The Karma of a Person's Profession
in Relation to Goethe's Life
GA 172
4 November 1916, Dornach
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The Karma of a Person's Profession in Relation to Goethe's Life, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Ich werde nun morgen damit beginnen, über die Probleme zu sprechen, die ich schon andeutete: über den Zusammenhang der geisteswissenschaftlichen Impulse mit mancherlei ungeklärten Aufgaben der gegenwärtigen Zeit und über den Einfluß, den Geisteswissenschaft auf einzelne, namentlich auf wissenschaftliche Probleme nehmen muß, und ich möchte dann hinweisen, wie ich schon sagte, auf das, was ich im Sinne des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes nennen möchte das Karma des Berufes der Menschen.
[ 1 ] Tomorrow I will begin by discussing the issues I have already alluded to: the connection between the impulses of spiritual science and various unresolved challenges of the present age, and the influence that spiritual science must exert on individual—and specifically scientific—problems; and I would then like to point out, as I have already said, what I would like to call, in the sense of the fifth post-Atlantean cultural epoch, the karma of people’s professions.
[ 2 ] Heute werde ich den Ausgangspunkt nehmen von etwas scheinbar, aber eben nur scheinbar damit wenig Zusammenhängendem. Aber dieser Ausgangspunkt wird die Möglichkeit bieten zu mancherlei Anknüpfungspunkten. Ich werde nämlich heute versuchen, dasjenige im Leben Goethes zu zeigen, was Goethe als eine Persönlichkeit des fünften nachatlantischen Zeitraumes besonders charakterisiert. Manches, was ich besonders in der letzten Zeit schon angedeutet habe, wird ja allerdings dabei wieder anklingen. Allein ich möchte gerade eine auf diese Persönlichkeit bezügliche Reihe von Tatsachen vor ihre Seele eben führen, von Tatsachen, welche für jeden die Möglichkeit bieten, am unmittelbar Tatsächlichen wichtige Erscheinungen des aufgehenden fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes sich zu charakterisieren. Ist ja Goethes Leben und Persönlichkeit etwas so Umfassendes und Einschneidendes mit Bezug auf geistige Menschheitsangelegenheiten, wie das von kaum einer anderen Persönlichkeit so leicht gesagt werden kann; und ist auf der anderen Seite, kann man sagen, für das Leben bis in unsere Tage herein trotz vielem, was geschehen ist, dieses Leben und diese Persönlichkeit Goethes so unwirksam geblieben wie nur irgend möglich. Das hängt aber mit der ganzen Eigentümlichkeit unserer neueren Kultur zusammen. Man kann sagen: Wie sollte überhaupt behauptet werden können, Goethes Leben sei unwirksam geblieben? Kennt man nicht seine Werke? Ist nicht erst in jüngster Zeit eine Goethe-Ausgabe mit Hunderten von Bänden erschienen? War nicht schon die Zahl der veröffentlichten Briefe Goethes um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert sechs- bis siebentausend? — und sie wird wohl heute kaum weniger als zehntausend sein. Gibt es nicht eine reiche Literatur über Goethe, man kann fast sagen, in allen Kultursprachen? Werden nicht seine Werke immer wieder und wiederum aufgeführt? Wird nicht gerade das Zentralste seiner Werke, «Faust», immer wieder und wiederum den Menschen vor die Seele geführt?
[ 2 ] Today I will take as my starting point something that seems—but is only seemingly—unrelated to the subject at hand. Yet this starting point will offer the opportunity for various points of connection. For today I will attempt to show what it is in Goethe’s life that particularly characterizes him as a figure of the fifth post-Atlantean epoch. Some of what I have already hinted at, especially in recent times, will certainly resurface here. Yet I would like to present to her soul a series of facts specifically related to this personality—facts that offer everyone the opportunity to discern, through immediate reality, important manifestations of the dawning fifth post-Atlantean cultural epoch. For Goethe’s life and personality are something so all-encompassing and profound with regard to the spiritual affairs of humanity that this can hardly be said of any other figure with such ease; and yet, on the other hand, one might say that, despite much of what has happened, this life and this personality of Goethe’s have remained as ineffective as possible for life right up to the present day. But this is connected to the entire peculiarity of our modern culture. One might ask: How could anyone even claim that Goethe’s life has remained ineffective? Are his works not known? Has not a Goethe edition comprising hundreds of volumes been published just recently? Was the number of Goethe’s published letters not already six to seven thousand at the turn of the 19th to the 20th century? — and today it is likely to be no fewer than ten thousand. Is there not a rich body of literature on Goethe—one might almost say, in every major language? Are his works not performed again and again? Is not the very heart of his oeuvre, Faust, constantly brought to the forefront of people’s minds?
[ 3 ] Nun, ich habe mehrfach in der letzten Zeit einen merk würdigen Irrtum eines neueren großen Gelehrten angeführt, der doch viel mehr, als man meint, symptomatisch, bezeichnend ist für unsere Gegenwart. Ein großer Naturforscher der Gegenwart, ein tonangebender Naturforscher will über dieBedeutung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung in der Gegenwart sprechen, so, daß er diese naturwissenschaftliche Weltanschauung als das Glanzvollste nicht nur unserer Zeit, sondern aller Menschheitszeiten anführen will, und er schwingt sich dann auf zu dem Satze: Wenn es auch schwer zu erweisen ist, daß wir in der besten der Welten leben, sicher ist mindestens für den Naturforscher, daß wir Menschen der Gegenwart in der besten der Zeiten leben, und man könnte mit Goethe, dem großen Welt- und Menschenkenner, in die Worte ausbrechen:
[ 3 ] Well, I have recently cited on several occasions a remarkable error made by a prominent contemporary scholar, one that is, in fact, far more symptomatic and indicative of our present age than one might think. A great contemporary natural scientist—a leading figure in the field—wishes to speak about the significance of the scientific worldview today, presenting this scientific worldview as the most glorious not only of our time but of all human history, and he then rises to the following statement: “Even if it is difficult to prove that we live in the best of all possible worlds, it is at least certain—for the natural scientist, at any rate—that we, the people of the present, live in the best of all possible times; and one might, with Goethe, the great connoisseur of the world and of human nature, exclaim:
...es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.
...it is a great delight,
To put oneself in the spirit of the times,
To see how a wise man thought before us,
And how we have ultimately come so far.
[ 4 ] Und dieser große Naturforscher irrt sich in der Weise, daß er dies als seine innerste Gesinnung angibt und glaubt, anzuknüpfen an den großen Welt- und Menschenkenner Goethe; er knüpft aber nur an den Wagner an, der von Goethe der Faust-Gestalt gegenübergestellt wird. Es liegt doch in einem solchen Irrtum wenigstens ein gut Stück Ehrlichkeit unserer Zeit, denn wahrer spricht der Mann doch als all die zahlreichen Menschen, die heute Goethe zitieren, die den «Faust» im Munde führen, aber mit echter unverfälschter Wagner-Gesinnung dies tun. Lassen wir also einmal als Grundlage für die Betrachtung Goethes Leben als geistige Erscheinung vor unseren Blicken vorüberziehen.
[ 4 ] And this great naturalist is mistaken in that he presents this as his innermost conviction and believes he is following in the footsteps of Goethe, the great connoisseur of the world and of humanity; but he is in fact following only in the footsteps of Wagner, whom Goethe contrasts with the figure of Faust. Yet such an error contains at least a good measure of honesty characteristic of our time, for this man speaks more truthfully than all the countless people who quote Goethe today, who speak of Faust, but do so with a genuine, unadulterated Wagnerian mindset. Let us, then, allow Goethe’s life to pass before our eyes as a spiritual phenomenon, serving as the foundation for our reflection.
[ 5 ] Sie wissen, Goethe ist in einer Stadt geboren und unter Verhältnissen, die, wenn man den Zusammenhang des Menschenlebens mit den großen Schicksalsfragen, den Karmafragen, studieren will, sich für Goethes Leben als recht bedeutsam erweisen. Im 17. Jahrhundert ist die väterliche Familie Goethes in Frankfurt am Main eingewandert. Alteingesessen ist die mütterliche Familie, angesehen ist diese mütterliche Familie in Frankfurt am Main, so angesehen, daß, was ja wirklich für das. Ansehen einer Familie in der damaligen Zeit für eine solche Stadt viel besagt, aus der Familie der Textor, aus der mütterlicherseits Goethe hervorgegangen ist, die Bürgermeister von Frankfurt gewählt wurden. Goethes Vater war ein außerordentlich von Pflichtgefühl durchsetzter Mann, aber auch ein Mann, der für die damalige Zeit weitgehende Interessen hatte. Er hatte selbst Reisen in Italien gemacht, von bedeutenden Erscheinungen der römischen Welt Nachbildungen an allen Wänden seines Frankfurter Patrizierhauses hängen, und er sprach gerne von die„sen Dingen. Und was von der Kultur der damaligen Zeit, von der ja das damalige Frankfurter Leben noch ganz durchsetzenden französischen Kultur, sich geltend machte, das spielte sich alles so ab, daß Goethes Haus daran den innigsten Anteil nahm. Die großen Welterscheinungen spielten schon herein in dieses Goethe-Haus, und Goethes Vater war innig daran interessiert. Und Goethes Mutter war eine Frau von ursprünglichster menschlicher Gesinnung, von, man möchte sagen, allerunmittelbarstem Anteil für alles dasjenige, was die menschliche Natur anknüpft an das Legendarische, das Märchenhafte, dasjenige, was den Menschen wie auf Flügeln einer poetischen, phantasievollen Gesinnung hinausträgt über das Alltägliche.
[ 5 ] As you know, Goethe was born in a city and under circumstances that, if one wishes to study the connection between human life and the great questions of destiny—the questions of karma—prove to be quite significant for Goethe’s life. In the 17th century, Goethe’s paternal family immigrated to Frankfurt am Main. Goethe’s maternal family was long-established and highly respected in Frankfurt am Main—so highly respected, in fact, that—which truly speaks volumes about a family’s standing in such a city at that time—mayors of Frankfurt were elected from the Textor family, from which Goethe descended on his mother’s side. Goethe’s father was a man deeply imbued with a sense of duty, but also a man with interests that were far-reaching for his time. He had traveled to Italy himself; replicas of significant works from the Roman world hung on every wall of his patrician house in Frankfurt, and he liked to speak of the “great things.” And whatever aspects of the culture of that era—particularly the French culture that still permeated life in Frankfurt at the time—made their mark, all of this unfolded in such a way that the Goethe household took the most heartfelt interest in it. The great events of the world were already making their way into this Goethe household, and Goethe’s father was deeply interested in them. And Goethe’s mother was a woman of the most genuine human disposition, possessing—one might say—the most immediate interest in everything that human nature connects to the legendary, the fairy-tale-like, that which carries people, as if on the wings of a poetic, imaginative spirit, beyond the mundane.
[ 6 ] Und mehr als den Menschen in unserer Zeit war es Goethe möglich, in seiner Zeit aufzuwachsen, unbeirrt von jenen Störungen, die sich in unserer Zeit ja viel mehr einstellen als eben in der damaligen Zeit, von jenen Störungen, die sich einstellen dadurch, daß der Mensch in verhältnismäßig frühen Lebensjahren in die Schule geschleppt wird. Goethe wurde nicht in dieSchule geschleppt, sondern konnte sich frei im Elternhause entwickeln und entwickelte sich auch unter dem Einflusse des strengen, nie derben Vaters, unter dem Einfluß der poetisch veranlagten Mutter in außerordentlich freier Weise. Und er entwickelte sich so, daß er in späteren Jahren wirklich mit inniger Befriedigung an diese seine Knabenjahre, Kinderjahre, zurückdenken konnte, denn er entwickelte sich in reinem Menschentum. Manche Dinge, die man heute, nur mit einem etwas pedantischen Humor ausgestattet, in Goethes Lebensbeschreibung «Dichtung und Wahrheit» liest, haben doch eine viel größere Bedeutung, als man vielleicht denkt. Wenn Goethe selbst erzählt, wie er den Klavierunterricht absolviert hat, so ist es durchaus auf tiefe menschliche Zusammenhänge hinweisend, daß da, ich möchte sagen, wie vor dem Auge mythologisch sich abspielend, die verschiedenen Finger der Hand zu beseelten selbständigen Gestalten werden, zu Däumerling, zu Deuterling die Finger werden, und dieser Däumerling und Deuterling, ich möchte sagen, ohne Sentimentalität gewisse mystische Beziehungen zu den Tönen gewinnen. Es bezeugt das, wie Goethe als ganzer Mensch hineingeführt werden sollte ins Leben. Nicht sollte einseitig bloß ein Stück dieses Menschen, wie es so häufig geschieht, nämlich der Kopf eingeführt werden in das Menschenleben, und dann, wenn man den Kopf unterstützen will, noch der übrige Leib durch allerlei Turnerisches oder Sportliches, sondern es sollte der durchgeistigte Menschenleib, der bis in die Fingerspitzen hinein durchgeistigte Menschenleib zu der Außenwelt in Beziehung treten.
[ 6 ] And more than people in our time, Goethe was able to grow up in his own era, undisturbed by those disruptions that occur far more frequently in our time than they did back then—those disruptions that arise because children are dragged off to school at a relatively early age. Goethe was not dragged off to school, but was able to develop freely in his parents’ home; under the influence of his strict but never harsh father and his poetically inclined mother, he developed in an extraordinarily free manner. And he developed in such a way that in later years he could truly look back on his boyhood and childhood with deep satisfaction, for he developed in pure humanity. Many things that one reads today in Goethe’s autobiography Poetry and Truth—with only a somewhat pedantic sense of humor—actually have a much greater significance than one might think. When Goethe himself recounts how he took piano lessons, it is certainly indicative of deep human connections that there, I would say, as if unfolding mythologically before one’s eyes, the various fingers of the hand become animated, independent figures—the fingers become Thumbelina and Index-finger—and these Thumbelina and Index-finger, I would say, without sentimentality, acquire certain mystical connections to the notes. This testifies to how Goethe, as a whole human being, was to be introduced into life. It was not to be a one-sided introduction of merely one part of this human being—as so often happens—namely the head, into human life; and then, in order to support the head, the rest of the body through all sorts of gymnastics or sports; rather, it was the spiritualized human body—the human body spiritualized right down to the fingertips—that was to enter into a relationship with the outside world.
