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The Karma of a Person's Profession
in Relation to Goethe's Life
GA 172

18 November 1916, Dornach

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Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Sie haben gesehen, wie verwickelt die tieferen Schicksalsfragen des menschlichen Lebens sind; wir erkennen das, wenn wir uns ihnen zu nähern versuchen auf den Wegen, die uns die Geisteswissenschaft möglich macht. Allein es wird mancherlei notwendig sein für den Menschen der Gegenwart, damit er sich in richtiger Weise in dasjenige hineinversetze, was wirklich zu einer fruchtbaren Auffassung des Lebens führen kann. Und wir müssen schon, wenn wir die verwickelten Probleme betrachten, an denen wir jetzt versuchen uns zurechtzufinden, ich möchte sagen, manche Seitenwege gehen, um die Schwierigkeiten ins Auge zu fassen, die dem Verständnis sich gerade in solchen Gebieten entgegensetzen. Wir sind ja in gewissem Sinne alle herausgewachsen aus dem Denken der Gegenwart, und wenn auch mancher glaubt, daß er vorurteilsloses Denken hat, so ist es immer gut, sich gerade mit Bezug auf die Vorurteilslosigkeit des Denkens recht sehr die Selbstprüfung, die Selbsterkenntnis nicht zu ersparen. Daher sei, bevor wir weiterschreiten, auf einzelnes aufmerksam gemacht.

[ 1 ] You have seen how complex the deeper questions of destiny in human life are; we recognize this when we try to approach them along the paths that spiritual science makes possible for us. Yet many things will be necessary for people today so that they can properly immerse themselves in what can truly lead to a fruitful understanding of life. And when we consider the complex problems we are now trying to navigate—I would say we must take certain detours—in order to face the difficulties that stand in the way of understanding, particularly in such areas. In a certain sense, we have all outgrown contemporary thinking, and even if some believe they think without prejudice, it is always good—precisely with regard to the absence of prejudice in thinking—not to spare ourselves thorough self-examination and self-knowledge. Therefore, before we proceed, let us draw attention to a few specific points.

[ 2 ] Es ist oftmals recht schwierig, diese Dinge zu besprechen, weil schon die Sprache widerspenstig ist, wenn man wirklichkeitsgemäße Begriffe ausarbeiten will.Man kann sehr leicht glauben, daß ein Begriff, der ausgearbeitet wird, der gewissermaßen herausgeholt wird aus der Summe der okkulten Wissenschaft, auf ganz anderes hinziele als auf das, was eigentlich gemeint ist, und dadurch entstehen dann die mannigfaltigsten Mißverständnisse. Man kann heute sehr häufig eine gewisse Beobachtung machen, wenn menschliche Lebensläufe besprochen werden, welche sich auf große, bedeutende Persönlichkeiten beziehen. Ich will ein Beispiel anführen. Es ist jetzt eben hier in der Schweiz eine kleine Schrift erschienen über den ja neulich in anderem Zusammenhange erwähnten V-Vischer, den Verfasser des «Auch Einer» und der großen «Ästhetik». Mit einer gewissen liebevollen Hingabe wird das Leben dieses gesinnungstüchtigen und außerordentlich arbeitsreichen Schwaben, des V-Vischer, beschrieben. Er sei hier nur als Beispiel angeführt für gewisse Dinge, die wir betrachten wollen in bezug auf die menschliche Schicksalsfrage; man könnte ja ebensogut ein anderes Beispiel herauswählen.

[ 2 ] It is often quite difficult to discuss these matters because language itself is uncooperative when one attempts to formulate terms that accurately reflect reality. It is very easy to believe that a concept that is being developed—one that is, so to speak, drawn from the body of occult science—is aimed at something entirely different from what is actually intended, and this then gives rise to the most diverse misunderstandings. Today, one can very often make a certain observation when discussing the life stories of great, significant personalities. Let me give an example. A short book has just been published here in Switzerland about V-Vischer—who was recently mentioned in another context—the author of Auch Einer and the great Aesthetics. The life of this principled and extraordinarily hardworking Swabian, V-Vischer, is described with a certain affectionate devotion. He is cited here merely as an example of certain aspects we wish to examine in relation to the question of human destiny; one could just as easily have chosen another example.

[ 3 ] Eine richtige Schwabennatur war V-Vischer, eine Natur, die herangedieh im 19. Jahrhundert. Nun wird in der Lebensbeschreibung,. die eben jetzt erschienen ist, gezeigt, wie er aus armen Verhältnissen herausgewachsen ist, der Friedrich Theodor Vischer, wie er durch die ärmlichen Verhältnisse seiner Familie gezwungen worden ist, die Stiftserziehung im Tübinger Stift durchzumachen und so weiter. Nun das, worauf es mir ankommt, ist das Folgende: Es wird gleich anfangs darauf hingewiesen, wie schon die Gymnasialerziehung dieses V-Vischer eine gewisse engherzige war, wie die Buben wohl gelernt haben, sich zurechtzufinden im Latein, später in griechischen Schriftstellern, wie sie aber eigentlich bis zu einem sehr späten Alter nicht gewußt haben, in welchen Hauptfluß der Neckar sich ergießt, wie sie überhaupt bis in ein verhältnismäßig spätes Alter niemals eine Landkarte gesehen haben und so weiter. Viele solche Fehler des Erziehungssystems werden angeführt.

[ 3 ] V-Vischer was a true Swabian at heart—a character who came of age in the 19th century. Now, the biography that has just been published shows how Friedrich Theodor Vischer grew up in poverty, how his family’s meager circumstances forced him to attend the Tübingen seminary, and so on. Now, what matters to me is the following: Right at the beginning, it is pointed out how even V-Vischer’s high school education was somewhat narrow-minded, how the boys certainly learned to find their way around Latin, and later with Greek authors, but how they actually did not know until a very late age into which main river the Neckar flows, how they had never even seen a map until a relatively late age, and so on. Many such flaws in the educational system are cited.

[ 4 ] Nun bedenken wir einmal die Sache recht. Der V-Vischer ist in gewisser Beziehung ein großer Mann geworden und hat Bedeutendes geleistet, ist ein berühmter Mann geworden. Wir müssen uns klar sein darüber, wodurch er das geworden ist, wodurch er gerade diese spezifische Individualität geworden ist, als die er dasteht in der Geschichte. Dazu gehört auch, daß er bis zu einem gewissen Lebensjahre keine Landkarte gesehen hatte; hätte er eine Landkarte gesehen bis zu einem bestimmten Lebensjahre, so wäre ein bestimmter Charakterzug nicht in seiner Seele gewesen. Und manches andere, was da scharf getadelt wird, das mußte sein. Und wenn wir es schließlich von größerem Gesichtspunkte überschauen, so werden wir uns sagen: Die Seele dieses V-Vischer stieg herunter aus den geistigen Welten und hat sich gerade dieses Milieu ausgesucht, wollte gerade eine Erziehung haben, welche ihr ermöglichte, soundso lange bewahrt davor zu bleiben, eine Landkarte zu sehen, wollte gerade lange Zeit zwar den Neckar immer vor sich haben, das Heimatflüßchen, aber wollte nicht wissen, in welchen Hauptstrom sich der Neckar ergießt. Und gerade, wenn man diesen V-Vischer studiert, so sieht man, wie alle seine Schrullen, alle seine Eigenheiten, die er ja hinlänglich hatte, richtige integrierende Bestandteile seiner Größe sind, so daß es sich ziemlich deplaciert ausnimmt, wenn man versucht, seine Biographie zu schreiben und dann die Schulen tadelt, die eigentlich dasjenige gemacht haben, was er geworden ist.

[ 4 ] Now let us consider the matter carefully. V-Vischer has, in a certain sense, become a great man and has accomplished significant things; he has become a famous man. We must be clear about what made him what he is, what shaped him into precisely this specific individuality with which he stands in history. This includes the fact that he had never seen a map until a certain age; had he seen a map before that age, a certain character trait would not have been present in his soul. And many other things that are sharply criticized there simply had to be. And when we finally view it from a broader perspective, we will say to ourselves: The soul of this V-Vischer descended from the spiritual worlds and chose precisely this milieu; it wanted precisely an upbringing that would enable it to remain, for so-and-so long, shielded from seeing a map; it wanted, for a long time, to have the Neckar—its little hometown river—always before it, but it did not want to know into which main river the Neckar flows. And precisely when one studies this V-Vischer, one sees how all his quirks, all his peculiarities—of which he certainly had plenty—are integral components of his greatness, so that it seems rather out of place to attempt to write his biography and then criticize the schools that actually shaped him into the person he became.

