenwuchs doch nur, indem er gewissermaßen davon berührt wurde.

[ 21 ] Noch in einer anderen Weise sollte Goethe in derselben Zeit mit dem Leben zusammengeführt werden. Man hat heute wenig Vorstellungen mehr von dem, was dazumal im weitesten Umkreise um Goethe herum innerhalb der sogenannten gebildeten Welt ein tiefer Grundzug der Seelenentwickelung war. Man war so hineingewachsen in dasjenige, was sich seit dem 16. Jahrhundert ergeben hatte. Da hatten sich im äußeren Leben wirklich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fortgeerbt, aber die Seelen waren doch in einer gewissen Weise berührt von dem Drang, den wir ja kennen als den Drang der Seelen des fünften nachatlantischen Zeitraums. Die Folge davon war, daß eine gründliche Disharmonie bei den tiefer veranlagten Naturen entstand zwischen dem, was die Seelen fühlten und dem, was in der Umgebung sich abspielte. Das führte allerdings zu einer starken Sentimentalität im Erleben. Und fühlen zu können, möglichst stark fühlen zu können, wie weit die Wirklichkeit absticht von dem, was eine echte, warme Menschenseele erfühlen kann, das so recht betonen zu können, fühlte damals manche Seele als ein tiefes Bedürfnis. Man richtete den Blick hinaus auf das große Leben. Da lebten die Stände, da lebten die Leute mit diesen oder jenen Interessen, aber sie berührten sich mit ihren Seelen oftmals so wenig innerhalb dieses öffentlichen Lebens. Aber wenn diese Seelen mit sich allein waren, da suchten sie sich ein besonderes Seelenleben auf, das jenseits stand des äußeren Lebens. Und sich sagen zu können: Dieses äußere Leben, ach, wie sticht es ab von all dem, was die Seele erstreben und erhoffen möchte! — das sich sagen zu können, war wie ein Labsal. Und sich so recht in eine sentimentale Stimmung hineinzuleben, das wurde ein Zug der Zeit. Man fand das Leben, wie es sich im Öffentlichen abspielte, schlecht, mangelhaft. Man wollte daher das Leben aufsuchen da, wo es nicht angefault war von der gleichgültigen Öffentlichkeit, wo man so recht sich einleben konnte in das stille, friedensvolle Treiben der Welt, in die Natur, in das friedevolle Tierleben, Pflanzenleben. Daraus bildete sich allmählich eine Stimmung, die einen großen Teil der gebildeten Seelen beherrschte. Weinen zu können über die Disharmonien der Welt, gewährte eine ungeheure Befriedigung. Und diejenigen Schriftsteller wurden besonders geehrt, deren Werke auf jeder Seite Veranlassung gaben, daß sich die Tränen ergießen konnten aus den Augen heraus auf die Blätter, die man las. Unglücklich zu sein, wurde für viele eine Sehnsucht ihres Glückes. Man geht spazieren im Walde, man geht zurück, setzt sich still in seine Kammer und denkt nach: Wie vielen, vielen Würmchen, die man nicht beachtet hat und auf die man getreten ist mit den Füßen, hat dieser Spaziergang das Leben gekostet! — Man weint heiße Tränen in sein Taschentuch über die Disharmonien zwischen Natur und Menschenleben. Man schreibt Briefe an geliebte, ebenso sentimentale Freunde wie man selbst ist, beginnt damit: Herzinnig geliebter Freund, oder Freundin, — aber schon diese Zeile wird durchströmt von einer Träne, welche auf das Papier fällt und die als ein teures Zeugnis mit dem Briefe zu dem geliebten Freunde oder der geliebten Freundin hineilt.

