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Das Karma des Berufes des Menschen
in Anknüpfung an Goethes Leben
GA 172

18 November 1916, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Sie haben gesehen, wie verwickelt die tieferen Schicksalsfragen des menschlichen Lebens sind; wir erkennen das, wenn wir uns ihnen zu nähern versuchen auf den Wegen, die uns die Geisteswissenschaft möglich macht. Allein es wird mancherlei notwendig sein für den Menschen der Gegenwart, damit er sich in richtiger Weise in dasjenige hineinversetze, was wirklich zu einer fruchtbaren Auffassung des Lebens führen kann. Und wir müssen schon, wenn wir die verwickelten Probleme betrachten, an denen wir jetzt versuchen uns zurechtzufinden, ich möchte sagen, manche Seitenwege gehen, um die Schwierigkeiten ins Auge zu fassen, die dem Verständnis sich gerade in solchen Gebieten entgegensetzen. Wir sind ja in gewissem Sinne alle herausgewachsen aus dem Denken der Gegenwart, und wenn auch mancher glaubt, daß er vorurteilsloses Denken hat, so ist es immer gut, sich gerade mit Bezug auf die Vorurteilslosigkeit des Denkens recht sehr die Selbstprüfung, die Selbsterkenntnis nicht zu ersparen. Daher sei, bevor wir weiterschreiten, auf einzelnes aufmerksam gemacht.

[ 2 ] Es ist oftmals recht schwierig, diese Dinge zu besprechen, weil schon die Sprache widerspenstig ist, wenn man wirklichkeitsgemäße Begriffe ausarbeiten will.Man kann sehr leicht glauben, daß ein Begriff, der ausgearbeitet wird, der gewissermaßen herausgeholt wird aus der Summe der okkulten Wissenschaft, auf ganz anderes hinziele als auf das, was eigentlich gemeint ist, und dadurch entstehen dann die mannigfaltigsten Mißverständnisse. Man kann heute sehr häufig eine gewisse Beobachtung machen, wenn menschliche Lebensläufe besprochen werden, welche sich auf große, bedeutende Persönlichkeiten beziehen. Ich will ein Beispiel anführen. Es ist jetzt eben hier in der Schweiz eine kleine Schrift erschienen über den ja neulich in anderem Zusammenhange erwähnten V-Vischer, den Verfasser des «Auch Einer» und der großen «Ästhetik». Mit einer gewissen liebevollen Hingabe wird das Leben dieses gesinnungstüchtigen und außerordentlich arbeitsreichen Schwaben, des V-Vischer, beschrieben. Er sei hier nur als Beispiel angeführt für gewisse Dinge, die wir betrachten wollen in bezug auf die menschliche Schicksalsfrage; man könnte ja ebensogut ein anderes Beispiel herauswählen.

[ 3 ] Eine richtige Schwabennatur war V-Vischer, eine Natur, die herangedieh im 19. Jahrhundert. Nun wird in der Lebensbeschreibung,. die eben jetzt erschienen ist, gezeigt, wie er aus armen Verhältnissen herausgewachsen ist, der Friedrich Theodor Vischer, wie er durch die ärmlichen Verhältnisse seiner Familie gezwungen worden ist, die Stiftserziehung im Tübinger Stift durchzumachen und so weiter. Nun das, worauf es mir ankommt, ist das Folgende: Es wird gleich anfangs darauf hingewiesen, wie schon die Gymnasialerziehung dieses V-Vischer eine gewisse engherzige war, wie die Buben wohl gelernt haben, sich zurechtzufinden im Latein, später in griechischen Schriftstellern, wie sie aber eigentlich bis zu einem sehr späten Alter nicht gewußt haben, in welchen Hauptfluß der Neckar sich ergießt, wie sie überhaupt bis in ein verhältnismäßig spätes Alter niemals eine Landkarte gesehen haben und so weiter. Viele solche Fehler des Erziehungssystems werden angeführt.

[ 4 ] Nun bedenken wir einmal die Sache recht. Der V-Vischer ist in gewisser Beziehung ein großer Mann geworden und hat Bedeutendes geleistet, ist ein berühmter Mann geworden. Wir müssen uns klar sein darüber, wodurch er das geworden ist, wodurch er gerade diese spezifische Individualität geworden ist, als die er dasteht in der Geschichte. Dazu gehört auch, daß er bis zu einem gewissen Lebensjahre keine Landkarte gesehen hatte; hätte er eine Landkarte gesehen bis zu einem bestimmten Lebensjahre, so wäre ein bestimmter Charakterzug nicht in seiner Seele gewesen. Und manches andere, was da scharf getadelt wird, das mußte sein. Und wenn wir es schließlich von größerem Gesichtspunkte überschauen, so werden wir uns sagen: Die Seele dieses V-Vischer stieg herunter aus den geistigen Welten und hat sich gerade dieses Milieu ausgesucht, wollte gerade eine Erziehung haben, welche ihr ermöglichte, soundso lange bewahrt davor zu bleiben, eine Landkarte zu sehen, wollte gerade lange Zeit zwar den Neckar immer vor sich haben, das Heimatflüßchen, aber wollte nicht wissen, in welchen Hauptstrom sich der Neckar ergießt. Und gerade, wenn man diesen V-Vischer studiert, so sieht man, wie alle seine Schrullen, alle seine Eigenheiten, die er ja hinlänglich hatte, richtige integrierende Bestandteile seiner Größe sind, so daß es sich ziemlich deplaciert ausnimmt, wenn man versucht, seine Biographie zu schreiben und dann die Schulen tadelt, die eigentlich dasjenige gemacht haben, was er geworden ist.