[ 5 ] Seien wir uns nur klar darüber, daß jetzt nicht einer sagen darf: Nun hat er einmal wiederum sagen wollen, daß die Schulen, die den Kindern keine Landkarten zeigen, ganz die rechten Schulen seien. — Aber für den V-Vischer war das doch ganz gut und mußte so sein. Wir haben ja das vielfach dann im 19. Jahrhundert und bis in unsere Tage herein ins Große erlebt. Wenn namentlich gewisse dann berühmt gewordene Naturforscher aufgetreten sind und sich gegen die Erziehung gewandt haben, gegen das Erziehungssystem, und gefordert haben, daß man viel mehr Naturwissenschaft hineintragen soll in die Schulen, und wenn man die Herren gefragt hat: Und nun, ihr selber, ihr seid ja durch diese Verhältnisse gegangen; findet ihr, daß sie so schlecht waren? — so hat man in der Regel keine Antwort bekommen. Man muß sich schon klar darüber sein, daß ein jegliches Ding mindestens zwei, aber unter Umständen recht viel mehr Seiten har. Was ist denn das nur eigentlich, wenn sich der Biograph — in diesem Falle war es eine Biographin — hinsetzt und nun so Begriffe, Vorstellungen formt, daß das hingeschrieben wird, was ich Ihnen gesagt habe? Aus dem Hinschreiben einer solchen Sache kann man ja natürlich zum Verständnis der betreffenden Persönlichkeit nichts beitragen. Wenn man solche Begriffe formt, schneidet man eigentlich, geistig nur, in das Wesen hinein, das man behandelt. Würde man nicht hineinschneiden wollen mit seinen Begriffen, so würde man gerade liebevoll charakterisieren müssen, wie die Schule war inall ihrer Engherzigkeit und wie sie diese Individualität hervorgebracht hat. Aber man schneidet, man kritisiert, und Kritisieren ist ja in vieler Beziehung Schneiden. Woher kommt das?

[ 5 ] Let’s just be clear about this: no one should now say, “Well, he’s gone and claimed once again that schools which don’t show children maps are the very best schools.” — But for V-Vischer, that was perfectly fine and had to be that way. We’ve seen this happen time and again on a grand scale, from the 19th century right up to the present day. When, for example, certain naturalists who later became famous spoke out against education—against the educational system—and demanded that much more natural science be incorporated into schools, and when these gentlemen were asked: “Well, you yourselves went through this system; do you think they were so bad?”—one generally received no answer. One must be clear that every single thing has at least two sides, but under certain circumstances quite a few more. What is it, really, when the biographer—in this case, it was a female biographer—sits down and forms concepts and ideas in such a way that what I have told you is written down? Of course, writing something like that contributes nothing to an understanding of the person in question. When one forms such concepts, one is actually cutting—intellectually, at least—into the very essence of the subject one is dealing with. If one did not want to cut into it with one’s concepts, one would have to describe lovingly what the school was like in all its narrow-mindedness and how it brought forth this individuality. But one cuts, one criticizes—and criticism is, in many respects, a form of cutting. Where does this come from?

[ 6 ] Nun, das kommt von einer ganz bestimmten menschlichen Eigenschaft, die namentlich im Gedankensystem der Gegenwart weit, weit verbreitet ist, die im Unterbewußten wurzelt, deren sich die Menschen also nicht bewußt sind: das ist die Grausamkeit. Und weil die Menschen in der Gegenwart nicht gerade den Mut haben, diese Grausamkeit äußerlich zu betreiben, sind sie grausam in Begriffen und Ideen. Und vielen Werken der Gegenwart merkt man die Grausamkeit an in der Art der Schilderung, in der Art der Darstellung, und vielem, was getan wird und gesagt wird in der Gegenwart, merkt man die Grausamkeit an, die auf dem Grund der menschlichen Seele in viel weiterer Verbreitung vorhanden ist, als man denkt. Ich habe Ihnen gesagt, daß in gewissen sogenannten schwarzmagischen Schulen die Gepflogenheit besteht, sich die Eigenschaften, die man braucht zu schwarzer Magie, dadurch anzueignen, daß man den Zögling in lebendiges Fleisch von Tieren zunächst schneiden läßt. Dadurch werden gewisse Eigenschaften der Seele anerzogen. Das kann nicht jeder machen in der Gegenwart. Aber dieselbe Lust befriedigt mancher einfach in seinem Begriffssystem, wo es zwar nicht zur schwarzen Magie führt, aber zur Zivilisation der Gegenwart. Und von dieser Eigenschaft ist vieles, vieles in der Gegenwart durchsetzt, dessen müssen wir uns klar sein. Nur dadurch, daß man auf solche Dinge wirklich achtet, kommt man zu einem vorurteilsfreien Auffassen der Welt, in die man hineingestellt ist, sonst nicht, sonst auf keinen Fall.

[ 6 ] Well, this stems from a very specific human trait that is, in fact, far, far more widespread in the contemporary mindset—one that is rooted in the subconscious and of which people are therefore unaware: cruelty. And because people today do not exactly have the courage to act out this cruelty outwardly, they are cruel in their concepts and ideas. And in many contemporary works, one can discern this cruelty in the manner of description, in the manner of presentation; and in much of what is done and said today, one can discern the cruelty that exists at the very depths of the human soul in far greater prevalence than one might think. I have told you that in certain so-called schools of black magic, there is a custom of acquiring the qualities needed for black magic by first having the apprentice cut into the living flesh of animals. Through this, certain qualities of the soul are instilled. Not everyone can do this in the present day. But many simply satisfy this same desire within their own conceptual framework, where it may not lead to black magic, but rather to modern civilization. And much, much of the present is permeated by this quality; we must be clear about that. Only by truly paying attention to such things can one arrive at an unbiased understanding of the world in which one is placed; otherwise not, under no circumstances.

[ 7 ] Und es sind in der Gegenwart durchaus Anfänge vorhanden, die dahin streben, einen gewissen Ausblick in die Verhältnisse des fünften nachatlantischen Zeitraums zu erringen. Denn man kommt diesem fünften nachatlantischen Zeitraum verständnisvoll nicht bei,wenn man ihn nur kritisiert, wenn man nur gewissermaßen einem abstrakten Idealismus sich hingibt, ohne in Erwägung zu ziehen, daß das, was zum Beispiel als Mechanismus und mechanistische Kultur in der Gegenwart auftritt, ganz notwendig zu diesem fünften nachatlantischen Zeitraum gehört. Bloß abkritisieren das Maschinenmäßige in unserer Zeit, das hat keinen Sinn. Nun sind wirklich Anfänge aufgetreten dahingehend, ein wenig Verständnis zu gewinnen, menschliches Verständnis zu gewinnen für dasjenige, was unsern fünften nachatlantischen Zeitraum schon jetzt belebt und immer mehr beleben wird. Allein es sind noch wenig wirklichkeitsgemäße Begriffe für unseren fünften nachatlantischen Zeitraum gefunden, und man hat auch nicht viel Neigung, sich mit denjenigen Leuten zu beschäftigen, welche versucht haben, diesen Zustand des fünften nachatlantischen Zeitraums zu fassen. Man wird sich mit diesen Leuten beschäftigen müssen, denn an ihre Bestrebung wird sich gerade wahre, energische geisteswissenschaftliche Bestrebung in vielfacher Weise anschließen müssen.

[ 7 ] And there are certainly early signs today that point toward gaining some insight into the conditions of the fifth post-Atlantic period. For one cannot approach this fifth post-Atlantean epoch with understanding if one merely criticizes it, if one merely indulges, as it were, in abstract idealism without considering that what appears today, for example, as mechanism and mechanistic culture, is an absolutely necessary part of this fifth post-Atlantean epoch. Merely criticizing the mechanistic aspects of our time serves no purpose. Now, however, the first steps have truly been taken toward gaining a little understanding—a human understanding—of that which already animates our fifth post-Atlantean epoch and will animate it more and more. Yet few concepts that truly reflect reality have been found for our fifth post-Atlantean epoch, and there is also little inclination to engage with those people who have attempted to grasp this state of the fifth post-Atlantean epoch. We will have to engage with these people, for true, energetic spiritual scientific endeavors will have to align with their efforts in many ways.

