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Reflections on Contemporary History III
The Reality of Occult Impulses
GA 173c

13 January 1917, Dornach

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Siebzehnter Vortrag

Siebzehnter Vortrag

[ 1 ] Es scheint mir doch gerade in unserer Zeit notwendig zu sein, daß die Mitglieder unserer Bewegung über die Verhältnisse der Welt etwas wissen. Dem haben die Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, ja mehr oder weniger gedient. Wenn wir in unserem Sinne von Geisteswissenschaft sprechen, so ist es ja so, daß wir uns durchdringen müssen mit der Erkenntnis, wie unsere Welt, die wir mit dem physischen Verstande und den Sinnen überblicken, die Offenbarung ist der geistigen Welt. Solange man die geistige Welt nur abstrakt auffassen wird, indem man den Menschen in seine verschiedenen Wesensbestandteile gliedert und allerlei theoretische Betrachtungen über Karma und Reinkarnation anstellt — wie wir es ja so theoretisch im Grunde nie gemacht haben —, kann Geisteswissenschaft für das Leben nicht wirklich fruchtbar werden. Deshalb habe ich Ihren Blick in der verschiedensten Weise auf die äußere Wirklichkeit gelenkt, wobei ich immer im Auge hatte, was hinter dieser äußeren Wirklichkeit steckt, seien es direkt okkulte Faktoren, okkulte Impulse, sei es, daß okkulte Impulse von Menschen in dieser oder jener Beziehung gebraucht werden.

[ 1 ] Es scheint mir doch gerade in unserer Zeit notwendig zu sein, daß die Mitglieder unserer Bewegung über die Verhältnisse der Welt etwas wissen. Dem haben die Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, ja mehr oder weniger gedient. Wenn wir in unserem Sinne von Geisteswissenschaft sprechen, so ist es ja so, daß wir uns durchdringen müssen mit der Erkenntnis, wie unsere Welt, die wir mit dem physischen Verstande und den Sinnen überblicken, die Offenbarung ist der geistigen Welt. Solange man die geistige Welt nur abstrakt auffassen wird, indem man den Menschen in seine verschiedenen Wesensbestandteile gliedert und allerlei theoretische Betrachtungen über Karma und Reinkarnation anstellt — wie wir es ja so theoretisch im Grunde nie gemacht haben —, kann Geisteswissenschaft für das Leben nicht wirklich fruchtbar werden. Deshalb habe ich Ihren Blick in der verschiedensten Weise auf die äußere Wirklichkeit gelenkt, wobei ich immer im Auge hatte, was hinter dieser äußeren Wirklichkeit steckt, seien es direkt okkulte Faktoren, okkulte Impulse, sei es, daß okkulte Impulse von Menschen in dieser oder jener Beziehung gebraucht werden.

[ 2 ] Für den, der die gegenwärtigen Verhältnisse ein wenig durchschaut, wird es in der Zukunft bei einem Rückblick auf unsere Zeiten immer klarer werden, daß die alte historische Betrachtungsweise, wie sie heute herrscht, nicht mehr ausreicht, um zu verstehen, was in der Gegenwart geschieht. Es werden sich gewisse okkulte Lehren der reifenden Erkenntnis der Menschen durch die Verhältnisse als notwendig ergeben, und denen, die sich solchen Dingen verschließen, wird sich in der Zukunft der Stempel der Unwissenheit, der Kenntnislosigkeit aufdrücken müssen.

[ 2 ] Für den, der die gegenwärtigen Verhältnisse ein wenig durchschaut, wird es in der Zukunft bei einem Rückblick auf unsere Zeiten immer klarer werden, daß die alte historische Betrachtungsweise, wie sie heute herrscht, nicht mehr ausreicht, um zu verstehen, was in der Gegenwart geschieht. Es werden sich gewisse okkulte Lehren der reifenden Erkenntnis der Menschen durch die Verhältnisse als notwendig ergeben, und denen, die sich solchen Dingen verschließen, wird sich in der Zukunft der Stempel der Unwissenheit, der Kenntnislosigkeit aufdrücken müssen.

[ 3 ] Man hat ja seit dem 19. Jahrhundert für die Verhältnisse der Vergangenheit die Gepflogenheit, rein materialistisch, aus den Akten, wie man sagte, die Geschichte zu konstruieren. Man sieht heute noch nicht ein, daß man dadurch nicht zur wirklichen Aufzeigung der geschichtlichen Impulse kommt, sondern bloß zur Schilderung von materialistischen Gespenstern — mag auch das Wort paradox klingen, es ist so: zur Schilderung von materialistischen Gespenstern. Was heute in den gebräuchlichen Handbüchern und sonstigen Darstellungen als Geschichte figuriert, die Darstellungen der Menschen und der Verhältnisse der Vergangenheit bis in die Gegenwart herein, es sind — wenn es auch noch so realistisch gemeint ist — Gespenster ohne wirkliches Leben. Es können nur Gespenster sein aus dem Grunde, weil aller Wirklichkeit okkulte Impulse zugrunde liegen, und wenn man diese wegläßt, so bekommt man eben nur Gespenster. Daher ist die Darstellung der Geschichte bis heute eine gespenstische gewesen, aber sie hat in einer gewissen Beziehung die Gemüter der Menschen erfüllt; sie hat in einer gewissen Beziehung gewirkt. Und die Tragödie der heutigen Zeit ist in vieler Beziehung gerade ein Ausleben des Karma in solchen unwahren, gespenstischen Vorstellungen, die sich die Menschen allmählich angeeignet haben. Es darf aber auch innerhalb unserer Bewegung der Weltengang nicht gewissermaßen in zwei unvermittelte Hälften zerfallen, wie es gerade manche Menschen in unserer Bewegung gern hätten: Auf der einen Seite das Schwelgen in sogenannten übersinnlichen Vorstellungen, die aber mehr oder weniger abstrakte Begriffe bleiben, und auf der andern Seite das fortdauernde Stehenbleiben in den gewöhnlichen Anschauungen, wie sie eben der ganz von Materialismus durchtränkte Vulgärverstand über die äußere Wirklichkeit entwickelt. Die beiden Dinge — äußere physische Wirklichkeit und geistiges Dasein — müssen sich gerade verbinden, das heißt, man muß einsehen, daß an die Stelle der bisherigen Geschichtsbetrachtung dasjenige treten muß, was ich eine symptomatische Geschichte genannt habe, durch die man lernen wird, daß sich in gewissen Erscheinungen stärker als in andern das geschichtliche Werden zum Ausdruck bringt.

[ 3 ] Man hat ja seit dem 19. Jahrhundert für die Verhältnisse der Vergangenheit die Gepflogenheit, rein materialistisch, aus den Akten, wie man sagte, die Geschichte zu konstruieren. Man sieht heute noch nicht ein, daß man dadurch nicht zur wirklichen Aufzeigung der geschichtlichen Impulse kommt, sondern bloß zur Schilderung von materialistischen Gespenstern — mag auch das Wort paradox klingen, es ist so: zur Schilderung von materialistischen Gespenstern. Was heute in den gebräuchlichen Handbüchern und sonstigen Darstellungen als Geschichte figuriert, die Darstellungen der Menschen und der Verhältnisse der Vergangenheit bis in die Gegenwart herein, es sind — wenn es auch noch so realistisch gemeint ist — Gespenster ohne wirkliches Leben. Es können nur Gespenster sein aus dem Grunde, weil aller Wirklichkeit okkulte Impulse zugrunde liegen, und wenn man diese wegläßt, so bekommt man eben nur Gespenster. Daher ist die Darstellung der Geschichte bis heute eine gespenstische gewesen, aber sie hat in einer gewissen Beziehung die Gemüter der Menschen erfüllt; sie hat in einer gewissen Beziehung gewirkt. Und die Tragödie der heutigen Zeit ist in vieler Beziehung gerade ein Ausleben des Karma in solchen unwahren, gespenstischen Vorstellungen, die sich die Menschen allmählich angeeignet haben. Es darf aber auch innerhalb unserer Bewegung der Weltengang nicht gewissermaßen in zwei unvermittelte Hälften zerfallen, wie es gerade manche Menschen in unserer Bewegung gern hätten: Auf der einen Seite das Schwelgen in sogenannten übersinnlichen Vorstellungen, die aber mehr oder weniger abstrakte Begriffe bleiben, und auf der andern Seite das fortdauernde Stehenbleiben in den gewöhnlichen Anschauungen, wie sie eben der ganz von Materialismus durchtränkte Vulgärverstand über die äußere Wirklichkeit entwickelt. Die beiden Dinge — äußere physische Wirklichkeit und geistiges Dasein — müssen sich gerade verbinden, das heißt, man muß einsehen, daß an die Stelle der bisherigen Geschichtsbetrachtung dasjenige treten muß, was ich eine symptomatische Geschichte genannt habe, durch die man lernen wird, daß sich in gewissen Erscheinungen stärker als in andern das geschichtliche Werden zum Ausdruck bringt.

[ 4 ] Nun habe ich Ihnen in den letzten Zeiten manches vielleicht allzu realistisch angedeutet, allzu realistisch aber nur für eine Empfindung, die sagt: Warum schildert er uns die Dinge, die wir sonst auch hören? — Wenn Sie genauer zusehen, so werden Sie feststellen, daß Sie sie in der Art, wie sie hier geschildert werden, sonst nicht hören können, namentlich nicht in dieser Art von Zusammenstellung, in dieser Art von Symptombetrachtung, in der sich die verschiedenen charakteristischen Einzelheiten zu einer lebendigen Erfassung der Wirklichkeit zusammenfügen. Die Frage liegt nun nahe: Wie kommen denn überhaupt solche Symptome zustande, wie ich sie Ihnen angeführt habe? — Hierauf möchte ich ein wenig eingehen.

[ 4 ] Nun habe ich Ihnen in den letzten Zeiten manches vielleicht allzu realistisch angedeutet, allzu realistisch aber nur für eine Empfindung, die sagt: Warum schildert er uns die Dinge, die wir sonst auch hören? — Wenn Sie genauer zusehen, so werden Sie feststellen, daß Sie sie in der Art, wie sie hier geschildert werden, sonst nicht hören können, namentlich nicht in dieser Art von Zusammenstellung, in dieser Art von Symptombetrachtung, in der sich die verschiedenen charakteristischen Einzelheiten zu einer lebendigen Erfassung der Wirklichkeit zusammenfügen. Die Frage liegt nun nahe: Wie kommen denn überhaupt solche Symptome zustande, wie ich sie Ihnen angeführt habe? — Hierauf möchte ich ein wenig eingehen.

[ 5 ] Ich habe Ihnen im Laufe der Zeit eine Reihe von Tatsachen mitgeteilt, zum Teil solche, die die Leute winzig kleine Tatsachen nennen werden, wie die von dem Sprößling des Herzegowinischen Woiwoden Woidarewitsch, oder das, was ich Ihnen anführte über das russisch-slawische Wohltätigkeitskomitee und so weiter. Solche Dinge können einerseits leicht als unbedeutend angesehen werden, auf der andern Seite aber könnte gesagt werden: Wie finden sich denn überhaupt solche Sachen zusammen? Wie kommt es denn, daß eine Geschichtsbetrachtung unter uns Platz greift, welche weit auseinanderliegende Einzelheiten zu einem Gesamtbilde zusammenzufassen versucht? — Vulgärer gefaßt würde die Frage, wenn jemand sie an mich stellte, so lauten können: Wie kommen Sie dazu, gerade diese Dinge, die für die Ereignisse der Gegenwart als charakteristisch gelten müssen, zu wissen und im Leben so aufgesammelt zu haben? — Darauf möchte ich eine Antwort geben, die Ihnen lebendig zeigen soll, wie eben Geisteswissenschaft ins Leben eingreifen kann.

[ 5 ] Ich habe Ihnen im Laufe der Zeit eine Reihe von Tatsachen mitgeteilt, zum Teil solche, die die Leute winzig kleine Tatsachen nennen werden, wie die von dem Sprößling des Herzegowinischen Woiwoden Woidarewitsch, oder das, was ich Ihnen anführte über das russisch-slawische Wohltätigkeitskomitee und so weiter. Solche Dinge können einerseits leicht als unbedeutend angesehen werden, auf der andern Seite aber könnte gesagt werden: Wie finden sich denn überhaupt solche Sachen zusammen? Wie kommt es denn, daß eine Geschichtsbetrachtung unter uns Platz greift, welche weit auseinanderliegende Einzelheiten zu einem Gesamtbilde zusammenzufassen versucht? — Vulgärer gefaßt würde die Frage, wenn jemand sie an mich stellte, so lauten können: Wie kommen Sie dazu, gerade diese Dinge, die für die Ereignisse der Gegenwart als charakteristisch gelten müssen, zu wissen und im Leben so aufgesammelt zu haben? — Darauf möchte ich eine Antwort geben, die Ihnen lebendig zeigen soll, wie eben Geisteswissenschaft ins Leben eingreifen kann.