[ 22 ] Dieses Leben durchsetzt noch große Teile der gebildeten Welt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das hatte nun auch Goethe um sich und er besaß viel Verständnis dafür, denn es lag doch viel Wahrheit in diesem Erfühlen der Disharmonie desjenigen, was unbewußt und unbestimmt oftmals die Seele füllte, und dem, was ihr die äußere Welt gab. Es lag oft viel Wahres darinnen. Goethe konnte das erfühlen. Das stille Leben, das sich abspielte zwischen den Seelen, glich so gar nicht in der damaligen Zeit demjenigen, was sich in der großen Welt abspielte. Goethe mußte das mitmachen, denn er konnte und sollte berührt sein von allem. Aber er mußte sich auch aus seinem Inneren immer wieder und wiederum die Kräfte holen, aus den Berührungen mit diesen Dingen heraus zu gesunden. Und so schrieb er sich denn diese ganze Zeitstimmung los, die man als Siegwart-Fieber, als Werther-Fieber bezeichnet, die einen großen Teil der Gebildeten ergriffen hatte, in seinem Jugendromane «Die Leiden des jungen Werthers». In die Werther-Gestalt hineingeheimnißt hat er all das, was er mitgemacht hat von dieser sentimentalen Weltenstimmung, so mitgemacht hat, daß er aus den gefühlten Disharmonien des Lebens heraus bis nahe am Selbstmord war. Deshalb läßt er Werther selber im Selbstmord enden. Es ist gut, sich das zu vergegenwärtigen, wie bei Goethe auf der einen Seite die Möglichkeit vorliegt, trotzdem er fest in seiner Individualität wurzelt, seine seelischen Fäden zu ziehen zu all dem, was in seiner Umgebung in den Seelen sich abspielte, wie das aber wiederum Kunst bei ihm wurde und er es sich von der Seele losschrieb. Als er den Werther geschrieben hatte, war er von dem ganzen Werther geheilt, von dem jetzt vielfach die anderen Menschen erst ergriffen wurden, denn das Werther-Fieber grassierte gerade durch den «Werther» in den weitesten Kreisen. Aber Goethe war geheilt.

[ 23 ] Man darf, indem man solche Dinge würdigen will, nicht vergessen, daß Goethe wirklich einen weiten Umfang seines Seelenlebens hatte, daß er gewissermaßen seelisch in Polaritäten zu leben vermochte. Da machte er die Werther-Krankheit durch und schrieb sich die WertherKrankheit von der Seele in seinen «Leiden des jungen Werthers». Aber wahr ist es, was er in einem Freundesbrief schrieb in der damaligen Zeit, wo er von seiner erhaben-sentimentalen Stimmung ein Bild entwarf, aber gleichzeitig sagte, es lebe noch ein anderer Goethe als jener, der hängerische und hängenswerte Gedanken hatte, der SelbstmordGoethe: ein Fastnachts-Goethe, der allerlei Verkleidungen und Masken annehmen kann. Und dieser Fastnachts-Goethe lebte ja wirklich auch künstlerisch. Man braucht nur die mehr oder weniger fragmentarisch gebliebenen dramatischen Schöpfungen, den «Satyros» und den «Pater Brey», die derselben Zeit angehören, auf sich wirken zu lassen, so wird man schon die ganze Weite des Goetheschen Seelenlebens ahnen können: auf der einen Seite die Sentimentalität des Werther, auf der anderen Seite der Humor des «Satyros» und des «Pater Brey». Satyros, der vergötterte Waldteufel, der auf der einen Seite in Tiraden einen wahren großen Pantheismus entfaltet, zurück will in echt Rousseauscher Weise zur Natur, nicht genießen will dasjenige, was dieKultur hervorgebracht hat. Rohe Kastanien, welch herrlicher Fraß: es ist dies ein Ideal des Satyros! Aber Satyros ist eben ein Naturphilosoph, der die Geheimnisse der Natur wohl kennt, daher — verzeihen Sie — namentlich in der Frauenwelt seine Anhänger gewinnt, vergöttert wird, aber sich zuletzt recht schlecht benimmt. Mit Riesenhumor wird da verspottet all die falsche Sehnsucht nach Autoritätshascherei, nach Autoritätsglaube. Und im Pater Brey sehen wir das falsche Prophetentum, das heilig tut, aber unter der Maske der Heiligkeit allerlei Dinge treibt — mit großem Humor nicht verspottet, aber objektiv schon hingestellt. Da ist Goethe im lebendigsten Sinne Humorist, derber Humorist. Und das alles aus derselben Seelenverfassung heraus, aus der auch der «Werther» fließt. Das ist nicht deshalb, weil Goethe oberflächlich war, sondern weil er eben tief genug war, um die Polaritäten des menschlichen Lebens zu erfassen.

