Reflections on Contemporary History I
Ways to Form Objective Judgments
GA 173a
18 December 1916, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Reflections on Contemporary History, Volume I, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Lassen Sie mich vorher noch einmal sagen, daß ich Sie besonders darum bitte, bei diesen Vorträgen nicht mitzuschreiben. Es ist so merkwürdig, wie gerade ein Wunsch nach dieser Richtung, wie es scheint, absolut kein Entgegenkommen findet. Aber bei diesen Vorträgen muß ich dringend darum bitten, [wirklich nicht mitzuschreiben], denn: Erstens sind die Tage, die wir jetzt durchleben, durchaus nicht geeignet, jemandem, der es mit der Menschheitsentwicklung ernst nimmt, die Möglichkeit zu bieten, solche Dinge, wie ich sie jetzt zusammenzufassen habe, zu wirklich abgerundeten Vorträgen zu gestalten, sondern höchstens zu einzelnen Bemerkungen. Und zweitens wissen wir ja hinlänglich, meine lieben Freunde, welche Mißverständnisse dadurch bewirkt worden sind, daß im Beginne unserer jetzt so schmerzlichen Zeit allerlei Einzelheiten aus meinen Vorträgen da und dort mitgeteilt worden sind, in alle Winde geschickt worden sind, zum Teil mit der löblichen, zum Teil aber auch mit der weniger löblichen Absicht, denen oder jenen zu sagen: Seht, der sagt doch nicht so schlimme Sachen über dies oder jenes —, oder auch sie erst recht in Harnisch zu bringen und sie dazu zu bringen, allerlei Rankünen zu fassen.
[ 1 ] My dear friends! Let me say once more beforehand that I am asking you in particular not to take notes during these lectures. It is so strange how a request of this nature, it seems, meets with absolutely no cooperation. But for these lectures, I must urgently ask you [truly not to take notes], because: First, the times we are currently living through are by no means conducive to allowing anyone who takes human development seriously to shape the things I now have to summarize into truly well-rounded lectures—at most, they can be reduced to individual remarks. And second, my dear friends, we know all too well what misunderstandings have been caused by the fact that, at the beginning of this time of ours that is now so painful, all sorts of details from my lectures were communicated here and there, scattered to the four winds—partly with laudable intentions, but partly also with less laudable ones—to tell this or that person: “Look, he doesn’t really say such terrible things about this or that”—or even to rile them up all the more and provoke them to harbor all sorts of grudges.
[ 2 ] Einzelne herausgerissene Sätze, insbesondere aus einer Reihe von Vorträgen, besagen ja niemals etwas und lassen sich immer in dem einen oder andern Sinne deuten. Und mir ist es um nichts anderes zu tun als um das Suchen nach Wahrheit, und insbesondere in diesem jetzigen Fall, weil eine Anzahl unserer Freunde um Betrachtungen nach der Richtung, wie wir sie jetzt pflegen, eben wirklich ersucht haben und gewünscht haben, daß es geschehe. Mir ist es wirklich nicht darum zu tun, daß man in bezug auf das von mir Gesagte dem einen oder andern sagen kann: Seht, das ist doch nicht so schlimm —, sondern mir ist es um die Wahrheiten zu tun. Und um die Wahrheiten muß es eigentlich jedem zu tun sein, der es mit der Geistesforschung ernst nimmt und der namentlich die Aufgaben der Geistesforschung für die Entwicklung der Menschheit in unserer Zeit in Betracht zieht.
[ 2 ] Individual sentences taken out of context—especially from a series of lectures—never really mean anything and can always be interpreted in one way or another. And my sole concern is the search for truth—especially in this particular case, because a number of our friends have actually requested reflections along the lines of what we are now pursuing and have expressed a desire for this to happen. I am truly not concerned with people being able to say to one another regarding what I have said: “Look, that’s not so bad after all”—rather, I am concerned with the truths. And the truths must actually be the concern of everyone who takes spiritual research seriously and who, in particular, considers the tasks of spiritual research for the development of humanity in our time.
[ 3 ] Meine lieben Freunde, ich möchte heute einige weitere Gesichtspunkte angeben, die für die Gegenwart die Grundlagen liefern, um ein sicheres Urteil zu gewinnen ist — nicht nur für die allernächsten Tage oder Wochen oder auch Jahre, sondern für die Gegenwart im weiteren Sinne. Halten wir uns doch, meine lieben Freunde, vor allen Dingen vor Augen, daß Geisteswissenschaft eine ernste Sache ist, und wenn man sie im richtigen Sinne erfassen will, so muß sie ernster sein als alle andern Dinge. Wenn man sie aber — wie es ja so vielfach geschieht, wo eine Gesellschaft als Instrument [für geistige Bestrebungen] vorliegt — anfaßt mit allen möglichen Vorurteilen und namentlich Vorempfindungen und in Rage kommt über das eine oder andere durch solche Vorempfindungen oder Vorurteile, so zeigt man ja einfach, daß man für Geisteswissenschaft eben nicht reif ist, obwohl man auf der andern Seite heute schon einsehen kann, daß einzig und allein Geisteswissenschaft dazu geeignet ist, wirklich jenen Ernst zu entwickeln, der in unseren so tragischen Tagen notwendig ist.
[ 3 ] My dear friends, today I would like to present a few additional points of view that provide the foundation for forming a sound judgment about the present—not only for the immediate days, weeks, or even years ahead, but for the present in a broader sense. Let us, my dear friends, above all keep in mind that spiritual science is a serious matter, and if one wishes to grasp it in the proper sense, it must be more serious than all other things. But if one approaches it—as so often happens when a society serves as an instrument [for spiritual endeavors]—with all manner of prejudices and, in particular, preconceived notions, and becomes enraged over one thing or another because of such preconceived notions or prejudices, then one is simply demonstrating that one is not yet ready for spiritual science, even though, on the other hand, one can already recognize today that spiritual science alone is capable of truly developing the seriousness that is necessary in our tragic times.
[ 4 ] Da muß dieser oder jener seine Vorliebe nach der einen oder anderen Richtung zurückstellen und muß versuchen, vorurteilslos die Dinge entgegenzunehmen; er braucht ja nicht einverstanden zu sein, aber er muß versuchen, vorurteilslos die Dinge entgegenzunehmen. Und manches läßt sich nicht sagen, ohne Dinge auszusprechen, die einigen unangenehm sind. Es gibt genügend Leute in unserer Gegenwart, die es schon als eine Sünde ansehen, wenn man diese oder jene Tatsachen nur erwähnt, weil sie glauben, durch das Erwähnen der einen oder anderen Tatsache werde Partei genommen in der einen oder anderen Beziehung, was eben durchaus nicht der Fall ist. Manchen Tatsachen muß man ruhig ins Auge sehen, weil man nur dann ein wirklich gültiges Urteil gewinnen kann. Gewiß, man braucht es ja nicht gewinnen zu wollen, aber man könnte es gewinnen, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen will.
[ 4 ] In such cases, one must set aside one’s personal preferences in one direction or another and try to approach matters without prejudice; one need not agree, but one must try to approach matters without prejudice. And some things cannot be said without mentioning facts that are unpleasant to some people. There are plenty of people today who consider it a sin merely to mention certain facts, because they believe that mentioning one fact or another amounts to taking sides in one way or another—which is certainly not the case. One must calmly face certain facts, because only then can one arrive at a truly valid judgment. Certainly, one need not necessarily want to arrive at such a judgment, but one could do so if one wishes to stand on the ground of spiritual science.
[ 5 ] Ich werde nun eine Reihe von Bemerkungen machen, welche dazu führen können, daß ich Ihnen am Ende der heutigen Betrachtungen einiges vorbringe, was geeignet ist, Verständnis zu erwecken für die Art, wie sich gerade gewisse, sagen wir okkulte Erkenntnisse in die gegenwärtige Geistesentwicklung der Menschheit hereindrängen und wie sie durch die Evolution der Menschheit sich selber an die Oberfläche drücken, wie sie sich sozusagen selber darstellen, wie man sie nicht durch irgendeine Agitation in die Menschheitsentwicklung hineinzuversetzen braucht. Ich werde von Einzelheiten ausgehen, die ich Sie bitte ruhig als eine Grundlage anzunehmen, um den Hauptwert dann auf dasjenige zu legen, worin ich die Betrachtungen gipfeln lassen werde.
[ 5 ] I will now make a series of remarks that may lead me, at the end of today’s reflections, to present to you something that is likely to foster an understanding of the way in which certain—let us say, occult—insights are making their way into the current spiritual development of humanity, and how, through human evolution, they push themselves to the surface—how they reveal themselves, so to speak—without the need to introduce them into human development through any kind of agitation. I will begin with some details, which I ask you to accept calmly as a foundation, so that we may then focus primarily on that which will form the culmination of these reflections.
[ 6 ] Sehen Sie, ich habe diese Betrachtungen damit begonnen, daß ich gesagt habe: Wenn man sich als guter Europäer alle mögliche Mühe gibt, wirklich alle mögliche Mühe gibt, die Tatsachen, die durch Jahrzehnte gewirkt haben und in den letzten Zeiten herausgekommen sind, durchzunehmen und sich vorurteilslos in sie zu vertiefen, und dann betrachtet, wie da von seiten der Peripherie landläufig — ich sage es mit vollem Bedacht —, wie da landläufig geurteilt wird, und zwar auch von solchen Menschen, welche in diesen den schmerzlichen Ereignissen vorangegangenen Zeiten mit Recht klingende Namen trugen, dann kommt man schließlich doch dazu einzusehen, wie gewisse Urteilsrichtungen nicht anders als so geartet sind, daß — was man auch immer sagen, was man auch immer vorbringen mag — die Antworten der Menschen schließlich doch nur darauf hinauslaufen: Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt —, nach dem alten Rezepte: Tut nichts, der Jude wird verbrannt. — Denn in vielen, vielen Urteilen steckt ja nichts anderes drinnen als eine gewisse Aversion — über deren Berechtigung oder Nichtberechtigung man gewiß diskutieren kann —, eine gewisse Aversion gegen alles, was man in der Welt «deutsch» nennt — ich werde meine Worte ganz abgewogen gebrauchen!
[ 6 ] You see, I began these reflections by saying: If, as a good European, one goes to every possible effort—truly every possible effort—to examine the facts that have been at work for decades and have come to light in recent times, and to delve into them without prejudice, and then considers how it is commonly judged—and I say this with full deliberation— how judgment is commonly passed there—even by people who, in the times preceding these painful events, bore names that sounded honorable—then one ultimately comes to realize how certain lines of reasoning are inevitably of such a nature that—no matter what one might say, no matter what one might argue—people’s responses ultimately boil down to: “Never mind, the German will be burned”—following the old adage: “Never mind, the Jew will be burned.” — For in many, many judgments there is nothing else but a certain aversion—the justification or lack thereof of which can certainly be debated—a certain aversion to everything in the world that is called “German”—I will choose my words very carefully!
[ 7 ] Eine gewisse Aversion gegen alles, was man in der Welt «deutsch» nennt, hat sich in der letzten Zeit eben bis zu einem wirklich glühenden Haß gesteigert, der gar nicht geneigt ist, irgend etwas zu prüfen, irgend etwas Geprüftes auf sich wirken zu lassen, sondern der sich einfach berechtigt glaubt zu hassen. Aber diese Berechtigung wird nicht einfach offen in Anspruch genommen. Nicht wahr, wenn jemand sagt: Ich hasse — und er will das und zeigt es an, daß er es will-, was soll man dagegen haben? Jeder hat selbstverständlich das Recht, so viel zu hassen, wie er will; dagegen ist ja gar nichts einzuwenden. Aber darauf kommt es sehr vielen Menschen nicht an — im Gegenteil, es kommt ihnen in diesem Fall sehr darauf an, die Empfindung des Hasses nicht gestehen zu müssen, sondern sich über diesen Haß hinwegzubetäuben, indem man allerlei Dinge sagt, welche den Haß eben überdecken und dafür ein angeblich objektives, gerechtes Urteil setzen sollen. Dadurch werden alle Dinge in ein falsches Licht gerückt. Wenn jemand ehrlich gesteht: Ich hasse dies oder jenes —, dann läßt sich mit ihm reden oder selbstverständlich auch nicht, je nach dem Grade seines Hasses. Aber Wahrheit, wirkliche Wahrheit gegen sich und die Welt ist in allen Dingen notwendig, und wenn wir gerade dieses nicht fassen, meine lieben Freunde, daß Wahrheit in allen Dingen notwendig ist, so können wir auch nicht den Nerv dessen, was Geisteswissenschaft gerade jetzt für die Menschheit sein soll, zu dem innersten Impuls unseres eigenen Herzens und unserer eigenen Seele machen. Wir können uns zwar sagen: Gewiß, wir wollen nur einen Teil der Geisteswissenschaft, nur den, der sich nicht gerade mit unseren Sympathien oder Antipathien befaßt, der uns gerade wohltut, aber wenn uns irgend etwas nicht paßt, dann lehnen wir es ab. — Man kann diesen Standpunkt einnehmen, aber es ist nicht eigentlich der Standpunkt, der heute irgendwie für die Entwicklung der Menschheit heilsam ist.
[ 7 ] A certain aversion to everything in the world that is called “German” has recently escalated into a truly fervent hatred—one that is not at all inclined to examine anything or to allow anything that has been examined to sink in, but which simply believes itself justified in hating. But this right is not simply claimed openly. After all, if someone says, “I hate”—and they mean it and make it clear that they mean it—what’s there to object to? Everyone, of course, has the right to hate as much as they want; there’s nothing wrong with that at all. But for many people, that is not the point—on the contrary, what matters to them in this case is not having to admit to the feeling of hatred, but rather numbing themselves to this hatred by saying all sorts of things intended to mask the hatred and replace it with a supposedly objective, just judgment. As a result, everything is cast in a false light. If someone honestly admits, “I hate this or that,” then it is possible to reason with them—or, of course, not, depending on the degree of their hatred. But truth—real truth toward oneself and the world—is necessary in all things, and if we fail to grasp precisely this, my dear friends—that truth is necessary in all things—then we cannot make the very essence of what spiritual science is meant to be for humanity right now the innermost impulse of our own hearts and souls. We may well say to ourselves: Certainly, we want only a part of spiritual science—only that part which does not deal directly with our sympathies or antipathies, which does us good—but if anything does not suit us, then we reject it. — One can take this standpoint, but it is not really the standpoint that is in any way beneficial for the development of humanity today.
[ 8 ] Ich möchte von einzelnen Bemerkungen ausgehen, aber wirklich «sine ira»! Sehen Sie, es ist ja eine allbekannte Tatsache, daß sehr viele Menschen die Ereignisse von heute im Zusammenhang betrachten mit der Gründung des Deutschen Reiches, das in der Mitte von Europa liegt. Nun, es ist nicht meine Aufgabe, über die Politik des Deutschen Reiches oder über irgendeine andere Politik zu reden. Das werde ich auch nicht tun; ich will Ihnen nur einzelne auf Tatsachen beruhende Grundlagen geben. Nicht wahr, über die Ereignisse, welche zur Gründung dieses Deutschen Reiches geführt haben, kann man sich Anschauungen bilden. Man kann ja auch sogar die Anschauung haben — ob sie nun berechtigt ist oder nicht, darüber wollen wir jetzt nicht streiten —, man kann ja auch die Anschauung haben, daß es zum Unheil für die Menschheit ist, daß es überhaupt so etwas wie Deutsche gibt. Gewiß, auch über diese Dinge ließe sich ja diskutieren — warum denn nicht, wenn jemand wahrhaft und ehrlich eingesteht, daß er eine solche Anschauung hat? Aber darum soll es sich jetzt nicht handeln, sondern wir wollen einmal ins Auge fassen, daß dieses Deutschtum im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Gründung des Deutschen Reiches geführt hat.
[ 8 ] I would like to begin with a few specific remarks, but truly “sine ira”! You see, it is a well-known fact that a great many people view today’s events in the context of the founding of the German Empire, which lies at the heart of Europe. Well, it is not my task to speak about the politics of the German Empire or about any other political matters. Nor will I do so; I merely wish to provide you with a few factual points of reference. After all, one can form opinions about the events that led to the founding of this German Empire. One might even hold the view—whether it is justified or not, let’s not argue about that now—one might even hold the view that the very existence of such a thing as “Germans” is a calamity for humanity. Certainly, these matters could also be discussed—why not, if someone truly and honestly admits to holding such a view? But that is not the issue at hand; rather, let us consider for a moment that this German identity led to the founding of the German Empire in the last third of the 19th century.
[ 9 ] Nun, meine lieben Freunde, kann es viele Menschen geben, welche von ganz andern Gesichtspunkten aus die Gründung dieses Deutschen Reiches anfechten, die finden, daß es nicht gut war für die Menschheitsentwicklung, daß dieses Reich gegründet worden ist. Aber das Recht, ein solches Urteil zu fällen, haben diejenigen Menschen, welche sich auf den Standpunkt der westlichen Reiche stellen, nicht, denn das muß man durchaus ins Auge fassen, daß gerade die westlichen Völker außerordentlich an dem hängen, was man den Reichsgedanken, den Staatsgedanken, nennen kann. Das Denken der westlichen Völker hängt auch in bezug auf das Völkische mit den verschiedenen Staatsgedanken zusammen. Wer von vornherein Patriotismus und Staatsgedanken so zusammenbringt wie die westlichen Völker, hat kein Recht, mit seiner Kritik gleich bei der Berechtigung des Reichsgedankens überhaupt anzufangen, denn er stellt sich damit auf einen unlogischen Standpunkt; er stellt sich auf den Standpunkt, daß ein anderes Volk nicht das Recht habe, das gleiche zu tun, was sein eigenes Volk getan hat. Und man muß sich ja, wenn man über etwas diskutiert, auf einen Standpunkt stellen, der eine Diskussionsgrundlage abgibt, der eine Möglichkeit abgibt, logisch zu bleiben. Nicht wahr, es wäre durchaus möglich, zum Beispiel mit Bakunin zu diskutieren, ob ein Deutsches Reich in Mitteleuropa etwas Heilsames ist — das würde auf ganz andern Grundlagen beruhen. Aber man kann es nicht mit Leuten diskutieren — ich meine jetzt nicht einmal die Staatsmänner, sondern die meisten Volksangehörigen der westlichen Staaten —, die ganz von ihrem Staatsgedanken durchdrungen sind. Also, auf diesen Standpunkt müßte man sich schon stellen: daß man [den Reichsgedanken] gleichsam als etwas für alle zu Supponierendes, als eine Hypothese voraussetzt, daß man also sozusagen von Reich zu Reich spricht, sonst hat man keine Grundlage. Ganz vorurteilslose Urteile gibt es zwar auch — es gibt sie gerade in bezug auf die irdische Wirklichkeit —, aber man muß eben seine Voraussetzungen kennen, wenn man gültige Urteile fällen will.
[ 9 ] Well, my dear friends, there may be many people who, from entirely different perspectives, challenge the founding of this German Empire—who believe that the establishment of this empire was not beneficial for the development of humanity. But those who adopt the standpoint of the Western empires do not have the right to pass such a judgment, for one must certainly bear in mind that the Western peoples, in particular, are extraordinarily attached to what might be called the imperial ideal, the concept of the state. The thinking of the Western peoples is also linked, in terms of their national identity, to various concepts of the state. Anyone who, from the outset, links patriotism and the concept of the state in the same way as Western peoples do has no right to begin their criticism by questioning the legitimacy of the concept of the Reich in the first place, for in doing so they adopt an illogical standpoint; they take the position that another people has no right to do what their own people have done. And when discussing something, one must, after all, adopt a standpoint that provides a basis for discussion—one that allows one to remain logical. Wouldn’t it be quite possible, for example, to discuss with Bakunin whether a German Empire in Central Europe is a beneficial thing—that would be based on entirely different premises. But one cannot discuss it with people—and I don’t even mean statesmen here, but rather most citizens of Western nations—who are completely imbued with their concept of the state. So, one would have to adopt this standpoint: that one assumes [the idea of the empire] as something to be posited for everyone, as a hypothesis, so that one speaks, so to speak, of one empire after another; otherwise, one has no foundation. There are, of course, judgments that are entirely free of prejudice—they exist precisely in relation to earthly reality—but one must be aware of one’s presuppositions if one wishes to make valid judgments.
[ 10 ] Nun denken ja heute die Menschen gar nicht mehr daran, aus welchen geschichtlichen Impulsen dieses Reich in Mitteleuropa hervorgegangen ist. Die Menschen denken zum Beispiel nicht mehr daran, daß der Boden, auf dem dieses Reich zum großen Teil begründet worden ist, durch viele Jahrhunderte zunächst eine Art Reservoir, eine Art Quelle war für das übrige Europa. Sehen Sie, ein Romanisches in dem Sinne, daß man sagen könnte, es sei eine Fortsetzung des alten Römischen, gibt es ja heute nicht mehr. Das Romanische hat sich durchaus, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, verflüchtigt und ist nur in einzelnen Impulsen in andere völkische Elemente hineingezogen. Nehmen Sie den Boden Italiens. Nach Italien sind im ganzen Verlauf des Mittelalters fortwährend alle möglichen germanischen Elemente eingewandert — wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, ich werde vielleicht dazu kommen, ihn später noch etwas näher zu definieren —, alle möglichen germanischen Elemente. Und in dem, was heute italienische Bevölkerung genannt wird, fließt sogar blutsmäßig durchaus ungeheuer viel von dem, was man germanisch nennen kann. Das ist influenziert worden von dem romanischen Element, aber nicht so, daß man das heutige italienische Volk auch nur im entferntesten etwa als eine Fortsetzung des alten römischen Volkes ansehen könnte. Nun war es immer so, daß von Mitteleuropa aus als dem Völkerreservoir die verschiedenen Volksstämme nach der Peripherie hingezogen sind, bis nach Spanien hinein, bis nach Nordafrika hinüber, nach Italien, nach Frankreich, nach Britannien, überallhin [weiße Pfeile]. So möchte ich sagen: Indem sich das Völkische ausgebreitet hat, indem das Völkische [überallhin] ausstrahlte, kam ihm ein Unvölkisches entgegen, das Romanische [rote Pfeile]; in der Mitte befand sich gewissermaßen das Reservoir.
[ 10 ] Today, people no longer even think about the historical forces that gave rise to this empire in Central Europe. For example, people no longer think about the fact that the land on which this empire was largely founded served for many centuries as a kind of reservoir, a kind of source, for the rest of Europe. You see, a “Romanic” culture—in the sense that one could say it is a continuation of the ancient Roman culture—no longer exists today. The Romanic has, if I may use the expression, thoroughly evaporated and has been absorbed into other ethnic elements only in isolated impulses. Take the soil of Italy. Throughout the Middle Ages, all manner of Germanic elements continually migrated into Italy—if I may use that term; I may come back to define it in more detail later—all manner of Germanic elements. And in what is today called the Italian population, there is, even in terms of bloodline, an immense amount of what one might call Germanic heritage. This has been influenced by the Romance element, but not to the extent that one could even remotely regard the modern Italian people as a continuation of the ancient Roman people. Now, it has always been the case that, from Central Europe—as the reservoir of peoples—the various tribes have migrated toward the periphery, all the way to Spain, across to North Africa, to Italy, to France, to Britain, everywhere [white arrows]. So I would say: As the “ethnic” spread, as the “ethnic” radiated [everywhere], it encountered a non-ethnic element, the Romance [red arrows]; in the middle, so to speak, lay the reservoir.


[ 11 ] Solch eine Erscheinung, wie ich sie Ihnen gestern im Zusammenhang mit Dante vorgeführt habe, ist nur ein charakteristischer Ausdruck für eine ganz allgemeine Erscheinung. Was sind denn die heutigen Franzosen? Doch nicht Nachkommen bloß des lateinischen Elementes! Franken, also ursprünglich germanische Stämme, haben sich über diesen Boden ausgedehnt, sind durchdrungen von dem, was nicht mehr volksmäßig ist, sondern was sich, ich möchte sagen auf dem Umwege durch den römischen Beamtenkörper und dergleichen — alle Einzelheiten kann ich ja nicht sagen — als romanisches Element mit dem altem keltischen Elemente vermischt hat. Und daraus ist etwas entstanden, in dem heute, mehr als man glaubt, germanische Impulse leben, wirklich drinnen leben. Und im neueren italienischen Elemente leben vor allen Dingen ungeheuer viele solche germanischen Impulselemente. Man würde, wenn man den Dingen nachginge, das Eindringen des langobardischen, also eines germanischen Elementes in Norditalien genau studieren können, das eben das andere, das romanische Element, gewissermaßen nur angenommen hat. Britannien wurde ursprünglich bewohnt von Elementen, die dann nach Wales und nach der Bretagne, sogar bis nach Kaledonien hin zurückgedrängt worden sind, nachdem sie vorher Kundschafter ausgesandt hatten, um die Jüten, Angeln und Sachsen auf die Insel einzuladen und dadurch die von Norden her kommenden räuberischen Pikten und Skoten zurückzudrängen. So hat sich ein Element herausgebildet, in dem nun das Germanische selbstverständlich ungeheuer überwiegt.