[ 6 ] Man erlangt im Verlaufe seines Lebens Kenntnis von solchen Dingen, wenn es das Karma so mit sich bringt, und wenn man dem Karma einen wirklich aufrichtigen, wahrheitsgemäßen Lauf läßt.Gar mancher meint, er ließe dem Karma einen freien Lauf, er ergebe sich gewissermaßen in das Karma; aber das kann eine große Täuschung sein. Niemand kann äußere Ereignisse so verfolgen, daß sich ihm die Wahrheit ergibt, wenn er sich nicht wirklich dem Karma überläßt, wenn er nicht vieles unten läßt im Unterbewußten, vieles vorbeigleiten läßt an seiner Seele, denn durch allerlei Sympathien und Antipathien trübt man sich das freie Anschauen. Nichts ist so sehr geeignet, das freie Anschauen zu trüben, als dasjenige, was man heute geschichtliche Methode nennt. Durch diese geschichtliche Methode kommen eben Gespenster zustande, weil der Historiker von heute sich nicht seinem Karma überlassen kann. Er würde ja selbstverständlich, wenn er von früher Jugend an sich seinem Karma überließe, bei jedem Examen durchfallen, das ist ja ganz klar. Er darf sich nicht seinem Karma überlassen und dasjenige wissen, was ihm das Karma zuführt, sondern er muß dasjenige wissen, was ihm die Examensverordnungen und so weiter vorschreiben. Die schreiben aber lauter Dinge vor, welche selbstverständlich das Karma des Menschen zerfetzen, so daß derjenige, der einfach dem Strome folgt, der ihm da vorgeschrieben wird, niemals zu der wirklichen Wahrheit kommen kann. Zur wirklichen Wahrheit kann man eben nur kommen, wenn man diese Dinge, von denen in der Geisteswissenschaft gesprochen wird, lebensernst nimmt, wenn man sie nicht bloß als Theorie, sondern wenn man sie lebensernst nimmt. Natürlich nimmt man die Dinge auch dann nicht lebensernst, wenn man sich den freien Blick trüben läßt durch allerlei Sympathien und Antipathien. Man muß ihnen schon mehr oder weniger objektiv gegenüberstehen, dann trägt einem der Strom der Welt das zu, was zum Verständnis notwendig ist.

[ 6 ] Man erlangt im Verlaufe seines Lebens Kenntnis von solchen Dingen, wenn es das Karma so mit sich bringt, und wenn man dem Karma einen wirklich aufrichtigen, wahrheitsgemäßen Lauf läßt.Gar mancher meint, er ließe dem Karma einen freien Lauf, er ergebe sich gewissermaßen in das Karma; aber das kann eine große Täuschung sein. Niemand kann äußere Ereignisse so verfolgen, daß sich ihm die Wahrheit ergibt, wenn er sich nicht wirklich dem Karma überläßt, wenn er nicht vieles unten läßt im Unterbewußten, vieles vorbeigleiten läßt an seiner Seele, denn durch allerlei Sympathien und Antipathien trübt man sich das freie Anschauen. Nichts ist so sehr geeignet, das freie Anschauen zu trüben, als dasjenige, was man heute geschichtliche Methode nennt. Durch diese geschichtliche Methode kommen eben Gespenster zustande, weil der Historiker von heute sich nicht seinem Karma überlassen kann. Er würde ja selbstverständlich, wenn er von früher Jugend an sich seinem Karma überließe, bei jedem Examen durchfallen, das ist ja ganz klar. Er darf sich nicht seinem Karma überlassen und dasjenige wissen, was ihm das Karma zuführt, sondern er muß dasjenige wissen, was ihm die Examensverordnungen und so weiter vorschreiben. Die schreiben aber lauter Dinge vor, welche selbstverständlich das Karma des Menschen zerfetzen, so daß derjenige, der einfach dem Strome folgt, der ihm da vorgeschrieben wird, niemals zu der wirklichen Wahrheit kommen kann. Zur wirklichen Wahrheit kann man eben nur kommen, wenn man diese Dinge, von denen in der Geisteswissenschaft gesprochen wird, lebensernst nimmt, wenn man sie nicht bloß als Theorie, sondern wenn man sie lebensernst nimmt. Natürlich nimmt man die Dinge auch dann nicht lebensernst, wenn man sich den freien Blick trüben läßt durch allerlei Sympathien und Antipathien. Man muß ihnen schon mehr oder weniger objektiv gegenüberstehen, dann trägt einem der Strom der Welt das zu, was zum Verständnis notwendig ist.

[ 7 ] Nun gehört ja auch wirklich ein Teil dieses Sich-dem-Karma-Überlassens in bezug auf die Ereignisse unserer Gegenwart zu der Tatsache, daß Sie, meine lieben Freunde, durch Ihr Karma in die Anthroposophische Gesellschaft getragen worden sind. Daher muß es in der Anthroposophischen Gesellschaft schon möglich sein, unbehindert von Sympathien und Antipathien über Tatsachen zu reden; sonst würde man ja auch innerhalb dieser Gesellschaft das Karma nicht lebensernst nehmen.

[ 7 ] Nun gehört ja auch wirklich ein Teil dieses Sich-dem-Karma-Überlassens in bezug auf die Ereignisse unserer Gegenwart zu der Tatsache, daß Sie, meine lieben Freunde, durch Ihr Karma in die Anthroposophische Gesellschaft getragen worden sind. Daher muß es in der Anthroposophischen Gesellschaft schon möglich sein, unbehindert von Sympathien und Antipathien über Tatsachen zu reden; sonst würde man ja auch innerhalb dieser Gesellschaft das Karma nicht lebensernst nehmen.

[ 8 ] Ich wollte diese Einleitung vorausschicken den Betrachtungen, die wir noch anstellen wollen, aus dem Grunde, weil ich Ihnen gewisse wichtige okkulte Tatsachen zeigen will, die wir aber nicht verstehen können, wenn wir sie nicht anzuknüpfen wissen an das Leben, und wenn wir namentlich nicht durchdringen können durch das reichlich verworrene Gestrüpp von Unwahrhaftigkeiten, die heute durch die Welt schwirren. Die Welt ist ja heute voll von Unwahrhaftigkeiten, und der Sinn für Wahrhaftigkeit muß innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gepflegt werden, wenn diese — gleichgültig wie lange sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen bestehen kann — während ihres Bestandes einen Sinn, einen wirklichen Lebenssinn haben soll.

[ 8 ] Ich wollte diese Einleitung vorausschicken den Betrachtungen, die wir noch anstellen wollen, aus dem Grunde, weil ich Ihnen gewisse wichtige okkulte Tatsachen zeigen will, die wir aber nicht verstehen können, wenn wir sie nicht anzuknüpfen wissen an das Leben, und wenn wir namentlich nicht durchdringen können durch das reichlich verworrene Gestrüpp von Unwahrhaftigkeiten, die heute durch die Welt schwirren. Die Welt ist ja heute voll von Unwahrhaftigkeiten, und der Sinn für Wahrhaftigkeit muß innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gepflegt werden, wenn diese — gleichgültig wie lange sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen bestehen kann — während ihres Bestandes einen Sinn, einen wirklichen Lebenssinn haben soll.

[ 9 ] Ich habe Sie nun mit verschiedenerlei Ausführungen, die ich in der letzten Zeit gemacht habe, nicht bloß aus dem Grunde, möchte ich sagen, belästigt, um Ihnen dies oder jenes in diesem oder jenem Lichte erscheinen zu lassen, sondern weil ich durchdrungen bin davon, daß es wichtig ist, mancherlei Begriffe zu korrigieren. Wer glaubt, daß ich diese Dinge aus irgendeinem nationalen Pathos heraus sage, der versteht mich einfach nicht.

[ 9 ] Ich habe Sie nun mit verschiedenerlei Ausführungen, die ich in der letzten Zeit gemacht habe, nicht bloß aus dem Grunde, möchte ich sagen, belästigt, um Ihnen dies oder jenes in diesem oder jenem Lichte erscheinen zu lassen, sondern weil ich durchdrungen bin davon, daß es wichtig ist, mancherlei Begriffe zu korrigieren. Wer glaubt, daß ich diese Dinge aus irgendeinem nationalen Pathos heraus sage, der versteht mich einfach nicht.

[ 10 ] Nun, unter den schweren Anschuldigungen, die von der Peripherie der heutigen Welt gegen die Mitte immer wieder geschleudert werden, und die, wie ich schon öfter sagte, ausklingen in die in dieser oder jener Form ausgesprochene Phrase — sie in der wirklichen Form auszusprechen, geniert man sich: Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt —, gehört auch, daß man in weitestem Kreise gewisse Menschen, deren Werke man selbstverständlich nicht kennt, als die Verderber, die Verzieher des deutschen Volkes anführt. Und einer von denen, die man da in erster Linie anführt, ist der deutsche Historiker Heinrich Treitschke. Nun will ich, wie gesagt, gar nicht von einem nationalen, sondern von einem ganz allgemein menschlichen Standpunkt aus eine solche Persönlichkeit einmal ins Auge fassen. Ich habe Ihnen erwähnt, daß ich ja nicht viel mit Treitschke verkehrt habe, sondern ihn nur einmal getroffen habe; daß er etwas Polterndes hatte, das habe ich dazumal angedeutet. Ich will heute nur sagen, daß ich mir wohl aus jener Zusammenkunft mit Treitschke ein Bild seines Wesens und Charakters machen konnte, denn er hat ja natürlich nicht bloß von dem gesprochen, was ich Ihnen als die erste Anrede angeführt habe, sondern es ist über Geschichtsauffassung, über historische Publikationen, die gerade damals in den neunziger Jahren viel Aufsehen machten, gesprochen worden, wobei man in der Lage war, viele prinzipielle Fragen über wissenschaftliche Geschichte und dergleichen in einigen Stunden Gastmähler dauern ja immer einige Stunden — zu besprechen, und es war mir durchaus möglich, den Mann gewissermaßen an der Grenze seines Lebens — er ist bald danach gestorben — kennenzulernen, abgesehen davon, daß mir sein Wirken als Historiker in allen Einzelheiten wohl bekannt ist.

[ 10 ] Nun, unter den schweren Anschuldigungen, die von der Peripherie der heutigen Welt gegen die Mitte immer wieder geschleudert werden, und die, wie ich schon öfter sagte, ausklingen in die in dieser oder jener Form ausgesprochene Phrase — sie in der wirklichen Form auszusprechen, geniert man sich: Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt —, gehört auch, daß man in weitestem Kreise gewisse Menschen, deren Werke man selbstverständlich nicht kennt, als die Verderber, die Verzieher des deutschen Volkes anführt. Und einer von denen, die man da in erster Linie anführt, ist der deutsche Historiker Heinrich Treitschke. Nun will ich, wie gesagt, gar nicht von einem nationalen, sondern von einem ganz allgemein menschlichen Standpunkt aus eine solche Persönlichkeit einmal ins Auge fassen. Ich habe Ihnen erwähnt, daß ich ja nicht viel mit Treitschke verkehrt habe, sondern ihn nur einmal getroffen habe; daß er etwas Polterndes hatte, das habe ich dazumal angedeutet. Ich will heute nur sagen, daß ich mir wohl aus jener Zusammenkunft mit Treitschke ein Bild seines Wesens und Charakters machen konnte, denn er hat ja natürlich nicht bloß von dem gesprochen, was ich Ihnen als die erste Anrede angeführt habe, sondern es ist über Geschichtsauffassung, über historische Publikationen, die gerade damals in den neunziger Jahren viel Aufsehen machten, gesprochen worden, wobei man in der Lage war, viele prinzipielle Fragen über wissenschaftliche Geschichte und dergleichen in einigen Stunden Gastmähler dauern ja immer einige Stunden — zu besprechen, und es war mir durchaus möglich, den Mann gewissermaßen an der Grenze seines Lebens — er ist bald danach gestorben — kennenzulernen, abgesehen davon, daß mir sein Wirken als Historiker in allen Einzelheiten wohl bekannt ist.

[ 11 ] Nun möchte ich vor allen Dingen darauf hinweisen, daß Treitschke ein Mensch war, der Veranlassung dazu gibt, ihn ein wenig vom okkulten Gesichtspunkte aus ins Auge zu fassen. In dem guten Sinne, wie Sokrates von einer Art Dämonium gesprochen hat, könnte man auch bei Treitschke sagen, daß etwas von einem Dämonium in ihm lebte, nicht ein böser Dämon, aber etwas von einem Dämonium. Und man hatte bei ihm nicht das Gefühl, daß er bloß getrieben wird durch die Erwägungen des materialistischen Verstandes, sondern daß er von innen heraus getrieben wird, eben durch dasjenige, was Sokrates dämonische Kräfte nennt. Dadurch war er ja auch, ich möchte sagen, in seiner ganzen Lebensbahn geleitet. Der Sachse ist ein begeisterter Sänger des werdenden deutschen Staates; denn Treitschke hat schon in einer sehr bedeutenden Weise gewirkt, als dieser deutsche Staat noch nicht begründet war. Seine «Deutsche Geschichte» hat er allerdings erst nach der Begründung dieses Staates geschrieben. Es lebte in ihm gerade in der charakteristischen Weise, wie das in Mitteleuropa der Fall ist, was man im Umkreise nicht kennt — nicht nur nicht wünscht, sondern nicht kennt und nicht verstehen will —, es lebte in ihm, wenn ich so sagen darf, Sinn für die Konkretheit, für die Wirklichkeit. Eine gewisse Abneigung gegenüber bloßen abstrakten Theorien und gegenüber allem Phrasentum lebte in ihm, und zwar mit dämonischer Kraft, so daß man, ich möchte sagen, durch die Persönlichkeit hindurch auf die geistigen Kräfte sah, die aus ihr sprachen. Außerdem war Treitschke verhältnismäßig früh im Leben ganz taub geworden, so daß er weder die Stimme eines andern noch seine eigene hörte und er eigentlich nur mit seinem eigenen Inneren verkehrte. Solches Lebensschicksal weist den Menschen auf sich selbst zurück. Das vollständige Fehlen des Gehörs bringt den Menschen, wenn er dazu Anlage hat, viel leichter als sonst beim vollständigen Fehlen eines Sinnes in Zusammenhang mit den wirkenden okkulten Mächten, die ja eigentlich nur deshalb nicht beachtet werden, weil der Mensch durch seine Sinne abgelenkt wird von dem, was über die Sinne hinaus zu der Seele spricht. Solch ein Karma, früh vollständig taub zu werden, hat also schon eine gewisse Bedeutung und hängt mit dem zusammen, was ich in diesem Falle eine dämonische Natur nenne.