[ 5 ] Seien wir uns nur klar darüber, daß jetzt nicht einer sagen darf: Nun hat er einmal wiederum sagen wollen, daß die Schulen, die den Kindern keine Landkarten zeigen, ganz die rechten Schulen seien. — Aber für den V-Vischer war das doch ganz gut und mußte so sein. Wir haben ja das vielfach dann im 19. Jahrhundert und bis in unsere Tage herein ins Große erlebt. Wenn namentlich gewisse dann berühmt gewordene Naturforscher aufgetreten sind und sich gegen die Erziehung gewandt haben, gegen das Erziehungssystem, und gefordert haben, daß man viel mehr Naturwissenschaft hineintragen soll in die Schulen, und wenn man die Herren gefragt hat: Und nun, ihr selber, ihr seid ja durch diese Verhältnisse gegangen; findet ihr, daß sie so schlecht waren? — so hat man in der Regel keine Antwort bekommen. Man muß sich schon klar darüber sein, daß ein jegliches Ding mindestens zwei, aber unter Umständen recht viel mehr Seiten har. Was ist denn das nur eigentlich, wenn sich der Biograph — in diesem Falle war es eine Biographin — hinsetzt und nun so Begriffe, Vorstellungen formt, daß das hingeschrieben wird, was ich Ihnen gesagt habe? Aus dem Hinschreiben einer solchen Sache kann man ja natürlich zum Verständnis der betreffenden Persönlichkeit nichts beitragen. Wenn man solche Begriffe formt, schneidet man eigentlich, geistig nur, in das Wesen hinein, das man behandelt. Würde man nicht hineinschneiden wollen mit seinen Begriffen, so würde man gerade liebevoll charakterisieren müssen, wie die Schule war inall ihrer Engherzigkeit und wie sie diese Individualität hervorgebracht hat. Aber man schneidet, man kritisiert, und Kritisieren ist ja in vieler Beziehung Schneiden. Woher kommt das?

[ 6 ] Nun, das kommt von einer ganz bestimmten menschlichen Eigenschaft, die namentlich im Gedankensystem der Gegenwart weit, weit verbreitet ist, die im Unterbewußten wurzelt, deren sich die Menschen also nicht bewußt sind: das ist die Grausamkeit. Und weil die Menschen in der Gegenwart nicht gerade den Mut haben, diese Grausamkeit äußerlich zu betreiben, sind sie grausam in Begriffen und Ideen. Und vielen Werken der Gegenwart merkt man die Grausamkeit an in der Art der Schilderung, in der Art der Darstellung, und vielem, was getan wird und gesagt wird in der Gegenwart, merkt man die Grausamkeit an, die auf dem Grund der menschlichen Seele in viel weiterer Verbreitung vorhanden ist, als man denkt. Ich habe Ihnen gesagt, daß in gewissen sogenannten schwarzmagischen Schulen die Gepflogenheit besteht, sich die Eigenschaften, die man braucht zu schwarzer Magie, dadurch anzueignen, daß man den Zögling in lebendiges Fleisch von Tieren zunächst schneiden läßt. Dadurch werden gewisse Eigenschaften der Seele anerzogen. Das kann nicht jeder machen in der Gegenwart. Aber dieselbe Lust befriedigt mancher einfach in seinem Begriffssystem, wo es zwar nicht zur schwarzen Magie führt, aber zur Zivilisation der Gegenwart. Und von dieser Eigenschaft ist vieles, vieles in der Gegenwart durchsetzt, dessen müssen wir uns klar sein. Nur dadurch, daß man auf solche Dinge wirklich achtet, kommt man zu einem vorurteilsfreien Auffassen der Welt, in die man hineingestellt ist, sonst nicht, sonst auf keinen Fall.

[ 7 ] Und es sind in der Gegenwart durchaus Anfänge vorhanden, die dahin streben, einen gewissen Ausblick in die Verhältnisse des fünften nachatlantischen Zeitraums zu erringen. Denn man kommt diesem fünften nachatlantischen Zeitraum verständnisvoll nicht bei,wenn man ihn nur kritisiert, wenn man nur gewissermaßen einem abstrakten Idealismus sich hingibt, ohne in Erwägung zu ziehen, daß das, was zum Beispiel als Mechanismus und mechanistische Kultur in der Gegenwart auftritt, ganz notwendig zu diesem fünften nachatlantischen Zeitraum gehört. Bloß abkritisieren das Maschinenmäßige in unserer Zeit, das hat keinen Sinn. Nun sind wirklich Anfänge aufgetreten dahingehend, ein wenig Verständnis zu gewinnen, menschliches Verständnis zu gewinnen für dasjenige, was unsern fünften nachatlantischen Zeitraum schon jetzt belebt und immer mehr beleben wird. Allein es sind noch wenig wirklichkeitsgemäße Begriffe für unseren fünften nachatlantischen Zeitraum gefunden, und man hat auch nicht viel Neigung, sich mit denjenigen Leuten zu beschäftigen, welche versucht haben, diesen Zustand des fünften nachatlantischen Zeitraums zu fassen. Man wird sich mit diesen Leuten beschäftigen müssen, denn an ihre Bestrebung wird sich gerade wahre, energische geisteswissenschaftliche Bestrebung in vielfacher Weise anschließen müssen.