[ 24 ] Mancherlei Einfluß hatte Goethe gerade mit dem «Werther» bereits errungen. «Werther» ist ja verhältnismäßig früh sehr bekannt geworden, und eigentlich war es auch «Werther», welcher bewirkt hat, daß sich der Herzog von Weimar für Goethe interessierte. Der «Götz von Berlichingen» hat viel Eindruck gemacht, aber nicht bei denjenigen, die dazumal glaubten, Kultur und Kunst und Dichtung verstehen zu können «Imitation détestable des mauvaises pièces anglaises, dégoûtante platitude», so sagte ein großer Mann der damaligen Zeit über den «Götz von Berlichingen».

[ 25 ] 1775 war es, da konnte Goethe sein Leben auf einen ganz anderen Schauplatz verlegen, nach Weimar. Der Herzog von Weimar wurde mit ihm bekannt und rief Goethe nach Weimar, und Goethe wurde mit einem Sprung, könnte man sagen, Weimarischer Staatsminister.

[ 26 ] Sehen Sie, heute, hinterher, hat man so das Gefühl: Goethe hat den «Götz von Berlichingen» geschrieben, die «Leiden des jungen Werthers» geschrieben, er hat ein großes Stück «Faust» schon nach Weimar mitgebracht; in dem allem sieht man die Hauptsache bei Goethe. Er selber in seiner damaligen Lage sah darin nicht die Hauptsache; das waren die Abfälle seines Lebens. Und der Herzog von Weimar stellte ihn auch nicht als Hofdichter an, sondern als Staatsminister, worüber freilich die Zöpfe in Weimar außer sich waren, so daß der Herzog von Weimar eine Art Brief-Erlaß an sein Volk richten mußte, worin er sich rechtfertigte: Ja, Goethe wäre ein größerer Mensch nach seiner Meinung als die Zöpfe. — Und daß er, bevor er — nun ja, was weiß ich, Unterrat und Oberrat und so weiter geworden war, gleich in das Staatsministerium berufen wurde, das bedurfte wenigstens einer Rechtfertigung seitens des Herzogs. Aber die gab er. Und Goethe war keineswegs ein schlechter Minister, keineswegs ein solcher, der das Ministergeschäft so nebenbei betrieb, sondern er war ein viel besserer Minister als manche Minister, die keine Goethe gewesen sind in diesem Sinne. Und derjenige, der einmal sich selber persönlich überzeugt hat, wie ich — ich darf das in aller Bescheidenheit sagen, daß es bei mir der Fall war —, wie Goethe seinen Minister-Obliegenheiten gedient hat, der weiß, daß Goethe ein ausgezeichneter Minister für das Herzogtum Sachsen-Weimar war, der sich allen Einzelheiten seiner Geschäfte mit voller Hingabe gewidmet hat. Minister zu sein, war für Goethe die Hauptsache dazumal, und durch zehn Jahre hindurch wirkte Goethe außerordentlich viel gerade als Minister in Weimar. |

