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The Karma of a Person's Profession
in Relation to Goethe's Life
GA 172

5 November 1916, Dornach

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Zweiter Vortrag

Second Lecture

[ 1 ] Eigentlich ist ja die Absicht, wie Sie aus dem Angedeuteten schon vernommen haben, in diesem Vortrage jetzt zu einem Verständnis des einzelnen Karmas des Menschen zu führen und des Gesamtkarmas unserer Zeit im weiteren Sinne, Aber das menschliche Leben, gerade wenn man es so betrachten will, wie es jeden einzelnen angeht, ist außerordentlich kompliziert, und viele Fäden, die den Menschen an die Welt, an eine nähere oder fernere Vergangenheit knüpfen, muß man verfolgen, wenn man die Frage nach seinem Schicksal beantworten will. Das macht es vielleicht erklärlich, warum ich, während ich eigentlich etwas uns ganz Naheliegendes, jedem Menschen ganz Naheliegendes auseinandersetzen will, gerade jetzt weite Umwege mache und Betrachtungen, die gewissermaßen ihr Licht hereinwerfen sollen in das enge Daseinsstübchen jedes einzelnen, anknüpfe an ein weltgeschichtlich bedeutsames Erdenleben: an Goethes Erdenleben. Ist uns doch Goethes Erdenleben zugänglich in bezug auf sehr, sehr viele Einzelheiten. Liegt nun natürlich auch selbstverständlich jedes Menschenleben sehr weit ab mit Bezug auf sein Schicksal von dem Schicksalsgang eines so vorbildlichen, welthistorischen Geistes, so ist es doch möglich, gerade an der Betrachtung eines solchen Lebens Gesichtspunkte zu gewinnen für jeden einzelnen von uns, Daher wollen wir es uns nicht verdrießen lassen, diese Anknüpfungen, die wir gestern begonnen haben, gerade mit Bezug auf unsere speziellen Fragen, zu denen wir immer mehr und mehr kommen werden, noch ein wenig auszudehnen.

[ 1 ] As you have already gathered from what has been hinted at, the intention of this lecture is to guide us toward an understanding of the individual karma of human beings and, in a broader sense, the collective karma of our time, But human life, especially when viewed in terms of how it affects each individual, is extraordinarily complex, and one must trace the many threads that bind a person to the world and to a past—whether near or distant—if one is to answer the question of that person’s destiny. This perhaps explains why, while I actually intend to explore something very close to us—something very close to every human being—I am taking such wide detours right now and offering reflections that are meant, so to speak, to shed light into the narrow little room of each individual’s existence, by drawing on an earthly life of world-historical significance: Goethe’s earthly life. After all, Goethe’s earthly life is accessible to us in terms of a great many details. While it goes without saying that every human life is, in terms of its destiny, very far removed from the course of a spirit so exemplary and significant in world history, it is nevertheless possible, precisely through the contemplation of such a life, to gain insights for each and every one of us, Therefore, let us not allow ourselves to be discouraged from expanding a little further on these connections—which we began yesterday—precisely in relation to our specific questions, which we will be addressing more and more as we go along.

[ 2 ] Wenn man so verfolgt Goethes Leben, wie es viele, die seine Biographen sein wollen, bis heute schon getan haben, so achtet man gar nicht darauf, wie der Mensch geneigt ist, in einer raschen Weise Wirkung mit Ursache zu verknüpfen. Sehen Sie, Naturwissenschafter werden schon heute immer wieder und wiederum darauf verweisen, daß der Mensch viele Irrtümer begeht, wenn er schnell-fertig das «Nach einem Ding und eben deshalb aus diesem Ding heraus» zu seinem Grundsatze macht, dieses «Post hoc, ergo propter hoc»: weil etwas aufeinanderfolgt, müsse es wie die Wirkung aus der Ursache hervorgehen. Man tadelt es auf naturwissenschaftlichem Gebiet. Auf dem Gebiete der Betrachtung des Menschenlebens ist man noch nicht so weitgekommen, diesen Grundsatz auch gründlich abzulehnen. Gewisse wilde Menschen, die zu den Kamtschadalen gehören, glauben, daß die Bachstelzen oder ähnliche Vögel den Frühling bringen, weil der Frühling auf deren Kommen folgt. So schließt der Mensch überhaupt sehr häufig: Das, was auf etwas anderes folgt, geht aus diesem andern hervor. — Man lernt kennen aus Goethes eigenen Beschreibungen, also aus den Beschreibungen eines besonders über die Menschheit hinleuchtenden Menschenlebens, daß Goethe diesen Vater, diese Mutter gehabt hat, die Dinge durchgemacht hat in seiner Jugend, die er uns ja selber mitteilt, und man leitet dann dasjenige, was er später im Leben getrieben hat, wodurch er der Menschheit so wichtig geworden ist, aus diesen Jugendeindrücken biographisch ab, ganz nach dem Grundsatze, daß, weil irgend etwas auf ein anderesfolegt, so müsse es auch aus diesem anderen hervorgehen. Es ist das nicht gescheiter, als wenn man glaubt, daß der Frühling von den Bachstelzen gebracht wird. Auf naturwissenschaftlichem Gebiete hat man einen solchen Aberglauben scharf getadelt, auf geisteswissenschaftlichem Gebiete muß man erst noch so weit kommen. Man erklärt allerdings sehr schön, daß Goethe in verhältnismäßig frühen Jahren, im Knabenalter noch, als in seinem Vaterhause französische Einquartierung war, während Frankfurt von den Franzosen besetzt war, erlebte, wie der berühmte Königsleutnant Thoranc Theateraufführungen dort veranstaltete, wie er Maler beschäftigte, und wie dadurch Goethe fast noch als Kind in Berührung kam mit der Malerei, in Berührung kam mit der theatralischen Kunst, und man leitet dann Goethes Hinneigung zur Kunst in der späteren Zeit au$ solchen Jugendeindrücken leichthin ab.

[ 2 ] When one traces Goethe’s life in the way that many who claim to be his biographers have done to this day, one pays no attention at all to how people are inclined to hastily link effect to cause. You see, even today, natural scientists will repeatedly point out that people commit many errors when they hastily adopt the principle of “based on one thing and therefore arising from that very thing”—this “post hoc, ergo propter hoc”: because something follows another, it must necessarily arise from the former as an effect. This is criticized in the field of natural science. In the realm of observing human life, however, we have not yet progressed far enough to thoroughly reject this principle. Certain primitive peoples, such as the Kamchadals, believe that wagtails or similar birds bring spring because spring follows their arrival. Thus, people in general very often conclude: What follows something else arises from that other thing. — We learn from Goethe’s own descriptions—that is, from the descriptions of a human life that sheds particular light on humanity—that Goethe had this father, this mother, and went through the experiences in his youth that he himself recounts to us, and one then biographically deduces what he went on to do later in life—which made him so important to humanity—from these youthful impressions, entirely in accordance with the principle that, because something follows something else, it must also arise from that other thing. This is no more sensible than believing that spring is brought by the white wagtail. In the natural sciences, such superstition has been sharply condemned; in the humanities, we have yet to reach that point. It is, of course, very nicely explained that Goethe, at a relatively early age—still a boy—when French troops were quartered in his father’s house while Frankfurt was occupied by the French, witnessed how the famous royal lieutenant Thoranc staged theatrical performances there, how he employed painters, and how, as a result, Goethe—still almost a child—came into contact with painting and with the theatrical arts; and one then readily attributes Goethe’s later inclination toward art to such impressions from his youth.

[ 3 ] Allerdings, man sieht gerade bei Goethe von frühester Jugend an scharf sein vorgezeichnetes Karma wirken. Ist es nicht ein besonders hervorstechender Zug in Goethes ganzem Leben, wie er Kunstanschauung, Weltanschauung mit Naturanschauung verbindet, wie er gewissermaßen überall hinter der künstlerischen Phantasie das Streben hat nach der Erkenntnis der Wahrheit in den Naturerscheinungen? Und sehen wir nicht eben wie ein scharf vorgezeichnetes Karma den Knaben bereits, den sechs-, siebenjährigen Knaben, zusammentragen Mineralien, geologische Stufen, die er findet in der Mineralien- und Gesteinssammlung seines Vaters, um sie auf ein Notenpult zu legen und dem großen Gott der Natur einen Altar zu machen? Ja, wie er ein Räucherkerzchen auf diesem aus Naturprodukten zusammengestellten Altar befestigt und sich Licht nun nicht auf die gewöhnliche mechanische Weise macht, sondern mit einem Brennglas die Strahlen der ersten Morgensonne, gerade der ersten Morgensonne auffängt, um sie durch das Brennglas auf das Räucherkerzchen fallen zu lassen und so an den Strahlen der Morgensonne ein Feuer sich zu entzünden, das er dem großen Gotte der Natur darbringt. Wie großartig, und zu gleicher Zeit wie großartig schön sehen wir in dem sechs-, siebenjährigen Knaben den Sinn hingerichtet auf dasjenige, was als Geist in den Naturerscheinungen lebt und webt! Da sehen wir — da ja ganz gewiß dieser Zug, wenn man so sagen will, aus einer ursprünglichen Anlage gekommen sein muß, nicht aus der Umgebung herstammen kann —, wie dasjenige, was er hereingetragen hat in diese Inkarnation, bei diesem Menschen gerade mit besonders starker Kraft gewirkt hat.

[ 3 ] Indeed, one can see his predestined karma at work with remarkable clarity, especially in Goethe’s case, from his earliest youth onward. Is it not a particularly striking feature of Goethe’s entire life how he combines his view of art and his worldview with his view of nature, how, in a sense, behind his artistic imagination lies the quest for the knowledge of truth in natural phenomena? And do we not see, as a clearly predetermined karma, the boy—the six- or seven-year-old boy—already gathering minerals and geological specimens that he finds in his father’s collection of minerals and rocks, placing them on a music stand to create an altar for the great God of Nature? Yes, how he attaches a small incense stick to this altar made of natural materials and now kindles a light—not in the usual mechanical way, but by using a magnifying glass to focus the rays of the first morning sun, precisely the first rays of the morning sun, to direct them through the magnifying glass onto the incense stick and thus kindle a fire with the rays of the morning sun, which he offers to the great God of Nature. How magnificent—and at the same time, how magnificently beautiful—it is to see in this six- or seven-year-old boy his mind focused on that which lives and weaves as spirit within the phenomena of nature! There we see—since this trait, so to speak, must certainly have come from an original predisposition and cannot originate from the environment—how what he brought with him into this incarnation has worked with particularly strong power in this very person.