[ 7 ] Dazu müssen wir nun rechnen die durchaus vom Anfange an scharfe Individualität zeigende Anlage und Natur Goethes. Alles deutet auf eine bestimmte Wegrichtung des Lebens von frühester Jugend an hin. Er ist ebenso geneigt, wie er so heranwächst, hingebungsvoll zu folgen den anmutigen, anregenden Märchen und sonstigen Erzählungen der Mutter und dadurch schon als Knabe seine Phantasie in ein lebendiges Spiel zu bringen, wie er geneigt ist, sich, wenn es geht, auch den Blicken der Mutter und namentlich des strengen Vaters zu entziehen, sich in die engen Gassen zu schleichen und da nicht nur allerlei Verhältnisse früh zu beobachten, sondern sich sogar in allerlei Verhältnisse früh zu verstricken, wodurch er mancherlei, was sich ablagert auf das menschliche Karma, in lebendigem Empfinden und lebendigem Fühlen früh durchmacht. Der Vater ist ein strenger Mann, der, man möchte sagen, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit den Knaben hinlenkt zu dem, was nach damaliger Anschauung allein dem Menschen Halt und Richtung geben kann im Leben. Der Vater ist Jurist, in romanischen Anschauungen aufgewachsen, von romanischen Anschauungen durchdrungen, durchdringt auch das Knabengemüt mit den juristisch-romanischen Anschauungen. Dabei aber entzündet sich schon in der Knabenseele früh aus dem Anblicke der Bilder, die Römisches darstellen, Roms Kunstwerke und Kunstschätze, ein gewisser Drang nach demjenigen, was innerhalb der römischen Kultur geschaffen worden ist.
[ 7 ] To this we must now add Goethe’s disposition and nature, which displayed a keen individuality from the very beginning. Everything points to a specific direction in his life from his earliest youth. Just as he is inclined, as he grows up, to devotedly follow his mother’s charming, inspiring fairy tales and other stories—and thereby, even as a boy, to bring his imagination to life through play—so too is he inclined, whenever possible, to slip away from the gaze of his mother and, in particular, his strict father, to sneak into the narrow alleys, and there not only to observe all manner of circumstances at an early age but even to become entangled in them, through which he experiences at an early age, with vivid sensation and feeling, many things that become part of human karma. The father is a strict man who, one might say, with a certain matter-of-factness, guides the boy toward what, according to the views of the time, alone can provide a person with stability and direction in life. The father is a lawyer, raised in the Roman tradition, imbued with Roman views, and he also instills these legal-Roman views in the boy’s mind. Yet even at an early age, the sight of images depicting Roman life—Rome’s works of art and artistic treasures—kindles within the boy’s soul a certain yearning for what has been created within Roman culture.
[ 8 ] Alles geht darauf hinaus, Goethe in einer ganz bestimmten Art in das Leben seiner Zeit hereinzustellen. Dadurch wird er, ich möchte sagen, im 3. bis 4. Jahrhundert der fünften nachatlantischen Periode eine Persönlichkeit, die alle Impulse der aufgehenden fünften nachatlantischen Periode in sich trägt. Er wird gewissermaßen früh eine auf sich selbst gestellte, aus sich heraus lebende Persönlichkeit: nichts von dem, was den Menschen verbindet in starrer, pedantischer Weise mit gewissen Formen, die sich ihm aufdrängen aus diesen oder jenen sozialen Verhältnissen heraus. Er lernt die sozialen Verhältnisse so kennen, daß sie ihn berühren, aber er wird nicht zusammengeschmiedet mit ihnen. Er bewahrt sich immer gewissermaßen einen Isolierschemel, auf dem er steht und von dem aus er zu allem ein Verhältnis gewinnen kann, aber mit nichts so zusammenwächst, wie viele Menschen von frühester Zeit an mit den umliegenden Verhältnissen zusammenwachsen. Gewiß, das alles ist Folge eines besonders günstigen Karmas. Aber wenn wir in einer objektiven Weise dieses Karma betrachten, werden sich uns wichtige karmische Fragen und Probleme überhaupt lösen können.
[ 8 ] It all boils down to placing Goethe within the life of his time in a very specific way. As a result, I would say that in the 3rd to 4th centuries of the fifth post-Atlantean epoch, he becomes a personality who embodies all the impulses of the dawning fifth post-Atlantean epoch. In a sense, he becomes early on a self-reliant personality who lives from within himself: nothing of what binds people in a rigid, pedantic way to certain forms imposed on them by these or those social conditions. He comes to know social conditions in such a way that they affect him, but he is not fused with them. He always retains, so to speak, a kind of isolated platform on which he stands and from which he can relate to everything, yet he does not become so intertwined with anything as many people do from the earliest days with the conditions surrounding them. Certainly, all of this is the result of particularly favorable karma. But if we examine this karma objectively, important karmic questions and problems will be able to resolve themselves for us.
[ 9 ] Dann wird Goethe, nachdem er von seinem Vater in die Juristerei eingeführt worden war, auf die Universität Leipzig versetzt. Er tritt .1765, also in verhältnismäßig früher Zeit, in das Leben an der Universität Leipzig ein. Man darf nicht vergessen, wie er in dieses Leben der Universität Leipzig eintritt: nicht zermartert und zerfasert von denjenigen Anstrengungen, welche junge Menschen in unserer Zeit bis in ein weit späteres Lebensjahr hinein durchmachen müssen, um das Abiturium zu absolvieren, und dann, zermartert und zerfasert nach absolviertem Abiturium, mit der Sehnsucht, hinwegzufegen dasjenige, was man da gelernt hat, wenigstens bis zu einem hohen Grade hinwegzufegen, an das Hochschulstudium heranzutreten, um nun einmal das Leben zu genießen. Er war nicht an die Universität Leipzig gekommen, um durchaus bloß zu schwänzen — für diejenigen, denen die deutsche Sprache nicht ganz geläufig ist, bemerke ich, daß «schwänzen» heißt: nicht in die Vorlesungen gehen, sondern während der Zeit der Vorlesungen etwas anderes treiben —, aber er hat dann doch dieses Schwänzen in reichlichem Maße getrieben. Er trat ja, indem er in das Leben, in das hohe wissenschaftliche Leben, in das berühmte wissenschaftliche Leben der Universität Leipzig eintrat, ein in Kreise, welche ihm eine tiefe Sehnsucht erwecken mußten, solange er von ihnen hörte. Er hatte ja gehört: An der Universität Leipzig wirkt vor allen Dingen der große Gottsched, jener große Gottsched, welcher die Bildung der damaligen Zeit in seinem Haupte verschloß und in zahlreichen Kanälen schriftlicher und mündlicher Art in das damalige Dasein derjenigen einfließen ließ, die mit Leipzigs Kultur zusammenhingen. Lebte nun zwar noch neben Gottscheds Einfluß Lessings großer Impuls in Leipzig, so war es doch für Goethe zunächst so, daß er sich zu denken hatte, er werde durch Gottscheds erhabene Gestalt eingeführt werden in den ganzen Umkreis der damaligen Weisheit, werde da zusammengefaßt studieren können Juristerei und Philosophie und auch dasjenige, was dem Weltmenschen von der Theologie, von der Gelehrsamkeit über die überirdischen Dinge wird.
[ 9 ] Then, after his father had introduced him to the study of law, Goethe was sent to the University of Leipzig. He began his life at the University of Leipzig in 1765—that is, at a relatively early age. One must not forget how he entered this life at the University of Leipzig: not worn down and frayed by the kinds of struggles that young people in our time must endure well into their later years in order to complete high school, and then, worn out and frayed after passing the Abitur, with a longing to sweep away—or at least to a large extent sweep away—what they had learned there, to embark on university studies so they could finally enjoy life. He had not come to the University of Leipzig merely to skip classes—for those who are not entirely familiar with the German language, I should note that “schwänzen” means not attending lectures but doing something else during lecture hours—but he did, in the end, engage in this skipping of classes to a considerable extent. After all, by entering into life—into the lofty academic life, into the renowned academic life of the University of Leipzig—he entered circles that were bound to awaken a deep longing in him as long as he heard about them. He had heard, after all, that at the University of Leipzig, the great Gottsched was the dominant figure—that very Gottsched who encapsulated the education of his time in his mind and channeled it, through numerous written and oral means, into the lives of those connected to Leipzig’s cultural sphere. Although Lessing’s great influence still coexisted with Gottsched’s in Leipzig, yet for Goethe, at first, it seemed that he would be introduced by Gottsched’s sublime figure to the entire sphere of the wisdom of that time, and would be able to study there, in a comprehensive manner, law and philosophy, as well as that which theology and scholarship concerning the supernatural offer to the cosmopolitan.
[ 10 ] Es war allerdings eine kleine Enttäuschung, die sich für Goethe, der nun schon einmal einen gewissen Sinn für Ästhetik hatte, ergab, als er seinen ersten Besuch bei Gottsched machte. Er kam vor Gottscheds Türe an; der Diener — ich weiß nicht, ob er schon dazumal irgend etwas fühlte von dem, was in Goethe lebte —, er ließ, ohne in der nötigen Weise sich Zeit zu gönnen, Gottsched den Goethe-Besuch in der richtigen Weise zu melden, Goethe so ohne weiteres zu Gottsched hinein, so daß Goethe Gottsched traf, den großen Mann, als dieser — ja, seine Perücke nicht auf hatte, sondern in dem Glatzkopf da war. Das war für einen Gelehrten der damaligen Zeit — wir stehen im Jahre 1765! etwas ganz Furchtbares. Und nun mußte Goethe, der ja eindrucksvoll für solche Dinge war, anschauen, wie Gottsched dann mit einer graziösen Wendung schnell seine Perücke faßte und sich über den Glatzkopf stülpte, aber mit der anderen Hand seinem Diener eine gewaltige Ohrfeige versetzte. So war Goethe denn doch ein wenig abgekühlt. Er wurde dann noch mehr abgekühlt dadurch, daß Gottscheds Art wenig dem entsprach, wonach er sich sehnte. Auch Gellerts moralische Vorlesungen sprachen ihm nicht von so weiten Gesichtskreisen, als er verlangte. Und so kam es, daß er sich in Leipzig bald mehr den medizinischen, naturwissenschaftlichen Vorlesungen zuwandte, von denen er gewissermaßen eine Art von Fortsetzung erlebte im Hause des Professors Ludwig, in dem er seinen Mittagstisch hatte und in dem man viel dergleichen Dinge besprach. Man kann nicht sagen, daß Goethe in Wirklichkeit in Leipzig «Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert» habe, aber er hatte sich die Dinge angesehen und hatte vor allen Dingen viele naturwissenschaftliche Vorstellungen der damaligen Zeit schon in Leipzig aufgenommen.
[ 10 ] It was, however, a minor disappointment for Goethe—who already possessed a certain sense of aesthetics—when he paid his first visit to Gottsched. He arrived at Gottsched’s door; the servant—I don’t know if he already sensed anything at that time of what was going on inside Goethe— without taking the necessary time to properly announce Goethe’s visit to Gottsched, simply let Goethe in to see Gottsched, so that Goethe encountered Gottsched, the great man, when the latter—yes—was not wearing his wig but was standing there with a bald head. For a scholar of that time—we’re talking about the year 1765!—that was something absolutely dreadful. And now Goethe, who was, after all, easily impressed by such things, had to watch as Gottsched, with a graceful movement, quickly grabbed his wig and pulled it over his bald head, while at the same time delivering a powerful slap to his servant’s face with his other hand. So Goethe’s enthusiasm cooled off a bit after all. It cooled off even more when he realized that Gottsched’s manner was far from what he had been longing for. Nor did Gellert’s lectures on ethics offer him the broad perspectives he demanded. And so it came to pass that in Leipzig he soon turned his attention more to lectures on medicine and the natural sciences, which he experienced, in a sense, as a continuation at the home of Professor Ludwig, where he had his lunch and where such topics were frequently discussed. One cannot say that Goethe actually “studied philosophy, law, medicine, and, unfortunately, theology in depth” in Leipzig, but he had examined these subjects and, above all, had already absorbed many of the scientific ideas of the time while in Leipzig.
[ 11 ] Dann erlebte er — und solche Dinge müssen für denjenigen, der das Menschenleben geisteswissenschaftlich betrachtet, durchausberücksichtigt werden —, nachdem er sich in mancherlei Wissenschaften herumgetrieben hatte, nachdem er auch mancherlei vom Leben gesehen hatte, auch in mancherlei Lebensaffären hineinverwickelt worden war, eine Todkrankheit. Er schaute dem Tod ins Angesicht. Man muß sich vergegenwärtigen, daß dazumal vieles durch Goethes Seele zog, während er infolge eines außerordentlich heftigen Blutsturzes, der sich mehrmals wiederholte, wirklich dem Tod gegenüberstand. Er war nun schwach, mußte nach Hause und konnte erst nach einiger Zeit seine Universitätsstudien fortsetzen. Das tat er nun in Straßburg. Und in Straßburg trat er in die Kreise einer sehr bedeutenden Persönlichkeit, die ihm außerordentlich viel sein konnte. Nun muß man, um zu beurteilen, mit welchen Gefühlen Goethe gerade dieser Persönlichkeit entgegentrat, in Betracht ziehen, daß Goethe, als er unter dem Eindrucke jener innersten Seelenerlebnisse, die er dem Tode gegenüber in Leipzig durchgemacht hatte, nach Frankfurt zurückgekommen war, schon angefangen hatte, durch mancherlei menschliche Zusammenhänge, in die er da gekommen war, sich zu vertiefen in mystisches Erleben und mystisches Auffassen der Welt. Schon dazumal vertiefte er sich in mystisch-okkulte Schriften, versuchte sich in seiner Art, noch jugendlich, ein Weltensystem, ein Weltanschauungssystem zusammenzustellen, welches von mystischen, man könnte sagen, mystisch-kabbalistischen Gesichtspunkten ausging. Er versuchte wirklich dazumal schon so etwas wie: zu erkennen, «was die Welt im Innersten zusammenhält», versuchte auf sich wirken zu lassen «alle Wirkenskraft und Samen», und wollte nicht, wie er das in Leipzig hat mitansehen müssen, «in Worten kramen».
