The Spiritual Background of World War I
GA 174b
15 May 1917, Stuttgart
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The Spiritual Background of World War I, tr. SOL
Elfter Vortrag
Eleventh Lecture
[ 1 ] Es wird sich in dieser heutigen ergänzenden Betrachtung zu den Auseinandersetzungen, die ich diesmal hier in Stuttgart geben durfte, darum handeln, einiges hinzuzufügen zu dem schon Gesagten, um es gewissermaßen abzurunden.
[ 1 ] This supplementary reflection today on the discussions I had the opportunity to lead here in Stuttgart will focus on adding a few points to what has already been said, in order to round it out, so to speak.
[ 2 ] Zunächst wird es am besten sein, wenn ich anknüpfe an dasjenige, was gerade im gestrigen öffentlichen Vortrag einen Teil der Ausführungen gebildet hat. Da haben wir ja gesehen, wie des Menschen seelisches Wesen in seiner Dreiheit Beziehungen zum Leiblichen, Beziehungen zum Geistigen hat. Und wir haben insbesondere hervorgehoben, daß das Gefühlselement der Seele Beziehungen hat nach dem Leibe hin zum Atmungsleben, daß gewissermaßen das, was im Leibe Atmung ist, und zwar in umfassendem Sinne, mit allen Verzweigungen und Verästelungen das Werkzeug ist für das Gefühlsleben. Auf der anderen Seite haben wir darauf hinweisen können, daß zu alledem, was der Inspiration in der geistigen Welt zugänglich ist, das Gefühlsleben eine besondere Beziehung hat. Was der Inspiration in der geistigen Welt zugänglich ist, das ist aber auch zugleich alles das, was in der Welt enthalten ist, der wir angehören mit dem Teile unseres Wesens, der durch Geburten und Tode geht, der Welt also, die wir durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, der Welt, in der wir selbstverständlich auch leben zwischen Geburt und Tod. Nur ist diese Welt verdeckt durch die Sinneswahrnehmungen und das gewöhnliche Vorstellen, also durch das Leibesleben. So daß uns dasjenige, was der Atmung und dem Gefühl entspricht, eigentlich hinausweist in die große, umfassende Welt, in die wir aufsteigen, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, in die Welt, der wir angehören, wenn wir uns nicht mehr des Werkzeuges unseres Leibeslebens bedienen. Das Werkzeug unseres Leibeslebens fesselt uns gewissermaßen an das irdische Dasein. Aus verschiedenen Vorträgen, die im Laufe der vielen Jahre gehalten wurden und in den Zyklen niedergelegt sind, wissen Sie, daß die Seele, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, eben nicht gefesselt ist an das irdische Leben, sondern aufsteigt in den Kosmos, um in den geistigen Welten dieses Kosmos zu leben, in demjenigen, was eben die geistige Welt genannt werden kann. Ist es denn da nicht zu erwarten, daß gerade das Gefühlsleben, das leiblich der Atmung entspricht, geistig der inspirierten Welt, das Gefühlsleben mit dem Atmungsleben also, in einer viel, viel umfassenderen Beziehung zum Kosmos, zur großen Welt, zum Makrokosmos steht als unser engbegrenztes Wahrnehmen und Vorstellen? Was nehmen wir denn schließlich wahr? Wir nehmen wahr wirklich ein recht kleines Stück Welt; ein kleines Stück Welt spielt durch unsere Augen und unsere Ohren in unser leibliches Dasein zwischen Geburt und Tod herein. Selbst wenn wir vielgenießende Menschen sind und Umschau halten, was wir alles durch unsere Sinne wahrnehmen und dann in den Vorstellungen verarbeiten: es ist ein kleines Stück Welt, was da in unser Dasein hereinspielt.
[ 2 ] To begin with, it will be best if I pick up where I left off in yesterday’s public lecture. There we saw how the human soul, in its threefold nature, relates to the physical and to the spiritual. And we emphasized in particular that the emotional element of the soul has connections to the body through the respiratory life; that, in a sense, what constitutes respiration in the body—in the broadest sense, with all its ramifications and branches—serves as the instrument for the emotional life. On the other hand, we have been able to point out that the life of feeling has a special relationship to everything that is accessible to inspiration in the spiritual world. But what is accessible to inspiration in the spiritual world is also, at the same time, everything contained in the world to which we belong with that part of our being that passes through births and deaths—that is, the world we experience between death and a new birth, the world in which we naturally also live between birth and death. Only this world is veiled by sensory perceptions and ordinary imagination—that is, by physical life. Thus, that which corresponds to breathing and feeling actually points us outward into the vast, all-encompassing world into which we ascend when we pass through the gate of death—the world to which we belong when we no longer make use of the instrument of our physical life. The instrument of our physical life binds us, so to speak, to earthly existence. From various lectures given over the course of many years and recorded in the cycles, you know that once the soul has passed through the gate of death, it is no longer bound to earthly life but ascends into the cosmos to live in the spiritual worlds of that cosmos—in what can indeed be called the spiritual world. Is it not to be expected, then, that the emotional life—which corresponds physically to breathing and spiritually to the inspired world—that is, the emotional life together with the life of breathing—stands in a much, much more comprehensive relationship to the cosmos, to the great world, to the macrocosm, than our narrowly limited perception and imagination? What, after all, do we actually perceive? We perceive, in truth, only a very small part of the world; a small part of the world flows into our physical existence between birth and death through our eyes and ears. Even if we are people who take great pleasure in life and look around to see all that we perceive through our senses and then process in our imagination: it is a small part of the world that flows into our existence.
[ 3 ] Wie ist das nun aber, wenn wir uns wenden von dem Nervenleben, zu dem das Vorstellungsleben gehört, zum Atmungsleben, zu dem das Gefühlswesen gehört? Einen Begriff darüber, der zu gleicher Zeit geeignet ist, unser Empfinden zu erheben, kann uns dasjenige geben, was in der folgenden Weise etwa an unsere Seele herantreten kann: Sie wissen ja alle, daß die Sonne im Frühling in einem gewissen Punkte aufgeht. Im Frühlingsbeginn, am 21. März, geht die Sonne am Morgen in einem bestimmten Punkte auf. Aber dieser Punkt ist nicht zu allen Zeiten derselbe, das wissen Sie, sondern die Sonne ist in alten Zeiten im Frühlingsanfang aufgegangen im Sternbild des Stieres, dann im Sternbild des Widders; der Frühlingspunkt wandert also weiter und ist nun in das Sternbild der Fische eingetreten. Wenn man sich wendet zu dem, was ich jetzt meine, dann betrachtet man also den Fortgang des Frühlingspunktes durch den Tierkreis. Der Frühlingspunkt selber rückt im Tierkreis weiter. Wenn ein Punkt in einem Kreise weiterrückt, so muß er natürlich nach einer bestimmten Zeit wiederum an derselben Stelle ankommen. Nun kennt die ganz gewöhnliche Astronomie dieses Weitergehen des Frühlingspunktes und das Wiederankommen an dieselbe Stelle des Tierkreises. Das heißt, wenn in einem bestimmten Jahr der Vergangenheit der Frühlingspunkt im Widder lag, im nächsten Jahr ein Stückchen weiter, und so fort, und dann herausgegangen ist in die Fische und so weiter, so wird er nach einer gewissen Zeit wieder im Widder sein. Die Zeit, die so der Frühlingspunkt braucht, um durch den ganzen Tierkreis sich zu bewegen, ist annähernd 25900 Jahre, ungefähr 26000 Jahre. In dieser Zahl also von 26000 Jahren liegt ein Maß des äußeren Kosmos ausgedrückt: das Maß, in dem eben der Frühlingspunkt weiterschreitet. Wir haben in dieser Zahl gewissermaßen dasjenige, womit der Gang der Sonne im Kosmos ausgemessen wird. So könnten wir annähernd sagen. Halten wir an dieser Zahl fest, so können wir an sie anfügen eine andere Betrachtung, die wir jetzt anstellen wollen.
[ 3 ] But what happens when we turn our attention from the nervous life—to which the life of imagination belongs—to the respiratory life, to which the emotional nature belongs? A concept that is at the same time capable of elevating our sensibility can be provided by something that might approach our soul in the following way: You all know, of course, that in spring the sun rises at a certain point. At the beginning of spring, on March 21, the sun rises in the morning at a specific point. But this point is not always the same, as you know; in ancient times, the sun rose at the beginning of spring in the constellation of Taurus, then in the constellation of Aries; so the vernal equinox continues to move and has now entered the constellation of Pisces. If we turn our attention to what I mean now, we observe the progression of the vernal equinox through the zodiac. The vernal equinox itself moves further along the zodiac. When a point moves along a circle, it must naturally return to the same spot after a certain time. Now, conventional astronomy is well aware of this progression of the vernal equinox and its return to the same point in the zodiac. That is to say, if in a certain year in the past the vernal equinox was in Aries, the next year a little further along, and so on, and then moved into Pisces and so forth, it will return to Aries after a certain period of time. The time it takes for the vernal equinox to move through the entire zodiac is approximately 25,900 years, or about 26,000 years. This figure of 26,000 years thus expresses a measure of the outer cosmos: the measure by which the vernal equinox progresses. In a sense, this number represents the measure by which the Sun’s course through the cosmos is gauged. That is how we might roughly describe it. If we hold fast to this number, we can add another consideration to it, which we will now undertake.
[ 4 ] Der Mensch atmet ein und aus, macht in einer Minute eine bestimmte Zahl von Atemzügen. Wir machen nicht in jedem Lebensalter zwischen Geburt und Tod gleichviel Atemzüge, aber ein gewisses Durchschnittsmaß von Atemzügen ist da in der Minute, die ein mittelkräftiger Mann durchschnittlich aufzuweisen hat. Das sind achtzehn Atemzüge in der Minute. Nun rechnen wir uns einmal aus, wieviel Atemzüge der Mensch im Laufe eines vierundzwanzigstündigen Tages macht. Da müssen wir zunächst die Atemzüge, die er in einer Minute macht, multiplizieren mit sechzig und bekommen heraus eintausendundachtzig, und dann noch mit vierundzwanzig, dann bekommen wir die Atemzüge, die der Mensch in einem Tage, also Tag und Nacht, macht: da bekommen wir 25920 Atemzüge. Merkwürdig, wir bekommen, wenn wir die Atemzüge eines Menschen im Verlauf eines vierundzwanzigstündigen Tages zählen, dieselbe Zahl, wie wenn wir die Zahl der Jahre berechnen, die durch das Vorrücken der Sonne im großen Kosmos sich ergibt. So viele Jahre, immer ruckweise, rückt ja dieser Frühlingspunkt vor: soviel mal der vorrückt, soviel mal atmet der Mensch in einem Tage. Dieselbe Zahl! Denken Sie sich einmal, wie wunderbar sich da bewahrheitet jener biblische Ausspruch: die Weisheit der Welt habe alles nach Maß und Zahl geordnet. — Eine Zahl, die im Kosmos eingeschrieben ist, tritt uns in unserem vierundzwanzigstündigen Atmen wieder entgegen. Man kann also auch auf diese Zahl Rücksicht nehmen, und man wird finden, daß schon das menschliche Atmen mit der großen Welt so in Beziehung steht, wie das gestern aus der Geisteswissenschaft herausgeholt worden ist.
[ 4 ] People breathe in and out, taking a certain number of breaths per minute. We do not take the same number of breaths at every stage of life between birth and death, but there is a certain average number of breaths per minute that a man of average strength typically takes. That is eighteen breaths per minute. Now let’s calculate how many breaths a person takes over the course of a twenty-four-hour day. First, we must multiply the number of breaths taken per minute by sixty, which gives us one thousand eighty; then we multiply that by twenty-four, and we get the number of breaths a person takes in a day—that is, day and night: this comes to 25,920 breaths. It’s remarkable: when we count the number of breaths a person takes over the course of a twenty-four-hour day, we arrive at the same number as when we calculate the number of years resulting from the sun’s progression through the vast cosmos. The vernal equinox advances by that many years, in regular intervals: as many times as it advances, so many times does a person breathe in a day. The same number! Just imagine how wonderfully that biblical saying is fulfilled: that the wisdom of the world has ordered everything according to measure and number. — A number inscribed in the cosmos reappears to us in our twenty-four-hour breathing. One can therefore also take this number into account, and one will find that human breathing is related to the great world in precisely the way that was elucidated yesterday from the perspective of spiritual science.
