The Spiritual Background of World War I
GA 174b
21 March 1921, Stuttgart
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Die geistigen Hinter des Ersten Weltkrieges
Sechzehnter Vortrag
Sechzehnter Vortrag
[ 1 ] Daß ich heute spreche, das ist durch eine Fragestellung der vorangehenden historischen Seminarstunde gefordert. Diese Fragestellung geht nach der Schuldfrage an der letzten Kriegskatastrophe, und es liegt ja gewiß da eine so wichtige, und man kann schon heute sagen, auch durchaus historisch wichtige Sache vor, daß die Beantwortung dieser Frage, soweit sie in einem so engen Rahmen in einer kurzen Zeit möglich ist, Ihnen nicht vorenthalten werden darf.
[ 1 ] Daß ich heute spreche, das ist durch eine Fragestellung der vorangehenden historischen Seminarstunde gefordert. Diese Fragestellung geht nach der Schuldfrage an der letzten Kriegskatastrophe, und es liegt ja gewiß da eine so wichtige, und man kann schon heute sagen, auch durchaus historisch wichtige Sache vor, daß die Beantwortung dieser Frage, soweit sie in einem so engen Rahmen in einer kurzen Zeit möglich ist, Ihnen nicht vorenthalten werden darf.
[ 2 ] Ich möchte nur einige Bemerkungen voranschicken, damit Sie über den Sinn, aus dem heraus ich über diese Frage sprechen will, unterrichtet sind. Ich habe mit den Anschauungen, die ich mir bilden mußte über das Thema dieser heutigen Auseinandersetzungen, niemals zurückgehalten in Vorträgen, die ich im Goetheanum in Dornach gehalten habe, und ich habe da niemals ein Hehl daraus gemacht, daß mir diese Anschauungen als diejenigen erscheinen, welche vor der ganzen Welt vor allen Dingen ausgesprochen werden müßten. Ich bin nicht der Ansicht, daß in dieser wichtigen Frage die Sachen heute so liegen, daß man immer wieder und wiederum sagen soll, man müsse das objektive Urteil erst der Geschichte überlassen, man werde erst in einer zukünftigen Zeit ein objektives Urteil über diese Angelegenheit sich bilden können. Es wird im Laufe der Zeit, namentlich durch die fortwirkenden Vorurteile, ebenso viel verloren werden an Möglichkeiten, ein gesundes Urteil über diese Frage zu gewinnen, wie etwa vielleicht durch das eine oder andere gewonnen werden könnte. Ich sage ausdrücklich «vielleicht»; denn ich selbst glaube gar nicht, daß man in dieser Frage in der Zukunft wird ein besseres Urteil gewinnen können als schon in der Gegenwart.
[ 2 ] Ich möchte nur einige Bemerkungen voranschicken, damit Sie über den Sinn, aus dem heraus ich über diese Frage sprechen will, unterrichtet sind. Ich habe mit den Anschauungen, die ich mir bilden mußte über das Thema dieser heutigen Auseinandersetzungen, niemals zurückgehalten in Vorträgen, die ich im Goetheanum in Dornach gehalten habe, und ich habe da niemals ein Hehl daraus gemacht, daß mir diese Anschauungen als diejenigen erscheinen, welche vor der ganzen Welt vor allen Dingen ausgesprochen werden müßten. Ich bin nicht der Ansicht, daß in dieser wichtigen Frage die Sachen heute so liegen, daß man immer wieder und wiederum sagen soll, man müsse das objektive Urteil erst der Geschichte überlassen, man werde erst in einer zukünftigen Zeit ein objektives Urteil über diese Angelegenheit sich bilden können. Es wird im Laufe der Zeit, namentlich durch die fortwirkenden Vorurteile, ebenso viel verloren werden an Möglichkeiten, ein gesundes Urteil über diese Frage zu gewinnen, wie etwa vielleicht durch das eine oder andere gewonnen werden könnte. Ich sage ausdrücklich «vielleicht»; denn ich selbst glaube gar nicht, daß man in dieser Frage in der Zukunft wird ein besseres Urteil gewinnen können als schon in der Gegenwart.
[ 3 ] Das ist das erste, was ich sagen möchte. Ich muß es aus folgendem Grunde sagen: Wie Sie ja wissen, gehen jene Angriffe — ich möchte sie mit keinem Epitheton jetzt bezeichnen —, die sich gerade auf die kulturpolitische Seite meiner Wirksamkeit beziehen innerhalb der Grenzen Deutschlands, hauptsächlich von derjenigen Seite aus, die man die «alldeutsche» nennen kann, und ich muß natürlich gewärtig sein, daß auf dieser Seite alles, was ich irgendwie vorbringe, in der wildesten Weise ausgedeutet wird. Aber auf der anderen Seite glaube ich es nicht nötig zu haben, nach dieser Richtung hin besondere Worte zur Verteidigung zu sagen, denn die albernen Anschuldigungen, daß irgend etwas gegen das Deutschtum geschehe, richten sich ja selbst durch die Tatsache, daß schon während des Krieges hingestellt worden ist in die nordwestlichste Ecke der Schweiz das Goetheanum, also ein Wahrzeichen für dasjenige, was nicht etwa bloß innerhalb Deutschlands, sondern vor der ganzen Welt durch das deutsche Geistesleben geleistet werden soll. Wenn man in einer solchen Weise Zeugnis abgelegt hat für dasjenige, was das Deutschtum ist, so, denke ich, hat man nicht nötig, viele Worte zu machen, um böswillige Anschuldigungen in irgendeiner Weise zu widerlegen.
[ 3 ] Das ist das erste, was ich sagen möchte. Ich muß es aus folgendem Grunde sagen: Wie Sie ja wissen, gehen jene Angriffe — ich möchte sie mit keinem Epitheton jetzt bezeichnen —, die sich gerade auf die kulturpolitische Seite meiner Wirksamkeit beziehen innerhalb der Grenzen Deutschlands, hauptsächlich von derjenigen Seite aus, die man die «alldeutsche» nennen kann, und ich muß natürlich gewärtig sein, daß auf dieser Seite alles, was ich irgendwie vorbringe, in der wildesten Weise ausgedeutet wird. Aber auf der anderen Seite glaube ich es nicht nötig zu haben, nach dieser Richtung hin besondere Worte zur Verteidigung zu sagen, denn die albernen Anschuldigungen, daß irgend etwas gegen das Deutschtum geschehe, richten sich ja selbst durch die Tatsache, daß schon während des Krieges hingestellt worden ist in die nordwestlichste Ecke der Schweiz das Goetheanum, also ein Wahrzeichen für dasjenige, was nicht etwa bloß innerhalb Deutschlands, sondern vor der ganzen Welt durch das deutsche Geistesleben geleistet werden soll. Wenn man in einer solchen Weise Zeugnis abgelegt hat für dasjenige, was das Deutschtum ist, so, denke ich, hat man nicht nötig, viele Worte zu machen, um böswillige Anschuldigungen in irgendeiner Weise zu widerlegen.
[ 4 ] Was ich weiter zu sagen habe, ist dies, daß ich mich immer bemüht habe, die Urteile derer, die hören, was ich nach dieser Richtung sage, nicht in irgendeiner Weise zu beeinflussen, und ich möchte, soweit das geht — selbstverständlich geht es ja nur in beschränktem Maße, wenn man sich kurz zu fassen hat —, das auch heute möglichst einhalten. Ich habe bei allem, was ich gesagt habe, im Auge gehabt, durch die Aufzählung dieser oder jener Tatsachen, dieser oder jener Momente, für jeden Grundlagen zu geben zur Bildung eines eigenen Urteils. Und so, wie ich es im ganzen Umfang der Geisteswissenschaft mache, daß ich niemals ein Urteil vorausnehme, sondern nur die Materialien zur Bildung eines Urteiles herbeizutragen versuche, so möchte ich es auch in diesen auf die historische Außenwelt bezüglichen Dingen tun.
[ 4 ] Was ich weiter zu sagen habe, ist dies, daß ich mich immer bemüht habe, die Urteile derer, die hören, was ich nach dieser Richtung sage, nicht in irgendeiner Weise zu beeinflussen, und ich möchte, soweit das geht — selbstverständlich geht es ja nur in beschränktem Maße, wenn man sich kurz zu fassen hat —, das auch heute möglichst einhalten. Ich habe bei allem, was ich gesagt habe, im Auge gehabt, durch die Aufzählung dieser oder jener Tatsachen, dieser oder jener Momente, für jeden Grundlagen zu geben zur Bildung eines eigenen Urteils. Und so, wie ich es im ganzen Umfang der Geisteswissenschaft mache, daß ich niemals ein Urteil vorausnehme, sondern nur die Materialien zur Bildung eines Urteiles herbeizutragen versuche, so möchte ich es auch in diesen auf die historische Außenwelt bezüglichen Dingen tun.
[ 5 ] Nun, ich bemerke jetzt zur Sache selber: Mir scheint, daß die Diskussionen, die heute über die Schuldfrage angestellt werden, sich mehr oder weniger alle überall in der Welt im Grunde auf unmögliche Voraussetzungen stützen. Ich glaube meinerseits, daß man mit diesen selben Voraussetzungen, wenn man sie nur in der einen und anderen Art anwendet, ruhig beweisen kann, daß die gesamte Schuld am Kriege der etwas merkwürdige Nikita, der König von Montenegro, trägt. Ich glaube, daß man mit diesen Argumenten schließlich auch sogar den Beweis führen kann, daß Helfferich ein außerordentlich weiser Mann ist, oder daß sich der ehemals dicke Herr Erzberger während des Krieges nicht in einer merkwürdig lebendigen Weise durch alle möglichen Untergründe und Keller des europäischen Wollens durchgeschlängelt hat. Kurz, ich glaube, daß man mit diesen Argumenten außerordentlich wenig anfangen kann. Dagegen glaube ich, daß es durchaus richtig ist, was der gegenwärtige deutsche Außenminister Simons in seiner Stuttgarter Rede neulich gesagt hat; daß es nötig ist, die Schuldfrage ernsthaft zu behandeln. Nur habe ich die dieses ergänzende Ansicht, daß das nun wirklich auch geschehen sollte. Denn daß man betont, die Sache sei notwendig, damit hat man noch nicht getan, was zu geschehen hat, sondern es ist eben notwendig, daß es geschieht. Und daß es nötig ist, die Schuldfrage zu behandeln, das geht ja daraus hervor, daß gewissermaßen an die Spitze dieser letzten, unglückseligen Londoner Verhandlungen gestellt worden ist von dem durchtriebensten Staatsmann der Gegenwart, Lloyd George, der — wie soll man es nur nennen, man ist in Verlegenheit, über dasjenige, was gegenwärtig da figuriert, zutreffende Worte zu finden —, der Satz: Alles, was wir verhandeln, geht davon aus, daß für die Entente-Verbündeten die Schuldfrage entschieden ist.
[ 5 ] Nun, ich bemerke jetzt zur Sache selber: Mir scheint, daß die Diskussionen, die heute über die Schuldfrage angestellt werden, sich mehr oder weniger alle überall in der Welt im Grunde auf unmögliche Voraussetzungen stützen. Ich glaube meinerseits, daß man mit diesen selben Voraussetzungen, wenn man sie nur in der einen und anderen Art anwendet, ruhig beweisen kann, daß die gesamte Schuld am Kriege der etwas merkwürdige Nikita, der König von Montenegro, trägt. Ich glaube, daß man mit diesen Argumenten schließlich auch sogar den Beweis führen kann, daß Helfferich ein außerordentlich weiser Mann ist, oder daß sich der ehemals dicke Herr Erzberger während des Krieges nicht in einer merkwürdig lebendigen Weise durch alle möglichen Untergründe und Keller des europäischen Wollens durchgeschlängelt hat. Kurz, ich glaube, daß man mit diesen Argumenten außerordentlich wenig anfangen kann. Dagegen glaube ich, daß es durchaus richtig ist, was der gegenwärtige deutsche Außenminister Simons in seiner Stuttgarter Rede neulich gesagt hat; daß es nötig ist, die Schuldfrage ernsthaft zu behandeln. Nur habe ich die dieses ergänzende Ansicht, daß das nun wirklich auch geschehen sollte. Denn daß man betont, die Sache sei notwendig, damit hat man noch nicht getan, was zu geschehen hat, sondern es ist eben notwendig, daß es geschieht. Und daß es nötig ist, die Schuldfrage zu behandeln, das geht ja daraus hervor, daß gewissermaßen an die Spitze dieser letzten, unglückseligen Londoner Verhandlungen gestellt worden ist von dem durchtriebensten Staatsmann der Gegenwart, Lloyd George, der — wie soll man es nur nennen, man ist in Verlegenheit, über dasjenige, was gegenwärtig da figuriert, zutreffende Worte zu finden —, der Satz: Alles, was wir verhandeln, geht davon aus, daß für die Entente-Verbündeten die Schuldfrage entschieden ist.
[ 6 ] Nun, wenn alles das, was wir verhandeln können, überhaupt unter dem Aspekt geschieht, daß die Schuldfrage entschieden sei, dann handelt es sich, wenn sie nicht entschieden ist, erst recht darum, beim Anfang die Verhandlungen damit zu beginnen, daß man ernsthaft die — Schuldfrage aufwirft und sie in ernsthafter Weise behandelt. Es muß durchaus betont werden, daß im Grunde genommen wirklichkeitsgemäß bis jetzt nichts anderes geschehen ist, in bezug auf diese Schuldfrage, als ein sehr merkwürdiger Entscheid der Siegermächte. Dieser Entscheid begründet sich, ganz nach den Regeln des heutigen Weltgeschehens, nicht auf eine objektive Beurteilung der Tatsachen, sondern einfach auf ein Diktat der Sieger. Die Sieger haben nötig, um ihren Sieg in entsprechender Weise auszunützen, der Welt zu diktieren, die andere Seite sei schuld am Kriege. Man kann ja den Sieg nicht ausnützen, wie man es auf seiten der Entente möchte, wie man ihn sogar — das kann ja zugestanden werden — von jenem Standpunkt aus ausnützen muß, wenn man nicht dem anderen die volle Schuld aufhalst. Sie werden leicht einsehen, daß man so, wie man da handelt, nicht handeln könnte, wenn man sagen würde: Ja, die Leute sind ja eigentlich gar nicht so zu beurteilen, wie es, sagen wir, während der Kriegskatastrophe geschehen ist.
[ 6 ] Nun, wenn alles das, was wir verhandeln können, überhaupt unter dem Aspekt geschieht, daß die Schuldfrage entschieden sei, dann handelt es sich, wenn sie nicht entschieden ist, erst recht darum, beim Anfang die Verhandlungen damit zu beginnen, daß man ernsthaft die — Schuldfrage aufwirft und sie in ernsthafter Weise behandelt. Es muß durchaus betont werden, daß im Grunde genommen wirklichkeitsgemäß bis jetzt nichts anderes geschehen ist, in bezug auf diese Schuldfrage, als ein sehr merkwürdiger Entscheid der Siegermächte. Dieser Entscheid begründet sich, ganz nach den Regeln des heutigen Weltgeschehens, nicht auf eine objektive Beurteilung der Tatsachen, sondern einfach auf ein Diktat der Sieger. Die Sieger haben nötig, um ihren Sieg in entsprechender Weise auszunützen, der Welt zu diktieren, die andere Seite sei schuld am Kriege. Man kann ja den Sieg nicht ausnützen, wie man es auf seiten der Entente möchte, wie man ihn sogar — das kann ja zugestanden werden — von jenem Standpunkt aus ausnützen muß, wenn man nicht dem anderen die volle Schuld aufhalst. Sie werden leicht einsehen, daß man so, wie man da handelt, nicht handeln könnte, wenn man sagen würde: Ja, die Leute sind ja eigentlich gar nicht so zu beurteilen, wie es, sagen wir, während der Kriegskatastrophe geschehen ist.
[ 7 ] Also es handelt sich darum — denn alles andere ist nur Literatur geblieben oder nicht einmal Literatur geworden —, daß vorläufig für die Schuldfrage nichts anderes getan worden ist, als daß ein Siegerdiktat erflossen ist. Und daß auf unbegreifliche Weise das geschehen ist, was im Grunde doch niemals hätte geschehen dürfen, daß dieses Siegerdiktat unterschrieben worden ist, damit ist eine Tatsache geschaffen, die man nicht genug bedauern kann. Denn man kann nicht sagen: Diese Unterschrift hat gegeben werden müssen, um das Unglück nicht noch größer zu machen. — Derjenige, der in die wirklichen Ereignisse hineinsieht, weiß, daß man doch durchkommt durch die gegenwärtige Weltsituation nur mit der Wahrheit und mit dem Willen zur vollen Wahrheit. Mag auch vielleicht das, was zunächst durch das Bedürfnis fließt, zu tragischen Situationen führen, man kommt heute doch mit nichts anderem durch. Die Zeiten sind zu ernst, sie rufen zu große Entscheidungen hervor, als daß sie anders gelöst werden können als mit dem vollen Willen zur Wahrheit.
[ 7 ] Also es handelt sich darum — denn alles andere ist nur Literatur geblieben oder nicht einmal Literatur geworden —, daß vorläufig für die Schuldfrage nichts anderes getan worden ist, als daß ein Siegerdiktat erflossen ist. Und daß auf unbegreifliche Weise das geschehen ist, was im Grunde doch niemals hätte geschehen dürfen, daß dieses Siegerdiktat unterschrieben worden ist, damit ist eine Tatsache geschaffen, die man nicht genug bedauern kann. Denn man kann nicht sagen: Diese Unterschrift hat gegeben werden müssen, um das Unglück nicht noch größer zu machen. — Derjenige, der in die wirklichen Ereignisse hineinsieht, weiß, daß man doch durchkommt durch die gegenwärtige Weltsituation nur mit der Wahrheit und mit dem Willen zur vollen Wahrheit. Mag auch vielleicht das, was zunächst durch das Bedürfnis fließt, zu tragischen Situationen führen, man kommt heute doch mit nichts anderem durch. Die Zeiten sind zu ernst, sie rufen zu große Entscheidungen hervor, als daß sie anders gelöst werden können als mit dem vollen Willen zur Wahrheit.