[ 11 ] Nun möchte ich vor allen Dingen darauf hinweisen, daß Treitschke ein Mensch war, der Veranlassung dazu gibt, ihn ein wenig vom okkulten Gesichtspunkte aus ins Auge zu fassen. In dem guten Sinne, wie Sokrates von einer Art Dämonium gesprochen hat, könnte man auch bei Treitschke sagen, daß etwas von einem Dämonium in ihm lebte, nicht ein böser Dämon, aber etwas von einem Dämonium. Und man hatte bei ihm nicht das Gefühl, daß er bloß getrieben wird durch die Erwägungen des materialistischen Verstandes, sondern daß er von innen heraus getrieben wird, eben durch dasjenige, was Sokrates dämonische Kräfte nennt. Dadurch war er ja auch, ich möchte sagen, in seiner ganzen Lebensbahn geleitet. Der Sachse ist ein begeisterter Sänger des werdenden deutschen Staates; denn Treitschke hat schon in einer sehr bedeutenden Weise gewirkt, als dieser deutsche Staat noch nicht begründet war. Seine «Deutsche Geschichte» hat er allerdings erst nach der Begründung dieses Staates geschrieben. Es lebte in ihm gerade in der charakteristischen Weise, wie das in Mitteleuropa der Fall ist, was man im Umkreise nicht kennt — nicht nur nicht wünscht, sondern nicht kennt und nicht verstehen will —, es lebte in ihm, wenn ich so sagen darf, Sinn für die Konkretheit, für die Wirklichkeit. Eine gewisse Abneigung gegenüber bloßen abstrakten Theorien und gegenüber allem Phrasentum lebte in ihm, und zwar mit dämonischer Kraft, so daß man, ich möchte sagen, durch die Persönlichkeit hindurch auf die geistigen Kräfte sah, die aus ihr sprachen. Außerdem war Treitschke verhältnismäßig früh im Leben ganz taub geworden, so daß er weder die Stimme eines andern noch seine eigene hörte und er eigentlich nur mit seinem eigenen Inneren verkehrte. Solches Lebensschicksal weist den Menschen auf sich selbst zurück. Das vollständige Fehlen des Gehörs bringt den Menschen, wenn er dazu Anlage hat, viel leichter als sonst beim vollständigen Fehlen eines Sinnes in Zusammenhang mit den wirkenden okkulten Mächten, die ja eigentlich nur deshalb nicht beachtet werden, weil der Mensch durch seine Sinne abgelenkt wird von dem, was über die Sinne hinaus zu der Seele spricht. Solch ein Karma, früh vollständig taub zu werden, hat also schon eine gewisse Bedeutung und hängt mit dem zusammen, was ich in diesem Falle eine dämonische Natur nenne.

[ 12 ] Nun, diese Natur, diese Menschenwesenheit war wirklich im Gegensatze zu vielen, ja zu den meisten Menschen unserer Gegenwart, wie aus einem Einheitlichen heraus gestaltet. Bei ihm wirkte nie der bloße Verstand, sondern im Grunde genommen immer die ganze Seele. Hausbackene Wahrheiten, die man mit sogenannten «logischen Beweisen» jederzeit beweisen kann, haben wir ja genug in der Welt; Wahrheiten aber, an denen Menschenblut haftet, die durchdrungen sind von warmem menschlichem Fühlen, die sind wohl zu beachten, ob man sich nun auf den gleichen oder auf einen andern Standpunkt stellt. Denn der Mensch ist doch der Kanal, durch den die sinnliche Welt an der geistigen Welt hängt, und man kommt zur geistigen Welt nicht bloß durch das Studium von geisteswissenschaftlichen Theorien, sondern durch die Aneignung des Sinnes, wie der einzelne Mensch einen Kanal darstellt zwischen der Sinnenwelt und der geistigen Welt.

[ 12 ] Nun, diese Natur, diese Menschenwesenheit war wirklich im Gegensatze zu vielen, ja zu den meisten Menschen unserer Gegenwart, wie aus einem Einheitlichen heraus gestaltet. Bei ihm wirkte nie der bloße Verstand, sondern im Grunde genommen immer die ganze Seele. Hausbackene Wahrheiten, die man mit sogenannten «logischen Beweisen» jederzeit beweisen kann, haben wir ja genug in der Welt; Wahrheiten aber, an denen Menschenblut haftet, die durchdrungen sind von warmem menschlichem Fühlen, die sind wohl zu beachten, ob man sich nun auf den gleichen oder auf einen andern Standpunkt stellt. Denn der Mensch ist doch der Kanal, durch den die sinnliche Welt an der geistigen Welt hängt, und man kommt zur geistigen Welt nicht bloß durch das Studium von geisteswissenschaftlichen Theorien, sondern durch die Aneignung des Sinnes, wie der einzelne Mensch einen Kanal darstellt zwischen der Sinnenwelt und der geistigen Welt.

[ 13 ] Vor allen Dingen war Heinrich Treitschke eine Persönlichkeit, welche sich ihre Kenntnisse und ihre Gedanken zu bilden versuchte auf Grundlage einer breiten Erkenntnis, einer Erkenntnis, die immer aufgebaut war auf das seelenkritische, nicht auf das verstandesmäßige Urteil. Es waren die Urteile immer warm von dieser Seelenkritik. Sie hatten gewiß etwas Polterndes, aber sie waren warm von dieser Seelenkritik. Und von diesem Gesichtspunkte aus lag für Treitschke im Mittelpunkt seiner Betrachtungen vor allen Dingen die Frage nach der menschlichen Freiheit, die sich für ihn, da er Historiker war und sich früh vorbereitete, der Historiker seines Volkes zu werden, immer verband mit der Frage nach der politischen Freiheit, der Staatsfresiheit.

[ 13 ] Vor allen Dingen war Heinrich Treitschke eine Persönlichkeit, welche sich ihre Kenntnisse und ihre Gedanken zu bilden versuchte auf Grundlage einer breiten Erkenntnis, einer Erkenntnis, die immer aufgebaut war auf das seelenkritische, nicht auf das verstandesmäßige Urteil. Es waren die Urteile immer warm von dieser Seelenkritik. Sie hatten gewiß etwas Polterndes, aber sie waren warm von dieser Seelenkritik. Und von diesem Gesichtspunkte aus lag für Treitschke im Mittelpunkt seiner Betrachtungen vor allen Dingen die Frage nach der menschlichen Freiheit, die sich für ihn, da er Historiker war und sich früh vorbereitete, der Historiker seines Volkes zu werden, immer verband mit der Frage nach der politischen Freiheit, der Staatsfresiheit.

[ 14 ] Nun gibt es in der deutschen Literatur eine Schrift — Sie können sie sich leicht verschaffen, weil sie in der Reclamschen Universal-Bibliothek erschienen ist —, welche in der eindringlichsten Weise die Frage des Verhältnisses zwischen der Staatsomnipotenz und der menschlichen Freiheit behandelt, also der Freiheit nicht nur, wie sie aus dem Inneren der menschlichen Seele heraus lebt, sondern der Freiheit, wie sie sich im sozialen Leben verwirklicht. Mir ist keine andere Schrift in der Weltliteratur bekannt, welche diese Frage in einer ähnlich eindringlichen Weise behandelt. Diese Schrift heißt: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen», und ist von Wilhelm von Humboldt, dem Freunde Schillers und dem Bruder des Schriftstellers Alexander von Humboldt. In dieser Schrift, aus der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, wird in sehr schöner Weise die menschliche Persönlichkeit in ihrer vollen, humanen, freien Entfaltung gegenüber aller Staatsomnipotenz in Schutz genommen. Es wird darauf hingewiesen, daß der Staat nicht mehr in das Gebiet des menschlichen Wesens überhaupt eingreifen dürfe, als durch sein Eingreifen Hindernisse für die freie Entfaltung der Persönlichkeit beseitigt werden. Die Schrift entstammt ja demselben Grunde, auf welchem Schillers schöne Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» ersprossen sind. Und ich möchte sagen, die Schrift von Wilhelm von Humboldt über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates ist eine Bruderschrift dieser Schillerschen Schrift «Über die ästhetische Erziehung des Menschen». Sie stammt aus der Zeit, wo man versuchte, aus dem geistigen Leben alle Gedanken zusammenzubringen, welche den Menschen so recht auf den Boden der Freiheit stellen können. Diese Schrift ist aus gewissen Gründen im 19. Jahrhundert nicht gerade sehr viel benützt worden, bildete aber doch immer wieder das Studium derer, die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts über die Außenseite des Begriffes der Freiheit aufklären wollten. Natürlich, das 19. Jahrhundert war die Zeit, in der der Begriff der Freiheit ja in vieler Beziehung zu Grabe getragen worden ist; aber die Leute wollten sich doch immer wieder über den Begriff der Freiheit orientieren, und gerade von diesem Gesichtspunkte aus bekam Wilhelm von Humboldts Schrift «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen», eine gewisse internationale Bedeutung in Europa. Von dieser Schrift sind nämlich sowohl der Franzose Laboulaye wie auch der Engländer John Stuart Mill ausgegangen; für beide war die Schrift von Wilhelm von Humboldt ein wichtiger Ausgangspunkt. Und sie haben ihrerseits, ein jeder auf seinem Gebiet, versucht, sich über den Begriff der Freiheit zu orientieren. Laboulaye fand, daß die Einrichtung seines Landes in bezug auf das Verhältnis zwischen Staat und Individuum geeignet ist, jegliche wirkliche Freiheit, das heißt jede wirkliche Entfaltung der Persönlichkeit, unter dem Staatsbegriff zu begraben; John Stuart Mill hat, ausgehend von Wilhelm von Humboldt, nachdem er ihn entdeckt hatte, in seiner Schrift über die Freiheit in eindringlicher Weise ausgeführt, wie die englische Gesellschaft geeignet ist, das wirkliche Erlebnis der Freiheit zu untergraben. Dieser Frage ist ja gerade die Schrift von John Stuart Mill — bei Laboulaye ist es der Staat, bei Mill die Gesellschaft — gewidmet: Wie kann man bei der von der Gesellschaft herausgebildeten Unfreiheit zu einer Entfaltung der Persönlichkeit kommen?

[ 14 ] Nun gibt es in der deutschen Literatur eine Schrift — Sie können sie sich leicht verschaffen, weil sie in der Reclamschen Universal-Bibliothek erschienen ist —, welche in der eindringlichsten Weise die Frage des Verhältnisses zwischen der Staatsomnipotenz und der menschlichen Freiheit behandelt, also der Freiheit nicht nur, wie sie aus dem Inneren der menschlichen Seele heraus lebt, sondern der Freiheit, wie sie sich im sozialen Leben verwirklicht. Mir ist keine andere Schrift in der Weltliteratur bekannt, welche diese Frage in einer ähnlich eindringlichen Weise behandelt. Diese Schrift heißt: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen», und ist von Wilhelm von Humboldt, dem Freunde Schillers und dem Bruder des Schriftstellers Alexander von Humboldt. In dieser Schrift, aus der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, wird in sehr schöner Weise die menschliche Persönlichkeit in ihrer vollen, humanen, freien Entfaltung gegenüber aller Staatsomnipotenz in Schutz genommen. Es wird darauf hingewiesen, daß der Staat nicht mehr in das Gebiet des menschlichen Wesens überhaupt eingreifen dürfe, als durch sein Eingreifen Hindernisse für die freie Entfaltung der Persönlichkeit beseitigt werden. Die Schrift entstammt ja demselben Grunde, auf welchem Schillers schöne Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» ersprossen sind. Und ich möchte sagen, die Schrift von Wilhelm von Humboldt über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates ist eine Bruderschrift dieser Schillerschen Schrift «Über die ästhetische Erziehung des Menschen». Sie stammt aus der Zeit, wo man versuchte, aus dem geistigen Leben alle Gedanken zusammenzubringen, welche den Menschen so recht auf den Boden der Freiheit stellen können. Diese Schrift ist aus gewissen Gründen im 19. Jahrhundert nicht gerade sehr viel benützt worden, bildete aber doch immer wieder das Studium derer, die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts über die Außenseite des Begriffes der Freiheit aufklären wollten. Natürlich, das 19. Jahrhundert war die Zeit, in der der Begriff der Freiheit ja in vieler Beziehung zu Grabe getragen worden ist; aber die Leute wollten sich doch immer wieder über den Begriff der Freiheit orientieren, und gerade von diesem Gesichtspunkte aus bekam Wilhelm von Humboldts Schrift «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen», eine gewisse internationale Bedeutung in Europa. Von dieser Schrift sind nämlich sowohl der Franzose Laboulaye wie auch der Engländer John Stuart Mill ausgegangen; für beide war die Schrift von Wilhelm von Humboldt ein wichtiger Ausgangspunkt. Und sie haben ihrerseits, ein jeder auf seinem Gebiet, versucht, sich über den Begriff der Freiheit zu orientieren. Laboulaye fand, daß die Einrichtung seines Landes in bezug auf das Verhältnis zwischen Staat und Individuum geeignet ist, jegliche wirkliche Freiheit, das heißt jede wirkliche Entfaltung der Persönlichkeit, unter dem Staatsbegriff zu begraben; John Stuart Mill hat, ausgehend von Wilhelm von Humboldt, nachdem er ihn entdeckt hatte, in seiner Schrift über die Freiheit in eindringlicher Weise ausgeführt, wie die englische Gesellschaft geeignet ist, das wirkliche Erlebnis der Freiheit zu untergraben. Dieser Frage ist ja gerade die Schrift von John Stuart Mill — bei Laboulaye ist es der Staat, bei Mill die Gesellschaft — gewidmet: Wie kann man bei der von der Gesellschaft herausgebildeten Unfreiheit zu einer Entfaltung der Persönlichkeit kommen?

