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The Rudolf Steiner Archive

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Die geistigen Hinter des Ersten Weltkrieges
GA 174b

23 November 1915, Stuttgart

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Wenn man an das Geheimnis des Todes herantritt, dann muß man sich vor allen Dingen immer gegenwärtig halten, wie es auch gestern wieder betont worden ist, daß zur Charakteristik der geistigen Welten schon notwendig ist, den Sinn, der in unseren gewöhnlichen, für die physische Welt zugeschnittenen Worten liegt, zu wandeln. Denn der Tote, der sogenannte Tote, tritt ein in die geistige Welt, und wie wir ja schon wiederholt angedeutet haben, ist es eben in der geistigen Welt von Grund aus anders als in der physischen Welt.

[ 2 ] Nicht nur nach geisteswissenschaftlichen Einsichten, sondern schon in Gemäßheit der gewöhnlichen physischen Vernunft kann gedacht werden, daß beim Eintreten in die geistige Welt durch die Pforte des Todes das erste für den Toten ist: das Lösen des physischen Leibes von dem, was innerhalb dieses physischen Leibes seine andere Menschenwesenheit ist. Das ist ja natürlich eine ganz triviale Wahrheit. Wir wollen nun heute in dem Sinne, wie das für die Geisteswissenschaft erforschbar ist, auf die Vorgänge, die in Betracht kommen beim Beschreiben der Pforte des Todes und dem weiteren Verfolg des Weges zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, auf die inneren Erlebnisse des Toten hinschauen.

[ 3 ] Für den Menschen, der hier im physischen Leben zurückbleibt, ist es ja so, daß er die Empfindung hat, dasjenige, was so in der physischen Leibeshülle eingeschlossen ist, verlasse den oder die Zurückbleibenden, der Tote gehe fort in eine andere Welt. Die Wahrnehmung, die der Tote — wie gesagt, nach dem, was für die Geisteswissenschaft erforschbar ist — zunächst hat, ist die, daß er seinerseits verlassen wird von den Erdenbewohnern und auch von seinem physischen Leibe, von dem, was das Werkzeug war für seine Wahrnehmung, für sein Denken und Fühlen und seine Willensfähigkeit zwischen Geburt und Tod. Diese also, die um ihn waren, die mit ihm verbunden waren, gehen von ihm weg: das ist seine erste Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung ist zunächst verknüpft mit den Vorgängen, die wir oft beschrieben haben: daß die Erde selber in einem gewissen Sinne weggehe, so daß sie die physische Leibeshülle von dem durch die Pforte des Todes Gehenden wegnimmt. Es ist durchaus so, als ob gewissermaßen der Tote das Gefühl bekäme, er bleibe hinter einer Bewegung zurück, die er eigentlich hier auf der Erde gar nicht wahrgenommen hat, er bleibe hinter der eigenen Bewegung der Erde zurück; die Erde gehe von ihm fort und mit der Erde alles dasjenige, was ihn auf der Erde umgeben hat. Und er werde nun einer ganz anderen Welt eingegliedert, aber einer Welt, durch die er nunmehr etwas wahrnimmt, was ihm vorher ganz verborgen war, durch die er wahrnimmt, daß dasjenige, was ihm als Leibeshülle gegeben war, gebunden ist an die Erde, auch an die Bewegungen der Erde. Er hat so gewissermaßen das Gefühl — obwohl das recht ungenau ausgedrückt ist —, er könne den Weg nicht mehr mitmachen, den die Erde und ihre Geister machen; daher verlassen sie ihn. Er bleibe in einer gewissen größeren Ruhelage zurück, er gliedere sich gewissermaßen einer ruhigeren Welt ein.

[ 4 ] Auf diese Wahrnehmung des Verlassenwerdens, namentlich auch von der physischen Leibeshülle, von alledem, was man von Menschen erfahren hat, was man mit den Menschen erlebt hat zwischen Geburt und Tod, gründet sich nun für den Toten gar mancherlei. Der Besitz seiner physischen Leibeshülle war ihm etwas Selbstverständliches während des Erdenlebens. Daher ist das, was er jetzt wahrnimmt, etwas ganz Neues, und wir werden sehen, wie verschieden diese Wahrnehmungen sind, je nachdem man eines sogenannten natürlichen Todes durch Krankheit oder Altersauflösung stirbt oder eines gewaltsamen Todes, zum Beispiel eines solchen 'Todes, den jetzt viele Tausende sterben müssen.

[ 5 ] Diese Wahrnehmung, von demjenigen verlassen zu werden, was einem selbstverständlich als Eigentum gehörte, bedingt, daß etwas ganz Neues im Seelenleben auftritt. Es bedeutet, daß etwas im Seelenleben auftritt, was man eben nicht hat kennenlernen können, solange man im Leibe weilte. Das erste, was da im Seelenleben auftritt, ist, ich möchte sagen, das umgekehrte Gefühl gegenüber dem Leben. Hier auf der Erde hat man das Gefühl, daß einem das Leben von außen gegeben ist, daß man lebt durch die Lebenskräfte, die einem vom Äußeren der Erde gegeben sind. Nun geht sozusagen die Erde mit dem, was sie einem gegeben hat, fort und sogleich tritt durch dieses Verlassenwerden das Gefühl auf, daß von innen heraus nunmehr die Kraft des Belebens sprudelt. Das erste also ist die Wahrnehmung des Sich-Belebens. Es ist der Übergang zu einer gewissen Aktivität, während man bisher in der Passivität verharrt hat: Du belebst dasjenige, was du nun bist. Du bist in dir selber. Was du bisher Welt nanntest, das ist von dir fortgegangen. Das, in dem du jetzt lebst, indem du es aber ganz ausfüllst, das erzeugt in sich selber die Kraft des Belebens, das belebt sich. — Und im Konkreten ist das so, daß sich eben das ergibt, was ich oftmals das Lebenspanorama genannt habe, das flutende Leben in alledem, was man zwischen Geburt und Tod erlebt hat. Die Bilder dieses Lebens treten ja vor die Seele. Es steigt gleichsam aus dem Punkte, in dem man selber ist, wie ein mächtiger, sich erzeugender "Traum das ganze letzte Leben zwischen Geburt und Tod auf. Aber Kraft braucht dieses Bild, damit es nicht ein Traum sei. Es wäre wie ein dahinflutender Traum, wenn man nicht dadurch, daß man dieses Bewußtsein errungen hat: die eigene Leibeshülle löst sich los von dem Geistig-Seelischen —, die Kraft des Belebens bekommen hätte. Der Traum belebt sich. Es wird, was sonst nur flutende, dunkle Traumesbilderwelt wäre, von demselben Punkte aus belebt, es wird lebendige Welt, lebendiges Lebenspanorama. Man ist selber Quell des Belebens für das, was also als Traum auftaucht. Das ist ja das unmittelbare Erleben nach dem Tode.