[ 8 ] Ich möchte betonen: Da ich in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht, nicht in der Lage bin, die Sache so zu geben, daß aus dem Inhalt meiner Sätze voll dasjenige, was ich sage, auch beweiskräftig erscheinen könnte, werde ich wenigstens in der Art, in der ich mich bemühe, die Dinge darzustellen, im Nuancieren, in der Weise, wie die Dinge gegeben werden, versuchen, Ihnen eine Grundlage zur Bildung eines Urteils auf diesem Gebiet zu geben. Nun, ich habe durch wirklich langjährige Erfahrungen, durch ein sorgfältiges Beobachten dessen, was im weltgeschichtlichen Werden sich vollzieht, herausbekommen, wie vor allen Dingen bei dem angelsächsischen Volk und insbesondere bei gewissen Menschengruppen innerhalb dieses angelsächsischen Volkes eine in einem gewissen Sinne durchaus weltgeschichtlich großzügig gehaltene politische Anschauung besteht. Bei gewissen Hintermännern, wenn ich sie so nennen darf, der angelsächsischen Politik besteht eine politische Anschauung, die ich in zwei Hauptsätzen zusammenfassen möchte: Erstens besteht die Ansicht — und es ist eine größere Anzahl von Persönlichkeiten, welche hinter den eigentlichen äußeren Politikern, die zuweilen Strohmänner sind, stehen, durchdrungen von dieser Ansicht —, daß der angelsächsischen Rasse durch gewisse Weltentwickelungskräfte die Mission zufallen müsse, für die Gegenwart und die Zukunft vieler Jahrhunderte eine Weltherrschaft, eine wirkliche Weltherrschaft auszuüben. Es ist dieses festgewurzelt in diesen Persönlichkeiten, wenn es auch, ich möchte sagen, auf materialistische Art und in materialistischen Vorstellungen von dem Weltenwirken festgewurzelt ist, es ist aber so festgewurzelt in denjenigen, die die wahren Führer der angelsächsischen Rasse sind, daß man es vergleichen kann mit den inneren Impulsen, welche einstmals das altjüdische Volk von seiner Weltmission hatte. Das altjüdische Volk stellte sich allerdings die Sache mehr moralisch, mehr theologisch vor; aber die Intensität des Vorstellens ist keine andere bei den eigentlich Führenden der angelsächsischen Rasse wie bei dem altjüdischen Volk. Wir haben es also in erster Linie mit diesem Grundsatz, den Sie verfolgen können auch äußerlich, zu tun und mit der besonderen Art der Lebensauffassung, wie sie bei dem angelsächsischen Volk, bei seinen repräsentativen Männern gerade, vorhanden ist. Es herrscht die Ansicht, daß dann, wenn so etwas vorliege, alles getan werden müsse, was im Sinne eines solchen Weltimpulses liege, daß man vor nichts zurückschrecken dürfe, was im Sinne eines solchen Weltimpulses liegt. Dieser Impuls wird in einer, man muß schon sagen, intellektualistisch außerordentlich großartigen Weise hineingetragen in die Gemüter derer, die dann in den mehr unteren Stellungen — wozu aber immer noch diejenigen der Staatssekretäre gehören — das politische Leben führen. Ich glaube, wer die eben angeführte Tatsache nicht kennt, der kann unmöglich den Gang der Weltentwickelung in der neueren Zeit verstehen. |
[ 8 ] Ich möchte betonen: Da ich in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht, nicht in der Lage bin, die Sache so zu geben, daß aus dem Inhalt meiner Sätze voll dasjenige, was ich sage, auch beweiskräftig erscheinen könnte, werde ich wenigstens in der Art, in der ich mich bemühe, die Dinge darzustellen, im Nuancieren, in der Weise, wie die Dinge gegeben werden, versuchen, Ihnen eine Grundlage zur Bildung eines Urteils auf diesem Gebiet zu geben. Nun, ich habe durch wirklich langjährige Erfahrungen, durch ein sorgfältiges Beobachten dessen, was im weltgeschichtlichen Werden sich vollzieht, herausbekommen, wie vor allen Dingen bei dem angelsächsischen Volk und insbesondere bei gewissen Menschengruppen innerhalb dieses angelsächsischen Volkes eine in einem gewissen Sinne durchaus weltgeschichtlich großzügig gehaltene politische Anschauung besteht. Bei gewissen Hintermännern, wenn ich sie so nennen darf, der angelsächsischen Politik besteht eine politische Anschauung, die ich in zwei Hauptsätzen zusammenfassen möchte: Erstens besteht die Ansicht — und es ist eine größere Anzahl von Persönlichkeiten, welche hinter den eigentlichen äußeren Politikern, die zuweilen Strohmänner sind, stehen, durchdrungen von dieser Ansicht —, daß der angelsächsischen Rasse durch gewisse Weltentwickelungskräfte die Mission zufallen müsse, für die Gegenwart und die Zukunft vieler Jahrhunderte eine Weltherrschaft, eine wirkliche Weltherrschaft auszuüben. Es ist dieses festgewurzelt in diesen Persönlichkeiten, wenn es auch, ich möchte sagen, auf materialistische Art und in materialistischen Vorstellungen von dem Weltenwirken festgewurzelt ist, es ist aber so festgewurzelt in denjenigen, die die wahren Führer der angelsächsischen Rasse sind, daß man es vergleichen kann mit den inneren Impulsen, welche einstmals das altjüdische Volk von seiner Weltmission hatte. Das altjüdische Volk stellte sich allerdings die Sache mehr moralisch, mehr theologisch vor; aber die Intensität des Vorstellens ist keine andere bei den eigentlich Führenden der angelsächsischen Rasse wie bei dem altjüdischen Volk. Wir haben es also in erster Linie mit diesem Grundsatz, den Sie verfolgen können auch äußerlich, zu tun und mit der besonderen Art der Lebensauffassung, wie sie bei dem angelsächsischen Volk, bei seinen repräsentativen Männern gerade, vorhanden ist. Es herrscht die Ansicht, daß dann, wenn so etwas vorliege, alles getan werden müsse, was im Sinne eines solchen Weltimpulses liege, daß man vor nichts zurückschrecken dürfe, was im Sinne eines solchen Weltimpulses liegt. Dieser Impuls wird in einer, man muß schon sagen, intellektualistisch außerordentlich großartigen Weise hineingetragen in die Gemüter derer, die dann in den mehr unteren Stellungen — wozu aber immer noch diejenigen der Staatssekretäre gehören — das politische Leben führen. Ich glaube, wer die eben angeführte Tatsache nicht kennt, der kann unmöglich den Gang der Weltentwickelung in der neueren Zeit verstehen. |
[ 9 ] Das zweite, worauf sich diese ja für Mitteleuropa so traurige und verderbliche Weltpolitik richtet, ist das Folgende. Man ist weitsichtig. Diese Politik ist vom Gesichtspunkt des Angelsachsentums aus eben großzügig, ist durchsetzt von dem Glauben, daß Weltimpulse die Welt regieren und nicht die kleinen praktischen Impulse, von denen sich oftmals mit Überhebung diese oder jene Politiker leiten lassen. Diese Politik des Angelsachsentums ist’ in diesem Sinne eine großzügige; sie rechnet auch in einzelnen praktischen Maßnahmen mit dem weltgeschichtlichen Impuls. Das zweite ist dies: Man weiß, daß die soziale Frage ein weltgeschichtlicher Impuls ist, der unbedingt sich ausleben muß. Es gibt keinen der Führenden unter den angelsächsischen Persönlichkeiten, die in Betracht kommen, der nicht mit einem, ich möchte sagen, außerordentlich kalten, nüchternen Blick sich sagte: Die soziale Frage muß sich ausleben. — Aber er sagt sich dazu: Sie darf sich nicht so ausleben, daß die westliche, die angelsächsische Mission dadurch Schaden erleiden könnte. Er sagt da fast wörtlich, und diese Worte sind oft gesprochen worden: Die westliche Welt ist nicht dazu angetan, daß man sie ruinieren lasse durch sozialistische Experimente. Dazu ist die östliche Welt angetan. — Und er ist dann von der Absicht beseelt, diese östliche, namentlich die russische Welt, zum Felde sozialistischer Experimente zu machen.
[ 9 ] Das zweite, worauf sich diese ja für Mitteleuropa so traurige und verderbliche Weltpolitik richtet, ist das Folgende. Man ist weitsichtig. Diese Politik ist vom Gesichtspunkt des Angelsachsentums aus eben großzügig, ist durchsetzt von dem Glauben, daß Weltimpulse die Welt regieren und nicht die kleinen praktischen Impulse, von denen sich oftmals mit Überhebung diese oder jene Politiker leiten lassen. Diese Politik des Angelsachsentums ist’ in diesem Sinne eine großzügige; sie rechnet auch in einzelnen praktischen Maßnahmen mit dem weltgeschichtlichen Impuls. Das zweite ist dies: Man weiß, daß die soziale Frage ein weltgeschichtlicher Impuls ist, der unbedingt sich ausleben muß. Es gibt keinen der Führenden unter den angelsächsischen Persönlichkeiten, die in Betracht kommen, der nicht mit einem, ich möchte sagen, außerordentlich kalten, nüchternen Blick sich sagte: Die soziale Frage muß sich ausleben. — Aber er sagt sich dazu: Sie darf sich nicht so ausleben, daß die westliche, die angelsächsische Mission dadurch Schaden erleiden könnte. Er sagt da fast wörtlich, und diese Worte sind oft gesprochen worden: Die westliche Welt ist nicht dazu angetan, daß man sie ruinieren lasse durch sozialistische Experimente. Dazu ist die östliche Welt angetan. — Und er ist dann von der Absicht beseelt, diese östliche, namentlich die russische Welt, zum Felde sozialistischer Experimente zu machen.
[ 10 ] Dasjenige, was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Anschauung, die ich konstatieren konnte — vielleicht geht sie noch weiter zurück, das weiß ich vorderhand nicht — bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Mit kaltem Blicke wußte man im angelsächsischen Volke, daß sich die soziale Frage ausleben müsse, daß man durch diese das Angelsachsentum nicht ruinieren lassen wolle, daß daher Rußland werden müsse das Experimentierland für sozialistische Versuche. Und nach dieser Richtung hin wurde in der Politik tendiert, es wurde mit aller Klarheit nach dieser Politik hin tendiert. Und namentlich alle Balkanfragen, einschließlich derjenigen, durch die man im Berliner Vertrag den ahnungslosen Mitteleuropäern Bosnien und die Herzegowina zugeschanzt hat, alle diese Fragen wurden schon unter diesem Gesichtspunkte behandelt. Die ganze Behandlung des türkischen Problems von seiten der angelsächsischen Welt steht unter diesem Gesichtspunkt, und man hoffte, daß die sozialistischen Experimente, dadurch daß sie sich so abspielen, wie sie sich abspielen müssen, wenn die in die Irre gehende Proletarierwelt sich nach marxistischen oder ähnlichen Prinzipien richtet, daß dann diese sozialistischen Experimente auch für die Welt der Arbeiter eine deutliche Lehre sein werden in ihrem Ausgehen, in der Nichtigkeit, in der Zerstörung eine deutliche Lehre sein werden, daß man es so auch nicht machen könne. Man wird also die westliche Welt dadurch schützen, daß man im Osten zeigen wird, was der Sozialismus anrichtet, wenn er sich so verbreiten kann, wie man es für die westliche Welt nicht will.
[ 10 ] Dasjenige, was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Anschauung, die ich konstatieren konnte — vielleicht geht sie noch weiter zurück, das weiß ich vorderhand nicht — bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Mit kaltem Blicke wußte man im angelsächsischen Volke, daß sich die soziale Frage ausleben müsse, daß man durch diese das Angelsachsentum nicht ruinieren lassen wolle, daß daher Rußland werden müsse das Experimentierland für sozialistische Versuche. Und nach dieser Richtung hin wurde in der Politik tendiert, es wurde mit aller Klarheit nach dieser Politik hin tendiert. Und namentlich alle Balkanfragen, einschließlich derjenigen, durch die man im Berliner Vertrag den ahnungslosen Mitteleuropäern Bosnien und die Herzegowina zugeschanzt hat, alle diese Fragen wurden schon unter diesem Gesichtspunkte behandelt. Die ganze Behandlung des türkischen Problems von seiten der angelsächsischen Welt steht unter diesem Gesichtspunkt, und man hoffte, daß die sozialistischen Experimente, dadurch daß sie sich so abspielen, wie sie sich abspielen müssen, wenn die in die Irre gehende Proletarierwelt sich nach marxistischen oder ähnlichen Prinzipien richtet, daß dann diese sozialistischen Experimente auch für die Welt der Arbeiter eine deutliche Lehre sein werden in ihrem Ausgehen, in der Nichtigkeit, in der Zerstörung eine deutliche Lehre sein werden, daß man es so auch nicht machen könne. Man wird also die westliche Welt dadurch schützen, daß man im Osten zeigen wird, was der Sozialismus anrichtet, wenn er sich so verbreiten kann, wie man es für die westliche Welt nicht will.
[ 11 ] Sie sehen, diese Dinge, von denen es durchaus auch möglich sein wird, sie vollhistorisch zu begründen, sind das, was seit Jahrzehnten der europäischen Situation, der Weltsituation überhaupt zugrunde liegt. Und aus diesen Dingen geht dann, ich möchte sagen, das hervor, was eine mehr nun schon gegen die physische Welt zu gelegene Ebene des weltgeschichtlichen Geschehens zeigt. Wir brauchen nur ganz aufmerksam dasjenige zu lesen, was der Phantast Woodrow Wilson, der aber doch im gegenwärtigen Sinne ein guter Historiker ist, in seinen verschiedenen Reden durch seine Worte hindurchscheinen läßt. Aber wir brauchen das nur, um ein Symptom für das zu haben, was ich sagen will. Durch die ganze neuere Geschichte herauf hat sich ergeben, daß der Orient, wenn man das auch gewöhnlich nicht bemerkt, eine Art von Diskussionsproblem für die ganze europäische Zivilisation ist. Es bleibt dem objektiven Beobachter doch nichts anderes übrig, als sich zu sagen: Durch die weltgeschichtlichen Ereignisse der neueren Zeit ist England begünstigt worden in einer gewissen Inaugurierung der Ihnen charakterisierten Mission. Das geht weit zurück, zurück bis zu der Auffindung der Möglichkeit, auf dem Seewege nach Indien zu kommen. Von diesem Freignis aus geht eigentlich im Grunde genommen auf verschiedenen Umwegen die ganze Konfiguration der neueren englischen Politik, und da haben Sie — wenn ich Ihnen das kurz schematisch andeuten darf; was ich jetzt sage, müßte man natürlich in vielen Stunden auseinandersetzen, ich kann aber in dieser Fragenbeantwortung die Sache nur andeuten —, da haben Sie das, was ich den Zug der von der englischen Mission getragenen Weltströmung nennen möchte, da haben Sie es so: sie geht von England aus durch den Ozean hindurch um Afrika herum nach Indien. An dieser Linie ist ungeheuer viel zu lernen. Diese Linie ist diejenige, um welche die angelsächsische Weltmission in Wahrheit kämpft und kämpfen wird bis aufs Messer, auch wenn es nötig ist, gegen Amerika bis aufs Messer kämpfen wird. Die andere Linie, die ebenso wichtig ist, das ist diese, die den Landweg darstellt, welche im Mittelalter eine große Rolle spielte, aber durch die Entdeckung Amerikas und durch den Einfall der Türken in Europa für die neueren Wirtschaftsentwickelungen eine Unmöglichkeit geworden ist. Aber zwischen diesen beiden Linien liegt der Balkan, und die angelsächsische Politik geht darauf hin, das Balkanproblem so zu behandeln, daß diese Linie völlig ausgeschaltet wird in bezug auf die Wirtschaftsentwickelung, daß allein die Seelinie sich entwickeln kann. Wer sehen will, kann das, was ich eben jetzt angedeutet habe, in all dem sehen, was sich abgespielt hat vom Jahre 1900 und schon früher bis zu den Balkankriegen, die dem sogenannten Weltkrieg unmittelbar vorangegangen sind, und bis zum Jahre 1914.
