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The Rudolf Steiner Archive

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Mitteleuropa zwischen Ost und West
GA 174a

3 Dezember 1914, Stuttgart

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Ein Vortrag, wie er vorgestern gehalten worden ist, könnte leicht die Empfindung hervorrufen, als ob in einseitiger Weise für eine Volksseele nur gesprochen werden sollte aus der bloßen Sympathie heraus. Wenn aus der bloßen Sympathie, aus der bloßen Leidenschaft heraus heute der Geistesforscher über diese Dinge sprechen würde, dann könnte man sicher sein, daß, was er zu sagen hat, nicht einen besonderen Wert hat vor der Geistesforschung, oder daß dieses, was er zu sagen hat, weil es durchströmt ist von Leidenschaftlichkeit, im Grunde genommen innerlich doch unwahr sein müßte. Nun, inwiefern das, was vorgestern gesprochen worden ist, trotz alledem als zusammenhängend mit den tiefsten Erkenntnissen der Geisteswissenschaft der Gegenwart gesprochen werden darf, das soll Ihnen hervorgehen aus der Art und Weise, wie der Geistesforscher sich zu der einen oder zu der anderen Volksseele stellen muß.

[ 2 ] Wir wissen ja schon aus der ganz elementaren Darstellung in der Anthroposophie, daß wir unter Volksseelen nicht das verstehen, was, durch einen abstrakten Begriff ausgedrückt, die äußere, exoterische Welt darunter versteht. Ganz bestimmte Wesenheiten, man möchte sagen mit Erzengelrang — man braucht das ja nur nachzulesen in dem Vortragszyklus über «Die Mission einzelner Volksseelen» —, Wesenheiten mit einem Bewußtsein, das höher ist als das menschliche Bewußtsein, leiten die Angelegenheiten der Völker. Und wir blicken hinauf zu diesen Volksseelen, sprechen also von ihnen als wirklichen, realen Wesenheiten, ja realeren Wesenheiten, als wir Menschen selber sind. Wie tritt der Mensch in bezug auf seine geistig-seelische Wesenheit in ein Verhältnis zu diesen Volksseelen? Diese Frage wollen wir zuerst einmal aufwerfen.

[ 3 ] Wir kennen das Wechselleben des Menschen in bezug auf sein Bewußtsein zwischen Wachen und Schlafen; wir wissen, daß der Mensch zu wachen hat innerhalb seines physischen und Ätherleibes und daß er dann zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in seinem astralischen Leibe und in seinem Ich weset. Wenn nun der Mensch zwischen seinem Einschlafen und Aufwachen mit seinem astralischen Leibe und Ich außerhalb seines physischen Leibes ist, dann ist er in einer Region, die in bezug auf sein Verhältnis zu der Volksseele, der er zunächst angehört in einer bestimmten Inkarnation, eine ganz andere ist als die Region, in der der Mensch ist in bezug auf die Volksseele, wenn er in seinem physischen Leibe ist. Der Mensch wird durch seine Sprache und durch manches andere ja hineingeboren in das Gebiet seiner Volksseele. Wie wirkt diese Volksseele auf die menschliche Seele, auf das, was im Schlafe herausgenommen wird aus dem physischen und Ätherleibe, was aber im Wachen im Leibe vorhanden ist? Wie wirkt die Volksseele des Volkes, dem ein Mensch angehört, auf die individuelle Seele des Menschen?

[ 4 ] Sie wirkt eigentlich nur in der Zeit, in welcher der Mensch in den physischen Leib untertaucht vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Der Mensch ist da untergetaucht in die Kräfte des physischen und Ätherleibes, und in diese Kräfte ist auch untergetaucht mit gewissen, ich möchte sagen, Fangarmen das, was die Volksseele ist, die Seele desjenigen Volkes, dem der Mensch eben in einer Inkarnation besonders angehört. Und wir tauchen nicht nur in unseren physischen Leib unter, wir tauchen auch in einen gewissen Teil unserer Volksseele unter, leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, während wir in unserem physischen Leibe sind, mit dem, was im physischen Leibe vorgeht, innerhalb der Volksseele. Wir erfahren das, was wir in Gemeinschaft mit der Volksseele erfahren, während unseres Wachzustandes, nur daß die Volksseele nicht unmittelbar in das hereinspricht, was uns vollbewußt ist im Ich, daß sie vom Ätherleib aus mehr in das Unterbewußte des astralischen Leibes hineinspricht, daß sie uns tingiert, nuanciert, unserem Gefühl und Temperament eine gewisse Richtung gibt. Das ist das Wesentliche, wie wir mit ihr in Beziehung treten. Derjenige, der durch seine entsprechende Initiation fähig ist zu beobachten, was da alles mitspielt, wenn der Mensch in den physischen Leib untertaucht, der sieht, schaut die Begegnung mit der Volksseele beim Untertauchen in den physischen Leib. Aber er schaut auch noch etwas anderes. Und wenn ich davon spreche, so werden Sie bald erkennen, daß innerhalb desjenigen, was der Geistesforscher zu sagen hat über die eine oder andere Volksseele, Objektivität herrschen muß.

[ 5 ] Der Geistesforscher lebt ja in den Momenten, wo er in der richtigen Weise durchstärkt und durchleuchtet das Geistig-Seelische und es fähig macht, bewußt zu leben und unabhängig vom Leibe, er lebt so, daß er beobachten kann, wo der Mensch ist, auch dann, wenn er mit seinem Geistig-Seelischen, mit seinem astralischen Leibe und Ich außerhalb des physischen Leibes ist. Der Geistesforscher beobachtet da, wie jede menschliche Seele unbewußt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in den ganzen Umkreis der für eine Zeit in Betracht kommenden Volksseelen untertaucht. Während der Mensch also, wenn er in den physischen Leib untertaucht, mit der Volksseele seiner Nation zusammen ist, ist er im Schlafzustand mit all den anderen Volksseelen der betreffenden Zeit zusammen, mit Ausnahme derjenigen, mit der er während des Wachzustandes im physischen Leibe zusammen ist.

[ 6 ] Der Geistesforscher hat hinlänglich Gelegenheit, die Eigentümlichkeiten der anderen Volksseelen kennenzulernen, denn sobald er in seinem leibfreien Zustand seiner selbst bewußt wird, lebt er geistig-seelisch ebenso mit den anderen Volksseelen zusammen, wie er im physischen Leibe mit seiner eigenen Volksseele zusammen lebt. Da wäre es ganz unmöglich, aus den gewöhnlichen Leidenschaften heraus das eine oder das andere in einseitiger Weise über die eine Volksseele zu sagen. Aber wenn der Geistesforscher bewußt mit diesen anderen Volksseelen zusammen lebt, so zeigt ihm dieses Bewußte auch, daß jeder Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen unbewußt mit den anderen Volksseelen zusammenhängt, aber etwas anders als mit seiner eigenen Volksseele. Wenn man in den physischen Leib untertaucht, so lernt man die einzelne Volksseele mit ihren wesentlichen Eigenschaften, im wesentlichen ihrer Tätigkeit in der Wirkung auf sich kennen, wenn auch im Unterbewußten. Im Schlafe oder Initiationszustand lernt man die anderen Volksseelen kennen, aber nicht als einzelne, sondern in ihrem Zusammenwirken; nur die eigene Volksseele ist nicht dabei. Die anderen wirken zusammen wie in einem Reigen, und in dem, was ihre Reigentätigkeit ist, in dem lebt man drinnen, wie man bei Tag im physischen Leibe mit der einen Volksseele zusammen lebt. Also man lebt