[ 15 ] Treitschke hat nun, wiederum mit der seelenkritischen Art, von der ich eben sprach, anknüpfend an Laboulaye und John Stuart Mill, seine Schrift über die Freiheit im Beginne der sechziger Jahre verfaßt. Und diese Treitschkesche Schrift über die Freiheit ist ganz besonders deshalb von außerordentlichem Interesse, weil Treitschke als Historiker und als Politiker ganz in dem Zwiespalt lebt, in den die menschliche Seele gebracht wird, wenn sie auf der einen Seite die Notwendigkeit jenes sozialen Gebildes erkennt, das man Staat nennt, und auf der andern Seite begeistert ist für dasjenige, was man menschliche Freiheit nennt. So hat sich namentlich Treitschke mit Bezug auf den Begriff der Freiheit in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit Laboulaye und mit John Stuart Mill auseinanderzusetzen versucht. Er versuchte in dieser Schrift «Die Freiheit» geradezu einen Staatsbegriff herauszuarbeiten, welcher das Notwendige, was im Staatsgebilde liegt, nicht aufhebt, und auf der andern Seite es doch dahin bringt, daß der Staat nicht der Totengräber, sondern der Förderer, der Pfleger der Freiheit werde. Ein solcher Staatsbegriff schwebte Treitschke vor. Es war ja die Zeit, in der man auf die Frage: Welches ist dein engeres Vaterland? — von einem Deutschen zur Antwort bekommen konnte: SchwarzburgSondershausen — oder Reuß-Schleiz jüngere Linie. — Im Anfang der sechziger Jahre gab es ja das, was heute Deutsches Reich genannt wird, noch nicht. In jener Zeit, in der eine große Anzahl von Leuten an eine Art Zusammenschluß der verschiedenen individuellen Gebilde dachten, in denen Deutsche wohnten, dachte auch Treitschke an die Notwendigkeit eines Staatsgebildes. Aber für ihn war es, ich möchte sagen, Axiom, daß kein Staat entstehen dürfe, welcher nicht der menschlichen Persönlichkeit eine möglichst freie Entfaltung gewährte. Und wenn man auch nicht sagen kann, daß Treitschke zu ganz durchgebildeten philosophischen Begriffen gekommen ist, so ist doch gerade mit Bezug auf diesen Gesichtspunkt in der Treitschke-Schrift über die Freiheit vieles sehr Beherzigenswertes gesagt.

[ 15 ] Treitschke hat nun, wiederum mit der seelenkritischen Art, von der ich eben sprach, anknüpfend an Laboulaye und John Stuart Mill, seine Schrift über die Freiheit im Beginne der sechziger Jahre verfaßt. Und diese Treitschkesche Schrift über die Freiheit ist ganz besonders deshalb von außerordentlichem Interesse, weil Treitschke als Historiker und als Politiker ganz in dem Zwiespalt lebt, in den die menschliche Seele gebracht wird, wenn sie auf der einen Seite die Notwendigkeit jenes sozialen Gebildes erkennt, das man Staat nennt, und auf der andern Seite begeistert ist für dasjenige, was man menschliche Freiheit nennt. So hat sich namentlich Treitschke mit Bezug auf den Begriff der Freiheit in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit Laboulaye und mit John Stuart Mill auseinanderzusetzen versucht. Er versuchte in dieser Schrift «Die Freiheit» geradezu einen Staatsbegriff herauszuarbeiten, welcher das Notwendige, was im Staatsgebilde liegt, nicht aufhebt, und auf der andern Seite es doch dahin bringt, daß der Staat nicht der Totengräber, sondern der Förderer, der Pfleger der Freiheit werde. Ein solcher Staatsbegriff schwebte Treitschke vor. Es war ja die Zeit, in der man auf die Frage: Welches ist dein engeres Vaterland? — von einem Deutschen zur Antwort bekommen konnte: SchwarzburgSondershausen — oder Reuß-Schleiz jüngere Linie. — Im Anfang der sechziger Jahre gab es ja das, was heute Deutsches Reich genannt wird, noch nicht. In jener Zeit, in der eine große Anzahl von Leuten an eine Art Zusammenschluß der verschiedenen individuellen Gebilde dachten, in denen Deutsche wohnten, dachte auch Treitschke an die Notwendigkeit eines Staatsgebildes. Aber für ihn war es, ich möchte sagen, Axiom, daß kein Staat entstehen dürfe, welcher nicht der menschlichen Persönlichkeit eine möglichst freie Entfaltung gewährte. Und wenn man auch nicht sagen kann, daß Treitschke zu ganz durchgebildeten philosophischen Begriffen gekommen ist, so ist doch gerade mit Bezug auf diesen Gesichtspunkt in der Treitschke-Schrift über die Freiheit vieles sehr Beherzigenswertes gesagt.

[ 16 ] Wenn man Treitschke würdigen und gerade das ins Auge fassen will, was für den Okkultisten wichtig ist, muß man nicht unberücksichtigt lassen, daß Treitschke eine furchtlose Persönlichkeit war, die keinem andern Gott dienen wollte als dem der Wahrheit. Es ist geradezu der Gipfel der Torheit, wenn man von manchen Seiten her mit Begriffen, die nichts mit Sachlichkeit zu tun haben, heute über Treitschke urteilen hört; denn die Urteile, die da durch die Welt schwirren, sind meistens gar nicht in der Lage, auch nur im entferntesten irgendeinen Standpunkt zu gewinnen, aus dem einfachen Grunde, weil das fehlt, worauf ich neulich hingedeutet habe, als ich sagte, daß wenn man sich ein wenig auf die aus der Geisteswissenschaft sich ergebende Differenzierung der Volksgeister einließe, man nicht so viel Torheiten reden würde. Ich knüpfte da an die verschiedenen Torheiten an, welche teils von ihm selbst, teils über Romain Rolland vorgebracht worden sind. Ich habe das sagen müssen, weil eine eindringliche Betrachtung desjenigen, was man Volksgeist nennen kann, heute wirklich nur aus der Geisteswissenschaft heraus möglich ist. Wer sich darauf nicht einlassen will, kann dann eben nur zu solchen ganz subjektiven und darum törichten Urteilen kommen wie Romain Rolland.

[ 16 ] Wenn man Treitschke würdigen und gerade das ins Auge fassen will, was für den Okkultisten wichtig ist, muß man nicht unberücksichtigt lassen, daß Treitschke eine furchtlose Persönlichkeit war, die keinem andern Gott dienen wollte als dem der Wahrheit. Es ist geradezu der Gipfel der Torheit, wenn man von manchen Seiten her mit Begriffen, die nichts mit Sachlichkeit zu tun haben, heute über Treitschke urteilen hört; denn die Urteile, die da durch die Welt schwirren, sind meistens gar nicht in der Lage, auch nur im entferntesten irgendeinen Standpunkt zu gewinnen, aus dem einfachen Grunde, weil das fehlt, worauf ich neulich hingedeutet habe, als ich sagte, daß wenn man sich ein wenig auf die aus der Geisteswissenschaft sich ergebende Differenzierung der Volksgeister einließe, man nicht so viel Torheiten reden würde. Ich knüpfte da an die verschiedenen Torheiten an, welche teils von ihm selbst, teils über Romain Rolland vorgebracht worden sind. Ich habe das sagen müssen, weil eine eindringliche Betrachtung desjenigen, was man Volksgeist nennen kann, heute wirklich nur aus der Geisteswissenschaft heraus möglich ist. Wer sich darauf nicht einlassen will, kann dann eben nur zu solchen ganz subjektiven und darum törichten Urteilen kommen wie Romain Rolland.

[ 17 ] Wenn man sich nun auf dasjenige einläßt, was aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Volksgeister folgt, dann muß man sich vor allen Dingen klar darüber sein, daß bei einem für sein Volk typischen Menschen — und das ist gerade Treitschke dadurch, daß er eine dämonische Natur war — auch gewisse typische volkshafte Merkmale hervortreten. Das ist auch bei Treitschke der Fall, und man kann wirklich sagen: Wenn man Treitschke versteht, versteht man viel von dem Deutschtum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nicht alles, aber vieles. Hat man zunächst einmal die Möglichkeit, einen Gesichtspunkt aus dem Okkultismus heraus zu gewinnen, so muß man — nicht bei kosmopolitischen, aber bei nationalen Naturen — an den Grundunterschied herangehen, der besteht zwischen westeuropäischen und mitteleuropäischen Urteilen. Wohlgemerkt, solche Dinge können nicht in Betracht kommen für das Allgemein-Menschliche, aber sie kommen in Betracht, wenn das Dämonisch-Volkhafte in den Geistern lebt. Nur mit dieser Einschränkung sage ich, was ich nunmehr zu sagen habe. Wenn auf dieses Volkstümliche so gesehen wird, wie es durch die Menschen durchwirkt, dann gilt schon das, was ein Amerikaner meint, wenn er sagt — vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt nicht meine Worte gebrauche, sondern die eines Amerikaners, weil mir die Worte vielleicht übelgenommen werden könnten: Das französische Urteil, insofern es volkstümlich ist — also nicht das Urteil des einzelnen Franzosen, der ja kosmopolitisch sein kann, sondern das Urteil, das aus der Volkssubstanz, aus dem Volke hervorgeht —, lebt in dem Worte; das englische Urteil lebt im politisch-praktischen Begriff; das deutsche Urteil lebt im Anationalen, im nichtnationalen Suchen nach der Erkenntnis. — So sagt ein Amerikaner, der Europa bereist hat. Das aber bedingt, daß gewisse Urteile, die im Westen gefällt werden, sich innerhalb der deutschen Volkssubstanz anders ausnehmen, als sie im Westen gefällt werden. Im Westen haben sie einen abstrakten Charakter. Der Deutsche ist als Deutscher geneigt, die Urteile in ihre Konkretheiten zu übersetzen und dadurch vieles bei seinem wahren Namen zu nennen, was im Westen eigentlich niemals mit dem wahren Namen berührt wird. Nehmen wir einen Begriff, der jetzt im Laufe unserer Betrachtungen liegt: den Begriff des Staates.

[ 17 ] Wenn man sich nun auf dasjenige einläßt, was aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Volksgeister folgt, dann muß man sich vor allen Dingen klar darüber sein, daß bei einem für sein Volk typischen Menschen — und das ist gerade Treitschke dadurch, daß er eine dämonische Natur war — auch gewisse typische volkshafte Merkmale hervortreten. Das ist auch bei Treitschke der Fall, und man kann wirklich sagen: Wenn man Treitschke versteht, versteht man viel von dem Deutschtum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nicht alles, aber vieles. Hat man zunächst einmal die Möglichkeit, einen Gesichtspunkt aus dem Okkultismus heraus zu gewinnen, so muß man — nicht bei kosmopolitischen, aber bei nationalen Naturen — an den Grundunterschied herangehen, der besteht zwischen westeuropäischen und mitteleuropäischen Urteilen. Wohlgemerkt, solche Dinge können nicht in Betracht kommen für das Allgemein-Menschliche, aber sie kommen in Betracht, wenn das Dämonisch-Volkhafte in den Geistern lebt. Nur mit dieser Einschränkung sage ich, was ich nunmehr zu sagen habe. Wenn auf dieses Volkstümliche so gesehen wird, wie es durch die Menschen durchwirkt, dann gilt schon das, was ein Amerikaner meint, wenn er sagt — vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt nicht meine Worte gebrauche, sondern die eines Amerikaners, weil mir die Worte vielleicht übelgenommen werden könnten: Das französische Urteil, insofern es volkstümlich ist — also nicht das Urteil des einzelnen Franzosen, der ja kosmopolitisch sein kann, sondern das Urteil, das aus der Volkssubstanz, aus dem Volke hervorgeht —, lebt in dem Worte; das englische Urteil lebt im politisch-praktischen Begriff; das deutsche Urteil lebt im Anationalen, im nichtnationalen Suchen nach der Erkenntnis. — So sagt ein Amerikaner, der Europa bereist hat. Das aber bedingt, daß gewisse Urteile, die im Westen gefällt werden, sich innerhalb der deutschen Volkssubstanz anders ausnehmen, als sie im Westen gefällt werden. Im Westen haben sie einen abstrakten Charakter. Der Deutsche ist als Deutscher geneigt, die Urteile in ihre Konkretheiten zu übersetzen und dadurch vieles bei seinem wahren Namen zu nennen, was im Westen eigentlich niemals mit dem wahren Namen berührt wird. Nehmen wir einen Begriff, der jetzt im Laufe unserer Betrachtungen liegt: den Begriff des Staates.