[ 11 ] Sie sehen, diese Dinge, von denen es durchaus auch möglich sein wird, sie vollhistorisch zu begründen, sind das, was seit Jahrzehnten der europäischen Situation, der Weltsituation überhaupt zugrunde liegt. Und aus diesen Dingen geht dann, ich möchte sagen, das hervor, was eine mehr nun schon gegen die physische Welt zu gelegene Ebene des weltgeschichtlichen Geschehens zeigt. Wir brauchen nur ganz aufmerksam dasjenige zu lesen, was der Phantast Woodrow Wilson, der aber doch im gegenwärtigen Sinne ein guter Historiker ist, in seinen verschiedenen Reden durch seine Worte hindurchscheinen läßt. Aber wir brauchen das nur, um ein Symptom für das zu haben, was ich sagen will. Durch die ganze neuere Geschichte herauf hat sich ergeben, daß der Orient, wenn man das auch gewöhnlich nicht bemerkt, eine Art von Diskussionsproblem für die ganze europäische Zivilisation ist. Es bleibt dem objektiven Beobachter doch nichts anderes übrig, als sich zu sagen: Durch die weltgeschichtlichen Ereignisse der neueren Zeit ist England begünstigt worden in einer gewissen Inaugurierung der Ihnen charakterisierten Mission. Das geht weit zurück, zurück bis zu der Auffindung der Möglichkeit, auf dem Seewege nach Indien zu kommen. Von diesem Freignis aus geht eigentlich im Grunde genommen auf verschiedenen Umwegen die ganze Konfiguration der neueren englischen Politik, und da haben Sie — wenn ich Ihnen das kurz schematisch andeuten darf; was ich jetzt sage, müßte man natürlich in vielen Stunden auseinandersetzen, ich kann aber in dieser Fragenbeantwortung die Sache nur andeuten —, da haben Sie das, was ich den Zug der von der englischen Mission getragenen Weltströmung nennen möchte, da haben Sie es so: sie geht von England aus durch den Ozean hindurch um Afrika herum nach Indien. An dieser Linie ist ungeheuer viel zu lernen. Diese Linie ist diejenige, um welche die angelsächsische Weltmission in Wahrheit kämpft und kämpfen wird bis aufs Messer, auch wenn es nötig ist, gegen Amerika bis aufs Messer kämpfen wird. Die andere Linie, die ebenso wichtig ist, das ist diese, die den Landweg darstellt, welche im Mittelalter eine große Rolle spielte, aber durch die Entdeckung Amerikas und durch den Einfall der Türken in Europa für die neueren Wirtschaftsentwickelungen eine Unmöglichkeit geworden ist. Aber zwischen diesen beiden Linien liegt der Balkan, und die angelsächsische Politik geht darauf hin, das Balkanproblem so zu behandeln, daß diese Linie völlig ausgeschaltet wird in bezug auf die Wirtschaftsentwickelung, daß allein die Seelinie sich entwickeln kann. Wer sehen will, kann das, was ich eben jetzt angedeutet habe, in all dem sehen, was sich abgespielt hat vom Jahre 1900 und schon früher bis zu den Balkankriegen, die dem sogenannten Weltkrieg unmittelbar vorangegangen sind, und bis zum Jahre 1914.
[ 12 ] Ein anderes liegt da noch vor, das Verhältnis von England zu Rußland. Diese Linie interessiert selbstverständlich Rußland gar nicht; aber Rußland interessiert sein eigenes Verhalten zu dieser Linie. England hat ja, wie Sie bereits gesehen haben, mit Rußland etwas Besonderes vor, das sozialistische Experiment, und es muß daher seine ganze Politik daraufhin anlegen, daß auf der einen Seite diese Wirtschaftslinie zustande komme, und auf der anderen Seite Rußland so eingeengt und eingedämmt werde, daß es zu den sozialistischen Experimenten eben den Boden hergeben könne. Das war im Grunde genommen dennoch die Weltsituation. Alles dasjenige, was getan worden ist bis zum Jahre 1914 auf dem Gebiete der Weltpolitik, steht unter dem Einfluß dieser Welttendenz. Wie gesagt, es gehörten viele Stunden dazu, um das im einzelnen auszuführen; ich wollte es aber hier zunächst wenigstens andeuten.
[ 12 ] Ein anderes liegt da noch vor, das Verhältnis von England zu Rußland. Diese Linie interessiert selbstverständlich Rußland gar nicht; aber Rußland interessiert sein eigenes Verhalten zu dieser Linie. England hat ja, wie Sie bereits gesehen haben, mit Rußland etwas Besonderes vor, das sozialistische Experiment, und es muß daher seine ganze Politik daraufhin anlegen, daß auf der einen Seite diese Wirtschaftslinie zustande komme, und auf der anderen Seite Rußland so eingeengt und eingedämmt werde, daß es zu den sozialistischen Experimenten eben den Boden hergeben könne. Das war im Grunde genommen dennoch die Weltsituation. Alles dasjenige, was getan worden ist bis zum Jahre 1914 auf dem Gebiete der Weltpolitik, steht unter dem Einfluß dieser Welttendenz. Wie gesagt, es gehörten viele Stunden dazu, um das im einzelnen auszuführen; ich wollte es aber hier zunächst wenigstens andeuten.
[ 13 ] Dasjenige, was nun dem gegenübersteht, und was ich durchleuchten ließ, als ich im Jahre 1919 meinen Aufruf «An das deutsche Volk und die Kulturwelt» schrieb, das ist die andere Tatsache, daß man sich leider immer in Mitteleuropa verschlossen hat dagegen, daran zu glauben, daß man eine politische Einstellung gewinnen müsse unter dem Gesichtspunkt solcher großzügigen historischen Impulse. Man konnte es innerhalb Europas, innerhalb des Kontinentes leider nicht dazu bringen, daß sich irgend jemand eingelassen hätte darauf, die Maßregeln, die getroffen wurden, unter dem Gesichtswinkel zu betrachten, daß man es mit solch großzügigen Tendenzen zu tun hatte. Sehen Sie, da kommen dann die Leute und sagen: Du mußt praktische Politik machen! Der Politiker muß ein Praktiker sein! — Nun lassen Sie mich durch ein Beispiel klarmachen, was eigentlich die Praktik solcher Leute bedeutet. Es gibt zahlreiche Leute, die sagen: Das ist alles Humbug, was da die Stuttgarter machen mit ihrer Dreigliederung, mit ihrem «Kommenden Tag» und so weiter. Das ist alles unpraktisch, das sind unpraktische Idealisten! — Nun, stellen Sie diese Leute jetzt vor Ihre Seele hin und denken Sie, wie es hoffentlich sein wird, es kämen die Jahre, wo wir — wenn ich mich so ausdrücken darf — Glück gehabt haben, wo wir etwas geleistet haben, errungen haben, was in der Welt dasteht. Dann werden Sie sehen, daß dieselben Leute, die jetzt sagen: Das alles ist unpraktisches Zeug —, dann kommen und sich anstellen lassen wollen, daß sie ihre praktischen Kenntnisse dann ausnützen wollen, um mit all ihrer Redekraft und Tätigkeit das zu verbreiten, was sie vorher als das unpraktische Zeug ausgeschrien haben. Dann wird die Sache plötzlich als praktisch angesehen. Das ist der einzige Gesichtspunkt, den diese Leute für ihre Praxis haben. Worum es sich dabei immer handelt, ist dies: man muß einsehen, daß die Dinge an ihrem Ursprung betrachtet werden müssen und daß dasjenige, was die «praktischen» Unpraktiker «unpraktisch» nennen, etwas ist, was oftmals gerade als ihrer Praktik zugrunde liegend gesucht wird. Sie wollen sich nur in die Dinge nicht versetzen, und dadurch sind sie zunächst unbrauchbar für dasjenige, was in Wirklichkeit geschieht.
[ 13 ] Dasjenige, was nun dem gegenübersteht, und was ich durchleuchten ließ, als ich im Jahre 1919 meinen Aufruf «An das deutsche Volk und die Kulturwelt» schrieb, das ist die andere Tatsache, daß man sich leider immer in Mitteleuropa verschlossen hat dagegen, daran zu glauben, daß man eine politische Einstellung gewinnen müsse unter dem Gesichtspunkt solcher großzügigen historischen Impulse. Man konnte es innerhalb Europas, innerhalb des Kontinentes leider nicht dazu bringen, daß sich irgend jemand eingelassen hätte darauf, die Maßregeln, die getroffen wurden, unter dem Gesichtswinkel zu betrachten, daß man es mit solch großzügigen Tendenzen zu tun hatte. Sehen Sie, da kommen dann die Leute und sagen: Du mußt praktische Politik machen! Der Politiker muß ein Praktiker sein! — Nun lassen Sie mich durch ein Beispiel klarmachen, was eigentlich die Praktik solcher Leute bedeutet. Es gibt zahlreiche Leute, die sagen: Das ist alles Humbug, was da die Stuttgarter machen mit ihrer Dreigliederung, mit ihrem «Kommenden Tag» und so weiter. Das ist alles unpraktisch, das sind unpraktische Idealisten! — Nun, stellen Sie diese Leute jetzt vor Ihre Seele hin und denken Sie, wie es hoffentlich sein wird, es kämen die Jahre, wo wir — wenn ich mich so ausdrücken darf — Glück gehabt haben, wo wir etwas geleistet haben, errungen haben, was in der Welt dasteht. Dann werden Sie sehen, daß dieselben Leute, die jetzt sagen: Das alles ist unpraktisches Zeug —, dann kommen und sich anstellen lassen wollen, daß sie ihre praktischen Kenntnisse dann ausnützen wollen, um mit all ihrer Redekraft und Tätigkeit das zu verbreiten, was sie vorher als das unpraktische Zeug ausgeschrien haben. Dann wird die Sache plötzlich als praktisch angesehen. Das ist der einzige Gesichtspunkt, den diese Leute für ihre Praxis haben. Worum es sich dabei immer handelt, ist dies: man muß einsehen, daß die Dinge an ihrem Ursprung betrachtet werden müssen und daß dasjenige, was die «praktischen» Unpraktiker «unpraktisch» nennen, etwas ist, was oftmals gerade als ihrer Praktik zugrunde liegend gesucht wird. Sie wollen sich nur in die Dinge nicht versetzen, und dadurch sind sie zunächst unbrauchbar für dasjenige, was in Wirklichkeit geschieht.
[ 14 ] Solch eine Praxis ungefähr war auch diejenige, die von den Politikern Europas befolgt worden ist. Das kann schon nicht anders gesagt werden. Und es handelt sich durchaus darum, einzusehen, daß die Nichtigkeit, das Ankommen auf dem Nullpunkt in bezug auf diese Politik ein tragisches Verhältnis Mitteleuropas war, als die Dinge sich zur Entscheidung drängten. Das, um was es sich da handelt, ist also, daß man auch einsehen muß: Unbedingt notwendig ist es, daß wir in Mitteleuropa dazu kommen, uns auf die Höhe eines großzügigen, vom Geist getragenen politischen Gesichtspunktes zu erheben. Ohne das können wir durchaus aus den Wirren der Gegenwart nicht herauskommen. Entschließen wir uns nicht dazu, dann kommt immer nur das zustande, was wir jetzt sich abspielen sehen. Ich bin der Ansicht, daß die politischen Probleme, die heute noch immer unter dem Einfluß der alten Maximen behandelt werden, so verknäuelt und so verworren sind, daß sie zunächst eben aus diesen alten Impulsen heraus überhaupt nicht gelöst werden können. Und nehmen wir an, die Entente-Staatsmänner hätten sich zusammengesetzt — ich sage Ihnen das als etwas, was ich mir als ehrliche Ansicht gebildet habe — und hätten, meinetwillen sogar unter der Führung von Lloyd George, diejenigen Friedensforderungen ausgeheckt, die sie vor der Londoner Konferenz in die Welt hinausgesetzt haben; aber nehmen wir an, sie hätten dann durch irgendein Ereignis die Ausarbeitungen dieser Friedensforderungen verloren und sie hätten sogar vergessen, wie diese Friedensforderungen gewesen waren — natürlich ist das eine unmögliche Hypothese, aber ich will dadurch etwas ausdrücken —, und nun nehmen wir an, Simons hätte dieses Elaborat zugestellt erhalten und hätte von seiner Seite aus diese selben Forderungen gestellt, ganz wörtlich gestellt sogar, ich bin überzeugt, sie wären zurückgewiesen worden mit derselben Entrüstung, mit der die Angebote Simons auf der Londoner Konferenz zurückgewiesen worden sind. Denn es handelt sich nicht um lösbare Probleme, sondern darum, daß man herumredet über Probleme, die zunächst unlösbar sind von diesem Gesichtspunkte aus. Das ist das, was durchaus für denjenigen, der die Wahrheit sucht auf diesem Gebiete, eben ausgesprochen werden muß.
[ 14 ] Solch eine Praxis ungefähr war auch diejenige, die von den Politikern Europas befolgt worden ist. Das kann schon nicht anders gesagt werden. Und es handelt sich durchaus darum, einzusehen, daß die Nichtigkeit, das Ankommen auf dem Nullpunkt in bezug auf diese Politik ein tragisches Verhältnis Mitteleuropas war, als die Dinge sich zur Entscheidung drängten. Das, um was es sich da handelt, ist also, daß man auch einsehen muß: Unbedingt notwendig ist es, daß wir in Mitteleuropa dazu kommen, uns auf die Höhe eines großzügigen, vom Geist getragenen politischen Gesichtspunktes zu erheben. Ohne das können wir durchaus aus den Wirren der Gegenwart nicht herauskommen. Entschließen wir uns nicht dazu, dann kommt immer nur das zustande, was wir jetzt sich abspielen sehen. Ich bin der Ansicht, daß die politischen Probleme, die heute noch immer unter dem Einfluß der alten Maximen behandelt werden, so verknäuelt und so verworren sind, daß sie zunächst eben aus diesen alten Impulsen heraus überhaupt nicht gelöst werden können. Und nehmen wir an, die Entente-Staatsmänner hätten sich zusammengesetzt — ich sage Ihnen das als etwas, was ich mir als ehrliche Ansicht gebildet habe — und hätten, meinetwillen sogar unter der Führung von Lloyd George, diejenigen Friedensforderungen ausgeheckt, die sie vor der Londoner Konferenz in die Welt hinausgesetzt haben; aber nehmen wir an, sie hätten dann durch irgendein Ereignis die Ausarbeitungen dieser Friedensforderungen verloren und sie hätten sogar vergessen, wie diese Friedensforderungen gewesen waren — natürlich ist das eine unmögliche Hypothese, aber ich will dadurch etwas ausdrücken —, und nun nehmen wir an, Simons hätte dieses Elaborat zugestellt erhalten und hätte von seiner Seite aus diese selben Forderungen gestellt, ganz wörtlich gestellt sogar, ich bin überzeugt, sie wären zurückgewiesen worden mit derselben Entrüstung, mit der die Angebote Simons auf der Londoner Konferenz zurückgewiesen worden sind. Denn es handelt sich nicht um lösbare Probleme, sondern darum, daß man herumredet über Probleme, die zunächst unlösbar sind von diesem Gesichtspunkte aus. Das ist das, was durchaus für denjenigen, der die Wahrheit sucht auf diesem Gebiete, eben ausgesprochen werden muß.
[ 15 ] Nun, jetzt gehen wir noch, ich möchte sagen, um eine Schichte tiefer gegen die rein physischen Ereignisse herunter. Sie wissen, den äußeren Anfang hat die Kriegskatastrophe genommen mit dem serbischen Ultimatum. Über die Veranlassung desselben, über all dasjenige, was vorangegangen ist diesem Ultimatum, habe ich ja so oft gesprochen, und es wird Ihnen möglich sein, sich über diese Dinge zu informieren, so daß ich eben heute durchaus mehr kursorisch reden darf. Es ging aus von dem österreichischen Ultimatum an Serbien der ganze Kreis, der ganze Zirkel von Verwicklungen. Nun, derjenige, der die österreichische Politik kennt, der namentlich die historische Entwickelung dieser österreichischen Politik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennt, der weiß, daß dieses österreichisch-serbische Ultimatum zwar ein kriegerisches Vabanquespiel war, daß es aber, nachdem man die Politik, die getrieben worden ist, gemacht hatte, dann eine historische Notwendigkeit war. Man kann nicht etwas anderes sagen als dieses: Die österreichische Politik spielte sich auf einem Territorium ab, in dem es einfach von den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an unmöglich war, mit den alten Regierungsprinzipien fortzuwursteln, und daß man fortwurstelte, das ist nicht ein von mir erfundener Ausdruck, das hat der Graf Taaffe, dessen Namen man in Österreich oftmals geschrieben hat «Ta-affe», im Parlament ja selbst gesagt. Er hat gesagt: Wir können nichts anderes machen, als fortwursteln.
[ 15 ] Nun, jetzt gehen wir noch, ich möchte sagen, um eine Schichte tiefer gegen die rein physischen Ereignisse herunter. Sie wissen, den äußeren Anfang hat die Kriegskatastrophe genommen mit dem serbischen Ultimatum. Über die Veranlassung desselben, über all dasjenige, was vorangegangen ist diesem Ultimatum, habe ich ja so oft gesprochen, und es wird Ihnen möglich sein, sich über diese Dinge zu informieren, so daß ich eben heute durchaus mehr kursorisch reden darf. Es ging aus von dem österreichischen Ultimatum an Serbien der ganze Kreis, der ganze Zirkel von Verwicklungen. Nun, derjenige, der die österreichische Politik kennt, der namentlich die historische Entwickelung dieser österreichischen Politik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennt, der weiß, daß dieses österreichisch-serbische Ultimatum zwar ein kriegerisches Vabanquespiel war, daß es aber, nachdem man die Politik, die getrieben worden ist, gemacht hatte, dann eine historische Notwendigkeit war. Man kann nicht etwas anderes sagen als dieses: Die österreichische Politik spielte sich auf einem Territorium ab, in dem es einfach von den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an unmöglich war, mit den alten Regierungsprinzipien fortzuwursteln, und daß man fortwurstelte, das ist nicht ein von mir erfundener Ausdruck, das hat der Graf Taaffe, dessen Namen man in Österreich oftmals geschrieben hat «Ta-affe», im Parlament ja selbst gesagt. Er hat gesagt: Wir können nichts anderes machen, als fortwursteln.