[ 11 ] Then—and such things must certainly be taken into account by anyone who views human life from a spiritual-scientific perspective—after he had dabbled in various fields of study, after he had also seen much of life and had become entangled in various life affairs, he contracted a terminal illness. He looked death in the face. One must bear in mind that at that time many things were stirring within Goethe’s soul, while he was truly facing death as a result of an extraordinarily severe hemorrhage that recurred several times. He was now weak, had to return home, and was only able to resume his university studies after some time. He did so in Strasbourg. And in Strasbourg, he entered the circle of a very prominent figure who meant an extraordinary great deal to him. Now, in order to assess the feelings with which Goethe approached this particular figure, one must take into account that Goethe, upon returning to Frankfurt under the influence of those most intimate spiritual experiences he had undergone in the face of death in Leipzig, had already begun—through various human connections he had encountered there—to immerse himself in mystical experiences and a mystical understanding of the world. Even back then, he was immersing himself in mystical and occult writings, attempting in his own way—still in his youth—to construct a worldview, a system of thought, based on mystical, one might say mystical-Kabbalistic, perspectives. Even back then, he was truly attempting something like this: to discern “what holds the world together at its very core,” to allow “all active forces and seeds” to take effect within him, and he did not want—as he had been forced to witness in Leipzig—“to rummage through words.”
[ 12 ] Da kam er nun nach Straßburg, wo er ja insbesondere wiederum naturwissenschaftliche Vorlesungen hören konnte, denen er sich auch zunächst zuwandte. Die Juristerei, die besonders seinem Vater — weniger ihm selbst — stark am Herzen lag, nun, über die dachte er: Das wird sich auf irgendeine Weise schon finden. — Aber er hatte den Drang, die Gesetzmäßigkeit der Natur kennenzulernen. Da trat er einmal, als er über eine Treppe hinaufging in Straßburg, einer Persönlichkeit entgegen, die durch ihr Äußeres und ein durch das geistvolle Antlitz blikkendes Inneres auf ihn sogleich, augenblicklich einen ungeheuren Eindruck machte. Das Äußere: Nun, es kam ein Mann, der allerdings einen gewissen priesterlichen Eindruck machte, der aber den langen Mantel so trug, daß er die langen Schleifen hinten in die Taschen hineingesteckt hatte, merkwürdigerweise, aber der einen glanzvollen Eindruck auf Goethe machte. Es war Herder. Und nun lebte er sich ein auf der einen Seite in all dasjenige, was dazumal in Herder brauste. In Herder lebte dazumal außerordentlich viel. Man möchte sagen: Herder trug in sich eine ganz neue Weltanschauung. Was im Grunde genommen noch nie in der Art unternommen worden war, Herder trug es geistvoll in sich: zu verfolgen die Welterscheinungen von dem Einfachsten herauf, von dem einfachsten Unlebendigen, durch das Pflanzen-, das Tierreich bis herauf zum Menschen, bis zu der Geschichte und bis zu der göttlichen Weltenregierung in der Geschichte. Ein großes, umfassendes Weltanschauungsbild lebte dazumal schon in Herder. Und Herder sprach. mit Begeisterung, aber auch, wo es sich darum handelte, mit Empörung gegen all das hergebrachte Zopfliche, von seinen neuen Ideen. Und an vielen Gesprächen Herders konnte sich Goethe erwärmen. Daß alles in der Welt in Entwickelung ist und daß ein geistiger Weltenplan alle Entwickelung trägt: in solchem Zusammenhange, wie es Herder dazumal sah, hatte man es noch nie gesehen. Aber Herder hatte ja all das noch nicht geschrieben; es war ja alles im Werden. Und Goethe empfing es im Werden und nahm teil an dem Streben, Sinnen, Kämpfen Herders. Man möchte sagen: Vom Staubkorn angefangen, durch alle Reiche der Natur bis zum Gott hinauf wollte Herder die Entwickelung der Welt verfolgen, wie er es dann in so großem, umfassendem Stile getan hat, soweit es in der damaligen Zeit notwendig war, in dem unvergleichlich großen Werke «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit». Da sehen wir wirklich, wie in diesem Geiste Herders zusammengefaßt wird alles, was bekannt war an Tatsachen des Natur- und Menschenreiches in der damaligen Zeit. Aber es wurde alles das zusammengefaßt zu einer vom Geiste durchdrungenen Weltanschauung.
[ 12 ] So he arrived in Strasbourg, where he was once again able to attend lectures in the natural sciences in particular, and he initially devoted himself to those. As for law—which was especially close to his father’s heart, though less so to his own—he thought: “That will work itself out somehow.” — But he felt a strong urge to understand the laws of nature. Then one day, as he was walking up a flight of stairs in Strasbourg, he came face to face with a man who, through his appearance and the inner spirit shining through his intelligent face, made an immense impression on him immediately, in an instant. The outward appearance: Well, here came a man who certainly gave off a certain priestly air, but who wore his long coat in such a way that he had tucked the long tails into his back pockets—strangely enough—yet this made a brilliant impression on Goethe. It was Herder. And now he immersed himself, on the one hand, in everything that was surging within Herder at that time. There was an extraordinary abundance of life within Herder back then. One might say: Herder carried within him an entirely new worldview. What, in essence, had never before been undertaken in this way, Herder carried within him with great insight: to trace the phenomena of the world from the simplest beginnings, from the simplest inanimate matter, through the plant and animal kingdoms, all the way up to humanity, to history, and to the divine governance of the world within history. A grand, comprehensive worldview was already alive within Herder at that time. And Herder spoke of his new ideas with enthusiasm, but also—when the occasion called for it—with indignation against all the traditional, outdated conventions. And Goethe was inspired by many of Herder’s conversations. That everything in the world is in a state of development and that a spiritual plan for the universe underlies all development: in the context in which Herder saw it at that time, no one had ever viewed it that way before. But Herder had not yet written any of this down; it was all still in the making. And Goethe received it as it was taking shape and shared in Herder’s striving, contemplation, and struggles. One might say: Beginning with a speck of dust, through all the realms of nature and up to God, Herder sought to trace the development of the world, as he then did in such a grand, comprehensive style—to the extent necessary at that time—in his incomparably great work Ideas for a Philosophy of the History of Mankind. There we truly see how Herder’s spirit synthesizes everything that was known at that time regarding the facts of the natural and human realms. But all of this was synthesized into a worldview permeated by the spirit.
[ 13 ] Daneben wirkte nach aus Herders Geist in Goethe hinein dasjenige, was Spinoza in die neuere Weltanschauungsentwickelung hineingebracht hat. Und die Hinneigung, die Goethe sich sein Leben lang für Spinoza bewahrte, sie keimte dazumal in Straßburg durch Herder auf. Außerdem war Herder, was in der damaligen Zeit noch unerhört war, ein begeisterter Verehrer Shakespeares. Man muß sich nur denken, wie diese eigentümliche Seelenpolarität zwischen Goethe und Herder wirken mußte, da Goethe kam, erfüllt mit der Sehnsucht zu schauen alles dasjenige, was ihm die zeitgenössische Bildung nicht geben konnte, wie er in Herder gewissermaßen einen revolutionären, gegen diese Zeitbildung anstürmenden Geist allerersten Ranges fand. Goethe hatte bis dahin verehren gelernt jene Formkunst, welche in Corneille, in Racine lebt, hatte dies alles aufgenommen, wie ein Mensch Dinge aufnimmt, von denen er hört, daß sie das Bedeutendste in der Welt sind. Aber all das hatte er doch aufgenommen mit einer inneren Empörung. Und wie ein Labsal wirkte es auf seine Seele, als er durch Herder in Shakespeare eingeführt wurde, in den Dichter, der frei war von allem Formalen, der Gestalten schuf aus der unmittelbar menschlichen Individualität heraus, der nichts von dem hatte, was Goethe so hoch verehren gelernt hatte: Einheit der Zeit, Einheit des Ortes, der Handlung — sondern der Menschen hingestellt hatte. Und man möchte sagen: Auf den Namen Shakespeare getauft, lebte sich in Goethes Seele ein eine innere kulturrevolutionäre Gesinnung, die man etwa so aussprechen kann, daß man sagt: Ich will den Menschen kennenlernen, nicht wie der Mensch in formale Regeln und formale Gesetze in den Weltzusammenhang eingespannt wird, nicht das Netz von Einheiten der Situation, der Zeit, des Ortes, der Handlung, sondern den Menschen will ich fassen.
[ 13 ] In addition, what Spinoza had contributed to the development of modern worldviews also found its way into Goethe through Herder’s influence. And the affinity that Goethe maintained for Spinoza throughout his life first took root in Strasbourg through Herder. Furthermore, Herder was—something unheard of at the time—an enthusiastic admirer of Shakespeare. One need only imagine how this peculiar polarity of spirit between Goethe and Herder must have played out, given that Goethe arrived filled with a longing to perceive all that contemporary education could not provide him, and found in Herder, so to speak, a revolutionary spirit of the very highest order, one that challenged the prevailing cultural norms of the time. Up to that point, Goethe had come to admire the formal art found in Corneille and Racine; he had absorbed all of this just as a person absorbs things they hear are the most significant in the world. Yet he had absorbed all of this with an inner sense of indignation. And what a balm it was to his soul when, through Herder, he was introduced to Shakespeare—the poet who was free from all formalism, who created characters directly from human individuality, who possessed none of what Goethe had come to revere so highly—unity of time, unity of place, unity of action—but who had instead placed human beings at the center. And one might say: Baptized in the name of Shakespeare, an inner, culturally revolutionary mindset took root in Goethe’s soul, which can be expressed something like this: I want to get to know human beings—not how human beings are bound into the fabric of the world by formal rules and formal laws, not the web of unities of situation, time, place, and action—but I want to grasp human beings themselves.
[ 14 ] Dabei ergab sich für ihn die Möglichkeit, Menschen kennen zu lernen dazumal in Straßburg, welche versuchten, auch in die tieferen, intimeren Seiten des menschlichen Seelenerlebens hineinzublicken, wie den wunderbaren Jung-Stilling, der die okkulten Seiten des menschlichen Seelenlebens studierte und in so ausführlicher Weise zu beschreiben wußte, Ist doch Jung-Stillings Lebensgeschichte, ist doch JungStillings Beschreibung desjenigen, was er den «grauen Mann» nennt, der im Unterirdischen der Erde waltet, etwas, was zum Schönsten gehört in bezug auf Beschreibungen okkulter Verhältnisse. Man möchte sagen: In dasjenige, was das Natur- und Geschichtsleben, was das ästhetische Leben trägt, wurde Goethe durch Herder eingeführt, durch JungStilling in die okkulten Seiten des Menschenlebens, welche ihm schon nähergetreten waren in Frankfurt durch ein eingehenderes Studium Swedenborgs.
[ 14 ] This gave him the opportunity to meet people in Strasbourg at that time who were also attempting to gain insight into the deeper, more intimate aspects of the human soul, such as the remarkable Jung-Stilling, who studied the occult aspects of human soul life and was able to describe them in such detail, After all, Jung-Stilling’s life story, and his description of what he calls the “gray man” who reigns in the earth’s underworld, is among the most beautiful accounts of occult phenomena. One might say: Goethe was introduced by Herder to that which sustains natural and historical life, as well as aesthetic life, and by Jung-Stilling to the occult aspects of human life, which he had already come to know more closely in Frankfurt through a more in-depth study of Swedenborg.
[ 15 ] Das alles brauste in Goethes Seele mit demjenigen zusammen, was ihm an Naturgesetzen überliefert wurde, während er die naturwissenschaftlichen Vorlesungen in Straßburg hörte. Und da gingen ihm denn auf die großen Fragen und großen Probleme des menschlichen Lebens. Er hatte tief hineingeschaut in dasjenige, was man erkennen und wollen kann, hatte tief hineingeschaut in Zusammenhänge, die die menschliche Seelennatur mit der Allnatur hat. Paracelsus hatte er auch kennengelernt im Zusammenhang mit all dem, schon in Frankfurt. Und so lebte sich ihm neben dem, was er sonst in Straßburg erlebte, diese Sehnsucht, zu schauen «alle Wirkenskraft und Samen», gerade in Straßburg in besonders tiefer Weise ein. Man darf sich nicht vorstellen, daß Goethe in Straßburg seine Zeit nur vertändelt hat, indem er, was ich wahrhaftig nicht allzu gering anschlagen will, nach dem Pfarrhaus in Sesenheim oftmals gewandert ist. Goethe konnte eben durchaus vereinigen das Leben im Tiefsten des Menschenwollens und Menschenerkennens, und das Leben im Zusammenhange mit allem unmittelbar Menschlich-Alltäglichen, mit jedem menschlichen Schicksal.