[ 8 ] So gibt es einen bedeutenden Dichter des fünften nachatlantischen Zeitraums, der in seinen Dichtungen ganz durchpulst ist von dem Leben dieses fünften nachatlantischen Zeitraums; das ist Max Eyth, der bekannt sein sollte. Denn Max Eyth ist richtig ein Dichter unseres Zeitalters. Er ist auch ein Schwabe, der Sohn eines schwäbischen Schulmeisters, der wollte, daß er, der Sohn, auch Schulmeister werde. Aber das Karma wollte es anders. Er hat frühzeitig sich dem technischen Berufe zugewendet, ist ganz Techniker geworden, ging dann in die Fremde, nach England, und widmete sich namentlich der Herstellung von Dampfpflügen und wurde auch der Dichter der Dampfpflüge. Und die Art, wie er diese merkwürdigen Tiere der Neuzeit, die Dampfpflüge, mit warmem, innigem Herzen besungen hat, das ist recht Dichtung der Gegenwart. Merkwürdige Dinge spielen gerade in diesem Herzen ineinander. Auf der einen Seite ist Max Eyth ein absolut der Technik der neueren Zeit ergebener Mann, auf der anderen Seite empfänglich für alles dasjenige, was der Verstand wird begreifen können, wenn er vorurteilslos sich hineinfindet in das, was eröffnet werden kann gerade, wenn dieser Verstand geschult wird an den mechanisch-materialistischen Begriffen der fünften nachatlantischen Periode.

[ 9 ] So findet sich in einem Roman des Max Eyth, der im übrigen das rein moderne Leben Ägyptens behandelt, wo er vielfach tätig war, als die englische Gesellschaft, bei der er angestellt war, dort die Dampfpflüge hingeliefert hat und er sie ausproben mußte an Ort und Stelle, so findet sich in einem dieser Romane, der diesen Stoff behandelt, ausgeführt, wie die Pyramiden nach einem gewissen System gebaut sind. Und wenn man gewisse Verhältnisse ausrechnet — das rechnete Max Eyth aus, und das steht in dem Anhange eines Romans von ihm —, so findet man bis in weite, weite Dezimalen hinein, jedenfalls bis zu 30 Dezimalen hinein die sogenannte Ludolfsche Zahl, das π, mit dem man multiplizieren muß den doppelten Halbmesser eines Kreises, um den Umfang zu bekommen. Sie wissen, 3,14159 und so weiter; aber das geht ins Unendliche, das sind viele Dezimalen. Man könnte leicht glauben, diese Ludolfsche Zahl, die sogenannte Ludolfsche Zahl, sei erst ein Ergebnis späterer Errungenschaft. Max Eyth kam darauf, daß die alten ägyptischen Tempelpriester in uralten Zeiten bis in die 30.,40. Dezimalstelle hinein dieses x gekannt haben müssen, weil sie danach die Verhältnisse, nach denen sie die Pyramiden gebaut haben, bestimmt haben. Also es hat sich ihm erschlossen, diesem Max Eyth, gerade weil er Techniker war, etwas, was tief verborgen ist in der Natur des alten Pyramidenbaues. Damit konnte er zugleich darauf hinweisen, daß im Grunde genommen unsere Kultur zweierlei Ursprung hat: auch den der alten Zeiten, in denen die Leute auf anderer Wissenschaft gefußt haben als später, auf einer mehr mit dem Hellsehertum atavistischer Art verbundenen Wissenschaft, die dann verschwunden ist und die wieder gefunden werden muß in unserer Zeit.

[ 10 ] Aber auch anderes findet sich bei Max Eyth, und das ist, so unscheinbar es aussieht, außerordentlich bedeutsam. In seinen Erzählungen — «Hinter Pflug und Schraubstock» heißt eine Sammlung — findet sich eine Dichtung, die, ich möchte sagen, ein Lebensrätsel aufwirft, ein Schicksalsrätsel aufwirft. Da wird ein Techniker, ein Ingenieur geschildert, der Brücken baut. In großartiger Weise wird geschildert, welche Fähigkeiten er hat, wie er Brücken bauen kann. Nur ist er etwas, nun, sagen wir genial, leichtfertig könnte man auch sagen. Und so baut er eine Brücke, die nun wiederum großartig geschildert wird. Er befindet sich selbst in einem Zug, der über diese Brücke geht. Da sitzt er drinnen. Aber er hat etwas versehen bei dem Brückenbau. Als der Zug, in dem er selbst darin ist, über die Brücke geht, stürzt sie ein und er geht dabei zugrunde. Es ist eine großartige karmische Frage, natürlich nicht beantwortet, aber aufgeworfen. Man sieht, wie der moderne _ Mensch herankommt an die großen karmischen, an die großen Schicksalsfragen. Wir haben einen Menschen, der durch seinen Beruf glänzend wirkt und der durch diesen Beruf in verhältnismäßig frühem Lebensalter zugrunde geht, zugrunde geht bei dem Werke, das er selbst geschaffen hat. Ich möchte sagen: Diese Dichtung steht wie eine große Frage da. Geisteswissenschaft wird gerade auf solche Fragen Antwort suchen. Diese Dinge kommen natürlich vor in den mannigfaltigsten Variationen des Lebens. Denn wir haben ja den Fall geschildert, der, ich möchte sagen, mit größter Akzeleration, mit größter Beschleunigung uns die Erfüllung des Karmas zeigt. Nehmen wir an — was ja nur eine Hypothese ist, denn natürlich macht es, wenn so etwas eintritt, das Karma notwendig —, aber nehmen wir hypothetisch an, was in einem anderen Falle eintreten könnte: der Betreffende wäre nicht in jenem Eisenbahnzug, der über die Brücke fuhr, gewesen, sondern er wäre eben damals zu Hause beim Ofen gesessen, so würde er vielleicht zwei Jahre eingesperrt worden sein, aber viel mehr dürfte ihm nicht passiert sein in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Wie wäre es dann gewesen?

