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Reflections on Contemporary History III
The Reality of Occult Impulses
GA 173c

13 January 1917, Dornach

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Reflections on Contemporary History, Volume III, tr. SOL
  1. Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band III

Siebzehnter Vortrag

Seventeenth Lecture

[ 1 ] Es scheint mir doch gerade in unserer Zeit notwendig zu sein, daß die Mitglieder unserer Bewegung über die Verhältnisse der Welt etwas wissen. Dem haben die Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, ja mehr oder weniger gedient. Wenn wir in unserem Sinne von Geisteswissenschaft sprechen, so ist es ja so, daß wir uns durchdringen müssen mit der Erkenntnis, wie unsere Welt, die wir mit dem physischen Verstande und den Sinnen überblicken, die Offenbarung ist der geistigen Welt. Solange man die geistige Welt nur abstrakt auffassen wird, indem man den Menschen in seine verschiedenen Wesensbestandteile gliedert und allerlei theoretische Betrachtungen über Karma und Reinkarnation anstellt — wie wir es ja so theoretisch im Grunde nie gemacht haben —, kann Geisteswissenschaft für das Leben nicht wirklich fruchtbar werden. Deshalb habe ich Ihren Blick in der verschiedensten Weise auf die äußere Wirklichkeit gelenkt, wobei ich immer im Auge hatte, was hinter dieser äußeren Wirklichkeit steckt, seien es direkt okkulte Faktoren, okkulte Impulse, sei es, daß okkulte Impulse von Menschen in dieser oder jener Beziehung gebraucht werden.

[ 1 ] It seems to me that, especially in our time, it is necessary for the members of our movement to know something about the state of the world. The reflections we have made here have, after all, served this purpose to a greater or lesser extent. When we speak of spiritual science in our sense of the term, it is indeed the case that we must imbue ourselves with the realization that our world—which we perceive through our physical intellect and the senses—is the manifestation of the spiritual world. As long as one conceives of the spiritual world only in abstract terms—by breaking the human being down into its various constituent elements and engaging in all sorts of theoretical speculations about karma and reincarnation—as we have, in fact, never really done in such a theoretical way—spiritual science cannot truly bear fruit in life. That is why I have directed your attention to external reality in a wide variety of ways, always keeping in mind what lies behind this external reality—whether these are directly occult factors or occult impulses, or whether occult impulses are utilized by people in this or that context.

[ 2 ] Für den, der die gegenwärtigen Verhältnisse ein wenig durchschaut, wird es in der Zukunft bei einem Rückblick auf unsere Zeiten immer klarer werden, daß die alte historische Betrachtungsweise, wie sie heute herrscht, nicht mehr ausreicht, um zu verstehen, was in der Gegenwart geschieht. Es werden sich gewisse okkulte Lehren der reifenden Erkenntnis der Menschen durch die Verhältnisse als notwendig ergeben, und denen, die sich solchen Dingen verschließen, wird sich in der Zukunft der Stempel der Unwissenheit, der Kenntnislosigkeit aufdrücken müssen.

[ 2 ] For those who have even a slight understanding of current circumstances, it will become increasingly clear in the future, when looking back on our times, that the old historical perspective—as it prevails today—is no longer sufficient to understand what is happening in the present. Certain occult teachings will emerge as necessary as human understanding matures in response to these circumstances, and those who close themselves off to such things will, in the future, be branded with the mark of ignorance and lack of knowledge.

[ 3 ] Man hat ja seit dem 19. Jahrhundert für die Verhältnisse der Vergangenheit die Gepflogenheit, rein materialistisch, aus den Akten, wie man sagte, die Geschichte zu konstruieren. Man sieht heute noch nicht ein, daß man dadurch nicht zur wirklichen Aufzeigung der geschichtlichen Impulse kommt, sondern bloß zur Schilderung von materialistischen Gespenstern — mag auch das Wort paradox klingen, es ist so: zur Schilderung von materialistischen Gespenstern. Was heute in den gebräuchlichen Handbüchern und sonstigen Darstellungen als Geschichte figuriert, die Darstellungen der Menschen und der Verhältnisse der Vergangenheit bis in die Gegenwart herein, es sind — wenn es auch noch so realistisch gemeint ist — Gespenster ohne wirkliches Leben. Es können nur Gespenster sein aus dem Grunde, weil aller Wirklichkeit okkulte Impulse zugrunde liegen, und wenn man diese wegläßt, so bekommt man eben nur Gespenster. Daher ist die Darstellung der Geschichte bis heute eine gespenstische gewesen, aber sie hat in einer gewissen Beziehung die Gemüter der Menschen erfüllt; sie hat in einer gewissen Beziehung gewirkt. Und die Tragödie der heutigen Zeit ist in vieler Beziehung gerade ein Ausleben des Karma in solchen unwahren, gespenstischen Vorstellungen, die sich die Menschen allmählich angeeignet haben. Es darf aber auch innerhalb unserer Bewegung der Weltengang nicht gewissermaßen in zwei unvermittelte Hälften zerfallen, wie es gerade manche Menschen in unserer Bewegung gern hätten: Auf der einen Seite das Schwelgen in sogenannten übersinnlichen Vorstellungen, die aber mehr oder weniger abstrakte Begriffe bleiben, und auf der andern Seite das fortdauernde Stehenbleiben in den gewöhnlichen Anschauungen, wie sie eben der ganz von Materialismus durchtränkte Vulgärverstand über die äußere Wirklichkeit entwickelt. Die beiden Dinge — äußere physische Wirklichkeit und geistiges Dasein — müssen sich gerade verbinden, das heißt, man muß einsehen, daß an die Stelle der bisherigen Geschichtsbetrachtung dasjenige treten muß, was ich eine symptomatische Geschichte genannt habe, durch die man lernen wird, daß sich in gewissen Erscheinungen stärker als in andern das geschichtliche Werden zum Ausdruck bringt.

[ 3 ] Ever since the 19th century, it has been customary—given the circumstances of the past—to construct history in a purely materialistic manner, based on the records, as they used to say. Even today, people fail to realize that this approach does not lead to a true revelation of historical impulses, but merely to a depiction of materialistic spectres—and though the phrase may sound paradoxical, it is true: a depiction of materialistic spectres. What appears today as history in standard textbooks and other accounts—the depictions of people and conditions from the past right up to the present—are, no matter how realistic they may be intended to be, ghosts without real life. They can only be phantoms for the simple reason that all reality is underpinned by occult impulses, and if one omits these, one is left with nothing but phantoms. Therefore, the portrayal of history to this day has been a phantom-like one, yet in a certain sense it has filled people’s minds; in a certain sense, it has had an effect. And the tragedy of our time is, in many respects, precisely the outworking of karma in such untrue, ghostly conceptions that people have gradually adopted. Yet even within our movement, the course of the world must not, so to speak, be split into two unconnected halves, as some people in our movement would like: On the one hand, revelling in so-called supersensory ideas, which, however, remain more or less abstract concepts; and on the other hand, persisting in ordinary views of reality, such as those developed by the vulgar intellect—which is thoroughly steeped in materialism—regarding external reality. These two things—external physical reality and spiritual existence—must be precisely united; that is to say, one must recognize that the previous approach to history must be replaced by what I have called “symptomatic history,” through which one will learn that historical development finds greater expression in certain phenomena than in others.

[ 4 ] Nun habe ich Ihnen in den letzten Zeiten manches vielleicht allzu realistisch angedeutet, allzu realistisch aber nur für eine Empfindung, die sagt: Warum schildert er uns die Dinge, die wir sonst auch hören? — Wenn Sie genauer zusehen, so werden Sie feststellen, daß Sie sie in der Art, wie sie hier geschildert werden, sonst nicht hören können, namentlich nicht in dieser Art von Zusammenstellung, in dieser Art von Symptombetrachtung, in der sich die verschiedenen charakteristischen Einzelheiten zu einer lebendigen Erfassung der Wirklichkeit zusammenfügen. Die Frage liegt nun nahe: Wie kommen denn überhaupt solche Symptome zustande, wie ich sie Ihnen angeführt habe? — Hierauf möchte ich ein wenig eingehen.

[ 4 ] Now, in recent times, I may have hinted at certain things in a way that was perhaps too realistic—but only too realistic for a certain mindset that asks: Why is he describing to us things that we hear about elsewhere anyway? — If you look more closely, you will find that you cannot otherwise hear them in the way they are described here—namely, not in this kind of compilation, in this kind of examination of symptoms, in which the various characteristic details come together to form a vivid grasp of reality. The question that naturally arises is: How do such symptoms, as I have described them to you, come about in the first place? — I would like to address this briefly.

[ 5 ] Ich habe Ihnen im Laufe der Zeit eine Reihe von Tatsachen mitgeteilt, zum Teil solche, die die Leute winzig kleine Tatsachen nennen werden, wie die von dem Sprößling des Herzegowinischen Woiwoden Woidarewitsch, oder das, was ich Ihnen anführte über das russisch-slawische Wohltätigkeitskomitee und so weiter. Solche Dinge können einerseits leicht als unbedeutend angesehen werden, auf der andern Seite aber könnte gesagt werden: Wie finden sich denn überhaupt solche Sachen zusammen? Wie kommt es denn, daß eine Geschichtsbetrachtung unter uns Platz greift, welche weit auseinanderliegende Einzelheiten zu einem Gesamtbilde zusammenzufassen versucht? — Vulgärer gefaßt würde die Frage, wenn jemand sie an mich stellte, so lauten können: Wie kommen Sie dazu, gerade diese Dinge, die für die Ereignisse der Gegenwart als charakteristisch gelten müssen, zu wissen und im Leben so aufgesammelt zu haben? — Darauf möchte ich eine Antwort geben, die Ihnen lebendig zeigen soll, wie eben Geisteswissenschaft ins Leben eingreifen kann.

[ 5 ] Over time, I have shared a number of facts with you—some of which people might call trivial, such as the story of the son of the Herzegovinian voivode Woidarewitsch, or what I told you about the Russian-Slavic Charitable Committee, and so on. On the one hand, such things can easily be regarded as insignificant; on the other hand, however, one might ask: How do such things come together at all? How is it that a historical perspective is taking hold among us that attempts to synthesize widely disparate details into a comprehensive picture? — Put more simply, if someone were to ask me this question, it might sound like this: How is it that you happen to know precisely these things—which must be considered characteristic of current events—and have gathered them up in the course of your life? — To this I would like to give an answer that will vividly show you how spiritual science can intervene in life.

