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Das Karma des Berufes des Menschen
in Anknüpfung an Goethes Leben
GA 172

6 November 1916, Dornach

Dritter Vortrag

[ 1 ] Ich möchte jetzt von einem anderen Ausgangspunkt noch die Annäherung vollziehen an das Problem, an dem wir in diesen Betrachtungen arbeiten. Denn in der Geisteswissenschaft muß es so sein, daß man gewissermaßen das Problem von verschiedenen Punkten her einschließt und ihm sich von verschiedenen Punkten her auch nähert. Wenn wir einen solchen Lebenslauf betrachten wie denjenigen Goethes, so muß uns ja, ich möchte sagen, im groben eines auffallen, das einem überhaupt zum großen Rätsel in der Menschheitsentwickelung werden kann, auch dann noch, wenn man die wiederholten Erdenleben zunächst betrachtet und bei der Gestaltung des Lebens eines Menschen zu Rate zieht. Ich meine das Problem: Worin liegt es eigentlich, daß einzelne Menschen wie zum Beispiel Goethe in der Lage sind, aus ihrem Inneren heraus solch Bedeutsames zu schaffen, wie eben Goethe geschaffen hat, insbesondere durch seinen «Faust», durch solch Geschaffenes einen so bedeutenden Einfluß auf die übrige Menschheit zu haben? Wie kommt es, daß gewissermaßen einzelne Menschen herausgelöst werden aus der übrigen Menschheit und zu so Bedeutendem gewissermaßen von dem Weltengeschick berufen werden? — Wir vergleichen dann mit so bedeutendem Schaffen und Leben dasjenige jedes einzelnen Menschen und fragen uns: Was ergibt sich uns an dem Unterschiede jedes einzelnen Menschenlebens und dieser sogenannten hervorragenden Menschenleben?

[ 2 ] Diese Frage kann man sich nur beantworten, wenn man sich das Leben mit den Mitteln, die uns die Geisteswissenschaft an die Hand gibt, etwas genauer betrachtet. Zunächst ist nämlich all das, was der Mensch erkennen kann, namentlich für unsere Zeit, dazu angelegt, gewisse Dinge zu kaschieren, zu maskieren und die unbefangene menschliche Betrachtung davon fernzuhalten. Das macht auch nötig, daß man vielfach zunächst sich anpassend an das, was zuerst verstanden werden kann, in der Geisteswissenschaft sprechen muß. Nun schildern wir ja in der Geisteswissenschaft gewöhnlich so, daß wir sagen: Der Mensch besteht, so wie er sich uns darstellt im Leben, aus seinem physischen Leibe, dem ätherischen Leibe, dem astralischen Leibe und dem Ich. — Und wir schildern dann, indem wir charakterisieren die Wechselzustände zwischen Wachen und Schlafen so, daß wir sagen: Während des Wachens sind Ich und astralischer Leib im physischen Leibe und im Ätherleib drinnen; während des Schlafens sind Ich und astralischer Leib draußen. — Das ist für ein Verständnis der Sache zunächst vollständig ausreichend und entspricht durchaus den geisteswissenschaftlichen Tatsachen. Aber es handelt sich darum, daß man dadurch, daß man so schildert, nur einen Teil der vollen Wirklichkeit gibt. Wir können niemals in einer Schilderung die volle Wirklichkeit umfassen; einen Teil der vollen Wirklichkeit geben wir eigentlich immer, wenn wir irgend etwas schildern, und wir müssen immer erst von einigen anderen Seiten wiederum Licht suchen, um die geschilderte Teilwirklichkeit in der richtigen Weise zu beleuchten. Und da muß gesagt werden: Es ist im allgemeinen so, daß Schlafen und Wachen wirklich eine Art zyklischer Bewegung für den Menschen darstellen. Strenge genommen sind nämlich Ich und astralischer Leib außer dem physischen und ätherischen Menschenleib im Schlafzustande nur außerhalb des Hauptes, während gerade dadurch, daß im Schlafe das Ich und der astralische Leib außerhalb des physischen und ätherischen Hauptes des Menschen sind, sie eine um so regere Tätigkeit und Wirksamkeit ausüben auf die andere menschliche Organisation. Alles das, was im Menschen nicht Haupt ist, sondern andere menschliche Organisation, steht gerade während des Schlafzustandes, in dem gewissermaßen Ich und astralischer Leib von außen auf den Menschen wirken, unter einem viel stärkeren Einflusse dieses Ich und dieses astralischen Leibes als während des wachen Zustandes. Und man kann schon sagen: Während des Schlafzustandes wird die Wirkung, die das Ich und der astralische Leib des Menschen im Wachzustande auf das Haupt ausüben, auf den übrigen Organismus ausgeübt. — Wir können daher mit Recht in einem gewissen Sinne vergleichen namentlich das Ich des Menschen mit der Sonne, die, wenn es bei uns Tag ist, unsere Gegend überleuchtet; wenn es bei uns Nacht ist, ist diese Sonne nicht bloß draußen, sondern sie beleuchtet auf der anderen Seite die Erde und macht dort Tag. So ist es in einem gewissen Sinne Tag in unserem übrigen Organismus, wenn es für unsere Sinneswahrnehmung, die ja vorzugsweise an das Haupt gebunden ist, Nacht ist, und Nacht ist es dafür auch für unseren übrigen Organismus, wenn es für unser Haupt Tag ist, das „heißt, unser übriger Organismus ist dem Ich mehr oder weniger ent5 zogen und auch dem astralischen Leib, wenn wir wachen. Das ist noch etwas, was zu der Beleuchtung der vollen Wirklichkeit dazukommen muß, wenn man den ganzen Menschen verstehen will.

[ 3 ] Nun handelt es sich darum, daß man auch in diesem Sinne den Zusammenhang des Seelischen mit dem Physischen des Menschen richtig erfaßt, wenn man das, was ich eben angeführt habe, ordentlich verstehen will. Ich habe öfter betont, das Nervensystem des physischen Organismus ist eine einheitliche Organisation, und eigentlich ist es nichts weiter als ein bloßer Unsinn, der nicht einmal durch eine Anatomie gerechtfertigt wird, die Nerven zu teilen in sensitive und motorische Nerven. Die Nerven sind alle einheitlich organisiert, und sie haben alle eine Funktion. Die sogenannten motorischen Nerven unterscheiden sich nur dadurch von den sogenannten sensitiven Nerven, daß die sensitiven darauf eingerichtet sind, der Wahrnehmung der Außenwelt zu dienen, während die sogenannten motorischen Nerven der Wahrnehmung des eigenen Organismus dienen. Ein motorischer Nerv ist nicht dazu bestimmt, meine Hand zu bewegen — das ist ein bloßer Unsinn —, sondern der motorische Nerv, der sogenannte motorische Nerv, ist dazu bestimmt, die Bewegung der Hand wahrzunehmen, also innerlich wahrzunehmen, während der sensitive Nerv dazu bestimmt ist, bei der Wahrnehmung der Außenwelt zu dienen. Das ist der ganze Unterschied. Nun teilt sich unser Nervensystem, wie Sie ja wissen, in drei Glieder: in diejenigen Nerven, deren Hauptzentrum das Gehirn ist, also die im Haupte zentriert sind, dann in diejenigen Nerven, die im Rückenmark zentriert sind, und diejenigen Nerven, die wir zum sogenannten Gangliensystem rechnen. Das sind im wesentlichen die drei Arten von Nerven, die der Mensch hat. Nun handelt es sich darum, zu erkennen: Welche Beziehungen herrschen zwischen diesen drei Arten von Nervensystemen und den geistigen Gliedern unseres Organismus? Welches ist gewissermaßen das vorgerückteste, feinste Glied des Nervensystems und welches ist das am wenigsten vorgerückte Glied des Nervensystems?