[ 6 ] Das alles ist so, während der Mensch noch kaum das Bewußtsein hat, er sei aus seinem früheren Bewußtsein heraus, sondern als habe sich nur in ihm etwas geregt wie aus dem Mittelpunkt seines Wesens, das sich ausbreitet und dem entflieht jenes Leben, dem er sich bis nun passiv hingegeben hat. Was man nicht gewußt hat zwischen Geburt und Tod: daß Gedanken, die sonst bloß wie ein Ich-Traum auf und ab wogen, leben, das weiß man jetzt. Und man lebt sich nun aus dem früher fremden Leben heraus in dieses Eigenleben hinein. Man erlebt, was es bedeutet, daß das, was bisher mehr äußerlich mit einem verbunden war, das Innerste ergreift. Was bisher eben nicht Leben, sondern Bild des Lebens war, ergreift das Vorstellen, das Denken. Und während man sich in diese Vorstellung hineinfindet, geht allmählich eine weitere auf. Das ist diese, die man nennen könnte: ein Sich-Hineinleben in ein Durchtönen des Lebenspanoramas mit dem Weltenall. Mehr im allgemeinen habe ich diese Dinge schon beschrieben. Man muß sie aber immer genauer betrachten, damit man hinter die Geheimnisse der Welt kommt.

[ 7 ] Zuerst belebt sich gewissermaßen der innerste Lebenstraum, wird selbst ein lebendes Universum, ein lebender Kosmos. Dann füllt er sich gleichsam aus mit dem, was man nennen kann: Es durchtönt die Sphärenmusik des Weltenalls diesen Lebenstraum. Man erlebt, wie das, was man selber war zwischen Geburt und Tod als ein Ausschnitt aus dem Kosmos, nunmehr aufgenommen wird von dem Kosmos, wie sich das eingliedert demjenigen, was jetzt nicht irdisch ist. Denn das Irdische hat man durchgemacht zwischen Geburt und Tod. Und dann ist das Nächste, daß man fühlt, wie intim der Kosmos dasjenige durchzieht, was man so als ein Ausschnitt war. Man hat das Gefühl, wie wenn ein inneres Licht aufginge und dasjenige erhellte, was man war. Das alles aber strömt und tönt sozusagen in das Lebenspanorama hinein. Dann löst sich der Ätherleib ab — denn diese Vorgänge geschehen ja alle, solange der Mensch mit dem Ätherleibe verbunden ist —, und es geschieht das, was man nennt die Loslösung des Ätherleibes.

[ 8 ] Nun ist dieses, was man da erlebt, dieses Wahrnehmen des Lebenspanoramas, dieses Auskleiden des Lebenspanoramas mit den tönenden und leuchtenden Substanzen des Kosmos, ähnlich dem Sich-Eingliedern des physischen Leibes in die menschliche Wesenheit, wenn man durch die Geburt ins Dasein tritt. Wie da sozusagen die menschliche Substanz, die einem von der Erde gegeben ist, sich in das menschliche Seelenwesen hineingliedert, so gliedert sich nach dem Durchschreiten der Todespforte hinein das Kosmische, das Allmäßige. Dieses Erleben, das da beschrieben worden ist, es ist nötig. Und wenn man wirklich geisteswissenschaftlich das Leben zwischen Tod und neuer Geburt verfolgt, dann bemerkt man, welche Bedeutung für dieses ganze Leben zwischen Tod und neuer Geburt dieses erste Durchleben nach dem Durchschreiten der Todespforte hat. Hier im physischen Erdenleben — das müssen wir uns ganz klarmachen, ich habe es öfters betont — haben wir unser Ich-Bewußtsein dadurch, daß wir eben in dem physischen Leibe leben. Ich betone ausdrücklich: das Ich-Bewußtsein, nicht das Ich. Unser Ich ist uns ja zugeteilt von den Geistern der Form, das ist etwas anderes. Aber unser Ich-Bewußtsein haben wir dadurch, daß wir im physischen Leibe untergetaucht sind. Dieses Ich-Bewußtsein im wachen Erdenzustand müssen wir uns nur seinem Wesen nach ganz klarmachen. Sie können es sich am besten so klarmachen: Denken Sie sich, Sie bewegen sich durch einen Raum. Zunächst spüren Sie nichts; jetzt stoßen Sie an etwas. Die Außenwelt stößt an Sie, aber Sie werden sich gewahr. Sie werden den Stoß, den Ihnen die Außenwelt versetzt, in sich gewahr, Sie werden sich an der Außenwelt gewahr, Sie spüren sich, der an die Außenwelt anstößt.

[ 9 ] In der Tat haben wir unser Ich-Bewußtsein in der physischen Welt dadurch, daß wir überall an die Außenwelt stoßen. Natürlich nicht nur mit dem Tastsinn, sondern wenn wir die Augen aufmachen, stoßen wir auch an, das heißt, wir stoßen auf das äußere Licht; wenn Töne an unser Ohr dringen, so werden wir uns gewahr, indem unser Gehör an die Töne anstößt.

[ 10 ] So aber werden wir uns auch selbst gewahr dadurch, daß wir jeden Morgen aus der geistigen Welt herauskommen und untertauchen in die physische Welt. Dieses Untertauchen in unseren physischen Leib, das heißt dieses Zusammenstoßen unseres Ich und Astralleibes mit dem Ätherleibe und physischen Leibe, das erzeugt unser Ich-Bewußtsein. Daher in der Regel das Fehlen des Ich-Bewußtseins in der Traumeswelt: weil wir zum Ich-Bewußtsein eben dieses Zusammenstoßen mit dem physischen Leibe und dem Ätherleibe brauchen.