[ 5 ] Aber nun betrachten wir gewissermaßen wiederum etwas, was auch ein Atmen ist, denn Atmen ist nichts anderes als ein Spezialfall des allgemeinen Weltenrhythmus. Das Wesentliche in dem, was gestern mit dem Atmen gemeint war, ist die rhythmische Bewegung, der Rhythmus. Betrachten wir einmal etwas, das dem Atmen recht ähnlich ist, eine andere rhythmische Bewegung, die wir kennen aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen. Wenn wir einschlafen, geht unser Ich und unser Astralleib aus unserem physischen Leibe und Ätherleibe heraus; wenn wir wiederum aufwachen, geht unser Ich und unser Astralleib in unseren physischen Leib und Ätherleib herein. Ich habe öfter das eigentümliche Verhalten des Ich und des Astralleibes, dieses Heraus- und Hereingehen in den physischen und Ätherleib, mit Aus- und Einatmen verglichen. So wie wir die Luft aus- und einatmen in einem achtzehnten Teile einer Minute, so atmen wir gewissermaßen im Verlauf von vierundzwanzig Stunden als physischer Mensch unser Ich und unseren Astralleib ein, indem wir aufwachen, aus, indem wir einschlafen; indem wir wieder aufwachen, atmen wir sie wieder ein, und indem wir wieder einschlafen, atmen wir sie aus. Es ist nur ein umfassenderes Aus- und Einatmen unseres Ich und Astralleibes im Verlauf der vierundzwanzig Stunden eines gewöhnlichen astronomischen Tages. Sehr merkwürdig, da atmet etwas also; da atmet etwas! Sehen wir zunächst davon ab, was atmet: es ist eben richtig ein Rhythmus gegeben, der gewissermaßen ein langsames Atmen darstellt, wobei ein Atemzug vierundzwanzig Stunden dauert. Nun wissen Sie, in der Bibel wird vom Patriarchenalter gesprochen, von siebzig, einundsiebzig Jahren. Das bedeutet natürlich nicht, daß das etwas anderes ist als das durchschnittliche Alter. Manche Menschen sterben sehr früh, manche werden hundert, ja über hundert Jahre alt, aber es ist etwas Durchschnittsmäßiges gemeint mit dem Patriarchenalter. So daß, wenn man etwas Durchschnittliches meint beim menschlichen Lebensalter, man sprechen kann von siebzig bis einundstebzig Jahren. Rechnen wir uns einmal aus, wieviel Tage das sind. Wenn wir das ausrechnen, so würden wir herausbekommen, wieviel solcher großen Atemzüge wir in einem irdischen Leben machen, wo wir im Verlauf von vierundzwanzig Stunden das Ich und den Astralleib ausatmen und wieder einatmen. Rechnen wir das aus: Solche Atemzüge machen wir in einem Jahr ungefähr dreihundertfünfundsechzig, so viele, wie das Jahr Tage hat. In siebzig Jahren also siebzigmal so viel: das würde 25550 geben. Nehmen wir aber an, wir rechnen einundsiebzig Jahre, da kommen wir schon etwas näher: das macht 25915. Also der Mensch braucht nur ein wenig über einundsiebzig Jahre zu leben, so erreicht er 25920 solcher Atemzüge. Das heißt, wenn der Mensch etwas über einundsiebzig Jahre alt wird, so hat er sein Ich und seinen Astralleib 25 920mal aus- und eingeatmet; so oft also, wie der Mensch im Tage seinen gewöhnlichen Atem aus- und einatmet. Denken Sie: wieder dieselbe Zahl!
[ 5 ] But now let us, so to speak, consider once again something that is also a form of breathing, for breathing is nothing other than a special case of the general rhythm of the world. The essential aspect of what was meant by breathing yesterday is the rhythmic movement, the rhythm. Let us consider something that is quite similar to breathing—another rhythmic movement that we know from our spiritual scientific observations. When we fall asleep, our “I” and our astral body leave our physical body and etheric body; when we wake up again, our “I” and our astral body enter our physical body and etheric body. I have often compared the peculiar behavior of the “I” and the astral body—this moving out of and into the physical and etheric bodies—to exhaling and inhaling. Just as we exhale and inhale air in one-eighteenth of a minute, so, in a sense, over the course of twenty-four hours as physical human beings, we inhale our “I” and our astral body when we wake up, and exhale them when we fall asleep; when we wake up again, we inhale them once more, and when we fall asleep again, we exhale them. It is simply a more comprehensive exhalation and inhalation of our “I” and astral body over the course of the twenty-four hours of an ordinary astronomical day. How remarkable—something is breathing there; something is breathing! Let us first set aside the question of what is breathing: there is indeed a rhythm that, in a sense, represents a slow breathing, with one breath lasting twenty-four hours. Now, as you know, the Bible speaks of the age of the patriarchs—seventy or seventy-one years. This does not, of course, mean that this is anything other than the average age. Some people die very young, some live to be a hundred, even over a hundred years old, but the “age of the patriarchs” refers to an average. So when we speak of an average human lifespan, we can say it ranges from seventy to seventy-one years. Let’s calculate how many days that is. If we calculate this, we would find out how many of these great breaths we take in an earthly life, where, over the course of twenty-four hours, we exhale the “I” and the astral body and inhale them again. Let’s calculate this: We take approximately three hundred sixty-five such breaths in a year—as many as there are days in the year. In seventy years, therefore, seventy times that many: that would come to 25,550. But let’s assume we calculate seventy-one years; that brings us a little closer: that makes 25,915. So a person need only live a little over seventy-one years to reach 25,920 such breaths. This means that when a person reaches a little over seventy-one years of age, they have exhaled and inhaled 25,920 times with their “I” and their astral body—just as often as a person takes their usual breaths in and out during the day. Just think: the same number again!
[ 6 ] Sie sehen also, daß wir ansehen können das menschliche Leben als einen Tag, und den einzelnen Tag, den wir durchleben, als einen Atemzug: dann ist unser einundsiebzig- bis zweiundsiebzigjähriges Leben gegeben durch diejenige Zahl, die auch die Zahl des Vorrückens des Frühlingspunktes ist, die die Zahl der Atemzüge in einem Tage ist. Unser Leben ist ein großer Tag, und das große Wesen, in dessen Mittelpunkt man sich die Erde vorstellen kann, atmet so oft Ich und Astralleib aus und ein, wie wir mit unserem einzelnen Atem aus- und eingehen. So wäre unser einzelnes Erdenleben ein Tag, ein Tag von irgend etwas. Von was ist denn das ein Tag? Multiplizieren Sie einundsiebzig mit dreihundertfünfundsechzig, so müssen Sie natürlich das Jahr bekommen für den Tag von einundsiebzig Jahren. Wenn Sie einundsiebzig Jahre als einen Tag rechnen und fragen: Was ist ein Jahr von diesem Tag, so ist es dreihundertfünfundsechzigmal so viel. Das ist aber wiederum 25920 Jahre. Das heißt, wenn wir unser einzelnes Erdenleben mit seinen 25920 Atemzügen, die aber Wachen und Schlafen sind, als einen Tag rechnen, ein Menschenleben als einen Tag rechnen, und sehen, welches Jahr diesem einen Menschenleben mit seinen 25 920 Atemzügen entspricht: so ist es der Umgang des Frühlingspunktes, 25920 Jahre! Wir bekommen einen wunderbaren Zahlenrhythmus heraus.
[ 6 ] So you see that we can regard human life as a day, and the individual day we live through as a breath: then our seventy-one- to seventy-two-year life is determined by the number that is also the number of the advance of the vernal equinox, which is the number of breaths in a day. Our life is one great day, and the great being—at the center of which one can imagine the Earth—breathes in and out the “I” and the astral body just as often as we breathe in and out with our individual breaths. Thus, our individual earthly life would be one day—a day of something. But what is this one day? If you multiply seventy-one by three hundred sixty-five, you naturally get a year for the seventy-one-year day. If you count seventy-one years as one day and ask, “What is one year of this day?” it is three hundred sixty-five times as much. But that, in turn, is 25,920 years. This means that if we count our single earthly life—with its 25,920 breaths, which are both waking and sleeping—as a single day, count a human life as a single day, and see which year corresponds to this one human life with its 25,920 breaths: it is the cycle of the vernal equinox—25,920 years! We arrive at a wonderful numerical rhythm.
[ 7 ] Deshalb sagte ich: Wir bekommen eine Idee, die für unsere Empfindung erhebend sein muß, denn wir dürfen uns durch Maß und Zahl hineingestellt fühlen in den Makrokosmos. Zahlen verraten uns dasjenige, was uns bewahrheitet die Erkenntnis, daß das, was zum Atmen gehört, und daher zum Gefühlsleben, die inspirierende Welt ist, die große Welt, der wir angehören nicht nur zwischen Geburt und Tod, sondern auch in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und in den wiederholten Erdenleben. Wir liegen gleichsam im Schoße des Rhythmus unseres ganzen Sonnensystems, atmen in unseren einzelnen Atembewegungen den großen makrokosmischen Rhythmus unseres ganzen Sonnensystems nach. Das ist ein Gedanke, der uns mit Sicherheit hineinstellt in das ganze große Leben unseres Sonnen-Weltenalls. Die Menschen werden im Laufe der Zeit noch mancherlei ähnliche Betrachtungen anstellen müssen, und dann werden sie sich überzeugen, daß sie auf diesem Wege wiederum zu geisterfüllten Empfindungen kommen über die Beziehungen des Menschen zum Weltenall. Geisterfüllte Empfindungen brauchen wir für unser Zeitalter und für die folgenden Zeitalter in dem Sinne, wie das vorgestern hier ausgeführt worden ist, als Anregungen des inneren Lebens. In alten Zeiten war es ja so, daß dem Menschen die Erleuchtungen gewissermaßen von außen zukamen. Das ist heute verlorengegangen durch die Art der rückwärtsgehenden Zeitalter der Menschheit. Wir stehen jetzt in einem Zeitalter, in welchem, wenn die Menschheit nicht ganz in die Dekadenz kommen soll, in energischer Weise eine Entwickelung beginnen muß des menschlichen Seelenwesens von innen heraus. Und nur derjenige versteht das, was unserer Zeit not tut, der als eine Notwendigkeit der irdischen Entwickelung begreift, daß geistiges Leben das Innerste der menschlichen Seele ergreifen muß vom fünften nachatlantischen Zeitraum an, in dem wir leben, in die Zeit hinein, zu der wir uns weiterentwickeln sollen. Das was die Geisteswissenschaft über dieses sagt, ist nicht aus irgendeiner willkürlichen Idee oder aus einer agitatorischen Empfindung heraus gesagt, sondern es ist gesagt aus der Erkenntnis der Notwendigkeit der Menschheitsentwickelung.
[ 7 ] That is why I said: We are given an idea that must be uplifting to our sensibility, for through measure and number we may feel ourselves placed within the macrocosm. Numbers reveal to us what confirms our realization that what pertains to breathing—and thus to our emotional life—is the inspiring world, the great world to which we belong, not only between birth and death, but also in the time between death and a new birth, and throughout our repeated earthly lives. We lie, as it were, in the bosom of the rhythm of our entire solar system, mimicking in our individual breathing movements the great macrocosmic rhythm of our entire solar system. This is a thought that undoubtedly places us within the whole great life of our solar universe. Over time, people will have to engage in many similar reflections, and then they will come to realize that in this way they will once again arrive at spirit-filled perceptions of humanity’s relationship to the universe. We need spirit-filled perceptions for our age and for the ages to come—in the sense explained here the day before yesterday—as inspirations for inner life. In ancient times, it was indeed the case that insights came to human beings, so to speak, from the outside. This has been lost today due to the nature of humanity’s regressive ages. We now stand in an age in which—if humanity is not to sink completely into decadence—a development of the human soul must begin energetically from within. And only those who understand that it is a necessity of earthly evolution for spiritual life to take hold of the innermost core of the human soul—from the fifth post-Atlantean epoch in which we live, into the era toward which we are to evolve—can truly grasp what our time requires. What spiritual science says about this is not based on some arbitrary idea or agitative sentiment, but is stated out of an awareness of the necessity of human development.
[ 8 ] Nun betrachten wir heute noch einmal von einem etwas anderen Gesichtspunkte aus diese Menschheitsentwickelung. Gehen wir noch einmal zurück zu dem ersten nachatlantischen Zeitalter, also dem Zeitalter unmittelbar nach der großen atlantischen Katastrophe. Wir haben vorgestern wiederum, nachdem wir es von einem anderen Gesichtspunkte aus schon öfter getan haben, betont, wie in diesem ersten nachatlantischen Zeitalter der Mensch noch in Beziehung gestanden hat zu jener Wesenheitsreihe, die wir in den Hierarchien Archai nennen oder Geister der Persönlichkeit. Das geistige Leben offenbarte sich noch in diesen uralten Zeiten der Menschheit, weil eben das Lebensalter rückläufig in der damaligen Zeit ein solches war, daß wir es vergleichen können mit dem jetzigen Lebensalter zwischen dem sechsundfünfzigsten und achtundvierzigsten Jahr, wie ich es vorgestern ausgeführt habe, Der Mensch hatte gewissermaßen die Unterweisung von geistigen Wesenheiten. Wie kamen diese geistigen Wesenheiten an den Menschen heran? In der damaligen Zeit sah der Mensch nicht die Natur so an wie heute. Die Natur ist für den Menschen heute eben so eine Art mechanischer Ordnung. Abstrakte, fast mathematische Naturgesetze betrachtet der Mensch heute als sein Ideal, eine abstrakte Ordnung. Nehmen Sie die Bilder, wie sie um Sie herum ausgebreitet sind, wenn Sie hinausgehen in die Natur. Vergleichen Sie dasjenige, was da draußen ist, mit dem, was in den botanischen, in den zoologischen Lehrbüchern steht über Pflanzen und Tiere. Vergleichen Sie diese verzerrten, abstrakten Vorstellungen mit dem Leben, und Sie können sagen: Was da in diesen Büchern der Botanik, der Zoologie steht, das ist, was heute dem menschlichen Geiste sich offenbart. Solche Botanik, solche Zoologie, auf welche die heutige Menschheit so ungeheuer stolz ist, war in jenem Zeitalter nicht vorhanden. Wenn man dasjenige, was heutige Botanik, heutige Zoologie und heutige Biologie über die Natur zu sagen hat, vergleicht mit dem, was für jenes alte Erkennen in der Natur sprießte und sproßte, so kommt man eben zu einer anderen Gesinnung. Solche Botanik, solche Zoologie gab es damals nicht, aber es gab dafür etwas anderes, etwas, was der heutigen Menschheit noch recht wenig verständlich ist. Es kam aus der Natur selber heraus, und nennen möchte ich das, was da aus der Natur herauskam: das lichterfüllte, gestaltete Wort. So wie wir durch unsere Sinne und unseren Verstand heute die Natur sehen, so sahen sie diese Menschen nicht, sondern die Natur entsendete ihnen Lichtgestalten, und diese Lichtgestalten tönten zugleich, sagten etwas, sprachen sich aus über das, was sie sind. Und jeder Mensch konnte in gewissen Zuständen seines Bewußtseins dieses atavistische Hellsehen erfahren, wodurch ihm aus der Natur heraus das lichterfüllte, gestaltete Wort entgegenkam; man könnte auch sagen Worte, denn es kam eine Fülle von solchen Gestalten, die sich aussprachen, heraus aus der Natur. Der Mensch wußte: Auch du gehörst zu dieser Welt, aus der diese lichterfüllten Worte herauskommen. Du gehörst da auch hinein. Jetzt aber bist du hier in der Natur, wo dich Mineralien, Pflanzen und Tiere umgeben. Du bist dadurch in der Natur, daß du einen äußeren physischen Leib an dir trägst; dadurch gehörst du zu dieser Natur dazu. Aber die Natur läßt heraussprießen das lichterfüllte Wort: dem gehörst du deinem seelischen Wesen nach so an, wie dein fleischlicher Leib der äußeren mineralischen, pflanzlichen, tierischen Welt angehört. In dieser Welt des lichterfüllten, des lichtgestalteten Wortes bist du gewesen vor deiner Geburt oder Empfängnis, und du wirst darinnen sein nach deinem Tode. Du wirst darinnen wieder leben.