[ 11 ] Ja, sehen Sie, das ist das Bedeutsame: Dasjenige, was in das Karma dieses Menschen hineingebracht hätte der Tod, den der andere erleidet bei seinem eigenen Werk, das muß unter allen Umständen in das Karma hineinkommen, und derjenige, der es hier nicht hineinbekommt, der muß es dann in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hineinbekommen. Diese Erfahrung, die muß gemacht werden. Solch eine Erfahrung kann also, ich möchte sagen, beschleunigt gemacht werden, wie in dem Fall, den Max Eyth schildert, oder aber sie kann sich über weite Zeiträume ausdehnen. Gerade wichtige Schicksalsfragen wird aus dem unmittelbaren Leben heraus der fünfte nachatlantische Zeitraum dadurch erzeugen, daß aus den Lebensverhältnissen dieses Zeitraumes heraus einzelne Menschen sehen werden, wie die Rätsel durch das Leben in neuer Weise aufgegeben werden, in einer Weise, wie sie in früheren Zeiträumen gar nicht aufgegeben worden sind.

[ 12 ] Daher kann man schon auch bemerken, wenn man bei Menschen, die in einer gewissen Weise wirklich mit hellem Verstande begabt sind, nachsieht, wie sie heute schon andere Verwickelungen des Lebens suchen, wenn sie künstlerisch schaffen, als man in früheren Zeitläuften gesucht hat, und wie oftmals gerade diejenigen Menschen, die signifikante Verwickelungen des Lebens finden, heute in praktischen Berufen drinnenstehen. Des Max Eyth Bücher sind also in dieser Beziehung außerordentlich lehrreich, erstens, weil er wirklich ein großer, begabter Dichter ist, und zweitens, weil er, als ganz moderner Mensch, ganz aus den Anforderungen des modernen Lebens heraus schafft. Es ist gerade interessant — lassen Sie mich, ich möchte sagen, diese Bemerkung in Parenthese machen —, daß diejenigen Menschen, die Max Eyth lesen, durch äußere Lektüre auch etwas erfahren über mancherlei, was nun wiederum Theosophen wichtig sein könnte zu wissen, zum Beispiel über allerlei Dinge, die zusammenhängen mit dem Leben des ersten Präsidenten der Theosophical Society, des Olcott. Man findet das gerade bei Eyth, der in Amerika war in einer Zeit, in der Olcott dort allerlei Zeug getrieben hat, ein bißchen hineingeheimnißt in die Dinge. Kurz, sogar soziales Karma kann an einen herandringen, wenn man es nicht verschmäht, sich mit diesem modernen Geiste ein bißchen bekanntzumachen. Aber überhaupt, das ist das Eigentümliche, daß manchmal nicht gerade geniale Naturen — Eyth war ein genialer Mensch —, sondern solche, die eben der fünfte nachatlantische Zeitraum mit seinen Lebensmechanismen gebildet hat, durch die besondere Formung ihres Verstandes die Verwickelungen des modernen Lebens mit besonderer Klarheit schauen.