[ 4 ] Es ist ganz selbstverständlich, daß auf diese Frage diejenigen, die heute von der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung herkommen, antworten werden: Nun ja, das Nervensystem des Gehirnes ist natürlich das edelste, denn das ist dasjenige, das den Menschen von den Tieren unterscheidet. — Aber es ist nicht so. Dieses Nervensystem des Gehirnes hängt im wesentlichen zusammen mit der ganzen Organisation unseres Ätherleibes. Selbstverständlich sind überall weitere Beziehungen vorhanden, so daß natürlich unser ganzes Gehirnsystem auch Beziehungen zum astralischen Leib oder zum Ich hat, aber dies sind sekundäre Beziehungen. Die primären, die ursprünglichen Beziehungen sind zwischen unserem Gehirnnervensystem und zwischen unserem Ätherleib. Das hat nichts zu tun mit der Anschauungsweise, die ich einmal auseinandergesetzt habe, daß das ganze Nervensystem mit Hilfe des astralischen Leibes zustande gebracht worden ist; das ist etwas ganz anderes, das muß man durchaus unterscheiden. Das ist zustande gebracht worden in seiner ursprünglichen Veranlagung während der Mondenzeit, aber das hat sich weiterentwickelt und andere Beziehungen sind eingeleitet worden seit der ersten Bildung, so daß in der Tat unser Gehirnnervensystem innigste und bedeutsamste Beziehungen hat zu unserem Ätherleib. Das Rückenmarkssystem hat die innigsten und primärsten Beziehungen zu unserem Astralleib, so wie wir ihn jetzt als Menschen an uns tragen, und das Gangliensystem zu dem Ich, zu dem eigentlichen Ich. Das sind die primären Beziehungen, wie wir sie jetzt haben.

[ 5 ] Wenn wir dies in Erwägung ziehen, so werden wir uns leicht vorstellen können, daß eine besonders rege Beziehung herrscht während unseres Schlafzustandes zwischen unserem Ich und unserem Gangliensystem, das vorzugsweise ausgebreitet ist in dem Rumpforganismus, das in Strängen das Rückenmark außen umkleidet und so weiter. Aber diese Beziehungen sind gelockert während des Tagwachens; sie sind vorhanden, aber sie sind gelockert während des Tagwachens. Sie sind inniger während des Schlafens. Und inniger als während des Tagwachens sind die Beziehungen zwischen dem astralischen Leib und den Rückenmarksnerven im Schlafzustande. So daß wir also sagen können: Während desSchlafzustandes treten ganz besonders innige Beziehungen auf zwischen unserem Astralleib und unseren Rückenmarksnerven und zwischen unserem Ich und unserem Gangliensystem. Wir leben mehr oder weniger während des Schlafes in unserem Ich stark zusammen mit unserem Gangliensystem. Wird man einmal die rätselvolle Traumwelt genauer studieren, so wird man dies schon erkennen, was ich so aus der geisteswissenschaftlichen Untersuchung heraus erwähne.

[ 6 ] Dann aber, wenn Sie dies in Erwägung ziehen, werden Sie auch eine Brücke finden zu dem anderen wesentlichen, bedeutungsvollen Gedanken: daß für das Leben etwas sehr Wichtiges dadurch gegeben sein muß, daß ein rhythmischer Wechsel eintritt im Zusammenleben des Ichs zum Beispiel mit dem Gangliensystem und des astralischen Leibes mit dem Rückenmarkssystem, ein rhythmischer Wechsel, der identisch ist mit dem Wechsel des Schlafens und Wachens. Denn es wird Ihnen nicht allzu verwunderlich erscheinen, wenn man sagt: Dadurch, daß das Ich eigentlich so recht im Gangliensystem und der astralische Leib so recht im Rückenmarkssystem ist im Schlafe, dadurch wacht der Mensch mit Bezug auf Gangliensysteem und Rückenmarkssystem während des Schlafens und schläft er während des Wachens. — Man kann da nur die Frage aufwerfen: Wie kommt es denn, daß man von dem so regen Wachen, das ja eigentlich entwickelt werden muß während des Schlafens, so wenig weiß? Nun, wenn Sie in Erwägung ziehen, wie der Mensch geworden ist, daß ja das Ich des Menschen erst während des Erdendaseins in ihm Platz genommen hat, also eigentlich das Baby ist unter unseren menschheitlichen Gliedern, so wird es Ihnen nicht staunenswert sein, daß dieses Ich eben sich noch nicht zum Bewußtsein bringen kann dasjenige, was es erlebt im Gangliensystem während des Schlafens, während es sich wohl zum Bewußtsein bringen kann das, was es erlebt, wenn es in dem voll ausgebildeten Haupte ist, das ja hauptsächlich das Ergebnis ist aller derjenigen Impulse, die durch Mond, Sonne und so weiter gewirkt haben. Was das Ich sich zum Bewußtsein bringen kann, hängt von dem Instrument ab, dessen es sich bedienen kann. Das Instrument, dessen es sich in der Nacht bedient, ist verhältnismäßig noch zart. Denn ich habe Ihnen in früheren Vorträgen ausgeführt, daß der übrige Organismus eigentlich erst später entwickelt worden ist, daß der erst hinzugekommen ist zu dem mehr vollendeten Kopforganismus des Menschen, daß der ein Anhängsel ist des Kopforganismus. Wenn wir davon sprechen, daß der Mensch seinem physischen Leib nach mehr oder weniger lange Stadien vom Saturn aus durchgemacht hat, so können wir das nur mit Bezug auf das Haupt, auf den Kopf aussprechen. Dasjenige, was sich an den Kopf anhängt, ist vielfach spätere Bildung, Mondenbildung und sogar erst Erdenbildung. Daher kommt das rege Leben, das entwickelt wird während des Schlafens und das vielfach seinen organischen Sitz hat im Rückenmark und im Gangliensystem, zunächst wenig zum Bewußtsein, aber es ist deshalb ein nicht minder reges, bedeutsam reges Leben. Und man kann ebensogut sagen, im Schlafe soll dem Menschen die Möglichkeit geboten werden, hinunterzusteigen in sein Gangliensystem, wie ihm im Wachen die Möglichkeit gegeben ist, hinaufzusteigen zu seinen Sinnen und zu seinem Gehirnsystem. Gewiß, Sie werden sagen: Wie kompliziert sich — und vielleicht sogar: Wie verwirrt sich dadurch alles das, was wir uns angeeignet haben! — Aber der Mensch ist ein kompliziertes Wesen und man lernt ihn nicht verstehen, wenn man nicht diese Komplikation, diese Kompliziertheit wirklich einmal auf sich wirken läßt.

