Central Europe between East and West
GA 174a
3 December 1914, Stuttgart
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Central Europe between East and West, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Ein Vortrag, wie er vorgestern gehalten worden ist, könnte leicht die Empfindung hervorrufen, als ob in einseitiger Weise für eine Volksseele nur gesprochen werden sollte aus der bloßen Sympathie heraus. Wenn aus der bloßen Sympathie, aus der bloßen Leidenschaft heraus heute der Geistesforscher über diese Dinge sprechen würde, dann könnte man sicher sein, daß, was er zu sagen hat, nicht einen besonderen Wert hat vor der Geistesforschung, oder daß dieses, was er zu sagen hat, weil es durchströmt ist von Leidenschaftlichkeit, im Grunde genommen innerlich doch unwahr sein müßte. Nun, inwiefern das, was vorgestern gesprochen worden ist, trotz alledem als zusammenhängend mit den tiefsten Erkenntnissen der Geisteswissenschaft der Gegenwart gesprochen werden darf, das soll Ihnen hervorgehen aus der Art und Weise, wie der Geistesforscher sich zu der einen oder zu der anderen Volksseele stellen muß.
[ 1 ] A lecture such as the one given the day before yesterday could easily give the impression that one is speaking one-sidedly on behalf of a national soul, motivated solely by sympathy. If the spiritual researcher were to speak about these things today out of mere sympathy or mere passion, then one could be certain that what he has to say holds no particular value for spiritual research, or that what he has to say—because it is permeated by passion—must, at its core, be inwardly untrue. Now, to what extent what was spoken of the day before yesterday may, despite all this, be regarded as connected with the deepest insights of contemporary spiritual science—this should become clear to you from the way in which the spiritual researcher must relate to one national soul or another.
[ 2 ] Wir wissen ja schon aus der ganz elementaren Darstellung in der Anthroposophie, daß wir unter Volksseelen nicht das verstehen, was, durch einen abstrakten Begriff ausgedrückt, die äußere, exoterische Welt darunter versteht. Ganz bestimmte Wesenheiten, man möchte sagen mit Erzengelrang — man braucht das ja nur nachzulesen in dem Vortragszyklus über «Die Mission einzelner Volksseelen» —, Wesenheiten mit einem Bewußtsein, das höher ist als das menschliche Bewußtsein, leiten die Angelegenheiten der Völker. Und wir blicken hinauf zu diesen Volksseelen, sprechen also von ihnen als wirklichen, realen Wesenheiten, ja realeren Wesenheiten, als wir Menschen selber sind. Wie tritt der Mensch in bezug auf seine geistig-seelische Wesenheit in ein Verhältnis zu diesen Volksseelen? Diese Frage wollen wir zuerst einmal aufwerfen.
[ 2 ] We already know from the very basic description in anthroposophy that when we speak of “national souls,” we do not mean what the outer, exoteric world understands by this term, expressed as an abstract concept. Very specific beings—one might say of the rank of archangels—as can be read in the lecture series on “The Mission of Individual National Souls”—beings with a consciousness higher than human consciousness, guide the affairs of nations. And we look up to these national souls, speaking of them as real, tangible entities—indeed, entities more real than we humans are ourselves. How does the human being, in relation to his spiritual-soul nature, enter into a relationship with these national souls? Let us first raise this question.
[ 3 ] Wir kennen das Wechselleben des Menschen in bezug auf sein Bewußtsein zwischen Wachen und Schlafen; wir wissen, daß der Mensch zu wachen hat innerhalb seines physischen und Ätherleibes und daß er dann zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in seinem astralischen Leibe und in seinem Ich weset. Wenn nun der Mensch zwischen seinem Einschlafen und Aufwachen mit seinem astralischen Leibe und Ich außerhalb seines physischen Leibes ist, dann ist er in einer Region, die in bezug auf sein Verhältnis zu der Volksseele, der er zunächst angehört in einer bestimmten Inkarnation, eine ganz andere ist als die Region, in der der Mensch ist in bezug auf die Volksseele, wenn er in seinem physischen Leibe ist. Der Mensch wird durch seine Sprache und durch manches andere ja hineingeboren in das Gebiet seiner Volksseele. Wie wirkt diese Volksseele auf die menschliche Seele, auf das, was im Schlafe herausgenommen wird aus dem physischen und Ätherleibe, was aber im Wachen im Leibe vorhanden ist? Wie wirkt die Volksseele des Volkes, dem ein Mensch angehört, auf die individuelle Seele des Menschen?
[ 3 ] We are familiar with the alternating states of human consciousness between waking and sleeping; we know that a person must be awake within their physical and etheric bodies and that, between falling asleep and waking up, they dwell in their astral body and in their I. Now, when a human being is outside their physical body with their astral body and I between falling asleep and waking up, they are in a region that—in terms of their relationship to the national soul to which they initially belong in a particular incarnation—is entirely different from the region in which they are in relation to the national soul when they are in their physical body. Through their language and many other factors, human beings are, in a sense, born into the realm of their national soul. How does this national soul influence the human soul—that which is withdrawn from the physical and etheric bodies during sleep, yet remains present within the body during wakefulness? How does the national soul of the people to which a human being belongs influence the individual soul of that person?
[ 4 ] Sie wirkt eigentlich nur in der Zeit, in welcher der Mensch in den physischen Leib untertaucht vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Der Mensch ist da untergetaucht in die Kräfte des physischen und Ätherleibes, und in diese Kräfte ist auch untergetaucht mit gewissen, ich möchte sagen, Fangarmen das, was die Volksseele ist, die Seele desjenigen Volkes, dem der Mensch eben in einer Inkarnation besonders angehört. Und wir tauchen nicht nur in unseren physischen Leib unter, wir tauchen auch in einen gewissen Teil unserer Volksseele unter, leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, während wir in unserem physischen Leibe sind, mit dem, was im physischen Leibe vorgeht, innerhalb der Volksseele. Wir erfahren das, was wir in Gemeinschaft mit der Volksseele erfahren, während unseres Wachzustandes, nur daß die Volksseele nicht unmittelbar in das hereinspricht, was uns vollbewußt ist im Ich, daß sie vom Ätherleib aus mehr in das Unterbewußte des astralischen Leibes hineinspricht, daß sie uns tingiert, nuanciert, unserem Gefühl und Temperament eine gewisse Richtung gibt. Das ist das Wesentliche, wie wir mit ihr in Beziehung treten. Derjenige, der durch seine entsprechende Initiation fähig ist zu beobachten, was da alles mitspielt, wenn der Mensch in den physischen Leib untertaucht, der sieht, schaut die Begegnung mit der Volksseele beim Untertauchen in den physischen Leib. Aber er schaut auch noch etwas anderes. Und wenn ich davon spreche, so werden Sie bald erkennen, daß innerhalb desjenigen, was der Geistesforscher zu sagen hat über die eine oder andere Volksseele, Objektivität herrschen muß.
[ 4 ] It actually operates only during the time when the human being is immersed in the physical body—from waking up until falling asleep. During this time, the human being is immersed in the forces of the physical and etheric bodies, and immersed in these forces—with what I might call “tentacles”—is also what constitutes the national soul, the soul of the particular nation to which the human being belongs in this incarnation. And we are not only immersed in our physical body; we are also immersed in a certain part of our national soul, living—from the moment we wake up until we fall asleep, while we are in our physical body—with what takes place within the physical body, within the national soul. We experience what we experience in communion with the national soul during our waking state, except that the national soul does not speak directly into what is fully conscious to us in the “I”; rather, it speaks from the etheric body more into the subconscious of the astral body, coloring and nuancing us, and giving our feelings and temperament a certain direction. This is the essence of how we relate to it. The one who, through appropriate initiation, is able to observe everything that takes place when a human being enters the physical body sees—witnesses—the encounter with the national soul upon entering the physical body. But he also sees something else. And when I speak of this, you will soon recognize that objectivity must prevail within what the spiritual researcher has to say about one national soul or another.
[ 5 ] Der Geistesforscher lebt ja in den Momenten, wo er in der richtigen Weise durchstärkt und durchleuchtet das Geistig-Seelische und es fähig macht, bewußt zu leben und unabhängig vom Leibe, er lebt so, daß er beobachten kann, wo der Mensch ist, auch dann, wenn er mit seinem Geistig-Seelischen, mit seinem astralischen Leibe und Ich außerhalb des physischen Leibes ist. Der Geistesforscher beobachtet da, wie jede menschliche Seele unbewußt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in den ganzen Umkreis der für eine Zeit in Betracht kommenden Volksseelen untertaucht. Während der Mensch also, wenn er in den physischen Leib untertaucht, mit der Volksseele seiner Nation zusammen ist, ist er im Schlafzustand mit all den anderen Volksseelen der betreffenden Zeit zusammen, mit Ausnahme derjenigen, mit der er während des Wachzustandes im physischen Leibe zusammen ist.
[ 5 ] The spiritual researcher lives, in fact, in those moments when he properly strengthens and illuminates the spiritual-soul aspect, enabling it to live consciously and independently of the body; he lives in such a way that he can observe where a person is, even when that person is outside the physical body with their spiritual-soul aspect, their astral body, and their I. There the spiritual researcher observes how every human soul, unconsciously, between falling asleep and waking up, immerses itself in the entire sphere of the national souls relevant at that time. Thus, while a person is united with the national soul of his own nation when he enters his physical body, during sleep he is united with all the other national souls of the relevant era, with the exception of the one with which he is united while awake in his physical body.
[ 6 ] Der Geistesforscher hat hinlänglich Gelegenheit, die Eigentümlichkeiten der anderen Volksseelen kennenzulernen, denn sobald er in seinem leibfreien Zustand seiner selbst bewußt wird, lebt er geistig-seelisch ebenso mit den anderen Volksseelen zusammen, wie er im physischen Leibe mit seiner eigenen Volksseele zusammen lebt. Da wäre es ganz unmöglich, aus den gewöhnlichen Leidenschaften heraus das eine oder das andere in einseitiger Weise über die eine Volksseele zu sagen. Aber wenn der Geistesforscher bewußt mit diesen anderen Volksseelen zusammen lebt, so zeigt ihm dieses Bewußte auch, daß jeder Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen unbewußt mit den anderen Volksseelen zusammenhängt, aber etwas anders als mit seiner eigenen Volksseele. Wenn man in den physischen Leib untertaucht, so lernt man die einzelne Volksseele mit ihren wesentlichen Eigenschaften, im wesentlichen ihrer Tätigkeit in der Wirkung auf sich kennen, wenn auch im Unterbewußten. Im Schlafe oder Initiationszustand lernt man die anderen Volksseelen kennen, aber nicht als einzelne, sondern in ihrem Zusammenwirken; nur die eigene Volksseele ist nicht dabei. Die anderen wirken zusammen wie in einem Reigen, und in dem, was ihre Reigentätigkeit ist, in dem lebt man drinnen, wie man bei Tag im physischen Leibe mit der einen Volksseele zusammen lebt. Also man lebt
[ 6 ] The spiritual researcher has ample opportunity to become acquainted with the distinctive characteristics of other national souls, for as soon as he becomes self-aware in his disembodied state, he lives together with the other national souls in a spiritual and soulful sense, just as he lives together with his own national soul while in his physical body. It would therefore be entirely impossible to make one-sided statements about one national soul or another based on ordinary passions. But when the spiritual researcher consciously lives together with these other national souls, this consciousness also reveals to him that every human being, between falling asleep and waking up, is unconsciously connected to the other national souls—though in a somewhat different way than with his own national soul. When one enters the physical body, one comes to know the individual national soul with its essential characteristics—essentially through its activity as it affects oneself—albeit in the subconscious. In sleep or in a state of initiation, one comes to know the other national souls, but not as individual entities, rather in their interplay; only one’s own national soul is absent. The others interact as if in a dance, and one lives within the very essence of their dance, just as one lives together with one’s own national soul in the physical body during the day. Thus, one lives
[ 7 ] 5 da nicht mit der Eigentümlichkeit der einen Volksseele zusammen, sondern mit dem Zusammenwirken. Nur eines gibt es, wodurch man im leibfreien Zustand, also im Schlafe, gleichsam verurteilt werden kann, ganz sicher verurteilt werden kann, aus dem normalen Zusammensein mit dem Reigen der Volksseelen herausgerissen zu werden und mit nur einer fremden Volksseele zusammen zu sein. Verstehen Sie mich wohl: Das ist nicht normal, mit einer fremden Volksseele zusammen zu sein; aber man kann es erreichen, wenn man in leidenschaftlicher Weise diese andere Volksseele besonders haßt. Damit verurteilt man sich, herausgerissen zu werden aus dem Reigen der anderen Volksseelen und so zusammen zu sein im Schlafzustand mit dieser einen Volksseele, wie man während des Wachzustandes mit der eigenen Volksseele zusammen ist.