[ 8 ] So gibt es einen bedeutenden Dichter des fünften nachatlantischen Zeitraums, der in seinen Dichtungen ganz durchpulst ist von dem Leben dieses fünften nachatlantischen Zeitraums; das ist Max Eyth, der bekannt sein sollte. Denn Max Eyth ist richtig ein Dichter unseres Zeitalters. Er ist auch ein Schwabe, der Sohn eines schwäbischen Schulmeisters, der wollte, daß er, der Sohn, auch Schulmeister werde. Aber das Karma wollte es anders. Er hat frühzeitig sich dem technischen Berufe zugewendet, ist ganz Techniker geworden, ging dann in die Fremde, nach England, und widmete sich namentlich der Herstellung von Dampfpflügen und wurde auch der Dichter der Dampfpflüge. Und die Art, wie er diese merkwürdigen Tiere der Neuzeit, die Dampfpflüge, mit warmem, innigem Herzen besungen hat, das ist recht Dichtung der Gegenwart. Merkwürdige Dinge spielen gerade in diesem Herzen ineinander. Auf der einen Seite ist Max Eyth ein absolut der Technik der neueren Zeit ergebener Mann, auf der anderen Seite empfänglich für alles dasjenige, was der Verstand wird begreifen können, wenn er vorurteilslos sich hineinfindet in das, was eröffnet werden kann gerade, wenn dieser Verstand geschult wird an den mechanisch-materialistischen Begriffen der fünften nachatlantischen Periode.

[ 8 ] There is, for example, a significant poet of the fifth post-Atlantean epoch whose poetry is thoroughly imbued with the life of this fifth post-Atlantean epoch; this is Max Eyth, who deserves to be known. For Max Eyth is truly a poet of our age. He is also a Swabian, the son of a Swabian schoolteacher who wanted his son to become a schoolteacher as well. But karma had other plans. He turned to a technical career at an early age, became a full-fledged engineer, then went abroad—to England—and devoted himself specifically to the manufacture of steam plows, becoming, in a sense, the poet of steam plows. And the way in which he sang the praises of these remarkable creatures of the modern age—the steam plows—with a warm, heartfelt passion is truly the poetry of the present. Remarkable things are at play within this very heart. On the one hand, Max Eyth is a man utterly devoted to modern technology; on the other hand, he is receptive to everything that the intellect can comprehend when it enters, without prejudice, into what can be revealed precisely when this intellect is trained in the mechanical-materialistic concepts of the fifth post-Atlantean epoch.

[ 9 ] So findet sich in einem Roman des Max Eyth, der im übrigen das rein moderne Leben Ägyptens behandelt, wo er vielfach tätig war, als die englische Gesellschaft, bei der er angestellt war, dort die Dampfpflüge hingeliefert hat und er sie ausproben mußte an Ort und Stelle, so findet sich in einem dieser Romane, der diesen Stoff behandelt, ausgeführt, wie die Pyramiden nach einem gewissen System gebaut sind. Und wenn man gewisse Verhältnisse ausrechnet — das rechnete Max Eyth aus, und das steht in dem Anhange eines Romans von ihm —, so findet man bis in weite, weite Dezimalen hinein, jedenfalls bis zu 30 Dezimalen hinein die sogenannte Ludolfsche Zahl, das π, mit dem man multiplizieren muß den doppelten Halbmesser eines Kreises, um den Umfang zu bekommen. Sie wissen, 3,14159 und so weiter; aber das geht ins Unendliche, das sind viele Dezimalen. Man könnte leicht glauben, diese Ludolfsche Zahl, die sogenannte Ludolfsche Zahl, sei erst ein Ergebnis späterer Errungenschaft. Max Eyth kam darauf, daß die alten ägyptischen Tempelpriester in uralten Zeiten bis in die 30.,40. Dezimalstelle hinein dieses x gekannt haben müssen, weil sie danach die Verhältnisse, nach denen sie die Pyramiden gebaut haben, bestimmt haben. Also es hat sich ihm erschlossen, diesem Max Eyth, gerade weil er Techniker war, etwas, was tief verborgen ist in der Natur des alten Pyramidenbaues. Damit konnte er zugleich darauf hinweisen, daß im Grunde genommen unsere Kultur zweierlei Ursprung hat: auch den der alten Zeiten, in denen die Leute auf anderer Wissenschaft gefußt haben als später, auf einer mehr mit dem Hellsehertum atavistischer Art verbundenen Wissenschaft, die dann verschwunden ist und die wieder gefunden werden muß in unserer Zeit.

[ 9 ] For example, in a novel by Max Eyth—which, incidentally, deals with modern life in Egypt, where he was active in many capacities—there is a passage describing how the English company that employed him delivered steam plows there and he had to test them on the spot; in one of these novels, which deals with this subject, it is explained how the pyramids were built according to a certain system. And if one calculates certain ratios—Max Eyth calculated this, and it is included in the appendix to one of his novels—one finds, extending far, far into the decimal places, at least up to 30 decimal places, the so-called Ludolf’s number, the π by which one must multiply the double radius of a circle to obtain its circumference. You know, 3.14159 and so on; but it goes on to infinity—that’s a lot of decimal places. One might easily believe that this Ludolf’s number, the so-called Ludolf’s number, was only the result of a later discovery. Max Eyth realized that the ancient Egyptian temple priests in times long past must have known this x to 30 or 40 decimal places, because they used it to determine the proportions according to which they built the pyramids. So it dawned on him—on Max Eyth, precisely because he was an engineer—something that lies deeply hidden in the nature of ancient pyramid construction. With this, he was also able to point out that, fundamentally, our culture has two origins: one in ancient times, when people relied on a different kind of science than later on—a science more closely connected to atavistic clairvoyance—which then disappeared and must be rediscovered in our time.

[ 10 ] Aber auch anderes findet sich bei Max Eyth, und das ist, so unscheinbar es aussieht, außerordentlich bedeutsam. In seinen Erzählungen — «Hinter Pflug und Schraubstock» heißt eine Sammlung — findet sich eine Dichtung, die, ich möchte sagen, ein Lebensrätsel aufwirft, ein Schicksalsrätsel aufwirft. Da wird ein Techniker, ein Ingenieur geschildert, der Brücken baut. In großartiger Weise wird geschildert, welche Fähigkeiten er hat, wie er Brücken bauen kann. Nur ist er etwas, nun, sagen wir genial, leichtfertig könnte man auch sagen. Und so baut er eine Brücke, die nun wiederum großartig geschildert wird. Er befindet sich selbst in einem Zug, der über diese Brücke geht. Da sitzt er drinnen. Aber er hat etwas versehen bei dem Brückenbau. Als der Zug, in dem er selbst darin ist, über die Brücke geht, stürzt sie ein und er geht dabei zugrunde. Es ist eine großartige karmische Frage, natürlich nicht beantwortet, aber aufgeworfen. Man sieht, wie der moderne _ Mensch herankommt an die großen karmischen, an die großen Schicksalsfragen. Wir haben einen Menschen, der durch seinen Beruf glänzend wirkt und der durch diesen Beruf in verhältnismäßig frühem Lebensalter zugrunde geht, zugrunde geht bei dem Werke, das er selbst geschaffen hat. Ich möchte sagen: Diese Dichtung steht wie eine große Frage da. Geisteswissenschaft wird gerade auf solche Fragen Antwort suchen. Diese Dinge kommen natürlich vor in den mannigfaltigsten Variationen des Lebens. Denn wir haben ja den Fall geschildert, der, ich möchte sagen, mit größter Akzeleration, mit größter Beschleunigung uns die Erfüllung des Karmas zeigt. Nehmen wir an — was ja nur eine Hypothese ist, denn natürlich macht es, wenn so etwas eintritt, das Karma notwendig —, aber nehmen wir hypothetisch an, was in einem anderen Falle eintreten könnte: der Betreffende wäre nicht in jenem Eisenbahnzug, der über die Brücke fuhr, gewesen, sondern er wäre eben damals zu Hause beim Ofen gesessen, so würde er vielleicht zwei Jahre eingesperrt worden sein, aber viel mehr dürfte ihm nicht passiert sein in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Wie wäre es dann gewesen?