[ 27 ] Nun hatte er nach Weimar schon den «Faust» zum Teil mitgebracht. Dasjenige, was jetzt unter dem «geschmackvollen» Titel «Urfaust» in den Werken figuriert, das hatte er dazumal nach Weimar mitgebracht. In diesem «Faust» lebte aber schon alles dasjenige, was, man möchte sagen, der aufwärtsgerichtete Blick des Faust war. Und wie war Faust aus dem unmittelbaren Leben geschöpft, aber jetzt auch aus dem Leben, das jede Menschenseele berührt! Und wiederum zeigte es sich in Weimar, wie Goethe nicht ganz ergriffen werden konnte von seiner Umgebung. Man lernt ja sehr häufig Menschen kennen, die mehr oder weniger nur die Exponenten sind ihrer Akten. Goethe war nicht der bloße Exponent der Akten, der wahrhaftig zahlreichen Akten, die er verfaßt hat als Weimarischer Beamter. Aber daneben lebte er sich in alle Weimarischen Verhältnisse ein, und wenn er auch auf seinem Isolierschemel blieb, so wurde er doch von allem Menschlichen berührt, und das unmittelbare Menschliche gestaltete sich bei ihm zur Kunst. Und so sehen wir denn, wie der Charakter einer Frau, der Frau von Stein, der er freundschaftlich nahetrat, für ihn ein Lebensproblem wurde. Und im Grunde genommen war es die unmittelbare Anschauung dieses Charakters, die ihn dazu brachte, die Gestalt der «Iphigenie» zu dramatisieren. Was auf der einen Seite im Charakter der Frau von Stein auf ihn wirkte, das wollte er künstlerisch gestalten. Es war ihm die Fabel der Iphigenie nur ein Mittel, ein Lebensproblem zu lösen. Und die ganzen Verhältnisse am Hofe von Weimar, sein Zusammenleben mit dem in seinem Charakter merkwürdig veranlagten Herzog Karl August, der Anblick der Schicksale der Herzogin, andere Verhältnisse, die da hineinspielten, sie wurden ihm zu Problemen. Das Leben wurde ihm zur Frage. Er brauchte wiederum einen Stoff, um diese Verhältnisse künstlerisch zu bezwingen. Er nahm den Stoff des «Tasso», aber eigentlich waren es Weimarerische Verhältnisse, die er künstlerisch bezwungen hat. Ich kann natürlich nicht auf die vielen Einzelheiten in Goethes Geistesleben eingehen, aber ich möchte doch diese Tatsache vor Ihre Seele hinstellen, damit wir eben an sie geisteswissenschaftlich anknüpfen können wie an ein Exempel.

[ 28 ] Schon dazumal, in der allerersten Zeit, da er in Weimar lebte, tat sich ihm durch die verschiedenen Verhältnisse, in die er gebracht wurde, die Möglichkeit auf, seine Naturstudien zu vertiefen, in selbständiger Weise zu vertiefen. Er betrieb Pflanzenstudien; er fing schon dazumal an, an der Universität Jena anatomische Studien zu machen. Überall ging er darauf aus, dasjenige, was er von Herder aufgenommen hatte: die Zusammenhangs-Ideen der Welt, im einzelnen zu bewahrheiten. Den Zusammenhang der ganzen Pflanzenwelt wollte er studieren, was geistig in den Pflanzen lebte, wollte er studieren. Die Verwandtschaft aller Tiere wollte er vor seine Seele hintreten lassen, um den Weg hinauf zum Menschen zu finden. Die Entwickelungsidee wollte er unmittelbar an den Objekten der Natur selber studieren. Denken Sie, er hatte Herders große Idee aufgenommen: ein einheitliches geistiges Werden durch alle Entwickelungsmomente der Wesen hin zu studieren. In dem standen er und Herder dazumal ziemlich allein, denn diejenigen, die tonangebend waren im geistigen Leben, die dachten ganz anders, die führten vor allen Dingen überall Scheidewände ein.