[ 8 ] Today, let us once again examine the development of humanity from a slightly different perspective. Let us return once more to the first post-Atlantean epoch—that is, the epoch immediately following the great Atlantean catastrophe. The day before yesterday, after having already done so on several occasions from a different perspective, we emphasized how, in this first post-Atlantean epoch, human beings were still connected to that series of beings which we call the Archai in the hierarchies, or the Spirits of Personality. Spiritual life still manifested itself in these ancient times of humanity, precisely because the stage of life at that time was such—in a sense, a regressive stage—that we can compare it to the current stage of life between the ages of fifty-six and forty-eight, as I explained the day before yesterday. Human beings, so to speak, received instruction from spiritual beings. How did these spiritual beings approach human beings? In those days, people did not view nature the way they do today. For people today, nature is simply a kind of mechanical order. People today regard abstract, almost mathematical laws of nature as their ideal—an abstract order. Consider the scenes that unfold around you when you go out into nature. Compare what is out there with what is written in botanical and zoological textbooks about plants and animals. Compare these distorted, abstract concepts with life itself, and you can say: What is written in these books on botany and zoology is what reveals itself to the human spirit today. Such botany, such zoology, of which humanity today is so immensely proud, did not exist in that age. When one compares what modern botany, modern zoology, and modern biology have to say about nature with what sprang forth and flourished in nature for that ancient understanding, one inevitably arrives at a different outlook. Such botany and zoology did not exist back then, but there was something else in their place—something that is still quite difficult for modern humanity to comprehend. It arose from nature itself, and I would like to call what emerged from nature: the light-filled, formed Word. Just as we see nature today through our senses and our intellect, so these people did not see it; rather, nature sent them figures of light, and these figures of light also sounded, said something, expressed themselves about what they are. And every person could, in certain states of consciousness, experience this atavistic clairvoyance, through which the light-filled, formed word came to them from nature; one could also say “words,” for a multitude of such forms emerged from nature, each expressing itself. The human being knew: You, too, belong to this world from which these light-filled words emerge. You, too, belong there. But now you are here in nature, where minerals, plants, and animals surround you. You are in nature because you bear an outer physical body; through this, you belong to this natural world. But nature brings forth the light-filled Word: to this you belong by virtue of your soul-being, just as your physical body belongs to the outer world of minerals, plants, and animals. In this world of the light-filled, light-formed Word, you existed before your birth or conception, and you will be in it after your death. You will live there again.
[ 9 ] Im ersten nachatlantischen Zeitraum hörte man wenigstens noch einen Nachklang und sah einen Nachschein der Welt, in der man lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, indem man in gewissen Bewußtseinszuständen die Natur anschaute, Im zweiten nachatlantischen Zeitraum war es schon etwas anders. Da verlor sich für diese atavistischen Zustände das Wort. Die Gestalten sprachen sich nicht mehr aus, aber sie waren noch da, lichterfüllte Gestalten waren noch da, nur waren sie stumm geworden. Dasjenige, was äußerlich vor den Sinnen lag, das empfand man als die Dunkelheit in diesem lichterfüllt Gestalteten im Inneren, und seinen eigenen Leib empfand man als ein Stück von der Dunkelheit. So daß man sich sagen konnte: Licht und Dunkelheit! Der eigene Leib ist von der Dunkelheit beherrscht. Indem er aus dem Lichte kommt und in die Dunkelheit geht, geht er durch Geburt oder Empfängnis in das Erdenleben hinein; indem er durch die Todespforte geht, geht er durch die dunkle Welt wiederum ins Licht. In der Welt ist ein Kampf zwischen Lichtheit und Dunkelheit, zwischen Ormuzd und Ahriman. So sprach Zarathustra, der der Lehrer war dieser zweiten nachatlantischen Kulturepoche, zu seinen Schülern. Man versteht dasjenige, was der Zarathustrismus mit seiner Ormuzd- und Ahriman-Lehre meint, nicht, wenn man es nicht bezieht auf die Art der damaligen Anschauung der Menschen.
[ 9 ] In the first post-Atlantean epoch, one could still hear at least an echo and see a afterglow of the world in which one lives between death and a new birth, by observing nature in certain states of consciousness. In the second post-Atlantean epoch, things were already somewhat different. There, the word for these atavistic states was lost. The figures no longer spoke, but they were still there; light-filled figures were still there, only they had become silent. What lay externally before the senses was perceived as darkness within this light-filled inner form, and one’s own body was perceived as a part of that darkness. So that one could say: Light and darkness! One’s own body is ruled by darkness. As it comes from the light and enters the darkness, it enters earthly life through birth or conception; as it passes through the gate of death, it passes through the dark world back into the light. In the world there is a struggle between light and darkness, between Ormuzd and Ahriman. Thus spoke Zarathustra, who was the teacher of this second post-Atlantean cultural epoch, to his disciples. One cannot understand what Zarathustrianism means by its teachings on Ormuzd and Ahriman unless one relates them to the way people viewed the world at that time.
[ 10 ] Wieder anders war die Sache geworden in der dritten nachatlantischen Zeitperiode. Wenn man auf das Äußere schaut, so hatten sich die lichterfüllten Gestalten für diesen äußeren Anblick in der dritten nachatlantischen Periode nach und nach verloren. Aber die Menschen hatten noch die Macht, sich, so wie wir uns heute in Schlaf versetzen, in einen Zwischenzustand zu versetzen zwischen Schlafen und Wachen. Sie mußten sich dazu nur ein wenig anstrengen. Beim Schlafen braucht man sich ja nicht anzustrengen, in diesem andersartigen Zustand aber mußte man sich etwas anstrengen. Wenn man sich aber anstrengte, dann konnte man eine solche Lichtwelt um sich herauszaubern, die jetzt aus dem Inneren kam und die ähnlich war derjenigen, die früher von der Natur, von außen kam. Wie war also eigentlich der Fortgang von der zweiten nachatlantischen Kulturperiode zu der dritten, der ägyptisch-chaldäisch-babylonischen Zeit? Wie war der Übergang? Nun, in der zweiten, in der persischen Kulturperiode sahen die Menschen noch, indem sie nach außen blickten, die Lichtgestalten und konnten sich sagen: Meine Seele gehörte, bevor sie durch die Empfängnis ging, dieser lichtgestalteten Welt an. Von außen hinein schien diese lichtgestaltete Welt nicht mehr in der dritten Kulturperiode, aber der Mensch konnte sie gleichsam aus sich herauspressen; dann hatte er aus seiner Seele heraus sich selber das vor diese Seele hingezaubert, was vor seiner Geburt oder Empfängnis da war in der geistigen Welt, und was nach seinem Tode da sein wird in der geistigen Welt. So daß wir sagen können: die dritte nachatlantische Zeit hatte die Lichtwelt als Seelenerlebnis. Die Menschen hatten die Lichtwelt als Seelenerlebnis, der Mensch war also gewissermaßen von der Außenwelt mehr auf sein Inneres zurückgewiesen worden. Es war nicht mehr die naturgemäße Art beim Menschen, in die äußere Welt zu blicken und die Lichtwelt zu sehen, das heißt, die geistige Welt im Umkreis zu sehen. Daher war notwendig geworden in dieser Zeit, immer einen kleinen Kreis von Leuten auf Mysterienart einzuweihen, so daß sie in die Lage kamen, wieder zu sehen die äußere Lichtwelt, und daß sie Zeugnis dafür ablegen konnten, daß das, was aus dem Inneren der Seele heraufgeholt wurde, wirklich dasselbe war, was im geistigen Umkreis gelebt hat.
[ 10 ] Things had taken a different turn in the third post-Atlantean epoch. Outwardly speaking, the light-filled forms had gradually disappeared from view during the third post-Atlantean period. But people still had the power to enter—just as we do today when we fall asleep—an intermediate state between sleeping and waking. All they had to do was exert a little effort. After all, one does not need to exert oneself when sleeping, but in this different state, one had to exert oneself somewhat. Yet when one did exert oneself, one could conjure up around oneself a world of light that now came from within and was similar to the one that had previously come from nature, from the outside. So what was the actual progression from the second post-Atlantean cultural period to the third, the Egyptian-Chaldean-Babylonian era? What was the transition like? Well, in the second, the Persian cultural period, people could still see, when they looked outward, the beings of light and could say to themselves: My soul belonged to this world of light before it passed through conception. In the third cultural period, this world of light forms no longer shone in from the outside, but human beings could, as it were, press it forth from within themselves; then, from within their own souls, they conjured up for themselves what had existed in the spiritual world before their birth or conception, and what will exist there after their death. So that we can say: the third post-Atlantean epoch experienced the world of light as a soul experience. People experienced the world of light as a soul experience; thus, human beings had, so to speak, been turned back from the outer world more toward their inner selves. It was no longer the natural way for human beings to look out into the outer world and see the world of light—that is, to see the spiritual world in their surroundings. Therefore, it had become necessary during this period to continually initiate a small circle of people in a mystery-like manner, so that they might once again be able to see the outer world of light and bear witness to the fact that what was brought forth from the innermost depths of the soul was truly the same as what existed in the spiritual realm.
[ 11 ] Nun kam die vierte nachatlantische Periode, die griechisch-lateinische. In dieser vierten Periode kam nicht mehr Licht herauf, wenn der Mensch sich in einen besonderen Zustand versetzte, wie in der dritten Periode. Das Licht kam nicht mehr, es kam nicht mehr dasjenige herauf aus dem Untergrund des Menschenwesens, was ein Nachklang gewesen wäre des Lebens der Seele vor der Empfängnis und des Lebens der Seele nach dem Tode. Aber es kam noch eine Gewißheit herauf, daß das Innere des Menschen seelenerfüllt ist. Diese Gewißheit kam herauf. Man verspürte noch etwas von dem, was man früher geschaut hatte, wenn man die Seele innerlich zum Schauen brachte. Man schaute nicht mehr das Licht, aber man verspürte noch des Lichtes Wärme. So war es in der griechisch-lateinischen Zeit. Da müssen wir sagen: Es wurde nicht mehr die Lichtwelt als Seelenerlebnis im Inneren erfahren, aber es wurde die Seele selbst als Seelenerlebnis erfahren.
[ 11 ] Then came the fourth post-Atlantean period, the Greco-Latin period. In this fourth period, light no longer rose when a person entered a special state, as it had in the third period. The light no longer came; that which would have been an echo of the soul’s life before conception and of the soul’s life after death no longer rose up from the depths of the human being. But a certainty still arose: that the inner being of the human being is filled with the soul. This certainty arose. One still sensed something of what one had previously beheld when one directed the soul inwardly to behold. One no longer beheld the light, but one still sensed the warmth of the light. Such was the case in the Greco-Roman era. Here we must say: The world of light was no longer experienced as a soul experience within, but the soul itself was experienced as a soul experience.
