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Das Karma des Berufes des Menschen
in Anknüpfung an Goethes Leben
GA 172

5 November 1916, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Eigentlich ist ja die Absicht, wie Sie aus dem Angedeuteten schon vernommen haben, in diesem Vortrage jetzt zu einem Verständnis des einzelnen Karmas des Menschen zu führen und des Gesamtkarmas unserer Zeit im weiteren Sinne, Aber das menschliche Leben, gerade wenn man es so betrachten will, wie es jeden einzelnen angeht, ist außerordentlich kompliziert, und viele Fäden, die den Menschen an die Welt, an eine nähere oder fernere Vergangenheit knüpfen, muß man verfolgen, wenn man die Frage nach seinem Schicksal beantworten will. Das macht es vielleicht erklärlich, warum ich, während ich eigentlich etwas uns ganz Naheliegendes, jedem Menschen ganz Naheliegendes auseinandersetzen will, gerade jetzt weite Umwege mache und Betrachtungen, die gewissermaßen ihr Licht hereinwerfen sollen in das enge Daseinsstübchen jedes einzelnen, anknüpfe an ein weltgeschichtlich bedeutsames Erdenleben: an Goethes Erdenleben. Ist uns doch Goethes Erdenleben zugänglich in bezug auf sehr, sehr viele Einzelheiten. Liegt nun natürlich auch selbstverständlich jedes Menschenleben sehr weit ab mit Bezug auf sein Schicksal von dem Schicksalsgang eines so vorbildlichen, welthistorischen Geistes, so ist es doch möglich, gerade an der Betrachtung eines solchen Lebens Gesichtspunkte zu gewinnen für jeden einzelnen von uns, Daher wollen wir es uns nicht verdrießen lassen, diese Anknüpfungen, die wir gestern begonnen haben, gerade mit Bezug auf unsere speziellen Fragen, zu denen wir immer mehr und mehr kommen werden, noch ein wenig auszudehnen.

[ 2 ] Wenn man so verfolgt Goethes Leben, wie es viele, die seine Biographen sein wollen, bis heute schon getan haben, so achtet man gar nicht darauf, wie der Mensch geneigt ist, in einer raschen Weise Wirkung mit Ursache zu verknüpfen. Sehen Sie, Naturwissenschafter werden schon heute immer wieder und wiederum darauf verweisen, daß der Mensch viele Irrtümer begeht, wenn er schnell-fertig das «Nach einem Ding und eben deshalb aus diesem Ding heraus» zu seinem Grundsatze macht, dieses «Post hoc, ergo propter hoc»: weil etwas aufeinanderfolgt, müsse es wie die Wirkung aus der Ursache hervorgehen. Man tadelt es auf naturwissenschaftlichem Gebiet. Auf dem Gebiete der Betrachtung des Menschenlebens ist man noch nicht so weitgekommen, diesen Grundsatz auch gründlich abzulehnen. Gewisse wilde Menschen, die zu den Kamtschadalen gehören, glauben, daß die Bachstelzen oder ähnliche Vögel den Frühling bringen, weil der Frühling auf deren Kommen folgt. So schließt der Mensch überhaupt sehr häufig: Das, was auf etwas anderes folgt, geht aus diesem andern hervor. — Man lernt kennen aus Goethes eigenen Beschreibungen, also aus den Beschreibungen eines besonders über die Menschheit hinleuchtenden Menschenlebens, daß Goethe diesen Vater, diese Mutter gehabt hat, die Dinge durchgemacht hat in seiner Jugend, die er uns ja selber mitteilt, und man leitet dann dasjenige, was er später im Leben getrieben hat, wodurch er der Menschheit so wichtig geworden ist, aus diesen Jugendeindrücken biographisch ab, ganz nach dem Grundsatze, daß, weil irgend etwas auf ein anderesfolegt, so müsse es auch aus diesem anderen hervorgehen. Es ist das nicht gescheiter, als wenn man glaubt, daß der Frühling von den Bachstelzen gebracht wird. Auf naturwissenschaftlichem Gebiete hat man einen solchen Aberglauben scharf getadelt, auf geisteswissenschaftlichem Gebiete muß man erst noch so weit kommen. Man erklärt allerdings sehr schön, daß Goethe in verhältnismäßig frühen Jahren, im Knabenalter noch, als in seinem Vaterhause französische Einquartierung war, während Frankfurt von den Franzosen besetzt war, erlebte, wie der berühmte Königsleutnant Thoranc Theateraufführungen dort veranstaltete, wie er Maler beschäftigte, und wie dadurch Goethe fast noch als Kind in Berührung kam mit der Malerei, in Berührung kam mit der theatralischen Kunst, und man leitet dann Goethes Hinneigung zur Kunst in der späteren Zeit au$ solchen Jugendeindrücken leichthin ab.

[ 3 ] Allerdings, man sieht gerade bei Goethe von frühester Jugend an scharf sein vorgezeichnetes Karma wirken. Ist es nicht ein besonders hervorstechender Zug in Goethes ganzem Leben, wie er Kunstanschauung, Weltanschauung mit Naturanschauung verbindet, wie er gewissermaßen überall hinter der künstlerischen Phantasie das Streben hat nach der Erkenntnis der Wahrheit in den Naturerscheinungen? Und sehen wir nicht eben wie ein scharf vorgezeichnetes Karma den Knaben bereits, den sechs-, siebenjährigen Knaben, zusammentragen Mineralien, geologische Stufen, die er findet in der Mineralien- und Gesteinssammlung seines Vaters, um sie auf ein Notenpult zu legen und dem großen Gott der Natur einen Altar zu machen? Ja, wie er ein Räucherkerzchen auf diesem aus Naturprodukten zusammengestellten Altar befestigt und sich Licht nun nicht auf die gewöhnliche mechanische Weise macht, sondern mit einem Brennglas die Strahlen der ersten Morgensonne, gerade der ersten Morgensonne auffängt, um sie durch das Brennglas auf das Räucherkerzchen fallen zu lassen und so an den Strahlen der Morgensonne ein Feuer sich zu entzünden, das er dem großen Gotte der Natur darbringt. Wie großartig, und zu gleicher Zeit wie großartig schön sehen wir in dem sechs-, siebenjährigen Knaben den Sinn hingerichtet auf dasjenige, was als Geist in den Naturerscheinungen lebt und webt! Da sehen wir — da ja ganz gewiß dieser Zug, wenn man so sagen will, aus einer ursprünglichen Anlage gekommen sein muß, nicht aus der Umgebung herstammen kann —, wie dasjenige, was er hereingetragen hat in diese Inkarnation, bei diesem Menschen gerade mit besonders starker Kraft gewirkt hat.