[ 15 ] All of this surged within Goethe’s soul, blending with what he had been taught about the laws of nature, while he attended the lectures on the natural sciences in Strasbourg. And that is when the great questions and problems of human life began to occupy his mind. He had looked deeply into what can be known and willed, and had looked deeply into the connections between the nature of the human soul and the nature of the universe. He had also become acquainted with Paracelsus in connection with all of this, back in Frankfurt. And so, alongside what he otherwise experienced in Strasbourg, this longing to perceive “all active forces and seeds” took root in him in a particularly profound way, especially in Strasbourg. One must not imagine that Goethe merely wasted his time in Strasbourg by—and I truly do not wish to downplay this—frequently walking to the parsonage in Sesenheim. Goethe was indeed able to unite life in the depths of human will and human knowledge with life in connection with everything immediately human and everyday, with every human destiny.
[ 16 ] Dann wurde er, nachdem er seine Thesen verteidigt hatte, eine Art Doktor der Jurisprudenz in Straßburg, Lizentiat und Doktor der Jurisprudenz. Damit hatte er seinen Vater auch befriedigt und konnte nun heimziehen. Die Advokatenpraxis beginnt. Es war allerdings eine merkwürdige Disharmonie in der Seele dieses Menschen, der nun beim Reichskammergericht in Wetzlar über Akten studieren sollte, die oftmals wörtlich, nicht symbolisch — jahrhundertealt waren. Denn da schleppten sich «Gesetz’ und Rechte wie eine ew’ge Krankheit fort». Aber man konnte ja in späterer Zeit an anderen Orten noch manches in dieser Richtung erleben. Sehen Sie, in einem Orte, in dem ich aufwuchs gestatten Sie, daß ich das einfüge —, konnte ich doch auch folgendes erleben: Es war in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, da hörten wir einmal — ich war ein Bube —, daß ein Mann eingesperrt werden sollte. In den siebziger Jahren! Es war ein angesehener Mann des dortigen Ortes, der ein für den dortigen Ort ziemlich großes Geschäft hatte. Er wurde eingesperrt, anderthalb Jahre, glaube ich, weil er nämlich im Jahre 1848 bei der Revolution Steine geworfen hat auf ein Gasthaus! Der Prozeß hatte wirklich vom Jahre 1848, wo der Mann als junger Bub Steine geworfen hat auf ein Gasthaus, bis in sein spätes Alter gedauert, und er wurde, so um 1873, eingesperrt auf eineinhalb Jahre. Es war immerhin vielleicht dazumal schon nicht mehr so schlimm wie in der Zeit, in der Goethe die Akten beim Reichskammergericht studiert hat, aber es war noch immer schlimm genug. Dem Vater aber machte das Freude, und er beteiligte sich in mancherlei Weise ratend und hilfeleistend bei den Problemen, die da Goethe über den verstaubten Akten zu lösen hatte. Aber man darf nicht glauben, daß sich Goethe als Advokat ungeschickt benommen hätte. Das war ganz und gar nicht der Fall. Goethe stellte schon durchaus seinen Mann auch als Advokat, und Goethe gibt keine Veranlassung dazu, immer wieder und wieder zu betonen, daß ein großer, in den Idealen lebender Geist ungeschickt sein muß im Leben. Goethe war als Advokat durchaus nicht ungeschickt. Und wenn etwa heute so mancher Advokat auf seine Tätigkeit hin“weist und dann bemerklich macht, daß er ja eben neben seiner ausgebreiteten Tätigkeit keine Zeit hat, Goethe zu lesen, so darf schon darauf hingewiesen werden, daß Goethe selbst ganz gewiß ein ebenso guter Advokat war — das läßt sich heute noch dokumentarisch belegen, wie manches also auf seine Arbeit Hinweisende —, nur daß Goethe neben dem, daß er so praktisch war, wie die Praktiker nur sein können, dazumal noch in seiner Seele bereits trug den «Götz von Berlichingen», ja, in seiner Seele trug die Idee, die in ihm schon in Frankfurt aufgetaucht war aus seinen naturwissenschaftlichen Studien heraus, aus seiner Bekanntschaft mit Herder, mit Jung-Stilling: die Idee zu seinem «Faust».
[ 16 ] Then, after defending his dissertation, he became a sort of Doctor of Jurisprudence in Strasbourg, earning both a licentiate and a doctorate in law. This also satisfied his father, and he was now able to return home. His career as a lawyer began. There was, however, a strange discord in the soul of this man, who was now to study case files at the Imperial Chamber Court in Wetzlar—files that were often literally, not symbolically, centuries old. For there, “law and rights dragged on like an eternal illness.” But one could still experience many such things in this vein in later times and in other places. You see, in a town where I grew up—allow me to add this—I was also able to witness the following: It was in the 1870s, and we heard once—I was just a boy at the time—that a man was to be imprisoned. In the 1870s! He was a respected local man who ran a business that was quite large for that town. He was imprisoned for a year and a half, I believe, because in 1848, during the revolution, he had thrown stones at an inn! The trial had actually lasted from 1848—when the man, as a young boy, had thrown stones at an inn—right up until his old age, and he was imprisoned for a year and a half around 1873. Admittedly, things may not have been quite as bad back then as they were in the days when Goethe was studying the files at the Imperial Chamber Court, but they were still bad enough. His father, however, took pleasure in it, and he contributed in various ways—offering advice and assistance—to the problems Goethe had to solve while poring over those dusty files. But one must not assume that Goethe behaved ineptly as a lawyer. That was by no means the case. Goethe certainly held his own as a lawyer, and there is no reason to keep emphasizing, time and again, that a great mind, living in the realm of ideals, must necessarily be inept in life. Goethe was by no means inept as a lawyer. And if, for example, some lawyers today point to their work and then remark that, given their extensive workload, they simply have no time to read Goethe, it should be pointed out that Goethe himself was certainly just as good a lawyer—this can still be documented today, as can many other things that point to his work— except that Goethe, in addition to being as practical as any practitioner could be, already carried within his soul at that time the “Götz von Berlichingen”—indeed, he carried within his soul the idea that had already emerged in him in Frankfurt from his studies in the natural sciences, from his acquaintance with Herder and Jung-Stilling: the idea for his “Faust.”
[ 17 ] Götz von Berlichingen — Gottfried von Berlichingen —, er bezeugt sogleich, indem ihn Goethe zum Kunstwerk gestaltet, wie die Art Goethes eigentlich ist. Es tritt mit der Art Goethes etwas Neues in das geistige Schaffen der Menschheit ein. Man kann Goethe als Künstler, als Dichter nicht vergleichen mit Dante, nicht vergleichen mit Homer, nicht vergleichen mit Shakespeare, Er steht dem dichterischen Schaffen in einer anderen Art gegenüber, und das hängt im wesentlichen zusammen mit der Art wiederum, wie Goethe in seiner ganzen Zeit als Erscheinung darinnensteht. Diese Zeit, wie sie sich in der unmittelbaren Umgebung Goethes, in der weiteren Umgebung Goethes auslebte, die ließ einen solchen Geist, wie Goethe es war, nicht ganz mit sich zusammenwachsen. Ein staatliches Leben um sich herum, wie man es heute für selbstverständlich hält, das gab es für Goethe nicht. Er lebte ja in einem Gebiete, wo sich in einem hohen Grade individuell einzelne Territorien gestaltet hatten. Wie das der Fall war, darauf kommt es weniger an, aber er lebte in keinem Großstaat, er lebte so, daß nicht irgendeine überspannende Konformität sich ausgoß über das Gebiet, aus dem er herauswuchs. Das Leben hatte keine festen Formen um ihn herum. Und so konnte er es überall im engsten Kreise anfassen und im engsten Kreise das Universelle auf sich wirken lassen. Und das ist das Eigentümliche.
[ 17 ] Götz von Berlichingen — Gottfried von Berlichingen — immediately reveals, through Goethe’s transformation of him into a work of art, what Goethe’s true nature is. With Goethe’s approach, something new enters the intellectual creative work of humanity. One cannot compare Goethe as an artist or poet to Dante, nor to Homer, nor to Shakespeare. He approaches poetic creation in a different way, and this is essentially connected to the way Goethe himself, as a figure, was embedded in his entire era. That era—as it unfolded in Goethe’s immediate surroundings and in the wider world around him—did not allow a spirit such as Goethe’s to fully merge with it. The kind of organized state life that we take for granted today simply did not exist for Goethe. He lived, after all, in a region where individual territories had developed to a high degree of autonomy. The exact details of how this came about are less important, but he did not live in a large state; he lived in such a way that no overarching conformity extended over the region from which he emerged. Life had no fixed forms around him. And so he was able to grasp it everywhere within his innermost circle and allow the universal to take effect upon him within that same circle. And that is what is so distinctive.
[ 18 ] So kam ihm ein Buch in die Hand, das ein schlecht geschriebenes Buch ist, ein recht schlecht geschriebenes Buch, das ihn aber in außerordentlichem Maße interessierte; das ist die «Selbstbiographie Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand», jener eigentümlichen Gestalt aus dem 16. Jahrhundert, die an so vielen Ereignissen des 16. Jahrhunderts teilgenommen hat, die aber in einer merkwürdigen Weise an diesen Ereignissen des 16. Jahrhunderts teilgenommen hat. Wenn man diese Lebensgeschichte des Gottfried von Berlichingen liest, so sieht man, wie er unter Kaiser Maximilian, unter Kaiser Karl dem Fünften, mit allen möglichen anderen Leuten in Zusammenhang kam, an allen möglichen Händeln und Kämpfen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts teilgenommen hat, aber immer so, daß man eigentlich sieht: da nimmt er teil einmal an diesem Ereignisse, steht ganz drinnen, lebt sich da aus. Dann steht er in einem anderen Ereignisse in einemganz anderen Charakter drinnen, wird wiederum hineingezogen, kämpft für die verschiedensten Interessen, wird später gefangen genommen. Nachdem er einen Eid geleistet hat, sich an den Händeln nicht mehr weiter zu beteiligen und ruhig auf seinem Schloß gelassen wird im mittleren Süddeutschland, wird er in die Bauernbewegung hineinverwickelt, als sich die Bauern im Kampfe für die Freiheit erheben. Alles aber so, daß man bei Gottfried von Berlichingen nirgends sieht, daß er gezogen wird von den Ereignissen, sondern überall sieht man: Dasjenige, was zusammenhält die disparaten Dinge, das ist eigentlich die Persönlichkeit, der Charakter des Gottfried von Berlichingen selber. Man kann sagen: Wenn man eben die Lebensgeschichte des Gottfried von Berlichingen liest, so sind einem zuletzt alle die Ereignisse, die er da durchmacht, in die er verwickelt ist, ich will nicht sagen so, daß sie einem zum Halse herauswachsen vor Langeweile: sie interessieren einen aber wirklich nicht, die einzelnen Händel, die einzelnen Kämpfe, die er, Gottfried von Berlichingen, durchmacht. Aber trotz aller Langeweile gegenüber den Ereignissen, die er durchmacht, hat man immer Interesse an der charakterstarken und charakter-inhaltsvollen Persönlichkeit.
[ 18 ] So he came across a book—a poorly written book, a rather poorly written book—that nevertheless interested him to an extraordinary degree; namely, the “Autobiography of Gottfried von Berlichingen with the Iron Hand,” that peculiar figure from the 16th century who took part in so many events of the 16th century, yet did so in a most unusual way. When one reads this life story of Gottfried von Berlichingen, one sees how, under Emperor Maximilian and under Emperor Charles V, he came into contact with all sorts of other people and took part in all manner of disputes and battles of the first half of the 16th century—but always in such a way that one actually sees: here he takes part in one event, is right in the thick of it, and really lets himself go. Then, in another event, he is involved in a completely different capacity; he is drawn into it once again, fights for a wide variety of interests, and is later taken prisoner. After he has sworn an oath to no longer take part in the conflicts and is left in peace at his castle in central southern Germany, he becomes entangled in the peasant movement when the peasants rise up in the struggle for freedom. Yet in all of this, one never sees Gottfried von Berlichingen being swept along by events; rather, one sees everywhere that what holds these disparate things together is, in fact, the personality—the character—of Gottfried von Berlichingen himself. One might say: When one reads the life story of Gottfried von Berlichingen, in the end all the events he goes through—and in which he is entangled—do not, I won’t go so far as to say, grow tiresome to the point of boredom; rather, one is simply not really interested in the individual incidents, the individual struggles that he, Gottfried von Berlichingen, endures. But despite all the boredom one feels toward the events he experiences, one is always interested in his strong and richly developed personality.
