Die geistigen Hinter des Ersten Weltkrieges
GA 174b
24 November 1915, Stuttgart
Sechster Vortrag
[ 1 ] Diesen Abend wollen wir noch dazu verwenden, einige Betrachtungen anzustellen über das Zusammenwirken der geistigen und der physischen Welt. Es hat dies ja schon den Gegenstand anderer Betrachtungen in diesen Tagen gebildet. Es wird die Hauptsache sein, auf die es uns ankommt, das Thema, das wir angeschlagen haben, weiter auszubauen. Ich möchte aber von einer allgemeineren Betrachtung ausgehen, die uns zeigen wird, wie im Abstrakteren, im Allgemeineren gedacht werden kann, mit einem einfachen Gedanken umfaßt werden kann das Zusammenwirken des Geistigen und Physischen, des Überirdischen und des Irdischen. Und von dieser allgemeineren Betrachtung wollen wir dann übergehen auf das, worauf es ankommt: auf die Beziehung des entkörperten, durch die Pforte des Todes gegangenen Menschen, zu jenen Menschen, die verkörpert in diesem irdischen Leben sind.
[ 2 ] Wir wollen einmal unsere Erde als den Schauplatz dessen betrachten, was sich zunächst für unsere Sinne zum Ausdruck bringt. Ich will ganz hypothetisch beginnen, will Gedanken, Vorstellungen anschlagen, welche zunächst so wie erdacht sind, bloß erdacht sind, oder wenigstens so aussehen. Nehmen wir einmal an, der ganze Umfang desjenigen, was von einem gewissen Gesichtspunkt aus unsere Erde an Kräften hat, sei wie konzentriert, sei wie zusammengedrängt in ein kleines, irgendwie geartetes Abbild der Erde. Also das wollen wir voraussetzen, daß wir gewissermaßen eine kleine Erde hätten, einen kleinen, winzigen Körper, der aber dasjenige, was die Erde an gewissen Kräften im Großen birgt, im Kleinen in sich enthielte. Wir wollen uns das schematisch darstellen. Wir wollen also denken, wir hätten eine kleine Erde, das heißt einen kleinen, winzigen Körper, der in sich enthielte diejenigen Kraftverhältnisse, die sonst im großen Inhalt des Erdenleibes, wir können sagen, verteilt sind. Stellen wir uns vor, irgendwie sei dieser kleine Erdenkörper mit der Erde in Verbindung.
[ 3 ] Nun müssen wir, wenn wir uns die Erde richtig vorstellen, sie uns nicht denken als ein beliebiges lebloses Wesen, so wie sie sich etwa dem Geologen, dem Mineralogen darstellt, der sich diese Erde nur als ein lebloses Wesen vorstellt. Denn wenn die Erde so mineralisch nur wäre, wie sich der Geologe das vorstellt, so würde sie niemals Pflanzen, Tiere, Menschen auf sich beherbergen können. Gewiß hat der Geologe recht, sich das herauszuschälen, was tot ist, aber er müßte sich bewußt sein, daß er damit nur einen Ausschnitt des Erdendaseins hat. Wenn wir uns aber diese Erde als ein Lebendiges vorstellen, dann müssen wir sie uns auch im Leben so vorstellen, daß der lebendige Verlauf in der Zeit zu dem Sein der Erde dazugehört. So daß diese Erde im Winter — wir haben das öfter besprochen — in einem ganz anderen Zustande ist als im Sommer, ebenso wie der Mensch im Schlafe in einem anderen Zustand ist als im Wachen. Wir müssen uns das nicht so vorstellen, daß Winter und Sommer einfach über die Erde hinstreichen, sondern daß sie etwas sind, was den Zustand der Erde, also das lebendige Wesen ergreift, wie uns die Zustände von Wachen und Schlafen ergreifen. Also dieser zeitliche Ablauf gehört zum Erdendasein dazu, wenn wir dieses Erdendasein als ein Lebendiges betrachten. Damit aber sagen wir zugleich, daß jedes Wesen, welches mit dieser Erde in Zusammenhang steht — also auch diese kleine Erde, von der wir hier sprechen —, mit der ganzen Erde in diesem wechselnden Zustande ist, daß es diesen mitmacht.
[ 4 ] Was bedeutet nun dieser Wechsel von Zuständen für unsere Erde? Sagen wir zum Beispiel, es tritt der Frühling ein. Wenn der Frühling eintritt, so bedeutet es, daß die Sonne in ihrer Wirksamkeit für die Erde in ein ganz anderes Verhältnis tritt, als es während des Winters besteht. Wir könnten auch sagen: Wenn der Frühling eintritt, wird die Erde ergriffen von den Sonnenwirkungen. Wenn während des Winters unsere kleine Erde mit der großen Erde gewissermaßen auf sich selbst angewiesen war, sich die Sonne nicht kümmerte um unsere kleine Erde, wird jetzt von den Sonnenwirkungen, von dem, was außerhalb unserer Erde ist, auch unsere kleine Erde ergriffen. Es wird die Summe von Kräften, die in der kleinen Erde ist, der Erde entrissen. Unsere kleine Erde ist sozusagen nicht mehr auf die Erde allein angewiesen; sie wird von der Sonne in Anspruch genommen, sie wird der Erde entrissen. Ja, wenn so unsere kleine Erde nun der Erde entrissen wird, dann spielen in unsere kleine Erde eben andere Kräfte hinein als die bloßen Erdenkräfte, dann teilen sich unserer kleinen Erde die Außenkräfte mit.
[ 5 ] Nun müssen wir uns diese kleine Erde mit Stoffen ausgekleidet denken. Was Stoff ist, kommt dabei jetzt nicht in Betracht. Vom Herbst bis zum Frühling ist diese kleine Erde also mit sich allein, da kann sie in sich ihre Kräfte entfalten. Dann aber kommt die Sonne, die reißt die Kräfte heraus, so daß unter dem Einfluß der Sonnenwirkung dasjenige, was zuerst in unserer kleinen Erde eingeschlossen war, jetzt in außerirdische Wirkungskreise hineinkommt. Es wird herausgerissen und kommt in außerirdische Wirkungskreise hinein. Das, was zusammengedrängt war, kann sich ausdehnen und bekommt ein Verhältnis auch zum umliegenden Weltenraum unter dem Einfluß der Sonnenwirkung.
[ 6 ] Jetzt hören nach einer gewissen Zeit, gegen den Herbst zu, die Sonnenwirkungen wieder auf. Dann kann diese Entfaltung nicht stattfinden, dann entziehen sich wiederum die Sonnenwirkungskräfte den Erdenwirkungskräften, das heißt, diese Kraftzusammensetzung stellt sich wiederum her. Sie sammelt den Stoff zusammen: die Erde ergreift gleichsam das wieder, was sie eine gewisse Zeit der Sonne überlassen mußte. Die Sonnenwirkungen bleiben jetzt eine Zeitlang weg, der Winter kommt. Es würde, wenn das der Erde überlassen bliebe, eine kleine Erde in der großen Erde die Sonne ganz in Anspruch nehmen. Während des ganzen Winters muß das System der Erdenkräfte drinnen wirksam sein. Die Sonne würde sonst diese kleine Erde ganz für sich einheimsen. Es muß dafür gesorgt werden, daß die Sonne, wenn sie wieder erscheint, diese kleine Erde ergreifen kann; sonst wird sie einfach zu einem Kügelchen, das aufgezehrt wird von der großen Erde. Es muß eine Kraft sich geltend machen, damit die Sonne, wenn sie kommt, wieder heran kann an diese kleine Erde. Dafür aber muß vorgesorgt werden.