[ 4 ] Wenn man die Zeit betrachtet, in die Goethe in seiner damaligen Inkarnation hereingeboren worden ist, so wird man ein merk würdiges Zusammenstimmen seiner Natur mit den Zeitereignissen finden. Man ist ja gewiß nach heutiger Weltauffassung vielfach geneigt zu sagen: Nun ja, das was Goethe geschaffen hat, dieser «Faust», das andere, was zur Erhebung, zur geistigen Durchdringung der Menschheit von Goethe ausgegangen ist, das ist eben gekommen, weil es Goethe nach seinen Anlagen gemacht hat. — Es ist freilich schwieriger, bei solchen Dingen, wie sie durch Goethe der Menschheit gegeben worden sind, zu erhärten, daß seine Schöpfungen nicht in diesem einfachen Sinne an seine Person gebunden sein können. Aber überlegen Sie sich einmal etwas anderes. Überlegen Sie sich, wie kurzsinnig gegenüber gewissen Erscheinungen des Daseins manche Betrachtungsweise ist, die glaubt, sich gründlich auf die Wahrheit einzulassen. Sie können in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» de Lamettries Ausspruch finden, daß Erasmus von Rotterdam und Fontenelle zum Beispiel ganz andere Menschen geworden wären, wenn auch nur irgendeine kleine Partie in ihrem Gehirn anders gewesen wäre, Man muß nach einer solchen Denkweise annehmen, daß also alles dasjenige, was Erasmus, was Fontenelle geschaffen haben, nicht da wäre in der Welt, wenn, wie de Lamettrie meint, Erasmus und Fontenelle durch eine nur geringe andersartige Beschaffenheit ihres Gehirnes statt Weise Toren geworden wären. Nun, möchte ich sagen, langt es in einer gewissen Beziehung für solche Dinge, wie sie Erasmus, Fontenelle geschaffen haben. Aber überlegen Sie sich dasselbe mit Bezug auf einen anderen Fall. Können Sie sich zum Beispiel denken, daß die Entwickelung der neueren Menschheit hätte ablaufen können, ohne daß Amerika entdeckt worden wäre? Stellen Sie sich einmal vor, was alles eingeflossen ist in das Leben der modernen Menschheit durch die Entdeckung Amerikas! Könnte man nun als Materialist sagen, daß Kolumbus ein anderer geworden wäre, wenn sein Gehirn ein bißchen anders gewesen wäre und er ein Tor statt Kolumbus geworden wäre, und daß dann der Kolumbus nicht Amerika entdeckt hätte? Gewiß, das kann man sagen, geradeso wie man sagen kann, Goethe wäre nicht Goethe geworden, Fontenelle nicht Fontenelle, Erasmus nicht Erasmus, wenn zum Beispiel ihre Mütter während der Zeit, als die Betreffenden noch nicht geboren waren, ein Unglück gehabt hätten und sie tot zur Welt gekommen wären. Aber nimmermehr können wir denken, daß Amerika nicht entdeckt worden wäre, wenn Kolumbus es nicht hätte entdecken können. Sie werden es ziemlich selbstverständlich finden, daß Amerika auch entdeckt worden wäre, wenn Kolumbus einen Gehirndefekt gehabt hätte!

[ 5 ] So werden Sie gar nicht zweifeln können, daß ein anderes der Gang der Weltenereignisse ist und ein anderes der Anteil des einzelnen an diesen Weltenereignissen, und Sie werden nicht zweifeln können, daß die Weltenereignisse selber sich aufrufen diejenigen menschlichen Individuen, die durch ihr Karma für dies oder jenes, was die Weltenereignisse fordern, besonders geeignet sind. Bei Amerika läßt es sich sehr leicht ausdenken. Aber für den Tieferblickenden ist es auch nicht anders, sagen wir zum Beispiel, mit Bezug auf die Entstehung des «Faust». Man müßte wirklich an den vollständigen Unsinn im Weltenwerden glauben, wenn man denken sollte, es hätte keine Notwendigkeit vorgelegen, daß solch eine Dichtung wie der «Faust» entstanden wäre, auch wenn das eingetreten wäre, was der Materialist so gerne betont: daß Goethe vielleicht als fünfjährigem Knaben ein Ziegel auf den Kopf gefallen wäre und er ein Blödling geworden wäre. Wer die Entwickelung des Geisteslebens in den Jahrzehnten bis zu Goethe hin verfolgt, der wird sehen, wie der «Faust» wirklich eine Forderung der Zeit war. Lessing ist ja der charakteristische Geist, der einen «Faust» schreiben wollte, sogar eine Szene, die sehr schön ist, schon geschrieben hatte. Nicht bloß Goethes subjektive Bedürfnisse forderten den «Faust», die Zeit forderte den «Faust»! Und für einen Tieferblickenden ist es eben wirklich so, daß man sagen kann, ein ähnlicher Zusammenhang wie zwischen KoJumbus und der Entdeckung Amerikas mit Bezug auf den welthistorischen Gang der Ereignisse, ist auch zwischen Goethes Schöpfungen und Goethe selber.