[ 13 ] So ist zum Beispiel mir und anderen auch ein moderner Jurist bekannt — Jurist war er zunächst in seiner Jugend —, aber als Jurist schon von der Zeit an, wo man Jurist ist, ohne daß man von der Juristerei klingenden Gewinn hat, ein heller Kopf, der die Dinge ringsherum vorurteilslos angesehen hat, der durch seine Begabung aufgefallen ist seinen Vorgesetzten — so sagt man ja wohl —, nicht so sehr wegen seiner Helligkeit, aber weil sie ihn gut brauchen konnten, weil das ein guter, ein flinker Arbeiter war. Nun, da kam er, da er sich als Aktuar oder Assessor ganz besonders bewährt hatte, in ein Ministerium. In dem Ministerium war er auch ein ausgezeichneter Arbeiter, aber ein solcher, der sich alles mit offenen Augen anschaute. Da bekam er einmal einen hohen, bedeutsamen Auftrag. Er sollte nämlich über Schul- und Erziehungsangelegenheiten ein Referat machen. Und zwar bekam er die Weisung, es sollte dieses Referat in der Weise gehalten werden, daß man zu einer Art liberalem System übergehen solle. Das gefiel ihm ganz gut, und da er ein heller Kopf war und die Verhältnisse durchschaute, so kam ein sehr gutes Referat zustande, wirklich ein guter Reformplan, gewisse Schulverhältnisse zu liberalisieren und etwas modern zu gestalten. Aber nun, während er das Referat ausarbeitete, hatte sich, wie man so sagt, der Kurs geändert, und man brauchte jetzt ein reaktionäres Referat. Da sagte ihm der Vorgesetzte: Das Referat ist so ausgezeichnet, daß Sie auch schon ein ausgezeichnetes reaktionäres Referatmachen werden; können Sie mir jetzt nicht auch ein reaktionäres machen? Da sagte der: Nein, das kann ich nicht! — Ja, wieso nicht? — Nein, denn das hier ist ja meine Überzeugung! — Was? So, das ist Ihre Überzeugung? — Da war der Vorgesetzte sehr böse und war sich klar darüber, daß er den Mann nun doch nicht gebrauchen konnte; einen Menschen, der nicht bloß tüchtig ist, sondern sogar eine Überzeugung hat, den kann man doch nicht brauchen!

[ 14 ] Aber er ist ein ausgezeichneter Jurist, ein ausgezeichneter Arbeiter. Was tut man da? Er hat sich überall bewährt, und man weiß, er ist ein tüchtiger Jurist. Nun, man versucht, ihn hinaufzubefördern! Menschen, die sich so bewähren, die muß man versuchen zufriedenzustellen. Da wurde dann so ein bißchen hintenherum die Sache gedeichselt, wie man es nennt, und eines Tages — beim Kegelschieben glaube ich, war es —, da traf wie vom Zufall geführt den betreffenden Menschen ein Theatersekretär. Der Theatersekretär erzählte ihm: Ja, der Posten des Theaterdirektors eines großen Theaters ist leer! — Nun, der Betreffende, der Jurist war, bisher Ministerialbeamter, konnte doch da nicht irgend etwas Böses denken, als ihm diese Mitteilung gemacht wurde. Aber nachdem sie mit dem Kegelschieben zu Ende waren, sagte der Theatersekretär zu ihm: Wollen Sie nicht mit mir jetzt ins Kaffeehaus gehen, daß ich Ihnen die Sache näher auseinandersetze? Möchten Sie denn nicht selber Theaterdirektor werden? Wir haben keinen Theaterdirektor. Wir können ja auch nicht wissen, wenn wir einen Herrn auswählen, ob er unter den jetzigen Verhältnissen das Amt will. — Da sagte der Betreffende, der in juristischen und Verwaltungsdingen doch hell war und bekannt war: Ach, das muß jeder annehmen. Er muß auch willig sein, und wenn er nicht willig ist, verhaftet man ihn einfach. — Nun, es kam zum Schlusse dahin, daß ihm der Posten des Theaterdirektors angetragen wurde. Nur eine Schwierigkeit gab es: Es war eine sehr berühmte Schauspielerin bei dem betreffenden Theater, deren Gunst der Direktor haben mußte. Ja, sagte der Betreffende zu ihm, können Sie aber auch die Gunst dieser Schauspielerin erringen? — Nun, wenn es auf das nur ankommt! Ich war zwar in meinem ganzen Leben nur siebenmal im Theater, aber wenn ich es schon unternehme, Theaterdirektor zu werden, so werde ich doch auch die Gunst dieser Schauspielerin er i9n werben können. Können Sie mir nicht sagen, was die Schauspielerin gern ißt? — Das wußte der nun: «Mohnbeugerl» waren es. Da war er fein heraus. Er sagte: Da fahren wir jetzt gleich in die Konditorei und bestellen eine große Portion «Mohnbeugerl». — Die wurden gleich des Morgens ganz früh abgeliefert bei der Schauspielerin. Am Nachmittag mußte dann der betreffende Theatersekretär vorfahren bei der Schauspielerin, um — nun, halt um zu sondieren, wie man sagt. Er sagte zu ihr: Wir möchten gern diesen Herrn zum Direktor machen; was denken Sie darüber? — Er wußte, daß die Person sehr einflußreich war. Nun, sagte sie, ich weiß zwar gar nichts von diesem Herrn, aber bisher ist mir nur Gutes von ihm gekommen. — Jetzt war es so weit, daß er Theaterdirektor werden konnte,

