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Das Karma des Berufes des Menschen
in Anknüpfung an Goethes Leben
GA 172

19 November 1916, Dornach

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Es ist ja jetzt meine Aufgabe, in dieser Zeit gewissermaßen episodisch einiges auseinanderzusetzen, was sich unmittelbar auf das praktische Leben und auf das äußere menschliche Dasein im allgemeinen bezieht, um gerade dasjenige, was Geisteswissenschaft in unserer Zeit haben muß, die unmittelbare Beziehung zum Leben, ein wenig ins Licht zu setzen. Zu Partien, die mehr das innere menschliche Leben behandeln, werden wir ja hoffentlich auch noch kommen. Im Ganzen steht ja in dem Mittelpunkt unserer gegenwärtigen Betrachtungen das Ziel, eine Auffassung zu gewinnen aus den geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus über die Stellung des Menschen, jedes einzelnen Menschen im praktischen Leben, das heißt sogar im praktischen Berufsleben darinnen. Über das Karma des Berufes möchte ich alle diese Vorträge, die ich jetzt seit einiger Zeit gehalten habe, nennen. Dazu ist aber notwendig, eine breitere Basis zu gewinnen, und ich muß manches, was mit unseren Fragen in breiterem Sinne zusammenhängt, auseinandersetzen.

[ 2 ] Wir haben es uns klargemacht, daß das, was der Mensch für die Welt in irgendeinem Berufe erarbeitet, keineswegs etwas ist, das wie etwas Prosaisches nur abgetan werden dürfte, sondern etwas, was sogar mit des Menschen weitester kosmischer Zukunft, wie wir gesehen haben, in innigstem Zusammenhang steht. Der Mensch gliedert sich ein in gewisser Weise in die soziale Ordnung des Lebens. Er wird aus seinem Karma heraus zu irgendeinem Beruf getrieben — keiner soll dabei als prosaischer oder poetischer gelten, wenn wir über diese Frage sprechen —, und wir wissen: Was er da vollbringt innerhalb der sozialen Ordnung, das ist der erste Keim zu etwas, was nicht nur für unsere Erde Bedeutung hat, sondern sich weiter entwickeln wird, wenn die Erde durch den Jupiter-, durch den Venus-, durch den Vulkanzustand hindurchgeht. Dasjenige, was man nennen kann: Auffassung des Berufes, Erkennen der Bedeutung des unmittelbaren menschlichen Lebens, das kann uns durch solche Betrachtungen recht sehr aufgehen. Und es ist ja gerade die Aufgabe unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, nicht bloß wohltuend klingende Theorien zu vermitteln, sondern dasjenige an unsere Seelen herantreten zu lassen, was geeignet ist, uns richtig, aber auch richtig im Sinne des Geistes unserer Zeit, des Arche unserer Zeit, in das Leben hineinzustellen, jeden an dem Platze, auf den er gestellt ist. Daher tragen unsere Wahrheiten auch einen Charakter, der immer stark genug sein wird, damit durch unsere Wahrheiten das Leben, dasjenige, was uns entgegentritt im Leben, wirklich beurteilt werden könne. Wir wollen nicht schwärmen in allerlei uns wohltuenden Vorstellungen, sondern wir wollen Vorstellungen aufnehmen, die uns durch das Leben tragen.

[ 3 ] Wenn wir uns erinnern an etwas, was ich öfter schon betont habe, so werden wir sehen, wie auch unsere wissenschaftlichen Bestrebungen dahin gehen, wirklich Lebensbedeutsames unseren Seelen nahezubringen. Ich habe öfter auf eine sehr bedeutsame Lebenstatsache hingewiesen, eine Tatsache, die vielleicht, wenn diejenigen Menschen, die die Aufgabe haben, Gelehrsamkeit zu treiben, nicht allzu stumpf sich verhalten werden, in verhältnismäßig kürzester Zeit eine größere, bedeutsame wissenschaftliche Rolle spielen könnte. Nicht wahr, man betont heute vielfach dasjenige, was im Menschenleben zusammenhängt mit der Vererbung, und die Pädagogen, die heute von Berufsbestimmung sprechen, sie reden, weil sie natürlich zumeist papageienhaft nachschwätzen, was die naturwissenschaftliche Weltanschauung bildet, auch von den vererbten Eigenschaften, auf die der Pädagoge Rücksicht nehmen müsse, wenn er ein Urteil abgeben wolle über das oder jenes, was zu beantworten ist mit Bezug auf den künftigen Beruf eines in das Leben hereintretenden Menschen. Nun aber behandelt man diese Vererbung heute nur in der Art, daß man sagt: Kinder erben gewisse Eigenschaften von ihren Eltern, auch von weiteren Vorfahren — und man denkt heute dabei mehr oder weniger an die physische Vererbung, an die Vererbung, die ganz und gar in der physischen Linie aufgeht. Zur Anerkennung der wiederholten Erdenleben, zur Anerkennung des Herübertragens von menschlichen Eigenschaften aus früheren Inkarnationen können sich ja die Menschen der heutigen äußeren Wissenschaft noch nicht entschließen. Man redet von Vererbung. Man wird aber über diese Vererbungsfrage nur dann eine richtige Meinung gewinnen können, wenn man mit ihr im Zusammenhange das betrachtet, was wir schon wissen können, wenn wir auch nur verstehen den Inhalt des kleinen Büchleins: «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft». Da wissen wir, daß das menschliche Leben so verläuft, daß es seinen ersten Abschnitt hat bis ungefähr zum siebten Jahre, bis zum Zahnwechsel, einen zweiten Abschnitt hat bis zum vierzehnten Jahre, einen dritten Abschnitt bis zum einundzwanzigsten Jahre und so weiter fort, sagen wir noch bis zum achtundzwanzigsten Jahre und so weiter. Einiges Genauere wiederum wird man finden in einer kleinen Broschüre, die wiedergibt den Inhalt meines vor kurzer Zeit in Liestal gehaltenen Vortrages, wo ich wiederum von einem anderen Gesichtspunkte auf diese Wahrheiten der nach siebenjährigen Perioden geteilten menschlichen Entwickelung zwischen Geburt und Tod hinweisen wollte. Wir wissen, daß im wesentlichen zwischen der Geburt und dem Zahnwechsel der physische Leib in einer gewissen Weise sich innerlich ausbildet, daß sich der ätherische Leib bis zu der Reifezeit ausbildet und daß dann der astralische Leib seine Ausbildung erfährt.

[ 4 ] Lenken wir heute einmal unseren Blick auf diesen Zeitpunkt, der vom vierzehnten bis sechzehnten Jahre an läuft; er ist ja für Klima, für Nationalität und so weiter verschieden. In diesem Zeitpunkte wird der Mensch reif, wie wir wissen, Nachkommen das Leben zu geben. Man wird nun erkennen, daß gerade für eine naturwissenschaftliche Vererbungslehre die Betrachtung dieses Zeitpunktes von einer ungeheuren Wichtigkeit ist, denn bis zu diesem Zeitpunkte muß ja der Mensch alle diejenigen Eigenschaften entwickelt haben, welche ihn befähigen, von sich aus Eigenschaften auf seine Nachkommen zu übertragen; er kann nicht nachher erst diese Fähigkeiten entwickeln. Es ist also ein wichtiger Abschnitt im Leben gegeben, der Abschnitt, in dem im Menschen die Fähigkeit aufhört, Eigenschaften auf seine Nachkommen zu übertragen. Gewiß, in untergeordnetem Sinne können auch Eigenschaften, die später erworben werden, auf die Nachkommen übertragen werden, aber naturwissenschaftlich betrachtet ist doch der Mensch so eingerichtet, daß er mit dem vierzehnten bis sechzehnten Jahre vollständig reif ist, zu vererben. Man kann also nicht sagen, daß das Wesentliche, das in die Menschenentwickelung nach diesem Zeitpunkte hereintritt, Bedeutung habe gerade für die Vererbungsfrage. Es wird also die Naturwissenschaft sich bekanntmachen müssen mit den Gründen, warum von diesem Zeitpunkte an der Mensch aufhört, Vererbungsunterlagen in sich zu entwickeln. Für das Tier liegt die Sache ganz anders. Für das Tier liegt die Sache durchaus so, daß es durch sein ganzesLeben hindurch im wesentlichen nicht eigentlich weiterkommt als bis zu diesem Zeitpunkt. Das ist es, was ins Auge gefaßt werden muß.