[ 10 ] But there is more to Max Eyth than that, and it is—as unassuming as it may seem—extraordinarily significant. In his stories—one collection is titled Hinter Pflug und Schraubstock—there is a piece of writing that, I would say, poses a riddle of life, a riddle of fate. It depicts a technician, an engineer, who builds bridges. His skills and his ability to build bridges are described in magnificent detail. Only he is somewhat—well, let’s say—genius-like; one might also call him reckless. And so he builds a bridge, which is, in turn, magnificently described. He finds himself on a train crossing that very bridge. There he sits inside. But he made a mistake while building the bridge. As the train—in which he himself is riding—crosses the bridge, it collapses, and he perishes in the process. It is a magnificent karmic question—unanswered, of course, but raised. One sees how modern humanity approaches the great karmic questions, the great questions of fate. We have a person who shines through his profession and who, through this very profession, perishes at a relatively young age—perishes in the very work he himself has created. I would like to say: This work of literature stands there like a great question. Spiritual science will seek answers precisely to such questions. These things naturally occur in the most manifold variations of life. For we have, after all, described the case that, I would say, with the greatest acceleration, shows us the fulfillment of karma. Let us assume—which is, of course, only a hypothesis, for when something like this occurs, karma makes it inevitable—but let us hypothetically assume what might have happened in another case: if the person in question had not been on that train crossing the bridge, but had instead been sitting at home by the stove at that very moment, he might have been imprisoned for two years, but not much more would likely have happened to him in this life between birth and death. What would have happened then?

[ 11 ] Ja, sehen Sie, das ist das Bedeutsame: Dasjenige, was in das Karma dieses Menschen hineingebracht hätte der Tod, den der andere erleidet bei seinem eigenen Werk, das muß unter allen Umständen in das Karma hineinkommen, und derjenige, der es hier nicht hineinbekommt, der muß es dann in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hineinbekommen. Diese Erfahrung, die muß gemacht werden. Solch eine Erfahrung kann also, ich möchte sagen, beschleunigt gemacht werden, wie in dem Fall, den Max Eyth schildert, oder aber sie kann sich über weite Zeiträume ausdehnen. Gerade wichtige Schicksalsfragen wird aus dem unmittelbaren Leben heraus der fünfte nachatlantische Zeitraum dadurch erzeugen, daß aus den Lebensverhältnissen dieses Zeitraumes heraus einzelne Menschen sehen werden, wie die Rätsel durch das Leben in neuer Weise aufgegeben werden, in einer Weise, wie sie in früheren Zeiträumen gar nicht aufgegeben worden sind.

[ 11 ] Yes, you see, that is the important point: Whatever death would have brought into this person’s karma—the death that the other person suffers as a result of his own actions—must, under all circumstances, be incorporated into that karma; and whoever fails to incorporate it here must then incorporate it during the life between death and a new birth. This experience must be had. Such an experience can therefore, I would say, be brought about more quickly, as in the case described by Max Eyth, or it can extend over long periods of time. It is precisely these important questions of destiny that the fifth post-Atlantean epoch will generate from within immediate life, in that, based on the living conditions of this epoch, individual human beings will see how the riddles of life are posed in a new way—in a way that they were not posed at all in earlier epochs.

[ 12 ] Daher kann man schon auch bemerken, wenn man bei Menschen, die in einer gewissen Weise wirklich mit hellem Verstande begabt sind, nachsieht, wie sie heute schon andere Verwickelungen des Lebens suchen, wenn sie künstlerisch schaffen, als man in früheren Zeitläuften gesucht hat, und wie oftmals gerade diejenigen Menschen, die signifikante Verwickelungen des Lebens finden, heute in praktischen Berufen drinnenstehen. Des Max Eyth Bücher sind also in dieser Beziehung außerordentlich lehrreich, erstens, weil er wirklich ein großer, begabter Dichter ist, und zweitens, weil er, als ganz moderner Mensch, ganz aus den Anforderungen des modernen Lebens heraus schafft. Es ist gerade interessant — lassen Sie mich, ich möchte sagen, diese Bemerkung in Parenthese machen —, daß diejenigen Menschen, die Max Eyth lesen, durch äußere Lektüre auch etwas erfahren über mancherlei, was nun wiederum Theosophen wichtig sein könnte zu wissen, zum Beispiel über allerlei Dinge, die zusammenhängen mit dem Leben des ersten Präsidenten der Theosophical Society, des Olcott. Man findet das gerade bei Eyth, der in Amerika war in einer Zeit, in der Olcott dort allerlei Zeug getrieben hat, ein bißchen hineingeheimnißt in die Dinge. Kurz, sogar soziales Karma kann an einen herandringen, wenn man es nicht verschmäht, sich mit diesem modernen Geiste ein bißchen bekanntzumachen. Aber überhaupt, das ist das Eigentümliche, daß manchmal nicht gerade geniale Naturen — Eyth war ein genialer Mensch —, sondern solche, die eben der fünfte nachatlantische Zeitraum mit seinen Lebensmechanismen gebildet hat, durch die besondere Formung ihres Verstandes die Verwickelungen des modernen Lebens mit besonderer Klarheit schauen.

[ 12 ] Therefore, one can certainly observe, when looking at people who are in a certain sense truly gifted with a keen intellect, how they are already seeking different complexities in life today—when they engage in artistic creation—than were sought in earlier times, and how often it is precisely those people who find significant complexities in life who are now engaged in practical professions. Max Eyth’s books are therefore extraordinarily instructive in this regard—first, because he is truly a great, gifted poet, and second, because, as a thoroughly modern person, he creates entirely out of the demands of modern life. It is particularly interesting—let me, if I may, make this remark in parentheses—that those who read Max Eyth also learn, through his writings, about various matters that might in turn be important for Theosophists to know, for example, all sorts of things related to the life of the first president of the Theosophical Society, Olcott. One finds that Eyth, who was in America at a time when Olcott was up to all sorts of things there, offers a bit of insight into these matters. In short, even social karma can find its way to you if you do not refuse to familiarize yourself a little with this modern spirit. But in general, this is the peculiar thing: that sometimes it is not exactly brilliant minds—Eyth was a brilliant person—but rather those whom the fifth post-Atlantean epoch, with its life mechanisms, has shaped, who, through the particular formation of their intellect, perceive the complexities of modern life with exceptional clarity.

[ 13 ] So ist zum Beispiel mir und anderen auch ein moderner Jurist bekannt — Jurist war er zunächst in seiner Jugend —, aber als Jurist schon von der Zeit an, wo man Jurist ist, ohne daß man von der Juristerei klingenden Gewinn hat, ein heller Kopf, der die Dinge ringsherum vorurteilslos angesehen hat, der durch seine Begabung aufgefallen ist seinen Vorgesetzten — so sagt man ja wohl —, nicht so sehr wegen seiner Helligkeit, aber weil sie ihn gut brauchen konnten, weil das ein guter, ein flinker Arbeiter war. Nun, da kam er, da er sich als Aktuar oder Assessor ganz besonders bewährt hatte, in ein Ministerium. In dem Ministerium war er auch ein ausgezeichneter Arbeiter, aber ein solcher, der sich alles mit offenen Augen anschaute. Da bekam er einmal einen hohen, bedeutsamen Auftrag. Er sollte nämlich über Schul- und Erziehungsangelegenheiten ein Referat machen. Und zwar bekam er die Weisung, es sollte dieses Referat in der Weise gehalten werden, daß man zu einer Art liberalem System übergehen solle. Das gefiel ihm ganz gut, und da er ein heller Kopf war und die Verhältnisse durchschaute, so kam ein sehr gutes Referat zustande, wirklich ein guter Reformplan, gewisse Schulverhältnisse zu liberalisieren und etwas modern zu gestalten. Aber nun, während er das Referat ausarbeitete, hatte sich, wie man so sagt, der Kurs geändert, und man brauchte jetzt ein reaktionäres Referat. Da sagte ihm der Vorgesetzte: Das Referat ist so ausgezeichnet, daß Sie auch schon ein ausgezeichnetes reaktionäres Referatmachen werden; können Sie mir jetzt nicht auch ein reaktionäres machen? Da sagte der: Nein, das kann ich nicht! — Ja, wieso nicht? — Nein, denn das hier ist ja meine Überzeugung! — Was? So, das ist Ihre Überzeugung? — Da war der Vorgesetzte sehr böse und war sich klar darüber, daß er den Mann nun doch nicht gebrauchen konnte; einen Menschen, der nicht bloß tüchtig ist, sondern sogar eine Überzeugung hat, den kann man doch nicht brauchen!

