Die geistigen Hinter des Ersten Weltkrieges
GA 174b
15 Mai 1917, Stuttgart
Elfter Vortrag
[ 1 ] Es wird sich in dieser heutigen ergänzenden Betrachtung zu den Auseinandersetzungen, die ich diesmal hier in Stuttgart geben durfte, darum handeln, einiges hinzuzufügen zu dem schon Gesagten, um es gewissermaßen abzurunden.
[ 2 ] Zunächst wird es am besten sein, wenn ich anknüpfe an dasjenige, was gerade im gestrigen öffentlichen Vortrag einen Teil der Ausführungen gebildet hat. Da haben wir ja gesehen, wie des Menschen seelisches Wesen in seiner Dreiheit Beziehungen zum Leiblichen, Beziehungen zum Geistigen hat. Und wir haben insbesondere hervorgehoben, daß das Gefühlselement der Seele Beziehungen hat nach dem Leibe hin zum Atmungsleben, daß gewissermaßen das, was im Leibe Atmung ist, und zwar in umfassendem Sinne, mit allen Verzweigungen und Verästelungen das Werkzeug ist für das Gefühlsleben. Auf der anderen Seite haben wir darauf hinweisen können, daß zu alledem, was der Inspiration in der geistigen Welt zugänglich ist, das Gefühlsleben eine besondere Beziehung hat. Was der Inspiration in der geistigen Welt zugänglich ist, das ist aber auch zugleich alles das, was in der Welt enthalten ist, der wir angehören mit dem Teile unseres Wesens, der durch Geburten und Tode geht, der Welt also, die wir durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, der Welt, in der wir selbstverständlich auch leben zwischen Geburt und Tod. Nur ist diese Welt verdeckt durch die Sinneswahrnehmungen und das gewöhnliche Vorstellen, also durch das Leibesleben. So daß uns dasjenige, was der Atmung und dem Gefühl entspricht, eigentlich hinausweist in die große, umfassende Welt, in die wir aufsteigen, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, in die Welt, der wir angehören, wenn wir uns nicht mehr des Werkzeuges unseres Leibeslebens bedienen. Das Werkzeug unseres Leibeslebens fesselt uns gewissermaßen an das irdische Dasein. Aus verschiedenen Vorträgen, die im Laufe der vielen Jahre gehalten wurden und in den Zyklen niedergelegt sind, wissen Sie, daß die Seele, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, eben nicht gefesselt ist an das irdische Leben, sondern aufsteigt in den Kosmos, um in den geistigen Welten dieses Kosmos zu leben, in demjenigen, was eben die geistige Welt genannt werden kann. Ist es denn da nicht zu erwarten, daß gerade das Gefühlsleben, das leiblich der Atmung entspricht, geistig der inspirierten Welt, das Gefühlsleben mit dem Atmungsleben also, in einer viel, viel umfassenderen Beziehung zum Kosmos, zur großen Welt, zum Makrokosmos steht als unser engbegrenztes Wahrnehmen und Vorstellen? Was nehmen wir denn schließlich wahr? Wir nehmen wahr wirklich ein recht kleines Stück Welt; ein kleines Stück Welt spielt durch unsere Augen und unsere Ohren in unser leibliches Dasein zwischen Geburt und Tod herein. Selbst wenn wir vielgenießende Menschen sind und Umschau halten, was wir alles durch unsere Sinne wahrnehmen und dann in den Vorstellungen verarbeiten: es ist ein kleines Stück Welt, was da in unser Dasein hereinspielt.
[ 3 ] Wie ist das nun aber, wenn wir uns wenden von dem Nervenleben, zu dem das Vorstellungsleben gehört, zum Atmungsleben, zu dem das Gefühlswesen gehört? Einen Begriff darüber, der zu gleicher Zeit geeignet ist, unser Empfinden zu erheben, kann uns dasjenige geben, was in der folgenden Weise etwa an unsere Seele herantreten kann: Sie wissen ja alle, daß die Sonne im Frühling in einem gewissen Punkte aufgeht. Im Frühlingsbeginn, am 21. März, geht die Sonne am Morgen in einem bestimmten Punkte auf. Aber dieser Punkt ist nicht zu allen Zeiten derselbe, das wissen Sie, sondern die Sonne ist in alten Zeiten im Frühlingsanfang aufgegangen im Sternbild des Stieres, dann im Sternbild des Widders; der Frühlingspunkt wandert also weiter und ist nun in das Sternbild der Fische eingetreten. Wenn man sich wendet zu dem, was ich jetzt meine, dann betrachtet man also den Fortgang des Frühlingspunktes durch den Tierkreis. Der Frühlingspunkt selber rückt im Tierkreis weiter. Wenn ein Punkt in einem Kreise weiterrückt, so muß er natürlich nach einer bestimmten Zeit wiederum an derselben Stelle ankommen. Nun kennt die ganz gewöhnliche Astronomie dieses Weitergehen des Frühlingspunktes und das Wiederankommen an dieselbe Stelle des Tierkreises. Das heißt, wenn in einem bestimmten Jahr der Vergangenheit der Frühlingspunkt im Widder lag, im nächsten Jahr ein Stückchen weiter, und so fort, und dann herausgegangen ist in die Fische und so weiter, so wird er nach einer gewissen Zeit wieder im Widder sein. Die Zeit, die so der Frühlingspunkt braucht, um durch den ganzen Tierkreis sich zu bewegen, ist annähernd 25900 Jahre, ungefähr 26000 Jahre. In dieser Zahl also von 26000 Jahren liegt ein Maß des äußeren Kosmos ausgedrückt: das Maß, in dem eben der Frühlingspunkt weiterschreitet. Wir haben in dieser Zahl gewissermaßen dasjenige, womit der Gang der Sonne im Kosmos ausgemessen wird. So könnten wir annähernd sagen. Halten wir an dieser Zahl fest, so können wir an sie anfügen eine andere Betrachtung, die wir jetzt anstellen wollen.
[ 4 ] Der Mensch atmet ein und aus, macht in einer Minute eine bestimmte Zahl von Atemzügen. Wir machen nicht in jedem Lebensalter zwischen Geburt und Tod gleichviel Atemzüge, aber ein gewisses Durchschnittsmaß von Atemzügen ist da in der Minute, die ein mittelkräftiger Mann durchschnittlich aufzuweisen hat. Das sind achtzehn Atemzüge in der Minute. Nun rechnen wir uns einmal aus, wieviel Atemzüge der Mensch im Laufe eines vierundzwanzigstündigen Tages macht. Da müssen wir zunächst die Atemzüge, die er in einer Minute macht, multiplizieren mit sechzig und bekommen heraus eintausendundachtzig, und dann noch mit vierundzwanzig, dann bekommen wir die Atemzüge, die der Mensch in einem Tage, also Tag und Nacht, macht: da bekommen wir 25920 Atemzüge. Merkwürdig, wir bekommen, wenn wir die Atemzüge eines Menschen im Verlauf eines vierundzwanzigstündigen Tages zählen, dieselbe Zahl, wie wenn wir die Zahl der Jahre berechnen, die durch das Vorrücken der Sonne im großen Kosmos sich ergibt. So viele Jahre, immer ruckweise, rückt ja dieser Frühlingspunkt vor: soviel mal der vorrückt, soviel mal atmet der Mensch in einem Tage. Dieselbe Zahl! Denken Sie sich einmal, wie wunderbar sich da bewahrheitet jener biblische Ausspruch: die Weisheit der Welt habe alles nach Maß und Zahl geordnet. — Eine Zahl, die im Kosmos eingeschrieben ist, tritt uns in unserem vierundzwanzigstündigen Atmen wieder entgegen. Man kann also auch auf diese Zahl Rücksicht nehmen, und man wird finden, daß schon das menschliche Atmen mit der großen Welt so in Beziehung steht, wie das gestern aus der Geisteswissenschaft herausgeholt worden ist.
