Mitteleuropa zwischen Ost und West
GA 174a
13 September 1914, München
Erster Vortrag
[ 1 ] Es ist zu meiner tiefen Befriedigung, daß es das Karma so gebracht hat, daß wir an diesem Abend zusammensein und einige Worte sprechen können in dieser ernsten Zeit. Vor allem aber wollen wir in diesem Augenblick gedenken derer, die draußen stehen, ihren Mut, ihr Leben, ihr Blut zum Opfer bringen für die Aufgaben, die diese ganz außerordentliche Zeit an den Menschen stellt. Unsere liebenden, um Hilfe bittenden Gedanken wollen wir richten an diejenigen in erster Linie, die mit uns oftmals zusammengesessen haben in unseren gemeinsamen Betrachtungen und die jetzt draußen stehen und in unmittelbarer Weise teilzunehmen haben an den großen Ereignissen, die jetzt da sind, Völker- und Menschenkarma zur Entwickelung bringend. An diese zunächst, die mit uns verbunden sind, und dann im weiteren Sinn an all die anderen. Dann wollen wir Ausblick hegen in einer gewissen Weise auf die engeren Bande und die weitesten Bande, die wir auch sonst auf dem Felde unserer geistigen Strömung suchen und die sich knüpfen von jeder Seele zu jeder Seele, die da aufgerufen ist von den großen Ereignissen. So richten wir unsere liebenden, bittenden Gedanken auch auf die, die draußen im Felde stehen und zum Zeichen, daß wir mit ihnen verbunden sind, wollen wir uns von unseren Sitzen erheben und ihrer in folgenden Worten gedenken:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
[ 2 ] Und hinaussenden zu euch wollen wir unsere liebenden Gedanken, daß Er mit euch sei, der Helfer, der Christus, den wir suchen, der Christus, der die Seelen in unserer Zeit aufrufen muß, um in Disharmonie die Harmonie zu suchen, daß Er die Seelen, denen Er Schmerz zufügen muß, sicher auch führen wird zu jener Erlösung, die ihnen nötig ist, damit der Sinn erfüllt wird, der da vorgezeichnet ist dem Menschen- und Volkskarma: Mit euch, ihr Seelen, wollen wir geeint sein in dem Zeichen, das uns verbindet mit dem alleinenden Erdengeist, dem Christus.
[ 3 ] Lange voraussehen konnte man dasjenige, was jetzt scheinbar so überraschend hereingebrochen ist über die, man muß ja wohl sagen, Erdenmenschheit. So überraschend ist es hereingebrochen, weil mitgewirkt haben bei diesem Ereignis auch, man darf schon sagen, okkulte Ursachen, die sich eigentlich erst seit dem 28. Juni allmählich nach und nach gezeigt haben. Wirklich konnte man gerade in unserer Zeit so recht sehen, wie man auch den geistigen Welten gegenüber immer Neues erkennen kann. Ich kann dasjenige, was ich hier meine, eigentlich nur mit ein paar Worten andeuten. Als ich zurückkehrte im Juli aus Schweden von dem Norrköpinger Vortragszyklus, da mußte ich jemanden, der in einem gewissen Sinn verbunden ist mit den gegenwärtigen Ereignissen, aufmerksam machen darauf, wie das Ereignis von Sarajewo für den Okkultisten ganz merkwürdige Folgen gezeigt hat, wie es ein äußerliches Symptom war, und wie merkwürdig anders sich dieser Tote verhalten hat als alle anderen Toten, die man beobachten konnte auf dem okkulten Felde früher. Und so hat sich denn eigentlich auch im okkulten Hintergrunde der irdischen Ereignisse recht schnell das abgespielt, was ja dann auch auf dem äußeren physischen Plan mit so furchtbar schnellen Schritten in den letzten Julitagen und ersten Augusttagen hereingebrochen ist. Es hat aber auch ganz gewiß in den Seelen derer, die dem geistigen Leben in der letzten Zeit fern gestanden haben, manche Ahnungen, manche bestimmte Empfindungen für eine geistige Welt, für das Vorhandensein einer geistigen Welt gezeitigt. Ungeheuer, darf man sagen, und unvergleichlich sind die Erlebnisse, die die Erdenmenschheit jetzt durchmacht.
[ 4 ] Wenn ich, meine lieben Freunde, als erstes ein Wort an Sie richten möchte, so sei es dieses, daß ich es anknüpfen möchte an manche Bemerkung, die oft und oft in den letzten Jahren innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtung gemacht worden ist. Was soll uns denn der Zusammenhang mit dem geistigen Leben in tiefster Seele sein, den wir suchen? Sicherheit und innere Kraft soll er uns geben, Sicherheit darüber, daß es in allem Wandel der Zeiten, Wandel der Ereignisse Festes gibt, an das man sich halten kann. Und in solchen Zeiten wie diesen soll in unsere Seelen etwas anderes einziehen können von dem Glauben an die Unbesieglichkeit des geistigen Lebens und seiner Aufgabe, und wir sollen verbinden lernen mit den äußeren Ereignissen des Tages diesen Glauben an den Sieg und die Sieghaftigkeit des Geistes.
[ 5 ] In den ersten Augusttagen, als so nach und nach von den verschiedensten, man möchte sagen, Weltrichtungen her die Stürme der Kriegserklärungen kamen, mußte ich mich an Worte erinnern, die gesprochen worden sind in der letzten Zeit, Worte, die sich einem gerade jetzt tief eingraben können, und die das, was ich eben jetzt gesagt habe, im Grunde genommen uns doch recht, recht nahelegen. Eine wichtige Persönlichkeit hat wenige Wochen vor Kriegsausbruch etwa das Folgende an einer bedeutungsvollen Stelle gesagt: Mit allen Mächten stehen wir in dem freundschaftlichsten Einvernehmen. Wir haben uns auseinandergesetzt, nachdem im Frühling dieses Jahres die Pressetreibereien in Rußland losgegangen waren und auch in den deutschen und in den Wiener Zeitungen Widerhall gefunden haben; auf Pressetreibereien ist nicht zu achten und an dem altfreundschaftlichen, nachbarlichen Verhältnis ist festzuhalten. — Ein Wort, das auch zu denken gibt, ist gesprochen worden im Juni: Die allgemeine Entspannung hat Fortschritte gemacht —, und ein anderes Wort derselben Rede: Die Verhandlungen mit England sind noch nicht abgeschlossen, werden aber in dem freundschaftlichen Geist geführt, der sonst in unseren Beziehungen zu Großbritannien herrscht. — Man denke: jetzt! Man denke daran, wie wandelbar in der physischen Welt dasjenige ist, was der Mensch heute glaubt, und was er genötigt ist durch den Gang der Ereignisse, schon in den nächsten Wochen mitanzusehen. Man vergegenwärtige sich das Wogen, Treiben, Wanken, Stürmen der Ereignisse auf dem physischen Plan, man vergegenwärtige sich, wie notwendig es ist, dieses Wogen, Stürmen. Man möchte sagen: Was heute geglaubt werden kann, erweist sich morgen schon nicht mehr wahr. Wie notwendig ist es, in diesen Stürmen ein Sicheres, Festes zu haben, das heute, morgen und übermorgen und durch alle Ewigkeiten wahr ist! Was in dieser Weise wahr ist, das ist die Wahrheit vom Geist, von der Mission des Geistes, die die Menschheitsentwickelung durchzieht.
