The Spiritual Background of World War I
GA 174b
23 February 1918, Stuttgart
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The Spiritual Background of World War I, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] In kaum einer Zeit der Menschheitsentwickelung war es so notwendig wie in dieser gegenwärtigen, sich in die Rätsel des übersinnlichen Lebens zu vertiefen, wenn auch kaum eine Zeit so viel Ablehnung hatte gegen dieses Vertiefen in die übersinnlichen Probleme wie wiederum diese gegenwärtige. Gerade die scheinbar entlegensten Fragen müssen der heutigen Menschenseele ganz besonders naheliegen. Und so lassen Sie uns heute zunächst dasjenige betrachten, was die materialistische Gesinnung der Gegenwart glaubt, dem menschlichen Bewußtsein möglichst fernrücken zu müssen, was aber doch dem Menschenleben unendlich nahe ist. Und zu wissen, daß das Gemeinte dem menschlichen Leben unendlich nahe ist, das gehört eben zu den besonderen Aufgaben unserer Zeit. Wir wollen von uns gut Bekanntem mit ein paar Bemerkungen ausgehen, um uns einen Stoff, den wir auch schon öfters von diesem oder jenem Gesichtspunkte aus betrachtet haben, heute wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus nahe zu führen.
[ 1 ] In hardly any other period of human development has it been as necessary as in the present one to delve into the mysteries of the supersensible life, even though hardly any other period has been marked by as much resistance to this delving into supersensible problems as the present one. It is precisely the seemingly most remote questions that must be of particular concern to the human soul today. And so, let us begin today by considering that which the materialistic mindset of the present believes it must push as far away from human consciousness as possible, yet which is in fact infinitely close to human life. And to know that what is meant here is infinitely close to human life—that is precisely one of the special tasks of our time. Let us begin with a few remarks on a subject well known to us, in order to approach a topic—one we have already considered frequently from this or that perspective—from yet another perspective today.
[ 2 ] Wir wissen ja alle, daß es für die geisteswissenschaftliche Betrachtung eine besondere Bedeutung hat, das gesamte menschliche Leben nach seinen zwei großen Gegensätzen, die in den Alltag hineinspielen, immer wieder und wiederum zu betrachten, es zu betrachten nach der besonderen Wesenheit der abwechselnden Zustände des Schlafens und des Wachens. Gerade diese polarischen Gegensätze von Schlafen und Wachen haben wir ja von den verschiedensten Gesichtspunkten aus immer wieder und wiederum durch unsere geisteswissenschaftliche Untersuchung ins Auge fassen müssen.
[ 2 ] We all know, of course, that from the perspective of the humanities, it is of particular importance to repeatedly and consistently examine the entirety of human life in terms of its two great opposites—which play a role in everyday life—namely, the alternating states of sleep and wakefulness. It is precisely these polar opposites of sleep and wakefulness that we have had to examine time and again from a wide variety of perspectives through our spiritual scientific investigation.
[ 3 ] Nun ist Ihnen ja schon aus den verschiedensten Mitteilungen bekannt, daß diese Unterscheidung, wie man sie gewöhnlich macht zwischen Schlafen und Wachen, wonach sich das menschliche Leben eben so einteilt, daß man etwa zwei Drittel oder mehr des Tages im wachen Bewußtsein lebt — oder auch weniger — und ein Drittel in dem schlafenden Bewußtsein verbringt, eine zunächst nur äußerliche und oberflächliche Betrachtung ist. Auch wenn man die Sache, so wie sie unmittelbar in dieser Art gegeben ist, weiter ausführt, um hinter den Charakter des Schlafens und Wachens zu kommen, bleibt sie doch gegenüber den Tiefen, die hier erreicht werden können, für geisteswissenschaftliche Anschauungen noch immer etwas oberflächlich. Denn wir müssen uns klar sein darüber, daß der Schlafzustand nicht nur dann in unserem Seelenleben vorhanden ist, wenn wir im oberflächlichen Sinne schlafen, nicht nur in der Zeit, die zwischen Einschlafen und Aufwachen vergeht, sondern daß unsere Seele den Schlafzustand in einem gewissen Grade auch hineinträgt in den sogenannten Wachzustand. Wir sind ja eigentlich in Wahrheit auch dann, wenn wir für das gewöhnliche Bewußtsein wachen, nur zum Teil wach. Wir sind in diesem gewöhnlichen Bewußtseinszustand niemals vollständig wachend. Und wenn wir uns vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus fragen: Inwiefern sind wir vollständig wach? — so müssen wir uns die Antwort geben: Wach sind wir mit Bezug auf alles dasjenige, was wir Wahrnehmung der äußeren Sinneswelt nennen sowie Verarbeitung dieser Wahrnehmungen der äußeren Sinneswelt durch die Vorstellungen. In unserem Wahrnehmungs- und Vorstellungsleben, in unserem Denkleben also sind wir zweifellos wach. Wir würden gar nicht darauf kommen, von unserem Wachzustand zu sprechen, wenn wir nicht eben als solchen Wachzustand bezeichnen wollten eine gewisse innere Seelenverfassung, die vorhanden ist, wenn wir die äußere Welt wahrnehmen im vollbewußten Zustand und über sie denken, über sie Vorstellungen bilden.