[ 15 ] Nun war noch der Kritiker da, der berühmteste Kritiker der betreffenden Stadt; der war noch zu gewinnen. Und der schrieb halt immer schreckliches Zeug, der Mann, bis eines Tages auch dieser Kritiker umgestimmt worden ist, wenigstens so, daß er, wenn auch nicht wohlwollend, so doch einigermaßen nicht abfällig über ihn geschrieben hat. Das ist auf folgende Weise zustande gekommen — ich erzähle Ihnen kein Märchen, sondern es ist vorgekommen; ich will nur ein wenig charakterisieren: Die oberste Persönlichkeit des betreffenden Theaters, die noch über dem Direktor stand, wußte sich nicht zu helfen — der Direktor war nun einmal da, bewährte sich sogar, weil er ebenso tüchtig war als Theaterdirektor, wie er sich früher als Jurist tüchtig erwiesen hatte —, aber die oberste Persönlichkeit, die wußte sich nun nicht recht zu helfen: den Direktor konnte man nicht gleich wieder fortschicken; der Kritiker zeterte immer. Was tat er? Er lud sie beide ein, so daß keiner etwas von dem andern wußte, und gab ihnen gute Weine. Der Theaterdirektor konnte trinken und trinken und trinken. Der andere konnte es auch, aber nur bis zu einem gewissen Grade, der geringer war als der des Theaterdirektors. Und so kam es denn, daß eines schönen Morgens der Theaterdirektor sehr früh am Morgen — ich glaube um fünf Uhr klingelte bei der Frau des’ Theaterkritikers und sagte, er müsse sie durchaus persönlich sprechen, denn er hätte etwas sehr Wichtiges abzugeben, das er unten auf der Treppe niedergelegt hätte. Nun, sie warf sich in den Schlafrock. Da brachte er ihr denn ihren Herrn Gemahl als ein rechtes Häuflein Unglück und lieferte ihn ab. Von der Stunde an ging es etwas besser mit der Kritik. Später wurde der Betreffende, nachdem er es so als Theaterdirektor zu toll getrieben hatte nach Ansicht dieser Vorgesetzten, zur Juristerei wiederum weiter hinaufbefördert.

[ 16 ] Nun hat dieser Mann ausgezeichnet dasjenige beschrieben, charakterisiert, was er gesehen hat in seiner Praxis, und ich will nur eben damit andeuten, daß gerade solche Menschen, die aus dem unmittelbaren Leben der Gegenwart heraus sind, so recht bedeutsam hinweisen können auf dieses Leben der Gegenwart.

[ 17 ] Noch interessanter ist, daß ein ähnlicher Mann, der allerdings, ich möchte sagen, um einen Grad vornehmer aufgetreten ist als der, von dem ich Ihnen erzählt habe, Verschiedenes geschrieben hat während seines Lebens, aber kurz vor seinem Tode — diese Menschen, von denen da die Rede ist, sind ja alle schon tot — eine sehr interessante Novelle geschrieben hat, so ein richtiges Kunstwerk der Gegenwart. Sehen Sie, wie kann man heute eine Novelle schreiben? Man kann heute eine Novelle schreiben nach dem Geschmack der Zeit: da darf ja nichts Spirituelles drinnen sein, oder wenn etwas Spirituelles darinnen ist, so muß möglichst deutlich darauf hingewiesen sein, daß man die Geschichte glauben kann und auch nicht glauben kann, aber daß man jedenfalls besser tut, sie nur für ein Märchen zu halten. Nun, ich nehme den Stoff, den sich der betreffende Schilderer aus der Gegenwart genommen hat. Solch ein Mensch aus der Umgebung, in die gerade der Mann, den ich vorhin beschrieben habe, hineinversetzt war lange Zeit, eine Person des Juristenstandes, bringt es verhältnismäßig sehr weit. Das kann man schildern. Man kann schildern, wie er so die Etappen der Jurisprudenz durchmacht, wie er dies oder jenes erlebt, Verwickelungen dieser und jener Art. Dann kann man — nun ja, selbstverständlich ist das auch modern — eine Liebesgeschichte hineinflechten in solch eine Sache. Man kann also, wenn man diesen Stoff vor sich hat, schildern, wie irgendein exotisches Mädchen in der Begleitung ihrer Mutter kommt, wie sich der betreffende höhere juristische Beamte nun verliebt, und wie gerade dadurch, daß vielleicht eine Spionagegeschichte hineinspielt, die er zu behandeln hat als Richter, diese wiederum ihn in Verbindung führt zu dem Mädchen, in das er sich verliebt hat, wie ihn das in Konflikte hineinbringt und so weiter. Man kann dann ganz realistisch schildern, wie er zum Selbstmord gekommen ist.

[ 18 ] Das hat nun der Betreffende nicht getan, sondern er hat folgende bedeutsame Sache in seine Novelle hineinverwoben. Er schildert also einen Vorgang, der äußerlich fast so ist, wie ich ihn eben erzählt habe. Aber er schildert außerdem noch, daß der betreffende Justizbeamte Schopenhauer liest, andere Philosophen liest, aber sie so liest, daß er dies, ich möchte sagen, bis zu seinem Nervensystem mit seinem individuellen Wesen verbindet. Nun ist er ein tüchtiger Jurist. Was heißt das, ein tüchtiger Jurist als Richter zu sein? Das heißt, alle Spitzfindigkeiten herauszukriegen, um einen ganz hereinzulegen. Verteidigen, nun ja, dazu muß er ja wieder die Spitzfindigkeiten der Verteidiger herausfinden. Also er ist furchtbar tüchtig, und verurteilt einen Menschen aus ähnlichen Zusammenhängen heraus, wie ich sie eben dargelegt habe. Aber dieser Mensch zeigt sich in einer ganz merkwürdigen Weise bei der Verhandlung, wie dämonisch, und namentlich die Art, wie er geblickt hat, die bleibt den Leuten, die bei der Verhandlung waren, unvergeßlich. Nun, der Betreffende wird selbstverständlich eingesperrt. Die ganze Sache hängt dann zusammen mit jenem Mädchen, in das sich der betreffende Richter verliebt. Der Verurteilte bekommt zwanzig Jahre Zuchthaus; aber er ist leidend.