[ 5 ] Nun will ich heute, ohne auf vieles, was in dieser Angelegenheit besprochen werden müßte, einzugehen, sogleich darauf hindeuten, was eigentlich geisteswissenschaftlich der Sache zugrunde liegt. Wir haben ja, wenn wir den Zeitpunkt der Geburt ins Auge fassen, vorausliegend den längeren Zeitraum, den der Mensch zubringt zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt in der geistigen Welt. Dadrinnen finden diejenigen Vorgänge statt, die ich öfter in einer gewissen Weise skizzenhaft beschrieben habe. Alles, was da stattfindet in dem Zeitraum zwischen Tod und neuer Geburt, wirkt natürlich auf den Menschen. Nun ist in dem, was da vorgeht zwischen dem Tod und der Geburt, vor allen Dingen viel darinnen mit Bezug auf alles das, was der Mensch ausarbeitet im Verhältnis zu seiner Leiblichkeit zwischen der Geburt und dem vierzehnten, sechzehnten Jahre. Gerade dasjenige, was der Mensch hier stark in der Unbewußtheit arbeitet, das arbeitet er zwischen dem Tod und der neuen Geburt von dem Gesichtspunkte einer höheren Bewußstheit aus. Also seien wir uns klar darüber: hier auf dieser Erde schaut der Mensch durch seine Augen, durch seine übrigen Sinne auf die mineralische, pflanzliche, tierische Welt und so weiter. Sein Augenmerk ist, wenn er zusammen ist in der geistigen Welt mit Angeloi, Archangeloi, Archai, Exusiai und mit denjenigen Menschen, die durch die Pforte.des Todes gegangen sind und die ihm in irgendeiner Weise nahestehen können, sein Augenmerk ist, wenn er herunterschaut, hauptsächlich gerichtet auf dasjenige, was mit dem Menschenleben zusammenhängt in diesem Zeitraum, Von da aus wird, was ich auch schon in exoterischen Vorträgen auseinandersetzte, auch alles das bestimmt, was der Vererbung zugrunde liegt. Wir wissen aus einer Betrachtung, die ich vorige Woche angestellt habe, daß als ein Rest der Vorgänge zwischen dem Tod und einer neuen Geburt gewissermaßen physiognomisch und in den Gesten, in der ganzen Vererbungsanlage auch auftritt dasjenige, was Ergebnis ist früheren Berufslebens, so daß man wirklich dem Menschen ansehen kann während dieser Zeit in der Art sogar, wie er geht, wie er die Hände bewegt, wie er sich sonst verhält, was das Ergebnis seines Berufslebens von der vorhergehenden Inkarnation ist.

[ 6 ] Aber dann beginnt die Zeit vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre, die in einer gewissen Weise in Opposition steht zu der vorhergehenden Zeit. In dieser Zeit können, wie Sie gehört haben, nicht in derselben Weise die Vererbungsimpulse nachwirken, denn das ist vorbei; der Zeitpunkt ist vorbei, wenn der Mensch die Vererbungsimpulse ausgebildet hat. Auf solche Fragen nimmt die äußere Naturwissenschaft noch keine Rücksicht. Aber sie wird, wenn sie nicht ganz von aller Realität verlassen sein will, darauf Rücksicht nehmen müssen. Dies ist aber auch der Zeitpunkt, in welchem der Mensch durch unbestimmt wirkende, unbewußt wirkende Impulse zu seinem neuen Berufe hingeführt wird, und in die weniger hereinwirken die Vorgänge, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegen, als vielmehr hereinwirken diejenigen Impulse, die aus der vorhergehenden Inkarnation wirken. Ganz besonders wirksam sind die Impulse der vorhergehenden Inkarnation in diesem Zeitraume. Der Mensch glaubt, und die anderen glauben auch, indem sich die Verhältnisse so entwickeln, daß der Mensch in diesen oder jenen Beruf hineingetrieben werde, es wirkten nur diese äußeren Verhältnisse. Aber diese äußeren Verhältnisse sind in Wirklichkeit in einem unterbewußten Zusammenhange mit dem, was in unserer Menschenseele lebt, und zwar jetzt gerade unmittelbar aus dem Verhältnisse der vorhergehenden Inkarnation. Merken Sie den Unterschied: In der vorhergehenden Periode vom siebten bis zum vierzehnten Jahre geht die frühere Inkarnation, indem sie befruchtet wird von dem, was zwischen Tod und neuer Geburt vorgeht, in unsere Leibesorganisation hinein und macht uns zum Abbild des vorigen Berufes; in dem folgenden Zeitraum wirken die Impulse nicht mehr in uns hinein, drängen uns nicht mehr Gesten auf, sondern führen uns die Wege zu dem neuen Berufe hin.

[ 7 ] Sie sehen daraus, welch unendlich fruchtbarer Gedanke sich für die Pädagogik, für das ganze Erziehungswesen der Zukunft aus diesen Betrachtungen ergeben muß, wenn sich die äußere Weltkultur einmal dazu wird entschließen können, mit den wiederholten Erdenleben zu rechnen und nicht mehr in phantastischer Weise Theorien aufzustellen, die eben phantastisch sein müssen aus dem Grunde, weil sie nicht mit der Wirklichkeit rechnen, sondern nur mit dem rechnen, was nicht Wirklichkeit ist, nur ein Teilstück der Wirklichkeit, nämlich mit dem unmittelbaren jetzigen Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Hier haben wir wiederum zugleich einen Ausblick zu gewinnen, von welch unermeßlicher Wichtigkeit es sein wird, daß gerade in diejenigen Kreise Geisteswissenschaft hineinkomme, die es zu tun haben mit der Heranbildung, mit der Entwickelung des Menschen, die es aber auch zu tun haben damit, das Leben in der äußeren sozialen Ordnung zu beeinflussen. Natürlich schauen wir da auf weite Perspektiven hin, aber auf Perspektiven, die durchaus mit der Realität zusammenhängen, denn in der Weltenentwickelung herrscht nicht Chaos, sondern herrscht wirklich Ordnung, oder auch Unordnung, aber es herrscht eben dasjenige, was nur aus dem geistigen Leben heraus zu erklären ist. Und so kann derjenige, der da weiß, welches die Gesetze sind, die mit den wiederholten Erdenleben zusammenhängen, in ganz anderer Weise ratend und tatend, wie man sagt, sich dem Leben gegenüberstellen, Dinge aussprechen oder auch Dinge in Szene setzen, welche mit dem Verlauf des Lebens zusammenhängen müssen.

[ 8 ] Denken Sie nun, daß doch in einer gewissen Weise alles in der Welt zyklisch abläuft. Wir kennen ja die großen Zyklen der nachatlantischen Zeit: den urindischen, den urpersischen, chaldäisch-ägyptischen, griechisch-lateinischen, unseren Zyklus, den, der darauf folgen wird. Die Menschenseelen werden in all diesen Zyklen wiedergeboren, mehrmals, oder auch manche einmal wiedergeboren. Aber nicht nur in diesem großen überschaulichen Sinne verläuft das Leben auf unserer Erde zyklisch, sondern es verläuft zyklisch so, daß sich gewisse Verhältnisse bestimmen lassen, wenn man frühere Verhältnisse in der richtigen Weise zu beurteilen vermag. Kann zum Beispiel jemand in einer richtigen Weise beurteilen, was geistig wirksam war in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung, sagen wir, vom 3. Jahrhunderte bis ins 7. Jahrhundert hinein, so daß er die geistigen Impulse kennt, so kann er wiederum beurteilen, welche sozialen Bedürfnisse in unserer Zeit wirksam sein können. Zyklische Entwickelungen finden statt.Und es handelt sich darum, daß man einen Menschen unglücklich macht, der vielleicht gerade dazu bestimmt ist, in einer gewissen Weise in die zyklische Entwickelung sich hineinzustellen und dem man den Rat gibt, er solle sich in einer anderen Weise verhalten im Leben. Da aber gerade in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum die Menschen sich immer bewußter und bewußter ins Leben hineinstellen müssen, so muß auch immer mehr und mehr ein Wissen von den entsprechenden Gesetzen auftreten. Es muß möglich sein, daß der Mensch sich im Zusammenhang betrachten lernt mit dem, was in seiner Umgebung spielt und tätig ist. Das kommt ja nicht etwa bloß darauf hinaus, daß man lernt, die Kinder zu dem richtigen Beruf zu bestimmen, sondern auch, daß man selber — wir wissen ja, daß Gedanken Wirklichkeiten sind — die richtigen Gedanken entwickeln kann über sein eigenes Verhältnis zur Welt, gleichgültig, an welchen Platz im Leben man gestellt ist. Es wird in der Zukunft immer weniger gleichgültig werden, was der Mensch denkt über seinen Zusammenhang mit dem, was in der Welt um ihn herum nach der Entwickelung des Zeitgeistes, des Arche, vorgeht. Darüber wird die menschliche Seele immer mehr und mehr Bewußtheit ergreifen müssen.