[ 7 ] 5 da nicht mit der Eigentümlichkeit der einen Volksseele zusammen, sondern mit dem Zusammenwirken. Nur eines gibt es, wodurch man im leibfreien Zustand, also im Schlafe, gleichsam verurteilt werden kann, ganz sicher verurteilt werden kann, aus dem normalen Zusammensein mit dem Reigen der Volksseelen herausgerissen zu werden und mit nur einer fremden Volksseele zusammen zu sein. Verstehen Sie mich wohl: Das ist nicht normal, mit einer fremden Volksseele zusammen zu sein; aber man kann es erreichen, wenn man in leidenschaftlicher Weise diese andere Volksseele besonders haßt. Damit verurteilt man sich, herausgerissen zu werden aus dem Reigen der anderen Volksseelen und so zusammen zu sein im Schlafzustand mit dieser einen Volksseele, wie man während des Wachzustandes mit der eigenen Volksseele zusammen ist.

[ 8 ] Ja, das sind objektive Wahrheiten, welche die Geistesforschung ergibt. Sie zeigt Ihnen, daß es bitter ernst ist mit dem Satz, der oftmals ausgesprochen wird von seiten der Geisteswissenschaft: Daß das, was uns in der äußeren Wirklichkeit entgegentritt, Maja, große Täuschung ist, und daß hinter dieser Maja, hinter diesem Schleier Wahrheiten liegen, von denen sich derjenige, der sich nur mit dem Schleier der Maja begnügen möchte, nicht nur nichts mit seinem Verstande wissen kann, sondern auch nichts wissen möchte mit seinem Willen. — Es gibt in unserer Zeit eben noch viele, viele Menschen, die noch nicht einsehen können, was da hinter dem Schleier der Maja liegt, und deshalb nicht verstehen können, daß es eine solche übersinnliche, unsichtbare Welt gibt und in dieser ganz andere Verhältnisse der menschlichen Seele zu den anderen Volksseelen, als man sich träumen läßt. Wenn man die Geisteswissenschaft gerade da im Ernst nimmt, wo sie hineinweist in die Sphären, die mit unserem Leben zusammenhängen, dann muß man es ertragen, daß da die Geisteswissenschaft hinweist auf Verhältnisse der geistigen Welt, in die unterzutauchen, auch nur mit dem Bewußtsein, recht unbequem ist, so daß man sich dagegen sträubt auch mit seinem Willen. Man will nicht untertauchen, man möchte, daß die Wahrheit anders sei in bezug auf sehr viele Dinge. Daß nicht nur der Verstand, sondern auch der Wille sich sträubt gegen das, was die Geisteswissenschaft oftmals als bitter Ernstes zu sagen hat, das ist etwas, was wir uns auch einmal vor die Seele führen dürfen. Und aus Empfindungen heraus, die angeregt werden können durch eine solche Auseinandersetzung wie die eben ausgesprochene, verspüren wir, daß der Grundsatz, den wir haben innerhalb unserer Geistesbewegung, von einem gewissen Wirken, ohne Unterschied der Rasse, Farbe, Nationalität und so weiter, im Grunde genommen so eng zusammenhängt mit dem tieferen Wesen dieser unserer Bewegung, daß es ja eigentlich für den, der den tiefen Ernst der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten einsieht, ein Unsinn ist, diesen ersten Grundsatz nicht zu vertreten. Ein wirklicher Unsinn ist es, denn im tiefsten Menschlichen das Wesen irgendeiner Volksseele hassen, heißt eben, sich dazu verurteilen, mit dieser Volksseele im Unterbewußten genau ebenso zusammen zu sein während des Schlafes, wie man während des Wachens in seinem Unterbewußtsein zusammen ist mit der Volksseele, die die eigene ist. Denn das normale Zusammensein mit Volksseelen im Schlafe ist dieses: mit dem ganzen Reigen der anderen für ein Zeitalter in Betracht kommenden zusammen zu sein. Daß der Mensch nicht einseitig werden darf, dafür sorgt die weise Einrichtung der Welt.

[ 9 ] Wir haben oftmals betont, daß das, was der Mensch durchzumachen hat in den nächsten Jahren, die er durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in gewisser Weise abhängt von den Nachwirkungen des Lebens im Leibe zwischen Geburt und Tod. Nun gehört ja zu diesem Leben im Leibe — wir können es entnehmen aus dem, was eben auseinandergesetzt worden ist — das Zusammensein mit der Volksseele. Dieses Zusammensein mit der Volksseele, sagte ich, tingiert uns, nuanciert uns; wir nehmen das, was die Volksseele als Impuls in unserem seelisch-geistigen Wesen erregt, in die geistige Welt mit, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, und müssen es nach und nach als solches abstreifen. Wenn wir dieses bedenken, so wird uns ohne weiteres erklärlich sein, daß es von der Art und Weise, wie der Mensch mit seiner Volksseele zusammen lebt, abhängt, wie er unmittelbar nach dem Tode noch in den Nachwirkungen zu dieser Volksseele steht.

[ 10 ] Betrachten wir einmal zwei europäische Nationen auf das hin, was eben angeregt worden ist: das russische und das französische Volk. Das ist ja das eigentliche Leben der Volksseelen, daß diese Volksseelen mit ihrem Bewußtsein in anderer Weise tätig sein müssen als der Mensch mit seinem Bewußtsein. Der Mensch mit seinem Bewußtsein, wie ist er tätig? Nun, er richtet den Blick hinaus auf den Horizont der äußeren Tatsachen und kann auch den Blick auf seine eigene Seele zurücklenken. Wir wissen, daß die Menschen sich ja in gewisser Beziehung voneinander unterscheiden. Zu der einen Gruppe gehört etwa Goethe, der mit dem Blick objektiv auf den Dingen ruht, zu der anderen Schiller, der sich mehr mit dem eigenen Inneren beschäftigt und mehr von da heraus das vollbringt, was er zu schaffen hat. So sind ungefähr auch die Volksseelen, aber eben nur ungefähr, denn ihr Bewußtsein ist ganz anders geartet als das menschliche Bewußtsein. Die Volksseelen stehen verschieden zu den einzelnen Individuen, die dem Volke angehören. Indem sie den Blick nach außen richten, ist das mehr ein Willensblick, ein Blick, der Impulse hineinschickt in die einzelnen Angehörigen des Volkes. Da also wirken sie objektiv nach außen, wenn sie sich nach den einzelnen Individuen hin richten. — Oder sie können mehr in ihrem Inneren leben. Solche Volksseelen, die mehr, man möchte sagen, nicht einem Volksseelen-Realismus, der sich verbreitet über die Individuen, sondern einem Volksseelen-Idealismus huldigen, der mehr in sich lebt, zu solchen gehört insbesondere die französische Volksseele. Diese französische Volksseele hat so, wie sie heute das französische Volk durchdringt, einen gewissen Halt des Bewußtseins dadurch, daß sie zurückblickt in eine frühere Zeit.