[ 11 ] A phenomenon such as the one I presented to you yesterday in connection with Dante is merely a characteristic expression of a very general phenomenon. What, after all, are the French of today? Surely not merely descendants of the Latin element! The Franks—that is, originally Germanic tribes—spread across this land and were permeated by what is no longer purely folk-based, but rather what, I might say, through the indirect influence of the Roman bureaucracy and the like—I cannot go into all the details here—has blended as a Romance element with the ancient Celtic element. And from this something has emerged in which, today, more than one might think, Germanic impulses live—truly live within it. And in the more recent Italian element, above all, there are an immense number of such Germanic impulses. If one were to investigate these matters, one could closely study the penetration of the Lombard—that is, a Germanic—element into northern Italy, which, in a sense, merely adopted the other, the Roman element. Britain was originally inhabited by peoples who were later driven back to Wales and Brittany, and even as far as Caledonia, after they had previously sent out scouts to invite the Jutes, Angles, and Saxons to the island and thereby drive back the raiding Picts and Scots coming from the north. Thus, a population group emerged in which the Germanic element, naturally, predominates immensely.
[ 12 ] Also diese Ausstrahlung findet nach allen Seiten statt. Nur in der Mitte bleibt ein Reservoir, und mit dem hängt es auch zusammen — weil das Mittlere sich anders entwickeln mußte —, mit dem hängt es auch zusammen, daß das Mittlere gewissermaßen jenen Sprung machte, den ich nicht in eitler Weise als einen Sprung nach vorwärts bezeichnen will, sondern eben nur als einen Sprung, der sich ausdrückt in dem, was ich gestern als das Gesetz der Lautverschiebung angeführt habe. Das sind Gesetze, die durchaus nicht gemessen zu werden brauchen mit irgendwelchen Sympathien oder Antipathien, sondern es sind eben einfach Tatsachen. Und was nun diese Tatsachen für Folgen haben müssen, darüber kann sich ja jeder Vorstellungen bilden, aber er braucht diese Dinge nicht mit Sympathien oder Antipathien zu verfolgen.
[ 12 ] So this radiation occurs in all directions. Only in the center does a reservoir remain, and this is also connected to the fact—because the center had to develop differently—that the center, so to speak, made that leap, which I do not wish to describe in a vain way as a leap forward, but simply as a leap that is expressed in what I cited yesterday as the law of sound shift. These are laws that need not be measured at all against any sympathies or antipathies; they are simply facts. And as for the consequences these facts must entail, everyone can form their own ideas about them, but they need not pursue these matters with sympathies or antipathies.
[ 13 ] Die Sache ist dann so gekommen: Als die römischen Cäsaren ihre Kriegszüge gegen die Germanen führten, bildeten die zuerst besiegten Germanen eigentlich den allergrößten, den weitaus größten Teil der Heere, so daß die Römer die Germanen mit Germanen bekämpften. In der späteren Zeit kam es dann so, daß die an der Peripherie entstandenen Völkermassen gegen das, was in der Mitte war, zum Teil so hintendierten, daß die Notwendigkeit entstand, eben jene Art von Reich zu begründen, das dann in seiner letzten Phase zu dem Heiligen Römischen Reich [deutscher Nation] geführt hat — Sie kennen ja die Stelle in Goethes «Faust», wo die Studenten froh sind, daß sie nicht für das Heilige Römische Reich zu sorgen haben. Auf der anderen Seite hat es dazu geführt, daß gerade von den Peripherien her das mittlere Element in der furchtbarsten Weise bekriegt wurde, daß sich die Peripherie fortwährend auflehnte gegen das mittlere Element. Und wirklich, man muß ja in Betracht ziehen, daß vieles von dem, was in Mitteleuropa als Bewußtsein vorhanden ist, damit zusammenhängt, daß der Boden, auf dem dieses Reich in Mitteleuropa begründet worden ist, eigentlich der Ort war, der von allen Seiten her als der Kriegsschauplatz für die sich fortwährend streitenden Völkerschaften ausersehen war, was ja seinen besonderen Ausdruck fand im 17. Jahrhundert im Dreißigjährigen Krieg. In diesem Krieg hat dieser Boden, hat Mitteleuropa bis zu einem Drittel seiner Bewohner verloren durch die Schuld der umliegenden Völker, indem nicht bloß die Städte und Dörfer, sondern ganze Landstriche zerstört worden sind — die Völker Mitteleuropas sind wirklich zerfleischt worden von der Peripherie her. Dies sind Tatsachen, die man einfach als geschichtliche Tatsachen ins Auge fassen muß.
[ 13 ] This is how it came to be: When the Roman emperors waged their campaigns against the Germanic tribes, the Germanic tribes that were defeated first actually made up the vast majority—by far the largest portion—of the armies, so that the Romans fought the Germanic tribes with other Germanic tribes. In later times, it came to pass that the masses of people arising on the periphery tended, in part, to oppose what was at the center to such an extent that the necessity arose to establish precisely that kind of empire which, in its final phase, led to the Holy Roman Empire [of the German Nation] — You are surely familiar with the passage in Goethe’s Faust where the students are glad that they do not have to worry about the Holy Roman Empire. On the other hand, this led to the central element being attacked in the most terrible way, precisely from the peripheries, so that the periphery continually rebelled against the central element. And indeed, one must certainly take into account that much of what exists as consciousness in Central Europe is connected to the fact that the soil on which this empire was founded in Central Europe was, in fact, the place designated from all sides as the theater of war for the perpetually quarreling peoples—a fact that found its particular expression in the 17th century during the Thirty Years’ War. In that war, this land—Central Europe—lost up to a third of its inhabitants through the fault of the surrounding peoples, as not only the towns and villages but entire regions were destroyed—the peoples of Central Europe were truly torn apart from the periphery. These are facts that one must simply accept as historical facts.
[ 14 ] Nun ist es ja nicht zu verwundern, daß in Mitteleuropa die Tendenz, der Impuls entstand, gewissermaßen das auch haben zu wollen, wonach die anderen Völker strebten, nämlich ein Reich. Nun steht aber die Bevölkerung dieses Bodens in ganz anderer Weise zum Reichsgedanken, [viel loser] als die Bevölkerung Westeuropas, welche sich in ganz besonderer Weise an den Reichsgedanken hält — ganz gleichgültig, meine lieben Freunde, ob man von Republik oder Königreich spricht. Nicht wahr, ob man nun Angehöriger einer Republik oder einer anderen Staatsform ist, darauf kommt es ja nicht an, sondern es kommt darauf an, in welcher Weise man sich zu dieser Zusammengehörigkeit stellt, ob man in dieser oder jener Weise Sinn hat für diese Zusammengehörigkeit. Nun, ich sagte, es ist nicht zu verwundern, daß in Mitteleuropa die Tendenz, der Impuls entstand, auch ein Reich zu haben — ein Reich, das auf der einen Seite etwas Schutz bietet gegen den jahrhundertealten Ansturm vom Westen her einen Ansturm, der wirklich Jahrhunderte hindurch währte — und auf der andern Seite die Möglichkeit, das, was von Osten her wirkt, was vom Osten her impulsiert wird, in einer Weise zu begrenzen, wie es selbstverständlich nicht für den Osten, wie es aber eben für Mitteleuropa doch notwendig ist. Ich meine, diese Dinge sind zu verstehen.
[ 14 ] It is hardly surprising, then, that in Central Europe a tendency—an impulse—arose to, in a sense, want what other peoples were striving for: namely, an empire. However, the people of this region have a very different attitude toward the idea of an empire—[much more relaxed] than the people of Western Europe, who are particularly attached to the idea of an empire—regardless, my dear friends, of whether we’re talking about a republic or a kingdom. Isn’t that right? Whether one belongs to a republic or another form of government is, after all, irrelevant; what matters is the attitude one takes toward this sense of belonging, whether one has a sense of this belonging in one way or another. Well, I said it is not surprising that in Central Europe the tendency—the impulse—arose to have an empire as well — an empire that, on the one hand, offers some protection against the centuries-old onslaught from the West—an onslaught that truly lasted for centuries—and, on the other hand, provides the possibility of limiting what comes from the East, what is driven by the East, in a way that is, of course, not necessary for the East itself, but is nevertheless necessary for Central Europe. I believe these things must be understood.
[ 15 ] Nun steht die mitteleuropäische Bevölkerung in einer etwas andern Weise zu dem, was man den Staatsgedanken nennen kann, als die westeuropäische Bevölkerung, namentlich als etwa die französische Bevölkerung. In Mitteleuropa war durch Jahrhunderte ein solcher Staatsgedanke nicht so lebendig wie etwa in Frankreich; ein solcher Staatsgedanke, wie er in Frankreich vorhanden war, eignet sich nicht für das, was da in Mitteleuropa zurückgeblieben ist. Und man braucht sich nur zu erinnern, wie das, was sich in Mitteleuropa entwickelt hat, was da zurückgeblieben ist, um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert seine geistige Höhe erreicht hat, die schließlich ja wohl auch vom Westen, wenn einmal weniger Haß herrscht, wieder anerkannt werden wird. Es wird dann wieder anerkannt werden, daß da in diesem Mitteleuropa die größte geistige Höhe, deren Früchte noch lange nicht, auch nach Jahrhunderten nicht, für die Menschheit ausgekostet sein werden, erreicht wurde in einer Zeit, als durch die Verhältnisse in Mitteleuropa vom Westen her jede Möglichkeit genommen war, ein zusammengehöriges Staatsgebilde zu formen. Lessing, Goethe, Schiller, Herder und alles, was mit ihnen zusammenhängt, sind ja nicht in einem zusammengehörigen Staatsgebilde groß geworden; sie sind groß geworden, trotzdem ein solches Staatsgebilde nicht vorhanden war. Man kann sich, ich möchte fast sagen keine Vorstellung machen, was für einen Unterschied das ausmacht, daß Goethe nicht in einem solchen Staatsgefüge groß geworden ist, während Corneille, Racine eben gar nicht denkbar sind ohne den Hintergrund eines solchen Staatsgebildes, das seinen Glanz und seine Höhe durch Ludwig XIV. erlangt hat, den König, der von sich sagte: «L'etat, c'est moi.» Diese Dinge gehören zusammen.
[ 15 ] The people of Central Europe now view what might be called the concept of the state somewhat differently than the people of Western Europe, particularly the French. For centuries, such a concept of the state was not as vibrant in Central Europe as it was, for example, in France; a concept of the state such as existed in France is not suited to what has remained in Central Europe. And one need only recall how what developed in Central Europe—what has remained there—reached its intellectual zenith at the turn of the 18th to the 19th century, a fact that will surely be recognized again by the West once hatred has subsided. It will then be recognized once more that here in Central Europe, the greatest intellectual heights—whose fruits will by no means have been fully savored by humanity, even after centuries—were attained at a time when, due to the circumstances in Central Europe, any possibility of forming a unified state structure from the West was ruled out. Lessing, Goethe, Schiller, Herder, and everything associated with them did not, after all, come of age within a unified political entity; they came of age precisely because no such entity existed. One can hardly—I would almost say cannot—imagine what a difference it makes that Goethe did not come of age within such a political structure, whereas Corneille and Racine are simply inconceivable without the backdrop of a political structure that attained its splendor and grandeur through Louis XIV, the king who said of himself: “L’État, c’est moi.” These things belong together.
[ 16 ] Aber nun entstand aus Impulsen heraus, die zunächst rein innerlich waren, bei den Bewohnern Mitteleuropas im Laufe des 19. Jahrhunderts die Tendenz, nun auch eine Art von einheitlichem Staat zu bilden. Und diese Tendenz bildete sich zunächst in einer ganz intensiv idealistischen Weise aus. Und wer die Entwicklung des 19. Jahrhunderts kennt, der weiß, daß der Staatsgedanke, von dem die Bewohner Mitteleuropas ergriffen wurden, zunächst vor allen Dingen verankert war in den Köpfen von lauter Idealisten, von Leuten, die vielleicht mehr idealistisch als praktisch waren, die eben durchaus unpraktischer waren in bezug auf den Staatsgedanken als die praktischen Westler. Und so sehen wir denn, wie sich die idealistischen Bestrebungen, wie sich die Bedingungen für ein Zusammenfassen der mitteleuropäisch-deutschen Völker zu einem geeinten Deutschen Reich, entwickeln. Wir sehen sie namentlich im Jahre 1848 bestimmte Formen annehmen, die aber durchaus ein idealistisches Gepräge haben. Aber weil nun einmal das 19. Jahrhundert das Zeitalter des Materialismus war, hat dasjenige, was ein ursprünglich idealistisches Gepräge hatte, kein besonderes Glück gehabt — nicht so sehr durch völkische Schuld als durch das, was eben im 19. Jahrhundert als Materialismus heraufgekommen war. Und nun handelte es sich darum, das, was auf idealistische Weise nicht zu erringen war, auf praktische Weise zu erringen, das heißt so zu erringen, wie es sonst auch errungen worden ist in der bisherigen europäischen Geschichte. Wodurch sind denn Staaten entstanden? Durch Kriege sind Staaten entstanden, und dadurch ist auch das Deutsche Reich in der Zeit von 1864 bis 1870 entstanden.
[ 16 ] But now, driven by impulses that were initially purely internal, a tendency emerged among the inhabitants of Central Europe over the course of the 19th century to form a kind of unified state. And this tendency initially took shape in a very intensely idealistic manner. And anyone familiar with the developments of the 19th century knows that the idea of the state, which captivated the inhabitants of Central Europe, was initially rooted above all in the minds of idealists—people who were perhaps more idealistic than practical, and who were certainly far less practical with regard to the concept of the state than their practical Western counterparts. And so we see how these idealistic aspirations—how the conditions for uniting the Central European German peoples into a unified German Empire—developed. We see them take on specific forms, particularly in the year 1848, though these forms are distinctly idealistic in character. But since the nineteenth century was, after all, the age of materialism, that which originally had an idealistic character did not fare particularly well—not so much due to any fault of the peoples themselves as to what had emerged in the nineteenth century as materialism. And now the task was to achieve, in a practical way, what could not be achieved through idealism—that is, to achieve it in the same way it had been achieved throughout European history up to that point. How, then, did states come into being? States came into being through wars, and that is also how the German Empire came into being between 1864 and 1870.
[ 17 ] Wer diese Zeiten miterlebt hat, meine lieben Freunde, der weiß, wieviel Schmerz in den Herzen derer war, welche dazumal, als das neue Deutsche Reich gegründet wurde, noch erfüllt waren mit den Ideen des Jahres 1848, wo man aus der Empfindung, aus dem Gefühl und aus dem Ideal heraus dieses Reich hatte gründen wollen. Es waren namentlich in den sechziger, in den siebziger Jahren zu bemerken die Leute, die zur sogenannten großdeutschen Partei gehörten, die Großdeutschen, denen dann die Kleindeutschen gegenüberstanden. Die großdeutsche Partei — das waren diejenigen, welche zu den alten idealistischen Prinzipien standen, die aus idealen Grundlagen und aus idealen Impulsen heraus eine solche Reichsgründung erlangen wollten. Diese Großdeutschen wollten nichts erobern, sondern sie wollten alles, was deutsch ist, in einem gemeinsamen Reichs- oder Staatengebilde zusammenfassen. Wer auch nur im entferntesten denkt, daß diese Großdeutschen das Allergeringste erobern wollten, der kennt einfach den Grad des völkischen Idealismus nicht, der in ihnen gelebt hat. Und sie waren enragierte Gegner, man möchte sagen unversöhnliche Gegner der Kleindeutschen, die dann unter Bismarck das gegenwärtige Deutsche Reich gegründet haben — das heißt das Deutsche Reich unter der Führung Preußens. Aber sie haben sich schließlich mit der neuen Lage versöhnt, weil sie zum Schluß einsahen, daß in Mitteleuropa die Dinge im 19. Jahrhundert nicht anders vor sich gehen konnten, als sie sonst immer vor sich gegangen sind. Man söhnte sich damit aus, indem man sich sagte: So wie Frankreich, so wie England gegründet worden sind, so muß eben auch Deutschland gegründet werden. — So haben sich die Großdeutschen allmählich mit dem, was ganz und gar gegen ihr Ideal war, ausgesöhnt. Diese Dinge muß man in Betracht ziehen.
[ 17 ] Those of you who lived through those times, my dear friends, know how much pain there was in the hearts of those who, at the time the new German Empire was founded, were still imbued with the ideas of 1848—when people had sought to establish this empire out of a sense of conviction, emotion, and idealism. Particularly in the 1860s and 1870s, one could observe the people who belonged to the so-called Greater German Party—the Greater Germans—who were then opposed by the Lesser Germans. The Greater German Party consisted of those who adhered to the old idealistic principles, who sought to achieve the founding of such a Reich based on ideal foundations and ideal impulses. These “Greater Germans” did not want to conquer anything; rather, they wanted to unite everything that is German within a common imperial or state structure. Anyone who even remotely thinks that these “Greater Germans” wanted to conquer the slightest thing simply does not understand the degree of national idealism that lived within them. And they were fierce opponents—one might even say irreconcilable opponents—of the “Small Germans,” who later, under Bismarck, founded the present-day German Empire—that is, the German Empire under Prussian leadership. But they eventually came to terms with the new situation because they ultimately realized that, in 19th-century Central Europe, things could not unfold any differently than they always had. They came to terms with it by telling themselves: Just as France and England were founded, so too must Germany be founded. — Thus, the “Greater Germans” gradually reconciled themselves to what was entirely contrary to their ideal. These things must be taken into account.
[ 18 ] Und man kann nun über die Ereignisse, die sich zwischen 1866 und 1870 abgespielt haben, denken, wie man will — selbstverständlich kann ich ja hier weder in Einzelheiten mich verlieren noch Politik betreiben —, man mag über diese Ereignisse von 1866 bis 1870, 1871 welche Ansicht auch immer haben, man mag über Schuld oder Unschuld am Ausbruch des Siebziger Krieges denken [wie auch immer] — ich gebe selbstverständlich jedem das Recht, darüber zu denken, wie er will —, aber das eine darf nicht vergessen werden, weil es eine Tatsache ist — selbstverständlich kann so etwas auch dementiert werden, aber die Dinge sind trotzdem wahr, auch wenn sie dementiert werden. Wie auch die Ereignisse verlaufen sind, richtig ist, daß von französischer Seite aus — ich meine, wenn ich französische oder englische Seite sage, niemals das Völkische, sondern den Zusammenhalt derer, die in der betreffenden Zeit, wie man so sagt, am Ruder sind, die die Ereignisse, die äußeren Ereignisse, machen —, daß also bei denen, die die äußeren Ereignisse machen, vor allen Dingen der Wille vorhanden war, die deutsche Reichsgründung zu verhindern; man darf das nicht außer acht lassen, daß man die ganze Politik daraufhin anlegte, daß das Deutsche Reich nicht hätte gegründet werden können. Über die spanische Erbfolge, über eine französische oder deutsche Kriegspartei mögen die Leute denken, wie sie wollen, aber darüber dürfte eigentlich kein Streit sein, daß in Frankreich sich bestimmte Leute alle Mühe gaben, das Urteil, es sei mit der «gloire» des französischen Staates nicht vereinbar, daß in Mitteleuropa ein selbständiges Deutsches Reich entstehe, zur Wirklichkeit zu machen. Und was sich ausgelebt hat in der Absicht, diese Reichsentstehung zu verhindern, das gehört mit zu den Entstehungsursachen des Siebziger Krieges. Und als Gegenstoß hat sich dazumal entwickelt der Impuls über den man wieder denken kann, wie man will —, die Auffassung, daß man eben nur durch dieselben Mittel, durch die Frankreich sein Reich gegründet hat, auch das Deutsche Reich gründen kann, nämlich, indem man Krieg führt gegen den Nachbarstaat. Diese Dinge muß man eben nur ganz kaltblütig ins Auge fassen.
[ 18 ] And whatever one may think of the events that took place between 1866 and 1870—of course, I can neither get lost in details here nor engage in politics—whatever one’s view of these events from 1866 to 1870, 1871, whatever one’s views may be; one may think whatever one likes about guilt or innocence regarding the outbreak of the War of 1870 [whatever the case may be]—I naturally grant everyone the right to think about it as they wish—but one thing must not be forgotten, because it is a fact—of course, such a thing can also be denied, but the facts remain true even if they are denied. However the events may have unfolded, it is true that on the French side—and when I say the French or English side, never the will of the people, but rather the cohesion of those who, at the time in question, as they say, were at the helm—those who shape external events—that is to say, among those who shape external events, there was, above all, the will to prevent the founding of the German Empire; one must not overlook the fact that the entire policy was geared toward ensuring that the German Empire could not be founded. People may think what they will about the War of the Spanish Succession or about a French or German faction, but there should really be no dispute that in France certain people went to great lengths to turn the judgment—that it was incompatible with the “gloire” of the French state for an independent German Empire to arise in Central Europe—into reality. And what played out in the attempt to prevent the emergence of this empire is one of the root causes of the War of 1870. And as a counter-reaction, a sentiment developed at that time—about which one can again think as one pleases—namely, the view that the German Empire could be founded only by the same means by which France had founded its own empire, namely, by waging war against a neighboring state. One must simply face these facts in a completely dispassionate manner.
[ 19 ] Nun wurde dieses Deutsche Reich gegründet auf jene Weise, die Ihnen ja bekannt ist, obwohl man heute nicht mehr geneigt ist, sich die geschichtlichen Tatsachen genau anzusehen. Aber die betreffenden Daten werden ja den meisten von Ihnen bekannt sein oder wenigstens das Gerippe der Tatsachen. Man kann also sagen: Dieses Deutsche Reich wurde, während zwischen Frankreich und Deutschland Krieg geführt wurde, gegründet, indem in diesem Kriege die Kräfte erzeugt wurden, die dieses Deutsche Reich herbeiführten. Nun wurde also das Deutsche Reich gegründet. Fassen wir einmal jenen Zeitpunkt ins Auge, in dem Paris noch nicht belagert war, aber durch die deutschen Erfolge schon die Aussichten vorhanden waren, das Deutsche Reich zu gründen. Da man Ursache hatte zu glauben, den Gegenwillen gegen dieses Deutsche Reich gebrochen zu haben, entstand in Mitteleuropa die Idee, die kleindeutsche Reichsgründung in Szene zu setzen.
[ 19 ] Now, this German Empire was founded in the manner with which you are, of course, familiar, although people today are no longer inclined to examine the historical facts closely. But most of you will be familiar with the relevant details—or at least the basic outline of the facts. One can therefore say: This German Empire was founded while war was being waged between France and Germany, in that the forces that brought about this German Empire were generated during that war. So the German Empire was founded. Let us consider the moment when Paris was not yet under siege, but German successes had already created the prospects for founding the German Empire. Since there was reason to believe that opposition to this German Empire had been broken, the idea arose in Central Europe to set the stage for the founding of a “Small German Empire.”
[ 20 ] Also, fassen wir die Zeit so etwa vom Dezember des Jahres 1870 ins Auge. Indem wir dies tun, meine lieben Freunde, stehen wir vor der Tatsache, daß aus dem, was da in Deutschland geschah — Deutschland zu sagen, ist ja nur eine Unart derjenigen, die in der Peripherie leben, denn ein Deutschland gibt es heute noch immer nicht, ebenso wenig, wie es einen «Kaiser von Deutschland» gibt —, was also da im späteren Deutschen Reich geschah, sich in der Peripherie die Empfindung herausgebildet hat, [daß für Europa ein großer Schaden durch die Gründung dieses Deutschen Reiches entstanden sei]. Wie gesagt, es ist eigentlich eine Unart, von «Deutschland» zu sprechen; es gibt nur einzelne deutsche Staaten, und derjenige, welcher diese deutschen Staaten nach außen hin als Repräsentant zu vertreten hat, führt ausdrücklich aus gewissen Voraussetzungen des mitteleuropäischen Wesens heraus nicht den Titel «Kaiser von Deutschland», sondern den Titel «Deutscher Kaiser» — was ein Unterschied ist. Ich bemerke, daß man bei der Gründung des neueren rumänischen Staates sehr viel darüber diskutiert hat, ob der neue König heißen solle «König der Rumänen» oder «König von Rumänien». Diese Dinge machen sehr viel aus in dem Augenblicke, wo man auf die Wirklichkeiten sieht und nicht bloß auf die Illusionen. Der Titel «König von Rumänien» wurde schließlich aus ganz bestimmten historischen Voraussetzungen heraus gewählt — anstelle des Titels «Rumänischer König» oder «König der Rumänen», den man zuerst wählen wollte. Gerade auf solche Dinge kommt eben sehr viel an.
[ 20 ] So, let’s consider the period roughly from December of the year 1870. In doing so, my dear friends, we are faced with the fact that to speak of what happened there in Germany — to speak of “Germany” is, after all, merely a bad habit of those who live on the periphery, for there is still no such thing as “Germany” today, any more than there is a “Kaiser of Germany” —, that is, from what happened in what would later become the German Empire, a sentiment has developed on the periphery [that the founding of this German Empire had caused great harm to Europe]. As I said, it is actually a bad habit to speak of “Germany”; there are only individual German states, and the one who is to represent these German states to the outside world, explicitly on the basis of certain characteristics of Central European identity, does not bear the title “Emperor of Germany,” but rather the title “German Emperor”—which is a difference. I note that, when the modern Romanian state was founded, there was a great deal of discussion about whether the new king should be called “King of the Romanians” or “King of Romania.” These things make a great deal of difference when one looks at realities and not merely at illusions. The title “King of Romania” was ultimately chosen based on very specific historical circumstances—instead of the title “Romanian King” or “King of the Romanians,” which had initially been considered. It is precisely such details that matter greatly.
[ 21 ] Nun, meine lieben Freunde, wenn man diese Urteile, die ja von langer Hand vorbereitet wurden und die sich in der neuesten Zeit manchmal bis zum Gipfel der Tollheit gesteigert haben, auf sich wirken läßt — wobei wiederum nicht diskutiert werden soll, ob im einzelnen etwas berechtigt ist, im einzelnen kann selbstverständlich immer alles berechtigt oder unberechtigt sein —, wenn man also diese Urteile zusammenfaßt, so könnte man sagen: Es hat sich herausgebildet eine Empfindung, daß durch diese Gründung des Deutschen Reiches für Europa ein großer Schaden entstanden sei, daß dieses Reichsgebilde in Mitteleuropa gewissermaßen ein Drohgebilde sei.