[ 19 ] Das war es aber gerade, was Goethe anzog an der Figur des Gottfried von Berlichingen. Und so konnte er, was ihm niemals auf eine andere Art möglich gewesen wäre, den Gehalt, das Streben und Leben des 16. Jahrhunderts in einer Persönlichkeit konzentriert sehen. Das brauchte er. Das war für ihn: Geschichte in die Hand zu nehmen und kennenzulernen. Wie der oder jener Historiker «mit trefflichen pragmatischen Maximen», nachdem er Rumpelkammern durchsucht und Kehrichtfässer umgeworfen hatte, einzelne historische Perioden zusammengekoppelt hätte, das wäre sicherlich nicht nach Goethes Geschmack gewesen. Aber einen Menschen in seiner Zeit lebendig drinnenstehen zu sehen und in einer Menschenseele sich spiegeln zu sehen dasjenige, was einen sonst nicht interessiert, das war etwas für Goethe. Da nahm er denn diese, ja, man möchte sagen, langweilige, schlecht geschriebene Selbstbiographie des Gottfried von Berlichingen her, las sie und gestaltete sie eigentlich merkwürdig wenig um. Daher hat er auch die erste Fassung dieses, wenn man will, Dramas, genannt: «Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, dramatisiert». Er hat nicht «Drama» daraufgeschrieben, sondern nur «dramatisiert». Er hat eigentlich nur die Geschichte Götz von Berlichingens dramatisiert, aber so dramatisiert, daß die ganze Zeit drinnen lebt, aber die Zeit in einem Menschen lebt. Und nun denken Sie, es ist die Zeit des 16. Jahrhunderts, es ist die Zeit der Morgenröte des fünften nachatlantischen Zeitraumes. Goethe sah sie an durch die Seele des Gottfried von Berlichingen, dieses dem mittleren südlichen Deutschland entwachsenen Mannes. Dazumal schon ging durch seine Seele ein Stück Leben, das historisch ist, aber angeschaut eben am wirklichen Leben, nicht an dem, was «geschichtlich» ist. Goethe wäre es ganz unmöglich gewesen in der damaligen Zeit, mit all den Menschheitsproblemen in der Seele, die ich Ihnen angedeutet habe, irgendeine Gestalt zu nehmen aus der Geschichte und nach der Geschichte sie zu dramatisieren, aber die stammelnde Selbstbiographie eines Wesens, das mit aller Menschlichkeit auf ihn wirkte, so zu dramatisieren, wie sich ihm erschlossen hatte die drama“tische Kunst dadurch, daß er sich in Shakespeare eingelebt hatte: das war es, was er konnte. Damit wurde er schon in einigen Kreisen, die sich dazumal für so etwas interessierten, bekannt, denn er hatte ein Stück Vergangenheit in eine Gegenwart, in seine Gegenwart, für seine Mitwelt heraufgehoben, für diese Mitwelt, der diese Vergangenheit «ein Buch mit sieben Siegeln» war. Denn selbstverständlich wußte man in den weitesten Kreisen dazumal von dem, was sich Goethe erschloß durch die schlecht geschriebene Geschichte des Gottfried von Berlichingen aus dem 16. Jahrhundert, so wenig, wie heute mancher Pastor von dem übersinnlichen Leben weiß.
[ 19 ] But that was precisely what attracted Goethe to the figure of Gottfried von Berlichingen. And so he was able—in a way that would never have been possible otherwise—to see the essence, the aspirations, and the life of the 16th century concentrated in a single personality. That was what he needed. For him, that meant taking history into his own hands and getting to know it. The way this or that historian—“with excellent pragmatic maxims”—might have pieced together individual historical periods after rummaging through junk rooms and overturning trash barrels would certainly not have been to Goethe’s taste. But to see a person standing vividly within his own time and to see reflected in a human soul that which would otherwise hold no interest for him—that was something for Goethe. So he took this—one might even say—boring, poorly written autobiography of Gottfried von Berlichingen, read it, and actually reworked it surprisingly little. That is why he also titled the first version of this—if you will—drama: “The Story of Gottfried von Berlichingen with the Iron Hand, Dramatized.” He did not label it “Drama,” but only “dramatized.” He actually only dramatized the story of Götz von Berlichingen, but he dramatized it in such a way that the entire era lives within it—yet the era lives within a single human being. And now consider: it is the 16th century, the dawn of the fifth post-Atlantic era. Goethe viewed it through the soul of Gottfried von Berlichingen, this man who grew up in central southern Germany. Even back then, a piece of life was coursing through his soul—one that is historical, but viewed through the lens of real life, not of what is merely “historical.” It would have been quite impossible for Goethe, at that time, with all the human problems in his soul that I have hinted at, to take any figure from history and dramatize him according to history, but to dramatize the stammering autobiography of a being who moved him with all his humanity—in the way the dramatic art had opened up to him through his immersion in Shakespeare—that was what he could do. This made him known in certain circles that were interested in such things at the time, for he had brought a piece of the past into the present—into his own present—for his contemporaries, for whom this past was “a book sealed with seven seals.” For, of course, even in the widest circles at the time, people knew as little about what Goethe had uncovered through the poorly written 16th-century story of Gottfried von Berlichingen as many a pastor today knows about the supernatural life.
[ 20 ] Goethe hatte ins Menschenleben hineingegriffen. Er hatte hineingreifen müssen, weil er selber nur so leben konnte, daß er mit diesem Menschenleben, wie es sich ihm unmittelbar bot, zusammenwuchs, trotzdem er immer noch auf einem Isolierschemel blieb, zusammenwuchs doch nur, indem er gewissermaßen davon berührt wurde.
[ 20 ] Goethe had intervened in human life. He had been compelled to do so because the only way he could live was by becoming one with human life as it presented itself to him directly; yet, even though he remained on a pedestal of isolation, he became one with it only by being, as it were, touched by it.
[ 21 ] Noch in einer anderen Weise sollte Goethe in derselben Zeit mit dem Leben zusammengeführt werden. Man hat heute wenig Vorstellungen mehr von dem, was dazumal im weitesten Umkreise um Goethe herum innerhalb der sogenannten gebildeten Welt ein tiefer Grundzug der Seelenentwickelung war. Man war so hineingewachsen in dasjenige, was sich seit dem 16. Jahrhundert ergeben hatte. Da hatten sich im äußeren Leben wirklich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fortgeerbt, aber die Seelen waren doch in einer gewissen Weise berührt von dem Drang, den wir ja kennen als den Drang der Seelen des fünften nachatlantischen Zeitraums. Die Folge davon war, daß eine gründliche Disharmonie bei den tiefer veranlagten Naturen entstand zwischen dem, was die Seelen fühlten und dem, was in der Umgebung sich abspielte. Das führte allerdings zu einer starken Sentimentalität im Erleben. Und fühlen zu können, möglichst stark fühlen zu können, wie weit die Wirklichkeit absticht von dem, was eine echte, warme Menschenseele erfühlen kann, das so recht betonen zu können, fühlte damals manche Seele als ein tiefes Bedürfnis. Man richtete den Blick hinaus auf das große Leben. Da lebten die Stände, da lebten die Leute mit diesen oder jenen Interessen, aber sie berührten sich mit ihren Seelen oftmals so wenig innerhalb dieses öffentlichen Lebens. Aber wenn diese Seelen mit sich allein waren, da suchten sie sich ein besonderes Seelenleben auf, das jenseits stand des äußeren Lebens. Und sich sagen zu können: Dieses äußere Leben, ach, wie sticht es ab von all dem, was die Seele erstreben und erhoffen möchte! — das sich sagen zu können, war wie ein Labsal. Und sich so recht in eine sentimentale Stimmung hineinzuleben, das wurde ein Zug der Zeit. Man fand das Leben, wie es sich im Öffentlichen abspielte, schlecht, mangelhaft. Man wollte daher das Leben aufsuchen da, wo es nicht angefault war von der gleichgültigen Öffentlichkeit, wo man so recht sich einleben konnte in das stille, friedensvolle Treiben der Welt, in die Natur, in das friedevolle Tierleben, Pflanzenleben. Daraus bildete sich allmählich eine Stimmung, die einen großen Teil der gebildeten Seelen beherrschte. Weinen zu können über die Disharmonien der Welt, gewährte eine ungeheure Befriedigung. Und diejenigen Schriftsteller wurden besonders geehrt, deren Werke auf jeder Seite Veranlassung gaben, daß sich die Tränen ergießen konnten aus den Augen heraus auf die Blätter, die man las. Unglücklich zu sein, wurde für viele eine Sehnsucht ihres Glückes. Man geht spazieren im Walde, man geht zurück, setzt sich still in seine Kammer und denkt nach: Wie vielen, vielen Würmchen, die man nicht beachtet hat und auf die man getreten ist mit den Füßen, hat dieser Spaziergang das Leben gekostet! — Man weint heiße Tränen in sein Taschentuch über die Disharmonien zwischen Natur und Menschenleben. Man schreibt Briefe an geliebte, ebenso sentimentale Freunde wie man selbst ist, beginnt damit: Herzinnig geliebter Freund, oder Freundin, — aber schon diese Zeile wird durchströmt von einer Träne, welche auf das Papier fällt und die als ein teures Zeugnis mit dem Briefe zu dem geliebten Freunde oder der geliebten Freundin hineilt.
[ 21 ] Goethe was to be brought into contact with life in yet another way during the same period. Today, we have little idea of what was, at that time, a profound fundamental trait of spiritual development within the so-called educated world in the widest circle around Goethe. People had become so deeply entrenched in what had developed since the sixteenth century. In outward life, laws and rights had indeed been passed down like an eternal illness, but souls were nonetheless, in a certain way, touched by the impulse we know as the impulse of the souls of the fifth post-Atlantean epoch. The result was that a profound disharmony arose in the more deeply inclined natures between what the souls felt and what was taking place in their surroundings. This, of course, led to a strong sentimentality in their experience. And to be able to feel—to feel as intensely as possible—just how far reality falls short of what a genuine, warm human soul can feel, and to be able to truly emphasize this, was felt by many a soul at that time as a deep need. They turned their gaze out toward the great expanse of life. There lived the social classes; there lived people with these or those interests, but their souls often touched one another so little within this public life. Yet when these souls were alone with themselves, they sought out a special inner life that lay beyond the outer world. And to be able to say to oneself: This outward life—oh, how it contrasts with everything the soul longs for and hopes for!—to be able to say that was like a refreshment. And to truly immerse oneself in a sentimental mood became a trend of the times. People found life, as it unfolded in the public sphere, to be poor and lacking. People therefore sought out life where it was not tainted by an indifferent public, where one could truly immerse oneself in the quiet, peaceful goings-on of the world—in nature, in the peaceful lives of animals and plants. From this, a mood gradually took shape that dominated a large portion of the educated souls. Being able to weep over the world’s disharmonies provided immense satisfaction. And those writers were particularly honored whose works, on every page, gave readers cause to let tears flow from their eyes onto the pages they were reading. For many, being unhappy became a longing for their own happiness. One goes for a walk in the woods, returns home, sits quietly in one’s room, and reflects: How many, many little worms—which one did not notice and which one has crushed underfoot—has this walk cost their lives! — One weeps hot tears into one’s handkerchief over the disharmonies between nature and human life. One writes letters to beloved friends who are just as sentimental as oneself, beginning with: “My dearly beloved friend”—but even this line is streaked by a tear that falls onto the paper and, as a precious token, rushes along with the letter to the beloved friend.
[ 22 ] Dieses Leben durchsetzt noch große Teile der gebildeten Welt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das hatte nun auch Goethe um sich und er besaß viel Verständnis dafür, denn es lag doch viel Wahrheit in diesem Erfühlen der Disharmonie desjenigen, was unbewußt und unbestimmt oftmals die Seele füllte, und dem, was ihr die äußere Welt gab. Es lag oft viel Wahres darinnen. Goethe konnte das erfühlen. Das stille Leben, das sich abspielte zwischen den Seelen, glich so gar nicht in der damaligen Zeit demjenigen, was sich in der großen Welt abspielte. Goethe mußte das mitmachen, denn er konnte und sollte berührt sein von allem. Aber er mußte sich auch aus seinem Inneren immer wieder und wiederum die Kräfte holen, aus den Berührungen mit diesen Dingen heraus zu gesunden. Und so schrieb er sich denn diese ganze Zeitstimmung los, die man als Siegwart-Fieber, als Werther-Fieber bezeichnet, die einen großen Teil der Gebildeten ergriffen hatte, in seinem Jugendromane «Die Leiden des jungen Werthers». In die Werther-Gestalt hineingeheimnißt hat er all das, was er mitgemacht hat von dieser sentimentalen Weltenstimmung, so mitgemacht hat, daß er aus den gefühlten Disharmonien des Lebens heraus bis nahe am Selbstmord war. Deshalb läßt er Werther selber im Selbstmord enden. Es ist gut, sich das zu vergegenwärtigen, wie bei Goethe auf der einen Seite die Möglichkeit vorliegt, trotzdem er fest in seiner Individualität wurzelt, seine seelischen Fäden zu ziehen zu all dem, was in seiner Umgebung in den Seelen sich abspielte, wie das aber wiederum Kunst bei ihm wurde und er es sich von der Seele losschrieb. Als er den Werther geschrieben hatte, war er von dem ganzen Werther geheilt, von dem jetzt vielfach die anderen Menschen erst ergriffen wurden, denn das Werther-Fieber grassierte gerade durch den «Werther» in den weitesten Kreisen. Aber Goethe war geheilt.
[ 22 ] This way of life still permeated large parts of the educated world in the second half of the 18th century. Goethe, too, was surrounded by this, and he had a deep understanding of it, for there was indeed much truth in this sense of disharmony between what often filled the soul unconsciously and vaguely, and what the external world offered it. There was often much truth in it. Goethe could sense this. The quiet life that unfolded between souls was so very different, in those days, from what was happening in the wider world. Goethe had to go through this, for he could and should be moved by everything. But he also had to draw strength time and again from within himself to recover from his encounters with these things. And so he poured out this entire zeitgeist—which is referred to as “Siegwart fever” or “Werther fever” and had gripped a large portion of the educated class—into his coming-of-age novel The Sorrows of Young Werther. He imbued the character of Werther with everything he had experienced of this sentimental mood of the age—so deeply immersed in it that, driven by the perceived disharmonies of life, he came close to suicide himself. That is why he has Werther himself end in suicide. It is good to bear in mind how, in Goethe’s case, there exists—on the one hand—the possibility, despite his being firmly rooted in his individuality, of attuning his inner sensibilities to everything that was unfolding in the souls of those around him; yet how this, in turn, became art for him, and he wrote it out of his soul. By the time he had finished writing Werther, he had been healed of the entire Werther experience—an experience that was now taking hold of many other people for the first time, for Werther fever was rampant in the widest circles precisely because of the novel Werther. But Goethe was healed.