[ 9 ] Nun erinnern Sie sich, wie ich versucht habe zu charakterisieren, welche Strömungen heraufgezogen sind mit dem fünften nachatlantischen Zeitraum. Ich habe Ihnen gezeigt, wie über die westlichen Gegenden mehr die Strömung heraufgezogen ist, die den Menschen — wir haben es mit einem zusammenfassenden, ich möchte sagen, approximativen Ausdruck bezeichnet — zum Bourgeois macht, wie das Bourgeoistum im westlichen Europa und auch in Amerika zum Ausdruck gekommen ist. Wir haben kontrastiert mit diesem Ideal des Bourgeoistums das östliche Ziel, das vorläufig noch ein Ziel ist, weil es sich weniger deutlich zum Ausdruck bringt — die westliche Kultur ist verhältnismäßig weiter fortgeschritten, die östliche mehr zurück —, das Ideal des Pilgers. Diese beiden Ideale, der Bourgeois und der Pilger, sie stehen einander gegenüber, und ohne daß man versteht, was das für eine Bedeutung hat für das Leben, kann man unmöglich sich hineinfinden in ein Verständnis des Lebens, das uns immer mehr aufglimmt. Unverständig dem Leben gegenüberstehen konnten die Menschen der früheren Jahrhunderte und Jahrtausende, weil sie geleitet wurden von den göttlich-geistigen Mächten. Verständig müssen sie ihm gegenüberstehen, je mehr wir uns der jetzt beginnenden Zukunft entgegen entwickeln.

[ 10 ] Sehen Sie, solche Dinge, wie ich sie Ihnen da auseinandergesetzt habe als die zwei Strömungen, wovon die eine auf der Vererbung, die andere auf der Erlösung fußt, solche Verhältnisse muß man gründlich betrachten, wenn man überhaupt ein Urteil haben will über das Leben der Gegenwart, denn sie drängen sich auf. Das ist nicht bloß meine Behauptung, daß sich diese Dinge aufdrängen, sondern das ist etwas, was aus der Realität der Gegenwart heraus gesagt werden darf und was Menschen, welche nicht stumpf und schläfrig, sondern mit vollem Anteil dem Leben gegenüberstehen, auch wirklich schon seit langer Zeit fühlen und bis zu einem gewissen Grade auch wissen. Ich habe Sie ja schon darauf hingewiesen, worinnen das Eigentümliche unserer Zeit besteht. Es gibt viele Menschen in unserer Zeit, die haben durchaus ein Empfinden für die Dinge, die heraufziehen im Leben, aber sie haben nicht die Möglichkeit — erinnern Sie sich, was ich ausgeführt habe in bezug auf Jaures —, sich aufzuschwingen bis zu einem Verständnis der wiederholten Erdenleben und des Karmas, weder des einzelnen individuellen Karmas noch des Weltenkarmas, und können daher nicht das durchschauen, was sie wohl wahrnehmen. Aber an zahlreichen Stellen der neueren Entwickelung finden wir Menschen, die ein offenes Auge hatten für die Dinge, die da geschehen, trotzdem sie sich dann niemals dazu entwickeln konnten, die Sache vom Standpunkt der wiederholten Erdenleben zu erklären, trotzdem sie selber sogar, weil sie das nicht taten, die wiederholten Erdenleben anzunehmen, viel dazu beitrugen, die Dinge herbeizuführen, die sie scharf kritisierten. Das ist gerade das Eigentümliche der heutigen Menschen, und sogar der Klarsehendsten; sie kritisieren das, was heute da ist, aber sie arbeiten selbst an dem Zustandekommen dessen, was sie dann abkritisieren, was sie in der richtigen Weise beurteilen. So spielen unbewußte Impulse in das menschliche Leben herein.

[ 11 ] Nehmen wir zum Beispiel einen Menschen, der wirklich vieles außerordentlich klar gesehen hat, sich das Leben ringsherum, seine Umgebung namentlich, klar ansah. Ein solcher Mensch war John Stuart Mill, der 1806 geboren ist, 1873 gestorben ist, der ein berühmter englischer Philosoph ist, der von vielen Menschen der neueren Zeit geradezu angesehen wird als der Erneuerer der Logik, als der Fortentwickeler der Logik, der aber auch soziale Einsichten in weitestem Umfange entwickelte. Er richtete den Blick auf die soziale Entwickelung namentlich derjenigen Welt, die er kannte, die in seiner Umgebung war. Und er wollte sich die Frage beantworten, die für ihn einen tragischen Charakter annahm: Wohin steuert diese Gegenwart, wohin steuert das, was sich als ein sozialer Charakter dem Leben des 19. Jahrhunderts zunächst aufgedrängt hat? — Und er sagte: Dasjenige, was sich ausgebildet hat als Menschentypus im 19. Jahrhundert, das ist der Bourgeois. Worinnen unterscheidet sich, meint John Stuart Mill, der Bourgeois von früheren Sorten von Menschentypen, die sich herausgebildet haben im Lauf der Zeit? — Er frägt sich dieses, und er antwortet darauf: Dadurch unterscheidet sich der Bourgeois, daß in früheren Zeiten der individuelle Mensch mehr Geltung hatte. Durch den früheren Menschen sprach ich will es jetzt mehr in unsere Vorstellungen kleiden, aber John Stuart Mill sprach im Grunde in seinen Vorstellungen dasselbe aus —, durch den früheren Menschen sprach mehr Individualität, mehr ein gewisses Sich-Hinaufarbeiten der Seele über die unmittelbare äußere physische Wirklichkeit. Der Bourgeois-Typus arbeitet auf das Nivellement, auf das Gleichwerden aller Menschen in der sozialen Ordnung. Was aber, frägt John Stuart Mill, kommt heraus bei dem Gleichwerden? Nicht das Gleichwerden in der Größe der Menschenseele, sondern das Gleichwerden, meint John Stuart Mill, in den Nichtigkeiten der Menschenseele. — Und so zeichnet John Stuart Mill eine Menschenzukunft für diesen fünften nachatlantischen Zeitraum, von der er sagt: Die Menschen in ihrem Zusammenleben werden immer mehr und mehr werden — so etwa drückt er sich aus — der Preßkaviar bürgerlicher Nichtigkeiten. — Das empfand er wie eine tragische Erkenntnis.

[ 12 ] Aber je nachdem die Menschen aus der westlichen oder aus der östlichen Kultur herausgeboren sind, empfinden sie solche Dinge in verschiedener Weise. Genau bekannt machte sich mit diesen Aufstellungen, mit diesen Erkenntnissen John Stuart Mills der russische Denker Herzen. In seiner Seele wirkte das ganz anders noch. Der westliche Denker beschreibt mehr, man möchte sagen, mit einer Art Nonchalance diese Perspektive des Bourgeois-Seins; der östliche Denker, Herzen, leidet furchtbar daran, daß Europa den Weg macht, wie dazumal diese zwei Leute, John Stuart Mill und Herzen behaupteten, ins Chinesentum hinein. Denn Mill und Herzen — Sie können das entnehmen aus der 1864 erschienenen Schrift von Herzen —, der eine mit östlicher, der andere mit westlicher Färbung, sie betrachten das, was im Chinesentum bis jetzt entstanden ist, als für eine gewisse Altersstufe schon Erreichtes gegenüber den, worauf Europa hinsteuert: zu einem neuen Chinesentum, Chinesentum einer späten Stufe, in der die Menschen der Preßkaviar bürgerlicher Nichtigkeiten werden. Einengung des Verstandes werde kommen, sagt John Stuart Mill, Einengung des Verstandes und der Lebensenergie. Abgeschliffenheit der Persönlichkeit, alles dasjenige, was zum Nivellement führen muß. Beständige, wie er sich ausdrückt, Verflachung des Lebens, beständiges Ausschließen allgemeiner menschlicher Interessen aus dem Leben, so sagt John Stuart Mill, und so bestätigt es, nur aus einem tragisch empfindenden Gemüte heraus, Herzen: Reduzieren auf die Interessen des kaufmännischen Kontors und des bürgerlichen Wohlstandes. — So in den sechziger Jahren schon John Stuart Mill und Herzen! Und John Stuart Mill, der zunächst über sein Land spricht, sagte: England ist auf dem Wege, ein modernes China zu werden. — Und Herzen sagte: Nicht nur England, sondern ganz Europa ist auf dem Wege, ein modernes China zu werden. — Aus dem Buche von 1864 von Herzen kann man entnehmen, daß Herzen und Mill dazumal so ziemlich übereinstimmten in dem, was Herzen ausspricht: Wenn in Europa nicht ein unerwarteter Aufschwung eintritt, der zur Wiedergeburt der menschlichen Persönlichkeit führt und ihr Kraft gibt, die Bourgeoisie zu überwinden, so wird, trotz seiner edlen Vorfahren und seines Christentums, Europa zu China werden. Diese Worte sind 1864 gesprochen!