[ 6 ] Man erlangt im Verlaufe seines Lebens Kenntnis von solchen Dingen, wenn es das Karma so mit sich bringt, und wenn man dem Karma einen wirklich aufrichtigen, wahrheitsgemäßen Lauf läßt.Gar mancher meint, er ließe dem Karma einen freien Lauf, er ergebe sich gewissermaßen in das Karma; aber das kann eine große Täuschung sein. Niemand kann äußere Ereignisse so verfolgen, daß sich ihm die Wahrheit ergibt, wenn er sich nicht wirklich dem Karma überläßt, wenn er nicht vieles unten läßt im Unterbewußten, vieles vorbeigleiten läßt an seiner Seele, denn durch allerlei Sympathien und Antipathien trübt man sich das freie Anschauen. Nichts ist so sehr geeignet, das freie Anschauen zu trüben, als dasjenige, was man heute geschichtliche Methode nennt. Durch diese geschichtliche Methode kommen eben Gespenster zustande, weil der Historiker von heute sich nicht seinem Karma überlassen kann. Er würde ja selbstverständlich, wenn er von früher Jugend an sich seinem Karma überließe, bei jedem Examen durchfallen, das ist ja ganz klar. Er darf sich nicht seinem Karma überlassen und dasjenige wissen, was ihm das Karma zuführt, sondern er muß dasjenige wissen, was ihm die Examensverordnungen und so weiter vorschreiben. Die schreiben aber lauter Dinge vor, welche selbstverständlich das Karma des Menschen zerfetzen, so daß derjenige, der einfach dem Strome folgt, der ihm da vorgeschrieben wird, niemals zu der wirklichen Wahrheit kommen kann. Zur wirklichen Wahrheit kann man eben nur kommen, wenn man diese Dinge, von denen in der Geisteswissenschaft gesprochen wird, lebensernst nimmt, wenn man sie nicht bloß als Theorie, sondern wenn man sie lebensernst nimmt. Natürlich nimmt man die Dinge auch dann nicht lebensernst, wenn man sich den freien Blick trüben läßt durch allerlei Sympathien und Antipathien. Man muß ihnen schon mehr oder weniger objektiv gegenüberstehen, dann trägt einem der Strom der Welt das zu, was zum Verständnis notwendig ist.

[ 6 ] One comes to know such things in the course of one’s life if karma so dictates, and if one allows karma to take its truly sincere, truthful course. Many a person believes that they are letting karma run its course, that they are, so to speak, surrendering to karma; but this can be a great delusion. No one can observe external events in such a way that the truth reveals itself to them unless they truly surrender to karma, unless they leave much in the subconscious and let much pass by their soul; for through all manner of sympathies and antipathies, one clouds one’s clear perception. Nothing is more likely to cloud clear perception than what is today called the historical method. It is precisely this historical method that gives rise to ghosts, because today’s historian cannot surrender to his karma. He would, of course, if he had surrendered to his karma from early youth onward, fail every exam—that is quite clear. He must not surrender to his karma and know what karma brings him, but rather he must know what the exam regulations and so on prescribe for him. Yet these prescribe nothing but things that, of course, tear a person’s karma to shreds, so that anyone who simply follows the current prescribed for him can never arrive at the real truth. One can only arrive at the true truth if one takes these things—which are spoken of in spiritual science—dead seriously, not merely as theory, but with the utmost seriousness. Of course, one does not take these things dead seriously if one allows one’s clear vision to be clouded by all sorts of sympathies and antipathies. One must approach them more or less objectively; then the current of the world will bring one what is necessary for understanding.

[ 7 ] Nun gehört ja auch wirklich ein Teil dieses Sich-dem-Karma-Überlassens in bezug auf die Ereignisse unserer Gegenwart zu der Tatsache, daß Sie, meine lieben Freunde, durch Ihr Karma in die Anthroposophische Gesellschaft getragen worden sind. Daher muß es in der Anthroposophischen Gesellschaft schon möglich sein, unbehindert von Sympathien und Antipathien über Tatsachen zu reden; sonst würde man ja auch innerhalb dieser Gesellschaft das Karma nicht lebensernst nehmen.

[ 7 ] Now, part of this surrendering to karma in relation to the events of our present time truly lies in the fact that you, my dear friends, have been led into the Anthroposophical Society by your karma. Therefore, it must be possible within the Anthroposophical Society to speak about facts without being hindered by sympathies and antipathies; otherwise, karma would not be taken seriously even within this Society.

[ 8 ] Ich wollte diese Einleitung vorausschicken den Betrachtungen, die wir noch anstellen wollen, aus dem Grunde, weil ich Ihnen gewisse wichtige okkulte Tatsachen zeigen will, die wir aber nicht verstehen können, wenn wir sie nicht anzuknüpfen wissen an das Leben, und wenn wir namentlich nicht durchdringen können durch das reichlich verworrene Gestrüpp von Unwahrhaftigkeiten, die heute durch die Welt schwirren. Die Welt ist ja heute voll von Unwahrhaftigkeiten, und der Sinn für Wahrhaftigkeit muß innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gepflegt werden, wenn diese — gleichgültig wie lange sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen bestehen kann — während ihres Bestandes einen Sinn, einen wirklichen Lebenssinn haben soll.

[ 8 ] I wanted to preface the reflections we are about to undertake with this introduction because I wish to present certain important occult facts to you—facts that we cannot understand unless we know how to relate them to life, and especially unless we can cut through the dense tangle of untruths that are swirling through the world today. The world today is indeed full of untruths, and a sense of truthfulness must be cultivated within the Anthroposophical Society if it is to have a purpose—a true purpose in life—during its existence, no matter how long it may endure under the present circumstances.

[ 9 ] Ich habe Sie nun mit verschiedenerlei Ausführungen, die ich in der letzten Zeit gemacht habe, nicht bloß aus dem Grunde, möchte ich sagen, belästigt, um Ihnen dies oder jenes in diesem oder jenem Lichte erscheinen zu lassen, sondern weil ich durchdrungen bin davon, daß es wichtig ist, mancherlei Begriffe zu korrigieren. Wer glaubt, daß ich diese Dinge aus irgendeinem nationalen Pathos heraus sage, der versteht mich einfach nicht.

[ 9 ] I have now “bothered” you with various remarks I have made recently—not merely, I would say, to make this or that appear in a particular light, but because I am deeply convinced that it is important to correct certain concepts. Anyone who believes that I am saying these things out of some kind of nationalistic sentiment simply does not understand me.

[ 10 ] Nun, unter den schweren Anschuldigungen, die von der Peripherie der heutigen Welt gegen die Mitte immer wieder geschleudert werden, und die, wie ich schon öfter sagte, ausklingen in die in dieser oder jener Form ausgesprochene Phrase — sie in der wirklichen Form auszusprechen, geniert man sich: Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt —, gehört auch, daß man in weitestem Kreise gewisse Menschen, deren Werke man selbstverständlich nicht kennt, als die Verderber, die Verzieher des deutschen Volkes anführt. Und einer von denen, die man da in erster Linie anführt, ist der deutsche Historiker Heinrich Treitschke. Nun will ich, wie gesagt, gar nicht von einem nationalen, sondern von einem ganz allgemein menschlichen Standpunkt aus eine solche Persönlichkeit einmal ins Auge fassen. Ich habe Ihnen erwähnt, daß ich ja nicht viel mit Treitschke verkehrt habe, sondern ihn nur einmal getroffen habe; daß er etwas Polterndes hatte, das habe ich dazumal angedeutet. Ich will heute nur sagen, daß ich mir wohl aus jener Zusammenkunft mit Treitschke ein Bild seines Wesens und Charakters machen konnte, denn er hat ja natürlich nicht bloß von dem gesprochen, was ich Ihnen als die erste Anrede angeführt habe, sondern es ist über Geschichtsauffassung, über historische Publikationen, die gerade damals in den neunziger Jahren viel Aufsehen machten, gesprochen worden, wobei man in der Lage war, viele prinzipielle Fragen über wissenschaftliche Geschichte und dergleichen in einigen Stunden Gastmähler dauern ja immer einige Stunden — zu besprechen, und es war mir durchaus möglich, den Mann gewissermaßen an der Grenze seines Lebens — er ist bald danach gestorben — kennenzulernen, abgesehen davon, daß mir sein Wirken als Historiker in allen Einzelheiten wohl bekannt ist.

[ 10 ] Now, among the serious accusations that are repeatedly hurled from the periphery of today’s world against its center—and which, as I have often said, boil down to a phrase uttered in one form or another—one is too embarrassed to say it in its true form: “Never mind, the German will be burned”—it is also common for certain people, whose works one naturally does not know, to be cited in the widest circles as the corrupters and perverters of the German people. And one of those cited first and foremost is the German historian Heinrich Treitschke. Now, as I said, I do not wish to consider such a figure from a national standpoint at all, but rather from a general human perspective. I have mentioned to you that I did not have much contact with Treitschke, but met him only once; I hinted at the time that he had a somewhat boisterous manner. Today I simply want to say that I was able to form a picture of his nature and character from that encounter with Treitschke, for he naturally did not speak only of what I mentioned to you at the outset, but we also discussed historical perspectives and historical publications that were causing quite a stir at that time, in the 1890s, and we were able to discuss many fundamental questions regarding scholarly history and the like over the course of a few hours—banquets always last a few hours—and I was certainly able to get to know the man, so to speak, at the threshold of his life—he died shortly thereafter—aside from the fact that I am well acquainted with his work as a historian in every detail.

[ 11 ] Nun möchte ich vor allen Dingen darauf hinweisen, daß Treitschke ein Mensch war, der Veranlassung dazu gibt, ihn ein wenig vom okkulten Gesichtspunkte aus ins Auge zu fassen. In dem guten Sinne, wie Sokrates von einer Art Dämonium gesprochen hat, könnte man auch bei Treitschke sagen, daß etwas von einem Dämonium in ihm lebte, nicht ein böser Dämon, aber etwas von einem Dämonium. Und man hatte bei ihm nicht das Gefühl, daß er bloß getrieben wird durch die Erwägungen des materialistischen Verstandes, sondern daß er von innen heraus getrieben wird, eben durch dasjenige, was Sokrates dämonische Kräfte nennt. Dadurch war er ja auch, ich möchte sagen, in seiner ganzen Lebensbahn geleitet. Der Sachse ist ein begeisterter Sänger des werdenden deutschen Staates; denn Treitschke hat schon in einer sehr bedeutenden Weise gewirkt, als dieser deutsche Staat noch nicht begründet war. Seine «Deutsche Geschichte» hat er allerdings erst nach der Begründung dieses Staates geschrieben. Es lebte in ihm gerade in der charakteristischen Weise, wie das in Mitteleuropa der Fall ist, was man im Umkreise nicht kennt — nicht nur nicht wünscht, sondern nicht kennt und nicht verstehen will —, es lebte in ihm, wenn ich so sagen darf, Sinn für die Konkretheit, für die Wirklichkeit. Eine gewisse Abneigung gegenüber bloßen abstrakten Theorien und gegenüber allem Phrasentum lebte in ihm, und zwar mit dämonischer Kraft, so daß man, ich möchte sagen, durch die Persönlichkeit hindurch auf die geistigen Kräfte sah, die aus ihr sprachen. Außerdem war Treitschke verhältnismäßig früh im Leben ganz taub geworden, so daß er weder die Stimme eines andern noch seine eigene hörte und er eigentlich nur mit seinem eigenen Inneren verkehrte. Solches Lebensschicksal weist den Menschen auf sich selbst zurück. Das vollständige Fehlen des Gehörs bringt den Menschen, wenn er dazu Anlage hat, viel leichter als sonst beim vollständigen Fehlen eines Sinnes in Zusammenhang mit den wirkenden okkulten Mächten, die ja eigentlich nur deshalb nicht beachtet werden, weil der Mensch durch seine Sinne abgelenkt wird von dem, was über die Sinne hinaus zu der Seele spricht. Solch ein Karma, früh vollständig taub zu werden, hat also schon eine gewisse Bedeutung und hängt mit dem zusammen, was ich in diesem Falle eine dämonische Natur nenne.