[ 7 ] Wenn die Erde ihre eigene Kraft nur in diesem da jetzt drinnen hat (es wird gezeichnet), so ist das eben eine kleine Erde. Die Sonne hat sich zurückgezogen, jetzt ist diese kleine Erde mit der großen Erde für sich allein. Wenn die Sonne wieder kommen würde, was soll sie jetzt machen mit dem, was nur Erde geworden ist? Es muß in Wirklichkeit die Sonne wiederum hereingreifen können — hier ist kein Unterschied, ob die Sonne um die Erde geht oder die Erde um die Sonne —, es muß die Sonne, wenn sie so in einem neuen Verhältnis zur Erde steht, eingreifen können. Sie können sich das etwa auf folgende Weise vorstellen: Denken Sie einmal, ein Mensch stellt sich fest auf und wendet alle seine Kräfte an, um stehenzubleiben. Sie kommen von der Seite und wollen ihn weiterstoßen. Wenn er die Stehkraft in sich genügend erhärtet hat, so werden Sie ihn nicht weiterbringen. Wenn er aber anfängt sich zu bewegen, so werden Sie eingreifen können in seine Bewegungsrichtung. Nehmen Sie an, es wäre da drinnen eine Kraft, welche die umkreisende Bewegung der Sonne, respektive der Erde selber, wie eine innere Schwungkraft da drinnen hätte; nehmen wir an, es würde der kleinen Erde diese Schwungkraft der Sonne mitgeteilt: dann könnte die Sonne wiederum in diese Bewegung, die sie erteilt hat, eingreifen. Dadurch könnte sie wiederum diese kleine Erde der Erde entreißen, und der Vorgang könnte sich wie beschrieben abspielen. Wir hätten da, mit anderen Worten, gegen den Frühling zu eine kleine Erde, in welche die Sonne eingreift durch Bewegungsimpulse, die sie im vorigen Herbst schon erteilt hat. Die Sonne greift ein, entreißt die kleine Erde den bloßen Erdenkräften, entfaltet in Gemäßheit der Sonnenwirkung im Größeren das, was nur auf die kleine Erde beschränkt ist. Die Kräfte müssen sich zusammenziehen, und der kleinen Erdkugel muß die Schwungkraft der Sonne verliehen werden. Sie ahnen schon, um was es sich handelt: ich habe skizzenhaft geschildert, was geschieht während des Wachstums der Pflanzen, der Entfaltung der Pflanzen in Blätter, Blüten und Früchte. Ich habe Ihnen hier beschrieben die Mitwirkung des Sonnenschwunges: das ist die Befruchtung; der Same ist befruchtet und bleibt so bis zum nächsten Jahre, wo er wiederum von der Sonne ergriffen wird. Das kleine Körnchen, das die Befruchtung bei der Pflanze ausführt, das ist das Wesen, in welches durch die Sonnenreifung die Möglichkeit gelegt ist, diese Schwungkraft dem irdischen Teile zu vermitteln.
[ 8 ] Sie sehen, wir haben hier eine lebendige Wechselwirkung zwischen Irdischem und räumlich Außerirdischem. Wir können uns nicht vorstellen, daß der Pflanze Wachstum weiter gedeihe, ohne daß die Sonne ihr übrigläßt eine Nachbildung ihrer Schwungkraft, in die sie das nächste Jahr wieder eingreifen kann. Mit anderen Worten: Wenn wir die Pflanze betrachten, so betrachten wir wirklich nicht bloß etwas, was mit der Erdenwirksamkeit zusammenhängt, sondern wir sehen in dem ganzen Zyklus des Pflanzenvorganges eine Wechselwirkung von Sonne und Erde. Es kommen noch andere planetarische Zustände in Betracht; davon wollen wir aber jetzt absehen, wir wollen den Sinn des ganzen Vorganges auffassen. Wir wollen uns vergegenwärtigen, wie das, was wir auf der Erde sehen, nicht bloß ein irdisches Produkt ist, sondern wie es auch ein Sonnenprodukt ist. Der Umstand, daß sich das menschliche Wissen gewöhnlich beschränkt auf das, was auf der Erde innen und außen vorgeht, verhindert, daß man zu einer wirklichen Anschauung, zu einer wirklichen Erkenntnis über die Dinge kommt. Denn mit bloßen Erdenkräften werden bloß unsere Mineralien geformt. In dem Augenblick, wo wir über das bloß Mineralische hinausgehen in das Pflanzliche, da müssen wir sagen, daß in dem Irdischen selber nicht mehr die Kräfte sind, welche die Dinge formen.
[ 9 ] Die Materialisten hoffen immer, daß sie einmal den Pflanzensamen so wie irgendeine andere chemische Zusammensetzung im Laboratorium erzeugen werden. Nicht um dieses Erzeugen handelt es sich bei der Gegnerschaft gegen den Materialismus, sondern darum, daß, indem man vom Mineral zur Pflanze vorrückt, vom chemischen Produkt zum Lebendigen, das Erzeugen nur durch einen überirdischen Prozeß vor sich gehen kann. Und bevor es gelingen wird, dieses Ideal des Materialismus auszuführen, Pflanzensamen ebenso herzustellen wie mineralische Produkte, chemische Substanzen, werden die Materialisten lernen müssen — wenn ich mich grotesk ausdrücken will —, an die Astrologie zu glauben, zu glauben, daß sie einen Vorgang, den sie werden bewirken wollen, unter den Einfluß der Sternenwirkungen stellen müssen. Es wird Laboratorien geben müssen, welche so arbeiten, daß sie mit dem Gang des Jahres arbeiten, und daß sie ebenso berücksichtigen müssen die Konstellation der Gestirne, wie draußen in der Natur die Konstellation der Gestirne berücksichtigt wird. Man muß sich von der Erde erheben, wenn man sich vom Toten zum Lebendigen erhebt. Denn es muß mitarbeiten bei der Entstehung des Lebendigen das ÄtherischLeibliche. Dieses ist aber niemals bloß abhängig von dem bloß Irdischen, sondern von dem, was in der ganzen Welt draußen verbreitet ist. Dasjenige, was bloß physisch ist, das überschauen wir, wenn wir unser Irdisches überschauen; vom irdischen Standpunkt überschauen wir das Physische, indem wir das Irdische überschauen. Dasjenige, was für unsere Erde ätherisch ist, das ist noch immer ausgesetzt dem gesamten Weltenall.
[ 10 ] Wenn wir nun noch weitergehen zum Astralischen, dann kommen wir zu einem Elemente, das überhaupt nicht mehr dem Sichtbaren ausgesetzt ist. Und würde ich Ihnen das, wie ich es für die Pflanze entwickelt habe durch ein Schema, für das Tierische zu entwickeln haben, so würde sich das komplizierter ausnehmen; aber Sie würden sehen, daß da zu dem Irdischen nicht nur das Außerirdische und noch in der Sternenwelt Sichtbare in Betracht kommt, sondern daß überhaupt Übersinnliches in Betracht kommt, das nicht einmal beschlossen ist in der Sternenwelt. Man muß aus dem Reiche des Sichtbaren hinausgehen.
[ 11 ] Ich wollte eine solche Betrachtung vor Ihnen anstellen, damit Sie sich einen Einblick verschaffen in das wirklich tief innerlich Geheimnisvolle desjenigen, was auch in der Alltäglichkeit, im täglichen Pflanzenwachstum vor sich geht, damit Sie einen Einblick gewinnen, wie es in den befruchtenden Körnern der Pflanzenblüte, die um den Fruchtknoten herum kreisförmig oder sonst verteilt sind, im wesentlichen darauf ankommt, daß außerirdische Wirkungen in ihnen enthalten sind, und wie es bei dem Samen selber darauf ankommt, daß er im Grunde ein Abbild der ganzen Erdenwirkung ist, daß er eine kleine Erde ist. Die Wechselwirkung, die in der Pflanzenblüte durch die Befruchtung geschieht, ist ein Abbild des Vorganges, der sich abspielt zwischen der Erde und der gesamten Sternenwelt des umliegenden Weltenraumes.