[ 6 ] Recht symptomatisch, nicht weil es etwas Persönliches ist, sondern weil es wirklich symptomatisch und symbolisch zur Seele gesprochen hat, möchte ich folgendes erwähnen: Sie wissen ja, im Juli ist erschienen der erste Band meiner Schrift «Die Rätsel der Philosophie». Der zweite war gedruckt bis Seite 206, als der Krieg ausbrach. Es war die Überleitung der Gedanken von den französischen Philosophen Boutroux, Bergson zu dem deutschen Philosophen Preuß, der Hinweis darauf, wie Bergson einen Gedanken ausführt, etwas leichtsinnig oben darüber hinweg, der früher mit wuchtiger Gründlichkeit von dem unbekannten, einsamen Denker, von Preuß, unsere theosophische Weltanschauung vorverkündend, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gefaßt ist. Ich suche da auch diesem einsamen Denker gerecht zu werden. Nun ergab es sich dazumal, daß der Druck abgebrochen werden mußte, es mußte später weitergeschrieben werden, es brach ab mit dem Übergang von Frankreich zu Deutschland. Der Krieg brach aus. Ich mußte die leeren Blätter auf den zu zwei Dritteln gedruckten Bogen wirklich wie ein Symbolum ansehen desjenigen, was sich abgespielt hat zwischen dem Westen Europas und der Mitte Europas, über die herüberging gerade der Weg meiner Darstellung.
[ 7 ] Und auch sonst manches könnte einem symbolisch entgegentreten. Ich darf da auch an unseren Bau in Dornach erinnern, der ja bis zu einem gewissen Grad gediehen war, allerdings nicht so weit, wie wir ihn gern haben wollten. Vielleicht wissen einige unserer Freunde, wie sehr betont worden ist, solange es einen Sinn hatte gegenüber den sprechenden Tatsachen, wie sehr es betont worden ist, nicht nur als ein Herzenswunsch von mir, sondern als Notwendigkeit, die vor Augen stand, daß der Bau mit dem ersten August dieses Jahres abgeschlossen sein sollte. Vielleicht versuche man jetzt nachzudenken, ob es nicht einen Sinn gehabt hätte gegenüber dem, was jetzt eingetreten ist, wenn der Bau abgeschlossen gewesen wäre gerade am ersten August. Gegenüber den Tatsachen war natürlich mit so etwas, das wie ein Wunsch ausschaute, nicht anzukämpfen, und unter mancherlei Dingen, über die ich heute nicht sprechen will, die mit dem Bau gelöst werden sollen, war ja dies, daß das Problem der Akustik für einen größeren Raum gelöst werden sollte durch eine größere Resonanz. Es war in den Julitagen, als der Bau schon eingeschalt war, da konnte man, wenn man an einem bestimmten Orte ein paar Worte sprach, zum ersten Mal eine Ahnung haben, daß es gelungen sein würde, dieses akustische Problem wirklich zu lösen, wenn der Bau einmal fertig ist. An bestimmten Stellen konnte man hören, da stellte sich die Resonanz in einer Weise heraus, wie es nach den okkulten Berechnungen für den Ort erwartet werden mußte, und so darf erwartet werden, daß das Wort und Musikalisches wirklich so erklingen werden, wie sie erklingen sollten. Es war so eine Art Ideal, schon in den Augusttagen drinnen zu hören das Wort, das vom Geist sprechen sollte. — Dasjenige, was unsere Freunde zuerst in unserem Bau hörten, war der Widerhall der Kanonen, die in unmittelbarer Nähe auf den Elsäßer Schlachtfeldern donnerten. So war der Raum, für den wir in einer gewissen Weise den Widerhall der dem Geist gewidmeten Worte erbeten hatten, zuerst Zeuge des Kanonendonners, der in gar nicht weiter Entfernung ertönte. Andere unserer Freunde hatten, auch in gewisser Weise symbolisch, etwas gesehen, was wir erwartet hatten als unser großes Ideal. Erwartet hatten wir, daß ertönen durfte die Kunde von dem Licht des Geistes, der geistigen Welten, daß dieses Licht der geistigen Welten zur Geltung kommen werde — gesehen wurde in einigen Nächten der Schein vom Isteiner Fort, der weithin sich erstreckte und vier Minuten lang auch sein Licht durchdrängte und durchdrückte durch unseren Bau: Ton und Licht der gegenwärtigen Ereignisse!
[ 8 ] Aber auch andere Gedanken und Empfindungen konnten durch die Seele gehen. Am 26. Juli hatte ich zu unseren Freunden gesprochen über einiges, das unseren Bau betraf, und hatte mit wenigen Worten hingewiesen auf die ernsten Zeiten, die uns zu unseren Fenstern hereinsehen. Und ich muß sagen: Ich konnte nur unter Tränen den Brief lesen, den einer unserer jüngeren Freunde bald darauf an seine Mutter schrieb, die dabeigewesen war am 26. Juli. Unmittelbar danach wurde er einberufen, ist nach seiner österreichischen Heimat gezogen, und gerade aus der Kraft des geistigen Lebens heraus, die er — er ist ein noch recht junges Mitglied — aus unseren Bestrebungen gezogen hat, hat er auch die Kraft gewonnen, im schönsten, ich möchte sagen, im heiligsten, reinsten Sinn seinen Platz auszufüllen, auf den ihn das Karma gestellt hat.