[ 5 ] Aber nun betrachten wir gewissermaßen wiederum etwas, was auch ein Atmen ist, denn Atmen ist nichts anderes als ein Spezialfall des allgemeinen Weltenrhythmus. Das Wesentliche in dem, was gestern mit dem Atmen gemeint war, ist die rhythmische Bewegung, der Rhythmus. Betrachten wir einmal etwas, das dem Atmen recht ähnlich ist, eine andere rhythmische Bewegung, die wir kennen aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen. Wenn wir einschlafen, geht unser Ich und unser Astralleib aus unserem physischen Leibe und Ätherleibe heraus; wenn wir wiederum aufwachen, geht unser Ich und unser Astralleib in unseren physischen Leib und Ätherleib herein. Ich habe öfter das eigentümliche Verhalten des Ich und des Astralleibes, dieses Heraus- und Hereingehen in den physischen und Ätherleib, mit Aus- und Einatmen verglichen. So wie wir die Luft aus- und einatmen in einem achtzehnten Teile einer Minute, so atmen wir gewissermaßen im Verlauf von vierundzwanzig Stunden als physischer Mensch unser Ich und unseren Astralleib ein, indem wir aufwachen, aus, indem wir einschlafen; indem wir wieder aufwachen, atmen wir sie wieder ein, und indem wir wieder einschlafen, atmen wir sie aus. Es ist nur ein umfassenderes Aus- und Einatmen unseres Ich und Astralleibes im Verlauf der vierundzwanzig Stunden eines gewöhnlichen astronomischen Tages. Sehr merkwürdig, da atmet etwas also; da atmet etwas! Sehen wir zunächst davon ab, was atmet: es ist eben richtig ein Rhythmus gegeben, der gewissermaßen ein langsames Atmen darstellt, wobei ein Atemzug vierundzwanzig Stunden dauert. Nun wissen Sie, in der Bibel wird vom Patriarchenalter gesprochen, von siebzig, einundsiebzig Jahren. Das bedeutet natürlich nicht, daß das etwas anderes ist als das durchschnittliche Alter. Manche Menschen sterben sehr früh, manche werden hundert, ja über hundert Jahre alt, aber es ist etwas Durchschnittsmäßiges gemeint mit dem Patriarchenalter. So daß, wenn man etwas Durchschnittliches meint beim menschlichen Lebensalter, man sprechen kann von siebzig bis einundstebzig Jahren. Rechnen wir uns einmal aus, wieviel Tage das sind. Wenn wir das ausrechnen, so würden wir herausbekommen, wieviel solcher großen Atemzüge wir in einem irdischen Leben machen, wo wir im Verlauf von vierundzwanzig Stunden das Ich und den Astralleib ausatmen und wieder einatmen. Rechnen wir das aus: Solche Atemzüge machen wir in einem Jahr ungefähr dreihundertfünfundsechzig, so viele, wie das Jahr Tage hat. In siebzig Jahren also siebzigmal so viel: das würde 25550 geben. Nehmen wir aber an, wir rechnen einundsiebzig Jahre, da kommen wir schon etwas näher: das macht 25915. Also der Mensch braucht nur ein wenig über einundsiebzig Jahre zu leben, so erreicht er 25920 solcher Atemzüge. Das heißt, wenn der Mensch etwas über einundsiebzig Jahre alt wird, so hat er sein Ich und seinen Astralleib 25 920mal aus- und eingeatmet; so oft also, wie der Mensch im Tage seinen gewöhnlichen Atem aus- und einatmet. Denken Sie: wieder dieselbe Zahl!
[ 6 ] Sie sehen also, daß wir ansehen können das menschliche Leben als einen Tag, und den einzelnen Tag, den wir durchleben, als einen Atemzug: dann ist unser einundsiebzig- bis zweiundsiebzigjähriges Leben gegeben durch diejenige Zahl, die auch die Zahl des Vorrückens des Frühlingspunktes ist, die die Zahl der Atemzüge in einem Tage ist. Unser Leben ist ein großer Tag, und das große Wesen, in dessen Mittelpunkt man sich die Erde vorstellen kann, atmet so oft Ich und Astralleib aus und ein, wie wir mit unserem einzelnen Atem aus- und eingehen. So wäre unser einzelnes Erdenleben ein Tag, ein Tag von irgend etwas. Von was ist denn das ein Tag? Multiplizieren Sie einundsiebzig mit dreihundertfünfundsechzig, so müssen Sie natürlich das Jahr bekommen für den Tag von einundsiebzig Jahren. Wenn Sie einundsiebzig Jahre als einen Tag rechnen und fragen: Was ist ein Jahr von diesem Tag, so ist es dreihundertfünfundsechzigmal so viel. Das ist aber wiederum 25920 Jahre. Das heißt, wenn wir unser einzelnes Erdenleben mit seinen 25920 Atemzügen, die aber Wachen und Schlafen sind, als einen Tag rechnen, ein Menschenleben als einen Tag rechnen, und sehen, welches Jahr diesem einen Menschenleben mit seinen 25 920 Atemzügen entspricht: so ist es der Umgang des Frühlingspunktes, 25920 Jahre! Wir bekommen einen wunderbaren Zahlenrhythmus heraus.
[ 7 ] Deshalb sagte ich: Wir bekommen eine Idee, die für unsere Empfindung erhebend sein muß, denn wir dürfen uns durch Maß und Zahl hineingestellt fühlen in den Makrokosmos. Zahlen verraten uns dasjenige, was uns bewahrheitet die Erkenntnis, daß das, was zum Atmen gehört, und daher zum Gefühlsleben, die inspirierende Welt ist, die große Welt, der wir angehören nicht nur zwischen Geburt und Tod, sondern auch in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und in den wiederholten Erdenleben. Wir liegen gleichsam im Schoße des Rhythmus unseres ganzen Sonnensystems, atmen in unseren einzelnen Atembewegungen den großen makrokosmischen Rhythmus unseres ganzen Sonnensystems nach. Das ist ein Gedanke, der uns mit Sicherheit hineinstellt in das ganze große Leben unseres Sonnen-Weltenalls. Die Menschen werden im Laufe der Zeit noch mancherlei ähnliche Betrachtungen anstellen müssen, und dann werden sie sich überzeugen, daß sie auf diesem Wege wiederum zu geisterfüllten Empfindungen kommen über die Beziehungen des Menschen zum Weltenall. Geisterfüllte Empfindungen brauchen wir für unser Zeitalter und für die folgenden Zeitalter in dem Sinne, wie das vorgestern hier ausgeführt worden ist, als Anregungen des inneren Lebens. In alten Zeiten war es ja so, daß dem Menschen die Erleuchtungen gewissermaßen von außen zukamen. Das ist heute verlorengegangen durch die Art der rückwärtsgehenden Zeitalter der Menschheit. Wir stehen jetzt in einem Zeitalter, in welchem, wenn die Menschheit nicht ganz in die Dekadenz kommen soll, in energischer Weise eine Entwickelung beginnen muß des menschlichen Seelenwesens von innen heraus. Und nur derjenige versteht das, was unserer Zeit not tut, der als eine Notwendigkeit der irdischen Entwickelung begreift, daß geistiges Leben das Innerste der menschlichen Seele ergreifen muß vom fünften nachatlantischen Zeitraum an, in dem wir leben, in die Zeit hinein, zu der wir uns weiterentwickeln sollen. Das was die Geisteswissenschaft über dieses sagt, ist nicht aus irgendeiner willkürlichen Idee oder aus einer agitatorischen Empfindung heraus gesagt, sondern es ist gesagt aus der Erkenntnis der Notwendigkeit der Menschheitsentwickelung.