[ 16 ] Nun, die Notwendigkeit lag eben vor, gerade aus den komplizierten österreichischen Verhältnissen heraus, überzugehen zu einer klaren Einsicht in die Frage: Wie hat irgendeine Assoziation von Volkstümern dasjenige zu studieren, was geistige Angelegenheiten sind-, und in einem Assoziationsstaate, wie es der österreichische war, lag durchaus in den nationalen Fragen so etwas vor wie die Ausflüsse des geistigen Lebens. Diese Frage hat die österreichische Politik nicht einmal ordentlich anzuschauen begonnen, geschweige denn in Wirklichkeit studiert. Und wenn ich Überschau halte mit einem gewissen Willen, die Dinge zu wägen, sie nicht nach Leidenschaften bloß zu gruppieren oder aus der äußeren Geschichte herzunehmen, so erscheinen mir doch in der Vorgeschichte des serbischen Ultimatums andere Dinge ausschlaggebender noch als das, wozu sich dann die Ereignisse zusammengeballt haben, als die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand. Ich sehe da hin zum Beispiel auf den Umstand, daß sich vom Herbste des Jahres 1911 in das Jahr 1912 hinein wirtschaftliche Debatten im österreichischen Parlament abgespielt haben, die ja bis auf die Straße hinaus bedeutsam geworden sind, und die immer an die dazumal in Österreich bestehenden Verhältnisse anknüpften. Auf der einen Seite wurde dazumal eine ganze Anzahl von Betrieben stillgelegt aus dem Grunde, weil die ganze österreichische Politik so in die Enge getrieben war, daß sie sich nicht auskannte und in fruchtloser Weise versuchte, neue Absatzmärkte zu finden, aber diese nicht finden konnte. Das führte dann im Jahre 1912 zur Stillegung zahlreicher Betriebe und dazu, daß die Preise ungeheuer stiegen. Teuerungsunruhen, die bis zum Revolutionären gingen, entstanden dazumal in Wien und in anderen Gegenden Österreichs, und die Teuerungsdebatten, an denen der verstorbene Abgeordnete Adler einen so großen Anteil nahm im österreichischen Parlament, führten dazu, daß von der Galerie aus auf den Justizminister fünf Schüsse abgegeben wurden. Diese waren das Signal; so läßt sich in Österreich nicht weiter fortwirtschaften, so läßt sich das wirtschaftliche Leben nicht aufrechterhalten. Was hat der Zwischenminister Gautsch dazumal als einen Hauptinhalt seiner Rede gefunden? Er sagte, daß man sich mit aller Energie, das heißt mit den alten administrativen Maßregeln Österreichs, dafür einsetzen müsse, daß die Agitation gegen die Teuerung verschwinde. Das bezeugt Ihnen die Stimmung nach der anderen Seite hin.
[ 16 ] Nun, die Notwendigkeit lag eben vor, gerade aus den komplizierten österreichischen Verhältnissen heraus, überzugehen zu einer klaren Einsicht in die Frage: Wie hat irgendeine Assoziation von Volkstümern dasjenige zu studieren, was geistige Angelegenheiten sind-, und in einem Assoziationsstaate, wie es der österreichische war, lag durchaus in den nationalen Fragen so etwas vor wie die Ausflüsse des geistigen Lebens. Diese Frage hat die österreichische Politik nicht einmal ordentlich anzuschauen begonnen, geschweige denn in Wirklichkeit studiert. Und wenn ich Überschau halte mit einem gewissen Willen, die Dinge zu wägen, sie nicht nach Leidenschaften bloß zu gruppieren oder aus der äußeren Geschichte herzunehmen, so erscheinen mir doch in der Vorgeschichte des serbischen Ultimatums andere Dinge ausschlaggebender noch als das, wozu sich dann die Ereignisse zusammengeballt haben, als die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand. Ich sehe da hin zum Beispiel auf den Umstand, daß sich vom Herbste des Jahres 1911 in das Jahr 1912 hinein wirtschaftliche Debatten im österreichischen Parlament abgespielt haben, die ja bis auf die Straße hinaus bedeutsam geworden sind, und die immer an die dazumal in Österreich bestehenden Verhältnisse anknüpften. Auf der einen Seite wurde dazumal eine ganze Anzahl von Betrieben stillgelegt aus dem Grunde, weil die ganze österreichische Politik so in die Enge getrieben war, daß sie sich nicht auskannte und in fruchtloser Weise versuchte, neue Absatzmärkte zu finden, aber diese nicht finden konnte. Das führte dann im Jahre 1912 zur Stillegung zahlreicher Betriebe und dazu, daß die Preise ungeheuer stiegen. Teuerungsunruhen, die bis zum Revolutionären gingen, entstanden dazumal in Wien und in anderen Gegenden Österreichs, und die Teuerungsdebatten, an denen der verstorbene Abgeordnete Adler einen so großen Anteil nahm im österreichischen Parlament, führten dazu, daß von der Galerie aus auf den Justizminister fünf Schüsse abgegeben wurden. Diese waren das Signal; so läßt sich in Österreich nicht weiter fortwirtschaften, so läßt sich das wirtschaftliche Leben nicht aufrechterhalten. Was hat der Zwischenminister Gautsch dazumal als einen Hauptinhalt seiner Rede gefunden? Er sagte, daß man sich mit aller Energie, das heißt mit den alten administrativen Maßregeln Österreichs, dafür einsetzen müsse, daß die Agitation gegen die Teuerung verschwinde. Das bezeugt Ihnen die Stimmung nach der anderen Seite hin.
[ 17 ] Das geistige Leben spielte sich in den nationalen Kämpfen ab. Das wirtschaftliche Leben war in eine Sackgasse getrieben — das können Sie in allen Einzelheiten studieren —, aber niemand hatte Herz und Sinn dafür, daß es notwendig sei, die Bedingungen der weiteren Entwickelung des geistigen Lebens und des wirtschaftlichen Lebens abgesondert von den alten Staatsansichten, die gerade in Österreich sich in ihrer Nullität zeigten, zu studieren. In Österreich zeigte sich die Notwendigkeit, das Studium der weltgeschichtlichen Angelegenheiten so in Angriff zu nehmen, daß die Sache hinarbeitete auf eine Dreigliederung des sozialen Organismus. Das geht einfach aus solchen Tatsachen hervor, wie ich sie jetzt geschildert habe. Daran wollte niemand denken, und weil niemand daran denken wollte, deshalb spielten sich die Dinge so ab. Sehen Sie, dasjenige, was sich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, im Beginne derselben, unter dem Einfluß der Wirkungen des Berliner Kongresses abspielte in Österreich, man braucht es nur mit ein paar Strichen zu beleuchten und man wird sehen, welche Kräfte da spielten. In Österreich waren die Verhältnisse schon im Beginne der achtziger Jahre so weit gediehen, ja sogar noch früher, daß der polnische Abgeordnete Otto Hausner im öffentlichen Parlamente die Worte aussprach: Wenn man so fortarbeitet in der österreichischen Politik, so werden wir in drei Jahren überhaupt kein Parlament mehr haben, sondern etwas ganz anderes. — Er meinte das staatliche Chaos. Nun natürlich, man übertreibt in solchen Auseinandersetzungen, man macht Hyperbeln. Es kam nicht in drei Jahren schon, es kam aber in einigen Jahrzehnten, was er für die Zukunft der nächsten drei Jahre prophezeit hatte.
[ 17 ] Das geistige Leben spielte sich in den nationalen Kämpfen ab. Das wirtschaftliche Leben war in eine Sackgasse getrieben — das können Sie in allen Einzelheiten studieren —, aber niemand hatte Herz und Sinn dafür, daß es notwendig sei, die Bedingungen der weiteren Entwickelung des geistigen Lebens und des wirtschaftlichen Lebens abgesondert von den alten Staatsansichten, die gerade in Österreich sich in ihrer Nullität zeigten, zu studieren. In Österreich zeigte sich die Notwendigkeit, das Studium der weltgeschichtlichen Angelegenheiten so in Angriff zu nehmen, daß die Sache hinarbeitete auf eine Dreigliederung des sozialen Organismus. Das geht einfach aus solchen Tatsachen hervor, wie ich sie jetzt geschildert habe. Daran wollte niemand denken, und weil niemand daran denken wollte, deshalb spielten sich die Dinge so ab. Sehen Sie, dasjenige, was sich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, im Beginne derselben, unter dem Einfluß der Wirkungen des Berliner Kongresses abspielte in Österreich, man braucht es nur mit ein paar Strichen zu beleuchten und man wird sehen, welche Kräfte da spielten. In Österreich waren die Verhältnisse schon im Beginne der achtziger Jahre so weit gediehen, ja sogar noch früher, daß der polnische Abgeordnete Otto Hausner im öffentlichen Parlamente die Worte aussprach: Wenn man so fortarbeitet in der österreichischen Politik, so werden wir in drei Jahren überhaupt kein Parlament mehr haben, sondern etwas ganz anderes. — Er meinte das staatliche Chaos. Nun natürlich, man übertreibt in solchen Auseinandersetzungen, man macht Hyperbeln. Es kam nicht in drei Jahren schon, es kam aber in einigen Jahrzehnten, was er für die Zukunft der nächsten drei Jahre prophezeit hatte.
[ 18 ] Ich könnte Unzähliges anführen gerade aus den Parlamentsdebatten Österreichs um die Wende der siebziger und achtziger Jahre, woraus Ihnen hervorgehen würde, wie man in Österreich sah, daß auch das Agrarproblem in furchtbarer Weise heraufrückte. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut, wie dazumal anschließend an die Rechtfertigung des Baues der Arlbergbahn es ausgesprochen wurde von einzelnen Politikern der verschiedensten Schattierungen, daß man den Bau dieser Bahn in Angriff nehmen müsse, weil sich zeige, daß es einfach nicht mehr gehe, agrarisch richtig fortzuarbeiten, wenn in derselben Weise wie früher von Westen her die ungeheure Influenz mit landwirtschaftlichen Produkten so weiterginge. Selbstverständlich war das Problem nicht in der richtigen Weise angefaßt, aber es war eine richtige Prophetie gesprochen. Und alle diese Dinge-man könnte Hunderte anführen — würden zeigen, wie Österreich zuletzt, im Jahre 1914, so weit war, daß es sich sagen mußte: Entweder können wir nicht mehr weiter, wir müssen als Staat abdanken, wir müssen sagen, wir sind hilflos! — oder wir müssen durch ein Vabanquespiel, durch irgend etwas, was einer Oberschichte Prestige schafft, irgendwie aus der Sache herauskommen. — Wer überhaupt auf dem Standpunkte stand, Österreich solle weiterbestehen — und ich möchte wissen, wie ein österreichischer Staatsmann hätte ein Staatsmann bleiben können, wenn er nicht diesen Standpunkt gehabt hätte —, selbst wenn er ein solcher Tropf war wie Graf Berchtold, konnte sich nicht anders sagen als: Es muß so etwas geschehen —, man konnte eben nicht anders, als ein Vabanquespiel spielen. Mag es von gewissen Gesichtspunkten aus noch so eigenartig erscheinen, man muß das in seinen historischen Impulsen begreifen.
[ 18 ] Ich könnte Unzähliges anführen gerade aus den Parlamentsdebatten Österreichs um die Wende der siebziger und achtziger Jahre, woraus Ihnen hervorgehen würde, wie man in Österreich sah, daß auch das Agrarproblem in furchtbarer Weise heraufrückte. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut, wie dazumal anschließend an die Rechtfertigung des Baues der Arlbergbahn es ausgesprochen wurde von einzelnen Politikern der verschiedensten Schattierungen, daß man den Bau dieser Bahn in Angriff nehmen müsse, weil sich zeige, daß es einfach nicht mehr gehe, agrarisch richtig fortzuarbeiten, wenn in derselben Weise wie früher von Westen her die ungeheure Influenz mit landwirtschaftlichen Produkten so weiterginge. Selbstverständlich war das Problem nicht in der richtigen Weise angefaßt, aber es war eine richtige Prophetie gesprochen. Und alle diese Dinge-man könnte Hunderte anführen — würden zeigen, wie Österreich zuletzt, im Jahre 1914, so weit war, daß es sich sagen mußte: Entweder können wir nicht mehr weiter, wir müssen als Staat abdanken, wir müssen sagen, wir sind hilflos! — oder wir müssen durch ein Vabanquespiel, durch irgend etwas, was einer Oberschichte Prestige schafft, irgendwie aus der Sache herauskommen. — Wer überhaupt auf dem Standpunkte stand, Österreich solle weiterbestehen — und ich möchte wissen, wie ein österreichischer Staatsmann hätte ein Staatsmann bleiben können, wenn er nicht diesen Standpunkt gehabt hätte —, selbst wenn er ein solcher Tropf war wie Graf Berchtold, konnte sich nicht anders sagen als: Es muß so etwas geschehen —, man konnte eben nicht anders, als ein Vabanquespiel spielen. Mag es von gewissen Gesichtspunkten aus noch so eigenartig erscheinen, man muß das in seinen historischen Impulsen begreifen.
[ 19 ] Nun, da haben wir sozusagen den Ausgangspunkt an einem Orte. Betrachten Sie diesen Ausgangspunkt einmal an einem anderen Orte, nämlich in Berlin. Nun, da möchte ich Ihnen zunächst ganz objektiv, um Ihnen einen Begriff zu geben von dem, was da wirkte, einiges rein Tatsächliche sagen: Sehen Sie — bitte, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich auch da ganz objektiv charakterisiere —, im Jahre 1905 wurde derjenige Mann, auf dessen Schultern 1914 in Berlin dennoch die Entscheidung lag über Krieg und Frieden, der damalige General und spätere Generaloberst vor Moltke, zum Generalstabschef ernannt. Damals bei der Ernennung hat sich folgende Szene abgespielt — ich schildere so kurz als möglich —: Der General von Moltke konnte seiner Überzeugung nach das verantwortungsvolle Amt des Generalstabschefs nicht übernehmen, wenn er sich nicht erst mit dem obersten Kriegsherrn, dem Kaiser, auseinandersetzte über die Bedingungen der Annahme dieses Amtes. Und diese Auseinandersetzung hatte etwa folgenden Verlauf. Es handelte sich darum, daß bis dahin durch die Stellung der Generalität zu dem obersten Kriegsherrn die Sache so war, daß dieser — Sie haben das vielleicht da oder dort schon selber nachgelesen — oftmals bei den Manövern den Oberbefehl auf der einen oder anderen Seite führte, und Sie wissen ja, daß dieser oberste Kriegsherr auch regelmäßig gewonnen hat. Nun sagte sich der Mann, der 1905 berufen werden sollte, das verantwortungsvolle Amt des Generalstabschefs zu übernehmen: Natürlich, unter solchen Bedingungen kann man es nicht übernehmen; denn es kann auch einmal ernst werden, und dann soll man sehen, wie man Krieg führen kann unter den Voraussetzungen, unter denen man Manöver zusammenstellen muß, wenn man den obersten Kriegsherrn zum Befehlshaber hat, der doch siegen muß. — Nun beschloß der General von Moltke, dieses in ganz unverhohlener Weise offen und ehrlich dem Kaiser vorzutragen. Der Kaiser war außerordentlich erstaunt darüber, daß ihm seine zum Generalstabschef zu ernennende Persönlichkeit sagte, es ginge doch nicht, denn eigentlich verstünde der Kaiser nicht im Ernstfall einen Krieg zu führen. Also müsse man die Dinge so vorbereiten, daß sie im Ernstfalle auch gelten könnten, und er könne das Amt des Generalstabschefs nur übernehmen, wenn der Kaiser verzichte auf die Führung irgendeiner Seite. Der Kaiser sagte: Ja, aber wie liegt denn die Sache? Habe ich denn nicht wirklich gesiegt? Ist das so gemacht worden? — Er wußte nichts davon, was seine Umgebung gemacht hatte, und erst als man ihm die Augen öffnete, wurde er sich klar darüber, daß das nicht weiterginge, und man muß sogar sagen, er ging dann mit ziemlicher Bereitwilligkeit auf die Bedingungen ein; das soll auch durchaus nicht verschwiegen werden.
[ 19 ] Nun, da haben wir sozusagen den Ausgangspunkt an einem Orte. Betrachten Sie diesen Ausgangspunkt einmal an einem anderen Orte, nämlich in Berlin. Nun, da möchte ich Ihnen zunächst ganz objektiv, um Ihnen einen Begriff zu geben von dem, was da wirkte, einiges rein Tatsächliche sagen: Sehen Sie — bitte, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich auch da ganz objektiv charakterisiere —, im Jahre 1905 wurde derjenige Mann, auf dessen Schultern 1914 in Berlin dennoch die Entscheidung lag über Krieg und Frieden, der damalige General und spätere Generaloberst vor Moltke, zum Generalstabschef ernannt. Damals bei der Ernennung hat sich folgende Szene abgespielt — ich schildere so kurz als möglich —: Der General von Moltke konnte seiner Überzeugung nach das verantwortungsvolle Amt des Generalstabschefs nicht übernehmen, wenn er sich nicht erst mit dem obersten Kriegsherrn, dem Kaiser, auseinandersetzte über die Bedingungen der Annahme dieses Amtes. Und diese Auseinandersetzung hatte etwa folgenden Verlauf. Es handelte sich darum, daß bis dahin durch die Stellung der Generalität zu dem obersten Kriegsherrn die Sache so war, daß dieser — Sie haben das vielleicht da oder dort schon selber nachgelesen — oftmals bei den Manövern den Oberbefehl auf der einen oder anderen Seite führte, und Sie wissen ja, daß dieser oberste Kriegsherr auch regelmäßig gewonnen hat. Nun sagte sich der Mann, der 1905 berufen werden sollte, das verantwortungsvolle Amt des Generalstabschefs zu übernehmen: Natürlich, unter solchen Bedingungen kann man es nicht übernehmen; denn es kann auch einmal ernst werden, und dann soll man sehen, wie man Krieg führen kann unter den Voraussetzungen, unter denen man Manöver zusammenstellen muß, wenn man den obersten Kriegsherrn zum Befehlshaber hat, der doch siegen muß. — Nun beschloß der General von Moltke, dieses in ganz unverhohlener Weise offen und ehrlich dem Kaiser vorzutragen. Der Kaiser war außerordentlich erstaunt darüber, daß ihm seine zum Generalstabschef zu ernennende Persönlichkeit sagte, es ginge doch nicht, denn eigentlich verstünde der Kaiser nicht im Ernstfall einen Krieg zu führen. Also müsse man die Dinge so vorbereiten, daß sie im Ernstfalle auch gelten könnten, und er könne das Amt des Generalstabschefs nur übernehmen, wenn der Kaiser verzichte auf die Führung irgendeiner Seite. Der Kaiser sagte: Ja, aber wie liegt denn die Sache? Habe ich denn nicht wirklich gesiegt? Ist das so gemacht worden? — Er wußte nichts davon, was seine Umgebung gemacht hatte, und erst als man ihm die Augen öffnete, wurde er sich klar darüber, daß das nicht weiterginge, und man muß sogar sagen, er ging dann mit ziemlicher Bereitwilligkeit auf die Bedingungen ein; das soll auch durchaus nicht verschwiegen werden.