[ 3 ] Now, as you already know from various sources, this distinction—the one commonly made between sleeping and waking, according to which human life is divided such that one spends about two-thirds or more of the day in waking consciousness — or even less — and one-third in a state of sleep, is, at first glance, merely an external and superficial observation. Even if one explores the matter further, as it is immediately given in this way, in order to get to the essence of sleep and wakefulness, it still remains somewhat superficial for spiritual-scientific perspectives when compared to the depths that can be reached here. For we must be clear that the state of sleep is present in our soul life not only when we are asleep in the superficial sense—not only during the time that elapses between falling asleep and waking up—but that our soul also carries the state of sleep, to a certain degree, into the so-called waking state. In truth, even when we are awake in the ordinary sense of consciousness, we are only partially awake. We are never fully awake in this ordinary state of consciousness. And when we ask ourselves from the perspective of spiritual science: To what extent are we fully awake? — we must answer: We are awake in relation to everything we call the perception of the external sensory world, as well as the processing of these perceptions of the external sensory world through our concepts. In our life of perception and imagination—that is, in our life of thought—we are undoubtedly awake. We would not even think to speak of our waking state if we did not wish to designate as such a certain inner state of the soul that is present when we perceive the external world in a fully conscious state and think about it, forming concepts about it.
[ 4 ] Aber wir können nicht sagen, daß wir für unser Gefühlsleben in demselben Sinne wach sind wie für unser Wahrnehmungs- und Vorstellungsleben. Es ist nur eine Täuschung, wenn der Mensch glaubt, daß er mit Bezug auf sein Gefühlsleben, sein Affektleben, sein Emotionsleben so wach ist vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wie er es ist in bezug auf sein Wahrnehmen und Denken oder Vorstellen. Wer sich dieser Täuschung hingibt, der tut das deshalb, weil wir ja unsere Gefühle immer mit Vorstellungen begleiten. Wir stellen uns nicht nur die äußeren Dinge vor, stellen uns nicht nur Tisch und Stuhl und Baum und Wolke vor, sondern wir stellen uns auch unsere Gefühle vor; und indem wir uns unsere Gefühle vorstellen, wachen wir in den Vorstellungen der Gefühle. Aber die Gefühle selbst wogen aus unterbewußten Seelentiefen herauf. Für den, der die inneren Seelenvorgänge beobachten kann, wogen die Gefühle, die Affekte, die Emotionen, auch die Leidenschaften nicht in einer größeren inneren Wachheit herauf als die Eindrücke des Traumes. Die Eindrücke des Traumes sind bildhaft. Wir wissen sie ganz genau zu unterscheiden für das gewöhnliche Bewußtsein von den äußeren Wahrnehmungen. Unser Bewußtsein ist den wirklichen Gefühlen gegenüber nicht wacher als dem Traume gegenüber. Würden wir zu jedem Traum gleich beim Erwachen, ohne daß wir zwischen dem Traume und der Vorstellung des Traumes unterscheiden könnten, ebenso eine Vorstellung hinzufügen, wie wir zu unseren Gefühlen einen Gedanken, eine Vorstellung immer hinzufügen, so würden wir auch unsere Träume für Inhalt eines wachen Erlebens halten. An sich selbst sind unsere Gefühle nicht in einem wacheren Zustand erlebt als unsere Träume.