[ 12 ] Aber naturgemäß mußte das immer schwächer und schwächer werden im Verlaufe der Zeit. Und wie drückt sich dann das ganze Verhältnis überhaupt aus? Es drückte sich aus in der folgenden Art. Namentlich auf die Griechen werden wir schauen müssen, wenn wir die Sache verstehen wollen: Die Griechen hatten, wie der Durchschnittsmensch von heute, das Bewußtsein ihres Leibes. Aber durch das, was ich geschildert habe, hatten sie auch das Bewußtsein: die Seele durchseelt den Leib. Sie verspürten die Seele als belebend, den Leib durchlebend. Diese Empfindung, die die Griechen noch hatten, ist verlorengegangen. Daß die Geschichte davon nichts spricht, daß diese Empfindung heute verlorengegangen ist, das ist nur, weil wir im Zeitalter des Materialismus leben. Niemand versteht Homer in Wirklichkeit, niemand versteht Sophokles oder ÄAschylos, wenn er sie nicht liest mit der Empfindung, daß der Grieche noch eine andere Seelenerfahrung hatte als der heutige Mensch. Würde man Aschylos mit dieser Empfindung lesen, so würde man andere Übersetzungen liefern als diejenigen, die heute geliefert und manchmal bewundert werden, und die gerade in den intimsten Dingen dem Äschylos wahrhaftig nicht ähnlich sehen. Aber daß das so war, hatte für den Griechen eine ganz bestimmte Folge, nämlich daß der Grieche gerade während der Zeit zwischen Geburt und Tod im Leibe das belebende Seelenelement fühlte, und daher auch zu einer anderen Empfindung noch kam, zu der Empfindung, daß der Leib und die Seele eigentlich ganz innig zusammengehören. Niemals in der Menschheitsentwickelung ist diese Empfindung überhaupt so rege gewesen wie in der Griechenzeit. Denn in früheren Epochen, die der Griechenzeit vorausgingen, hatten die Menschen eigentlich immer das Gefühl, das Seelische gehöre der Lichtwelt, der Wortwelt, der Welt des Logos an, in der der Mensch lebt vor der Geburt und nach dem Tode. Jetzt, im materialistischen Zeitalter, ist es so, daß der Mensch die Seele zunächst überhaupt nicht mehr verspürt. In der Griechenzeit, und etwas abgeschwächt und ins Trockene und Verstandesmäßige umgesetzt in der römischen, der lateinischen Zeit, war die Empfindung vorhanden des innigen Zusammengehörens von Leib und Seele. Den Leib betrachtete der Grieche als die äußere Gestalt für die Seele. Wachstum und Verfall des Leibes erschien den Griechen als Ausdruck für Wachstum und Verfall des Seelenlebens. Der Grieche liebte den Leib, so wie er die Seele liebte. Diese Empfindung, wie sie in dem Griechen vorhanden war, war früher in derselben Weise nicht vorhanden — wie ich eben ausgeführt habe — und ist heute wieder nicht vorhanden. Aber die Folge davon war jene Empfindung, die so tief ausgedrückt ist in den Worten, die Achilleus in den Mund gelegt werden: «Lieber ein Bettler in der Oberwelt als ein König im Reich der Schatten.» Der Grieche hat die schöne Harmonie, die er empfunden hat zwischen Leib und Seele, zu bezahlen gehabt damit, daß ihm, wenn er nicht Angehöriger der Mysterien war, eine Vorstellung davon, wie es der Seele in der geistigen Welt nach dem Tode ergeht, ganz geschwunden war. Nun, das Merkwürdige ist eben, daß der große griechische Philosoph Aristoteles, der ein großer Denker, aber nicht in die Mysterien eingeweiht war, in einer grandiosen Weise über das Erleben der Seele nach dem Tode so gesprochen hat, wie man sprechen konnte in der damaligen Zeit, wenn man die innige Harmonie zwischen Leib und Seele ins Auge zu fassen vermochte nach der Art des griechischen Zeitalters.
[ 12 ] But naturally, this had to grow weaker and weaker over time. And how, then, is this whole relationship expressed? It was expressed in the following way. We must look specifically to the Greeks if we want to understand this: The Greeks, like the average person today, were conscious of their bodies. But because of what I have described, they were also conscious that the soul permeates the body. They sensed the soul as animating the body, living through it. This sense, which the Greeks still possessed, has been lost. The fact that history makes no mention of this—that this sense has been lost today—is solely because we live in the age of materialism. No one truly understands Homer, no one understands Sophocles or Aeschylus, unless they read them with the awareness that the Greeks had a different experience of the soul than people do today. If one were to read Aeschylus with this sensibility, one would produce translations different from those that are produced today—and sometimes admired—which, precisely in the most intimate details, truly bear no resemblance to Aeschylus. But the fact that this was so had a very specific consequence for the Greeks, namely that the Greeks felt the life-giving element of the soul within the body precisely during the time between birth and death, and thus also arrived at another perception—the perception that the body and the soul are in fact intimately connected. Never in the course of human development has this perception been as vivid as it was in the Greek era. For in earlier epochs preceding the Greek era, people had always felt that the soul belonged to the world of light, the world of the Word, the world of the Logos, in which the human being lives before birth and after death. Now, in the materialistic age, it is the case that people no longer sense the soul at all. In the Greek era—and to a somewhat lesser degree, translated into a dry and intellectual form in the Roman, or Latin, era—there existed a sense of the intimate unity of body and soul. The Greeks regarded the body as the outer form of the soul. The growth and decay of the body appeared to the Greeks as an expression of the growth and decay of the soul’s life. The Greeks loved the body just as they loved the soul. This sense, as it existed among the Greeks, did not exist in the same way in earlier times—as I have just explained—and does not exist today either. But the result of this was that sense which is so profoundly expressed in the words attributed to Achilles: “Better to be a beggar in the upper world than a king in the realm of shadows.” The Greeks had to pay for the beautiful harmony they felt between body and soul by losing, if they were not initiates into the Mysteries, any conception of what happens to the soul in the spiritual world after death. Now, what is remarkable is precisely that the great Greek philosopher Aristotle—who was a great thinker but was not initiated into the Mysteries—spoke in a magnificent way about the soul’s experience after death, as one could speak at that time if one was able to grasp the intimate harmony between body and soul in the manner of the Greek era.
[ 13 ] Und als dann im Mittelalter in der sogenannten scholastischen Philosophie Aristoteles wieder aufgelebt ist, da haben die Scholastiker gesagt: In der Philosophie muß man so denken über die Seele, wie Aristoteles gedacht hat. Will man mehr darüber wissen, so kann das nur aus dem Glauben kommen. Mit der bloßen menschlichen Forschung kann man nicht weiter kommen als Aristoteles. — Wie weit ist Aristoteles denn gekommen, er, der so recht der philosophische Ausdruck für die griechische Art der Anschauung über Leib und Seele ist? Er ist wirklich zu dem gekommen, was man so schön mit den Worten des kürzlich verstorbenen meisterhaften Aristoteles-Forschers Franz Brentano aussprechen kann, der sagt: Wenn der Mensch ein Glied verloren hat, so kann er sich dieses Gliedes nicht mehr bedienen, er ist gewissermaßen nicht mehr ein ganzer Mensch. Wenn er zwei Glieder verloren hat, ist er noch weniger ein ganzer Mensch. Wenn er nun den ganzen Leib verloren hat — so sagt Aristoteles und mit ihm Franz Brentano — und noch nach dem Tode Seele ist, was Aristoteles nicht leugnet, so ist er in einem Zustande der Unvollständigkeit gegenüber dem Zustand, in dem er ist zwischen Geburt und Tod. Er ist kein vollständiger Mensch. — Und das ist in der Tat die wahre Unsterblichkeitslehre des Aristoteles, des größten Denkers der Griechenwelt, daß der Mensch nur hier zwischen Geburt und Tod ein vollständiger, ein vollkommener Mensch ist. Geht er durch die Pforte des Todes, so ist er nur ein Stück des Menschen; er ist zwar unsterblich, aber auf Kosten dessen, daß er kein ganzer Mensch mehr ist. Das ist in der Tat dasjenige, womit das Griechentum seine Schönheit, seine Harmonie zu bezahlen hatte, daß es in dasjenige Menschenalter hineinkam — Sie wissen, verglichen mit dem menschlichen Lebensalter —, wo man aus dem Inneren herauf zwar die Seele verspüren konnte, wo man aber noch nicht das Leben der Seele in der geistigen Welt schauen konnte, wo man von der Seele sagen mußte: sie ist nach dem Tode kein vollständiger Mensch mehr. Nur denjenigen, die in die Mysterien eingeweiht wurden, denen also Erkenntniskräfte einverleibt wurden, die über das Normale hinausgingen, enthüllte sich dasjenige, was die Seele durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Das ist ja der große Unterschied zwischen Plato und Aristoteles, daß Plato in die Mysterien eingeweiht war und Aristoteles nicht. Daher muß Plato in ganz anderem Sinne verstanden werden als Aristoteles, der zum «Chimborasso des Denkens» kam, aber nicht zu den Geheimnissen der geistigen Welt dringen konnte.
[ 13 ] And when Aristotle was revived in the Middle Ages in what is known as scholastic philosophy, the scholastics said: In philosophy, one must think about the soul the way Aristotle did. If one wants to know more about it, that knowledge can come only from faith. Mere human inquiry cannot take us any further than Aristotle. — How far did Aristotle actually go, he who so truly embodies the philosophical expression of the Greek view of body and soul? He truly arrived at what can be so beautifully expressed in the words of the recently deceased masterful Aristotelian scholar Franz Brentano, who says: If a person has lost a limb, they can no longer use that limb; in a sense, they are no longer a whole person. If they have lost two limbs, they are even less of a whole person. Now, if he has lost his entire body—as Aristotle says, and Franz Brentano agrees—and the soul still exists after death, which Aristotle does not deny, then he is in a state of incompleteness compared to the state in which he exists between birth and death. He is not a complete human being. — And that is, in fact, the true doctrine of immortality taught by Aristotle, the greatest thinker of the Greek world: that a human being is a complete, perfect human being only here, between birth and death. When he passes through the gate of death, he is only a fragment of a human being; he is indeed immortal, but at the cost of no longer being a whole human being. This is, in fact, the price that Greek civilization had to pay for its beauty and harmony: that it entered that stage of human development — as you know, compared to the human lifespan — where one could indeed sense the soul rising up from within, but where one could not yet behold the life of the soul in the spiritual world, where one had to say of the soul: after death, it is no longer a complete human being. Only to those who were initiated into the Mysteries—that is, to whom powers of knowledge beyond the ordinary had been bestowed—was revealed what the soul experiences between death and a new birth. This, indeed, is the great difference between Plato and Aristotle: that Plato was initiated into the Mysteries and Aristotle was not. Therefore, Plato must be understood in a completely different sense than Aristotle, who reached the “Chimborazo of thought” but could not penetrate the mysteries of the spiritual world.
[ 14 ] Daher kam es, daß diejenigen, welche die Macht hatten in diesem Zeitalter, nach etwas anderem strebten als das, was man im normalen Menschenleben erreichen kann. Wer waren die Männer, die die Macht hatten, die in der Lage waren, diese Macht zu entwickeln? Gewiß, es gab eine große, bedeutsame Welt der Initiation, die durch die Mysterien da und dorthin ausgebreitet war und die damalige Kulturwelt erfüllte; aber diese Mysterien, sie gaben den Menschen dasjenige, von dem Plato sagte, daß es die Menschen über den Schlamm der Vergänglichkeit hinweghebe. Diejenigen, welche die Macht hatten in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum, suchten vor allen Dingen nach einem solchen in der Seele, wodurch sie teilnehmen konnten an der geistigen Welt. Nach dem allgemeinen Menschheitskarma mußte man im Sinne des Initiationsprinzips der damaligen Zeit normalerweise warten, bis man in die Mysterien hereingeholt wurde. In Griechenland war das allgemein üblich. Das brauchten die römischen Cäsaren nicht. Die römischen Cäsaren, die sich allmählich zur Beherrschung der damaligen Welt aufwarfen, die konnten ihre Macht dazu verwenden, sich einweihen zu lassen in die Mysterien.
[ 14 ] That is why those who held power in that age sought something other than what can be achieved in ordinary human life. Who were the men who held power, who were able to develop this power? Certainly, there was a vast, significant world of initiation, spread here and there through the mysteries and permeating the cultural world of that time; but these mysteries gave people what Plato said would lift them above the mire of transience. Those who held power in this fourth post-Atlantean epoch sought, above all, something within the soul that would enable them to participate in the spiritual world. According to the general karma of humanity, one normally had to wait, in accordance with the principle of initiation of that time, until one was admitted into the Mysteries. This was common practice in Greece. The Roman Caesars did not need to do this. The Roman Caesars, who gradually rose to dominate the world of that time, were able to use their power to have themselves initiated into the Mysteries.