[ 29 ] Alle geistige Tätigkeit kann man ja nach zwei Polen hin wirkend finden: nach dem Trennen und nach dem Zusammenfassen. Goethe und Herder kam es darauf an, zusammenzufassen die Mannigfaltigkeit, die Vielheit; den anderen kam es darauf an, hübsch Einteilungen zu haben, recht nett einzuteilen. Und so war es dazumal vor allen Dingen für viele eine Frage, wie sich der Mensch von den Tieren unterscheide. Der Mensch, sagte man, habe keinen Zwischenkieferknochen, in dem die Schneidezähne sitzen, in der oberen Kinnlade, sondern eine einheitliche Kinnlade; die Tiere nur haben den Zwischenkiefer. Goethe war gewiß nicht materialistisch gesinnt, wollte gewiß nicht einen Materialismus begründen in materialistischer Absicht; aber daß sich in einer solchen Einzelheit die innere Harmonie der Natur nicht bewahrheiten sollte, das war seinem Sinne zuwider. Deshalb ging er darauf aus, gegen alle Naturwissenschafterautorität nachzuweisen, daß auch der Mensch den Zwischenknochen habe. Und es gelang ihm. Und so kam er denn zu seiner ersten bedeutenden naturwissenschaftlichen Abhandlung, die da heißt: «Dem Menschen wie den Tieren ist ein Zwischenknochen der obern Kinnlade zuzuschreiben». Damit hatte er etwas hineingestellt in die geistige Entwickelung, eine Einzelheit, mit der er sich entgegengestellt hat der ganzen damaligen naturwissenschaftlichen Welt, und die heute eine Selbstverständlichkeit ist, die natürlich niemand bezweifelt.

[ 30 ] So steht Goethe nicht da als der Dichter des «Werther», als der Dichter des «Götz von Berlichingen», des «Faust», als derjenige, in dessen Kopf allein «Iphigenie» und «Tasso» entspringen, sondern er steht da mit einem tiefen Hineinblicken in den Zusammenhang der Natur, so daß er nun wirklich als echter Naturforscher studiert und arbeitet. Das ist nicht in einseitiger Weise ein Forscher oder ein Dichter oder ein Minister, das ist ein ganzer Mensch, ein nach allen Seiten hin strebender ganzer Mensch.

[ 31 ] Zehn Jahre ungefähr lebte so Goethe in Weimar, da konnte er die Sehnsucht nach Italien nicht mehr bezwingen. Und er unternahm wie eine Flucht seine Reise nach Italien in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts. Man muß nicht vergessen, daß Goethe doch erst dazumal in Verhältnisse eintrat, die nun einer Sehnsucht entsprachen, die er seit frühester Jugend gehegt hat, und daß er zum ersten Mal eigentlich in große Verhältnisse eintritt. Denn denken Sie, daß Goethe außer Frankfurt keine große Stadt gesehen hat bis dahin! Und man muß sich immer vergegenwärtigen, daß die erste Großstadt, durch die Goethe auf den Schauplatz der Weltgeschichte gestellt worden ist, Rom war. Das muß man schon richtig in das Leben Goethes hineinstellen. Und daß Goethe in Rom pulsieren fühlte den ganzen Strom des Lebens, wie er heraufgezogen war in der fünften nachatlantischen Zeit bis zu seiner Zeit, und daß Goethe das, was da als Weltgeschichte in ihm wirkte, verband mit einer in seiner Seele werdenden umfassenden Weltanschauung. Da trug er die Idee, die sich ihm über Tiergestalten, über Pflanzengestalten ergeben hatte, durch die Mannigfaltigkeit der Formen der Pflanzen, der Steine, der Tiere, die er verglich, die er nun auf der Apenninischen Halbinsel verfolgte. Im weiten Umkreis suchte er zu bewahrheiten seine Idee einer Urpflanze, und konnte es. Jeder Stein, jede Pflanze interessierte ihn; wie sich das Mannigfaltige zur Einheit gestaltet, das ließ er auf sich wirken. Dabei ließ er auf sich wirken die großen Kunstwerke, die ihm das alte Griechentum in einem matten Nachtrieb zeigten. Und wie er auf der einen Seite den Blick objektiv über alle die Mannigfaltigkeiten der Natur richtete, so konnte er auf der anderen Seite aus tiefster Seele heraus alle Intimitäten der großen Kunst der Renaissance empfinden. Man lese nur nach die Worte, die er gesprochen hat bei dem Anblicke der «Heiligen Cäcilie» Raffaels in Bologna, wie er beim Anblicke dieses Kunstwerkes in seiner Seele aufleben ließ alle Gefühle, die den Menschen aus der sinnlichen Welt in die übersinnliche hinaufleiten in einer wunderbar tief intensiven Weise. Man lese in seiner «Italienischen Reise» nach, wie er, während er auf der einen Seite seine Naturideen immer mehr und mehr vertiefte, den Kunstwerken gegenüber empfand, wie der Mensch wahrhaft nur dann Kunst schafft, wenn die Kunst zu gleicher Zeit aus den Tiefen des Lebens heraus schafft. Die großen Kunstwerke der Griechen, sagte er, werden mir jetzt klar, denn: «Ich habe eine Vermutung, daß sie nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt und denen ich auf der Spur bin.» — «Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.» So schrieb er an seine Weimarer Freunde.