[ 11 ] First and foremost, I would like to point out that Treitschke was a man who invites us to consider him from a somewhat occult perspective. In the positive sense in which Socrates spoke of a kind of daemon, one could also say of Treitschke that something of a daemon lived within him—not an evil daemon, but something of a daemon. And one did not have the feeling with him that he was merely driven by the considerations of the materialistic intellect, but rather that he was driven from within, precisely by what Socrates calls demonic forces. Indeed, I would say that this is what guided him throughout his entire life. The Saxon is an enthusiastic champion of the emerging German state; for Treitschke had already exerted a very significant influence even before this German state had been founded. He did, however, write his German History only after the state had been established. He possessed—in the characteristic manner typical of Central Europe—something unknown to those around him—not merely unwanted, but unknown and not understood—he possessed, if I may put it this way, a sense of concreteness, of reality. A certain aversion to mere abstract theories and to all empty rhetoric lived within him, and with such demonic force that one could, I would say, see through his personality to the intellectual powers that spoke through it. Moreover, Treitschke had become completely deaf at a relatively early age, so that he heard neither the voice of another nor his own, and he actually communicated only with his own inner self. Such a fate in life forces a person to turn inward. The complete absence of hearing brings a person—if he has a predisposition for it—much more easily than is usually the case with the complete absence of a sense into contact with the active occult forces, which are in fact ignored only because the human being is distracted by his senses from what speaks to the soul beyond the senses. Such karma—becoming completely deaf at an early age—therefore has a certain significance and is connected to what I call, in this case, a demonic nature.

[ 12 ] Nun, diese Natur, diese Menschenwesenheit war wirklich im Gegensatze zu vielen, ja zu den meisten Menschen unserer Gegenwart, wie aus einem Einheitlichen heraus gestaltet. Bei ihm wirkte nie der bloße Verstand, sondern im Grunde genommen immer die ganze Seele. Hausbackene Wahrheiten, die man mit sogenannten «logischen Beweisen» jederzeit beweisen kann, haben wir ja genug in der Welt; Wahrheiten aber, an denen Menschenblut haftet, die durchdrungen sind von warmem menschlichem Fühlen, die sind wohl zu beachten, ob man sich nun auf den gleichen oder auf einen andern Standpunkt stellt. Denn der Mensch ist doch der Kanal, durch den die sinnliche Welt an der geistigen Welt hängt, und man kommt zur geistigen Welt nicht bloß durch das Studium von geisteswissenschaftlichen Theorien, sondern durch die Aneignung des Sinnes, wie der einzelne Mensch einen Kanal darstellt zwischen der Sinnenwelt und der geistigen Welt.

[ 12 ] Now, this nature, this human being, was truly—in contrast to many, indeed most, people of our time—as if shaped from a single, unified source. In his case, it was never mere intellect at work, but, fundamentally speaking, always the whole soul. We have enough of those trite truths in the world that can be “proven” at any time with so-called “logical proofs”; but truths to which human blood clings, truths imbued with warm human feeling—these deserve our attention, whether one adopts the same point of view or a different one. For the human being is, after all, the channel through which the sensory world is connected to the spiritual world, and one does not reach the spiritual world merely through the study of spiritual scientific theories, but through the cultivation of the senses, just as the individual human being serves as a channel between the sensory world and the spiritual world.

[ 13 ] Vor allen Dingen war Heinrich Treitschke eine Persönlichkeit, welche sich ihre Kenntnisse und ihre Gedanken zu bilden versuchte auf Grundlage einer breiten Erkenntnis, einer Erkenntnis, die immer aufgebaut war auf das seelenkritische, nicht auf das verstandesmäßige Urteil. Es waren die Urteile immer warm von dieser Seelenkritik. Sie hatten gewiß etwas Polterndes, aber sie waren warm von dieser Seelenkritik. Und von diesem Gesichtspunkte aus lag für Treitschke im Mittelpunkt seiner Betrachtungen vor allen Dingen die Frage nach der menschlichen Freiheit, die sich für ihn, da er Historiker war und sich früh vorbereitete, der Historiker seines Volkes zu werden, immer verband mit der Frage nach der politischen Freiheit, der Staatsfresiheit.

[ 13 ] Above all, Heinrich Treitschke was a figure who sought to form his knowledge and ideas on the basis of a broad understanding—an understanding that was always grounded in the judgment of the soul, not in rational judgment. His judgments were always imbued with this spiritual insight. They certainly had a certain boisterous quality, but they were imbued with this emotional discernment. And from this perspective, at the center of Treitschke’s reflections was, above all, the question of human freedom, which for him—as a historian who had prepared early on to become the historian of his people—was always linked to the question of political freedom, the freedom of the state.

[ 14 ] Nun gibt es in der deutschen Literatur eine Schrift — Sie können sie sich leicht verschaffen, weil sie in der Reclamschen Universal-Bibliothek erschienen ist —, welche in der eindringlichsten Weise die Frage des Verhältnisses zwischen der Staatsomnipotenz und der menschlichen Freiheit behandelt, also der Freiheit nicht nur, wie sie aus dem Inneren der menschlichen Seele heraus lebt, sondern der Freiheit, wie sie sich im sozialen Leben verwirklicht. Mir ist keine andere Schrift in der Weltliteratur bekannt, welche diese Frage in einer ähnlich eindringlichen Weise behandelt. Diese Schrift heißt: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen», und ist von Wilhelm von Humboldt, dem Freunde Schillers und dem Bruder des Schriftstellers Alexander von Humboldt. In dieser Schrift, aus der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, wird in sehr schöner Weise die menschliche Persönlichkeit in ihrer vollen, humanen, freien Entfaltung gegenüber aller Staatsomnipotenz in Schutz genommen. Es wird darauf hingewiesen, daß der Staat nicht mehr in das Gebiet des menschlichen Wesens überhaupt eingreifen dürfe, als durch sein Eingreifen Hindernisse für die freie Entfaltung der Persönlichkeit beseitigt werden. Die Schrift entstammt ja demselben Grunde, auf welchem Schillers schöne Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» ersprossen sind. Und ich möchte sagen, die Schrift von Wilhelm von Humboldt über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates ist eine Bruderschrift dieser Schillerschen Schrift «Über die ästhetische Erziehung des Menschen». Sie stammt aus der Zeit, wo man versuchte, aus dem geistigen Leben alle Gedanken zusammenzubringen, welche den Menschen so recht auf den Boden der Freiheit stellen können. Diese Schrift ist aus gewissen Gründen im 19. Jahrhundert nicht gerade sehr viel benützt worden, bildete aber doch immer wieder das Studium derer, die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts über die Außenseite des Begriffes der Freiheit aufklären wollten. Natürlich, das 19. Jahrhundert war die Zeit, in der der Begriff der Freiheit ja in vieler Beziehung zu Grabe getragen worden ist; aber die Leute wollten sich doch immer wieder über den Begriff der Freiheit orientieren, und gerade von diesem Gesichtspunkte aus bekam Wilhelm von Humboldts Schrift «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen», eine gewisse internationale Bedeutung in Europa. Von dieser Schrift sind nämlich sowohl der Franzose Laboulaye wie auch der Engländer John Stuart Mill ausgegangen; für beide war die Schrift von Wilhelm von Humboldt ein wichtiger Ausgangspunkt. Und sie haben ihrerseits, ein jeder auf seinem Gebiet, versucht, sich über den Begriff der Freiheit zu orientieren. Laboulaye fand, daß die Einrichtung seines Landes in bezug auf das Verhältnis zwischen Staat und Individuum geeignet ist, jegliche wirkliche Freiheit, das heißt jede wirkliche Entfaltung der Persönlichkeit, unter dem Staatsbegriff zu begraben; John Stuart Mill hat, ausgehend von Wilhelm von Humboldt, nachdem er ihn entdeckt hatte, in seiner Schrift über die Freiheit in eindringlicher Weise ausgeführt, wie die englische Gesellschaft geeignet ist, das wirkliche Erlebnis der Freiheit zu untergraben. Dieser Frage ist ja gerade die Schrift von John Stuart Mill — bei Laboulaye ist es der Staat, bei Mill die Gesellschaft — gewidmet: Wie kann man bei der von der Gesellschaft herausgebildeten Unfreiheit zu einer Entfaltung der Persönlichkeit kommen?

[ 14 ] Now there is a work in German literature—you can easily obtain it, since it was published in Reclam’s Universal Library—that addresses in the most compelling manner the question of the relationship between the omnipotence of the state and human freedom; that is, freedom not only as it lives within the human soul, but freedom as it is realized in social life. I know of no other work in world literature that addresses this question in such a compelling manner. This work is titled Ideas for an Attempt to Determine the Limits of State Power and was written by Wilhelm von Humboldt, a friend of Schiller’s and the brother of the writer Alexander von Humboldt. In this treatise, written at the turn of the 18th to the 19th century, the human personality is beautifully defended in its full, humane, and free development against all state omnipotence. It points out that the state should not interfere in the realm of human existence any more than is necessary to remove obstacles to the free development of the personality through its intervention. The essay, after all, springs from the same source as Schiller’s beautiful letters “On the Aesthetic Education of Man.” And I would like to say that Wilhelm von Humboldt’s treatise on the limits of the state’s authority is a sister work to Schiller’s “On the Aesthetic Education of Man.” It dates from a time when people sought to bring together, from intellectual life, all the ideas that could truly place human beings on the ground of freedom. For certain reasons, this treatise was not widely read in the 19th century, yet it repeatedly served as a text of study for those who, throughout the 19th century, sought to gain insight into the outer dimensions of the concept of freedom. Of course, the 19th century was the era in which the concept of freedom was, in many respects, laid to rest; but people still sought to orient themselves with regard to the concept of freedom time and again, and it was precisely from this perspective that Wilhelm von Humboldt’s treatise Ideas for an Attempt to Determine the Limits of State Power acquired a certain international significance in Europe. Both the Frenchman Laboulaye and the Englishman John Stuart Mill took this treatise as their starting point; for both, Wilhelm von Humboldt’s work served as an important point of departure. And for their part, each in his own field, they sought to orient themselves through the concept of freedom. Laboulaye found that his country’s political system, with regard to the relationship between the state and the individual, was suited to burying any real freedom—that is, any real development of the personality—under the concept of the state; John Stuart Mill, building on Wilhelm von Humboldt after discovering his work, forcefully argued in his treatise on freedom how English society is capable of undermining the genuine experience of freedom. This question is precisely the subject of John Stuart Mill’s essay—for Laboulaye it is the state, for Mill it is society: How can one achieve the development of the individual in the face of the lack of freedom fostered by society?