[ 13 ] For example, I and others know of a modern lawyer—he was first a lawyer in his youth— but even as a lawyer—from the very time when one is a lawyer without deriving any tangible benefit from the practice of law—he was a bright mind who viewed the world around him without prejudice, who, as they say, caught the attention of his superiors not so much because of his intelligence, but because they found him useful—he was a good, quick worker. Well, having proven himself particularly capable as a clerk or assistant judge, he was assigned to a ministry. There, too, he was an excellent worker, but one who observed everything with an open mind. Then, one day, he was given an important, high-profile assignment. He was to prepare a report on school and educational matters. He was instructed to structure this report in such a way as to advocate a transition to a kind of liberal system. That appealed to him quite a bit, and since he was a sharp thinker who understood the situation, he produced a very good report—truly a sound reform plan to liberalize certain aspects of the school system and make them more modern. But then, while he was working on the presentation, the “course” had changed, as they say, and now a reactionary presentation was needed. So his superior said to him: “The presentation is so excellent that you’ll surely be able to produce an excellent reactionary one as well; can’t you write a reactionary one for me now?” To which he replied: “No, I can’t!” — “Well, why not?” — “No, because this is my conviction!” — “What? So this is your conviction?” — The supervisor was very angry and realized that he couldn’t use this man after all; a person who is not only competent but actually has convictions—you can’t use someone like that!

[ 14 ] Aber er ist ein ausgezeichneter Jurist, ein ausgezeichneter Arbeiter. Was tut man da? Er hat sich überall bewährt, und man weiß, er ist ein tüchtiger Jurist. Nun, man versucht, ihn hinaufzubefördern! Menschen, die sich so bewähren, die muß man versuchen zufriedenzustellen. Da wurde dann so ein bißchen hintenherum die Sache gedeichselt, wie man es nennt, und eines Tages — beim Kegelschieben glaube ich, war es —, da traf wie vom Zufall geführt den betreffenden Menschen ein Theatersekretär. Der Theatersekretär erzählte ihm: Ja, der Posten des Theaterdirektors eines großen Theaters ist leer! — Nun, der Betreffende, der Jurist war, bisher Ministerialbeamter, konnte doch da nicht irgend etwas Böses denken, als ihm diese Mitteilung gemacht wurde. Aber nachdem sie mit dem Kegelschieben zu Ende waren, sagte der Theatersekretär zu ihm: Wollen Sie nicht mit mir jetzt ins Kaffeehaus gehen, daß ich Ihnen die Sache näher auseinandersetze? Möchten Sie denn nicht selber Theaterdirektor werden? Wir haben keinen Theaterdirektor. Wir können ja auch nicht wissen, wenn wir einen Herrn auswählen, ob er unter den jetzigen Verhältnissen das Amt will. — Da sagte der Betreffende, der in juristischen und Verwaltungsdingen doch hell war und bekannt war: Ach, das muß jeder annehmen. Er muß auch willig sein, und wenn er nicht willig ist, verhaftet man ihn einfach. — Nun, es kam zum Schlusse dahin, daß ihm der Posten des Theaterdirektors angetragen wurde. Nur eine Schwierigkeit gab es: Es war eine sehr berühmte Schauspielerin bei dem betreffenden Theater, deren Gunst der Direktor haben mußte. Ja, sagte der Betreffende zu ihm, können Sie aber auch die Gunst dieser Schauspielerin erringen? — Nun, wenn es auf das nur ankommt! Ich war zwar in meinem ganzen Leben nur siebenmal im Theater, aber wenn ich es schon unternehme, Theaterdirektor zu werden, so werde ich doch auch die Gunst dieser Schauspielerin er i9n werben können. Können Sie mir nicht sagen, was die Schauspielerin gern ißt? — Das wußte der nun: «Mohnbeugerl» waren es. Da war er fein heraus. Er sagte: Da fahren wir jetzt gleich in die Konditorei und bestellen eine große Portion «Mohnbeugerl». — Die wurden gleich des Morgens ganz früh abgeliefert bei der Schauspielerin. Am Nachmittag mußte dann der betreffende Theatersekretär vorfahren bei der Schauspielerin, um — nun, halt um zu sondieren, wie man sagt. Er sagte zu ihr: Wir möchten gern diesen Herrn zum Direktor machen; was denken Sie darüber? — Er wußte, daß die Person sehr einflußreich war. Nun, sagte sie, ich weiß zwar gar nichts von diesem Herrn, aber bisher ist mir nur Gutes von ihm gekommen. — Jetzt war es so weit, daß er Theaterdirektor werden konnte,

[ 14 ] But he’s an excellent lawyer, an excellent worker. What do you do in that situation? He’s proven himself everywhere, and everyone knows he’s a capable lawyer. Well, you try to promote him! You have to try to keep people who prove themselves like that satisfied. So the matter was sort of arranged behind the scenes, as they say, and one day—while playing skittles, I believe it was—the person in question happened to run into a theater secretary, as if by chance. The theater secretary told him: “Yes, the position of theater director at a major theater is vacant!” — Well, the man in question, who was a lawyer and had previously been a civil servant, certainly couldn’t have thought anything bad when he was told this. But after they had finished bowling, the theater secretary said to him: “Wouldn’t you like to come with me to the coffeehouse now so I can explain the matter to you in more detail? Wouldn’t you like to become theater director yourself?” “We don’t have a theater director. And when we select someone, we can’t know whether he’ll accept the position under the current circumstances.” — Then the man in question, who was well-versed in legal and administrative matters and well-known, said: “Oh, everyone has to accept it. He must also be willing, and if he isn’t willing, they’ll simply arrest him.” — Well, it all came down to him being offered the position of theater director. There was just one difficulty: there was a very famous actress at that theater, and the director had to win her favor. “Yes,” the man in question said to him, “but can you also win the favor of this actress?” — “Well, if that’s all it takes!” “I’ve only been to the theater seven times in my entire life, but if I’m going to take on the role of theater director, I’ll certainly be able to win this actress’s favor. Can’t you tell me what the actress likes to eat?” — He knew the answer: it was “Mohnbeugerl.” That got him out of a tight spot. He said, “Let’s drive straight to the pastry shop right now and order a large portion of ‘Mohnbeugerl.’” — They were delivered to the actress first thing in the morning. That afternoon, the theater secretary in question had to drive over to the actress’s place to—well, to sound her out, as they say. He said to her: “We’d like to make this gentleman the director; what do you think about that?” — He knew that she was a very influential person. “Well,” she said, “I don’t know anything about this gentleman, but so far I’ve only heard good things about him.” — Now the time had come for him to become theater director,

[ 15 ] Nun war noch der Kritiker da, der berühmteste Kritiker der betreffenden Stadt; der war noch zu gewinnen. Und der schrieb halt immer schreckliches Zeug, der Mann, bis eines Tages auch dieser Kritiker umgestimmt worden ist, wenigstens so, daß er, wenn auch nicht wohlwollend, so doch einigermaßen nicht abfällig über ihn geschrieben hat. Das ist auf folgende Weise zustande gekommen — ich erzähle Ihnen kein Märchen, sondern es ist vorgekommen; ich will nur ein wenig charakterisieren: Die oberste Persönlichkeit des betreffenden Theaters, die noch über dem Direktor stand, wußte sich nicht zu helfen — der Direktor war nun einmal da, bewährte sich sogar, weil er ebenso tüchtig war als Theaterdirektor, wie er sich früher als Jurist tüchtig erwiesen hatte —, aber die oberste Persönlichkeit, die wußte sich nun nicht recht zu helfen: den Direktor konnte man nicht gleich wieder fortschicken; der Kritiker zeterte immer. Was tat er? Er lud sie beide ein, so daß keiner etwas von dem andern wußte, und gab ihnen gute Weine. Der Theaterdirektor konnte trinken und trinken und trinken. Der andere konnte es auch, aber nur bis zu einem gewissen Grade, der geringer war als der des Theaterdirektors. Und so kam es denn, daß eines schönen Morgens der Theaterdirektor sehr früh am Morgen — ich glaube um fünf Uhr klingelte bei der Frau des’ Theaterkritikers und sagte, er müsse sie durchaus persönlich sprechen, denn er hätte etwas sehr Wichtiges abzugeben, das er unten auf der Treppe niedergelegt hätte. Nun, sie warf sich in den Schlafrock. Da brachte er ihr denn ihren Herrn Gemahl als ein rechtes Häuflein Unglück und lieferte ihn ab. Von der Stunde an ging es etwas besser mit der Kritik. Später wurde der Betreffende, nachdem er es so als Theaterdirektor zu toll getrieben hatte nach Ansicht dieser Vorgesetzten, zur Juristerei wiederum weiter hinaufbefördert.