[ 13 ] Aber Herzen hatte keine Möglichkeit, mit dem Karma und den wiederholten Erdenleben zu rechnen. Und so konnte er eine solche Erkenntnis nur in tiefster Lebenstragik aufnehmen. Und er sprach es aus: Wir sind nicht die Ärzte unserer Zeit, wir sind die Schmerzen unserer Zeit, denn heran naht — vielleicht läßt es sich mit dem englischen Terminus, den dazumal Herzen und Mill gebrauchten, noch besser bezeichnen als mit einem deutschen —, herauf kommt «conglomerated mediocrity». Und Herzen spricht es aus, aus einem tragischen Gefühl heraus: es werde eine Zeit kommen in Europa, wo es der Realismus der modernen naturwissenschaftlichen Anschauung soweit gebracht haben wird, daß man an nichts mehr eigentlich im Ernste glauben wird, was einer anderen Welt, einer übersinnlichen Welt angehört, wo man davon sprechen wird, daß das Ziel, das man zu verfolgen hat, die äußeren physischen Realitäten nur sind, und wo man Menschen hinopfern wird um der physischen Realitäten willen, ohne daß man die Perspektive eröffnet, daß die hingeopferten Menschen etwas anderes bedeuteten als die Brücke für diejenigen, die nachfolgen. Der einzelne wird geopfert dem künftigen allgemeinen Polypenstock. — Das sind die Worte, die dazumal fielen. Europa, meint Herzen, hat nur eine Schwierigkeit, recht schnell zu China zu werden; das ist: Das Christentum läßt sich nicht so ganz ohne weiteres überwinden. — Aber er sieht doch keine Aussicht, denn er findet auch das Christentum verflacht, verflacht zur Revolution, und die Revolution, wie er sagt, verflacht zum bürgerlichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts, zur «conglomerated mediocrity». Und im Hinblicke auf dasjenige, was John Stuart Mill ausgesprochen hat, sagt Herzen, indem er gedenkt des Unterganges des alten Roms: Ich sehe den unvermeidlichen Zusammenbruch des alten Europa; an der Pforte der alten Welt — Europas meint er — steht kein Catilina, steht der Tod.

[ 14 ] Nicht ohne eine gewisse Berechtigung, aber auch als einer, der zwar manches sieht, was in der Gegenwart um ihn herum ist, jedoch sich durchaus nicht entschließen kann, die tragenden Vorstellungen und Ideen der Geisteswissenschaft aufzunehmen, mit einer gewissen Berechtigung, sagte ich, bemerkt der gegenwärtige russische Schriftsteller Mereschkowskij, der gerade viel gelernt hat von Mill und Herzen, für unsere Zeit sei an die Stelle des Zepters der früheren Zeiten die Elle getreten, an Stelle der Bibel das Kontobuch, an Stelle des Altars der Ladentisch. — Der Fehler ist gerade der, daß man diese Dinge bloß kritisiert; denn daß Elle, Kontobuch und Ladentisch in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum die Rolle spielen, die sie eben spielen: wir wissen es, daß es so sein muß, daß es einem unbedingten Weltenkarma entspricht. Und nicht darum handelt es sich, diese Dinge abzuurteilen, sondern darum, in diese Welt der Elle, des Kontobuches, des Ladentisches hineinzugießen denjenigen Geist, der allein diesen Dingen gewachsen ist, und das ist der Geist der Geisteswissenschaft.

[ 15 ] Die Dinge sind ernst, und ich wollte Sie darauf aufmerksam machen, wie ich es ja immer versuche bei solchen Gelegenheiten, daß ich nicht schildere das, was ich gerade zu sagen habe, sondern daß, was ich ausspreche, im Einklange ausgesprochen ist mit denjenigen Menschen, die offen und unschläfrig das Leben angeschaut haben. Ansichten, Meinungen können viele Leute haben, aber es handelt sich darum, wie man mit diesen Meinungen in seiner Zeit drinnensteht, ob sie Wurzeln haben in dem Boden der Zeit, und ob man die Dinge wirklich belegen kann. Es ist die Tatsache wichtig, daß die Zeit einen gewissen Charakter annimmt, den die Menschen sehen, die sehen wollen, und daß es sich nicht darum handelt, daß man in beliebiger Weise der Zeit einen Charakter geben kann, sondern daß man zu sehen hat, wie die geistige Entwickelung der Menschheit fortschreitet von Zyklus zu Zyklus.

[ 16 ] Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie es okkulte Gesellschaften gibt, die nach althergebrachten Traditionen aus der alten atavistischen Geheimlehre her von diesen Dingen Kenntnis haben. Nun haben, wie Sie ja aus früheren Betrachtungen wissen, diese Gesellschaften namentlich im Westen — aber östliche Menschen sind deren Anhänger geworden — einen trüben Charakter angenommen. Das hindert aber nicht, daß sie gewisse Geheimnisse des Daseins bewahren. Aber sie bewahren sie so, wie sie heute nicht bewahrt werden dürfen. Gerade derjenige, der hinhorcht auf die geistige Verkündigung unserer Zeit und dasjenige Stück Geisteswissenschaft mitteilt, das nach dem Sinne unseres Zeitgeistes der Offentlichkeit, der breiten Öffentlichkeit heute mitgeteilt werden kann, der stößt ganz besonders auf Widerstand, der ja manchmal aus trüben Quellen heraus kommt. Allein dieser Widerstand wird ja überall geleitet und gelenkt von geistigen Mächten. Das muß man dennoch auch durchaus in Erwägung ziehen. Und so ist es denn durchaus begreiflich, daß gerade gegen diejenige Geisteswissenschaft, die innerhalb unserer Bewegung leben soll, jetzt, wo solche Dinge leicht zu handhaben sind, sich die Widerstände dadurch erheben, daß man immer mehr darauf hinweist, wie in unserer Zeit es nicht sein dürfe, daß solch eine Wissenschaft für weitere Kreise geschaffen werde, und man ruft allerlei Mächte auf, welche heute Beifall haben, um diese Geisteswissenschaft unwirksam zu machen. Universitätsprofessoren ziehen von einem Lande ins andere, um zu erklären, daß sie insbesondere gegen meine Geisteswissenschaft auftreten müssen aus dem Grunde, weil die heutige Zeit, wie sie sagen, auf die Wirklichkeit — und sie meinen diejenige Wirklichkeit, die sie allein sehen — schauen müsse und nicht auf solche Dinge, die die Menschen von der Wirklichkeit abbringen. Und es ist manchmal viel Methode in solchen Angriffen. Denn derjenige, der nicht blind ist, sieht, wie sich nach politischen Konstellationen die Leute gerade die rechten Orte aussuchen, wo sie glauben, in der besten Weise wirken zu können mit ihrem Ansehen — als Universitätsprofessoren zum Beispiel —, wo sie glauben, einen am besten aus dem Sattel heben zu können. Wenn sie die richtigen Orte wählen und die richtigen Worte gebrauchen — nicht, die richtig an sich sind, sondern die den heutigen Leidenschaften entsprechen —, dann glauben sie am weitesten zu kommen.

[ 17 ] Diese Dinge stehen heute aber alle in einem größeren Zusammenhange. Und dasjenige, was von einer gewissen Seite am meisten, man könnte sagen, gefürchtet, man könnte aber ebensogut sagen perhorresziert wird, das ist, daß eine Anzahl von Leuten in der Gegenwart etwas über die Charakteristik des Lebens in der Gegenwart erfahren sollen. Denn man hat, und gerade von den Seiten her, bei denen jene charakterisierten okkulten Verbrüderungen sind, das tiefste Interesse daran, die Menschen im unklaren zu erhalten über dasjenige, was mit den wirklichen Gesetzen des Lebens zusammenhängt, denn unter solchen Menschen kann man selbst am besten wirken. Man kann nicht mehr wirken, wenn die Menschen anfangen zu wissen, wie sie eigentlich in der Gegenwart drinnenstehen. Das ist gefährlich für diejenigen, die im Trüben fischen wollen, die ihre Esoterik für sich behalten wollen, aber sie anwenden wollen, um die Menschen so zu gestalten in ihren sozialen Zusammenhängen, wie sie sie haben wollen. Und es gibt heute Mitglieder von okkulten Brüderschaften, die innerhalb ihrer okkulten Brüderschaften voll überzeugt sind davon, daß überall in unserer Umgebung geistige Mächte walten, daß ein Band besteht zwischen Lebendigen und Toten. Die reden innerhalb ihrer okkulten Brüderschaften nichts anderes als das, was Gesetze der geistigen Welt sind, von denen wir einen Teil, der jetzt veröffentlicht werden soll, in unserer Geisteswissenschaft haben; sie reden davon, indem sie ihn übernommen haben von der alten atavistischen Tradition her. Dann schreiben sie in Zeitungen, und da treten sie gegen dieselbe Sache auf und brandmarken sie als mittelalterlichen Aberglauben. Es sind oftmals durchaus dieselben Menschen, die in ihren Geheimbünden Geisteswissenschaft als übernommene Lehre pflegen und die in den öffentlichen Journalen dagegen auftreten, sie als einen mittelalterlichen Aberglauben, eine überkommene Mystik und dergleichen bezeichnen. Denn sie sehen es als das Richtige an, wenn sie das Wissen für sich behalten, und wenn die anderen dumm bleiben und nicht wissen, nach welchen Grundsätzen sie gelenkt werden. Natürlich gibt es auch allerlei merkwürdige Mitglieder okkulter Verbrüderungen, die genau so viel sehen mit Bezug auf die Welt, als vorhanden ist bis zu der Grenze ihrer Nase, und die dann auch reden von der Unmöglichkeit, den Mysteriengehalt den Menschen heute in der Öffentlichkeit mitzuteilen.