[ 21 ] Well, my dear friends, if one allows these judgments—which have, after all, been prepared well in advance and have recently escalated at times to the height of folly—to sink in—though, again, the question of whether any particular instance is justified is not to be discussed, since, of course, in each individual case, everything may be justified or unjustified—if, then, one summarizes these judgments, one could say: A sentiment has emerged that the founding of the German Empire has caused great harm to Europe, and that this imperial structure in Central Europe is, in a sense, a threatening entity.
[ 22 ] Um deutlich zu machen, was ich damit eigentlich meine, möchte ich Ihnen eine Sache vorlesen, welche zeigen wird, wie ich manches, worum es sich gerade jetzt handelt, meine. Das Urteil, das sich gebildet hat, das lautet so: Man sagte, ja, die Deutschen, Deutschland fühle sich in der einen oder anderen Weise bedroht, aber es sei eigentlich selbst eine Bedrohung für ganz Europa. Und da ist insbesondere — ich hoffe, daß ich es jetzt finden werde —, da ist insbesondere ein Urteil, das ich Ihnen jetzt anführen werde, von einer gewissen Bedeutung. Das Urteil steht im «Matin» vom 8. Oktober 1905. Nicht wahr, wenn man mit Realitäten rechnet, so muß man wissen, daß hinter einer Meinung immer das Urteil von unzählig vielen Menschen steht, und die Dinge, die da geschehen, gehen ja aus Realitäten hervor. Also, ich werde Ihnen jetzt ein Urteil vorlesen aus dem «Matin» vom 8. Oktober 1905. Da heißt es:
[ 22 ] To make it clear what I actually mean by this, I’d like to read you something that will illustrate my perspective on some of the issues we’re discussing right now. The opinion that has taken shape goes like this: It was said that, yes, the Germans—Germany—felt threatened in one way or another, but that it was actually a threat to all of Europe itself. And there is in particular—I hope I’ll be able to find it now—there is in particular a judgment that I will now cite for you, which is of some significance. The judgment appears in the Matin of October 8, 1905. Isn’t it true that when one takes realities into account, one must realize that behind every opinion there is always the judgment of countless people, and the events that unfold there stem from realities. So, I will now read you a judgment from the Matin of October 8, 1905. It reads:
Wenn Herr von Bülow sich darüber beklagt, daß man Deutschland isolieren wolle, so müßte er sich vielmehr die Frage stellen, ob sich nicht Deutschland selbst durch sein Vorgehen von dem übrigen Europa isoliert. Die Schöpfer des Mißtrauens und des argwöhnischen Hasses, die jeden Tag mehr das Deutsche Reich einschnüren, heißen nicht Delcassé, Lansdowne, nicht Eduard VII. und nicht Roosevelt, sondern sie heißen Bismarck und Moltke, Wilhelm II. und Bülow. Diese haben das in Eisen starrende, stachlige, aufgereizte und aufreizende Reich geschaffen und entwickelt, das seit einem Vierteljahrhundert Europa herausfordernd betrachtet und das Europa notgedrungen schließlich selbst scheel ansehen mußte. Sie sind es, die Deutschland, indem sie es immer mehr verpreußen, die Sympathien nehmen, die früher seine tätige Wissenschaft und seine ernste Bescheidenheit ihm sicherten. Sie sind es, die in unserer Zeit, die man milde glaubte, barbarische Drohungen oder brutale Leidenschaften emporsprühen lassen.
When Mr. von Bülow complains that there is a desire to isolate Germany, he should instead ask himself whether Germany is not isolating itself from the rest of Europe through its own actions. The architects of the mistrust and suspicious hatred that are tightening their grip on the German Empire day by day are not Delcassé, Lansdowne, not Edward VII, and not Roosevelt—but rather Bismarck and Moltke, Wilhelm II, and Bülow. They are the ones who created and developed this rigid, barbed, agitated, and provocative empire—one that has been glaring defiantly at Europe for a quarter-century and that Europe, of necessity, has ultimately had to regard with suspicion itself. It is they who, by making Germany ever more Prussian, are robbing it of the sympathies that were once secured by its active scholarship and its earnest modesty. It is they who, in our age—which we had believed to be a mild one—are allowing barbaric threats or brutal passions to erupt.
[ 23 ] Und deshalb:
[ 23 ] And that's why:
Europa hat Furcht vor dem Feuer, das ununterbrochen in Berlin glimmt, und bilder vorsichtshalber schon jetzt die Kette.
Europe fears the fire that smolders incessantly in Berlin and, as a precaution, is already forming a human chain.
[ 24 ] Also 1905, im Oktober!
[ 24 ] So, in October 1905!
[ 25 ] Nun fragt es sich: Wie steht es eigentlich mit diesem Urteil, daß dieses Deutsche Reich eine Bedrohung für ganz Europa geworden sei? Nun wird bei denjenigen, die sich heute im Westen äußern, kaum etwas anderes zu hören sein, als was so lautet: Wie hat es kommen können, daß Deutschland eine Bedrohung für ganz Europa geworden ist? — Und: Eigentlich hat nichts Schlimmeres passieren können, als daß dieses Volk, das früher so geglänzt hat durch seine Wissenschaft und durch seine ernste Bescheidenheit — wie hier so schön steht —, eine Bedrohung für ganz Europa geworden ist. — Denn daß es zu einer solchen Bedrohung geworden ist, das wird ja aus unzähligen Kehlen und namentlich aus Strömen von Druckerschwärze immer und immer wiederholt.
[ 25 ] Now the question arises: What is the truth behind this judgment that the German Empire has become a threat to all of Europe? Today, those speaking out in the West will say little else than: How could it have come to pass that Germany has become a threat to all of Europe? — And: In fact, nothing worse could have happened than for this people—which once shone so brightly through its science and its earnest modesty, as is so beautifully stated here—to have become a threat to all of Europe. — For the fact that it has become such a threat is repeated over and over again by countless voices and, in particular, in rivers of ink.
[ 26 ] Nun, man könnte also fragen: Wie steht es denn eigentlich mit diesem Urteil? Die Leute, die sagen sehr leicht — und man hört dieses Urteil vielfach —: Na ja, eigentlich nur aus germanischem Hochmut — das Wort «germanisch» wird in diesem Fall mißbraucht —, aus germanischem Hochmut heraus und durchaus nicht aus irgendeiner weltgeschichtlichen Notwendigkeit heraus ist dieses Reich entstanden. Und die Menschen, die innerhalb dieses Reiches wohnen, die können eigentlich nicht anders als fortwährend betonen: Der Deutsche ist der Welt voran, der Deutsche muß zum Heil der Welt dasein und so weiter. — Unzählige Male konnte man das Urteil hören: Die Deutschen sind hochmütige Leute geworden; sie betrachten sich als zur Herrschaft über die ganze Welt berufen; sie betrachten das Reich, das sie gegründet haben, wie etwas, was der neueren Zeit ganz besonders notwendig geworden ist und so weiter; gegenüber dem Stolz, dem Hochmut der Deutschen kann man es ja schon gar nicht mehr aushalten. — So ist das Urteil, das in der mannigfaltigsten Form immer wieder und wieder gefällt worden ist.
[ 26 ] Well, one might ask: What is the truth of this judgment? People are quick to say—and you hear this judgment often—: “Well, it’s really just out of Germanic arrogance—the word “Germanic” is misused in this context—out of Germanic arrogance and certainly not out of any necessity of world history that this empire came into being. And the people who live within this empire can’t help but constantly emphasize: The German is ahead of the world, the German must exist for the salvation of the world, and so on. — Countless times one has heard the judgment: The Germans have become a haughty people; they regard themselves as called to rule the entire world; they regard the empire they have founded as something that has become particularly necessary in modern times, and so on; the pride and arrogance of the Germans have become simply unbearable. — Such is the judgment that has been passed time and again in the most varied forms.
[ 27 ] Ich will nicht irgend etwas beschönigen; ich möchte Ihnen nur ein solches Urteil vorlesen, das gefällt worden ist gleich bei der Gründung des Reiches, und zwar in der Zeit, die ich Ihnen skizziert habe. Ich sagte: Versetzen wir uns in den November 1870. Bei diesem Urteil, das ich Ihnen jetzt vorlesen werde, meine lieben Freunde, könnte vielleicht mancher heute — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck — aus der Haut fahren und sagen: Nun, da sieht man, was für Vorstellungen sich die Menschen in bezug auf die Wichtigkeit dieses Deutschen Reiches machen! Man sieht gleich: Als es noch gar nicht entstanden war, es eben erst im Entstehen war, da wurde es schon so angesehen, da wurde es schon so hingestellt, als ob es nicht nur zum Heil der Deutschen, sondern von ganz Europa oder der ganzen Welt notwendig wäre, ja sogar zum Heil der Franzosen selber. Also, damit Sie sehen, daß ich nichts beschönige, meine lieben Freunde, will ich Ihnen ein Urteil gerade aus dem Jahre 1870 vorlesen. Da heißt es:
[ 27 ] I do not wish to sugarcoat anything; I would simply like to read to you a judgment that was handed down right at the founding of the Empire, specifically during the period I have outlined for you. I said: Let’s go back to November 1870. Upon hearing this judgment, which I am now going to read to you, my dear friends, some people today might—forgive the trivial expression—be beside themselves and say: Well, there you have it—that shows what kind of ideas people have about the importance of this German Empire! It’s immediately clear: even before it had come into being—when it was still in the process of being formed—it was already viewed in this way, it was already presented as if it were necessary not only for the good of the Germans, but for the good of all of Europe or the entire world, indeed even for the good of the French themselves. So, to show you that I’m not sugarcoating anything, my dear friends, I’d like to read you a commentary from the very year 1870. It says:
Keine Nation hat je einen so schlimmen Nachbarn gehabt, wie Deutschland ihn in den letzten vierhundert Jahren an Frankreich gehabt hat schlimm auf jegliche Art: frech, räuberisch, unersättlich, unversöhnlich und immer angriffslustig.
Und nun gibt es ferner in der ganzen Geschichte keine zudringlichen und ungerechten Nachbarn, der je so völlig blitzgleich und schimpflich zu Boden geschlagen worden wäre wie Frankreich jetzt von Deutschland. Deutschland hat nach vierhundert Jahren der Mißhandlung von seiten dieses Nachbarn und meist auch des Mißgeschicks schließlich das große Glück gehabt, seinen Feind völlig am Boden zu sehen: und Deutschland, sage ich unumwunden, wäre eine törichte Nation, wenn es nicht daran dächte, jetzt, wo es in der Lage dazu ist, etliche sichere Grenzzäune zwischen sich und einem solchen Nachbarn zu errichten.
Meines Wissens gibt es kein Naturgesetz und keinen himmlischen Parlamentsakt, wonach Frankreich als einziges von allen irdischen Geschöpfen nicht ein Stück von den Sachen, die es geraubt hat, wieder hergeben muß, wenn die Eigentümer, denen sie entrissen wurden, die Gelegenheit haben, sie wiederzubekommen.
No nation has ever had a neighbor as terrible as the one Germany has had in France over the past four hundred years—terrible in every way: insolent, predatory, insatiable, implacable, and always aggressive.
And now, furthermore, there are no intrusive and unjust neighbors in all of history who have ever been struck down so completely, so suddenly, and so shamefully as France has now been by Germany. After four hundred years of mistreatment at the hands of this neighbor—and, for the most part, of misfortune as well—Germany has finally had the great good fortune to see its enemy completely brought to its knees: and Germany, I say without mincing words, would be a foolish nation if it did not consider, now that it is in a position to do so, erecting several secure border fences between itself and such a neighbor.
To my knowledge, there is no law of nature and no divine act of parliament according to which France—as the only one of all earthly creatures—need not return a single item of the things it has stolen, if the owners from whom they were snatched have the opportunity to reclaim them.
[ 28 ] Und weiter:
[ 28 ] And further:
Die Franzosen jammern schrecklich, es drohe ihnen ein «Verlust ihrer Ehre», und jammernde Zuschauer flehen ernstlich: «Entehrt Frankreich nicht; laßt die Ehre des armen Frankreich fleckenlos.» Wird es aber die Ehre Frankreichs retten, wenn es ablehnt, die Scheiben zu bezahlen, die es seinen Nachbarn mutwillig zerbrochen hat? Der Angriff auf des Nachbars Fenster war Frankreichs Schande. [...] Die Ehre Frankreichs kann nur durch Frankreichs tiefe Reue gerettet werden und durch den ernsthaften Entschluß, es nie wieder zu tun — in aller Zukunft vielmehr das Entgegengesetzte zu tun.
The French are wailing terribly, claiming that they face a “loss of honor,” and wailing spectators earnestly plead: “Do not dishonor France; leave the honor of poor France unblemished.” But will it save France’s honor if it refuses to pay for the windows it willfully shattered at its neighbor’s house? The attack on its neighbor’s window was a disgrace to France. [...] France’s honor can only be saved through France’s deep remorse and through a sincere resolution never to do it again—and, indeed, to do the opposite from now on.
[ 29 ] Aber:
[ 29 ] But:
Fürs erste, muss ich sagen, sieht Frankreich mehr und mehr wahnsinnig, erbärmlich, schimpflich, jämmerlich und sogar verächtlich aus: Frankreich weigert sich, die Tatsachen, die greifbar vor ihm liegen, und die Strafen zu sehen, die es selbst über sich gebracht hat — ein Frankreich, das ohne erkennbares Haupt anarchisch zusammengebrochen ist; Haupt oder Führer nicht mehr zu unterscheiden [vermag] von Füssen oder Gesindel; Minister [hat], die in Luftballons auffliegen, deren einziger Ballast schändliche öffentliche Lügen, Proklamationen von Siegen sind, die von der Phantasie ausgeheckt wurden; eine Regierung [besitzt], die von Anfang bis zu Ende aus Verlogenheit besteht und die gewillt ist, lieber das gräßliche Blutvergießen weitergehen und noch schlimmer werden zu lassen, als daß sie, diese famosen Geschöpfe der Republik, aufhören sollten, die Führung zu haben: Ich weiß nicht, wann und wo eine Nation zu sehen war, die sich so mit Unehre bedeckt hat. [...] Für mich ist das betrüblichste Symptom in Frankreich die Gestalt, in der seine «Männer des Geistes’, seine höchsten literarischen Sprecher, welche Propheten und Seher der Nation sein sollten, gegenwärtig dastehen und in der Tat schon seit einer Generation dagestanden haben. Unverkennbar ist es ihr Glaube, daß neue Himmelsweisheit aus Frankreich über all die anderen Nationen, die im Schatten liegen, ausstrahle, daß Frankreich der neue Zionsberg des Weltalls sei [...).
For now, I must say, France looks more and more insane, pitiful, shameful, wretched, and even contemptible: France refuses to see the facts that lie right before its eyes and the punishments it has brought upon itself—a France that has collapsed into anarchy without a discernible leader; no longer able to distinguish its head or leaders from the rabble; with ministers who soar in hot-air balloons whose only ballast is shameful public lies and proclamations of victories concocted by the imagination; a government that consists of nothing but deceit from beginning to end and that is willing to let the horrific bloodshed continue and grow even worse rather than allow these famous creatures of the Republic to relinquish their leadership: I do not know when or where a nation has ever been seen to have covered itself with such dishonor. [...] For me, the most distressing symptom in France is the state in which its “men of letters”—its highest literary spokesmen, who are supposed to be the prophets and seers of the nation—currently find themselves, and indeed have found themselves for a generation now. It is unmistakably their belief that new heavenly wisdom radiates from France over all the other nations, which lie in the shadows, and that France is the new Mount Zion of the universe [...].
[ 30 ] Und einige Abschnitte weiter:
[ 30 ] And a few paragraphs later:
Ich glaube, Bismarck wird sein Elsaß und so viel er von Lothringen braucht, bekommen, und glaube ferner, daß das ihm und uns und der ganzen Welt und allmählich sogar Frankreich schr gut tun wird. Das anarchische Frankreich bekommt hier seine erste strenge Lektion — ein schrecklich drastisches Abführmittel für das arme Frankreich, und es wird gut für das Land sein, wenn es seine Lektion ordentlich lernen kann.
I believe Bismarck will get his Alsace and as much of Lorraine as he needs, and I further believe that this will do him, us, the whole world, and eventually even France a world of good. Anarchic France is getting its first stern lesson here—a terribly drastic purgative for poor France, and it will be good for the country if it can learn its lesson properly.
[ 31 ] Die Ausführungen schließen mit den Worten:
[ 31 ] The remarks conclude with the words:
Bismarck [...] scheint mir in der Tat mit starker Fähigkeit, durch geduldige, große und erfolgreiche Schritte einem Ziele zuzustreben, das für Deutschland und für alle andern Menschen segensreich ist. Daß das edle, geduldige, tiefe, fromme und solide Deutschland endlich zu einer Nation geschweisst wird und daß diese statt des windigen, nach eitlem Ruhm dürstenden, gestikulierenden, streitsüchtigen, unruhigen und übermässig reizbaren Frankreich die Königin des Festlandes werden wird, das scheint mir die hoffnungsvollste öffentliche Tatsache, die sich in meinem Leben ereignet hat.
Bismarck [...] does indeed strike me as possessing a remarkable ability to pursue, through patient, grand, and successful steps, a goal that is beneficial for Germany and for all other people. That noble, patient, profound, pious, and steadfast Germany will finally be forged into a nation, and that this nation—rather than fickle, vain, gesticulating, quarrelsome, restless, and excessively irritable France—will become the queen of the continent: this seems to me to be the most hopeful public development that has occurred in my lifetime.
[ 32 ] Man könnte nun allerdings fragen: Ist das nicht [deutscher] Größenwahn? — Meine lieben Freunde, ich habe Ihnen da soeben [Auszüge aus einem Brief von Thomas Carlyle] vorgelesen, der im [November 1870] in der «Times» gestanden hat. [Und in der gleichen «Times» konnte man] in einem Leitartikel vom Dezember 1870 die folgenden Sätze lesen:
[ 32 ] One might well ask, however: Isn’t this [German] megalomania? — My dear friends, I have just read to you [excerpts from a letter by Thomas Carlyle] that appeared in the Times in [November 1870]. [And in that same Times, one could] read the following sentences in an editorial from December 1870:
Es wird nun ein starkes, geeinigtes Deutschland geben. [...] Während wir früher zwei militärisch starke, zentralistisch organisierte Kaiserreiche hatten mit einer zersplitterten, noch unfertigen Nation dazwischen — die zu Pulver hätte zerrieben werden können, wann immer sich die beiden andern [Mächte] dazu entschlossen hätten —, ist jetzt in Zentraleuropa eine starke Barriere errichtet worden, wodurch das [europäische] Gefüge kräftiger [und damit stabiler] geworden ist.
There will now be a strong, united Germany. [...] Whereas we used to have two militarily powerful, centrally organized empires with a fragmented, still-unformed nation in between—which could have been ground to dust whenever the other two [powers] had decided to do so—a strong barrier has now been erected in Central Europe, making the [European] structure stronger [and thus more stable].
[ 33 ] Ich lasse jetzt einen Satz aus — Sie werden gleich sehen, warum:
[ 33 ] I'm going to skip a sentence now—you'll see why in a moment:
Sie wünschten alle eine starke Zentralmacht und haben dafür gearbeitet in Friedens- und in Kriegszeiten, auf dem Verhandlungsweg oder durch die Bildung von Allianzen [...].
They all wanted a strong central authority and worked toward that goal in times of peace and war, through negotiations or by forming alliances [...].
[ 34 ] Nun, der Satz, den ich ausgelassen habe, lautet:
[ 34 ] Well, the sentence I left out is:
Insofern haben sich die politischen Zielsetzungen von Generationen englischer Staatsmänner erfüllt.
In this respect, the political goals of generations of English statesmen have been fulfilled.
[ 35 ] Sie sehen, meine lieben Freunde, es ist doch notwendig, daß man ein wenig die Dinge so ins Auge faßt, wie sie in der Wirklichkeit sind, denn wer die «Times» heute liest, sollte auch ein wenig das Urteil der «Times» vom Dezember 1870 ins Auge fassen. Und vielleicht würde man sogar sonderbare Anschauungen bekommen über die allergräßlichste Phrase, die jemals ausgesprochen wurde — die Phrase vom «deutschen Militarismus» —, wenn man sich nur ein wenig auf dieses Urteil besinnen würde, [das damals von englischer Seite kam]:
[ 35 ] You see, my dear friends, it is indeed necessary to consider things a little as they really are, for anyone reading The Times today should also take a moment to consider The Times’s editorial from December 1870. And perhaps one might even come to have some strange insights into the most dreadful phrase ever uttered—the phrase “German militarism”—if one were only to reflect a little on that assessment, [which came from the English side at the time]:
Während wir früher zwei militärisch starke, zentralistisch organisierte Kaiserreiche hatten mit einer zersplitterten, noch unfertigen Nation dazwischen — die zu Pulver hätte zerrieben werden können, wann immer sich die beiden andern [Mächte] dazu entschlossen hätten —, ist jetzt in Zentraleuropa eine starke Barriere errichtet worden, wodurch das [europäische] Gefüge kräftiger [und damit stabiler] geworden ist.
Whereas in the past we had two militarily powerful, centrally organized empires with a fragmented, still-unformed nation in between—which could have been ground to dust whenever the other two [powers] decided to do so—a strong barrier has now been erected in Central Europe, as a result of which the [European] structure has become stronger [and thus more stable].
[ 36 ] Sie sehen, meine lieben Freunde, die Zeiten ändern sich — wie man so sagt —, aber die Menschen glauben immer, die Urteile absolut fassen zu können und sind so glücklich in ihren absoluten Urteilen.
[ 36 ] You see, my dear friends, times change—as they say—but people always believe they can make absolute judgments and are so content with their absolute judgments.
[ 37 ] Man braucht wahrhaftig nicht dem englischen Wesen, dem englischen Volkstum — demjenigen, was viele Engländer sind, die da glauben, gute Engländer zu sein — feindlich zu sein, wenn man ein vielleicht vielen Engländern unrichtig dünkendes Urteil abgibt, so wie ich es gestern abgegeben habe über Sir Edward Grey. Aber, meine lieben Freunde, ich bin nicht gewohnt, meine Urteile abzugeben, ohne sie irgendwie gestützt zu haben, und zwar gestützt zu haben von derjenigen Seite, wo man berechtigterweise gestützt wird. Sie können sagen: Derjenige, der dieses Urteil abgegeben hat, ist kein Engländer, er kennt auch Sir Edward Grey nicht aus der Nähe. — Nun will ich Ihnen ein Urteil vorlesen von einem Mann, der Engländer ist, der auch Sir Edward Grey aus der Nähe kennt, weil er ein Ministerkollege von ihm war. Dieser Mann also, der jedenfalls auch ein Engländer ist, hat über Sir Edward Grey folgendes Urteil abgegeben die Zeilen sind im Winter 1912/1913 geschrieben:
[ 37 ] One truly need not be hostile to the English character, to English folkways—to what many Englishmen are, who believe themselves to be good Englishmen—when one makes a judgment that may seem incorrect to many Englishmen, just as I did yesterday regarding Sir Edward Grey. But, my dear friends, I am not in the habit of making judgments without having supported them in some way—and specifically, having supported them from the side where one is justifiably supported. You might say: The person who made this judgment is not an Englishman; nor does he know Sir Edward Grey personally. — Now I will read you a judgment by a man who is English and who also knows Sir Edward Grey personally, because he was a fellow minister of his. This man, who is in any case also English, has made the following judgment about Sir Edward Grey—these lines were written in the winter of 1912–1913:
Es ist für uns, die wir Grey seit Anbeginn seiner Laufbahn kennen, sehr unterhaltsam zu beobachten, wie er seinen kontinentalen Kollegen imponiert. Sie scheinen irgend etwas in ihm zu vermuten, was durchaus nicht in ihm steckt. Er ist einer der hervorragendsten Sportangler des Königreichs und ein recht guter Tennisspieler. Politische oder diplomatische Fähigkeiten besitzt er wirklich nicht; man müßte denn eine gewisse ermüdende Langweiligkeit seiner Art zu reden und ein seltsames Beharrungsvermögen als solche anerkennen. Rosebery sagte einmal von ihm, er mache einen so konzentrierten Eindruck, weil er nie einen eigenen Gedanken habe, der ihn von einer Arbeit ablenken könne, die man ihm mit genauen Direktiven in die Hand gegeben. Als neulich ein etwas temperamentvoller fremder Diplomat sich bewundernd über Greys leise Art äußerte, die nie erkennen lasse, was in ihm vorgehe, meinte ein vorwitziger Sekretär: «Ist eine tönerne Sparbüchse bis oben mit Gold gefüllt, so klappert sie allerdings nicht, wenn man sie schüttelt. Ist aber kein einziger Penny drin, so klappert sie auch nicht. Bei W. C. (Winston Churchill) klappern ein paar Tickis so laut, daß es einem auf die Nerven geht, bei Grey nicht das geringste Klappern. Nur wer die Büchse in der Hand hält, kann wissen, ob sie ganz voll oder ganz leer ist!» Das war frech, aber gut gesagt.