[ 15 ] Now there was still the critic—the most famous critic in that city—who still had to be won over. And that man just kept writing terrible things, until one day even this critic changed his mind—at least to the extent that, while not exactly favorable, his reviews were at least not entirely disparaging. This came about in the following way—I’m not telling you a fairy tale; it really happened. I just want to sketch out the characters a bit: The top official at the theater in question, who ranked even above the director, didn’t know what to do—the director was simply there, and had even proven himself, because he was just as capable as a theater director as he had previously proven himself to be as a lawyer—but the top official really didn’t know what to do: they couldn’t just send the director away right away; the critic was always ranting. What did he do? He invited them both, so that neither knew anything about the other, and served them fine wines. The theater director could drink and drink and drink. The other man could too, but only to a certain extent, which was less than that of the theater director. And so it came to pass that one fine morning, very early—I believe around five o’clock—the theater director rang the doorbell at the theater critic’s wife’s house and said he absolutely had to speak with her in person, for he had something very important to deliver, which he had left at the bottom of the stairs. Well, she threw on her dressing gown. He then brought her husband—a veritable bundle of misery—and handed him over. From that moment on, the reviews improved somewhat. Later, after he had, in the opinion of these superiors, gone too far in his role as theater director, the man in question was promoted once again, this time to the legal profession.

[ 16 ] Nun hat dieser Mann ausgezeichnet dasjenige beschrieben, charakterisiert, was er gesehen hat in seiner Praxis, und ich will nur eben damit andeuten, daß gerade solche Menschen, die aus dem unmittelbaren Leben der Gegenwart heraus sind, so recht bedeutsam hinweisen können auf dieses Leben der Gegenwart.

[ 16 ] Now, this man has excellently described and characterized what he has observed in his practice, and I simply want to suggest that it is precisely such people—who are rooted in the immediate reality of the present—who can point so meaningfully to this reality of the present.

[ 17 ] Noch interessanter ist, daß ein ähnlicher Mann, der allerdings, ich möchte sagen, um einen Grad vornehmer aufgetreten ist als der, von dem ich Ihnen erzählt habe, Verschiedenes geschrieben hat während seines Lebens, aber kurz vor seinem Tode — diese Menschen, von denen da die Rede ist, sind ja alle schon tot — eine sehr interessante Novelle geschrieben hat, so ein richtiges Kunstwerk der Gegenwart. Sehen Sie, wie kann man heute eine Novelle schreiben? Man kann heute eine Novelle schreiben nach dem Geschmack der Zeit: da darf ja nichts Spirituelles drinnen sein, oder wenn etwas Spirituelles darinnen ist, so muß möglichst deutlich darauf hingewiesen sein, daß man die Geschichte glauben kann und auch nicht glauben kann, aber daß man jedenfalls besser tut, sie nur für ein Märchen zu halten. Nun, ich nehme den Stoff, den sich der betreffende Schilderer aus der Gegenwart genommen hat. Solch ein Mensch aus der Umgebung, in die gerade der Mann, den ich vorhin beschrieben habe, hineinversetzt war lange Zeit, eine Person des Juristenstandes, bringt es verhältnismäßig sehr weit. Das kann man schildern. Man kann schildern, wie er so die Etappen der Jurisprudenz durchmacht, wie er dies oder jenes erlebt, Verwickelungen dieser und jener Art. Dann kann man — nun ja, selbstverständlich ist das auch modern — eine Liebesgeschichte hineinflechten in solch eine Sache. Man kann also, wenn man diesen Stoff vor sich hat, schildern, wie irgendein exotisches Mädchen in der Begleitung ihrer Mutter kommt, wie sich der betreffende höhere juristische Beamte nun verliebt, und wie gerade dadurch, daß vielleicht eine Spionagegeschichte hineinspielt, die er zu behandeln hat als Richter, diese wiederum ihn in Verbindung führt zu dem Mädchen, in das er sich verliebt hat, wie ihn das in Konflikte hineinbringt und so weiter. Man kann dann ganz realistisch schildern, wie er zum Selbstmord gekommen ist.

[ 17 ] Even more interesting is that a similar man—who, I would say, came across as a bit more refined than the one I told you about—wrote various things during his lifetime, but shortly before his death—these people we’re talking about are, after all, all dead now—he wrote a very interesting novella, a true work of contemporary art. You see, how can one write a novella today? Today, one can write a novella in keeping with the spirit of the times: there must be nothing spiritual in it, or if there is something spiritual in it, it must be made as clear as possible that one can believe the story and also not believe it, but that in any case one is better off regarding it merely as a fairy tale. Well, I’ll take the material that the author in question has drawn from the present day. A person like that—from the very milieu in which the man I described earlier was immersed for a long time, a member of the legal profession—goes relatively far. That can be depicted. One can describe how he progresses through the various stages of legal practice, how he experiences this or that, and entanglements of one kind or another. Then one can—well, of course, this is also modern—weave a love story into such a narrative. So, when you have this material before you, you can describe how some exotic girl arrives accompanied by her mother, how the senior legal official in question falls in love, and how, precisely because a spy story—which he has to deal with as a judge—comes into play, this in turn brings him into contact with the girl he has fallen in love with, how that leads him into conflicts, and so on. One can then describe quite realistically how he came to commit suicide.

[ 18 ] Das hat nun der Betreffende nicht getan, sondern er hat folgende bedeutsame Sache in seine Novelle hineinverwoben. Er schildert also einen Vorgang, der äußerlich fast so ist, wie ich ihn eben erzählt habe. Aber er schildert außerdem noch, daß der betreffende Justizbeamte Schopenhauer liest, andere Philosophen liest, aber sie so liest, daß er dies, ich möchte sagen, bis zu seinem Nervensystem mit seinem individuellen Wesen verbindet. Nun ist er ein tüchtiger Jurist. Was heißt das, ein tüchtiger Jurist als Richter zu sein? Das heißt, alle Spitzfindigkeiten herauszukriegen, um einen ganz hereinzulegen. Verteidigen, nun ja, dazu muß er ja wieder die Spitzfindigkeiten der Verteidiger herausfinden. Also er ist furchtbar tüchtig, und verurteilt einen Menschen aus ähnlichen Zusammenhängen heraus, wie ich sie eben dargelegt habe. Aber dieser Mensch zeigt sich in einer ganz merkwürdigen Weise bei der Verhandlung, wie dämonisch, und namentlich die Art, wie er geblickt hat, die bleibt den Leuten, die bei der Verhandlung waren, unvergeßlich. Nun, der Betreffende wird selbstverständlich eingesperrt. Die ganze Sache hängt dann zusammen mit jenem Mädchen, in das sich der betreffende Richter verliebt. Der Verurteilte bekommt zwanzig Jahre Zuchthaus; aber er ist leidend.

[ 18 ] The author in question did not do that, however; instead, he wove the following significant element into his novella. He thus describes an event that, on the surface, is almost exactly as I have just recounted it. But he also describes how the judicial official in question reads Schopenhauer and other philosophers—but reads them in such a way that he connects this, I might say, to his very nervous system and his individual being. Now, he is a capable lawyer. What does it mean to be a capable lawyer as a judge? It means uncovering every legal quibble in order to completely deceive someone. As for defending someone—well, to do that, he must, of course, uncover the legal quibbles of the defense attorneys. So he is terribly competent, and he convicts a person based on the same kind of circumstances I just described. But this person behaves in a very strange way during the trial—almost demonic—and especially the way he looked remains unforgettable to the people who were present at the trial. Well, the man in question is, of course, imprisoned. The whole affair is then connected to the girl with whom the judge in question falls in love. The convicted man receives a twenty-year prison sentence; but he is suffering.