[ 11 ] Ich habe schon öfters darauf aufmerksam gemacht, wie wir unser gewöhnliches physisches Wachbewußtsein dadurch haben, daß wir in unseren Raumesleib untertauchen. Nach dem Tode haben wir unser Bewußtsein dadurch, daß wir zurückschauen in der Zeit auf unser früheres Leben. Da ahnen wir schon das Charakteristische eines höheren Bewußtseins, das sich nicht im Raume, sondern in der Zeit entfaltet, und da wird es uns auch nicht mehr schwer sein, ein wenig zu verstehen, was die französische Volksseele für ein Bewußtsein hat. Sie entzündet ihr Selbst, indem sie zurückblickt ins alte Griechenland, denn sie ist im wesentlichen eine Art Wiederholung, Wiedererweckung des alten Griechentums. Dieses alte Griechentum lebt wieder auf in der französischen Volksseele, geradeso wie das Ägypter-Chaldäertum der dritten nachatlantischen Kulturperiode in der italienischen Volksseele auflebt. Daher hat die italienische Volksseele mehr die Möglichkeit, in den einzelnen menschlichen Individuen, die dem Volke angehören, die Empfindungsseele anzuregen. Die eigentliche Natur der französischen Volksseele regt die Verstandes- oder die Gemütsseele der einzelnen Individualität an. Das läßt sich ganz im einzelnen nachweisen. Ja sogar die einzelnen historischen Tatsachen sind in wunderbarer Weise erklärlich, wenn man diese allgemeinen Ergebnisse der Geistesforschung zu Rate zieht.

[ 12 ] Es sei nur auf einiges in dieser Richtung hingewiesen. Bedenken Sie: Was war das Eigenartige der ägyptischen Volksseele? Damals gab es noch eine unmittelbar auf die Seele wirkende Astrologie. Die Volksseele schaute hinaus auf die Bewegungen der Himmelskörper, sah nicht, wie die heutigen Menschen, in dem, was im Kosmos geschah, nur materielle Vorgänge, sondern nahm wirklich hinter dem, was draußen vorgeht, die wirkenden geistigen Wesenheiten wahr. Sie verhielt sich so zum ganzen Kosmos, wie sich der Mensch zum anderen Menschen verhält, indem er beim anderen Menschen weiß, daß ihn durch 'die ganze Physiognomie eine Seele anblickt. So war alles Physiognomie beim alten Ägypter, und er nahm das Seelische in der Natur wahr. Der Sinn der Fortentwickelung zur neuen Zeit liegt darin, daß das, was früher gleichsam elementare Fähigkeit war, unmittelbar sich entzündete im Leiblichen des Menschen, daß das seine Innerlichkeit wurde in der neueren Zeit, in unserem fünften nachatlantischen Zeitalter. Und so wie es mehr elementar war, was der Ägypter durchmachte, so macht der Italiener das, was er wiederholt, was er in seiner Empfindungsseele durchmacht, mehr im Innerlichen durch, dadurch, daß er in der Empfindungsseele dieses Geistig-Kosmische erlebt, aber jetzt mehr verinnerlicht. Was könnte mehr verinnerlicht sein als die ägyptische Astrologie in Dantes «Göttlicher Komödie»: die richtige Wiederauferstehung der altägyptischen Astrologie, aber verinnerlicht!

[ 13 ] Und ebenso könnten wir nachweisen, nicht im Bewußtsein des einzelnen Franzosen, aber im Wirken der Volksseelenimpulse, das Aufleuchten des alten Griechentums. Bis zu der neuesten Erfindung und bis in die Einzelheiten hinein läßt sich das verfolgen; nur bringt man solchen Forschungen nicht den nötigen Ernst entgegen. Griechenland und, wie es die anderen Völker nannte, «die Barbaren», selbst das lebt wieder auf. So könnte man nachweisen, daß in der ganzen französischen Literatur und Kunst — ich meine nicht bewußt, aber in den tieferen Impulsen — das alte Griechentum so auflebt, wie es aufleben muß in unserer Zeit. Wir haben also eine Volksseele vor uns, die alles verarbeitet hat, was im Griechentum war, eine Volksseele, die deshalb außerordentlich stark wirkt auf die einzelnen menschlichen Individuen, die die Individuen durchsetzt und ergreift. Die Folge davon ist, daß, wenn die französische Einzelseele in den physischen und Ätherleib untertaucht, sie in das Weben und Wesen scharf ausgeprägter Tätigkeit der Volksseele untertaucht. Sie findet die Impulse dieser Volksseele scharf ausgeprägt. Daher kommt es, daß der Franzose, indem er in seinem physischen Leibe dieses scharfe, prägnante Leben und Weben der Volksseele aufnimmt, mehr in diesem lebt als in seinem elementaren Selbstgefühl, daß er mehr in dem Bilde lebt, in der Vorstellung, die er sich von dem Franzosen macht, die da heraufflutet von der Volksseele. Von dem Bilde des Franzosen lebt er. Und mit diesem Bilde hängt alles zusammen, was für ihn von großer Bedeutung ist: «Gloire» und so weiter. Der Franzose lebt im eigenen Bilde, das aus dem Ätherleib heraufkommt. Das ist stark geprägt, dieses Phantasiebild, das verwebt sich zusammen mit der geistig-seelischen Wesenheit des einzelnen, und das nimmt er als ein stark im Ätherleib bewegtes Bild auch mit, indem er nach dem Tode in die geistige Welt geht. Das bekommt er sehr schlecht los. Er bekommt sehr schwer sein Ätherbild los. Die Vorstellung, die er von sich selbst gemacht hat, die hängt ihm an, sie ist fest mit ihm verbunden.

[ 14 ] Ganz anders ist das Verhalten der Volksseele des russischen Volkes zu der einzelnen Individualität. Diese russische Volksseele hat nicht in demselben Sinn irgendeine der nachatlantischen Kulturen zu wiederholen wie das französische Volk; sie ist eine jugendliche Volksseele, sie prägt wenig in den Ätherleib ein. Daher trifft das einzelne Individuum, das dieser russischen Volksseele angehört, wenn es in seinen physischen Leib untertaucht, wenig Prägnantes, nimmt daher auch, wenn es in die geistige Welt geht, wenig Prägnantes mit, wenig gleichsam ätherisch gewobene Phantasiebilder mit.

[ 15 ] So unterscheiden sich die Seelen in bezug auf das Verhältnis zu ihren Volksseelen nach dem Tode. Auf der einen Seite haben wir das Heer solcher einzelner Seelen, die durch den Tod gegangen sind, die in die geistige Welt scharf gewobene Bilder ihrer eigenen Wesenheit hinauftragen, und auf der anderen Seite, im Osten, sehen wir junge Seelen hinaufziehen, einer jungen Volksseele angehörig, wenig hinaufbringend von scharf gewobenen, im Ätherleib flutenden Menschenbildern.