[ 23 ] Man darf, indem man solche Dinge würdigen will, nicht vergessen, daß Goethe wirklich einen weiten Umfang seines Seelenlebens hatte, daß er gewissermaßen seelisch in Polaritäten zu leben vermochte. Da machte er die Werther-Krankheit durch und schrieb sich die WertherKrankheit von der Seele in seinen «Leiden des jungen Werthers». Aber wahr ist es, was er in einem Freundesbrief schrieb in der damaligen Zeit, wo er von seiner erhaben-sentimentalen Stimmung ein Bild entwarf, aber gleichzeitig sagte, es lebe noch ein anderer Goethe als jener, der hängerische und hängenswerte Gedanken hatte, der SelbstmordGoethe: ein Fastnachts-Goethe, der allerlei Verkleidungen und Masken annehmen kann. Und dieser Fastnachts-Goethe lebte ja wirklich auch künstlerisch. Man braucht nur die mehr oder weniger fragmentarisch gebliebenen dramatischen Schöpfungen, den «Satyros» und den «Pater Brey», die derselben Zeit angehören, auf sich wirken zu lassen, so wird man schon die ganze Weite des Goetheschen Seelenlebens ahnen können: auf der einen Seite die Sentimentalität des Werther, auf der anderen Seite der Humor des «Satyros» und des «Pater Brey». Satyros, der vergötterte Waldteufel, der auf der einen Seite in Tiraden einen wahren großen Pantheismus entfaltet, zurück will in echt Rousseauscher Weise zur Natur, nicht genießen will dasjenige, was dieKultur hervorgebracht hat. Rohe Kastanien, welch herrlicher Fraß: es ist dies ein Ideal des Satyros! Aber Satyros ist eben ein Naturphilosoph, der die Geheimnisse der Natur wohl kennt, daher — verzeihen Sie — namentlich in der Frauenwelt seine Anhänger gewinnt, vergöttert wird, aber sich zuletzt recht schlecht benimmt. Mit Riesenhumor wird da verspottet all die falsche Sehnsucht nach Autoritätshascherei, nach Autoritätsglaube. Und im Pater Brey sehen wir das falsche Prophetentum, das heilig tut, aber unter der Maske der Heiligkeit allerlei Dinge treibt — mit großem Humor nicht verspottet, aber objektiv schon hingestellt. Da ist Goethe im lebendigsten Sinne Humorist, derber Humorist. Und das alles aus derselben Seelenverfassung heraus, aus der auch der «Werther» fließt. Das ist nicht deshalb, weil Goethe oberflächlich war, sondern weil er eben tief genug war, um die Polaritäten des menschlichen Lebens zu erfassen.
[ 23 ] In seeking to appreciate such things, one must not forget that Goethe truly possessed a vast range of emotional life, that he was, in a sense, capable of living in emotional polarities. He went through the “Werther sickness” and poured the “Werther sickness” from his soul into his The Sorrows of Young Werther. But it is true what he wrote in a letter to a friend at that time, in which he painted a picture of his sublime-sentimental mood, yet at the same time said that there lived another Goethe besides the one who harbored melancholic and pensive thoughts—the “suicidal Goethe”—namely, a “Carnival Goethe” who could don all manner of disguises and masks. And this Carnival Goethe truly did live artistically as well. One need only let the more or less fragmentary dramatic works—Satyros and Pater Brey, which date from the same period—sink in, and one will already be able to sense the full breadth of Goethe’s inner life: on the one hand, the sentimentality of Werther; on the other, the humor of Satyros and Pater Brey. Satyros, the deified forest devil, who on the one hand unfolds a truly grand pantheism in his tirades, wanting to return to nature in a genuinely Rousseauian manner, refusing to enjoy what culture has produced. Raw chestnuts—what a glorious feast: this is Satyros’s ideal! But Satyros is, after all, a natural philosopher who knows the secrets of nature well; hence—forgive me—he gains followers, particularly among women, is idolized, but ultimately behaves quite badly. With tremendous humor, the text mocks all the false longing for the pursuit of authority and blind faith in authority. And in Father Brey we see false prophethood, which pretends to be holy but engages in all sorts of things under the mask of holiness—not mocked with great humor, but objectively portrayed. Here, Goethe is a humorist in the liveliest sense—a down-to-earth humorist. And all of this springs from the same state of mind from which Werther also flows. This is not because Goethe was superficial, but because he was deep enough to grasp the polarities of human life.
[ 24 ] Mancherlei Einfluß hatte Goethe gerade mit dem «Werther» bereits errungen. «Werther» ist ja verhältnismäßig früh sehr bekannt geworden, und eigentlich war es auch «Werther», welcher bewirkt hat, daß sich der Herzog von Weimar für Goethe interessierte. Der «Götz von Berlichingen» hat viel Eindruck gemacht, aber nicht bei denjenigen, die dazumal glaubten, Kultur und Kunst und Dichtung verstehen zu können «Imitation détestable des mauvaises pièces anglaises, dégoûtante platitude», so sagte ein großer Mann der damaligen Zeit über den «Götz von Berlichingen».
[ 24 ] Goethe had already exerted a wide range of influence with Werther alone. Werther became very well known relatively early on, and in fact, it was Werther that sparked the Duke of Weimar’s interest in Goethe. Götz von Berlichingen made a great impression, but not on those who believed at the time that they understood culture, art, and poetry. “A detestable imitation of bad English plays, a disgusting platitude”—that is what a great man of that era said about Götz von Berlichingen.
[ 25 ] 1775 war es, da konnte Goethe sein Leben auf einen ganz anderen Schauplatz verlegen, nach Weimar. Der Herzog von Weimar wurde mit ihm bekannt und rief Goethe nach Weimar, und Goethe wurde mit einem Sprung, könnte man sagen, Weimarischer Staatsminister.
[ 25 ] It was in 1775 that Goethe was able to move his life to a completely different setting: Weimar. The Duke of Weimar became acquainted with him and summoned Goethe to Weimar, and Goethe became—in one fell swoop, one might say—Weimar’s Minister of State.
[ 26 ] Sehen Sie, heute, hinterher, hat man so das Gefühl: Goethe hat den «Götz von Berlichingen» geschrieben, die «Leiden des jungen Werthers» geschrieben, er hat ein großes Stück «Faust» schon nach Weimar mitgebracht; in dem allem sieht man die Hauptsache bei Goethe. Er selber in seiner damaligen Lage sah darin nicht die Hauptsache; das waren die Abfälle seines Lebens. Und der Herzog von Weimar stellte ihn auch nicht als Hofdichter an, sondern als Staatsminister, worüber freilich die Zöpfe in Weimar außer sich waren, so daß der Herzog von Weimar eine Art Brief-Erlaß an sein Volk richten mußte, worin er sich rechtfertigte: Ja, Goethe wäre ein größerer Mensch nach seiner Meinung als die Zöpfe. — Und daß er, bevor er — nun ja, was weiß ich, Unterrat und Oberrat und so weiter geworden war, gleich in das Staatsministerium berufen wurde, das bedurfte wenigstens einer Rechtfertigung seitens des Herzogs. Aber die gab er. Und Goethe war keineswegs ein schlechter Minister, keineswegs ein solcher, der das Ministergeschäft so nebenbei betrieb, sondern er war ein viel besserer Minister als manche Minister, die keine Goethe gewesen sind in diesem Sinne. Und derjenige, der einmal sich selber persönlich überzeugt hat, wie ich — ich darf das in aller Bescheidenheit sagen, daß es bei mir der Fall war —, wie Goethe seinen Minister-Obliegenheiten gedient hat, der weiß, daß Goethe ein ausgezeichneter Minister für das Herzogtum Sachsen-Weimar war, der sich allen Einzelheiten seiner Geschäfte mit voller Hingabe gewidmet hat. Minister zu sein, war für Goethe die Hauptsache dazumal, und durch zehn Jahre hindurch wirkte Goethe außerordentlich viel gerade als Minister in Weimar. |
[ 26 ] You see, today, looking back, one gets the feeling that Goethe wrote Götz von Berlichingen and The Sorrows of Young Werther, and that he had already brought a large portion of Faust with him to Weimar; in all of this, one sees the essence of Goethe’s work. He himself, in his situation at the time, did not see that as the main thing; those were the byproducts of his life. And the Duke of Weimar did not appoint him as court poet, but as Minister of State—which, of course, drove the traditionalists in Weimar into a frenzy, so that the Duke of Weimar had to issue a sort of written proclamation to his people in which he justified himself: Yes, Goethe was, in his opinion, a greater man than the traditionalists. — And the fact that, before he—well, what do I know—had become a lower councilor and upper councilor and so on, he was appointed directly to the Ministry of State—that at least required a justification on the part of the Duke. But he provided it. And Goethe was by no means a bad minister, by no means one who handled ministerial affairs as a side job; rather, he was a much better minister than many ministers who were not Goethes in this sense. And anyone who has ever personally convinced themselves—as I have; I may say this in all modesty, for that was the case with me—of how Goethe fulfilled his ministerial duties knows that Goethe was an excellent minister for the Duchy of Saxe-Weimar, one who devoted himself with full dedication to every detail of his affairs. Being a minister was the main thing for Goethe at that time, and for ten years Goethe accomplished an extraordinary amount precisely in his capacity as minister in Weimar. |
[ 27 ] Nun hatte er nach Weimar schon den «Faust» zum Teil mitgebracht. Dasjenige, was jetzt unter dem «geschmackvollen» Titel «Urfaust» in den Werken figuriert, das hatte er dazumal nach Weimar mitgebracht. In diesem «Faust» lebte aber schon alles dasjenige, was, man möchte sagen, der aufwärtsgerichtete Blick des Faust war. Und wie war Faust aus dem unmittelbaren Leben geschöpft, aber jetzt auch aus dem Leben, das jede Menschenseele berührt! Und wiederum zeigte es sich in Weimar, wie Goethe nicht ganz ergriffen werden konnte von seiner Umgebung. Man lernt ja sehr häufig Menschen kennen, die mehr oder weniger nur die Exponenten sind ihrer Akten. Goethe war nicht der bloße Exponent der Akten, der wahrhaftig zahlreichen Akten, die er verfaßt hat als Weimarischer Beamter. Aber daneben lebte er sich in alle Weimarischen Verhältnisse ein, und wenn er auch auf seinem Isolierschemel blieb, so wurde er doch von allem Menschlichen berührt, und das unmittelbare Menschliche gestaltete sich bei ihm zur Kunst. Und so sehen wir denn, wie der Charakter einer Frau, der Frau von Stein, der er freundschaftlich nahetrat, für ihn ein Lebensproblem wurde. Und im Grunde genommen war es die unmittelbare Anschauung dieses Charakters, die ihn dazu brachte, die Gestalt der «Iphigenie» zu dramatisieren. Was auf der einen Seite im Charakter der Frau von Stein auf ihn wirkte, das wollte er künstlerisch gestalten. Es war ihm die Fabel der Iphigenie nur ein Mittel, ein Lebensproblem zu lösen. Und die ganzen Verhältnisse am Hofe von Weimar, sein Zusammenleben mit dem in seinem Charakter merkwürdig veranlagten Herzog Karl August, der Anblick der Schicksale der Herzogin, andere Verhältnisse, die da hineinspielten, sie wurden ihm zu Problemen. Das Leben wurde ihm zur Frage. Er brauchte wiederum einen Stoff, um diese Verhältnisse künstlerisch zu bezwingen. Er nahm den Stoff des «Tasso», aber eigentlich waren es Weimarerische Verhältnisse, die er künstlerisch bezwungen hat. Ich kann natürlich nicht auf die vielen Einzelheiten in Goethes Geistesleben eingehen, aber ich möchte doch diese Tatsache vor Ihre Seele hinstellen, damit wir eben an sie geisteswissenschaftlich anknüpfen können wie an ein Exempel.
[ 27 ] He had, in fact, already brought part of Faust with him to Weimar. What now appears in his collected works under the “tasteful” title Urfaust was what he had brought with him to Weimar back then. But in this Faust was already present everything that, one might say, constituted Faust’s upward-looking gaze. And how Faust was drawn from immediate life—but now also from the life that touches every human soul! And once again, it became evident in Weimar that Goethe could not be entirely swayed by his surroundings. One very often meets people who are, more or less, merely the representatives of their official records. Goethe was not merely the representative of the records—the truly numerous records—that he had drafted as a Weimar civil servant. But alongside this, he immersed himself in all aspects of Weimar life, and even though he remained on his “stool of isolation,” he was nonetheless touched by everything human, and the immediate human experience took shape in him as art. And so we see how the character of a woman—Frau von Stein, with whom he was on friendly terms—became a life problem for him. And, fundamentally, it was the direct observation of this character that led him to dramatize the figure of “Iphigenia.” What impressed him about Frau von Stein’s character, he sought to shape artistically. For him, the myth of Iphigenia was merely a means of resolving a life problem. And the entire situation at the court of Weimar—his coexistence with Duke Karl August, who had a peculiar disposition; the sight of the Duchess’s fate; and other circumstances that played a role there—all of these became problems for him. Life itself became a question for him. He needed, once again, a subject matter through which to artistically overcome these circumstances. He took the subject matter of Tasso, but in reality it was the circumstances in Weimar that he artistically mastered. Of course, I cannot go into the many details of Goethe’s inner life, but I would nevertheless like to present this fact to your soul so that we may take it up from a spiritual-scientific perspective as an example.