[ 19 ] Nun, der Richter wird sehr gut geschildert in der betreffenden Novelle. Eines Nachts — er hat seit der Verhandlung, die er nach Ansicht der Leute glänzend geführt hat, nicht wieder an den Sträfling gedacht wird er wach um zwölf Uhr, sagen wir — es wird auch ungefähr stimmen —, ist in einem Zustand des Halbschlafes; um zwei Uhr klopft es an seiner Türe in seinem Zimmer, in dem er schläft. Herein kommt jener Sträfling. — Sie können sich des Richters Situation ausmalen! Aber er kommt wiederum in einen Halbschlummer, und als er aufwacht, ist es Tag. Er ist nun in einer heillosen Angst. Er geht ins Gerichtsgebäude; da hört er nichts, als, indem er auf dem Gang so hingeht, einmal den Namen jenes Sträflings rufen. Das erschreckt ihn furchtbar. Er nimmt sich vor, die Akten wieder zu studieren, läßt sie sich auch geben; drei Wochen Jang läßt er sie liegen. Dann endlich ergibt sich einmal aus einem Gespräch das Folgende: In einer bestimmten Nacht um zwei Uhr ist der Betreffende im Zuchthaus gestorben. Es war genau auf die Minute, wie der Richter dann feststellen konnte, damals, als er ihn besucht hatte in seinem Schlafzimmer!

[ 19 ] Well, the judge is portrayed very well in the novella in question. One night—he hasn’t thought about the convict since the trial, which, in the eyes of the public, he presided over brilliantly—he wakes up at midnight, let’s say—which is probably about right—and is in a state of half-sleep; at two o’clock, there’s a knock on the door of his room, where he’s sleeping. The convict enters. — You can imagine the judge’s predicament! But he slips back into a half-sleep, and when he wakes up, it is daylight. He is now in a state of utter dread. He goes to the courthouse; there, as he walks down the hallway, he hears nothing but the name of that convict being called out once. This terrifies him. He resolves to study the files again, has them brought to him, and leaves them lying there for three weeks. Then, finally, the following emerges from a conversation: On a certain night at two o’clock, the man in question had died in prison. It was exactly the same minute—as the judge was later able to determine—as when he had visited him in his bedroom!

[ 20 ] Das ist die Verwickelung der Novelle. «Hofrat Eysenhardt» heißt sie. Er stirbt dann durch Selbstmord. «Hofrat Eysenhardt» von Berger, eine ganz moderne Novelle, die zeigt, auch durch die anderen Schilderungen, die drinnen sind, daß der Verfasser ganz gut bekannt war mit den verschiedensten Versuchen der neuesten Zeit, in die Geheimnisse des okkulten Daseins einzudringen; denn einfach von diesem Gesichtspunkte aus ist die Novelle glänzend geschrieben.

[ 20 ] That is the plot of the novella. It is titled “Hofrat Eysenhardt.” He eventually commits suicide. “Hofrat Eysenhardt” by Berger is a thoroughly modern novella that demonstrates—not least through the other descriptions it contains—that the author was quite familiar with the most diverse recent attempts to penetrate the mysteries of the occult; for from this perspective alone, the novella is brilliantly written.

[ 21 ] Ein Merk würdiges liegt nun vor. Jener Berger ist nicht derselbe wie der, den ich vorhin beschrieben habe; den vorhin Beschriebenen wollte ich nur als das Beispiel eines Menschen, der mit hellem Blick sich umschaut und gut das schildert, was Nerv des fünften nachatlantischen Zeitraums ist, anführen. Aber als einen Amtsgenossen sozusagen wollte ich den Berger anführen, Alfred Freiherr von Berger, der die Novelle geschrieben hat, diese ausgezeichnete Novelle «Hofrat Eysenhardt», die ganz so geschrieben ist, daß man sieht: der Mann kennt die verschiedenen Anstrengungen der neueren Zeit, hineinzukommen in die geistige Welt. Er hat sein ganzes Leben viel geschrieben, der betreffende Alfred Freiherr von Berger. Erst als er diejenige Stelle erlangt hatte, über die hinauf es kein Aufrücken mehr gab, hat er diese Novelle veröffentlicht. Es ist auch, sagen wir «zufällig», kurz vor seinem Tode gewesen. Sehr bezeichnend ist das, weil es uns zugleich zeigt, daß die Menschen der Gegenwart, die, wie man das im äußeren Leben nennt, etwas erreichen wollen, nicht gut tun, sich mit solchen Dingen die Finger zu verbrennen. Aber es zeigt uns zugleich auf der anderen Seite, wie das Streben der Menschen in der Gegenwart dahin geht, einzudringen in die geheimnisvollen Seiten des Daseins, die sich immer mehr und mehr aufdrängen werden, weil sie den Menschen wichtige Rätsel aufgeben.

[ 21 ] A noteworthy example now presents itself. This Berger is not the same as the one I described earlier; I cited the one described earlier merely as an example of a person who looks around with a clear eye and aptly captures the essence of the fifth post-Atlantean epoch. But as a colleague, so to speak, I wanted to mention Berger—Alfred Freiherr von Berger—who wrote the novella, this excellent novella Hofrat Eysenhardt, which is written in such a way that one can see: this man is familiar with the various efforts of recent times to enter the spiritual world. He wrote prolifically throughout his life, this Alfred Freiherr von Berger. It was only after he had attained that position—beyond which there was no further advancement—that he published this novella. It also happened—let’s say “coincidentally”—shortly before his death. This is very telling, because it shows us at the same time that people of the present day—who, as it is called in outward life, want to “achieve” something—would do well not to get their fingers burned by such matters. But at the same time, it shows us, on the other hand, how the striving of people today is directed toward penetrating the mysterious aspects of existence, which will increasingly impose themselves because they present people with important riddles.

[ 22 ] Wenn man die Frage des Schicksals vorurteilslos betrachten will, dann handelt es sich darum, daß man vor allen Dingen sich einen freien Blick aneignet, daß man versucht, das Leben — verzeihen Sie den harten Ausdruck — nicht zu verschlafen, sondern sich im Leben umzuschauen. Denn sehen Sie, lassen Sie mich Ihnen gleichsam symbolisch ausdrükken das, worauf es ankommt: Sagen wir, da hätten wir eine Strömung des Lebens (es wird gezeichnet), da eine zweite, da eine dritte. Das Leben besteht ja aus vielen Strömungen, die sich in der mannigfaltigsten Weise kreuzen, das Leben des einzelnen Menschen und das Leben von Menschengruppen, auch das Leben der ganzen Erdenmenschheit. Dasjenige, was heute als Begriffe herrscht, ist vielfach zu bequem, um auseinanderzuwirren die verschlungenen Fäden des Lebens, denn es kommt sehr häufig darauf an, daß man den Blick nach einem Punkte richtet, und dann den Blick wieder nach einem anderen Punkte, und daß man gerade diese beiden Punkte in ein Verhältnis bringt, daß man diese Punkte anschaut. Wenn man die richtigen Tatsachen ins Auge faßt, so findet man Lichter, die die Situation aufhellen.

[ 22 ] If one wishes to consider the question of fate without prejudice, then it is a matter, above all, of cultivating an open perspective—of trying, if you’ll pardon the harsh expression, not to “sleep through” life, but to look around at life. For you see, let me express—symbolically, so to speak—what really matters: Let’s say we have one current of life (it is drawn), a second one, and a third. Life, after all, consists of many currents that intersect in the most diverse ways—the life of the individual, the life of groups of people, and even the life of all humanity on Earth. The concepts that prevail today are often too convenient to untangle the intricate threads of life, for it very often depends on directing one’s gaze to one point, and then to another, and on relating precisely these two points to one another—on looking at these points. When one takes the correct facts into account, one finds insights that shed light on the situation.