[ 6 ] Ich sagte, betrachtet man das Zeitalter, in das Goethe hineingeboren ist, so merkt man schon einen gewissen Zusammenklang zwischen der Individualität Goethes und diesem Zeitalter, und zwar diesem Zeitalter in weitestem Umkreise. Bedenken Sie, daß trotz aller großen Verschiedenheiten — wir werden gleich auf die Sache noch zurückkommen — doch etwas sehr Ähnliches in den beiden Geistern, in Goethe und Schiller ist, um andere, weniger Bedeutende um sie herum gar nicht zu erwähnen. Bedenken Sie, wie vieles von dem, was wir gerade bei Goethe aufleuchten sehen, wir auch in Herder aufleuchten sehen. Aber man kann viel weiter gehen. Wenn man Goethe ansieht, tritt es vielleicht nicht gleich hervor; darauf wollen wir eben gleich zurückkommen. Aber wenn man Schiller ansieht, wenn man Herder ansieht, Lessing ansieht, so wird man sagen: Zwar ist ihr Leben anders geworden, aber in den Tendenzen, in den Impulsen lebt bei Goethe, bei Schiller, bei Herder, bei Lessing durchaus ein Stück Seelenanlage, durch die sie hätten unter anderen Verhältnissen ebensogut ein Mirabean,ein Danton werden können. Sie stimmen wirklich mit ihrem Zeitalter zusammen. Bei Schiller wird es sich ja gar nicht so schwer nachweisen lassen, denn Schillers Gesinnung wird niemand, insofern Schiller der Dichter der «Räuber», des «Fiesko», der «Kabale und Liebe» war, sehr weit abstechend sehen von der Gesinnung eines Mirabeau oder Danton oder selbst Robespierre. Nur daß Schiller dieselben Impulse, die Danton, Robespierre, Mirabeau in ihre politischen Tendenzen haben hineinfließen lassen, ins Literarische, ins Künstlerische fließen ließ. Aber, man möchte sagen, in bezug auf das Seelenblut, das die Weltgeschichte durchpulst, fließt in den «Räubern» genau dasselbe Seelenblut wie in den Taten Dantons, Mirabeaus und Robespierres, und es floß dieses selbe Seelenblut aber auch in Goethe, wenn man auch zunächst sich vorstellen möchte, daß Goethe recht, recht weit von einem Revolutionär entfernt ist. Das ist er aber gar nicht, das ist er durchaus nicht. Nur kommt bei dieser komplizierten Natur, bei der Natur Goethes, eben auch eine besondere Komplikation von karmischen Impulsen, von Schicksalsimpulsen zustande, welche ihn schon in frühester Jugend in einer ganz besonderen Weise in die Welt hineinstellen.

[ 7 ] Wenn man mit geisteswissenschaftlichem Blick das Leben Goethes verfolgt, so teilt es sich zunächst, wenn man von allem übrigen absieht, in gewisse Perioden ab. Die erste Periode verläuft so, daß man sagen kann, es fließt ein Impuls, den man schon in seiner Kindheit findet, weiter. Dann kommt etwas von außen, das seinen Lebensstrom scheinbar ablenkt: die Bekanntschaft mit dem Herzog von Weimar 1775. Und dann wiederum sehen wir, wie ihn in eine andere Lebensbahn bringt sein Aufenthalt in Rom, wie Goethe ein ganz anderer wird dadurch, daß er römisches Leben in sich aufnehmen kann. Wollte man noch genauer darauf eingehen, so könnte man sagen: ein dritter Impuls, der wie von außen kommt — aber das würde, wie wir sehen werden, nicht ganz richtig sein im geisteswissenschaftlichen Sinne —, wäre das freundschaftliche Zusammenleben mit Schiller, nachdem er seine römische Verwandlung durchgemacht hat.

[ 8 ] Studiert man den ersten Teil von Goethes Leben bis zum Jahre 1775, dann findet man als Ergebnis, daß allerdings — wenn man auch die Ereignisse aufmerksamer betrachten muß, als man dies gewöhnlich tut — in diesem Goethe eine mächtige revolutionäre Stimmung lebt, eine Auflehnung gegen dasjenige, was in seiner Umgebung ist. Nur verteilt sich gewissermaßen seine Natur über vieles. Und dadurch, daß der Auflehne-Impuls nicht so stark hervortritt wie dann, wenn er sich konzentriert wie in Schillers «Räuber», sondern sich mehr verbreitet, tritt die Sache weniger stark hervor. Aber derjenige, der geisteswissenschaftlich auf Goethes Knaben- und Jugendleben einzugehen vermag, der findet, daß in ihm eine geistige Lebenskraft sitzt, die er sich durch seine Geburt in sein Dasein trägt, die, wenn nicht gewisse Ereignisse eingetreten wären, ihn nicht durch sein ganzes Leben hätte begleiten können. Dasjenige, was in ihm als Goethe-Individualität lebte, war weit größer als dasjenige, was sein Organismus wirklich aufnehmen und ausleben konnte.

[ 9 ] Bei Schiller ist das handgreiflich. Wenn man solch Handgreifliches heute fühlen könnte, so würde man es schon finden. Schillers früher Tod rührte von nichts anderem her als davon, daß sein Organismus verbrannt wurde durch seine mächtige seelische Lebenskraft. Handgreiflich ist es. Ist es doch bekannt, daß, als Schiller gestorben war, man fand, daß sein Herz wie ausgedörrt in seinem Innern war. Nur durch seine mächtige Seelenkraft hielt er sich eben, solange es ging, aber diese mächtige Seelenkraft verzehrte zugleich das leibliche Leben. Bei Goethe war diese Seelenkraft noch stärker, und doch erreichte Goethe ein hohes Alter. Wodurch erreichte er ein so hohes Alter?

[ 10 ] Sehen Sie, ich habe Ihnen gestern eine Tatsache erwähnt, welche in Goethes Leben ganz bedeutungsvoll eingreift. Als er einige Jahre in Leipzig Student gewesen war, da wird er krank, schwer krank und steht dem Tode gegenüber. Er schaut wirklich sozusagen dem Tode ins Angesicht. Diese Krankheit ist ja gewiß eine organische Naturerscheinung, aber man lernt nie einen Menschen, der aus dem Elementarischen der Welt heraus schafft, eigentlich überhaupt keinen Menschen kennen, wenn man solche Ereignisse nicht im Verlauf ihres Karmas in Erwägung zieht. Was geschah denn eigentlich mit Goethe, als er so in Leipzig krank war? Das geschah, was man nennen kann eine völlige Lockerung des ätherischen Leibes, in dem die seelische Lebenskraft wirksam gewesen war bis dahin. Der lockerte sich so, daß nach dieser Krankheit Goethe nicht mehr jenen strammen Zusammenhang hatte zwischen dem ätherischen Leib und dem physischen Leib, den er vorher gehabt hatte. Der ätherische Leib ist aber dasjenige Übersinnliche in uns, was uns eigentlich möglich macht, Vorstellungen zu haben, zu denken. Abstrakte Vorstellungen, wie wir sie im gewöhnlichen Leben haben, wie sie die meisten Menschen, die materialistisch gesinnt sind, allein lieben, hat man dadurch, daß der ätherische Leib eng verbunden ist mit dem physischen Leib, gewissermaßen durch ein starkes magnetisches Band mit dem physischen Leib verbunden ist. Dadurch aber, daß dies der Fall ist, hat man auch den starken Impuls, seinen Willen in die physische Welt hineinzutragen. Man hat diesen Impuls mit dem Willen, wenn außerdem der astralische Leib besonders stark entwickelt ist. Sehen wir hin nach Robespierre, nach Mirabeau, nach Danton, so haben wir einen mit dem physischen Leib stark verbundenen Ätherleib, aber auch einen stark entwickelten Astralleib, der seinerseits auf den Ätherleib wirkt und diese Menschenindividualitäten stark in die physische Welt hineinstellt.