[ 8 ] Nun betrachten wir heute noch einmal von einem etwas anderen Gesichtspunkte aus diese Menschheitsentwickelung. Gehen wir noch einmal zurück zu dem ersten nachatlantischen Zeitalter, also dem Zeitalter unmittelbar nach der großen atlantischen Katastrophe. Wir haben vorgestern wiederum, nachdem wir es von einem anderen Gesichtspunkte aus schon öfter getan haben, betont, wie in diesem ersten nachatlantischen Zeitalter der Mensch noch in Beziehung gestanden hat zu jener Wesenheitsreihe, die wir in den Hierarchien Archai nennen oder Geister der Persönlichkeit. Das geistige Leben offenbarte sich noch in diesen uralten Zeiten der Menschheit, weil eben das Lebensalter rückläufig in der damaligen Zeit ein solches war, daß wir es vergleichen können mit dem jetzigen Lebensalter zwischen dem sechsundfünfzigsten und achtundvierzigsten Jahr, wie ich es vorgestern ausgeführt habe, Der Mensch hatte gewissermaßen die Unterweisung von geistigen Wesenheiten. Wie kamen diese geistigen Wesenheiten an den Menschen heran? In der damaligen Zeit sah der Mensch nicht die Natur so an wie heute. Die Natur ist für den Menschen heute eben so eine Art mechanischer Ordnung. Abstrakte, fast mathematische Naturgesetze betrachtet der Mensch heute als sein Ideal, eine abstrakte Ordnung. Nehmen Sie die Bilder, wie sie um Sie herum ausgebreitet sind, wenn Sie hinausgehen in die Natur. Vergleichen Sie dasjenige, was da draußen ist, mit dem, was in den botanischen, in den zoologischen Lehrbüchern steht über Pflanzen und Tiere. Vergleichen Sie diese verzerrten, abstrakten Vorstellungen mit dem Leben, und Sie können sagen: Was da in diesen Büchern der Botanik, der Zoologie steht, das ist, was heute dem menschlichen Geiste sich offenbart. Solche Botanik, solche Zoologie, auf welche die heutige Menschheit so ungeheuer stolz ist, war in jenem Zeitalter nicht vorhanden. Wenn man dasjenige, was heutige Botanik, heutige Zoologie und heutige Biologie über die Natur zu sagen hat, vergleicht mit dem, was für jenes alte Erkennen in der Natur sprießte und sproßte, so kommt man eben zu einer anderen Gesinnung. Solche Botanik, solche Zoologie gab es damals nicht, aber es gab dafür etwas anderes, etwas, was der heutigen Menschheit noch recht wenig verständlich ist. Es kam aus der Natur selber heraus, und nennen möchte ich das, was da aus der Natur herauskam: das lichterfüllte, gestaltete Wort. So wie wir durch unsere Sinne und unseren Verstand heute die Natur sehen, so sahen sie diese Menschen nicht, sondern die Natur entsendete ihnen Lichtgestalten, und diese Lichtgestalten tönten zugleich, sagten etwas, sprachen sich aus über das, was sie sind. Und jeder Mensch konnte in gewissen Zuständen seines Bewußtseins dieses atavistische Hellsehen erfahren, wodurch ihm aus der Natur heraus das lichterfüllte, gestaltete Wort entgegenkam; man könnte auch sagen Worte, denn es kam eine Fülle von solchen Gestalten, die sich aussprachen, heraus aus der Natur. Der Mensch wußte: Auch du gehörst zu dieser Welt, aus der diese lichterfüllten Worte herauskommen. Du gehörst da auch hinein. Jetzt aber bist du hier in der Natur, wo dich Mineralien, Pflanzen und Tiere umgeben. Du bist dadurch in der Natur, daß du einen äußeren physischen Leib an dir trägst; dadurch gehörst du zu dieser Natur dazu. Aber die Natur läßt heraussprießen das lichterfüllte Wort: dem gehörst du deinem seelischen Wesen nach so an, wie dein fleischlicher Leib der äußeren mineralischen, pflanzlichen, tierischen Welt angehört. In dieser Welt des lichterfüllten, des lichtgestalteten Wortes bist du gewesen vor deiner Geburt oder Empfängnis, und du wirst darinnen sein nach deinem Tode. Du wirst darinnen wieder leben.
[ 9 ] Im ersten nachatlantischen Zeitraum hörte man wenigstens noch einen Nachklang und sah einen Nachschein der Welt, in der man lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, indem man in gewissen Bewußtseinszuständen die Natur anschaute, Im zweiten nachatlantischen Zeitraum war es schon etwas anders. Da verlor sich für diese atavistischen Zustände das Wort. Die Gestalten sprachen sich nicht mehr aus, aber sie waren noch da, lichterfüllte Gestalten waren noch da, nur waren sie stumm geworden. Dasjenige, was äußerlich vor den Sinnen lag, das empfand man als die Dunkelheit in diesem lichterfüllt Gestalteten im Inneren, und seinen eigenen Leib empfand man als ein Stück von der Dunkelheit. So daß man sich sagen konnte: Licht und Dunkelheit! Der eigene Leib ist von der Dunkelheit beherrscht. Indem er aus dem Lichte kommt und in die Dunkelheit geht, geht er durch Geburt oder Empfängnis in das Erdenleben hinein; indem er durch die Todespforte geht, geht er durch die dunkle Welt wiederum ins Licht. In der Welt ist ein Kampf zwischen Lichtheit und Dunkelheit, zwischen Ormuzd und Ahriman. So sprach Zarathustra, der der Lehrer war dieser zweiten nachatlantischen Kulturepoche, zu seinen Schülern. Man versteht dasjenige, was der Zarathustrismus mit seiner Ormuzd- und Ahriman-Lehre meint, nicht, wenn man es nicht bezieht auf die Art der damaligen Anschauung der Menschen.
[ 10 ] Wieder anders war die Sache geworden in der dritten nachatlantischen Zeitperiode. Wenn man auf das Äußere schaut, so hatten sich die lichterfüllten Gestalten für diesen äußeren Anblick in der dritten nachatlantischen Periode nach und nach verloren. Aber die Menschen hatten noch die Macht, sich, so wie wir uns heute in Schlaf versetzen, in einen Zwischenzustand zu versetzen zwischen Schlafen und Wachen. Sie mußten sich dazu nur ein wenig anstrengen. Beim Schlafen braucht man sich ja nicht anzustrengen, in diesem andersartigen Zustand aber mußte man sich etwas anstrengen. Wenn man sich aber anstrengte, dann konnte man eine solche Lichtwelt um sich herauszaubern, die jetzt aus dem Inneren kam und die ähnlich war derjenigen, die früher von der Natur, von außen kam. Wie war also eigentlich der Fortgang von der zweiten nachatlantischen Kulturperiode zu der dritten, der ägyptisch-chaldäisch-babylonischen Zeit? Wie war der Übergang? Nun, in der zweiten, in der persischen Kulturperiode sahen die Menschen noch, indem sie nach außen blickten, die Lichtgestalten und konnten sich sagen: Meine Seele gehörte, bevor sie durch die Empfängnis ging, dieser lichtgestalteten Welt an. Von außen hinein schien diese lichtgestaltete Welt nicht mehr in der dritten Kulturperiode, aber der Mensch konnte sie gleichsam aus sich herauspressen; dann hatte er aus seiner Seele heraus sich selber das vor diese Seele hingezaubert, was vor seiner Geburt oder Empfängnis da war in der geistigen Welt, und was nach seinem Tode da sein wird in der geistigen Welt. So daß wir sagen können: die dritte nachatlantische Zeit hatte die Lichtwelt als Seelenerlebnis. Die Menschen hatten die Lichtwelt als Seelenerlebnis, der Mensch war also gewissermaßen von der Außenwelt mehr auf sein Inneres zurückgewiesen worden. Es war nicht mehr die naturgemäße Art beim Menschen, in die äußere Welt zu blicken und die Lichtwelt zu sehen, das heißt, die geistige Welt im Umkreis zu sehen. Daher war notwendig geworden in dieser Zeit, immer einen kleinen Kreis von Leuten auf Mysterienart einzuweihen, so daß sie in die Lage kamen, wieder zu sehen die äußere Lichtwelt, und daß sie Zeugnis dafür ablegen konnten, daß das, was aus dem Inneren der Seele heraufgeholt wurde, wirklich dasselbe war, was im geistigen Umkreis gelebt hat.
[ 11 ] Nun kam die vierte nachatlantische Periode, die griechisch-lateinische. In dieser vierten Periode kam nicht mehr Licht herauf, wenn der Mensch sich in einen besonderen Zustand versetzte, wie in der dritten Periode. Das Licht kam nicht mehr, es kam nicht mehr dasjenige herauf aus dem Untergrund des Menschenwesens, was ein Nachklang gewesen wäre des Lebens der Seele vor der Empfängnis und des Lebens der Seele nach dem Tode. Aber es kam noch eine Gewißheit herauf, daß das Innere des Menschen seelenerfüllt ist. Diese Gewißheit kam herauf. Man verspürte noch etwas von dem, was man früher geschaut hatte, wenn man die Seele innerlich zum Schauen brachte. Man schaute nicht mehr das Licht, aber man verspürte noch des Lichtes Wärme. So war es in der griechisch-lateinischen Zeit. Da müssen wir sagen: Es wurde nicht mehr die Lichtwelt als Seelenerlebnis im Inneren erfahren, aber es wurde die Seele selbst als Seelenerlebnis erfahren.