[ 7 ] 5 not in connection with the uniqueness of a single national soul, but with their interaction. There is only one thing by which, in the disembodied state—that is, in sleep—one can be condemned, as it were, and certainly condemned, to be torn away from the normal fellowship with the circle of national souls and to be united with only one foreign national soul. Please understand me correctly: It is not normal to be united with a foreign national soul; but one can bring this about if one passionately hates this other national soul in a special way. In doing so, one condemns oneself to be torn away from the circle of the other national souls and thus to be united in the state of sleep with this one national soul, just as one is united with one’s own national soul during the waking state.
[ 8 ] Ja, das sind objektive Wahrheiten, welche die Geistesforschung ergibt. Sie zeigt Ihnen, daß es bitter ernst ist mit dem Satz, der oftmals ausgesprochen wird von seiten der Geisteswissenschaft: Daß das, was uns in der äußeren Wirklichkeit entgegentritt, Maja, große Täuschung ist, und daß hinter dieser Maja, hinter diesem Schleier Wahrheiten liegen, von denen sich derjenige, der sich nur mit dem Schleier der Maja begnügen möchte, nicht nur nichts mit seinem Verstande wissen kann, sondern auch nichts wissen möchte mit seinem Willen. — Es gibt in unserer Zeit eben noch viele, viele Menschen, die noch nicht einsehen können, was da hinter dem Schleier der Maja liegt, und deshalb nicht verstehen können, daß es eine solche übersinnliche, unsichtbare Welt gibt und in dieser ganz andere Verhältnisse der menschlichen Seele zu den anderen Volksseelen, als man sich träumen läßt. Wenn man die Geisteswissenschaft gerade da im Ernst nimmt, wo sie hineinweist in die Sphären, die mit unserem Leben zusammenhängen, dann muß man es ertragen, daß da die Geisteswissenschaft hinweist auf Verhältnisse der geistigen Welt, in die unterzutauchen, auch nur mit dem Bewußtsein, recht unbequem ist, so daß man sich dagegen sträubt auch mit seinem Willen. Man will nicht untertauchen, man möchte, daß die Wahrheit anders sei in bezug auf sehr viele Dinge. Daß nicht nur der Verstand, sondern auch der Wille sich sträubt gegen das, was die Geisteswissenschaft oftmals als bitter Ernstes zu sagen hat, das ist etwas, was wir uns auch einmal vor die Seele führen dürfen. Und aus Empfindungen heraus, die angeregt werden können durch eine solche Auseinandersetzung wie die eben ausgesprochene, verspüren wir, daß der Grundsatz, den wir haben innerhalb unserer Geistesbewegung, von einem gewissen Wirken, ohne Unterschied der Rasse, Farbe, Nationalität und so weiter, im Grunde genommen so eng zusammenhängt mit dem tieferen Wesen dieser unserer Bewegung, daß es ja eigentlich für den, der den tiefen Ernst der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten einsieht, ein Unsinn ist, diesen ersten Grundsatz nicht zu vertreten. Ein wirklicher Unsinn ist es, denn im tiefsten Menschlichen das Wesen irgendeiner Volksseele hassen, heißt eben, sich dazu verurteilen, mit dieser Volksseele im Unterbewußten genau ebenso zusammen zu sein während des Schlafes, wie man während des Wachens in seinem Unterbewußtsein zusammen ist mit der Volksseele, die die eigene ist. Denn das normale Zusammensein mit Volksseelen im Schlafe ist dieses: mit dem ganzen Reigen der anderen für ein Zeitalter in Betracht kommenden zusammen zu sein. Daß der Mensch nicht einseitig werden darf, dafür sorgt die weise Einrichtung der Welt.
[ 8 ] Yes, these are objective truths revealed by spiritual research. It shows you that the statement often made by spiritual science is dead serious: That what we encounter in external reality is Maya—a great illusion—and that behind this Maya, behind this veil, lie truths of which those who are content to remain with only the veil of Maya can not only know nothing with their intellect, but also do not wish to know anything with their will. — There are still many, many people in our time who cannot yet perceive what lies behind the veil of Maya, and therefore cannot understand that such a supersensible, invisible world exists—and that within it, the relationships of the human soul to the souls of other peoples are entirely different from what one could ever imagine. If one takes spiritual science seriously precisely where it points toward the spheres connected to our lives, then one must accept that spiritual science points to conditions in the spiritual world into which it is quite uncomfortable to immerse oneself—even merely with one’s consciousness—so that one resists it even with one’s will. One does not want to delve into them; one would prefer the truth to be different with regard to very many things. The fact that not only the intellect but also the will resists what spiritual science often has to say in all seriousness is something we may also bring to the forefront of our consciousness. And based on feelings that can be stirred by a discussion such as the one just expressed, we sense that the principle we hold within our spiritual movement—that a certain work is fundamentally so closely connected to the deeper essence of our movement, regardless of race, color, nationality, and so on—is so closely connected to the deeper essence of our movement that, for anyone who recognizes the profound seriousness of the truths of spiritual science, it is actually nonsense not to uphold this fundamental principle. It is truly nonsense, for to hate the essence of any national soul in the deepest recesses of the human being means precisely to condemn oneself to being united with that national soul in the subconscious during sleep, just as one is united in one’s subconscious while awake with one’s own national soul. For normal communion with national souls during sleep consists in being together with the entire host of those relevant to a given age. The wise order of the world ensures that human beings do not become one-sided.
[ 9 ] Wir haben oftmals betont, daß das, was der Mensch durchzumachen hat in den nächsten Jahren, die er durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in gewisser Weise abhängt von den Nachwirkungen des Lebens im Leibe zwischen Geburt und Tod. Nun gehört ja zu diesem Leben im Leibe — wir können es entnehmen aus dem, was eben auseinandergesetzt worden ist — das Zusammensein mit der Volksseele. Dieses Zusammensein mit der Volksseele, sagte ich, tingiert uns, nuanciert uns; wir nehmen das, was die Volksseele als Impuls in unserem seelisch-geistigen Wesen erregt, in die geistige Welt mit, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, und müssen es nach und nach als solches abstreifen. Wenn wir dieses bedenken, so wird uns ohne weiteres erklärlich sein, daß es von der Art und Weise, wie der Mensch mit seiner Volksseele zusammen lebt, abhängt, wie er unmittelbar nach dem Tode noch in den Nachwirkungen zu dieser Volksseele steht.
[ 9 ] We have often emphasized that what a person must go through in the coming years—the years spent between death and a new birth—depends, in a certain sense, on the aftereffects of life in the physical body between birth and death. Now, as we can gather from what has just been explained, this life in the physical body includes our connection with the national soul. This communion with the national soul, I said, colors us, nuances us; we take what the national soul stirs up as an impulse in our soul-spiritual being with us into the spiritual world when we pass through the gate of death, and must gradually shed it as such. If we consider this, it will readily become clear to us that the nature of a person’s relationship with the national soul—and thus their relationship to that national soul in the aftermath immediately following death—depends on the way in which they have lived in communion with it.
[ 10 ] Betrachten wir einmal zwei europäische Nationen auf das hin, was eben angeregt worden ist: das russische und das französische Volk. Das ist ja das eigentliche Leben der Volksseelen, daß diese Volksseelen mit ihrem Bewußtsein in anderer Weise tätig sein müssen als der Mensch mit seinem Bewußtsein. Der Mensch mit seinem Bewußtsein, wie ist er tätig? Nun, er richtet den Blick hinaus auf den Horizont der äußeren Tatsachen und kann auch den Blick auf seine eigene Seele zurücklenken. Wir wissen, daß die Menschen sich ja in gewisser Beziehung voneinander unterscheiden. Zu der einen Gruppe gehört etwa Goethe, der mit dem Blick objektiv auf den Dingen ruht, zu der anderen Schiller, der sich mehr mit dem eigenen Inneren beschäftigt und mehr von da heraus das vollbringt, was er zu schaffen hat. So sind ungefähr auch die Volksseelen, aber eben nur ungefähr, denn ihr Bewußtsein ist ganz anders geartet als das menschliche Bewußtsein. Die Volksseelen stehen verschieden zu den einzelnen Individuen, die dem Volke angehören. Indem sie den Blick nach außen richten, ist das mehr ein Willensblick, ein Blick, der Impulse hineinschickt in die einzelnen Angehörigen des Volkes. Da also wirken sie objektiv nach außen, wenn sie sich nach den einzelnen Individuen hin richten. — Oder sie können mehr in ihrem Inneren leben. Solche Volksseelen, die mehr, man möchte sagen, nicht einem Volksseelen-Realismus, der sich verbreitet über die Individuen, sondern einem Volksseelen-Idealismus huldigen, der mehr in sich lebt, zu solchen gehört insbesondere die französische Volksseele. Diese französische Volksseele hat so, wie sie heute das französische Volk durchdringt, einen gewissen Halt des Bewußtseins dadurch, daß sie zurückblickt in eine frühere Zeit.
[ 10 ] Let us consider two European nations in light of what has just been suggested: the Russian and the French peoples. This is, after all, the very essence of the national soul—that these national souls, with their consciousness, must act in a different way than human beings do with their consciousness. How does a human being act with his consciousness? Well, he directs his gaze outward toward the horizon of external facts and can also turn his gaze back toward his own soul. We know that human beings differ from one another in certain respects. One group includes, for example, Goethe, whose gaze rests objectively on things; the other includes Schiller, who is more concerned with his own inner world and accomplishes what he has to create more from within. The national souls are roughly like this as well—but only roughly, for their consciousness is of a completely different nature than human consciousness. The national souls relate differently to the individual members of the nation. When they direct their gaze outward, it is more a gaze of the will—a gaze that sends impulses into the individual members of the nation. Thus, they act objectively outwardly when they direct themselves toward the individual members. — Or they can live more within themselves. Such national souls—which, one might say, adhere not to a “national-soul realism” that extends over the individuals, but rather to a “national-soul idealism” that lives more within itself—include, in particular, the French national soul. This French national soul, as it permeates the French people today, derives a certain stability of consciousness from the fact that it looks back to an earlier time.