[ 11 ] So war auch Goethe organisiert. Aber nun wirkte in ihm eine andere Kraft, die eine Komplikation hervorbrachte. Die wirkte dahin, daß der ätherische Leib durch die Krankheit, die ihn dem Tode ganz nahe brachte, sich lockerte und gelockert blieb. Dadurch aber, daß der Ätherleib nicht mehr so innig mit dem physischen Leib verbunden ist, stößt er nicht mehr seine Kräfte in den physischen Leib hinein, sondern behält sie innerhalb des Ätherischen. Daher diese Umwandlung, die mit Goethe vorgegangen ist, als er nun zurückkehrte von Leipzig nach Frankfurt, wo er in der Bekanntschaft mit Fräulein von Klettenberg, der Mystikerin, in der Bekanntschaft mit allerlei ärztlichen Freunden, die sich alchimistischen Studien hingaben, in der Bekanntschaft mit den Schriften Swedenborgs sich wirklich ein geistiges Weltsystem, noch chaotisch, aber immerhin ein spirituelles Weltsystem aufbaut, wie er. auch eine innigste Neigung hat, sich mit übersinnlichen Dingen zu befassen. Das aber hängt zusammen mit seiner Krankheit. Und die Seele, die sich hereintrug in dieses Erdenleben die Anlage zu dieser Krankheit, die trug damit den Impuls herein, sich durch diese Krankheit den Ätherleib so zuzubereiten, daß dieser Ätherleib sich nicht bloß im Physischen auslebte, sondern den Drang, und nicht nur den Drang, sondern die Begabung erhielt, mit übersinnlichen Vorstellungen sich zu durchdringen. Solange man bloß die äußeren biographischen Tatsachen nach materialistischer Manier betrachtet für irgendeinen Menschen, kommt man nicht darauf, welch feine Zusammenhänge in der Schicksalsströmung eines Menschen sind. Erst wenn man sich einläßt auf den Zusammenklang von Naturereignissen, die unseren Organismus treffen, wie die Krankheit bei Goethe eines war, mit dem, was ethisch, moralisch, spirituell zum Vorschein kommt, dann erst bekommt man die Möglichkeit, die tiefe Wirkung des Karmas zu ahnen.

[ 12 ] Die revolutionäre Kraft wäre bei Goethe sicherlich so zum Vorschein gekommen, daß sie ihn früh verzehrt hätte. Da ja in seinem Milieu ein Ausleben der revolutionären Kraft äußerlich nicht möglich gewesen wäre und Goethe nicht Dramen hätte schreiben können wie Schiller, so hätte er sich verzehren müssen. Sie wurde abgeleitet durch dieLockerung des Zusammenhanges, des magnetischen Bandes zwischen seinem ätherischen Leib und dem physischen Leib.

[ 13 ] Da sehen Sie, wie ein Naturereignis in das Leben eines Menschen bedeutsam hereintritt. Gewiß, so etwas weist auf einen tieferen Zusammenhang hin, als derjenige ist, den oftmals die Biographen allein an die Oberfläche tragen wollen. Denn die Bedeutung einer Krankheit für das ganze individuelle Erleben eines Menschen läßt sich nicht aus Vererbungstendenzen heraus erklären, sondern die weist schon auf den Zusammenhang eines Menschen mit der Welt so hin, daß dieser Zusammenhang geistig gedacht werden muß. Sie merken daraus auch, wie Goethes Leben sich komplizierte. Denn davon hängt es ab, wie wir etwas aufnehmen, wie wir selber sind.

[ 14 ] Jetzt kommt er gewissermaßen mit einem von okkulten Erkenntnissen erfüllten ätherischen Leib nach Straßburg. Und so tritt er Herder entgegen. Herders große Anschauungen mußten in Goethe etwas ganz anderes werden als in Herder selber, der nicht die gleichen Bedingungen in seiner feineren Konstitution hatte. Solch ein Ereignis, wie es dieses Gegenübertreten dem Tode war, tritt bei Goethe ein Ende der sechziger Jahre in Leipzig, aber es ist seiner Kraft nach vorbereitet schon lange. Und derjenige, der eine solche Krankheit aus äußeren Ereignissen herleiten will oder aus bloß physischen Ereignissen, der steht eben auf geistigem Gebiete noch nicht auf demselben Standpunkt, auf dem der Naturforscher steht: daß dasjenige, was nachfolgt, nicht unmittelbar als eine Wirkung angesehen werden darf desjenigen, auf das es folgt. Es war also in Goethe dieses gewissermaßen Sich-Isolieren von der Welt ‚durch diesen Zusammenhang zwischen physischem Leib und Ätherleib, der nur seine Krisis erreichte durch die Krankheit, immer da.

[ 15 ] Auf jemanden, bei dem ein kompakter Zusammenhang ist zwischen physischem und Ätherleib, wirkt die Außenwelt ein, aber indem sie Eindrücke macht auf den physischen Leib, gehen die Eindrücke gleich in den. Ätherleib über, das ist eins; und der lebt dann mit den Eindrücken der Außenwelt einfach flott mit. Bei einer solchen Natur wie Goethe es war, werden die Eindrücke selbstverständlich auf den physischen Leib gemacht, aber der Ätherleib geht nicht gleich mit, weil er gelockert ist. Die Folge davon ist, daß gewissermaßen ein solcher Mensch isolierter sein kann gegenüber seiner Umgebung, daß ein komplizierterer Vorgang vorliegt, wenn ein Eindruck auf seinen physischen Leib gemacht wird. Rücken Sie sich hinüber von diesem organischen Bau Goethes zu dem, was Sie aus seiner Biographie kennen: daß er die Ereignisse, auch die historischen Ereignisse, gewissermaßen ohne sie zu vergewaltigen, auf sich wirken läßt, dann haben Sie sich Verständnis geschaffen für das eigentümliche Walten der Goethe-Natur. Ich sagte Ihnen: er nimmt die Biographie des Gottfried von Berlichingen, läßt sich nur beeinflussen von Shakespeares dramatischen Impulsen und veränderte gar nicht viel die nicht besonders gut geschriebene Selbstbiographie des Gottfried von Berlichingen, so daß er sein Drama auch nicht «Drama» nennt, sondern «Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, dramatisiert»; er verändert nur etwas. Sehen Sie, dieses, ich möchte sagen, sanfte und zaghafte Anrühren der Dinge, so daß er nicht gewaltsam zufaßt, das ist bewirkt durch diesen ganz besonderen Zusammenhang zwischen Ätherleib und physischem Leib.