[ 18 ] Nun gibt es ganz verschiedene Mittel, die Menschen gewissermaßen im Nebel zu erhalten; denn geradeso — ich habe das im Liestaler Vortrag und auch sonst in öffentlichen Vorträgen angedeutet — wie wahre Geisteswissenschaft uns gewisse Ideen und Begriffe überliefern wird, durch welche wir wie durch einen Schlüssel den Eingang in die geistige Welt finden, geradeso kann man gewisse Begriffe finden, durch die man den Teil der Bevölkerung, der nun nicht zu jener Verflachung des Verstandes durch naturwissenschaftliche Weltanschauung kommen kann, von welchem Mill und Herzen sprechen, einzuseifen vermag. Man kann ja die Begriffe in einer ganz bestimmten Weise formen. Und würde mancher wissen, wie heute öffentlich Begriffe geformt werden, um die Menschenseelen in der richtigen Weise zuzubereiten, so würde er schon allmählich auch den Drang verspüren, zu wahrer Geisteswissenschaft heranzukommen, die von diesen Dingen in ehrlicher und redlicher Weise spricht. Ich will heute nicht zu allerlei hohen Begriffen kommen, die als Ideale den Menschen verkündet werden, und die nicht den Zweck haben, das in den Menschen zu erreichen, was in diesen Idealen steckt, sondern einen ganz anderen Zweck haben, sondern ich will an einem einfachen Beispiel klarmachen, wie man, ich möchte sagen, nun Menschen, die das Bedürfnis haben, gewisse mystische Sehnsuchten zu befriedigen, leicht einseifen kann.

[ 19 ] Ich will ein allerdümmistes Beispiel wählen. Sehen Sie, es könnte zum Beispiel jemand sagen: Die Zahlen haben schon die alten Pythagoräer als dasjenige angesehen, worin die Gesetzmäßigkeit der Welt enthalten ist. In den Zahlenverhältnissen steckt sehr viel. Nehmen wir zum Beispiel zwei Zahlenverhältnisse. Nehmen wir NikolausII. von Rußland.

Er ist geboren im Jahre 1868
er hat die Regierung angetreten 1894
seine Regierungszeit ist 22 Jahre
sein Alter 48 Jahre
Addieren wir diese Zahlen: 3832
Nehmen wir die Hälfte, so haben wir 1916

[ 20 ] 1916, das bedeutsamste Kriegsjahr. Aber das wird durch einen recht geheimen, zahlenmäßigen Zusammenhang konstatiert. Denn nehmen wir Georg V. von England.

Er ist geboren im Jahre 1865
er regiert seit 1910
er regiert 6 Jahre
sein Alter ist 51 Jahre 3832
Die Hälfte: 1916

[ 21 ] Das Schicksal der beiden Leute fällt innig zusammen. Sie sehen hier, wie die pythagoräischen Zahlengesetze in der Welt eine Rolle spielen! Aber wir wollen zum Überflusse noch Poincare nehmen.

Er ist geboren 1860
er regiert seit 1913
das sind 3 Jahre
er ist 56 Jahre alt: 3832
Die Hälfte: 1916

[ 22 ] Sie sehen, wie innerhalb der drei Verbündeten die Zahlen übereinstimmen!

[ 23 ] Es ist eines der dümmsten Beispiele selbstverständlich, denn wenn ich jetzt heruntergehen würde und eine der Damen — ich tue es nicht fragen würde, wann sie geboren ist, seit wann sie Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft ist, wie alt sie ist — wie gesagt, ich werde es nicht tun —, wieviel Jahre sie in der Anthroposophischen Gesellschaft ist, und ich würde dieseZahlen addieren und würde die Hälfte nehmen, so würde ich nämlich dieselbe Zahl bekommen, genau dieselbe Zahl. Ein ideales Beispiel! Damit es ein Wirklichkeitsbeispiel ist, nehmen wir also an einmal, irgendeine Dame oder ein Herr — es kann auch ein Herr sein:

X.Y. sei geboren 1870
sei eingetreten in die Anthroposophische Gesellschaft 1912
dann wäre er also darinnen 4 Jahre
und 46 Jahre alt 3832
die Hälfte davon ist 1916

[ 24 ] Es ist ein sehr dummes Beispiel, aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, zahlreiche Dinge, die sich beschäftigen damit, allerlei Zahlengeheimnisse aufzusuchen, beruhen auf nichts anderem; nur sind sie etwas verstecktere Aufgaben als diese Dinge. Und ebensogut kann man aus anderen Gebieten hergenommene Begriffe zusammenfassen in der richtigen Weise und den Menschen das in die Augen streuen, indem man nur eben die richtigen Wege wählt und die Leute nicht aufmerksam werden läßt auf dasjenige, was dahintersteht; denn auch auf das angeführte Beispiel sind viele Menschen hereingefallen. Es ist tief bedeursam, daß also das Schicksal 1916 wählt; hätten wir es für 1914 gerechnet, so wäre es auch so gewesen, dann wäre es mit dem Kriegsausbruch zusammengefallen für diese drei Verbündeten! Wie man diese Zahlen für diese drei Verbündeten zusammenstellt, so kann man schließlich jede Zahl zusammenstellen. Manche Dinge, die gezimmert werden nur aus anderen Begriffsunterlagen heraus, sind durchaus nicht bedeutsamer und gescheiter; nur merkt man es dann, wenn die Sache etwas verborgener ist, weniger, und man kann, wenn man dazu noch den Ausdruck «welttief», «abgrundartig tief» und namentlich allerlei Zahlenzusammenhänge produziert, furchtbar viel Anhänger gewinnen und kann zugleich den Anschein erwecken, als ob man aus ganz besonderen Tiefen der menschlichen Erkenntnis heraus sprechen würde. Aber es ist etwas, und noch manches andere dazu, in den Methoden darinnen, welche gewisse Leute wählen, um den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Da oder dort werden diese oder jene Begriffe verkündet, indem dies oder jenes dazu gesagt wird. Der Ursprung liegt in irgendeinem okkulten Zusammenhange, der etwas erreichen will, der dies oder jenes will. Man muß dann nur die Wege kennen, die eingeschlagen werden. Daß in der Zukunft solches unmöglich werde, dazu muß eine Anzahl von Leuten wirklich nicht den eingeengten Verstand und die eingeengte Lebensenergie haben, auf die Mill hinweist, sondern den tragenden Verstand und die tragende Lebensenergie, welche von Geisteswissenschaft kommt und die befruchtend wirken soll auf den menschlichen Verstand, auf die menschliche Lebensenergie, so daß man dem Leben so gegenübertritt, daß es einen nicht einseifen kann.