[ 4 ] Wenn man die Zeit betrachtet, in die Goethe in seiner damaligen Inkarnation hereingeboren worden ist, so wird man ein merk würdiges Zusammenstimmen seiner Natur mit den Zeitereignissen finden. Man ist ja gewiß nach heutiger Weltauffassung vielfach geneigt zu sagen: Nun ja, das was Goethe geschaffen hat, dieser «Faust», das andere, was zur Erhebung, zur geistigen Durchdringung der Menschheit von Goethe ausgegangen ist, das ist eben gekommen, weil es Goethe nach seinen Anlagen gemacht hat. — Es ist freilich schwieriger, bei solchen Dingen, wie sie durch Goethe der Menschheit gegeben worden sind, zu erhärten, daß seine Schöpfungen nicht in diesem einfachen Sinne an seine Person gebunden sein können. Aber überlegen Sie sich einmal etwas anderes. Überlegen Sie sich, wie kurzsinnig gegenüber gewissen Erscheinungen des Daseins manche Betrachtungsweise ist, die glaubt, sich gründlich auf die Wahrheit einzulassen. Sie können in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» de Lamettries Ausspruch finden, daß Erasmus von Rotterdam und Fontenelle zum Beispiel ganz andere Menschen geworden wären, wenn auch nur irgendeine kleine Partie in ihrem Gehirn anders gewesen wäre, Man muß nach einer solchen Denkweise annehmen, daß also alles dasjenige, was Erasmus, was Fontenelle geschaffen haben, nicht da wäre in der Welt, wenn, wie de Lamettrie meint, Erasmus und Fontenelle durch eine nur geringe andersartige Beschaffenheit ihres Gehirnes statt Weise Toren geworden wären. Nun, möchte ich sagen, langt es in einer gewissen Beziehung für solche Dinge, wie sie Erasmus, Fontenelle geschaffen haben. Aber überlegen Sie sich dasselbe mit Bezug auf einen anderen Fall. Können Sie sich zum Beispiel denken, daß die Entwickelung der neueren Menschheit hätte ablaufen können, ohne daß Amerika entdeckt worden wäre? Stellen Sie sich einmal vor, was alles eingeflossen ist in das Leben der modernen Menschheit durch die Entdeckung Amerikas! Könnte man nun als Materialist sagen, daß Kolumbus ein anderer geworden wäre, wenn sein Gehirn ein bißchen anders gewesen wäre und er ein Tor statt Kolumbus geworden wäre, und daß dann der Kolumbus nicht Amerika entdeckt hätte? Gewiß, das kann man sagen, geradeso wie man sagen kann, Goethe wäre nicht Goethe geworden, Fontenelle nicht Fontenelle, Erasmus nicht Erasmus, wenn zum Beispiel ihre Mütter während der Zeit, als die Betreffenden noch nicht geboren waren, ein Unglück gehabt hätten und sie tot zur Welt gekommen wären. Aber nimmermehr können wir denken, daß Amerika nicht entdeckt worden wäre, wenn Kolumbus es nicht hätte entdecken können. Sie werden es ziemlich selbstverständlich finden, daß Amerika auch entdeckt worden wäre, wenn Kolumbus einen Gehirndefekt gehabt hätte!

[ 4 ] If one considers the era into which Goethe was born in his incarnation at that time, one will find a remarkable harmony between his nature and the events of that era. According to today’s worldview, one is certainly often inclined to say: Well, what Goethe created—this “Faust”—and the other things that emanated from Goethe to uplift and spiritually penetrate humanity—these came about precisely because Goethe acted in accordance with his own inclinations. — It is, of course, more difficult to demonstrate, in the case of such things as those given to humanity by Goethe, that his creations cannot be bound to his person in this simple sense. But consider something else for a moment. Consider how short-sighted, in the face of certain phenomena of existence, is a certain way of looking at things that believes it is engaging thoroughly with the truth. In my latest book, The Riddle of Man, you can find de Lamettrie’s statement that Erasmus of Rotterdam and Fontenelle, for example, would have become entirely different people if even just a small part of their brain had been different, According to such a way of thinking, one must assume that everything Erasmus and Fontenelle created would not exist in the world if, as de Lamettrie suggests, Erasmus and Fontenelle had become fools instead of sages due to even a slight difference in the nature of their brains. Well, I would say, in a certain sense, that is sufficient for things such as those created by Erasmus and Fontenelle. But consider the same idea in relation to another case. Can you imagine, for example, that the development of modern humanity could have taken place without the discovery of America? Just imagine all that has flowed into the life of modern humanity through the discovery of America! Could one, as a materialist, say that Columbus would have become a different person if his brain had been a little different and he had become a fool instead of Columbus, and that then Columbus would not have discovered America? Certainly, one could say that—just as one could say that Goethe would not have become Goethe, Fontenelle not Fontenelle, or Erasmus not Erasmus, if, for example, their mothers had suffered a misfortune during the time when the individuals in question had not yet been born, and they had been stillborn. But we can never imagine that America would not have been discovered if Columbus had been unable to discover it. You will find it quite self-evident that America would have been discovered even if Columbus had had a brain defect!

[ 5 ] So werden Sie gar nicht zweifeln können, daß ein anderes der Gang der Weltenereignisse ist und ein anderes der Anteil des einzelnen an diesen Weltenereignissen, und Sie werden nicht zweifeln können, daß die Weltenereignisse selber sich aufrufen diejenigen menschlichen Individuen, die durch ihr Karma für dies oder jenes, was die Weltenereignisse fordern, besonders geeignet sind. Bei Amerika läßt es sich sehr leicht ausdenken. Aber für den Tieferblickenden ist es auch nicht anders, sagen wir zum Beispiel, mit Bezug auf die Entstehung des «Faust». Man müßte wirklich an den vollständigen Unsinn im Weltenwerden glauben, wenn man denken sollte, es hätte keine Notwendigkeit vorgelegen, daß solch eine Dichtung wie der «Faust» entstanden wäre, auch wenn das eingetreten wäre, was der Materialist so gerne betont: daß Goethe vielleicht als fünfjährigem Knaben ein Ziegel auf den Kopf gefallen wäre und er ein Blödling geworden wäre. Wer die Entwickelung des Geisteslebens in den Jahrzehnten bis zu Goethe hin verfolgt, der wird sehen, wie der «Faust» wirklich eine Forderung der Zeit war. Lessing ist ja der charakteristische Geist, der einen «Faust» schreiben wollte, sogar eine Szene, die sehr schön ist, schon geschrieben hatte. Nicht bloß Goethes subjektive Bedürfnisse forderten den «Faust», die Zeit forderte den «Faust»! Und für einen Tieferblickenden ist es eben wirklich so, daß man sagen kann, ein ähnlicher Zusammenhang wie zwischen KoJumbus und der Entdeckung Amerikas mit Bezug auf den welthistorischen Gang der Ereignisse, ist auch zwischen Goethes Schöpfungen und Goethe selber.

[ 5 ] Thus, you will have no doubt that the course of world events is one thing, and the individual’s part in these world events is another; and you will have no doubt that world events themselves call upon those human individuals who, through their karma, are particularly suited for this or that which world events demand. In the case of America, this is very easy to imagine. But for the deeper observer, it is no different—let us say, for example, with regard to the creation of Faust. One would truly have to believe in the utter nonsense of world history if one were to think that there was no necessity for a work of poetry such as Faust to have come into being—even if what the materialist so readily emphasizes had occurred: that a brick might have fallen on Goethe’s head when he was a five-year-old boy and he might have become a simpleton. Anyone who traces the development of spiritual life in the decades leading up to Goethe will see how Faust was truly a demand of the times. Lessing, after all, was the quintessential spirit who wanted to write a Faust—he had even already written a scene that is very beautiful. It was not merely Goethe’s subjective needs that called for Faust—the times themselves demanded Faust! And for those with deeper insight, it is indeed true that one can say there is a connection—similar to that between Columbus and the discovery of America in relation to the course of world history—between Goethe’s creations and Goethe himself.

[ 6 ] Ich sagte, betrachtet man das Zeitalter, in das Goethe hineingeboren ist, so merkt man schon einen gewissen Zusammenklang zwischen der Individualität Goethes und diesem Zeitalter, und zwar diesem Zeitalter in weitestem Umkreise. Bedenken Sie, daß trotz aller großen Verschiedenheiten — wir werden gleich auf die Sache noch zurückkommen — doch etwas sehr Ähnliches in den beiden Geistern, in Goethe und Schiller ist, um andere, weniger Bedeutende um sie herum gar nicht zu erwähnen. Bedenken Sie, wie vieles von dem, was wir gerade bei Goethe aufleuchten sehen, wir auch in Herder aufleuchten sehen. Aber man kann viel weiter gehen. Wenn man Goethe ansieht, tritt es vielleicht nicht gleich hervor; darauf wollen wir eben gleich zurückkommen. Aber wenn man Schiller ansieht, wenn man Herder ansieht, Lessing ansieht, so wird man sagen: Zwar ist ihr Leben anders geworden, aber in den Tendenzen, in den Impulsen lebt bei Goethe, bei Schiller, bei Herder, bei Lessing durchaus ein Stück Seelenanlage, durch die sie hätten unter anderen Verhältnissen ebensogut ein Mirabean,ein Danton werden können. Sie stimmen wirklich mit ihrem Zeitalter zusammen. Bei Schiller wird es sich ja gar nicht so schwer nachweisen lassen, denn Schillers Gesinnung wird niemand, insofern Schiller der Dichter der «Räuber», des «Fiesko», der «Kabale und Liebe» war, sehr weit abstechend sehen von der Gesinnung eines Mirabeau oder Danton oder selbst Robespierre. Nur daß Schiller dieselben Impulse, die Danton, Robespierre, Mirabeau in ihre politischen Tendenzen haben hineinfließen lassen, ins Literarische, ins Künstlerische fließen ließ. Aber, man möchte sagen, in bezug auf das Seelenblut, das die Weltgeschichte durchpulst, fließt in den «Räubern» genau dasselbe Seelenblut wie in den Taten Dantons, Mirabeaus und Robespierres, und es floß dieses selbe Seelenblut aber auch in Goethe, wenn man auch zunächst sich vorstellen möchte, daß Goethe recht, recht weit von einem Revolutionär entfernt ist. Das ist er aber gar nicht, das ist er durchaus nicht. Nur kommt bei dieser komplizierten Natur, bei der Natur Goethes, eben auch eine besondere Komplikation von karmischen Impulsen, von Schicksalsimpulsen zustande, welche ihn schon in frühester Jugend in einer ganz besonderen Weise in die Welt hineinstellen.