[ 18 ] Treitschke hat in seinen Vorträgen über «Politik», die auch gedruckt sind, über den Staat gesprochen. Über den Staat sprechen natürlich sehr viele Leute; aber betrachten wir jetzt das Sprechen über den Staat nur, insofern es sich innerhalb der nationalen Volkssubstanz vollzieht. Im Westen wird man gerne vom Staate so sprechen, daß man das Wort nimmt und dann allerlei Begriffe daran hängt, die man aus irgendwelchen Gründen mit dem Begriff des Staates zusammenbringen will. So wird man dem Staat als solchem den Begriff von Freiheit, von Recht und allerlei anderes anhängen, und wird sich sogar womöglich in sonderbarer Weise zu der Phrase aufschwingen: Der Staat muß jeglicher Begriffe von Macht entkleidet werden, der Staat muß ein Rechtsstaat sein. — Das kann man sagen, solange man nicht genötigt ist, den Begriff des Staates real ins Auge zu fassen. Wenn man aber wie Treitschke an den Begriff des Staates herangeht, so kommt man auf das Geheimnis des Staates. Man fordert dann nicht, daß der Staat sich auf den Grundsatz stellt: Macht geht vor Recht —, eine Behauptung, die man Treitschke verleumderischerweise unterschiebt; sondern man kommt darauf, daß der Begriff des Staates ohne den Begriff der Macht überhaupt nicht denkbar ist. Man wird einfach wahr, weil es keine Möglichkeit gibt, einen Staat zu begründen, als ihn auf Macht zu begründen. Und wenn man das nicht zugibt, so vertritt man eben nicht die Wahrheit. So wurde Treitschke genötigt, über den Staat im Zusammenhange mit der Macht zu sprechen. Das wird in der Weise, man kann schon sagen «verdreht», daß man sagt, Treitschke hätte behauptet, Macht ginge vor Recht nach der deutschen Staatsauffassung. Aber es ist keine Rede davon, daß Treitschke das jemals in den Sinn gekommen ist, sondern er hatte viel zu stark noch den Sinn der Humboldtschen Auseinandersetzungen in der Seele: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen.» Weil der Staat eben notwendigerweise Macht entfalten muß, darf er nicht omnipotent werden. Man kann nicht von einem Rechtsstaat reden, weil das soviel heißt wie — nun, nicht gerade hölzernes Eisen, aber mindestens kupfernes Eisen. Die beiden Begriffe sind, wie man in der Logik sagt, disparat; sie haben nichts miteinander zu tun. Darauf kommt aber erst der, der die Dinge ernst nimmt.

[ 18 ] Treitschke hat in seinen Vorträgen über «Politik», die auch gedruckt sind, über den Staat gesprochen. Über den Staat sprechen natürlich sehr viele Leute; aber betrachten wir jetzt das Sprechen über den Staat nur, insofern es sich innerhalb der nationalen Volkssubstanz vollzieht. Im Westen wird man gerne vom Staate so sprechen, daß man das Wort nimmt und dann allerlei Begriffe daran hängt, die man aus irgendwelchen Gründen mit dem Begriff des Staates zusammenbringen will. So wird man dem Staat als solchem den Begriff von Freiheit, von Recht und allerlei anderes anhängen, und wird sich sogar womöglich in sonderbarer Weise zu der Phrase aufschwingen: Der Staat muß jeglicher Begriffe von Macht entkleidet werden, der Staat muß ein Rechtsstaat sein. — Das kann man sagen, solange man nicht genötigt ist, den Begriff des Staates real ins Auge zu fassen. Wenn man aber wie Treitschke an den Begriff des Staates herangeht, so kommt man auf das Geheimnis des Staates. Man fordert dann nicht, daß der Staat sich auf den Grundsatz stellt: Macht geht vor Recht —, eine Behauptung, die man Treitschke verleumderischerweise unterschiebt; sondern man kommt darauf, daß der Begriff des Staates ohne den Begriff der Macht überhaupt nicht denkbar ist. Man wird einfach wahr, weil es keine Möglichkeit gibt, einen Staat zu begründen, als ihn auf Macht zu begründen. Und wenn man das nicht zugibt, so vertritt man eben nicht die Wahrheit. So wurde Treitschke genötigt, über den Staat im Zusammenhange mit der Macht zu sprechen. Das wird in der Weise, man kann schon sagen «verdreht», daß man sagt, Treitschke hätte behauptet, Macht ginge vor Recht nach der deutschen Staatsauffassung. Aber es ist keine Rede davon, daß Treitschke das jemals in den Sinn gekommen ist, sondern er hatte viel zu stark noch den Sinn der Humboldtschen Auseinandersetzungen in der Seele: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen.» Weil der Staat eben notwendigerweise Macht entfalten muß, darf er nicht omnipotent werden. Man kann nicht von einem Rechtsstaat reden, weil das soviel heißt wie — nun, nicht gerade hölzernes Eisen, aber mindestens kupfernes Eisen. Die beiden Begriffe sind, wie man in der Logik sagt, disparat; sie haben nichts miteinander zu tun. Darauf kommt aber erst der, der die Dinge ernst nimmt.

[ 19 ] Und von diesem Gesichtspunkte aus kam auch Nietzsche zu seinem Begriffe vom «Willen zur Macht». Es ist wiederum nichts anderes als eine grenzenlose Verleumdung, wenn man Nietzsche imputiert, er hätte das «Prinzip der Macht» vertreten. Er hat nichts anderes vertreten als: Man solle betrachten, inwiefern die Macht in Wahrheit unter den Impulsen der Menschen lebt. — Charakteristisch ist es ja, daß Nietzsche von diesem Gesichtspunkte aus das Folgende vorbringt. Er sagt: Da gibt es Leute, welche aus gewissen Grundsätzen der Askese heraus die These vertreten, die Macht sei zu bekämpfen. Warum tun sie das? Weil sie nach ihrer besonderen Beschaffenheit gerade dadurch zu einer besonderen Macht kommen, daß sie die Macht bekämpfen! Das ist nur ihr besonderer Wille zur Macht, die Machtlosigkeit besonders zu betonen! Denn das gibt ihnen gerade in ihrer Art eine besondere Macht, asketisch die Machtlosigkeit zu betonen. — Was bei Nietzsche zugrunde lag, und was auch in Treitschkes Betrachtungen spukt, ist: sich nicht ein X für ein U vorzumachen, sondern die Dinge in Wahrheit zu sagen, nicht Phrasen zu drechseln.

[ 19 ] Und von diesem Gesichtspunkte aus kam auch Nietzsche zu seinem Begriffe vom «Willen zur Macht». Es ist wiederum nichts anderes als eine grenzenlose Verleumdung, wenn man Nietzsche imputiert, er hätte das «Prinzip der Macht» vertreten. Er hat nichts anderes vertreten als: Man solle betrachten, inwiefern die Macht in Wahrheit unter den Impulsen der Menschen lebt. — Charakteristisch ist es ja, daß Nietzsche von diesem Gesichtspunkte aus das Folgende vorbringt. Er sagt: Da gibt es Leute, welche aus gewissen Grundsätzen der Askese heraus die These vertreten, die Macht sei zu bekämpfen. Warum tun sie das? Weil sie nach ihrer besonderen Beschaffenheit gerade dadurch zu einer besonderen Macht kommen, daß sie die Macht bekämpfen! Das ist nur ihr besonderer Wille zur Macht, die Machtlosigkeit besonders zu betonen! Denn das gibt ihnen gerade in ihrer Art eine besondere Macht, asketisch die Machtlosigkeit zu betonen. — Was bei Nietzsche zugrunde lag, und was auch in Treitschkes Betrachtungen spukt, ist: sich nicht ein X für ein U vorzumachen, sondern die Dinge in Wahrheit zu sagen, nicht Phrasen zu drechseln.

[ 20 ] Dies zeigt Ihnen aber, daß es weder Treitschke noch Nietzsche darauf angekommen ist, ins soziale Leben irgendein Prinzip als ein Machtprinzip einzuführen, sondern einfach darauf, zu zeigen, wie überall, wo Staat ist, Macht lebt, und wie, wenn man die Wahrheit sagen will, man gar nicht anders kann, als dies aussprechen. Das ist, möchte ich sagen, das Karma, unter dem Treitschke gewirkt hat: darauf zu kommen, daß es ein Unding ist, sich bloße abstrakte, leere Begriffe vorzumachen und sie in die Welt hinauszuposaunen. Er wollte unmittelbar die Wirklichkeit angreifen, das ist gerade das Reizvolle seiner Schriften. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete er dann auch den Begriff der Freiheit so, daß er sagte: Die Frage, ob der Staat dazu da ist, die Freiheit zu fördern, oder die Freiheit nicht zu fördern, ist überhaupt keine Frage. — Also er ging darauf aus, die Dinge da zu suchen, wo sie in ihrer Realität leben. Das will ich nicht verteidigen, sondern es heute nur charakterisieren; und man kann wahrhaftig den furchtlosen Menschen, der die Dinge aussprechen wollte, wie sie sich ihm für seinen Wahrhaftigkeitssinn ergeben hatten, nicht agitatorisch ausschroten. Das agitatorische Ausschroten wird aber heute überall gepflegt. Treitschke ist ein furchtloser Geist, der nun wirklich durchaus darauf ausgeht, nirgends, keinem Verhältnis gegenüber ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Und gescheiter — das muß ich noch einmal sagen — wäre es, wenn man darauf hinweisen würde, wie Treitschke doch eine Art Erzieher derjenigen geworden ist, die ihn haben hören wollen. Es waren ja ihrer nicht so viele, als man heute glauben machen will. Denn wenn Treitschke über die Freiheit redet, so tut er das viel weniger als Kritiker der andern Völker, denn als Erzieher seines eigenen Volkes. Da möchte ich Ihnen eine Stelle gerade aus seiner Schrift «Die Freiheit» mitteilen, die man ebenso kennen soll, wie manche aus dem Zusammenhang gerissenen Dinge, die gar nicht verstanden werden, wenn man sie nur aus dem Zusammenhang reißt. So schreibt Treitschke, nachdem er zuerst erörtert hat, durch welche gesellschaftlichen Dinge die Freiheit gefördert wird:

[ 20 ] Dies zeigt Ihnen aber, daß es weder Treitschke noch Nietzsche darauf angekommen ist, ins soziale Leben irgendein Prinzip als ein Machtprinzip einzuführen, sondern einfach darauf, zu zeigen, wie überall, wo Staat ist, Macht lebt, und wie, wenn man die Wahrheit sagen will, man gar nicht anders kann, als dies aussprechen. Das ist, möchte ich sagen, das Karma, unter dem Treitschke gewirkt hat: darauf zu kommen, daß es ein Unding ist, sich bloße abstrakte, leere Begriffe vorzumachen und sie in die Welt hinauszuposaunen. Er wollte unmittelbar die Wirklichkeit angreifen, das ist gerade das Reizvolle seiner Schriften. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete er dann auch den Begriff der Freiheit so, daß er sagte: Die Frage, ob der Staat dazu da ist, die Freiheit zu fördern, oder die Freiheit nicht zu fördern, ist überhaupt keine Frage. — Also er ging darauf aus, die Dinge da zu suchen, wo sie in ihrer Realität leben. Das will ich nicht verteidigen, sondern es heute nur charakterisieren; und man kann wahrhaftig den furchtlosen Menschen, der die Dinge aussprechen wollte, wie sie sich ihm für seinen Wahrhaftigkeitssinn ergeben hatten, nicht agitatorisch ausschroten. Das agitatorische Ausschroten wird aber heute überall gepflegt. Treitschke ist ein furchtloser Geist, der nun wirklich durchaus darauf ausgeht, nirgends, keinem Verhältnis gegenüber ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Und gescheiter — das muß ich noch einmal sagen — wäre es, wenn man darauf hinweisen würde, wie Treitschke doch eine Art Erzieher derjenigen geworden ist, die ihn haben hören wollen. Es waren ja ihrer nicht so viele, als man heute glauben machen will. Denn wenn Treitschke über die Freiheit redet, so tut er das viel weniger als Kritiker der andern Völker, denn als Erzieher seines eigenen Volkes. Da möchte ich Ihnen eine Stelle gerade aus seiner Schrift «Die Freiheit» mitteilen, die man ebenso kennen soll, wie manche aus dem Zusammenhang gerissenen Dinge, die gar nicht verstanden werden, wenn man sie nur aus dem Zusammenhang reißt. So schreibt Treitschke, nachdem er zuerst erörtert hat, durch welche gesellschaftlichen Dinge die Freiheit gefördert wird:

«Insbesondere von Standesvorurteilen zu reden, ist noch immer sehr wohl an der Zeit», also Anfang der sechziger Jahre. «Ein niederschlagender Gedanke, fürwahr, daß dieses große Kulturvolk» — er meint die Deutschen — «noch den barbarischen Rechtsbegriff der Mißheirat kennt, welchen die Alten schon zu Anfang ihres Kulturlebens über Bord warfen. Von jenem rohen Junkertum freilich, welchem die Stallkarriere anständiger scheint als ein wissenschaftlicher Beruf, das Faustrecht adliger als der gesetzliche Sinn des freien Bürgers, von ihm reden wir nicht: dies Zerrbild des Adels hat seinen Lohn dahin. Aber auch die buntscheckige Masse der sogenannten gebildeten wohlhabenden Stände hegt und pflegt eine Fülle unfreier, unduldsamer Standesbegriffe. Welche lieblose Härte des Urteils über die schändlicherweise so genannten gefährlichen Klassen! Welch herzloses Absprechen über den «Luxus der niederen Stände, während ein freier und vornehmer Mann sich daran freuen sollte, daß auch der Arme beginnt, etwas auf sich selbst und den Anstand seiner Erscheinung zu halten! Welche gemeine Angst bei jeder Regung des Trotzes und des Selbstgefühls unter dem niederen Volke! Deutsche Herzensgüte hat uns zwar davor bewahrt, daß diese Gesinnungen der Gebildeten bei uns eine so rohe Form annähmen wie bei den schrofferen Briten; aber solange die aristokratischen Neigungen, wovon wohl noch nie ein feiner Kopf gänzlich frei gewesen, in solcher Gestalt auftreten, steht es gar traurig um unsere innere Freiheit.

Vollends ein Gebiet, auf welchem Unfreiheit und Unduldsamkeit in Fülle wuchern, betreten wir, wenn wir fragen nach den Standesbegriffen des mächtigsten und geschlossensten der «Stände — oder wie sonst wir diese natürliche Aristokratie nennen wollen — des männlichen Geschlechts. Unglaublich weit verzweigt besteht unter uns Herren des Erdkreises eine stille Verschwörung, den Frauen einen Teil der menschlich harmonischen Bildung grundsätzlich zu versagen. Denn einen Teil ihrer Bildung erlangen die Frauen nur durch uns. Unter uns aber versteht sich von selbst, daß religiöse Aufklärung für den gebildeten Mann eine Pflicht, für den Pöbel und die Frauen ein Verderben sei, und wie viele finden eine Frau ganz absonderlich «poetisch», wenn sie den plumpsten Aberglauben zur Schau trägt. Nun gar «politisierende Weiber sind ein Greuel, darüber verlieren wir kein Wort mehr. Ist das unser mannhafter Glaube an die göttliche Natur der Freiheit? Ist die religiöse Aufklärung wirklich nur eine Sache des nüchternen Verstandes und nicht weit mehr ein Bedürfnis des Gemütes? Und doch meinen wir, die Herzenswärme der Frauen werde leiden, wenn wir sie in ihrer Weise sich erfreuen lassen an der großen Geistesarbeit der jüngsten hundert Jahre. Kennen wir die deutschen Frauen wirklich so wenig, daß wir meinen, sie würden jemals «politisieren», jemals sich den Kopf zerbrechen über Grundsteuern und Handelsverträge? Und doch bietet das politische Elend dieses Volkes eine rein menschliche Seite, welche von den Frauen vielleicht tiefer, feiner, inniger verstanden werden kann als von uns. Soll denn von dieser Fülle des Enthusiasmus und der Liebe, vor der wir so oft kalt und bettelarm und herzlos dastehen, nicht ein ärmliches Bruchteil dem Vaterlande gelten? Muß erst die Schande der Franzosenzeit sich erneuern, wenn unsere Frauen wieder, wie längst schon alle ihre Nachbarinnen in Ost und West, sich empfinden sollen als die Töchter eines großen Volkes? Wir aber haben in unfreier Engherzigkeit allzulange vor ihnen geschwiegen von dem, was uns das Innerste bewegte, wir hielten sie gerade gut genug, um ihnen von dem Nichtigen das Nichtigste zu sagen; und weil wir zu klein dachten, ihnen die Freiheit der Bildung zu gönnen, ist heute nur eine Minderzahl der deutschen Frauen imstande, den schweren Ernst dieser bedeutungsvollen Zeit zu verstehen.»

«Insbesondere von Standesvorurteilen zu reden, ist noch immer sehr wohl an der Zeit», also Anfang der sechziger Jahre. «Ein niederschlagender Gedanke, fürwahr, daß dieses große Kulturvolk» — er meint die Deutschen — «noch den barbarischen Rechtsbegriff der Mißheirat kennt, welchen die Alten schon zu Anfang ihres Kulturlebens über Bord warfen. Von jenem rohen Junkertum freilich, welchem die Stallkarriere anständiger scheint als ein wissenschaftlicher Beruf, das Faustrecht adliger als der gesetzliche Sinn des freien Bürgers, von ihm reden wir nicht: dies Zerrbild des Adels hat seinen Lohn dahin. Aber auch die buntscheckige Masse der sogenannten gebildeten wohlhabenden Stände hegt und pflegt eine Fülle unfreier, unduldsamer Standesbegriffe. Welche lieblose Härte des Urteils über die schändlicherweise so genannten gefährlichen Klassen! Welch herzloses Absprechen über den «Luxus der niederen Stände, während ein freier und vornehmer Mann sich daran freuen sollte, daß auch der Arme beginnt, etwas auf sich selbst und den Anstand seiner Erscheinung zu halten! Welche gemeine Angst bei jeder Regung des Trotzes und des Selbstgefühls unter dem niederen Volke! Deutsche Herzensgüte hat uns zwar davor bewahrt, daß diese Gesinnungen der Gebildeten bei uns eine so rohe Form annähmen wie bei den schrofferen Briten; aber solange die aristokratischen Neigungen, wovon wohl noch nie ein feiner Kopf gänzlich frei gewesen, in solcher Gestalt auftreten, steht es gar traurig um unsere innere Freiheit.

Vollends ein Gebiet, auf welchem Unfreiheit und Unduldsamkeit in Fülle wuchern, betreten wir, wenn wir fragen nach den Standesbegriffen des mächtigsten und geschlossensten der «Stände — oder wie sonst wir diese natürliche Aristokratie nennen wollen — des männlichen Geschlechts. Unglaublich weit verzweigt besteht unter uns Herren des Erdkreises eine stille Verschwörung, den Frauen einen Teil der menschlich harmonischen Bildung grundsätzlich zu versagen. Denn einen Teil ihrer Bildung erlangen die Frauen nur durch uns. Unter uns aber versteht sich von selbst, daß religiöse Aufklärung für den gebildeten Mann eine Pflicht, für den Pöbel und die Frauen ein Verderben sei, und wie viele finden eine Frau ganz absonderlich «poetisch», wenn sie den plumpsten Aberglauben zur Schau trägt. Nun gar «politisierende Weiber sind ein Greuel, darüber verlieren wir kein Wort mehr. Ist das unser mannhafter Glaube an die göttliche Natur der Freiheit? Ist die religiöse Aufklärung wirklich nur eine Sache des nüchternen Verstandes und nicht weit mehr ein Bedürfnis des Gemütes? Und doch meinen wir, die Herzenswärme der Frauen werde leiden, wenn wir sie in ihrer Weise sich erfreuen lassen an der großen Geistesarbeit der jüngsten hundert Jahre. Kennen wir die deutschen Frauen wirklich so wenig, daß wir meinen, sie würden jemals «politisieren», jemals sich den Kopf zerbrechen über Grundsteuern und Handelsverträge? Und doch bietet das politische Elend dieses Volkes eine rein menschliche Seite, welche von den Frauen vielleicht tiefer, feiner, inniger verstanden werden kann als von uns. Soll denn von dieser Fülle des Enthusiasmus und der Liebe, vor der wir so oft kalt und bettelarm und herzlos dastehen, nicht ein ärmliches Bruchteil dem Vaterlande gelten? Muß erst die Schande der Franzosenzeit sich erneuern, wenn unsere Frauen wieder, wie längst schon alle ihre Nachbarinnen in Ost und West, sich empfinden sollen als die Töchter eines großen Volkes? Wir aber haben in unfreier Engherzigkeit allzulange vor ihnen geschwiegen von dem, was uns das Innerste bewegte, wir hielten sie gerade gut genug, um ihnen von dem Nichtigen das Nichtigste zu sagen; und weil wir zu klein dachten, ihnen die Freiheit der Bildung zu gönnen, ist heute nur eine Minderzahl der deutschen Frauen imstande, den schweren Ernst dieser bedeutungsvollen Zeit zu verstehen.»

[ 21 ] Sie sehen, man kann eben auch Dinge, die schon recht allgemein menschliche sind, aber die eben von ihm als einem nationalen Geist für seine Nation gefordert werden, von Treitschke bringen. Wenn eine von den Nationen, die heute Treitschke schelten, einen solchen Geist, wie er es für die Deutschen war, für sich in Anspruch nehmen könnte, dann würde man sehen, wie er in den Himmel gehoben würde. Man denke sich einen italienischen Treitschke, und was die Italiener sagen würden, wenn die Deutschen einem italienischen Treitschke so begegnen würden, wie die Italiener und viele andere dem Treitschke begegnet sind. Aber das, was unserer Zeit den Stempel gibt — und das ist ja das unendlich Traurige —, ist die Unwissenheit und das Rechnen auf die Unwissenheit. Es wäre ja ganz und gar unmöglich, daß solche Unwahrhaftigkeiten heute durch die Welt schwirrten, wenn man dabei nicht immer auf die Unwissenheit der Menschen rechnen könnte. Unter Unwissenheit verstehe ich natürlich nicht diejenige, die notwendigerweise dadurch entsteht, daß nicht alle Leute Zeit haben, sich über alles zu unterrichten; aber was notwendig wäre, das ist ein wenig Selbsterkenntnis. Man kann ja gewisse Verhältnisse nicht beurteilen, wenn man gewisse Dinge nicht kennt, und Urteile über ganze Völker, die aus der Unwissenheit heraus geboren sind, wirken sich in der allerschlimmsten Weise aus. Und heute ist eben unendlich vieles aus der Unwissenheit heraus geboren. Das ist natürlich bedingt durch jene schwarze Magie ich habe sie ja schon bei andern Gelegenheiten charakterisiert —, welche man heute Journalismus nennt; denn es ist eine Art von schwarzer Magie, und es war nicht unrichtig, daß, als die Buchdruckerkunst mit all den Perspektiven, die sie ergeben hat, heraufgekommen ist, die Volkslegende die Urheber als schwarze Magier empfand.

[ 21 ] Sie sehen, man kann eben auch Dinge, die schon recht allgemein menschliche sind, aber die eben von ihm als einem nationalen Geist für seine Nation gefordert werden, von Treitschke bringen. Wenn eine von den Nationen, die heute Treitschke schelten, einen solchen Geist, wie er es für die Deutschen war, für sich in Anspruch nehmen könnte, dann würde man sehen, wie er in den Himmel gehoben würde. Man denke sich einen italienischen Treitschke, und was die Italiener sagen würden, wenn die Deutschen einem italienischen Treitschke so begegnen würden, wie die Italiener und viele andere dem Treitschke begegnet sind. Aber das, was unserer Zeit den Stempel gibt — und das ist ja das unendlich Traurige —, ist die Unwissenheit und das Rechnen auf die Unwissenheit. Es wäre ja ganz und gar unmöglich, daß solche Unwahrhaftigkeiten heute durch die Welt schwirrten, wenn man dabei nicht immer auf die Unwissenheit der Menschen rechnen könnte. Unter Unwissenheit verstehe ich natürlich nicht diejenige, die notwendigerweise dadurch entsteht, daß nicht alle Leute Zeit haben, sich über alles zu unterrichten; aber was notwendig wäre, das ist ein wenig Selbsterkenntnis. Man kann ja gewisse Verhältnisse nicht beurteilen, wenn man gewisse Dinge nicht kennt, und Urteile über ganze Völker, die aus der Unwissenheit heraus geboren sind, wirken sich in der allerschlimmsten Weise aus. Und heute ist eben unendlich vieles aus der Unwissenheit heraus geboren. Das ist natürlich bedingt durch jene schwarze Magie ich habe sie ja schon bei andern Gelegenheiten charakterisiert —, welche man heute Journalismus nennt; denn es ist eine Art von schwarzer Magie, und es war nicht unrichtig, daß, als die Buchdruckerkunst mit all den Perspektiven, die sie ergeben hat, heraufgekommen ist, die Volkslegende die Urheber als schwarze Magier empfand.