[ 25 ] Mit diesen Dingen hängt es nun auch zusammen, daß eine gewisse Furcht vorhanden war, aber auch ein Perhorreszieren, als herüberJeuchtete — es hat lange herübergeleuchtet, bevor es zum Austrage gekommen ist — aus dem europäischen Osten nach dem Westen die merkwürdige Tatsache, daß eine solche Individualität wie Blavatsky, man möchte sagen, wie aus heiterem Himmel auftrat. Ich habe schon öfter hingewiesen darauf, daß ja das immerhin etwas Bedeutsames war für den Verlauf des 19. Jahrhunderts. Und gerade damals ist sie aufgetreten, wo der Streit am ärgsten gewütet hat zwischen den sogenannten Esoterikern und den sogenannten fortschrittlichen Okkultisten. Esoteriker nannten sich nämlich die Reaktionäre in diesem Zusammenhange. Diejenigen nannten sich Esoteriker — für das haben sie das Wort gebraucht —, die nun alles vorenthalten wollten, für sich behalten wollten von den okkulten Geheimnissen. Da hinein fiel sozusagen dieses Leben der Blavatsky. Und die Gefahr war vorhanden durch die besondere Konstruktion dieses Lebens, daß durch sie, in der ja umfassende Kräfte aus dem Unterbewußten heraus arbeiteten, geistige Geheimnisse aufgedeckt werden könnten, daß die Leute in einer richtigen Weise etwas erfahren könnten. Die Gefahr war vorhanden. Unter dieser Gefahr lebten die Leute von den vierziger Jahren ab, gewissermaßen seit Blavatsky geboren war, ein Kind war. Seit jener Zeit war auch immer das Bestreben, die Sache so zu arrangieren, daß Blavatsky in den Dienst der westlichen okkulten Verbrüderungen gestellt worden wäre, so daß durch sie nur dasjenige hätte zum Vorschein kommen können, was die westlichen okkulten Verbrüderungen für das ihnen Angemessene hielten.

[ 26 ] Aber es hat ja die ganze Sache eine merkwürdige Wendung genommen. Ich habe Ihnen erzählt, wie zunächst versucht worden ist, Blavatsky zu kapern von dem «Grand Orient» und wie sie dann, weil sie Bedingungen gestellt hat, die nicht erfüllt werden konnten, die Sache also mißglückt war, wiederum in einer amerikanischen westlichen Brüderschaft Unheil stiftete, weil bei ihr immer das Temperament durchging gegenüber dem, was die anderen mit ihr wollten; wie sie dann ausgestoßen worden ist und man nicht mehr anders sich helfen konnte als dadurch, daß man eine Art okkulter Gefangenschaft über sie verhängt und sie dann in die indische okkulte Verbrüderung hineingebracht hat, deren Pflege des Okkultismus man für die sogenannten westlichen Brüderschaften für unschädlich, weil in ihrer Linie laufend, hielt. Man dachte: Nun ja, wenn da aus indischen Quellen heraus allerlei an den Tag kommt, so ist das keineswegs geeignet, unsere Kreise besonders zu stören. — Die meisten der Okkultisten, welche mit ernsthaftem Okkultismus arbeiteten, die sagten dort: Nun, was wird denn viel herauskommen, nachdem wir die Blavatsky mit all den Bildern umgeben haben, die sie abschließen von einer wirklichen Erkenntnis der geistigen Welt! Da wird sie ja doch nur Dinge aufnehmen, welche allerlei beim Tee versammelte männliche oder weibliche Tanten vereinigt — ich zitiere! —, und das wird unsere Kreise nicht besonders stören.

[ 27 ] Unbehaglich wurde die Sache eben erst, als unsere Strömung auftrat, welche die Dinge ernst nahm und welche den Zugang eröffnete zu den Quellen einer wirklichen geistigen Welt. Aber Sie sehen auch, daß die Grundlagen der Konflikte, die sich da ergaben, recht tief lagen. Denn in der Tat, es war etwas von den Impulsen, die gerade von der östlichen Welt kommen müssen, in der Blavatsky, und es war auch eine gewisse Notwendigkeit vorhanden, daß eine Art Synthese mit der westlichen Welt eintrat. Aber es handelte sich ja darum, daß man in der neueren Zeit immer mehr dahin gekommen war, gewisse Zwecke und Ziele anzustreben, die, wie ich schon einmal andeutete, nicht die Ziele der Wahrheit allein sind, sondern auf dem Wege, wie ich es Ihnen heute wiederum charakterisiert habe, wahrhaftig zuweilen ganz andere Ziele anstrebte. Und denken Sie, wenn man nun weiß, wie die Menschenzyklen verlaufen, was für einen Charakter die Welt jetzt ihrem Arche entsprechend haben muß, nachdem in früheren Zeiten an der richtigen Stelle der Entwickelung dies oder jenes da war, so kann man ja schon in einer gewissen Weise entsprechend wirken. Wenn man auf der einen Seite traditionelle okkulte Wissenschaft hat und auf der anderen Seite in den öffentlichen Blättern und in dem öffentlichen Leben entgegentritt dieser okkulten Wissenschaft als einem mittelalterlichen Aberglauben, kann man schon im Trüben wirken und wichtige Dinge erreichen, die man gerade anstrebt zu erreichen, denn die Dinge in der Welt stehen im Zusammenhange. Nur müssen nicht die Menschen immer wissen, welches der Zusammenhang ist, sondern es kann sich für viele Menschen der Zusammenhang im Unterbewußten abspielen. Aber darauf kommt viel an, daß man in der Art, wie ich es gestern angedeutet habe, den Blick gewissermaßen hinzurichten versteht auf die richtigen Stellen. Da erscheint manchmal recht Unbedeutendes, aber dieses Unbedeutende im richtigen Zusammenhange gesehen, das erklärt manchmal viel mehr, als dasjenige erklärt, was man für das Bedeutende hält. Denn es ist wirklich so auch in vielen anderen Dingen in der Welt, wie Hamlet vom Guten und Bösen sagt: Nichts ist an sich gut und böse, sondern der Mensch macht es in seinen Gedanken dazu. — Es ist so auch mit vielem anderen. Bedeutend ist das eine oder andere nicht durch das, als was es unmittelbar für die äußere Maja, für die große Täuschung erscheint, sondern in ihrer Bedeutung müssen die Dinge erkannt werden dadurch, daß der Mensch die richtigen Begriffe mit den Dingen verbindet. Ich will Ihnen ein Beispiel aus der allerjüngsten Zeit sagen in diesem Europa, ohne damit irgendwie in eine parteimäßige oder in irgendeine politische Strömung eingreifen zu wollen.

[ 28 ] Es kann Menschen geben in diesem Europa, die, da sie ja heute alle kurz denken wollen, den Ausbruch des gegenwärtigen Krieges zusammenhängend denken — ich sage nicht, daß das falsch ist, ich sage nicht, daß darinnen nicht Richtigkeit ist — mit derErmordung desErzherzogThronfolgers, des Franz Ferdinand; sie können daraus gewisse Ereignisse erklären, die sie zurückführen bis zu jener im Juni 1914 erfolgten Ermordung. Aber es kann auch Menschen geben, welche betonen, daß in einer westlichen Zeitung vom Januar 1913 gestanden hat, daß in der nächsten Zeit zum Heile der europäischen Menschheit der Erzherzog Franz Ferdinand ermordet werden solle. Ich meine, man kann zurückgehen bis zu der wirklichen Ermordung; man kann aber auch zurückgehen bis zu dem, was in einer westlichen Zeitung im Januar 1913 bereits stand: daß er ermordet werden wird. Man kann auch zurücksehen bis zu der, wie ich neulich andeutete, wahrscheinlich niemals vollständig enthüllten Ermordung von Jaures am Abend des letzten Tages der Friedenszeit. Man kann aber auch so weit zurückgehen, daß man hinweist auf dieselbe Zeitung, die ich jetzt gemeint habe, die fast eben so weit zurückliegend, also schon im Jahre 1913, den Satz enthielt: Wenn die Verhältnisse in Europa zu einem Krieg führen sollten, so wird Jaur£s der erste sein, der seinen Tod findet. — Man kann einen gewissen, sozusagen okkultistischen Almanach aufschlagen, der für vierzig Franken verkauft wurde, und man kann in dem Almanach, der auf das Jahr 1913 bestimmt war, der also schon 1912 gedruckt worden ist, die Sätze lesen: In Österreich werde nicht der regieren, von dem man glaubt, daß er regieren werde, sondern ein junger Mann, von dem man jetzt noch nicht glaubt, daß er nach dem alten Kaiser regieren werde. — Das wurde in einem sogenannten okkultistischen Almanach gedruckt für 1913, also schon im Herbst 1912 gedruckt. Und wiederum, aus demselben Almanach für 1914, also schon gedruckt 1913, wurde dieselbe Bemerkung wiederholt, weil offenbar für 1913 das Attentat mißglückt war. Für alle solche Dinge wird einmal, wenn man die Dinge heller ansehen . wird, der Zusammenhang aufgedeckt werden, der da besteht zwischen dem, was in der äußeren Wirklichkeit geschieht und zwischen demjenigen, was in verborgenen, trüben Quellen ausgekocht wird. Es wird mancher erkennen, welche Fäden aus dem öffentlichen Leben hineinlaufen in diese oder jene Verbrüderung, und es wird auch mancher erkennen, wie töricht es ist von anderen Verbrüderungen, wenn die heute noch immer davon deklamieren, daß man über gewisse Mysterienwahrheiten durchaus schweigen müsse. Solche Leute können recht unschuldig sein, weil sie Kinder sind, trotzdem sie vielleicht alte Mitglieder sind von diesem oder jenem Freimaurerbund zum Beispiel, der auch okkulte Quellen haben will; dennoch fördern sie die Dunkelheit und Finsternis, die unter den Menschen herrscht.