[ 6 ] I said that if one considers the era into which Goethe was born, one can already discern a certain harmony between Goethe’s individuality and that era—and indeed, that era in its broadest sense. Consider that, despite all the great differences—we’ll come back to this in a moment—there is nevertheless something very similar in the two minds, Goethe and Schiller, not to mention others, less significant figures, around them. Consider how much of what we see coming to light in Goethe we also see coming to light in Herder. But one can go much further. When looking at Goethe, it may not stand out immediately; we will return to this point in a moment. But when one looks at Schiller, when one looks at Herder, at Lessing, one will say: Although their lives took a different course, in their tendencies and impulses, there is certainly a certain disposition in Goethe, Schiller, Herder, and Lessing through which, under different circumstances, they could just as easily have become a Mirabeau or a Danton. They are truly in tune with their age. In Schiller’s case, this will not be all that difficult to demonstrate, for no one would view Schiller’s outlook—insofar as he was the author of The Robbers, Fiesko, and Intrigue and Love—as very different from that of a Mirabeau, a Danton, or even a Robespierre. It is simply that Schiller channeled the same impulses—which Danton, Robespierre, and Mirabeau had infused into their political tendencies—into the literary and artistic realms. But—one might say—with regard to the lifeblood that pulses through world history, the very same lifeblood flows through The Robbers as through the deeds of Danton, Mirabeau, and Robespierre; and this same lifeblood also flowed through Goethe, even if one might initially imagine that Goethe is very, very far removed from being a revolutionary. But that is not the case at all; it is absolutely not the case. It is just that in this complex nature—in Goethe’s nature—a particular interplay of karmic impulses and fateful impulses comes into play, which placed him in the world in a very special way even in his earliest youth.

[ 7 ] Wenn man mit geisteswissenschaftlichem Blick das Leben Goethes verfolgt, so teilt es sich zunächst, wenn man von allem übrigen absieht, in gewisse Perioden ab. Die erste Periode verläuft so, daß man sagen kann, es fließt ein Impuls, den man schon in seiner Kindheit findet, weiter. Dann kommt etwas von außen, das seinen Lebensstrom scheinbar ablenkt: die Bekanntschaft mit dem Herzog von Weimar 1775. Und dann wiederum sehen wir, wie ihn in eine andere Lebensbahn bringt sein Aufenthalt in Rom, wie Goethe ein ganz anderer wird dadurch, daß er römisches Leben in sich aufnehmen kann. Wollte man noch genauer darauf eingehen, so könnte man sagen: ein dritter Impuls, der wie von außen kommt — aber das würde, wie wir sehen werden, nicht ganz richtig sein im geisteswissenschaftlichen Sinne —, wäre das freundschaftliche Zusammenleben mit Schiller, nachdem er seine römische Verwandlung durchgemacht hat.

[ 7 ] If one traces Goethe’s life from a humanities perspective, it can initially be divided—setting aside all other considerations—into certain periods. The first period unfolds in such a way that one might say an impulse, already evident in his childhood, continues to flow. Then something comes from outside that seemingly diverts the course of his life: his acquaintance with the Duke of Weimar in 1775. And then, in turn, we see how his stay in Rome sets him on a different path in life, how Goethe becomes a completely different person through his ability to absorb Roman life into himself. If one were to go into this in even greater detail, one might say: a third impulse, which seems to come from outside—though, as we shall see, this would not be entirely correct in the spiritual-scientific sense—would be his friendly collaboration with Schiller after he had undergone his Roman transformation.

[ 8 ] Studiert man den ersten Teil von Goethes Leben bis zum Jahre 1775, dann findet man als Ergebnis, daß allerdings — wenn man auch die Ereignisse aufmerksamer betrachten muß, als man dies gewöhnlich tut — in diesem Goethe eine mächtige revolutionäre Stimmung lebt, eine Auflehnung gegen dasjenige, was in seiner Umgebung ist. Nur verteilt sich gewissermaßen seine Natur über vieles. Und dadurch, daß der Auflehne-Impuls nicht so stark hervortritt wie dann, wenn er sich konzentriert wie in Schillers «Räuber», sondern sich mehr verbreitet, tritt die Sache weniger stark hervor. Aber derjenige, der geisteswissenschaftlich auf Goethes Knaben- und Jugendleben einzugehen vermag, der findet, daß in ihm eine geistige Lebenskraft sitzt, die er sich durch seine Geburt in sein Dasein trägt, die, wenn nicht gewisse Ereignisse eingetreten wären, ihn nicht durch sein ganzes Leben hätte begleiten können. Dasjenige, was in ihm als Goethe-Individualität lebte, war weit größer als dasjenige, was sein Organismus wirklich aufnehmen und ausleben konnte.

[ 8 ] If one studies the first part of Goethe’s life up to the year 1775, one finds—though one must examine the events more closely than is usually done—that a powerful revolutionary spirit lives within this Goethe, a rebellion against his surroundings. However, his nature is, so to speak, spread across many things. And because the impulse to rebel does not emerge as strongly as it does when it is concentrated—as in Schiller’s The Robbers—but is instead more diffuse, the matter stands out less prominently. But anyone who is able to approach Goethe’s childhood and youth from a spiritual-scientific perspective will find that there is a spiritual life force within him, one he carried into his existence from birth, which—had certain events not occurred—could not have accompanied him throughout his entire life. That which lived within him as Goethe’s individuality was far greater than what his physical organism could actually absorb and live out.

[ 9 ] Bei Schiller ist das handgreiflich. Wenn man solch Handgreifliches heute fühlen könnte, so würde man es schon finden. Schillers früher Tod rührte von nichts anderem her als davon, daß sein Organismus verbrannt wurde durch seine mächtige seelische Lebenskraft. Handgreiflich ist es. Ist es doch bekannt, daß, als Schiller gestorben war, man fand, daß sein Herz wie ausgedörrt in seinem Innern war. Nur durch seine mächtige Seelenkraft hielt er sich eben, solange es ging, aber diese mächtige Seelenkraft verzehrte zugleich das leibliche Leben. Bei Goethe war diese Seelenkraft noch stärker, und doch erreichte Goethe ein hohes Alter. Wodurch erreichte er ein so hohes Alter?

[ 9 ] With Schiller, this is palpable. If one could feel such palpability today, one would certainly find it. Schiller’s early death stemmed from nothing other than the fact that his body was consumed by his powerful spiritual vitality. It is palpable. After all, it is well known that when Schiller died, his heart was found to be withered inside. It was only through his powerful spiritual force that he held on as long as he could, but this very force simultaneously consumed his physical life. In Goethe, this spiritual force was even stronger, and yet Goethe lived to a ripe old age. How did he achieve such a long life?

[ 10 ] Sehen Sie, ich habe Ihnen gestern eine Tatsache erwähnt, welche in Goethes Leben ganz bedeutungsvoll eingreift. Als er einige Jahre in Leipzig Student gewesen war, da wird er krank, schwer krank und steht dem Tode gegenüber. Er schaut wirklich sozusagen dem Tode ins Angesicht. Diese Krankheit ist ja gewiß eine organische Naturerscheinung, aber man lernt nie einen Menschen, der aus dem Elementarischen der Welt heraus schafft, eigentlich überhaupt keinen Menschen kennen, wenn man solche Ereignisse nicht im Verlauf ihres Karmas in Erwägung zieht. Was geschah denn eigentlich mit Goethe, als er so in Leipzig krank war? Das geschah, was man nennen kann eine völlige Lockerung des ätherischen Leibes, in dem die seelische Lebenskraft wirksam gewesen war bis dahin. Der lockerte sich so, daß nach dieser Krankheit Goethe nicht mehr jenen strammen Zusammenhang hatte zwischen dem ätherischen Leib und dem physischen Leib, den er vorher gehabt hatte. Der ätherische Leib ist aber dasjenige Übersinnliche in uns, was uns eigentlich möglich macht, Vorstellungen zu haben, zu denken. Abstrakte Vorstellungen, wie wir sie im gewöhnlichen Leben haben, wie sie die meisten Menschen, die materialistisch gesinnt sind, allein lieben, hat man dadurch, daß der ätherische Leib eng verbunden ist mit dem physischen Leib, gewissermaßen durch ein starkes magnetisches Band mit dem physischen Leib verbunden ist. Dadurch aber, daß dies der Fall ist, hat man auch den starken Impuls, seinen Willen in die physische Welt hineinzutragen. Man hat diesen Impuls mit dem Willen, wenn außerdem der astralische Leib besonders stark entwickelt ist. Sehen wir hin nach Robespierre, nach Mirabeau, nach Danton, so haben wir einen mit dem physischen Leib stark verbundenen Ätherleib, aber auch einen stark entwickelten Astralleib, der seinerseits auf den Ätherleib wirkt und diese Menschenindividualitäten stark in die physische Welt hineinstellt.

[ 10 ] You see, yesterday I mentioned a fact to you that plays a very significant role in Goethe’s life. After he had been a student in Leipzig for several years, he fell ill—seriously ill—and faced death. He truly looked death in the face, so to speak. This illness is certainly a physical phenomenon, but one never truly comes to know a person who creates out of the elemental forces of the world—indeed, no person at all—if one does not consider such events in the context of their karma. What actually happened to Goethe when he was so ill in Leipzig? What happened was what one might call a complete loosening of the etheric body, in which the soul’s life force had been active up to that point. It loosened to such an extent that, after this illness, Goethe no longer had the strong connection between the etheric body and the physical body that he had previously possessed. The etheric body, however, is that supersensible aspect within us that actually enables us to form concepts and to think. Abstract ideas, such as we have in ordinary life—and which most people of a materialistic disposition alone cherish—arise because the etheric body is closely connected to the physical body, bound to it, as it were, by a strong magnetic bond. But because this is the case, one also has a strong impulse to carry one’s will into the physical world. This impulse is present in the will when, in addition, the astral body is particularly strongly developed. If we look at Robespierre, Mirabeau, and Danton, we see an etheric body strongly connected to the physical body, but also a strongly developed astral body, which in turn acts upon the etheric body and places these human individualities firmly within the physical world.