[ 9 ] Und wieder war es ein anderer, der dazumal am 26. Juli dabeigewesen war, der mir selbst schrieb, als er den Weg antrat zu dem serbischen Kriegsschauplatz, voll der Empfindungen, die auf der einen Seite genährt waren von der Sicherheit, die da fließt aus dem Glauben an den Sieg und die Sieghaftigkeit des Geistes, auf der anderen Seite genährt waren von den vol! begeisterten Empfindungen für die unmittelbare Teilnahme an den Ereignissen unserer Zeit von dem Platze aus, auf den er gestellt war.
[ 10 ] Wahrhaftig, meine lieben Freunde, man fühlte in diesen Zeiten die Seelen wachsen, die Seelen reifen und es war schön, es war groß, zu unseren Herzen sprechend, wenn man sehen durfte, daß all die Empfindungen, Gefühle, die durch die Jahre in die Seelen unserer Freunde gezogen sind, auch sich als geeignet erweisen, in der heutigen schweren Situation die Menschen an den richtigen Platz in der richtigen Weise zu führen.
[ 11 ] Wenn man spricht von der Sicherheit, die man gewinnen soll durch die Betrachtung des Geistes und des geistigen Wesens, so hängt die Empfindung von dieser Sicherheit innig zusammen mit dem, was unser Wahlspruch ist, der einem Goetheschen Wort nachgebildet ist, es wiedergibt: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit.» Unter den großen Hoffnungen, die man hegen darf aus den gegenwärtigen Ereignissen heraus, ist auch diese eine, daß alles dasjenige, was zusammenhängt mit diesem: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», daß alles das gerade durch die großen, schmerzlichen und tief ergreifenden Prüfungen der Menschheit eingeprägt wird. Alles, was zusammenhängt mit dem Worte: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», muß tiefer und immer tiefer in die Menschen eingreifen, und jetzt ist schon vieles durch den großen Lehrmeister, der durch seine Geschosse spricht, bewirkt worden in der Überwindung des Materialismus. |
[ 12 ] Kurz vor dem Ausbruch des Krieges konnte ich das Wort lesen, das ein angesehener Journalist geschrieben hat: Trotz der Rüge des Herrn Liebknecht bleibe ich bei der Meinung, daß verantwortungsvoll Regierende nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet sind, Wahres zu leugnen und Unrechtes zu behaupten. Dieses Recht, diese Pflicht des von Kollektivsittlichkeit Geleiteten schränken zwei Bedingungen ein: Die Unwahrheit darf weder erweislich noch dem Staatsinteresse zuwider sein. — Man halte diesen Ausspruch zusammen mit dem, was wir als Devise gewählt haben, als wir die Anthroposophische Gesellschaft gegründet haben: «Die Weisheit ist nur in der Wahrheit»! Es wird vieles zusammenfallen, denn es sind schon ganz andere Empfindungen eingezogen in die Seelen derer, die den Ernst der Situation in der Gegenwart verspüren.
[ 13 ] Wie oft, meine lieben Freunde, ist durch das, was auf unserem Boden gesprochen worden ist, das Wort gezogen, das so gelautet hat: Nicht nur das, was auf dem äußeren physischen Plan geschieht, ist Wirklichkeit, sondern die Gedanken der Menschen sind größere Wirklichkeit, eine Kraft, eine Macht des Wirkens. Aber gestehen wir es uns doch, denn es ist die Wahrheit: Solche Dinge sind nur auf dem Boden gesprochen worden, der eine spirituelle Strömung trug. Jetzt, auf der recht komplizierten Reise, die ich zu machen hatte, fiel mir eine Zeitschrift in die Hände, die das Datum des 1. September 1914 trägt. Ein sehr schöner Aufsatz ist darin von einem Soldaten, Robert Michel, der im Felde Gedanken niedergeschrieben hat. Der Aufsatz gibt schön wieder, wie die Mobilisierung verlautbart war, wie er mit seinen Kameraden gleichsam in das Unbekannte gezogen ist. Für uns sind von Bedeutung die letzten Worte: «Aber jeder einzelne Zurückgebliebene in der Monarchie hat die Pflicht, nach besten Kräften unterstützend zu wirken, bis die siegreiche Entscheidung gefallen ist. Alle die guten Worte, herzhaften Zurufe und Segenswünsche, die beim Auszug uns zuteil geworden sind, vermehrten die Zuversicht. Sie waren Splitter, die nicht verloren gegangen sind. Dieser Zuschuß an seelischer Kraft muß auch weiterhin der Armee zuteil werden, und der Wille zum Sieg muß von jedem einzelnen herüberzittern zu den Kämpfern in der Front. Drum raste niemand vor der Entscheidung, die sich im Norden vorbereitet. Wer der ungeheuren Kräfteleistung von Heer und Reich untätig zuschauen muß, der trachte auf dem Wege, den seelische Kräfte gehen, sein Scherflein beizutragen. Wen Gott erhört, der bete — wer nicht beten kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskräfte zu dem inbrünstigen Wunsch nach dem Siege — und wer nichts anderes vermag, der drücke die Daumen in die Handflächen und spreche: «Wir müssen siegen, wir müssen siegen» So wird auch der Schwächste beigetragen haben zum Sieg.»
[ 14 ] Der Soldat, der fortzieht ins Feld, schreibt aus dem Felde Worte zurück, die wie ein Widerklang sind dessen, was oftmals auf dem Boden spirituellen Lebens gesprochen worden ist: Wer nicht beten kann, sammle Gedanken und Willenskräfte zum inbrünstigen Wunsch nach dem Siege. — Der Glaube an den Geist, wir sehen ihn jetzt am Anfang des ungeheuren Ereignisses stehen.