[ 11 ] Zum klaren, deutlichen, wachen Ich-Bewußtsein brauchen wir dieses Zusammenstoßen. Nun ist dem, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, der äußere physische Leib genommen. Auf dieselbe Weise, wie zwischen Geburt und Tod, kann er das Ich-Bewußtsein nicht erzeugen. Er würde ohne Bewußtsein seines Ich den Weg zwischen dem Tode und einer neuen Geburt schreiten müssen, wenn nicht dieses IchBewußtsein nun auf einem anderen Wege erzeugt würde. Dieser andere Weg ist der, daß alles dasjenige, was wir nun unmittelbar im Ätherleibe durchleben, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, die ganze Zeit über zwischen dem Tod und einer neuen Geburt bestehen bleibt.

[ 12 ] Auch in dieser Beziehung ist das Erleben in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt entgegengesetzt dem physischen Erleben hier zwischen Geburt und Tod. Hier in der physischen Welt kann sich im normalen Bewußtsein keiner des Momentes seiner Geburt erinnern; das Erinnern setzt erst später ein. An sein Geborenwerden erinnert sich der Mensch nicht, das steht sozusagen in einer größeren zeitlichen Ferne, als der Erinnerungsweg rückwärts durchmachen kann. Das aber, was der Mensch innerlich jetzt erlebt von der anderen Seite des Todes aus, das bleibt das ganze Leben hindurch zwischen dem 'Tod und einer neuen Geburt für die Seele bestehen. Das Todeserlebnis, das bleibt ebenso gewiß bestehen, wie das Geburtserlebnis verschwindet, wenn der Mensch in die physische Welt eintritt. Zu seiner Geburt sieht der physische Mensch nicht zurück in der physischen Welt, auf den Tod sieht er zurück in der ganzen Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Dieses Zurückschauen, dieses Treffen auf das Todeserlebnis, das ist es, was das Ich-Bewußtsein erzeugt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dem verdanken wir es.

[ 13 ] Der Anblick des Todes ist ja nur von der Seite des physischen Erlebens aus gesehen, wenn überhaupt, etwas Schreckliches. Nur da hat er Grausen und Schrecken, wenn man ihn von dieser Seite aus sieht. Der Tote sieht ihn aber von der anderen Seite. Und von dieser Seite aus gesehen, hat das Wissen wirklich nichts Furchtbares, daß gewissermaßen der Moment des Todes bleibend ist für das ganze Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Denn wenn er auch Vernichtung ist, angesehen von dieser physischen Seite des Lebens, so ist er das Herrlichste, das Größte, das Schönste, das Erhabenste, was immerfort gesehen werden kann von der anderen Seite des Lebens aus. Da bezeugt er fortwährend den Sieg des Geistes über die Materie, die selbstschöpferische Lebenskraft des Geistes. In diesem Erfühlen der selbstschöpferischen Lebenskraft des Geistes ist das Ich-Bewußtsein vorhanden in den geistigen Welten.

[ 14 ] In den geistigen Welten hat man also dieses Ich-Bewußtsein gerade dadurch, daß man fortwährend sich innerlich selbst erzeugt, daß man niemals an ein bestehendes Sein appelliert, sondern immer sich selbst erzeugt, und in diesem Selbst-Erzeugen gewissermaßen sich berührt rückwärts hin nach dem Momente, da der Tod eingetreten ist. Also wir können auch angeben, auf welche Weise das Ich-Bewußtsein, das Selbst-Bewußtsein in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt erzeugt wird. Diese große Bedeutung der Geburt des Ich-Bewußtseins hat dieses Erleben in der ersten Zeit nach dem Tode. Und natürlich ist gerade dieses erste Erlebnis auch verschieden, je nachdem der Mensch, sagen wir, ein höheres Alter erreicht, dann auf naturgemäße Weise durch die Pforte des Todes geht, oder vielleicht im zartesten Kindesalter schon dahingerafft wird oder in der Blüte seiner Jahre. Und von einer ganz besonderen Bedeutung in bezug auf den Unterschied auf diesem Gebiet ist annähernd — natürlich nicht pedantisch genau — das fünfunddreißigste Lebensjahr. Was jetzt in so tausendfältiger Weise stattfindet, daß junge Leute in der Blüte ihres Lebens durch die Pforte des Todes schreiten: es wird sich uns morgen zeigen, wie sich das noch weiter modifiziert dadurch, daß der Tod von außen an sie herantritt. Aber wenn ein Mensch überhaupt jung durch die Pforte des Todes schreitet, dann ist das Erblicken dieses geschilderten Lebenstableaus mit seinen belebenden Vorgängen schon anders, als wenn man etwa nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr durch die Pforte des Todes schreitet.

[ 15 ] Man kann etwa so sagen — obwohl es natürlich schwierig ist, für diese Verhältnisse die richtigen Worte zu finden —, jemand, der in jugendlichem Alter dahinstirbt, der hat das Gefühl: Das Traumbild deines Lebens taucht auf, du belebst es aus dem Mittelpunkt deines Lebens heraus. Aber indem du deine eigenen belebenden Kräfte ausgießest über dieses Lebenstableau, steht hinter diesem Lebenstableau noch etwas wie ein Rest aus der Welt, aus der du herausgeschritten bist, indem du durch die Geburt gegangen bist.