Ich glaube, daß Grey einen sehr anständigen Charakter hat, wenn ihn auch eine gewisse stupide Eitelkeit gelegentlich einmal verführen mag, sich auf Angelegenheiten einzulassen, von denen Hände, die auf unbedingte Sauberkeit halten, besser wegblieben. Seine Entschuldigung ist aber immer, daß er aus sich selbst heraus keine Sache zu übersehen und durchzudenken vermag. Er, der von sich aus in keiner Weise ein Intrigant ist, kann, sobald ein geschickter Intrigant sich seiner bedienen mag, als der vollkommenste Intrigant erscheinen. Darin lag für politische Intriganten schon immer eine Versuchung, sich gerade ihn zum Werkzeug zu wählen, und allein diesem Umstande verdankt er seine heutige Stellung [...].
Die Leute, die diese glatte, hohle Kugel einst ins Rollen brachten, würden mit ihrem Laufe sicher schr zufrieden sein. Aber zum Teil sind sie tot, zum Teil von der politischen Bildfläche verschwunden, zum Teil nehmen sie kein Interesse mehr an den Dingen, die sich jetzt ereignen. Wenn die Kugel, die wir mit beängstigender Geschwindigkeit dahinrollen sehen, das Andenken an sie noch immer in denen wachhält, welche die Geschichte dieses Landes während der letzten zehn Jahre kennen, so sind daran die abschüssige Ebene schuld, auf die man sie geworfen, und der geringe Widerstand, dem sie bisher während ihres Laufes begegnete.
For those of us who have known Grey since the very beginning of his career, it is quite entertaining to watch him impress his continental colleagues. They seem to suspect something in him that he certainly does not possess. He is one of the finest sport fishermen in the Kingdom and a quite good tennis player. He truly possesses no political or diplomatic skills—unless one were to regard a certain tedious monotony in his manner of speaking and a strange tenacity as such. Rosebery once said of him that he made such a focused impression because he never had a thought of his own that might distract him from a task entrusted to him with precise instructions. When a somewhat spirited foreign diplomat recently expressed admiration for Grey’s quiet manner, which never reveals what is going on inside him, a cheeky secretary remarked: “If a clay piggy bank is filled to the brim with gold, it certainly doesn’t rattle when you shake it. But if there isn’t a single penny in it, it doesn’t rattle either.” With W. C. (Winston Churchill), a few coins rattle so loudly that it gets on your nerves; with Grey, not the slightest rattle. Only the person holding the box can know whether it’s completely full or completely empty!” That was cheeky, but well said.
I believe that Grey has a very decent character, even if a certain mindless vanity may occasionally tempt him to get involved in matters that those who insist on absolute integrity would do well to avoid. His excuse, however, is always that he is incapable, on his own, of surveying and thinking through a matter. He, who is by no means a schemer in his own right, can appear to be the most consummate schemer as soon as a skilled schemer chooses to make use of him. This has always been a temptation for political schemers to choose him specifically as their tool, and it is solely to this circumstance that he owes his current position [...].
The people who once set this smooth, hollow sphere rolling would surely be pleased with its progress. But some of them are dead, some have disappeared from the political scene, and some no longer take an interest in the events unfolding today. If the sphere, which we see rolling along at an alarming speed, still keeps their memory alive in those who know the history of this country over the last ten years, it is due to the sloping plain onto which it was thrown and the scant resistance it has encountered so far during its course.
[ 38 ] Das ist ein Engländer, ein Ministerkollege des Sir Edward Grey, der das sagt!
[ 38 ] It's an Englishman, a fellow minister of Sir Edward Grey, who says that!
[ 39 ] Nun, meine lieben Freunde, es handelt sich doch darum, solche Dinge ein wenig ins Auge zu fassen, und zwar aus dem Grunde, damit man nicht glaubt, daß der Friede von Europa im Juli 1914 just in solchen Händen ganz besonders gut aufgehoben war. Mit einer Reihe von in allerlei Büchern verzeichneten Dokumenten kann man ja alles beweisen, aber es handelt sich bei diesen Dingen um die Frage, ob die Kräfte, auf die es ankommt, in richtiger Weise gehandhabt worden sind.
[ 39 ] Well, my dear friends, the point is to consider such matters a little more closely—precisely so that one does not believe that the peace of Europe in July 1914 was particularly well in the hands of precisely such people. Of course, one can prove anything with a series of documents cited in all sorts of books, but the real question here is whether the forces that matter were handled properly.
[ 40 ] Etwas, meine lieben Freunde, müssen Sie doch ins Auge fassen, nämlich daß historische Ereignisse auseinander hervorgehen, daß sie sich langsam herausbilden. Und das, was zuletzt zu den Ereignissen von 1914 geführt hat, hat sich schon lange vorbereitet, richtig lange vorbereitet. Nun ist allerlei gesagt worden über diese Vorbereitung, so zum Beispiel ist gesagt worden: Ja, eine Art «gemeinsames Einverständnis» des sogenannten Dreiverbandes, der «Entente cordiale», gegen Mitteleuropa gibt es nicht oder hat es nicht gegeben; es hat sich bei dieser Entente cordiale immer nur darum gehandelt, dafür zu sorgen, daß Europa den Frieden habe, richtig den Frieden habe. — Es sind mancherlei Tatsachen angeführt worden, welche als scheinbare Beweise für eine solche Supposition genommen worden sind. Nun, ich müßte Ihnen natürlich lange Geschichten erzählen, wenn ich dasjenige zum vollen Beweis erheben wollte, was ich zu sagen habe, aber immerhin, einzelne Anhaltspunkte möchte ich Ihnen doch geben.
[ 40 ] There is one thing, my dear friends, that you must bear in mind: namely, that historical events unfold gradually, that they develop slowly. And what ultimately led to the events of 1914 had been in the making for a long time—a very long time, in fact. Now, all sorts of things have been said about this preparation; for example, it has been said: Yes, there is no—or never was—any kind of “common understanding” among the so-called Triple Alliance, the “Entente cordiale,” against Central Europe; this Entente cordiale was always solely concerned with ensuring that Europe had peace—true peace. — Various facts have been cited that have been taken as apparent evidence for such a supposition. Well, I would of course have to tell you long stories if I wanted to provide full proof of what I have to say, but at any rate, I would still like to give you a few points of reference.
[ 41 ] Ich möchte Ihnen zum Beispiel — weil das doch einmal in der Geschichte eine gewisse Rolle spielen wird — einiges vorlesen aus einer Rede, die im Oktober 1905 in Frankreich gehalten worden ist von Jaurès. Gewiß, solche Reden sind immer einseitig, aber wenn man alles zusammenhält — und hier ist mancherlei und Wichtiges zusammenzuhalten —, so ergibt sich schon ein Urteil. Ich kann gerade dieses Beispiel wählen, weil ich über Jaurès vor einigen Wochen einiges von ganz anderer Seite her gesagt habe. Jaurès war, wie Sie wissen, Demokrat, sogar Sozialdemokrat, und — wie man auch sonst über ihn urteilen mag — er war ein Mensch, dem es ernsthaft nicht nur darum zu tun war, Friede in Europa zu halten, wie es für Europa, wenigstens für Westeuropa, angesichts mancher anderer Verhältnisse so notwendig gewesen wäre, sondern dem es auch darum zu tun war, diejenigen Menschen zusammenzurufen aus der ganzen Welt, die wirklich ernsthaft Frieden halten wollten. Jaurès hatte in einer gewissen Weise schon ein Recht, so zu sprechen, [wie er es in seiner Rede getan hat]. Also, im Oktober 1905, kurz nachdem das französische demokratische Ministerium den Delcassé — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck — «ausgeschifft» hatte, weil es sich bei einer Ministersitzung herausgestellt hatte, daß er imstande wäre, den europäischen Frieden in kurzer Zeit wirklich zu gefährden, sagte Jaurès dazumal mit Bezug auf dieses Ereignis:
[ 41 ] For example—since this will surely play a certain role in history at some point—I would like to read to you a passage from a speech delivered by Jaurès in France in October 1905. Of course, such speeches are always one-sided, but when you take everything into account—and there are many important points to consider here—a judgment naturally emerges. I can choose this particular example because a few weeks ago I said a few things about Jaurès from a completely different perspective. Jaurès was, as you know, a democrat—even a social democrat—and—whatever one may otherwise think of him—he was a man who was genuinely concerned not only with maintaining peace in Europe—as would have been so necessary for Europe, at least for Western Europe, in light of certain other circumstances—but who was also committed to bringing together people from all over the world who truly and earnestly wanted to maintain peace. In a certain sense, Jaurès was already justified in speaking that way [as he did in his speech]. So, in October 1905, shortly after the French democratic cabinet had—pardon the trivial expression—“dumped” Delcassé because it had become apparent during a cabinet meeting that he was capable of genuinely endangering European peace in a short time, Jaurès said at the time, referring to this event:
England hat den Plan erraten, der das Gehirn unseres leitenden Ministers beschäftigte, und sich gerüstet, ihn in der Stille auszubeuten. Die deutsche Industrie und der deutsche Handel bedrohen alle Tage mehr und mehr den Handel und die Industrie Englands auf allen Weltmärkten. Es wäre zynisch und skandalös für England, Deutschland den Krieg zu erklären einzig, um dessen Militärmacht zu zerstören, seine Flotte zu vernichten und seinen Welthandel zu ersticken. Aber wenn eines Tages zwischen Frankreich und Deutschland ein Streit entstünde und wenn Frankreich Rechtsgründe anriefe, Forderungen nach nationaler Unversehrtheit und Menschenrecht geltend machte, so könnte sich hinter diesen herrlichen Vorwänden das Kalkül der englischen Kapitalisten verbergen, die mit Gewalt die deutsche Konkurrenz ersticken wollen, um so zum Ziele zu gelangen.
So kam es, daß, als Marokkos wegen Schwierigkeiten zwischen Frankreich und Deutschland ausbrachen und Deutschland, die geheime Absicht einer englisch-französischen Koalition ahnend, plötzlich eingriff, um die beiden Völker zu Erklärungen zu nötigen, England — ich bin gezwungen, dies zu sagen — viel zu sehr geneigt erschien, zum Konflikt anzureizen. Es ist wahr, daß England sich an Frankreich in dem Augenblicke, wo diese Ereignisse sich vollzogen, mit einem Defensiv- und Offensivbündnisantrage gewandt hat, worin es uns seine volle Hilfe versprach, worin es sich verpflichtete, nicht allein die deutsche Flotte zu vernichten, sondern auch den Nordostsee-Kanal und Kiel zu besetzen sowie 100000 Mann englischer Truppen in Schleswig-Holstein zu landen. Wenn dieser Vertrag unterzeichnet worden wäre — und Delcassé wollte, daß er unterzeichnet würde —, so hätte das den sofortigen Krieg bedeutet. Deshalb haben wir Sozialisten den Rücktritt Delcassés gefordert und dadurch Frankreich, Europa und der Menschheit einen Dienst geleistet.
England has figured out the plan that was occupying the mind of our leading minister and has prepared to exploit it in secret. German industry and commerce pose an ever-greater threat to England’s trade and industry in all world markets. It would be cynical and scandalous for England to declare war on Germany solely to destroy its military power, annihilate its fleet, and stifle its global trade. But if a dispute were to arise one day between France and Germany, and if France were to invoke legal grounds and assert claims to national integrity and human rights, these splendid pretexts might conceal the calculations of English capitalists who seek to stifle German competition by force in order to achieve their goals.
Thus it came to pass that, when troubles broke out in Morocco due to difficulties between France and Germany, and Germany—suspecting the secret intention of an Anglo-French coalition—suddenly intervened to force the two nations to make declarations, England—I am compelled to say this—appeared far too inclined to provoke a conflict. It is true that, at the very moment these events were unfolding, England approached France with a proposal for a defensive and offensive alliance, in which it promised us its full assistance, in which it undertook not only to destroy the German fleet, but also to occupy the North-East Sea Canal and Kiel, as well as to land 100,000 English troops in Schleswig-Holstein. If this treaty had been signed—and Delcassé wanted it to be signed—it would have meant immediate war. That is why we Socialists demanded Delcassé’s resignation, thereby rendering a service to France, Europe, and humanity.
[ 42 ] Vor allem wußte Jaurès Dinge, von denen diejenigen nichts wissen, die heute vielfach Urteile fällen, und zwar wußte er ganz wesentliche und wichtige Dinge. Und eines Tages gab er nicht mehr acht und sagte diese wichtigen und wesentlichen Dinge so, daß man daraus entnehmen konnte, daß er sie vielleicht in der Zukunft auch sagen werde. Den Okkultisten ist gut bekannt, meine lieben Freunde, wie im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ein Mitglied einer bestimmten Bruderschaft gewisse Dinge der Welt bekanntgegeben hat, die nach Meinung dieser Bruderschaft nicht hätten ausgetratscht werden dürfen. Aber nachdem der Betreffende diese Dinge gesagt hatte, verschwand er eines Tages; er wurde ermordet. Jaurès war zwar kein Okkultist, aber man wird ja neugierig sein dürfen, ob die Welt jemals die Zusammenhänge erfahren wird, welche am Vorabend des Krieges zu seinem Tode geführt haben.
[ 42 ] Above all, Jaurès knew things that those who pass judgment so readily today know nothing about—and he knew things that were quite essential and important. And one day, he let his guard down and spoke of these important and essential things in such a way that one could infer he might say them again in the future. It is well known to occultists, my dear friends, how in the first third of the 19th century a member of a certain brotherhood revealed certain things about the world that, in the opinion of that brotherhood, should not have been divulged. But after the person in question had spoken of these things, he disappeared one day; he was murdered. Jaurès was not an occultist, to be sure, but one may well be curious as to whether the world will ever learn the circumstances that led to his death on the eve of the war.
[ 43 ] Sehen Sie, solche Dinge, wie sie Jaurès da gesagt hat, gehen schließlich zurück auf eine gewisse Ministerratssitzung — jene Ministerratssitzung, in welcher Delcassé, die Kreatur König Eduards VII. und anderer Kreaturen, die dahinterstanden, aus dem damaligen französischen Ministerium «ausgeschifft» worden ist, vielleicht nicht einmal so sehr aus dem Grunde, weil er zum Kriege die Wege ebnen wollte, sondern aus einem ganz andern Grunde — wir sind im Jahre 1905, meine lieben Freunde! Rußland ist eben noch nach Osten hinüber engagiert, und es ist nicht zu hoffen, daß es, wenn im Westen das Feuer, das Delcassé schürt, wirklich zum Brennen kommt, dann so abgeht, wie es später abgehen würde, wenn Rußland nicht mehr im Osten engagiert wäre — wir stehen im Jahre 1905! Aber Delcassé ist kein Mensch, der die Dinge so einfach hinnimmt. Als ihm die Leute, die dazumal zu diesem Zeitpunkt keinen Krieg in Europa wollten, sagten, er habe alle Anlage dazu, es ganz sicher zu einem Kriege zu treiben, da antwortete er, Frankreich sei von England verständigt worden, daß dieses bereit sei, den Kaiser-Wilhelm-Kanal zu besetzen und mit hunderttausend Mann in SchleswigHolstein anzugreifen; wenn Frankreich es wünsche, wolle England dieses Anerbieten schriftlich wiederholen. Diese Nachricht, die Delcassé dazumal seinen Ministerkollegen, die ihm den Stuhl vor die Türe setzten, überbrachte, war selbstverständlich das Ergebnis von Verhandlungen, die er hinter dem Rücken seiner Ministerkollegen geführt hatte und hinter denen im wesentlichen auch der damalige König Eduard VII. steckte.
[ 43 ] You see, things like what Jaurès just said ultimately go back to a certain Cabinet meeting—that Cabinet meeting in which Delcassé, the puppet of King Edward VII and other puppets behind him, was “ousted” from the French government of the time, perhaps not even so much because he wanted to pave the way for war, but for an entirely different reason—we are in the year 1905, my dear friends! Russia is still engaged in the East, and there is no hope that, if the fire Delcassé is stoking in the West really breaks out, things will turn out as they would later if Russia were no longer engaged in the East—we are in the year 1905! But Delcassé is not a man who accepts things so easily. When the people who, at that time, did not want a war in Europe told him that he had every intention of to drive the situation to war with absolute certainty, he replied that France had been informed by England that the latter was prepared to occupy the Kaiser Wilhelm Canal and attack Schleswig-Holstein with 100,000 men; if France so desired, England would be willing to repeat this offer in writing. This news, which Delcassé conveyed at the time to his fellow ministers—who had just shown him the door—was, of course, the result of negotiations he had conducted behind his fellow ministers’ backs, and behind which King Edward VII was essentially the driving force.
[ 44 ] Nun könnte ich Ihnen vieles anführen, was diese nicht nur im «Matin», sondern später auch in andern Journalen stehende Tatsache bewahrheiten würde, aber ich will nur darauf aufmerksam machen, daß dazumal sich immerhin jemand fand, der sich die Geschichte ein wenig näher anschaute und dem sie etwas bedenklich vorkam. Und das war eine Persönlichkeit, welche vielleicht manchen gerade in Frankreich nicht sympathisch sein kann, nämlich der klerikale Senator Gaudin de Villaine, der am 20. November 1906, als schon das Ministerium Clemenceau im Amt war, eine Interpellation einbrachte, wie es sich denn eigentlich verhielte mit den Beziehungen zwischen Frankreich und England, von denen man so viel redete. Da sagte Clemenceau, was den Revanchegedanken betreffe, so sei er entrüstet darüber, daß ein französischer Senator ihm habe eine Falle stellen und die Verpflichtung auferlegen wollen, entweder [die «guten» Franzosen] — das heißt die Brüder der «Groß-Orient»-Loge — zu enttäuschen oder eine Kriegserklärung abzugeben; er werde also nicht antworten. Das heißt: Clemenceau erwidert auf die Anfrage des Senators, ob irgend etwas bestehe, was durch eine Koalition zwischen Frankreich und England zu einem europäischen Kriege führen könnte, er werde nicht antworten, denn würde er antworten, so müßte er entweder die Brüder der «Groß-Orient»-Loge in bezug auf den Revanchegedanken enttäuschen oder eine kriegerische Erklärung abgeben. Also Sie sehen: Clemenceau hätte eine kriegerische Erklärung abgeben müssen, wenn er sich über die damaligen Beziehungen zwischen Frankreich und England hätte aussprechen wollen; nicht eine friedliche, eine kriegerische Erklärung hätte er abgeben müssen das hat er selbst gesagt. Das war also im Jahre 1906.
[ 44 ] Now, I could cite many examples that would corroborate this fact, which appeared not only in Le Matin but later in other newspapers as well, but I simply wish to point out that, at the time, there was at least one person who took a closer look at the story and found it somewhat questionable. And that was a figure who may not be to everyone’s liking, particularly in France—namely, the clerical Senator Gaudin de Villaine, who, on November 20, 1906, when the Clemenceau ministry was already in office, submitted an interpellation asking what the actual state of affairs was regarding relations between France and England, which had been the subject of so much discussion. Clemenceau then said that, as far as the idea of revenge was concerned, he was outraged that a French senator had sought to set a trap for him and impose upon him the obligation either to disappoint [the “good” French]—that is, the brothers of the “Grand Orient” Lodge—or to issue a declaration of war; he would therefore not answer. In other words: In response to the senator’s question as to whether there was anything that could lead to a European war through a coalition between France and England, Clemenceau stated that he would not answer, for if he did, he would either have to disappoint the brothers of the “Grand Orient” Lodge regarding the idea of revenge or issue a declaration of war. So you see: Clemenceau would have had to issue a declaration of war if he had wanted to speak out about the relations between France and England at that time; he would have had to issue not a peaceful declaration, but a declaration of war—he said so himself. That was in 1906.
[ 45 ] Wir dürfen nun nicht vergessen, meine lieben Freunde, daß bei allen Dingen in der Welt das wirkt, was der eine von dem andern hört. Können Sie sich vorstellen, wie man in Mitteleuropa an die «friedlichen» Absichten Westeuropas hätte glauben sollen, wenn man nicht eine, sondern viele, viele solche Tatsachen von diesem Kaliber hören mußte? Nun, es kommt, wenn man diese Dinge beurteilen will, mancherlei in Betracht. Es kommt in Betracht, daß es, wenn man dieses Mitteleuropa im weiteren Sinn betrachtet, das Allerunsinnigste ist, so ohne weiteres von seinem Militarismus zu sprechen, denn dieser Militarismus ist für ein zwischen zwei Militärstaaten eingeschlossenes Land die selbstverständliche Folge, die historische Folge gewesen, um eben bestehen zu können zwischen den beiden Militärstaaten.
[ 45 ] We must not forget, my dear friends, that in all matters in the world, what one hears from others has a significant impact. Can you imagine how people in Central Europe could have been expected to believe in the “peaceful” intentions of Western Europe if they had heard not just one, but many, many such facts of this caliber? Well, when one seeks to assess these matters, there are various factors to consider. One must consider that, when viewing Central Europe in a broader sense, it is utterly nonsensical to speak so readily of its militarism, for this militarism has been the natural and historical consequence for a country sandwiched between two military states—a consequence necessary simply to survive between them.
[ 46 ] Nun können gewisse Menschen, welche jeden Wirklichkeitssinnes bar sind, freilich fragen: Ja, aber sind denn nicht allerlei Abrüstungsvorschläge gemacht worden? — Man prüfe nur einmal diese Abrüstungsvorschläge! Nicht wahr, irgend etwas, was man erreichen will, braucht man ja nicht auf einem Wege zu erreichen, man kann es ja auf verschiedenen Wegen erreichen. Ganz selbstverständlich wäre es gewissen Leuten — ich sage nicht den Völkern —, es wäre gewissen Leuten in Westeuropa recht lieb gewesen, dasjenige, was sie erreichen wollten und wollen, nicht durch einen Krieg erreichen zu müssen, in dem von allen Seiten Hunderttausende und Hunderttausende ihr Blut vergießen müssen, [sondern sie wären auch zufrieden gewesen], es so erreichen zu können, daß sie sich nachher — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck — die Finger hätten ablecken und sagen können: «Wir haben Frieden gemacht!» Also, meine lieben Freunde, wenn es sich darum handelt, irgend etwas zu erreichen, so kann man das mit verschiedenen Mitteln erreichen wollen. Eines der Mittel für die westeuropäischen Politiker von einem gewissen Schlage war der Abrüstungsvorschlag, der da in die Welt gesetzt worden ist, denn er war nur dazu da, um eben auf einem andern Wege das zu erreichen, was man erreichen wollte. Nachdem der Abrüstungsvorschlag nicht zur Wirklichkeit geworden war, [mußte auf anderem Wege erreicht werden], was man auf diese Weise nicht erreichen konnte. Selbstverständlich — hätte man Mitteleuropa ohne Krieg, durch Abrüsten, einschnüren können, so hätte man es lieber ohne Krieg getan, aber es war nur ein anderer Weg, um dasselbe zu erreichen.
[ 46 ] Now, certain people who lack any sense of reality might well ask: “Yes, but haven’t all sorts of disarmament proposals been made?”—Just take a look at these disarmament proposals! After all, there’s no need to achieve something in just one way; it can be achieved in various ways. Naturally, certain people—I’m not talking about nations—certain people in Western Europe would have been quite happy not to have to achieve what they wanted and still want through a war in which hundreds of thousands upon hundreds of thousands on all sides would have to shed their blood, [but they would also have been satisfied] to be able to achieve it in such a way that afterward—forgive the trivial expression—they could have licked their fingers and said, “We’ve made peace!” So, my dear friends, when it comes to achieving something, one can seek to achieve it by various means. One of the means employed by Western European politicians of a certain ilk was the disarmament proposal that was put forward, for it served only to achieve, by a different route, what they wanted to achieve. Since the disarmament proposal did not become a reality, [what could not be achieved in this way] had to be achieved by other means. Of course—if Central Europe could have been strangled without war, through disarmament, that would have been the preferred option, but it was merely another way to achieve the same end.
[ 47 ] Man darf sich nicht täuschen lassen durch Worte, man darf sich nicht täuschen lassen durch Illusionen, sondern man muß sich klar sein darüber, was die Leute wollen. Und da muß man immer wieder und wieder, meine lieben Freunde, die gesund denkenden Menschen, die Menschen, die wirklich das wollen, was sie sagen, in Schutz nehmen, wenn sie unter dem Einfluß von Haß und allerlei andern unguten Gefühlen identifiziert werden mit Menschen, die dies oder jenes [mit Absicht] herbeiführen. Man muß sie in Schutz nehmen und sich klar sein darüber, wie ungerecht es ist, zu sagen: Die Engländer haben dies oder jenes getan, die Engländer sind an diesem oder jenem schuld. — Das ist kein vernünftiges Urteil, aber es ist auch nicht vernünftig, wenn ein Engländer sich getroffen fühlt, wenn solche Dinge enthüllt werden, wie sie aus den Tatsachen heraus zum Beispiel eben jetzt angeführt worden sind.
[ 47 ] We must not be deceived by words; we must not be deceived by illusions; rather, we must be clear about what people want. And so, my dear friends, we must time and again stand up for those who think clearly—those who truly mean what they say—when, under the influence of hatred and all manner of other negative feelings, they are lumped together with people who [deliberately] bring about this or that. We must defend them and be clear about how unjust it is to say: “The English have done this or that; the English are to blame for this or that.” — That is not a reasonable judgment, but neither is it reasonable for an Englishman to feel offended when such things are revealed, as has just been demonstrated by the facts.