[ 16 ] Nun stehen wir ja, wie ich oftmals auseinandergesetzt habe, vor dem großen Ereignis der kommenden Zeit: dem Auftreten des Christus in einer ganz besonderen Weise. Ich brauche das heute nicht auseinanderzusetzen. Ihm aber geht voran, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als Kämpfer für die entsprechende Vorbereitung der Menschen zu dem Christus-Ereignis, derjenige Geist, den wir als den Geist Michael bezeichnen, als den Vorkämpfer des Sonnengeistes. Nun liegt alles daran, daß in der geistigen Welt dieses Ereignis, das geistig eben über die Menschheit hereinbrechen soll, in entsprechender Weise vorbereitet werde. Das kann aber nur geschehen, indem in der geistigen Welt gearbeitet wird gleichsam an der reinen Herausbildung des künftig ätherisch erscheinenden Christus, der ja dem Menschen als ätherische Gestalt erscheinen soll. Dazu aber ist notwendig, daß derjenige, der da vor dem Sonnengeist einherzieht, daß Michael einen Kampf ausficht in der geistigen Welt. Zu diesem Kampf braucht er die Hilfe der Seelen, die durch ihre Leiber eben hinaufgezogen sind in die geistige Welt, derjenigen Seelen, die in die geistige Welt wenig heraufbringen von scharf ausgeprägten Phantasiebildern. Und so sehen wir den Geist Michael und in seinem Gefolge eine Anzahl russischer Seelen für die Reinheit des geistigen Horizontes kämpfend und in harten Kampfe mit den Seelen, die aus dem Westen gekommen sind, die scharf ausgeprägte Phantasiebilder hinaufbringen. Die müssen zerstreut, aufgelöst werden. Wir sehen diesen Kampf zwischen Osten und Westen vorbereitet schon seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, einen scharfen Kampf, der dem Fortschritt der Menschheit dienen soll, und der darin besteht, daß geistig der europäische Osten kämpft gegen den europäischen Westen, daß das geistige Rußland einen scharfen geistigen Kampf führt gegen das geistige Frankreich. Das, meine lieben Freunde, gehört zu dem Erschütterndsten der Ereignisse der Gegenwart, zu sehen, wie in demselben Maße, in dem sich hier unten im Felde der großen Täuschung das physische Bündnis zwischen Westen und Osten vollzieht, droben in der geistigen Welt der scharfe Kampf des europäischen Ostens, Rußlands, gegen den europäischen Westen, Frankreich, sich richtet. Wir haben hier einen derjenigen Fälle, die so erschütternd auf den Geistesforscher wirken, wo man sehen kann, wie das, was hinter dem Schleier der äußeren Sinneswelt ist, oft das Entgegengesetzte ist von dem, was hier unten im Lande der Täuschung geschieht. Aber ich möchte immer und immer ermahnen, nicht zu glauben, daß man durch Spekulation solche Dinge ausmachen kann. Derjenige, der etwa aus dem, was ich für einzelne Fälle gesagt habe — daß sich das Geistige als Gegenteil dessen darstellt, was im Gebiete der großen Maja auftritt —, schließen wollte, daß er immer zum Gegenteil gehen müsse, wenn er vom Physischen ins Geistige kommen will, der würde sich sehr stark irren. Denn es gibt Fälle, wo in der geistigen Welt sich die Dinge genau so abspielen wie in der physischen. Zwischen diesem Falle und dem anderen, wo sie sich so stark entgegengesetzt abspielen, wie in bezug auf das Bündnis von Frankreich und Rußland im Physischen und Geistigen, sind alle möglichen Abstufungen.

[ 17 ] Man hat heute noch wenig Empfindung dafür, aus welchen Impulsen heraus die wirkliche Geisteswissenschaft sich mitteilen muß. Unsere Zeit ist, ich möchte sagen, in gewisser Beziehung leichtsinnig geworden, namentlich in bezug auf das, was den einzelnen Menschen mitteilungswert erscheint; denn gar wenig wird gefragt um die Verantwortung, die hinter dem Mitzuteilenden steckt für den, der den Zusammenhang der geistigen Welt mit der physischen ins Auge zu fassen hat. Vielleicht darf ich Ihnen — nicht aus persönlichen Gründen, sondern nur, um zu illustrieren — etwas in Anknüpfung an meinen vorgestrigen Vortrag sagen. Sehen Sie, in diesem öffentlichen Vortrag, wo ich natürlich nur äußerlich, exoterisch sprechen kann, spreche ich aber doch nicht so exoterisch, wie man gewöhnlich glaubt, und ich wäre wohl froh, wenn man gerade bei solchen Vorträgen ein wenig erwägen würde die Kulturaufgabe, die die Geisteswissenschaft hat. Namentlich in dem Herausheben und in der Art des Sagens dessen, was gesagt werden muß, drückt sich das aus, was als Geisteswissenschaft dahintersteht. Es sind nicht willkürliche Einfälle, ist nicht etwas Zusammengeklaubtes. Nehmen Sie das eine Beispiel: Ich habe gesagt, daß man, wenn man die Verhältnisse der einzelnen europäischen Nationen in diesem Krieg beurteilen will, geschichtlich vorgehen solle, daß man zum Beispiel bedenken solle, daß Österreich jene Mission auf dem Balkan empfangen hat auf Antrag der englischen Politik, und daß im Grunde genommen alles das, was sich zugetragen hat für Österreich, eine Konsequenz ist dessen, was ihm auf Impuls von England hin mit aufgetragen worden ist. Und ich sagte, man müsse das berücksichtigen, man müsse berücksichtigen, daß dadurch Österreich, und damit Deutschland, in besonderen Antagonismus zu Rußland gekommen ist, und daß England sein eigenes Werk verlassen hat und nun gegen Deutschland kämpft, während die Zentralmächte und Rußland in Antagonismus gekommen sind dadurch, daß Österreich auf Englands Impuls mit der Balkanmission betraut worden ist und auch, indem es den Türken zu Hilfe kam, zurückhalten sollte den Einfluß des russischen Ostens. Selbstverständlich kann man in einem exoterischen Vortrag, der für das große Publikum gemeint ist, das nur andeuten, was wirken kann auf die Empfindungen, die gerade heute angeregt werden sollten. Aber, was ist denn hinter dieser Sache? Äußerlich, exoterisch sehen wir die englische Politik an der Seite der russischen, die gerade durch eine Tat Englands zu ihren Konsequenzen gekommen ist. Das sehen wir äußerlich. Der Geistesforscher, der sich die Dinge in der geistigen Welt anschaut, der kann heute eine ganz eigentümliche Entdeckung machen, eine höchst merkwürdige Entdeckung. Nehmen wir einmal an, der Geistesforscher würde, indem er sich einen bestimmten perspektivischen Punkt nimmt, von unten nach oben sehen. Er würde sich den perspektivischen Punkt unterhalb des physischen Planes nehmen und zum Astralplan aufschauen. Er könnte sich ihn auch oberhalb des Astralplanes nehmen. Dann würde er das sehen, was auf dem physischen Plan sich abspielt, und gleichsam auch das, was auf dem astralischen Plan sich abspielt. Es würde das zusammenschwimmen. Nicht wahr, wenn man von unten hinauf- oder von oben herunterschaut durch den Astralplan, so sieht man durch das Astralische hindurch auf das Physische und umgekehrt. Wenn man nun auf den physischen Plan sieht, so kämpft zwar England gegen die Türkei, seit die Türkei an Rußland den Krieg erklärt hat. Aber das ist bloß Maya, denn in Wahrheit kämpft das astrale Wesen Englands mit der Türkei gegen Rußland. So daß man das Schauspiel hat, daß im Nordwesten England für Rußland und im Südosten England für die Türkei, also gegen Rußland, kämpft. Nur ist das eine maßgebend für den physischen Plan und das andere für den astralischen Plan.