[ 16 ] Stirbt ein Kind, dann ist das Lebenstableau ja außerordentlich kurz. Wenn zum Beispiel ein sechsjähriges Kind stirbt, so ist das Lebenstableau noch wenig inhaltsreich. Dafür tritt aber gewissermaßen hinter diesem Tableau, in dasselbe hereinschattierend, von hinten noch vieles von dem auf, was vor der Geburt durchlebt wurde in der geistigen Welt, oder, wie man auch in der deutschen Sprache früher gesagt hat — Goethe hat den Ausdruck gebraucht —, bevor man «jung geworden» ist. Ein schöner Ausdruck, der jetzt verlorengegangen ist. Und wenn ein Kind stirbt, das noch keine Rückerinnerung besitzt, bei dem noch nicht der Zeitpunkt eingetreten ist, bis zu dem man sich zurückerinnert, so hat es eigentlich noch nicht ein solches Lebenstableau, in welchem es sich so unmittelbar darinnen fühlt, wie der Mensch sich drinnen fühlt, wenn er später stirbt; sondern es tritt durch das ganze Lebenstableau heraus, bloß ein wenig modifiziert, dasjenige, was es um sich gehabt hat vor der Geburt. Man kann sagen: Dieses Erschauen bestimmter Reste der geistigen Welt, die man vor der Geburt durchlebt hat, verliert sich erst für die Rückschau nach dem Tode, wenn man das fünfunddreiRigste Lebensjahr durchschritten hat.

[ 17 ] Man soll niemals — dieses sei in Einschaltung gesagt — in die Versuchung kommen, ich betone das ausdrücklich, sich dem gar nicht ungefährlichen Gedanken hinzugeben, was nun für einen Menschen besser sein könnte: vor dem fünfunddreißigsten Lebensjahr zu sterben, oder nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr zu sterben und dasjenige durchzuleben, was wir noch beschreiben werden. Diesen Gedanken soll man nicht nachgehen, man soll sie nicht hegen, sondern man soll erwägen: Wann man durch die Pforte des Todes schreitet, das soll man im strengsten Sinne des Wortes einzig und allein dem Karma überlassen.

[ 18 ] Aber diese Dinge verstehen, das ist wichtig. Stirbt man nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr, dann ist allerdings nicht die Möglichkeit gegeben, etwas von dem Reste des der Geburt vorangehenden geistigen Lebens noch zu schauen. Das ist abgedunkelt. Aber das Lebenstableau tritt dennoch auf. Nur hat man ein starkes Gefühl, daß man von innen heraus es erzeugt, daß man es gewissermaßen selber spinnt; aber es wird durchbelebt, dieses Gespinst. Dadurch unterscheiden sich ganz wesentlich das Sterben vor dem fünfunddreißigsten Jahr und das Sterben nach dem fünfunddreißigsten Jahr in bezug auf das Lebenstableau. Das vorfünfunddreißigjährige Lebenstableau hat noch viel mehr den Charakter, daß es wie von außen an einen herankommt, wie aus einer geistigen Welt heraus, und man ihm nur entgegenschiebt dasjenige, was man selber erlebt hat. Das nachfünfunddreißigjährige Lebenstableau ist so, daß einem eigentlich von außen entgegenkommt zuerst mehr ein Leeres, ein Verdunkeltes, und daß man diesem Dunkel entgegenbringt, was man sich im Leben erworben hat. Aber es entzündet sich dadurch nicht minder lebendig. Es ist das innere Erleben modifiziert dadurch, daß man es das eine Mal so wie das Herankommen einer Fata Morgana hat, der man entgegengeht, während das andere Mal der Mensch seine Welt in die Welt des Kosmos hineinträgt. Das alles hat für das Leben eine große Bedeutung, wie wir morgen noch sehen werden. Dieser karmische Vorgang, daß uns unser physischer Leib in einem bestimmten Alter des physischen Lebens entrissen wird, hat eine große Bedeutung für die Art des Lebens nach dem Tode. Aber das hängt innig zusammen mit unserem ganzen Karma.

[ 19 ] Dann kommt die Zeit, in der wir das Gefühl haben: Jetzt bist du eigentlich erst draußen, aus dem Irdischen heraus. — Wenn man grob sprechen würde, so könnte man so sagen: Unmittelbar beim Durchschreiten der Pforte des Todes hat man das Gefühl, der irdische Leib geht von einem fort. Die Freunde, die Menschen, mit denen man zusammen war, gehen von einem fort. Die Erlebnisse, die man mit ihnen hatte, gehen von einem fort. Man ist für eine Weile mit sich allein, allein mit dem, was man erlebt hat. Natürlich ist da alles in dem Lebenstraum drinnen, was man mit den Menschen erlebt hat; man beschaut es als das, was die Menschen in einen eingegraben haben, aber so, daß man die Tage über in sich lebt und in sich den Lebenstraum belebt. Man hat da den Eindruck, auch die Erde gehe von einem fort, aber man lebe noch durchaus in derselben Sphäre, in der sich die Erde befindet, in der Sphäre, die noch zur Erde gehört. — Und das Ablegen des Ätherleibes erlebt man eigentlich auch so, daß man das Gefühl hat: Jetzt bist du nicht nur aus der Erde und ihrer Substanz heraus, sondern auch aus dem, was die unmittelbarste Umgebung der Erde ist, aus dem Licht; du bist auch aus dem fort, was auf der Erde als dichte Substantialität die Sphärenmusik unhörbar macht. Du bist — das ist der letzte Eindruck vielleicht, der sehr bedeutsam ist, der dann etwas Bleibendes ist —, du bist fort aus der Gewohnheit, gewissermaßen dich und deine Umgebung beleuchten zu lassen von äußerem Licht. — Ich bemerke einschaltungsweise: Die dümmste Vorstellung haben diejenigen, die glauben, wenn man von der Erde zur Sonne wegfliegen würde, so würde man immerfort durch Licht fliegen. Diese phantastische Vorstellung haben gegenwärtig die materialistischen Physiker. Der Glaube, daß die Sonne in der Weise, wie man es in der Physik beschreibt, Licht verbreite, daß durch den Weltenraum das Licht gehe und auf die Erde falle, das ist einer der ärgsten Aberglauben. Man merkt das nach dem Tode dadurch, daß man, sich von dem Ätherleib frei wissend, die Erfahrung macht, daß nur in dem Gebiet, das zur Erde gehört, das ist, was wir als Sonnenlicht hier im physischen Leben haben. Man hat die Wahrnehmung: Jetzt stört dich dieses Licht nicht mehr. Jetzt ist es die innere Erzeugung des Lichtes, die sich ausbreitet in dem erst Durchtönten. Das innere Licht kann nun wirksam werden, weil das äußere Licht das innere nicht mehr stört.