[ 22 ] Natürlich können Sie sagen: Nun kommt zu allen Torheiten und Vertracktheiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft auch noch diese, daß die Buchdruckerkunst als eine schwarze Magie geschildert wird. Aber ich sage ja nur «eine Art». Ich habe ja auch oftmals betont, es sei unrecht, immer zu sagen: Ahriman, oh, der darf nicht an mich heran; weg mit ihm! Luzifer, oh, der darf nicht an mich heran! Ich will nur mit den guten Göttern verkehren. — Dann können Sie eben nicht mit der Welt verkehren, denn die Welt ist nun einmal in der Balance zwischen Ahriman und Luzifer. Man kann nicht mit der Welt verkehren, wenn man diese Gesinnung haben will, wie sie insbesondere in unseren Kreisen so sehr häufig hervortritt. Im Kleinsten muß man sich Wahrhaftigkeit aneignen. Das muß das praktische Ergebnis unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen sein — das praktische Ergebnis. Sie können das jetzt schon fühlen: Wenn man diesen Trieb nach Wahrhaftigkeit nicht in sich entwickelt, dann wird man immer der Gefahr ausgesetzt sein, von der in der Welt lebenden Unwahrhaftigkeit angesteckt, suggeriert zu werden. Deshalb sagte ich neulich: Die Dinge werden so verlaufen, daß in der Zukunft alles das, was als Friedensbestrebung da war, vergessen werden wird, und erinnern wird man sich in der Peripherie nur an dasjenige, was an Bebrüllung des Friedens da war; aber das wird man nicht als Bebrüllung empfinden, sondern als etwas ganz Gerechtfertigtes. Alles übrige wird man vergessen. — So wird es schon kommen. Und wenigstens sollte durch diese Betrachtungen dazu beigetragen werden, daß Gelegenheit vorhanden sei, die Dinge in ihrer Wahrheit zu empfinden. Denn heute gehört das zu den allerersten Erfordernissen des Menschen, der es mit dem Menschenheil und mit dem Menschenfortschritt ehrlich meint, sich nicht übertölpeln zu lassen von der Unwahrhaftigkeit.

[ 22 ] Natürlich können Sie sagen: Nun kommt zu allen Torheiten und Vertracktheiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft auch noch diese, daß die Buchdruckerkunst als eine schwarze Magie geschildert wird. Aber ich sage ja nur «eine Art». Ich habe ja auch oftmals betont, es sei unrecht, immer zu sagen: Ahriman, oh, der darf nicht an mich heran; weg mit ihm! Luzifer, oh, der darf nicht an mich heran! Ich will nur mit den guten Göttern verkehren. — Dann können Sie eben nicht mit der Welt verkehren, denn die Welt ist nun einmal in der Balance zwischen Ahriman und Luzifer. Man kann nicht mit der Welt verkehren, wenn man diese Gesinnung haben will, wie sie insbesondere in unseren Kreisen so sehr häufig hervortritt. Im Kleinsten muß man sich Wahrhaftigkeit aneignen. Das muß das praktische Ergebnis unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen sein — das praktische Ergebnis. Sie können das jetzt schon fühlen: Wenn man diesen Trieb nach Wahrhaftigkeit nicht in sich entwickelt, dann wird man immer der Gefahr ausgesetzt sein, von der in der Welt lebenden Unwahrhaftigkeit angesteckt, suggeriert zu werden. Deshalb sagte ich neulich: Die Dinge werden so verlaufen, daß in der Zukunft alles das, was als Friedensbestrebung da war, vergessen werden wird, und erinnern wird man sich in der Peripherie nur an dasjenige, was an Bebrüllung des Friedens da war; aber das wird man nicht als Bebrüllung empfinden, sondern als etwas ganz Gerechtfertigtes. Alles übrige wird man vergessen. — So wird es schon kommen. Und wenigstens sollte durch diese Betrachtungen dazu beigetragen werden, daß Gelegenheit vorhanden sei, die Dinge in ihrer Wahrheit zu empfinden. Denn heute gehört das zu den allerersten Erfordernissen des Menschen, der es mit dem Menschenheil und mit dem Menschenfortschritt ehrlich meint, sich nicht übertölpeln zu lassen von der Unwahrhaftigkeit.

[ 23 ] Betrachten wir ein Faktum dieser Tage, ich möchte sagen, ganz sine ira, wenn auch nicht sine studio; ohne Sympathie und Antipathie, jedoch unter Zugrundelegung der Tatsachen. Sie alle haben ja gewiß gelesen, was bekanntgeworden ist als Note der Entente an den Präsidenten Wilson. Nun, von einem gewissen Standpunkte aus kann man gegenüber allen früheren vielleicht gerade diese Note als ein günstiges Symptom für die Zukunft betrachten. Denn wenn die Dinge allzuweit getrieben werden, dann wird der Bogen überspannt, und dann ist wiederum einige Hoffnung allerdings, die Hoffnung, daß, wo geistige Mächte herausgefordert werden, auch der Rückschlag von geistiger Seite dann kommen kann. Gerade durch diese Note wurde ja alles Frühere noch überboten.

[ 23 ] Betrachten wir ein Faktum dieser Tage, ich möchte sagen, ganz sine ira, wenn auch nicht sine studio; ohne Sympathie und Antipathie, jedoch unter Zugrundelegung der Tatsachen. Sie alle haben ja gewiß gelesen, was bekanntgeworden ist als Note der Entente an den Präsidenten Wilson. Nun, von einem gewissen Standpunkte aus kann man gegenüber allen früheren vielleicht gerade diese Note als ein günstiges Symptom für die Zukunft betrachten. Denn wenn die Dinge allzuweit getrieben werden, dann wird der Bogen überspannt, und dann ist wiederum einige Hoffnung allerdings, die Hoffnung, daß, wo geistige Mächte herausgefordert werden, auch der Rückschlag von geistiger Seite dann kommen kann. Gerade durch diese Note wurde ja alles Frühere noch überboten.

[ 24 ] Betrachten wir nun Tatsachen. Das wäre so ungefähr das heutige Osterreich-Ungarn (es wird gezeichnet). Hier etwa wäre die Donau, hier etwa würde Wien liegen. Nehmen wir nun an, es würde verwirklicht, was die Note der Entente fordert. Da wird gesagt, daß die Italiener — es sind die österreichischen Italiener gemeint — freigemacht werden wollen. Worunter diese Note der Entente am meisten leidet, das ist jene innere Unwahrhaftigkeit, die aus der vollständigen Unwissenheit kommt. Daher ist es schwer, die Zeichnung zu machen, die ich jetzt machen will. Es wird daher, wie Sie gleich sehen werden, einige Schwierigkeiten geben. Aber nehmen wir an, die italienischen Österreicher würden befreit. Nun, die Südslawen sollen auch befreit werden. Das ist ja natürlich schwer, denn die Befreiung der Südslawen würde ungefähr dieses ergeben; denn da wohnen sie überall.

[ 24 ] Betrachten wir nun Tatsachen. Das wäre so ungefähr das heutige Osterreich-Ungarn (es wird gezeichnet). Hier etwa wäre die Donau, hier etwa würde Wien liegen. Nehmen wir nun an, es würde verwirklicht, was die Note der Entente fordert. Da wird gesagt, daß die Italiener — es sind die österreichischen Italiener gemeint — freigemacht werden wollen. Worunter diese Note der Entente am meisten leidet, das ist jene innere Unwahrhaftigkeit, die aus der vollständigen Unwissenheit kommt. Daher ist es schwer, die Zeichnung zu machen, die ich jetzt machen will. Es wird daher, wie Sie gleich sehen werden, einige Schwierigkeiten geben. Aber nehmen wir an, die italienischen Österreicher würden befreit. Nun, die Südslawen sollen auch befreit werden. Das ist ja natürlich schwer, denn die Befreiung der Südslawen würde ungefähr dieses ergeben; denn da wohnen sie überall.

[ 25 ] Jetzt wird gesagt, komischerweise: Befreiung der Tschecho-Slowaken. Man kennt Tschechen, man kennt Slowaken — aber TschechoSlowaken kennt natürlich nur die Entente. Also es dürften vielleicht die Tschechen und die Slowaken gemeint sein. Die Befreiung würde dann das Folgende ergeben nach den Begriffen, die da herrschen unter den Tschechen selber. Dann die Befreiung der Rumänen. Das würde dieses ergeben. Dann müßten noch befreit werden, wie da steht: «...nach dem Willen seiner Majestät des Zaren», die in Galizien wohnenden Polen, aber das soll ja von Österreich selbst durchgeführt werden. Das würde dann etwa Ungarn sein, das würde etwa Österreich sein.

[ 25 ] Jetzt wird gesagt, komischerweise: Befreiung der Tschecho-Slowaken. Man kennt Tschechen, man kennt Slowaken — aber TschechoSlowaken kennt natürlich nur die Entente. Also es dürften vielleicht die Tschechen und die Slowaken gemeint sein. Die Befreiung würde dann das Folgende ergeben nach den Begriffen, die da herrschen unter den Tschechen selber. Dann die Befreiung der Rumänen. Das würde dieses ergeben. Dann müßten noch befreit werden, wie da steht: «...nach dem Willen seiner Majestät des Zaren», die in Galizien wohnenden Polen, aber das soll ja von Österreich selbst durchgeführt werden. Das würde dann etwa Ungarn sein, das würde etwa Österreich sein.

[ 26 ] Diese Karte ergibt sich, wenn man sich verwirklicht denkt dasjenige, was über Österreich in der Note der Entente gesagt ist. Und daneben ist gesagt, daß man den Völkern Mitteleuropas nichts antun will!

[ 26 ] Diese Karte ergibt sich, wenn man sich verwirklicht denkt dasjenige, was über Österreich in der Note der Entente gesagt ist. Und daneben ist gesagt, daß man den Völkern Mitteleuropas nichts antun will!

[ 27 ] Die ganze Note zeigt, daß da zum Beispiel gar kein Bewußtsein davon vorhanden ist, welche Schwierigkeiten es macht, die Majorität der slawischen Bevölkerung in diesen Gebieten gegenüber der verschwindenden Minorität in jenen Gebieten zurechtzukriegen. Aus dieser ganzen Note spricht die arroganteste, gewissenloseste Unkenntnis der Verhältnisse! Und damit macht man heute historische Noten. Und dann sagt man, daß man eigentlich, ja, auf nichts anderes ausgeht, als auf ich weiß schon nicht was, denn es ist fast widerwärtig, die Phrasen, die da gesprochen werden, zu wiederholen.

[ 27 ] Die ganze Note zeigt, daß da zum Beispiel gar kein Bewußtsein davon vorhanden ist, welche Schwierigkeiten es macht, die Majorität der slawischen Bevölkerung in diesen Gebieten gegenüber der verschwindenden Minorität in jenen Gebieten zurechtzukriegen. Aus dieser ganzen Note spricht die arroganteste, gewissenloseste Unkenntnis der Verhältnisse! Und damit macht man heute historische Noten. Und dann sagt man, daß man eigentlich, ja, auf nichts anderes ausgeht, als auf ich weiß schon nicht was, denn es ist fast widerwärtig, die Phrasen, die da gesprochen werden, zu wiederholen.

[ 28 ] Aber was könnte denn besser beweisen, daß Österreich in die Notwendigkeit versetzt war, sich zu wehren, als diese Note der Entente? Was könnte einen besseren Beweis liefern? Kurz, diese Note ist nur pathologisch zu betrachten. Sie ist eine Herausforderung an die Wahrheit und Wirklichkeit selber. Das überspannt eben den Bogen. Da ist die Hoffnung vorhanden, daß, da es eine Herausforderung der geistigen Welt ist, diese geistige Welt selber notwendigerweise die Sache zurechtrücken muß, wenn auch Menschen dieser geistigen Welt selbstverständlich die Werkzeuge abgeben müssen.

[ 28 ] Aber was könnte denn besser beweisen, daß Österreich in die Notwendigkeit versetzt war, sich zu wehren, als diese Note der Entente? Was könnte einen besseren Beweis liefern? Kurz, diese Note ist nur pathologisch zu betrachten. Sie ist eine Herausforderung an die Wahrheit und Wirklichkeit selber. Das überspannt eben den Bogen. Da ist die Hoffnung vorhanden, daß, da es eine Herausforderung der geistigen Welt ist, diese geistige Welt selber notwendigerweise die Sache zurechtrücken muß, wenn auch Menschen dieser geistigen Welt selbstverständlich die Werkzeuge abgeben müssen.