[ 11 ] Ich habe schon öfters darauf aufmerksam gemacht, wie wir unser gewöhnliches physisches Wachbewußtsein dadurch haben, daß wir in unseren Raumesleib untertauchen. Nach dem Tode haben wir unser Bewußtsein dadurch, daß wir zurückschauen in der Zeit auf unser früheres Leben. Da ahnen wir schon das Charakteristische eines höheren Bewußtseins, das sich nicht im Raume, sondern in der Zeit entfaltet, und da wird es uns auch nicht mehr schwer sein, ein wenig zu verstehen, was die französische Volksseele für ein Bewußtsein hat. Sie entzündet ihr Selbst, indem sie zurückblickt ins alte Griechenland, denn sie ist im wesentlichen eine Art Wiederholung, Wiedererweckung des alten Griechentums. Dieses alte Griechentum lebt wieder auf in der französischen Volksseele, geradeso wie das Ägypter-Chaldäertum der dritten nachatlantischen Kulturperiode in der italienischen Volksseele auflebt. Daher hat die italienische Volksseele mehr die Möglichkeit, in den einzelnen menschlichen Individuen, die dem Volke angehören, die Empfindungsseele anzuregen. Die eigentliche Natur der französischen Volksseele regt die Verstandes- oder die Gemütsseele der einzelnen Individualität an. Das läßt sich ganz im einzelnen nachweisen. Ja sogar die einzelnen historischen Tatsachen sind in wunderbarer Weise erklärlich, wenn man diese allgemeinen Ergebnisse der Geistesforschung zu Rate zieht.
[ 11 ] I have often pointed out that we experience our ordinary physical waking consciousness by immersing ourselves in our physical body. After death, we experience consciousness by looking back in time at our previous life. There we already sense the characteristic nature of a higher consciousness that unfolds not in space but in time, and then it will no longer be difficult for us to understand, at least to some extent, what kind of consciousness the French national soul possesses. It kindles its own being by looking back to ancient Greece, for it is essentially a kind of repetition, a revival, of ancient Greek culture. This ancient Greek culture is revived in the French national soul, just as the Egyptian-Chaldean culture of the third post-Atlantean cultural period is revived in the Italian national soul. Therefore, the Italian national soul has a greater capacity to stimulate the feeling soul in the individual human beings who belong to the nation. The true nature of the French national soul stimulates the intellectual or emotional soul within the individual. This can be demonstrated in great detail. Indeed, even individual historical facts can be explained in a marvelous way when one consults these general findings of spiritual research.
[ 12 ] Es sei nur auf einiges in dieser Richtung hingewiesen. Bedenken Sie: Was war das Eigenartige der ägyptischen Volksseele? Damals gab es noch eine unmittelbar auf die Seele wirkende Astrologie. Die Volksseele schaute hinaus auf die Bewegungen der Himmelskörper, sah nicht, wie die heutigen Menschen, in dem, was im Kosmos geschah, nur materielle Vorgänge, sondern nahm wirklich hinter dem, was draußen vorgeht, die wirkenden geistigen Wesenheiten wahr. Sie verhielt sich so zum ganzen Kosmos, wie sich der Mensch zum anderen Menschen verhält, indem er beim anderen Menschen weiß, daß ihn durch 'die ganze Physiognomie eine Seele anblickt. So war alles Physiognomie beim alten Ägypter, und er nahm das Seelische in der Natur wahr. Der Sinn der Fortentwickelung zur neuen Zeit liegt darin, daß das, was früher gleichsam elementare Fähigkeit war, unmittelbar sich entzündete im Leiblichen des Menschen, daß das seine Innerlichkeit wurde in der neueren Zeit, in unserem fünften nachatlantischen Zeitalter. Und so wie es mehr elementar war, was der Ägypter durchmachte, so macht der Italiener das, was er wiederholt, was er in seiner Empfindungsseele durchmacht, mehr im Innerlichen durch, dadurch, daß er in der Empfindungsseele dieses Geistig-Kosmische erlebt, aber jetzt mehr verinnerlicht. Was könnte mehr verinnerlicht sein als die ägyptische Astrologie in Dantes «Göttlicher Komödie»: die richtige Wiederauferstehung der altägyptischen Astrologie, aber verinnerlicht!
[ 12 ] Let us simply point out a few things in this regard. Consider this: What was the distinctive feature of the Egyptian national soul? At that time, there was still a form of astrology that acted directly upon the soul. The national soul looked out upon the movements of the heavenly bodies; it did not, like people today, see only material processes in what was happening in the cosmos, but truly perceived the spiritual beings at work behind what was taking place outside. It related to the entire cosmos in the same way that a person relates to another person, knowing that a soul is gazing back at them through the other person’s entire physiognomy. Thus, everything was physiognomy for the ancient Egyptians, and they perceived the spiritual in nature. The meaning of this further development into the new era lies in the fact that what was formerly, so to speak, an elemental capacity—one that was immediately kindled within the human body—has become part of the human inner life in the more recent era, in our fifth post-Atlantean epoch. And just as what the Egyptians experienced was more elemental, so the Italians experience what they repeat—what they go through in their feeling soul—more inwardly, by experiencing this spiritual-cosmic aspect in their feeling soul, but now in a more internalized form. What could be more internalized than Egyptian astrology in Dante’s *Divine Comedy*: the true resurrection of ancient Egyptian astrology, but internalized!
[ 13 ] Und ebenso könnten wir nachweisen, nicht im Bewußtsein des einzelnen Franzosen, aber im Wirken der Volksseelenimpulse, das Aufleuchten des alten Griechentums. Bis zu der neuesten Erfindung und bis in die Einzelheiten hinein läßt sich das verfolgen; nur bringt man solchen Forschungen nicht den nötigen Ernst entgegen. Griechenland und, wie es die anderen Völker nannte, «die Barbaren», selbst das lebt wieder auf. So könnte man nachweisen, daß in der ganzen französischen Literatur und Kunst — ich meine nicht bewußt, aber in den tieferen Impulsen — das alte Griechentum so auflebt, wie es aufleben muß in unserer Zeit. Wir haben also eine Volksseele vor uns, die alles verarbeitet hat, was im Griechentum war, eine Volksseele, die deshalb außerordentlich stark wirkt auf die einzelnen menschlichen Individuen, die die Individuen durchsetzt und ergreift. Die Folge davon ist, daß, wenn die französische Einzelseele in den physischen und Ätherleib untertaucht, sie in das Weben und Wesen scharf ausgeprägter Tätigkeit der Volksseele untertaucht. Sie findet die Impulse dieser Volksseele scharf ausgeprägt. Daher kommt es, daß der Franzose, indem er in seinem physischen Leibe dieses scharfe, prägnante Leben und Weben der Volksseele aufnimmt, mehr in diesem lebt als in seinem elementaren Selbstgefühl, daß er mehr in dem Bilde lebt, in der Vorstellung, die er sich von dem Franzosen macht, die da heraufflutet von der Volksseele. Von dem Bilde des Franzosen lebt er. Und mit diesem Bilde hängt alles zusammen, was für ihn von großer Bedeutung ist: «Gloire» und so weiter. Der Franzose lebt im eigenen Bilde, das aus dem Ätherleib heraufkommt. Das ist stark geprägt, dieses Phantasiebild, das verwebt sich zusammen mit der geistig-seelischen Wesenheit des einzelnen, und das nimmt er als ein stark im Ätherleib bewegtes Bild auch mit, indem er nach dem Tode in die geistige Welt geht. Das bekommt er sehr schlecht los. Er bekommt sehr schwer sein Ätherbild los. Die Vorstellung, die er von sich selbst gemacht hat, die hängt ihm an, sie ist fest mit ihm verbunden.
[ 13 ] And in the same way, we could demonstrate—not in the consciousness of the individual Frenchman, but in the workings of the national soul’s impulses—the resurgence of ancient Greek culture. This can be traced right up to the most recent inventions and down to the finest details; it is just that such research is not treated with the necessary seriousness. Greece and, as the other peoples called them, “the barbarians”—even that is reviving. Thus one could demonstrate that throughout French literature and art—I do not mean consciously, but in the deeper impulses—ancient Greek culture is reviving just as it must in our time. We are thus faced with a national soul that has assimilated everything that was part of Greek civilization, a national soul that therefore exerts an extraordinarily powerful influence on individual human beings, permeating and seizing them. The consequence of this is that when the individual French soul immerses itself in the physical and etheric bodies, it immerses itself in the interweaving and essence of the national soul’s sharply defined activity. It finds the impulses of this national soul sharply defined. This is why the Frenchman, by absorbing this sharp, vivid life and activity of the national soul into his physical body, lives more within it than within his elemental sense of self; why he lives more within the image, within the conception he forms of the Frenchman, which surges up from the national soul. He lives through this image of the Frenchman. And everything that is of great significance to him is connected to this image: “Gloire” and so on. The Frenchman lives within his own image, which rises up from the etheric body. This imaginative image is strongly imprinted; it weaves itself together with the individual’s spiritual-soul being, and he takes it with him—as an image strongly animated within the etheric body—when he enters the spiritual world after death. He finds it very difficult to let go of it. He finds it very hard to part with his etheric image. The image he has created of himself clings to him; it is firmly bound to him.
[ 14 ] Ganz anders ist das Verhalten der Volksseele des russischen Volkes zu der einzelnen Individualität. Diese russische Volksseele hat nicht in demselben Sinn irgendeine der nachatlantischen Kulturen zu wiederholen wie das französische Volk; sie ist eine jugendliche Volksseele, sie prägt wenig in den Ätherleib ein. Daher trifft das einzelne Individuum, das dieser russischen Volksseele angehört, wenn es in seinen physischen Leib untertaucht, wenig Prägnantes, nimmt daher auch, wenn es in die geistige Welt geht, wenig Prägnantes mit, wenig gleichsam ätherisch gewobene Phantasiebilder mit.
[ 14 ] The attitude of the national soul of the Russian people toward the individual is quite different. This Russian national soul does not seek to replicate any of the post-Atlantean cultures in the same sense as the French people; it is a youthful national soul that leaves little imprint on the etheric body. Consequently, the individual who belongs to this Russian national soul encounters little that is distinctive when he enters his physical body; therefore, when he enters the spiritual world, he takes with him little that is distinctive—few, as it were, etherically woven images of the imagination.
[ 15 ] So unterscheiden sich die Seelen in bezug auf das Verhältnis zu ihren Volksseelen nach dem Tode. Auf der einen Seite haben wir das Heer solcher einzelner Seelen, die durch den Tod gegangen sind, die in die geistige Welt scharf gewobene Bilder ihrer eigenen Wesenheit hinauftragen, und auf der anderen Seite, im Osten, sehen wir junge Seelen hinaufziehen, einer jungen Volksseele angehörig, wenig hinaufbringend von scharf gewobenen, im Ätherleib flutenden Menschenbildern.
[ 15 ] Thus, souls differ in terms of their relationship to their national souls after death. On the one hand, we have the host of such individual souls who have passed through death, carrying upward into the spiritual world sharply woven images of their own being; and on the other hand, in the East, we see young souls ascending, belonging to a young national soul, carrying upward few of these sharply woven human images that flow within the etheric body.