[ 15 ] Treitschke hat nun, wiederum mit der seelenkritischen Art, von der ich eben sprach, anknüpfend an Laboulaye und John Stuart Mill, seine Schrift über die Freiheit im Beginne der sechziger Jahre verfaßt. Und diese Treitschkesche Schrift über die Freiheit ist ganz besonders deshalb von außerordentlichem Interesse, weil Treitschke als Historiker und als Politiker ganz in dem Zwiespalt lebt, in den die menschliche Seele gebracht wird, wenn sie auf der einen Seite die Notwendigkeit jenes sozialen Gebildes erkennt, das man Staat nennt, und auf der andern Seite begeistert ist für dasjenige, was man menschliche Freiheit nennt. So hat sich namentlich Treitschke mit Bezug auf den Begriff der Freiheit in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit Laboulaye und mit John Stuart Mill auseinanderzusetzen versucht. Er versuchte in dieser Schrift «Die Freiheit» geradezu einen Staatsbegriff herauszuarbeiten, welcher das Notwendige, was im Staatsgebilde liegt, nicht aufhebt, und auf der andern Seite es doch dahin bringt, daß der Staat nicht der Totengräber, sondern der Förderer, der Pfleger der Freiheit werde. Ein solcher Staatsbegriff schwebte Treitschke vor. Es war ja die Zeit, in der man auf die Frage: Welches ist dein engeres Vaterland? — von einem Deutschen zur Antwort bekommen konnte: SchwarzburgSondershausen — oder Reuß-Schleiz jüngere Linie. — Im Anfang der sechziger Jahre gab es ja das, was heute Deutsches Reich genannt wird, noch nicht. In jener Zeit, in der eine große Anzahl von Leuten an eine Art Zusammenschluß der verschiedenen individuellen Gebilde dachten, in denen Deutsche wohnten, dachte auch Treitschke an die Notwendigkeit eines Staatsgebildes. Aber für ihn war es, ich möchte sagen, Axiom, daß kein Staat entstehen dürfe, welcher nicht der menschlichen Persönlichkeit eine möglichst freie Entfaltung gewährte. Und wenn man auch nicht sagen kann, daß Treitschke zu ganz durchgebildeten philosophischen Begriffen gekommen ist, so ist doch gerade mit Bezug auf diesen Gesichtspunkt in der Treitschke-Schrift über die Freiheit vieles sehr Beherzigenswertes gesagt.

[ 15 ] Treitschke, again in the spirit of critical reflection on the human soul that I just mentioned—and following in the footsteps of Laboulaye and John Stuart Mill—wrote his treatise on freedom in the early 1860s. And this work by Treitschke on freedom is of extraordinary interest precisely because, as a historian and a politician, Treitschke lives fully within the conflict into which the human soul is drawn when, on the one hand, it recognizes the necessity of that social construct called the state, and on the other hand, it is enthusiastic about what is called human freedom. Thus, with regard to the concept of freedom in the 1860s, Treitschke in particular sought to engage with Laboulaye and John Stuart Mill. In his essay “Freedom,” he sought to develop a conception of the state that does not negate the necessary elements inherent in the state structure, yet at the same time ensures that the state becomes not the gravedigger but the promoter and guardian of freedom. Such a concept of the state was what Treitschke had in mind. It was, after all, a time when, in response to the question, “What is your immediate homeland?”—one might hear a German reply: “Schwarzburg-Sondershausen”—or “Reuss-Schleiz, younger line.” — In the early 1860s, what is today called the German Empire did not yet exist. At that time, when a large number of people were thinking of some kind of union of the various individual entities inhabited by Germans, Treitschke, too, was thinking of the necessity of a state structure. But for him it was, I might say, an axiom that no state should come into being that did not grant the human personality the freest possible development. And even if one cannot say that Treitschke arrived at fully developed philosophical concepts, much that is well worth heeding was said precisely with regard to this point of view in Treitschke’s treatise on freedom.

[ 16 ] Wenn man Treitschke würdigen und gerade das ins Auge fassen will, was für den Okkultisten wichtig ist, muß man nicht unberücksichtigt lassen, daß Treitschke eine furchtlose Persönlichkeit war, die keinem andern Gott dienen wollte als dem der Wahrheit. Es ist geradezu der Gipfel der Torheit, wenn man von manchen Seiten her mit Begriffen, die nichts mit Sachlichkeit zu tun haben, heute über Treitschke urteilen hört; denn die Urteile, die da durch die Welt schwirren, sind meistens gar nicht in der Lage, auch nur im entferntesten irgendeinen Standpunkt zu gewinnen, aus dem einfachen Grunde, weil das fehlt, worauf ich neulich hingedeutet habe, als ich sagte, daß wenn man sich ein wenig auf die aus der Geisteswissenschaft sich ergebende Differenzierung der Volksgeister einließe, man nicht so viel Torheiten reden würde. Ich knüpfte da an die verschiedenen Torheiten an, welche teils von ihm selbst, teils über Romain Rolland vorgebracht worden sind. Ich habe das sagen müssen, weil eine eindringliche Betrachtung desjenigen, was man Volksgeist nennen kann, heute wirklich nur aus der Geisteswissenschaft heraus möglich ist. Wer sich darauf nicht einlassen will, kann dann eben nur zu solchen ganz subjektiven und darum törichten Urteilen kommen wie Romain Rolland.

[ 16 ] If one wishes to honor Treitschke and focus specifically on what is important to the occultist, one must not overlook the fact that Treitschke was a fearless individual who would serve no other god than that of truth. It is the height of folly to hear some quarters today passing judgment on Treitschke using terms that have nothing to do with objectivity; for the judgments circulating throughout the world are, for the most part, not even capable of gaining even the remotest vantage point, for the simple reason that they lack what I recently alluded to when I said that if one were to engage a little with the differentiation of national spirits arising from spiritual science, one would not spout so much nonsense. I was referring there to the various follies that were put forward partly by him himself and partly regarding Romain Rolland. I had to say this because a thorough examination of what one might call the national spirit is truly possible today only through spiritual science. Anyone who is unwilling to engage with this can then only arrive at such entirely subjective—and therefore foolish—judgments as those of Romain Rolland.

[ 17 ] Wenn man sich nun auf dasjenige einläßt, was aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Volksgeister folgt, dann muß man sich vor allen Dingen klar darüber sein, daß bei einem für sein Volk typischen Menschen — und das ist gerade Treitschke dadurch, daß er eine dämonische Natur war — auch gewisse typische volkshafte Merkmale hervortreten. Das ist auch bei Treitschke der Fall, und man kann wirklich sagen: Wenn man Treitschke versteht, versteht man viel von dem Deutschtum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nicht alles, aber vieles. Hat man zunächst einmal die Möglichkeit, einen Gesichtspunkt aus dem Okkultismus heraus zu gewinnen, so muß man — nicht bei kosmopolitischen, aber bei nationalen Naturen — an den Grundunterschied herangehen, der besteht zwischen westeuropäischen und mitteleuropäischen Urteilen. Wohlgemerkt, solche Dinge können nicht in Betracht kommen für das Allgemein-Menschliche, aber sie kommen in Betracht, wenn das Dämonisch-Volkhafte in den Geistern lebt. Nur mit dieser Einschränkung sage ich, was ich nunmehr zu sagen habe. Wenn auf dieses Volkstümliche so gesehen wird, wie es durch die Menschen durchwirkt, dann gilt schon das, was ein Amerikaner meint, wenn er sagt — vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt nicht meine Worte gebrauche, sondern die eines Amerikaners, weil mir die Worte vielleicht übelgenommen werden könnten: Das französische Urteil, insofern es volkstümlich ist — also nicht das Urteil des einzelnen Franzosen, der ja kosmopolitisch sein kann, sondern das Urteil, das aus der Volkssubstanz, aus dem Volke hervorgeht —, lebt in dem Worte; das englische Urteil lebt im politisch-praktischen Begriff; das deutsche Urteil lebt im Anationalen, im nichtnationalen Suchen nach der Erkenntnis. — So sagt ein Amerikaner, der Europa bereist hat. Das aber bedingt, daß gewisse Urteile, die im Westen gefällt werden, sich innerhalb der deutschen Volkssubstanz anders ausnehmen, als sie im Westen gefällt werden. Im Westen haben sie einen abstrakten Charakter. Der Deutsche ist als Deutscher geneigt, die Urteile in ihre Konkretheiten zu übersetzen und dadurch vieles bei seinem wahren Namen zu nennen, was im Westen eigentlich niemals mit dem wahren Namen berührt wird. Nehmen wir einen Begriff, der jetzt im Laufe unserer Betrachtungen liegt: den Begriff des Staates.

[ 17 ] If one is now willing to engage with what follows from a spiritual-scientific examination of national spirits, then one must, above all, be clear that in a person who is typical of his people—and this is precisely what Treitschke was, in that he possessed a demonic nature—certain typical national characteristics also come to the fore. This is also the case with Treitschke, and one can truly say: If one understands Treitschke, one understands much of German identity in the second half of the 19th century—not everything, but a great deal. Once one has the opportunity to gain a perspective from the realm of occultism, one must—not in the case of cosmopolitan but of national natures—address the fundamental difference that exists between Western European and Central European judgments. Mind you, such things cannot be taken into account when considering what is universally human, but they do come into play when the demonic-folk element lives within people’s minds. It is only with this qualification that I say what I now have to say. If one views this national character in the way it permeates people, then what an American means when he says—perhaps it is better if I do not use my own words now, but those of an American, because my words might be taken amiss—already applies: The French judgment, insofar as it is folk-based—that is, not the judgment of the individual Frenchman, who may well be cosmopolitan, but the judgment that arises from the folk substance, from the people—lives in the word; the English judgment lives in the political-practical concept; the German judgment lives in the non-national, in the non-national quest for knowledge. — So says an American who has traveled through Europe. But this implies that certain judgments made in the West take on a different character within the German national fabric than they do in the West. In the West, they have an abstract character. The German, as a German, is inclined to translate these judgments into their concrete forms and thereby to call many things by their true names—things that in the West are actually never referred to by their true names. Let us take a concept that is now at the heart of our considerations: the concept of the state.