[ 15 ] Wir brauchen uns keinen Illusionen hinzugeben. Manches kann in den nächsten Zeiten ganz anders aussehen, aber es werden auch Zeiten kommen, die das wahr machen werden, was mit einigen Worten angedeutet werden soll. Der Weltenfortgang muß geschehen, dasjenige, was geschehen soll, geschieht; es geschieht manchmal auf eine sehr merkwürdige Weise, indem etappenweise geleitet werden die Willen der Menschen, so daß man sieht, wie von Stufe zu Stufe, wahrhaftig nicht in anderer Weise, als ein Erzieher es tun würde, in die Seelen hineingegossen werden die Richtungen, in die sie später kommen werden. Man braucht wahrhaftig nur auf eine kurze Spanne Zeit zu blicken und man sieht die über die Menschheitskraft hinausreichenden Geistesmächte, die pädagogisch wirken für den großen Menschheitsfortschritt.
[ 16 ] Es ist nun an der Zeit, einen Gedanken zu hegen, der naheliegen kann, der aber nicht immer erwogen wird. 1866: deutsche Brüder standen gegen deutsche Brüder, Deutsche gegen Deutsche. Noch nicht ein Jahrzehnt ist verflossen — 1870/71: ein Teil der Deutschen mußte einem großen Ereignisse folgen, an dem der andere Teil nicht mitwirken konnte. Einer meiner Lehrer an der Wiener Hochschule hat oft und oft das Wort, das mir damals tief ins Herz ging, gesprochen: Wir Deutsche in Österreich müssen uns bewußt sein, daß dasjenige, was geschehen ist, unser Schicksal ist, nicht unsere Schuld, daß wir an einem hervorragenden Ereignis nicht teilnehmen durften. — Jetzt ist die Zeit, wo zusammengeschmiedet sind, wie durch eine eiserne Macht zusammengeschmiedet dastehen die beiden Teile, die erst gegnerisch, dann einer ohne den anderen dastanden.
[ 17 ] Es ist nicht Zufall, es ist bedeutsam, wichtig — es hat keines Jahrhunderts bedurft, diese große Lehre in alle folgenden Zeiten hineinzuschicken: Die Menschheitsfortschritte, das, was die geistigen Hierarchien wollen für die Menschheit, das muß geschehen; aber es kann auf mannigfaltigste Art geschehen. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt muß etwas ganz Bestimmtes erreicht sein. Nehmen wir an — nicht, weil dieses gerade stimmt, was ich da sagen will —, bis 1950 müßte ausgegossen sein über die Menschheit eine bestimmte Summe von Opferwilligkeit, von Liebefähigkeit und Selbstlosigkeit, von Bekämpfung des Egoismus. Nehmen wir an, es muß bis 1950 erreicht sein, was geschehen muß, was also die Zeichen der Zeit fordern. Es geschieht auf der einen Seite dadurch, daß zu den Herzen der Menschen gesprochen wird, daß man vertraut der Kraft des Wortes, daß dasjenige, was die Menschengeschicke in Händen hat, auf geistige Weise herankommen willan die Menschenindividualitäten, und sie so weit zu bringen sucht, daß der Geist auf sie wirken kann. Aber der andere Lehrmeister muß oft hinzutreten, der zweite Lehrmeister, der durch lebendige Beweise spricht. Und wie haben wir gesehen seine Erfolge! Welche Unsumme von Opfern, von Menschenliebe und Selbstlosigkeit sind erzeugt worden in erstaunlich kurzer Zeit in unserem Zeitalter des Materialismus, als der große Lehrmeister auftrat, der Krieg, der nach der einen Seite hin so Furchtbares hat, auf der anderen Seite das hat, was zu dem hinführt, was man im Okkultismus die eisernen Notwendigkeiten nennt, die eintreten müssen, um etwas Bestimmtes in einem bestimmten Zeitalter der Menschheitsentwickelung zu erreichen. Ströme von Blut werden vergossen, teure Leben welken dahin, andere werden im Augenblick entrissen dem physischen Leben, wenn die feindliche Kugel sie trifft. Das alles vollzieht sich in so ungeheurem Maße in unserer Zeit. Was ist das alles? Ein großes Opfer ist es, meine lieben Freunde, ein ungeheures Opfer, das gebracht wird am Altar der gesamten Menschheitsentwickelung. Auf der einen Seite steht das, was eindringen soll in die Menschheitsentwickelung, was der Menschheit übergeben werden muß, damit die Menschheit vorwärtskommt, und auf der anderen Seite steht die Notwendigkeit des Opfers.
[ 18 ] Unendlich bedeutungsvoll war es für mich, mit anzusehen, wie innig verbunden über den Tod hinaus die Seelen derjenigen sind, die jetzt an den großen Ereignissen unmittelbar teilnehmen. Da konnte man es oftmals sehen, wie diejenigen, die von der feindlichen Kugel dahingestreckt waren, hinaufgenommen waren in die geistigen Welten, noch nicht erwacht mit ihren großen Individualitäten, verbunden waren auch noch mit demjenigen, was da unten vorging. Ich weiß nicht, ob Sie es mir nachfühlen können, was es bedeutet, mit anzusehen, wie hinter dem Krieger auf dem Schlachtfeld, der noch kämpft, die psychische Persönlichkeit desjenigen schützend waltet, der schon den Tod gefunden hat, und der mit dem ist, der noch gebunden auf dem physischen Plan ist. Es gehört dies zu meinen okkulten Erlebnissen, die ich mit nichts anderem recht vergleichen könnte. Unerwachte Krieger, die unten gekämpft haben, die durch den Tod gegangen sind, sie bleiben mit dem Ereignis verbunden und sind gleichsam wie eine zweite Persönlichkeit hinter demjenigen, der unten auf dem physischen Plan noch kämpft. Auch in den geistigen Welten gibt es Dinge, die Zuversicht in unsere Herzen gießen können, wenn diese Zuversicht auch nicht leicht wird.