[ 20 ] Also, meine sehr verehrten Anwesenden, nachdem ich Ihnen diese Tatsache vorgelegt habe zur Bildung eines eigenen Urteils, bitte ich Sie — und ich darf vielleicht in Parenthese einfügen, es ist heute reichlich Veranlassung gegeben, daß ich in solchen Sachen nicht irgendwie färbe, denn ich kann durch eine hier anwesende Persönlichkeit in jedem Augenblick nachgeprüft werden —, nachdem ich Ihnen diese Tatsache vorgelegt habe, bitte ich Sie auch, nun zu erwägen, wo irgendwelche Verirrungen vorlagen, ob es nicht auch eine ganz eigentümliche Sache war, daß sich um den obersten Kriegsherrn herum Persönlichkeiten fanden — die auch ihre Nachfolgeschaft gefunden haben —, die mindestens nicht so gesprochen haben wie 1905 der spätere Generaloberst von Moltke, sondern die auch nach Übernahme eines Amtes in anderem Sinne gehandelt haben. Es ist heute gar nicht nötig, daß man der Welt immerfort vormacht, man müsse warten bis man die objektiven Tatsachen feststellen könne; es handelt sich nur darum, daß man den ernstlichen Willen habe, auf diese objektiven Tatsachen hinzuweisen.
[ 20 ] Also, meine sehr verehrten Anwesenden, nachdem ich Ihnen diese Tatsache vorgelegt habe zur Bildung eines eigenen Urteils, bitte ich Sie — und ich darf vielleicht in Parenthese einfügen, es ist heute reichlich Veranlassung gegeben, daß ich in solchen Sachen nicht irgendwie färbe, denn ich kann durch eine hier anwesende Persönlichkeit in jedem Augenblick nachgeprüft werden —, nachdem ich Ihnen diese Tatsache vorgelegt habe, bitte ich Sie auch, nun zu erwägen, wo irgendwelche Verirrungen vorlagen, ob es nicht auch eine ganz eigentümliche Sache war, daß sich um den obersten Kriegsherrn herum Persönlichkeiten fanden — die auch ihre Nachfolgeschaft gefunden haben —, die mindestens nicht so gesprochen haben wie 1905 der spätere Generaloberst von Moltke, sondern die auch nach Übernahme eines Amtes in anderem Sinne gehandelt haben. Es ist heute gar nicht nötig, daß man der Welt immerfort vormacht, man müsse warten bis man die objektiven Tatsachen feststellen könne; es handelt sich nur darum, daß man den ernstlichen Willen habe, auf diese objektiven Tatsachen hinzuweisen.
[ 21 ] Und nun braucht man wirklich nicht zu spintisieren über einen Kronrat von 1914, von dem es sicher ist, daß Generaloberst von Moltke keine Ahnung hatte, daß er stattgefunden hat, denn er war im Juli 1914 bis kurz vor Ausbruch des Krieges zur Kur in Karlsbad abwesend. Das ist deshalb wichtig zu betonen, weil, wenn die Rede kommt auf Deutschlands Kriegshetzer, man dann folgendes sagen muß: Gewiß, solche Kriegshetzer hat es gegeben, und wenn man das spezielle Problem der Kriegshetzerei in Angriff nehmen würde, so würde es hapern bei solchen Persönlichkeiten, die ich vorhin auch angeführt habe, wenn man sie ganz weiß waschen wollte. Und schließlich das, was ich gesagt habe, daß man dem — ich weiß nicht, ob er weiß oder schwarz ist — Nikita von Montenegro auch eine harte Last der Kriegsschuld zuschreiben kann, das mag daraus hervorgehen, daß schon am 22. Juli 1914 die beiden Töchter, diese — verzeihen Sie den Ausdruck — dämonischen Frauen in Petersburg, in Anwesenheit von Poincare, bei einer besonders prunkvollen Hoffestlichkeit dem französischen Botschafter, der das Merkwürdige sich geleistet hat, daß er in seinen Memoiren in Altersgeschwätzigkeit die Sache selbst erzählt hat, gesagt haben: Wir leben in einer historischen Zeit; eben kam ein Brief von unserem Vater an, und der weist darauf hin, daß wir in den nächsten Tagen Krieg haben werden. Es wird großartig werden. Deutschland und Österreich werden verschwinden, wir werden uns in Berlin die Hände reichen. Nun, das haben die Töchter des Königs Nikita, Anastasia und Militza, am 22. Juli — ich bitte das Datum zu beachten — dem französischen Botschafter in Petersburg gesagt. Das ist auch eine Tatsache, auf die hingewiesen werden kann.
[ 21 ] Und nun braucht man wirklich nicht zu spintisieren über einen Kronrat von 1914, von dem es sicher ist, daß Generaloberst von Moltke keine Ahnung hatte, daß er stattgefunden hat, denn er war im Juli 1914 bis kurz vor Ausbruch des Krieges zur Kur in Karlsbad abwesend. Das ist deshalb wichtig zu betonen, weil, wenn die Rede kommt auf Deutschlands Kriegshetzer, man dann folgendes sagen muß: Gewiß, solche Kriegshetzer hat es gegeben, und wenn man das spezielle Problem der Kriegshetzerei in Angriff nehmen würde, so würde es hapern bei solchen Persönlichkeiten, die ich vorhin auch angeführt habe, wenn man sie ganz weiß waschen wollte. Und schließlich das, was ich gesagt habe, daß man dem — ich weiß nicht, ob er weiß oder schwarz ist — Nikita von Montenegro auch eine harte Last der Kriegsschuld zuschreiben kann, das mag daraus hervorgehen, daß schon am 22. Juli 1914 die beiden Töchter, diese — verzeihen Sie den Ausdruck — dämonischen Frauen in Petersburg, in Anwesenheit von Poincare, bei einer besonders prunkvollen Hoffestlichkeit dem französischen Botschafter, der das Merkwürdige sich geleistet hat, daß er in seinen Memoiren in Altersgeschwätzigkeit die Sache selbst erzählt hat, gesagt haben: Wir leben in einer historischen Zeit; eben kam ein Brief von unserem Vater an, und der weist darauf hin, daß wir in den nächsten Tagen Krieg haben werden. Es wird großartig werden. Deutschland und Österreich werden verschwinden, wir werden uns in Berlin die Hände reichen. Nun, das haben die Töchter des Königs Nikita, Anastasia und Militza, am 22. Juli — ich bitte das Datum zu beachten — dem französischen Botschafter in Petersburg gesagt. Das ist auch eine Tatsache, auf die hingewiesen werden kann.
[ 22 ] Nun also, man braucht sich, ich möchte sagen, um alle die weniger wichtigen Details im Grunde genommen nicht zu bekümmern. Dagegen wird doch eine bedeutsame Rolle das spielen, daß sich die Dinge bis zum 31. Juli 1914 in Berlin so zuspitzten, daß eigentlich alle Entscheide über Krieg und Frieden in Berlin auf die Schultern von Generaloberst von Moltke gelegt worden sind, und der konnte selbstverständlich aus keinen anderen als aus rein militärischen Untergründen heraus sich ein Urteil bilden über die Situation. Das ist dasjenige, was man wird berücksichtigen müssen; denn zur Beurteilung der Lage in Berlin dazumal ist es eigentlich nötig, daß man genau kennt, ich möchte fast sagen, von Stunde zu Stunde dasjenige, was sich in Berlin abspielte vom Sonnabend etwa um vier Uhr nachmittags bis um elf Uhr nachts. Das waren die entscheidungsvollen Stunden in Berlin, in denen sich eine ungeheure weltgeschichtliche Tragik abgespielt hat. Diese weltgeschichtliche Tragik spielte sich so ab, daß der damalige Generalstabschef aus dem, was geschehen war, oder wenigstens aus alledem, was man in Berlin über das Geschehen wissen konnte, gar nichts anderes tun konnte, als den Generalstabsplan ausführen zu lassen und auszuführen, der seit Jahren vorbereitet war für den Fall, daß etwa das einträte, was zum Schluß doch nur als das Einzutretende hat vorausgesehen werden können.
[ 22 ] Nun also, man braucht sich, ich möchte sagen, um alle die weniger wichtigen Details im Grunde genommen nicht zu bekümmern. Dagegen wird doch eine bedeutsame Rolle das spielen, daß sich die Dinge bis zum 31. Juli 1914 in Berlin so zuspitzten, daß eigentlich alle Entscheide über Krieg und Frieden in Berlin auf die Schultern von Generaloberst von Moltke gelegt worden sind, und der konnte selbstverständlich aus keinen anderen als aus rein militärischen Untergründen heraus sich ein Urteil bilden über die Situation. Das ist dasjenige, was man wird berücksichtigen müssen; denn zur Beurteilung der Lage in Berlin dazumal ist es eigentlich nötig, daß man genau kennt, ich möchte fast sagen, von Stunde zu Stunde dasjenige, was sich in Berlin abspielte vom Sonnabend etwa um vier Uhr nachmittags bis um elf Uhr nachts. Das waren die entscheidungsvollen Stunden in Berlin, in denen sich eine ungeheure weltgeschichtliche Tragik abgespielt hat. Diese weltgeschichtliche Tragik spielte sich so ab, daß der damalige Generalstabschef aus dem, was geschehen war, oder wenigstens aus alledem, was man in Berlin über das Geschehen wissen konnte, gar nichts anderes tun konnte, als den Generalstabsplan ausführen zu lassen und auszuführen, der seit Jahren vorbereitet war für den Fall, daß etwa das einträte, was zum Schluß doch nur als das Einzutretende hat vorausgesehen werden können.
[ 23 ] Die verschiedenen Verbündungen waren durchaus so, daß man in keiner anderen Weise über die europäische Situation denken konnte, als so: Wenn die Balkanwirren sich nach Österreich herübererstrecken, wird sich Rußland unbedingt daran beteiligen. Rußland hat zu seinen Verbündeten Frankreich und England. Sie müssen sich in irgendeiner Weise daran beteiligen. Dann aber läuft automatisch die Sache so — man braucht gar nicht weiter darüber zu fragen —, daß Deutschland und Österreich zusammengehen müssen, und von Italien hatte man die bestimmteste Zusicherung, sogar im einzelnen stipuliert durch eine kurz vorher getroffene Vereinbarung, bis auf die Bestimmung der Divisionszahl sogar, wie es sich an einem eventuellen Kriege beteiligen werde. Das waren die Dinge, die man in Berlin wissen konnte, das waren die Dinge, die ein Mann, der eigentlich gegenüber der Weltsituation nur zweierlei kannte als Ausgangspunkte, vorliegen hatte. Es waren die zwei Maximen, die Generaloberst von Moltke hatte: Erstens, wenn es zu einem Kriege kommt, dann wird dieser Krieg furchtbar sein, ein Entsetzliches wird sich abspielen. Und wer die ganz feine Seele des Generalobersten von Moltke kannte, der wußte, daß nun wahrhaftig leichten Herzens sich eine solche Seele nicht in dasjenige, was sie für das Furchtbarste ansah, würde hineinstürzen können. Das andere war aber eine grenzenlose Hingabe an das Pflichtund Verantwortungsgefühl, und das konnte wiederum nicht anders als so wirken, wie es gewirkt hat.
[ 23 ] Die verschiedenen Verbündungen waren durchaus so, daß man in keiner anderen Weise über die europäische Situation denken konnte, als so: Wenn die Balkanwirren sich nach Österreich herübererstrecken, wird sich Rußland unbedingt daran beteiligen. Rußland hat zu seinen Verbündeten Frankreich und England. Sie müssen sich in irgendeiner Weise daran beteiligen. Dann aber läuft automatisch die Sache so — man braucht gar nicht weiter darüber zu fragen —, daß Deutschland und Österreich zusammengehen müssen, und von Italien hatte man die bestimmteste Zusicherung, sogar im einzelnen stipuliert durch eine kurz vorher getroffene Vereinbarung, bis auf die Bestimmung der Divisionszahl sogar, wie es sich an einem eventuellen Kriege beteiligen werde. Das waren die Dinge, die man in Berlin wissen konnte, das waren die Dinge, die ein Mann, der eigentlich gegenüber der Weltsituation nur zweierlei kannte als Ausgangspunkte, vorliegen hatte. Es waren die zwei Maximen, die Generaloberst von Moltke hatte: Erstens, wenn es zu einem Kriege kommt, dann wird dieser Krieg furchtbar sein, ein Entsetzliches wird sich abspielen. Und wer die ganz feine Seele des Generalobersten von Moltke kannte, der wußte, daß nun wahrhaftig leichten Herzens sich eine solche Seele nicht in dasjenige, was sie für das Furchtbarste ansah, würde hineinstürzen können. Das andere war aber eine grenzenlose Hingabe an das Pflichtund Verantwortungsgefühl, und das konnte wiederum nicht anders als so wirken, wie es gewirkt hat.
[ 24 ] Wenn dazumal dasjenige, was geschehen ist, hätte verhindert werden sollen, dann hätte es verhindert werden müssen von seiten der deutschen Politik aus; es hätte dasjenige verhindert werden müssen, was Sie vielleicht selbst als zu Verhinderndes heraus urteilen, wenn ich Sie auf folgende Tatsachen aufmerksam mache: Es war am Sonnabend Nachmittag; da nahte ja dasjenige heran, was zu einer Entscheidung führen sollte, und da traf denn nach vier Uhr der Generalstabschef von Moltke den Kaiser, Bethmann-Hollweg und eine Reihe von anderen Herren in einer Verfassung, die eigentlich eine ziemlich rosige zu sein schien. Es war eben eine Mitteilung von England gekommen — ich glaube allerdings, man kann diese Mitteilung kaum ordentlich gelesen haben, denn sonst könnte sie nicht so aufgefasst worden sein, wie sie aufgefaßt worden ist —, diese Mitteilung besagte nach der Ansicht der deutschen Politiker, daß man England doch noch zurechtkriegen könnte. Es hatte niemand eine Ahnung von dem unerschütterlichen Glauben an die Mission des Angelsachsentums, dagegen hatte man immer Vogel-Strauß-Politik getrieben, das war tragisch. Jetzt glaubte man, leichten Herzens aus einem solchen Telegramm herauslesen zu können, daß sich die Dinge auch anders abspielen könnten, und es geschah das, daß der Kaiser die Mobilisationsurkunde nicht unterschrieb. Also, ich bemerke ausdrücklich, daß zunächst am Abend des 31. Juli die Mobilisationsurkunde vom Kaiser nicht unterschrieben worden ist, obwohl der Generalstabschef aus seinem militärischen Urteil heraus die Meinung gehabt hat, daß man auf solch eine Depesche nichts geben dürfe, sondern unbedingt der Kriegsplan ausgeführt werden müsse. Statt dessen wurde dem Offizier vom Tage der Auftrag gegeben, in Gegenwart von Moltke, zu telephonieren, daß sich die Truppen im Westen von der feindlichen Grenze zurückzuhalten haben, und der Kaiser hat gesagt: Jetzt brauchen wir ganz gewiß nicht in Belgien einzumarschieren.
[ 24 ] Wenn dazumal dasjenige, was geschehen ist, hätte verhindert werden sollen, dann hätte es verhindert werden müssen von seiten der deutschen Politik aus; es hätte dasjenige verhindert werden müssen, was Sie vielleicht selbst als zu Verhinderndes heraus urteilen, wenn ich Sie auf folgende Tatsachen aufmerksam mache: Es war am Sonnabend Nachmittag; da nahte ja dasjenige heran, was zu einer Entscheidung führen sollte, und da traf denn nach vier Uhr der Generalstabschef von Moltke den Kaiser, Bethmann-Hollweg und eine Reihe von anderen Herren in einer Verfassung, die eigentlich eine ziemlich rosige zu sein schien. Es war eben eine Mitteilung von England gekommen — ich glaube allerdings, man kann diese Mitteilung kaum ordentlich gelesen haben, denn sonst könnte sie nicht so aufgefasst worden sein, wie sie aufgefaßt worden ist —, diese Mitteilung besagte nach der Ansicht der deutschen Politiker, daß man England doch noch zurechtkriegen könnte. Es hatte niemand eine Ahnung von dem unerschütterlichen Glauben an die Mission des Angelsachsentums, dagegen hatte man immer Vogel-Strauß-Politik getrieben, das war tragisch. Jetzt glaubte man, leichten Herzens aus einem solchen Telegramm herauslesen zu können, daß sich die Dinge auch anders abspielen könnten, und es geschah das, daß der Kaiser die Mobilisationsurkunde nicht unterschrieb. Also, ich bemerke ausdrücklich, daß zunächst am Abend des 31. Juli die Mobilisationsurkunde vom Kaiser nicht unterschrieben worden ist, obwohl der Generalstabschef aus seinem militärischen Urteil heraus die Meinung gehabt hat, daß man auf solch eine Depesche nichts geben dürfe, sondern unbedingt der Kriegsplan ausgeführt werden müsse. Statt dessen wurde dem Offizier vom Tage der Auftrag gegeben, in Gegenwart von Moltke, zu telephonieren, daß sich die Truppen im Westen von der feindlichen Grenze zurückzuhalten haben, und der Kaiser hat gesagt: Jetzt brauchen wir ganz gewiß nicht in Belgien einzumarschieren.