[ 11 ] So war auch Goethe organisiert. Aber nun wirkte in ihm eine andere Kraft, die eine Komplikation hervorbrachte. Die wirkte dahin, daß der ätherische Leib durch die Krankheit, die ihn dem Tode ganz nahe brachte, sich lockerte und gelockert blieb. Dadurch aber, daß der Ätherleib nicht mehr so innig mit dem physischen Leib verbunden ist, stößt er nicht mehr seine Kräfte in den physischen Leib hinein, sondern behält sie innerhalb des Ätherischen. Daher diese Umwandlung, die mit Goethe vorgegangen ist, als er nun zurückkehrte von Leipzig nach Frankfurt, wo er in der Bekanntschaft mit Fräulein von Klettenberg, der Mystikerin, in der Bekanntschaft mit allerlei ärztlichen Freunden, die sich alchimistischen Studien hingaben, in der Bekanntschaft mit den Schriften Swedenborgs sich wirklich ein geistiges Weltsystem, noch chaotisch, aber immerhin ein spirituelles Weltsystem aufbaut, wie er. auch eine innigste Neigung hat, sich mit übersinnlichen Dingen zu befassen. Das aber hängt zusammen mit seiner Krankheit. Und die Seele, die sich hereintrug in dieses Erdenleben die Anlage zu dieser Krankheit, die trug damit den Impuls herein, sich durch diese Krankheit den Ätherleib so zuzubereiten, daß dieser Ätherleib sich nicht bloß im Physischen auslebte, sondern den Drang, und nicht nur den Drang, sondern die Begabung erhielt, mit übersinnlichen Vorstellungen sich zu durchdringen. Solange man bloß die äußeren biographischen Tatsachen nach materialistischer Manier betrachtet für irgendeinen Menschen, kommt man nicht darauf, welch feine Zusammenhänge in der Schicksalsströmung eines Menschen sind. Erst wenn man sich einläßt auf den Zusammenklang von Naturereignissen, die unseren Organismus treffen, wie die Krankheit bei Goethe eines war, mit dem, was ethisch, moralisch, spirituell zum Vorschein kommt, dann erst bekommt man die Möglichkeit, die tiefe Wirkung des Karmas zu ahnen.

[ 11 ] Goethe was organized in this way as well. But now another force was at work within him, one that brought about a complication. This force caused the etheric body, as a result of the illness that brought him very close to death, to loosen and remain loosened. However, because the etheric body is no longer so intimately connected to the physical body, it no longer projects its forces into the physical body but retains them within the etheric. Hence the transformation that took place within Goethe when he returned from Leipzig to Frankfurt, where—through his acquaintance with Miss von Klettenberg, the mystic; through his acquaintance with various physician friends who devoted themselves to alchemical studies; and through his acquaintance with the writings of Swedenborg—he truly built up a spiritual world system, still chaotic, but nonetheless a spiritual world system, just as he also has a deep inclination to engage with supersensible matters. But this is connected to his illness. And the soul that brought into this earthly life the predisposition for this illness thereby brought in the impulse to use this illness to prepare the etheric body in such a way that this etheric body would not merely live out its life in the physical realm, but would receive the urge—and not merely the urge, but the gift—to permeate itself with supersensible perceptions. As long as one merely considers the external biographical facts of any given person in a materialistic manner, one fails to grasp the subtle interconnections within the current of a person’s destiny. Only when one considers the interplay between natural events that affect our organism—such as Goethe’s illness—and what emerges ethically, morally, and spiritually does one gain the ability to sense the profound effect of karma.

[ 12 ] Die revolutionäre Kraft wäre bei Goethe sicherlich so zum Vorschein gekommen, daß sie ihn früh verzehrt hätte. Da ja in seinem Milieu ein Ausleben der revolutionären Kraft äußerlich nicht möglich gewesen wäre und Goethe nicht Dramen hätte schreiben können wie Schiller, so hätte er sich verzehren müssen. Sie wurde abgeleitet durch dieLockerung des Zusammenhanges, des magnetischen Bandes zwischen seinem ätherischen Leib und dem physischen Leib.

[ 12 ] Goethe’s revolutionary spirit would certainly have manifested itself in such a way that it would have consumed him at an early age. Since it would not have been outwardly possible to give free rein to that revolutionary force in his social milieu, and since Goethe could not have written dramas like Schiller, he would have had to be consumed by it. It was diverted by the loosening of the connection—the magnetic bond—between his etheric body and his physical body.

[ 13 ] Da sehen Sie, wie ein Naturereignis in das Leben eines Menschen bedeutsam hereintritt. Gewiß, so etwas weist auf einen tieferen Zusammenhang hin, als derjenige ist, den oftmals die Biographen allein an die Oberfläche tragen wollen. Denn die Bedeutung einer Krankheit für das ganze individuelle Erleben eines Menschen läßt sich nicht aus Vererbungstendenzen heraus erklären, sondern die weist schon auf den Zusammenhang eines Menschen mit der Welt so hin, daß dieser Zusammenhang geistig gedacht werden muß. Sie merken daraus auch, wie Goethes Leben sich komplizierte. Denn davon hängt es ab, wie wir etwas aufnehmen, wie wir selber sind.

[ 13 ] Here you can see how a natural phenomenon plays a significant role in a person’s life. Certainly, something like this points to a deeper connection than the one that biographers often seek to bring to the surface. For the significance of an illness for a person’s entire individual experience cannot be explained by hereditary tendencies; rather, it points to a person’s connection with the world in such a way that this connection must be conceived spiritually. You can also see from this how Goethe’s life became more complicated. For how we take things in depends on who we are ourselves.

[ 14 ] Jetzt kommt er gewissermaßen mit einem von okkulten Erkenntnissen erfüllten ätherischen Leib nach Straßburg. Und so tritt er Herder entgegen. Herders große Anschauungen mußten in Goethe etwas ganz anderes werden als in Herder selber, der nicht die gleichen Bedingungen in seiner feineren Konstitution hatte. Solch ein Ereignis, wie es dieses Gegenübertreten dem Tode war, tritt bei Goethe ein Ende der sechziger Jahre in Leipzig, aber es ist seiner Kraft nach vorbereitet schon lange. Und derjenige, der eine solche Krankheit aus äußeren Ereignissen herleiten will oder aus bloß physischen Ereignissen, der steht eben auf geistigem Gebiete noch nicht auf demselben Standpunkt, auf dem der Naturforscher steht: daß dasjenige, was nachfolgt, nicht unmittelbar als eine Wirkung angesehen werden darf desjenigen, auf das es folgt. Es war also in Goethe dieses gewissermaßen Sich-Isolieren von der Welt ‚durch diesen Zusammenhang zwischen physischem Leib und Ätherleib, der nur seine Krisis erreichte durch die Krankheit, immer da.

[ 14 ] Now he arrives in Strasbourg, so to speak, with an ethereal body imbued with occult insights. And so he meets Herder. Herder’s grand insights were bound to take on a completely different form in Goethe than in Herder himself, who did not possess the same predispositions in his more refined constitution. An event such as this encounter with death occurred for Goethe in Leipzig at the end of the 1860s, but its seeds had long been sown. And anyone who seeks to attribute such an illness to external events or to merely physical causes has not yet reached, in the spiritual realm, the same point of view as the natural scientist: namely, that what follows must not be regarded directly as an effect of that which precedes it. Thus, in Goethe, this sort of self-isolation from the world—“through this connection between the physical body and the etheric body, which only reached its crisis through the illness”—was always present.

[ 15 ] Auf jemanden, bei dem ein kompakter Zusammenhang ist zwischen physischem und Ätherleib, wirkt die Außenwelt ein, aber indem sie Eindrücke macht auf den physischen Leib, gehen die Eindrücke gleich in den. Ätherleib über, das ist eins; und der lebt dann mit den Eindrücken der Außenwelt einfach flott mit. Bei einer solchen Natur wie Goethe es war, werden die Eindrücke selbstverständlich auf den physischen Leib gemacht, aber der Ätherleib geht nicht gleich mit, weil er gelockert ist. Die Folge davon ist, daß gewissermaßen ein solcher Mensch isolierter sein kann gegenüber seiner Umgebung, daß ein komplizierterer Vorgang vorliegt, wenn ein Eindruck auf seinen physischen Leib gemacht wird. Rücken Sie sich hinüber von diesem organischen Bau Goethes zu dem, was Sie aus seiner Biographie kennen: daß er die Ereignisse, auch die historischen Ereignisse, gewissermaßen ohne sie zu vergewaltigen, auf sich wirken läßt, dann haben Sie sich Verständnis geschaffen für das eigentümliche Walten der Goethe-Natur. Ich sagte Ihnen: er nimmt die Biographie des Gottfried von Berlichingen, läßt sich nur beeinflussen von Shakespeares dramatischen Impulsen und veränderte gar nicht viel die nicht besonders gut geschriebene Selbstbiographie des Gottfried von Berlichingen, so daß er sein Drama auch nicht «Drama» nennt, sondern «Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, dramatisiert»; er verändert nur etwas. Sehen Sie, dieses, ich möchte sagen, sanfte und zaghafte Anrühren der Dinge, so daß er nicht gewaltsam zufaßt, das ist bewirkt durch diesen ganz besonderen Zusammenhang zwischen Ätherleib und physischem Leib.

[ 15 ] The external world affects someone in whom there is a close connection between the physical body and the etheric body; but as it makes impressions on the physical body, those impressions immediately pass into the etheric body—that is one aspect; and the etheric body then simply keeps pace with the impressions of the external world. In a nature such as Goethe’s, impressions are naturally made on the physical body, but the etheric body does not immediately follow along because it is more detached. The consequence of this is that, in a sense, such a person can be more isolated from their surroundings, and that a more complex process takes place when an impression is made on their physical body. If you shift your focus from Goethe’s organic constitution to what you know from his biography—namely, that he allows events, including historical ones, to take effect upon him without, so to speak, distorting them—then you will have gained an understanding of the peculiar workings of Goethe’s nature. I told you: he takes the biography of Gottfried von Berlichingen, allows himself to be influenced only by Shakespeare’s dramatic impulses, and does not alter much of Gottfried von Berlichingen’s not particularly well-written autobiography, so that he does not even call his work a “drama,” but rather “The Story of Gottfried von Berlichingen with the Iron Hand, Dramatized”; he changes only a little. You see, this—I would say—gentle and tentative touch, so that he does not grasp things forcefully, is brought about by this very special connection between the etheric body and the physical body.