[ 20 ] Und nun beginnt eben mit dem Ablegen des Ätherleibes der Eintritt in jene Welt, die so oft die Kamalokawelt genannt wird. Wir wollen sie die Seelenwelt nennen, denn nachdem zuerst die innere Belebekraft aufgetreten ist, erlebt man dann etwas wie inneres Durchtönen dessen, was man ist, da man nun mit sich allein ist. Und nach dem inneren Durchleuchten tritt nun das auf, was wie ein inneres Durchwärmen sich ausnimmt. Hier auf der Erde hat man das Durchwärmen, indem man Wärme von außen empfängt und darauf angewiesen sich fühlt im physischen Leibe. Und nun tritt das innere Durchwärmen auf, und dieses Durchwärmen ist so, daß man nun wieder fühlt: Du bist jetzt imstande, in dem Elemente, in dem du lebst, die Empfindung in dir selbst hervorzurufen, die du früher auch hattest, aber in der Form: Wärme wirkt auf dich. — Das durchzieht das Lebenstableau mit Wärme. Dadurch tritt man in ein völlig neues Element ein. Man hat das Gefühl, daß der Ätherleib einen nun verläßt. Und das ist eben der Eintritt in die Welt, die mit vollem Bedacht in meinem Buche «Theosophie» die Welt der Begierdenglut genannt worden ist, weil die Wärme, die von innen auftritt, zugleich Begierde ist, sich erzeugende, fließende Begierde, Empfinden des Wollenselementes. Und in sie mischt sich schon hinein dasjenige, was uns jetzt für eine gewisse längere Zeit bleibt: das Erleben der Seelenwelt, die ich ja öfters geschildert habe — wir können diese Dinge nur nach und nach genauer schildern — als ein Zurückerleben des Lebens. Man schreitet von dem Erleben des Todes zurück gegen die Geburt hin. Und nun erlebt man alles das von der anderen Seite wieder, was man hier im physischen Leben durchlebt hat. Aber nicht so durchlebt man es, wie man es hier in der physischen Welt durchlebt hat, sondern man erlebt es auf moralische Weise. Wenn man, sagen wir, an einem gewissen Zeitpunkt zwischen Geburt und Tod jemandem eine Verletzung zugefügt hat, so hat man dazumal in sich dasjenige gespürt, was man getan hat, nicht aber das Leid, das der andere empfunden hat. Jetzt erlebt man dieselbe Sache wieder, aber nicht das, was man selber an Zorn oder Antipathie in sich durchlebt hat, sondern so, wie der andere es erlebt hat. Man breitet sein eigenes Erleben, wenn ich mich so ausdrücken will, auf die Wirkungen seiner Taten aus, die da waren zwischen Geburt und Tod. Man lebt sich in alle Wirkungen der Taten hinein.

[ 21 ] Das ist gewissermaßen die Grundlage des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daß man sich während des Erlebens in der Seelenwelt nach und nach in das, was man bewirkt hat zwischen Geburt und Tod, hineinlebt, daß man in dieses allmählich untertaucht. Wirklich so, wie man nach und nach hier von Kindheit auf sich in die Natür hineinlebte, wie man lernte, die Natur wahrzunehmen, die Natur zu verstehen, so lebt man sich in der Zeit nach dem Tode in die Wirkungen seiner eigenen Taten, in die Wirkung seiner eigenen Gedanken und Worte, kurz in die gesamte Welt der Wirkungen hinein; man strömt sich aus in die Welt der Wirkungen. Gewiß tauchen aus diesem Untergrund schon geistige Wesen nach und nach auf: die Wesen der höheren Hierarchien, die Wesen der Elementarwelt. So wie wir hier nicht bloß die Natur erleben, sondern Tiere, Pflanzen, Mineralien auftauchen auf dem Boden der Natur, so tauchen auf innerhalb dieses Zurückerlebens, wo wir uns in die Wirkungen unserer Taten hineinleben — denn das ist eigentlich dann der Grundboden unserer Welt —, die geistigen Wesen in der geistigen Welt. Da kommen uns dann auch entgegen, wie in der physischen Welt die physischen Wesen, unter den geistigen Wesenheiten der Elementarreiche und der höheren Hierarchien die Seelen, die mit uns in Zusammenhang gestanden haben, die Seelen, die schon früher verstorben und in der geistigen Welt sind, oder die Seelen, die noch im physischen Leibe verkörpert sind, mit denen wir hier Zusammenhang gehabt haben. Mit alledem belebt sich dieser Grundboden des nachtodlichen Seins, dieses Sich-Auflösen in die Welt seiner eigenen Taten.

[ 22 ] Und da ist in einer gewissen Weise wahrzunehmen, daß ein Unterschied besteht zwischen dem Wahrnehmen einer Seele, die noch auf Erden weilt, und einer Seele, die auch schon durch die Pforte des Todes gegangen ist. Der Tote weiß natürlich, ob er es mit der einen oder mit der anderen Seele zu tun hat. Wenn er es mit einer Seele zu tun hat, die noch im irdischen Leibe weilt, dann hat der Tote das Gefühl, daß diese Seele mehr wie von außen an ihn herandringe, daß sich das Bild, die Imagination selber formt. Bei einer Seele, die auch schon zu den entkörperten gehört, ist ein viel aktiveres Erleben da. Da hat man das Gefühl, daß die Seele an einen herankommt, daß man aber das Bild für diese Seele formen muß. Der Tote kommt mit seiner Wesenheit an einen heran, sein Bild muß man selber formen; der noch Lebende bringt einem sein Bild heran, wenn man auf ihn hinunterschaut.