[ 32 ] Und ein Ungeheures nahm er in sich auf, und es gestaltete sich für ihn dasjenige um, was er früher erfühlt und erahnt hatte. Szenen, die bedeutsam sind in seinem «Faust», er dichtete sie nun in Rom. «Iphigenie», «Tasso», sie hatte er schon mehr oder weniger in Prosa in Weimar entworfen, zum Teil vollendet; jetzt schrieb er sie um in Verse. Denn er konnte den Stil finden, den er jetzt als einen klassischen Stil ausgießen wollte über diese Werke, indem er nun selber klassische Kunst fortwährend auf sich wirken ließ. Das war eine Regeneration, eine wirkliche Wiedergeburt von Goethes Seele, die er in Italien erlebte. Und etwas Eigentümliches bildete sich jetzt in seiner Seele heraus: er empfand einen tiefen Gegensatz zwischen dem, was seine Zeit erstrebte, was er überall in seiner Umgebung gesehen hatte, und dem, was er als die höchste Ausgestaltung des rein Menschlichen empfinden gelernt hatte.

[ 33 ] So kam er zurück nach Weimar, so kam er wiederum zurück in die Welt hinein, in welcher Werke entstanden waren, die dazumal alle hinrissen: Schillers «Räuber», Heinses «Ardinghello» und dergleichen. Das kam ihm vor wie barbarisches Zeug, das widerstrebte allen Wurzeln, die jetzt in seiner Seele lebten. Und als ein gründlich Einsamstehender fühlte er sich in seinem Seelenleben. Er war ja auch beinahe vergessen. Und jetzt bahnte sich an nach und nach das Freundschaftsverhältnis zu Schiller. Schwer war ihm der Zugang geworden, denn nichts war ihm so sehr verhaßt, als er wieder zurückkam, als Schillers Jugendwerke. Aber sie fanden sich, und sie fanden sich zu einem Freundschaftsbunde, der wenige seinesgleichen in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit hat. Und sie regten sich an, so daß Herman Grimm mit Recht sagt: In dem Verhältnis von Goethe und Schiller hat man nicht nur Goethe plus Schiller, sondern Goethe plus Schiller und Schiller plus Goethe. Jeder wurde durch den anderen etwas anderes; und was ein jeder durch den anderen anders wurde, damit befruchtete ein jeder den anderen. Und jetzt erstanden in der Seele der beiden große, umfassende Menschheitsprobleme. Was die Welt dazumal politisch lösen wollte — das große Freiheitsproblem der Menschheit —, für Goethe und Schiller stellte es sich in einer geistig-menschlichen Weise vor die Seele. Andere dachten viel darüber nach, wie man eine äußere Einrichtung in der Welt herbeiführen könnte, die dem Menschen Freiheit gestattet im Leben. Für Schiller handelte es sich darum: Wie findet der Mensch in seiner eigenen Seele die Freiheit? — Und diesem Probleme hat er sich gewidmet bei der Ausarbeitung seiner einzigartigen Schrift, den «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen». Wie der Mensch seine Seele über sich selber hinausführt, von dem gewöhnlichen Stand des Lebens zu einem höheren Stand des Lebens, das war für Schiller die große Frage. Der Mensch steht auf der einen Seite in der sinnlichen Natur, sagte sich Schiller, auf der anderen Seite steht er der logischen Welt gegenüber. In beiden ist er nicht frei. Frei wird er als ästhetisch Genießender und ästhetisch Schaffender, wo die Gedanken so werden, daß sie keinem logischen Zwang unterliegen, sondern dem Geschmacke und der Neigung, wo sie aber frei sind zugleich von der Sinnlichkeit. Einen mittleren Zustand forderte Schiller. Zu dem Gebildetsten, das in der Menschheitsentwickelung geschrieben worden ist, gehören diese Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen». Es war aber . eine Frage, es war ein Menschenrätsel, das er sich zusammen mit Goethe vor die Seele geführt hat.