[ 18 ] Wenn man mit einer solchen Erkenntnis der Welt gegenübersteht, dann fühlt man: Man kann ja natürlich diese Erkenntnis nicht äußerlich dem Publikum mitteilen, aber sie drängt einen dazu, gerade diesen einen Punkt hervorzuheben von der Inkonsequenz Englands im Osten. Daß dieser eine Punkt herausgehoben wird, das rührt her aus dem Erkennen der geistigen Zusammenhänge. Das ist es, womit ich auf die Verantwortung hindeuten möchte, die man hat einfach bei dem Zusammenstellen der einzelnen Wahrheiten und der Art, wie man sie gibt.

[ 19 ] Da klaubt man nicht in beliebiger Weise zusammen, wie es die heutigen Buch-Macher oder Journalisten tun, wenn man seine okkulte Verantwortung fühlt, sondern da muß das, was zu sagen ist, aus dem Wesen des Zeitwirkens heraus geholt werden. Wirklich nicht um etwas Persönliches zu sagen, sondern um Sie aufmerksam zu machen, sage ich dieses, daß Geisteswissenschaft, wenn sie mit voller Verantwortlichkeit hintritt vor die Welt, eben wirklich recht ernst genommen werden sollte, und nicht verwechselt werden sollte mit alledem, was sich heute als Journalisterei und Buch-Macherei breit macht und in der Art, wie es kombiniert, sehr weit entfernt ist von einem solchen Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber den geistigen Mächten der Zeit. Ich darf schon gerade in unserer Zeit, meine lieben Freunde, ein wenig aufmerksam machen auf diesen Ernst der Geisteswissenschaft. Denn unsere Zeit zeigt uns in vieler Beziehung ein ernstes Antlitz, ein recht ernstes Antlitz, und nur diejenigen werden zurechtkommen mit dieser Zeit, die den Ernst dieses Antlitzes zu würdigen verstehen.

[ 20 ] Ich möchte Ihnen auch, um dieses zu erhärten, einen für den Schüler der Geisteswissenschaft interessanten Zusammenhang vor die Seele führen. Es ist ja schon oftmals gesagt worden, daß die Geisteswissenschaft in die Gegenwart wahrhaftig nicht deshalb hereintritt, weil sie der Willkür des einen oder anderen entspringt, oder weil der eine oder andere sie aus seiner Neigung heraus zu seinem Ideal gemacht hat und sie an die anderen Menschen heranbringen möchte, sondern weil jetzt die Epoche ist, wo die geistigen Wesenheiten, welche das Tor dieser der Menschheit zu offenbarenden Wahrheit sonst verschlossen hielten, es geöffnet haben, daß diese Weisheit herunterfließt in die menschliche Seele. Und entgegen gehen wir einer Zeit, wo die Menschen immer mehr und mehr aufnehmen müssen die Weisheit, die nicht nur in abstrakten Begriffen, nicht nur in grauen Ideen des Verstandes von der Seele angeeignet wird. Zeiten leben wir entgegen, wo in die menschlichen Seelen, in die menschlichen Gemüter dasjenige hinein will, was wir Imagination nennen. Man möchte sagen, wenn man die Sache durchschaut: Da hängen sie, wie dichte Wolken vor einem Unwetter herunterhängen in die Landschaft hinein, da hängen sie in der geistigen Welt und wollen hinein in die menschlichen Gemüter, und warten, bis diese menschlichen Gemüter reif sind. Ja, so ist die Zeit; so ist es einmal.

[ 21 ] Nun gibt es ein eigentümliches Gesetz: Das Imaginative, das hinein will in die menschlichen Gemüter und als Imagination noch nicht aufgenommen werden kann in irgendeinem Zeitalter, das wirft etwas wie ein Fata-Morgana-artiges Bild ebensoweit unter den physischen Plan hinunter, wie es selbst über dem physischen Plane ist. Die Imaginationen rufen in den menschlichen Wesenheiten Leidenschaften hervor, Gefühle, Triebe, Instinkte, die sich ausleben in Antagonismus. Und wenn man heute die Instinkte nimmt, die Leidenschaftsausbrüche, mit denen sich die Völker beschimpfen, so sind sie nichts anderes als das Ergebnis dessen, daß Imaginationen, welche die europäischen Völker aufnehmen sollten, nicht herunter können, dafür sich spiegeln unter dem physischen Plan im Unterbewußten der Menschen in solchen der Wahrheit widersprechenden Instinkten und Leidenschaften. Im Grunde genommen können wir sagen, daß alles, was wir an Ausladung von Instinkten und Leidenschaften in der Gegenwart erleben, der Ausdruck dafür ist, daß erneuerte Imaginationen in die Welt der menschlichen Kulturentwickelung hereinbrechen wollen. Alles das, was der Krieg an oftmals so traurigen Erscheinungen an die Oberfläche wirft, ist die umgewandelte Imagination, die die Menschheit nicht ergreifen kann.

[ 22 ] Wiederum — und solches erscheint mir niemals ganz unwichtig zu sein — mache ich darauf aufmerksam, daß man nun nicht sagen soll: Also ist jeder Krieg umgewandelte Imagination. — Kriege können auch ganz etwas anderes sein. Der heutige ist das, was ich gesagt habe. Das Generalisieren, das für die Erkenntnis des physischen Planes eine Bedeutung hat, hat nicht eine Bedeutung für die geistige Welt. Hier müssen die Dinge einzeln, individuell erforscht werden.

[ 23 ] Wir sehen heute — und ich möchte jetzt von einer gewissen Seite her eine Erscheinung vor Ihre Augen treten lassen, um sie auch noch zu erklären —, wir sehen heute, wie die Angehörigen der verschiedenen Völker in Haß einander verfolgen, wie sie sich beschimpfen. Woher kommt das? Nun, indem wir in allem tiefen Ernst schon aufgenommen haben das Wesen der wiederholten Erdenleben, erscheint uns nicht besonders unbegreiflich, daß die Seele in ihren wiederholten Leben durch die verschiedenen Nationalitäten durchgeht. Derjenige, der heute seine Inkarnation in einem deutschen Leibe durchmacht, der bereitet sich vielleicht schon in seinem Innersten vor, die nächste Inkarnation in einem englischen Leibe durchzumachen; derjenige, der sie heute in einem englischen durchmacht, bereitet sich vielleicht schon vor, sie in der nächsten in einem deutschen Leibe durchzumachen. Der Mensch ist schon dieses duale Wesen, diese Zweiheit. Da stehen wir äußerlich da vor der Welt — nicht nur in bezug auf das äußere physisch-sinnliche Anschauen, sondern in bezug auf manches andere —, ganz berechtigterweise durch unseren physischen Körper verknüpft mit dem Wesen und Weben der Volksseele; aber im Inneren macht sich schon geltend, was für die nächste Inkarnation ein ganz anderes sein wird. Nun ist der Mensch unter den mancherlei Dingen, denen er feind ist, oftmals am allermeisten seinem eigenen innersten Wesen feind. Das bekämpft er am meisten. Er weiß nicht, daß es sein innerstes Wesen ist. Nehmen wir einen Engländer, der prädestiniert ist durch das Innerste seiner Seele, in seiner nächsten Inkarnation ein Deutscher zu sein. Da sehen wir ihn heute, wie er gegen sein eigenes Innere kämpft. Er kämpft gegen die nächste deutsche Inkarnation. Dies kommt heute dadurch zum Ausdruck, daß er in schändlicher Weise über das Deutsche schimpft. Weil er das Ziel im deutschen Leibe erblickt, wütet er gegen das, was in der spirituellen Welt sein innerstes Wesen ist. Es ist im Grunde genommen eine Auseinandersetzung der Seele mit sich selbst, und nur äußerlich, in der Maja, ist es so, daß drüben, jenseits des Kanals, über die Menschen hier in Mitteleuropa geschimpft wird. Im Grunde genommen bezieht sich das, was geschimpft wird, auf die eigene Seele. Darin zeigt sich die tiefe Tragik, die den Menschen überkommen muß in seinem ganzen Empfinden und in seinen innersten Impulsen, wenn er da, wo die Sache bitter ernst wird, die äußere Maja vergleicht mit dem, was in dem Inneren ist.