[ 23 ] Nun werden Sie mich fragen: Ja, wie macht man solche Dinge? Sehen Sie, darauf kommt es eben an. Wenn Sie Geisteswissenschaft in der richtigen Art treiben, dann finden Sie durch Imagination die Punkte im Leben heraus, die Sie zusammenschauen müssen, damit sich Ihnen das Leben enthüllt, während Sie sonst das Leben verfolgen können, Ereignis nach Ereignis betrachten und nichts verstehen können vom Leben, wie es etwa die Historiker der Gegenwart machen, die von Ereignis zu Ereignis ihre Fäden ziehen, aber nichts verstehen vom Leben, weil es darauf ankommt, symptomatisch die Welt zu betrachten. Und das wird immer mehr und mehr notwendig werden, die Welt symptomatisch zu betrachten, das heißt so zu betrachten, daß man den Blick an die richtigen Stellen hinwendet und von den richtigen Stellen aus die Verbindungslinien zieht zu anderen Dingen. Gerade wenn es sich darum handelt, Karma konkret zu studieren, menschliches Schicksal konkret ins Auge zu fassen — ein Studium, bei dem es so viel Verwirrendes, weil so viel Versucherisches gibt dabei —, gerade da handelt es sich darum, symptomatisch die Dinge ins Auge fassen zu können.

[ 23 ] Now you will ask me: Yes, how does one do such things? You see, that is precisely the point. If you practice spiritual science in the right way, then through imagination you will discover the points in life that you must consider together so that life reveals itself to you; otherwise, you may go through life, event by event and understand nothing of life—as, for example, contemporary historians do, who trace their threads from event to event but understand nothing of life—because what matters is viewing the world symptomatically. And it will become more and more necessary to view the world symptomatically—that is, to view it in such a way that one directs one’s gaze to the right places and draws lines of connection to other things from those right places. Precisely when it comes to studying karma in concrete terms, to looking at human destiny concretely—a study in which there is so much that is confusing, because there are so many temptations involved—it is precisely then that the ability to view things symptomatically is essential.

[ 24 ] Dieses symptomatische Studium, das haben nun gerade gewisse okkulte Verbindungen der Gegenwart, auf die ich Ihren Blick schon hingelenkt habe, versucht, von den Menschen so fern wie möglich zu halten. Und ich habe Sie aufmerksam gemacht darauf, wie von älteren Einrichtungen gewisse okkult sich nennende Verbindungen geblieben sind, namentlich im Westen Europas. Innerhalb dieser okkulten Verbindungen hat man wohl gerade menschliches Charakterstudium getrieben, um menschliche Charaktere in der richtigen Weise gebrauchen zu können, in der richtigen Weise fassen zu können, und man hat mancherlei Mittel eingeschlagen, um von der übrigen Menschheit diese Erkenntnis abzuhalten, die man gerade, ich möchte sagen, innerhalb seiner Mauern oder innerhalb seiner Tore gepflogen hat. Es wird einmal zu dem Allerinteressantesten gehören, wenn bloßgelegt werden wird der Zusammenhang zwischen den Bestrebungen gewisser moderner okkulter Gemeinschaften und den öffentlichen Ereignissen, wenn die Fäden gezeigt werden, die von gewissen okkulten Gemeinschaften nach den modernen Ereignissen hereingehen, und wenn die Methoden enthüllt werden. Denn man wußte von solchen okkulten Gemeinschaften aus mit den menschlichen Charakteren zu rechnen, indem man gewissermaßen die Fäden ihres Karmas in die Hand nahm und sie lenkte und leitete, ohne daß die Leute es wußten. In der Theosophischen Gesellschaft hat man vielfach bloß Versuche gemacht, aber diese Versuche sind zumeist dilettantisch geblieben, weil man da nicht so geschickt war wie in anderen okkulten Gesellschaften. Natürlich ist es schwierig, über diese Dinge zu sprechen, insbesondere heute, wo ja objektive Charakteristik nicht nur mit Vorurteil belegt ist, sondern sogar durch die Gesetze verboten ist. Es ist schwierig, über diese Dinge zu sprechen, ja in gewisser Beziehung sogar ganz unmöglich. Aber darauf hingedeutet werden muß doch in der einen oder in der anderen Weise, weil es nicht angeht, daß die Menschen einfach in ihrer Zeit drinnen leben und mitmachen all dasjenige, was aus dem Zeitenkarma heraus in das Unbewußte der Menschenseelen hineinspielt, und dann, trotzdem sie in diesem allgemeinen Nebulosen drinnen leben, nun wiederum Geisteswissenschaft, die klaren, vorurteilslosen Geist fordert, treiben wollen. In gewissen Dingen muß Wahrheit herrschen, und es läßt sich nicht die Wahrheit bloß, ich möchte sagen, in abstrakter Weise erheucheln, sobald es sich um Dinge der wirklichen okkulten Welt handelt. Da handelt es sich darum, daß wirklich der Wille zur Wahrheit vorhanden ist. Nun, dieser Wille zur Wahrheit findet ja in der Gegenwart ganz besonders so viele Widerstände, weil den Menschen allmählich der Sinn für die Wahrheit abhanden gekommen ist. Denken Sie doch nur einmal, daß es heute sich vielfach im öffentlichen Leben gar nicht darum handelt, die Wahrheit zu ergründen, sondern dasjenige zu sagen, was dem einen oder dem anderen paßt aus gewissen Gruppenvorteilen heraus.

[ 24 ] This symptomatic study is precisely what certain contemporary occult societies—to which I have already drawn your attention—have attempted to keep as far away from people as possible. And I have pointed out to you how certain societies that call themselves occult have survived from older institutions, particularly in Western Europe. Within these occult societies, the study of human character was indeed pursued precisely in order to be able to use human characters in the right way, to be able to grasp them in the right way, and various means were employed to keep this knowledge—which was cultivated, I might say, within their walls or within their gates—from the rest of humanity. It will one day be among the most fascinating developments when the connection between the endeavors of certain modern occult societies and public events is laid bare, when the threads leading from certain occult societies into modern events are revealed, and when their methods are exposed. For such occult societies knew how to manipulate human characters by, so to speak, taking the threads of their karma into their own hands and steering and guiding them without the people’s knowledge. In the Theosophical Society, attempts were often made, but these attempts mostly remained amateurish because they were not as skillful there as in other occult societies. Of course, it is difficult to speak about these things, especially today, when objective characterization is not only viewed with prejudice but is even prohibited by law. It is difficult to speak about these things—indeed, in a certain sense, it is entirely impossible. But these matters must nevertheless be alluded to in one way or another, because it is unacceptable for people to simply live within their era and go along with everything that, arising from the karma of the age, seeps into the unconscious of human souls—and then, even though they live within this general haze, to want to pursue spiritual science, which demands a clear, unprejudiced mind. In certain matters, truth must prevail, and one cannot merely, I would say, feign truth in an abstract way when it comes to matters of the real occult world. What is at stake here is that the will to truth is truly present. Now, this will to truth encounters so much resistance in the present day precisely because people have gradually lost their sense of truth. Just consider that in public life today, it is often not at all a matter of seeking the truth, but rather of saying whatever suits one person or another for the sake of certain group advantages.

[ 25 ] Man kommt überall heute auf Gebiete, über die es unmöglich ist zu sprechen, trotzdem es gerade so notwendig wäre, über diese Gebiete zu sprechen. Aber schon diese Tatsache bitte ich Sie recht sehr ins Auge zu fassen, denn auch darinnen muß man sich völlig klar sein, daß das so ist, Sie können die Frage aufwerfen: Was haben gerade diese Dinge mit der Karmafrage zu tun, die wir jetzt behandeln? — Sie haben in der Tat sehr viel damit zu tun, und wir werden auf einiges von diesen Dingen dann noch versuchen einzugehen, um endlich gipfeln zu können in den Zielen, die wir eigentlich verfolgen.

[ 25 ] Everywhere today, one comes across topics that are impossible to discuss, even though it is precisely these topics that need to be discussed most urgently. But I urge you to give this fact serious consideration, for even in this regard, one must be absolutely clear that this is the case; you may ask: What exactly do these things have to do with the question of karma that we are now addressing? — They actually have a great deal to do with it, and we will try to address some of these things later on so that we can finally reach the goals we are actually pursuing.