[ 19 ] Wer bedenkt, welcher Prozentsatz der Menschheit heute miteinander kämpft, wer bedenkt, wie wir am Anfang stehen — wenige Wochen währt dieses Ereignis erst —, welche ungeheuren Verluste an Menschenleben diese wenigen Wochen gekostet haben, der könnte wankend werden, könnte meinen: Was soll denn werden, wenn das lange andauern muß? — Und wenn mich das oftmals bestürzte — es kann einen bestürzen —, dann richtete der Gedanke mich auf: Das Rechte wird geschehen, dasjenige, was vorgezeichnet ist von den geistigen Welten, das wird geschehen. Und wenn man die Gewißheit hat, daß nicht nur die Lebenden kämpfen, sondern auch die Toten verbunden bleiben mit ihren Geschicken, dann werden noch immer Kräfte da sein. Anderes kam mir in diesen Zeiten. Unsere Gesellschaft vereint in einer gemeinsamen geistigen Strömung die Angehörigen der verschiedensten Rassen, Völker, die heute feindlich gegeneinander sind. Da braucht es auch manchen Trost! Wir blicken zurück auf eine Zeit, die der unsrigen recht unähnlich ist, nicht viel mit ihr gleich hat, auf die Zeit, welche die Bhagavad Gita uns schildert, auf eine Zeit, wo noch die alten, oft geschilderten Menschheitsverhältnisse waren, wo die Menschen noch in kleinen blutsverwandten Kreisen lebten. Der Übergang von dieser Zeit der Blutsverwandtschaft in die Zeit, wo die Blutsverwandten im Kampfe stehen, wird von der Bhagavad Gita geschildert, wo der große Geist hinweist den Arjuna: Drüben stehen wahrhaft die Brüder und hier stehst du, ihr werdet miteinander kämpfen, in deren Adern dasselbe Blut fließt; aber es gibt eine Möglichkeit, im Geist den Ausgleich zu führen. — Aus dem, was sich nicht bekämpfen sollte, entwickelt sich das heraus, was sich bekämpft: auch eine der eisernen Notwendigkeiten, die für die Menschheitsentwickelung notwendig sind! Der Geist überbrückt, daß der Bruder dem Bruder als Feind gegenübersteht, daß das andere sich entwickelt, was in Disharmonien einander gegenübersteht. Unähnlich der unseren ist diese Zeit. Wir machen den umgekehrten Weg durch innerhalb unserer geistigen Strömung. Wir suchen das, was zerstreut war in der Welt, wiederum zu sammeln, und die Angehörigen der verschiedensten Nationen umfassen sich wieder brüderlich, werden Brüder innerhalb unserer Reihen. Jetzt sehen wir, wie der eine herüberkommt aus Frankreich und drüben den anderen gelassen hat, wie er in das deutsche Heer eintritt und erwarten muß, dem anderen, den er als anthroposophischen Freund zurückgelassen hat, kämpfend gegenüberzustehen. Es ist die entgegengesetzte Situation: Die zerstreuten Menschheitsglieder suchen sich im Geist wieder zusammen, und wir finden uns zurecht, wenn wir den Geist der Wahrheit wirklich ernsthaft verstehen und ihn ernsthaft ergreifen. Nur müssen wir die Wege suchen.
[ 20 ] Ich möchte sagen, wir Deutsche haben es schwer, uns zurechtzufinden, vielleicht am allerschwersten! Es kann Ihnen sonderbar erklingen, daß ich das sage, aber wir haben es wirklich schwer, wir haben es aus dem Grunde schwer — ohne daß wir damit renommieren wollen —, weil es uns immer schwer fällt, uns selbst recht zu geben, weil es uns leichter ist, dem anderen gerecht zu werden als uns selbst. Es wird uns aus dem Grunde schwer, weil es wirklich der gegenwärtigen Menschheit noch nicht sehr leicht werden wird, besonders nicht in der Gegenwart, alles dasjenige, ich möchte sagen, mit dem richtigen objektiven, unbefangenen, gelassenen Blick zu überschauen, was oft in unserer Geisteswissenschaft angedeutet worden ist, was auch in den Vorträgen über die Volksseelen sich findet. Es wird notwendig sein, daß alle, die im echten, wahren Sinn unserer Zeit das geistige Leben ergreifen, verstehen lernen, wie diese Volksseelen, die echten, wahren Volksseelen, eine Art von Chor bilden, indem sie schon harmonisch zusammen leben. Aber man muß sich zu ihrem Wesen finden, und das kann man nur im Geist.
[ 21 ] Es ist wirklich in der Gegenwart nicht die rechte Zeit, auf das aufmerksam zu machen, was da an Gefühlen, Empfindungen in den Hintergründen der Seele spricht, aber auf etwas anderes möchte ich Sie aufmerksam machen, darauf, daß wir einen Weg haben können, um in geheimer Zwiesprache, intimer, innerer Zwiesprache mit dem Geist des Volkes, dem wir angehören, den Weg zu finden, den unsere Seelen in der rechten Weise gehen sollen. Raten nur kann ich, wenn Sie einige Minuten finden, gerade in der jetzigen Zeit, die folgende Formel zu gebrauchen, um sich zurechtzufinden in der gegenwärtigen Weltensituation:
Du, meines Erdenraumes Geist!
Enthülle Deines Alters Licht
[ 22 ] Warum Alter? «Alter» sagt man bei geistigen Wesenheiten, wo man bei irdischen «Deines Wesens Licht» sagen würde. Alter ist für den Geist, was Wesen für das Irdische ist.
Du, meines Erdenraumes Geist!
Enthülle Deines Alters Licht
Der Christ-begabten Seele,
Daß strebend sie finden kann
Im Chor der Friedenssphären
Dich, tönend von Lob und Macht
Des Christ-ergebenen Menschensinns!
[ 23 ] Da finden wir den Weg zum Volksgeist, dem wir zugehören, und den Weg von diesem Volksgeist zur Zwiesprache des Volksgeistes mit dem Christus, der der Lehrer aller Volksgeister ist. Und wenn sie sich in diesem Christus zusammenfinden, werden sich die Volksgeister in der richtigen Art zusammenfinden, da all diese Volksgeister, die die Völker richtig führen — man kann das entnehmen aus dem Buch «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» —, den Christus als den Lehrmeister betrachten.