[ 7 ] Nun denken Sie sich einmal, daß bei einem Menschen das eintritt, was ich Ihnen mit Bezug auf Goethe beschrieben habe: daß der ätherische Leib gelockert wird. Dann, wenn der ätherische Leib gelockert wird, dann tritt eine ganz andere Beziehung ein im Wachen zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Organischen, dem Physischen des Menschen. Der Mensch wird, so wie ich es gestern beschrieben habe, auf eine Art Isolierschemel gestellt. Aber es kann niemals eine solche Wirkung eintreten, ohne eine andere nach sich zu ziehen. Das ist sehr wichtig ins Auge zu fassen. Eine solche Beziehung tritt nicht einseitig ein, sondern sie zieht eine andere nach sich. Wenn man diese Beziehung, die ich gestern charakterisiert habe, etwas gröber ausspricht, so könnten wir auch sagen: Dadurch, daß der ätherische Leib gelockert ist, wird das ganze Wachleben des Menschen in einer gewissen Weise beeinträchtigt, beeinflußt. Aber das kann nicht sein, ohne daß zu gleicher Zeit das Schlafleben des Menschen beeinflußt wird. Die Folge davon ist einfach, daß der Mensch in losere Beziehungen tritt zu seinen Gehirneindrücken, wenn so etwas bei ihm auftritt wie bei Goethe. Dadurch tritt er auch in intimere, in stärkere Beziehungen während des Wachens zu seinen Rückenmarksnerven und zu dem Gangliensystem. Das ist damals, als Goethe krank wurde, zu gleicher Zeit eingetreten, daß er gewissermaßen eine losere Beziehung zu seinem Gehirn entwickelt hat, aber zugleich eine intimere Beziehung zu seinem Gangliensystem und zu seinem Rückenmarkssystem.

[ 8 ] Was tritt denn dadurch aber überhaupt auf? Was soll das heißen, eine intimere Beziehung tritt zum Gangliensystem, zum Rückenmarkssystem ein? Dadurch tritt der Mensch nämlich in eine ganz andere Beziehung zur Außenwelt. Wir sind ja immer in inniger Beziehung zur ganzen Außenwelt; wir achten nur nicht darauf, in welch inniger Beziehung wir eigentlich zur Außenwelt stehen. Aber ich habe Sie öfter aufmerksam darauf gemacht: Die Luft, die Sie in einem Augenblick in Ihrem Innern tragen, ist im nächsten Augenblicke draußen und eine andere Luft ist drinnen; dasjenige, was jetzt draußen ist, hat im nächsten Augenblicke die Form des Leibes und vereinigt sich mit Ihrem Leib. Es ist ja nur scheinbar der Menschenorganismus geschieden von der Außenwelt; er ist ein Glied dieser Außenwelt, er gehört zu dieser ganzen Außenwelt dazu. Wenn also eine solche Änderung in der Beziehung zur Außenwelt eintritt wie die charakterisierte, so macht sich das schon mit Bezug auf das Leben des Menschen stark geltend. Nun kann man ja sagen: Dadurch müßte eigentlich die niedere Natur des Menschen bei einer solchen Persönlichkeit wie Goethe — denn man bezeichnet gewöhnlich dasjenige, was an Rückenmark und Gangliensystem gebunden ist, als die niedere Natur — nun besonders stark hervortreten. Vom Haupte ziehen sich die Kräfte zurück; das Gangliensystem und das Rückenmarkssystem nehmen sie mehr in Anspruch.

[ 9 ] Verständnis für das, was da eigentlich geschieht, gewinnt man erst, wenn man sich durchdringt mit der Erkenntnis, daß, was wir Verstand, Vernunft nennen, nicht eigentlich so eng gebunden ist an unsere Individualität, wie man das gewöhnlich annimmt. Gerade über diese Dinge hat unsere Gegenwart nach allen ihren Grundvorstellungen selbstverständlich, könnte man sagen, die allerverkehrtesten Begriffe. Über diese Dinge kommt unsere Gegenwart am allerwenigsten zurecht. Das hat sich insbesondere gezeigt an der, man möchte sagen, «dalketen» Art — ich weiß nicht, ob der Ausdruck allgemein verstanden wird, er bezeichnet eine gewisse Art, sich zu den Dingen zu stellen, die Stumpfsinnigkeit mit Blödigkeit verbindet —, wie sich unsere Zeit bis in die gelehrtesten Kreise hinein verhalten hat zu dem, was da zum Vorscheir kommen sollte durch gewisse Erfahrungen, die man machte mit «gelehrten Tieren»: Hunden, Affen, Pferden und so weiter, Sie wissen ja, daß plötzlich durch die Welt gegangen ist die Kunde von den gelehrten Pferden, die rechnen können, die alle möglichen anderen Dinge noch können, von einem sehr gelehrten Hunde, der Aufsehen gemacht hat in Mannheim, von einem gelehrten Affen in einem Frankfurter Tiergarten, dem man das Rechnen neben anderen Dingen beigebracht hat, die man in Einzelheiten nicht gern in guter Gesellschaft schildert, die man nur andeuten kann. Der Frankfurter Schimpanse nämlich hat, im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern des Affengeschlechts, sich mit Bezug auf gewisse Bedürfnisse dazu abrichten lassen, sich in der Weise zu benehmen, wie sich sonst nicht Affen, sondern wie sich Menschen benehmen; weiter will ich dieses Thema nicht ausführen. Aber das alles hat nicht nur Laienkreise, sondern auch Gelehrtenkreise in großes Erstaunen versetzt. Nicht nur Laien, sondern auch Gelehrte fielen in eine Art von Verzückung, als insbesondere der Mannheimer Hund einen Brief schrieb, nachdem ihm ein teurer Angehöriger gestorben war: wie dieser teure Angehörige, der Sprößling des Hundes, nun bei der Urseele sein werde, wie er es dort haben werde und so weiter. Es war ein sehr intelligenter Brief, den jener Hund schrieb. Nun, nicht wahr, auf die besonders komplizierten Intelligenzäußerungen braucht man dabei nicht einzugehen, aber immerhin: Rechnungsleistungen haben alle diese verschiedenen Tiere zustande gebracht. Man hat sich dann viel abgegeben mit der Untersuchung desjenigen, was solche Tiere leisten können. Beim Frankfurter Affen ist etwas ganz Besonderes herausgekommen. Man hat sich nämlich überzeugen können, daß er, wenn man ihm eine Rechnung vorlegte, die er zu einer bestimmten Zahl als Resultat führen sollte, diese Zahl in einer Reihe von Zahlen nebeneinander zeigte; auf die richtige Zahl zeigte er hin, und die Summe ergab sich zum Beispiel aus einzelnen Additionen. Da kam man darauf, daß dieser gelehrte Affe sich einfach angewöhnt hatte, genau sich zu richten nach der Blickrichtung seines Dresseurs. Einige, die früher erstaunt waren, sagten schon: Keine Spur von einem Geist, alles ist Dressur. — Es ist eigentlich nichts anderes als ein etwas kompliziertes Verfahren, wie wenn der Hund apportiert, wenn man ihm einen Stein hinwirft und er holt ihn; so holte der Affe aus einer Reihe von Zahlen diejenige heraus, auf die jetzt nicht die Wurfrichtung fiel, sondern einfach der Blick seines Erziehers.