[ 24 ] Und so können wir die Volksseelen sehen als wirkliche lebendige Wesenheiten, welche die einzelnen abgeschlossenen Individuen durchdringen, durchsetzen. Und was der einzelne erlebt, erlebt er im Zusammenhang mit seiner Volksseele. Auf dem physischen Plan, im äußeren Leben, stehen sich die Menschen heute gegenüber. Die eine Nation wirft der anderen die Schuld am Kriege vor und glaubt, etwas Besonderes damit zu sagen. Wie ist es eigentlich mit diesem Vorwerfen der Schuld? Das Karma jedes Volkes und das Karma des betreffenden Volkes hängen selbstverständlich mit demjenigen zusammen, was die Volksseele im Volke durchlebt und an Impulsen in die einzelnen Ätherleiber und dadurch auch Astralleiber hineinlenkt. So leben die einzelnen Nationen nebeneinander und miteinander in Verhältnissen als Ausdruck der Beziehungen ihrer Volksseele mit dem Volksseelenkarma. Und wenn die eine durch die andere dieses oder jenes erfährt, wenn der einen durch die andere dieses oder jenes geschieht, so geschieht es nicht, ohne daß es mit dem innersten Karma zusammenhängt. Insofern als die Volksseele eine abgeschlossene Wesenheit ist, gibt es auch ein Nationalkarma. Und während man im äußeren Exoterischen glaubt, die eine Nation tut der anderen dieses oder jenes zuleid, vollzieht sich das so, daß jede Nation in dem, was sie erlebt, ihr individuelles Nationalkarma erlebt. Wenn eine der anderen eine Niederlage beibringt, so vollzieht sich in dieser Niederlage der unterlegenen Nation etwas, was sie sich selbst zugefügt hat durch ihr eigenes Karma. Und wenn man in der ganz groben Weise, wie es äußerlich vollberechtigt ist, von dem Recht des einen und anderen spricht, so ist das wirklich nicht anders, als wenn einer ein alter Mann ist und neben sich ein kleines Kind sieht, das frisch ist und zur Jugendkraft heranwächst, und er nun sagt: Warum werde ich älter, warum zeigt sich mir immer mehr und mehr ein Verfall? Ich sehe: das Kind, das nimmt mir meine Kräfte; indem es älter wird, nimmt das Kind mir meine Kräfte. — Während er seine Kräfte in ganz natürlicher Weise verliert, kann er sich der Täuschung hingeben — er wird es nicht tun, aber ich habe schon solche Dinge gehört —, daß ihm das Kind seine Kräfte nimmt. Da sieht man gleich, daß es unsinnig ist, weil der Kausalzusammenhang in jedem einzelnen Wesen liegt. So ist es aber auch bei dem Karma der Völker. Die Völker gehen nebeneinander her, und wenn eines über das andere siegt, so ist der Sieg für sein Karma; wenn auch mit demselben Sieg das andere Volk unterliegen muß, so ist doch für dieses andere Volk die Niederlage durch sein anderes Karma hervorgerufen. So ist Geisteswissenschaft in den Seelen wirklich friedenstiftend, wenn sie auf der anderen Seite auch einsieht, daß die gegeneinander wirkenden Kräfte eben gegeneinander wirken müssen.

[ 25 ] Gerade durch solche Dinge möchte man heute darauf hinweisen, daß Geisteswissenschaft nicht bloß ein Spiel sein will mit sensationellen Begriffen, sondern daß Geisteswissenschaft, wenn man sie in ihrem bitteren Ernst betrachtet, unsere Seele wirklich durchschüttelt und durchrüttelt und aus dem Menschen ein anderes Wesen macht, wenn er sie ernst nimmt. Das müssen wir nur gehörig ins Auge fassen, wirklich ins Auge fassen, wie oberflächlich man manchmal sie als ein bloßes Verstandesspiel nimmt, und wie man sie eigentlich als etwas nehmen sollte, was aus dem Menschen wirklich ein ganz anderes Wesen machen kann. Und vieles wird sich ergeben, wenn man sich auf solche Dinge einläßt, vieles vom Verständnis der Zusammenhänge wird sich so ergeben.

[ 26 ] Wenn zwei Menschen verschiedene Ansichten haben über irgendeine Sache, die sich vor ihnen abspielt, so wird in der Regel der eine unrecht haben. Man wird es leicht nachweisen können, daß der eine unrecht hat. Aber das individuelle Leben des Menschen ist anders als das Leben der Nationen. Man darf nicht das Leben der Nationen mit dem der einzelnen Individuen identifizieren, darf auch nicht glauben, daß die Taten der Nationen denselben Urteilsimpulsen unterliegen können wie das Leben der einzelnen Menschen. Sonst urteilt man so, wie man niemals urteilen würde, wenn man einen blauen Dunst hätte von den Beziehungen der Nationen, wie es zum Beispiel der Fall ist, wenn man sagt, man müsse Deutschland den Krieg erklären, weil es Belgiens Neutralität verletzt hat — wie es gesagt worden ist —, man müsse den Krieg aus moralischen Gründen erklären. In der Politik ist es einfach unsinnig, dieselben Kategorien anzuwenden, die man bei der Beurteilung des einzelnen Menschen mit Recht anwendet. Denn ganz selbstverständlich ist es, daß das Interesse Deutschlands erfordert, nach Belgien vorzurücken, und bei England, daß das nicht geschieht. Im Augenblicke, wo man aufrichtig gesteht, daß das Interesse da und da ist, hat man etwas vor sich, das darauf hinweist, daß es kontrastierende Interessen gibt. Wenn zwei Menschen etwas Entgegengesetztes behaupten, so wird nachzuweisen sein, daß der eine unrecht hat. Wenn zwei Nationen etwas Entgegengesetztes tun müssen, dann mässen sie es eben tun. Und zu glauben, daß man mit dem Urteil der einen Seite das der anderen Seite wegfegen kann, das ist ebenso gescheit, wie wenn jemand sagen wollte: Du hast mir einen Baum gemalt, der hat da einen Ast, dort einen, dort einen; das ist ganz falsch, der Baum sieht ja so aus. — Und nun zeichnet er so, daß hier der Ast sitzt und an einer anderen Stelle der andere und so weiter. Der eine hat ihn eben von der einen Seite gezeichnet und der andere von der anderen Seite. Das kann man natürlich zusammenbringen. Aber das, was sich in der Weltgeschichte abspielt, kann nicht durch bloßes Zusammenschauen ausgeglichen werden. Wenn die Volksseelen mit ihren andersgearteten Bewußtseinen Dinge tun müssen durch die Menschen, so ist es unmöglich, daß man irgendwie entscheidet durch Urteile wie: Der eine hat recht, der andere unrecht —, sondern da gibt es kontrastierende Interessen, die notwendigerweise sich entladen müssen in Erscheinungen, wie das heutige eines ist. Da widerlegt man nicht das, was auf der einen und anderen Seite gesagt wird. Ebensowenig wie man glauben darf, daß das Karma des einen nicht selbständig steht neben dem des anderen, so wenig darf man glauben, daß man mit dem Urteil von der einen Seite das Urteil von der anderen widerlegen kann. Denn das eine Volk kann Interessen haben, gegen welche nicht aufzutreten Pflichtverletzung wäre von dem Staatsmann des anderen Volkes, während selbstverständlich für diese Interessen einzutreten Pflicht des Staatsmannes des ersten Volkes ist.