[ 29 ] Es wäre schon an der Zeit, daß eine solche Illustration, wie ich sie hier annähernd gemacht habe, dieser absolutesten weltgeschichtlichen Unkenntnis und Unwissenheit über Mitteleuropa in der ganzen Welt verbreitet würde. Es ist ja selbstverständlich, daß da, wo Gewalt wirkt, Vernunftgründe nicht viel Wirkung haben können. Aber der Anfang muß damit gemacht werden, einzusehen, daß, wenn von Recht und Freiheit gesprochen wird, Gewalt gemeint ist, richtig Gewalt gemeint ist. Die Dinge müssen beim rechten Namen genannt werden. Und gerade darunter leidet unsere Zeit, daß sich die Menschen nicht entschließen wollen, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Viele Menschen kommen auf vieles nicht. Wenn einem so etwas entgegentritt wie diese absolut törichte Gliederung der österreichischen Völker, dann wird ganz klar, daß die Note von Leuten stammt, die von alledem nichts wissen, was in Mitteleuropa ist, die aber die Arroganz haben, über Dinge zu urteilen, die sie gar nicht kennen und nichts anderes wollen, als ihre Gewaltherrschaft über diese Gebiete ausdehnen; denen es ganz gleichgültig ist, wie die Wirklichkeiten liegen. Aber man frägt sich doch: Wie können denn diese Dinge überhaupt zustande kommen? Zum Beispiel gibt es einige Versionen, wo es heißt: Befreiung der Slawen und der Tschechen und der Slowaken; die hiesigen Zeitungen, die wahrscheinlich richtiger übersetzen als andere, bringen aber Tschecho-Slowaken. Nicht wahr, wenn jemand etwas Richtiges sagt, wird man nicht neugierig sein, woher er die Dinge hat; wenn aber einer ein knüppeldickes Blech sagt, wie zum Beispiel die Einteilung der Völkerschaften in der Ententenote, dann sucht man, woher das Blech kommt. Und es ist nicht uninteressant, auf einen gewissen Parallelismus hinzuweisen, selbstverständlich ohne eine Hypothese darauf zu begründen, ohne irgend etwas daraus zu folgern. Ich habe mich natürlich gefragt: Woher kommen diese Termini, die unsinnig sind? — Nun, ich betone es noch einmal: Keine Hypothese, keine Schlußfolgerung, nichts davon, sondern nur ein Apergu sei gegeben.

[ 29 ] Es wäre schon an der Zeit, daß eine solche Illustration, wie ich sie hier annähernd gemacht habe, dieser absolutesten weltgeschichtlichen Unkenntnis und Unwissenheit über Mitteleuropa in der ganzen Welt verbreitet würde. Es ist ja selbstverständlich, daß da, wo Gewalt wirkt, Vernunftgründe nicht viel Wirkung haben können. Aber der Anfang muß damit gemacht werden, einzusehen, daß, wenn von Recht und Freiheit gesprochen wird, Gewalt gemeint ist, richtig Gewalt gemeint ist. Die Dinge müssen beim rechten Namen genannt werden. Und gerade darunter leidet unsere Zeit, daß sich die Menschen nicht entschließen wollen, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Viele Menschen kommen auf vieles nicht. Wenn einem so etwas entgegentritt wie diese absolut törichte Gliederung der österreichischen Völker, dann wird ganz klar, daß die Note von Leuten stammt, die von alledem nichts wissen, was in Mitteleuropa ist, die aber die Arroganz haben, über Dinge zu urteilen, die sie gar nicht kennen und nichts anderes wollen, als ihre Gewaltherrschaft über diese Gebiete ausdehnen; denen es ganz gleichgültig ist, wie die Wirklichkeiten liegen. Aber man frägt sich doch: Wie können denn diese Dinge überhaupt zustande kommen? Zum Beispiel gibt es einige Versionen, wo es heißt: Befreiung der Slawen und der Tschechen und der Slowaken; die hiesigen Zeitungen, die wahrscheinlich richtiger übersetzen als andere, bringen aber Tschecho-Slowaken. Nicht wahr, wenn jemand etwas Richtiges sagt, wird man nicht neugierig sein, woher er die Dinge hat; wenn aber einer ein knüppeldickes Blech sagt, wie zum Beispiel die Einteilung der Völkerschaften in der Ententenote, dann sucht man, woher das Blech kommt. Und es ist nicht uninteressant, auf einen gewissen Parallelismus hinzuweisen, selbstverständlich ohne eine Hypothese darauf zu begründen, ohne irgend etwas daraus zu folgern. Ich habe mich natürlich gefragt: Woher kommen diese Termini, die unsinnig sind? — Nun, ich betone es noch einmal: Keine Hypothese, keine Schlußfolgerung, nichts davon, sondern nur ein Apergu sei gegeben.

[ 30 ] In den letzten Tagen wurde — wobei ich wieder nicht über das Faktum urteile, sondern es nur erzähle — das Urteil veröffentlicht, das in Österreich über den Tschechenführer Kramarz gefällt wurde, der lange Zeit eine der einflußreichsten Persönlichkeiten in Österreich war. Er wurde zum Tode verurteilt und dann zu fünfzehn Jahren schwerem Kerker begnadigt. In dem Urteil ist auch die Rede davon, daß sich gewisse Artikel, die in der «Times» gestanden haben — in englischer Sprache selbstverständlich —, bei Kramarz in seiner Sprache fanden. Der Freund des Dr. Kramarz ist der aus Österreich entflohene Universitätsprofessor Masaryk, der nun in London und in Paris lebt. Man nehme anläßlich der Urteilsfällung aus dem Programm des Kramarz gewisse Sätze, auf Grund derer er verurteilt worden ist und verweile dabei. Wenn man gar nichts versteht von den österreichischen Verhältnissen, diese Sätze in der «Times» liest oder sonstwo, sie sind auch in Paris in der «Revue tchäque» erschienen, und sie verballhornt — der Kramarz spricht natürlich in richtigen Termini —, so kriegt man kurioserweise die Sätze aus der Ententenote über die österreichischen Völkerschaften heraus. Und wenn nun wirklich der Terminus «TschechoSlowaken» drinnensteht, so würde sich das merkwürdige Bild ergeben, daß bei Kramarz sich die Geneigtheit findet, einen Staat zu gründen aus den Tschechen und Slowaken, was einen Sinn hat; wer in Westeuropa aber von diesen Verhältnissen nichts weiß, der macht daraus «Tschecho-Slowaken».

[ 30 ] In den letzten Tagen wurde — wobei ich wieder nicht über das Faktum urteile, sondern es nur erzähle — das Urteil veröffentlicht, das in Österreich über den Tschechenführer Kramarz gefällt wurde, der lange Zeit eine der einflußreichsten Persönlichkeiten in Österreich war. Er wurde zum Tode verurteilt und dann zu fünfzehn Jahren schwerem Kerker begnadigt. In dem Urteil ist auch die Rede davon, daß sich gewisse Artikel, die in der «Times» gestanden haben — in englischer Sprache selbstverständlich —, bei Kramarz in seiner Sprache fanden. Der Freund des Dr. Kramarz ist der aus Österreich entflohene Universitätsprofessor Masaryk, der nun in London und in Paris lebt. Man nehme anläßlich der Urteilsfällung aus dem Programm des Kramarz gewisse Sätze, auf Grund derer er verurteilt worden ist und verweile dabei. Wenn man gar nichts versteht von den österreichischen Verhältnissen, diese Sätze in der «Times» liest oder sonstwo, sie sind auch in Paris in der «Revue tchäque» erschienen, und sie verballhornt — der Kramarz spricht natürlich in richtigen Termini —, so kriegt man kurioserweise die Sätze aus der Ententenote über die österreichischen Völkerschaften heraus. Und wenn nun wirklich der Terminus «TschechoSlowaken» drinnensteht, so würde sich das merkwürdige Bild ergeben, daß bei Kramarz sich die Geneigtheit findet, einen Staat zu gründen aus den Tschechen und Slowaken, was einen Sinn hat; wer in Westeuropa aber von diesen Verhältnissen nichts weiß, der macht daraus «Tschecho-Slowaken».

[ 31 ] Ja, es ist schon notwendig, daß man sich in der heutigen Zeit, wo so viele unterirdische Kanäle spielen, gewisse Fragen über Zusammenhänge klarlegt. Ich will auf das, was ich gesagt habe, weder Hypothesen noch Konsequenzen begründen; aber die Tatsache ist da, daß eine merkwürdige Übereinstimmung besteht zwischen einem Urteil, das gefällt worden ist, und der Ententenote. Selbstverständlich kann man über solch ein Urteil, je nachdem man dem einen oder dem andern Standpunkte angehört, die allerverschiedenste Meinung haben; man kann jemand für einen Märtyrer oder für einen Verbrecher halten, je nachdem. Über diese Sache will ich nicht urteilen; aber darauf kommt es doch an, diese merkwürdige Übereinstimmung beobachten zu können. Wie gesagt, das hat sich mir nur ergeben, als ich darauf kommen wollte, woher neben allem übrigen die grandiose Unwissenheit denn eigentlich stammt, die dieser Note zugrunde liegt.

[ 31 ] Ja, es ist schon notwendig, daß man sich in der heutigen Zeit, wo so viele unterirdische Kanäle spielen, gewisse Fragen über Zusammenhänge klarlegt. Ich will auf das, was ich gesagt habe, weder Hypothesen noch Konsequenzen begründen; aber die Tatsache ist da, daß eine merkwürdige Übereinstimmung besteht zwischen einem Urteil, das gefällt worden ist, und der Ententenote. Selbstverständlich kann man über solch ein Urteil, je nachdem man dem einen oder dem andern Standpunkte angehört, die allerverschiedenste Meinung haben; man kann jemand für einen Märtyrer oder für einen Verbrecher halten, je nachdem. Über diese Sache will ich nicht urteilen; aber darauf kommt es doch an, diese merkwürdige Übereinstimmung beobachten zu können. Wie gesagt, das hat sich mir nur ergeben, als ich darauf kommen wollte, woher neben allem übrigen die grandiose Unwissenheit denn eigentlich stammt, die dieser Note zugrunde liegt.

[ 32 ] Von dieser grandiosen Unwissenheit muß man schon sprechen; denn es ist bedeutsam und gehört unter die Charakteristiken unserer Zeit, daß von jener Seite, die den halben bewohnbaren Erdteil beherrscht, ein Urteil abgegeben wird, das auf solcher Wirklichkeitsgrundlage ruht. Das ist eine Herausforderung des Geistes der Wahrheit selber.

[ 32 ] Von dieser grandiosen Unwissenheit muß man schon sprechen; denn es ist bedeutsam und gehört unter die Charakteristiken unserer Zeit, daß von jener Seite, die den halben bewohnbaren Erdteil beherrscht, ein Urteil abgegeben wird, das auf solcher Wirklichkeitsgrundlage ruht. Das ist eine Herausforderung des Geistes der Wahrheit selber.

[ 33 ] [Die nächsten Sätze dieses Vortrags beziehen sich auf ein vom Stenographen leider nicht aufgenommenes Zitat und sind dadurch unverständlich. Es handelt sich um ein «Schriftstück» vom 25. Juli 1914, welches auf Rasputin Bezug nimmt. Der Herausgeber.)

[ 33 ] [Die nächsten Sätze dieses Vortrags beziehen sich auf ein vom Stenographen leider nicht aufgenommenes Zitat und sind dadurch unverständlich. Es handelt sich um ein «Schriftstück» vom 25. Juli 1914, welches auf Rasputin Bezug nimmt. Der Herausgeber.)

[ 34 ] Man wird ja immer wieder, wenn man die Macht dazu hat — und die hat man in der Peripherie —, den Tatsachen dreist ins Gesicht schlagen können. Aber der Wahrheit kann man nicht ins Gesicht schlagen. Und die Wahrheit spricht und wird hoffentlich auch ein Impuls sein, der, wenn die Dinge am schlimmsten liegen, die Menschheit zu einigem Heil führen kann.

[ 34 ] Man wird ja immer wieder, wenn man die Macht dazu hat — und die hat man in der Peripherie —, den Tatsachen dreist ins Gesicht schlagen können. Aber der Wahrheit kann man nicht ins Gesicht schlagen. Und die Wahrheit spricht und wird hoffentlich auch ein Impuls sein, der, wenn die Dinge am schlimmsten liegen, die Menschheit zu einigem Heil führen kann.

[ 35 ] Morgen wollen wir weitersprechen. Nun, ich weiß nicht, es ist ja der Wunsch von einigen unserer Freunde ausgesprochen worden, die sich morgen noch weiter die Reinhardtsche Unkunst ansehen wollen, daß wir unsere Versammlung hier früher legen. Ich habe ja nichts dagegen. Wann sollen wir also dann anfangen? Vielleicht macht jemand einen Vorschlag. Wann sollen wir uns also dann treffen? Es ist ja schon ganz gut, wenn wir das denjenigen zuliebe tun, die sich für diese Auswüchse interessieren und sich persönlich kulturhistorisch unterrichten über das Zugrundegehen der Schauspielkunst.

[ 35 ] Morgen wollen wir weitersprechen. Nun, ich weiß nicht, es ist ja der Wunsch von einigen unserer Freunde ausgesprochen worden, die sich morgen noch weiter die Reinhardtsche Unkunst ansehen wollen, daß wir unsere Versammlung hier früher legen. Ich habe ja nichts dagegen. Wann sollen wir also dann anfangen? Vielleicht macht jemand einen Vorschlag. Wann sollen wir uns also dann treffen? Es ist ja schon ganz gut, wenn wir das denjenigen zuliebe tun, die sich für diese Auswüchse interessieren und sich persönlich kulturhistorisch unterrichten über das Zugrundegehen der Schauspielkunst.