[ 25 ] Nun dasjenige, was ich Ihnen sage, steht in Aufzeichnungen, die der Generaloberst von Moltke nach seiner sehr merkwürdig erfolgten Verabschiedung selber aufgeschrieben hat, die veröffentlicht werden sollten im Einverständnis mit Frau von Moltke im Mai 1919, in jenem entscheidenden Augenblick, wo Deutschland davor stand, der Welt die Wahrheit zu sagen unmittelbar vor dem Unterschreiben des Versailler Diktates. Und wer dasjenige liest, das dazumal veröffentlicht werden sollte und was aus der Feder des Herrn von Moltke selber geflossen war, wird keinen Augenblick das Urteil gewinnen können, da diese Dinge so sehr den Ausdruck der innerlichen Ehrlichkeit und Redlichkeit durch sich selbst tragen, daß sie vor dem Versailler Diktat auf die Welt nicht einen bedeutsamen Eindruck gemacht hätten. Nun, die Sache war gedruckt, an einem Dienstagnachmittag gedruckt, am Mittwoch sollte sie erscheinen. Ich will nicht in die Schilderung weiterer Einzelheiten mich einlassen. Es erschien bei mir ein deutscher General, der mir aus einem dicken Konvolut von Akten klarmachen wollte, daß drei Punkte in diesen Aufzeichnungen unrichtig seien. Ich mußte dem General sagen: Ich habe lange Zeit philologisch gearbeitet. Aktenbündel imponieren mir nicht eher, bevor sie nicht in philologischem Sinne beurteilt sind, denn man muß nicht nur wissen, was drinnen enthalten ist, sondern auch, was nicht drinnen enthalten ist, und wer eine historische Untersuchung macht, untersucht auch nicht nur, was drinnen enthalten ist, sondern auch dasjenige, was fehlt. — Aber ich mußte folgendes sagen: Sie haben mitgearbeitet, die Weltnimmt selbstverständlich an, daß Sie von den Dingen genau wissen. Werden Sie beeidigen, wenn ich die Broschüre erscheinen lasse mit den Memoiren von Moltke, daß diese drei Punkte unrichtig sind? — und er sagte: Ja! — Ich bin völlig überzeugt, daß die drei Punkte richtig sind, denn sie sind auch psychologisch als richtig zu konstatieren. Aber es hätte selbstverständlich dazumal nichts genützt, wenn man die Broschüre hätte erscheinen lassen — es kamen alle anderen Schikanen dazu —, die Broschüre würde einfach konfisziert worden sein, das sah man ganz genau. Ich konnte eine Broschüre nicht erscheinen lassen, der gegenüber ein Eid geleistet worden wäre vor aller Welt, daß die drei Punkte darin nicht richtig sind. Denn wir leben ja in einer Welt, in der es sich nicht um das Richtige und Unrichtige handelt, sondern in der die Macht entscheidet.
[ 25 ] Nun dasjenige, was ich Ihnen sage, steht in Aufzeichnungen, die der Generaloberst von Moltke nach seiner sehr merkwürdig erfolgten Verabschiedung selber aufgeschrieben hat, die veröffentlicht werden sollten im Einverständnis mit Frau von Moltke im Mai 1919, in jenem entscheidenden Augenblick, wo Deutschland davor stand, der Welt die Wahrheit zu sagen unmittelbar vor dem Unterschreiben des Versailler Diktates. Und wer dasjenige liest, das dazumal veröffentlicht werden sollte und was aus der Feder des Herrn von Moltke selber geflossen war, wird keinen Augenblick das Urteil gewinnen können, da diese Dinge so sehr den Ausdruck der innerlichen Ehrlichkeit und Redlichkeit durch sich selbst tragen, daß sie vor dem Versailler Diktat auf die Welt nicht einen bedeutsamen Eindruck gemacht hätten. Nun, die Sache war gedruckt, an einem Dienstagnachmittag gedruckt, am Mittwoch sollte sie erscheinen. Ich will nicht in die Schilderung weiterer Einzelheiten mich einlassen. Es erschien bei mir ein deutscher General, der mir aus einem dicken Konvolut von Akten klarmachen wollte, daß drei Punkte in diesen Aufzeichnungen unrichtig seien. Ich mußte dem General sagen: Ich habe lange Zeit philologisch gearbeitet. Aktenbündel imponieren mir nicht eher, bevor sie nicht in philologischem Sinne beurteilt sind, denn man muß nicht nur wissen, was drinnen enthalten ist, sondern auch, was nicht drinnen enthalten ist, und wer eine historische Untersuchung macht, untersucht auch nicht nur, was drinnen enthalten ist, sondern auch dasjenige, was fehlt. — Aber ich mußte folgendes sagen: Sie haben mitgearbeitet, die Weltnimmt selbstverständlich an, daß Sie von den Dingen genau wissen. Werden Sie beeidigen, wenn ich die Broschüre erscheinen lasse mit den Memoiren von Moltke, daß diese drei Punkte unrichtig sind? — und er sagte: Ja! — Ich bin völlig überzeugt, daß die drei Punkte richtig sind, denn sie sind auch psychologisch als richtig zu konstatieren. Aber es hätte selbstverständlich dazumal nichts genützt, wenn man die Broschüre hätte erscheinen lassen — es kamen alle anderen Schikanen dazu —, die Broschüre würde einfach konfisziert worden sein, das sah man ganz genau. Ich konnte eine Broschüre nicht erscheinen lassen, der gegenüber ein Eid geleistet worden wäre vor aller Welt, daß die drei Punkte darin nicht richtig sind. Denn wir leben ja in einer Welt, in der es sich nicht um das Richtige und Unrichtige handelt, sondern in der die Macht entscheidet.
[ 26 ] Ich weiß, daß man ganz besonders übelgenommen hat, was ich in dieser Broschüre auf Seite V geschrieben habe, was ich aber für nötig gehalten habe, um die Situation in der richtigen Weise zu beleuchten. Ich habe geschrieben: Wie auf die Spitze des militärischen Urteils in den Zeiten, die dem Kriegsausbruch vorausgingen, alles in Deutschland gestellt war, das zeigt der unglückselige Einfall in Belgien, der eine militärische Notwendigkeit und eine politische Unmöglichkeit war. Der Schreiber dieser Zeilen hat Herrn von Moltke, mit dem er jahrelang befreundet war, im November 1914 gefragt: Wie hat der Kaiser über diesen Einfall gedacht? — und es wurde geantwortet: Der hat vor den Tagen, die dem Kriegsausbruch vorangingen, nichts davon gewußt, denn bei seiner Eigenart hätte man befürchten müssen, daß er die Sache aller Welt ausgeschwätzt hätte. Das durfte nicht geschehen, denn der Einfall konnte nur Erfolg haben, wenn die Gegner unvorbereitet waren. — Und ich fragte: Wußte der Reichskanzler davon? — Die Antwort lautete: Ja, der wußte davon. — Es mußte also so Politik getrieben werden in Mitteleuropa, daß man Rücksicht nehmen mußte auf Geschwätzigkeit, und ich frage Sie: Ist es nicht eine furchtbare Tragik, wenn so Politik getrieben werden muß? — Daher kann durchaus aus diesen Untergründen heraus der volle Beweis geführt werden, daß das richtig ist, was der mir sonst unangenehme Tirpitz über BethmannHollweg sagt, daß dieser in die Kniekehle gesunken wäre und auch äußerlich die Nullität seiner Politik schon in der Physiognomie zum Ausdruck gebracht hätte. Diese Nullität ist auch später dadurch zum Ausdruck gekommen, daß er dem englischen Botschafter gegenüber betont hat, daß, wenn nun England doch losschlägt, seine ganze Politik sich als ein Kartenhaus erweise. Das war sie auch in Wirklichkeit, und dieses Kartenhaus stürzte zusammen, und der Generalstabschef mußte in seinen Memoiren über die Situation, in der er dazumal, Samstag abends, war, schreiben: Die Stimmung wurde immer erregter, und ich stand ganz allein da.
[ 26 ] Ich weiß, daß man ganz besonders übelgenommen hat, was ich in dieser Broschüre auf Seite V geschrieben habe, was ich aber für nötig gehalten habe, um die Situation in der richtigen Weise zu beleuchten. Ich habe geschrieben: Wie auf die Spitze des militärischen Urteils in den Zeiten, die dem Kriegsausbruch vorausgingen, alles in Deutschland gestellt war, das zeigt der unglückselige Einfall in Belgien, der eine militärische Notwendigkeit und eine politische Unmöglichkeit war. Der Schreiber dieser Zeilen hat Herrn von Moltke, mit dem er jahrelang befreundet war, im November 1914 gefragt: Wie hat der Kaiser über diesen Einfall gedacht? — und es wurde geantwortet: Der hat vor den Tagen, die dem Kriegsausbruch vorangingen, nichts davon gewußt, denn bei seiner Eigenart hätte man befürchten müssen, daß er die Sache aller Welt ausgeschwätzt hätte. Das durfte nicht geschehen, denn der Einfall konnte nur Erfolg haben, wenn die Gegner unvorbereitet waren. — Und ich fragte: Wußte der Reichskanzler davon? — Die Antwort lautete: Ja, der wußte davon. — Es mußte also so Politik getrieben werden in Mitteleuropa, daß man Rücksicht nehmen mußte auf Geschwätzigkeit, und ich frage Sie: Ist es nicht eine furchtbare Tragik, wenn so Politik getrieben werden muß? — Daher kann durchaus aus diesen Untergründen heraus der volle Beweis geführt werden, daß das richtig ist, was der mir sonst unangenehme Tirpitz über BethmannHollweg sagt, daß dieser in die Kniekehle gesunken wäre und auch äußerlich die Nullität seiner Politik schon in der Physiognomie zum Ausdruck gebracht hätte. Diese Nullität ist auch später dadurch zum Ausdruck gekommen, daß er dem englischen Botschafter gegenüber betont hat, daß, wenn nun England doch losschlägt, seine ganze Politik sich als ein Kartenhaus erweise. Das war sie auch in Wirklichkeit, und dieses Kartenhaus stürzte zusammen, und der Generalstabschef mußte in seinen Memoiren über die Situation, in der er dazumal, Samstag abends, war, schreiben: Die Stimmung wurde immer erregter, und ich stand ganz allein da.
[ 27 ] Das militärische Urteil stand also ganz allein da, die Politik war in die Nullität verfallen. Das hat den Deutschen der Umstand gebracht, daß sie sich nicht mehr zu den großen Gesichtspunkten aufschwingen wollten, zu denen sie ganz besonders berufen gewesen wären, die sich zeigen in den großen, bedeutsamen Epochen der deutschen Kulturentwickelung, auf die man nicht hinsehen wollte am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Daß aus einer solchen Situation nur Unheil folgen konnte, das lastete nun schwer auf der Seele des Generalstabschefs, und als ein Offizier zu ihm kam, damit er die Weisung unterschreibe, die der telephonischen Zurückhaltung der Truppen von der belgisch-französischen Grenze nachgeschickt werden sollte, da stieß der Generalstabschef die Feder auf den Tisch, daß sie zerbrach, und sagte, er werde niemals einen solchen Befehl unterschreiben, die Truppen würden unsicher werden, wenn ein solcher Befehl auch vom Generalstabschef käme. Und aus der schmerzlichsten, verzweiflungsvollsten Stimmung heraus wurde der Generalstabschef dann geholt. Es war mittlerweile weit nach zehn Uhr geworden. Ein anderes Telegramm von England war gekommen, und — ich will die Einzelheiten lieber nicht erwähnen — nun fielen die Worte von seiten des obersten Kriegsherrn: Nun können Sie machen, was Sie wollen!
[ 27 ] Das militärische Urteil stand also ganz allein da, die Politik war in die Nullität verfallen. Das hat den Deutschen der Umstand gebracht, daß sie sich nicht mehr zu den großen Gesichtspunkten aufschwingen wollten, zu denen sie ganz besonders berufen gewesen wären, die sich zeigen in den großen, bedeutsamen Epochen der deutschen Kulturentwickelung, auf die man nicht hinsehen wollte am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Daß aus einer solchen Situation nur Unheil folgen konnte, das lastete nun schwer auf der Seele des Generalstabschefs, und als ein Offizier zu ihm kam, damit er die Weisung unterschreibe, die der telephonischen Zurückhaltung der Truppen von der belgisch-französischen Grenze nachgeschickt werden sollte, da stieß der Generalstabschef die Feder auf den Tisch, daß sie zerbrach, und sagte, er werde niemals einen solchen Befehl unterschreiben, die Truppen würden unsicher werden, wenn ein solcher Befehl auch vom Generalstabschef käme. Und aus der schmerzlichsten, verzweiflungsvollsten Stimmung heraus wurde der Generalstabschef dann geholt. Es war mittlerweile weit nach zehn Uhr geworden. Ein anderes Telegramm von England war gekommen, und — ich will die Einzelheiten lieber nicht erwähnen — nun fielen die Worte von seiten des obersten Kriegsherrn: Nun können Sie machen, was Sie wollen!
[ 28 ] Sie sehen, man muß schon auf die Einzelheiten eingehen, und ich habe nur ein paar Hauptzüge angegeben von dem, was gewissermaßen auf dem Kontinente geschah. Ich möchte auch den Gegenzug nun erwähnen, der auf der anderen Seite geschah. Es wird einmal authentisch werden — wiederum kann ich sagen, daß ich Ihnen nicht leichtsinnig das erzähle —, es wird einmal authentisch werden, daß die beiden Leute Asquith und Grey in derselben Zeit, in der in Berlin das geschah, wovon ich jetzt erzählt habe, sagten: Ja, was ist denn das eigentlich? Haben wir bis jetzt mit verbundenen Augen englische Politik gemacht? Sie meinten, diese englische Politik wäre von ganz anderer Seite gemacht worden; ihnen wären die Augen verbunden gewesen. Und sie sagten: Jetzt ist uns die Binde abgenommen worden — das war Samstag abends —, jetzt, da wir sehend werden, stehen wir vor dem Abgrund; jetzt können wir nurmehr in den Krieg hinein. — Das ist das Spiegelbild drüben jenseits des Kanals, und das alles bitte ich Sie so zu nehmen, daß es reichlich vermehrt werden könnte, denn ich kann in der mir zugemessenen Zeit nichts anderes tun, als eine Art von Stimmung einmal geben, Ihnen vorlegen dasjenige, was wenigstens einiges Licht wirft auf die Dinge, die geschehen sind.
[ 28 ] Sie sehen, man muß schon auf die Einzelheiten eingehen, und ich habe nur ein paar Hauptzüge angegeben von dem, was gewissermaßen auf dem Kontinente geschah. Ich möchte auch den Gegenzug nun erwähnen, der auf der anderen Seite geschah. Es wird einmal authentisch werden — wiederum kann ich sagen, daß ich Ihnen nicht leichtsinnig das erzähle —, es wird einmal authentisch werden, daß die beiden Leute Asquith und Grey in derselben Zeit, in der in Berlin das geschah, wovon ich jetzt erzählt habe, sagten: Ja, was ist denn das eigentlich? Haben wir bis jetzt mit verbundenen Augen englische Politik gemacht? Sie meinten, diese englische Politik wäre von ganz anderer Seite gemacht worden; ihnen wären die Augen verbunden gewesen. Und sie sagten: Jetzt ist uns die Binde abgenommen worden — das war Samstag abends —, jetzt, da wir sehend werden, stehen wir vor dem Abgrund; jetzt können wir nurmehr in den Krieg hinein. — Das ist das Spiegelbild drüben jenseits des Kanals, und das alles bitte ich Sie so zu nehmen, daß es reichlich vermehrt werden könnte, denn ich kann in der mir zugemessenen Zeit nichts anderes tun, als eine Art von Stimmung einmal geben, Ihnen vorlegen dasjenige, was wenigstens einiges Licht wirft auf die Dinge, die geschehen sind.