[ 10 ] Es werden gewiß bei genauerer Untersuchung ähnliche Resultate auch bei den übrigen Tieren erzielt werden. Erstaunt muß man eigentlich nur immer über das eine sein: daß die Menschen gar so frappiert sind, wenn solche Tiere einmal etwas scheinbar Menschenähnliches leisten. Denn wie viel mehr Geist, wie viel mehr Verstand — wenn man den Verstand objektiv nimmt — gehört selbstverständlich zu all dem dazu, was einem gut bekannt ist in dem Tierreiche, was aus dem sogenannten Instinkte heraus geleistet wird! Denn da wird in der Tat ungeheuer Bedeutungsvolles geleistet, und da liegen tief bedeutsame Zusammenhänge darinnen, die einen bewundern lassen die Weisheit, die da waltet überall, wo Erscheinungen zutage treten. Wir haben Weisheit nicht nur in unserem Kopf; Weisheit ist es, die uns wie das Licht überall umgibt, die überall wirkt und die auch durch die Tiere hindurch wirkt. Über solche extraordinäre Erscheinungen sind diejenigen bloß erstaunt, die überhaupt sich nicht ernsthaft mit wissenschaftlichen Entwickelungen befaßt haben. Ich möchte all denen, die heute so gelehrte Abhandlungen schreiben über den Mannheimer Hund und ähnliche Hunde, über die Pferde, über den Frankfurter Affen und so weiter, ich möchte denen — neben anderem kann man das, das ist nicht vereinzelt — nur eine Stelle aus dem schon 1866 erschienenen Buche «Vergleichende Psychologie» von Carus vorlesen; da die anderen mir nicht zuhören, so werde ich diese Stelle zunächst Ihnen vorlesen. Da heißt es bei Carus Seite 231: «Wenn also zum Beispiel der Hund lange von seinem Herrn mit Schonung und Neigung behandelt wird, so prägen sich die menschlichen Züge dem Tiere, obwohl es keinen Sinn hat für den Begriff der Güte an sich, doch gegenständlich ein, amalgamieren sich mit dem Sinnenbilde dieses Menschen, den der Hund oft erblickt, und lassen ihn diese Persönlichkeit, sogar ohne den Sinn des Gesichts, zum Beispiel bloß durch den Geruch oder durch das Gehör, als der kennen, von dem ihm Gutes einst zukam. Wird daher jetzt etwa diesem Menschen ein Leid zugefügt, ja ihm dadurch vielleicht sogar die Möglichkeit genommen, fernere Wohltaten den Hunde zuzuteilen, so empfindet das Tier dies wie ein ihm selbst zugefügtes Übel, und wird dadurch zu Zorn und Rache bewegt; alles dies somit ohne irgend ein abstraktes Denken, sondern immer nur, indem Sinnenbild an Sinnenbild sich anreiht.»

[ 11 ] Das ist gewiß wahr, daß Sinnenbild an Sinnenbild sich beim Hunde anreiht; aber in der ganzen Begebenheit waltet Verstand und Weisheit.

[ 12 ] «Merkwürdig bleibt es indes, wie sehr ein solches eigentümliches Verweben, Trennen und Wiederverbinden von Vorstellungen des innern Sinnes, doch dem wirklichen Denken nahe kommen und ihm in seinen Folgen gleichen kann! — So sah ich einst einen wohlabgerichteten weißen Pudel» — das war nicht der Mannheimer Hund, denn das ist 1866 geschrieben — «welcher zum Beispiel die Buchstaben ihm vorgesagter Worte richtig auswählte und zusammenlegte, welcher einfache Rechenexempel durch Zusammentragen einzelner, gleich den Buchstaben, auf besondre Blätter geschriebenen Zahlen zu lösen schien, welcher auszuzählen schien, wie viel Damen sich unter der anwesenden Gesellschaft befanden, und dergleichen mehr. — Natürlich wäre alles dies, sobald es sich um ein wirkliches Verstehen der Zahl — als mathematischen Begriff — gehandelt hätte, ohne ein eigentliches Nachdenken nicht möglich gewesen; es fand sich aber endlich, daß der Hund nur abgerichtet war, auf ein sehr leises Zeichen seines Herrn, das Blatt mit dem bestimmten Buchstaben, oder mit der passenden Zahl, aus der aufgelegten Reihe, an welcher er auf- und niederging, aufzunehmen, und auf den Wink eines andern eben so leisen Tons (etwa ein Knipsen mit dem Daumennagel und dem Nagel des vierten Fingers) das Blatt in einer andern Reihe wieder niederzulegen und dadurch solch scheinbares Wunder zu vollbringen.»

[ 13 ] Sie sehen, nicht bloß die Erscheinung ist längst bekannt, sondern auch die Lösung, die heute erst wiederum mit vieler Mühe die Gelehrten feststellen, weil die Leute sich nicht kümmern um dasjenige, was geleistet worden ist in der wissenschaftlichen Entwickelung. Nur deshalb kommen solche Dinge zustande, die nicht von unserer vorgerückten Wissenschaft, sondern von unserer vorgerückten Ignoranz zeugen! Aber auf der anderen Seite hat man mit Recht etwas eingewendet. Wenn es sich nun wiederum bloß um solche Erklärungen handeln würde, wie sie heute vorgebracht werden, so kann man nicht minder solche Erklärungen naiv finden; denn Hermann Bahr hat mit Recht gesagt: Nun, da ist also der Herr Pfungst gekommen und hat gezeigt, wie die Pferde auf ganz leise Deutungen reagieren, die die Menschen, die da dressieren, nicht wahrnehmen, sondern unbewußt machen, die er selber erst wahrzunehmen in der Lage war, nachdem er sich lange in seinem physiologischen Laboratorium Apparate konstruiert hat, um diese winzigen Mienen wahrzunehmen. — Hermann Bahr hat mit Recht eingewendet, daß es doch eine eigentümliche Auslegung ist, daß nun die Pferde so gescheit sein sollen, solche Mienen zu beobachten, während ein Privatdozent erst lange Jahre — ich glaube, zehn oder noch mehr Jahre hat er dazu gebraucht — sich Apparate konstruieren muß, um sie wahrzunehmen! Es ist in allen solchen Dingen selbstverständlich ein Stückchen Richtigkeit; aber man muß die Dinge nur recht anschauen. Und recht angeschaut zeigt sich eben, daß die Dinge nur erklärlich sind, wenn man geradeso wie zu den Instinkthandlungen objektive Weisheit, objektive Vernunft in die Dinge hinein versetzt sich denkt, wenn man das Tier eingeschaltet denkt in ein ganzes System durch die Welt gehender objektiver Weisheitszusammenhänge; wenn man sich mit anderen Worten nicht darauf beschränkt, zu denken, daß Weisheit durch den Menschen bloß in die Welt gekommen ist, sondern erkennt, daß Weisheit durch die ganze Welt waltet und der Mensch nur dazu berufen ist, durch seine besondere Organisation mehr als die anderen Wesen von dieser Weisheit wahrzunehmen. Dadurch unterscheidet sich der Mensch von den übrigen Wesen, daß er durch seine Organisation mehr von der Weisheit wahrnehmen kann als die anderen Wesen. Verrichten aber können die anderen Wesen durch die ihnen eingepflanzte Weisheit ebenso Weisheitsvolles wie der Mensch, nur von anderer Art Weisheitsvolles. Und die außerordentlichen Erscheinungen des Weisheitswirkens sind eigentlich für denjenigen, der Ernst macht mit der Weltbetrachtung, die viel weniger wichtigen als diejenigen, die immer vor unseren Augen ausgebreitet sind. Die sind die viel wichtigeren. Wenn Sie dies in Erwägung ziehen, so werden Sie das Folgende nicht mehr unverständlich finden.