[ 28 ] Schon dazumal, in der allerersten Zeit, da er in Weimar lebte, tat sich ihm durch die verschiedenen Verhältnisse, in die er gebracht wurde, die Möglichkeit auf, seine Naturstudien zu vertiefen, in selbständiger Weise zu vertiefen. Er betrieb Pflanzenstudien; er fing schon dazumal an, an der Universität Jena anatomische Studien zu machen. Überall ging er darauf aus, dasjenige, was er von Herder aufgenommen hatte: die Zusammenhangs-Ideen der Welt, im einzelnen zu bewahrheiten. Den Zusammenhang der ganzen Pflanzenwelt wollte er studieren, was geistig in den Pflanzen lebte, wollte er studieren. Die Verwandtschaft aller Tiere wollte er vor seine Seele hintreten lassen, um den Weg hinauf zum Menschen zu finden. Die Entwickelungsidee wollte er unmittelbar an den Objekten der Natur selber studieren. Denken Sie, er hatte Herders große Idee aufgenommen: ein einheitliches geistiges Werden durch alle Entwickelungsmomente der Wesen hin zu studieren. In dem standen er und Herder dazumal ziemlich allein, denn diejenigen, die tonangebend waren im geistigen Leben, die dachten ganz anders, die führten vor allen Dingen überall Scheidewände ein.
[ 28 ] Even back then, in the very early days of his life in Weimar, the various circumstances in which he found himself opened up the opportunity for him to deepen his studies of nature—to do so independently. He conducted botanical studies; even back then, he began studying anatomy at the University of Jena. In everything he did, he sought to verify in detail what he had absorbed from Herder: the ideas of interconnectedness in the world. He wanted to study the interconnectedness of the entire plant world; he wanted to study what lived spiritually within the plants. He wanted to bring the kinship of all animals before his soul in order to find the path leading up to humanity. He wanted to study the idea of evolution directly through the objects of nature themselves. Consider that he had taken up Herder’s great idea: to study a unified spiritual becoming through all the stages of development of living beings. In this, he and Herder stood quite alone at that time, for those who set the tone in intellectual life thought quite differently; above all, they erected dividing walls everywhere.
[ 29 ] Alle geistige Tätigkeit kann man ja nach zwei Polen hin wirkend finden: nach dem Trennen und nach dem Zusammenfassen. Goethe und Herder kam es darauf an, zusammenzufassen die Mannigfaltigkeit, die Vielheit; den anderen kam es darauf an, hübsch Einteilungen zu haben, recht nett einzuteilen. Und so war es dazumal vor allen Dingen für viele eine Frage, wie sich der Mensch von den Tieren unterscheide. Der Mensch, sagte man, habe keinen Zwischenkieferknochen, in dem die Schneidezähne sitzen, in der oberen Kinnlade, sondern eine einheitliche Kinnlade; die Tiere nur haben den Zwischenkiefer. Goethe war gewiß nicht materialistisch gesinnt, wollte gewiß nicht einen Materialismus begründen in materialistischer Absicht; aber daß sich in einer solchen Einzelheit die innere Harmonie der Natur nicht bewahrheiten sollte, das war seinem Sinne zuwider. Deshalb ging er darauf aus, gegen alle Naturwissenschafterautorität nachzuweisen, daß auch der Mensch den Zwischenknochen habe. Und es gelang ihm. Und so kam er denn zu seiner ersten bedeutenden naturwissenschaftlichen Abhandlung, die da heißt: «Dem Menschen wie den Tieren ist ein Zwischenknochen der obern Kinnlade zuzuschreiben». Damit hatte er etwas hineingestellt in die geistige Entwickelung, eine Einzelheit, mit der er sich entgegengestellt hat der ganzen damaligen naturwissenschaftlichen Welt, und die heute eine Selbstverständlichkeit ist, die natürlich niemand bezweifelt.
[ 29 ] All intellectual activity can be seen as tending toward two poles: separation and synthesis. For Goethe and Herder, the point was to synthesize diversity and multiplicity; for others, the point was to have neat classifications, to categorize things quite neatly. And so, back then, the primary question for many was how humans differed from animals. Humans, it was said, did not have an intermediate jawbone in the upper jaw where the incisors are located, but rather a single, unified jaw; only animals have the intermediate jaw. Goethe was certainly not of a materialistic bent; he certainly did not wish to establish materialism with materialistic intent; but the idea that the inner harmony of nature might not hold true in such a detail was contrary to his sensibilities. Therefore, he set out to prove—against all scientific authority—that humans, too, possess the intermaxillary bone. And he succeeded. And so he arrived at his first significant scientific treatise, entitled: “Both Humans and Animals Possess an Intermediate Bone in the Upper Jaw.” With this, he had contributed something to intellectual development—a detail with which he opposed the entire scientific world of his time, and which today is taken for granted, something that, of course, no one doubts.
[ 30 ] So steht Goethe nicht da als der Dichter des «Werther», als der Dichter des «Götz von Berlichingen», des «Faust», als derjenige, in dessen Kopf allein «Iphigenie» und «Tasso» entspringen, sondern er steht da mit einem tiefen Hineinblicken in den Zusammenhang der Natur, so daß er nun wirklich als echter Naturforscher studiert und arbeitet. Das ist nicht in einseitiger Weise ein Forscher oder ein Dichter oder ein Minister, das ist ein ganzer Mensch, ein nach allen Seiten hin strebender ganzer Mensch.
[ 30 ] span>Thus Goethe does not stand there as the poet of Werther, as the poet of Götz von Berlichingen and Faust, or as the one from whose mind alone Iphigenia and Tasso spring, but he stands there with a deep insight into the fabric of nature, so that he now truly studies and works as a genuine naturalist. He is not merely a researcher, a poet, or a minister in a one-sided sense; he is a complete human being, a complete human being striving in every direction.
[ 31 ] Zehn Jahre ungefähr lebte so Goethe in Weimar, da konnte er die Sehnsucht nach Italien nicht mehr bezwingen. Und er unternahm wie eine Flucht seine Reise nach Italien in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts. Man muß nicht vergessen, daß Goethe doch erst dazumal in Verhältnisse eintrat, die nun einer Sehnsucht entsprachen, die er seit frühester Jugend gehegt hat, und daß er zum ersten Mal eigentlich in große Verhältnisse eintritt. Denn denken Sie, daß Goethe außer Frankfurt keine große Stadt gesehen hat bis dahin! Und man muß sich immer vergegenwärtigen, daß die erste Großstadt, durch die Goethe auf den Schauplatz der Weltgeschichte gestellt worden ist, Rom war. Das muß man schon richtig in das Leben Goethes hineinstellen. Und daß Goethe in Rom pulsieren fühlte den ganzen Strom des Lebens, wie er heraufgezogen war in der fünften nachatlantischen Zeit bis zu seiner Zeit, und daß Goethe das, was da als Weltgeschichte in ihm wirkte, verband mit einer in seiner Seele werdenden umfassenden Weltanschauung. Da trug er die Idee, die sich ihm über Tiergestalten, über Pflanzengestalten ergeben hatte, durch die Mannigfaltigkeit der Formen der Pflanzen, der Steine, der Tiere, die er verglich, die er nun auf der Apenninischen Halbinsel verfolgte. Im weiten Umkreis suchte er zu bewahrheiten seine Idee einer Urpflanze, und konnte es. Jeder Stein, jede Pflanze interessierte ihn; wie sich das Mannigfaltige zur Einheit gestaltet, das ließ er auf sich wirken. Dabei ließ er auf sich wirken die großen Kunstwerke, die ihm das alte Griechentum in einem matten Nachtrieb zeigten. Und wie er auf der einen Seite den Blick objektiv über alle die Mannigfaltigkeiten der Natur richtete, so konnte er auf der anderen Seite aus tiefster Seele heraus alle Intimitäten der großen Kunst der Renaissance empfinden. Man lese nur nach die Worte, die er gesprochen hat bei dem Anblicke der «Heiligen Cäcilie» Raffaels in Bologna, wie er beim Anblicke dieses Kunstwerkes in seiner Seele aufleben ließ alle Gefühle, die den Menschen aus der sinnlichen Welt in die übersinnliche hinaufleiten in einer wunderbar tief intensiven Weise. Man lese in seiner «Italienischen Reise» nach, wie er, während er auf der einen Seite seine Naturideen immer mehr und mehr vertiefte, den Kunstwerken gegenüber empfand, wie der Mensch wahrhaft nur dann Kunst schafft, wenn die Kunst zu gleicher Zeit aus den Tiefen des Lebens heraus schafft. Die großen Kunstwerke der Griechen, sagte er, werden mir jetzt klar, denn: «Ich habe eine Vermutung, daß sie nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt und denen ich auf der Spur bin.» — «Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.» So schrieb er an seine Weimarer Freunde.
[ 31 ] Goethe lived in Weimar for about ten years, after which he could no longer resist his longing for Italy. And so, in the second half of the 1780s, he set out on his journey to Italy, almost as if fleeing. One must not forget that it was only then that Goethe entered into circumstances that finally fulfilled a longing he had cherished since his earliest youth, and that this was actually the first time he had truly entered into a world of grandeur. For just think—Goethe had never seen any major city other than Frankfurt until then! And one must always bear in mind that the first major city through which Goethe was placed on the stage of world history was Rome. This must be properly situated within the context of Goethe’s life. And that in Rome Goethe felt the entire current of life pulsating—as it had flowed upward from the fifth post-Atlantean epoch up to his own time—and that Goethe connected what was at work within him as world history with a comprehensive worldview that was taking shape in his soul. There he carried forward the idea that had revealed itself to him through animal forms and plant forms, through the diversity of forms in plants, stones, and animals—which he compared and now traced across the Apennine Peninsula. Over a wide area, he sought to verify his idea of a primordial plant, and he succeeded. Every stone, every plant interested him; he allowed himself to be moved by the way in which diversity takes shape as unity. In doing so, he also allowed himself to be moved by the great works of art that ancient Greek culture presented to him in a faint afterglow. And just as, on the one hand, he cast an objective gaze over all the diversities of nature, so, on the other hand, he was able to feel, from the depths of his soul, all the intimacies of the great art of the Renaissance. One need only read the words he spoke upon seeing Raphael’s “Saint Cecilia” in Bologna, and how, upon beholding this work of art, he stirred within his soul all the feelings that lead human beings from the sensory world into the supersensory in a wonderfully deep and intense way. One need only look in his Italian Journey to see how, while on the one hand he was delving ever deeper into his ideas about nature, he came to realize, in relation to works of art, that human beings truly create art only when art, at the same time, springs from the depths of life. The great works of art of the Greeks, he said, are now clear to me, for: “I have a hunch that they proceeded according to the very same laws by which nature proceeds and which I am on the trail of.” — “These sublime works of art have at the same time been brought forth by human beings as the highest works of nature, in accordance with true and natural laws. Everything arbitrary and imagined falls away; there is necessity, there is God.” So he wrote to his friends in Weimar.
[ 32 ] Und ein Ungeheures nahm er in sich auf, und es gestaltete sich für ihn dasjenige um, was er früher erfühlt und erahnt hatte. Szenen, die bedeutsam sind in seinem «Faust», er dichtete sie nun in Rom. «Iphigenie», «Tasso», sie hatte er schon mehr oder weniger in Prosa in Weimar entworfen, zum Teil vollendet; jetzt schrieb er sie um in Verse. Denn er konnte den Stil finden, den er jetzt als einen klassischen Stil ausgießen wollte über diese Werke, indem er nun selber klassische Kunst fortwährend auf sich wirken ließ. Das war eine Regeneration, eine wirkliche Wiedergeburt von Goethes Seele, die er in Italien erlebte. Und etwas Eigentümliches bildete sich jetzt in seiner Seele heraus: er empfand einen tiefen Gegensatz zwischen dem, was seine Zeit erstrebte, was er überall in seiner Umgebung gesehen hatte, und dem, was er als die höchste Ausgestaltung des rein Menschlichen empfinden gelernt hatte.
[ 32 ] And he absorbed something immense, and what he had previously sensed and intuited took shape for him. He now composed in Rome the scenes that are significant in his Faust. “Iphigenia,” “Tasso”—he had already sketched them out more or less in prose in Weimar, and partly completed them; now he rewrote them in verse. For he was able to find the style—which he now wished to imbue these works with as a classical style—by continually allowing classical art to influence him. What Goethe experienced in Italy was a regeneration, a true rebirth of his soul. And something peculiar now took shape within his soul: he sensed a profound contrast between what his era aspired to—what he had seen everywhere around him—and what he had come to perceive as the highest expression of the purely human.
[ 33 ] So kam er zurück nach Weimar, so kam er wiederum zurück in die Welt hinein, in welcher Werke entstanden waren, die dazumal alle hinrissen: Schillers «Räuber», Heinses «Ardinghello» und dergleichen. Das kam ihm vor wie barbarisches Zeug, das widerstrebte allen Wurzeln, die jetzt in seiner Seele lebten. Und als ein gründlich Einsamstehender fühlte er sich in seinem Seelenleben. Er war ja auch beinahe vergessen. Und jetzt bahnte sich an nach und nach das Freundschaftsverhältnis zu Schiller. Schwer war ihm der Zugang geworden, denn nichts war ihm so sehr verhaßt, als er wieder zurückkam, als Schillers Jugendwerke. Aber sie fanden sich, und sie fanden sich zu einem Freundschaftsbunde, der wenige seinesgleichen in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit hat. Und sie regten sich an, so daß Herman Grimm mit Recht sagt: In dem Verhältnis von Goethe und Schiller hat man nicht nur Goethe plus Schiller, sondern Goethe plus Schiller und Schiller plus Goethe. Jeder wurde durch den anderen etwas anderes; und was ein jeder durch den anderen anders wurde, damit befruchtete ein jeder den anderen. Und jetzt erstanden in der Seele der beiden große, umfassende Menschheitsprobleme. Was die Welt dazumal politisch lösen wollte — das große Freiheitsproblem der Menschheit —, für Goethe und Schiller stellte es sich in einer geistig-menschlichen Weise vor die Seele. Andere dachten viel darüber nach, wie man eine äußere Einrichtung in der Welt herbeiführen könnte, die dem Menschen Freiheit gestattet im Leben. Für Schiller handelte es sich darum: Wie findet der Mensch in seiner eigenen Seele die Freiheit? — Und diesem Probleme hat er sich gewidmet bei der Ausarbeitung seiner einzigartigen Schrift, den «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen». Wie der Mensch seine Seele über sich selber hinausführt, von dem gewöhnlichen Stand des Lebens zu einem höheren Stand des Lebens, das war für Schiller die große Frage. Der Mensch steht auf der einen Seite in der sinnlichen Natur, sagte sich Schiller, auf der anderen Seite steht er der logischen Welt gegenüber. In beiden ist er nicht frei. Frei wird er als ästhetisch Genießender und ästhetisch Schaffender, wo die Gedanken so werden, daß sie keinem logischen Zwang unterliegen, sondern dem Geschmacke und der Neigung, wo sie aber frei sind zugleich von der Sinnlichkeit. Einen mittleren Zustand forderte Schiller. Zu dem Gebildetsten, das in der Menschheitsentwickelung geschrieben worden ist, gehören diese Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen». Es war aber . eine Frage, es war ein Menschenrätsel, das er sich zusammen mit Goethe vor die Seele geführt hat.