[ 12 ] Aber naturgemäß mußte das immer schwächer und schwächer werden im Verlaufe der Zeit. Und wie drückt sich dann das ganze Verhältnis überhaupt aus? Es drückte sich aus in der folgenden Art. Namentlich auf die Griechen werden wir schauen müssen, wenn wir die Sache verstehen wollen: Die Griechen hatten, wie der Durchschnittsmensch von heute, das Bewußtsein ihres Leibes. Aber durch das, was ich geschildert habe, hatten sie auch das Bewußtsein: die Seele durchseelt den Leib. Sie verspürten die Seele als belebend, den Leib durchlebend. Diese Empfindung, die die Griechen noch hatten, ist verlorengegangen. Daß die Geschichte davon nichts spricht, daß diese Empfindung heute verlorengegangen ist, das ist nur, weil wir im Zeitalter des Materialismus leben. Niemand versteht Homer in Wirklichkeit, niemand versteht Sophokles oder ÄAschylos, wenn er sie nicht liest mit der Empfindung, daß der Grieche noch eine andere Seelenerfahrung hatte als der heutige Mensch. Würde man Aschylos mit dieser Empfindung lesen, so würde man andere Übersetzungen liefern als diejenigen, die heute geliefert und manchmal bewundert werden, und die gerade in den intimsten Dingen dem Äschylos wahrhaftig nicht ähnlich sehen. Aber daß das so war, hatte für den Griechen eine ganz bestimmte Folge, nämlich daß der Grieche gerade während der Zeit zwischen Geburt und Tod im Leibe das belebende Seelenelement fühlte, und daher auch zu einer anderen Empfindung noch kam, zu der Empfindung, daß der Leib und die Seele eigentlich ganz innig zusammengehören. Niemals in der Menschheitsentwickelung ist diese Empfindung überhaupt so rege gewesen wie in der Griechenzeit. Denn in früheren Epochen, die der Griechenzeit vorausgingen, hatten die Menschen eigentlich immer das Gefühl, das Seelische gehöre der Lichtwelt, der Wortwelt, der Welt des Logos an, in der der Mensch lebt vor der Geburt und nach dem Tode. Jetzt, im materialistischen Zeitalter, ist es so, daß der Mensch die Seele zunächst überhaupt nicht mehr verspürt. In der Griechenzeit, und etwas abgeschwächt und ins Trockene und Verstandesmäßige umgesetzt in der römischen, der lateinischen Zeit, war die Empfindung vorhanden des innigen Zusammengehörens von Leib und Seele. Den Leib betrachtete der Grieche als die äußere Gestalt für die Seele. Wachstum und Verfall des Leibes erschien den Griechen als Ausdruck für Wachstum und Verfall des Seelenlebens. Der Grieche liebte den Leib, so wie er die Seele liebte. Diese Empfindung, wie sie in dem Griechen vorhanden war, war früher in derselben Weise nicht vorhanden — wie ich eben ausgeführt habe — und ist heute wieder nicht vorhanden. Aber die Folge davon war jene Empfindung, die so tief ausgedrückt ist in den Worten, die Achilleus in den Mund gelegt werden: «Lieber ein Bettler in der Oberwelt als ein König im Reich der Schatten.» Der Grieche hat die schöne Harmonie, die er empfunden hat zwischen Leib und Seele, zu bezahlen gehabt damit, daß ihm, wenn er nicht Angehöriger der Mysterien war, eine Vorstellung davon, wie es der Seele in der geistigen Welt nach dem Tode ergeht, ganz geschwunden war. Nun, das Merkwürdige ist eben, daß der große griechische Philosoph Aristoteles, der ein großer Denker, aber nicht in die Mysterien eingeweiht war, in einer grandiosen Weise über das Erleben der Seele nach dem Tode so gesprochen hat, wie man sprechen konnte in der damaligen Zeit, wenn man die innige Harmonie zwischen Leib und Seele ins Auge zu fassen vermochte nach der Art des griechischen Zeitalters.
[ 13 ] Und als dann im Mittelalter in der sogenannten scholastischen Philosophie Aristoteles wieder aufgelebt ist, da haben die Scholastiker gesagt: In der Philosophie muß man so denken über die Seele, wie Aristoteles gedacht hat. Will man mehr darüber wissen, so kann das nur aus dem Glauben kommen. Mit der bloßen menschlichen Forschung kann man nicht weiter kommen als Aristoteles. — Wie weit ist Aristoteles denn gekommen, er, der so recht der philosophische Ausdruck für die griechische Art der Anschauung über Leib und Seele ist? Er ist wirklich zu dem gekommen, was man so schön mit den Worten des kürzlich verstorbenen meisterhaften Aristoteles-Forschers Franz Brentano aussprechen kann, der sagt: Wenn der Mensch ein Glied verloren hat, so kann er sich dieses Gliedes nicht mehr bedienen, er ist gewissermaßen nicht mehr ein ganzer Mensch. Wenn er zwei Glieder verloren hat, ist er noch weniger ein ganzer Mensch. Wenn er nun den ganzen Leib verloren hat — so sagt Aristoteles und mit ihm Franz Brentano — und noch nach dem Tode Seele ist, was Aristoteles nicht leugnet, so ist er in einem Zustande der Unvollständigkeit gegenüber dem Zustand, in dem er ist zwischen Geburt und Tod. Er ist kein vollständiger Mensch. — Und das ist in der Tat die wahre Unsterblichkeitslehre des Aristoteles, des größten Denkers der Griechenwelt, daß der Mensch nur hier zwischen Geburt und Tod ein vollständiger, ein vollkommener Mensch ist. Geht er durch die Pforte des Todes, so ist er nur ein Stück des Menschen; er ist zwar unsterblich, aber auf Kosten dessen, daß er kein ganzer Mensch mehr ist. Das ist in der Tat dasjenige, womit das Griechentum seine Schönheit, seine Harmonie zu bezahlen hatte, daß es in dasjenige Menschenalter hineinkam — Sie wissen, verglichen mit dem menschlichen Lebensalter —, wo man aus dem Inneren herauf zwar die Seele verspüren konnte, wo man aber noch nicht das Leben der Seele in der geistigen Welt schauen konnte, wo man von der Seele sagen mußte: sie ist nach dem Tode kein vollständiger Mensch mehr. Nur denjenigen, die in die Mysterien eingeweiht wurden, denen also Erkenntniskräfte einverleibt wurden, die über das Normale hinausgingen, enthüllte sich dasjenige, was die Seele durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Das ist ja der große Unterschied zwischen Plato und Aristoteles, daß Plato in die Mysterien eingeweiht war und Aristoteles nicht. Daher muß Plato in ganz anderem Sinne verstanden werden als Aristoteles, der zum «Chimborasso des Denkens» kam, aber nicht zu den Geheimnissen der geistigen Welt dringen konnte.
[ 14 ] Daher kam es, daß diejenigen, welche die Macht hatten in diesem Zeitalter, nach etwas anderem strebten als das, was man im normalen Menschenleben erreichen kann. Wer waren die Männer, die die Macht hatten, die in der Lage waren, diese Macht zu entwickeln? Gewiß, es gab eine große, bedeutsame Welt der Initiation, die durch die Mysterien da und dorthin ausgebreitet war und die damalige Kulturwelt erfüllte; aber diese Mysterien, sie gaben den Menschen dasjenige, von dem Plato sagte, daß es die Menschen über den Schlamm der Vergänglichkeit hinweghebe. Diejenigen, welche die Macht hatten in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum, suchten vor allen Dingen nach einem solchen in der Seele, wodurch sie teilnehmen konnten an der geistigen Welt. Nach dem allgemeinen Menschheitskarma mußte man im Sinne des Initiationsprinzips der damaligen Zeit normalerweise warten, bis man in die Mysterien hereingeholt wurde. In Griechenland war das allgemein üblich. Das brauchten die römischen Cäsaren nicht. Die römischen Cäsaren, die sich allmählich zur Beherrschung der damaligen Welt aufwarfen, die konnten ihre Macht dazu verwenden, sich einweihen zu lassen in die Mysterien.