[ 23 ] Und nun durchlebt man also in einer gewissen Weise mit moralischer Betonung dasjenige, was man seine Taten nennen kann, das heißt die Wirkungen desjenigen, was man getan, gedacht, gewollt hat. Da taucht man unter, da lebt man sich hinein. Und in einer ganz bestimmten Weise taucht man ein, nämlich so, daß man eben zum Beispiel das Erleben hat: Du hast jemanden verletzt, jetzt erlebst du, was der andere erlebt hat durch die Verletzung! — Das ist wirklich jetzt eigenes Erleben, was der andere hier in der physischen Welt erlebt hat. Das macht man durch. Und indem man es durchmacht, taucht ganz wie durch innere, elementare Notwendigkeit in einem die Kraft auf: Das mußt du ausgleichen, das mußt du gutmachen! — Es ist wirklich so, daß Sie den Vergleich gebrauchen können: Eine Stechmücke fliegt Ihnen entgegen, Sie schließen die Augen. Sie führen eine Tätigkeit aus unter einem Eindruck. — Nach dem Tode erleben Sie das, was irgend etwas, das Sie begangen haben, bewirkt hat; dann antworten Sie in sich selber in dem Erzeugen der Kraft, das auszugleichen, also das auszugleichen, was der andere durch die Verletzung erlitten hat. Das heißt, indem Sie das durchleben, rückläufig im Seelenland erleben, nehmen Sie in sich auf die Kraft, in diesem Menschen, der das durch Sie erlitten hat, das wiederum wegzuschaffen. Damit ist der Wunsch erzeugt, mit ihm zusammenzusein im Erdenleben, um das, was man ihm erwiesen hat, wiederum auszugleichen. Da erzeugen sich während dieses Rückerlebens die ganzen Kräfte zum Karma, zum ausgleichenden Karma. Die nimmt man da auf.

[ 24 ] Also schon in diesen ersten Jahren oder Jahrzehnten nach dem Durchgang durch die Todespforte erzeugt man das Ausleben des Karma. Und so wahr, als im Keime eine wachsende Kraft ist, die später erst in der Blüte sich auslebt, so wahr ist, daß jetzt schon, in der Zeit nach dem Durchschreiten der Todespforte, in dem Toten die Kraft als Wurzelkraft besteht, die dann bleibt fürs ganze Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und die im neuen Erdenleben oder in späteren Erdenleben sich auslebt als karmischer Ausgleich dessen, was man verübt hat. So erzeugt sich der Wille, der dann unbewußter Wille zum Karma wird.

[ 25 ] Und nun kann man noch etwas näher betrachten, was wichtig ist für die Erkenntnis dieses Bildes des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Man kann es betrachten, wenn man noch einmal einen Blick wirft auf Wechselwirkungen zwischen den Verhältnissen des irdischen Lebens hier, die uns in ihrer äußeren Erscheinung gut bekannt sind und über die wir manche Betrachtung angestellt haben ihrem inneren Geheimnisse nach, wenn wir auf die Wechselwirkung blicken zwischen wachem 'Tagesleben und nächtlichem Schlafesleben.

[ 26 ] Wir wollen heute von einem gewissen Punkte aus noch einmal auf dieses Wachen und diesen Schlaf sehen. Außerlich betrachtet besteht ja der Schlaf darin, daß wir mit unserem Ich und Astralleibe außerhalb des physischen und des Ätherleibes sind. Das Schlafesleben bleibt zunächst, wenn es nicht auf eine gewisse Art vom Traumesleben durchsetzt ist, unbewußt, doch bedeutet dies nicht Untätigkeit. Im Gegenteil, dieses Schlafesleben ist ein innerlich viel tätigeres Seelenleben wenn es auch zunächst während des normalen Erdenlebens unbewußt bleibt — als das wache Seelenleben. Das wache Seelenleben ist nur deshalb so intensiv, weil die Tätigkeit des Ich und des Astralleibes an dem Ätherleibe und physischen Leibe einen Widerstand erfährt, und in diesem gegenseitigen Sich-Stoßen von Ich und Astralleib einerseits und physischem und Ätherleib andererseits etwas entwickelt wird wie fortwährende Stöße und Gegenstöße. Dieses ist es, was uns als waches Tagesleben erscheint, während wir im normalen Erdenleben noch nicht in der Lage sind, die fortwährende, aber intensive Tätigkeit des Nachtlebens zum Bewußtsein zu bringen. Dieses stößt nicht an den physischen und Ätherleib, daher wird es nicht bewußt. Aber an sich ist das Tagesleben schwächer; es wird nur bewußt dadurch, daß es fortwährend antrommelt an Ätherleib und physischen Leib. Dieses Antrommeln nimmt man wahr, während die intensivere Tätigkeit des Schlafeslebens ins Unbestimmte hinausgeht, nicht antrommeln kann an irgend etwas und dadurch unbewußt bleibt.

[ 27 ] Aber womit beschäftigt sich der Mensch während dieses Schlafeslebens? Wenn Träume auftreten im normalen Leben, so sind diese Träume ja nicht die wirkliche Tätigkeit während des Schlafeslebens, sondern sie sind eigentlich eine Verbildlichung der Tätigkeit durch die Erinnerungen des gewöhnlichen Lebens. Die Bilder des Traumlebens entstehen dadurch, daß das Leben seinen Teppich breitet über die eigentliche innere Tätigkeit; und dadurch wird mancherlei wahrgenommen im Traumesleben. Da sind das Ich und der Astralleib in einer lebendigen Tätigkeit; wenn sich das berührt mit dem Ätherleibe und der Mensch anstößt an den Ätherleib, dann entsteht der Traum. Aber der Traum benützt aus dem Ätherleib heraus die physischen Lebenserinnerungen, um die unsichtbar bleibende Tätigkeit des Ich und des Astralleibes sichtbar zu machen. Hinter den Traum kommt man daher nur, wenn man diese Bilder in bezug auf ihren Charakterablauf nimmt, wenn man also diese Bilder verstehen lernt. "Träume müssen erst in der richtigen Weise gelesen werden, es muß erst die richtige Auslegekunst dazukommen. Dann weisen sie allerdings in diese bedeutungsvollste Wirklichkeit hinein, die vom Ich und vom Astralleib im Schlafe ausgeführt wird. Diese Tätigkeit also, die da der Mensch ausführt, enthüllt sich dann der ernsten und würdigen Geistesforschung.