[ 16 ] Dieser Zusammenhang war beiSchiller nicht vorhanden. Daher stellt er solche Gestalten hin, die er wahrhaftig nicht auf einen äußeren Eindruck hin hingestellt hat, sondern die er ganz gewaltsam aus seiner Natur heraus formt: Karl Moor. Goethe braucht die Wirkung des Lebens. Aber das Leben vergewaltigt er nicht; er hilft nur leise nach, um das Leben zum Kunstwerk zu erheben. So ist es auch, als die Lebensverhältnisse an ihn herantreten, die er dann im «Werther» gestaltet hat. Eigene Lebensverhältnisse, Lebensverhältnisse seines Freundes Jerusalem, sie biegt er nicht, formt er nicht viel, sondern er nimmt das Leben und hilft nur nach. Und durch die sanfte Art, wie er nachhilft eben aus seinem Ätherleib heraus, wird aus dem Leben ein Kunstwerk. Aber er kommt durch dieselbe Organisation dem Leben auch, ich möchte sagen, nur mittelbar nahe und bereitet sich in dieser Inkarnation sein Karma durch dieses nur mittelbare Nahekommen dem Leben.

[ 16 ] This connection was absent in Schiller. That is why he portrays characters whom he has not merely depicted based on an external impression, but whom he shapes quite forcefully from his own nature: Karl Moor. Goethe needs the impact of life. But he does not violate life; he merely gives it a gentle nudge to elevate life to a work of art. This is also the case when the circumstances of life come to him, which he then shaped in Werther. His own circumstances, the circumstances of his friend Jerusalem—he does not distort them, nor does he shape them much; rather, he takes life as it is and merely gives it a gentle nudge. And through the gentle way in which he assists—precisely from within his etheric body—life becomes a work of art. But through this very structure, he also comes, I might say, only indirectly close to life, and in this incarnation he prepares his karma through this merely indirect approach to life.

[ 17 ] Er kommt nach Straßburg. Außer dem, was er erlebt hat, was ich Ihnen gestern erzählt habe, was ihn vorwärtsbrachte auf seiner GoetheLaufbahn, erlebte er ja, wie Sie wissen, in Straßburg auch die Herzensbeziehung zu der Pfarrtochter in Sesenheim, zu Friederike Brion. Er ist sehr, sehr mit seinem Herzen in diesem Verhältnisse drinnen, und gewiß, man kann mancherlei moralische Bedenken gegen den Verlauf dieses Verhältnisses zwischen Goethe und Friederike von Sesenheim geltend machen, die auch berechtigt sein mögen. Darauf kommt es jetzt nicht an, sondern auf das Verständnis kommt es an. Goethe macht schon wirklich alles dasjenige durch, was eben bei jemandem, der nicht Goethe gewesen wäre, nicht nur hätte führen müssen, sondern selbstverständlich geführt hätte zu einer dauernden Lebensgemeinschaft mit Friederike Brion. Aber Goethe erlebt nicht unmittelbar. Durch dasjenige, was ich Ihnen erzählt habe, ist zwischen seinem besonderen Innern und zwischen der Außenwelt eine Art Kluft geschaffen. So wie er das Lebendige der Außenwelt nicht vergewaltigt, sondern nur sanft umformt, so bringt er gewissermaßen auch sein Fühlen und Empfinden, wie er es nur in seinem Ätherleibe erleben kann, nicht durch den physischen Leib gleich zu einem solch festen Zusammenhang mit der Außenwelt, daß bei ihm dasjenige, was bei anderen zu ganz bestimmten Lebensereignissen geführt hätte, auch dazu hätte führen können. Und so zieht er sich wieder zurück von Friederike Brion. Aber man soll nur so etwas seelisch nehmen. Als er ein letztes Mal hinausreitet, begegnet er auf dem Rückwege-Sie können das in seiner Biographie nachlesen — sich selber. Goethe kommt Goethe entgegen. Goethe erzählt es ja noch viel, viel später, wie er sich dazumal selber begegnete. Goethe kommt Goethe entgegen. Er sieht sich selber. Er reitet hinaus, entgegen kommt ihm auf dem Rückwege Goethe, aber nicht in der Kleidung, die er anhat, sondern in einer anderen Kleidung. Und als er später, nach Jahren wiederum dahin kommt, die alten Bekannten aufsucht, da erkennt er, daß er wirklich in dem Kostüm, ohne daß er es gesucht hat, das er vor Jahren voraus an sich gesehen hat, als er sich begegnete, wieder hinausging. Das ist ein Ereignis, an das man mit derselben Kraft glauben muß, mit der man irgend etwas anderes glaubt, was Goethe erzählt. Daran zu mäkeln, das, möchte ich sagen, geziemt sich nicht gegenüber der Wahrheitsliebe, mit der Goethe sein Leben dargestellt hat.

[ 17 ] He comes to Strasbourg. In addition to what he experienced—what I told you about yesterday, which helped advance his career as a Goethe scholar—he also, as you know, developed a romantic relationship in Strasbourg with the pastor’s daughter in Sesenheim, Friederike Brion. He is very, very deeply invested in this relationship, and certainly, one could raise various moral objections to the course of this relationship between Goethe and Friederike von Sesenheim, which may well be justified. That is not what matters now; what matters is understanding. Goethe truly goes through everything that, in someone who were not Goethe, would not only have led—but would naturally have led—to a lasting life partnership with Friederike Brion. But Goethe does not experience things directly. Through what I have told you, a kind of chasm has been created between his unique inner world and the outside world. Just as he does not violate the vitality of the external world but only gently reshapes it, so too does he, in a sense, not immediately establish—through his physical body—such a firm connection between his feelings and sensations—which he can experience only in his etheric body—and the external world that what would have led to very specific life events in others could have led to the same for him. And so he withdraws once more from Friederike Brion. But one should take such things in a spiritual sense. When he rides out one last time, he encounters—on his way back—as you can read in his biography—himself. Goethe comes to meet Goethe. Goethe recounts this much, much later, describing how he encountered himself back then. Goethe comes to meet Goethe. He sees himself. He rides out, and on his way back Goethe comes toward him—but not in the clothes he is wearing, but in different clothes. And when he later, years later, returns there to visit his old acquaintances, he realizes that he really did go out again in the very outfit—without having sought it—that he had foreseen in himself years ago when he encountered himself. This is an event one must believe in with the same conviction with which one believes anything else Goethe recounts. To find fault with it, I would say, is not befitting the love of truth with which Goethe portrayed his life.

[ 18 ] Wie kommt es denn, daß Goethe, der also ferne-nahstand den Verhältnissen, in die er getreten war, so nahe, daß es bei jedem anderen zu etwas ganz anderem geführt hätte, und so ferne, daß er eben sich zurückziehen konnte, wie kommt es, daß er sich da selber begegnete? Nun, bei einem Menschen, der etwas im ätherischen Leib erlebt, verobjektiviert sich sehr leicht das Erlebnis, wenn dieser ätherische Leib gelockert ist. Er sieht es als ein Äußeres, es projiziert sich nach außen. Das ist bei Goethe wirklich eingetreten. Er hat in einem besonders dazu geeigneten Momente den anderen Goethe gesehen, den ätherischen Goethe, der in ihm lebte, der verbunden blieb durch sein Karma mit Friederike von Sesenheim. Daher kam er sich selbst als Gespenst entgegen. Aber es ist das gerade ein Ereignis, welches im tiefsten Sinne erhärtet, was über seine eigene Natur aus den Tatsachen zu ersehen ist.

[ 18 ] How is it that Goethe—who was so far removed from, yet so close to, the circumstances into which he had entered—so close that it would have led to something entirely different for anyone else, and so far removed that he was able to withdraw—how is it that he encountered himself there? Well, for a person who experiences something in the etheric body, the experience very easily becomes objectified when this etheric body is loosened. He sees it as something external; it projects itself outward. This is precisely what happened to Goethe. At a moment particularly suited to it, he saw the other Goethe—the etheric Goethe who lived within him, who remained connected through his karma to Friederike von Sesenheim. That is why he encountered himself as a ghost. But this is precisely the kind of event that, in the deepest sense, confirms what can be discerned about his own nature from the facts.

[ 19 ] Da sehen Sie, wie der Mensch drinnenstehen kann in den äußeren Ereignissen, und wie man doch erst erfassen muß die besondere Art und Weise, die individuelle Art und Weise, wie er drinnensteht. Denn kompliziert ist das Verhältnis des Menschen zur Welt, zur Vergangenheit, der Zusammenhang mit demjenigen, was wir aus der Vergangenheit herübertragen in unsere Gegenwart. Dadurch aber, daß Goethe gewissermaßen sein Inneres so herausgerissen hat aus dem körperlichen Zusammenhang, dadurch war ihm in früher Jugend schon möglich, die tiefen Wahrheiten in seiner Seele zu hegen, die uns in seinem «Faust» so überraschen. Ich sage absichtlich: überraschen, aus dem einfachen Grunde, weil sie wirklich überraschen müssen, denn ich kenne kaum irgend etwas Einfältigeres, als wenn Goethe-Biographen immerzu mit dem Satze hausieren gehen: «Goethe ist Faust und Faust ist Goethe». Ich habe das oftmals gelesen bei Goethe-Biographen. Es ist natürlich ein ganz gewöhnlicher Unsinn. Denn dasjenige, was wir im «Faust» wirklich haben, wenn wir es recht auf uns wirken lassen, kommt uns ja tatsächlich so vor, daß wir uns sagen müssen: Es ist zuweilen so, daß wir gar nicht vermuten, daß es in unmittelbar gleicher Art Goethe durchlebt hat oder sogar wissen kann — und dennoch steht es im «Faust» drinnen. Faust wächst immer über Goethe hinaus. Das kann allerdings nur der vollständig verstehen, der jene Überraschung kennt, die der ein Dichtwerk Schaffende selber erlebt, wenn er dann dieses Dichtwerk vor sich hat. Man darf nämlich nicht glauben, daß der Dichter immer ebenso groß sein muß wie sein Werk. Er braucht es ebensowenig zu sein, wie der Vater so groß zu sein braucht an Seelenkraft und Genie wie sein Sohn; denn das wirklich dichterische Schaffen ist ein Lebendiges. Und ebensowenig wie gesagt werden kann, daß ein Lebendiges nicht über sich hinaus schaffe, so kann auch nicht behauptet werden, daß nie ein Geistig-Schöpferisches über sich hinaus schaffe.