[ 15 ] Und so sehen wir denn, daß schon von Augustus an die römischen Cäsaren die Initiation anstrebten, einfach durch ihre Machtfülle. Sie zwangen die eine oder andere Priesterschaft, sie in die Mysterien einzuweihen. So daß in diesem vierten Zeitraum eine eigentümliche Erscheinung zu beobachten ist: Wir haben auf der einen Seite das Mysterienprinzip, das Mysterienwissen, das noch da war, das aber allmählich hinschwand, allmählich niederging — ich habe öfter geschildert, warum das so kommen mußte: weil eben das Mysterium von Golgatha an die Stelle trat —, auf der anderen Seite wurden die Priester gezwungen, ihre Geheimnisse den römischen Cäsaren zu enthüllen. Augustus war der erste Kaiser, der eingeweiht wurde im vierten nachatlantischen Zeitraum; aber auch seine Nachfolger waren solche Eingeweihte, solche Initiierte. Sie unterschieden sich in ihrem Wesen von den anderen Initiierten, die auf Grund moralischer Eigenschaften, moralischer Entwickelung namentlich, in die Mysterien eingeweiht waren. Die römischen Cäsaren wurden auf Grund ihrer Machtfülle eingeweiht dadurch, daß sie die Priesterschaften zwingen konnten, ihnen ihre Geheimnisse zu enthüllen. Und so sehen wir denn, daß auch solch ein Nachfolger des Augustus wie Caligula ein Initiierter war. Dadurch aber war ein solcher Mensch wie Caligula bekannt mit den Geheimnissen des geistigen Weltenalls. Er war bekannt damit, daß die Impulse dieses geistigen Weltenalls in der Seele wieder aufleben, daß das Ich des Menschen ein Göttliches in dem Göttlichen ist. Dasjenige, was eine heilige Wahrheit der Demut bei den initiierten Priestern war, das wurde den Cäsaren ein Symbolum der äußeren Weltenmacht. Denn was wußte solch ein Caligula? Die anderen starrten dasjenige an, was ihnen an mythologischen Figuren der Götter heruntergekommen war aus alten Zeiten; das beteten sie an. Solch ein Eingeweihter wie Caligula wußte, was diese Götter zu bedeuten hatten. Er wußte vor allen Dingen, daß der Mensch derselben Welt mit seiner innersten Wesenheit angehört. Aus Erfahrung wußte Caligula, daß er derselben Welt angehörte wie diejenigen Wesen, die in diesen Göttern: Bacchus, Herkules, Merkur, Apollo, Zeus ihre Abbilder haben. Caligula wußte das Geheimnis, wie er in einem schlafähnlichen Zustande mit den Göttern der Mondenwelt verkehren konnte. Und es ist nicht eine bloße Mythe, sondern durchaus eine Wahrheit, wenn gerade von Caligula erzählt wird, daß er, wie man sagte, im Schlafe — es ist aber gemeint, in einem anderen Bewußtseinszustande — mit Luna, der Mondgöttin, Umgang pflegte, und daraus Nahrung söge für sein Machtbewußtsein. In mir lebt die Welt — sagte er sich — denn ich bin in ihr drinnen. — Indem er auf die Götter blickte, sah er sich selbst als einen Gott unter Göttern an. Und das war von den initiierten römischen Kaisern ganz ernst gemeint, wenn sie das sagten. Der initiierte Priester wußte, wie er in die Wohnung der Götter kam, und so erzwang sich der römische Cäsar die Gemeinschaft mit den Göttern. «Mein Bruder Jupiter», «Mein Bruder Zeus»: das waren Bezeichnungen, die gerade Caligula immer wieder gebrauchte. Und Caligula war es, der einmal an einen Tragöden die Frage richtete, wer größer sei, Jupiter oder er, Caligula. Und als der Tragöde nicht antworten wollte, Caligula sei größer als Jupiter, ließ er ihn geißeln. Das sind keine Mythen, das sind historische Dinge. Daher auch die Aufzüge, in denen Caligula als Bacchus mit Thyrsus und Epheukranz sich vor dem Volke zeigte, weil er das Bewußtsein hatte, daß er sich verwandeln dürfe in diejenigen Gestalten, die er als Abbilder der Götter kannte. Als Herkules erschien er mit der Keule und der Löwenhaut, als Merkur mit dem Hermesstab, als Apollo mit der Strahlenkrone und von Chören umgeben. So trat er auf, um seinem Volke das Bewußtsein beizubringen, daß er zu den Göttern und nicht zu den Menschen gehöre. So war es in jener Zeit, in welcher, möchte man sagen, sich in der römischen Welt das minder gute Bild dessen zeigte, was in der Griechenwelt groß war. Natürlich sah das niemand besser ein als solch ein Caligula oder andere initiierte Kaiser wie Commodus und andere. Caligula hörte einmal, daß eine Gerichtsverhandlung stattgefunden hatte, in der ein Richter einen Angeklagten zum Tode verurteilte. Und als ihm die Sache, da es ein besonderer Fall war, berichtet wurde, da sagte er: Ebensogut hätte der Richter zum Tode verurteilt werden können, denn er sei ebenso viel wert wie der andere. — So sah er die moralische Verfassung seiner Zeit an. Im Römertum erscheint wirklich das Gegenteil des Griechentums. Man hat gar keine Vorstellung mehr von der inneren Verfassung des Römertums der Cäsarenzeit. Man muß sich aber eine Vorstellung davon verschaffen, denn das ist eine der Wurzeln, aus denen unsere neue, unsere fünfte Kulturepoche im Fortströmen sich entwickelt hat.
[ 15 ] And so we see that, beginning with Augustus, the Roman Caesars sought initiation simply by virtue of their immense power. They compelled one priesthood or another to initiate them into the mysteries. Thus, in this fourth period, a peculiar phenomenon can be observed: On the one hand, we have the principle of the mysteries, the knowledge of the mysteries, which still existed but was gradually fading away, gradually declining—I have often described why this had to happen: precisely because the Mystery of Golgotha took its place—while on the other hand, the priests were forced to reveal their secrets to the Roman Caesars. Augustus was the first emperor to be initiated in the fourth post-Atlantean epoch; but his successors, too, were such initiates. They differed in their very nature from the other initiates, who had been initiated into the mysteries on the basis of moral qualities—specifically, moral development. The Roman Caesars were initiated by virtue of their immense power, in that they were able to compel the priesthoods to reveal their secrets to them. And so we see that even a successor to Augustus such as Caligula was an initiate. Consequently, however, a man like Caligula was acquainted with the secrets of the spiritual universe. He knew that the impulses of this spiritual universe are reawakened in the soul, that the human “I” is a divine aspect within the Divine. What was a sacred truth of humility among the initiated priests became for the Caesars a symbol of external worldly power. For what did a man like Caligula know? The others gazed upon the mythological figures of the gods that had been handed down to them from ancient times; they worshipped them. An initiate like Caligula knew what these gods signified. Above all, he knew that human beings, in their innermost essence, belong to the same world. From experience, Caligula knew that he belonged to the same world as those beings who find their likenesses in these gods: Bacchus, Hercules, Mercury, Apollo, and Zeus. Caligula knew the secret of how, in a sleep-like state, he could commune with the gods of the lunar world. And it is not merely a myth, but an absolute truth, when it is said of Caligula in particular that, as was claimed, in his sleep—though what is meant is in another state of consciousness—he consorted with Luna, the moon goddess, and drew sustenance from this for his sense of power. “The world lives within me,” he told himself, “for I am within it.” As he gazed upon the gods, he saw himself as a god among gods. And the initiated Roman emperors meant this quite seriously when they said it. The initiated priest knew how to enter the abode of the gods, and thus the Roman Caesar compelled himself into communion with the gods. “My brother Jupiter,” “My brother Zeus”: these were titles that Caligula, in particular, used time and again. And it was Caligula who once asked a tragedian which was greater, Jupiter or he, Caligula. And when the tragedian refused to answer that Caligula was greater than Jupiter, he had him flogged. These are not myths; these are historical facts. Hence, too, the processions in which Caligula appeared before the people as Bacchus, bearing a thyrsus and wearing a wreath of epheu, because he was aware that he was permitted to transform himself into those figures he recognized as images of the gods. He appeared as Hercules with his club and lion’s skin, as Mercury with the caduceus, and as Apollo with a radiant crown, surrounded by choirs. This is how he presented himself, to instill in his people the awareness that he belonged to the gods and not to humanity. Such were the times, in which, one might say, the Roman world presented a less than ideal reflection of what was great in the Greek world. Of course, no one understood this better than Caligula or other initiated emperors such as Commodus and others. Caligula once heard that a trial had taken place in which a judge had sentenced a defendant to death. And when the matter—since it was a special case—was reported to him, he said: “The judge might just as well have been sentenced to death, for he is worth just as much as the other.”—That is how he viewed the moral state of his time. Roman culture truly appears to be the opposite of Greek culture. We no longer have any conception of the inner nature of Roman culture during the Caesarian era. But we must form a conception of it, for this is one of the roots from which our new, our fifth cultural epoch has developed as it flows onward.
[ 16 ] Auch Nero war ein solcher Eingeweihter, ein initiierter Kaiser. Und dadurch gerade konnte Nero etwas ganz Besonderes einsehen. Diejenigen, die in die Mysterien eingeweiht waren in der damaligen Zeit, wußten: die Entwickelung ist bis zu einem gewissen Punkte abwärts gegangen; sie muß wiederum aufsteigen, aber sie muß sich auch mehr vergeistigen. Das ist ja in Wirklichkeit dasjenige, was gemeint ist mit der «Parusie», mit dem neuen Zeitalter, von dem auch der Christus Jesus spricht.
[ 16 ] Nero, too, was such an initiate, an initiated emperor. And it was precisely because of this that Nero was able to perceive something quite special. Those who were initiated into the mysteries at that time knew that evolution had declined to a certain point; it must rise again, but it must also become more spiritual. This, in fact, is what is meant by the “Parousia,” the new age of which Christ Jesus also speaks.
[ 17 ] Wenn Sie das, was in all diesen alten Kulturepochen bis zum Griechentum lebendig ist, vergleichen mit der späteren Zeit, so finden Sie: In diesen alten Kulturepochen offenbart sich in einer gewissen Weise durch das Körperliche noch das Seelisch-Geistige. Dann hört das auf; es offenbart sich nicht mehr, es muß jetzt durch anderes gesucht werden. Wenn der Mensch durch das, was er mit Augen sehen, mit Ohren hören kann, das Geistig-Seelische suchen will, so kann er es nicht mehr finden. Die Reiche der Himmel, sie offenbarten sich früher durch die Leiber, jetzt müssen sie im Geiste heraufkommen. Die Reiche der Himmel müssen nahe kommen. Das ist die Prophetie des Täufers Johannes. Das ist auch, was der Christus Jesus mit der Parusie meint. Nur stehen in einer gewissen Weise die Theologen bis heute noch immer auf dem sonderbaren Standpunkte, daß sie glauben, der Christus hätte mit der Parusie gemeint, die Erde müsse sich physisch verwandeln. Auch die Blavatsky tadelt den Ausspruch des Christus Jesus über die Parusie, das Heraufkommen der Reiche der Himmel, indem sie sagt: Da wurde vorausgesagt, daß die Reiche der Himmel auf die Erde kommen, das Getreide ist aber nicht besser geworden; die Weintrauben sind nicht reicher als früher; es sind keine Himmel auf die Erde gekommen. — Alle die Leute, die so reden, verstehen nicht, was gemeint ist. Was der Christus Jesus gemeint hat, was Johannes gemeint hat, das war schon gekommen: die Reiche der Himmel waren schon auf die Erde herabgekommen, indem der Christus selber sich in dem Jesus von Nazareth verkörpert hatte. Der Vorgang ist durchaus als ein geistiger aufzufassen.
[ 17 ] If you compare what is alive in all these ancient cultural epochs up to the Greek era with later times, you will find that in these ancient cultural epochs, the soul-spiritual is still revealed in a certain way through the physical. Then this ceases; it no longer reveals itself, and must now be sought through other means. If a person wishes to seek the spiritual and soul-life through what he can see with his eyes and hear with his ears, he can no longer find it. The realms of heaven used to reveal themselves through the bodies; now they must arise in the spirit. The realms of heaven must draw near. This is the prophecy of John the Baptist. This is also what Jesus Christ means by the Parousia. Yet, in a certain sense, theologians still hold to this day the peculiar view that Christ meant, by the Parousia, that the earth must undergo a physical transformation. Blavatsky, too, criticizes Christ Jesus’ statement about the Parousia—the coming of the kingdoms of heaven—by saying: It was foretold that the kingdoms of heaven would come to earth, yet the grain has not improved; the grapes are no more plentiful than before; no heavens have come to earth. — All the people who speak this way do not understand what is meant. What Christ Jesus meant, what John meant, had already come to pass: the kingdoms of heaven had already descended to Earth through the Christ Himself incarnating in Jesus of Nazareth. The process must be understood entirely as a spiritual one.