[ 16 ] Dieser Zusammenhang war beiSchiller nicht vorhanden. Daher stellt er solche Gestalten hin, die er wahrhaftig nicht auf einen äußeren Eindruck hin hingestellt hat, sondern die er ganz gewaltsam aus seiner Natur heraus formt: Karl Moor. Goethe braucht die Wirkung des Lebens. Aber das Leben vergewaltigt er nicht; er hilft nur leise nach, um das Leben zum Kunstwerk zu erheben. So ist es auch, als die Lebensverhältnisse an ihn herantreten, die er dann im «Werther» gestaltet hat. Eigene Lebensverhältnisse, Lebensverhältnisse seines Freundes Jerusalem, sie biegt er nicht, formt er nicht viel, sondern er nimmt das Leben und hilft nur nach. Und durch die sanfte Art, wie er nachhilft eben aus seinem Ätherleib heraus, wird aus dem Leben ein Kunstwerk. Aber er kommt durch dieselbe Organisation dem Leben auch, ich möchte sagen, nur mittelbar nahe und bereitet sich in dieser Inkarnation sein Karma durch dieses nur mittelbare Nahekommen dem Leben.

[ 17 ] Er kommt nach Straßburg. Außer dem, was er erlebt hat, was ich Ihnen gestern erzählt habe, was ihn vorwärtsbrachte auf seiner GoetheLaufbahn, erlebte er ja, wie Sie wissen, in Straßburg auch die Herzensbeziehung zu der Pfarrtochter in Sesenheim, zu Friederike Brion. Er ist sehr, sehr mit seinem Herzen in diesem Verhältnisse drinnen, und gewiß, man kann mancherlei moralische Bedenken gegen den Verlauf dieses Verhältnisses zwischen Goethe und Friederike von Sesenheim geltend machen, die auch berechtigt sein mögen. Darauf kommt es jetzt nicht an, sondern auf das Verständnis kommt es an. Goethe macht schon wirklich alles dasjenige durch, was eben bei jemandem, der nicht Goethe gewesen wäre, nicht nur hätte führen müssen, sondern selbstverständlich geführt hätte zu einer dauernden Lebensgemeinschaft mit Friederike Brion. Aber Goethe erlebt nicht unmittelbar. Durch dasjenige, was ich Ihnen erzählt habe, ist zwischen seinem besonderen Innern und zwischen der Außenwelt eine Art Kluft geschaffen. So wie er das Lebendige der Außenwelt nicht vergewaltigt, sondern nur sanft umformt, so bringt er gewissermaßen auch sein Fühlen und Empfinden, wie er es nur in seinem Ätherleibe erleben kann, nicht durch den physischen Leib gleich zu einem solch festen Zusammenhang mit der Außenwelt, daß bei ihm dasjenige, was bei anderen zu ganz bestimmten Lebensereignissen geführt hätte, auch dazu hätte führen können. Und so zieht er sich wieder zurück von Friederike Brion. Aber man soll nur so etwas seelisch nehmen. Als er ein letztes Mal hinausreitet, begegnet er auf dem Rückwege-Sie können das in seiner Biographie nachlesen — sich selber. Goethe kommt Goethe entgegen. Goethe erzählt es ja noch viel, viel später, wie er sich dazumal selber begegnete. Goethe kommt Goethe entgegen. Er sieht sich selber. Er reitet hinaus, entgegen kommt ihm auf dem Rückwege Goethe, aber nicht in der Kleidung, die er anhat, sondern in einer anderen Kleidung. Und als er später, nach Jahren wiederum dahin kommt, die alten Bekannten aufsucht, da erkennt er, daß er wirklich in dem Kostüm, ohne daß er es gesucht hat, das er vor Jahren voraus an sich gesehen hat, als er sich begegnete, wieder hinausging. Das ist ein Ereignis, an das man mit derselben Kraft glauben muß, mit der man irgend etwas anderes glaubt, was Goethe erzählt. Daran zu mäkeln, das, möchte ich sagen, geziemt sich nicht gegenüber der Wahrheitsliebe, mit der Goethe sein Leben dargestellt hat.

[ 18 ] Wie kommt es denn, daß Goethe, der also ferne-nahstand den Verhältnissen, in die er getreten war, so nahe, daß es bei jedem anderen zu etwas ganz anderem geführt hätte, und so ferne, daß er eben sich zurückziehen konnte, wie kommt es, daß er sich da selber begegnete? Nun, bei einem Menschen, der etwas im ätherischen Leib erlebt, verobjektiviert sich sehr leicht das Erlebnis, wenn dieser ätherische Leib gelockert ist. Er sieht es als ein Äußeres, es projiziert sich nach außen. Das ist bei Goethe wirklich eingetreten. Er hat in einem besonders dazu geeigneten Momente den anderen Goethe gesehen, den ätherischen Goethe, der in ihm lebte, der verbunden blieb durch sein Karma mit Friederike von Sesenheim. Daher kam er sich selbst als Gespenst entgegen. Aber es ist das gerade ein Ereignis, welches im tiefsten Sinne erhärtet, was über seine eigene Natur aus den Tatsachen zu ersehen ist.