[ 18 ] Treitschke hat in seinen Vorträgen über «Politik», die auch gedruckt sind, über den Staat gesprochen. Über den Staat sprechen natürlich sehr viele Leute; aber betrachten wir jetzt das Sprechen über den Staat nur, insofern es sich innerhalb der nationalen Volkssubstanz vollzieht. Im Westen wird man gerne vom Staate so sprechen, daß man das Wort nimmt und dann allerlei Begriffe daran hängt, die man aus irgendwelchen Gründen mit dem Begriff des Staates zusammenbringen will. So wird man dem Staat als solchem den Begriff von Freiheit, von Recht und allerlei anderes anhängen, und wird sich sogar womöglich in sonderbarer Weise zu der Phrase aufschwingen: Der Staat muß jeglicher Begriffe von Macht entkleidet werden, der Staat muß ein Rechtsstaat sein. — Das kann man sagen, solange man nicht genötigt ist, den Begriff des Staates real ins Auge zu fassen. Wenn man aber wie Treitschke an den Begriff des Staates herangeht, so kommt man auf das Geheimnis des Staates. Man fordert dann nicht, daß der Staat sich auf den Grundsatz stellt: Macht geht vor Recht —, eine Behauptung, die man Treitschke verleumderischerweise unterschiebt; sondern man kommt darauf, daß der Begriff des Staates ohne den Begriff der Macht überhaupt nicht denkbar ist. Man wird einfach wahr, weil es keine Möglichkeit gibt, einen Staat zu begründen, als ihn auf Macht zu begründen. Und wenn man das nicht zugibt, so vertritt man eben nicht die Wahrheit. So wurde Treitschke genötigt, über den Staat im Zusammenhange mit der Macht zu sprechen. Das wird in der Weise, man kann schon sagen «verdreht», daß man sagt, Treitschke hätte behauptet, Macht ginge vor Recht nach der deutschen Staatsauffassung. Aber es ist keine Rede davon, daß Treitschke das jemals in den Sinn gekommen ist, sondern er hatte viel zu stark noch den Sinn der Humboldtschen Auseinandersetzungen in der Seele: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen.» Weil der Staat eben notwendigerweise Macht entfalten muß, darf er nicht omnipotent werden. Man kann nicht von einem Rechtsstaat reden, weil das soviel heißt wie — nun, nicht gerade hölzernes Eisen, aber mindestens kupfernes Eisen. Die beiden Begriffe sind, wie man in der Logik sagt, disparat; sie haben nichts miteinander zu tun. Darauf kommt aber erst der, der die Dinge ernst nimmt.

[ 18 ] In his lectures on “Politics”—which have also been published—Treitschke spoke about the state. Of course, many people speak about the state; but let us now consider discourse on the state only insofar as it takes place within the national body of the people. In the West, people tend to speak of the state by taking the word and then attaching all sorts of concepts to it that, for whatever reason, they wish to associate with the concept of the state. Thus, they attach to the state as such the concepts of freedom, justice, and all manner of other things, and may even, in a peculiar way, rise to the following phrase: “The state must be stripped of all notions of power; the state must be a state governed by law.”—One can say this as long as one is not compelled to truly confront the concept of the state. But when one approaches the concept of the state as Treitschke does, one arrives at the mystery of the state. One does not then demand that the state adopt the principle that “power takes precedence over law”—a claim slanderously attributed to Treitschke—but rather one comes to realize that the concept of the state is simply inconceivable without the concept of power. One simply acknowledges the truth, because there is no way to establish a state other than by grounding it in power. And if one does not admit this, then one is simply not upholding the truth. Thus, Treitschke was compelled to speak of the state in connection with power. This is “twisted”—one might even say—in such a way that it is claimed Treitschke asserted that, according to the German conception of the state, power takes precedence over law. But there is no question that this ever crossed Treitschke’s mind; rather, the spirit of Humboldt’s debates was still far too deeply ingrained in his soul: “Ideas for an Attempt to Determine the Limits of the State’s Effectiveness.” Precisely because the state must necessarily exercise power, it must not become omnipotent. One cannot speak of a “constitutional state,” because that amounts to—well, not exactly wooden iron, but at least copper iron. The two concepts are, as one says in logic, disparate; they have nothing to do with one another. But only those who take things seriously come to realize this.

[ 19 ] Und von diesem Gesichtspunkte aus kam auch Nietzsche zu seinem Begriffe vom «Willen zur Macht». Es ist wiederum nichts anderes als eine grenzenlose Verleumdung, wenn man Nietzsche imputiert, er hätte das «Prinzip der Macht» vertreten. Er hat nichts anderes vertreten als: Man solle betrachten, inwiefern die Macht in Wahrheit unter den Impulsen der Menschen lebt. — Charakteristisch ist es ja, daß Nietzsche von diesem Gesichtspunkte aus das Folgende vorbringt. Er sagt: Da gibt es Leute, welche aus gewissen Grundsätzen der Askese heraus die These vertreten, die Macht sei zu bekämpfen. Warum tun sie das? Weil sie nach ihrer besonderen Beschaffenheit gerade dadurch zu einer besonderen Macht kommen, daß sie die Macht bekämpfen! Das ist nur ihr besonderer Wille zur Macht, die Machtlosigkeit besonders zu betonen! Denn das gibt ihnen gerade in ihrer Art eine besondere Macht, asketisch die Machtlosigkeit zu betonen. — Was bei Nietzsche zugrunde lag, und was auch in Treitschkes Betrachtungen spukt, ist: sich nicht ein X für ein U vorzumachen, sondern die Dinge in Wahrheit zu sagen, nicht Phrasen zu drechseln.

[ 19 ] And it was from this perspective that Nietzsche arrived at his concept of the “will to power.” It is, once again, nothing short of a baseless slander to accuse Nietzsche of having advocated the “principle of power.” He advocated nothing other than this: one should examine to what extent power truly thrives on human impulses. — It is indeed characteristic that Nietzsche puts forward the following from this perspective. He says: There are people who, based on certain principles of asceticism, advocate the thesis that power must be fought. Why do they do this? Because, given their particular nature, they attain a special kind of power precisely by fighting power! This is merely their particular will to power—to emphasize powerlessness in a special way! For it is precisely this—emphasizing powerlessness in an ascetic manner—that gives them a special kind of power, in their own way. — What lay at the heart of Nietzsche’s thought, and what also haunts Treitschke’s reflections, is this: not to confuse one thing with another, but to speak the truth, not to spin empty phrases.

[ 20 ] Dies zeigt Ihnen aber, daß es weder Treitschke noch Nietzsche darauf angekommen ist, ins soziale Leben irgendein Prinzip als ein Machtprinzip einzuführen, sondern einfach darauf, zu zeigen, wie überall, wo Staat ist, Macht lebt, und wie, wenn man die Wahrheit sagen will, man gar nicht anders kann, als dies aussprechen. Das ist, möchte ich sagen, das Karma, unter dem Treitschke gewirkt hat: darauf zu kommen, daß es ein Unding ist, sich bloße abstrakte, leere Begriffe vorzumachen und sie in die Welt hinauszuposaunen. Er wollte unmittelbar die Wirklichkeit angreifen, das ist gerade das Reizvolle seiner Schriften. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete er dann auch den Begriff der Freiheit so, daß er sagte: Die Frage, ob der Staat dazu da ist, die Freiheit zu fördern, oder die Freiheit nicht zu fördern, ist überhaupt keine Frage. — Also er ging darauf aus, die Dinge da zu suchen, wo sie in ihrer Realität leben. Das will ich nicht verteidigen, sondern es heute nur charakterisieren; und man kann wahrhaftig den furchtlosen Menschen, der die Dinge aussprechen wollte, wie sie sich ihm für seinen Wahrhaftigkeitssinn ergeben hatten, nicht agitatorisch ausschroten. Das agitatorische Ausschroten wird aber heute überall gepflegt. Treitschke ist ein furchtloser Geist, der nun wirklich durchaus darauf ausgeht, nirgends, keinem Verhältnis gegenüber ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Und gescheiter — das muß ich noch einmal sagen — wäre es, wenn man darauf hinweisen würde, wie Treitschke doch eine Art Erzieher derjenigen geworden ist, die ihn haben hören wollen. Es waren ja ihrer nicht so viele, als man heute glauben machen will. Denn wenn Treitschke über die Freiheit redet, so tut er das viel weniger als Kritiker der andern Völker, denn als Erzieher seines eigenen Volkes. Da möchte ich Ihnen eine Stelle gerade aus seiner Schrift «Die Freiheit» mitteilen, die man ebenso kennen soll, wie manche aus dem Zusammenhang gerissenen Dinge, die gar nicht verstanden werden, wenn man sie nur aus dem Zusammenhang reißt. So schreibt Treitschke, nachdem er zuerst erörtert hat, durch welche gesellschaftlichen Dinge die Freiheit gefördert wird:

[ 20 ] This shows you, however, that neither Treitschke nor Nietzsche was concerned with introducing any principle—as a principle of power—into social life, but simply with demonstrating how, wherever there is a state, power exists, and how, if one is to speak the truth, one has no choice but to state this. That, I would say, is the spirit in which Treitschke worked: to realize that it is absurd to delude oneself with mere abstract, empty concepts and to trumpet them to the world. He wanted to engage directly with reality; that is precisely what makes his writings so compelling. From this perspective, he also viewed the concept of freedom in such a way that he said: The question of whether the state exists to promote freedom or not to promote freedom is not a question at all. — So he set out to seek things where they exist in reality. I do not wish to defend this, but merely to characterize it today; and one truly cannot reduce the fearless man—who wanted to speak the truth as it presented itself to him in accordance with his sense of truthfulness—to the level of an agitator. Yet such reduction to the level of an agitator is practiced everywhere today. Treitschke is a fearless spirit who truly sets out to speak his mind without mincing words in any situation or context. And it would be wiser—I must say this again—to point out how Treitschke has, in a sense, become a kind of educator to those who were willing to listen to him. There were, after all, not as many of them as people would have us believe today. For when Treitschke speaks of freedom, he does so far less as a critic of other nations than as an educator of his own people. I would like to share with you a passage from his work Die Freiheit (Freedom), which deserves to be known just as much as certain statements taken out of context—statements that cannot be understood at all if they are removed from their context. After first discussing the social factors that promote freedom, Treitschke writes:

«Insbesondere von Standesvorurteilen zu reden, ist noch immer sehr wohl an der Zeit», also Anfang der sechziger Jahre. «Ein niederschlagender Gedanke, fürwahr, daß dieses große Kulturvolk» — er meint die Deutschen — «noch den barbarischen Rechtsbegriff der Mißheirat kennt, welchen die Alten schon zu Anfang ihres Kulturlebens über Bord warfen. Von jenem rohen Junkertum freilich, welchem die Stallkarriere anständiger scheint als ein wissenschaftlicher Beruf, das Faustrecht adliger als der gesetzliche Sinn des freien Bürgers, von ihm reden wir nicht: dies Zerrbild des Adels hat seinen Lohn dahin. Aber auch die buntscheckige Masse der sogenannten gebildeten wohlhabenden Stände hegt und pflegt eine Fülle unfreier, unduldsamer Standesbegriffe. Welche lieblose Härte des Urteils über die schändlicherweise so genannten gefährlichen Klassen! Welch herzloses Absprechen über den «Luxus der niederen Stände, während ein freier und vornehmer Mann sich daran freuen sollte, daß auch der Arme beginnt, etwas auf sich selbst und den Anstand seiner Erscheinung zu halten! Welche gemeine Angst bei jeder Regung des Trotzes und des Selbstgefühls unter dem niederen Volke! Deutsche Herzensgüte hat uns zwar davor bewahrt, daß diese Gesinnungen der Gebildeten bei uns eine so rohe Form annähmen wie bei den schrofferen Briten; aber solange die aristokratischen Neigungen, wovon wohl noch nie ein feiner Kopf gänzlich frei gewesen, in solcher Gestalt auftreten, steht es gar traurig um unsere innere Freiheit.

Vollends ein Gebiet, auf welchem Unfreiheit und Unduldsamkeit in Fülle wuchern, betreten wir, wenn wir fragen nach den Standesbegriffen des mächtigsten und geschlossensten der «Stände — oder wie sonst wir diese natürliche Aristokratie nennen wollen — des männlichen Geschlechts. Unglaublich weit verzweigt besteht unter uns Herren des Erdkreises eine stille Verschwörung, den Frauen einen Teil der menschlich harmonischen Bildung grundsätzlich zu versagen. Denn einen Teil ihrer Bildung erlangen die Frauen nur durch uns. Unter uns aber versteht sich von selbst, daß religiöse Aufklärung für den gebildeten Mann eine Pflicht, für den Pöbel und die Frauen ein Verderben sei, und wie viele finden eine Frau ganz absonderlich «poetisch», wenn sie den plumpsten Aberglauben zur Schau trägt. Nun gar «politisierende Weiber sind ein Greuel, darüber verlieren wir kein Wort mehr. Ist das unser mannhafter Glaube an die göttliche Natur der Freiheit? Ist die religiöse Aufklärung wirklich nur eine Sache des nüchternen Verstandes und nicht weit mehr ein Bedürfnis des Gemütes? Und doch meinen wir, die Herzenswärme der Frauen werde leiden, wenn wir sie in ihrer Weise sich erfreuen lassen an der großen Geistesarbeit der jüngsten hundert Jahre. Kennen wir die deutschen Frauen wirklich so wenig, daß wir meinen, sie würden jemals «politisieren», jemals sich den Kopf zerbrechen über Grundsteuern und Handelsverträge? Und doch bietet das politische Elend dieses Volkes eine rein menschliche Seite, welche von den Frauen vielleicht tiefer, feiner, inniger verstanden werden kann als von uns. Soll denn von dieser Fülle des Enthusiasmus und der Liebe, vor der wir so oft kalt und bettelarm und herzlos dastehen, nicht ein ärmliches Bruchteil dem Vaterlande gelten? Muß erst die Schande der Franzosenzeit sich erneuern, wenn unsere Frauen wieder, wie längst schon alle ihre Nachbarinnen in Ost und West, sich empfinden sollen als die Töchter eines großen Volkes? Wir aber haben in unfreier Engherzigkeit allzulange vor ihnen geschwiegen von dem, was uns das Innerste bewegte, wir hielten sie gerade gut genug, um ihnen von dem Nichtigen das Nichtigste zu sagen; und weil wir zu klein dachten, ihnen die Freiheit der Bildung zu gönnen, ist heute nur eine Minderzahl der deutschen Frauen imstande, den schweren Ernst dieser bedeutungsvollen Zeit zu verstehen.»

“It is still very much the time to speak of class prejudices in particular,” that is, in the early 1960s. “A disheartening thought, indeed, that this great civilized people”—he means the Germans—“still recognizes the barbaric legal concept of a ‘mis-marriage,’ which the ancients cast aside at the very beginning of their cultural life. As for that crude Junker class, of course—to whom a career in the stables seems more respectable than an academic profession, and the law of the jungle more noble than the legal sense of a free citizen—we are not speaking of them: this caricature of the nobility has had its day. But even the motley mass of the so-called educated, wealthy classes harbors and nurtures a wealth of unfree, intolerant notions of social class. What a heartless harshness of judgment against the shamefully so-called “dangerous classes”! What a heartless dismissal of the “luxury of the lower classes,” when a free and distinguished man ought to rejoice that even the poor are beginning to take some pride in themselves and in the decorum of their appearance! What a petty fear at every stirrings of defiance and self-respect among the lower classes! German kindness of heart has indeed spared us from these attitudes of the educated taking on such a crude form here as they do among the more brusque British; but as long as aristocratic inclinations—from which no refined mind has ever been entirely free—manifest themselves in this way, the state of our inner freedom is indeed lamentable.

We are entering a realm where oppression and intolerance run rampant when we inquire into the concepts of social class among the most powerful and closed of the “estates”—or whatever else we may call this natural aristocracy—of the male sex. Among us, the lords of the earth, there exists an incredibly widespread, silent conspiracy to systematically deny women a part of a harmoniously human education. For women acquire a part of their education only through us. Among ourselves, however, it goes without saying that religious enlightenment is a duty for the educated man, but ruin for the rabble and women; and how many find a woman particularly “poetic” when she displays the crudest superstitions. As for “politicizing women,” they are an abomination—we shall say no more on that subject. Is this our manly faith in the divine nature of freedom? Is religious enlightenment really just a matter of sober reason and not, far more, a need of the heart? And yet we believe that women’s warmth of heart will suffer if we allow them, in their own way, to take delight in the great intellectual work of the last hundred years. Do we really know German women so little that we think they would ever “get involved in politics,” ever rack their brains over property taxes and trade agreements? And yet the political misery of this people has a purely human side that women can perhaps understand more deeply, more subtly, and more intimately than we can. Should not a meager fraction of this abundance of enthusiasm and love—before which we so often stand cold, destitute, and heartless—be directed toward the fatherland? Must the shame of the French era be repeated before our women, like all their neighbors in the East and West for so long now, can once again feel themselves to be the daughters of a great nation? But we, in our unfree narrow-mindedness, have for far too long remained silent before them about what moved us most deeply; we considered them just good enough to tell them the most trivial of trivialities; and because we thought too small to grant them the freedom of education, today only a minority of German women are capable of understanding the grave seriousness of this momentous time.”

[ 21 ] Sie sehen, man kann eben auch Dinge, die schon recht allgemein menschliche sind, aber die eben von ihm als einem nationalen Geist für seine Nation gefordert werden, von Treitschke bringen. Wenn eine von den Nationen, die heute Treitschke schelten, einen solchen Geist, wie er es für die Deutschen war, für sich in Anspruch nehmen könnte, dann würde man sehen, wie er in den Himmel gehoben würde. Man denke sich einen italienischen Treitschke, und was die Italiener sagen würden, wenn die Deutschen einem italienischen Treitschke so begegnen würden, wie die Italiener und viele andere dem Treitschke begegnet sind. Aber das, was unserer Zeit den Stempel gibt — und das ist ja das unendlich Traurige —, ist die Unwissenheit und das Rechnen auf die Unwissenheit. Es wäre ja ganz und gar unmöglich, daß solche Unwahrhaftigkeiten heute durch die Welt schwirrten, wenn man dabei nicht immer auf die Unwissenheit der Menschen rechnen könnte. Unter Unwissenheit verstehe ich natürlich nicht diejenige, die notwendigerweise dadurch entsteht, daß nicht alle Leute Zeit haben, sich über alles zu unterrichten; aber was notwendig wäre, das ist ein wenig Selbsterkenntnis. Man kann ja gewisse Verhältnisse nicht beurteilen, wenn man gewisse Dinge nicht kennt, und Urteile über ganze Völker, die aus der Unwissenheit heraus geboren sind, wirken sich in der allerschlimmsten Weise aus. Und heute ist eben unendlich vieles aus der Unwissenheit heraus geboren. Das ist natürlich bedingt durch jene schwarze Magie ich habe sie ja schon bei andern Gelegenheiten charakterisiert —, welche man heute Journalismus nennt; denn es ist eine Art von schwarzer Magie, und es war nicht unrichtig, daß, als die Buchdruckerkunst mit all den Perspektiven, die sie ergeben hat, heraufgekommen ist, die Volkslegende die Urheber als schwarze Magier empfand.

[ 21 ] You see, one can also attribute to Treitschke ideas that are quite generally human in nature, but which he demands as a national spirit for his nation. If one of the nations that today criticize Treitschke could claim for itself a spirit such as the one he embodied for the Germans, then one would see how he would be elevated to the heavens. Just imagine an Italian Treitschke, and what the Italians would say if the Germans were to treat an Italian Treitschke the way the Italians and many others have treated Treitschke. But what characterizes our age—and this is, after all, the infinitely sad thing—is ignorance and the exploitation of that ignorance. It would be utterly impossible for such falsehoods to be circulating throughout the world today if one could not always count on people’s ignorance. By ignorance, of course, I do not mean the kind that necessarily arises from the fact that not everyone has time to inform themselves about everything; but what is necessary is a little self-awareness. After all, one cannot judge certain circumstances without knowing certain things, and judgments about entire peoples that are born of ignorance have the most disastrous consequences. And today, an infinite number of things are born of ignorance. This is, of course, due to that black magic—which I have already characterized on other occasions—that is called journalism today; for it is a kind of black magic, and it was not without reason that, when the art of printing emerged with all the possibilities it opened up, popular legend regarded its creators as black magicians.