[ 12 ] Wir sind ja im Grunde überall von Geheimnissen umgeben, und die Erkenntnis und das Erkenntnisstreben spornt immer zur tiefsten Bescheidenheit an. Denn denken Sie sich, wie weit der Weg ist von der Anschauung einer solchen Sache im allgemeinen bis zu der konkreten Anschauung der Einzelheiten von alledem, was als Pflanzendecke die
[ 13 ] 4419 Erde bedeckt. Das Feld der Erkenntnis eröffnet sich damit wirklich als ein unendliches. Wir stehen sozusagen an jedem Punkte unseres Daseins der Unendlichkeit gegenüber. Und es gehört zu der rechten Stimmung, die der Mensch entfalten soll der Welt gegenüber, einen Sinn zu haben dafür, daß man überall eigentlich in ein unendliches Dasein hineinblickt. Dadurch fühlt man aber auch ein gewisses Band zwischen dem einzelnen endlichen Menschendasein und dem Unendlichen, der ganzen Welt. Und diese Stimmung müßte man eigentlich ausgießen über alles einzelne, was die Geisteswissenschaft uns bringen kann, denn ohne diese verehrungsvolle Stimmung gegenüber dem Unendlichen läßt sich eigentlich nichts mit der richtigen Empfindung in der Geisteswissenschaft erfassen. Man muß zuweilen eine solche Stimmung in sich erneuern, damit man aufhört, die Erkenntnis als etwas zu betrachten, was so wie ein auch im Leben Verlaufendes nebenher aufgesucht wird, während sie in der Tat zum allerheiligst Geistigen gehören muß, das in unser Leben eingreift.
[ 14 ] Wenn man sich solchen Stimmungen hingibt, dann wird man auch dasjenige mit der richtigen Gesinnung entgegennehmen, was in unserer Gegenwart aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus für den notwendig in die Welt kommenden Fortschritt von unserer Gegenwart an in die Zukunft hinein immer mehr wird verkündet werden müssen. Und wenn man sich eine solche Gesinnung entwickelt hat, dann ist diese Gesinnung in unserer Seele etwas Wirksames. Sie ist da wirklich nicht bloß etwas Abstraktes, sondern sie ergreift unsere Seele, sie durchwärmt, sie durchleuchtet unsere Seele. Und dadurch kann erst das Richtige aus der Geisteswissenschaft hervorgehen, daß unsere Seele gewissermaßen eine andere wird dadurch, daß also durchfühlt werde das, was durch die Geisteswissenschaft erforscht werden kann. Wenn wir solche Stimmung in unsere Seele hineinbringen, dann gehen uns erst in der rechten Weise über das, was sonst im Leben an uns vorbeifließt, ohne daß wir in der rechten Weise uns dazu stellen können, die Rätsel auf.
[ 15 ] Es ist wirklich ein innerer Seelenzusammenhang zwischen diesen allgemeinen Betrachtungen, die ich jetzt angestellt habe, und dem, was ich nun weiter mit Bezug auf das Menschenleben sagen will. Man kann, wenn man den Blick hinrichtet zur Pflanze, wenn man sie hervorsprießen sieht aus der Erde, die Seele so stimmen, daß sie das Gefühl hart: Was da als Grünes hervorsprießt, es nimmt seinen Ausgang von einem so komplizierten kleinen Wesen, dem Samen, daß dieses kleine Wesen — von gewissen Gesichtspunkten aus — ein Abbild der ganzen Erde ist, daß bei dem, was ich da emporsprießen sehe vom Blatt zur Blüte, von der Blüte zur Frucht, das ganze Weltenall mitwirkt. Wenn ich ein grünes Pflanzenblatt am Stengel mir ansehe, so wird mir bewußt: In diesem Blatt, so wie es sich ansetzt, wie es grünt, wird von der Sonnenwirkung umspielt, was zuerst eingeschlossen war in der kleinen Erde, was entrissen worden ist der Erde, bis die Sonnenwirkungen es ergriffen haben. Dann lassen die Sonnenwirkungen ihr aber zurück ihre Schwingungsimpulse, nachdem sie unmöglich gemacht haben, daß sich das, was in der kleinen Erde war, ausbreitet, wenn es sich wiederum zusammenziehen muß. Wir sehen gewissermaßen in der aufsprießenden, sich entfaltenden Pflanze ein Bild gewisser Wirkungen des ganzen großen Kosmos. Wir müssen das, was sich unseren Sinnen darbietet, in dieser Weise als etwas betrachten, das uns in jedem Punkte Geheimnisse enthüllt, die den ganzen Kosmos durchwallen und durchweben.
[ 16 ] So aber steht auch das Menschenleben selber mit dem ganzen Kosmos im Zusammenhang und jetzt auch mit dem, was von den außerirdisch-sichtbaren Körpern und Vorgängen uns gegenüber da ist. Ganz besonders bedeutsam aber tritt uns das, was da in den irdischen Vorgängen erscheint, vor das Auge, wenn wir, ich möchte sagen, die Abweichungen von dem ins Auge fassen, was sich uns eingewöhnt als das normale Erdenleben, das normale Menschenleben. Zwar sehen wir fortwährend viel mehr Abweichungen als eigentlich Normales im Leben, aber das gewöhnliche Erkennen, das sich auf die Sinnenwelt beschränkt, läßt sich nicht ein auf diese Abweichungen, man möchte sagen, es läßt sich nicht ein auf den Sinn dieser Abweichungen. Wir leben in einer Zeit, in der sich uns, zusammengedrängt, viele Abweichungen zeigen, die zu gleicher Zeit so rechte Rätselfragen sind. Sehen wir nicht in dieser Zeit einer schweren Prüfung der Menschheit zahlreiche unserer Menschenbrüder frühzeitig durch die Pforte des Todes gehen? Wir sehen sie so durch die Pforte des Todes gehen, daß sie nun nicht durch irgendeine Krankheit, also durch etwas, was im eigenen Organismus ist, durch die Pforte des Todes gehen, sondern gewaltsam sehen wir sie
[ 17 ] durch diese Pforte des Todes gehen. Denn es ist etwas anderes, ob eine _ Menschenseele durch die Pforte des Todes geht so, daß sie durch eine Krankheit im jugendlichen Alter stirbt oder dadurch, daß ihr Organismus von einer Kugel getroffen wird, oder auf irgendeine andere Art gewaltsam hinweggenommen wird von dem Seelisch-Geistigen. Aber ich habe schon gestern davon gesprochen: Was sich hier vollzieht zwischen Geburt und Tod, das ist alles bedeutsam im ganzen Zusammenhang des Lebens; wir müssen es als Karmazusammenhänge hinnehmen, wir müssen uns in das Karma hineinfügen, wie es gegeben ist. Aber es ist bedeutsam das, was geschieht.
[ 18 ] Nun betrachten wir einmal den Fall, daß der physische Organismus von dem Seelisch-Geistigen hinweggenommen wird durch eine Kugel in verhältnismäßig jugendlichem Alter. Gegenüber dem, was wir in uns eingewöhnt haben — daß der Mensch seinen Organismus selber aufbraucht —, ist das ein Abnormes. Es ist daher eine doppelte Rätselfrage. Ist schon der Tod allein für das unmittelbare Anschauen ein Rätsel, das eben durch die Geisteswissenschaft sich enthüllt, ein doppeltes Rätsel entsteht noch, wenn nun der Verlauf des Lebens nicht so ist, daß durch innere organische Vorgänge der Organismus dem Geistig-Seelischen weggenommen wird, sondern wenn dies etwa durch eine Kugel geschieht.
[ 19 ] Es gehört dem Universum, dem Kosmos gegenüber eine innere Stimmung in die Seele hinein, die sich erzeugt durch solche einfache Erwägungen, die aber, mit aller Tiefe erfaßt, uns ergreift mit einem inneren Stimmungszusammenhang gegenüber den Geheimnissen des Universums. Und dann, wenn die Seele so ergriffen ist, dann treten wir auch mit der nötigen verehrungsvollen Stimmung und Würde und mit dem nötigen Ernst dem Ereignisse entgegen, das ich eben angedeutet habe: daß auf gewaltsame Weise dem menschlichen Geistig-Seelischen das Physisch-Leibliche weggenommen wird. Und dann tritt diese Frage wie eine Rätselfrage vor unserer Seele auf. Denn wie eine solche Frage auftritt, darauf kommt es an, ob man irgend etwas beitragen kann zu ihrer Lösung oder nicht. Wenn ein Mensch eben noch ein Festmahl durchgemacht hat und sich dann ausgeruht hat und nun an seine geistige Arbeit sich setzt, dann wird er die tiefe Rätselfrage nicht lösen, dann wird er nicht die Stimmung finden, auf die es ankommt. Wenn er aber der Rätselfrage entgegentritt und seine Seele von der rechten Stimmung durchtränkt hat gegenüber dem Universum, dann können ihm die Rätsel aufgehen.