[ 19 ] Da sehen Sie, wie der Mensch drinnenstehen kann in den äußeren Ereignissen, und wie man doch erst erfassen muß die besondere Art und Weise, die individuelle Art und Weise, wie er drinnensteht. Denn kompliziert ist das Verhältnis des Menschen zur Welt, zur Vergangenheit, der Zusammenhang mit demjenigen, was wir aus der Vergangenheit herübertragen in unsere Gegenwart. Dadurch aber, daß Goethe gewissermaßen sein Inneres so herausgerissen hat aus dem körperlichen Zusammenhang, dadurch war ihm in früher Jugend schon möglich, die tiefen Wahrheiten in seiner Seele zu hegen, die uns in seinem «Faust» so überraschen. Ich sage absichtlich: überraschen, aus dem einfachen Grunde, weil sie wirklich überraschen müssen, denn ich kenne kaum irgend etwas Einfältigeres, als wenn Goethe-Biographen immerzu mit dem Satze hausieren gehen: «Goethe ist Faust und Faust ist Goethe». Ich habe das oftmals gelesen bei Goethe-Biographen. Es ist natürlich ein ganz gewöhnlicher Unsinn. Denn dasjenige, was wir im «Faust» wirklich haben, wenn wir es recht auf uns wirken lassen, kommt uns ja tatsächlich so vor, daß wir uns sagen müssen: Es ist zuweilen so, daß wir gar nicht vermuten, daß es in unmittelbar gleicher Art Goethe durchlebt hat oder sogar wissen kann — und dennoch steht es im «Faust» drinnen. Faust wächst immer über Goethe hinaus. Das kann allerdings nur der vollständig verstehen, der jene Überraschung kennt, die der ein Dichtwerk Schaffende selber erlebt, wenn er dann dieses Dichtwerk vor sich hat. Man darf nämlich nicht glauben, daß der Dichter immer ebenso groß sein muß wie sein Werk. Er braucht es ebensowenig zu sein, wie der Vater so groß zu sein braucht an Seelenkraft und Genie wie sein Sohn; denn das wirklich dichterische Schaffen ist ein Lebendiges. Und ebensowenig wie gesagt werden kann, daß ein Lebendiges nicht über sich hinaus schaffe, so kann auch nicht behauptet werden, daß nie ein Geistig-Schöpferisches über sich hinaus schaffe.

[ 20 ] Aber durch dieses innerliche Isoliertsein, das ich beschrieben habe bei Goethe, treten jene tiefen Einsichten auf in seiner Seele, die uns aus seinem «Faust» entgegentreten. Denn solche Werke wie «Faust» sind nicht Dichtungen wie andere Dichtungen. Der «Faust» quillt gleichsam hervor aus dem ganzen Geiste der fünften nachatlantischen Kulturperiode; er wächst weit über Goethe hinaus. Und manches, was wir erleben mit der Welt und ihrem Werden, es tönt uns aus «Faust» in einer merkwürdigen Weise entgegen. Gedenken Sie des Wortes, das Sie eben vorhin gehört haben:

Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln;
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

[ 21 ] Man geht zu leicht über ein solches Wort hinweg. Derjenige, der es in seiner vollen Tiefe spürt, wird an manches erinnert, was ein solches Wort nur im tiefsten Sinne wahr machen kann. Denken Sie, was die modernen Menschen haben durch die Kenntnis des Griechischen, des griechischen Geisteslebens, durch Äschylos, Sophokles, Euripides! Die Menschen vertiefen sich in dieses griechische Geistesleben, sagen wir in Sophokles. Ist Sophokles ein Buch mit sieben Siegeln? Man wird nicht leicht daran denken, daß Sophokles ein Buch mit sieben Siegeln sein könne! Sophokles, der einundneunzig Jahre alt geworden ist, hat mehr als achtzig Dramen geschrieben, sieben davon sind erhalten! Kennt man einen Menschen, der einundachtzig oder mehr Dramen geschrieben hat, von denen nur sieben erhalten sind? Ist das nicht wörtlich wahr: ein Buch mit sieben Siegeln? Wie kann jemand behaupten, nach dem, was überliefert ist, das Griechentum zu kennen, wenn er sich einfach vorhalten muß, vierundsiebzig Sophokleische Dramen, die die Griechen entzückt, erhoben haben, sind nicht da? Eine sehr große Anzahl auch von Äschylos sind nicht da. Dichter haben gelebt in der griechischen Zeit, deren Name nicht einmal bekannt ist. Sind nicht die Zeiten der Vergangenheit ein Buch mit sieben Siegeln? Wenn man solch eine äußerliche Tatsache nimmt, so muß man sich das sagen. Und —

...es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.

[ 22 ] Wagner-Naturen glauben, sich leicht in den Geist eines weisen Mannes versetzen zu können — wenn es ihnen nämlich vorgemacht worden ist! Denn schade, daß man nicht die Probe machen kann, was die wackeren Rezensentelein über den «Hamlet» schreiben würden, wenn er jetzt eben erscheinen und auf irgendeiner großen städtischen Bühne vor den Herren aufgeführt würde, oder wenn ein Sophokleisches Drama vor diesen Herren heute aufgeführt würde! Vielleicht würde bei diesen Herren es selbst nicht helfen, was Sophokles selber tun mußte, um wenigstens seine Verwandten von seiner Größe noch im hohen Alter zu überzeugen. Denn einundneunzig Jahre alt ist er geworden, die Verwandten haben so lange auf die Erbschaft warten müssen; da haben sie gesucht, Zeugnisse zu bekommen, daß Sophokles schwachsinnig geworden sei und nicht mehr sein eigenes Vermögen verwalten könne. Da konnte er sich nicht anders retten, als daß er den «Odipus auf Kolonos» schrieb. Damit konnte er wenigstens beweisen, daß er noch nicht schwachsinnig geworden war. Ob es bei heutigen Rezensenten nützen würde, weiß ich nicht, damals hat es aber geholfen. Aber wer sich in eine solche Tatsache hinein vertieft, in die Tragik des neunzigjährigen Sophokles, der wird zu gleicher Zeit ermessen, wie schwer es ist, den Weg zu finden zu einer menschlichen Individualität; wie diese menschliche Individualität in komplizierter Weise mit den Weltenereignissen zusammenhängt. Und vieles, vieles könnte angeführt werden, das zeigen würde, wie man in tiefe Schächte hineingraben muß, um die Welt zu verstehen. Aber wie viel lebt von der Weisheit, die notwendig ist, um die Welt zu verstehen, schon in den allerersten Partien von Goethes «Faust»! Zurückzuführen ist das auf dieses eigentümlich verlaufende Schicksal, das wirklich zeigt, wie Natur und Geisteswirken eines ist in der menschlichen Entwickelung, wie eine Krankheit nicht nur eine äußere physische, wie eine Krankheit eine geistige Bedeutung haben kann.