[ 24 ] Oftmals mußte ich hoffen, daß es gar nicht wahr sei, was mitgeteilt worden ist, daß in einer Volksvertretung des Ostens, in der Duma, am Ende einer Rede, in welcher der Herrscher sein Volk aufgefordert hat, teilzunehmen an dem Kriege, als letztes Wort gesprochen worden ist: Der Gott Rußlands ist groß! — Schrecklich wäre es, wenn das Wort so gesprochen worden wäre: eine unbewußte Anrufung des Geistes, dessen Charakter man sich vorstellen kann, wenn der Anruf geschieht in bezug auf ein begrenztes Gebiet, wenn er nicht geschieht zum Geist, der mit dem Schicksal der Menschheit so verknüpft ist, daß auch die, welche sich als Feinde gegenüberstehen, sich in seinen Dienst stellen, indem sie mit ihrem Heil zugleich das Heil der Menschheit suchen. Der Christus, wenn er ein Volk führt, führt dieses Volk so, daß es mit seinem Heil das Heil der Menschheit sucht. Mit Recht rufen wir den Volksgeist an, dem wir innig verbunden sind, so daß wir hinaufblicken, wie er seinerseits mit dem Christus spricht; durch den Volksgeist sprechen wir mit dem Christus. Dadurch werden viele Gedanken vorbereitet werden, die bleiben sollen in der geistigen Atmosphäre der Menschheit bis in die Zeiten, wo einem bedeutungsvollen Krieg ein bedeutungsvoller Friede folgt.
[ 25 ] Ein Opfer, sagte ich, ist es, das dargebracht wird auf dem Altar der Menschheit, und heiliges Blut ist es, das fließt auf unsere Erde nieder, ein Blut, das Zeuge wird davon, daß die, die jetzt, in diesem Kampf der Völker, mit ihren Seelen hinaufsteigen aus der physischen Welt in die geistigen Welten, wiederum zurückkommen werden in künftigen Inkarnationen, um wichtige Glieder zu sein für den Geistesfortschritt der Menschheit — ein Opfer, ein großes Opfer! Dasjenige, was jetzt geschieht, es muß so geschehen; und wer zurückblicken will in vergangene Zeiten, um gleichsam nach den allerersten Ursachen zu suchen, er muß zurückblicken bis in die Zeit der punischen Kriege im 3. vorchristlichen Jahrhundert, damals, als der römische Feldherr man kann das in der Geschichte nachlesen — die Enterbrücken benützt hat, um einen ersten bedeutsamen Erfolg zu haben. Heute stellt sich einem daneben, was als erstes Ereignis sich abgespielt hat in diesem Kriege. Eine künftige Geschichtsschreibung wird das erweisen; es ist schwierig, auf diese Dinge einzugehen.
[ 26 ] Anderes führt uns zurück in die Zeiten, wo die Römer gerungen haben mit den Germanen, wo sich Menschengeschicke für viele Jahrtausende entschieden haben. Und dann kommt eben das dritte große Ereignis, das ist unseres, das wirklich eine Bedeutung haben wird wie damals die punischen Kriege, die natürlich in ihrer Ausdehnung klein sind gegenüber dem heutigen Weltereignis, die aber in bezug auf das Qualitative in ihrer Bedeutung noch hereinragen in unsere Zeit. Wie die großen, die Menschen bestimmenden Ereignisse, die sich an die Völkerwanderung anknüpften, sich wiederholen in einer gewissen Weise — ein ganzer Menschheitszyklus ist umspannt mit dieser Zeitangabe —, und wie dazumal in Rom sich das entschied, was dazumal geschehen mußte, daß die Form des Menschen-Ich, wie sie war im 3. Jahrhundert vor dem Ereignis von Golgatha, überging in die spätere, damit diese Form des Ich durch die Römer den Weg finde, den sie finden mußte für all das, was seither geschehen ist, so muß heute die Form des Ich, die eben im nächsten Menschheitszyklus die maßgebende ist, in einer ähnlichen Weise hineingestellt sein in einen Kampf der Völker. In die tiefsten Impulse der Menschheit geht das.
[ 27 ] Dann aber, wenn wir verbunden sind mit dem, was wir seit Jahren im Geist miteinander verfolgen, können wir in uns tragen den Glauben an den Sieg und die Sieghaftigkeit des Geistes. Dann werden wir allem, was kommt, entgegenschauen mit diesem Glauben, und wissen, daß dasjenige, was geschieht, unter der Führung der hohen Hierarchien steht und seinen Weg gehen wird. Nur liegt es an uns, in der richtigen Weise diesen Weg mitzugehen. Das aber tun wir, wenn wir in der richtigen Weise den Weg finden zur Beobachtung unseres Karma, wenn wir uns nicht entziehen den Aufgaben, die uns die große Zeit stellt. Und wenn wir mancherlei verdanken können dem, was uns die geistige Wissenschaft gibt, eines soll am ersten Platz stehen: daß die Geisteswissenschaft unseren Geist und Blick schärft, darauf zu schauen, daß wir gerade mit unserer Persönlichkeit am besten an unserem Platz stehen und das Richtige tun. Je mehr wir es sachlich, unpersönlich tun, ohne irgend etwas anderes im Auge zu haben, desto mehr hat Geisteswissenschaft unseren Blick geschärft, unsere Herzen empfänglich gemacht, desto mehr werden wir verstehen die Sprache, die jetzt in diesen ernsten Zeiten zu uns gesprochen wird.
[ 28 ] Eine der Formeln, die aus dem Geist gegeben sind in dieser Zeit, die auch schon hier vor unseren Freunden gegeben werden kann, ist diese, die uns den Sinn vergegenwärtigt, den der Anblick des Schmerzes hat, den wir jetzt so reichlich, reichlich sehen können. Ungeheuer ist der Schmerz in den Seelen, der in unseren Zeiten erzeugt wird, ungeheuer groß die Opfer, die gefordert werden, ungeheuer muß die Opferwilligkeit und Empfänglichkeit für einen fremden Schmerz auch sein. Der Christus ist erstanden erst für viele, wenn wir ihn so verstehen, daß wir wissen: für den anderen kann es keinen Schmerz geben, der nicht auch unser Schmerz ist; denn überall, wo er eingetreten ist, ist es eigener Schmerz. Solange es für uns die Möglichkeit gibt, einen Schmerz bei einem anderen zu sehen, den wir nicht mitfühlen als unseren eigenen Schmerz, so lange ist der Christus noch nicht völlig in die Welt eingezogen. Der Schmerz im anderen soll nicht uns meiden! Schwer und groß und weit ist dieses Ideal, schwer und groß und weit ist aber auch das Christus-Ideal. Dann ist es erfüllt, wenn die Wunde, die wir an uns haben, nicht stärker brennt als die, die der andere an sich trägt. Darum ist es gut, uns geeignet zu machen, helfend einzugreifen durch die folgenden Worte, die wir an eine Gemeinschaft oder an den anderen, der Schmerz leidet, richten: |
So lang du den Schmerz erfühlest,
Der mich meidet,
Ist Christus unerkannt
Im Weltenwesen wirkend.