[ 16 ] Nun stehen wir ja, wie ich oftmals auseinandergesetzt habe, vor dem großen Ereignis der kommenden Zeit: dem Auftreten des Christus in einer ganz besonderen Weise. Ich brauche das heute nicht auseinanderzusetzen. Ihm aber geht voran, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als Kämpfer für die entsprechende Vorbereitung der Menschen zu dem Christus-Ereignis, derjenige Geist, den wir als den Geist Michael bezeichnen, als den Vorkämpfer des Sonnengeistes. Nun liegt alles daran, daß in der geistigen Welt dieses Ereignis, das geistig eben über die Menschheit hereinbrechen soll, in entsprechender Weise vorbereitet werde. Das kann aber nur geschehen, indem in der geistigen Welt gearbeitet wird gleichsam an der reinen Herausbildung des künftig ätherisch erscheinenden Christus, der ja dem Menschen als ätherische Gestalt erscheinen soll. Dazu aber ist notwendig, daß derjenige, der da vor dem Sonnengeist einherzieht, daß Michael einen Kampf ausficht in der geistigen Welt. Zu diesem Kampf braucht er die Hilfe der Seelen, die durch ihre Leiber eben hinaufgezogen sind in die geistige Welt, derjenigen Seelen, die in die geistige Welt wenig heraufbringen von scharf ausgeprägten Phantasiebildern. Und so sehen wir den Geist Michael und in seinem Gefolge eine Anzahl russischer Seelen für die Reinheit des geistigen Horizontes kämpfend und in harten Kampfe mit den Seelen, die aus dem Westen gekommen sind, die scharf ausgeprägte Phantasiebilder hinaufbringen. Die müssen zerstreut, aufgelöst werden. Wir sehen diesen Kampf zwischen Osten und Westen vorbereitet schon seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, einen scharfen Kampf, der dem Fortschritt der Menschheit dienen soll, und der darin besteht, daß geistig der europäische Osten kämpft gegen den europäischen Westen, daß das geistige Rußland einen scharfen geistigen Kampf führt gegen das geistige Frankreich. Das, meine lieben Freunde, gehört zu dem Erschütterndsten der Ereignisse der Gegenwart, zu sehen, wie in demselben Maße, in dem sich hier unten im Felde der großen Täuschung das physische Bündnis zwischen Westen und Osten vollzieht, droben in der geistigen Welt der scharfe Kampf des europäischen Ostens, Rußlands, gegen den europäischen Westen, Frankreich, sich richtet. Wir haben hier einen derjenigen Fälle, die so erschütternd auf den Geistesforscher wirken, wo man sehen kann, wie das, was hinter dem Schleier der äußeren Sinneswelt ist, oft das Entgegengesetzte ist von dem, was hier unten im Lande der Täuschung geschieht. Aber ich möchte immer und immer ermahnen, nicht zu glauben, daß man durch Spekulation solche Dinge ausmachen kann. Derjenige, der etwa aus dem, was ich für einzelne Fälle gesagt habe — daß sich das Geistige als Gegenteil dessen darstellt, was im Gebiete der großen Maja auftritt —, schließen wollte, daß er immer zum Gegenteil gehen müsse, wenn er vom Physischen ins Geistige kommen will, der würde sich sehr stark irren. Denn es gibt Fälle, wo in der geistigen Welt sich die Dinge genau so abspielen wie in der physischen. Zwischen diesem Falle und dem anderen, wo sie sich so stark entgegengesetzt abspielen, wie in bezug auf das Bündnis von Frankreich und Rußland im Physischen und Geistigen, sind alle möglichen Abstufungen.
[ 16 ] Now, as I have often discussed, we are facing the great event of the coming age: the appearance of Christ in a very special way. I need not go into detail about this today. However, since the last third of the 19th century, the Spirit we call Michael—the forerunner of the Solar Spirit—has been working as a champion to prepare humanity for the Christ event. Now everything depends on this event—which is to break upon humanity spiritually—being prepared in the spiritual world in an appropriate manner. But this can only happen through work in the spiritual world, as it were, on the pure formation of the Christ who will appear in the etheric realm in the future, for He is to appear to human beings as an etheric figure. For this, however, it is necessary that the one who goes before the Sun Spirit—that Michael—wage a battle in the spiritual world. For this battle, he needs the help of the souls who have just been drawn up into the spiritual world through their bodies—those souls who bring few sharply defined images of the imagination with them into the spiritual world. And so we see the Spirit Michael, with a number of Russian souls in his retinue, fighting for the purity of the spiritual horizon and engaged in a fierce struggle with the souls who have come from the West, bringing with them vivid images of the imagination. These must be dispelled and dissolved. We have seen this struggle between East and West taking shape since the last third of the 19th century—a fierce struggle intended to serve the progress of humanity, and which consists in the spiritual East of Europe fighting against the spiritual West of Europe, in spiritual Russia waging a fierce spiritual battle against spiritual France. That, my dear friends, is one of the most shattering events of the present day: to see how, to the very same extent that the physical alliance between the West and the East is taking shape down here in the realm of great illusion, up there in the spiritual world the fierce struggle of the European East—Russia—against the European West—France—is unfolding. Here we have one of those cases that have such a profound effect on the spiritual researcher—where one can see how what lies behind the veil of the outer sensory world is often the opposite of what happens down here in the realm of illusion. But I would like to urge you again and again not to believe that such things can be discerned through mere speculation. Anyone who, based on what I have said about individual cases—that the spiritual presents itself as the opposite of what occurs in the realm of the great Maya—were to conclude that one must always turn to the opposite when moving from the physical to the spiritual would be greatly mistaken. For there are cases where things unfold in the spiritual world exactly as they do in the physical. Between this case and the other, where they unfold in such stark opposition—as in the case of the alliance between France and Russia in the physical and spiritual realms—there are all manner of gradations.
[ 17 ] Man hat heute noch wenig Empfindung dafür, aus welchen Impulsen heraus die wirkliche Geisteswissenschaft sich mitteilen muß. Unsere Zeit ist, ich möchte sagen, in gewisser Beziehung leichtsinnig geworden, namentlich in bezug auf das, was den einzelnen Menschen mitteilungswert erscheint; denn gar wenig wird gefragt um die Verantwortung, die hinter dem Mitzuteilenden steckt für den, der den Zusammenhang der geistigen Welt mit der physischen ins Auge zu fassen hat. Vielleicht darf ich Ihnen — nicht aus persönlichen Gründen, sondern nur, um zu illustrieren — etwas in Anknüpfung an meinen vorgestrigen Vortrag sagen. Sehen Sie, in diesem öffentlichen Vortrag, wo ich natürlich nur äußerlich, exoterisch sprechen kann, spreche ich aber doch nicht so exoterisch, wie man gewöhnlich glaubt, und ich wäre wohl froh, wenn man gerade bei solchen Vorträgen ein wenig erwägen würde die Kulturaufgabe, die die Geisteswissenschaft hat. Namentlich in dem Herausheben und in der Art des Sagens dessen, was gesagt werden muß, drückt sich das aus, was als Geisteswissenschaft dahintersteht. Es sind nicht willkürliche Einfälle, ist nicht etwas Zusammengeklaubtes. Nehmen Sie das eine Beispiel: Ich habe gesagt, daß man, wenn man die Verhältnisse der einzelnen europäischen Nationen in diesem Krieg beurteilen will, geschichtlich vorgehen solle, daß man zum Beispiel bedenken solle, daß Österreich jene Mission auf dem Balkan empfangen hat auf Antrag der englischen Politik, und daß im Grunde genommen alles das, was sich zugetragen hat für Österreich, eine Konsequenz ist dessen, was ihm auf Impuls von England hin mit aufgetragen worden ist. Und ich sagte, man müsse das berücksichtigen, man müsse berücksichtigen, daß dadurch Österreich, und damit Deutschland, in besonderen Antagonismus zu Rußland gekommen ist, und daß England sein eigenes Werk verlassen hat und nun gegen Deutschland kämpft, während die Zentralmächte und Rußland in Antagonismus gekommen sind dadurch, daß Österreich auf Englands Impuls mit der Balkanmission betraut worden ist und auch, indem es den Türken zu Hilfe kam, zurückhalten sollte den Einfluß des russischen Ostens. Selbstverständlich kann man in einem exoterischen Vortrag, der für das große Publikum gemeint ist, das nur andeuten, was wirken kann auf die Empfindungen, die gerade heute angeregt werden sollten. Aber, was ist denn hinter dieser Sache? Äußerlich, exoterisch sehen wir die englische Politik an der Seite der russischen, die gerade durch eine Tat Englands zu ihren Konsequenzen gekommen ist. Das sehen wir äußerlich. Der Geistesforscher, der sich die Dinge in der geistigen Welt anschaut, der kann heute eine ganz eigentümliche Entdeckung machen, eine höchst merkwürdige Entdeckung. Nehmen wir einmal an, der Geistesforscher würde, indem er sich einen bestimmten perspektivischen Punkt nimmt, von unten nach oben sehen. Er würde sich den perspektivischen Punkt unterhalb des physischen Planes nehmen und zum Astralplan aufschauen. Er könnte sich ihn auch oberhalb des Astralplanes nehmen. Dann würde er das sehen, was auf dem physischen Plan sich abspielt, und gleichsam auch das, was auf dem astralischen Plan sich abspielt. Es würde das zusammenschwimmen. Nicht wahr, wenn man von unten hinauf- oder von oben herunterschaut durch den Astralplan, so sieht man durch das Astralische hindurch auf das Physische und umgekehrt. Wenn man nun auf den physischen Plan sieht, so kämpft zwar England gegen die Türkei, seit die Türkei an Rußland den Krieg erklärt hat. Aber das ist bloß Maya, denn in Wahrheit kämpft das astrale Wesen Englands mit der Türkei gegen Rußland. So daß man das Schauspiel hat, daß im Nordwesten England für Rußland und im Südosten England für die Türkei, also gegen Rußland, kämpft. Nur ist das eine maßgebend für den physischen Plan und das andere für den astralischen Plan.
[ 17 ] Even today, people have little sense of the impulses that drive genuine spiritual science to express itself. Our age has, I would say, become somewhat frivolous in a certain respect, particularly with regard to what individual people consider worth communicating; for very little attention is paid to the responsibility that lies behind what is to be communicated for those who must grasp the connection between the spiritual world and the physical world. Perhaps I may say something to you—not for personal reasons, but merely to illustrate—in connection with my lecture from the day before yesterday. You see, in this public lecture, where I can of course speak only in an external, exoteric manner, I do not, however, speak as exoterically as is commonly believed, and I would be glad if, especially in such lectures, people would give a little thought to the cultural task that spiritual science has. This is expressed, in particular, in the emphasis placed on—and the manner of stating—what must be said; it reveals what lies behind spiritual science. These are not arbitrary ideas, nor is it something cobbled together. Take this one example: I said that if one wishes to assess the circumstances of the individual European nations in this war, one should proceed historically; that one should consider, for example, that Austria received that mission in the Balkans at the request of British policy, and that, fundamentally, everything that has happened to Austria is a consequence of what was entrusted to it at the instigation of England. And I said that one must take into account one must take into account that, as a result, Austria—and thus Germany—has come into particular conflict with Russia, and that England has abandoned its own project and is now fighting against Germany, while the Central Powers and Russia have come into conflict because Austria, at England’s instigation, was entrusted with the Balkan mission and, by coming to the aid of the Turks, was also meant to curb the influence of the Russian East. Of course, in an exoteric lecture intended for a broad audience, one can only hint at what might affect the feelings that should be stirred up today. But what, then, lies behind this matter? Outwardly, exoterically, we see British policy aligned with Russian policy, a situation that has come about precisely as a result of an action taken by England. That is what we see on the surface. The spiritual researcher who observes events in the spiritual world can make a very peculiar discovery today—a most remarkable discovery. Let us suppose that the spiritual researcher, by adopting a specific vantage point, were to look upward from below. He would choose a vantage point below the physical plane and look up toward the astral plane. He could also choose a vantage point above the astral plane. Then he would see what is taking place on the physical plane and, as it were, also what is taking place on the astral plane. The two would merge together. Isn’t it true that when one looks up from below or down from above through the astral plane, one sees through the astral into the physical and vice versa? Now, when one looks at the physical plane, England has indeed been fighting against Turkey ever since Turkey declared war on Russia. But that is merely Maya, for in truth, the astral entity of England is fighting alongside Turkey against Russia. Thus we have the spectacle of England fighting for Russia in the northwest and for Turkey—that is, against Russia—in the southeast. It is just that one is decisive for the physical plane and the other for the astral plane.