[ 20 ] Wenn nun der Geistesforscher mit einer solchen Stimmung der Seele sich vor das Todesrätsel hinstellt, das so an uns herantritt, daß auf gewaltsame Weise dem Seelisch-Geistigen der physische Leib entrissen wird, dann taucht allerlei in der Seele auf, was zur Lösung des Rätsels beitragen kann. Dann kommen einem die richtigen Impressionen, die man braucht, um eine solche Sache aufzuklären. Nicht aus jeder Seelenstimmung können sie hervorgehen, diese Impressionen, sondern nur aus der richtigen Seelenstimmung. Damit Sie dieses innerlich anschaulich vor sich haben, wählte ich gerade diesen Weg, den ich heute gewählt habe, indem ich Ihnen gleichsam zeigte, wie dem Geistesforscher sich eine solche Aufgabe vor seine Seele stellt. Dem Geistesforscher tritt also, wenn er sich so gestimmt hat, die angedeutete Rätselfrage vor die Seele. Dann taucht aber etwas ganz anderes auf: Wie sonst gesetzlos Gedanke neben Gedanke sich stellt, so stellt sich dann gesetzmäßig eine Impression vor die Seele hin, neben die Frage. Und dann kann sich hinstellen, wenn man empfunden hat dieses Rätsel, das Todesrätsel, dann kann man, wie etwas, was dazu gehört, empfinden die andere Frage: Ja, wie nehmen die Menschen eigentlich — je nach ihrer besonderen Artung — das Leben hin? — Und da entwickeln sich einem allerlei Gedanken, Gedanken, die ich jetzt vor Ihrer Seele selber ausbreiten will.
[ 21 ] Gerade in unserem gegenwärtigen Zeitenzyklus lassen ja die Menschen nur das so recht als eine Wirklichkeit gelten, was nicht ein «bloßer Gedanke» ist. Der Gedanke ist für sie eigentlich nichts Wirkliches. Und sie mögen von ihrem Standpunkt aus recht haben, aber es ist eben eine gewisse Stimmung der Seele. Das, was wirklich ist, das muß schon derber an den Menschen herantreten als ein bloßer Gedanke, recht sehr derb. Ein bloßer Gedanke ist eben — ein bloßer Gedanke! Aber das, was man als seiend bezeichnet, das darf für die gegenwärtigen Menschen nur ja kein bloßer Gedanke sein. Was sich als bloßer Gedanke gibt, das bezeichnet der Mensch heute eben als nicht seiend. Das Seiende muß derb sich hineinstellen in die Welt, muß nicht bloß zum Gedanken sprechen. Aus dieser Stimmung heraus glauben die Menschen nur dann in der Wirklichkeit zu stehen, wenn sie von dieser Wirklichkeit als einem Seienden, einem Sein sprechen können, wenn sie gezwungen werden, diese Wirklichkeit durch das Sein anzuerkennen.
[ 22 ] Nun, wenn wir von dieser Welt, in der wir hier stehen, in die geistige Welt hinaufsteigen, die der Mensch bewohnt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, so ist der unbehaglichste Gedanke, möchte man sagen, der Gedanke des Seins, der sich hier in der physischen Welt gebildet hat. Ein Sein, das so ist wie das Sein in der physischen Welt, das stört den entkörperten Menschen in der geistigen Welt. Gerade das, was man hier in der Wirklichkeit als das Unwirkliche im Gegensatz zum Seienden bezeichnet, ist das Wirkliche in der geistigen Welt. Was dort an einen herantreten würde so wie hier das Seiende, das würde man abweisen, das würde schreckhaft sein, das würde etwas sein, was nicht in die geistige Welt hineingehört. Es ist das ein ungeheuer bedeutungsvoller Gedanke. Wenn man so trivial reden würde in der geistigen Welt wie hier, so könnte man als Geist etwa sagen, wenn einem so etwas entgegentritt, wie die Dinge einem hier entgegentreten: Was soll ich denn damit machen? Das ist ja gar nicht! — Denn in der geistigen Welt muß ich die Möglichkeit haben, alles das, was mir als Imagination entgegentritt, mitmachen zu können — es ist das auf der untersten Stufe der Erkenntnis in der geistigen Welt —, das heißt, es überführen zu können in die Anschauung durch meine eigene Tätigkeit. Während in unserer Zeit die Menschen nur das als die Wirklichkeit anerkennen, wozu sie nichts getan haben, kann man das jetzt
[ 23 ] ‘nicht anerkennen in der geistigen Welt. Sondern in der geistigen Welt ist es so, daß man etwas dazu tun muß, daß man mitarbeiten muß, damit das entsteht, was einem dort als die Wirklichkeit erscheinen soll, man muß überall! mittun.
[ 24 ] Es ist so, daß derjenige, der entkörpert in der geistigen Welt ist, die geistige Welt um sich herum insoweit schaut, als er darinnen tätig ist. Und was er schaut, ohne daß er tätig ist, das ist dort jenseitige Welt, die Welt, die unsere diesseitige Welt ist. Wenn der Entkörperte auf die Erde schaut, so sieht er das, was da ist, ohne daß er mittut. Wie wir hier auf der Erde unsere sichtbare Welt, unsere wirkliche Welt, unsere seiende Welt als das Diesseits bezeichnen und das, was nicht gesehen wird, als Jenseits, so ist es gerade umgekehrt von dem Standpunkte der geistigen Welt aus. In der geistigen Welt ist rein nichts außer dem, was wir dadurch aus dem Nichts in die Gegenwart schaffen, daß wir mittun: Das ist dann das Diesseits. Sonst ist das Diesseits in der geistigen Welt finster und stumm und öde, wenn wir nicht darinnen handeln seelisch-geistig. Das Jenseits aber ist da, ohne daß wir arbeiten. Während wir hier hinaufblicken zum Unbekannten, blicken wir von der geistigen Welt auf das, was uns hier bekannt ist, aber das ist gerade das Jenseits, das keine Wirklichkeit hat, weil es ist, ohne daß man etwas dazu tut. — Mit solchen Vorstellungen muß man sich schon einmal bekanntmachen.
[ 25 ] Nun gibt es jetzt innerhalb unseres physischen Diesseits, unserer physischen Wirklichkeit etwas, was nicht alle, aber doch gewisse Menschen als etwas Bedeutungsvolles gelten lassen, trotzdem es nicht zst, etwas, was einzelne Menschen hereintragen in diese sonst seiende Wirklichkeit, und demgegenüber diejenigen, die ein Verständnis dafür haben, sich so verhalten, daß sie es gelten lassen, trotzdem es keine derbseiende Wirklichkeit hat: Das sind die Ideale, welche die Menschen haben. Die Idealisten tragen in unsere sinnliche Wirklichkeit etwas hinein, was wertvoll ist: die Ideale, nach denen sich der Mensch richtet, die nicht derbe, materielle Wirklichkeit haben, und die nur der grobe Materialist eben nicht gelten läßt. Nun sind diese Ideale aber zu gleicher Zeit etwas ungeheuer Wertvolles im diesseitigen Leben, die Ideale sind das, was die Richtungsimpulse für unser Leben gibt, sie sind das, was wir begehren, damit wir uns daran halten können. In gewisser Beziehung machen diese Ideale das Leben wertvoll, indem sich der Mensch nach ihnen richtet. Es muß mit den Idealen etwas im materialistischen Sinne Unwirkliches in unsere sinnliche Wirklichkeit hineingetragen werden, damit nicht das entstehe, was wir etwa in dem Sinne charakterisieren müssen: Das bloße Dasein wäre öde, wenn nicht die Ideale da wären, wenn der Mensch sie nicht darinnen finden würde. Unter diejenigen, welche keine Ideale haben, müssen die Idealisten treten, die gleichsam etwas entwickeln in unserer Wirklichkeit, was ein Abbild ist der jenseitigen Wirklichkeit, was nicht ein Seiendes ist, was nicht das Seiende beansprucht und dennoch ein Wertvolles ist, ja, einen absoluten Wert hat.