[ 33 ] And so he returned to Weimar; and so he reentered the world in which works had been created that had once captivated everyone: Schiller’s The Robbers, Heins’s Ardinghello, and the like. To him, this seemed like barbaric stuff that ran counter to all the roots now alive in his soul. And he felt utterly alone in his inner life. After all, he had been almost forgotten. And now, little by little, a friendship with Schiller began to take shape. It had been difficult for him to approach Schiller, for nothing was more detestable to him, upon his return, than Schiller’s early works. But they found common ground, and they forged a bond of friendship that has few equals in the history of human development. And they inspired one another so deeply that Herman Grimm rightly says: “In the relationship between Goethe and Schiller, one has not merely Goethe plus Schiller, but Goethe plus Schiller and Schiller plus Goethe.” Each became something different through the other; and whatever each became different through the other, with that each enriched the other. And now great, all-encompassing problems of humanity arose in the souls of both men. What the world at that time sought to resolve politically—the great problem of humanity’s freedom—presented itself to Goethe and Schiller in a spiritual and human way. Others pondered at length how to bring about an external structure in the world that would grant people freedom in life. For Schiller, the question was: How does a person find freedom within their own soul? — And he devoted himself to this problem in the composition of his unique work, the “Letters on the Aesthetic Education of Man.” How a person leads their soul beyond themselves, from the ordinary state of life to a higher state of life—that was the great question for Schiller. On the one hand, Schiller reasoned, human beings stand within sensory nature; on the other hand, they face the logical world. In neither are they free. They become free as those who aesthetically enjoy and aesthetically create, where thoughts become such that they are not subject to any logical compulsion but rather to taste and inclination, and where they are at the same time free from sensuality. Schiller called for a middle ground. These letters, “On the Aesthetic Education of Man,” rank among the most refined works ever written in the history of human development. Yet it was a question, a human enigma, that he and Goethe brought before their souls.
[ 34 ] Goethe konnte nicht philosophisch in abstrakten Ideen eingehen auf dieses Problem, wie Schiller das konnte; Goethe mußte sich dieses Problem lebendig vornehmen. Und er löste dieses Problem in einer umfassenden Weise in seiner Art so, wie er es hinstellte in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Wie Schiller philosophisch zeigen wollte, wie der Mensch vom gewöhnlichen Leben aufsteigt zu einem höheren Leben, so wollte Goethe durch das Zusammenwirken der Geisteskräfte in der menschlichen Seele in dem Märchen von _ der grünen Schlange und der schönen Lilie zeigen, wie der Mensch sich seelisch entwickelt aus dem alltäglichen Seelenleben zu einem höheren Seelenleben. Was bei Schiller philosophisch abstrakt zutage trat, das gestaltete Goethe in großartiger Weise anschaulich in diesem Märchen, das er anfügte einer Beschreibung des äußeren Lebens in seinem novellistischen, romanartigen Werke: «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter». Wirklich, da lebte in dem lebendigen Verkehre zwischen Goethe und Schiller alles auf, was der Mensch sich an Rätselfragen des Lebens stellen konnte mit Bezug auf dasjenige, was in der Frage, in der Sehnsucht liegt:
[ 34 ] Goethe could not approach this problem philosophically through abstract ideas, as Schiller was able to; Goethe had to tackle this problem in a vivid, concrete way. And he solved this problem in a comprehensive way, in his own style, as he presented it in the fairy tale of The Green Snake and the Beautiful Lily. Just as Schiller sought to demonstrate philosophically how human beings rise from ordinary life to a higher life, so Goethe sought to show—through the interplay of the spiritual forces within the human soul in the fairy tale of _The Green Snake and the Beautiful Lily_—how human beings develop spiritually from everyday spiritual life to a higher spiritual life. What emerged as a philosophical abstraction in Schiller’s work, Goethe brought to life in a magnificent and vivid way in this fairy tale, which he appended to a description of external life in his novella-like, novel-style work: Conversations of German Emigrants. Truly, in the lively exchange between Goethe and Schiller, everything came to life that a person could ask of life in terms of enigmatic questions—questions that lie at the heart of longing:
Schau’ alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu’ nicht mehr in Worten kramen.
Look at all the power and seeds,
And stop rummaging through words.
[ 35 ] Wer sich wirklich einläßt auf dasjenige, was zwischen Goethe und Schiller sich abspielte, einläßt auf dasjenige, was in Schillers Geist lebte, in Goethes Geist lebte in der damaligen Zeit, der hat in dem noch nicht anerkanntes, noch nicht genug wirksam gewordenes Geistesgut, in dem konzentriert ist das Streben des fünften nachatlantischen Zeitraums in ganz außerordentlicher Weise. All das, was die beiden dazumal bewegte, in der Art und Weise, wie Schiller das Menschenrätsel philosophisch in seinen «Ästhetischen Briefen» zu lösen versuchte, in der Art und Weise, wie Goethe sich an die Farbenwelt heranmachte in der damaligen Zeit, um Newton entgegenzutreten, in der Art und Weise, wie Goethe die Entwickelung der menschlichen Seele in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie darbietet: das alles sind umfassende Fragen, die, wie es scheint, dazu verurteilt waren, zunächst nur bei wenigen zu leben. Denn indem wir bis hierher zunächst die Tatsachen anführen wollten, welche sich auf Goethes Leben beziehen, muß doch darauf aufmerksam gemacht werden, wie heute viele von Goethe reden, glauben, von Goethe reden zu können, wie aber auch diese Goethe-Zeit als eine Zeit der Vergangenheit vielen doch auch «ein Buch mit sieben Siegeln» ist. Und man möchte sagen, daß es in einem gewissen Sinne sogar entzückend ist, wenn einmal jemand ehrlich ist in dieser Beziehung. Es ist ja gewiß philiströs gewesen, als Du Bois-Reymond seine Rede gehalten hat, der berühmte Naturforscher Du Bois-Reymond: «Goethe und kein Ende». Derselbe Mann, der die «Grenzen des Naturerkennens» vorgezeichnet hat, der so viele bedeutsame physiologische Entdeckungen gemacht hat, er hat, als er Rektor an einer Universität war, seine Rede gehalten: «Goethe und kein Ende». Sie ist philiströs, denn sie entspringt aus der Gesinnung: Ja, da reden so viele Leute von dem, der doch nur ein Dilettant war, von Goethe, der überall herumdilettiert hat: von dem reden die Leute. Was haben wir doch eigentlich seither alles gewonnen, was Goethe selbstverständlich nicht kannte: Zellenlehre, Elektrizitätslehre, Fortschritte der Physiologie! — All das stand vor Du Bois-Reymonds Seele. Was war dagegen Goethe! Und da reden die Leute von dem Faust, den Goethe hingestellt hat, reden so, wie wenn Goethe — meint Du Bois-Reymond — wirklich ein Ideal von Menschheit hingestellt hätte. Und Du Bois-Reymond kann das nicht finden, daß Goethe gerade ein Ideal von Menschheit hingestellt hat, denn er sagt: Wäre es denn eigentlich nicht besser gewesen, Faust größer zu machen, als Goethe ihn gemacht hat, nützlicher für die Menschheit? Da stellt Goethe einen Jammerkerl hin — den Ausdruck gebraucht Du Bois-Reymond nicht, aber ungefähr so ist doch all das, was er sagt —, einen Jammerkerl, der nicht mit seinem eigenen Inneren fertig werden kann. Und dann, sagt er, wäre Faust ein ganzer Kerl gewesen, dann hätte er Gretchen ehrlich geheiratet, nicht verführt, hätte die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe erfunden und wäre ein ordentlicher Professor von Berühmtheit geworden. Das sagt er schon wörtlich, daß der Faust, wenn er ein ordentlicher Mensch gewesen wäre, Gretchen ehrlich geheiratet, nicht verführt hätte bloß, die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe. erfunden, der Menschheit Dienste geleistet hätte und nicht ein so verlottertes Genie geworden wäre, das in allerlei spiritistischen Unfug sich eingelassen hat.
[ 35 ] Anyone who truly engages with what transpired between Goethe and Schiller—who engages with what lived in Schiller’s mind and in Goethe’s mind at that time—will find, in that intellectual heritage which has not yet been recognized or fully realized, a concentration of the aspirations of the fifth post-Atlantean epoch in a truly extraordinary way. Everything that moved the two of them at that time—the way Schiller sought to unravel the enigma of humanity philosophically in his “Aesthetic Letters,” in the way Goethe approached the world of colors at that time to challenge Newton, in the way Goethe presents the development of the human soul in the fairy tale of the green snake and the beautiful lily—all of these are far-reaching questions that, it seems, were destined at first to resonate only with a few. For while we have thus far sought to present the facts relating to Goethe’s life, attention must be drawn to how many people today speak of Goethe—or believe they can speak of him—yet for many, this Goethean era, as a time of the past, remains “a book with seven seals.” And one might say that, in a certain sense, it is even delightful when someone is honest in this regard. It was certainly philistine when Du Bois-Reymond, the famous naturalist, delivered his speech titled “Goethe and No End.” The very same man who outlined the “Limits of Natural Knowledge,” who made so many significant physiological discoveries—he, while serving as rector of a university, delivered his speech: “Goethe and No End.” It is philistine because it springs from the mindset: Yes, so many people talk about the man who was, after all, merely a dilettante—Goethe, who dabbled in everything: that’s who people talk about. What have we actually gained since then—things Goethe, of course, knew nothing of: cell theory, the study of electricity, advances in physiology!—All of that lay before Du Bois-Reymond’s mind. What was Goethe, by comparison! And people talk about the Faust that Goethe created, speaking as if Goethe—in Du Bois-Reymond’s view—had truly presented an ideal of humanity. And Du Bois-Reymond cannot see that Goethe presented an ideal of humanity, for he says: Wouldn’t it actually have been better to make Faust greater than Goethe made him, more useful to humanity? Goethe portrays a wretch—Du Bois-Reymond doesn’t use that exact term, but that’s roughly the gist of what he’s saying—a wretch who can’t come to terms with his own inner self. And then, he says, Faust would have been a real man; he would have honestly married Gretchen, not seduced her, invented the electrostatic machine and the air pump, and become a respectable professor of renown. He says this verbatim: that if Faust had been a decent person, he would have married Gretchen honestly, not merely seduced her; he would have invented the electrifying machine and the air pump, served humanity, and not become such a disheveled genius who got involved in all sorts of spiritualist nonsense.
[ 36 ] Es ist gewiß philiströs, solch eine Rektoratsrede, wie man sie hören konnte am Ende des 19. Jahrhunderts, aber sie ist wenigstens ehrlich. Und man möchte, daß viel öfter solche Ehrlichkeit auftritt, denn sie ist doch entzückend, weil sie der Wahrheit entspricht, während verlogen, dreimal verlogen vieles von dem ist, was die Leute an Begeisterung für Faust und Goethe aufbringen, Leute, die doch nur «froh sind, wenn sie Regenwürmer finden». Denn solche Zitate aus Goethe, wie man sie heute vielfach hört, sind ja auch nur geistige Regenwürmer, wenn es auch Goethe-Worte sind.
[ 36 ] It is certainly philistine—the kind of speech one might have heard from a university president at the end of the 19th century—but at least it is honest. And one would like to see such honesty much more often, for it is, after all, delightful because it corresponds to the truth, whereas much of what people muster in their enthusiasm for Faust and Goethe is false, thrice false—people who are, after all, only “happy when they find earthworms.” For such quotations from Goethe, as are frequently heard today, are, after all, nothing more than intellectual earthworms, even if they are Goethe’s own words.
[ 37 ] Gerade an dem Verhältnis unserer Zeit zu einem solchen Geist wie Goethe, kann man vielfach das tief Unwahre dieser Zeit studieren. Und gar mancher, der nichts weiter tut, als «in Worten kramen», kramt eben auch in Goethe-Worten, während in Goethes Weltanschauung etwas liegt, was hineinführt in all das, was aufgehen muß in der zukünftigen Entwickelung der Menschheit und was sich, wie wir schon andeuteten, wohl mit Geisteswissenschaft nicht nur verbindet, sondern was schon immer durch seine eigene Natur mit Geisteswissenschaft verbunden ist.
[ 37 ] It is precisely in the relationship of our time to a spirit such as Goethe’s that one can often study the profound untruth of our age. And many a person who does nothing more than “rummage through words” rummages through Goethe’s words as well, whereas there is something in Goethe’s worldview that leads into all that must unfold in the future development of humanity—and which, as we have already indicated, is not only connected to spiritual science but has always been connected to it by its very nature.