[ 18 ] Wenn man mit einer solchen Erkenntnis der Welt gegenübersteht, dann fühlt man: Man kann ja natürlich diese Erkenntnis nicht äußerlich dem Publikum mitteilen, aber sie drängt einen dazu, gerade diesen einen Punkt hervorzuheben von der Inkonsequenz Englands im Osten. Daß dieser eine Punkt herausgehoben wird, das rührt her aus dem Erkennen der geistigen Zusammenhänge. Das ist es, womit ich auf die Verantwortung hindeuten möchte, die man hat einfach bei dem Zusammenstellen der einzelnen Wahrheiten und der Art, wie man sie gibt.
[ 18 ] When one faces the world with such an insight, one feels: Of course, one cannot outwardly communicate this insight to the public, but it compels one to emphasize precisely this one point regarding England’s inconsistency in the East. The fact that this one point is highlighted stems from an understanding of the spiritual connections. This is what I wish to use to point out the responsibility one bears simply in compiling the individual truths and in the way one presents them.
[ 19 ] Da klaubt man nicht in beliebiger Weise zusammen, wie es die heutigen Buch-Macher oder Journalisten tun, wenn man seine okkulte Verantwortung fühlt, sondern da muß das, was zu sagen ist, aus dem Wesen des Zeitwirkens heraus geholt werden. Wirklich nicht um etwas Persönliches zu sagen, sondern um Sie aufmerksam zu machen, sage ich dieses, daß Geisteswissenschaft, wenn sie mit voller Verantwortlichkeit hintritt vor die Welt, eben wirklich recht ernst genommen werden sollte, und nicht verwechselt werden sollte mit alledem, was sich heute als Journalisterei und Buch-Macherei breit macht und in der Art, wie es kombiniert, sehr weit entfernt ist von einem solchen Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber den geistigen Mächten der Zeit. Ich darf schon gerade in unserer Zeit, meine lieben Freunde, ein wenig aufmerksam machen auf diesen Ernst der Geisteswissenschaft. Denn unsere Zeit zeigt uns in vieler Beziehung ein ernstes Antlitz, ein recht ernstes Antlitz, und nur diejenigen werden zurechtkommen mit dieser Zeit, die den Ernst dieses Antlitzes zu würdigen verstehen.
[ 19 ] When one feels one’s occult responsibility, one does not simply cobble things together haphazardly, as today’s book publishers or journalists do; rather, what needs to be said must be drawn from the very essence of the workings of the times. I am not saying this to express a personal opinion, but to draw your attention to the fact I say this: that spiritual science, when it presents itself to the world with full responsibility, should indeed be taken very seriously, and should not be confused with all that is spreading today in the form of journalism and book-making—which, in the way it is carried out, is very far removed from such a sense of responsibility toward the spiritual forces of the age. I would like to draw your attention, my dear friends, to the seriousness of spiritual science, especially in our own time. For our time shows us, in many respects, a serious face—a very serious face—and only those who understand how to appreciate the seriousness of this face will be able to cope with this time.
[ 20 ] Ich möchte Ihnen auch, um dieses zu erhärten, einen für den Schüler der Geisteswissenschaft interessanten Zusammenhang vor die Seele führen. Es ist ja schon oftmals gesagt worden, daß die Geisteswissenschaft in die Gegenwart wahrhaftig nicht deshalb hereintritt, weil sie der Willkür des einen oder anderen entspringt, oder weil der eine oder andere sie aus seiner Neigung heraus zu seinem Ideal gemacht hat und sie an die anderen Menschen heranbringen möchte, sondern weil jetzt die Epoche ist, wo die geistigen Wesenheiten, welche das Tor dieser der Menschheit zu offenbarenden Wahrheit sonst verschlossen hielten, es geöffnet haben, daß diese Weisheit herunterfließt in die menschliche Seele. Und entgegen gehen wir einer Zeit, wo die Menschen immer mehr und mehr aufnehmen müssen die Weisheit, die nicht nur in abstrakten Begriffen, nicht nur in grauen Ideen des Verstandes von der Seele angeeignet wird. Zeiten leben wir entgegen, wo in die menschlichen Seelen, in die menschlichen Gemüter dasjenige hinein will, was wir Imagination nennen. Man möchte sagen, wenn man die Sache durchschaut: Da hängen sie, wie dichte Wolken vor einem Unwetter herunterhängen in die Landschaft hinein, da hängen sie in der geistigen Welt und wollen hinein in die menschlichen Gemüter, und warten, bis diese menschlichen Gemüter reif sind. Ja, so ist die Zeit; so ist es einmal.
[ 20 ] To reinforce this point, I would also like to present to you a connection that is of interest to students of spiritual science. It has, after all, often been said that spiritual science is truly entering the present day not because it springs from the whim of one person or another, or because one person or another has made it their ideal out of personal inclination and wishes to bring it to other people, but because we are now in an epoch in which the spiritual beings who otherwise kept the gate to this truth—which is to be revealed to humanity—closed, have opened it so that this wisdom may flow down into the human soul. And we are moving toward a time when people will have to take in more and more of the wisdom that is not merely appropriated by the soul through abstract concepts or the gray ideas of the intellect. We are moving toward times when what we call imagination will seek to enter human souls and human minds. One might say, when one sees through the matter: There they hang, just as dense clouds hang low over the landscape before a storm; there they hang in the spiritual world, longing to enter human minds, and waiting until those human minds are ripe. Yes, such is the time; such it is.
[ 21 ] Nun gibt es ein eigentümliches Gesetz: Das Imaginative, das hinein will in die menschlichen Gemüter und als Imagination noch nicht aufgenommen werden kann in irgendeinem Zeitalter, das wirft etwas wie ein Fata-Morgana-artiges Bild ebensoweit unter den physischen Plan hinunter, wie es selbst über dem physischen Plane ist. Die Imaginationen rufen in den menschlichen Wesenheiten Leidenschaften hervor, Gefühle, Triebe, Instinkte, die sich ausleben in Antagonismus. Und wenn man heute die Instinkte nimmt, die Leidenschaftsausbrüche, mit denen sich die Völker beschimpfen, so sind sie nichts anderes als das Ergebnis dessen, daß Imaginationen, welche die europäischen Völker aufnehmen sollten, nicht herunter können, dafür sich spiegeln unter dem physischen Plan im Unterbewußten der Menschen in solchen der Wahrheit widersprechenden Instinkten und Leidenschaften. Im Grunde genommen können wir sagen, daß alles, was wir an Ausladung von Instinkten und Leidenschaften in der Gegenwart erleben, der Ausdruck dafür ist, daß erneuerte Imaginationen in die Welt der menschlichen Kulturentwickelung hereinbrechen wollen. Alles das, was der Krieg an oftmals so traurigen Erscheinungen an die Oberfläche wirft, ist die umgewandelte Imagination, die die Menschheit nicht ergreifen kann.
[ 21 ] Now there is a peculiar law: that which belongs to the imaginative realm—which seeks to enter human minds but cannot yet be absorbed as imagination in any given age—casts down onto the physical plane an image akin to a mirage, extending as far below the physical plane as it itself extends above it. These imaginations evoke in human beings passions, feelings, drives, and instincts that play out in antagonism. And if we consider today the instincts and outbursts of passion with which peoples hurl insults at one another, they are nothing other than the result of the fact that imaginations—which the European peoples were meant to assimilate—cannot descend; instead, they are reflected below the physical plane in the subconscious of human beings as instincts and passions that contradict the truth. Essentially, we can say that everything we experience today in the form of the outpouring of instincts and passions is an expression of the fact that renewed imaginations are striving to break into the world of human cultural development. All the often-sad phenomena that war brings to the surface are the transformed imagination that humanity cannot grasp.
[ 22 ] Wiederum — und solches erscheint mir niemals ganz unwichtig zu sein — mache ich darauf aufmerksam, daß man nun nicht sagen soll: Also ist jeder Krieg umgewandelte Imagination. — Kriege können auch ganz etwas anderes sein. Der heutige ist das, was ich gesagt habe. Das Generalisieren, das für die Erkenntnis des physischen Planes eine Bedeutung hat, hat nicht eine Bedeutung für die geistige Welt. Hier müssen die Dinge einzeln, individuell erforscht werden.
[ 22 ] Once again—and this never seems entirely unimportant to me—I would like to point out that one should not say: “So every war is transformed imagination.” — Wars can also be something entirely different. The one we are experiencing today is what I have described. Generalization, which is significant for understanding the physical plane, has no significance for the spiritual world. Here, things must be explored individually, one by one.
[ 23 ] Wir sehen heute — und ich möchte jetzt von einer gewissen Seite her eine Erscheinung vor Ihre Augen treten lassen, um sie auch noch zu erklären —, wir sehen heute, wie die Angehörigen der verschiedenen Völker in Haß einander verfolgen, wie sie sich beschimpfen. Woher kommt das? Nun, indem wir in allem tiefen Ernst schon aufgenommen haben das Wesen der wiederholten Erdenleben, erscheint uns nicht besonders unbegreiflich, daß die Seele in ihren wiederholten Leben durch die verschiedenen Nationalitäten durchgeht. Derjenige, der heute seine Inkarnation in einem deutschen Leibe durchmacht, der bereitet sich vielleicht schon in seinem Innersten vor, die nächste Inkarnation in einem englischen Leibe durchzumachen; derjenige, der sie heute in einem englischen durchmacht, bereitet sich vielleicht schon vor, sie in der nächsten in einem deutschen Leibe durchzumachen. Der Mensch ist schon dieses duale Wesen, diese Zweiheit. Da stehen wir äußerlich da vor der Welt — nicht nur in bezug auf das äußere physisch-sinnliche Anschauen, sondern in bezug auf manches andere —, ganz berechtigterweise durch unseren physischen Körper verknüpft mit dem Wesen und Weben der Volksseele; aber im Inneren macht sich schon geltend, was für die nächste Inkarnation ein ganz anderes sein wird. Nun ist der Mensch unter den mancherlei Dingen, denen er feind ist, oftmals am allermeisten seinem eigenen innersten Wesen feind. Das bekämpft er am meisten. Er weiß nicht, daß es sein innerstes Wesen ist. Nehmen wir einen Engländer, der prädestiniert ist durch das Innerste seiner Seele, in seiner nächsten Inkarnation ein Deutscher zu sein. Da sehen wir ihn heute, wie er gegen sein eigenes Innere kämpft. Er kämpft gegen die nächste deutsche Inkarnation. Dies kommt heute dadurch zum Ausdruck, daß er in schändlicher Weise über das Deutsche schimpft. Weil er das Ziel im deutschen Leibe erblickt, wütet er gegen das, was in der spirituellen Welt sein innerstes Wesen ist. Es ist im Grunde genommen eine Auseinandersetzung der Seele mit sich selbst, und nur äußerlich, in der Maja, ist es so, daß drüben, jenseits des Kanals, über die Menschen hier in Mitteleuropa geschimpft wird. Im Grunde genommen bezieht sich das, was geschimpft wird, auf die eigene Seele. Darin zeigt sich die tiefe Tragik, die den Menschen überkommen muß in seinem ganzen Empfinden und in seinen innersten Impulsen, wenn er da, wo die Sache bitter ernst wird, die äußere Maja vergleicht mit dem, was in dem Inneren ist.