[ 27 ] Urteile der Menschen, Urteile in dem Bewußtsein, das wir haben auf dem physischen Plan innerhalb unseres physischen Leibes, kommen nur auf dem Felde des Verstandes in Betracht und gleichen sich dialektisch aus, indem das eine das andere aus dem Felde schlägt. Anders urteilen die Bewußtseine der Volksseelen. Die haben ebenso voneinander abweichende Urteile, aber diese Urteile sind nicht bloß Verstandesurteile, sondern es sind Tatsachen. Wenn ein Urteil das andere aus dem Felde schlägt in der Sphäre der Menschen, dann tut das allerdings nicht weh, dann tötet man zwar, aber man sieht das nicht für einen Tod an. Aber anders ist es, wenn das, was im Bewußtsein der Völkerseelen waltet und was eben nicht bloß abstraktes Urteilen ist, das dialektisch wirkt, sondern was als Tatsachen wirkt, wenn das aufeinanderprallt. Da muß man die Notwendigkeit einsehen, die eiserne, daß es so gekommen ist. Und da muß man die Möglichkeit haben, in seinem Gemüt gewissermaßen eine Form des Urteils, eine Geistesform anzunehmen, die nicht übereinstimmt mit der Geistesform, die man atiwendet im alltäglichen Verkehr.

[ 28 ] Man muß ja gleichsam mit den Volksseelen denken, nicht mit den einzelnen individuellen Menschenseelen. Wenn man mit den einzelnen individuellen Menschenseelen denkt, so ist es ganz selbstverständlich, daß man versucht, nicht ein solches Urteil zu fällen, das dem des anderen widerspricht, denn dann würde man nicht sozial in der Menschenwelt leben können. Wenn man mit der Volksseele zu denken, zu empfinden hat, dann kommen Zeiten, in denen man unmöglich in irgendeiner anderen Weise in ihr drinnenstehen kann, als indem man sich mit ihr identifiziert und ihren Inhalt für berechtigt hält, ohne daß man herausgeht aus dieser Volksseele, ohne daß man das, was sie zu tun hat, mit dem vergleicht, was die andere zu tun hat. Denn das ist Sache der anderen, das läßt sich nicht in einem gemeinsamen Bewußtsein zusammenbringen, das geht von Bewußtsein zu Bewußtsein. Daher werden Sie es verstehen, daß man von einem solchen Gesichtspunkte aus fragen kann: Was hat das deutsche Volk zu sagen über seine Mission, indem es sich als aus den Nachkommen Fichtes, Schillers und der anderen Großen bestehend fühlt? — Es hat zu sagen, daß das, was es heute unternimmt, die äußere Verkörperung für seine geistige Mission ist, und daß es unmöglich ist, nicht für diese einzutreten. Mit allen Fasern muß der, der innerhalb des Volkes steht, fühlen: Das muß geschehen. — Und es gibt keine Möglichkeit, daß jemand, wenn man scharf herausschält, was aus dem deutschen Volk heraus zu geschehen hat, dies als Attacke bezeichnet. Die Attacke, der Angriff auf das andere Volk beginnt erst, wenn man anfängt zu schimpfen über das andere Volk. Das sind Dinge, die heute ganz besonders tief verstanden werden müssen: Das positive Eintreten für das, was das Wesen eines Volkes ist, bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als das, was sich vergleichen läßt in dem individuellen Bewußtsein mit der Tatsache, daß man ja nur für seinen eigenen Körper sorgen kann, daß er möglichst in Ordnung ist, und nicht in derselben Weise für einen anderen Körper.

[ 29 ] Ich bitte Sie, merken Sie, daß hier etwas Richtunggebendes für das Urteil vorliegt, das wir aus den Quellen der Geistesforschung heraus gewinnen können.

[ 30 ] Und wenn wir hineinschauen in das Weben und Wesen der Volksseelen und das, was dahinter ist, hinter dem schauen, was sich äußerlich abspielt, wird, möchte ich sagen, für den Geistesforscher gerade heute die Sache recht sehr ernst, ganz außerordentlich ernst. Aber es geziemt sich auch dieser Ernst unserer Zeit, und es hängt gewissermaßen die Tatsache, daß wir die größten kriegerischen Ereignisse gesehen haben, zusammen mit der großen Forderung der Zeit, nun eine Kultur zu begründen, die mit dem rechnet, was hinter dem Sinnesschleier liegt. Und diejenigen werden im rechten Sinne gerade das beurteilen, was sich in der äußeren Welt heute abspielt, welche in den äußeren Ereignissen etwas wie Zeichen, wie gewaltige Weltsymbole sehen für das Heraufdämmern eines ganz Neuen in der Menschheitsentwickelung.

[ 31 ] Ich sagte: Nicht nur, daß der Verstand und seine Vorurteile sich in dem Menschen auflehnen gegen das, was Geisteswissenschaft über die übersinnliche Wesenheit hinter den äußeren Dingen zu sagen hat, sondern das Gemüt, die Willensimpulse lehnen sich auf. Sie wollen es nicht, weil die Seele sich umarten muß und über vieles anders fühlen und empfinden muß. — Das sagte ich. Ja, das ist auch so eine Wahrheit. Wir schlafen nämlich nicht nur in der Nacht, wir schlafen teilweise auch bei Tag, nur daß in der Nacht unsere Begierde zum physischen Leib so stark ist, daß sie wie ein Nebel unseren astralischen Leib und unser Ich durchzieht und unser Bewußtsein herabdämpft. Wenn wir nun mit demselben astralischen Leib und demselben Ich nach der Befriedigung der Begierde in unseren physischen Leib hinunterziehen, dann wird das, was wir da als Bewußtsein entwickeln, durchflutet von den Einflüssen der Volksseele und da wird wiederum dasBewußtsein durchsetzt, so daß da unten, trotzdem wir glauben, recht wach zu sein, immer etwas schläft in uns. Im Grunde schläft immer etwas in uns, und schon das ist in uns ein Schlaf, wie die Volksseele in uns hereinwirkt, denn das geschieht ja nicht mit demselben Bewußtsein, mit dem wir unsere tagwachen Urteile fällen. Und zu diesem, zu dem Schlaf des Tages, der nur verdeckt wird durch das gewöhnliche Bewußtsein, zu diesem gehört auch das Herüberwirken der Volksseelen von den anderen Nationen. Sie wirken doch in einer gewissen Weise wiederum hinein in das schlafende Menschengemüt und bringen allerdings andere Erscheinungen hervor als im Schlafe, aber sie bringen Erscheinungen auf dem physischen Plan hervor.