[ 29 ] Und dann, wenn Sie das alles nehmen, dann bitte ich Sie, mit dieser Voraussetzung dasjenige zu lesen, was ich in meinen «Gedanken während der Zeit des Krieges» geschrieben habe, die ich wohl überlegt betitelte als gerichtet «Für Deutsche und solche, die nicht glauben, sie hassen zu müssen». Alles einzelne ist darin überlegt. Ich bitte Sie, von diesen Gesichtspunkten aus zu bedenken, was ich dort schrieb, daß es sich nicht um dasjenige handelt, was man im gewöhnlichen Sinn moralische Schuld oder moralische Unschuld nennt, sondern daß die Dinge hinaufgehoben werden müssen auf die Höhe geschichtlichen Werdens, indem sich außerordentlich Tragisches vollzog, indem sich etwas vollzog, wo man anfangen kann zu sprechen von historischen Notwendigkeiten, in die man im Grunde genommen mit solchen Urteilen, wie ich sie anfangs angedeutet habe, nicht hineinschwätzen sollte. Die Dinge liegen viel ernster, als die Welt heute hüben und drüben noch meint; dennoch liegen sie so, daß sie unbedingt der Welt bekanntwerden müßten, daß von ihnen der Ausgang zu der Ordnung der Wirren eigentlich genommen werden müßte. Aber man findet ja wahrhaftig gegenwärtig keine Möglichkeit, daß dasjenige, was man nach dieser Richtung unternimmt, in irgendeiner Weise anders in die Welt hineingestellt wird als dadurch, daß es entstellt, verleumdet wird.
[ 29 ] Und dann, wenn Sie das alles nehmen, dann bitte ich Sie, mit dieser Voraussetzung dasjenige zu lesen, was ich in meinen «Gedanken während der Zeit des Krieges» geschrieben habe, die ich wohl überlegt betitelte als gerichtet «Für Deutsche und solche, die nicht glauben, sie hassen zu müssen». Alles einzelne ist darin überlegt. Ich bitte Sie, von diesen Gesichtspunkten aus zu bedenken, was ich dort schrieb, daß es sich nicht um dasjenige handelt, was man im gewöhnlichen Sinn moralische Schuld oder moralische Unschuld nennt, sondern daß die Dinge hinaufgehoben werden müssen auf die Höhe geschichtlichen Werdens, indem sich außerordentlich Tragisches vollzog, indem sich etwas vollzog, wo man anfangen kann zu sprechen von historischen Notwendigkeiten, in die man im Grunde genommen mit solchen Urteilen, wie ich sie anfangs angedeutet habe, nicht hineinschwätzen sollte. Die Dinge liegen viel ernster, als die Welt heute hüben und drüben noch meint; dennoch liegen sie so, daß sie unbedingt der Welt bekanntwerden müßten, daß von ihnen der Ausgang zu der Ordnung der Wirren eigentlich genommen werden müßte. Aber man findet ja wahrhaftig gegenwärtig keine Möglichkeit, daß dasjenige, was man nach dieser Richtung unternimmt, in irgendeiner Weise anders in die Welt hineingestellt wird als dadurch, daß es entstellt, verleumdet wird.
[ 30 ] Dasjenige, was ich Ihnen heute über den Generaloberst von Moltke gesagt habe, das gibt eine Möglichkeit, diesen Mann in dieser entscheidungsvollen Stunde zu beurteilen; aber es finden sich ja, wie Sie wissen, Leute, von denen gesagt wird, daß sie selbst im Generalstab tätig waren, die bringen es zustande, die verleumderischsten Dinge über den Generaloberst von Moltke zu sagen, unter anderem auch die erlogene Absurdität, in Luxemburg wären vor der Marneschlacht anthroposophische Veranstaltungen getroffen worden, und dadurch hätte der Generaloberst seine Pflicht nicht getan. Wenn diese Dinge gesagt werden können von solcher Seite her, dann sieht man daraus, in welche moralische Verfassung wir heute hineingekommen sind, und es ist schwierig, innerhalb dieser moralischen Verfassung für die Wahrheit eine rechte Gasse zu bahnen. Dazu brauchten wir eigentlich viele, recht viele Persönlichkeiten, und erst nachdem ich Ihnen die Voraussetzungen gegeben habe, von denen ich gesprochen habe, erst jetzt möchte ich aus Moltkes Memoiren einen Satz vorlesen, der Ihnen zeigen wird, was in der Seele dieses Mannes lebte erstens in bezug auf seine Meinung über die Kriegsnotwendigkeit und zweitens in bezug auf sein Verantwortungsgefühl. Denn es handelt sich durchaus darum, daß man nicht einen brutalen Begriff von Schuld konstruiere, sondern daß man auf das eingehe, was dazumal in den Seelen gelebt hat. Es ist ein sehr einfacher Satz, den da Moltke geschrieben hat, ein Satz, der oftmals ausgesprochen worden ist, aber es ist ein Unterschied, ob er von den Nächstbesten ausgesprochen wird oder von demjenigen, auf dessen Seele dazumal die Entscheidung über den Krieg lag. Er schrieb: «Deutschland hat den Krieg nicht herbeigeführt, es ist nicht in ihn eingetreten aus Eroberungslust oder aus aggressiven Absichten gegen seine Nachbarn. Der Krieg ist ihm von seinen Gegnern aufgezwungen worden und wir kämpfen um unsere nationale Existenz, um das Fortbestehen unseres Volkes, unseres nationalen Lebens.»
[ 30 ] Dasjenige, was ich Ihnen heute über den Generaloberst von Moltke gesagt habe, das gibt eine Möglichkeit, diesen Mann in dieser entscheidungsvollen Stunde zu beurteilen; aber es finden sich ja, wie Sie wissen, Leute, von denen gesagt wird, daß sie selbst im Generalstab tätig waren, die bringen es zustande, die verleumderischsten Dinge über den Generaloberst von Moltke zu sagen, unter anderem auch die erlogene Absurdität, in Luxemburg wären vor der Marneschlacht anthroposophische Veranstaltungen getroffen worden, und dadurch hätte der Generaloberst seine Pflicht nicht getan. Wenn diese Dinge gesagt werden können von solcher Seite her, dann sieht man daraus, in welche moralische Verfassung wir heute hineingekommen sind, und es ist schwierig, innerhalb dieser moralischen Verfassung für die Wahrheit eine rechte Gasse zu bahnen. Dazu brauchten wir eigentlich viele, recht viele Persönlichkeiten, und erst nachdem ich Ihnen die Voraussetzungen gegeben habe, von denen ich gesprochen habe, erst jetzt möchte ich aus Moltkes Memoiren einen Satz vorlesen, der Ihnen zeigen wird, was in der Seele dieses Mannes lebte erstens in bezug auf seine Meinung über die Kriegsnotwendigkeit und zweitens in bezug auf sein Verantwortungsgefühl. Denn es handelt sich durchaus darum, daß man nicht einen brutalen Begriff von Schuld konstruiere, sondern daß man auf das eingehe, was dazumal in den Seelen gelebt hat. Es ist ein sehr einfacher Satz, den da Moltke geschrieben hat, ein Satz, der oftmals ausgesprochen worden ist, aber es ist ein Unterschied, ob er von den Nächstbesten ausgesprochen wird oder von demjenigen, auf dessen Seele dazumal die Entscheidung über den Krieg lag. Er schrieb: «Deutschland hat den Krieg nicht herbeigeführt, es ist nicht in ihn eingetreten aus Eroberungslust oder aus aggressiven Absichten gegen seine Nachbarn. Der Krieg ist ihm von seinen Gegnern aufgezwungen worden und wir kämpfen um unsere nationale Existenz, um das Fortbestehen unseres Volkes, unseres nationalen Lebens.»
[ 31 ] Wenn man Tatsächlichkeiten untersucht, kommt man nicht auf das Richtige, indem man irgendwo einsetzt; man muß dort einsetzen, wo die Wirklichkeiten, die Tatsächlichkeiten spielen, und wenn man nachweisen kann, daß ein Wesentliches von den Tatsächlichkeiten in der Seele eines Mannes spielt, dann gehört es zu den Tatsachen, die die Lage geschaffen haben, wenn ein solches Bewußtsein in dieser Seele waltete. Es gehört auch zum Wesentlichen dazu, wenn man die Situation beurteilen will, gerade hinzuschauen auf dasjenige, was sich bei den vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten abspielte, die eigentlich beteiligt waren an dem Ausbruch dieser entsetzlichen Katastrophe, und wer sich nicht aus Vorurteilen, sondern aus Sachkunde über diese Dinge ein Urteil aneignet, der weiß, daß im Grunde genommen eigentlich alle ziemlich ahnungslos waren außer den vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten, die den Kriegsausbruch herbeiführten, die überhaupt Tätigkeiten unter der Konstellation der europäischen Verhältnisse entfalteten.
[ 31 ] Wenn man Tatsächlichkeiten untersucht, kommt man nicht auf das Richtige, indem man irgendwo einsetzt; man muß dort einsetzen, wo die Wirklichkeiten, die Tatsächlichkeiten spielen, und wenn man nachweisen kann, daß ein Wesentliches von den Tatsächlichkeiten in der Seele eines Mannes spielt, dann gehört es zu den Tatsachen, die die Lage geschaffen haben, wenn ein solches Bewußtsein in dieser Seele waltete. Es gehört auch zum Wesentlichen dazu, wenn man die Situation beurteilen will, gerade hinzuschauen auf dasjenige, was sich bei den vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten abspielte, die eigentlich beteiligt waren an dem Ausbruch dieser entsetzlichen Katastrophe, und wer sich nicht aus Vorurteilen, sondern aus Sachkunde über diese Dinge ein Urteil aneignet, der weiß, daß im Grunde genommen eigentlich alle ziemlich ahnungslos waren außer den vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten, die den Kriegsausbruch herbeiführten, die überhaupt Tätigkeiten unter der Konstellation der europäischen Verhältnisse entfalteten.
[ 32 ] Ich habe während des Krieges wahrhaftig Gelegenheit gehabt, mit vielen Menschen, die schon etwas von der Situation beurteilen konnten, über die Angelegenheiten zu sprechen, und ich habe mir da niemals ein Blatt vor den Mund genommen. Ich habe zum Beispiel zu einer Persönlichkeit, die der Lenkung eines neutralen Staates nahestand, gesagt: Es kann als notorisch betrachtet werden, daß in unserer demokratisch sich nennenden Zeit etwa vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten, unter denen — es sind nicht nur innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft Frauen — durchaus auch Frauen waren, und zwar in gar nicht so geringer Anzahl, daß etwa vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten für diese Katastrophe in der internationalen Welt unmittelbar tätig waren. — Es wäre schon nötig, daß man sich erst etwas heraufschwingen würde zu den Gesichtspunkten, von denen aus man diese Situation erst im Grunde genommen beurteilen könnte. Statt dessen wird ungeheuer viel über diese ernsten, weltumwälzenden Ereignisse gesprochen aus den Oberflächlichkeiten der Weißbücher und ähnlichem heraus, und es ist für denjenigen, der nicht reden würde, wenn er die Dinge nicht anders kennte als viele andere, außerordentlich schwer immer gewesen, das Nötige da oder dort zur Geltung zu bringen, wo seit dem Jahre 1914 über die Situation geurteilt worden ist. Das begann für mich schon in der Zeit, als mir in der Schweiz überall entgegengeworfen wurden die «J’accuse»-Bücher, und ich den Leuten — Sie wissen, wie gefährlich die Situationen manchmal waren — nichts anderes sagen konnte als dasjenige, was wahr ist, obwohl das oftmals am wenigsten verstanden wurde: Leset, sagte ich, in einem solchen Buch nicht dasjenige, was mit juristischer Spitzfindigkeit darinnen geschrieben ist, leset dasjenige, was im Stile liegt, leset den ganzen Aufbau, die ganze Aufmachung des Buches, und wenn ihr Geschmack habt, müßt ihr sagen: politische Hintertreppenliteratur! — Ich habe es Leuten, die neutralen und nicht neutralen Gebieten angehörten, wiederholt immer wieder und wiederum sagen müssen. Natürlich sage ich damit nicht, daß in diesem «J’accuse»-Buch nicht manches Richtige drinnensteht; aber am allerwenigsten geht es von einem solchen Gesichtspunkt aus, der geeignet ist, die weltgeschichtlich tragische Situation zu beurteilen, in der sich, man kann schon sagen, die Welt im Jahre 1914 befand. Und man muß auf die Untergründe hinweisen, wenn man auch nur in einigem genötigt ist, über die Schuldfrage zu sprechen.
[ 32 ] Ich habe während des Krieges wahrhaftig Gelegenheit gehabt, mit vielen Menschen, die schon etwas von der Situation beurteilen konnten, über die Angelegenheiten zu sprechen, und ich habe mir da niemals ein Blatt vor den Mund genommen. Ich habe zum Beispiel zu einer Persönlichkeit, die der Lenkung eines neutralen Staates nahestand, gesagt: Es kann als notorisch betrachtet werden, daß in unserer demokratisch sich nennenden Zeit etwa vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten, unter denen — es sind nicht nur innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft Frauen — durchaus auch Frauen waren, und zwar in gar nicht so geringer Anzahl, daß etwa vierzig bis fünfzig Persönlichkeiten für diese Katastrophe in der internationalen Welt unmittelbar tätig waren. — Es wäre schon nötig, daß man sich erst etwas heraufschwingen würde zu den Gesichtspunkten, von denen aus man diese Situation erst im Grunde genommen beurteilen könnte. Statt dessen wird ungeheuer viel über diese ernsten, weltumwälzenden Ereignisse gesprochen aus den Oberflächlichkeiten der Weißbücher und ähnlichem heraus, und es ist für denjenigen, der nicht reden würde, wenn er die Dinge nicht anders kennte als viele andere, außerordentlich schwer immer gewesen, das Nötige da oder dort zur Geltung zu bringen, wo seit dem Jahre 1914 über die Situation geurteilt worden ist. Das begann für mich schon in der Zeit, als mir in der Schweiz überall entgegengeworfen wurden die «J’accuse»-Bücher, und ich den Leuten — Sie wissen, wie gefährlich die Situationen manchmal waren — nichts anderes sagen konnte als dasjenige, was wahr ist, obwohl das oftmals am wenigsten verstanden wurde: Leset, sagte ich, in einem solchen Buch nicht dasjenige, was mit juristischer Spitzfindigkeit darinnen geschrieben ist, leset dasjenige, was im Stile liegt, leset den ganzen Aufbau, die ganze Aufmachung des Buches, und wenn ihr Geschmack habt, müßt ihr sagen: politische Hintertreppenliteratur! — Ich habe es Leuten, die neutralen und nicht neutralen Gebieten angehörten, wiederholt immer wieder und wiederum sagen müssen. Natürlich sage ich damit nicht, daß in diesem «J’accuse»-Buch nicht manches Richtige drinnensteht; aber am allerwenigsten geht es von einem solchen Gesichtspunkt aus, der geeignet ist, die weltgeschichtlich tragische Situation zu beurteilen, in der sich, man kann schon sagen, die Welt im Jahre 1914 befand. Und man muß auf die Untergründe hinweisen, wenn man auch nur in einigem genötigt ist, über die Schuldfrage zu sprechen.
[ 33 ] Ja, diese Schuldfrage soll aber auch noch etwas lehren. Sehen Sie, ich bin gleich, nachdem die unglückselige Friedenswillenserklärung im Herbst oder Winter 1916 von Deutschland ausgegangen war und dann der ganze phantastische Zug mit den Vierzehn Punkten des Woodrow Wilson sich vollzog, ich bin gleich dazumal — ich war nirgends aufdringlich, die Leute sind mir sehr stark, weit über den halben Weg entgegengekommen — herangetreten an diejenigen, die Verantwortung hatten, mit dem Ansinnen, das allerdings manchen paradox erschienen ist, es könnte gegenüber diesen weltfremden Vierzehn Punkten Wilsons, die aber trotz ihrer Weltfremdheit Schiffe, Kanonen und Menschen reichlich auf den Plan zu bringen vermochten, die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus vor der Welt geltend gemacht werden. Und ich habe es erleben müssen, daß ja manche recht gut eingesehen haben, daß so etwas geschehen müßte, daß aber niemand eigentlich den Mut hatte, nach dieser Richtung hin irgend etwas zu tun, niemand geradezu. Für das Gespräch, das ich mit Kühlmann hatte, ist, wie ich denke, der Zeuge, der dabeigewesen ist, heute wieder da. Ich kann also in diesen Dingen in keiner Art irgendein Geflunker treiben. Aber ich habe doch das zu erklären, und auch da würde ich heute ganz gewiß Ihnen nicht etwas Unrichtiges erzählen, da man genau weiß, wie sich die Sache vollzogen hat.
[ 33 ] Ja, diese Schuldfrage soll aber auch noch etwas lehren. Sehen Sie, ich bin gleich, nachdem die unglückselige Friedenswillenserklärung im Herbst oder Winter 1916 von Deutschland ausgegangen war und dann der ganze phantastische Zug mit den Vierzehn Punkten des Woodrow Wilson sich vollzog, ich bin gleich dazumal — ich war nirgends aufdringlich, die Leute sind mir sehr stark, weit über den halben Weg entgegengekommen — herangetreten an diejenigen, die Verantwortung hatten, mit dem Ansinnen, das allerdings manchen paradox erschienen ist, es könnte gegenüber diesen weltfremden Vierzehn Punkten Wilsons, die aber trotz ihrer Weltfremdheit Schiffe, Kanonen und Menschen reichlich auf den Plan zu bringen vermochten, die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus vor der Welt geltend gemacht werden. Und ich habe es erleben müssen, daß ja manche recht gut eingesehen haben, daß so etwas geschehen müßte, daß aber niemand eigentlich den Mut hatte, nach dieser Richtung hin irgend etwas zu tun, niemand geradezu. Für das Gespräch, das ich mit Kühlmann hatte, ist, wie ich denke, der Zeuge, der dabeigewesen ist, heute wieder da. Ich kann also in diesen Dingen in keiner Art irgendein Geflunker treiben. Aber ich habe doch das zu erklären, und auch da würde ich heute ganz gewiß Ihnen nicht etwas Unrichtiges erzählen, da man genau weiß, wie sich die Sache vollzogen hat.