[ 19 ] There you can see how a person can be caught up in external events, and how one must first grasp the particular way, the individual way, in which they are caught up in them. For the relationship between a person and the world, and to the past—the connection with what we carry over from the past into our present—is complex. But precisely because Goethe, so to speak, tore his inner self away from its physical context, he was able, even in his early youth, to nurture within his soul the profound truths that so surprise us in his Faust. I say “surprise” deliberately, for the simple reason that they really must surprise us; for I know of hardly anything more simplistic than when Goethe biographers constantly peddle the phrase: “Goethe is Faust, and Faust is Goethe.” I have read this many times in works by Goethe biographers. It is, of course, utter nonsense. For what we truly have in Faust—if we allow it to take its full effect on us—actually strikes us in such a way that we must say to ourselves: It is sometimes the case that we do not even suspect that Goethe experienced it in exactly the same way or could even have known it—and yet it is right there in Faust. Faust always transcends Goethe. However, this can only be fully understood by those who know the surprise that the creator of a poetic work experiences himself when he finally has that work before him. For one must not believe that the poet must always be as great as his work. He need not be any more than a father needs to be as great in spiritual strength and genius as his son; for true poetic creation is a living thing. And just as it cannot be said that something living does not create beyond itself, so too it cannot be claimed that something spiritual and creative never creates beyond itself.

[ 20 ] Aber durch dieses innerliche Isoliertsein, das ich beschrieben habe bei Goethe, treten jene tiefen Einsichten auf in seiner Seele, die uns aus seinem «Faust» entgegentreten. Denn solche Werke wie «Faust» sind nicht Dichtungen wie andere Dichtungen. Der «Faust» quillt gleichsam hervor aus dem ganzen Geiste der fünften nachatlantischen Kulturperiode; er wächst weit über Goethe hinaus. Und manches, was wir erleben mit der Welt und ihrem Werden, es tönt uns aus «Faust» in einer merkwürdigen Weise entgegen. Gedenken Sie des Wortes, das Sie eben vorhin gehört haben:

[ 20 ] But it is through this inner isolation—which I have described in Goethe—that those profound insights emerge in his soul, insights that come to us through his Faust. For works such as Faust are not poetry like other works of poetry. “Faust” springs forth, as it were, from the entire spirit of the fifth post-Atlantean cultural epoch; it extends far beyond Goethe himself. And much of what we experience in the world and its unfolding resonates with us from “Faust” in a remarkable way. Recall the words you heard just a moment ago:

Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln;
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

My friend, the times of the past
Are a closed book to us;
What you call the spirit of the times,
Is, in essence, the spirit of the masters themselves,
In which the times are reflected.

[ 21 ] Man geht zu leicht über ein solches Wort hinweg. Derjenige, der es in seiner vollen Tiefe spürt, wird an manches erinnert, was ein solches Wort nur im tiefsten Sinne wahr machen kann. Denken Sie, was die modernen Menschen haben durch die Kenntnis des Griechischen, des griechischen Geisteslebens, durch Äschylos, Sophokles, Euripides! Die Menschen vertiefen sich in dieses griechische Geistesleben, sagen wir in Sophokles. Ist Sophokles ein Buch mit sieben Siegeln? Man wird nicht leicht daran denken, daß Sophokles ein Buch mit sieben Siegeln sein könne! Sophokles, der einundneunzig Jahre alt geworden ist, hat mehr als achtzig Dramen geschrieben, sieben davon sind erhalten! Kennt man einen Menschen, der einundachtzig oder mehr Dramen geschrieben hat, von denen nur sieben erhalten sind? Ist das nicht wörtlich wahr: ein Buch mit sieben Siegeln? Wie kann jemand behaupten, nach dem, was überliefert ist, das Griechentum zu kennen, wenn er sich einfach vorhalten muß, vierundsiebzig Sophokleische Dramen, die die Griechen entzückt, erhoben haben, sind nicht da? Eine sehr große Anzahl auch von Äschylos sind nicht da. Dichter haben gelebt in der griechischen Zeit, deren Name nicht einmal bekannt ist. Sind nicht die Zeiten der Vergangenheit ein Buch mit sieben Siegeln? Wenn man solch eine äußerliche Tatsache nimmt, so muß man sich das sagen. Und —

[ 21 ] It is all too easy to gloss over a word like this. Those who feel its full depth will be reminded of many things that only such a word can make true in the deepest sense. Just think of what modern people have gained through their knowledge of Greek, of Greek intellectual life, through Aeschylus, Sophocles, and Euripides! People immerse themselves in this Greek intellectual life—let’s say, in Sophocles. Is Sophocles a book with seven seals? It’s not easy to imagine that Sophocles could be a book with seven seals! Sophocles, who lived to be ninety-one, wrote more than eighty plays, seven of which have survived! Do you know of anyone who wrote eighty-one or more plays, of which only seven have survived? Isn’t that literally true: a book sealed with seven seals? How can anyone claim to know Greek civilization based on what has been handed down, when they simply have to admit that seventy-four of Sophocles’ plays—which delighted and inspired the Greeks—are missing? A very large number of Aeschylus’s plays are also missing. Poets lived during the Greek era whose names are not even known. Aren’t the times of the past a book sealed with seven seals? If one considers such an objective fact, one must admit this. And —

...es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.

...it is a great delight,
To put oneself in the spirit of the times,
To see how a wise man thought before us,
And how we have ultimately come so far.

[ 22 ] Wagner-Naturen glauben, sich leicht in den Geist eines weisen Mannes versetzen zu können — wenn es ihnen nämlich vorgemacht worden ist! Denn schade, daß man nicht die Probe machen kann, was die wackeren Rezensentelein über den «Hamlet» schreiben würden, wenn er jetzt eben erscheinen und auf irgendeiner großen städtischen Bühne vor den Herren aufgeführt würde, oder wenn ein Sophokleisches Drama vor diesen Herren heute aufgeführt würde! Vielleicht würde bei diesen Herren es selbst nicht helfen, was Sophokles selber tun mußte, um wenigstens seine Verwandten von seiner Größe noch im hohen Alter zu überzeugen. Denn einundneunzig Jahre alt ist er geworden, die Verwandten haben so lange auf die Erbschaft warten müssen; da haben sie gesucht, Zeugnisse zu bekommen, daß Sophokles schwachsinnig geworden sei und nicht mehr sein eigenes Vermögen verwalten könne. Da konnte er sich nicht anders retten, als daß er den «Odipus auf Kolonos» schrieb. Damit konnte er wenigstens beweisen, daß er noch nicht schwachsinnig geworden war. Ob es bei heutigen Rezensenten nützen würde, weiß ich nicht, damals hat es aber geholfen. Aber wer sich in eine solche Tatsache hinein vertieft, in die Tragik des neunzigjährigen Sophokles, der wird zu gleicher Zeit ermessen, wie schwer es ist, den Weg zu finden zu einer menschlichen Individualität; wie diese menschliche Individualität in komplizierter Weise mit den Weltenereignissen zusammenhängt. Und vieles, vieles könnte angeführt werden, das zeigen würde, wie man in tiefe Schächte hineingraben muß, um die Welt zu verstehen. Aber wie viel lebt von der Weisheit, die notwendig ist, um die Welt zu verstehen, schon in den allerersten Partien von Goethes «Faust»! Zurückzuführen ist das auf dieses eigentümlich verlaufende Schicksal, das wirklich zeigt, wie Natur und Geisteswirken eines ist in der menschlichen Entwickelung, wie eine Krankheit nicht nur eine äußere physische, wie eine Krankheit eine geistige Bedeutung haben kann.

[ 22 ] Wagnerians believe they can easily put themselves in the mind of a wise man—provided, that is, that it has been demonstrated to them! For it is a pity that one cannot test what these valiant little reviewers would write about Hamlet if it were to appear right now and be performed before these gentlemen on some major city stage, or if a Sophoclean drama were to be performed before them today! Perhaps even what Sophocles himself had to do to convince at least his relatives of his greatness in his old age would not help these gentlemen. For he lived to be ninety-one years old, and his relatives had to wait so long for their inheritance; so they sought to obtain evidence that Sophocles had become feeble-minded and could no longer manage his own fortune. He had no choice but to save himself by writing Oedipus at Colonus. With that, he was at least able to prove that he had not yet lost his mind. Whether it would work with today’s critics, I do not know, but it helped back then. But anyone who delves into such a reality—into the tragedy of the ninety-year-old Sophocles—will at the same time come to appreciate how difficult it is to find the path to human individuality; how this human individuality is intricately connected to world events. And much, much more could be cited to show how one must dig into deep chasms to understand the world. But how much of the wisdom necessary to understand the world is already present in the very first parts of Goethe’s Faust! This can be attributed to this peculiar course of fate, which truly shows how nature and spiritual activity are one and the same in human development, how an illness can have not only an external, physical meaning but also a spiritual one.

[ 23 ] So sehen wir, man möchte sagen, scharf fortgeführt den karmischen Anstoß, der in Goethe war. Dann aber wieder, 1775, tritt wie von außen herein die Bekanntschaft mit dem Herzog von Weimar. Goethe wird von Frankfurt nach Weimar berufen. Was bedeutet denn das in seinem Leben? Man muß erst verstehen, was solch ein Ereignis bedeutete für das Leben eines Menschen, wenn man nun weiteres ausfindig machen will, um das Leben zu verstehen. Ich weiß, wie wenig die heutige Welt geneigt ist, wirklich die Seelenkräfte wachzurufen, die notwendig sind, um so etwas voll zu empfinden, voll zu fühlen, was schon in den ersten Partien von Goethes «Faust» lebt. Um das zu schreiben, was nun hier aufgeführt worden ist — «Faust I», Monolog im Studierzimmer, Erdgeist —, dazu gehört ein Reichtum der Seele, der, wenn man ihn ansieht, einen dazu veranlassen möchte, in inbrünstiger Verehrung lange, lange davor zu verharren. Und man hat oftmals den tiefsten Seelenschmerz, wenn man sieht, wie die Welt eigentlich doch recht stumpf ist und gar nicht Größe, Größe fühlen kann. Fühlt man aber so etwas voll, dann wird man auch verstehen, wozu derjenige, der von Geisteswissenschaft wirklich durchdrungen ist, in seiner Empfindung kommt. Der kommt nämlich dazu, sich zu sagen: In diesem Goethe lebte etwas, das ihn verbrannte. So konnte es nicht weitergehen.