[ 26 ] Nachdem der Geistesforscher nun diese seine ihm naturgemäße Impression entwickelt hat, führt ihn seine Forschung wiederum zurück zu der Rätselfrage nach dem von einer Kugel im jugendlichen Alter getroffenen Menschen. Und er muß nun fragen: Gibt es für die von hier aus jenseitige Welt, in der die entkörperten Menschen und die geistigen Wesen, die seelischen Wesen leben, etwas, was dem Idealismus hier auf der Erde entspricht? Gibt es für die jenseitigen Wesen etwas Ähnliches wie die Ideale hier auf der Erde? — Und siehe da, es stellt sich das Folgende heraus. Nehmen wir einen Menschen, der im jugendlichen Alter von einer Kugel getroffen worden ist: sein Ätherleib trennt sich von dem physischen Leibe, der physische Leib ist auf gewaltsame Weise weggegangen. Selbstverständlich muß die Gewalt von außen kommen. Es kann niemals das, was ich gesagt habe, gelten, wenn der eigene Entschluß vorliegt. Der Vorgang muß von außen kommen. Der Ätherleib hat also, wie ich schon betonte, Kräfte in sich, die noch weiter, vielleicht jahrzehntelang das Leben hätten versorgen können hier auf der Erde. Diese Kräfte vergehen nicht, sie bleiben. Derjenige, der so seinen Ätherleib nun ablegt, übergibt die Kräfte seines Ätherleibes der allgemeinen Welt. Er ist aber auf die angedeutete Weise in die geistige Welt hineingekommen, beziehungsweise es ist ihm sein Leib genommen worden. So geht er nun in die geistige Welt als ein Entkörperter hinauf. Es bleibt von ihm etwas in der physischen Welt zurück, was er selber noch hätte verbrauchen können, aber nicht verbraucht hat. Bedenken Sie, was da vorliegt! Das betreffende Menschenwesen geht in die geistige Welt hinauf, ohne verbraucht zu haben etwas, was es hätte verbrauchen können.
[ 27 ] Wir lenken jetzt den Blick auf die Individualität des Menschen selber. Der Mensch kommt hinauf in die geistige Welt, ohne etwas verbraucht zu haben, was er hätte verbrauchen können. Damit kommt er in die geistige Welt hinauf mit etwas, was hier unten in der physischen Welt hätte Wirklichkeit sein können, aber nicht Wirklichkeit geworden ist im äußeren Sinn. Solche Menschen, die mit der Anlage für einen längeren Verbrauch des Ätherleibes hier eingetreten sind in die physische Welt, auf die Erde gekommen sind, aber diesen Verbrauch nicht gehabt haben, die kommen anders in die geistige Welt hinauf als diejenigen, die bis zur Neige des Daseins diesen Ätherleib verbraucht haben. Sie kommen hinauf so, daß sie einverleibt haben dieser hiesigen Erde etwas, was sein könnte, was aber nicht seiend geworden ist. Das aber bewirkt in ihnen eine Stimmung, durch die sie etwas Ähnliches werden für die geistige Welt wie die Idealisten hier für die physische Welt. Derjenige also, der in dieser Weise durch die Pforte des Todes tritt, tritt ein in die geistige Welt, indem er etwas hereinbringt, was dort für die geistige Welt Idealismus ist, was ähnlich ist den Idealen, die hier in die physische Welt durch die Idealisten hereingebracht werden. Ein bedeutungsvoller Lebenszusammenhang!
[ 28 ] Es treten also in die geistige Welt in solchen Märtyrerzeiten, wie die jetzige ist, Seelen ein, die ein kürzeres Dasein durchmessen haben. Sie haben hier auf der Erde so gelebt, daß etwas, das seiend hätte werden können, nicht für sie zum Sein gekommen ist, und sie treten so ein in die geistige Welt, daß sie dort den Zusammenhang mit der irdischen Welt so darstellen, wie die Idealisten hier für die Erde den Zusammenhang mit der geistigen Welt darstellen in den Idealen. Mit anderen Worten, diese Menschenwesen, die so durch die Pforte des Todes gegangen sind, haben die Aufgabe, in der geistigen Welt zu verkündigen, daß auf der Erde nicht alles so derbseiend ist wie dasjenige, was man hier unter gewöhnlichen Umständen die Wirklichkeit nennt, daß die Erde auch etwas birgt, das zwar zum Sein veranlagt ist, aber nicht dieses Sein in derber Weise auslebt. Daß solches inneres Gestimmtsein der Seele auch hinaufgetragen wird in die geistige Welt, das gibt in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt etwas Ähnliches, wie der Idealismus hier auf der Erde ist. Und wenn wir vom Standpunkt der Weisheit der Welt ein solches Zeitalter betrachten, wie das unsrige ist, dann blicken wir — wenn wir uns die rechte Stimmung erzeugt haben bei dem Anblick der Tode, die in dieser Weise entstehen — so in die Welt hinein, daß wir uns sagen: Innerhalb des ganzen, weisheitsvollen Weltenlaufes nehmen wir auch dieses so hin, daß wir uns ehrfurchtsvoll zu seinem Verständnis emporarbeiten. — Wir erkennen dann: Den geistigen Welten wird dadurch in einem großen, umfassenden Sinne in einem solchen Märtyrerzeitalter dasjenige gegeben, was bei ihnen leben muß, so wie bei uns der Idealismus auf der Erde leben muß, damit die Menschen, die als solche überhaupt hinaufgehen in die geistige Welt und das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchleben, etwas Ähnliches finden in dieser Welt, wie wir hier den Idealismus finden. Daher müssen diese Zeitalter entstehen. Ob sie immer entstehen müssen in der Zukunft, davon braucht heute nicht die Rede zu sein, denn das hängt davon ab, in welcher Weise, nicht allein ob, sondern in welcher Weise das Erkenntnisleben der Menschheit auf der Erde vergeistigt wird. Es soll niemand den Schluß aus dem Gesagten ziehen, daß unbedingt für immer solche Zeitalter verteidigt werden sollen; aber wenn man ihren Sinn erforscht, stellt sich für die Menschheitsgegenwart dar, was gesagt wurde.
[ 29 ] Da blicken wir hinein in den weisheitsvollen Zusammenhang der Welt und sagen uns: Wie gliedert sich da zusammen die Furcht und der Schrecken, das Leid und der Schmerz und das, was notwendigerweise diejenigen finden müssen in der geistigen Welt, die durch die Pforte des Todes gehen! — Wir sehen wie Leid, Schmerzen, Blut und Märtyreropfer, die sich uns hier von der einen Seite zeigen, sich von der anderen Seite ausnehmen. Man kann sich ja denken, daß es Menschen gibt, die gescheiter sein wollen als die Götter und die deshalb die Frage aufwerfen: Hätten die Götter nicht auch ein solches dem Idealismus auf der Erde Entsprechendes in der geistigen Welt zustande gebracht, ohne daß sie über die Erde verhängt hätten, was in einem solchen Märtyrerzeitalter der Erde auferlegt wird? — Solche Fragen werfen nur diejenigen auf, die gescheiter sein wollen als die Götter. Die Menschen, welche in der richtigen Weise in das Menschenzeitalter hineinblicken, wollen die Welt verstehen, weil sie überzeugt sind, daß es so, wie es ist, eben sein muß, und daß alles das, was der Mensch ausspintisiert über etwas, was besser wäre für diese Welt, nur schlechter sein könnte für sie.
[ 30 ] Wir sehen hin auf die Idealisten, vielleicht auf einen so recht idealistisch gearteten Menschen in dieser Welt; wir sind vielleicht versucht, wenn wir für Ideale einen Sinn haben, zu sagen: Seht den Menschen, er trägt den Himmel in die Erde hinein, denn was nicht im derben Sinne seiend ist, das bringt er als Wertvolles für das Seiende, als eine Richtschnur an die Menschen heran! — Die Seelen, die normalerweise durch die Pforte des Todes getreten sind und das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmachen, sie erblicken in diesem Leben auch solche Seelen, die in irgendeiner Weise einen Opfertod durchgemacht haben, denen der physische Leib von außen genommen ist durch irdische Notwendigkeit. Sie blicken auf diese Seelen hin als auf diejenigen, die ihnen zu verkünden haben, daß da drunten auf der Erde nicht bloß derb Seiendes ist, sondern daß mit der Erde verbunden werden auch Menschenanlagen, welche seiend sein könnten und dennoch nicht zum vollen Sein kommen, sondern, statt daß sie dieses volle Sein verbrauchen, hinübergehen an einem früheren Zeitpunkte ihres Lebens zwischen Geburt und Tod in die geistige Welt.