Denn schwach nur bleibet der Geist,
Wenn er allein im eignen Leibe
Des Leidesfühlens mächtig ist.
[ 29 ] Man versuche einmal, diese Worte ganz durchzufühlen. Wird man durch die erste Formel insbesondere den Zusammenhang mit dem Volksgeist gewinnen können, durch diese Zeilen wird man sich durchdringen mit der Gesinnung, die den Schmerz der Menschheit, den Schmerz einer Menschengemeinschaft in dem eigenen Sein nacherleben und alles, was wir tun dürfen, im wahren christlichen Sinn tun läßt. Mögen wir es in dieser Zeit tun, insbesondere durchdrungen mit der Gesinnung des Geistes!
[ 30 ] Die Wunde, welche die Kugel schlägt, meine lieben anthroposophischen Freunde, sie würde nicht heilen, wären nicht in dem wunderbaren Mikrokosmos, der der menschliche Organismus ist, die heilenden Kräfte. Es ist gut, daß in unseren Zweigen praktiziert wird, wie ja auch hier durch unseren lieben Freund Dr. Peipers das jetzt geschieht, eine Anleitung zum Verbinden von Wunden. Es ist gut, denn wir können leicht in den Fall kommen, das anwenden zu müssen. Aber wissen müssen wir auch, wenn wir an solche Aufgabe herantreten, daß der Geist Wirklichkeit ist, und daß dasjenige, was wir während des Verbindens helfen, sei es bei dieser oder jener Verletzung, diesem oder jenem Erleiden, mehr tut, wenn wir mit dem Geist in der richtigen Weise dabei sind, als wenn wir es nicht sind. Auf daß wir, wenn wir an das herantreten, was eine Wunde am menschlichen Organismus ist, die richtigen Gedanken damit verbinden, denken wir:
Quelle Blut,
Im Quellen wirke,
Regsamer Muskel
Rege die Keime
Liebende Pflege
Wärmenden Herzens,
Sei heilender Hauch.
[ 31 ] Denn in diesem Blute, das aus der Wunde quillt, liegt das Zeichen, daß hinter ihm Kräfte liegen, welche die heilenden Kräfte der Wunde sind.
Quelle Blut,
Im Quellen wirke,
Regsamer Muskel
Rege die Keime,
[ 32 ] die Keime, die absterben, wenn die Kugel durchgeschlagen hat. Richtige Empfindungen senden Sie für denjenigen, der einen Verband anlegt, um dem Nebenmenschen zu helfen:
Quelle Blut,
Im Quellen wirke,
Regsamer Muskel
Rege die Keime,
Liebende Pflege
Wärmenden Herzens,
Sei heilender Hauch.
[ 33 ] Lassen wir diese Gesinnung durch unsere Seele ziehen, lassen wir von ihr unser ganzes Wesen erfüllt sein, wenn wir den Nebenmenschen helfen, dann, meine lieben Freunde, wird der Geist mithelfen bei demjenigen, was wir als physischer Mensch als physische Hilfe bringen können. Und denken wir oft als einzelner an den einzelnen, der draußen steht an einem exponierten Platz, denken wir, wenn wir unsere Versammlungen beginnen, an die, die außerhalb unseres Kreises stehen, draußen im Felde wirken. Die Formel, die dafür ist, und die ich am Anfange selbst gerichtet habe an die im Felde Stehenden — der einzelne kann sie an den einzelnen richten:
Geist Deiner Seele, wirkender Wächter,
Deine Schwingen mögen bringen
Meiner Seele bittende Liebe
Deiner Hut vertrautem Erdenmenschen,
Daß, mit Deiner Macht geeint,
Meine Bitte helfend strahle
er Seele, die sie liebend sucht!
[ 34 ] Wenn einer die Gedanken richten will an mehrere oder viele, die draußen stehen, dann sagt er:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Meiner Seele bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Meine Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
[ 35 ] Ein Lehrmeister der Liebe, der Selbstlosigkeit, das werden die großen Ereignisse sein, die sich jetzt abspielen. Und ein Lehrmeister für die geistigen Welten, hoffen wir, daß sie es werden! Dann werden die großen Opfer, die ungeheuren Opfer, die die Menschen bringen durch ihr Blut, dargebracht sein an dem Altar der geistigen Wesenheiten, und dasjenige, was so schmerzvoll sein kann dem unmittelbaren Anblick, es wird dazu dienen, daß die großen Ziele der Menschheit erreicht werden. Je mehr wir uns mit diesen Gesinnungen durchdringen, desto mehr werden Gedanken da sein, wenn nach dem Kriege ein großer Friede geschlossen ist.
[ 36 ] Das 20. Jahrhundert ist dazu berufen, vieles umzugestalten in den Geschicken, in der Anordnungsweise der Menschheitsangelegenheiten. Und dasjenige, was schon erreicht wird nach diesem ersten großen Ereignisse, es wird der Menschheit ersparen, daß dieses Ereignis etwa wiederholt werden müßte in der Fortsetzung. Sieg und Sieghaftigkeit des geistigen Lebens ist ein Wort, das sich oftmals in unsere Herzen hineinfand in diesen Zeiten. Versuchet zu verstehen, wie wir Zeuge geworden sind des Ereignisses, das nicht für kurze Zeit entscheidend sein soll für die Entwickelung des ganzen Menschengeistes, sondern für lange, lange Zeiten! Und versuchen wir, daß aus diesem Ernst heraus wir die Liebe, die Selbstlosigkeit aufbringen, die uns die Wege führen, um nach unseren Kräften, nach unserem Vermögen, uns hinzustellen an den richtigen Ort. Unser Karma wird uns das schon weisen. Und der, welcher jetzt nicht helfend eingreifen kann, sei nicht trostlos. Darauf kommt es an, daß wir auch Kräfte aufsparen für dasjenige, was später noch für viele wird zu geschehen haben, daß wir erkennen im rechten Augenblick, daß unser Karma uns ruft. Dann möchte das eintreten, was man gerade als Bekenner der Geisteswissenschaft in diesem Zeitpunkt sich sagen möchte, daß immer ersichtlicher und ersichtlicher werde durch dasjenige, was in der äußeren Welt geschieht, wie in die Menschengeister, in die Menschenseelen, in die Menschenherzen hinein von allem Weltgeschehen die Wesenheiten, Kräfte, Willensimpulse der geistigen Welt gehen. Der Bund, der sich ergeben möge aus allem, was wir an Gram, auch an Schmerz erleben, der Bund knüpfe sich zwischen der Menschenseele und den göttlichen Geistern, welche die Geschicke der Menschenseele bewirken, regieren und leiten. Und finden werden die Menschenseelen diesen Punkt. Finden möge die Menschenseele das, was gemeint ist, wenn gesagt wird in unserer Formel: Die christbegabte Menschenseele möge strebend finden:
Im Chor der Friedenssphären
Dich, tönend von Lob und Macht
Des Christ — ergebenen Menschensinns!