[ 48 ] Deshalb muß man schon darauf hinhören, wenn gerade aus der Vernunft heraus auf gewisse Dinge, die zu dem Ursachenkomplex gehören, ich möchte sagen mit Fingern hingewiesen wird. So finden wir am 13. Oktober 1905 in den «Daily News» eine Erklärung, in der von der damaligen britischen Regierung die Rede ist, also von jener britischen Regierung, die so ungeheuer viel Schuld hat an dem, was sich bis heute ereignet hat, denn der Vorgänger von Sir Edward Grey war keineswegs so weitgehend eine Null wie Sir Edward Grey selber. Sein Vorgänger, Lord Lansdowne, wußte schon viel mehr, worum es sich handelte und was er wollte, aber von einem gewissen Zeitpunkte an brauchten diejenigen, die hinter allem standen, eine Null, weil man mit dieser besser operieren konnte. Also dazumal lesen wir in den «Daily News» vom 13. Oktober 1905:
[ 48 ] That is why one must pay attention when, based on reason, certain things that are part of the complex of causes are—I would say—pointed out explicitly. For example, on October 13, 1905, we find a statement in the Daily News that refers to the British government of the time—that is, the British government that bears such an enormous share of the blame for what has happened to this day, for Sir Edward Grey’s predecessor was by no means as much of a nonentity as Sir Edward Grey himself. His predecessor, Lord Lansdowne, already understood much better what was at stake and what he wanted, but from a certain point on, those behind it all needed a nonentity, because it was easier to operate with one. So at that time, we read in the Daily News of October 13, 1905:
Es ist hohe Zeit, daß Lord Lansdowne den Teil seiner Diplomatie, für den er und seine Kollegen konstitutionell verantwortlich sind, aufklärt und verteidigt. In letzter Zeit hat sich die Neigung gezeigt, Lord Lansdowne auf ein Podium zu stellen, aber das Land wird wenig Grund haben, ihm zu danken, wenn es sich herausstellen sollte, daß er zuließ, daß es in Verwicklungen trieb, die das Risiko eines europäischen Krieges heraufbeschworen. [...] Die besten Höfe sind manchmal die Orte für Familienstreitigkeiten, aber was haben die Völker von Großbritannien oder Deutschland damit zu tun? [...] Die deutschfeindlichen Hitzköpfe in England und die englandfeindlichen Hitzköpfe in Deutschland stehen friedlichen Beziehungen allein im Weg, und große Völkerschaften mögen ihretwegen eines Tages schwer zu leiden haben.
It is high time that Lord Lansdowne clarified and defended that aspect of his diplomacy for which he and his colleagues are constitutionally responsible. Recently, there has been a tendency to put Lord Lansdowne on a pedestal, but the country will have little reason to thank him if it turns out that he allowed it to be drawn into entanglements that raised the risk of a European war. [...] The finest courts are sometimes the scenes of family quarrels, but what do the peoples of Great Britain or Germany have to do with that? [...] The anti-German hotheads in England and the anti-English hotheads in Germany are the sole obstacle to peaceful relations, and great nations may one day suffer greatly because of them.
[ 49 ] Man muß die Dinge an den Stellen aufsuchen, um die es sich tatsächlich handelt. Nun muß man aber auch in Betracht ziehen, daß man nicht nur anhand von vielen Tatsachen, sondern eigentlich aus der Vernunft heraus schon beweisen könnte, daß die zwei mitteleuropäischen Staatsgebilde nicht die geringste Veranlassung hatten, einen Krieg heraufzubeschwören. Denn, nicht wahr, für denjenigen, der sich Gedanken machte — wie mußte ihm ein solcher Krieg vor Augen stehen?
[ 49 ] One must examine matters in the contexts where they actually occur. But one must also take into account that one could prove—not only on the basis of numerous facts, but actually through reason alone—that the two Central European states had not the slightest reason to provoke a war. For, isn’t it true that for anyone who gave the matter any thought—how must such a war have appeared to them?
[ 50 ] Frankreich hätte sich sagen müssen, daß es bei einem Kriege, der unbedingt ein europäischer Krieg werden würde, wenn nicht gewisse Verhältnisse einträten, schwer zu leiden habe. Aber gut, in Frankreich glaubte man so etwas nicht, weil der Glaube an Frankreich, der durch Jahrhunderte Europa regiert hat, nun eben einmal vorhanden ist. Also, da in Frankreich glaubt man die Dinge nicht. In Italien sind ja ganz besondere Verhältnisse, von denen wir vielleicht, wenn wir Zeit haben, in anderem Zusammenhang noch reden werden, aber Italien konnte sich unter gewissen Voraussetzungen auch keine groRen Vorteile versprechen von einem kommenden Kriege, der alles in Europa durcheinanderwerfen würde.
[ 50 ] France should have realized that, in a war that would inevitably become a European war unless certain circumstances arose, it would suffer greatly. But then again, people in France did not believe such a thing, because the faith in France—which has ruled Europe for centuries—simply exists. So, in France, people don’t believe such things. In Italy, of course, there are very special circumstances—which we may discuss in another context if we have time—but even Italy could not expect any great advantages, under certain conditions, from a coming war that would throw everything in Europe into disarray.
[ 51 ] In Rußland sind die Verhältnisse ebenfalls ganz besondere. Wie sie sind, ja, das habe ich Ihnen schon charakterisiert, als ich Ihnen das Verhältnis Rußlands zu den slawischen Völkern, zum slawischen Volkstum charakterisierte, wobei ich noch einmal auf die «Tiefe» Sir Edward Greys aufmerksam machen möchte. Diese zeigte sich zum Beispiel darinnen: Als ihm einmal in seinen meditierenden Kopf — wie doch sein Kollege so schön sagte, er sei nur deshalb so konzentriert, weil er keinen eigenen Gedanken habe — ein Gedanke eingeflößt wurde von jener Seite, von der man ihm eben Gedanken einflößte, sagte er dann: Die russische Rasse hat eine große Zukunft und wird eine große Rolle in der Welt spielen. — Er hat dabei nur vergessen, daß man vom Slawentum gesprochen hat und es keine russische Rasse gibt und daß man Russizismus und Slawismus wirklich unterscheiden muß, wenn man von Realitäten spricht. Für Rußland sind die Verhältnisse ganz besondere, aber so, wie sie sich herausgebildet hatten, konnte man sich in Rußland einzig und allein bei denjenigen, die den Russizismus vertreten, etwas Großes versprechen von einem künftigen europäischen Krieg, nämlich wenigstens zu einem Teile das Testament Peters des Großen zu verwirklichen. Und zugleich konnte man sich viel Leid «versprechen», aber das ist ein Leid, auf das gerade der Russizismus nicht viel gibt.
[ 51 ] In Russia, too, the circumstances are quite unique. As for what they are like—well, I have already described them to you when I characterized Russia’s relationship to the Slavic peoples and to Slavic culture, and I would like to draw your attention once again to the “depth” of Sir Edward Grey. This was evident, for example, in the following: When a thought was once instilled into his meditative mind—as his colleague so aptly put it, he was only so focused because he had no thoughts of his own—by the very side that was instilling thoughts into him, he then said: “The Russian race has a great future and will play a major role in the world.” — He simply forgot that the discussion had been about Slavdom, that there is no such thing as a “Russian race,” and that one must truly distinguish between Russism and Slavism when speaking of realities. The circumstances in Russia are quite unique, but as they had developed, the only people in Russia who could hold out hope for something great from a future European war were those who advocated Russism—namely, to realize, at least in part, the legacy of Peter the Great. At the same time, one could “expect” a great deal of suffering, but this is a suffering that Russism, in particular, does not place much value on.
[ 52 ] Daß es am wenigsten etwas zu verlieren oder zu riskieren haben werde, das konnte sich England sagen, denn, nicht wahr, wir stehen jetzt schon viele Monate in diesen leidvollen Ereignissen drinnen, und wenn man abwägen würde, wer am wenigsten gelitten hat, so kann man schon sagen: Fast gar nicht gelitten hat — wenigstens in bezug auf das Urteil vor der Weltgeschichte — England. Ja, man muß sagen, [das Land, das am wenigsten gelitten hat], das ist England, und es wird noch lange Krieg führen können, ohne daß es in erheblichem Maße unter dem Kriege leidet. Aber im Gegensatz dazu konnten die sogenannten Mittelmächte durch einen solchen Krieg gewiß nichts gewinnen, und es konnte ihnen auf einen solchen Krieg nicht ankommen. Daher gab es bei ihnen immer zweierlei: erstens eine gewisse Sorglosigkeit, die nicht aus der Kenntnis der Verhältnisse stammt, sondern Charakteranlage ist — Sorglosigkeit ist ja insbesondere das Charakteristikum des Österreichers —, also auf der einen Seite Sorglosigkeit, und auf der andern Seite wurde immer wieder streng betont, daß man ja nichts wolle, als dasjenige, was man erreicht habe, zu behalten — alles andere wäre im Grunde genommen auch Unsinn gewesen. Und so wurde gar nicht als Möglichkeit gedacht, zum Beispiel irgend etwas von Serbien zu erobern, wenn der Krieg zwischen Österreich und Serbien hätte lokalisiert werden können.
[ 52 ] England could tell itself that it had the least to lose or risk, for—isn’t it true—we have already been caught up in these painful events for many months now, and if one were to weigh up who has suffered the least, one could certainly say: England has suffered almost not at all—at least in the eyes of world history. Yes, one must say, [the country that has suffered the least] is England, and it will be able to wage war for a long time to come without suffering significantly from the war. But in contrast, the so-called Central Powers certainly had nothing to gain from such a war, and such a war was of no consequence to them. Therefore, there were always two things about them: first, a certain carelessness that does not stem from knowledge of the circumstances but is a matter of character—carelessness is, after all, a particularly Austrian trait—so, on the one hand, carelessness, and on the other hand, it was repeatedly and emphatically stated that they wanted nothing more than to retain what they had already achieved—anything else would, in essence, have been nonsense. And so it never even occurred to them as a possibility, for example, to conquer any part of Serbia, if the war between Austria and Serbia could have been confined to that region.
[ 53 ] Wenn zum Beispiel in England ein Staatsmann an der Spitze gewesen wäre, der nicht schon am 23. Juli gesagt hätte: Wenn Österreich gegen Serbien Krieg führt, so kann daraus ein europäischer Krieg werden —, sondern wenn es ein Staatsmann gewesen wäre, der gesagt hätte: Wir werden unter allen Umständen unseren Einfluß dahin geltend machen, daß der Krieg lokalisiert bleibt —, so wäre etwas ganz anderes herausgekommen. Aber dann hätte man sein Urteil nicht so hinsetzen müssen wie Sir Edward Grey, der von Anfang an unter dem hypnotischen Eindruck stand: Wenn Österreich Serbien bekriegt, so kommt ein europäischer Krieg heraus. Er hat nie gefragt: Ja, was hat denn eigentlich Rußland mit dem ganzen Krieg zwischen Österreich und Serbien zu tun? — Das fiel ihm gar nicht ein, das liegt auch nicht einmal versteckt in irgendeinem von ihm ausgesprochenen Satze, sondern ihm stand immer nur die Berechtigung des russischen Einflusses in Serbien vor Augen — die Berechtigung jenes Einflusses, der allerdings auf sonderbare Weise vorbereitet und auf sonderbaren Wogen getragen worden ist, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe.
[ 53 ] If, for example, England had been led by a statesman who had not already said on July 23: “If Austria goes to war against Serbia, it could lead to a European war”—but instead had been led by a statesman who had said: ‘Under all circumstances, we will use our influence to ensure that the war remains localized’—then the outcome would have been quite different. But then one would not have had to pass judgment as Sir Edward Grey did, who from the very beginning was under the hypnotic impression that: “If Austria goes to war with Serbia, a European war will result.” He never asked: “Well, what does Russia actually have to do with the whole war between Austria and Serbia?” — That never even occurred to him; nor is it even hidden in any statement he made, but he always had only the legitimacy of Russian influence in Serbia before his eyes—the legitimacy of that influence, which, admittedly, had been prepared in a peculiar way and carried along on peculiar waves, as I have explained to you.
[ 54 ] Alles, was sich da abgespielt hat — einschließlich der zwischen den Jahren 1883 und 1887 erfolgten 364 Morde —, hat nichts zu tun mit irgendeinem Urteil über das serbische Volk, das sich tapfer geschlagen hat — selbst noch in seinem jetzigen Zustande — und dem ganz allein das Verdienst zukommt an dem einzigen Erfolge, den die Entente in den letzten Wochen dort unten gehabt hat. Kein Mensch wird, wenn er die Dinge durchschaut, das Urteil richten gegen irgendein Volk und insbesondere nicht gegen ein Volk, das bis in seine tragischsten Tage hinein gezeigt hat, daß es für dasjenige, was sein wirkliches Wesen ist, nicht nur eintreten will mit seinem Blute, sondern auch wirklich einzutreten versteht, und das in ernsten Augenblicken da ist, wenn es dasein darf. Aber es hat sich ja um eine ganz bestimmte Kampagne gehandelt — ich erinnere nur daran, daß das Attentat auf den Erzherzog Franz Ferdinand nur eine letzte große Unternehmung war und sich angeschlossen hat an eine ganze Reihe von Attentaten, welche innerhalb weniger Monate auf verschiedene österreichische Regierungsbeamte stattgefunden haben. Es handelte sich ja um eine ganz bestimmte Kampagne, die einmal da war und die mit Blick auf gewisse Leute auch ganz begreiflich ist, meine lieben Freunde. Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen in einigen Betrachtungen zuvor sagte über die okkulten Untergründe dieser Individualität des Erzherzogs Franz Ferdinand, erinnern Sie sich an diese okkulten Untergründe, erinnern Sie sich daran, daß es zwar eine Tatsache, aber doch eine paradoxe Tatsache ist, daß dieses Paar, das eigentlich doch im eminentesten Sinne slawenfreundlich war, scheinbar von slawischer Seite aus der Welt geschafft wurde — scheinbar! Ich möchte wissen, ob man nicht doch sogar aus einem gewissen Herzensverständnis heraus zeigen kann, wie recht man hat, wenn man da auf tiefere Zusammenhänge hinweist; aus einem gewissen Herzensverständnisse heraus kann man der Sache selbst nahekommen. Wir sehen einen Menschen, der im eminentesten Sinne slawenfreundlich ist, und seine Gattin getötet durch slawische Kugeln. Die Herzogin sieht im letzten Augenblick aus dem Wagen heraus auf eine in der Nähe stehende junge weibliche Person, die den Chor der Menge mit einem hellen «Nazdar!» — «Servus!» — übertönt. Die Herzogin, die dieser jungen Slawin ansichtig wird, lächelt noch wenige Augenblikke, bevor die Kugeln treffen. «Hörst Du?», ruft sie ihrem Gemahl zu, «da ist ja eine Slavka!» Dann treffen die Kugeln. Es deutet doch auf ein sonderbares Karma, daß die Herzogin, bevor die slawischen Kugeln sie treffen, noch entzückt ist, weil ihr Auge auf ihr geliebtes Slawenvolk fällt.
[ 54 ] Everything that took place there—including the 364 murders that occurred between 1883 and 1887—has nothing to do with any judgment on the Serbian people, who fought bravely—even in their current state — and to whom alone the credit is due for the only success the Entente has had down there in recent weeks. No one who sees through these matters will pass judgment on any people, and certainly not on a people that, even in its most tragic days, has shown that it is not only willing to defend its true nature with its blood, but also knows how to do so, and that it is there in moments of crisis when it is called upon to be. But this was, after all, a very specific campaign—I would simply remind you that the assassination of Archduke Franz Ferdinand was merely one final major undertaking and followed a whole series of assassinations that took place within a few months against various Austrian government officials. It was, after all, a very specific campaign that took place at that time, and one that is quite understandable when viewed in relation to certain people, my dear friends. Recall what I told you earlier in some reflections about the occult undercurrents of Archduke Franz Ferdinand’s personality; do you remember these occult undercurrents? Do you remember that it is indeed a fact—albeit a paradoxical one—that this couple, who were in fact, in the most eminent sense, friendly toward the Slavs, were apparently eliminated by the Slavic side—apparently! I would like to know whether one might not, out of a certain understanding of the heart, demonstrate just how right one is when pointing to deeper connections; out of a certain understanding of the heart, one can come close to the heart of the matter itself. We see a man who is, in the most eminent sense, a friend of the Slavs, and his wife, killed by Slavic bullets. At the very last moment, the duchess looks out of the carriage at a young woman standing nearby, who drowns out the chorus of the crowd with a bright “Nazdar!”—“Hello!”—The duchess, catching sight of this young Slavic woman, smiles for just a few more moments before the bullets strike. “Do you hear that?” she calls out to her husband, “There’s a Slavka!” Then the bullets strike. It does seem to point to a strange karma that, before the Slavic bullets strike her, the duchess is still delighted because her gaze has fallen upon her beloved Slavic people.
[ 55 ] Aber sehen Sie, ich habe Ihnen ausgeführt, daß ein Zusammenhang bestand zwischen diesen Dingen und manchen wohlpräparierten Verhältnissen auf der apenninischen Halbinsel, der weit hinübergeht [nach Osten]. Und ich frage in diesem Zusammenhang wiederum, worauf ich schon einmal hingedeutet habe: Warum wurde denn, meine lieben Freunde, in einer wenn auch schlechten Pariser Zeitung im Januar 1913 von der Notwendigkeit gesprochen, daß zum Heile der Menschheit der Erzherzog Franz Ferdinand getötet werden sollte? Warum stand denn zweimal in jenem sogenannten okkulten Almanach, von dem ich Ihnen vorher gesprochen habe, daß er bald getötet werden würde? Ich meine, man muß die Dinge zusammenschauen. Man wird finden, daß die Alchemie der Kugeln, die dazumal diesem Attentat zugrunde lag, eine sehr komplizierte war und daß die Kugeln, wenn sie auch aus einem serbischen Arsenal stammten, noch von einer ganz andern Seite her «gesalbt» waren, wenn ich mich symbolisch ausdrücken darf — wirklich, sie waren noch von ganz anderer Seite her gesalbt. Aber das sind Dinge, die man zum Beispiel in Österreich vor sich hatte — man darf das nicht vergessen.
[ 55 ] But you see, I have explained to you that there was a connection between these events and certain carefully orchestrated circumstances on the Apennine Peninsula, which extend far [to the east]. And in this context, I ask once again—as I have already hinted at before—: Why, my dear friends, was there a mention in a Parisian newspaper—albeit a poor one—in January 1913 of the necessity that Archduke Franz Ferdinand be killed for the sake of humanity? Why did that so-called occult almanac, which I spoke to you about earlier, state twice that he would soon be killed? I believe one must look at these things in their entirety. One will find that the alchemy of the bullets that underlay this assassination at the time was a very complicated one, and that the bullets—even though they came from a Serbian arsenal—had been “anointed” from an entirely different source, if I may express myself symbolically—truly, they had been anointed from an entirely different source. But these are things that were happening, for example, in Austria—we must not forget that.
[ 56 ] Denken Sie sich einmal, daß die Schweiz umgeben wäre von lauter Hassern. Ich weiß nicht, ob das besonders beruhigend wirken würde, insbesondere wenn dieser Haß nicht nur in der Weise zum Ausdruck kommt, wie es zum Beispiel in Rumänien gegenüber Österreich zu einem Sprichwort geworden ist: «Jos cu Austria perfidă!», das heißt «Nieder mit dem heimtückischen Österreich!» — oder: «Lieber russisch als österreichisch!» und so weiter. Ich meine, wenn solche Dinge vorliegen, wenn man bedenkt, was alles in Italien geschrieben worden ist, ziemlich lange, bevor der Krieg gegen Österreich ausgebrochen ist, dann konnte man wirklich nicht besonders beruhigt sein. Und nun hat man eine ganz besonders organisierte Kampagne, die sich weithinein nach Österreich erstreckte, gebildet. Ich will kein Reich verteidigen, ich will Ihnen nur Tatsachen vorführen.
[ 56 ] Just imagine for a moment that Switzerland were surrounded by nothing but haters. I don’t know if that would be particularly reassuring, especially if this hatred were expressed not only in the way it has, for example, become a proverb in Romania regarding Austria: “Jos cu Austria perfidă!”, which means “Down with treacherous Austria!”—or: “Better Russian than Austrian!” and so on. I mean, when such things exist—when you consider everything that was written in Italy quite a long time before the war against Austria broke out—then one really couldn’t feel particularly reassured. And now a highly organized campaign has been launched that extended far into Austria. I don’t want to defend an empire; I just want to present the facts to you.
[ 57 ] Ja, und da müssen Sie eben zwei Tatsachen einander gegenüberstellen. Als durch den bedeutenden Einfluß Lord Salisburys Österreich auf dem Berliner Kongreß beauftragt wurde, Bosnien und die Herzegovina zu okkupieren, als also England in den siebziger Jahren Österreich das Mandat gab, diese Balkanaktion «zum Heile Europas» vorzunehmen, da war in Österreich die heftigste Opposition gegen die Angliederung von Bosnien und der Herzegovina, weil die Deutschen in Österreich sagten: Slawen haben wir ohnedies schon genug, wir können unmöglich so viele Slawen konsumieren. — Wäre in Österreich die Idee aufgetaucht, irgendein Stück von Serbien durch den jetzigen Krieg zu erwerben, so hätte das, wohlverstanden, in Österreich die allerschärfste Opposition erfahren, denn man hätte keine größere Torheit begehen können, als irgendein Stück von serbischer Erde haben zu wollen; man wollte nur das Reich zusammenhalten, um der Kampagne zu begegnen. Das muß als aufrichtig genommen werden; wenn es auch vielleicht sorglos war, aber es war schon aufrichtig. Und man kann, wenn man die Dinge objektiv betrachtet, nicht anders als ausschließen, daß durch das Ultimatum von Österreich an Serbien dieser Krieg veranlaßt worden wäre, wenn nicht Rußland die Ihnen ja wohlbekannte Haltung eingenommen hätte, trotzdem es keinen Grund hatte zu denken, daß Österreich irgendwelche Eroberungen machen wollte. Aber man muß bei allen diesen Dingen auch an Stimmungen denken, meine lieben Freunde, vor allem an Stimmungen denken. Durch all das, was ich Ihnen erzählt habe, sind selbstverständlich nicht nur Stimmungen an der Peripherie, sondern auch in Mitteleuropa entstanden.
[ 57 ] Yes, and there you simply have to weigh two facts against each other. When, through Lord Salisbury’s significant influence, Austria was commissioned at the Congress of Berlin to occupy Bosnia and Herzegovina—that is, when England gave Austria the mandate in the 1870s to undertake this Balkan campaign “for the good of Europe”—there was fierce opposition in Austria to the annexation of Bosnia and Herzegovina, because the Germans in Austria said: “We already have enough Slavs as it is; we can’t possibly absorb so many more.” — If the idea had arisen in Austria to acquire any part of Serbia through the current war, that would, mind you, have met with the sharpest possible opposition in Austria, for one could not have committed a greater folly than to want any piece of Serbian soil; the aim was merely to hold the empire together in order to face the campaign. That must be taken at face value; even if it was perhaps reckless, it was nonetheless sincere. And if one considers the matter objectively, one cannot help but rule out the possibility that Austria’s ultimatum to Serbia would have triggered this war had Russia not adopted the stance with which you are well acquainted—even though it had no reason to believe that Austria intended to make any territorial gains. But in all these matters, my dear friends, one must also consider public sentiment—above all, public sentiment. Everything I have told you has, of course, given rise to public sentiment not only on the periphery but also in Central Europe.
[ 58 ] Nun möchte ich Ihnen ein kleines Beispiel anführen für etwas, was Ihnen zeigen kann, wie man über solche Dinge doch zu einem Urteil kommen kann, wenn man ernsthaft darauf ausgeht, sich ein gültiges Urteil zu bilden. Nicht wahr, es ist interessant, nach gewissen Punkten gerade zu bestimmten Zeiten hinzuschauen, denn nur dadurch erkennt man etwas. Man kann also die Frage aufwerfen: Wie mußte es aussehen in der Seele von jemandem, der sich für Österreich verantwortlich fühlte, sagen wir in der Zeit, als der Thronfolger ermordet wurde, in der Zeit, die dann darauf folgte oder auch unmittelbar vorher? Nicht wahr, um zu einem gültigen Urteile zu kommen in bezug auf die Stimmung in Österreich bei ehrlichen Leuten, würde es das beste sein — damit man nicht durch das, was später das Attentat ausgelöst hat, beeinflußt ist —, wenn man jene Zeit nehmen würde, die dem Attentat unmittelbar vorangeht, denn da kann man am besten sehen, wie man dazumal dachte. Also Sie sehen, wie vorsichtig ich zu sein versuche. Ich nehme nicht die aufgeregten Gemüter nach dem Attentat, sondern ich sage: Schauen wir einmal hin, was in der Seele des ehrlichen Österreichers lebte unter all den Einflüssen, die sich geltend machten, seit Delcass£, seit der italienische Außenminister Tittoni an die Macht kamen — immer mit Rücksicht darauf, was Westeuropa im Zusammenhange mit Osteuropa, mit Rußland tat. Nun, ich kann Ihnen ein solches Urteil dadurch vor die Seele führen, indem ich Ihnen ein Stückchen aus einem Aufsatze vorlese, der gerade zu der Zeit geschrieben wurde, die ich jetzt meine. Er ist zwar nach dem Attentat erschienen, war aber schon in Druck, als das Attentat stattfand. Er rührt also aus den Wochen vor dem Attentat her und ist von einem Österreicher. Ein Stückchen will ich Ihnen daraus jetzt vorlesen, denn Sie haben da das Urteil eines gesund denkenden Menschen, der die Verhältnisse in Europa überschaute, bevor noch die letzte Ursache, das Attentat, eingetreten war. Sie haben da also einen Menschen, der die Verhältnisse klar überschaut und zu der Erkenntnis gelangt:
[ 58 ] Now I would like to give you a small example of something that can show you how one can indeed form a judgment about such matters if one seriously sets out to form a valid judgment. Isn’t it interesting to look at certain points at specific times, because that is the only way to truly understand something? So one might ask: What must it have been like in the soul of someone who felt responsible for Austria—say, at the time the heir to the throne was assassinated, in the period that followed, or even immediately beforehand? Isn’t it true that, in order to arrive at a valid judgment regarding the mood among honest people in Austria—so as not to be influenced by what later triggered the assassination—it would be best to focus on the period immediately preceding the assassination, for that is when one can best see how people thought at the time? So you see how careful I’m trying to be. I am not focusing on the agitated mood following the assassination, but rather I say: Let’s take a look at what was in the heart of the honest Austrian amid all the influences that had been at play since the Delcassé affair, since the Italian Foreign Minister Tittoni came to power—always taking into account what Western Europe was doing in relation to Eastern Europe and Russia. Well, I can present such an assessment to you by reading aloud a short excerpt from an essay written precisely during the period I am referring to. Although it was published after the assassination, it was already in press when the assassination took place. It therefore stems from the weeks leading up to the assassination and was written by an Austrian. I would now like to read you a short excerpt from it, for here you have the assessment of a clear-thinking person who surveyed the situation in Europe even before the final cause—the assassination—had occurred. Here, then, you have a person who clearly surveys the situation and comes to the conclusion:
Wenn die Donaumonarchie — und das wird unausbleiblich sicher der demnächstige Verlauf der Dinge sein — auf Anstiften Rußlands von den serbischen Balkanstaaten zum Kriege gezwungen wird, [...]