[ 23 ] We see today—and I would now like to present a certain aspect of this phenomenon to you, in order to explain it further—we see today how members of different nations persecute one another with hatred, how they hurl insults at one another. Where does this come from? Well, since we have already accepted in all seriousness the nature of repeated earthly lives, it does not seem particularly incomprehensible to us that the soul passes through various nationalities in its repeated lives. The person who is currently incarnated in a German body may already be preparing, deep within, to undergo their next incarnation in an English body; the person who is currently incarnated in an English body may already be preparing to undergo their next incarnation in a German body. Human beings are already this dual being, this duality. Outwardly, we stand before the world—not only in terms of external, physical-sensory appearance, but in terms of many other things as well—rightfully connected through our physical body to the essence and fabric of the national soul; but inwardly, what will be entirely different in the next incarnation is already making itself felt. Now, among the many things to which a person is hostile, he is often most hostile of all to his own innermost being. That is what he fights against the most. He does not know that it is his innermost being. Let us take an Englishman who is predestined, through the innermost depths of his soul, to be a German in his next incarnation. There we see him today, fighting against his own inner self. He is fighting against his next German incarnation. This is expressed today in the fact that he shamefully rails against all things German. Because he perceives the goal in the German form, he rages against what is his innermost being in the spiritual world. It is, in essence, a conflict of the soul with itself, and only outwardly, in Maya, does it appear that, over there, across the Channel, people here in Central Europe are being reviled. Essentially, what is being reviled refers to one’s own soul. This reveals the profound tragedy that must overwhelm a person in all his feelings and innermost impulses when, at the moment when matters become bitterly serious, he compares the outer Maya with what lies within.
[ 24 ] Und so können wir die Volksseelen sehen als wirkliche lebendige Wesenheiten, welche die einzelnen abgeschlossenen Individuen durchdringen, durchsetzen. Und was der einzelne erlebt, erlebt er im Zusammenhang mit seiner Volksseele. Auf dem physischen Plan, im äußeren Leben, stehen sich die Menschen heute gegenüber. Die eine Nation wirft der anderen die Schuld am Kriege vor und glaubt, etwas Besonderes damit zu sagen. Wie ist es eigentlich mit diesem Vorwerfen der Schuld? Das Karma jedes Volkes und das Karma des betreffenden Volkes hängen selbstverständlich mit demjenigen zusammen, was die Volksseele im Volke durchlebt und an Impulsen in die einzelnen Ätherleiber und dadurch auch Astralleiber hineinlenkt. So leben die einzelnen Nationen nebeneinander und miteinander in Verhältnissen als Ausdruck der Beziehungen ihrer Volksseele mit dem Volksseelenkarma. Und wenn die eine durch die andere dieses oder jenes erfährt, wenn der einen durch die andere dieses oder jenes geschieht, so geschieht es nicht, ohne daß es mit dem innersten Karma zusammenhängt. Insofern als die Volksseele eine abgeschlossene Wesenheit ist, gibt es auch ein Nationalkarma. Und während man im äußeren Exoterischen glaubt, die eine Nation tut der anderen dieses oder jenes zuleid, vollzieht sich das so, daß jede Nation in dem, was sie erlebt, ihr individuelles Nationalkarma erlebt. Wenn eine der anderen eine Niederlage beibringt, so vollzieht sich in dieser Niederlage der unterlegenen Nation etwas, was sie sich selbst zugefügt hat durch ihr eigenes Karma. Und wenn man in der ganz groben Weise, wie es äußerlich vollberechtigt ist, von dem Recht des einen und anderen spricht, so ist das wirklich nicht anders, als wenn einer ein alter Mann ist und neben sich ein kleines Kind sieht, das frisch ist und zur Jugendkraft heranwächst, und er nun sagt: Warum werde ich älter, warum zeigt sich mir immer mehr und mehr ein Verfall? Ich sehe: das Kind, das nimmt mir meine Kräfte; indem es älter wird, nimmt das Kind mir meine Kräfte. — Während er seine Kräfte in ganz natürlicher Weise verliert, kann er sich der Täuschung hingeben — er wird es nicht tun, aber ich habe schon solche Dinge gehört —, daß ihm das Kind seine Kräfte nimmt. Da sieht man gleich, daß es unsinnig ist, weil der Kausalzusammenhang in jedem einzelnen Wesen liegt. So ist es aber auch bei dem Karma der Völker. Die Völker gehen nebeneinander her, und wenn eines über das andere siegt, so ist der Sieg für sein Karma; wenn auch mit demselben Sieg das andere Volk unterliegen muß, so ist doch für dieses andere Volk die Niederlage durch sein anderes Karma hervorgerufen. So ist Geisteswissenschaft in den Seelen wirklich friedenstiftend, wenn sie auf der anderen Seite auch einsieht, daß die gegeneinander wirkenden Kräfte eben gegeneinander wirken müssen.
[ 24 ] And so we can view national souls as real, living entities that permeate and permeate the individual, self-contained human beings. And whatever the individual experiences, he experiences in connection with his national soul. On the physical plane, in outer life, people stand opposed to one another today. One nation accuses another of being to blame for the war and believes it is saying something significant by doing so. What is the reality of this accusation of blame? The karma of every people and the karma of the people in question are, of course, connected to what the national soul experiences within the people and to the impulses it directs into the individual etheric bodies and, through them, into the astral bodies as well. Thus, the individual nations live side by side and with one another in relationships that are an expression of the connections between their national souls and their national karma. And when one nation experiences this or that through another, when this or that happens to one nation through another, it does not happen without being connected to its innermost karma. Insofar as the national soul is a self-contained entity, there is also such a thing as national karma. And while in the outer, exoteric realm one believes that one nation inflicts this or that upon another, what actually takes place is that each nation, in what it experiences, experiences its own individual national karma. When one nation inflicts a defeat upon another, what unfolds in that defeat of the defeated nation is something it has brought upon itself through its own karma. And when one speaks, in the very crude way that is entirely justified from an external perspective, of the rights of one or the other, it is really no different than when an old man sees a small child beside him who is full of life and growing into the vigor of youth, and he says: Why am I growing older? Why do I see more and more signs of decline? I see: the child is taking my strength away; as it grows older, the child is taking my strength away.” — While he is losing his strength in a completely natural way, he might succumb to the delusion—he won’t actually do it, but I have heard of such things—that the child is taking his strength away. One can see right away that this is nonsense, because the causal connection lies within each individual being. But the same is true of the karma of nations. Nations exist side by side, and when one prevails over another, the victory is due to its own karma; even if, as a result of that same victory, the other nation must be defeated, the defeat of that other nation is nevertheless brought about by its own different karma. Thus, spiritual science truly promotes peace in the souls, even as it recognizes that forces acting against one another must, by their very nature, act against one another.
[ 25 ] Gerade durch solche Dinge möchte man heute darauf hinweisen, daß Geisteswissenschaft nicht bloß ein Spiel sein will mit sensationellen Begriffen, sondern daß Geisteswissenschaft, wenn man sie in ihrem bitteren Ernst betrachtet, unsere Seele wirklich durchschüttelt und durchrüttelt und aus dem Menschen ein anderes Wesen macht, wenn er sie ernst nimmt. Das müssen wir nur gehörig ins Auge fassen, wirklich ins Auge fassen, wie oberflächlich man manchmal sie als ein bloßes Verstandesspiel nimmt, und wie man sie eigentlich als etwas nehmen sollte, was aus dem Menschen wirklich ein ganz anderes Wesen machen kann. Und vieles wird sich ergeben, wenn man sich auf solche Dinge einläßt, vieles vom Verständnis der Zusammenhänge wird sich so ergeben.
[ 25 ] It is precisely through such things that we wish to point out today that spiritual science is not merely a game with sensational concepts, but that, when viewed in all its bitter seriousness, spiritual science truly shakes and stirs our soul and transforms a human being into a different kind of being, if one takes it seriously. We simply have to take this properly to heart—truly take it to heart—how superficially it is sometimes treated as a mere intellectual game, and how it should actually be regarded as something that can truly transform a human being into a completely different being. And much will become clear when one engages with such things; much of our understanding of the interconnections will emerge in this way.
[ 26 ] Wenn zwei Menschen verschiedene Ansichten haben über irgendeine Sache, die sich vor ihnen abspielt, so wird in der Regel der eine unrecht haben. Man wird es leicht nachweisen können, daß der eine unrecht hat. Aber das individuelle Leben des Menschen ist anders als das Leben der Nationen. Man darf nicht das Leben der Nationen mit dem der einzelnen Individuen identifizieren, darf auch nicht glauben, daß die Taten der Nationen denselben Urteilsimpulsen unterliegen können wie das Leben der einzelnen Menschen. Sonst urteilt man so, wie man niemals urteilen würde, wenn man einen blauen Dunst hätte von den Beziehungen der Nationen, wie es zum Beispiel der Fall ist, wenn man sagt, man müsse Deutschland den Krieg erklären, weil es Belgiens Neutralität verletzt hat — wie es gesagt worden ist —, man müsse den Krieg aus moralischen Gründen erklären. In der Politik ist es einfach unsinnig, dieselben Kategorien anzuwenden, die man bei der Beurteilung des einzelnen Menschen mit Recht anwendet. Denn ganz selbstverständlich ist es, daß das Interesse Deutschlands erfordert, nach Belgien vorzurücken, und bei England, daß das nicht geschieht. Im Augenblicke, wo man aufrichtig gesteht, daß das Interesse da und da ist, hat man etwas vor sich, das darauf hinweist, daß es kontrastierende Interessen gibt. Wenn zwei Menschen etwas Entgegengesetztes behaupten, so wird nachzuweisen sein, daß der eine unrecht hat. Wenn zwei Nationen etwas Entgegengesetztes tun müssen, dann mässen sie es eben tun. Und zu glauben, daß man mit dem Urteil der einen Seite das der anderen Seite wegfegen kann, das ist ebenso gescheit, wie wenn jemand sagen wollte: Du hast mir einen Baum gemalt, der hat da einen Ast, dort einen, dort einen; das ist ganz falsch, der Baum sieht ja so aus. — Und nun zeichnet er so, daß hier der Ast sitzt und an einer anderen Stelle der andere und so weiter. Der eine hat ihn eben von der einen Seite gezeichnet und der andere von der anderen Seite. Das kann man natürlich zusammenbringen. Aber das, was sich in der Weltgeschichte abspielt, kann nicht durch bloßes Zusammenschauen ausgeglichen werden. Wenn die Volksseelen mit ihren andersgearteten Bewußtseinen Dinge tun müssen durch die Menschen, so ist es unmöglich, daß man irgendwie entscheidet durch Urteile wie: Der eine hat recht, der andere unrecht —, sondern da gibt es kontrastierende Interessen, die notwendigerweise sich entladen müssen in Erscheinungen, wie das heutige eines ist. Da widerlegt man nicht das, was auf der einen und anderen Seite gesagt wird. Ebensowenig wie man glauben darf, daß das Karma des einen nicht selbständig steht neben dem des anderen, so wenig darf man glauben, daß man mit dem Urteil von der einen Seite das Urteil von der anderen widerlegen kann. Denn das eine Volk kann Interessen haben, gegen welche nicht aufzutreten Pflichtverletzung wäre von dem Staatsmann des anderen Volkes, während selbstverständlich für diese Interessen einzutreten Pflicht des Staatsmannes des ersten Volkes ist.