[ 31 ] Gewiß entsteht dabei eine bedeutsame Frage, nämlich die nach dem Unterschied zwischen einem solchen gewaltsamen Tode und einem Tode, der durch eine frühe Krankheit erzeugt wird. Denn das, was ich jetzt gesagt habe, ist nichts als das Konstatieren von Tatsachen. Gerade diejenigen, die auf diese Weise das physische Leben beendet haben, wie beschrieben, das sind gleichsam die Idealisten der geistigen Welt, und sie sind Idealisten aus dem Grunde, weil ihnen — das zeigt sich durch fernere Betrachtung — der physische Leib genommen worden ist durch irdische Ereignisse, durch Ereignisse, die dem Erdenleben bloß angehören.
[ 32 ] Wenn der Mensch eine Krankheit durchmacht, so wird ihm der Leib noch durch andere Kräfte genommen als durch Erdenkräfte. Denn denken Sie, schon in dem Pflanzenwachstum wirken nicht bloß Erdenkräfte, sondern außerirdische Kräfte wirken mit. Beim Tier ist das natürlich auch der Fall und beim Menschen erst recht. Wir haben unsere Krankheiten auch durchaus nicht bloß von der Erde. Bloß von der Erde wird uns der Tod niemals auf andere Weise gebracht als dadurch, daß wir gewaltsam sterben. Wie der Tod auch eintreten mag, er ist niemals ein bloß durch irdische Verhältnisse herbeigeführter, wenn er nicht auf die angedeutete Weise ein gewaltsamer ist. Ob der Tod durch eine Krankheit an uns herantritt — auch Selbstmord ist kein irdisches Ereignis, er kommt ja durch Seelenentschluß —, es gibt keinen Tod, der bloß durch Erdenkräfte bewirkt wird, außer dem, der durch Opfertode, durch Kräfte, die auf der Erde spielen, den Leib losmacht vom Seelisch-Geistigen. So daß hier in Wechselverhältnisse treten irdische Kräfte und Beziehungen mit demjenigen, was geistig ist. Sonst ist der Tod immer etwas, was über die Erde vollständig hinausragt; er ist niemals ein bloßes Wechselwirken zwischen der Erde und dem, was in der geistigen Welt ist. Gerade rein irdischen Verhältnissen, gerade etwas, was bloß irdisch ist, was bloß irdisches Geschehen ist, wird hingegeben der früh seiner Tätigkeit entzogene Ätherleib; daraus entsteht, was man eben den Idealismus der geistigen Welt nennen kann. Denn der Tod ist so — halten Sie das, was ich jetzt zu sagen habe, mit manchen Gedanken dieser Tage zusammen —, daß er, wenn man ihn von der physischen Seite anblickt, sich ganz anders ausnimmt, als wenn man ihn von der geistigen Seite anblickt. Ich habe in verschiedener Weise darauf hingedeutet. Aber immer ist der Tod, wenn er nicht auf die Weise eintritt, wie ich es jetzt angedeutet habe, von der anderen Seite gesehen etwas, was von dieser anderen Seite verständlich ist. Tritt man durch einen Krankheitstod, durch einen Alterstod, auch durch Selbstmord in die andere Welt, dann hat man dort, was man braucht, um den Tod zu verstehen. Wenn der Tod durch eine Kugel auf dem Schlachtfeld herbeigeführt wird, dann muß man auf rein irdische Verhältnisse blicken, um ihn zu verstehen. Bei Unglücksfällen ist es auch so. Man muß von der geistigen Welt hinabsehen, daß man irdisch gewesen ist; der Tod ist aus irdischen Verhältnissen zu erklären. Und das macht, daß man aus dem Diesseits der geistigen Welt in das Jenseits der physischen Welt hinunterblicken muß, um einen solchen Tod zu verstehen.
[ 33 ] Wie uns hier die Ideale mit dem Himmel verbinden, so verbinden die himmlischen Ideale diese Toten mit der Erde. Daher ist dann derjenige, der also durch die Pforte des Todes schreitet, in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt ein solcher, der all dem Geschehen, das sich abspielt zwischen den Menschenseelen, die wiederum zur Verkörperung kommen, einverwebt dasjenige, was auf unserer Erde dann Geistiges ergibt, was auf unserer Erde das ergibt, daß die Erde selber auch aus unseren Gedanken, Gefühlen und nicht bloß aus Irdischem besteht.
[ 34 ] Es ist zuzugeben, daß die Charakteristik dieser Dinge, die ich da besprochen habe, schwierig ist. Aber es ist begreiflich, daß das schwierig sein muß, denn man redet mit solchen Worten, die für die physischen Verhältnisse geprägt sind, über das, was weit, weit über die physischen Verhältnisse hinausragt. Es ist jedenfalls etwas anderes, ob man, ich möchte sagen, stumpf und unverstehend hinblickt auf das Rätselvolle solcher Ereignisse, die aus dem Schoße der Geschichte ins Menschenleben eintreten, wie unsere jetzige schwere Prüfungszeit der Menschheit, oder ob man so auf sie hinblickt, daß man sich sagt: Was einem solchen Ereignis Sinn gibt, das hat nicht nur Bedeutung für unsere Erde, sondern für das Gesamtleben! — Und man wird wiederum auch in diesem Fühlen hineingeführt in den tiefen Sinn und den weisheitsvollen Gang der Gesamtheit. Man lernt allmählich ahnen, was alles mitwirken muß dazu, daß der Mensch in seinem gesamten Lebensverlauf in diese Welt hineingestellt ist.
[ 35 ] Dieses wollte ich andeuten in dem zweiten Mysteriendrama aus dem Munde des Capesius heraus, der davon spricht, daß vieler Götter Sinnen und vieler Götter Zusammenarbeiten notwendig ist, um den Menschen aus allen Welten heraus als ihr Ziel erscheinen zu lassen. Das, was sich in diesem Drama herauslöst als eine Weltempfindung aus der Seele des Capesius, es kann vielleicht gegenständlich werden, wenn man versucht, sich solche Vorstellungen anzueignen, wie wir sie auch heute wiederum in unsere Seelen haben versetzen wollen. In solchen Persönlichkeiten wie Capesius treten solche Stimmungen aus dem Grunde tragisch auf, weil sie sich auch ergeben können, ohne daß man gleich in vollem Umfange die Lösung des Rätsels findet. Das ist das eine, was dabei zu bemerken ist, das andere ist, daß immer darauf Rücksicht genommen werden muß, wie sehr zur Bescheidenheit und zur Demut, nicht zum Hochmut, nicht zum menschlichen Größenwahn wir durch solches Studium aufgefordert werden.
[ 36 ] Im rechten Sinne sich das menschliche Selbstbewußtsein anzueignen heißt doch, es sich bewußt innerlich zu vergegenwärtigen. Und wenn wir anfangen zu ahnen, worüber wir unser Bewußtsein erstrekken können, wie weit der Horizont der Weltenrätsel ist, so werden wir uns hüten, auf den stolzen Gedanken zu verfallen: O Mensch, wie bist du eigentlich eine Zusammenfassung des ganzen Kosmos! — Ich glaube, gerade ein solcher Gedanke wird uns recht ferne liegen müssen.. Dagegen wird uns nahe liegen der andere Gedanke: Wie wenig wissen wir in unserem Bewußtsein von dem, was wißbar ist! — Unendliches ist notwendig, um den Menschen zusammenzusetzen; wir aber haben es niemals weiter gebracht, als ein sehr kleines Stück davon zu wissen. Bescheidenheit und Demut ist das, was sich gerade aus dem Wissen heraus, wenn es sich erweitert, in unsere Seele hineinsenkt. Niemals kann man mehr erfahren, als man schon weiß über die geistige Welt, ohne zugleich zu erfahren, daß das Wißbare ein Unendliches ist. Und immer lebendiger wird die Empfindung von dieser Unendlichkeit, je mehr man weiß. Und man lernt verstehen, wie ein Teil des Lebens darin besteht, daß man sich also ergreifen läßt von den großen, gewaltigen Rätseln und Geheimnissen, die das Dasein durchpulsen.