If the Danube Monarchy—and this will inevitably be the course of events in the near future—is forced into war by the Serbian Balkan states at Russia’s instigation, [...]
[ 59 ] — also da war noch kein Attentat gewesen —
[ 59 ] — so there hadn't been an assassination yet —
[...]so wird nach der Lage der Dinge keine Macht der Welt Rumänien und Italien von der Teilnahme am Kampfe gegen den früheren Verbündeten zurückzuhalten vermögen; die elementare Gewalt des Volkswillens wird die Politik der Dynastien und Kabinette über den Haufen rennen, und die Krone wird keinen Widerstand wagen können, weder die Savoyische noch die Hohenzollern’sche, [...]
[...]as things stand, no power in the world will be able to prevent Romania and Italy from joining the fight against their former ally; the elemental force of the people’s will will sweep aside the policies of dynasties and cabinets, and neither the Savoy nor the Hohenzollern crown will dare to resist, [...]
[ 60 ] — also weder die italienische noch die rumänische —
[ 60 ] — that is, neither the Italian nor the Romanian —
[...] wenn sie nicht sich selbst aufs Spiel setzen wollen. Das ist Wirklichkeit, die sich heute schon greifbar klar darbietet, und jede gegenteilige Meinung oder Behauptung ist Fiktion, Unwirklichkeit, und jede auf die gegenteilige Meinung gegründete Politik ist Potemkinade.
[...] unless they want to put themselves at risk. This is reality, which is already tangibly clear today, and any opinion or claim to the contrary is fiction, unreality, and any policy based on the opposite view is a Potemkin village.
[ 61 ] Es wußte jeder, daß Österreich durch den serbischen Balkanstaat auf Anstiften Rußlands zum Kriege gezwungen werden würde, daß das kommen würde. Daher wäre es das Richtige gewesen, wenn man den Krieg hätte vermeiden wollen, gerade an dieser Stelle anzusetzen und auf die Lokalisierung der Sache hinzuwirken, wozu ja die allerbesten Aussichten, auch äußerlich, vorhanden waren. Also, meine lieben Freunde, es handelt sich darum: Wenn man schon sein eigenes Gefühl mit Urteilen untermauern will, ist es notwendig, seinem Urteilen Tatsachen zugrunde zu legen, denn Urteile sind für uns Tatsachen; man muß sich bequemen, auf die Tatsachen zu sehen. Ich konnte Ihnen zur Erklärung dessen, was ich eigentlich meine, heute ja auch nur einzelne Tatsachen vorführen, aber ich führte sie Ihnen vor mit der Absicht, «Tatsachen» zu entwickeln und nichts anderes. Seien wir uns aber klar, was das Anführen solcher Tatsachen will: Es will, daß die Wahrheit gefördert werde, selbst wenn diese Wahrheit eine — verzeihen Sie den paradoxen Ausdruck — «schädliche» Wahrheit ist, aber eine solche Wahrheit kann niemals so schädlich sein wie der Irrtum. Wer die Tatsachen kennt, weiß, wie unendlich viel gelogen worden ist von dem Augenblicke an, wo man ungehindert lügen konnte, weil man ja die Möglichkeit hatte, ausschließlich die eigene Meinung zu verkünden, indem die Gegenpartei nicht gehört werden oder mindestens übertönt werden konnte durch die verschiedenen Mittel, die ja in einer so schmerzlichen Weise hervorgetreten sind. Aber, meine lieben Freunde, um das Suchen nach der Wahrheit handelt es sich, um das Eingeständnis der Wahrheit. Wenn die Leute sagen, von Mitteleuropa sei dieser Krieg angestiftet worden, so sagen sie eben wirklich nicht die Wahrheit. Sie können sie vielleicht nicht sagen, weil sie sie nicht wissen — nun ja, schön, das ist etwas anderes. Selbstverständlich, wenn so etwas geschieht wie dieser Krieg, so haben gewöhnlich beide Seiten schuld in irgendeiner Richtung, aber in verschiedener Art und Weise. Über die Schuldfrage rede ich gar nicht, aber über die Nichtsnutzigkeit der Urteile, die gefällt worden sind, rede ich — über jene Nichtsnutzigkeit der Urteile, denen es gar nicht darauf ankommt, irgendwie hinzuschauen auf dasjenige, worum es sich in Wirklichkeit handelt. Nun verlange ich nicht, meine lieben Freunde, daß diese Urteile nicht gefällt werden, denn ich weiß selbstverständlich, wie der Gang der Menschheitsevolution ist und daß insbesondere in unserer Zeit keine Neigung vorhanden ist, Urteile auf gültige Grundlagen zu stellen, denn vieles hindert die Menschen in unserer Zeit, ihre Urteile auf gültige Grundlagen zu stellen. Aber dann soll man dasjenige, worum es sich handelt, auch sagen, richtig sagen.
[ 61 ] Everyone knew that Austria would be forced into war by the Serbian Balkan state at Russia’s instigation, that this was bound to happen. Therefore, if one had wanted to avoid the war, the right course of action would have been to start right here and work toward containing the conflict, for which the very best prospects—even from an external standpoint—were indeed available. So, my dear friends, the point is this: If one wishes to underpin one’s own feelings with judgments, it is necessary to base those judgments on facts, for judgments are facts to us; one must be willing to look at the facts. To explain what I actually mean, I could only present a few individual facts to you today, but I presented them with the intention of illustrating “facts” and nothing else. But let us be clear about the purpose of citing such facts: it is to promote the truth, even if that truth is—forgive the paradoxical expression—“harmful”; yet such a truth can never be as harmful as error. Anyone who knows the facts knows how endlessly people have lied from the moment they were able to lie unhindered—because they had the opportunity to proclaim only their own opinion, while the opposing side could not be heard or was at least drowned out by the various means that have come to light in such a painful way. But, my dear friends, what is at stake here is the search for the truth, the acknowledgment of the truth. When people say that this war was instigated by Central Europe, they are simply not telling the truth. Perhaps they cannot tell it because they do not know it—well, all right, that is another matter. Of course, when something like this war happens, both sides are usually to blame in some way, but in different ways. I am not speaking at all about the question of blame, but I am speaking about the futility of the judgments that have been passed—about the futility of those judgments that do not even bother to look in any way at what is really at stake. Now, my dear friends, I do not demand that these judgments not be made, for I know, of course, the course of human evolution and that, especially in our time, there is no inclination to base judgments on valid foundations, since many things prevent people in our time from basing their judgments on valid foundations. But then one should also state what the matter is—and state it correctly.
[ 62 ] Wenn heute irgend jemand, der verbunden ist mit gewissen Ursprungsstätten dieser schmerzlichen Weltereignisse, die man heute Krieg nennt — aus einer gewissen Nachlässigkeit der Gedanken heraus noch immer «Krieg» nennen will — und sich verbunden fühlt mit dem, was in der Peripherie geschieht, wenigstens von gewissen Zentren der Peripherie aus geschieht, der soll ruhig sagen: Ja, ich will dasselbe, was man von gewissen Zentren aus will, ich will, daß die Menschen Mitteleuropas zum Teil ausgerottet, zum Teil zu Heloten gemacht werden. — Sicher, gewisse Leute in jenen Zentren wollen nicht, daß das Geistesleben Mitteleuropas zugrunde gehe; sie reden von der schönen Wissenschaftlichkeit und Geistigkeit und von der ernsten Bescheidenheit, die früher vorhanden waren. Mit andern Worten, es würde ihnen gefallen, wenn sie Herr sein könnten über dieses Territorium der Geistigkeit und der Bescheidenheit, aber in der Art, wie es ungefähr die Römer mit den Griechen gemacht haben. Selbstverständlich war die griechische Kultur die höhere Kultur, so daß die Römer die griechische Kultur nicht vernichtet haben. Selbstverständlich will auch niemand in der Entente [die deutsche Kultur vernichten] — im Gegenteil, den Leuten wird es sehr recht sein, wenn die Deutschen ihre Kultur ja recht gut fortführen, aber sie möchten es in ähnlicher Art wie etwa das Verhältnis des Römischen zum Griechischen, das heißt dasjenige, was in Mitteleuropa existiert, zu einer Art von geistigem Helotendienst machen. Dann sage man es aber! Dann verbräme man es nicht mit etwas, was geradezu lächerlich ist, denn dasjenige, was deutscher Militarismus ist — der nicht geleugnet werden soll —, ist seinem wahren Ursprung nach französischer und russischer Militarismus, denn ohne den französischen und den russischen Militarismus gäbe es keinen deutschen Militarismus.
[ 62 ] If anyone today who is connected to certain places of origin of these painful world events—which are now called “war”—and who, out of a certain carelessness of thought, still wishes to call them “war”—and who feels connected to what is happening on the periphery, at least from certain centers on the periphery, should feel free to say: “Yes, I want the same thing that is wanted from certain centers; I want the people of Central Europe to be partly exterminated and partly turned into helots.” — Certainly, certain people in those centers do not want the intellectual life of Central Europe to perish; they speak of the beautiful scientific rigor and intellectualism and of the serious modesty that once existed. In other words, they would be pleased if they could rule over this realm of intellectual life and modesty, but in much the same way that the Romans dealt with the Greeks. Of course, Greek culture was the superior culture, so the Romans did not destroy it. Of course, no one in the Entente wants to [destroy German culture]—on the contrary, people would be quite happy if the Germans were to continue their culture quite well, but they would like to reduce it—in a manner similar to the relationship between the Romans and the Greeks—that is, what exists in Central Europe—to a kind of intellectual helotry. Then let them say so! Let them not embellish it with something that is downright ridiculous, for what German militarism is—which is not to be denied—is, in its true origin, French and Russian militarism, for without French and Russian militarism there would be no German militarism.
[ 63 ] Dann sage man aber, man wolle die Helotisierung von Mitteleuropa! Man sage dann auch, daß man zufrieden sei, wenn man das erreicht habe. Dann gestehe man ruhig: Ich hasse es, daß da so ein Volk in der Mitte von Europa ist und es so machen will wie die andern Völker ringsherum. — Wenn jemand das gesteht, wenn jemand sagt: Ich hasse alles Deutsche, ich will nicht, daß die Deutschen auch so etwas haben wie die andern Völker — gut, es läßt sich mit ihm reden oder auch nicht reden, wenn er nicht will, aber er sagt die Wahrheit. Wenn er aber sagt: Ich will den deutschen Militarismus vernichten, ich will, daß die Deutschen andere Völker nicht unterdrücken, ich will, daß die Deutschen das oder jenes tun — wie es heute und seit Jahren immerfort gesagt wird —, dann lügt er. Vielleicht weiß er nicht, daß er lügt, aber er lügt, er lügt tatsächlich; er lügt objektiv, wenn auch vielleicht nicht subjektiv.
[ 63 ] Then let them say, however, that they want to turn Central Europe into a land of helots! Let them also say that they’ll be satisfied once they’ve achieved that. Then let them calmly admit: I hate that there’s a people like that in the middle of Europe who want to do things the way the other peoples around them do. — If someone admits this, if someone says: “I hate everything German; I don’t want the Germans to have anything like what other nations have”—well, you can talk to him or not, if he doesn’t want to, but he’s telling the truth. But if he says: “I want to destroy German militarism; I want the Germans to stop oppressing other nations; I want the Germans to do this or that”—as is said today and has been said for years—then he is lying. Perhaps he doesn’t realize he is lying, but he is lying; he is indeed lying; he is lying objectively, even if perhaps not subjectively.
[ 64 ] Dies, meine lieben Freunde, ist nötig: sich auf den Boden der Wahrheit zu stellen. Ich sage: Wenn diese Wahrheit auch vielleicht schädlich ist, wenn sie auch einem selber unangenehm ist, man gestehe sie sich ein, man betäube sich nicht mit Phrasen vom deutschen Militarismus, man gestehe es sich, trotzdem man es nicht möchte, daß man einen Haß hat, man gebe zu, trotzdem man es nicht möchte, daß man den Willen hat, deutschen Helotismus zu erzeugen. Man braucht vielleicht für das, was man will, eine Betäubung, aber darin liegt nicht die Wahrheit, und das ist sehr wichtig, daß man auf dem Boden der Wahrheit steht. Nun, sehen Sie, wenn man den Mut hat zur Wahrheit, dann kommt man schon immer um ein Stückchen weiter. Man muß aber diesen Mut zur Wahrheit haben.
[ 64 ] This, my dear friends, is what is necessary: to stand on the ground of truth. I say: Even if this truth may be harmful, even if it is unpleasant to oneself, one must admit it to oneself; one must not numb oneself with platitudes about German militarism; one must admit—even if one does not want to—that one harbors hatred; one must admit—even if one does not want to—that one has the will to create German helotism. You may need a form of numbing to achieve what you want, but that is not the truth, and it is very important to stand on the ground of truth. Well, you see, if you have the courage to face the truth, then you always get a little further. But you must have this courage to face the truth.
[ 65 ] Es ist ja tatsächlich so, daß jedes Volk, auch als Volk, seine Mission, seine Sendung hat in der Gesamtevolution der Menschheit und daß diese verschiedenen Missionen, diese verschiedenen Sendungen zusammen ein Ganzes bilden: eben die Evolution der Menschheit. Aber es ist ebenso wahr, daß sich einzelne Menschen, insbesondere solche, welche mit der Mission der Menschheit bekannt werden, anmaßen, in einem beschränkten Gruppeninteresse dies oder jenes zu inszenieren und dazu das, was in der Menschheit ist, zu gebrauchen.
[ 65 ] It is indeed true that every people, even as a people, has its own mission, its own calling within the overall evolution of humanity, and that these various missions, these various callings, together form a whole: namely, the evolution of humanity. But it is equally true that individual people—especially those who become acquainted with humanity’s mission—presume to stage this or that in the interest of a limited group and, to that end, to make use of what exists within humanity.
[ 66 ] Nehmen wir das Beispiel des englischen Volkes. Wenn sich dasjenige realisiert, was sich für den fünften nachatlantischen Zeitraum notwendigerweise realisieren muß, gerade durch das englische Volk sich realisieren muß, dann kann aus der Eigentümlichkeit dieses englischen Volkstums niemals ein Krieg von England in Szene gesetzt werden, denn das, was das eigentliche Wesen des englischen Volkstums in seiner welthistorischen Bedeutung für die Menschheitsevolution ausmacht, das steht im Gegensatz zu jedem kriegerischen Impuls. Das englische Volkstum macht sein Volk zu dem unkriegerischsten, das es überhaupt geben kann. Und dennoch sind vielleicht seit Jahrhunderten niemals zehn Jahre hintereinander vergangen, ohne daß England nicht Kriege geführt hätte. Wir leben eben im Reiche der Maja. Aber deshalb ist die Wahrheit doch Wahrheit.
[ 66 ] Let us take the example of the English people. If what must necessarily come to pass in the fifth post-Atlantic epoch—and must come to pass precisely through the English people—then, given the distinctive nature of this English national character, England can never initiate a war, for what constitutes the very essence of the English national character in its world-historical significance for human evolution stands in direct opposition to any warlike impulse. English national character makes its people the least warlike that can possibly exist. And yet, perhaps for centuries, not ten consecutive years have passed without England waging war. We simply live in the realm of the Maya. But that does not change the fact that the truth is still the truth.
[ 67 ] Im Wesen des englischen Volkstums liegt das Ausschließen von jeglichem Kriege. So wie es einst — jetzt nicht mehr, jetzt muß es künstlich angestachelt werden —, durch Jahrhunderte im Wesen des französischen Volkstums gelegen hat, immer wieder Kriege zu führen, so liegt es gar nicht im Wesen des englischen Volkstums, Kriege zu führen, und zwar gerade aus dem Grunde, weil die eigentümliche Konfiguration des spezifischen englisch-völkischen Geistes dahingeht, das auszubilden, was der Bewußtseinsseele der fünften nachatlantischen Zeit einverleibt werden soll. Das aber wird errungen durch alle jene Verbindungen unter Menschen, die auf der einen Seite aus logisch-wissenschaftlichem Denken und auf der andern Seite aus kommerziell-industriellem Denken hervorgehen. Und als jener Brooks Adams die Ideen, die ich Ihnen angeführt habe, in die Welt setzte, da war das von Amerika aus ein Vorstoß, um hinzuweisen auf das, was veranlagt ist [im englischen Volkstum] durch sein tieferes Volkswesen — in dem nichts von Imagination und Kriegerischem liegt, wie es zum Beispiel ganz und gar im russischen Volkswesen vorhanden ist —, um hinzuweisen auf das, worin das englische Volkstum als solches seine Weltenmission sehen soll. Nun wird es davon abhängen, ob einmal dieses Wesen des englischen Volkstums auch im tieferen Sinne, im geisteswissenschaftlichen Sinne durchschaut wird.
[ 67 ] It is inherent in the nature of the English people to reject all forms of war. Just as it was once—though no longer; now it must be artificially incited—inherent in the nature of the French people for centuries to wage war time and again, so it is not at all in the nature of the English people to to wage wars, precisely because the unique configuration of the specific English national spirit is directed toward developing what is to be incorporated into the conscious soul of the fifth post-Atlantean epoch. But this is achieved through all those connections among people that arise, on the one hand, from logical-scientific thinking and, on the other hand, from commercial-industrial thinking. And when Brooks Adams put forth the ideas I have cited to you, it was an initiative from America to point out what is inherent [in the English national character] through its deeper national essence—in which there is nothing of imagination or warlike spirit, as is, for example, entirely present in the Russian national character—to point out that in which the English national character as such should see its mission in the world. Now it will depend on whether this essence of English folk character will one day be understood in a deeper sense, in the sense of spiritual science.
[ 68 ] In äußerer Weise, meine lieben Freunde, haben es einzelne Menschen durchschaut, und wer Herbert Spencer gut kennt oder John Stuart Mill, der weiß, daß die erleuchtetsten Geister Englands dies — aber noch nicht vom geisteswissenschaftlichen, sondern von ihrem mehr materialistischen Standpunkt aus — schon voll durchschaut haben. Ich rate Ihnen daher, lesen Sie mit einer gewissen Inbrunst die politischen Aufsätze gerade von Herbert Spencer oder von John Stuart Mill; Sie können außerordentlich viel davon lernen. Und dieser Geist des Friedens, der insbesondere auch zu einem gewissen politischen Denken befähigt, wie ich schon ausgeführt habe, der ist tatsächlich von England aus auf Europa übergeflossen. Wer in dem europäischen Leben von so verschiedenen Gesichtspunkten aus drinnen gestanden hat, wie ich es wirklich von mir sagen darf, der weiß, daß zum Beispiel alle politischen Wissenschaften Mitteleuropas durchaus von England her influenziert worden sind und daß es kein Zufall ist, wenn zum Beispiel die Begründer des deutschen Sozialismus, Marx, Engels, von England her den deutschen Sozialismus begründet haben. [Und er weiß auch], meine lieben Freunde, wie leicht mitteleuropäisches Wesen mißverstanden wird.
[ 68 ] On a superficial level, my dear friends, some individuals have seen through this, and anyone who is familiar with Herbert Spencer or John Stuart Mill knows that England’s most enlightened minds have already fully grasped this—though not yet from a spiritual-scientific perspective, but rather from their more materialistic standpoint. I therefore advise you to read with a certain fervor the political essays by Herbert Spencer or John Stuart Mill in particular; you can learn an extraordinary amount from them. And this spirit of peace, which, as I have already explained, also enables a certain kind of political thinking, has indeed spread from England to Europe. Anyone who has been immersed in European life from such diverse perspectives—as I can truly say of myself—knows that, for example, all the political sciences of Central Europe have been thoroughly influenced by England, and that it is no coincidence that, for instance, the founders of German socialism—Marx and Engels—established German socialism from their base in England. [And he also knows], my dear friends, how easily the Central European spirit is misunderstood.
[ 69 ] Wahres mitteleuropäisches Wesen wird wirklich jetzt noch fast immer mißverstanden in Westeuropa. Wie sollte das denn auch anders sein? Die Bildung Mitteleuropas war so sehr vom französischen Elemente durchdrungen, daß eines der größten, bedeutendsten Werke, die damals in der größten deutschen Zeit den Ton angegeben haben — Lessings «Laokoon» — das Schicksal gehabt hat, daß Lessing sich sogar überlegte, ob er das Buch in französischer oder deutscher Sprache schreiben solle. Und im Mitteleuropa des 18. Jahrhunderts haben die gebildetsten Leute schlecht deutsch und gut französisch geschrieben — das darf man nicht vergessen. Im 19. Jahrhundert stand Mitteleuropa vor der großen Gefahr, ganz zu «verengländern», ganz durchdrungen zu werden vom englischen Wesen. Es ist kein Wunder, wenn man dieses mitteleuropäische Wesen so schlecht kennt, da es ja immerfort — auch in geistiger Beziehung — von anderen Seiten her überflutet wird. Bedenken Sie nur, was Goethe als Evolutionstheorie der Tiere und Pflanzen geliefert hat — das ist wirklich eine Stufe höher als der materialistische Darwinismus, das ist eben wirklich eine Stufe höher, so wie in der Lautverschiebung das Deutsche um eine Stufe höher liegt als das Gotisch-Englische. Aber in Deutschland selber ist der materialistische Darwinismus vom Glück begünstigt gewesen, nicht aber das eigentlich Deutsche, das Goethe’sche. Es ist also gar nicht zu verwundern, daß man das deutsche Wesen schlecht versteht und daß man sich keine Mühe gibt, dieses deutsche Wesen auch wirklich so zu verstehen, wie es verstanden werden müßte, wenn man ihm gerecht werden will.
[ 69 ] The true nature of Central Europe is still almost always misunderstood in Western Europe. How could it be otherwise? Central European culture was so deeply permeated by French influences that one of the greatest and most significant works to set the tone during the golden age of German literature—Lessing’s Laokoon—was such that Lessing even considered whether to write the book in French or German. And in 18th-century Central Europe, the most educated people wrote poorly in German and well in French—that must not be forgotten. In the 19th century, Central Europe faced the great danger of becoming entirely “Anglicized,” of being completely permeated by the English spirit. It is no wonder that this Central European spirit is so little understood, since it is constantly—even in intellectual terms—overwhelmed by influences from other quarters. Just consider what Goethe contributed as a theory of evolution for animals and plants—it is truly a step above materialistic Darwinism; it is indeed a step higher, just as German, in terms of sound shifts, is a step higher than Gothic-English. But in Germany itself, materialistic Darwinism has been favored by fortune, whereas the truly German, the Goethean, has not. It is therefore hardly surprising that the German essence is poorly understood and that no effort is made to truly understand this German essence as it ought to be understood if one wishes to do it justice.
[ 70 ] Nun, wie gesagt, namentlich in den politischen Wissenschaften war alles beeinflußt von englischer Gedankenrichtung. Aber was notwendig wird, meine lieben Freunde, das ist eine gewisse Selbsterkenntnis der Volkstümer — die Selbsterkenntnis der Volkstümer ist dringend nötig. Und bevor es nicht zu dieser Selbsterkenntnis kommt, zu der nun Herbert Spencer und John Stuart Mill nicht ausreichen, sondern der die Geisteswissenschaft zugrunde liegen muß, das Empfinden dessen, was durch die Geisteswissenschaft gegeben ist, kann kein Heil erfolgen. Bedenken Sie nur, wie schwierig es ist, zum Beispiel das folgende zu erkennen, aber das, was damit gemeint ist, liegt dem Leben zugrunde — es ist keine trockene Theorie, sondern es liegt dem Leben zugrunde. Sehen Sie, es gibt ein gewisses Verhältnis in der Seele zwischen der Vorstellung und dem Worte.
[ 70 ] Well, as I said, especially in the political sciences, everything was influenced by English thought. But what is necessary, my dear friends, is a certain self-knowledge of the peoples—the self-knowledge of the peoples is urgently needed. And until this self-knowledge is attained—for which Herbert Spencer and John Stuart Mill are insufficient, but which must be grounded in spiritual science—the perception of what is provided by spiritual science, no salvation can come about. Just consider how difficult it is, for example, to recognize the following, yet what is meant by it underlies life itself—it is not a dry theory, but rather the very foundation of life. You see, there is a certain relationship in the soul between the idea and the word.