[ 28 ] Worin besteht nun diese Tätigkeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen? Sie besteht darin, daß man in viel intensiverer Weise innerlich die Tageserlebnisse noch einmal durchlebt, daß man gewissermaßen zum Selbstbeurteiler wird der Tageserlebnisse. Es ist trivial ausgedrückt, aber tief innerlich wahr: man lebt in dem normalen Bewußtsein in den Tag hinein, man läßt die Ereignisse, die um einen sich abspielen, abfluten. In der Nacht aber nimmt man ichlich und in dem Astralleib — ichlich und seelisch — die Tagesereignisse viel ernster, viel bedeutungsvoller. Man wägt sie, prüft sie in bezug auf ihren Weltenwert. Man beschäftigt sich damit, was sie für eine Bedeutung haben im ganzen Weltenzusammenhang. Eine ungeheure innerliche Gründlichkeit in der Lebensbetrachtung ist ausgegossen über die Tätigkeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen; nur bleibt sie eben im normalen Leben unbewußt. Alles dies, was da der Mensch wie ein nochmaliges Durchleben des Tageslebens jede Nacht durchmacht, das hat eine große Bedeutung als Vorbereitung für das Leben nach dem Durchschreiten der Pforte des Todes.

[ 29 ] Betrachten Sie doch einmal mit den Mitteln der gewöhnlichen physischen Betrachtung dieses fortlaufende Leben zwischen Geburt und Tod. Man sagt natürlich nur, man erinnere sich bis zu einem gewissen Zeitpunkt zurück in diesem Leben. In Wahrheit erinnert man sich nicht an das ganze Leben zurück, sondern man erinnert sich am Abend an das, was bis zum Morgen geht. Dann reißt die Erinnerung ab. Dann kommt erst wiederum der vorhergehende 'Tag, dann wieder die Nacht, an die man sich nicht erinnert. So erinnert man sich zurück, aber es ist gleichsam Kettenglied an Kettenglied, ein weißes und ein schwarzes Glied. An die Nacht erinnert man sich nicht in dem Leben zwischen Geburt und Tod. Das Eigentümliche ist nun, daß man sich gerade erinnert in dieser Zeit, in der man im Seelenlande lebt, an die Art, wie man nun in den Nächten, Nacht für Nacht zurückgehend, die Tageserlebnisse durchlebt hat. Hier im physischen Leben erinnert man sich an seine Tage; im Seelenland erinnert man sich an dasselbe, aber man erinnert sich, wie man die Tage durchwirkt und durchlebt hat in den Nächten. Man schreitet seine Nächte zurück. Dadurch blicken Sie hinein in die ganze Art des Erlebens im Seelenlande.

[ 30 ] Wenn Sie sich das im einzelnen klarmachen, ist es so: Sie haben einen Menschen getroffen an einem bestimmten Tage des Lebens, Sie haben mit ihm dieses oder jenes erlebt. Sie erleben es nicht nur mit ihm am Tage, sondern auch in der Nacht noch einmal, auch in den folgenden Nächten; dann ist es eine Art von Reminiszenz. Sie erleben es da innerlich im Ich und Astralleib. Alles, was Sie hier erlebt haben im Tagesbewußtsein, erleben Sie wiederum im Nachtbewußtsein. Und so wie Sie es im Nachtbewußtsein erlebt haben, so gibt es Ihnen die Handhabe für das, wie Sie es in der Seelenwelt brauchen. Sie erleben Ihre Nächte zurück. Das ist eine sehr bedeutungsvolle Wahrheit der Geistesforschung, und man kann durch eine solche Sache immer wiederum der Tatsache gedenken, daß das Forschen im Geistigen nicht so ist, wie viele glauben. Viele glauben, daß wenn man einmal die geistige Welt betreten hat, dann kenne der Geistesforscher auf einmal die ganze geistige Welt und wisse über alles Bescheid. Dieser Glaube ist ebenso naiv, wie es naiv ist zu glauben, daß einer, der über einen Teil der Erde gegangen ist, die ganze Erde kennt. Stücke der Erde kennt er ganz gut, aber von anderen Stücken der Erde weiß er nichts. Ebensowenig braucht einer, der die geistige Welt an irgendeinem Punkte kennt, alles von der geistigen Welt zu wissen. Das ist Gegenstand einer langsamen Forschung. Daher ist es so schwierig, über die Geisteswissenschaft zu sprechen, weil man immer wieder diesem Vorurteil begegnet. Wenn geisteswissenschaftliche Vorträge gehalten werden, dann verlangen die Leute in der Fragenbeantwortung, daß über alle Dinge Auskunft gegeben werde. Solche Fragen sind ebenso zu beurteilen, wie wenn irgend jemand zum Beispiel eine bestimmte Anzahl von Mineralien, von Pflanzen kennengelernt hätte, und man würde ihn dann über die Geheimnisse der Tierwelt fragen und sagen: Er kennt das eine, da muß er auch das andere kennen!

[ 31 ] Es ist durchaus so, daß alle Einzelheiten der geistigen Welt erst erarbeitet werden müssen. Und vor allem muß man warten können, bis sich einem die eine oder die andere Sache ergibt. Nun haben Sie ersehen können, daß ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» und «Theosophie» gesprochen habe über die ungefähre Länge des sogenannten Kamalokalebens, des Lebens in der Seelenwelt. Von einem gewissen Gesichtspunkte aus kann man das auch durchaus so sagen, wie es da geschehen ist. Aber nun kommt der Geistesforscher in einen bestimmten Zusammenhang, der sich wirklich vergleichen läßt mit dem Bereisen von Ländern. Man kommt von einem Ort zum anderen, und so kommt man hier von einem Gebiet zum anderen. So kann der Geistesforscher zu einem anderen Gesichtspunkte kommen; und diesem Gesichtspunkt ergibt sich auf die Frage: Womit beschäftigt sich die Tätigkeit des Ich und des Astralleibes in der Nacht? — als Antwort: Die Erlebnisse der Nacht können so betrachtet werden, daß sie eine nochmalige Verarbeitung der Tageserlebnisse sind. — Die Frage kann sich aufwerfen: Wie nimmt sich da das Leben in der Seelenwelt aus, wenn man weiß, die Nächte werden durchlebt in der Seelenwelt? — Ich habe angegeben, daß das Leben in der Seelenwelt ungefähr ein Drittel ausmacht des letzten Erdenlebens. Wenn man die Nächte durchlebt, wie lange wird das Leben in der Seelenwelt dauern? Nun, man durchschläft ungefähr ein Drittel seines Lebens hier auf der Erde; einige Leute verschlafen mehr, andere weniger, aber ungefähr ein Drittel des Erdenlebens verschläft man.