[ 23 ] Thus we see—one might say—a sharp continuation of the karmic impulse that was present in Goethe. But then again, in 1775, his acquaintance with the Duke of Weimar enters his life as if from outside. Goethe is summoned from Frankfurt to Weimar. What does this mean in his life? One must first understand what such an event meant for a person’s life if one wishes to uncover further insights in order to understand that life. I know how little today’s world is inclined to truly awaken the spiritual powers necessary to fully perceive and feel what is already alive in the first parts of Goethe’s Faust. To write what has now been performed here—“Faust I,” the monologue in the study, the Earth Spirit”—requires a richness of soul that, when one beholds it, makes one want to linger before it for a long, long time in fervent reverence. And one often feels the deepest pain of the soul when one sees how the world is, in fact, quite dull and incapable of sensing greatness at all. But if one fully senses something like this, then one will also understand what the person who is truly imbued with spiritual science comes to feel. For that person comes to say to themselves: There was something within this Goethe that consumed him. It could not go on like this.

[ 24 ] Diesen Gedanken muß man schon haben. Stellen Sie sich vor: 1749 ist Goethe geboren, 1775 ist er also sechsundzwanzig Jahre alt. Er trägt im Koffer das Manuskript der Szene, die wir heute aufgeführt haben nehmen wir nur dies, es war noch anderes dabei —, nach Weimar mit. Wer solches durchlebt hat, so, bis zu dem Grade, daß er es niederschreiben konnte, der hat daran in seiner Seele zu tragen; auf dessen Seele lastet es schwer, denn es ist eine Kraft, die aufwärtsführen will, die Seele zersprengen möchte.

[ 24 ] You really have to have that kind of insight. Imagine: Goethe was born in 1749, so in 1775 he was twenty-six years old. He took the manuscript of the scene we performed today—let’s just take this one; there were others in there as well—with him in his suitcase to Weimar. Anyone who has lived through such an experience—to the point of being able to write it down—carries it within their soul; it weighs heavily on their soul, for it is a force that strives to rise upward, a force that threatens to shatter the soul.

[ 25 ] Zwei Dinge müssen wir uns klarmachen, wenn wir in richtigem Sinne, in der richtigen Beleuchtung diese ersten Partien des «Faust», die Goethe geschrieben hat, würdigen wollen. Man könnte sich ja denken, daß Goethe, sagen wir von seinem fünfundzwanzigsten bis zu seinem fünfzigsten Jahre nach und nach diese Szenen geschrieben hätte. Dann würden sie die Seele nicht so gespannt haben, dann wären sie “ keine solche Last gewesen. Nun gewiß, aber das ist nicht möglich, wäre nicht möglich gewesen, denn vom dreißigsten, fünfunddreißigsten Jahre ab würde eben die Jugendkraft gemangelt haben, die dazu notwendig war, um diese Dinge gerade so zu gestalten. Er mußte sie in diesen Jahren schreiben nach seiner Individualität, aber er konnte so nicht weiterleben. Er brauchte etwas, was wie eine Dämpfung, wie eine Art partieller Seelenschlaf war, um abzuschwächen das Feuer, das in seiner Seele gebrannt hat, als er die ersten Partien des «Faust» schrieb. Der Herzog von Weimar holte ihn, um ihn in Weimar zum Minister zu machen. Und er war ein guter Minister, sagte ich schon. Da konnte er als Minister, indem er viel emsige Arbeit leistete, partiell verschlafen sich ausruhend — dasjenige, das gebrannt hat in seiner Seele. Und es ist wirklich ein gewaltiger Unterschied in der Stimmung vor 1775 und nach 1775, .die schon zu vergleichen ist mit einer Art gewaltigen Wachens und nachher abgedämpften Lebens. Da kommt sogar das Wort «Dumpfheit» Goethe in den Sinn, wenn er sein besonderes Leben in Weimar schildert, wo er so in die Ereignisse sich hineinlebt, aber mit ihnen mehr mitschwingt als früher, da er gegen sie revoltierte. Merkwürdig war es dann, daß auf die Abstumpfung für zehn Jahre ein sanfteres Heranbringen der Ereignisse an den Menschen folgte. Und so wenig das Schlafleben eine unmittelbare Wirkung des vorhergehenden Tageslebens ist, so wenig war dieses Schlafleben Goethes eine Wirkung desjenigen, was vorangegangen war. Die Zusammenhänge sind vie] größere, als man gewöhnlich denkt. Ich habe schon öfter darauf aufmerksam gemacht, daß es eine oberflächliche Anschauung ist, wenn man auf die Frage: Warum schläft der Mensch? antwortet: Weil er müde ist! — Es ist eine faule, selber schlafende Wahrheit, denn es ist ein Unsinn. Sonst müßte nicht eine Tatsache sein, daß diejenigen Menschen, die nicht müde sein können, zum Beispiel Rentiers nach einer vollen Mahlzeit, wenn sie etwas hören sollen, wofür sie sich nicht besonders interessieren, in Schlaf sich einlullen. Müde sind sie gewiß nicht. Die Sache ist nicht so, daß wir schlafen, weil wir müde sind, sondern das Wachen und Schlafen ist ein rhythmischer Lebensvorgang, und wenn die Zeit des Schlafens, die Notwendigkeit des Schlafens herankommt, so werden wir müde. Wir sind müde, weil wir schlafen sollen, nicht aber schlafen wir, weil wir müde sind. Das will ich in diesem Augenblicke nicht weiter ausführen.

[ 25 ] There are two things we must keep in mind if we are to properly appreciate—in the true sense and in the proper light—these early parts of Faust that Goethe wrote. One might imagine that Goethe wrote these scenes gradually, say, from the age of twenty-five to fifty. Then they would not have strained his soul so much; then they would not have been “such a burden.” Now, certainly, but that is not possible—it would not have been possible—because from the age of thirty or thirty-five onward, the youthful vigor necessary to shape these things in precisely this way would have been lacking. He had to write them during those years in accordance with his individuality, but he could not continue living that way. He needed something like a dampening, a kind of partial slumber of the soul, to temper the fire that burned within him when he wrote the first parts of Faust. The Duke of Weimar summoned him to appoint him as a minister in Weimar. And he was a good minister, as I have already said. There, as a minister, by performing a great deal of diligent work, he was able to rest—partially lulled to sleep—from that which had burned in his soul. And there really is a tremendous difference in mood before 1775 and after 1775, which can already be compared to a kind of intense wakefulness followed by a subdued life. The word “dullness” even comes to Goethe’s mind when he describes his particular life in Weimar, where he immerses himself in events but resonates with them more than before, when he used to rebel against them. It was remarkable, then, that this numbness was followed for ten years by a gentler way in which events approached people. And just as little as the life of sleep is a direct effect of the preceding waking life, so little was Goethe’s life of sleep an effect of what had gone before. The connections are far greater than one usually thinks. I have often pointed out that it is a superficial view to answer the question, “Why does a person sleep?” with, “Because he is tired!” — It is a lazy, itself-slumbering truth, for it is nonsense. Otherwise, it would not be a fact that those people who cannot be tired—for example, reindeer after a full meal—drift off to sleep when they are asked to listen to something in which they have no particular interest. They are certainly not tired. The fact is not that we sleep because we are tired, but rather that waking and sleeping are a rhythmic process of life, and when the time for sleep—the necessity of sleep—approaches, we become tired. We are tired because we are supposed to sleep, but we do not sleep because we are tired. I do not wish to elaborate on this further at the moment.

[ 26 ] Aber denken Sie sich einmal, in welchem großen Zusammenhang der Rhythmus von Schlafen und Wachen drinnensteht! Er ist ja die Nachbildung von Tag und Nacht im Kosmos innerhalb der menschlichen Natur. Den Schlaf erklären zu wollen aus der Ermüdung des Tages, ist allerdings der materialistischen Wissenschaft naheliegend, aber das Umgekehrte ist richtig. Der Rhythmus von Schlafen und Wachen muß aus dem Kosmos erklärt werden, aus großen Zusammenhängen heraus. Aus großen Zusammenhängen heraus muß aber auch erklärt werden, warum bei Goethe nach der Periode, in der «Faust» in seinen Seelenadern brauste, die Abdämpfung der zehn Jahre weimarischen Lebens folgte. Da werden Sie unmittelbar auf sein Karma gewiesen, über das nun nicht weiter gesprochen werden kann.

[ 26 ] But just imagine the vast context in which the rhythm of sleep and wakefulness is embedded! It is, after all, a reflection of day and night in the cosmos within human nature. To try to explain sleep as a result of the fatigue of the day is, of course, an obvious approach for materialistic science, but the opposite is true. The rhythm of sleep and wakefulness must be explained in terms of the cosmos, within the context of larger interconnections. But these larger interconnections must also explain why, after the period when Faust surged through Goethe’s veins, there followed the quietude of his ten years in Weimar. This immediately points you to his karma, about which we cannot speak further at this time.

[ 27 ] Der Mensch als alltäglicher Mensch wacht am Morgen auf, in der Regel so, wie er am Abend eingeschlafen ist, für sein eigenes Bewußtsein. In Wirklichkeit ist es ja niemals so. Wir wachen niemals gerade so auf, wie wir eingeschlafen sind, sondern wirklich etwas reicher; wir werden uns nur der Bereicherung nicht bewußt. Aber wenn nun auf einen Wellenberg ein Wellental gefolgt ist, wie bei Goethe in den weimarischen Jahren, dann erfolgt das Aufwachen auf einer höheren Stufe, muß auf einer höheren Stufe erfolgen. Aber die innersten Kräfte streben danach. Und die innersten Kräfte streben bei Goethe auch, aus der weimarischen Dumpfheit zum vollen Leben wieder zu erwachen in einer Umgebung, die ihm nun wirklich bringen konnte, was ihm fehlte. Das war in Italien, als er erwachte. In Weimar selber hätte er nach seiner besonderen Konstitution nicht aufwachen können. Gerade an einer solchen Sache aber kann man den tiefen Zusammenhang des Schaffens eines wirklichen Künstlers, eines großen Künstlers mit seinem besonderen Erleben sehen. Sehen Sie, einer, der kein großer Künstler ist, der kann ein Drama so glattweg nach und nach, Seite für Seite hinschreiben; er kann es ganz gut. Der große Dichter kann es nicht, denn der braucht: tief drinnenzuwurzeln im Leben. Goethe konnte daher tiefste, tiefste Wahrheiten in seinem «Faust» zum Ausdrucke bringen in verhältnismäßig früher Jugend, Wahrheiten, die weit über sein Seelenvermögen hinauswuchsen, Aber er mußte eine Verjüngung beim Faust zum Ausdruck bringen. Denken Sie sich: Faust mußte zu einer ganz anderen Stimmung kommen; trotzdem er so tief gestaltet ist, mußte er verjüngt werden. Schließlich, trotz aller Tiefe, hat ihn dasjenige, was er bis dahin in seiner Seele aufgenommen hat, dem Selbstmorde nahegebracht. Er mußte verjüngt werden. Ein kleiner Mensch kann recht gut schildern in vielleicht recht schönen Versen, wie ein Mensch verjüngt wird. Goethe konnte es nicht so ohne weiteres; er mußte selbst erst in Rom verjüngt werden. Daher ist die Verjüngungsszene der «Hexenküche» in Rom geschrieben, im Garten der Villa Borghese. Goethe würde es nicht gewagt haben, diese Szene früher zu schreiben.