[ 71 ] Das, was ich Ihnen jetzt vorführe, sind durchaus Tatsachen. Nehmen wir an, im Seelengefüge läge das Wort [blau] gewissermaßen auf diesem Felde, der Gedanke [gelb] auf jenem Felde:
[ 71 ] What I am about to demonstrate to you are, in fact, facts. Let us assume that, in the structure of the mind, the word [blue] lies, so to speak, in this field, and the thought [yellow] in that field:


[ 72 ] Also, das Wort auf diesem unteren Felde, der Gedanke auf dem oberen Felde. Nun ist die Sache so, daß das französische Volkstum die Tendenz hat, den Gedanken bis zum Worte herunterzudrängen, das heißt, indem gesprochen wird, den Gedanken in das Gesprochene hineinzudrücken — daher so leicht gerade auf diesem Felde das SichBerauschen am Worte, das Sich-Berauschen an der Phrase, wobei ich «Phrase» durchaus im guten Sinne meine:
[ 72 ] So, the word in the lower field, the thought in the upper field. Now the thing is that French folklore has a tendency to force the thought down into the word—that is, when speaking, to squeeze the thought into what is being said—which is why it’s so easy, precisely in this realm, to get carried away by the word, to get carried away by the phrase, whereby I mean “phrase” entirely in a positive sense:


[ 73 ] Das englische Volkstum hat eine andere Tendenz; es drückt den Gedanken unter das Wort herunter, so daß der Gedanke das Wort durchsetzt und jenseits des Wortes Realität sucht:
[ 73 ] English folklore has a different tendency; it pushes the idea beneath the word, so that the idea permeates the word and seeks reality beyond it:


[ 74 ] Das Deutsche hat die Eigentümlichkeit, nicht bis zum Worte zu gehen mit dem Gedanken. Und nur durch diese Tatsache, daß das Deutsche den Gedanken nicht bis zum Worte trägt, sondern den Gedanken im Gedanken erhält, sind Philosophen wie Fichte, Schelling, Hegel, die sonst nirgends in der Welt möglich gewesen wären, möglich geworden. Dadurch aber, meine lieben Freunde, werden sich die Menschen sehr leicht mißverstehen können, denn auch das Resultat wirklichen, richtigen Übersetzens ist ja immer nur Surrogat. Es gibt keine Möglichkeit, das, was Hegel gesagt hat, auch auf englisch oder auf französisch zu sagen. Das ist ganz ausgeschlossen; eine Übersetzung ist immer nur Surrogat. Eine gewisse Verständnismöglichkeit ist nur dadurch vorhanden, daß gewisse romanische Grundelemente noch durchgängig sind, denn ob man zum Beispiel das Wort «association» französisch oder englisch ausspricht, ist gleich — das geht alles zurück auf das Romanische. Mit solchen Dingen, [mit solchem Wissen] werden Brücken zwischen den Völkern gebaut. Aber jedes Volkstum hat seine besondere Mission, und man kann den Verschiedenheiten zwischen den Völkern nur beikommen durch die Sehnsucht nach einem wirklichen Verständnis der Mission der einzelnen Völker.
[ 74 ] The German language has the peculiarity of not carrying a thought all the way to the word. And it is precisely because German does not carry the thought all the way to the word, but rather preserves the thought within the thought, that philosophers such as Fichte, Schelling, and Hegel—who would otherwise have been impossible anywhere else in the world—became possible. But because of this, my dear friends, people can very easily misunderstand one another, for even the result of a genuine, accurate translation is, after all, always merely a surrogate. There is no way to express what Hegel said in English or French. That is entirely out of the question; a translation is always merely a surrogate. A certain possibility of understanding exists only because certain basic Romance elements are still prevalent throughout, for whether one pronounces the word “association” in French or English, for example, makes no difference—it all goes back to the Romance languages. It is through such things—[through such knowledge]—that bridges are built between peoples. But every nation has its own special mission, and the differences between peoples can only be overcome through a longing for a genuine understanding of the mission of each individual nation.
[ 75 ] Das slawische Volkstum stößt den Gedanken in das Innere zurück und hat ihn hier:
[ 75 ] Slavic folklore pushes the idea back into the inner self, where it resides:


[ 76 ] Beim slawischen Volkstum liegt das Wort dem Gedanken vollständig fern, es schwebt wie abgesondert von ihm. Die stärkste Koinzidenz zwischen Gedanke und Wort, so daß der Gedanke verschwindet gegenüber dem Worte, ist im Französischen vorhanden. Das stärkste Selbst-Ausleben des Gedankens ist im Deutschen vorhanden, weshalb auch nur im Deutschen das Wort einen Sinn hat, das Hegel und die Hegelianer geprägt haben: das «Selbstbewußtsein des Gedankens». Was für einen Nichtdeutschen ein Abstraktum ist, ist für den Deutschen das größte Erlebnis, das er haben kann, wenn er es im lebendigen Sinne versteht. Was das Deutsche will, geht darauf hinaus, die Ehe zu begründen zwischen dem Spirituellen an sich und dem Spirituellen des Gedankens. Nirgends in der Welt, meine lieben Freunde, in keinem andern Volkstum kann das so erreicht werden außer im deutschen Volkstum.
[ 76 ] In Slavic folklore, the word is completely detached from the thought; it hovers as if separate from it. The strongest coincidence between thought and word—to the point that the thought vanishes in the face of the word—is found in French. The strongest self-realization of thought is found in German, which is why only in German does the term coined by Hegel and the Hegelians have meaning: the “self-consciousness of thought.” What is an abstraction for a non-German is, for the German, the greatest experience he can have, if he understands it in its living sense. What the German people seek amounts to establishing a union between the spiritual in itself and the spiritual of thought. Nowhere in the world, my dear friends, in no other national culture can this be achieved except in the German national culture.
[ 77 ] Das hat nichts zu tun mit irgendeinem Reiche, aber es ist gefährdet für Jahrhunderte, wenn die Menschen sich ablehnend verhalten gegenüber demjenigen, was jetzt als Friedensgedanke durch die Welt geht, denn dann wird nicht bloß ein Reich in der Mitte gefährdet, sondern das ganze deutsche Wesen wird gefährdet. Daher sind diese jetzigen Tage wirkliche Schicksalstage für den, der die Dinge versteht. Und man darf, ja dürfte wenigstens hoffen, daß die Dinge anders beurteilt werden als damals, als das erste Mal gewissermaßen ein Schicksalsimpuls [in den Gang der Ereignisse] hineingeworfen wurde und man hätte nachdenken müssen, aber dann doch nicht nachgedacht hat. Damals hatte man sich in Österreich freiwillig bereit erklärt, Italien das Trentino zu geben, was dieses hätte abhalten können, von dem alten Neutralitätsgedanken abzukommen und dem Groß-Orient, dem «Grand Orient», zu folgen. Damals hat man in der Peripherie keinen Gedanken darauf verschwendet, was es eigentlich bedeutete, sich nicht zu kümmern um das, was Italien respektive die drei Leute — Salandra, Sonnino, Tittoni — da taten. Hoffentlich wird jetzt, wie die Dinge auch kommen werden, die Welt geneigter sein, diese Dinge etwas ernster zu nehmen. Aber das deutsche Element hat schon seine bestimmte Aufgabe — gerade durch die besondere Stellung des Gedankens. Und niemals wird es daher möglich sein, daß ohne das Mittun dieses in sich selbst lebenden Gedankens jene geistige Evolution sich vollziehen kann, die sich vollziehen muß. Sehen Sie, man muß die Dinge nur betrachten, wie sie sind.
[ 77 ] This has nothing to do with any particular empire, but it will be endangered for centuries to come if people reject what is now spreading throughout the world as an idea of peace; for then it is not merely an empire in the center that is endangered, but the very essence of Germany itself. That is why these present days are truly fateful days for those who understand these matters. And one may—indeed, one should at least hope—that events will be judged differently than they were back then, when, for the first time, a fateful impulse was, so to speak, thrown into the course of events, and people should have reflected on it but ultimately did not. At that time, Austria had voluntarily agreed to cede Trentino to Italy, which could have prevented Italy from abandoning its long-standing commitment to neutrality and aligning itself with the “Grand Orient.” At that time, on the periphery, no thought was given to what it actually meant to pay no heed to what Italy—or rather, those three men—Salandra, Sonnino, and Tittoni—were doing there. Hopefully, now, however things may turn out, the world will be more inclined to take these matters a bit more seriously. But the German element already has its specific task—precisely because of the special position of the idea. And therefore it will never be possible for that spiritual evolution—which must take place—to unfold without the participation of this idea that lives within itself. You see, one must simply view things as they are.
[ 78 ] Das englische Volkstum macht es notwendig, daß das Spirituelle gewissermaßen etwas materialisiert wird. Damit ist ja nichts gegen das englische Volkstum gesagt, sondern einzig und allein eine Tatsache charakterisiert. Das Spirituelle muß innerhalb des englischen Volkstums bis zu einem gewissen Grade materialisiert werden. Daher wird man dort — nur aus der Breite des Volkstums, nicht aus dem einzelnen Menschenwesen heraus — immer mehr Verständnis haben für Mediales oder Mediumähnliches oder sonst irgendwie Altüberliefertes. Gerade dort, im Alten, ist ja immer der Ursprung von vielem. Die alten Rosenkreuzer, die alten Inder und so weiter — das muß dort [im englischen Volkstum] immer in einer gewissen Weise geheiligt sein, wie die [englische] Sprache selber ja auch auf der Stufe des Gotischen zurückgeblieben ist, wobei mit dem Wort «zurückgeblieben» kein moralisches oder durch Sympathie und Antipathie eingegebenes Urteil gemeint ist, sondern eben nur die andere Stelle auf der Skala bezeichnen soll; es ist gar nichts anderes gemeint als eine Systematik, nicht etwa ein Zurückgebliebensein in der Entwicklung oder so etwas.
[ 78 ] English folklore necessitates that the spiritual be, so to speak, somewhat materialized. This is not meant as a criticism of English folklore, but simply as a description of a fact. The spiritual must be materialized to a certain degree within English folklore. That is why people there—arising solely from the breadth of the folklore itself, not from the individual human being—will have an ever-greater understanding of mediumship or medium-like phenomena, or anything else handed down from the past. It is precisely there, in the ancient, that the origin of so much is always to be found. The ancient Rosicrucians, the ancient Indians, and so on—these must always be held in a certain reverence there [in English folklore], just as the [English] language itself has remained at the level of Gothic; here, the word “remained” is not meant as a moral judgment or one based on sympathy or antipathy, but simply to indicate a different point on the scale; it signifies nothing other than a systematic classification, not a lag in development or anything of the sort.
[ 79 ] Nun, nehmen wir wirklich die Dinge, wie sie sind. Selbstverständlich kann heute jedes Volk alles verstehen, aber sehen Sie, es ist doch wahr: Was von wirklich fruchtbarem Spiritualismus im besten Sinn des Wortes, was von Okkultismus in England lebt, stammt aus Mitteleuropa, ist von dort importiert worden — dort, in Mitteleuropa, ist die Ursprungsstätte, oder es ist von anderer Seite hergenommen. Und da man in England eine besonders entwickelte Intellektualität hat, so kann man es systematisieren, man kann es auch organisieren. Ein Geist wie Jakob Böhme wäre zum Beispiel in Frankreich unmöglich, aber nachdem Jakob Böhme so ganz herausgeboren war aus dem spirituellen Denken Mitteleuropas, hat er eine große Anhängerschaft gehabt durch Saint-Martin, den sogenannten «philosophe inconnu», den unbekannten Philosophen, der ein Anhänger Jakob Böhmes war.
[ 79 ] Well, let’s really take things as they are. Of course, every people today can understand everything, but you see, it is true after all: Whatever truly fruitful spiritualism—in the best sense of the word—and whatever occultism exists in England originates from Central Europe; it has been imported from there—Central Europe is its place of origin, or it has been adopted from elsewhere. And since England possesses a particularly highly developed intellectual tradition, it is able to systematize it and organize it. A thinker like Jakob Böhme, for example, would be impossible in France, but since Jakob Böhme was so thoroughly rooted in the spiritual thought of Central Europe, he gained a large following through Saint-Martin, the so-called “philosophe inconnu,” the unknown philosopher, who was a follower of Jakob Böhme.
[ 80 ] So müssen diese Dinge zusammenwirken, und man kann in diesen Dingen nicht urteilen nach nationalen Gefühlen, sondern nur nach dem, was der Menschheit gesetzmäßig vorgegeben ist. Und in dem Augenblick, wo man sich überlegen würde, daß das Karma etwas Ernsthaftes ist, daß man also mit seinem Volkstum durch sein Karma in ähnlicher Weise zusammenhängt, wie ich es gestern charakterisiert habe, wenn man die Sache karmisch und nicht mit nationaler Passion betrachtet, wird man schon die richtige Einstellung finden. Und ich könnte mir denken, daß einmal eine Zeit kommt, wo ein in allen patriotischen Dingen so ausschließlich passionelles Volk wie die Franzosen auch begreifen lernen könnte, den Gedanken der Zugehörigkeit zum Volkstum mehr karmisch zu fassen.
[ 80 ] These things must therefore work together, and one cannot judge them based on national sentiments, but only according to what is lawfully prescribed for humanity. And the moment one considers that karma is a serious matter—that one is thus connected to one’s national identity through karma in the manner I described yesterday—if one views the matter from a karmic perspective rather than through national passion, one will already find the right attitude. And I could imagine that a time will come when even a people as exclusively passionate in all patriotic matters as the French might also learn to understand the idea of belonging to a national culture in more karmic terms.
[ 81 ] Und ich könnte mir sogar denken, daß bei der großen Veranlagung des englischen Volkes für Spiritualität es einmal gerade bei diesem Volke aus einer gewissen spirituellen Wissenschaft heraus dahin kommen könnte, gewahr zu werden, daß es auch andere Völker gibt, bei denen man ein bißchen an Gleichberechtigung denken kann, wofür man jetzt in England noch nicht das allergeringste Verständnis hat. Das ist kein Vorwurf — das am allerwenigsten —, sondern das ist eben so in England. Nicht wahr, man weiß es ja gar nicht, daß man immerfort Dinge sagt, die man zwar selbst versteht, die den anderen aber geradezu kurios vorkommen. Übertönt wird dies nur noch von dem, was die Amerikaner sagen. Bei denen ist es natürlich noch paradoxer — selbstverständlich nur für den, der eben nicht auf demselben Standpunkt steht —, dieses vollständige Fehlen des Bewußtseins dafür, daß der andere auch die Absicht hat, sich gewissermaßen nach seiner Eigenheit zu entwickeln. Bei der großen Anlage, die nun gerade das englische Volkstum für Spiritualität hat, kann schon manches, gerade auf dem Umwege der Spiritualität, in dieses Volkstum hineinkommen, besonders wenn wir in Betracht ziehen, daß dort aus dem Volkstum heraus zugleich die allergrößte Anlage vorhanden ist für das rein logische, das heißt unspirituelle Denken, für das Systematisieren. Es gibt ja natürlich nichts, worin ein solches Organisationstalent besser zum Ausdruck kommt als zum Beispiel in Herbert Spencers Schriften. In bezug auf alles das, was wissenschaftlich ist, hat das englische Volkstum das größte Organisationstalent, daher systematisiert es auch alles mit der allergrößten Begabung über die ganze Welt hin.
[ 81 ] And I could even imagine that, given the English people’s great predisposition toward spirituality, it might one day be precisely this people who, through a certain spiritual science, come to realize that there are other peoples with whom one might consider a degree of equality—a concept for which there is currently not the slightest understanding in England. This is not a criticism—far from it—but that is simply how things are in England. Isn’t it true that we are often unaware that we are constantly saying things that, while we ourselves understand them, strike others as downright strange? This is only overshadowed by what the Americans say. With them, of course, it’s even more paradoxical—though naturally only for those who don’t share their perspective—this complete lack of awareness that the other person also intends, in a sense, to develop according to their own nature. Given the great aptitude that English culture has for spirituality, many things can find their way into this culture precisely through the detour of spirituality, especially when we consider that, at the same time, this culture possesses the greatest aptitude for purely logical—that is, non-spiritual—thinking and for systematization. There is, of course, nothing in which such a talent for organization is better expressed than, for example, in Herbert Spencer’s writings. With regard to everything that is scientific, English folk culture possesses the greatest talent for organization; hence, it also systematizes everything throughout the entire world with the greatest of talents.
[ 82 ] Und nur wer wiederum die Phrase liebt und nicht die Wirklichkeit, der redet davon, daß die Deutschen ein besonderes Organisationstalent haben, ungeachtet dessen, daß dieses Talent etwas ist, was dem eigentlichen deutschen Wesen am allerfernsten liegt. Man darf nicht vergessen, daß das, was scheinbar das Deutschtum sowohl territorial als auch kulturell nach gewissen Richtungen hin hervorgebracht hat in der letzten Zeit, unter dem Druck der Eingezwängtheit zwischen Osten und Westen hervorgebracht worden ist. Da sind allerdings Eigenschaften erzeugt worden im Laufe des 19. Jahrhunderts, die in einer präziseren Weise, möchte ich sagen, ausgebildet worden sind, als bei jenen Völkern, denen sie eigentlich zugehören. Aber gerade das kann man gut begreifen, meine lieben Freunde: Selbsterkenntnis ist noch nicht überall durchgedrungen, und da die Deutschen so assimilationsfähig sind, in bezug auf gewisse Dinge so viel anzunehmen und aufzunehmen vermögen, so haben namentlich die Völker des Westens — nicht die Völker des Ostens —, Gelegenheit, vieles von dem, was sie selber sind, dadurch zu sehen, daß die Deutschen es angenommen haben. An sich selbst findet man selbstverständlich die Sache immer sehr schön — begreiflicherweise! Wenn es einem aber bei einem andern entgegentritt, da merkt man erst, [was es in Wirklichkeit ist]. Man ahnt gar nicht, wieviel von dem, was so vom Westen aus an Mitteleuropa getadelt wird, bloß der Reflex von dem ist, was vom Westen nach Mitteleuropa hereingetragen worden ist.
[ 82 ] And only those who, in turn, love rhetoric rather than reality speak of the Germans having a special talent for organization, despite the fact that this talent is something that lies furthest from the true German character. One must not forget that what has seemingly brought about German identity—both territorially and culturally—in certain directions in recent times has been brought about under the pressure of being squeezed between East and West. Indeed, certain characteristics have emerged over the course of the 19th century that, I would say, have been developed in a more precise manner than among those peoples to whom they actually belong. But this, my dear friends, is precisely what one can easily understand: self-knowledge has not yet taken hold everywhere, and since the Germans are so capable of assimilation—able to adopt and absorb so much in certain respects—the peoples of the West in particular—not those of the East—have the opportunity to see much of what they themselves are through the fact that the Germans have adopted it. Of course, one always finds such things very appealing in oneself—understandably so! But when one encounters them in another, only then does one realize [what they really are]. One has no idea how much of what is criticized by the West in Central Europe is merely a reflection of what has been brought into Central Europe from the West.
[ 83 ] Man ahnt gar nicht, was da eigentlich für ein Geheimnis verborgen liegt. Zum Beispiel ist es sehr merkwürdig, sobald man die Sache objektiv überschaut, wie insbesondere mancher Angehörige des französischen Volkes gar nicht in der Lage ist, an sich selber die Dinge zu sehen, die er so furchtbar scharf tadelt, wenn sie ihm bei einem andern, der sie unter seinem Einfluß angenommen hat, entgegentreten — vielleicht ist es ja auch nicht schön, wenn es einem imitiert entgegentritt. Aber wenn die Menschheit wirklich vorwärtskommen soll, so muß dieses Mitarbeiten des mitteleuropäischen Gedankens, den ich herausgearbeitet habe in meiner letzten Schrift «Vom Menschenrätsel», dieses Mitarbeiten des mitteleuropäischen Gedankens [an der Gesamtevolution], das muß stattfinden, meine lieben Freunde. Das ist notwendig, das kann nicht ausgeschaltet werden, das darf auch nicht brutal zerschmettert werden.
[ 83 ] You have no idea what kind of secret is actually hidden there. For example, it is very strange—once you look at the matter objectively—how some members of the French people, in particular, are completely incapable of recognizing in themselves the very things they condemn so harshly when they encounter them in someone else who has adopted them under their influence—perhaps it is indeed unpleasant to encounter them in an imitative form. But if humanity is truly to make progress, then this collaboration of the Central European idea—which I have elaborated upon in my latest work, The Riddle of Man—this collaboration of the Central European idea [in the overall evolution] must take place, my dear friends. This is necessary; it cannot be ruled out, nor must it be brutally shattered.
[ 84 ] Und nun steht die Menschheit gegenwärtig davor, ganz bestimmte Dinge, die da kommen, lösen zu müssen, vor allen Dingen etwas, worauf ich schon aufmerksam gemacht habe und was zusammenhängt mit der bewunderten modernen Technik, die ein Ergebnis der ja ebenso von der Geisteswissenschaft bewunderten Naturwissenschaft ist. Diese bewunderte moderne Technik gelangt in verhältnismäßig nicht zu ferner Zeit an ein Ende, wo sie sich in einer gewissen Weise selber aufheben wird. Dagegen wird etwas eintreten, was dahin gehen wird — ich habe die Sache hier schon angedeutet —, daß der Mensch die Möglichkeit haben wird, von jenen feinen Vibrationen, von jenen feinen Schwingungen, die in seinem Ätherleib sind, Gebrauch zu machen für die Impulsation von Mechanismen. Maschinen wird man haben, die an den Menschen gebunden sein werden, aber der Mensch wird seine eigenen Vibrationen auf die Maschine übertragen, und nur er wird imstande sein, unter dem Einfluß bestimmter von ihm erregter Schwingungen gewisse Maschinen in Bewegung zu setzen. Jene Leute, die heute die Praktiker sein wollen, werden sich in nicht gar zu ferner Zeit gegenübergestellt sehen einer vollständigen Umänderung dessen, was man Praxis nennt, wenn der Mensch mit seinem Willen eingeschaltet werden wird in das objektive Fühlen der Welt. Das ist das eine.
[ 84 ] And now humanity is currently faced with the task of resolving certain specific issues that lie ahead—above all, something I have already drawn attention to, which is connected to the much-admired modern technology that is a product of natural science, a field that is likewise admired by spiritual science. This much-admired modern technology will, in the not-too-distant future, reach a point where it will, in a certain sense, bring about its own demise. In contrast, something will come about—as I have already hinted at here—that will enable human beings to make use of those subtle vibrations, those subtle oscillations present in their etheric bodies, to drive mechanisms. There will be machines that are linked to human beings, but human beings will transmit their own vibrations to the machine, and only they will be able to set certain machines in motion under the influence of specific oscillations they themselves have generated. Those who today wish to be practitioners will, in the not-too-distant future, find themselves confronted with a complete transformation of what is called “practice,” when human beings will be integrated, through their will, into the objective perception of the world. That is one thing.
[ 85 ] Das zweite ist, daß das, was man Entstehen und Vergehen nennt — die Kräfte des Entstehens und Vergehens, die Kräfte von Geburt und Tod —, bis zu einem gewissen Grade von den Menschen durchschaut werden wird. Dazu wird nur notwendig sein, daß die Menschen sich erst moralisch reif machen. Dazu wird aber auch gehören, daß man solche Dinge durchschaut, über die man heute nur Unsinn redet. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, indem ich sagte: Da reden die Leute heute, wie man die Geburtenzahl verbessern kann da, wo die Geburten geringer werden. Und sie reden natürlich lauter Unsinn, weil sie über die Sache nichts wissen und weil man auf die Weise, wie man da die Sache erörtert, ganz gewiß das nicht erreichen kann, wovon man spricht.
[ 85 ] The second point is that what is called arising and passing away—the forces of arising and passing away, the forces of birth and death—will, to a certain extent, be understood by human beings. For this to happen, it will simply be necessary for human beings to first attain moral maturity. But this will also involve gaining insight into matters about which people today speak only nonsense. I drew attention to this when I said: People today talk about how to increase the birth rate in places where it is declining. And of course they are talking utter nonsense, because they know nothing about the matter and because, given the way the issue is being discussed, it is certainly impossible to achieve what they are talking about.
[ 86 ] Das dritte ist, daß man einer vollständigen Umwälzung des ganzen Denkens über Krankheit und Gesundheit gewahr werden wird in nicht allzu ferner Zeit, weil gerade die Medizin durchdrungen werden wird von dem, was im Geiste begriffen werden kann, weil man lernen wird, die Krankheit als ein Ergebnis von geistigen Ursachen zu erkennen. Ich habe schon gesagt, daß man dem heutigen Geisteswissenschafter nicht sagen darf: Nun ja, auf dem Gebiete des Krankheitswesens könntest du deine Kunst doch zeigen! — Man muß ihm erst die Hände freimachen! Solange alles okkupiert ist von der materialistischen Medizin, ist es unmöglich, irgend etwas auch nur im einzelnen zu tun. Hier muß man wirklich christlich, das heißt paulinisch sein und wissen, daß die Sünde von dem Gesetz kommt und nicht umgekehrt das Gesetz von der Sünde.
[ 86 ] The third point is that, in the not-too-distant future, we will witness a complete revolution in our entire way of thinking about illness and health, because medicine itself will be permeated by what can be grasped in the spirit—for we will learn to recognize illness as the result of spiritual causes. I have already said that one must not tell today’s spiritual scientist: “Well, in the field of medicine, you could certainly demonstrate your skill!” — One must first set them free! As long as everything is dominated by materialistic medicine, it is impossible to accomplish anything, even in the smallest detail. Here one must truly be Christian—that is, Pauline—and know that sin comes from the law, and not, conversely, the law from sin.