[ 32 ] Während zum Beispiel das deutsche Volk eine Entwickelungslehre durch Goethe gehabt hat, die aus dem tiefsten Inneren des deutschen Wesens selber kam, hat es diese unbeachtet gelassen und den Darwinismus entgegengenommen. Wie das italienische Volk die Empfindungsseele zu entwickeln hat, das französische die Verstandesseele, das englische die Bewußtseinsseele, so hat der Deutsche das Ich zu entwickeln, und vieles wird verständlich im Wesen des deutschen Volkes, wenn man fühlt und ins Auge faßt, wie alles, was deutsche Kultur ist, aus dem Ich hervorquillt. Dieses Verbundensein des Ich mit den heiligsten geistigen Gütern, es ist ein Charakteristikum des mitteleuropäischen Menschen.

[ 33 ] An einer Erscheinung zeigt es sich ganz besonders stark. Wenn wir die okkulten Wahrheiten selber nehmen und nach dem Westen hinüberschauen: die äußere Kultur hat wenig Zusammenhang mit dem, was als Mystik, als Okkultismus auftritt. Es sind eigentlich immer zwei nebeneinandergehende Strömungen. Man wird nicht leicht in den gewöhnlichen Buchhandlungen in Paris zugleich etwas finden, was zusammenhängt mit dem Okkultismus; da muß man zu anderen gehen, die das eben hinstellen. Nun sehen wir, wie es in dem Deutschen liegt, alles aus dem Ich herauszuholen, wie der Deutsche den Jakob Böhme hat, wie die deutsche Kulturentwickelung nicht zu denken ist ohne diesen okkulten Einschlag. Denken wir an Goethe und Lessing. Da fließen nicht zwei Strömungen nebeneinander, sondern da ist ein Strom, da ist wirklich das Leben durchsetzt und durchdrungen vom Geistigen, da kann man nicht mit der materialistischen Anschauung gehen, daß sich der Christus jetzt noch verkörpert in einem physischen Menschen, wie es vom «Stern des Ostens» propagiert wird. Daher ergab sich — wie sich der heutige Antagonismus ergab zwischen Deutschland und England — die Notwendigkeit, mit der man nicht warten durfte, bis sie der Krieg herbeiführen würde: das, was deutscher Okkultismus ist, reinlich zu sondern von dem, was englischer Okkultismus ist. Und vielleicht wird der eine oder der andere nun nachdenken, warum jene Spaltung notwendig geworden ist. Ich wollte aber damit nur einen Hinweis geben. Denn es kann wirklich mancher eine Art von Urbild sehen in der Zusammenstellung von Tatsachen, der Rechtfertigung von Tatsachen, wenn er heute die Briefe nimmt von Grey und Annie Besant: Die Art und Weise, zu beweisen, die Dinge zusammenzustellen, hat eine große Ähnlichkeit bei beiden. Aber ich wollte damit nur darauf hinweisen, wie das, was aus dem deutschen Volk hervorgeht, mit der innersten Seele zusammenhängt. Wenn der Deutsche wach ist, so hält er es zum Beispiel — ich sage das als Tatsache, ohne Sympathie oder Antipathie — mit der tiefen Entwickelungslehre Goethes, der die Reihenfolge der Organismen hingestellt, aber den Impuls zur Anordnung aus dem tiefsten Inneren des Ich hervorgeholt hat. Aus der Bewußtseinsseele heraus hat es ein halbes Jahrhundert hernach Darwin wiedergegeben, aber mit materialistischem Anstrich. Da hat es die Welt leichter verstanden, auch die deutsche Welt hat lieber die Evolutionslehre in darwinistischer Färbung als in Goethescher Färbung aufgenommen. Goethe hat sogar aus der Tiefe des deutschen Wesens heraus eine Farbenlehre begründet; die Physiker sehen sie heute noch immer als Unsinn an, denn die äußere Welt hat die Farbenlehre Newtons angenommen. Wann wird statt der Goetheschen Entwickelungslehre und Farbenlehre die Darwinistische und Newtonsche genommen? Dann, wenn innerhalb des deutschen Volkes die Menschen schlafen und die andere Volksseele einwirken kann. Da haben wir dieses Schlafen mitten im Wachen. Und wenn dann die Leute aufgerüttelt werden, dann verkennen sie noch die Sache, dann merken sie: da ist etwas nicht richtig —, dann gehen sie und nehmen ihre Schatulle, in der sie die von England gekriegten Orden haben. Die schicken sie zurück und vergessen dabei nur, die englische Färbung der Entwickelungslehre oder die Newtonsche Färbung der Farbenlehre mitzuschicken. Insbesondere könnte man das Beispiel einer gewissen Färbung des Haeckelianismus als ein gutes Rezept verschreiben. Man erlebt da so manche Dinge. So zum Beispiel konnte man es auch noch in diesen Tagen erleben, man konnte hören, daß in einer besondern wissenschaftlichen Gesellschaft in deutschen Städten ein Vortrag gehalten wurde über das, was an internationalem Wesen der Völker gestört worden ist durch diesen Krieg, und wie aufmerksam gemacht wurde auf etwas, was ja, wenn man größere Maßstäbe anlegt, richtig ist, aber nicht, wenn man diejenigen anlegt, die dieser Herr mit seinem gewöhnlichen Professorenverstand anzulegen hat. Geht man von diesen Maßstäben aus, so klingt es einem doch ganz sonderbar entgegen, wenn dieser Herr sagt: Es muß der Internationalismus gleich wieder auftreten, sobald der Krieg vorbei ist, denn sonst würde: der Deutsche manches verlieren, und es würde wiederum aufwachen eine besondere Metaphysik, die der Deutsche vorher entfaltet hat, während er froh ist, daß dieser deutsche Geist mit seiner Neigung zum Übersinnlichen überflutet worden ist von den Völkern, die wenig zum Übersinnlichen neigen. — Das konnte man in diesen Tagen erleben in einem besonderen volkswirtschaftlichen Vortrag: die Furcht vor dem Aufwachen des deutschen Wesens.

[ 34 ] Es könnte sehr viel gesagt werden, ich wollte nur das eine und das andere aussprechen über das, was man gewinnen kann, wenn man den allerdings für eine äußerliche Lebensauffassung bitteren, aber doch beseligenden Ernst nimmt, der wie ein Zauberhauch in uns strömt, wenn wir Geisteswissenschaft in ihrer vollen Tiefe nehmen. Dies zu erwägen, zu fühlen, zu empfinden, ist, was uns in unserer Zeit obliegt, und mit solchen Gefühlen dürfen wir diese Zeit überblicken, dürfen uns vereint fühlen mit denen, die draußen stehen und die mit ihrem Blut und ihrer Seele einzustehen haben für das, was das Karma fordert.

[ 35 ] So fassen wir zusammen dasjenige, was unsere Erkenntnis und unsere Aufgabe sein soll und was Zuversicht erwecken soll, in die Worte:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.