[ 29 ] Ich habe in den letzten Zeiten ein Beispiel gewählt — ich habe es in St.Gallen und in Zürich behandelt — von einem besonders erleuchteten Pastor und Professor, bei dem ich aufmerksam gemacht habe auf die Diskontinuität des Denkens, die bei ihm herrscht. Der gehört allerdings auch einer okkulten Verbrüderung an. Aber er gehört zu denen, die nicht durch etwas anderes wirken als durch die eigene Beschränktheit, die sie sich aneignen in ihrer okkulten Verbrüderung, in der sie beschränkt erhalten werden, denn auch das machen sich manche Oberen in der okkulten Verbrüderung zur Aufgabe; und dadurch wird vielfach ungünstig gewirkt. Dasjenige, was notwendig ist, das ist, daß die Menschen wirklich die Augen aufmachen. Aber die Augen müssen erst sehen lernen, und sehen lernen kann man nur, wenn man gewissermaßen die Augenrichtung sich bestimmen läßt durch dasjenige, was man zuerst an Aufklärung über die geistige Welt erhalten hat. Gerechnet wird ja immer mit Eigenschaften, denen gegenüber man sich selten verrechnet im menschlichen Zusammenhang. So — ich habe es ja schon einmal angedeutet — sollte ich selbst ja auch einmal kirre gemacht werden. Ich hätte erlangen können in der Zeit, als in der Theosophical Society Alcyone zu etwas ernannt worden ist, gleichzeitig auch zu etwas ernannt zu werden. Es hätte alles dasjenige, was durch unsere Bewegung pulsiert, dadurch hübsch aus der Welt geschafft werden können, wenn ich dazumal eingegangen wäre auf dasjenige, was mir ja nahe genug gelegt worden ist: der wiederverkörperte Johannes zu werden! Es würde dann von einer gewissen Seite her die Aufgabe übernommen worden sein, zu verkündigen: Alcyone ist das, und der ist der wiederverkörperte Johannes — und es hätte die ganze Bewegung dasjenige nicht zu erfahren gebraucht, was ja später geschehen ist.

[ 30 ] Unter die mancherlei Dinge, die den Menschen dumm machen, gehört natürlich auch die Eitelkeit, und trifft man in der richtigen Weise auf die Eitelkeiten, dann kann man viel erreichen, insbesondere, wenn man auch die Methoden noch kennt, gewisse Begriffe zu formen. Ich habe schon gestern erwähnt, daß die Theosophische Gesellschaft es nur zu dilettantisch gemacht hat; die andern machen es gescheiter und sachgemäßer. Aber man kann natürlich nicht viel Gescheites machen, wenn man zu rechnen hat mit einer Persönlichkeit, unter der ja die ihr Nahestehenden so viel geseufzt haben, wenn man zu rechnen hat zum Beispiel mit einer Persönlichkeit wie Annie Besant, die selber voll von Leidenschaften ist. Man braucht nur zu wissen, wie diejenigen, die in der Umgebung Annie Besants waren, durch Jahre darüber geseufzt haben, in welche Lage sie sie noch alle bringen werde dadurch, daß sie ja nun auch in die Aura eines gewissen indischen Okkultismus verfallen sei. Sie hatte dabei wiederum merkwürdige, aus sonderbaren Untergründen heraus kommende Eigenschaften mitgebracht, die einer Anzahl von Menschen gerade in der Theosophical Society recht unpaß gekommen sind. Eine Anzahl von Leuten, zumeist Männer — verzeihen Sie, aber das soll keine Anspielung sein —, seufzten, weil sie sich immer bemühten, Annie Besant ein wenig in Bahnen zu bringen, daß es ginge. Aber Frauen waren auch da, die seufzten auch, doch sie unterwarfen sich immer wieder; denn die hatten vor allen Dingen das Bestreben, zwar Theosophie zu treiben in dem Sinne, wie man es dort trieb, aber diese Theosophie so zu treiben, daß sie auch so etwas werde — nur etwas theosophisch — wie «conglomerated mediocrity». Hineintragen wollte man dasjenige, was John Stuart Mill die «conglomerated mediocrity» nennt, in den Betrieb der Geisteswissenschaft.

[ 31 ] Ich habe es selbst noch erfahren, wie eine Sendbotin der Theosophical Society in einer Stadt gewirkt hat, die zu der damaligen Sektion gehörte, deren Generalsekretär ich war. Ich ging in diese Stadt, Vorträge zu halten, sogar gerufen von der betreffenden Sendbotin. Aber die betreffende Sendbotin sagte mir: Von den Vorträgen werden wir allmählich absehen, denn die haben doch nicht einen rechten Zweck. Man muß Tee-Abende arrangieren und die Leute dazu einladen, daß sie sich kennenlernen beim Tee — und sie meinte: Bei den Brötchen, da macht sich das am allerbesten! Aber die Vorträge — und sie sagte das mit einer gewissen wegwerfenden Miene —, die werden allmählich eine immer geringere Bedeutung haben. — Man kann sagen, eingewickelt in die richtige Hülle von einer gewissen Seite her war auch diese Persönlichkeit, und es sind eben viele, viele, gerade solche, die als Sendboten wirken, die zuweilen gar nicht wissen, wie die Drähte gehen, an denen sie gezogen werden. Manchmal braucht man gar nicht Drähte, es können dünne Schnüre sein, Bindfaden meinetwillen. Es ist schon ein Jammer, wie gerade über die heiligsten und ernstesten Dinge der Menschheit zuweilen innerhalb dieser Menschheit verhandelt wird.

[ 32 ] Namentlich fürchtete man ungeheuer, wenn die Blavatsky richtig gesund bliebe und doch dasjenige an die Oberfläche brächte, was in ihren Untergründen war, dann könnte es gerade durch ihre besondere Anlage und durch den besonderen Zusammenhang mit ihrem russischen Volkstum auch in politischer Beziehung gefährlich werden. Und das, um was es sich da handelte, auszuschalten, das war auch ein ganz besonderes Bestreben. Und hätte gar dasjenige zur Geltung kommen können schon dazumal, von den sechziger, siebziger Jahren an, was in der Blavatsky gelebt hat, dann wären doch manche Dinge anders verlaufen, Dinge, denen gegenüber solche Leute wie Mill und Herzen ganz gut gesehen haben. Aber es ist eben dazumal einzelnen ahrimanischen Mächten gelungen, mancherlei auszuschalten. Nun, wir werden ja sehen, wie es unter den gegenwärtigen traurigen Verhältnissen unserer Geisteswissenschaft ergehen kann. Recht denken werden über sie diejenigen, welche die Möglichkeit haben, ihre Bedeutung einzusehen gerade gegenüber den großen Aufgaben unseres fünften nachatlantischen Zeitraums. Inwiefern ja unsere Geisteswissenschaft wirklich nur mit dem rein Wienschlichen rechnet, das könnten Sie ja jetzt schon wissen. Und erkennen, meine ich, könnte man auch schon, daß doch da Unterschiede sind. Wir haben zum Beispiel vielfach besprochen und auch aufgeführt Goethes «Faust». Denn man braucht nicht nationale Hintergründe zu haben, wenn man Goethes «Faust» in seinen okkulten Tiefen der Menschheit vorführt. Ob man aber nationale Hintergründehaben muß, vielleicht sogar sehr sonderbare nationale Hintergründe, wenn man, wie jetzt Maeterlinck wiederum neuestens, Goethe und Schiller und Lessing mittelmäßige Geister nennt und große Aufsätze über die Mittelmäßigkeit Goethes, Schillers und Lessings schreibt, wofür man große Zeitungen der Welt gewinnt, in denen das heute stehen kann — ob dahinter nicht nationale Gründe stecken, das überlasse ich Ihnen zu entscheiden! Vielleicht noch viel tiefere als bloß nationale!