[ 23 ] So sehen wir, man möchte sagen, scharf fortgeführt den karmischen Anstoß, der in Goethe war. Dann aber wieder, 1775, tritt wie von außen herein die Bekanntschaft mit dem Herzog von Weimar. Goethe wird von Frankfurt nach Weimar berufen. Was bedeutet denn das in seinem Leben? Man muß erst verstehen, was solch ein Ereignis bedeutete für das Leben eines Menschen, wenn man nun weiteres ausfindig machen will, um das Leben zu verstehen. Ich weiß, wie wenig die heutige Welt geneigt ist, wirklich die Seelenkräfte wachzurufen, die notwendig sind, um so etwas voll zu empfinden, voll zu fühlen, was schon in den ersten Partien von Goethes «Faust» lebt. Um das zu schreiben, was nun hier aufgeführt worden ist — «Faust I», Monolog im Studierzimmer, Erdgeist —, dazu gehört ein Reichtum der Seele, der, wenn man ihn ansieht, einen dazu veranlassen möchte, in inbrünstiger Verehrung lange, lange davor zu verharren. Und man hat oftmals den tiefsten Seelenschmerz, wenn man sieht, wie die Welt eigentlich doch recht stumpf ist und gar nicht Größe, Größe fühlen kann. Fühlt man aber so etwas voll, dann wird man auch verstehen, wozu derjenige, der von Geisteswissenschaft wirklich durchdrungen ist, in seiner Empfindung kommt. Der kommt nämlich dazu, sich zu sagen: In diesem Goethe lebte etwas, das ihn verbrannte. So konnte es nicht weitergehen.

[ 24 ] Diesen Gedanken muß man schon haben. Stellen Sie sich vor: 1749 ist Goethe geboren, 1775 ist er also sechsundzwanzig Jahre alt. Er trägt im Koffer das Manuskript der Szene, die wir heute aufgeführt haben nehmen wir nur dies, es war noch anderes dabei —, nach Weimar mit. Wer solches durchlebt hat, so, bis zu dem Grade, daß er es niederschreiben konnte, der hat daran in seiner Seele zu tragen; auf dessen Seele lastet es schwer, denn es ist eine Kraft, die aufwärtsführen will, die Seele zersprengen möchte.

[ 25 ] Zwei Dinge müssen wir uns klarmachen, wenn wir in richtigem Sinne, in der richtigen Beleuchtung diese ersten Partien des «Faust», die Goethe geschrieben hat, würdigen wollen. Man könnte sich ja denken, daß Goethe, sagen wir von seinem fünfundzwanzigsten bis zu seinem fünfzigsten Jahre nach und nach diese Szenen geschrieben hätte. Dann würden sie die Seele nicht so gespannt haben, dann wären sie “ keine solche Last gewesen. Nun gewiß, aber das ist nicht möglich, wäre nicht möglich gewesen, denn vom dreißigsten, fünfunddreißigsten Jahre ab würde eben die Jugendkraft gemangelt haben, die dazu notwendig war, um diese Dinge gerade so zu gestalten. Er mußte sie in diesen Jahren schreiben nach seiner Individualität, aber er konnte so nicht weiterleben. Er brauchte etwas, was wie eine Dämpfung, wie eine Art partieller Seelenschlaf war, um abzuschwächen das Feuer, das in seiner Seele gebrannt hat, als er die ersten Partien des «Faust» schrieb. Der Herzog von Weimar holte ihn, um ihn in Weimar zum Minister zu machen. Und er war ein guter Minister, sagte ich schon. Da konnte er als Minister, indem er viel emsige Arbeit leistete, partiell verschlafen sich ausruhend — dasjenige, das gebrannt hat in seiner Seele. Und es ist wirklich ein gewaltiger Unterschied in der Stimmung vor 1775 und nach 1775, .die schon zu vergleichen ist mit einer Art gewaltigen Wachens und nachher abgedämpften Lebens. Da kommt sogar das Wort «Dumpfheit» Goethe in den Sinn, wenn er sein besonderes Leben in Weimar schildert, wo er so in die Ereignisse sich hineinlebt, aber mit ihnen mehr mitschwingt als früher, da er gegen sie revoltierte. Merkwürdig war es dann, daß auf die Abstumpfung für zehn Jahre ein sanfteres Heranbringen der Ereignisse an den Menschen folgte. Und so wenig das Schlafleben eine unmittelbare Wirkung des vorhergehenden Tageslebens ist, so wenig war dieses Schlafleben Goethes eine Wirkung desjenigen, was vorangegangen war. Die Zusammenhänge sind vie] größere, als man gewöhnlich denkt. Ich habe schon öfter darauf aufmerksam gemacht, daß es eine oberflächliche Anschauung ist, wenn man auf die Frage: Warum schläft der Mensch? antwortet: Weil er müde ist! — Es ist eine faule, selber schlafende Wahrheit, denn es ist ein Unsinn. Sonst müßte nicht eine Tatsache sein, daß diejenigen Menschen, die nicht müde sein können, zum Beispiel Rentiers nach einer vollen Mahlzeit, wenn sie etwas hören sollen, wofür sie sich nicht besonders interessieren, in Schlaf sich einlullen. Müde sind sie gewiß nicht. Die Sache ist nicht so, daß wir schlafen, weil wir müde sind, sondern das Wachen und Schlafen ist ein rhythmischer Lebensvorgang, und wenn die Zeit des Schlafens, die Notwendigkeit des Schlafens herankommt, so werden wir müde. Wir sind müde, weil wir schlafen sollen, nicht aber schlafen wir, weil wir müde sind. Das will ich in diesem Augenblicke nicht weiter ausführen.

[ 26 ] Aber denken Sie sich einmal, in welchem großen Zusammenhang der Rhythmus von Schlafen und Wachen drinnensteht! Er ist ja die Nachbildung von Tag und Nacht im Kosmos innerhalb der menschlichen Natur. Den Schlaf erklären zu wollen aus der Ermüdung des Tages, ist allerdings der materialistischen Wissenschaft naheliegend, aber das Umgekehrte ist richtig. Der Rhythmus von Schlafen und Wachen muß aus dem Kosmos erklärt werden, aus großen Zusammenhängen heraus. Aus großen Zusammenhängen heraus muß aber auch erklärt werden, warum bei Goethe nach der Periode, in der «Faust» in seinen Seelenadern brauste, die Abdämpfung der zehn Jahre weimarischen Lebens folgte. Da werden Sie unmittelbar auf sein Karma gewiesen, über das nun nicht weiter gesprochen werden kann.