[ 15 ] Und so sehen wir denn, daß schon von Augustus an die römischen Cäsaren die Initiation anstrebten, einfach durch ihre Machtfülle. Sie zwangen die eine oder andere Priesterschaft, sie in die Mysterien einzuweihen. So daß in diesem vierten Zeitraum eine eigentümliche Erscheinung zu beobachten ist: Wir haben auf der einen Seite das Mysterienprinzip, das Mysterienwissen, das noch da war, das aber allmählich hinschwand, allmählich niederging — ich habe öfter geschildert, warum das so kommen mußte: weil eben das Mysterium von Golgatha an die Stelle trat —, auf der anderen Seite wurden die Priester gezwungen, ihre Geheimnisse den römischen Cäsaren zu enthüllen. Augustus war der erste Kaiser, der eingeweiht wurde im vierten nachatlantischen Zeitraum; aber auch seine Nachfolger waren solche Eingeweihte, solche Initiierte. Sie unterschieden sich in ihrem Wesen von den anderen Initiierten, die auf Grund moralischer Eigenschaften, moralischer Entwickelung namentlich, in die Mysterien eingeweiht waren. Die römischen Cäsaren wurden auf Grund ihrer Machtfülle eingeweiht dadurch, daß sie die Priesterschaften zwingen konnten, ihnen ihre Geheimnisse zu enthüllen. Und so sehen wir denn, daß auch solch ein Nachfolger des Augustus wie Caligula ein Initiierter war. Dadurch aber war ein solcher Mensch wie Caligula bekannt mit den Geheimnissen des geistigen Weltenalls. Er war bekannt damit, daß die Impulse dieses geistigen Weltenalls in der Seele wieder aufleben, daß das Ich des Menschen ein Göttliches in dem Göttlichen ist. Dasjenige, was eine heilige Wahrheit der Demut bei den initiierten Priestern war, das wurde den Cäsaren ein Symbolum der äußeren Weltenmacht. Denn was wußte solch ein Caligula? Die anderen starrten dasjenige an, was ihnen an mythologischen Figuren der Götter heruntergekommen war aus alten Zeiten; das beteten sie an. Solch ein Eingeweihter wie Caligula wußte, was diese Götter zu bedeuten hatten. Er wußte vor allen Dingen, daß der Mensch derselben Welt mit seiner innersten Wesenheit angehört. Aus Erfahrung wußte Caligula, daß er derselben Welt angehörte wie diejenigen Wesen, die in diesen Göttern: Bacchus, Herkules, Merkur, Apollo, Zeus ihre Abbilder haben. Caligula wußte das Geheimnis, wie er in einem schlafähnlichen Zustande mit den Göttern der Mondenwelt verkehren konnte. Und es ist nicht eine bloße Mythe, sondern durchaus eine Wahrheit, wenn gerade von Caligula erzählt wird, daß er, wie man sagte, im Schlafe — es ist aber gemeint, in einem anderen Bewußtseinszustande — mit Luna, der Mondgöttin, Umgang pflegte, und daraus Nahrung söge für sein Machtbewußtsein. In mir lebt die Welt — sagte er sich — denn ich bin in ihr drinnen. — Indem er auf die Götter blickte, sah er sich selbst als einen Gott unter Göttern an. Und das war von den initiierten römischen Kaisern ganz ernst gemeint, wenn sie das sagten. Der initiierte Priester wußte, wie er in die Wohnung der Götter kam, und so erzwang sich der römische Cäsar die Gemeinschaft mit den Göttern. «Mein Bruder Jupiter», «Mein Bruder Zeus»: das waren Bezeichnungen, die gerade Caligula immer wieder gebrauchte. Und Caligula war es, der einmal an einen Tragöden die Frage richtete, wer größer sei, Jupiter oder er, Caligula. Und als der Tragöde nicht antworten wollte, Caligula sei größer als Jupiter, ließ er ihn geißeln. Das sind keine Mythen, das sind historische Dinge. Daher auch die Aufzüge, in denen Caligula als Bacchus mit Thyrsus und Epheukranz sich vor dem Volke zeigte, weil er das Bewußtsein hatte, daß er sich verwandeln dürfe in diejenigen Gestalten, die er als Abbilder der Götter kannte. Als Herkules erschien er mit der Keule und der Löwenhaut, als Merkur mit dem Hermesstab, als Apollo mit der Strahlenkrone und von Chören umgeben. So trat er auf, um seinem Volke das Bewußtsein beizubringen, daß er zu den Göttern und nicht zu den Menschen gehöre. So war es in jener Zeit, in welcher, möchte man sagen, sich in der römischen Welt das minder gute Bild dessen zeigte, was in der Griechenwelt groß war. Natürlich sah das niemand besser ein als solch ein Caligula oder andere initiierte Kaiser wie Commodus und andere. Caligula hörte einmal, daß eine Gerichtsverhandlung stattgefunden hatte, in der ein Richter einen Angeklagten zum Tode verurteilte. Und als ihm die Sache, da es ein besonderer Fall war, berichtet wurde, da sagte er: Ebensogut hätte der Richter zum Tode verurteilt werden können, denn er sei ebenso viel wert wie der andere. — So sah er die moralische Verfassung seiner Zeit an. Im Römertum erscheint wirklich das Gegenteil des Griechentums. Man hat gar keine Vorstellung mehr von der inneren Verfassung des Römertums der Cäsarenzeit. Man muß sich aber eine Vorstellung davon verschaffen, denn das ist eine der Wurzeln, aus denen unsere neue, unsere fünfte Kulturepoche im Fortströmen sich entwickelt hat.
[ 16 ] Auch Nero war ein solcher Eingeweihter, ein initiierter Kaiser. Und dadurch gerade konnte Nero etwas ganz Besonderes einsehen. Diejenigen, die in die Mysterien eingeweiht waren in der damaligen Zeit, wußten: die Entwickelung ist bis zu einem gewissen Punkte abwärts gegangen; sie muß wiederum aufsteigen, aber sie muß sich auch mehr vergeistigen. Das ist ja in Wirklichkeit dasjenige, was gemeint ist mit der «Parusie», mit dem neuen Zeitalter, von dem auch der Christus Jesus spricht.
[ 17 ] Wenn Sie das, was in all diesen alten Kulturepochen bis zum Griechentum lebendig ist, vergleichen mit der späteren Zeit, so finden Sie: In diesen alten Kulturepochen offenbart sich in einer gewissen Weise durch das Körperliche noch das Seelisch-Geistige. Dann hört das auf; es offenbart sich nicht mehr, es muß jetzt durch anderes gesucht werden. Wenn der Mensch durch das, was er mit Augen sehen, mit Ohren hören kann, das Geistig-Seelische suchen will, so kann er es nicht mehr finden. Die Reiche der Himmel, sie offenbarten sich früher durch die Leiber, jetzt müssen sie im Geiste heraufkommen. Die Reiche der Himmel müssen nahe kommen. Das ist die Prophetie des Täufers Johannes. Das ist auch, was der Christus Jesus mit der Parusie meint. Nur stehen in einer gewissen Weise die Theologen bis heute noch immer auf dem sonderbaren Standpunkte, daß sie glauben, der Christus hätte mit der Parusie gemeint, die Erde müsse sich physisch verwandeln. Auch die Blavatsky tadelt den Ausspruch des Christus Jesus über die Parusie, das Heraufkommen der Reiche der Himmel, indem sie sagt: Da wurde vorausgesagt, daß die Reiche der Himmel auf die Erde kommen, das Getreide ist aber nicht besser geworden; die Weintrauben sind nicht reicher als früher; es sind keine Himmel auf die Erde gekommen. — Alle die Leute, die so reden, verstehen nicht, was gemeint ist. Was der Christus Jesus gemeint hat, was Johannes gemeint hat, das war schon gekommen: die Reiche der Himmel waren schon auf die Erde herabgekommen, indem der Christus selber sich in dem Jesus von Nazareth verkörpert hatte. Der Vorgang ist durchaus als ein geistiger aufzufassen.