[ 19 ] Nun, der Richter wird sehr gut geschildert in der betreffenden Novelle. Eines Nachts — er hat seit der Verhandlung, die er nach Ansicht der Leute glänzend geführt hat, nicht wieder an den Sträfling gedacht wird er wach um zwölf Uhr, sagen wir — es wird auch ungefähr stimmen —, ist in einem Zustand des Halbschlafes; um zwei Uhr klopft es an seiner Türe in seinem Zimmer, in dem er schläft. Herein kommt jener Sträfling. — Sie können sich des Richters Situation ausmalen! Aber er kommt wiederum in einen Halbschlummer, und als er aufwacht, ist es Tag. Er ist nun in einer heillosen Angst. Er geht ins Gerichtsgebäude; da hört er nichts, als, indem er auf dem Gang so hingeht, einmal den Namen jenes Sträflings rufen. Das erschreckt ihn furchtbar. Er nimmt sich vor, die Akten wieder zu studieren, läßt sie sich auch geben; drei Wochen Jang läßt er sie liegen. Dann endlich ergibt sich einmal aus einem Gespräch das Folgende: In einer bestimmten Nacht um zwei Uhr ist der Betreffende im Zuchthaus gestorben. Es war genau auf die Minute, wie der Richter dann feststellen konnte, damals, als er ihn besucht hatte in seinem Schlafzimmer!

[ 20 ] Das ist die Verwickelung der Novelle. «Hofrat Eysenhardt» heißt sie. Er stirbt dann durch Selbstmord. «Hofrat Eysenhardt» von Berger, eine ganz moderne Novelle, die zeigt, auch durch die anderen Schilderungen, die drinnen sind, daß der Verfasser ganz gut bekannt war mit den verschiedensten Versuchen der neuesten Zeit, in die Geheimnisse des okkulten Daseins einzudringen; denn einfach von diesem Gesichtspunkte aus ist die Novelle glänzend geschrieben.

[ 21 ] Ein Merk würdiges liegt nun vor. Jener Berger ist nicht derselbe wie der, den ich vorhin beschrieben habe; den vorhin Beschriebenen wollte ich nur als das Beispiel eines Menschen, der mit hellem Blick sich umschaut und gut das schildert, was Nerv des fünften nachatlantischen Zeitraums ist, anführen. Aber als einen Amtsgenossen sozusagen wollte ich den Berger anführen, Alfred Freiherr von Berger, der die Novelle geschrieben hat, diese ausgezeichnete Novelle «Hofrat Eysenhardt», die ganz so geschrieben ist, daß man sieht: der Mann kennt die verschiedenen Anstrengungen der neueren Zeit, hineinzukommen in die geistige Welt. Er hat sein ganzes Leben viel geschrieben, der betreffende Alfred Freiherr von Berger. Erst als er diejenige Stelle erlangt hatte, über die hinauf es kein Aufrücken mehr gab, hat er diese Novelle veröffentlicht. Es ist auch, sagen wir «zufällig», kurz vor seinem Tode gewesen. Sehr bezeichnend ist das, weil es uns zugleich zeigt, daß die Menschen der Gegenwart, die, wie man das im äußeren Leben nennt, etwas erreichen wollen, nicht gut tun, sich mit solchen Dingen die Finger zu verbrennen. Aber es zeigt uns zugleich auf der anderen Seite, wie das Streben der Menschen in der Gegenwart dahin geht, einzudringen in die geheimnisvollen Seiten des Daseins, die sich immer mehr und mehr aufdrängen werden, weil sie den Menschen wichtige Rätsel aufgeben.

[ 22 ] Wenn man die Frage des Schicksals vorurteilslos betrachten will, dann handelt es sich darum, daß man vor allen Dingen sich einen freien Blick aneignet, daß man versucht, das Leben — verzeihen Sie den harten Ausdruck — nicht zu verschlafen, sondern sich im Leben umzuschauen. Denn sehen Sie, lassen Sie mich Ihnen gleichsam symbolisch ausdrükken das, worauf es ankommt: Sagen wir, da hätten wir eine Strömung des Lebens (es wird gezeichnet), da eine zweite, da eine dritte. Das Leben besteht ja aus vielen Strömungen, die sich in der mannigfaltigsten Weise kreuzen, das Leben des einzelnen Menschen und das Leben von Menschengruppen, auch das Leben der ganzen Erdenmenschheit. Dasjenige, was heute als Begriffe herrscht, ist vielfach zu bequem, um auseinanderzuwirren die verschlungenen Fäden des Lebens, denn es kommt sehr häufig darauf an, daß man den Blick nach einem Punkte richtet, und dann den Blick wieder nach einem anderen Punkte, und daß man gerade diese beiden Punkte in ein Verhältnis bringt, daß man diese Punkte anschaut. Wenn man die richtigen Tatsachen ins Auge faßt, so findet man Lichter, die die Situation aufhellen.