[ 32 ] So sind die ungeheuer bedeutungsvollen Eindrücke, die man haben kann in bezug auf die Bewahrheitung der Geisteswissenschaft. Denn so ist es ja in der Geisteswissenschaft: Da wird einem einmal von einem gewissen Gesichtspunkte aus etwas gegeben, von dem aus man hineinschaut in die geistige Welt. Da ergibt sich eine Wahrheit. Es könnte sie einer bezweifeln, diese Wahrheit. Nun geht man von einem anderen Gesichtspunkte aus und kommt zu derselben Wahrheit, so wie es jetzt mit dem Durchleben der Nächte der Fall ist. Das ergibt die Bewahrheitung. Das ist ein wichtiges Kriterium, dieses innerliche Zusammenstimmen. Und das werden Sie überall in der Geisteswissenschaft, da wo sie ernst und würdig betrieben wird, finden: daß von verschiedenen Gesichtspunkten aus dieselbe Sache gesucht wird, und daß sich dieselbe Wahrheit ergibt von diesen verschiedenen Gesichtspunkten aus. Wenn die Menschen einmal ein Gefühl dafür bekommen, welcher Wahrheitswert in dieser Art und Weise liegt, der geistigen Wahrheit sich zu nähern und diese geistige Wahrheit dann zu finden, so werden sie auch empfinden, wie ungeheuer viel wahrer dasjenige ist, was auf diesem Gebiete erforscht werden kann, als alles das, was in der physischen Welt erforscht werden kann. Das ist das Wesentliche, das Wichtige, daß wir hier im physischen Erdenleben ein Gedächtnis haben für dasjenige, was im tagwachen Bewußtsein erfahren ist, und daß wir in der Zeit, in der wir durch die Seelenweit gehen, ein Erinnerungsvermögen haben für das, was in den Nächten weitergearbeitet wird auf Grundlage dessen, was das tagwache Bewußtsein erlebt.

[ 33 ] Damit wir recht fruchtbar uns den bedeutungsvollen Wahrheiten nahen können, die wir morgen noch abzuhandeln haben, wollen wir uns eines in die Erinnerung rufen, was ich auch hier schon in einem anderen Zusammenhange mit Bezug auf die großen Ereignisse unserer Zeit erwähnt habe: Wenn der Mensch so durch die Pforte des Todes geht, daß sein Leben gewissermaßen von außen abgerissen ist, überhaupt wenn er in jugendlichem Alter dahinstirbt, dann tritt, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist, nach kurzer Zeit auch die Trennung vom Ätherleibe ein. Aber dieser Ätherleib hätte ja in sich die Kraft, den Rest des Lebens noch zu versorgen mit äußeren Lebenskräften. Normal bekommt der Mensch an Kräften des Ätherleibes dasjenige mit, was ihn bis ins hohe Alter mit Lebenskräften versorgen kann. Reißt nun das Leben ab, dann bleiben doch diese Kräfte. Im abgelegten Ätherleibe sind diese Kräfte auch vorhanden. Und geradeso wie in der physischen Welt nichts verlorengeht an Kräften, sondern nur verwandelt wird, so gehen auch diese Kräfte nicht verloren, sondern sie bleiben vorhanden. Wenden Sie das konkret an, dann werden Sie sich sagen: Wenn der Mensch im jugendlichen, im blühenden Alter hinstirbt, hinterläßt er der Welt das, was er noch an Lebenskräften in seinem Ätherleibe hat, die er selber hätte verbrauchen können. — Stellen Sie es sich noch konkreter vor. Nehmen Sie einen Menschen an, der, sagen wir, im fünfundzwanzigsten Lebensjahre durch eine Kugel getroffen worden ist: er hinterläßt der Welt an Lebensätherkräften das, was er hätte aufbrauchen können vom sechsundzwanzigsten Lebensjahre ab für den Rest eines langen Lebens. Das bleibt, das ist eine Gabe, die der Tote überläßt der geistigen Lebensatmosphäre, in der wir sind. Von diesen Kräften bleiben wir umgeben. Und in diesen Kräften stecken die Opfergesinnungen, von denen der also Geendete seine Ätherkräfte durchzogen hat. Das bleibt. Und die Nachkommenden wissen gar nicht, wie sie in den von den Vorfahren auf diese Weise hinterlassenen Kräften eigentlich leben, wie sie von denen umgeben sind, und wie unsere geistige Lebensluft davon durchtränkt ist. Sie achten nicht auf das, was zurückbleibt von den Hingegangenen in einer solchen Zeit, wo in verhältnismäßig kurzer Zeitspanne so viele noch lebensbrauchbare Ätherleiber der geistigen Erdenatmosphäre übergeben werden. — Von da ausgehend, werden wir morgen weitersprechen.

[ 34 ] Wir wollen nur noch den Blick hinlenken auf dasjenige, was sich uns erschließt aus solchen tiefen Zusammenhängen, durch die wir in die geistige Welt hineinblicken können, und nicht mehr in bloß abstrakter, trivialer Weise in der Sinneswelt auch noch verschwommen den Geist schauen, sondern darin konkret Geistiges wesenhaft schauen. Wir schauen darin — neben dem, was sich an Schicksal abspielt bei den Menschen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind — Wesen der höheren Hierarchien, Wesen der Elementarwelt. Aber wir schauen auch, was innerlich verbunden bleibt mit der Erde: das, was in den Ätherleibern zurückgeblieben ist. Es wird das in konkreter Weise wirken, was die auf den großen Feldern der Ereignisse den Tod Findenden auch noch den Erdenkindern an unverbrauchten Ätherkräften zurücklassen. Das wird sich verbinden mit dem, was diesen Keimen an Verständnis entgegengebracht wird für die Zukunft von seiten der Erdenkinder. Und auf das blickend, sagen wir, was wir schon öfter am Schlusse unserer Betrachtung gesagt haben:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.