[ 26 ] When two people have different views on any matter unfolding before them, one of them is usually wrong. It is easy to prove that one of them is wrong. But the individual life of a person is different from the life of nations. One must not equate the life of nations with that of individual people, nor should one believe that the actions of nations are subject to the same impulses of judgment as the lives of individual people. Otherwise, one judges in a way one would never judge if one had the faintest idea of the relationships between nations—as is the case, for example, when one says that war must be declared on Germany because it has violated Belgium’s neutrality—as has been said—or that war must be declared for moral reasons. In politics, it is simply nonsensical to apply the same categories that are rightly applied when judging an individual. For it goes without saying that Germany’s interest requires advancing into Belgium, and that of England requires that this not happen. The moment one sincerely acknowledges that interests exist on both sides, one is faced with a situation that indicates there are conflicting interests. When two people assert opposing views, it must be demonstrated that one of them is wrong. If two nations must do something contradictory, then they simply must do it. And to believe that one can sweep away the judgment of one side with that of the other is just as sensible as if someone were to say: “You drew me a tree; it has a branch here, one there, and one over there; that’s completely wrong—the tree looks like this.” — And now he draws it so that the branch is here and the other one is there, and so on. One simply drew it from one side and the other from the other side. Of course, these can be reconciled. But what is unfolding in world history cannot be balanced out merely by looking at the two together. When the souls of nations, with their differing consciousnesses, must act through human beings, it is impossible to make any kind of decision based on judgments such as: “One is right, the other is wrong”—rather, there are contrasting interests that must necessarily manifest themselves in phenomena such as the one we see today. One does not refute what is said on one side or the other. Just as one must not believe that the karma of one people stands independently alongside that of another, so too must one not believe that a judgment from one side can refute the judgment from the other. For one people may have interests that a statesman of the other people would be derelict in his duty not to oppose, while it is, of course, the duty of the statesman of the first people to advocate for those interests.
[ 27 ] Urteile der Menschen, Urteile in dem Bewußtsein, das wir haben auf dem physischen Plan innerhalb unseres physischen Leibes, kommen nur auf dem Felde des Verstandes in Betracht und gleichen sich dialektisch aus, indem das eine das andere aus dem Felde schlägt. Anders urteilen die Bewußtseine der Volksseelen. Die haben ebenso voneinander abweichende Urteile, aber diese Urteile sind nicht bloß Verstandesurteile, sondern es sind Tatsachen. Wenn ein Urteil das andere aus dem Felde schlägt in der Sphäre der Menschen, dann tut das allerdings nicht weh, dann tötet man zwar, aber man sieht das nicht für einen Tod an. Aber anders ist es, wenn das, was im Bewußtsein der Völkerseelen waltet und was eben nicht bloß abstraktes Urteilen ist, das dialektisch wirkt, sondern was als Tatsachen wirkt, wenn das aufeinanderprallt. Da muß man die Notwendigkeit einsehen, die eiserne, daß es so gekommen ist. Und da muß man die Möglichkeit haben, in seinem Gemüt gewissermaßen eine Form des Urteils, eine Geistesform anzunehmen, die nicht übereinstimmt mit der Geistesform, die man atiwendet im alltäglichen Verkehr.
[ 27 ] Human judgments—judgments made within the consciousness we possess on the physical plane within our physical bodies—are relevant only in the realm of the intellect and balance each other out dialectically, with one driving the other out of the field. The consciousnesses of the national souls judge differently. They, too, have divergent judgments, but these judgments are not merely intellectual judgments; rather, they are facts. When one judgment drives the other out of the field in the human sphere, it does not actually cause pain; although one may kill, one does not regard it as death. But it is different when that which reigns in the consciousness of the national souls—and which is not merely abstract judgment but acts dialectically, functioning as facts—clashes with one another. Then one must recognize the necessity—the iron necessity—that things have come to pass this way. And then one must be able to adopt, in one’s mind, a certain form of judgment, a form of thought, that does not correspond to the form of thought one employs in everyday interaction.
[ 28 ] Man muß ja gleichsam mit den Volksseelen denken, nicht mit den einzelnen individuellen Menschenseelen. Wenn man mit den einzelnen individuellen Menschenseelen denkt, so ist es ganz selbstverständlich, daß man versucht, nicht ein solches Urteil zu fällen, das dem des anderen widerspricht, denn dann würde man nicht sozial in der Menschenwelt leben können. Wenn man mit der Volksseele zu denken, zu empfinden hat, dann kommen Zeiten, in denen man unmöglich in irgendeiner anderen Weise in ihr drinnenstehen kann, als indem man sich mit ihr identifiziert und ihren Inhalt für berechtigt hält, ohne daß man herausgeht aus dieser Volksseele, ohne daß man das, was sie zu tun hat, mit dem vergleicht, was die andere zu tun hat. Denn das ist Sache der anderen, das läßt sich nicht in einem gemeinsamen Bewußtsein zusammenbringen, das geht von Bewußtsein zu Bewußtsein. Daher werden Sie es verstehen, daß man von einem solchen Gesichtspunkte aus fragen kann: Was hat das deutsche Volk zu sagen über seine Mission, indem es sich als aus den Nachkommen Fichtes, Schillers und der anderen Großen bestehend fühlt? — Es hat zu sagen, daß das, was es heute unternimmt, die äußere Verkörperung für seine geistige Mission ist, und daß es unmöglich ist, nicht für diese einzutreten. Mit allen Fasern muß der, der innerhalb des Volkes steht, fühlen: Das muß geschehen. — Und es gibt keine Möglichkeit, daß jemand, wenn man scharf herausschält, was aus dem deutschen Volk heraus zu geschehen hat, dies als Attacke bezeichnet. Die Attacke, der Angriff auf das andere Volk beginnt erst, wenn man anfängt zu schimpfen über das andere Volk. Das sind Dinge, die heute ganz besonders tief verstanden werden müssen: Das positive Eintreten für das, was das Wesen eines Volkes ist, bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als das, was sich vergleichen läßt in dem individuellen Bewußtsein mit der Tatsache, daß man ja nur für seinen eigenen Körper sorgen kann, daß er möglichst in Ordnung ist, und nicht in derselben Weise für einen anderen Körper.
[ 28 ] One must, as it were, think in terms of the collective soul of the people, not in terms of individual human souls. If one thinks in terms of individual human souls, it goes without saying that one tries not to pass a judgment that contradicts that of another, for then one would not be able to live socially in the human world. When one must think and feel in accordance with the national soul, there come times when it is impossible to stand within it in any other way than by identifying with it and regarding its content as justified—without stepping outside this national soul, without comparing what it has to do with what another has to do. For that is a matter for the others; it cannot be reconciled within a shared consciousness—it varies from consciousness to consciousness. Therefore, you will understand that from such a perspective one might ask: What does the German people have to say about its mission, insofar as it feels itself to be composed of the descendants of Fichte, Schiller, and the other great figures? — It has to say that what it undertakes today is the outward embodiment of its spiritual mission, and that it is impossible not to stand up for it. With every fiber of their being, those who stand within the people must feel: This must happen. — And there is no way that anyone, if one clearly identifies what must come forth from the German people, would call this an attack. The attack on another people begins only when one starts to rail against that other people. These are things that must be understood particularly deeply today: Positive advocacy for what constitutes the essence of a people essentially means nothing other than what, in individual consciousness, can be compared to the fact that one can only care for one’s own body—ensuring it is as healthy as possible—and not in the same way for another body.
[ 29 ] Ich bitte Sie, merken Sie, daß hier etwas Richtunggebendes für das Urteil vorliegt, das wir aus den Quellen der Geistesforschung heraus gewinnen können.
[ 29 ] Please note that there is something here that provides guidance for the judgment we can derive from the sources of spiritual research.
[ 30 ] Und wenn wir hineinschauen in das Weben und Wesen der Volksseelen und das, was dahinter ist, hinter dem schauen, was sich äußerlich abspielt, wird, möchte ich sagen, für den Geistesforscher gerade heute die Sache recht sehr ernst, ganz außerordentlich ernst. Aber es geziemt sich auch dieser Ernst unserer Zeit, und es hängt gewissermaßen die Tatsache, daß wir die größten kriegerischen Ereignisse gesehen haben, zusammen mit der großen Forderung der Zeit, nun eine Kultur zu begründen, die mit dem rechnet, was hinter dem Sinnesschleier liegt. Und diejenigen werden im rechten Sinne gerade das beurteilen, was sich in der äußeren Welt heute abspielt, welche in den äußeren Ereignissen etwas wie Zeichen, wie gewaltige Weltsymbole sehen für das Heraufdämmern eines ganz Neuen in der Menschheitsentwickelung.
[ 30 ] And when we look into the fabric and essence of the souls of a people—and look beyond what is happening on the surface—I would say that, especially today, the matter becomes quite serious, extraordinarily serious, for the spiritual researcher. But this gravity is also fitting for our time, and the fact that we have witnessed the greatest acts of war is, in a sense, connected to the great demand of our time to now establish a culture that takes into account what lies beyond the veil of the senses. And those who will judge what is happening in the outer world today in the right sense are those who see in these outer events something like signs, like mighty world symbols, pointing to the dawning of something entirely new in human development.
[ 31 ] Ich sagte: Nicht nur, daß der Verstand und seine Vorurteile sich in dem Menschen auflehnen gegen das, was Geisteswissenschaft über die übersinnliche Wesenheit hinter den äußeren Dingen zu sagen hat, sondern das Gemüt, die Willensimpulse lehnen sich auf. Sie wollen es nicht, weil die Seele sich umarten muß und über vieles anders fühlen und empfinden muß. — Das sagte ich. Ja, das ist auch so eine Wahrheit. Wir schlafen nämlich nicht nur in der Nacht, wir schlafen teilweise auch bei Tag, nur daß in der Nacht unsere Begierde zum physischen Leib so stark ist, daß sie wie ein Nebel unseren astralischen Leib und unser Ich durchzieht und unser Bewußtsein herabdämpft. Wenn wir nun mit demselben astralischen Leib und demselben Ich nach der Befriedigung der Begierde in unseren physischen Leib hinunterziehen, dann wird das, was wir da als Bewußtsein entwickeln, durchflutet von den Einflüssen der Volksseele und da wird wiederum dasBewußtsein durchsetzt, so daß da unten, trotzdem wir glauben, recht wach zu sein, immer etwas schläft in uns. Im Grunde schläft immer etwas in uns, und schon das ist in uns ein Schlaf, wie die Volksseele in uns hereinwirkt, denn das geschieht ja nicht mit demselben Bewußtsein, mit dem wir unsere tagwachen Urteile fällen. Und zu diesem, zu dem Schlaf des Tages, der nur verdeckt wird durch das gewöhnliche Bewußtsein, zu diesem gehört auch das Herüberwirken der Volksseelen von den anderen Nationen. Sie wirken doch in einer gewissen Weise wiederum hinein in das schlafende Menschengemüt und bringen allerdings andere Erscheinungen hervor als im Schlafe, aber sie bringen Erscheinungen auf dem physischen Plan hervor.
[ 31 ] I said: Not only do the intellect and its prejudices rebel within a person against what spiritual science has to say about the supersensible reality behind external things, but the soul and the impulses of the will also rebel. They do not want it because the soul must undergo a transformation and must feel and perceive many things differently.” — That is what I said. Yes, that, too, is a truth. For we do not sleep only at night; we also sleep to some extent during the day, except that at night our longing for the physical body is so strong that it permeates our astral body and our “I” like a mist and dampens our consciousness. Now, when we descend into our physical body with the same astral body and the same “I” after the desire has been satisfied, what we develop there as consciousness is flooded by the influences of the national soul, and our consciousness is in turn permeated by these influences, so that down there—even though we believe we are fully awake—something is always sleeping within us. Essentially, something is always asleep within us, and this in itself is a kind of sleep—the way the national soul works within us—for this does not occur with the same consciousness with which we make our waking judgments during the day. And part of this—the sleep of the day, which is merely veiled by ordinary consciousness—includes the influence of the national souls of other nations. They do, after all, in a certain way influence the sleeping human mind in turn and do indeed produce phenomena different from those in sleep, but they produce phenomena on the physical plane.