[ 18 ] Aber ein Initiierter wie Nero, der wußte das auch aus den Mysterien heraus; er lehnte sich dagegen auf. Der kam wirklich zu der Wahnidee, daß er sich sagte: Nun ja, die Welt ist im Niedergang, so soll sie auch untergehen! — Und das ist eigentlich der psychologische Grund, warum der Nero Rom hat anzünden lassen — was er wirklich getan hat —, weil er wenigstens das Schauspiel haben wollte, daß von da aus der Feuerbrand komme, der die ganze Welt verbrennt. Denn er hielt nichts mehr von dieser Welt. Er wollte die Erneuerung nicht zulassen, die durch das Mysterium von Golgatha kam. Nur war er, wenn er auch ein Wahnsinniger war, doch ein Genie. Durch seine Machtfülle hatte er sich seine Initiation erzwungen, daher waren alle die Ideen groß bei ihm, größer als sie bei anderen sind, die nicht diese Vorbedingung hatten. Daher ist Nero auch in einem gewissen Sinn der erste Psychoanalytiker, aber ein großzügiger, nicht ein Psychoanalytiker wie diejenigen, die Freud oder anders heißen. Denn Nero vergötterte das Leibliche, indem er wirklich wie der Psychoanalytiker aus dem Unterbewußten das Geistig-Seelische heraufholen wollte. Der heutige Psychoanalytiker sagt: Was ist denn da unten in der Seele? Enttäuschungen, allerlei verglommenes Leben und so weiter —, und dann sagt er: Der animalische Grundschlamm der Seele ist da unten, viel Schönes ist da unten nicht. — Wenn man heute den Psychoanalytiker hört, so ist es so, wie wenn ein Mensch einen Acker beschreibt, der eben gedüngt worden und dann bebaut worden ist mit den Saaten für die nächste Zeit, aber der Mensch sieht nur den Dünger, den Mist. So sieht der Psychoanalytiker nur das in der Seele, was wirklich Mist ist, vergleichsweise gesprochen, selbstverständlich. Er sieht nicht das Ewige in der Seele, das, was von Leben zu Leben geht. Daher ist die Psychoanalyse so gefährlich, weil sie zwar zu dem Unterbewußten hinuntergeht, aber statt des seelisch-geistigen Wesenskernes den animalischen Grundschlamm sieht, wie wenn man nicht die keimende Saat, sondern nur den Mist sieht. Nero war ein großer Psychoanalytiker, indem er sagte: Im Menschen ist überhaupt nichts anderes als der animalische Grundschlamm, alles andere ist einfach Schein; früher war es anders, als die Menschen noch dem Göttlichen nahe waren, aber jetzt besteht der Mensch nur noch aus diesem animalischen Grundschlamm, es gibt auch nicht einen kleinsten Teil, der keusch ist, alles ist verlottert im Menschen —, so sagte Nero. Man sieht daraus, man fühlt gerade bei denjenigen, die auf diese Weise sich die Initiation erzwungen hatten, das Materialistischwerden der Welt. Man übersetzte ja überhaupt das alte, spirituelle Initiationsprinzip in diesen Kreisen recht ins Materielle. Als Commodus, der sich nicht nur zum Initiierten, sondern zum Initiator machte, einem, den er selbst zu initiieren hatte, den symbolischen Schlag geben wollte, da schlug er ihn gleich tot. Statt ihn dem geistigen Tod, das heißt der Auferweckung zu überliefern, schlug er ihn tot! So Commodus, der Initiator. Es ist das eine historische Tatsache.
[ 19 ] Dasjenige, was eingetreten war in diesem vierten Zeitraum, ist eben das Mysterium von Golgatha. Und da nun nicht mehr vom Äußerlich-Stofflichen das Geistige kommen kann, so muß das Geistige wiederum erobert werden. Der Aufstieg im Inneren hat einen Impuls bekommen durch das Mysterium von Golgatha. Aber wir leben im fünften Zeitraum, wo diese Eroberung noch nicht weit gediehen ist, wo gerade jene Kräfte, die in der Römerzeit so grotesk hervortreten, noch stark in den Menschen sind und gegen den Impuls des Aufstieges kämpfen, der durch das Mysterium von Golgatha gebracht worden ist. Und so ist es denn begreiflich, daß in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum hauptsächlich das Zeitalter des Materialismus in der Denkungsweise, in der Gefühlsweise heraufgestiegen ist.
[ 20 ] Schon hat das Mysterium von Golgatha einen Anstoß gebracht, so daß die große Verderbtheit der Römer zunächst etwas geschwunden ist, aber der Mensch hat es noch nicht dazu gebracht, daß ihm auch natürlicherweise in seiner Seele das Geistig-Seelische wiederum aufleuchtet. Dazu bedarf es weiterer Impulse, dazu bedarf es eines intensiveren, eines gründlicheren Bekanntwerdens mit dem Christus-Impuls. Der muß sich immer weiter und weiter einleben. Und so steht denn in der fünften Kulturperiode der normale Mensch nicht der Seele selbst gegenüber, wenn er sich erlebt. Das Verspüren, das innerliche Erleben der Seele ist für den normalen Menschen verschwunden. Der Mensch empfindet sich im Erleben des Leibes, er empfindet sich als Leib, als natürlichen Leib.
[ 21 ] Selbsterlebnis des Leibes! Und deshalb ist insbesondere der Wissenschaft das Seelische entschwunden und entschwindet ihr noch immer mehr und mehr. Dieses Seelische muß eben von innen heraus wiederum erobert werden. Der fünfte nachatlantische Kulturzeitraum, der angefangen hat etwa im Jahre 1413, 1415, er steht ja erst im Anfang. Die Menschheit wird sich so in ihm weiter zu entwickeln haben, daß wirklich das Geistige immer mehr und mehr im Inneren erobert wird. Aber es macht sich das zunächst geltend gerade auf seelischem Gebiet durch eine eigentümliche Erscheinung, durch die Erscheinung, daß im Menschen selber etwas materiell auftritt, was früher nicht so materiell war: das Denken selber nämlich. Solch ein Denken, wie wir es im fünften Zeitraum haben, wäre schon den Griechen, erst recht den Ägyptern, Chaldäern oder den Urpersern unmöglich gewesen. Hinter den Griechen standen noch bis zu einem gewissen Grade imaginative Vorstellungen, in älteren Zeiten noch mehr; und wer Aristoteles wirklich lesen kann, der merkt selbst bei dem trockenen Aristoteles noch wirksame Imaginationen, weil das Denken noch mehr bewußt im Ätherleibe vor sich ging. Jetzt ist das Denken ganz in den physischen Leib hineingezogen, ist ganz Gehirndenken geworden, und da nimmt es denn den abstrakten Charakter an, auf den unsere Zeit so stolz ist. Das Denken, das ganz abstrakt wird, das ist das Denken, das wirklich an die Materie, an die Materie des Gehirns gebunden ist. Und dieses Denken, das zeigt sich gerade in den epochemachendsten Impulsen, die wiederum vertieft werden müssen, sonst wird das Denken immer materialistischer und materialistischer. Und indem das Denken immer materialistischer wird, muß auch das Leben immer materialistischer werden. Grundlegende Ideen — das ist das Charakteristische unserer jetzigen fünften Epoche, die als Impulse wirken sollen, sie wirken nur als abstrakte Ideen.
[ 22 ] Und es gab eine Zeit, in der die Abstraktion als Lebensprinzip an ihrem Höhepunkt angelangt war. Alles ist notwendig — verstehen Sie mich recht —, ich will nicht etwa in Grund und Boden kritisieren, ich spreche nicht vom Standpunkte der Sympathie und Antipathie, ich charakterisiere, wie man wissenschaftlich charakterisiert. Ich will also nicht tadeln — niemand soll das glauben —, daß es eine Epoche gegeben hat, in der die abstrakten Weltideen ihren höchsten Triumph gefeiert haben. Diese Epoche war damals, als man mit äußerster Abstraktion drei Ideen aussprach: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Mit der äußersten Abstraktion sprach man sie aus. Nicht aus einem konservativen oder reaktionären Standpunkte ist das gesagt, sondern um die Menschheitsentwickelung zu charakterisieren. Alles ruft nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts, nicht aus der Seele, sondern aus dem denkerischen Gehirn heraus. Und das hat sich im 19. Jahrhundert so fortgebildet, daß wir es noch heute überall wie eine Gewohnheit nachklingen fühlen. Die Menschen haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts furchtbar an die Abstraktion des Denkens gewöhnt und sind zufrieden in der Abstraktheit des Denkens, weil sie sich dabei so gescheit vorkommen. Sie glauben, im Denken haben sie die Wahrheit und empfinden kein Bedürfnis, in die Wirklichkeit mit ihrem Denken unterzutauchen. Das muß wieder gelernt werden, in die Wirklichkeit unterzutauchen; sonst bleibt es beim Deklamieren von abstrakten Ideen, die keinen Lebenswert haben.