[ 22 ] Natürlich können Sie sagen: Nun kommt zu allen Torheiten und Vertracktheiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft auch noch diese, daß die Buchdruckerkunst als eine schwarze Magie geschildert wird. Aber ich sage ja nur «eine Art». Ich habe ja auch oftmals betont, es sei unrecht, immer zu sagen: Ahriman, oh, der darf nicht an mich heran; weg mit ihm! Luzifer, oh, der darf nicht an mich heran! Ich will nur mit den guten Göttern verkehren. — Dann können Sie eben nicht mit der Welt verkehren, denn die Welt ist nun einmal in der Balance zwischen Ahriman und Luzifer. Man kann nicht mit der Welt verkehren, wenn man diese Gesinnung haben will, wie sie insbesondere in unseren Kreisen so sehr häufig hervortritt. Im Kleinsten muß man sich Wahrhaftigkeit aneignen. Das muß das praktische Ergebnis unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen sein — das praktische Ergebnis. Sie können das jetzt schon fühlen: Wenn man diesen Trieb nach Wahrhaftigkeit nicht in sich entwickelt, dann wird man immer der Gefahr ausgesetzt sein, von der in der Welt lebenden Unwahrhaftigkeit angesteckt, suggeriert zu werden. Deshalb sagte ich neulich: Die Dinge werden so verlaufen, daß in der Zukunft alles das, was als Friedensbestrebung da war, vergessen werden wird, und erinnern wird man sich in der Peripherie nur an dasjenige, was an Bebrüllung des Friedens da war; aber das wird man nicht als Bebrüllung empfinden, sondern als etwas ganz Gerechtfertigtes. Alles übrige wird man vergessen. — So wird es schon kommen. Und wenigstens sollte durch diese Betrachtungen dazu beigetragen werden, daß Gelegenheit vorhanden sei, die Dinge in ihrer Wahrheit zu empfinden. Denn heute gehört das zu den allerersten Erfordernissen des Menschen, der es mit dem Menschenheil und mit dem Menschenfortschritt ehrlich meint, sich nicht übertölpeln zu lassen von der Unwahrhaftigkeit.

[ 22 ] Of course, you might say: Now, on top of all the follies and intricacies of anthroposophically oriented spiritual science, there is also this—that the art of printing is described as black magic. But I am only saying “a kind of.” I have often emphasized that it is wrong to always say: “Ahriman—oh, he must not come near me; away with him! Lucifer—oh, he must not come near me! I want to associate only with the good gods.” — Then you simply cannot engage with the world, for the world is, after all, in a balance between Ahriman and Lucifer. One cannot engage with the world if one wishes to hold this attitude, which is so frequently evident, especially in our circles. One must cultivate truthfulness even in the smallest things. That must be the practical result of our spiritual scientific endeavors—the practical result. You can already sense this: If one does not develop this impulse toward truthfulness within oneself, then one will always be exposed to the danger of being infected and influenced by the untruthfulness that prevails in the world. That is why I said the other day: Things will unfold in such a way that in the future, everything that existed as a striving for peace will be forgotten, and on the periphery, people will remember only what amounted to a shouting down of peace; but this will not be perceived as a shouting down, but as something entirely justified. Everything else will be forgotten. — That is indeed how it will turn out. And at the very least, these reflections should help create an opportunity to perceive things as they truly are. For today, one of the foremost requirements for anyone who is sincere about human well-being and human progress is not to allow oneself to be duped by falsehood.

[ 23 ] Betrachten wir ein Faktum dieser Tage, ich möchte sagen, ganz sine ira, wenn auch nicht sine studio; ohne Sympathie und Antipathie, jedoch unter Zugrundelegung der Tatsachen. Sie alle haben ja gewiß gelesen, was bekanntgeworden ist als Note der Entente an den Präsidenten Wilson. Nun, von einem gewissen Standpunkte aus kann man gegenüber allen früheren vielleicht gerade diese Note als ein günstiges Symptom für die Zukunft betrachten. Denn wenn die Dinge allzuweit getrieben werden, dann wird der Bogen überspannt, und dann ist wiederum einige Hoffnung allerdings, die Hoffnung, daß, wo geistige Mächte herausgefordert werden, auch der Rückschlag von geistiger Seite dann kommen kann. Gerade durch diese Note wurde ja alles Frühere noch überboten.

[ 23 ] Let us consider a recent development—I would say, quite sine ira, though not sine studio; without sympathy or antipathy, but based on the facts. You have all certainly read what has become known as the Entente’s note to President Wilson. Well, from a certain point of view, compared to all that has come before, perhaps this very note can be regarded as a favorable sign for the future. For when things are taken too far, the bow is overstretched, and then there is indeed some hope—the hope that, where spiritual forces are challenged, a counterforce from the spiritual realm may also arise. It was precisely this note that surpassed everything that had come before.

[ 24 ] Betrachten wir nun Tatsachen. Das wäre so ungefähr das heutige Osterreich-Ungarn (es wird gezeichnet). Hier etwa wäre die Donau, hier etwa würde Wien liegen. Nehmen wir nun an, es würde verwirklicht, was die Note der Entente fordert. Da wird gesagt, daß die Italiener — es sind die österreichischen Italiener gemeint — freigemacht werden wollen. Worunter diese Note der Entente am meisten leidet, das ist jene innere Unwahrhaftigkeit, die aus der vollständigen Unwissenheit kommt. Daher ist es schwer, die Zeichnung zu machen, die ich jetzt machen will. Es wird daher, wie Sie gleich sehen werden, einige Schwierigkeiten geben. Aber nehmen wir an, die italienischen Österreicher würden befreit. Nun, die Südslawen sollen auch befreit werden. Das ist ja natürlich schwer, denn die Befreiung der Südslawen würde ungefähr dieses ergeben; denn da wohnen sie überall.

[ 24 ] Let us now consider the facts. This would be roughly what Austria-Hungary looks like today (it is drawn). Here, for example, would be the Danube; here, for example, would be Vienna. Now let’s assume that the demands of the Entente’s note were to be fulfilled. The note states that the Italians—meaning the Italian-speaking Austrians—want to be liberated. The greatest flaw in this Entente note is the inherent inconsistency that stems from complete ignorance. That is why it is difficult to draw the diagram I am about to sketch. As you will see in a moment, this will therefore present some difficulties. But let us assume that the Italian Austrians were to be liberated. Well, the South Slavs are also to be liberated. That is, of course, difficult, because the liberation of the South Slavs would result in something like this; for they live everywhere.

[ 25 ] Jetzt wird gesagt, komischerweise: Befreiung der Tschecho-Slowaken. Man kennt Tschechen, man kennt Slowaken — aber TschechoSlowaken kennt natürlich nur die Entente. Also es dürften vielleicht die Tschechen und die Slowaken gemeint sein. Die Befreiung würde dann das Folgende ergeben nach den Begriffen, die da herrschen unter den Tschechen selber. Dann die Befreiung der Rumänen. Das würde dieses ergeben. Dann müßten noch befreit werden, wie da steht: «...nach dem Willen seiner Majestät des Zaren», die in Galizien wohnenden Polen, aber das soll ja von Österreich selbst durchgeführt werden. Das würde dann etwa Ungarn sein, das würde etwa Österreich sein.

[ 25 ] Now, strangely enough, they’re talking about the “liberation of the Czechoslovaks.” We know the Czechs, we know the Slovaks—but of course, only the Entente knows “Czechoslovaks.” So perhaps they mean the Czechs and the Slovaks. According to the terminology used among the Czechs themselves, this “liberation” would then mean the following. Then there is the “liberation of the Romanians.” That would mean this. Then, as it says there, “...according to the will of His Majesty the Tsar,” the Poles living in Galicia would still have to be liberated, but that is to be carried out by Austria itself. That would then be Hungary, that would be Austria.

[ 26 ] Diese Karte ergibt sich, wenn man sich verwirklicht denkt dasjenige, was über Österreich in der Note der Entente gesagt ist. Und daneben ist gesagt, daß man den Völkern Mitteleuropas nichts antun will!

[ 26 ] This map is the result of taking at face value what is said about Austria in the Entente’s note. And it also states that they do not intend to harm the peoples of Central Europe!

[ 27 ] Die ganze Note zeigt, daß da zum Beispiel gar kein Bewußtsein davon vorhanden ist, welche Schwierigkeiten es macht, die Majorität der slawischen Bevölkerung in diesen Gebieten gegenüber der verschwindenden Minorität in jenen Gebieten zurechtzukriegen. Aus dieser ganzen Note spricht die arroganteste, gewissenloseste Unkenntnis der Verhältnisse! Und damit macht man heute historische Noten. Und dann sagt man, daß man eigentlich, ja, auf nichts anderes ausgeht, als auf ich weiß schon nicht was, denn es ist fast widerwärtig, die Phrasen, die da gesprochen werden, zu wiederholen.

[ 27 ] The entire note shows that, for example, there is absolutely no awareness of the difficulties involved in reconciling the majority of the Slavic population in these areas with the vanishing minority in those areas. This entire note reveals the most arrogant, unscrupulous ignorance of the circumstances! And this is how historical notes are written today. And then they say that they’re actually aiming at—well, I don’t even know what—because it’s almost repulsive to repeat the platitudes that are being spouted there.

[ 28 ] Aber was könnte denn besser beweisen, daß Österreich in die Notwendigkeit versetzt war, sich zu wehren, als diese Note der Entente? Was könnte einen besseren Beweis liefern? Kurz, diese Note ist nur pathologisch zu betrachten. Sie ist eine Herausforderung an die Wahrheit und Wirklichkeit selber. Das überspannt eben den Bogen. Da ist die Hoffnung vorhanden, daß, da es eine Herausforderung der geistigen Welt ist, diese geistige Welt selber notwendigerweise die Sache zurechtrücken muß, wenn auch Menschen dieser geistigen Welt selbstverständlich die Werkzeuge abgeben müssen.

[ 28 ] But what could better prove that Austria was compelled to defend itself than this note from the Entente? What could provide better proof? In short, this note can only be viewed as pathological. It is a challenge to truth and reality itself. That is simply going too far. There is hope, however, that since it is a challenge to the spiritual world, the spiritual world itself must necessarily set the matter right—even if people from that spiritual world must, of course, serve as the instruments.