[ 37 ] Nun, meine lieben Freunde, vielleicht können wir nicht überall kämpfend dabei sein, vielleicht können wir nicht überall dasjenige tun, woran wir gerne nach unseren Idealen teilnehmen möchten, aber in dem Sinn an dem großen Ereignis teilzunehmen, wie das gemeint war in den eben gesprochenen Worten, das wird uns allen möglich sein. An vielen Orten, an den mannigfaltigsten Orten mögen wir an unserem Platze sein, der eine da, der andere dort; wo wir aber immer am Platze sind, weil jeder Mensch da am Platze ist, welchem Menschheitszusammenhang er auch angehört, das ist der Platz, wo die Liebe wirken soll, die Kraft, die uns aus der Liebe kommt, das ist der Platz, wo der Schmerz, das Leid, das Elend den Menschen auffordert zu tun, zu denken, mitzuwirken, der Platz, wo wir so recht fühlen, wie wir verbunden sein sollen im Tiefsten unseres Herzens mit dem anderen Menschen, zu dem wir hinblicken sollen, weil er seine und unsere gemeinsamen heiligsten Güter mit seinem Mut, Lebensblut, opfernd schützt. Daher seien nochmals, wie am Beginn, so am Schluß, unsere Gedanken gerichtet an diejenigen, die also, wie eben ausgesprochen, hineingestellt sind in die Ereignisse unserer Zeit:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
[ 38 ] Möge der Geist, den wir suchen, suchen durch unsere Wissenschaft, suchen mit unseren Herzen, dem unsere geistige Bewegung dienen will, unser Führer sein. Möge er aber auch sein der ganzen Menschheit Führer, denn diejenigen unter den Menschen, die er führt, die werden nicht allein ihrem Ziel folgen, sondern das der ganzen Menschheit ins Auge fassen und ihm folgen.
[ 39 ] Das Volk wird den rechten Weg finden, das dem Christus zu vertrauen weiß. So, meine lieben Freunde, denken zu dürfen, haben wir uns bestrebt die Jahre hindurch, die wir hinstreben zu diesem Christus. Möge die Zeit, die jetzt angebrochen ist, für uns eine Zeit der Prüfung sein, die wir bestehen, und mögen wir die Lehre vom Geiste so mit unserer Seele verketten, daß sie uns in den Zeiten der Prüfung Helfer sei, daß sie uns geworden ist die Kraft, die sich nicht auf uns beschränkt, sondern der allgemeinen Menschheit zugegangen ist! Der Geist, der uns zu Christus hinaufführt, möge uns diesen lebendigen, kosmisch-irdischen Christus durchdringen helfen, so daß wir unsere Gedanken immer in der richtigen Weise hinübersenden können zu denen, die draußen stehen, wo Völker- und Menschheitsgeschicke entschieden werden, damit ihnen der richtige Geist helfe, der die Entwickelung der Menschheit so weisheitsvoll leitet, daß diese Entwickelung der Menschheit zuletzt Heil und Segen in die Erdenmenschheit hineinbringt! Mögen wir dasjenige, was wir tun können, dazu tun, daß diejenigen, deren heiligstes Opferblut jetzt die Erde tränkt, wenn sie einmal berufen sind, als wichtige Glieder einzugreifen in den weiteren Gang der Erdenentwickelung, so herunterkommen, daß ihnen aus dem, was auf der Erde selbst geschehen ist, im geistigen Fortschritt der physischen Erdenentwickelung etwas entgegenkommt, aus dem sie entnehmen: Wahrhaft, es war es wert, das Blut zu vergießen für diese Erde, die solches hervorbringt!
[ 40 ] Alle, die nicht unmittelbar hinausziehen können, um ihr Blut zu vergießen, sie sollten eingedenk sein, daß sie so arbeiten sollten, daß Geist die Erdenentwickelung durchdringe, daß sie alles tun, damit solcher Geist die Erdenentwickelung durchdringen könne, daß die, die ihr heiligstes Opferblut vergossen haben, etwas finden, das wert war, daß sie ihr Blut vergossen haben. Dann, wenn wir so mitarbeiten an dieser Erdenentwickelung, dann werden wir auch als diejenigen, die nicht unmittelbar an die Front hinausziehen, uns so verhalten, daß wir freien Auges aufblicken können in die Verhältnisse und uns nicht zu schämen brauchen. Würden wir das nicht tun, wahrhaft unsere Augenlider würden uns vielleicht unseren freien Blick doch nicht recht gestatten, wenn wir uns auf der einen Seite fühlen als unserer Zeit angehörig, und nicht die Kraft in uns finden, würdig dieser Zeit anzugehören. Geisteswissenschaft wird ein gewisses Siegel enthalten, wenn sie mitwirken könnte, den Menschen diese Kraft gerade zu geben, Kraft auf der einen Seite, die aufrecht erhält den, der sein Blut vergossen hat, Kraft muß sie aber auch demjenigen geben, der in anderer Weise wirkend mithelfen muß — jeder an seinem Platze.
[ 41 ] Und so wird Geisteswissenschaft sagen können: Ich war ein Mittel, um in einer großen Prüfung der Menschheit die Möglichkeit zu geben, diese Prüfung zu bestehen. Dann wird Geisteswissenschaft ihr göttliches Ziel erreicht haben.
[ 42 ] Mit diesem einfachen Worte möchte ich den heutigen Abend abschließen, meine lieben Freunde, an dem es mir so lieb war, daß ich ihn mit Ihnen zusammen habe erleben können.