[ 23 ] Das ist die große Krankheit unserer Zeit, das Deklamieren von abstrakten Ideen, die keinen Lebenswert haben. Wenn heute gesagt wird, es müsse jetzt eine Zeit kommen, in der dem Tüchtigen freie Bahn geboten wird in der Welt, wo der Tüchtige an den rechten Platz gestellt wird, nun, was kann es denn Schöneres geben als diese Idee! Ist das nicht ein wunderbares Ideal: Freie Bahn dem Tüchtigen! — Man glaubt zuweilen aus der heutigen materialistischen Zeit heraus, indem man ein solches Ideal ausspricht, die ganze Zukunft in seiner Brust zu tragen. Was hilft aber ein solches abstraktes Ideal, wenn es dabei bleibt, daß man seinen Schwiegersohn oder seinen Neffen für den Tüchtigsten hält? Es kommt gar nicht darauf an, daß man ein abstraktes Ideal anerkennt, ausspricht und deklamiert, sondern darauf, daß man mit seiner Seele in die Wirklichkeit einzutauchen vermag, und die Wirklichkeit in ihrer Wesenheit zu durchschauen, zu erkennen, zu durchdringen, zu erleben, zu bearbeiten versteht. Schöne Ideen aussprechen und sich wohltun im Aussprechen schöner Ideen wird sich immer mehr und mehr als schädlich erweisen. Liebe zur Wirklichkeit, Erkenntnis, Anpassen an die Wirklichkeit, das ist dasjenige, was in unsere Seele einziehen muß. Das kann aber nur geschehen, wenn die Menschen wiederum lernen, die ganze Wirklichkeit — denn die sinnliche Wirklichkeit ist nur die äußere Schale der Wirklichkeit — zu erkennen. Wenn derjenige, der einen Magneten in Hufeisenform sieht, sagt: Damit beschlägt man am besten den Huf eines Pferdes —, hat er da die ganze Wirklichkeit? Nein, erst wenn er erkennt, daß da drinnen in dem Eisen Magnetismus ist, erst dann hat er die ganze Wirklichkeit. Aber wie der handelt, der mit einem Magneten nichts anderes zu tun weiß, als ein Pferd zu beschlagen, so ist auch der, der eine äußere Naturwissenschaft oder Staatswissenschaft begründen will unter der Voraussetzung, daß alles nur sichtbare Welt ist und mit Vorstellungen begriffen werden kann, die aus der sichtbaren Welt entlehnt sind. Das gehört eben zur äußersten Abstraktion, zur Schädlichkeit der abstrakten Ideale. Und man erkennt diese Schädlichkeit nicht, weil die Ideale wahr sind, weil sie auch gut sind, aber sie sind wirkungslos. Sie dienen nur dem menschlichen Erkenntnisegoismus, der Wollust dabei empfindet, in solchen Idealen zu leben. Aber damit wird keine Welt regiert. Damit wird höchstens eine Welt regiert, wie sie geworden ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
[ 24 ] Man muß schon solchen Empfindungen sich hingeben, wenn man unsere Zeit tiefer verstehen will. Lebendig muß in dem Menschen werden das seelische Leben, das so allmählich, wie ich das beschrieben habe, herausgegangen ist aus unserer Umwelt, aus unserer angeschauten Umwelt. Die Ideen müssen wieder konkret, wieder lebendig werden. Brüderlichkeit ist eine schöne Idee, als Abstraktion ausgesprochen bedeutet sie gar nichts. Weiß man erstens, daß das menschliche Seelenwesen im Leibe, durch den Leib, auf dem physischen Plan hier lebt, also leiblich-seelisch, seelisch-leiblich ist, weiß man zweitens, daß der Mensch nicht nur seelisch-leiblich, sondern wirklich Seele ist, weiß man drittens, daß die Seele geisterfüllt ist, kennt man also die Seele als dreigliederig und den Menschen als dreigliederig, kennt man den Menschen in seiner Zusammensetzung aus Leib, Seele und Geist: dann hat man den Anfang damit gemacht, die abstrakten drei Ideen von Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit konkret werden zu lassen. Vom Menschen im allgemeinen, von diesem abstrakten Menschen zu sagen, er solle in Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit leben, ist gar nichts als ein Wortschwall. Notwendig ist, eine lebendige Erkenntnis davon zu erwerben, daß der Mensch, insofern er im Leibe in der physischen Welt lebt, eine soziale Ordnung braucht, die auf Grundlage der wirklichen Brüderlichkeit begründet ist, daß aber Brüderlichkeit nur verstanden werden kann, wenn man die Menschen als Leib betrachtet. Das ist der Beginn der richtigen Idee von der Brüderlichkeit. Brüderlichkeit hat nur einen Sinn, wenn man weiß, daß der Mensch eine Dreiheit ist und die Brüderlichkeit anwendbar ist auf das Leibliche. Freiheit: Dazu muß man wissen, daß der Mensch eine Seele hat, denn die Leiber können nie frei werden. Es gibt keine Einrichtung, wodurch die Leiber frei werden; die Entwickelung der Menschheit kann nur so sein, daß die Seelen frei werden. Freiheit, als allgemeine Menschheitsidee ausgesprochen, ist eine Abstraktion. Freie Seelen zu den brüderlich lebenden Leibern ist eine konkrete Idee. Gleich sind die Menschen im Geiste. Ein altes Volkswort war sich dessen sogar bewußt: Nach dem Tode werden alle gleich. — Man sah dabei auf den Geist. Indem die Menschen als Geister leben, sind sie hier für die Erde gleich, aber von Gleichheit zu sprechen hat nur einen Sinn, wenn man von diesem dritten Gliede des Menschen, vom Geiste spricht. Lebendig muß es werden, meine lieben Freunde, so daß man sagt: Dasjenige, was hier auf der Erde in irgendeiner Ordnung herumwandelt, lebt in Leib, Seele und Geist. Die Entwickelung muß so fortschreiten, daß die Leiber in Brüderlichkeit, die Seelen in Freiheit, die Geister in Gleichheit leben. Es reicht heute nicht die Zeit, die Sache weiter auszuführen, aber Sie werden heute schon den ganz erheblichen Unterschied merken zwischen abstrakten Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit und den von Erkenntnis durchdrungenen konkreten Ideen, die dann auf das Richtige angewendet sind.
[ 25 ] Aber worauf beruht denn das ganze, daß man so abstrakt geworden ist? Nun, es ist ja der Menschheit dasjenige ganz verlorengegangen, was verhältnismäßig spät noch eine Mysterienwahrheit war: daß der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Bei den Griechen war es noch allgemein, den Menschen als Leib, Seele und Geist anzusehen. Bei den ersten Kirchenvätern war es noch eine Selbstverständlichkeit. Dasjenige, was im Niedergang der menschlichen Entwickelung lag, die einen Aufstieg aus dem Christus-Prinzip wiederum braucht, das wurde im Jahre 869 durch das Konzil zu Konstantinopel dogmatisch festgelegt, indem der Geist abgeschafft worden ist. Verzeihen Sie, daß ich das so grotesk ausdrücke. Es ist ja nur äußerlich dasjenige konstatiert worden, was im Menschheitsbewußtsein auftrat durch die Verhältnisse, die ich geschildert habe. Seit jener Zeit durfte man nicht mehr in der Theologie lehren: Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist —, sondern man mußte lehren: Der Mensch besteht nur aus Leib und Seele —, wie es heute die Philosophieprofessoren noch lehren. Und wenn so ein guter Wundt oder ein anderer Philosophieprofessor unseres heutigen Zeitalters eigentlich noch keine Ahnung davon hat, daß der Mensch eine Dreiheit ist, sondern immerfort redet von Leib und Seele, so weiß er gar nicht, daß er nur die Anordnungen des Konzils von Konstantinopel vom Jahre 869 befolgt. Er weiß gar nicht, daß seine Lehre nur eine Nachbildung dieses Konzilsbeschlusses ist. Ja, diese «voraussetzungslose» Wissenschaft, die hat manchmal, wenn man genauer ihre Entwickelungsgeschichte kennt, ganz merkwürdige Voraussetzungen. Die voraussetzungslose Wissenschaft unseres jetzigen Zeitalters in der Philosophie ist nämlich gar nicht zu denken ohne das Konzil zu Konstantinopel, nur wissen es die Herren nicht.