[ 14 ] Das Tier ist so in die Weltenweisheit eingespannt, daß es recht innig mit dieser Weltenweisheit verknüpft ist, viel stärker als der Mensch. Es ist dem Tier gewissermaßen eine viel gebundenere Marschroute mitgegeben als dem Menschen. Der Mensch ist viel freier gelassen als das Tier; dadurch ist es ihm auch möglich, Kräfte zu ersparen für das Erkennen der Zusammenhänge. Die Hauptsache ist diese, daß beim Tiere, namentlich also bei den höheren Tieren, der physische Leib in dieselben Weltenzusammenhänge eingespannt ist, in die beim Menschen erst der ätherische Leib eingespannt ist. Daher weiß der Mensch mehr von den Weltenzusammenhängen, aber das Tier steckt viel inniger, viel näher darinnen, ist viel mehr eingeschaltet in diese Weltenzusammenhänge. Wenn Sie also objektiv waltende Vernunft in Erwägung ziehen und sich sagen: Um uns herum ist nicht nur Luft und Licht, um uns herum ist auch waltende Vernunft überall; wenn wir gehen, gehen wir nicht nur durch den Lichtraum, sondern auch durch den Weisheitsraum, durch den waltenden Vernunftraum, — dann werden Sie ermessen, was es bedeutet, wenn der Mensch in bezug auf die feineren Verhältnisse seiner Organe in die Welt in anderer Weise eingespannt wird, als er gewöhnlich eingespannt ist. Nun ist der Mensch im normalen Leben in einer Weise in die geistigen Weltenverhältnisse eingespannt, daß stark beeinträchtigt ist der Zusammenhang zwischen dem Ich und dem Gangliensystem und dem astralischen Leib und dem Rückenmarkssystem für das tagwache Leben; dadurch, daß das stark beeinträchtigt ist, herabgedämpft ist, dadurch ist der Mensch im gewöhnlichen, normalen Leben wenig aufmerksam auf das, was sich um ihn herum abspielt und was er nur wahrnehmen könnte, wenn er wirklich mit seinem Gangliensystem ebenso wahrnehmen würde, wie er sonst durch seinen Kopf wahrnimmt.

[ 15 ] Wenn aber nun in einem solch ausgezeichneten Falle, wie das bei Goethe der Fall ist, der astralische Leib, weil der Ätherleib aus dem Kopf herausgezogen ist, in ein regeres Verhältnis gebracht worden ist zum Rückenmarkssystem und das Ich zum Gangliensystem, so tritt auch ein viel regerer Verkehr ein mit dem, was uns immer umgibt und umspielt und was uns allein dadurch verhüllt ist, daß wir nur zu nachtschlafender Zeit im normalen Menschenleben mit unserer geistigen Umwelt in Beziehung treten. Dadurch aber kommen Sie darauf, zu verstehen, wie so etwas, wie Goethe es beschrieben hat, für ihn einfach wahrzunehmen war, wirkliche Wahrnehmung war, eine Wahrnehmung, die natürlich nicht so brutal hell sein konnte, wie die Wahrnehmungen sind, die wir durch unsere Sinne von der Außenwelt beziehen, aber die doch heller war als die Wahrnehmungen, die sonst ein Mensch von seiner Umgebung hat, insofern diese Umgebung geistig ist.

[ 16 ] Nun, was nahm denn Goethe auf diese Art besonders rege wahr? Machen wir uns einmal klar, was Goethe besonders rege wahrnahm, an einem besonderen Falle. Goethe war durch sein besonderes Karma dazu verurteilt, ins Gelehrtenleben, ins Erkenntnisleben hineinzuwachsen — durch Komplikationen des Karmas, wie ich Ihnen angedeutet habe — wiederum nicht so wie ein Dutzendgelehrter. Was erlebt er auf diese Weise? Nun, sehen Sie, seit langen Jahrhunderten erlebt ein Mensch, der ins Gelehrtenleben hineinwächst, einen bedeutsamen Zwiespalt. Dieser Zwiespalt ist heute sogar mehr verborgen als zu Goethes Zeiten. Aber es erlebt jeder einen gewissen Zwiespalt dadurch, daß man in dem, was niedergelegte Wissenschaft ist, ein ungeheuer breites Feld hat, in dem das zu finden ist, was mehr oder weniger vom vierten nachatlantischen Zeitraum aufbewahrt worden ist. Es wird aufbewahrt in den Terminologien, in den Wortsystemen, die man genötigt ist aufzunehmen. Man kramt viel mehr, als man meint, in Worten. Gemildert wurde es dadurch, daß im 19. Jahrhundert allmählich viel experimentiert worden ist und daß man dadurch so hineinwächst in das Wissen, daß man mehr gesehen hat, als früher gesehen worden ist, und daß wenigstens schon bis zu einem gewissen Grade solche Wissenschaften, wie die Jurisprudenz, von ihrem ganz besonders hohen Sitz heruntergesunken sind, auf dem sie vorher saßen. Aber als noch Jurisprudenz und Theologie die ganz besonders hohen Sitze einnahmen, da war wirklich ein umspannendes Wortsystem dasjenige, in das man sich zunächst einlebte, und so war vieles von dem, was man aufnehmen mußte als eine Erbschaft des vierten nachatlantischen Zeitraums. Daneben machte sich geltend immer mehr und mehr, was aus den Bedürfnissen des fünften nachatlantischen Zeitraums herkommt, das unmittelbare Leben, das aus den großen Errungenschaften der neueren Zeit stammt.

[ 17 ] Das empfindet derjenige nicht, der so einfach geschoben wird von Klasse zu Klasse, aber ein Mensch wie Goethe, der empfand das im allerhöchsten Maße. Ich sage: Es empfindet der Mensch es nicht, der so geschoben wird von Klasse zu Klasse, aber er macht es nicht minder durch. Er macht es wirklich durch. Und da streifen wir schon ein gewisses Geheimnis des modernen Lebens. Studenten, die durch das Studium gehen, wir können sie überblicken nach dem, was sie durchmachen und was sie selbst davon wissen; aber was sie so durchmachen, ist nicht alles. Ihr Inneres ist etwas ganz anderes. Und würden diese Menschen, die diese ineinandergewobenen Schichten — vierter und fünfter nachatlantischer Zeitraum — durchmachen, wissen, was ein gewisses Glied ihres Wesens, ohne daß sie es wissen, mit ihnen durchmacht, dann würden sie noch ein ganz anderes Verständnis für dasjenige haben, was Goethe jugendlich schon in seinen «Faust» hineingeheimnißt hat, denn unbewußt machen das Unzählige mit, die sich hineinleben in den heutigen Bildungsweg. So daß man sagen muß: Durch alles das, was Goethe sich heranerzogen hat vermöge seines besonderen Karmas, waren ihm die Menschen, denen er nahetrat während seines noch jugendlichen Lebens, etwas ganz anderes, als sie ihm geworden wären, wenn er nicht dieses besondere Karma gehabt hätte. Denn er fühlte und empfand, wie eigentlich die Menschen, mit denen zusammen er da aufwuchs, betäubt werden mußten, um das Faustische Leben in sich eben betäubt zu haben, nicht in Wirklichkeit zu haben. Das konnte er dadurch empfinden, weil dasjenige, was auf geheimnisvolle Weise in seinen Mitmenschen lebte, auf ihn einen solchen Eindruck machte, wie sonst nur der Eindruck gemacht wird von einem Menschen auf den anderen Menschen, wenn besonders intime Verhältnisse auftreten, ich will sagen, wenn sich Liebe entwickelt zwischen dem einen und dem anderen Menschen. Wenn sich Liebe entwickelt zwischen dem einen und dem anderen Menschen, ist ja im gewöhnlichen Leben tätig im hohen Grade unbewußt auch der Zusammenhang des Ich mit dem Gangliensystem und des Astralleibs mit dem Rückenmarkssystem. Da kommt etwas ganz Besonderes in Wirksamkeit. Aber dasjenige, was sonst nur in diesem Liebeverhältnis tätig ist, das trat für Goethe auf in einem weiteren Kreise, indem er das ungeheure, mehr oder weniger unterbewußte Mitgefühl hatte mit den armen Kerlen — verzeihen Sie den Ausdruck —, die nicht wußten, was ihr Inneres durchmacht, während sie äußerlich gedrängt wurden von Klasse zu Klasse, von Prüfung zu Prüfung. Das fühlte er, das gab ihm eine reiche Erfahrung,