[ 34 ] Auch da muß ich zum Beispiel folgendes sagen: Sehen Sie, ich hielt schon im Januar 1918 die Frühjahrsoffensive von 1918 für eine absolute Unmöglichkeit, und ich kam in die Lage auf einer Reise, die ich von Dornach nach Berlin zu machen hatte, mit einer gewissen Persönlichkeit — man wußte, daß, wenn die entscheidungsvollen Augenblicke herannahen würden, diese Persönlichkeit zur Leitung der Geschäfte berufen würde — über die Verhältnisse zu sprechen, die eigentlich dann erst eintraten im November 1918, und als ich dann auch da eigentlich ein gewisses Verständnis gefunden hatte für die Dreigliederung des sozialen Organismus, kam ich nach Berlin. Da hatte ich mit einer Persönlichkeit zu sprechen. Diejenigen, die sich dazumal informieren konnten über die Art, wie der Hase läuft, die wußten ja schon von der Offensive im Januar 1918; man konnte nur nicht davon sprechen. Und ich hatte zu sprechen mit einer militärischen Persönlichkeit, die dem General Ludendorff außerordentlich nahe stand. Das Gespräch nahm ungefähr die Wendung, daß ich sagte: Ich will mich nicht der Gefahr aussetzen, daß man mir vorwerfen könnte, ich wolle in militärisch-strategische Dinge hineinreden, sondern ich will von einem gewissen Ausgangspunkt sprechen, von dem aus dieser militärische Dilettantismus, den ich haben könnte, nicht in Betracht käme. — Ich sagte, daß in einer Frühjahrsoffensive Ludendorff möglicherweise alles das erreiche, was er sich überhaupt nur träumen lassen könne; aber ich halte trotzdem diese Offensive für ein Unding —, und ich führte die drei Gründe an, die ich dafür hatte. Der Mann, zu dem ich sprach, wurde recht aufgeregt und er sagte: Was wollen Sie? Der Kühlmann hat ja Ihr Elaborat in der Tasche. Damit ist er ja nach Brest-Litowsk gezogen. So werden wir von der Politik bedient. Die Politik ist nichts bei uns. Wir Militärs können nichts anderes tun als kämpfen, kämpfen, kämpfen. — Im Jahre 1914 war der Generalstabschef in einer Lage, daß er schreiben mußte für die Situation in der Abendstunde: «Die Stimmung wurde immer erregter und ich stand ganz allein da.» Für die Stimmung zwischen zehn und elf Uhr mußte er schreiben: Der Kaiser hat gesagt: «Nun können Sie machen, was Sie wollen!» — Und im Jahre 1918 konnte einem gesagt werden: Die Politik kommt überhaupt nicht in Betracht, die ist in der Nullität; wir können nichts anderes tun als kämpfen, kämpfen. — Meine sehr verehrten Anwesenden, es war nicht anders geworden und es ist heute nicht anders geworden, und ich möchte Ihnen einen negativen, allerdings nur subjektiven Beweis liefern, daß es nicht anders geworden ist.
[ 34 ] Auch da muß ich zum Beispiel folgendes sagen: Sehen Sie, ich hielt schon im Januar 1918 die Frühjahrsoffensive von 1918 für eine absolute Unmöglichkeit, und ich kam in die Lage auf einer Reise, die ich von Dornach nach Berlin zu machen hatte, mit einer gewissen Persönlichkeit — man wußte, daß, wenn die entscheidungsvollen Augenblicke herannahen würden, diese Persönlichkeit zur Leitung der Geschäfte berufen würde — über die Verhältnisse zu sprechen, die eigentlich dann erst eintraten im November 1918, und als ich dann auch da eigentlich ein gewisses Verständnis gefunden hatte für die Dreigliederung des sozialen Organismus, kam ich nach Berlin. Da hatte ich mit einer Persönlichkeit zu sprechen. Diejenigen, die sich dazumal informieren konnten über die Art, wie der Hase läuft, die wußten ja schon von der Offensive im Januar 1918; man konnte nur nicht davon sprechen. Und ich hatte zu sprechen mit einer militärischen Persönlichkeit, die dem General Ludendorff außerordentlich nahe stand. Das Gespräch nahm ungefähr die Wendung, daß ich sagte: Ich will mich nicht der Gefahr aussetzen, daß man mir vorwerfen könnte, ich wolle in militärisch-strategische Dinge hineinreden, sondern ich will von einem gewissen Ausgangspunkt sprechen, von dem aus dieser militärische Dilettantismus, den ich haben könnte, nicht in Betracht käme. — Ich sagte, daß in einer Frühjahrsoffensive Ludendorff möglicherweise alles das erreiche, was er sich überhaupt nur träumen lassen könne; aber ich halte trotzdem diese Offensive für ein Unding —, und ich führte die drei Gründe an, die ich dafür hatte. Der Mann, zu dem ich sprach, wurde recht aufgeregt und er sagte: Was wollen Sie? Der Kühlmann hat ja Ihr Elaborat in der Tasche. Damit ist er ja nach Brest-Litowsk gezogen. So werden wir von der Politik bedient. Die Politik ist nichts bei uns. Wir Militärs können nichts anderes tun als kämpfen, kämpfen, kämpfen. — Im Jahre 1914 war der Generalstabschef in einer Lage, daß er schreiben mußte für die Situation in der Abendstunde: «Die Stimmung wurde immer erregter und ich stand ganz allein da.» Für die Stimmung zwischen zehn und elf Uhr mußte er schreiben: Der Kaiser hat gesagt: «Nun können Sie machen, was Sie wollen!» — Und im Jahre 1918 konnte einem gesagt werden: Die Politik kommt überhaupt nicht in Betracht, die ist in der Nullität; wir können nichts anderes tun als kämpfen, kämpfen. — Meine sehr verehrten Anwesenden, es war nicht anders geworden und es ist heute nicht anders geworden, und ich möchte Ihnen einen negativen, allerdings nur subjektiven Beweis liefern, daß es nicht anders geworden ist.
[ 35 ] Wiederum ist gesprochen worden mit derselben Weltfremdheit, mit derselben Abstraktheit, mit der Woodrow Wilson gesprochen hat, die bewiesen worden ist durch die Art und Weise, wie Woodrow Wilson in Versailles gestanden hat. Wiederum ist gesprochen worden von derselben Stelle aus von Harding, und ich sehe in der Rede Hardings, die so konfus wie möglich ist, die mit Ausschluß jedes Wirklichkeitssinnes gehalten ist, die wiederum nur die alten Phrasen bringt jetzt, wo wir ebenso vor wirtschaftlichen Entscheidungen stehen wie dazumal vor politischen, ich sehe in dieser Rede nichts davon, daß sich die Leute irgendwie beschäftigen mit dem, was da wiederum heraufzieht. Es ist fast unmöglich, die Menschen zu einem Urteil zu bringen. Ob wir den ersten Wilson haben, der in Versailles seine Konfusion zeigt, oder ob wir aus derselben Gegend heraus gesprochen haben etwas später, darauf kommt es nicht an. Darauf käme es an, daß man mit Wirklichkeitssinn ein waches Auge hätte.
[ 35 ] Wiederum ist gesprochen worden mit derselben Weltfremdheit, mit derselben Abstraktheit, mit der Woodrow Wilson gesprochen hat, die bewiesen worden ist durch die Art und Weise, wie Woodrow Wilson in Versailles gestanden hat. Wiederum ist gesprochen worden von derselben Stelle aus von Harding, und ich sehe in der Rede Hardings, die so konfus wie möglich ist, die mit Ausschluß jedes Wirklichkeitssinnes gehalten ist, die wiederum nur die alten Phrasen bringt jetzt, wo wir ebenso vor wirtschaftlichen Entscheidungen stehen wie dazumal vor politischen, ich sehe in dieser Rede nichts davon, daß sich die Leute irgendwie beschäftigen mit dem, was da wiederum heraufzieht. Es ist fast unmöglich, die Menschen zu einem Urteil zu bringen. Ob wir den ersten Wilson haben, der in Versailles seine Konfusion zeigt, oder ob wir aus derselben Gegend heraus gesprochen haben etwas später, darauf kommt es nicht an. Darauf käme es an, daß man mit Wirklichkeitssinn ein waches Auge hätte.
[ 36 ] Dann würde man auch auf solche Dinge hinschauen wie die Tatsache, die geradezu unerhört ist für denjenigen, der ein Gefühl hat für die Beurteilung politischer Situationen, daß dieser gerade in dem heutigen Sinn charakteristische Staatsmann Lloyd George vor kurzem noch gesagt hat: Man kann nicht in dem alten Sinn Deutschland moralische Schuld am Krieg geben; die Leute sind in ihrer Dummheit hineingerutscht. — So hat er gesprochen vor einigen Wochen, und Sie wissen, wie er gesprochen hat in London gegenüber Simons. Sie können daraus ermessen, welcher Wahrheitswert in den Reden liegt, die die Leute halten, und haben die Menschen noch keinen Impetus, auf diese Dinge zu schauen — sie müssen ihn bekommen, müssen ihn bekommen dadurch, daß sie sich Sinn verschaffen für die großen Gesichtspunkte. In dieser Katastrophe haben sie gespielt, diese großen Gesichtspunkte, und unser Unglück ist, daß niemand eine Ahnung hatte von diesen großen Gesichtspunkten. Es muß die Möglichkeit gegeben werden, daß die großen Gesichtspunkte, von denen die Dinge abhängen, heute auch in Mitteleuropa in die Entscheidung hineingeworfen werden.
[ 36 ] Dann würde man auch auf solche Dinge hinschauen wie die Tatsache, die geradezu unerhört ist für denjenigen, der ein Gefühl hat für die Beurteilung politischer Situationen, daß dieser gerade in dem heutigen Sinn charakteristische Staatsmann Lloyd George vor kurzem noch gesagt hat: Man kann nicht in dem alten Sinn Deutschland moralische Schuld am Krieg geben; die Leute sind in ihrer Dummheit hineingerutscht. — So hat er gesprochen vor einigen Wochen, und Sie wissen, wie er gesprochen hat in London gegenüber Simons. Sie können daraus ermessen, welcher Wahrheitswert in den Reden liegt, die die Leute halten, und haben die Menschen noch keinen Impetus, auf diese Dinge zu schauen — sie müssen ihn bekommen, müssen ihn bekommen dadurch, daß sie sich Sinn verschaffen für die großen Gesichtspunkte. In dieser Katastrophe haben sie gespielt, diese großen Gesichtspunkte, und unser Unglück ist, daß niemand eine Ahnung hatte von diesen großen Gesichtspunkten. Es muß die Möglichkeit gegeben werden, daß die großen Gesichtspunkte, von denen die Dinge abhängen, heute auch in Mitteleuropa in die Entscheidung hineingeworfen werden.
[ 37 ] Solange aber dasjenige, was wahr ist, von seiten derer, die das Deutschtum in einer etwas eigentümlichen Weise gepachtet zu haben glauben, verleumdet wird, solange man von solchen Leuten Verräter am Deutschtum genannt wird, trotzdem dasjenige, was da gesagt wird, wenn es wirklich verstanden würde, einzig und allein geeignet wäre, dem wirklichen deutschen Volkstum seine ihm gebührende Stellung zu verschaffen, so lange kann es nicht besser werden. Die Menschen, die ganz anderen Willens sind, die vor allen Dingen des Willens sind, die Wahrheit zu erkennen, müssen sich zusammenfinden.
[ 37 ] Solange aber dasjenige, was wahr ist, von seiten derer, die das Deutschtum in einer etwas eigentümlichen Weise gepachtet zu haben glauben, verleumdet wird, solange man von solchen Leuten Verräter am Deutschtum genannt wird, trotzdem dasjenige, was da gesagt wird, wenn es wirklich verstanden würde, einzig und allein geeignet wäre, dem wirklichen deutschen Volkstum seine ihm gebührende Stellung zu verschaffen, so lange kann es nicht besser werden. Die Menschen, die ganz anderen Willens sind, die vor allen Dingen des Willens sind, die Wahrheit zu erkennen, müssen sich zusammenfinden.
[ 38 ] Gewiß, es hat auch in Deutschland Kriegshetzer gegeben; aber alles, was von ihnen ausgegangen ist, ist im entscheidenden Augenblick gar nicht von Bedeutung gewesen. Von Bedeutung aber ist gewesen, was ich im letzten Kapitel meiner «Kernpunkte» ausgeführt habe, daß man durch das Verlieren der großen Gesichtspunkte auf dem Nullpunkt der politischen Wirksamkeit angekommen war. In dem Deutschtum werden wir uns nur dann erheben, wenn wir uns zu großen Gesichtspunkten erheben; denn derjenige, der mit warmem Herzen, nicht bloß mit dem Maule — verzeihen Sie den etwas groben Ausdruck — im Deutschtum drinnensteht, der weiß, daß wahres Deutschtum gerade heißt: Mit großen Gesichtspunkten verwachsen sein. — Aber wir müssen wiederum den Weg zu den großen Gesichtspunkten des deutschen Volkes zurückfinden. Und es ist im Grunde genommen auch aus einer Erfahrung heraus, daß ich diese Dinge heute zu Ihnen spreche. Trotz der Stellung der Frage hätte ich ja vielleicht nicht zu antworten brauchen; aber ich wollte gerade diese Frage beantworten, und etwas, was zur Beantwortung solcher Fragen führt, das wird sich Ihnen zeigen, wenn ich Ihnen den Schlußpassus vorlege, den mir der Fragesteller noch in einem Nachtrag übergeben hat. Er schreibt: Ich hielte es für sehr wertvoll, die richtige, klare Anschauung über diese ganze Frage der Kriegsschuld etwa in einer Denkschrift zu veröffentlichen und weit zu verbreiten. — Nun, das hätte im Mai 1919 geschehen sollen. Die Denkschrift war auch gedruckt. Die Welt innerhalb Deutschlands hat verhindert, daß diese Denkschrift erscheinen konnte. Bleiben wir nicht dabei, bloß uns das Urteil zu bilden, so etwas müßte geschehen; unterstütze man diejenigen, die sich nicht bei diesem Urteil beruhigen wollen, sondern dasjenige, was hier vorgeschlagen wird, vor langer Zeit schon versucht haben, gerade im entscheidenden Augenblick zu tun. Dann werden wir weiterkommen.
[ 38 ] Gewiß, es hat auch in Deutschland Kriegshetzer gegeben; aber alles, was von ihnen ausgegangen ist, ist im entscheidenden Augenblick gar nicht von Bedeutung gewesen. Von Bedeutung aber ist gewesen, was ich im letzten Kapitel meiner «Kernpunkte» ausgeführt habe, daß man durch das Verlieren der großen Gesichtspunkte auf dem Nullpunkt der politischen Wirksamkeit angekommen war. In dem Deutschtum werden wir uns nur dann erheben, wenn wir uns zu großen Gesichtspunkten erheben; denn derjenige, der mit warmem Herzen, nicht bloß mit dem Maule — verzeihen Sie den etwas groben Ausdruck — im Deutschtum drinnensteht, der weiß, daß wahres Deutschtum gerade heißt: Mit großen Gesichtspunkten verwachsen sein. — Aber wir müssen wiederum den Weg zu den großen Gesichtspunkten des deutschen Volkes zurückfinden. Und es ist im Grunde genommen auch aus einer Erfahrung heraus, daß ich diese Dinge heute zu Ihnen spreche. Trotz der Stellung der Frage hätte ich ja vielleicht nicht zu antworten brauchen; aber ich wollte gerade diese Frage beantworten, und etwas, was zur Beantwortung solcher Fragen führt, das wird sich Ihnen zeigen, wenn ich Ihnen den Schlußpassus vorlege, den mir der Fragesteller noch in einem Nachtrag übergeben hat. Er schreibt: Ich hielte es für sehr wertvoll, die richtige, klare Anschauung über diese ganze Frage der Kriegsschuld etwa in einer Denkschrift zu veröffentlichen und weit zu verbreiten. — Nun, das hätte im Mai 1919 geschehen sollen. Die Denkschrift war auch gedruckt. Die Welt innerhalb Deutschlands hat verhindert, daß diese Denkschrift erscheinen konnte. Bleiben wir nicht dabei, bloß uns das Urteil zu bilden, so etwas müßte geschehen; unterstütze man diejenigen, die sich nicht bei diesem Urteil beruhigen wollen, sondern dasjenige, was hier vorgeschlagen wird, vor langer Zeit schon versucht haben, gerade im entscheidenden Augenblick zu tun. Dann werden wir weiterkommen.
[ 39 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, weil ich doch glaube, daß in der deutschen Jugend Persönlichkeiten sind, die den Weg zu wahrem Deutschtum wiederum zurückfinden, die Sinn und Herz und offenes Gemüt haben für das Empfangen der Wahrheit, deshalb, weil ich hier vielleicht doch mit einiger Aussicht gerade zu jüngeren Leuten, zu dem besten Teil vielleicht unserer Jugend sprechen konnte, deshalb habe ich mich entschlossen, heute zu Ihnen diese Andeutungen zu sprechen.
[ 39 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, weil ich doch glaube, daß in der deutschen Jugend Persönlichkeiten sind, die den Weg zu wahrem Deutschtum wiederum zurückfinden, die Sinn und Herz und offenes Gemüt haben für das Empfangen der Wahrheit, deshalb, weil ich hier vielleicht doch mit einiger Aussicht gerade zu jüngeren Leuten, zu dem besten Teil vielleicht unserer Jugend sprechen konnte, deshalb habe ich mich entschlossen, heute zu Ihnen diese Andeutungen zu sprechen.