[ 4 ] But we cannot say that we are as awake to our emotional life as we are to our life of perception and imagination. It is merely an illusion when a person believes that, with regard to their emotional life—their life of affect and emotion—they are as awake from the moment they wake up until they fall asleep as they are with regard to their perception, thinking, or imagination. Those who succumb to this illusion do so because our feelings are always accompanied by mental images. We do not merely imagine external objects—we do not merely imagine a table, a chair, a tree, or a cloud—but we also imagine our feelings; and by imagining our feelings, we remain awake within the images of those feelings. But the feelings themselves well up from the depths of the subconscious soul. For those who can observe the inner processes of the soul, feelings, affects, emotions, and even passions do not well up with any greater inner awareness than the impressions of a dream. The impressions of a dream are pictorial. In ordinary consciousness, we know exactly how to distinguish them from external perceptions. Our consciousness is no more alert to real feelings than it is to dreams. If, upon waking from every dream—without being able to distinguish between the dream and the idea of the dream—we were to add an idea to it, just as we always add a thought or an idea to our feelings, then we would also regard our dreams as the content of a waking experience. In and of themselves, our feelings are not experienced in a more wakeful state than our dreams.
[ 5 ] Und noch weniger werden unsere Willensimpulse in einem Wachzustand erlebt. Mit Bezug auf den Willen schläft der Mensch fortwährend. Er stellt sich etwas vor, wenn er etwas will; er hat eine Vorstellung, wenn er — nehmen wir einen einfachen Willensimpuls —, um etwas zu ergreifen, die Hand ausstreckt. Aber was da eigentlich vorgeht im Seelenleben und im Leibesleben, wenn wir eine Hand ausstrecken, um irgend etwas heranzuziehen, das bleibt so im Unbewußten wie der traumlose Schlaf. Während wir unsere Gefühle verträumen, verschlafen wir in Wirklichkeit unsere Willensimpulse. Als Gefühlsmensch träumen wir, als Willensmensch schlafen wir auch im sogenannten Wachzustand, so daß wir eigentlich auch dann, wenn wir im Wachzustand sind, also vom Aufwachen bis zum Einschlafen, nur mit der Hälfte unseres Wesens wach sind, während wir mit der anderen Hälfte unseres Wesens fortschlafen. Wir wachen in bezug auf unsere Wahrnehmungen und auf unser Gedankenleben, wir schlafen und träumen fort mit Bezug auf unser Willensleben und unser Gefühlsleben. Solche Dinge lassen sich kaum durch Stärkeres beweisen, erhärten, als durch dasjenige, was jetzt eben schon andeutend gesagt worden ist. Denn daß man solche Dinge anerkennt, das hängt davon ab, ob man das Seelenleben richtig beobachten kann. Wer dieses Seelenleben richtig beobachten kann, der wird unbedingt die innere seelische Gleichheit von Gefühlen, Affekten, Leidenschaften und Träumen herausfinden. Es gibt eine sehr schöne Abhandlung von Friedrich Theodor Vischer, dem ja besonders in dieser Stadt sehr bekannten sogenannten V-Vischer, über die «Traumphantasie», worin er diese richtige Beobachtung von der Verwandtschaft des Gefühls-, des Leidenschaftslebens mit der Traumwelt in sehr schöner Weise hervorgehoben hat.
[ 5 ] And our volitional impulses are experienced even less while we are awake. As far as the will is concerned, human beings are constantly asleep. They imagine something when they want something; they have a mental image when—to take a simple volitional impulse—they reach out their hand to grasp something. But what is actually happening in our inner life and physical life when we reach out a hand to pull something toward us remains as hidden in the unconscious as dreamless sleep. While we daydream about our feelings, we are in reality sleeping through our volitional impulses. As emotional beings, we dream; as beings of will, we sleep even in the so-called waking state, so that even when we are awake—that is, from the moment we wake up until we fall asleep—we are actually awake with only half of our being, while the other half continues to sleep. We are awake in regard to our perceptions and our life of thought; we continue to sleep and dream in regard to our life of will and our emotional life. Such things can hardly be proven or substantiated more strongly than by what has just been hinted at. For whether one recognizes such things depends on whether one can correctly observe the life of the soul. Anyone who can observe this inner life correctly will inevitably discover the inner psychological unity of feelings, emotions, passions, and dreams. There is a very fine essay by Friedrich Theodor Vischer—known in this city in particular as “V-Vischer”—on “Dream Imagination,” in which he beautifully highlights this accurate observation of the kinship between the life of feelings and passions and the world of dreams.