[ 18 ] Erfahrungen, sie werden zu Vorstellungen. Gewöhnliche Erfahrungen werden zu den Vorstellungen des alltäglichen Lebens; diese Erfahrungen wurden zu den Vorstellungen, die Goethe in seinem «Faust» herausbrauste. Es sind nichts anderes als Erfahrungen, Erfahrungen, die er im weitesten Umkreise machte dadurch, daß gewissermaßen sein Ganglien- und Rückenmarksleben aufgerufen wurde zu einer größeren Wachheit als sonst. Und das war der andere Pol zu dem Herabgedämmertwerden des Kopflebens. Das war aber bei ihm schon veranlagt von der Knabenzeit an. Man kann es sehen aus der Beschreibung, die er gibt da, wo er schildert, wie nicht nur, was sonst die Menschen in Anspruch nimmt, in Tätigkeit kam — sagen wir beim Klavierunterricht —, sondern der ganze Mensch. Goethe schaltete sich eben viel mehr als ganzer Mensch in das Treiben der Wirklichkeit ein als ein anderer. So daß man sagen muß: Goethe wachte mehr am Tage als andere Menschen. Er wachte mehr am Tage in der Zeit, in der er jugendlich am «Faust» arbeitete. Daher brauchte er auch das, was ich Ihnen gestern als die Schlafenszeit der zehn Jahre Weimar charakterisiert habe. Das war notwendig: wiederum ein Abdämpfen.

[ 19 ] Nun ist das ja nur in einer etwas regeren Art dasselbe, möchte ich sagen, was aber bei allen Menschen mehr oder weniger, in höherem oder niedererem Grade während des Lebens vorkommt. Goethe wurde einfach in einer etwas bewußteren Art als andere Menschen hineingezogen in das umliegende weisheitsvolle Wirken, in das rein geistige Wirken. Er nahm wahr, was da geheimnisvoll in den Menschen lebte und webte. Aber man steht immer drinnen in dem, was da lebt und webt. Was ist denn das aber eigentlich? Wenn wir im gewöhnlichen brutalen Wachleben in die Welt versetzt sind, dann sind wir mit unserem Ich in diese Welt versetzt, hängen mit ihr durch die Sinne und durch unsere gewöhnlichen Vorstellungen zusammen. Aber wir hängen ja, wie Sie sehen, jetzt viel mehr mit dieser Welt zusammen. Unser Ich ist Ja in einer besonders intimen Beziehung zu unserem Gangliensystem, der Astralleib zum Rückenmarkssystem. Durch diese Beziehung haben wir wirklich ein viel umfassenderes Verhältnis zu unserer Umwelt als durch unser Sinnensystem, als durch unseren Kopf. Nun bedenken Sie, daß der Mensch den rhythmischen Wechsel braucht, der darinnen besteht, daß sein Ich und sein astralischer Leib im Haupte sind während des Tagwachens, außer dem Haupte sind während des Schlafens, und daß sie dadurch, daß sie außer dem Haupte sind während des Schlafens, gerade ein inneres reges Leben mit dem anderen System zusammen entwickeln, wie ich es Ihnen angedeutet habe. Ich und Astralleib brauchen also diese Abwechselung, unterzutauchen in das Haupt, herauszugehen aus dem Haupt. Wenn der Mensch mit seinem Ich und seinem Astralleib außerhalb des Hauptes ist, entwickelt er nicht nur die innigen Beziehungen zu dem übrigen Organismus durch das Gangliensystem und durch das Rückenmarkssystem, sondern er entwickelt auch nach der anderen Seite geistige Beziehungen zu der geistigen Welt. Die entwickelt er auch. So daß wir sagen können: Es entspricht dem besonders regen Zusammenleben mit Rückenmarkssystem und Gangliensystem zugleich ein reges seelisch-geistiges Zusammenleben mit der geistigen Welt. — Wenn wir also für die Nacht annehmen müssen, daß das Seelisch-Geistige außerhalb des Kopfes ist und sich dadurch besonders dieses rege Leben entwickelt für den übrigen Organismus, dann muß ich sagen: Für das Tagleben, wo also Ich und Astralleib mehr im Haupte sind, haben wir dafür wiederum ein geistiges Zusammenleben mit unserer geistigen Umwelt. Wir versenken uns gewissermaßen in eine geistige Innenwelt im Schlafe, aber in eine geistige Umwelt mit dem Aufwachen.

[ 20 ] Dieses Zusammensein mit der geistigen Umwelt ist nur bei einem solchen Menschen wie Goethe. reger; er träumt gleichsam, wie der Mensch ja auch im Schlafe träumt und nicht nur immer dumpf schläft. So träumt der Mensch sehr selten während des Wachlebens bewußt; aber solche Leute wie Goethe kommen während des Wachlebens ins Träumen hinein. Dadurch wird bei ihnen gewissermaßen Lebenstraumgebilde, was bei den übrigen Menschen nur unbewußt bleibt.

[ 21 ] Jetzt haben Sie noch eine genauere Darstellung. Sie können sich freilich nach dieser Darstellung eine sehr hochmütige Vorstellung bilden, Sie können sich sagen: Also könnten wir eigentlich alle einen «Faust» schreiben, denn wir erleben den «Faust», indem wir während des Taglebens in die Umwelt hineinragen, mit der geistigen Umwelt zusammenleben. Das ist auch wahr. Wir erleben den «Faust»; nur erleben wir ihn so, wie man sonst eben den entgegengesetzten Pol in der Nacht erlebt mit dem Ich und mit dem Astralleib, wenn man nicht träumt. Und Goethe erlebte also nicht nur unbewußt, sondern er träumte dieses Erlebnis, und dadurch konnte er es ausdrücken im «Faust». Er träumte dieses Erlebnis. Bei solchen Menschen wie Goethe verhält sich das, was sie schaffen, zu dem, was die übrigen Menschen unbewußt erleben, wirklich nur so wie Traum und tiefer Schlaf auf der anderen Seite des Lebens. Das ist eine volle Realität: Wie Traum und tiefer Schlaf, so verhalten sich die Schöpfungen der großen Geister zu den unbewußten Erlebnissen der anderen Menschen.