[ 27 ] The ordinary person wakes up in the morning, as far as their own consciousness is concerned, generally just as they fell asleep the night before. In reality, however, this is never the case. We never wake up exactly as we fell asleep, but are in fact somewhat richer; we simply do not become aware of this enrichment. But when a trough follows a crest—as it did for Goethe during his Weimar years—then waking occurs on a higher level; indeed, it must occur on a higher level. Yet the innermost forces strive toward this. And in Goethe’s case, those innermost forces also strove to awaken from the Weimar lethargy to full life once more, in an environment that could now truly provide him with what he lacked. That was in Italy, when he awoke. In Weimar itself, given his particular constitution, he could not have awakened. Yet it is precisely in such a matter that one can see the deep connection between the creative work of a true artist—a great artist—and his unique experience. You see, someone who is not a great artist can simply write a drama bit by bit, page by page; he can do it quite well. The great poet cannot do this, for he needs to be deeply rooted in life. Goethe was therefore able to express the deepest, deepest truths in his Faust at a relatively early age—truths that far exceeded the capacity of his own soul. But he had to express a rejuvenation in Faust. Just imagine: Faust had to arrive at an entirely different state of mind; even though he is so deeply developed, he had to be rejuvenated. After all, despite all his depth, what he had absorbed into his soul up to that point had brought him close to suicide. He had to be rejuvenated. A petty person can quite well describe, perhaps in quite beautiful verses, how a person is rejuvenated. Goethe could not do so readily; he himself first had to be rejuvenated in Rome. That is why the rejuvenation scene in The Witches’ Kitchen was written in Rome, in the garden of the Villa Borghese. Goethe would not have dared to write this scene earlier.

[ 28 ] Nun, verbunden mit einer solchen Verjüngung, wie sie Goethe erlebt hat, ist ein wenn auch noch dumpfes Bewußtsein. Zu Goethes Zeit gab es noch keine Geisteswissenschaft: es konnte kein helles Bewußtsein sein, sondern nur ein dumpfes Bewußtsein. Mit einer solchen Verjüngung sind besondere Kräfte wieder verbunden, die schon in die nächste Inkarnation hinüberspielen. Da gliedern sich ineinander Erlebnisse, die dieser Inkarnation angehören, und mancherlei, was in die nächste Inkarnation hinüberspielt. Wenn man dies bedenkt, wird man auf eine besonders tiefbedeutsame Tendenz bei Goethe geführt. Sehen Sie, wenn ich diese persönliche Bemerkung einschalten darf: Ich beschäftige mich seit einer Reihe von Jahrzehnten, ich kann sagen seit 1879/80 eigentlich immer, intensiv seit 1885/86, mit Goethes Naturanschauung. Und ich habe in dieser Zeit die Anschauung gewonnen: In dem Impuls, den Goethe der Naturanschauung gegeben hat — von dem die heutigen Naturgelehrten, Naturwissenschafter, Naturdenker eigentlich gar nichts verstehen —, liegt etwas, das ausgebildet werden kann, aber erst in Jahrhunderten. So daß Goethe wohl wahrscheinlich, wenn er wiederkommen wird in anderer Inkarnation, noch die Möglichkeit finden wird, an dem zu gestalten, was er in dieser Inkarnation gerade aus seinen Naturanschauungen noch nicht hat fertigmachen können. Manche Dinge ahnt man heute noch gar nicht, die in Goethes Naturanschauung liegen. Darüber habe ich mich ja ausgesprochen in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» und in den Einleitungen zu «Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» in Kürschners Nationalliteratur. So daß man schon sagen kann: Goethe trägt mit seiner Naturanschauung etwas in sich, das in weite, weite Horizonte hinausweist, das aber innig zusammenhängt mit seiner Wiedergeburt, wie sie jetzt zwar nicht gerade in dieser Beziehung an Rom gebunden war, aber an das Lebensalter, das er in Rom durchlebte. Lesen Sie nach, wie ich die Dinge dargestellt habe, wie sich die Metamorphose der Pflanzen, der Tiere, Urpflanze, Urtier, während der italienischen Reise ausgestaltet, wie er, als er zurückkam, die Farbenlehre, die man heute noch gar nicht verstehen kann, in Angriff nahm, wie er ja noch andere Dinge in Angriff nahm; dann werden Sie sehen: Mit seiner Wiedergeburt hängt auch dieses Einleben in seine umfassende Naturanschauung zusammen. Dann hat er allerdings dasjenige, was sich in ihm selber im Laufe des Lebens ergeben hat, mit Faust in Beziehung gebracht, aber nicht so, wie es ein kleiner Dichter tut,sondern wie es ein großer Dichter tut. Faust erlebt die GretchenTragödie. Mitten in der Gretchen-Tragödie tritt uns plötzlich entgegen Faustens große Naturanschauung, die nun allerdings viel Verwandtes hat mit Goethes großer Naturanschauung, und die zum Ausdruck kommt in den Faust-Worten:

[ 28 ] Now, associated with such a rejuvenation as Goethe experienced is a consciousness, albeit still a vague one. In Goethe’s time, spiritual science did not yet exist: it could not have been a clear consciousness, but only a vague one. Such a rejuvenation is once again linked to special forces that already extend into the next incarnation. Here, experiences belonging to this incarnation intertwine with various elements that extend into the next incarnation. When one considers this, one is led to a particularly profound tendency in Goethe. You see, if I may interject this personal remark: I have been engaged with Goethe’s view of nature for a number of decades—I can say, in fact, almost continuously since 1879–80, and intensively since 1885–86. And during this time, I have come to the following conclusion: In the impulse that Goethe gave to the view of nature—which today’s naturalists, scientists, and thinkers about nature actually understand nothing of—there lies something that can be developed, but only over the course of centuries. So that Goethe will likely, when he returns in another incarnation, still find the opportunity to shape what he has not yet been able to complete in this incarnation based on his views of nature. There are many things in Goethe’s view of nature that we cannot even begin to fathom today. I have spoken at length about this in my book Goethe’s Worldview and in the introductions to Goethe’s Scientific Writings in Kürschner’s National Literature. So one can already say: With his view of nature, Goethe carries within himself something that points toward vast, vast horizons, yet is intimately connected with his rebirth—which, while not strictly tied to Rome in this regard, was linked to the period of his life that he spent in Rome. Read for yourself how I have described these things: how the metamorphosis of plants and animals—the primordial plant and the primordial animal—took shape during his Italian journey; how, upon his return, he undertook his theory of colors, which even today remains incomprehensible; and how he undertook other projects as well; then you will see that this immersion in his comprehensive view of nature is also connected to his rebirth. He then, of course, related what had developed within himself over the course of his life to Faust—but not as a minor poet would, but as a great poet does. Faust experiences the tragedy of Gretchen. In the midst of the Gretchen tragedy, Faust’s grand view of nature suddenly confronts us—a view that, admittedly, bears much resemblance to Goethe’s own grand view of nature, and which finds expression in Faust’s words:

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.

Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you merely allow me to be a cold, marveling visitor,
but grant me to gaze into its deep bosom,
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me, and teach me to know my brothers
in the silent thicket, in air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce, crashing down, sweeps aside
Neighboring branches and trunks,
And the hill thunders with a dull, hollow roar at its fall,
Then you lead me to the safe cave, show
Me to myself, and within my own breast
Secret, profound wonders unfold.

[ 29 ] Eine große Weltanschauung! Goethe schreibt sie dem Faust zu. Goethe hat sie erst gewonnen bis zu dieser Durchdringung der Seele während seiner Italienreise. Die Szene «Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles», ist auch in Rom geschrieben; die hatte Goethe nicht früher geschrieben. Denn diese zwei Szenen, die Verjüngungsszene in der «Hexenküche» und die Szene «Wald und Höhle»: «Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles», sie sind es gerade, die in Rom geschrieben worden sind.

[ 29 ] A grand worldview! Goethe attributes it to Faust. Goethe himself did not arrive at this profound insight into the soul until his trip to Italy. The scene “Sublime Spirit, you gave me, gave me everything” was also written in Rome; Goethe had not written it earlier. For these two scenes—the rejuvenation scene in the “Witches’ Kitchen” and the “Forest and Cave” scene: “Sublime Spirit, you gave me, gave me everything”—are precisely the ones that were written in Rome.

[ 30 ] Da sehen Sie einen wirklichen Rhythmus in diesem Goethe-Leben, einen Rhythmus, der einen innerlichen Impuls verrät, so wie der Rhythmus von Wachen und Schlafen im Menschen einen inneren Impuls verrät. Wir können an einem solchen Leben, wie das Goethe-Leben es ist, besonders anschaulich manche Gesetze studieren, aber es wird sich uns zeigen, wie dasjenige, was bei großen Persönlichkeiten uns an Gesetzen entgegentritt, für das Leben jedes einzelnen wichtig werden kann. Denn schließlich walten doch die Gesetze, die bei einem Großen walten, bei jedem einzelnen Menschen. Über Lebenszusammenhänge nun, wie sie von diesem Gesichtspunkte aus gewonnen werden können, wollen wir morgen weiter sprechen.

[ 30 ] There you can see a true rhythm in Goethe’s life, a rhythm that reveals an inner impulse, just as the rhythm of waking and sleeping in human beings reveals an inner impulse. We can study certain laws particularly vividly in a life such as Goethe’s, but it will become clear to us how the laws we encounter in great personalities can become important for the life of every individual. For, after all, the laws that govern a great person also govern every single human being. Tomorrow we will continue to discuss the interconnections of life as they can be understood from this perspective.