[ 33 ] Aber stellen Sie sich jetzt zwei Dinge zusammen. Ich habe Ihnen im Verlauf dieser Betrachtungen den Hinweis darauf gegeben, daß ein geniales Buch in einer gewissen Beziehung Ku Hung-Ming, der Chinese, geschrieben hat, und daß es darstellt, wie die einzige Rettung der Europäer die sei, daß sie sich dem Chinesentum zuwenden, denn dadurch würden die Europäer in die Lage kommen, ihre wertlosen Magna Chartas der Freiheit — meint Ku Hung-Ming — zu ersetzen durch die Magna Charta der Treue, die nur aus dem Chinesentum kommen könne. Und Ku Hung-Ming ist ein scharfsinniger Geist, der es bewahrheitet, was John Stuart Mill und Herzen bereits geahnt haben, der es bewahrheitet aus einer tiefen Kenntnis des Chinesentums selbst heraus; auch ein Geist, der nicht als Philologe, nicht als Schulmeister, sondern ein Geist, der aus einem praktischen Berufe, wie der Ihnen früher angeführte Max Eyth, gekommen ist; weder ein Theologe noch ein Schulmeister, noch ein Philologe, sondern einer, der ursprünglich Kaufmann war, durch allerlei Berufe noch durchgegangen ist und das Leben kennt. Ku HungMing stellt das Chinesentum, das chinesische Leben dar. Man kann heute eine Vorstellung gewinnen aus den ungeheuer anschaulichen Darstellungen, die Ku Hung-Ming gegeben hat, und man bekommt den Eindruck: Wie recht hatten John Stuart Mill und Herzen — man lese nur das Buch von Herzen von 1864 —, als sie die Lehre des Konfuzius und des Laotse die letzte Konsequenz nannten, die herauskommen müsse, wenn der sogenannte positivistische Realismus, wie sie das nannten, getragen von der «conglomerated mediority», von der «bürgerlichen Nichtigkeit», Europa ergreift! Denn die letzte Konsequenz desjenigen, was heute an den Universitäten getrieben wird und in das Volk übergeht als heutige Weltanschauung, ist das Chinesentum, das nur sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung schon zu dieser Konsequenz von einer früheren Kulturschichte aus sich bereitgefunden hat. Ku Hung-Ming zeichnet klar, was das Chinesentum ist; Mill und Herzen zeichneten den Weg, den diejenige europäische Kultur geht, welche nur auf dem äußeren positivistischen Realismus fußen will: Von beiden Seiten her, von der einen Seite, daß Europa das Chinesentum ergreifen wird, von der anderen Seite, daß die einzige Rettung Europas das Chinesentum ist.

[ 34 ] Vielleicht gibt es noch eine dritte Seite, und ich darf diese Frage gerade heute am Schlusse aufwerfen: Wie wäre es denn nun, wenn es auch eine Seite gäbe, der es sehr gelegen käme, wenn gerade ein Chinese heute den Europäern den Rat gäbe, die einzige Rettung zu wählen, die besteht? Wie wäre es, wenn nicht ein Zufall es wäre, daß just die Lehre des Ku Hung-Ming nach Europa hereingeworfen wird, die genial vom Standpunkte des Chinesentums, die aber geeignet genug ist, die Menschen, die sie nicht mit hellen Sinnen, mit den durch die Geisteswissenschaft geweckten Sinnen aufnehmen, zu verwirren und vielleicht gerade dorthin zu führen, wohin man sie haben will: richtig zum Chinesentum? Wie denn schon John Stuart Mill und Herzen richtig erkannt haben, daß die Segel, die ausgeschickt werden von gewissen okkulten Brüderschaften, dahin auslaufen und ein Chinesentum haben wollen; denn in das Chinesentum Europas kann man am besten dasjenige einschalten, was gewisse Brüderschaften wollen! Warum sollte es nicht auch dem Willen einer Brüderschaft entsprechen, daß nun just ein Chinese den Europäern den Rat gibt, hinzuhorchen auf all die Schönheiten, die gerade aus dem Chinesentum kommen könnten? Warum soll man nicht erwarten können, daß gerade die sogenannten Erleuchtetsten hingerissen werden von dem, was ein Chinese zu raten versteht, nachdem man sich in Europa selber keinen Rat mehr weiß?

[ 35 ] Nachdem ich Ihnen zunächst gesagt habe, wie bedeutend das chinesische Buch ist, fühle ich mich durchaus auch verpflichtet, gerade von dem Gesichtspunkte aus, der hier immer mit Geisteswissenschaft gepflegt werden soll, darauf aufmerksam zu machen, daß man solche Erscheinungen wie das Buch oder eigentlich die Bücher von Ku HungMing — zwei sind schon erschienen — wohl verfolgen soll, aber unter Umständen wissen muß, daß hinter ihnen Absichten stecken, weitgehende Absichten. Unrecht tut man, wenn man sich nicht mit ihnen bekannt macht, aber unrecht geschieht auch, wenn man auf sie hereinfällt. Von ganz besonderer Wichtigkeit ist es aber, auf alles dasjenige sorgfältig hinzuschauen, was sich heute als Mystik oder Okkultismus aus manchmal recht trüben Quellen auftut. Und diejenigen, die in Erwägung ziehen werden, was ich vielfach ausgeführt habe, die werden auch versuchen, in diesen Dingen richtig zu sehen. Denn die moderne Welt steht in mancherlei anderen Strömungen noch drinnen, und es frägt sich, ob einzelne Leute den Willen haben, klar und deutlich zu sehen. Man muß zum Beispiel durchaus abwägen können, welch ein Unterschied besteht zwischer dieser und einer gewissen Strömung, die heute noch mehr Macht hat, als man glaubt und denkt, die von gewissen katholischen Quellen ausgeht, hinter denen auch vielfach Einweihungsprinzipien schon stehen, wenn auch natürlich diejenigen, die sie in die Welt hinausbringen, an dem Bindfaden geführt werden. Aber kontrastieren wir jetzt das, was auch kontrastiert werden kann: auf der einen Seite die römische Kirche und auf der anderen Seite jene okkulten Brüderschaften. Die römische Kirche, welche in der Ihnen ja bekannten Weise wirkt; jene Brüderschaften, die bis aufs Messer die römische Kirche selbstverständlich bekämpfen, aber andererseits eben bis zu diesen Dingen gehen, daß sie sehr wohl die okkulten Kenntnisse haben und auch benützen, aber in der Öffentlichkeit sie als mittelalterlichen Aberglauben nun brandmarken, um die Menschen in der richtigen Strömung zu erhalten, so daß sie sie benützen können. Kontrastieren Sie dieses mit der römischen Kirche. Nehmen Sie nur eine solche Tatsache wie die Enzyklika vom 8. Dezember 1864, wo von der römischen Kirche ex cathedra verkündigt ist [die Verdammung von] Freiheit des Gewissens und der Kulte. Sie führt die Sätze an, die von manchen geglaubt werden, und verdammt sie dann: Es wird gesagt von einigen Menschen, Freiheit des Gewissens und der Kulte sei jedes Menschen eigenes Recht; dies ist ein Delirium — das heißt ein Wahnsinn. Also ein Wahnsinn ist es, ein Delirium für den rechtgläubigen Katholiken im Sinne des römischen Stuhles, die Freiheit des Gewissens und der Kulte zu beanspruchen! Das ist die eine Strömung. Die andere Strömung, die findet, daß es besser ist, solche Sachen nicht zu sagen, sondern lieber Dinge zu tun, wodurch die Freiheit des Gewissens, die Freiheit vor allen Dingen der eigenen Überzeugung und die Hineinstellung der eigenen Überzeugung in das menschliche Leben aufgehoben wird. Da haben Sie auch zwei kontrastierende Bewegungen, die sehr bedeutsam sind in der Gegenwart und von denen vieles abhängt.

[ 36 ] Solche Betrachtungen, in die heute ausgemündet ist das, was ich zu sagen habe, werden aus dem Grunde hier angestellt, damit diejenigen, die innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung stehen, den inneren Seelenimpuls fassen, nicht zu den Schläfrigen zu gehören, sondern zu denen, die versuchen wollen, das Leben anzusehen, wie es ist. Dadurch ist man noch nicht Geisteswissenschafter, daß man die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse aufnimmt und an sie glaubt. Dann ist man erst im richtigen Sinne Geisteswissenschafter, wenn einen die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten zu einem klarer schauenden Menschen machen, aber auch zu einem solchen Menschen, der den Willen hat, wirklich das, was in seiner Umgebung ist, in der richtigen Weise, an den richtigen Punkten anzuschauen, um ein Urteil zu bekommen über die Lage, in der er selbst in die Welt hineingestellt ist. Das gehört schon dazu, wenn man in einer fruchtbaren Weise über das Karma des Berufes sprechen will.

[ 37 ] Solche Betrachtungen werden wir demnächst fortsetzen. Dann wird schon das nötige Licht fallen auf das, was mehr in das Alltagsleben hineingehört, auf das unmittelbare menschliche Leben, das unmittelbare Karma des Berufes.