[ 27 ] Der Mensch als alltäglicher Mensch wacht am Morgen auf, in der Regel so, wie er am Abend eingeschlafen ist, für sein eigenes Bewußtsein. In Wirklichkeit ist es ja niemals so. Wir wachen niemals gerade so auf, wie wir eingeschlafen sind, sondern wirklich etwas reicher; wir werden uns nur der Bereicherung nicht bewußt. Aber wenn nun auf einen Wellenberg ein Wellental gefolgt ist, wie bei Goethe in den weimarischen Jahren, dann erfolgt das Aufwachen auf einer höheren Stufe, muß auf einer höheren Stufe erfolgen. Aber die innersten Kräfte streben danach. Und die innersten Kräfte streben bei Goethe auch, aus der weimarischen Dumpfheit zum vollen Leben wieder zu erwachen in einer Umgebung, die ihm nun wirklich bringen konnte, was ihm fehlte. Das war in Italien, als er erwachte. In Weimar selber hätte er nach seiner besonderen Konstitution nicht aufwachen können. Gerade an einer solchen Sache aber kann man den tiefen Zusammenhang des Schaffens eines wirklichen Künstlers, eines großen Künstlers mit seinem besonderen Erleben sehen. Sehen Sie, einer, der kein großer Künstler ist, der kann ein Drama so glattweg nach und nach, Seite für Seite hinschreiben; er kann es ganz gut. Der große Dichter kann es nicht, denn der braucht: tief drinnenzuwurzeln im Leben. Goethe konnte daher tiefste, tiefste Wahrheiten in seinem «Faust» zum Ausdrucke bringen in verhältnismäßig früher Jugend, Wahrheiten, die weit über sein Seelenvermögen hinauswuchsen, Aber er mußte eine Verjüngung beim Faust zum Ausdruck bringen. Denken Sie sich: Faust mußte zu einer ganz anderen Stimmung kommen; trotzdem er so tief gestaltet ist, mußte er verjüngt werden. Schließlich, trotz aller Tiefe, hat ihn dasjenige, was er bis dahin in seiner Seele aufgenommen hat, dem Selbstmorde nahegebracht. Er mußte verjüngt werden. Ein kleiner Mensch kann recht gut schildern in vielleicht recht schönen Versen, wie ein Mensch verjüngt wird. Goethe konnte es nicht so ohne weiteres; er mußte selbst erst in Rom verjüngt werden. Daher ist die Verjüngungsszene der «Hexenküche» in Rom geschrieben, im Garten der Villa Borghese. Goethe würde es nicht gewagt haben, diese Szene früher zu schreiben.

[ 28 ] Nun, verbunden mit einer solchen Verjüngung, wie sie Goethe erlebt hat, ist ein wenn auch noch dumpfes Bewußtsein. Zu Goethes Zeit gab es noch keine Geisteswissenschaft: es konnte kein helles Bewußtsein sein, sondern nur ein dumpfes Bewußtsein. Mit einer solchen Verjüngung sind besondere Kräfte wieder verbunden, die schon in die nächste Inkarnation hinüberspielen. Da gliedern sich ineinander Erlebnisse, die dieser Inkarnation angehören, und mancherlei, was in die nächste Inkarnation hinüberspielt. Wenn man dies bedenkt, wird man auf eine besonders tiefbedeutsame Tendenz bei Goethe geführt. Sehen Sie, wenn ich diese persönliche Bemerkung einschalten darf: Ich beschäftige mich seit einer Reihe von Jahrzehnten, ich kann sagen seit 1879/80 eigentlich immer, intensiv seit 1885/86, mit Goethes Naturanschauung. Und ich habe in dieser Zeit die Anschauung gewonnen: In dem Impuls, den Goethe der Naturanschauung gegeben hat — von dem die heutigen Naturgelehrten, Naturwissenschafter, Naturdenker eigentlich gar nichts verstehen —, liegt etwas, das ausgebildet werden kann, aber erst in Jahrhunderten. So daß Goethe wohl wahrscheinlich, wenn er wiederkommen wird in anderer Inkarnation, noch die Möglichkeit finden wird, an dem zu gestalten, was er in dieser Inkarnation gerade aus seinen Naturanschauungen noch nicht hat fertigmachen können. Manche Dinge ahnt man heute noch gar nicht, die in Goethes Naturanschauung liegen. Darüber habe ich mich ja ausgesprochen in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» und in den Einleitungen zu «Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» in Kürschners Nationalliteratur. So daß man schon sagen kann: Goethe trägt mit seiner Naturanschauung etwas in sich, das in weite, weite Horizonte hinausweist, das aber innig zusammenhängt mit seiner Wiedergeburt, wie sie jetzt zwar nicht gerade in dieser Beziehung an Rom gebunden war, aber an das Lebensalter, das er in Rom durchlebte. Lesen Sie nach, wie ich die Dinge dargestellt habe, wie sich die Metamorphose der Pflanzen, der Tiere, Urpflanze, Urtier, während der italienischen Reise ausgestaltet, wie er, als er zurückkam, die Farbenlehre, die man heute noch gar nicht verstehen kann, in Angriff nahm, wie er ja noch andere Dinge in Angriff nahm; dann werden Sie sehen: Mit seiner Wiedergeburt hängt auch dieses Einleben in seine umfassende Naturanschauung zusammen. Dann hat er allerdings dasjenige, was sich in ihm selber im Laufe des Lebens ergeben hat, mit Faust in Beziehung gebracht, aber nicht so, wie es ein kleiner Dichter tut,sondern wie es ein großer Dichter tut. Faust erlebt die GretchenTragödie. Mitten in der Gretchen-Tragödie tritt uns plötzlich entgegen Faustens große Naturanschauung, die nun allerdings viel Verwandtes hat mit Goethes großer Naturanschauung, und die zum Ausdruck kommt in den Faust-Worten:

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.

[ 29 ] Eine große Weltanschauung! Goethe schreibt sie dem Faust zu. Goethe hat sie erst gewonnen bis zu dieser Durchdringung der Seele während seiner Italienreise. Die Szene «Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles», ist auch in Rom geschrieben; die hatte Goethe nicht früher geschrieben. Denn diese zwei Szenen, die Verjüngungsszene in der «Hexenküche» und die Szene «Wald und Höhle»: «Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles», sie sind es gerade, die in Rom geschrieben worden sind.

[ 30 ] Da sehen Sie einen wirklichen Rhythmus in diesem Goethe-Leben, einen Rhythmus, der einen innerlichen Impuls verrät, so wie der Rhythmus von Wachen und Schlafen im Menschen einen inneren Impuls verrät. Wir können an einem solchen Leben, wie das Goethe-Leben es ist, besonders anschaulich manche Gesetze studieren, aber es wird sich uns zeigen, wie dasjenige, was bei großen Persönlichkeiten uns an Gesetzen entgegentritt, für das Leben jedes einzelnen wichtig werden kann. Denn schließlich walten doch die Gesetze, die bei einem Großen walten, bei jedem einzelnen Menschen. Über Lebenszusammenhänge nun, wie sie von diesem Gesichtspunkte aus gewonnen werden können, wollen wir morgen weiter sprechen.