[ 22 ] Ja, dabei bleibt noch immer manches rätselhaft. Aber bedenken Sie, daß Sie dadurch Einblick gewinnen in etwas, was mit dem Menschenleben innig zusammenhängt. Bedenken Sie, daß Sie dadurch Einblick gewinnen in einen Tatbestand, der sich etwa in der folgenden Weise charakterisieren läßt. Wir könnten eigentlich immer vieles, vieles erzählen von dem Zusammenhange unseres Wesens mit der Umgebung, wenn wir bis zum Träumen aufwachen könnten in diesem Zusammenhange mit unserer Umgebung. Man brauchte bloß bis zum Träumen aufzuwachen und man würde Ungeheures erleben und auch schildern können. Aber eine bedeutsame Folge hätte dieses, eine ganz bedeutsame Folge. Denken Sie einmal, wenn alle Menschen, trivial ausgedrückt, so bewußt wären, daß sie alles schildern könnten, was in ihrer Umgebung ist, wenn zum Beispiel alle Menschen wirklich Erlebnisse schildern könnten, die sich so ausdrücken lassen wie die Goetheschen Erlebnisse, die im «Faust» ausgedrückt sind — wohin käme man dann? Wohin käme die Welt? Die Welt bliebe — sonderbarerweise, aber es ist so —, die Welt bliebe stillestehen, die Welt könnte nicht weitergehen. In dem Augenblicke, wo die Menschen alle in der Weise träumen würden was eine ganz und gar andere Art des Träumens ist —, wie solch ein Dichter wie Goethe den «Faust» träumt, wenn jeder seinen Zusammenhang mit der Außenwelt träumen würde, in dem Momente würden die Menschen die Kräfte, die sie aus ihrem Innern entwickeln, auf solches verwenden, in solches hineingießen, und das Menschendasein würde sich in einer gewissen Weise verzehren. Sie können sich eine schwache Vorstellung machen von dem, was eintreten würde, wenn Sie hinsehen auf die vielen verheerenden Wirkungen, die schon heute dadurch eintreten, daß viele zwar nicht in Wirklichkeit träumen, aber sich einbilden zu träumen, indem sie Reminiszenzen nachplappern oder nachschreiben, die sie von anderswoher aufgenommen haben. Das hängt zusammen mit der Tatsache, daß es viel zu viel Dichter gibt; denn wer glaubt heute nicht alles, daß er ein Dichter oder ein Maler oder sonst dergleichen ist! Die Welt könnte nicht bestehen, wenn das so wäre, denn alle guten Dinge haben auch ihre Schattenseiten, richtige Schattenseiten,

[ 23 ] Schiller war auch ein bedeutender Dichter, der manches in der Weise träumte, wie ich es jetzt beschrieben habe, Aber denken Sie, wenn alle diejenigen, welche in ihren Jugendzeiten gleich Schiller vorbereitet werden, Mediziner zu werden, Ärzte zu werden, nun die Medizin so an den Nagel hängten wie Schiller, und wenn sie dann, weil sie das brauchen, später durch allerlei Protektionen ernannt würden, ohne eigentlich vorbereitet zu sein, ohne Geschichte studiert zu haben, zum «Professor der Geschichte»! Schiller hielt zwar sehr anregende Vorlesungen, aber schließlich, gelernt haben die Studenten dasjenige, was sie gebraucht haben, bei Schillers Universitätsvorlesungen in Jena nicht. Und Schiller hat auch allmählich diese Universitätsvorlesungen wieder versiegen lassen und war froh, als er sie nicht mehr zu halten brauchte. Denken Sie, wenn es bei jedem solchen Geschichtsprofessor oder bei jedem angehenden Arzte so ginge! Also, alle Gutheiten haben selbstverständlich auch wieder ihre Schattenseiten. Die Welt muß gewissermaßen bewahrt bleiben davor, daß sie stillestehen bleibt. Daher können nicht alle Menschen — es sieht jetzt trivial aus, wenn man das sagt, aber es ist eine tiefe, geradezu eine Mysterienwahrheit —, deswegen können nicht alle Menschen so träumen. Denn die Kräfte, mit denen diese Menschen träumen, die müssen zunächst noch in der Außenwelt wirklich verwendet werden zu etwas anderem, damit in diesem anderen die Grundlagen geschaffen werden für weitere Erdenentwickelung, die stillestehen würde, wenn alle Menschen in der angedeuteten Art träumen würden.

[ 24 ] Und jetzt sind wir an einem Punkt, wo eine besonders paradoxe Sache herauskommt. Wozu werden denn die angedeuteten Kräfte von den Menschen in der Welt eigentlich verwendet? Wenn man geisteswissenschaftlich nachschaut, wozu diese Kräfte verwendet werden, von denen Sie vielleicht sagen: Wenn sie doch bei allen Menschen zum Träumen verwendet würden! — sie werden aber nicht zum Träumen, sondern zum tiefen Schlafen verwendet —, wozu werden sie denn verwendet? Sie werden verwendet zu alle dem, was ausgegossen ist über die Menschenentwickelung in der mannigfaltigsten Berufsarbeit. Das alles fließt in die mannigfaltigste Berufsarbeit hinein. Und Berufsarbeit verhält sich zu solcher Arbeit, wie sie am «Faust», wie sie an Schillers «Wallenstein» geleistet worden ist, wie tiefer Schlaf zum "Träumen. Aber wir schlafen in unserer Berufsarbeit! Es ist Ihnen sonderbar, Sie werden sagen, in der Berufsarbeit wachen Sie ja. Mit diesem Wachen ist es nämlich eine große Täuschung, denn das, was durch die Berufsarbeit wirklich zustande kommt, ist nichts, bei dem der Mensch mit vollem Wachbewußtsein tätig ist. Einiges von den Wirkungen des Berufes auf seine Seele wird ihm allerdings wach bewußt, aber was in dem ganzen Gewebe von Berufsarbeit, das die Menschen immerdar um die Erde herum spinnen, was da eigentlich vorhanden ist, davon wissen die Menschen nichts. Es ist sogar frappierend, zu wissen, wie diese Dinge zusammenhängen. Hans Sachs war ein «Schuhmacher und Poet dazu», Jakob Böhme war ein Schuhmacher und ein mystischer Philosoph dazu. Da haben wir durch eine besondere Konstellation, über die man auch noch reden kann, ich möchte sagen, Schlafen und Träumen abwechselnd. Man kann von einem ins andere hineingehen.

[ 25 ] Aber was bedeutet bei einem solchen Menschen wie Jakob Böhme dieses Zusammenspielen, dieses abwechselnde Leben in der Berufsarbeit — denn er hat ja wirklich Schuhe gemacht dazumal für die braven Görlitzer —, und seinen Niederschreibungen mystisch-philosophischer Art? Manche Leute haben über diese Dinge sonderbare Ansichten. Ich habe Ihnen schon erzählt, was wir erfahren haben, als wir einmal in .Görlitz waren und dort abends vor einem Vortrage ins Gespräch kamen mit einem Manne. Ich sollte gerade über Jakob Böhme in Görlitz vortragen. Da kam ich mit einem Gymnasiallehrer in ein Gespräch über das Jakob-Böhme-Denkmal, das wir gerade dort im Park gesehen hatten. Die Görlitzer — es wurde uns öfters mitgeteilt — nennen dieses Denkmal den «Parkschuster». Wir sprachen davon, daß dieses Denkmal sehr schön sei, und dieser Gymnasiallehrer sagte, er finde das nicht, denn der schaue aus wie Shakespeare, — aber er war doch ein Schuster, und man sehe es ihm ja nicht an, daß er ein Schuster wäre. Wenn man schon Jakob Böhme darstelle, so müsse man ihm schon ansehen, daß er ein Schuster wäre. — Nun, mit solch einer Gesinnung braucht man ja nichts zu tun zu haben. Indem solch ein Mensch wie Jakob Böhme seine großen mystisch-philosophischen Anschauungen niederschrieb, wirkte er heraus aus dem Ergebnis, das nur hat zustande kommen können, indem sich der Mensch aufgebaut hat durch die Saturnzeit heran, durch die Sonnenzeit, durch die Mondenzeit bis zur Erdenzeit, indem da, man möchte sagen, ein breiter Strom geht, der endlich in diesen Wirkungen zum Ausdruck gekommen ist. Nur in einer durch besondere karmische Verhältnisse herbeigeführten Weise kommt dieser Strom in einer solchen Persönlichkeit zum Ausdruck. Aber wie zu einem Menschen auf Erden überhaupt notwendig ist alles das, was durch die Sonnen- und Mondenzeit hindurch vorangegangen ist, so ist das natürlich, nur in einer besonderen Weise, notwendig gewesen, um das zu schaffen, was in Jakob Böhme war.