[ 34 ] Goethe konnte nicht philosophisch in abstrakten Ideen eingehen auf dieses Problem, wie Schiller das konnte; Goethe mußte sich dieses Problem lebendig vornehmen. Und er löste dieses Problem in einer umfassenden Weise in seiner Art so, wie er es hinstellte in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Wie Schiller philosophisch zeigen wollte, wie der Mensch vom gewöhnlichen Leben aufsteigt zu einem höheren Leben, so wollte Goethe durch das Zusammenwirken der Geisteskräfte in der menschlichen Seele in dem Märchen von _ der grünen Schlange und der schönen Lilie zeigen, wie der Mensch sich seelisch entwickelt aus dem alltäglichen Seelenleben zu einem höheren Seelenleben. Was bei Schiller philosophisch abstrakt zutage trat, das gestaltete Goethe in großartiger Weise anschaulich in diesem Märchen, das er anfügte einer Beschreibung des äußeren Lebens in seinem novellistischen, romanartigen Werke: «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter». Wirklich, da lebte in dem lebendigen Verkehre zwischen Goethe und Schiller alles auf, was der Mensch sich an Rätselfragen des Lebens stellen konnte mit Bezug auf dasjenige, was in der Frage, in der Sehnsucht liegt:

Schau’ alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu’ nicht mehr in Worten kramen.