[ 32 ] Während zum Beispiel das deutsche Volk eine Entwickelungslehre durch Goethe gehabt hat, die aus dem tiefsten Inneren des deutschen Wesens selber kam, hat es diese unbeachtet gelassen und den Darwinismus entgegengenommen. Wie das italienische Volk die Empfindungsseele zu entwickeln hat, das französische die Verstandesseele, das englische die Bewußtseinsseele, so hat der Deutsche das Ich zu entwickeln, und vieles wird verständlich im Wesen des deutschen Volkes, wenn man fühlt und ins Auge faßt, wie alles, was deutsche Kultur ist, aus dem Ich hervorquillt. Dieses Verbundensein des Ich mit den heiligsten geistigen Gütern, es ist ein Charakteristikum des mitteleuropäischen Menschen.
[ 32 ] While, for example, the German people had a theory of evolution from Goethe that sprang from the very depths of the German spirit itself, they ignored it and embraced Darwinism. Just as the Italian people must develop the soul of feeling, the French the soul of intellect, and the English the soul of consciousness, so must the Germans develop the “I”; and much becomes understandable about the nature of the German people when one senses and grasps how everything that constitutes German culture springs forth from the “I.” This connection of the “I” with the most sacred spiritual goods is a characteristic of the Central European people.
[ 33 ] An einer Erscheinung zeigt es sich ganz besonders stark. Wenn wir die okkulten Wahrheiten selber nehmen und nach dem Westen hinüberschauen: die äußere Kultur hat wenig Zusammenhang mit dem, was als Mystik, als Okkultismus auftritt. Es sind eigentlich immer zwei nebeneinandergehende Strömungen. Man wird nicht leicht in den gewöhnlichen Buchhandlungen in Paris zugleich etwas finden, was zusammenhängt mit dem Okkultismus; da muß man zu anderen gehen, die das eben hinstellen. Nun sehen wir, wie es in dem Deutschen liegt, alles aus dem Ich herauszuholen, wie der Deutsche den Jakob Böhme hat, wie die deutsche Kulturentwickelung nicht zu denken ist ohne diesen okkulten Einschlag. Denken wir an Goethe und Lessing. Da fließen nicht zwei Strömungen nebeneinander, sondern da ist ein Strom, da ist wirklich das Leben durchsetzt und durchdrungen vom Geistigen, da kann man nicht mit der materialistischen Anschauung gehen, daß sich der Christus jetzt noch verkörpert in einem physischen Menschen, wie es vom «Stern des Ostens» propagiert wird. Daher ergab sich — wie sich der heutige Antagonismus ergab zwischen Deutschland und England — die Notwendigkeit, mit der man nicht warten durfte, bis sie der Krieg herbeiführen würde: das, was deutscher Okkultismus ist, reinlich zu sondern von dem, was englischer Okkultismus ist. Und vielleicht wird der eine oder der andere nun nachdenken, warum jene Spaltung notwendig geworden ist. Ich wollte aber damit nur einen Hinweis geben. Denn es kann wirklich mancher eine Art von Urbild sehen in der Zusammenstellung von Tatsachen, der Rechtfertigung von Tatsachen, wenn er heute die Briefe nimmt von Grey und Annie Besant: Die Art und Weise, zu beweisen, die Dinge zusammenzustellen, hat eine große Ähnlichkeit bei beiden. Aber ich wollte damit nur darauf hinweisen, wie das, was aus dem deutschen Volk hervorgeht, mit der innersten Seele zusammenhängt. Wenn der Deutsche wach ist, so hält er es zum Beispiel — ich sage das als Tatsache, ohne Sympathie oder Antipathie — mit der tiefen Entwickelungslehre Goethes, der die Reihenfolge der Organismen hingestellt, aber den Impuls zur Anordnung aus dem tiefsten Inneren des Ich hervorgeholt hat. Aus der Bewußtseinsseele heraus hat es ein halbes Jahrhundert hernach Darwin wiedergegeben, aber mit materialistischem Anstrich. Da hat es die Welt leichter verstanden, auch die deutsche Welt hat lieber die Evolutionslehre in darwinistischer Färbung als in Goethescher Färbung aufgenommen. Goethe hat sogar aus der Tiefe des deutschen Wesens heraus eine Farbenlehre begründet; die Physiker sehen sie heute noch immer als Unsinn an, denn die äußere Welt hat die Farbenlehre Newtons angenommen. Wann wird statt der Goetheschen Entwickelungslehre und Farbenlehre die Darwinistische und Newtonsche genommen? Dann, wenn innerhalb des deutschen Volkes die Menschen schlafen und die andere Volksseele einwirken kann. Da haben wir dieses Schlafen mitten im Wachen. Und wenn dann die Leute aufgerüttelt werden, dann verkennen sie noch die Sache, dann merken sie: da ist etwas nicht richtig —, dann gehen sie und nehmen ihre Schatulle, in der sie die von England gekriegten Orden haben. Die schicken sie zurück und vergessen dabei nur, die englische Färbung der Entwickelungslehre oder die Newtonsche Färbung der Farbenlehre mitzuschicken. Insbesondere könnte man das Beispiel einer gewissen Färbung des Haeckelianismus als ein gutes Rezept verschreiben. Man erlebt da so manche Dinge. So zum Beispiel konnte man es auch noch in diesen Tagen erleben, man konnte hören, daß in einer besondern wissenschaftlichen Gesellschaft in deutschen Städten ein Vortrag gehalten wurde über das, was an internationalem Wesen der Völker gestört worden ist durch diesen Krieg, und wie aufmerksam gemacht wurde auf etwas, was ja, wenn man größere Maßstäbe anlegt, richtig ist, aber nicht, wenn man diejenigen anlegt, die dieser Herr mit seinem gewöhnlichen Professorenverstand anzulegen hat. Geht man von diesen Maßstäben aus, so klingt es einem doch ganz sonderbar entgegen, wenn dieser Herr sagt: Es muß der Internationalismus gleich wieder auftreten, sobald der Krieg vorbei ist, denn sonst würde: der Deutsche manches verlieren, und es würde wiederum aufwachen eine besondere Metaphysik, die der Deutsche vorher entfaltet hat, während er froh ist, daß dieser deutsche Geist mit seiner Neigung zum Übersinnlichen überflutet worden ist von den Völkern, die wenig zum Übersinnlichen neigen. — Das konnte man in diesen Tagen erleben in einem besonderen volkswirtschaftlichen Vortrag: die Furcht vor dem Aufwachen des deutschen Wesens.
[ 33 ] This is particularly evident in one phenomenon. If we take the occult truths themselves and look toward the West, we see that external culture has little connection with what appears as mysticism or occultism. In fact, there are always two parallel currents. It is not easy to find anything related to occultism in ordinary bookstores in Paris; one must go to other stores that specialize in such works. Now we see how the German mindset is characterized by drawing everything out of the “I,” how the Germans have Jakob Böhme, and how the development of German culture is inconceivable without this occult influence. Let us think of Goethe and Lessing. There, two currents do not flow side by side; rather, there is a single current, where life is truly interwoven with and permeated by the spiritual. One cannot adopt the materialistic view that Christ is still incarnated in a physical human being, as is propagated by the “Star of the East.” Hence arose—just as today’s antagonism between Germany and England arose—a necessity that could not be postponed until war brought it about: to clearly distinguish what German occultism is from what English occultism is. And perhaps one or the other will now reflect on why that division became necessary. But I merely wanted to make this point. For many people can indeed see a kind of archetype in the compilation of facts, in the justification of facts, when they read the letters of Grey and Annie Besant today: the manner of proving things, of compiling them, bears a great resemblance in both. But I merely wanted to point out how that which emerges from the German people is connected to the innermost soul. When the German is awake, for example—and I say this as a fact, without sympathy or antipathy—he aligns himself with Goethe’s profound theory of evolution, which established the sequence of organisms but drew the impulse for that arrangement from the deepest inner core of the self. Half a century later, Darwin expressed this from the perspective of the conscious soul, but with a materialistic slant. This made it easier for the world to understand; even the German world preferred to accept the theory of evolution in its Darwinian form rather than in Goethe’s. Goethe even founded a theory of colors from the depths of the German essence; physicists still regard it as nonsense today, for the external world has adopted Newton’s theory of colors. When will the Darwinian and Newtonian theories replace Goethe’s theory of development and theory of colors? Then, when people within the German nation are asleep and the soul of another nation can exert its influence. There we have this state of sleeping while awake. And when people are then roused, they still fail to grasp the issue; they realize: something isn’t right—then they go and take out their casket, in which they keep the medals they received from England. They send them back, forgetting only to include the English tinge of evolutionary theory or the Newtonian tinge of color theory. In particular, one could prescribe the example of a certain tinge of Haeckelianism as a good remedy. One experiences all sorts of things there. For example, one could still experience it even in these days, one could hear that a lecture was given at a particular scientific society in German cities on what has been disrupted in the international character of nations by this war, and how attention was drawn to something that, when viewed from a broader perspective, is correct, but not when judged by the standards that this gentleman, with his typical professorial mindset, is bound to apply. If one proceeds from these standards, it does sound quite strange when this gentleman says: “Internationalism must reemerge immediately once the war is over, for otherwise the Germans would lose much, and a particular metaphysics—one that the Germans had previously developed—would reawaken, even as they are glad that this German spirit, with its inclination toward the supernatural, has been flooded by peoples who have little inclination toward the supernatural.” — One could witness this in recent days during a special lecture on economics: the fear of the reawakening of the German essence.
[ 34 ] Es könnte sehr viel gesagt werden, ich wollte nur das eine und das andere aussprechen über das, was man gewinnen kann, wenn man den allerdings für eine äußerliche Lebensauffassung bitteren, aber doch beseligenden Ernst nimmt, der wie ein Zauberhauch in uns strömt, wenn wir Geisteswissenschaft in ihrer vollen Tiefe nehmen. Dies zu erwägen, zu fühlen, zu empfinden, ist, was uns in unserer Zeit obliegt, und mit solchen Gefühlen dürfen wir diese Zeit überblicken, dürfen uns vereint fühlen mit denen, die draußen stehen und die mit ihrem Blut und ihrer Seele einzustehen haben für das, was das Karma fordert.
[ 34 ] Much could be said; I simply wanted to mention a few things about what one can gain by taking seriously—though it may seem bitter to those with an external outlook on life—that blissful seriousness which flows through us like a magical breath when we embrace spiritual science in all its depth. To consider, feel, and sense this is what is incumbent upon us in our time, and with such feelings we may survey this era and feel united with those who stand outside and who must stand up with their blood and soul for what karma demands.
[ 35 ] So fassen wir zusammen dasjenige, was unsere Erkenntnis und unsere Aufgabe sein soll und was Zuversicht erwecken soll, in die Worte:
[ 35 ] We summarize what our understanding and our mission should be—and what should inspire confidence—in the following words:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
From the courage of the fighters,
From the blood of the battles,
From the suffering of the forsaken,
From the sacrifices of the people
The fruit of the spirit grows—
Guiding souls, spiritually aware,
Direct their minds toward the spirit realm.