[ 87 ] Aber alle diese Dinge, welche innerhalb des fünften nachatlantischen Zeitraumes über die Menschheit kommen müssen, meine lieben Freunde, alle diese Dinge werden nicht kommen, wenn man sich nicht bequemen wird, spirituelle Gedanken an der Menschheitsevolution mitarbeiten zu lassen. Diese spirituellen Gedanken braucht man. Dazu ist aber notwendig, daß zu einer allgemeinen Einsicht werde, was heute nur einzelne einsehen. Sehen Sie, es ist zum Beispiel notwendig, daß namentlich im englischen Volkstum eine gründliche Umkehr nach einer bestimmten Richtung geschieht. Und da will ich Ihnen, damit Sie sehen, daß das, was ich sage, fundiert ist, das Urteil von Lord Acton auf einem bestimmten Gebiete mitteilen, aus dem Sie sehr viel werden sehen können. Lord Acton sagte: Der Ausländer hat in seinem Staat kein mystisches Gebilde, kein «arcanum imperii». — Man sieht, wie in den neunziger Jahren dieser Lord Acton gesund denkt, indem er das Rationalistische des englischen Volkstums mit der Anlage für das Spirituelle — wenn er auch das Spirituelle noch nicht hat — sehr schön verbindet, indem er das mystische Element durchschaut, das im englischen Imperialismus liegt. Der Imperialismus ist ein Erzeugnis der letzten Zeit, aber sein Gepräge ist ihm gegeben worden durch das mystische Element, das gerade in der englischen Spielart des Imperialismus lebt. Und dieses Mystische — es scheint sonderbar, daß ich das «mystisch» nenne, aber es ist wirklich mit Recht so zu nennen —, dieses Mystische hat auch in den äußeren Ereignissen seinen Ausdruck gefunden.
[ 87 ] But all these things that must come upon humanity during the fifth post-Atlantean epoch, my dear friends, all these things will not come unless we are willing to allow spiritual thoughts to play a part in human evolution. We need these spiritual thoughts. For this, however, it is necessary that what only a few people recognize today become a general understanding. You see, it is necessary, for example, that a fundamental shift in a certain direction take place, particularly within English culture. And so that you may see that what I am saying is well-founded, I would like to share with you Lord Acton’s judgment on a specific matter, from which you will be able to glean a great deal. Lord Acton said: The foreigner has no mystical entity in his state, no “arcanum imperii.”—One can see how, in the 1890s, this Lord Acton thinks soundly by beautifully combining the rationalistic aspect of English national character with the predisposition for the spiritual—even if he does not yet possess the spiritual itself—and by seeing through the mystical element inherent in English imperialism. Imperialism is a product of recent times, but its character has been shaped by the mystical element that thrives precisely in the English variant of imperialism. And this mystical element—it seems strange that I call it “mystical,” but it is truly rightly so called—this mystical element has also found expression in external events.
[ 88 ] England war bis in die neunziger Jahre das Musterland des ehrlichen und aufrichtigen Parlamentarismus, indem es vom Parlament abhing, der äußeren Politik ihre Impulse zu geben; durch die verschiedenen Parlamentseinrichtungen war in England das Volk bis in die neunziger Jahre wirklich mittätig in der äußeren Politik. In der Zeit, in der sich die Dinge geltend machten, von denen wir in verschiedenen Andeutungen gesprochen haben, da mußte man in England eine besondere Einrichtung schaffen, denn man kann natürlich nicht alle mögliche Drahtzieherei haben, wenn man alles vor das Parlament bringen soll. Daher hat man die Führung der auswärtigen Angelegenheiten aus dem Parlament und auch aus dem Ministerium des Äußeren herausgenommen und in einen inneren Ausschuß verlegt, dem nur der Kabinettsrat angehört und eine gewisse Kanzlei des Ministeriums des Äußeren. Da in diesem Ausschuß drinnen geht ungeheuer viel mehr vor als in alledem, dem solch ein Grey vorsteht. Das Gremium, wo die Fäden zusammenlaufen, ist seit den neunziger Jahren von der auswärtigen Politik losgetrennt, die dann eigentlich nurmehr eine Schattenpolitik war, auf die es gar nicht mehr ankam, an der man eben nur noch sieht, wenn man sie am richtigen Punkt aufsucht, was da eigentlich spielt. Also, in dem Momente, wo man diese gekennzeichnete Drahtzicherei aufnehmen wollte, da verlegte man das Aktionsfeld von dem Äußeren in das Innere, in einen sogenannten Ausschuß für das Ministerium der äußeren Politik. Lord Acton sagte:
[ 88 ] Until the 1890s, England was the model of honest and sincere parliamentarism, in that it relied on Parliament to set the course of its foreign policy; through the various parliamentary institutions, the people of England were truly involved in foreign policy until the 1890s. At a time when the developments we have alluded to in various ways were taking hold, it became necessary to create a special institution in England, for one cannot, of course, allow all manner of backroom dealings to take place if everything is to be brought before Parliament. Consequently, the management of foreign affairs was removed from Parliament and also from the Foreign Office and transferred to an internal committee comprising only the Privy Council and a certain department within the Foreign Office. For far more goes on within this committee than in all the bodies presided over by someone like Grey. The body where the threads converge has been separated from foreign policy since the 1990s; foreign policy itself had essentially become nothing more than a shadow policy, one that no longer mattered at all—and where one can only see what is actually going on if one looks in exactly the right place. So, at the very moment when one wanted to pick up on this characteristic string-pulling, the field of action was shifted from foreign affairs to domestic affairs, into a so-called committee for the Ministry of Foreign Policy. Lord Acton said:
Der Ausländer hat in seinem Staat kein mystisches Gebilde, kein «arcanum imperii». Ihm liegen die Fundamente klar zutage, jedes Motiv und jede Funktion des Mechanismus ist ihm erklärt, ist ihm deutlich wie die Räder einer Uhr. Wir dagegen mit unsrer einheimischen Verfassung, die nicht mit Händen gemacht noch auf Papier geschrieben ist, die sich ihres organischen Wachstums rühmt, wir, die wir an die Kraft der Definitionen und allgemeinen Prinzipien nicht glauben und uns auf relative Wahrheiten verlassen, wir können nichts besitzen, was an Wert den langen und lebhaften Verhandlungen zu vergleichen wäre, in denen andere Staatswesen die innersten Geheimnisse der politischen Wissenschaft jedem, der lesen kann, erschlossen haben. Die Debatten verfassunggebender Versammlungen in Philadelphia, Versailles und Paris, in Cädiz und Brüssel, in Genf, Frankfurt und Berlin, und mehr als beinahe alle die Verhandlungen in den erleuchtetsten Staaten der amerikanischen Union, so oft sie ihre Institutionen in neue Formen gegossen haben, stehen weit voran in der politischen Literatur und bieten uns Schätze, wie wir uns ihrer im eigenen Lande niemals zu erfreuen hatten.
The foreigner has no mystical construct in his state, no “arcanum imperii.” Its foundations are clearly laid bare before him; every motive and every function of the mechanism is explained to him, as clear to him as the gears of a clock. We, on the other hand, with our indigenous constitution—which is neither made by human hands nor written on paper, which prides itself on its organic growth—we, who do not believe in the power of definitions and general principles and rely on relative truths, we can possess nothing of value comparable to the long and lively deliberations in which other states have made the innermost secrets of political science accessible to anyone who can read. The debates of the constitutional assemblies in Philadelphia, Versailles, and Paris; in Cádiz and Brussels; in Geneva, Frankfurt, and Berlin—and, more than almost any other, the deliberations in the most enlightened states of the American Union, whenever they have recast their institutions into new forms—stand far ahead in political literature and offer us treasures that we have never had the pleasure of enjoying in our own country.
[ 89 ] Und trotzdem ist England das Musterland des Parlamentarismus, das Musterland des politischen Lebens, weil man das alles nicht braucht, weil es mystisch sein kann, wenn man sich nur dem eigenen Volkstum übergibt, das aber verleugnet worden ist seit den neunziger Jahren.
[ 89 ] And yet England remains the model of parliamentarianism, the model of political life, because none of that is necessary—because it can be mystical to simply surrender to one’s own national character, which, however, has been denied since the 1990s.
[ 90 ] Daß dort in England eine ganz bestimmte Aufgabe vorhanden ist gegenüber der Bewußtseinsseele der fünften nachatlantischen Zeit, bedeutet auch, meine lieben Freunde, daß dort gewisse Denkweisen volkstümlich sind — sie brauchen nicht die Denkweisen der einzelnen Menschen zu sein, aber volkstümlich sind sie —, für die in Mitteleuropa überhaupt kein Raum sein kann, gar kein Raum sein kann. Ich will Ihnen dafür ein Beispiel geben. Ein großer Geist, einer der größten Geister aller Zeiten, ist Faraday. Nun, sehen Sie, Michael Faraday hat es ausgesprochen, wie er sich als Naturforscher verhält zu den Dingen der Religion — seine Sätze sind, ich möchte sagen geradezu monumentale Sätze:
[ 90 ] The fact that there is a very specific task in England with regard to the consciousness soul of the fifth post-Atlantean epoch also means, my dear friends, that certain ways of thinking are prevalent there—they need not be the ways of thinking of individual people, but they are prevalent—for which there can be no room at all in Central Europe, absolutely no room. I will give you an example of this. Faraday is a great mind, one of the greatest minds of all time. Now, you see, Michael Faraday explicitly stated how he, as a natural scientist, relates to matters of religion—his statements are, I would say, truly monumental:
Und obwohl die Dinge der Natur niemals in Widerspruch mit den höheren Dingen kommen können, die zu unserer künftigen Existenz gehören, sondern wie alles, was Ihn betrifft, zu Seinem Ruhm gereicht, so halte ich «s durchaus nicht für nötig, das Studium der natürlichen Dinge und der Religion zusammenzubinden, und in meinem Verhältnis mit meinem Nebenmenschen sind die religiösen und die wissenschaftlichen Beziehungen stets zwei ganz verschiedene Dinge gewesen.
And although the things of nature can never conflict with the higher things that pertain to our future existence—but rather, like everything that concerns Him, contribute to His glory—I do not consider it at all necessary to link the study of natural things with that of religion; and in my dealings with my fellow human beings, religious and scientific matters have always been two entirely different things.
[ 91 ] Mit solch einer Gesinnung konnte zum Beispiel auch Darwin seinen materialistischen Darwinismus begründen und dabei ein frommer Mann bleiben in ganz bigottem Sinne, und Newton konnte der größte Dogmatiker und der bigotteste Mensch der Welt sein. Als der Darwinismus nach Mitteleuropa getragen wurde und von Haeckel aufgenommen wurde, da konnte er nicht mehr — durch seine Eigentümlichkeit des Denkens — getrennt bleiben vom religiösen Empfinden. Daher ist im Haeckelismus der Darwinismus zu einem Religionssystem geworden. Diese Dinge haben alle ihre tiefsten Gründe. Sie zeigen uns aber, wie die Menschen zusammenwirken können ohne Unterschied von Religionen, Nationalitäten und so weiter, wenn sie sich zu unterscheiden wissen als Individualitäten von den Missionen, die gerade den einzelnen Volkstümern zukommen. Und dies wird die Menschheit schon verstehen müssen, richtig verstehen müssen. Dann wird man auf der einen Seite den Volkstümern gerecht werden, und man wird nicht mehr jene traurigen Zeiten erleben müssen, in denen wir heute stehen, die nicht nur traurig sind durch das viele Blut, das vergossen wird, sondern die auch deshalb traurig sind, weil sie den Beweis geliefert haben, wie wenig Wahrheitssinn in der Menschheit vorhanden ist — ganz im allgemeinen, wie wenig Wahrheitssinn in der Menschheit vorhanden ist. Deshalb darf man hier schon reden, denn unsere Devise ist: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.» Und insbesondere darf man in diesen ernsten Zeiten auch auf solche Dinge aufmerksam machen — in solchen Zeiten, in denen das Herz ganz besonders blutet, denn statt sich mit allerlei solchen Dingen die Zeit zu vertreiben, wie es die Leute unter dem Einflusse der Journalistik tun, wäre es nützlicher, vieles andere zu beginnen.
[ 91 ] With such a mindset, Darwin, for example, was able to justify his materialistic Darwinism while remaining a devout man in the most bigoted sense, and Newton was able to be the greatest dogmatist and the most bigoted person in the world. When Darwinism was introduced to Central Europe and adopted by Haeckel, he could no longer—due to the peculiar nature of his thinking—remain separate from religious sentiment. Thus, in Haeckelism, Darwinism has become a religious system. All these things have their deepest reasons. But they show us how people can work together regardless of religion, nationality, and so on, if they know how to distinguish themselves as individuals from the missions that are specifically assigned to the various peoples. And humanity will have to understand this—truly understand it. Then, on the one hand, justice will be done to the nations, and we will no longer have to endure those sad times in which we find ourselves today—times that are sad not only because of the great amount of blood that is shed, but also because they have demonstrated how little sense of truth exists in humanity—in general, how little sense of truth exists in humanity. That is why we can speak about this here, for our motto is: “Wisdom lies only in truth.” And especially in these grave times, we must also draw attention to such matters—in times when the heart bleeds all the more, for instead of passing the time with all sorts of such things, as people do under the influence of journalism, it would be more useful to undertake many other things.
[ 92 ] Ein positiver Gedanke, um sich ein Urteil zu bilden, wäre es zum Beispiel zu beachten, wieviel Schreckliches eigentlich darinnen liegt, daß von der Peripherie aus dieser Krieg nicht nur geführt wird, sondern auch so geführt wird, daß er nicht bloß durch diese oder jene Umstände, sondern durch schuldhaftes Verhalten länger dauert, als er dauern müßte. Es ist doch geradezu etwas Unerhörtes [in der Haltung der Peripherie], wenn man bedenkt, wieviel darauf ankommt, daß der Krieg nicht zu lange dauert — wenn er denn schon überhaupt geführt werden muß. Von der Peripherie wird der Krieg eben so geführt, wie er niemals geführt werden könnte, wenn man sehen würde, daß man immer wieder und wieder unter dem Einfluß des eigenen Dilettantismus und des eigenen Unvermögens nichts macht und gerade durch das Nichtstun die Sache so ungeheuer in die Länge zieht.
[ 92 ] One constructive way to form an opinion, for example, would be to consider just how terrible it actually is that this war is not only being waged from the periphery, but is also being waged in such a way that—not merely due to this or that circumstance, but because of culpable behavior—it is lasting longer than it need to. It is, after all, nothing short of outrageous [in the attitude of the periphery], when one considers how crucial it is that the war not last too long—if it must be waged at all. The periphery is waging the war in precisely the way it could never be waged if one realized that, time and again, under the influence of one’s own amateurism and incompetence, one is doing nothing—and that it is precisely this inaction that is dragging the matter out so terribly.
[ 93 ] Doch, meine lieben Freunde, jetzt ist ja ein Zeitpunkt vorhanden, in dem diejenigen, auf die es ankommt — nicht die Völker, die werden ja nur zeigen, ob sie etwas gelernt haben in den vielen Kriegsmonaten oder nicht —, in dem also diejenigen, auf die es ankommt, Gelegenheit haben werden zu zeigen, ob sie noch ein Fünkchen von Recht haben, dem Scheine nach — der Wirklichkeit nach ist es ja etwas anderes —, davon zu reden, ja, daß sie auch so etwas haben wollen wie Frieden, denn kommt dieser jetzt nicht mit Beschleunigung, dann ist es ja für jedes Kind zu sehen, wo man den Frieden nicht will!
[ 93 ] But, my dear friends, now is the moment when those who really matter—not the peoples, who will merely show whether or not they have learned anything during the many months of war—when, in other words, those who really matter will have the opportunity to show whether they still have a shred of justification, at least on the surface—in reality, it is quite another matter—to speak of yes, that they, too, want something like peace, for if peace does not come quickly now, then it is obvious even to a child where peace is not wanted!
[ 94 ] Und für jedes Kind ist es auch zu sehen, wie lächerlich jene Dinge sind, die jetzt schon eingewendet werden — man kann sie alle hypothetisch voraussetzen. Man braucht ja nicht so weit zu gehen, auf solches zu sehen, was aus einem Entente-Staat [vor]gestern gemeldet worden ist — und die Meldung scheint wahr zu sein —, daß in einem Entente-Journal unter allerlei anderem sich auch der Satz findet: Zu all den Geschossen, die uns Deutschland geschickt hat, kommt jetzt auch noch das furchtbarste Geschoß, das Geschoß des Friedens. — Es braucht ja wirklich nicht bis zu derlei Exzessen des Wahnsinns zu kommen, meine lieben Freunde, daß der Friede als das schlimmste der Geschosse bezeichnet wird! Es kann ja dabei bleiben, daß man sagt, die Deutschen hätten diese oder jene Feinheiten dahinter, hätten diese oder jene Absicht — Briand, Lloyd George können sich ja allerlei Dinge noch ausdenken, was [die Deutschen] als Motive haben mögen —, aber auf alle diese Motive kommt es ja nicht an; man kann sogar voraussetzen, daß sie vorhanden sind. Wenn Sie sich die Mühe geben, jedes einzelne Motiv, das bis jetzt aufgetreten ist, zu analysieren, so werden Sie sich überall sagen können: Nun gut, nehmen wir an, es sei so, wie Herr Briand oder ein anderer annimmt, nehmen wir es an, es sei so, aber dann müßte gerade bei einem wirklichen Friedensfreund bei Vorhandensein solcher Motive die Sehnsucht auftauchen, den Frieden so schnell wie möglich zu ergreifen!
[ 94 ] And even a child can see how ridiculous the objections being raised right now are—they can all be assumed hypothetically. One need not go so far as to consider what was reported from an Entente country the day before yesterday—and the report appears to be true—namely, that in an Entente newspaper, among all sorts of other things, the following sentence can be found: “In addition to all the projectiles that Germany has sent us, we now face the most terrible projectile of all, the projectile of peace.” — It really doesn’t have to come to such extremes of madness, my dear friends, for peace to be described as the worst of all projectiles! One can certainly maintain that the Germans have this or that ulterior motive, this or that intention—Briand and Lloyd George can, of course, come up with all sorts of things as to what [the Germans] might be motivated by—but none of these motives really matter; one can even assume that they exist. If you take the trouble to analyze every single motive that has emerged so far, you will find yourself saying in every case: All right, let’s assume it is as Mr. Briand or someone else assumes; let’s assume that is the case, but then, precisely in the case of a true friend of peace, the presence of such motives would give rise to a longing to seize peace as quickly as possible!
[ 95 ] Wenn man nur, meine lieben Freunde, wirklich nicht ein Urteil beeinflussen, aber soviel wie möglich den ungeheuren Schutt wegräumen könnte, der heute vor der Urteilsfähigkeit der Menschen sich auftürmt! Sie glauben ja gar nicht, wie dem, der die Dinge durchschaut, das Herz wehtut, wenn er sieht, daß die Leute ohne Entrüstung sind, daß sie ohne ehrliche, heilige Entrüstung imstande sind, solche Dinge anzuhören oder zu lesen, wie sie heute paradoxerweise geschrieben werden können. Mit dem bloßen Schimpfen auf den Journalismus kommt man auch nicht weit, denn hätten diese Dinge nicht ihre [tieferen] Wurzeln, so könnten sie ja nicht geschrieben werden. Es ist heute möglich, manchen Menschen, ich will nicht sagen Sand in die Augen zu streuen, aber einen Nebel vor das Seelenauge zu machen, wenn man ihnen sagt: Habe acht, man will Gift unter uns ausstreuen, [indem man Frieden will]. — Es ist so kinderleicht, sich zu überzeugen, wie unsinnig so etwas ist, denn setzen wir den Fall, man will den Frieden wirklich — man kann ja ruhig annehmen die Voraussetzung, man wolle den Frieden —, dann hindert einen ja nichts, auch wenn man all das, was bis jetzt aufgetreten ist, analysieren will, daß man zunächst das unternimmt, was zum Heile der Menschheit unternommen werden muß — nämlich aufzuhören mit dem Blutvergießen!
[ 95 ] If only, my dear friends, we could—without actually influencing anyone’s judgment—clear away as much as possible of the immense debris that today piles up before people’s ability to judge! You have no idea how it pains the heart of one who sees through these things to witness that people feel no indignation—that, without any honest, sacred indignation, they are capable of listening to or reading such things as can paradoxically be written today. Merely railing against journalism won’t get us very far, for if these things did not have their [deeper] roots, they could not be written at all. Today it is possible to—I won’t say throw sand in the eyes of some people—but to cast a fog before the eye of their soul when one tells them: “Beware, they want to spread poison among us [by wanting peace].”—It is child’s play to convince oneself how nonsensical such a thing is, for let us suppose one truly wants peace—one can safely assume the premise that one wants peace—then nothing prevents one, even if one wishes to analyze everything that has happened so far, from first undertaking what must be done for the good of humanity—namely, to put an end to the bloodshed!
[ 96 ] Ich könnte mir nur eine einzige Sorte von Menschen denken, meine lieben Freunde, die aus ihrer vollen Verblendung nicht zu so etwas kommen würden; das würden diejenigen sein, welche es auch in unserer Gegenwart gibt und die sagen: Wir wollen einen absolut dauerhaften Frieden haben, den ganz vollkommenen Frieden, und bevor wir den nicht haben, können wir den Krieg nicht einstellen. Nun, es gibt viele solche Menschen; sie nennen sich oftmals sogar Pazifisten. Gerade aus diesen Kreisen der Pazifisten aber haben einige in den letzten Tagen angefangen, sich zu schämen, ein solches Urteil abzugeben, und geben nun doch vernünftigere Urteile ab. Aber es konnte im Verlaufe dieser schmerzlichen Ereignisse wirklich geschehen, daß die Leute sagten: Wir kämpfen für einen dauerhaften Frieden — ohne zu merken, daß das eigentlich wirklich bloßes Blech ist, was sie sagen, aber man kann heute Blech reden, indem man den Anschein erweckt, das höchste Ideal zu vertreten.
[ 96 ] I can think of only one kind of people, my dear friends, who, in their utter blindness, would not come to such a conclusion; these would be those who exist even in our own time and who say: We want an absolutely lasting peace, a completely perfect peace, and until we have that, we cannot stop the war. Well, there are many such people; they often even call themselves pacifists. Yet it is precisely from these circles of pacifists that some have, in recent days, begun to feel ashamed of making such a judgment and are now offering more reasonable assessments. But in the course of these painful events, it could indeed happen that people said: “We are fighting for a lasting peace”—without realizing that what they are saying is actually nothing but empty rhetoric; yet today one can spout empty rhetoric while giving the impression of representing the highest ideal.
[ 97 ] Nein, meine lieben Freunde, was ein ewiges Friedensideal ist, das wird niemals durch auch nur ein Tröpfchen Blut erreicht, das hervorgerufen ist durch ein Kriegsinstrument; das ist auf ganz andere Weise in die Welt zu setzen! Und wer es auch immer sei, der da sagt, er kämpfe für den Frieden und er müsse deshalb Krieg führen — Krieg bis zur Vernichtung des Gegners —, um Frieden zu haben: der lügt, wenn er sich dessen auch nicht bewußt ist. Das sind Dinge, die heute gar nicht viel überlegt werden. Aber es müßte gerade für uns, meine lieben Freunde, Geisteswissenschaft schon auch eine Erzieherin sein zur Urteilsfähigkeit. Und deshalb scheue ich mich auch nicht, die Dinge zuweilen beim rechten Namen zu nennen — nach der Einsicht, die wahrhaftig in diesem Falle nicht leicht errungen ist, meine lieben Freunde. Aber ich denke, wir können heute nicht bis Mitternacht sprechen, und deshalb werden wir jetzt abschließen.
[ 97 ] No, my dear friends, the ideal of eternal peace will never be achieved by even a single drop of blood shed by an instrument of war; it must be brought into the world in an entirely different way! And whoever claims to be fighting for peace and therefore must wage war—war to the point of the enemy’s annihilation—in order to have peace: that person is lying, even if he is not aware of it. These are things that are not given much thought today. But for us in particular, my dear friends, spiritual science ought to serve as a guide to the development of our power of judgment. And that is why I do not shy away from calling things by their proper names from time to time—based on an insight that, in this case, has truly not been easily attained, my dear friends. But I don’t think we can speak until midnight today, and so we will conclude now.
[ 98 ] Wir treffen uns dann wieder hier — nachdem wir am Donnerstagabend in Basel sind — am nächsten Sonntag, um 5 Uhr. Sonnabend soll kein Vortrag sein: erstens, weil vielleicht mancher engagiert sein könnte nach einer anderen Richtung hin zu Weihnachten, und außRerdem, weil mir vorhin gesagt worden ist, daß in dieser Woche für Sonnabend etwas so furchtbar Schönes vorzubereiten ist, daß man auch noch die Proben am Nachmittag braucht. Also werden wir uns am nächsten Sonntag um 5 Uhr hier wieder treffen, wenn niemand etwas dagegen hat. Wenn jemand eine andere Zeit wünscht, dann bitte ich die Hand zu erheben.
[ 98 ] We’ll meet here again—after we arrive in Basel on Thursday evening—next Sunday at 5 o’clock. There won’t be a lecture on Saturday: first, because some of you might be busy with other Christmas preparations, and second, because I was just told that something so wonderfully beautiful is being prepared for Saturday this week that we’ll also need the afternoon for rehearsals. So we’ll meet here again next Sunday at 5 o’clock, if no one has any objections. If anyone would prefer a different time, please raise your hand.