[ 23 ] Nun werden Sie mich fragen: Ja, wie macht man solche Dinge? Sehen Sie, darauf kommt es eben an. Wenn Sie Geisteswissenschaft in der richtigen Art treiben, dann finden Sie durch Imagination die Punkte im Leben heraus, die Sie zusammenschauen müssen, damit sich Ihnen das Leben enthüllt, während Sie sonst das Leben verfolgen können, Ereignis nach Ereignis betrachten und nichts verstehen können vom Leben, wie es etwa die Historiker der Gegenwart machen, die von Ereignis zu Ereignis ihre Fäden ziehen, aber nichts verstehen vom Leben, weil es darauf ankommt, symptomatisch die Welt zu betrachten. Und das wird immer mehr und mehr notwendig werden, die Welt symptomatisch zu betrachten, das heißt so zu betrachten, daß man den Blick an die richtigen Stellen hinwendet und von den richtigen Stellen aus die Verbindungslinien zieht zu anderen Dingen. Gerade wenn es sich darum handelt, Karma konkret zu studieren, menschliches Schicksal konkret ins Auge zu fassen — ein Studium, bei dem es so viel Verwirrendes, weil so viel Versucherisches gibt dabei —, gerade da handelt es sich darum, symptomatisch die Dinge ins Auge fassen zu können.

[ 24 ] Dieses symptomatische Studium, das haben nun gerade gewisse okkulte Verbindungen der Gegenwart, auf die ich Ihren Blick schon hingelenkt habe, versucht, von den Menschen so fern wie möglich zu halten. Und ich habe Sie aufmerksam gemacht darauf, wie von älteren Einrichtungen gewisse okkult sich nennende Verbindungen geblieben sind, namentlich im Westen Europas. Innerhalb dieser okkulten Verbindungen hat man wohl gerade menschliches Charakterstudium getrieben, um menschliche Charaktere in der richtigen Weise gebrauchen zu können, in der richtigen Weise fassen zu können, und man hat mancherlei Mittel eingeschlagen, um von der übrigen Menschheit diese Erkenntnis abzuhalten, die man gerade, ich möchte sagen, innerhalb seiner Mauern oder innerhalb seiner Tore gepflogen hat. Es wird einmal zu dem Allerinteressantesten gehören, wenn bloßgelegt werden wird der Zusammenhang zwischen den Bestrebungen gewisser moderner okkulter Gemeinschaften und den öffentlichen Ereignissen, wenn die Fäden gezeigt werden, die von gewissen okkulten Gemeinschaften nach den modernen Ereignissen hereingehen, und wenn die Methoden enthüllt werden. Denn man wußte von solchen okkulten Gemeinschaften aus mit den menschlichen Charakteren zu rechnen, indem man gewissermaßen die Fäden ihres Karmas in die Hand nahm und sie lenkte und leitete, ohne daß die Leute es wußten. In der Theosophischen Gesellschaft hat man vielfach bloß Versuche gemacht, aber diese Versuche sind zumeist dilettantisch geblieben, weil man da nicht so geschickt war wie in anderen okkulten Gesellschaften. Natürlich ist es schwierig, über diese Dinge zu sprechen, insbesondere heute, wo ja objektive Charakteristik nicht nur mit Vorurteil belegt ist, sondern sogar durch die Gesetze verboten ist. Es ist schwierig, über diese Dinge zu sprechen, ja in gewisser Beziehung sogar ganz unmöglich. Aber darauf hingedeutet werden muß doch in der einen oder in der anderen Weise, weil es nicht angeht, daß die Menschen einfach in ihrer Zeit drinnen leben und mitmachen all dasjenige, was aus dem Zeitenkarma heraus in das Unbewußte der Menschenseelen hineinspielt, und dann, trotzdem sie in diesem allgemeinen Nebulosen drinnen leben, nun wiederum Geisteswissenschaft, die klaren, vorurteilslosen Geist fordert, treiben wollen. In gewissen Dingen muß Wahrheit herrschen, und es läßt sich nicht die Wahrheit bloß, ich möchte sagen, in abstrakter Weise erheucheln, sobald es sich um Dinge der wirklichen okkulten Welt handelt. Da handelt es sich darum, daß wirklich der Wille zur Wahrheit vorhanden ist. Nun, dieser Wille zur Wahrheit findet ja in der Gegenwart ganz besonders so viele Widerstände, weil den Menschen allmählich der Sinn für die Wahrheit abhanden gekommen ist. Denken Sie doch nur einmal, daß es heute sich vielfach im öffentlichen Leben gar nicht darum handelt, die Wahrheit zu ergründen, sondern dasjenige zu sagen, was dem einen oder dem anderen paßt aus gewissen Gruppenvorteilen heraus.

[ 25 ] Man kommt überall heute auf Gebiete, über die es unmöglich ist zu sprechen, trotzdem es gerade so notwendig wäre, über diese Gebiete zu sprechen. Aber schon diese Tatsache bitte ich Sie recht sehr ins Auge zu fassen, denn auch darinnen muß man sich völlig klar sein, daß das so ist, Sie können die Frage aufwerfen: Was haben gerade diese Dinge mit der Karmafrage zu tun, die wir jetzt behandeln? — Sie haben in der Tat sehr viel damit zu tun, und wir werden auf einiges von diesen Dingen dann noch versuchen einzugehen, um endlich gipfeln zu können in den Zielen, die wir eigentlich verfolgen.