[ 6 ] Wir gehen also auch wachend durchs Leben, indem wir nicht nur umgeben sind von der Welt, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, von der Welt, die wir denken, sondern indem wir umgeben sind von einer Welt, von der wir eigentlich in unseren Gefühlen nur träumen können, von der wir, als mit unseren Willensimpulsen drinnenstehend, nicht mehr erleben, als wir von unserer Umgebung im Schlafe erleben, nämlich eigentlich nichts. Aber eine Welt, von der man schlafend nichts erlebt, ist doch eben um uns herum. So wie die Tische und Stühle und die anderen Gegenstände in dem Zimmer sind, in dem ein Schlafender ist, der aber von ihnen, während er schläft, nichts weiß, so weiß der Mensch nichts von derjenigen Welt, aus der seine Gefühls- und Willensimpulse kommen, weil er mit Bezug auf diese Welt fortwährend schläft. Nun ist aber gerade diese Welt, mit Bezug auf welche wir so fortwährend schlafen, diejenige, die wir gemeinsam haben mit Menschenseelen, die nicht mehr im Leibe verkörpert sind.
[ 6 ] So we also go through life while awake, not only surrounded by the world we perceive through our senses, by the world we think about, but also surrounded by a world that we can actually only dream of in our feelings—a world in which, as we are immersed in our impulses of will, we experience no more than we experience of our surroundings while asleep, namely, actually nothing. But a world of which one experiences nothing while asleep is, after all, right around us. Just as the tables, chairs, and other objects are in the room where a sleeping person is, yet that person knows nothing of them while asleep, so too does a person know nothing of the world from which his emotional and volitional impulses arise, because he is constantly asleep with regard to that world. Yet it is precisely this world—in relation to which we are so constantly asleep—that we share with human souls who are no longer embodied in a physical body.
[ 7 ] Wir haben von den verschiedensten Gesichtspunkten aus versucht, geisteswissenschaftlich die Brücke zu schlagen zwischen den sogenannten Lebenden und den sogenannten Toten. Wir können diese Brücke vorstellungsgemäß auch schlagen, indem wir uns bewußt werden, daß wir mit den im physischen Leibe verkörperten Menschen, weil diese unserem Wahrnehmungsvermögen und unserem Gedankenleben zugänglich sind, in unserem gewöhnlichen Wachzustand verbunden sind. Mit den sogenannten Toten sind wir im gewöhnlichen Wachzustand nicht verbunden, weil wir einen Teil der uns umgebenden Welt ja fortwährend verschlafen. Würden wir eindringen in diese Welt, die wir so verschlafen, so wären wir nicht mehr getrennt von der Welt, in welcher der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt. So wie wir umgeben sind von der Luft, so sind wir umgeben von der Welt, in der der Mensch sich zwischen dem Tod und einer neuen Geburt befindet, nur wissen wir von dieser Welt nichts, eben aus dem angeführten Grunde: weil wir sie verschlafen. Das hellsichtige Bewußtsein, in der Art, wie wir es öfters charakterisiert haben, führt dazu, diese Welt, die sonst verschlafen wird, anzuerkennen, diese Welt, in der der Mensch sich befindet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. In diese Welt so einzudringen, daß man zu einer gewissen Sicherheit darüber kommt, daß die eigene Seele durch des Todes Pforte seelisch lebendig geht, um in eine andere Welt einzutreten und in einem neuen Erdenleben wiederzukehren, das ist ja verhältnismäßig nicht schwierig, wenn man sorgfältig dasjenige auf die Seele wirken läßt, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in ähnlichen Büchern enthalten ist.
[ 7 ] We have attempted, from a wide variety of perspectives, to build a bridge—from a spiritual-scientific standpoint—between the so-called living and the so-called dead. We can also build this bridge in our imagination by becoming aware that we are connected in our ordinary waking state to people embodied in physical bodies, because they are accessible to our powers of perception and our life of thought. We are not connected to the so-called dead in our ordinary waking state, because we are, after all, constantly sleeping through a part of the world around us. If we were to enter this world that we sleep through, we would no longer be separated from the world in which a human being lives between death and a new birth. Just as we are surrounded by air, so are we surrounded by the world in which a human being finds themselves between death and a new birth; we simply know nothing of this world for the very reason mentioned: because we sleep through it. Clairvoyant consciousness, as we have often described it, leads us to recognize this world that is otherwise slept through—this world in which a human being finds themselves between death and a new birth. To penetrate this world in such a way that one gains a certain assurance that one’s own soul passes through the gate of death while still spiritually alive, in order to enter another world and return to a new earthly life—this is, relatively speaking, not difficult if one carefully allows what is contained in the book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds?* or in similar books.