[ 18 ] Aber ein Initiierter wie Nero, der wußte das auch aus den Mysterien heraus; er lehnte sich dagegen auf. Der kam wirklich zu der Wahnidee, daß er sich sagte: Nun ja, die Welt ist im Niedergang, so soll sie auch untergehen! — Und das ist eigentlich der psychologische Grund, warum der Nero Rom hat anzünden lassen — was er wirklich getan hat —, weil er wenigstens das Schauspiel haben wollte, daß von da aus der Feuerbrand komme, der die ganze Welt verbrennt. Denn er hielt nichts mehr von dieser Welt. Er wollte die Erneuerung nicht zulassen, die durch das Mysterium von Golgatha kam. Nur war er, wenn er auch ein Wahnsinniger war, doch ein Genie. Durch seine Machtfülle hatte er sich seine Initiation erzwungen, daher waren alle die Ideen groß bei ihm, größer als sie bei anderen sind, die nicht diese Vorbedingung hatten. Daher ist Nero auch in einem gewissen Sinn der erste Psychoanalytiker, aber ein großzügiger, nicht ein Psychoanalytiker wie diejenigen, die Freud oder anders heißen. Denn Nero vergötterte das Leibliche, indem er wirklich wie der Psychoanalytiker aus dem Unterbewußten das Geistig-Seelische heraufholen wollte. Der heutige Psychoanalytiker sagt: Was ist denn da unten in der Seele? Enttäuschungen, allerlei verglommenes Leben und so weiter —, und dann sagt er: Der animalische Grundschlamm der Seele ist da unten, viel Schönes ist da unten nicht. — Wenn man heute den Psychoanalytiker hört, so ist es so, wie wenn ein Mensch einen Acker beschreibt, der eben gedüngt worden und dann bebaut worden ist mit den Saaten für die nächste Zeit, aber der Mensch sieht nur den Dünger, den Mist. So sieht der Psychoanalytiker nur das in der Seele, was wirklich Mist ist, vergleichsweise gesprochen, selbstverständlich. Er sieht nicht das Ewige in der Seele, das, was von Leben zu Leben geht. Daher ist die Psychoanalyse so gefährlich, weil sie zwar zu dem Unterbewußten hinuntergeht, aber statt des seelisch-geistigen Wesenskernes den animalischen Grundschlamm sieht, wie wenn man nicht die keimende Saat, sondern nur den Mist sieht. Nero war ein großer Psychoanalytiker, indem er sagte: Im Menschen ist überhaupt nichts anderes als der animalische Grundschlamm, alles andere ist einfach Schein; früher war es anders, als die Menschen noch dem Göttlichen nahe waren, aber jetzt besteht der Mensch nur noch aus diesem animalischen Grundschlamm, es gibt auch nicht einen kleinsten Teil, der keusch ist, alles ist verlottert im Menschen —, so sagte Nero. Man sieht daraus, man fühlt gerade bei denjenigen, die auf diese Weise sich die Initiation erzwungen hatten, das Materialistischwerden der Welt. Man übersetzte ja überhaupt das alte, spirituelle Initiationsprinzip in diesen Kreisen recht ins Materielle. Als Commodus, der sich nicht nur zum Initiierten, sondern zum Initiator machte, einem, den er selbst zu initiieren hatte, den symbolischen Schlag geben wollte, da schlug er ihn gleich tot. Statt ihn dem geistigen Tod, das heißt der Auferweckung zu überliefern, schlug er ihn tot! So Commodus, der Initiator. Es ist das eine historische Tatsache.
[ 18 ] But an initiate like Nero knew this from the mysteries as well; he rebelled against it. He actually came to the delusional idea of telling himself: “Well, the world is in decline, so let it perish!” — And that is actually the psychological reason why Nero had Rome set on fire—which he actually did—because he wanted at least the spectacle of the fire that would spread from there and burn the whole world. For he no longer cared for this world. He did not want to allow the renewal that came through the Mystery of Golgotha. Yet, even though he was a madman, he was still a genius. Through the full extent of his power, he had forced his own initiation; hence, all his ideas were grand, greater than they are in others who lacked this prerequisite. That is why Nero is, in a certain sense, the first psychoanalyst—but a magnanimous one, not a psychoanalyst like those named Freud or others. For Nero idolized the physical, in that he truly sought—like the psychoanalyst—to bring the spiritual and soulful up from the subconscious. Today’s psychoanalyst says: What is down there in the soul? Disappointments, all sorts of faded life experiences, and so on—and then he says: The animalistic sludge of the soul is down there; there isn’t much beauty down there. — When one listens to the psychoanalyst today, it is as if a person were describing a field that has just been fertilized and then sown with seeds for the coming season, but the person sees only the fertilizer, the manure. In the same way, the psychoanalyst sees only that which is truly manure in the soul—figuratively speaking, of course. He does not see the eternal in the soul—that which passes from life to life. That is why psychoanalysis is so dangerous: although it descends into the subconscious, instead of seeing the spiritual-soul core of the being, it sees the animalistic sludge, just as one sees not the sprouting seed but only the manure. Nero was a great psychoanalyst in that he said: “There is absolutely nothing in human beings but the animalistic sludge; everything else is simply an illusion. It used to be different, when people were still close to the divine, but now human beings consist only of this animalistic sludge; there is not even the smallest part that is pure—everything in human beings has gone to ruin,” so said Nero. From this one can see—and one senses it especially in those who had forced their way into initiation in this manner—the world’s descent into materialism. Indeed, in these circles, the ancient, spiritual principle of initiation was translated quite literally into the material realm. When Commodus—who made himself not only an initiate but also an initiator—wanted to deliver the symbolic blow to one whom he himself was to initiate, he struck him dead on the spot. Instead of consigning him to spiritual death—that is, to resurrection—he struck him dead! Such was Commodus, the initiator. This is a historical fact.
[ 19 ] Dasjenige, was eingetreten war in diesem vierten Zeitraum, ist eben das Mysterium von Golgatha. Und da nun nicht mehr vom Äußerlich-Stofflichen das Geistige kommen kann, so muß das Geistige wiederum erobert werden. Der Aufstieg im Inneren hat einen Impuls bekommen durch das Mysterium von Golgatha. Aber wir leben im fünften Zeitraum, wo diese Eroberung noch nicht weit gediehen ist, wo gerade jene Kräfte, die in der Römerzeit so grotesk hervortreten, noch stark in den Menschen sind und gegen den Impuls des Aufstieges kämpfen, der durch das Mysterium von Golgatha gebracht worden ist. Und so ist es denn begreiflich, daß in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum hauptsächlich das Zeitalter des Materialismus in der Denkungsweise, in der Gefühlsweise heraufgestiegen ist.
[ 19 ] What occurred during this fourth epoch is precisely the Mystery of Golgotha. And since the spiritual can no longer arise from the outer, material realm, the spiritual must once again be won. The ascent within has received an impulse from the Mystery of Golgotha. But we are living in the fifth epoch, where this conquest has not yet progressed very far, where precisely those forces that emerge so grotesquely in Roman times are still strong within human beings and are fighting against the impulse of ascent brought about by the Mystery of Golgotha. And so it is understandable that in this fifth post-Atlantean epoch, the age of materialism has primarily come to the fore in the way people think and feel.
[ 20 ] Schon hat das Mysterium von Golgatha einen Anstoß gebracht, so daß die große Verderbtheit der Römer zunächst etwas geschwunden ist, aber der Mensch hat es noch nicht dazu gebracht, daß ihm auch natürlicherweise in seiner Seele das Geistig-Seelische wiederum aufleuchtet. Dazu bedarf es weiterer Impulse, dazu bedarf es eines intensiveren, eines gründlicheren Bekanntwerdens mit dem Christus-Impuls. Der muß sich immer weiter und weiter einleben. Und so steht denn in der fünften Kulturperiode der normale Mensch nicht der Seele selbst gegenüber, wenn er sich erlebt. Das Verspüren, das innerliche Erleben der Seele ist für den normalen Menschen verschwunden. Der Mensch empfindet sich im Erleben des Leibes, er empfindet sich als Leib, als natürlichen Leib.
[ 20 ] The Mystery of Golgotha has already provided an impetus, so that the great depravity of the Romans has, for the time being, diminished somewhat; but humanity has not yet reached the point where the spiritual-soul aspect shines forth again naturally within its soul. This requires further impulses; it requires a more intense, a more thorough familiarization with the Christ impulse. This impulse must take root ever more deeply. And so, in the fifth cultural epoch, the average person does not face the soul itself when he experiences himself. The sense of the soul, the inner experience of the soul, has disappeared for the average person. Human beings perceive themselves through the experience of the body; they perceive themselves as the body, as the natural body.
[ 21 ] Selbsterlebnis des Leibes! Und deshalb ist insbesondere der Wissenschaft das Seelische entschwunden und entschwindet ihr noch immer mehr und mehr. Dieses Seelische muß eben von innen heraus wiederum erobert werden. Der fünfte nachatlantische Kulturzeitraum, der angefangen hat etwa im Jahre 1413, 1415, er steht ja erst im Anfang. Die Menschheit wird sich so in ihm weiter zu entwickeln haben, daß wirklich das Geistige immer mehr und mehr im Inneren erobert wird. Aber es macht sich das zunächst geltend gerade auf seelischem Gebiet durch eine eigentümliche Erscheinung, durch die Erscheinung, daß im Menschen selber etwas materiell auftritt, was früher nicht so materiell war: das Denken selber nämlich. Solch ein Denken, wie wir es im fünften Zeitraum haben, wäre schon den Griechen, erst recht den Ägyptern, Chaldäern oder den Urpersern unmöglich gewesen. Hinter den Griechen standen noch bis zu einem gewissen Grade imaginative Vorstellungen, in älteren Zeiten noch mehr; und wer Aristoteles wirklich lesen kann, der merkt selbst bei dem trockenen Aristoteles noch wirksame Imaginationen, weil das Denken noch mehr bewußt im Ätherleibe vor sich ging. Jetzt ist das Denken ganz in den physischen Leib hineingezogen, ist ganz Gehirndenken geworden, und da nimmt es denn den abstrakten Charakter an, auf den unsere Zeit so stolz ist. Das Denken, das ganz abstrakt wird, das ist das Denken, das wirklich an die Materie, an die Materie des Gehirns gebunden ist. Und dieses Denken, das zeigt sich gerade in den epochemachendsten Impulsen, die wiederum vertieft werden müssen, sonst wird das Denken immer materialistischer und materialistischer. Und indem das Denken immer materialistischer wird, muß auch das Leben immer materialistischer werden. Grundlegende Ideen — das ist das Charakteristische unserer jetzigen fünften Epoche, die als Impulse wirken sollen, sie wirken nur als abstrakte Ideen.
[ 21 ] The body’s self-experience! And that is why the spiritual realm has vanished from science in particular—and continues to vanish from it more and more. This spiritual realm must simply be reclaimed from within. The fifth post-Atlantean cultural epoch, which began around the years 1413 and 1415, is, after all, still in its infancy. Humanity will have to develop further within it in such a way that the spiritual is truly reclaimed more and more within. But this first makes itself felt precisely in the realm of the soul through a peculiar phenomenon—namely, the phenomenon that something material appears within human beings themselves that was not previously so material: thinking itself, to be precise. Such thinking, as we have it in the fifth epoch, would have been impossible even for the Greeks, let alone the Egyptians, Chaldeans, or ancient Persians. Behind the Greeks there were still, to a certain degree, imaginative conceptions—even more so in earlier times; and anyone who can truly read Aristotle will notice, even in the dry Aristotle, imaginations that are still active, because thinking still took place more consciously in the etheric body. Now thinking has been drawn entirely into the physical body; it has become purely cerebral thinking, and thus it takes on the abstract character of which our age is so proud. Thinking that becomes entirely abstract is thinking that is truly bound to matter—to the matter of the brain. And this kind of thinking is precisely what manifests itself in the most epoch-making impulses, which in turn must be deepened; otherwise, thinking will become ever more materialistic. And as thinking becomes ever more materialistic, life, too, must become ever more materialistic. Fundamental ideas—that is the defining characteristic of our current fifth epoch; these ideas, which are meant to act as impulses, function only as abstract ideas.
[ 22 ] Und es gab eine Zeit, in der die Abstraktion als Lebensprinzip an ihrem Höhepunkt angelangt war. Alles ist notwendig — verstehen Sie mich recht —, ich will nicht etwa in Grund und Boden kritisieren, ich spreche nicht vom Standpunkte der Sympathie und Antipathie, ich charakterisiere, wie man wissenschaftlich charakterisiert. Ich will also nicht tadeln — niemand soll das glauben —, daß es eine Epoche gegeben hat, in der die abstrakten Weltideen ihren höchsten Triumph gefeiert haben. Diese Epoche war damals, als man mit äußerster Abstraktion drei Ideen aussprach: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Mit der äußersten Abstraktion sprach man sie aus. Nicht aus einem konservativen oder reaktionären Standpunkte ist das gesagt, sondern um die Menschheitsentwickelung zu charakterisieren. Alles ruft nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts, nicht aus der Seele, sondern aus dem denkerischen Gehirn heraus. Und das hat sich im 19. Jahrhundert so fortgebildet, daß wir es noch heute überall wie eine Gewohnheit nachklingen fühlen. Die Menschen haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts furchtbar an die Abstraktion des Denkens gewöhnt und sind zufrieden in der Abstraktheit des Denkens, weil sie sich dabei so gescheit vorkommen. Sie glauben, im Denken haben sie die Wahrheit und empfinden kein Bedürfnis, in die Wirklichkeit mit ihrem Denken unterzutauchen. Das muß wieder gelernt werden, in die Wirklichkeit unterzutauchen; sonst bleibt es beim Deklamieren von abstrakten Ideen, die keinen Lebenswert haben.
[ 22 ] And there was a time when abstraction, as a principle of life, had reached its zenith. Everything is necessary—please understand me correctly—I do not mean to criticize it outright; I am not speaking from the standpoint of sympathy or antipathy; I am characterizing it as one would scientifically. So I do not wish to reproach—let no one think otherwise—the fact that there was an era in which abstract ideas about the world celebrated their greatest triumph. That era was when, with the utmost abstraction, three ideas were articulated: liberty, equality, fraternity. They were articulated with the utmost abstraction. This is not said from a conservative or reactionary standpoint, but rather to characterize the development of humanity. Everyone was calling for liberty, equality, and fraternity at the end of the 18th century—not from the heart, but from the intellectual mind. And this continued to develop throughout the 19th century to such an extent that we still feel its echoes everywhere today, as if it were a habit. Over the course of the 19th century, people have become terribly accustomed to the abstraction of thought and are content with the abstract nature of thought because it makes them feel so clever. They believe they have found the truth in thought and feel no need to immerse their thinking in reality. We must relearn how to immerse ourselves in reality; otherwise, we will be left merely declaiming abstract ideas that have no value in life.