[ 37 ] Vieles von dem, was die Menschheit sich jetzt wieder erringen muß, haben in uralten Zeiten innerhalb einer uralten Weisheit die Menschen gewußt wie ein Erbgut. Was die Menschen heute besitzen, ist nur errungen worden dadurch, daß diese Erbschaft aus den Seelen geschwunden ist. Damit die Menschenseelen sich wiederum diese Weisheit aneignen können, mußte sie zunächst verschwinden. Sie mußte verschwinden, damit sie erarbeitete Weisheit werden kann. Wir müssen uns wiederum hinaufarbeiten, um uns das zu erringen im ferneren Erdenleben, im ferneren Dasein der Erde, was als Erbweisheit aus den Seelen verschwunden ist. So müssen wir also in die Perspektive der menschlichen Zukunft hineinsehen; dann werden wir die Notwendigkeit begreifen, daß Geisteswissenschaft in die Welt eintritt. Gerade dieses lebendige Sich-in-Verhältnis-Setzen zu dem Unendlichen, wie es charakterisiert worden ist, gibt uns die Möglichkeit, das Geheimwissenschaftliche wirklich als ein innerlich Lebendiges aufzufassen, das auch in uns kraftet und tätig ist, das uns zu wirklichen Mitarbeitern der Gestaltung der Erde machen kann, zu denen wir werden müssen, wenn die Erde sich weiterentwickeln soll.
[ 38 ] Um das zu bekräftigen, möchte ich noch eines erwähnen. Es gibt Leute, auf die wir wohl hinhorchen sollen, weil sie von dem Standpunkte der Gegenwart das Richtige sagen. Sie sagen: In früheren Zeiten hat man nicht gewußt, was ein Verbrecher ist, warum ein Mensch als Verbrecher sich in der Welt entwickelt. Heute aber weiß man das. Wenn man einen Verbrecherkopf seziert, so findet man, daß er eine gewisse Eigenschaft hat: der Hinterhauptlappen bedeckt das Kleingehirn nicht völlig wie beim normalen Menschen. — Es war eine große, bedeutsame Entdeckung, die Moriz Benedikt, der berühmte Kriminalanthropologe, machte, die zeigt, wie eine gewisse einfache Physiologie des Hinterhauptes bedingt, daß man ein Verbrecher ist. Also bedenken Sie: Ein Verbrecher ist man dadurch, daß der hintere Gehirnlappen Teile des Gehirnes nicht bedeckt, die bedeckt werden sollen! Gegen diese Wahrheit ist nichts einzuwenden. Sie ist einmal da, und es wäre ganz einfältig, sich dagegen aufzulehnen, denn es ist eben eine Wahrheit. Aber denken Sie: Wenn man nun Materialist ist, was muß man dann sagen? — Ja nun, es werden eben Menschen so geboren, daß sie zu kleine Gehirnlappen haben; die sind dann prädestiniert, Verbrecher zu werden. Bedenken Sie — ich brauche das nicht weiter auszuführen — das unendlich Trostlose einer solchen Anschauung der Welt! Bedenken Sie, wie alles menschliche Fühlen verändert werden muß, wenn man nichts anderes weiß als dieses, und wenn man sich sagen muß: Warum werden Menschen zu Verbrechern? Weil sie von der Natur eben so hineingestellt werden ins Leben, daß sie nicht anders können als Verbrecher werden. — Beginnt man aber zu wissen, daß der Mensch einen Ätherleib hat, so weiß man zu der Sache etwas anderes zu sagen, man weiß etwas anderes dazu. Man weiß, daß dieser Ätherleib alle Teile umfaßt, und daß bei dem Menschen, der einen zu kurzen Hinterhauptslappen hat im physischen Sinne, noch immer die entsprechenden Ätherteile ihre volle Entwickelung erlangen können. Wie es sich dann auch mit dem Physischen verhalten mag, die Korrektur kann auch mit dem Ätherleib erreicht werden. Wenn es uns nun gelingt, solch eine Pädagogik zu haben, daß wir für sie nicht nur die physische Wissenschaft zu Hilfe rufen, sondern die Geisteswissenschaft, dann können wir uns einen Blick dafür aneignen aus der Art und Weise, wie sich ein Kind verhält, um zu erkennen, was notwendig ist zu seiner Erziehung, und was wir vorkehren müssen, damit der Ätherleib sich so entwickelt, daß er die Wirkung der zu kurzen Hinterhauptslappen paralysiert. Dann kann der Mensch, wenn im Ätherleibe sein Hinterhirn normal ausgebildet ist, trotzdem ein guter Mensch werden, wenn er auch physisch prädestiniert ist zum Verbrecher. Hier sehen Sie, wie Geisteswissenschaft praktisch in das Leben eingreifen kann und muß. Denn die rein physische Wissenschaft muß das Verbrecherhirn eben Verbrecherhirn sein lassen, weil sie nur eine Wissenschaft vom Physischen ist. Nimmt man aber auf die Geisteswissenschaft Rücksicht, so paralysiert man die physischen Mängel. Hieraus ergibt sich Ihnen das, was in die Zukunft hinein sich entwickeln muß.
[ 39 ] Und stellen Sie sich jetzt vor: Diese Geisteswissenschaft bestünde nicht! Dann wird niemals die Möglichkeit entstehen, den Ätherleib in einer solchen Weise zu entwickeln, wie ich gesagt habe. Das heißt, derjenige, der geboren wird in Zukunft mit einem verkümmerten Gehirn, der wird sich so ausleben, wie es diesem Gehirn entspricht. Es wird keine Möglichkeit geben, dies pädagogisch auszubessern. Die Folge davon wird sein, daß die Menschen so werden, wie es ihrer physischen Organisation gemäß ist. Und das wird immer weitergehen. Und die Menschen werden zum Jupiterzustand kommen, und das wird wahr sein, was die Materialisten heute erträumen. Wenn durch Geisteswissenschaft nicht dasjenige, was aus der bloß materiellen Organisation folgt, überwunden wird, so werden die Menschen nach und nach sich so entwickeln, daß diese materielle Organisation maßgebend sein wird; die Menschen würden dann bloß ein Ergebnis ihrer materiellen Entwickelung sein. Dadurch, daß Geisteswissenschaft eingreift in das Leben, wird das auf dem Jupiter nicht so sein, es wird der Ätherleib wiederum umgestalten den physischen Leib. Denn wenn dann in einem Leben, in dem durch das Karma frühere Lebensursachen das physische Gehirn verkümmert haben, der Ätherleib richtig entwickelt wird, so wird sich in der nächsten Inkarnation das physische Gehirn richtig entwickeln. Das berührt sich alles. So daß Geisteswissenschaft wirklich eine Realität wird, daß sie die Menschheit wiederum umgestaltet.
[ 40 ] Wenn Sie diese Gedanken zusammenfassen, werden Sie sich sagen können: Das, was die Materialisten heute denken von dem Menschen, es ist heute noch keine Realität, denn heute ist der Mensch noch so veranlagt, daß das Geistige eingreifen kann. Aber es könnte so werden, wie die Materialisten denken, wenn es nach den Materialisten ginge, wenn Geisteswissenschaft durch die Materialisten ausgerottet werden könnte. So bloß als Folge ihrer materiellen Organisation würden die Menschen auf dem Jupiter leben, wenn die Träume der Materialisten sich erfüllen könnten. — Was sind denn die Materialisten eigentlich? Sie haben eine Weltanschauung, welche heute nicht der Wirklichkeit entspricht, welche aber einmal der Wirklichkeit entsprechen könnte bei den Menschen. Diese Materialisten sind Propheten, nur falsche Propheten! Sie träumen von einer Welt, die, wenn es nach ihnen ginge, in ihrem Sinne hergestellt werden könnte. Die Materialisten sind Träumer, aber man muß ihren Träumereien entgegenarbeiten. Wenn man einsehen wird, daß die Materialisten Träumer sind, daß man zu ihnen sagen muß: Ihr geht durch die Welt und seht die Wirklichkeit nicht, ihr träumt von einem Dasein, das höchstens durch eure Einsichtslosigkeit gegenüber der Welt herbeigeführt werden könnte, ihr seid falsche Propheten, ihr macht euch allerlei Hirngespinste! — in dem Moment wird man den Materialismus richtig taxieren. Also das entgegengesetzte Urteil von dem, was die Materialisten, nun, sagen wir, von sich aus erträumen, das wird man haben müssen. Dann wird die Zeit gekommen sein, wo man die Geisteswissenschaft wirklich verstehen kann. In einem gewissen Sinne wird die Geisteswissenschaft schon von diesem Gesichtspunkte aus die Welt umgestalten.