[ 8 ] Schon viel schwieriger ist es, in diese Welt, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so einzudringen, daß konkrete, bestimmte Beziehungen sich herstellen können zwischen dem Menschen hier im physischen Leibe und konkreten Toten. Diese Beziehungen, sie sind in einer gewissen Weise immer da, wenigstens zwischen gewissen Lebenden und gewissen Toten. Aber gerade in dem, was ich heute schon gesagt habe, kann man die Gründe sehen, weshalb sich der Mensch nicht bewußt ist, daß Beziehungen zwischen ihm und gewissen sogenannten Toten immer vorhanden sind. Und gerade dasjenige, was das schauende Bewußtsein erlebt, wenn es sich in Beziehung bringen kann zu einzelnen Toten, gerade das kann uns Belehrung darüber bringen, warum der Mensch im gewöhnlichen Wachbewußtsein nichts kennenlernt von seinen Beziehungen zu den Toten, die als wirkliche Beziehungen, wie gesagt, immer vorhanden sind. Man muß, wenn solche bewußten Beziehungen hergestellt werden sollen zwischen dem schauenden, dem aufwachenden Bewußtsein und gewissen Toten, sich gewisse Seelenerlebnisse aneignen, die ganz anders sind als die Seelenerlebnisse, an die wir uns einmal im Wachbewußtsein gewöhnt haben. Gerade auf diesem Gebiet zeigt es sich, wie man alle Gewohnheiten, die man ausgebildet hat für das Erkennen der physischen Umwelt, ablegen und durch andere ersetzen muß, wenn man mit schauendem Bewußtsein in die konkrete geistige Welt eindringen will. Wenn der Schauende einem ganz bestimmten einzelnen sogenannten Toten gegenübersteht, dann kann er sich allerdings mit ihm richtig verständigen, aber er muß eben über gewisse Seelengewohnheiten hinauskommen. Die Art, wie man in einem solchen Falle seelisch erlebt, ruft in dem, dem solche Vorstellungen ganz ungewohnt sind, naturgemäß Befremden hervor.
[ 8 ] It is much more difficult to penetrate this world—the one a person experiences between death and a new birth—in such a way that concrete, specific relationships can be established between the person here in the physical body and specific deceased individuals. These relationships are, in a certain sense, always present, at least between certain living people and certain deceased individuals. But precisely in what I have already said today, one can see the reasons why a person is not aware that relationships between them and certain so-called dead people are always present. And it is precisely what the contemplative consciousness experiences when it is able to establish a connection with individual deceased persons—precisely that—that can teach us why, in ordinary waking consciousness, a person is unaware of their relationships with the deceased, which, as I have said, are always present as real relationships. If such conscious connections are to be established between the intuitive, awakening consciousness and certain deceased individuals, one must acquire certain soul experiences that are entirely different from the soul experiences to which we have become accustomed in waking consciousness. It is precisely in this area that it becomes clear how one must shed all the habits one has developed for perceiving the physical environment and replace them with others if one wishes to penetrate the concrete spiritual world with a contemplative consciousness. When the contemplator stands face to face with a very specific, individual so-called deceased person, he can indeed communicate with that person properly, but he must transcend certain soul habits. The nature of the soul’s experience in such a case naturally evokes a sense of alienation in those for whom such perceptions are entirely unfamiliar.