[ 23 ] Das ist die große Krankheit unserer Zeit, das Deklamieren von abstrakten Ideen, die keinen Lebenswert haben. Wenn heute gesagt wird, es müsse jetzt eine Zeit kommen, in der dem Tüchtigen freie Bahn geboten wird in der Welt, wo der Tüchtige an den rechten Platz gestellt wird, nun, was kann es denn Schöneres geben als diese Idee! Ist das nicht ein wunderbares Ideal: Freie Bahn dem Tüchtigen! — Man glaubt zuweilen aus der heutigen materialistischen Zeit heraus, indem man ein solches Ideal ausspricht, die ganze Zukunft in seiner Brust zu tragen. Was hilft aber ein solches abstraktes Ideal, wenn es dabei bleibt, daß man seinen Schwiegersohn oder seinen Neffen für den Tüchtigsten hält? Es kommt gar nicht darauf an, daß man ein abstraktes Ideal anerkennt, ausspricht und deklamiert, sondern darauf, daß man mit seiner Seele in die Wirklichkeit einzutauchen vermag, und die Wirklichkeit in ihrer Wesenheit zu durchschauen, zu erkennen, zu durchdringen, zu erleben, zu bearbeiten versteht. Schöne Ideen aussprechen und sich wohltun im Aussprechen schöner Ideen wird sich immer mehr und mehr als schädlich erweisen. Liebe zur Wirklichkeit, Erkenntnis, Anpassen an die Wirklichkeit, das ist dasjenige, was in unsere Seele einziehen muß. Das kann aber nur geschehen, wenn die Menschen wiederum lernen, die ganze Wirklichkeit — denn die sinnliche Wirklichkeit ist nur die äußere Schale der Wirklichkeit — zu erkennen. Wenn derjenige, der einen Magneten in Hufeisenform sieht, sagt: Damit beschlägt man am besten den Huf eines Pferdes —, hat er da die ganze Wirklichkeit? Nein, erst wenn er erkennt, daß da drinnen in dem Eisen Magnetismus ist, erst dann hat er die ganze Wirklichkeit. Aber wie der handelt, der mit einem Magneten nichts anderes zu tun weiß, als ein Pferd zu beschlagen, so ist auch der, der eine äußere Naturwissenschaft oder Staatswissenschaft begründen will unter der Voraussetzung, daß alles nur sichtbare Welt ist und mit Vorstellungen begriffen werden kann, die aus der sichtbaren Welt entlehnt sind. Das gehört eben zur äußersten Abstraktion, zur Schädlichkeit der abstrakten Ideale. Und man erkennt diese Schädlichkeit nicht, weil die Ideale wahr sind, weil sie auch gut sind, aber sie sind wirkungslos. Sie dienen nur dem menschlichen Erkenntnisegoismus, der Wollust dabei empfindet, in solchen Idealen zu leben. Aber damit wird keine Welt regiert. Damit wird höchstens eine Welt regiert, wie sie geworden ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
[ 23 ] That is the great malady of our time: the declamation of abstract ideas that have no value in real life. When people say today that a time must now come in which the capable are given free rein in the world, where the capable are placed in their rightful positions—well, what could be more beautiful than this idea! Isn’t that a wonderful ideal: a free hand for the capable! — Sometimes, in today’s materialistic age, people believe that by voicing such an ideal, they are carrying the entire future within their hearts. But what good is such an abstract ideal if it amounts to nothing more than considering one’s son-in-law or nephew to be the most capable? What matters is not that one acknowledges, articulates, and proclaims an abstract ideal, but that one is able to immerse oneself with one’s soul in reality, and understands how to see through, recognize, penetrate, experience, and work with reality in its essence. Expressing beautiful ideas and taking pleasure in expressing them will prove more and more harmful. Love for reality, understanding, and adaptation to reality—that is what must take root in our souls. But this can only happen if people learn once again to recognize the whole of reality—for sensory reality is only the outer shell of reality. If someone who sees a horseshoe-shaped magnet says, “This is the best way to shoe a horse’s hoof”—does he have the whole of reality? No, only when he recognizes that there is magnetism inside that iron does he have the whole of reality. But just as one acts who knows nothing else to do with a magnet than to shoe a horse, so too does one who seeks to establish a purely external natural science or political science on the premise that everything is merely the visible world and can be grasped through concepts borrowed from the visible world. This is precisely part of the extreme abstraction, of the harmfulness of abstract ideals. And one does not recognize this harmfulness because the ideals are true, because they are also good—but they are ineffective. They serve only human intellectual egoism, which takes pleasure in living within such ideals. But no world is governed by them. At most, they govern a world such as it became in the first half of the 20th century.
[ 24 ] Man muß schon solchen Empfindungen sich hingeben, wenn man unsere Zeit tiefer verstehen will. Lebendig muß in dem Menschen werden das seelische Leben, das so allmählich, wie ich das beschrieben habe, herausgegangen ist aus unserer Umwelt, aus unserer angeschauten Umwelt. Die Ideen müssen wieder konkret, wieder lebendig werden. Brüderlichkeit ist eine schöne Idee, als Abstraktion ausgesprochen bedeutet sie gar nichts. Weiß man erstens, daß das menschliche Seelenwesen im Leibe, durch den Leib, auf dem physischen Plan hier lebt, also leiblich-seelisch, seelisch-leiblich ist, weiß man zweitens, daß der Mensch nicht nur seelisch-leiblich, sondern wirklich Seele ist, weiß man drittens, daß die Seele geisterfüllt ist, kennt man also die Seele als dreigliederig und den Menschen als dreigliederig, kennt man den Menschen in seiner Zusammensetzung aus Leib, Seele und Geist: dann hat man den Anfang damit gemacht, die abstrakten drei Ideen von Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit konkret werden zu lassen. Vom Menschen im allgemeinen, von diesem abstrakten Menschen zu sagen, er solle in Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit leben, ist gar nichts als ein Wortschwall. Notwendig ist, eine lebendige Erkenntnis davon zu erwerben, daß der Mensch, insofern er im Leibe in der physischen Welt lebt, eine soziale Ordnung braucht, die auf Grundlage der wirklichen Brüderlichkeit begründet ist, daß aber Brüderlichkeit nur verstanden werden kann, wenn man die Menschen als Leib betrachtet. Das ist der Beginn der richtigen Idee von der Brüderlichkeit. Brüderlichkeit hat nur einen Sinn, wenn man weiß, daß der Mensch eine Dreiheit ist und die Brüderlichkeit anwendbar ist auf das Leibliche. Freiheit: Dazu muß man wissen, daß der Mensch eine Seele hat, denn die Leiber können nie frei werden. Es gibt keine Einrichtung, wodurch die Leiber frei werden; die Entwickelung der Menschheit kann nur so sein, daß die Seelen frei werden. Freiheit, als allgemeine Menschheitsidee ausgesprochen, ist eine Abstraktion. Freie Seelen zu den brüderlich lebenden Leibern ist eine konkrete Idee. Gleich sind die Menschen im Geiste. Ein altes Volkswort war sich dessen sogar bewußt: Nach dem Tode werden alle gleich. — Man sah dabei auf den Geist. Indem die Menschen als Geister leben, sind sie hier für die Erde gleich, aber von Gleichheit zu sprechen hat nur einen Sinn, wenn man von diesem dritten Gliede des Menschen, vom Geiste spricht. Lebendig muß es werden, meine lieben Freunde, so daß man sagt: Dasjenige, was hier auf der Erde in irgendeiner Ordnung herumwandelt, lebt in Leib, Seele und Geist. Die Entwickelung muß so fortschreiten, daß die Leiber in Brüderlichkeit, die Seelen in Freiheit, die Geister in Gleichheit leben. Es reicht heute nicht die Zeit, die Sache weiter auszuführen, aber Sie werden heute schon den ganz erheblichen Unterschied merken zwischen abstrakten Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit und den von Erkenntnis durchdrungenen konkreten Ideen, die dann auf das Richtige angewendet sind.
[ 24 ] One must indeed surrender to such feelings if one wishes to understand our time more deeply. The spiritual life within the human being—which, as I have described, has gradually withdrawn from our environment, from the environment we perceive—must come alive again. Ideas must become concrete and alive again. Brotherhood is a beautiful idea, but expressed as an abstraction, it means nothing at all. If, first, one knows that the human soul lives here on the physical plane within the body and through the body—that is, as both physical and soul—and, second, one knows that the human being is not merely physical and soul, but is truly soul, and third, if one knows that the soul is filled with spirit—that is, if one understands the soul as threefold and the human being as threefold, and knows the human being in its composition of body, soul, and spirit—then one has taken the first step toward making the three abstract ideas of brotherhood, freedom, and equality concrete. To say of human beings in general—of this abstract human being—that they should live in brotherhood, freedom, and equality is nothing but a torrent of words. What is necessary is to gain a living understanding that human beings, insofar as they live in the physical world through their bodies, need a social order founded on genuine brotherhood; yet brotherhood can only be understood if one regards human beings as bodies. This is the beginning of the true idea of brotherhood. Brotherhood has meaning only if one knows that human beings are a trinity and that brotherhood applies to the physical body. Freedom: To understand this, one must know that human beings have a soul, for bodies can never become free. There is no mechanism by which bodies can become free; the development of humanity can only take place in such a way that souls become free. Freedom, expressed as a general human ideal, is an abstraction. Free souls in harmony with bodies living in brotherhood is a concrete idea. Human beings are equal in spirit. An old proverb was even aware of this: After death, all become equal. — This focused on the spirit. Since human beings live as spirits, they are equal here on Earth; but speaking of equality makes sense only when referring to this third aspect of the human being—the spirit. It must come to life, my dear friends, so that we may say: That which walks here on Earth in whatever order lives in body, soul, and spirit. Development must proceed in such a way that bodies live in brotherhood, souls in freedom, and spirits in equality. There is not enough time today to elaborate further on this matter, but you will already notice today the very significant difference between abstract ideas of equality, freedom, and brotherhood and the concrete ideas imbued with insight, which are then applied correctly.
[ 25 ] Aber worauf beruht denn das ganze, daß man so abstrakt geworden ist? Nun, es ist ja der Menschheit dasjenige ganz verlorengegangen, was verhältnismäßig spät noch eine Mysterienwahrheit war: daß der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Bei den Griechen war es noch allgemein, den Menschen als Leib, Seele und Geist anzusehen. Bei den ersten Kirchenvätern war es noch eine Selbstverständlichkeit. Dasjenige, was im Niedergang der menschlichen Entwickelung lag, die einen Aufstieg aus dem Christus-Prinzip wiederum braucht, das wurde im Jahre 869 durch das Konzil zu Konstantinopel dogmatisch festgelegt, indem der Geist abgeschafft worden ist. Verzeihen Sie, daß ich das so grotesk ausdrücke. Es ist ja nur äußerlich dasjenige konstatiert worden, was im Menschheitsbewußtsein auftrat durch die Verhältnisse, die ich geschildert habe. Seit jener Zeit durfte man nicht mehr in der Theologie lehren: Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist —, sondern man mußte lehren: Der Mensch besteht nur aus Leib und Seele —, wie es heute die Philosophieprofessoren noch lehren. Und wenn so ein guter Wundt oder ein anderer Philosophieprofessor unseres heutigen Zeitalters eigentlich noch keine Ahnung davon hat, daß der Mensch eine Dreiheit ist, sondern immerfort redet von Leib und Seele, so weiß er gar nicht, daß er nur die Anordnungen des Konzils von Konstantinopel vom Jahre 869 befolgt. Er weiß gar nicht, daß seine Lehre nur eine Nachbildung dieses Konzilsbeschlusses ist. Ja, diese «voraussetzungslose» Wissenschaft, die hat manchmal, wenn man genauer ihre Entwickelungsgeschichte kennt, ganz merkwürdige Voraussetzungen. Die voraussetzungslose Wissenschaft unseres jetzigen Zeitalters in der Philosophie ist nämlich gar nicht zu denken ohne das Konzil zu Konstantinopel, nur wissen es die Herren nicht.
[ 25 ] But what is the reason for all this—that we have become so abstract? Well, humanity has completely lost sight of what was, until relatively recently, still a mystery truth: that human beings consist of body, soul, and spirit. Among the Greeks, it was still common to view human beings as body, soul, and spirit. For the early Church Fathers, it was still a matter of course. That which lay at the root of the decline in human development—a decline that requires a return to the Christ principle—was dogmatically established in the year 869 by the Council of Constantinople, when the spirit was abolished. Forgive me for expressing this in such grotesque terms. After all, what was merely stated outwardly was what had emerged in human consciousness as a result of the circumstances I have described. From that time on, it was no longer permitted to teach in theology that human beings consist of body, soul, and spirit—but instead one was required to teach: “Man consists only of body and soul”—as philosophy professors still teach today. And when a distinguished scholar like Wundt or another philosophy professor of our time actually has no inkling that man is a trinity, but constantly speaks of body and soul, he has no idea that he is merely following the decrees of the Council of Constantinople of the year 869. He has no idea that his teaching is merely a replica of this council’s decision. Indeed, this “unbiased” science—when one examines its history of development more closely—sometimes has quite peculiar presuppositions. The unbiased science of our present age in philosophy is, in fact, inconceivable without the Council of Constantinople; it’s just that these gentlemen are unaware of it.