[ 29 ] Es wäre schon an der Zeit, daß eine solche Illustration, wie ich sie hier annähernd gemacht habe, dieser absolutesten weltgeschichtlichen Unkenntnis und Unwissenheit über Mitteleuropa in der ganzen Welt verbreitet würde. Es ist ja selbstverständlich, daß da, wo Gewalt wirkt, Vernunftgründe nicht viel Wirkung haben können. Aber der Anfang muß damit gemacht werden, einzusehen, daß, wenn von Recht und Freiheit gesprochen wird, Gewalt gemeint ist, richtig Gewalt gemeint ist. Die Dinge müssen beim rechten Namen genannt werden. Und gerade darunter leidet unsere Zeit, daß sich die Menschen nicht entschließen wollen, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Viele Menschen kommen auf vieles nicht. Wenn einem so etwas entgegentritt wie diese absolut törichte Gliederung der österreichischen Völker, dann wird ganz klar, daß die Note von Leuten stammt, die von alledem nichts wissen, was in Mitteleuropa ist, die aber die Arroganz haben, über Dinge zu urteilen, die sie gar nicht kennen und nichts anderes wollen, als ihre Gewaltherrschaft über diese Gebiete ausdehnen; denen es ganz gleichgültig ist, wie die Wirklichkeiten liegen. Aber man frägt sich doch: Wie können denn diese Dinge überhaupt zustande kommen? Zum Beispiel gibt es einige Versionen, wo es heißt: Befreiung der Slawen und der Tschechen und der Slowaken; die hiesigen Zeitungen, die wahrscheinlich richtiger übersetzen als andere, bringen aber Tschecho-Slowaken. Nicht wahr, wenn jemand etwas Richtiges sagt, wird man nicht neugierig sein, woher er die Dinge hat; wenn aber einer ein knüppeldickes Blech sagt, wie zum Beispiel die Einteilung der Völkerschaften in der Ententenote, dann sucht man, woher das Blech kommt. Und es ist nicht uninteressant, auf einen gewissen Parallelismus hinzuweisen, selbstverständlich ohne eine Hypothese darauf zu begründen, ohne irgend etwas daraus zu folgern. Ich habe mich natürlich gefragt: Woher kommen diese Termini, die unsinnig sind? — Nun, ich betone es noch einmal: Keine Hypothese, keine Schlußfolgerung, nichts davon, sondern nur ein Apergu sei gegeben.

[ 29 ] It is high time that an illustration such as the one I have roughly sketched here were disseminated throughout the world to counter this most absolute ignorance and lack of understanding of Central Europe in the context of world history. It goes without saying that where violence prevails, rational arguments cannot have much effect. But the first step must be to recognize that when people speak of justice and freedom, they mean violence—they mean violence, pure and simple. Things must be called by their proper names. And this is precisely what ails our time: that people are unwilling to call things by their proper names. Many people fail to grasp many things. When one encounters something like this utterly foolish classification of the Austrian peoples, it becomes quite clear that the note comes from people who know nothing at all about what is happening in Central Europe, yet who have the arrogance to pass judgment on matters they do not understand and who want nothing more than to extend their tyranny over these territories; who are completely indifferent to the actual state of affairs. But one does wonder: How can such things come about at all? For example, there are some versions that speak of the “liberation of the Slavs, the Czechs, and the Slovaks”; the local newspapers, however—which probably translate more accurately than others—use the term “Czechoslovaks.” Isn’t it true that when someone says something accurate, one isn’t curious about where they got their information; but when someone spouts utter nonsense—such as the classification of peoples in the Entente note—then one looks to find out where that nonsense comes from. And it is not uninteresting to point out a certain parallelism—of course, without basing a hypothesis on it, without drawing any conclusions from it. I naturally asked myself: Where do these nonsensical terms come from? — Well, I’ll emphasize it once more: No hypothesis, no conclusion, none of that—just a mere suggestion.

[ 30 ] In den letzten Tagen wurde — wobei ich wieder nicht über das Faktum urteile, sondern es nur erzähle — das Urteil veröffentlicht, das in Österreich über den Tschechenführer Kramarz gefällt wurde, der lange Zeit eine der einflußreichsten Persönlichkeiten in Österreich war. Er wurde zum Tode verurteilt und dann zu fünfzehn Jahren schwerem Kerker begnadigt. In dem Urteil ist auch die Rede davon, daß sich gewisse Artikel, die in der «Times» gestanden haben — in englischer Sprache selbstverständlich —, bei Kramarz in seiner Sprache fanden. Der Freund des Dr. Kramarz ist der aus Österreich entflohene Universitätsprofessor Masaryk, der nun in London und in Paris lebt. Man nehme anläßlich der Urteilsfällung aus dem Programm des Kramarz gewisse Sätze, auf Grund derer er verurteilt worden ist und verweile dabei. Wenn man gar nichts versteht von den österreichischen Verhältnissen, diese Sätze in der «Times» liest oder sonstwo, sie sind auch in Paris in der «Revue tchäque» erschienen, und sie verballhornt — der Kramarz spricht natürlich in richtigen Termini —, so kriegt man kurioserweise die Sätze aus der Ententenote über die österreichischen Völkerschaften heraus. Und wenn nun wirklich der Terminus «TschechoSlowaken» drinnensteht, so würde sich das merkwürdige Bild ergeben, daß bei Kramarz sich die Geneigtheit findet, einen Staat zu gründen aus den Tschechen und Slowaken, was einen Sinn hat; wer in Westeuropa aber von diesen Verhältnissen nichts weiß, der macht daraus «Tschecho-Slowaken».

[ 30 ] In recent days—and again, I am not passing judgment on the facts, but merely recounting them—the verdict handed down in Austria against the Czech leader Kramarz, who for a long time was one of the most influential figures in Austria, was made public. He was sentenced to death and then pardoned to fifteen years of hard labor. The verdict also mentions that certain articles that appeared in The Times—in English, of course—were found in Kramarz’s possession in his own language. Dr. Kramarz’s friend is Masaryk, the university professor who fled Austria and now lives in London and Paris. On the occasion of the verdict, let us take certain sentences from Kramarz’s program—on the basis of which he was convicted—and dwell on them. If one understands nothing at all about the situation in Austria, reads these sentences in The Times or elsewhere—they also appeared in Paris in the Revue tchäque—and twists their meaning—Kramarz, of course, speaks in proper terms—one curiously ends up with the very sentences from the Entente note regarding the Austrian nationalities. And if the term “Czechoslovaks” really is in there, it would paint the strange picture that Kramarz is inclined to found a state comprising the Czechs and Slovaks, which makes sense; but anyone in Western Europe who knows nothing about these circumstances will interpret it as “Czecho-Slovaks.”

[ 31 ] Ja, es ist schon notwendig, daß man sich in der heutigen Zeit, wo so viele unterirdische Kanäle spielen, gewisse Fragen über Zusammenhänge klarlegt. Ich will auf das, was ich gesagt habe, weder Hypothesen noch Konsequenzen begründen; aber die Tatsache ist da, daß eine merkwürdige Übereinstimmung besteht zwischen einem Urteil, das gefällt worden ist, und der Ententenote. Selbstverständlich kann man über solch ein Urteil, je nachdem man dem einen oder dem andern Standpunkte angehört, die allerverschiedenste Meinung haben; man kann jemand für einen Märtyrer oder für einen Verbrecher halten, je nachdem. Über diese Sache will ich nicht urteilen; aber darauf kommt es doch an, diese merkwürdige Übereinstimmung beobachten zu können. Wie gesagt, das hat sich mir nur ergeben, als ich darauf kommen wollte, woher neben allem übrigen die grandiose Unwissenheit denn eigentlich stammt, die dieser Note zugrunde liegt.

[ 31 ] Yes, in this day and age, when so many underground channels are at play, it is indeed necessary to clarify certain questions regarding these connections. I do not wish to draw any hypotheses or conclusions from what I have said; but the fact remains that there is a curious coincidence between a verdict that has been handed down and the Entente note. Of course, depending on whether one takes one position or the other, one can hold the most diverse opinions about such a verdict; one might consider someone a martyr or a criminal, depending on the perspective. I do not wish to pass judgment on this matter; but what matters is being able to observe this remarkable coincidence. As I said, this occurred to me only when I was trying to determine where, apart from everything else, the profound ignorance underlying this note actually stems from.

[ 32 ] Von dieser grandiosen Unwissenheit muß man schon sprechen; denn es ist bedeutsam und gehört unter die Charakteristiken unserer Zeit, daß von jener Seite, die den halben bewohnbaren Erdteil beherrscht, ein Urteil abgegeben wird, das auf solcher Wirklichkeitsgrundlage ruht. Das ist eine Herausforderung des Geistes der Wahrheit selber.

[ 32 ] One must indeed speak of this staggering ignorance; for it is significant—and one of the defining characteristics of our time—that the side which dominates half the inhabitable world should pass judgment based on such a distorted view of reality. This is a challenge to the very spirit of truth.

[ 33 ] [Die nächsten Sätze dieses Vortrags beziehen sich auf ein vom Stenographen leider nicht aufgenommenes Zitat und sind dadurch unverständlich. Es handelt sich um ein «Schriftstück» vom 25. Juli 1914, welches auf Rasputin Bezug nimmt. Der Herausgeber.)

[ 33 ] [The following sentences of this lecture refer to a quotation that the stenographer unfortunately did not record, and are therefore incomprehensible. It concerns a “document” dated July 25, 1914, which refers to Rasputin. The editor.)

[ 34 ] Man wird ja immer wieder, wenn man die Macht dazu hat — und die hat man in der Peripherie —, den Tatsachen dreist ins Gesicht schlagen können. Aber der Wahrheit kann man nicht ins Gesicht schlagen. Und die Wahrheit spricht und wird hoffentlich auch ein Impuls sein, der, wenn die Dinge am schlimmsten liegen, die Menschheit zu einigem Heil führen kann.

[ 34 ] After all, whenever one has the power to do so—and one does have that power on the periphery—one will always be able to brazenly confront the facts. But you cannot defy the truth. And the truth speaks—and will hopefully also serve as an impetus that, when things are at their worst, can lead humanity toward some measure of salvation.

[ 35 ] Morgen wollen wir weitersprechen. Nun, ich weiß nicht, es ist ja der Wunsch von einigen unserer Freunde ausgesprochen worden, die sich morgen noch weiter die Reinhardtsche Unkunst ansehen wollen, daß wir unsere Versammlung hier früher legen. Ich habe ja nichts dagegen. Wann sollen wir also dann anfangen? Vielleicht macht jemand einen Vorschlag. Wann sollen wir uns also dann treffen? Es ist ja schon ganz gut, wenn wir das denjenigen zuliebe tun, die sich für diese Auswüchse interessieren und sich persönlich kulturhistorisch unterrichten über das Zugrundegehen der Schauspielkunst.

[ 35 ] We’ll continue our discussion tomorrow. Well, I don’t know—since some of our friends have expressed a desire to spend more time tomorrow looking at Reinhardt’s “non-art,” they’ve suggested that we end our meeting here a little earlier. I certainly have no objection. So when should we start, then? Perhaps someone could make a suggestion. When should we meet, then? It’s certainly a good idea to do this for the sake of those who are interested in these excesses and wish to educate themselves personally, from a cultural-historical perspective, about the decline of the art of acting.