[ 26 ] Aber dann hat sich Jakob Böhme wiederum hingesetzt und hat Schuhe gemacht für die biederen Görlitzer. Wie hängt denn das zusammen? Gewiß, daß ein Mensch die Geschicklichkeit sich erwerben konnte, Schuhe zu machen, das hängt auch mit dieser Strömung zusammen. Aber die Schuhe sind dann fertig und dienen anderen Menschen, gehen hinaus in die Welt, sondern sich ab von dem Menschen, haben dann in dem, was sie da wirken, nichts mehr zu tun mit der Geschicklichkeit und so weiter, sondern sie haben etwas zu tun mit dem Umhüllen und Wärmen der Füße und so weiter. Sie nehmen ihren Weg für sich; da üben sie auch gewisse Funktionen aus. Sie lösen sich los von dem Menschen, und was sie da draußen bewirken, das hat seine Wirkungen erst später, das ist nur ein Anfang. Und das ist nun so: Wenn ich die Ausgangswirkung zu der eben geschilderten mystisch-philosophischen Tätigkeit des Jakob Böhme so zeichnen würde, daß ich da die erste Anlage hinzeichnen würde (siehe Zeichnung, Kreuz unter dem ersten Kreis, Saturnzustand), so müßte ich die erste Anlage von seiner Schusterei hierher zeichnen (Kreuz im vierten Kreis, Erdenzustand), und das strömt weiter und wird in der künftigen Vulkanentwickelung zu einer solchen Vollkommenheit gediehen sein wie das, was von der Saturnentwickelung geschehen und eingeflossen ist in die mystisch-philosophische Tätigkeit des Jakob Böhme. Dies (kleiner Kreis unter dem vierten Kreis) ist gewissermaßen ein Ende; sein Schuhflicken ist ein Anfang (kleiner Kreis mit Pluszeichen im vierten Kreis). Wir sagen, die Erde ist heute Erde. Sie ist es natürlich auch. Wenn wir sie zurückverfolgen könnten vom Saturn, noch weiter zurück, würden wir sagen können: Die Erde ist in bezug auf gewisse Dinge Vulkan; da (links außen) würden wir den Saturn dann annehmen. So aber können wir alles relativ nehmen. Wir können sagen: Die Erde ist Saturn, und der Vulkan ist gewissermaßen Erde. Dasjenige, was auf der Erde in einer solchen Berufsarbeit geschieht wie bei Jakob Böhme — nicht in der freien Produktion, die er über seine Berufsarbeit hinaus macht, sondern was er als Berufsarbeit macht —, das ist der Ausgangspunkt zu etwas, was so weit sein wird auf dem Vulkan, wie dasjenige, was auf dem Saturn geschehen ist, jetzt für die Erde ist. Und auf dem Saturn mußte etwas Ähnliches geschehen, damit auf der Erde der Jakob Böhme seine mystische Philosophie hat schreiben können, wie er selber getan hat mit seinem Schuhflicken, damit etwas Ähnliches auf dem Vulkan getan werden kann, wie sein Schreiben der mystischen Philosophie auf der Erde ist.

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[ 27 ] Darinnen liegt etwas gar Merkwürdiges. Denn darinnen liegt angedeutet, wie dasjenige, was man auf der Erde oftmals so wenig schätzt, nur deshalb so wenig geschätzt wird, weil es der Ausgangspunkt ist zu etwas, was man erst schätzen wird in der Zukunft. Die Menschen sind selbstverständlich ihrem inneren Wesen nach viel mehr mit der Vergangenheit zusammengewachsen; denn mit dem, was ein Anfang ist, müssen sie erst zusammenwachsen. Daher haben sie oftmals das, was ein Anfang ist, viel weniger lieb, als was ihnen aus der Vergangenheit herüberkommt. Es wird aus dem ganzen Umfange desjenigen, in das wir noch hineingestellt sein müssen während der Erdenzeit, damit auf dem Vulkan etwas Besonderes werden kann, wenn die Erde weiter sich entwickelt hat durch Jupiter-, Venuszeit bis zur Vulkanzeit, es wird aus dem dann erst solches volles Bewußtsein wie für so etwas wie die Philosophie Jakob Böhmes auf der Erde. Daher ist das eigentlich Bedeutsame in der menschlichen Außenarbeit heute in solche Unbewußtheit eingehüllt, wie auf dem Saturn der Mensch in Unbewußtheit gehüllt war, denn erst auf der Sonne entwickelte er das Schlafbewußtsein, auf dem Monde das Traumbewußtsein und auf der Erde das Wachbewußtsein mit Bezug auf seine jetzigen Verhältnisse.

[ 28 ] Und so lebt der Mensch wirklich in tiefem Schlafbewußtsein mit Bezug auf all dasjenige, in das er sich hineinstellt, wenn er sich in irgendeinen Beruf hineinstellt, denn durch diesen Beruf schafft er gerade — nicht durch das, was ihn freut am Berufe, sondern .durch das, was sich entwickelt, ohne daß er darauf eingehen kann — die Zukunftswerte. Wenn einer einen Nagel fabriziert und immer wieder einen Nagel fabriziert, ja, das macht einem heute natürlich keine besondere Freude. Aber der Nagel, der sondert sich ab, hat bestimmte Aufgaben. Was da geschieht durch den Nagel, darum kümmert man sich weiter nicht. Man geht nicht jedem Nagel nach, den man fabriziert. Aber was da alles ins Unbewußte, in den tiefen Schlaf eingehüllt ist, das ist bestimmt, in der Zukunft wieder aufzuleben.

[ 29 ] So haben wir zunächst nebeneinanderstellen können das, was der gewöhnlichste Mensch macht, die unbedeutendste Arbeit zunächst im Beruf, und das, was als höchste Leistung erscheint. Höchste Leistungen sind ein Ende, die unbedeutendste Arbeit ist immer ein Anfang.

[ 30 ] Ich wollte zunächst diese beiden Begriffe nebeneinanderstellen, denn wir können nicht die Art und Weise, wie der Mensch nun durch sein Karma verbunden wird im Beruf, in Betracht ziehen, wenn wir nicht überhaupt erst wissen, wie sich die oft mit dem Menschen ganz äußerlich verbundene Berufsarbeit zu der ganzen Entwickelung, in die der Mensch hineingestellt ist, verhält. Und so werden wir denn weiterschreiten demnächst, um nun die eigentliche Karmafrage des Berufes auszuarbeiten. Aber ich mußte diese Dinge vorangehen lassen, damit wir wenigstens einmal einen universellen Begriff bekommen von dem, was aus dem Menschen in den Beruf hineinfließt. Diese Dinge sind aber auch alle sehr dazu angetan, unsere moralischen Empfindungen in der rechten Weise zu gestalten. Denn unsere Schätzungen sind oftmals nicht die richtigen, weil wir die Dinge nicht in der richtigen Weise ins Auge fassen. Das Samenkorn erscheint manchmal recht unscheinbar, wenn es daliegt neben der schön entwickelten Blume. Dennoch, in diesem Samenkorn steckt die schön entwickelte Blume einer Zukunftsentwikkelung. Wie in der Menschheitsentwickelung Samenkorn und Blume zusammenhängen, das wollte ich Ihnen heute an dem menschlichen Schaffen auseinandersetzen.