[ 41 ] Ich habe versucht, Ihnen in diesen Tagen in einigen Andeutungen dieses oder jenes zu sagen von dem Zusammenhange der physischen mit der geistigen Welt. Ich habe es gesagt aus Impulsen heraus, die von den bedeutsamen Ereignissen unserer Zeit ausgehen. In einer Zeit, in der uns so tausendfältig, täglich, möchte man sagen, der Tod vor der Seele steht, sind wohl gerade solche Betrachtungen, wenn sie als Möglichkeit geboten werden, der Menschenseele naheliegend. Denn wie könnte man absehen vom Forschen nach Sinn und Zweck des Daseins in solch schweren Prüfungszeiten, wie die heutigen es sind! Daß wir gerade über solche Fragen hier sprechen konnten, macht, daß es mir zur tiefen Befriedigung gereicht, auch in dieser schweren Zeit wiederum unter Ihnen sein zu können. Ich möchte damit nur die Bemerkung verbinden, daß in der Gegenwart schon einmal manches nach dem Charakter dieser Gegenwart angesehen werden muß. Es ist jetzt nicht so einfach, überall hinzureisen wie sonst in Friedenszeiten. Daher müssen schon auf unserem Gebiet unsere Mitglieder sich bewußt werden, wie sich ja alle Menschen dessen bewußt sein müssen, daß kriegerische Zeiten andere sind als die normalen Zeiten, und daß wir nicht alles so verlangen können wie in den normalen Zeiten. Ich sage das ganz besonders mit Rücksicht darauf, daß das oftmals gerade von unseren Mitgliedern sehr übersehen wird, während doch gerade unsere Mitglieder recht viel Verständnis haben müßten für unsere Gegenwart, lebendigen Zusammenhang damit haben müßten. Vielfach zeigt es sich, daß unsere Mitglieder gar nicht begreifen können, daß man daran denken muß, in welch schwerer Zeit man lebt, und daß nicht alles in derselben Regelmäßigkeit geschehen kann wie sonst. Daran aber müssen wir festhalten, daß wir auch treu in unserer Sache sind. Was ein jeder von uns in dieser Zeit tun kann dadurch, daß die einzelnen Zweige unserer Gesellschaft recht viel, recht gründlich in unserer Sache arbeiten, das wird wirklich nicht nur zum Heile unserer Sache getan, sondern das wird zu einem viel weiteren Heile getan.
[ 42 ] Es ist natürlich, daß die Gemeinschaft jetzt eine losere sein muß; um so intensiver muß das Arbeiten in unseren Zweigen sein, besonders in Hinsicht der seelischen Vertiefung. Das ist es, was ich gerade in dieser Zeit und heute Ihnen besonders in die Seele und ans Herz legen möchte. Versuchen wir, ein jeder, gerade in dieser Zeit heilig und treu zu unseren Idealen zu halten, heilig und treu zu dem zu halten, was als Gesinnung sich herausbilden konnte im Laufe der Zeit durch die Geisteswissenschaft. Geisteswissenschaft muß sich nicht nur in leichten, sondern auch in schweren Zeiten bewähren. Es muß das, was man ja freilich banal, aber doch als einen Grundton unseres ganzen Strebens angeben kann, sich jetzt besonders tief mit unserer Seele verbinden: der Versuch einer allseitigen Erfassung des Lebens. Im Gegensatz zu so vielem, was jetzt in der Außenwelt, in der dem Materialismus zuneigenden Außenwelt gegeben wird — oftmals in solcher Einseitigkeit —, wollen wir Vielseitigkeit des Lebens anstreben. Wir wollen wissen, daß wir uns, weil wir in jedem Augenblick einer Unendlichkeit gegenüberstehen, vor jeder bequemen Einseitigkeit in jedem Augenblick hüten müssen.
[ 43 ] Der eine oder andere von Ihnen hat vielleicht gehört, daß an einem Orte, an dem unsere Geisteswissenschaft gepflegt wird, über allerlei Mängel gesprochen werden mußte, die da oder dort sich herausgestellt haben. Wenn mit gewissen Worten diese oder jene Menschen getroffen worden sind, so darf man darum nun nicht zur anderen Einseitigkeit hinneigen. Ich sage das jetzt nicht, um auf diese Dinge näher einzugehen, sondern nur als Beispiel. Wenn zum Beispiel Menschen, die von allerlei okkulten Ereignissen, okkulten Erlebnissen sprachen, über diese Erlebnisse nicht in der richtigen Weise gesprochen haben, so darf daraus nicht der Schluß gezogen werden, daß etwa in unserer Gesellschaft die okkulten Erlebnisse nicht die Hauptsache wären. Gewiß sind sie es, denn wir streben ja aus dem Äußerlichen in das Innerliche hinein. Es war auch nicht ein Bedürfnis vorhanden, gegen okkulte Erlebnisse an sich etwas einzuwenden. Auf welcher Stufe diese Erlebnisse aber auftreten, das ist es, auf was man innerhalb unserer Bewegung sehen muß, was zu gelten hat. Denn ein anderes ist es, in einer gewissen leichten Weise über okkulte Erlebnisse zu sprechen, ein anderes wäre es, zu sagen, man wolle überhaupt nichts mehr davon hören. Wir haben drei Tage lang von den intimsten okkulten Erlebnissen gesprochen. Eine bloße Denkwissenschaft kann das nicht sein, was in unserem Kreise geschaffen wird. Dazu ist unsere Gesellschaft nicht da. Wir dürfen nicht von einer Einseitigkeit in eine andere kommen.
[ 44 ] Ich möchte namentlich auf das Intime, auf das so recht mit dem Innersten unseres seelischen Empfindens Zusammenhängende unserer Geisteswissenschaft aufmerksam machen. Daß wir unsere Seele zu etwas anderem machen als sie vorher war, wenn wir durch die Geisteswissenschaft durchgehen, darauf kommt es an. Und das muß sich auch in schweren Zeiten bewähren. Deshalb wollte ich einmal solche Betrachtungen anstellen, die vielleicht geeignet sind, uns in jene ehrfürchtige Stimmung gegenüber dem geistigen Leben zu versetzen, die dem richtigen Geisteswissenschafter angemessen ist. Denn im Grunde genommen ist das größte und das kleinste Ereignis des Lebens, alles im Leben, etwas, was uns mit tiefer Ehrfurcht erfüllt, wenn wir nur von diesem Einzelnen tief genug in die geistigen Hintergründe hineinzugehen in der Lage sind. Und auch die schmerzlichen Ereignisse des Lebens, die kleinsten und die größten, sie können durch die Geisteswissenschaft in ein solches Licht gestellt werden, daß ihre Betrachtung dazu beiträgt, unsere Seele in das rechte Verhältnis zu der durch die Welt wallenden und webenden Weisheit zu bringen.
[ 45 ] Vom Gesichtspunkte der Weltenweisheit wollten wir einmal Lebensereignisse betrachten, die zusammenhängen mit dem, was so groß, aber auch so prüfungsreich sich heute in unserer Umgebung abspielt. Wenn wir so fühlen gegenüber unserer Zeit, dann fühlen wir recht gegenüber dem, was wir andeuten wollten mit den Worten:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
[ 46 ] Seien wir die Seelen, die in dieser Weise ihren Sinn ins Geisterreich lenken! Dann werden wir beitragen können zu den Früchten, die sonnenhaft heilsam für die Menschheit aufgehen müssen aus den Saaten, die sich blutgetränkt über die Erde hinstreuen in unseren schicksalsschweren Tagen.