[ 35 ] Wer sich wirklich einläßt auf dasjenige, was zwischen Goethe und Schiller sich abspielte, einläßt auf dasjenige, was in Schillers Geist lebte, in Goethes Geist lebte in der damaligen Zeit, der hat in dem noch nicht anerkanntes, noch nicht genug wirksam gewordenes Geistesgut, in dem konzentriert ist das Streben des fünften nachatlantischen Zeitraums in ganz außerordentlicher Weise. All das, was die beiden dazumal bewegte, in der Art und Weise, wie Schiller das Menschenrätsel philosophisch in seinen «Ästhetischen Briefen» zu lösen versuchte, in der Art und Weise, wie Goethe sich an die Farbenwelt heranmachte in der damaligen Zeit, um Newton entgegenzutreten, in der Art und Weise, wie Goethe die Entwickelung der menschlichen Seele in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie darbietet: das alles sind umfassende Fragen, die, wie es scheint, dazu verurteilt waren, zunächst nur bei wenigen zu leben. Denn indem wir bis hierher zunächst die Tatsachen anführen wollten, welche sich auf Goethes Leben beziehen, muß doch darauf aufmerksam gemacht werden, wie heute viele von Goethe reden, glauben, von Goethe reden zu können, wie aber auch diese Goethe-Zeit als eine Zeit der Vergangenheit vielen doch auch «ein Buch mit sieben Siegeln» ist. Und man möchte sagen, daß es in einem gewissen Sinne sogar entzückend ist, wenn einmal jemand ehrlich ist in dieser Beziehung. Es ist ja gewiß philiströs gewesen, als Du Bois-Reymond seine Rede gehalten hat, der berühmte Naturforscher Du Bois-Reymond: «Goethe und kein Ende». Derselbe Mann, der die «Grenzen des Naturerkennens» vorgezeichnet hat, der so viele bedeutsame physiologische Entdeckungen gemacht hat, er hat, als er Rektor an einer Universität war, seine Rede gehalten: «Goethe und kein Ende». Sie ist philiströs, denn sie entspringt aus der Gesinnung: Ja, da reden so viele Leute von dem, der doch nur ein Dilettant war, von Goethe, der überall herumdilettiert hat: von dem reden die Leute. Was haben wir doch eigentlich seither alles gewonnen, was Goethe selbstverständlich nicht kannte: Zellenlehre, Elektrizitätslehre, Fortschritte der Physiologie! — All das stand vor Du Bois-Reymonds Seele. Was war dagegen Goethe! Und da reden die Leute von dem Faust, den Goethe hingestellt hat, reden so, wie wenn Goethe — meint Du Bois-Reymond — wirklich ein Ideal von Menschheit hingestellt hätte. Und Du Bois-Reymond kann das nicht finden, daß Goethe gerade ein Ideal von Menschheit hingestellt hat, denn er sagt: Wäre es denn eigentlich nicht besser gewesen, Faust größer zu machen, als Goethe ihn gemacht hat, nützlicher für die Menschheit? Da stellt Goethe einen Jammerkerl hin — den Ausdruck gebraucht Du Bois-Reymond nicht, aber ungefähr so ist doch all das, was er sagt —, einen Jammerkerl, der nicht mit seinem eigenen Inneren fertig werden kann. Und dann, sagt er, wäre Faust ein ganzer Kerl gewesen, dann hätte er Gretchen ehrlich geheiratet, nicht verführt, hätte die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe erfunden und wäre ein ordentlicher Professor von Berühmtheit geworden. Das sagt er schon wörtlich, daß der Faust, wenn er ein ordentlicher Mensch gewesen wäre, Gretchen ehrlich geheiratet, nicht verführt hätte bloß, die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe. erfunden, der Menschheit Dienste geleistet hätte und nicht ein so verlottertes Genie geworden wäre, das in allerlei spiritistischen Unfug sich eingelassen hat.

[ 36 ] Es ist gewiß philiströs, solch eine Rektoratsrede, wie man sie hören konnte am Ende des 19. Jahrhunderts, aber sie ist wenigstens ehrlich. Und man möchte, daß viel öfter solche Ehrlichkeit auftritt, denn sie ist doch entzückend, weil sie der Wahrheit entspricht, während verlogen, dreimal verlogen vieles von dem ist, was die Leute an Begeisterung für Faust und Goethe aufbringen, Leute, die doch nur «froh sind, wenn sie Regenwürmer finden». Denn solche Zitate aus Goethe, wie man sie heute vielfach hört, sind ja auch nur geistige Regenwürmer, wenn es auch Goethe-Worte sind.

[ 37 ] Gerade an dem Verhältnis unserer Zeit zu einem solchen Geist wie Goethe, kann man vielfach das tief Unwahre dieser Zeit studieren. Und gar mancher, der nichts weiter tut, als «in Worten kramen», kramt eben auch in Goethe-Worten, während in Goethes Weltanschauung etwas liegt, was hineinführt in all das, was aufgehen muß in der zukünftigen Entwickelung der Menschheit und was sich, wie wir schon andeuteten, wohl mit Geisteswissenschaft nicht nur verbindet, sondern was schon immer durch seine eigene Natur mit Geisteswissenschaft verbunden ist.