[ 26 ] Dasjenige, was da verdunkelt worden ist, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, das muß durch Geisteswissenschaft wieder gewonnen werden. Daher mußte mit vollem Bewußtsein gleich das erste, was ich versuchte symptomatisch geltend zu machen gerade in unserer mitteleuropäisch, anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, struktural durchdrungen sein, in dem Buche «Theosophie» nämlich, von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. Darauf ist das ganze Buch aufgebaut. Das mußte radikal immer wieder und wiederum vor die Menschheit hingestellt werden; damit hatte sie aus der Entwickelung heraus den dreigliederigen Menschen.
[ 27 ] Sie sehen, wie bis ins einzelne herein, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, sich alles rechtfertigt, wie aber auch Geisteswissenschaft dazu geeignet ist, uns solche Vorstellungen, solche Gefühls- und Willensimpulse zu geben, die uns zu wirklichen Mitarbeitern machen können im rechten Fortgang der neueren Menschheitsentwickelung. Und ich möchte immer, daß ich eine Empfindung davon hervorrufen könnte, daß Geisteswissenschaft nicht eine Theorie, nicht eine Lehre bleiben darf, daß sie nicht etwas bleiben darf, was man so als eine Wissenschaft pflegt, sondern was wirklich lebendiges, inneres Seelenleben werden kann. Dieses erscheint mir viel wichtiger als die bloße Bereicherung mit Begriffen, die ja selbstverständlich auch notwendig ist, denn wenn etwas belebt werden soll, so muß es zuerst begriffen sein. Wir müssen die Begriffe in uns haben, aber die Begriffe dürfen nicht tot bleiben, sondern sie müssen lebendig werden. Geisteswissenschaft wirkt dann schon von selber so, daß wenn sie real erfaßt wird, sie den ganzen Menschen anregt. Aber dann ist es auch notwendig, daß der ganze Mensch versucht, sie empfindend und willentlich zu verstehen. Wenn aber der ganze Mensch diese Geisteswissenschaft empfindend und willentlich versteht, dann kann er entsprechend in ihr leben. Da darf ihm aber die Liebe niemals ausgehen zu der wirklichen Erkenntnis und zu der sich fortentwickelnden Menschheit. Gerade diese Liebe ist in unserer Zeit noch ein zartes Pflänzchen. Und begreiflich ist es ja, wenn es auch unendlich traurig ist, wenn auf dem Gebiet der geisteswissenschaftlichen Bewegung, wie wir sie auffassen, dadurch daß persönliche Interessen manchmal nicht schöner Art das zarte Pflänzchen der Liebe zur zeitgeforderten Erkenntnis heute noch entstellen, der Haß seine Orgien gerade bei denjenigen feiert, die nicht aus lauterer Erkenntnissehnsucht an die Geisteswissenschaft herankommen, die so herankommen, daß, wenn einmal ihre Eitelkeit nicht befriedigt wird, sich sogleich ihre Scheinliebe in Haß verwandelt. Denn nur wirkliche Liebe kann zum Sieger werden über den Haß, Scheinliebe ist sogar eine Erzeugerin des Hasses.
[ 28 ] Wenn wir dies recht fühlen, dann werden wir auch zurechtkommen mit den Erscheinungen, auf die ich ja schon zweimal hingewiesen habe, mit jenen Erscheinungen, die so traurig heraufziehen über unsere Anthroposophische Gesellschaft, in der wir sehen, daß die starken Hasser gerade aus den Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft hervorgehen. Besiegen werden wir diese Dinge nicht, solange wir auch ein Prinzip unserer materialistischen Zeit anwenden, wie wir das ja heute so gerne tun, das Prinzip: Ich will meine Ruhe haben! — wenn man sich vor den Dingen verschließt oder die Dinge nicht beim rechten Namen nennen will. Wenn jetzt Schmähschriften zahlreich erscheinen, so ist nichts getan, wenn man diese Schmähschriften so ernst nimmt, daß man die einzelnen Sätze widerlegt. Denn solchen Herren, wie die, welche jetzt schreiben, kommt es nicht darauf an, ob sie das oder jenes als Satz aufstellen. Solch einem Herrn zum Beispiel, der zurückgewiesen werden mußte, als er eine Schrift einreichte, die nicht bei uns verlegt werden konnte, der dadurch in seinem Ehrgeiz sich gekränkt fühlte, der, während er unserer Anthroposophischen Gesellschaft bis dahin nachgelaufen ist, dann nachher zum Feinde wurde, dem muß man sagen: Was du schreibst, ist einfach Unsinn, du weißt es selber besser; du schreibst das alles aus dem Grunde, weil deine Schrift zurückgewiesen worden ist. — Das ist die Wahrheit. Wenn man der Geisteswissenschaft zu dienen versteht, kommt es nicht darauf an, daß man alle diese Dinge als Erfindung und Erdichtung im einzelnen widerlegt, sondern daß man denjenigen in seinem wahren Lichte zeigt, der zum Schein der geisteswissenschaftlichen Bewegung angehört hat und dann nachher solche Dinge treibt, wie sie jetzt viele zu treiben anfangen, und die noch mehr werden getrieben werden.
[ 29 ] Oder es ist einer da — wie ich Ihnen vor einigen Tagen erzählt habe —, der ein großer Maler werden wollte, es aber auf dem Wege versuchte, daß er gebettelt hat, lernen zu dürfen; als man sich aber alle Mühe gab, ihn vorwärtszubringen, wollte er alles besser wissen. Er meinte, man werde nicht ein großer Maler, indem man lernt, sondern indem man erklärt, man wäre ein Genie! Wenn man dann das Malheur hat, das nicht zu werden, und, trotzdem man Lehrer beschafft bekommt, nicht malen lernen kann, sondern nur kleckst, und wenn andere nicht in der Lage sind, die Klecksereien als große Malereien anzuerkennen, dann kommt man und sagt: das sei Schuld der Übungen. Einen solchen Menschen kuriert man in der richtigen Weise, indem man die Wahrheit sagt. Es darf nicht aussehen, als ob die Geisteswissenschaft gefährdet wäre und die Dinge nicht zurechtgewiesen werden.
[ 30 ] Die Dinge erfüllen sich schon karmisch. Es sollte schon auch in mancher anderen Einzelheit das Richtige in unseren Kreisen geschehen, wie es auf prinzipiell wichtigem Punkte geschehen ist. Denken Sie einmal darüber nach, daß seit 1911 alle Fäden mit der Theosophischen Gesellschaft der Mrs. Besant durchschnitten worden sind, und daß der Krieg Englands gegen Deutschland erst 1914 begonnen hat. Das ist etwas, wo gesagt werden darf: Prophetisch hat die Anthroposophische Gesellschaft gehandelt. — Es wird im allgemeinen viel geschmäht das ist selbstverständlich nichts, was gegen das englische Volk gerichtet ist, sondern gegen die Schmähenden, die heute das Nationalitätsprinzip in dieser Weise mißbrauchen —, aber so wider alles bessere Wissen, wie Mrs. Besant unsere Anthroposophische Gesellschaft und mich schmäht, ist das Schmähen doch eine Seltenheit. Und nachdem wir das Buch «Die großen Eingeweihten» zuerst in Deutschland populär gemacht haben, wir Schurés Stücke aufgeführt haben, müssen wir nunmehr auch erleben, daß wir von Schure@ in der unmöglichsten Weise angegriffen werden. Das sind Dinge, die sich gewissermaßen mehr in den Weiten abspielen. Aber auch in der Enge bilden sich allmählich die Feinde heraus.
[ 31 ] Ein wenig Voraussicht muß sich der Anthroposoph aneignen und ein wenig Wille zum Sehen dessen, was vorgeht, dessen, was kommen wird. Man eignet sich diese Voraussicht an, wenn man dasjenige, was auch in richtiger Weise als Devise, als Motto vorangesetzt worden ist unserer Anthroposophischen Gesellschaft «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», ernst nimmt. Derjenige, der dies tief genug zu fassen vermag «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», der wird die richtige Stellung einnehmen.
[ 32 ] Damit, meine lieben Freunde, muß ich mich Ihnen für diesmal empfehlen. Ich hoffe, daß unser diesmaliges Zusammensein der Ausgangspunkt sein kann eines guten Miteinanderarbeitens im Geiste, wenn wir auch physisch nicht beisammen sein können. Versuchen wir in dem Geiste unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu denken, zu empfinden und zu wollen, dann werden wir richtig zusammen arbeiten.