[ 26 ] Dasjenige, was da verdunkelt worden ist, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, das muß durch Geisteswissenschaft wieder gewonnen werden. Daher mußte mit vollem Bewußtsein gleich das erste, was ich versuchte symptomatisch geltend zu machen gerade in unserer mitteleuropäisch, anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, struktural durchdrungen sein, in dem Buche «Theosophie» nämlich, von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. Darauf ist das ganze Buch aufgebaut. Das mußte radikal immer wieder und wiederum vor die Menschheit hingestellt werden; damit hatte sie aus der Entwickelung heraus den dreigliederigen Menschen.
[ 26 ] What has been obscured—namely, that human beings consist of body, soul, and spirit—must be regained through spiritual science. That is why, with full awareness, the very first thing I sought to emphasize—specifically within our Central European, anthroposophically oriented spiritual science—had to be structurally embedded in the book *Theosophy*, namely, the division of the human being into body, soul, and spirit. The entire book is built upon this. This had to be radically presented to humanity again and again; thus, through the course of evolution, humanity came to understand the threefold human being.
[ 27 ] Sie sehen, wie bis ins einzelne herein, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, sich alles rechtfertigt, wie aber auch Geisteswissenschaft dazu geeignet ist, uns solche Vorstellungen, solche Gefühls- und Willensimpulse zu geben, die uns zu wirklichen Mitarbeitern machen können im rechten Fortgang der neueren Menschheitsentwickelung. Und ich möchte immer, daß ich eine Empfindung davon hervorrufen könnte, daß Geisteswissenschaft nicht eine Theorie, nicht eine Lehre bleiben darf, daß sie nicht etwas bleiben darf, was man so als eine Wissenschaft pflegt, sondern was wirklich lebendiges, inneres Seelenleben werden kann. Dieses erscheint mir viel wichtiger als die bloße Bereicherung mit Begriffen, die ja selbstverständlich auch notwendig ist, denn wenn etwas belebt werden soll, so muß es zuerst begriffen sein. Wir müssen die Begriffe in uns haben, aber die Begriffe dürfen nicht tot bleiben, sondern sie müssen lebendig werden. Geisteswissenschaft wirkt dann schon von selber so, daß wenn sie real erfaßt wird, sie den ganzen Menschen anregt. Aber dann ist es auch notwendig, daß der ganze Mensch versucht, sie empfindend und willentlich zu verstehen. Wenn aber der ganze Mensch diese Geisteswissenschaft empfindend und willentlich versteht, dann kann er entsprechend in ihr leben. Da darf ihm aber die Liebe niemals ausgehen zu der wirklichen Erkenntnis und zu der sich fortentwickelnden Menschheit. Gerade diese Liebe ist in unserer Zeit noch ein zartes Pflänzchen. Und begreiflich ist es ja, wenn es auch unendlich traurig ist, wenn auf dem Gebiet der geisteswissenschaftlichen Bewegung, wie wir sie auffassen, dadurch daß persönliche Interessen manchmal nicht schöner Art das zarte Pflänzchen der Liebe zur zeitgeforderten Erkenntnis heute noch entstellen, der Haß seine Orgien gerade bei denjenigen feiert, die nicht aus lauterer Erkenntnissehnsucht an die Geisteswissenschaft herankommen, die so herankommen, daß, wenn einmal ihre Eitelkeit nicht befriedigt wird, sich sogleich ihre Scheinliebe in Haß verwandelt. Denn nur wirkliche Liebe kann zum Sieger werden über den Haß, Scheinliebe ist sogar eine Erzeugerin des Hasses.
[ 27 ] You can see how, when one stands on the foundation of spiritual science, everything finds its justification down to the smallest detail; but you can also see how spiritual science is capable of giving us such ideas, such impulses of feeling and will, that can make us true collaborators in the proper progress of humanity’s recent development. And I always hope that I can evoke a sense that spiritual science must not remain a theory or a doctrine, that it must not remain something one merely cultivates as a science, but rather that it can become a truly living, inner spiritual life. This seems to me far more important than the mere enrichment with concepts—which, of course, is also necessary—for if something is to be brought to life, it must first be understood. We must have the concepts within us, but the concepts must not remain dead; rather, they must come alive. Spiritual science then works of its own accord in such a way that, when it is truly grasped, it stimulates the whole human being. But then it is also necessary for the whole human being to strive to understand it through feeling and will. But when the whole human being understands this spiritual science through feeling and will, then he can live accordingly within it. Yet his love for true knowledge and for humanity as it continues to evolve must never run dry. This very love is still a tender little plant in our time. And it is understandable—though infinitely sad—that in the realm of the spiritual science movement, as we conceive of it, because personal interests—sometimes of a less than noble nature—still distort the tender little plant of love for the knowledge demanded by our times, hatred runs rampant precisely among those who do not approach spiritual science out of a pure thirst for knowledge, but rather in such a way that, once their vanity is not satisfied, their false love immediately turns to hatred. For only true love can triumph over hatred; false love is itself a source of hatred.
[ 28 ] Wenn wir dies recht fühlen, dann werden wir auch zurechtkommen mit den Erscheinungen, auf die ich ja schon zweimal hingewiesen habe, mit jenen Erscheinungen, die so traurig heraufziehen über unsere Anthroposophische Gesellschaft, in der wir sehen, daß die starken Hasser gerade aus den Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft hervorgehen. Besiegen werden wir diese Dinge nicht, solange wir auch ein Prinzip unserer materialistischen Zeit anwenden, wie wir das ja heute so gerne tun, das Prinzip: Ich will meine Ruhe haben! — wenn man sich vor den Dingen verschließt oder die Dinge nicht beim rechten Namen nennen will. Wenn jetzt Schmähschriften zahlreich erscheinen, so ist nichts getan, wenn man diese Schmähschriften so ernst nimmt, daß man die einzelnen Sätze widerlegt. Denn solchen Herren, wie die, welche jetzt schreiben, kommt es nicht darauf an, ob sie das oder jenes als Satz aufstellen. Solch einem Herrn zum Beispiel, der zurückgewiesen werden mußte, als er eine Schrift einreichte, die nicht bei uns verlegt werden konnte, der dadurch in seinem Ehrgeiz sich gekränkt fühlte, der, während er unserer Anthroposophischen Gesellschaft bis dahin nachgelaufen ist, dann nachher zum Feinde wurde, dem muß man sagen: Was du schreibst, ist einfach Unsinn, du weißt es selber besser; du schreibst das alles aus dem Grunde, weil deine Schrift zurückgewiesen worden ist. — Das ist die Wahrheit. Wenn man der Geisteswissenschaft zu dienen versteht, kommt es nicht darauf an, daß man alle diese Dinge als Erfindung und Erdichtung im einzelnen widerlegt, sondern daß man denjenigen in seinem wahren Lichte zeigt, der zum Schein der geisteswissenschaftlichen Bewegung angehört hat und dann nachher solche Dinge treibt, wie sie jetzt viele zu treiben anfangen, und die noch mehr werden getrieben werden.
[ 28 ] If we truly feel this, then we will also be able to cope with the phenomena I have already pointed out twice—those phenomena that are so sadly looming over our Anthroposophical Society, in which we see that the most intense haters are emerging precisely from within the circles of the Anthroposophical Society. We will not overcome these things as long as we continue to apply a principle of our materialistic age—as we are so fond of doing today—namely, the principle: “I want to be left in peace!”—when we close ourselves off from these things or refuse to call them by their proper names. If numerous defamatory writings are now appearing, nothing is achieved by taking these writings so seriously that one refutes each individual statement. For gentlemen such as those who are writing now do not care whether they put this or that forward as a statement. To such a gentleman, for example—who had to be rejected when he submitted a manuscript that could not be published by us, who felt his pride wounded as a result, who, having previously followed our Anthroposophical Society, subsequently became an enemy—one must say: What you write is simply nonsense; you know better yourself; you’re writing all this simply because your manuscript was rejected.” — That is the truth. If one knows how to serve spiritual science, it is not a matter of refuting all these things in detail as fabrications and inventions, but rather of showing in their true light those who ostensibly belonged to the spiritual science movement and then went on to engage in such activities as many are now beginning to do—and which will be carried out even more in the future.
[ 29 ] Oder es ist einer da — wie ich Ihnen vor einigen Tagen erzählt habe —, der ein großer Maler werden wollte, es aber auf dem Wege versuchte, daß er gebettelt hat, lernen zu dürfen; als man sich aber alle Mühe gab, ihn vorwärtszubringen, wollte er alles besser wissen. Er meinte, man werde nicht ein großer Maler, indem man lernt, sondern indem man erklärt, man wäre ein Genie! Wenn man dann das Malheur hat, das nicht zu werden, und, trotzdem man Lehrer beschafft bekommt, nicht malen lernen kann, sondern nur kleckst, und wenn andere nicht in der Lage sind, die Klecksereien als große Malereien anzuerkennen, dann kommt man und sagt: das sei Schuld der Übungen. Einen solchen Menschen kuriert man in der richtigen Weise, indem man die Wahrheit sagt. Es darf nicht aussehen, als ob die Geisteswissenschaft gefährdet wäre und die Dinge nicht zurechtgewiesen werden.
[ 29 ] Or there is someone—as I told you a few days ago—who wanted to become a great painter but tried to achieve it by begging to be allowed to study; yet when every effort was made to help him progress, he thought he knew everything better. He believed that one does not become a great painter by learning, but by declaring oneself a genius! If one then has the misfortune of failing to become one, and—despite being provided with teachers—cannot learn to paint but only daubs, and if others are unable to recognize these daubs as great paintings, then one comes along and says: it is the fault of the exercises. The proper way to cure such a person is by telling the truth. It must not appear as though spiritual science is in danger and that things are not being set straight.
[ 30 ] Die Dinge erfüllen sich schon karmisch. Es sollte schon auch in mancher anderen Einzelheit das Richtige in unseren Kreisen geschehen, wie es auf prinzipiell wichtigem Punkte geschehen ist. Denken Sie einmal darüber nach, daß seit 1911 alle Fäden mit der Theosophischen Gesellschaft der Mrs. Besant durchschnitten worden sind, und daß der Krieg Englands gegen Deutschland erst 1914 begonnen hat. Das ist etwas, wo gesagt werden darf: Prophetisch hat die Anthroposophische Gesellschaft gehandelt. — Es wird im allgemeinen viel geschmäht das ist selbstverständlich nichts, was gegen das englische Volk gerichtet ist, sondern gegen die Schmähenden, die heute das Nationalitätsprinzip in dieser Weise mißbrauchen —, aber so wider alles bessere Wissen, wie Mrs. Besant unsere Anthroposophische Gesellschaft und mich schmäht, ist das Schmähen doch eine Seltenheit. Und nachdem wir das Buch «Die großen Eingeweihten» zuerst in Deutschland populär gemacht haben, wir Schurés Stücke aufgeführt haben, müssen wir nunmehr auch erleben, daß wir von Schure@ in der unmöglichsten Weise angegriffen werden. Das sind Dinge, die sich gewissermaßen mehr in den Weiten abspielen. Aber auch in der Enge bilden sich allmählich die Feinde heraus.
[ 30 ] Things are already working out karmically. The right things should also happen in our circles in many other details, just as they have on points of fundamental importance. Just think about the fact that all ties with Mrs. Besant’s Theosophical Society have been severed since 1911, and that England’s war against Germany did not begin until 1914. This is something about which one may say: The Anthroposophical Society acted prophetically. — There is generally a great deal of slander—which, of course, is not directed against the English people, but against the slanderers who today abuse the principle of nationality in this way—but the way Mrs. Besant slanders our Anthroposophical Society and me, against all better judgment, is indeed a rarity. And now that we have first popularized the book *The Great Initiates* in Germany and staged Schuré’s plays, we must now also endure being attacked by Schuré in the most outrageous manner. These are things that, in a sense, play out more on a broader scale. But even in our immediate circle, enemies are gradually emerging.
[ 31 ] Ein wenig Voraussicht muß sich der Anthroposoph aneignen und ein wenig Wille zum Sehen dessen, was vorgeht, dessen, was kommen wird. Man eignet sich diese Voraussicht an, wenn man dasjenige, was auch in richtiger Weise als Devise, als Motto vorangesetzt worden ist unserer Anthroposophischen Gesellschaft «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», ernst nimmt. Derjenige, der dies tief genug zu fassen vermag «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit», der wird die richtige Stellung einnehmen.
[ 31 ] The anthroposophist must cultivate a little foresight and a little willingness to see what is happening and what is to come. One acquires this foresight by taking seriously the principle that has rightly been adopted as the motto of our Anthroposophical Society: “Wisdom lies only in truth.” Those who are able to grasp this deeply enough—“Wisdom lies only in truth”—will take the right stance.
[ 32 ] Damit, meine lieben Freunde, muß ich mich Ihnen für diesmal empfehlen. Ich hoffe, daß unser diesmaliges Zusammensein der Ausgangspunkt sein kann eines guten Miteinanderarbeitens im Geiste, wenn wir auch physisch nicht beisammen sein können. Versuchen wir in dem Geiste unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu denken, zu empfinden und zu wollen, dann werden wir richtig zusammen arbeiten.
[ 32 ] With that, my dear friends, I must take my leave of you for now. I hope that our gathering this time can serve as the starting point for fruitful collaboration in spirit, even if we cannot be together physically. If we strive to think, feel, and will in the spirit of our anthroposophically oriented spiritual science, then we will truly work together effectively.