[ 9 ] Indem wir hier in der physischen Welt einem anderen Menschen gegenüberstehen und uns mit ihm besprechen, ist es so, daß wir wissen: Wenn wir zu dem anderen Menschen etwas sagen, dann kommt das Gesagte aus unseren eigenen Stimmorganen, es strahlt gewissermaßen von uns aus und geht zu dem anderen hin. Und wenn er uns antwortet oder uns wiederum etwas mitteilt, so strahlt das von seinen Stimmorganen aus und strahlt zu uns herüber. — Ganz anders ist es, wenn man konkrete Beziehungen zwischen dem schauenden Bewußtsein und einem ganz bestimmten Toten hat. Da ist es so, daß man sich vollständig umgewöhnen muß. Wenn wir selbst dem "Toten etwas mitteilen, wenn wir den Toten fragen, wenn wir ihm etwas sagen, dann müssen wir — so sonderbar das klingt — uns die Fähigkeit angeeignet haben, daß dasjenige, was wir selbst sagen, uns von ihm entgegenkommt, daß es von ihm ausgeht und zu uns herstrahlt. Wir müssen in der Lage sein, um einem Toten eine Mitteilung machen zu können, daß wir uns selber so ausschalten und so in ihm leben, daß er eigentlich dann spricht, wenn wir ihn fragen, wenn wir ihm eine Mitteilung machen. Und wiederum, wenn er uns antwortet, wenn er uns eine Mitteilung machen will, dann dringt das aus unserer eigenen Seele heraus, dann kündigt das sich so an, daß wir wissen: von uns strahlt es gewissermaßen aus. Also wir müssen uns völlig wenden, umkehren, wenn wir in ein reales Verhältnis zu einem konkreten Toten kommen wollen. Das ist, wenn es sich auch in einfacher Weise charakterisieren läßt, im seelischen Erleben eine außerordentlich schwierige Sache. Sich geradezu entgegengesetzt zu verhalten zur Umwelt, als man es gewohnt ist in der physischen Welt, das eignet man sich außerordentlich schwer an. Ein echter Verkehr mit den sogenannten Toten ist aber nur unter diesen Voraussetzungen möglich.
[ 9 ] When we stand face to face with another person here in the physical world and talk with them, we know that when we say something to that person, what we say comes from our own vocal organs; it radiates from us, as it were, and goes out toward the other person. And when they answer us or communicate something back to us, it radiates from their vocal organs and comes toward us. — It is quite different when one has concrete connections between the observing consciousness and a specific deceased person. In that case, one must completely adjust one’s approach. When we ourselves communicate something to the “deceased,” when we ask the deceased a question, when we say something to them, then—as strange as it may sound—we must have acquired the ability for what we ourselves say to come back to us from them, to emanate from them and radiate toward us. We must be able, in order to communicate with a deceased person, to set ourselves aside to such an extent and live within them to such an extent that they are, in fact, the ones speaking when we ask them a question or convey a message to them. And conversely, when he answers us, when he wants to convey a message to us, then it wells up from our own soul; it announces itself in such a way that we know: it radiates from us, so to speak. So we must turn completely around, reverse our orientation, if we wish to enter into a genuine relationship with a specific deceased person. Although this can be described in simple terms, it is an extraordinarily difficult matter in terms of spiritual experience. To behave in a manner that is virtually the opposite of what one is accustomed to in the physical world is something that is extremely difficult to master. Yet genuine communication with the so-called dead is possible only under these conditions.
[ 10 ] Wenn Sie aber andererseits dies bedenken, daß man innerlich vollständig umlernen muß, so werden Sie begreifen, daß Beziehungen immer da sein können zwischen den sogenannten Lebenden und den sogenannten Toten, daß aber die sogenannten Lebenden wenig Neigung zeigen werden, diese Beziehungen anzuerkennen. Denn die Lebenden sind gewöhnt — und eine solche Gewöhnung bedeutet mehr, als man gewöhnlich denkt —, wenn sie selber etwas sagen, es von sich ausstrahlend wahrzunehmen; wenn der andere etwas sagt, es von dem anderen ausstrahlend wahrzunehmen. Und wer ganz eingerostet ist in die Vorurteile der physischen Welt, der wird von vorneherein so etwas, wie ich es jetzt ausgesprochen habe, selbstverständlich ganz töricht finden müssen. Aber es ist einmal so: In die geistige Welt kann man nicht eindringen, wenn man sich nicht damit vertraut macht, daß eigentlich in der geistigen Welt vieles — ich sage vieles, nicht alles — sich gerade entgegengesetzt verhält zu den Gewohnheiten, die wir uns hier in der physischen Welt angeeignet haben. Und ein so gründlich Entgegengesetztes ist dasjenige, was ich eben auseinandergesetzt habe. Erst wenn man sich durch eine sehr intime Übung in ein solch Ungewohntes hineingefunden hat, kann man ein Urteil darüber haben, wie beschaffen die gewöhnlichen Beziehungen eines jeden Menschen zu gewissen Toten sind, wie sich diese Beziehungen gestalten.
[ 10 ] But if, on the other hand, you consider that one must completely re-educate oneself inwardly, you will understand that connections can always exist between the so-called living and the so-called dead, but that the so-called living will show little inclination to acknowledge these connections. For the living are accustomed—and such an habituation means more than one usually thinks—to perceiving what they themselves say as radiating from themselves; and when another says something, to perceive it as radiating from that other person. And anyone who is completely entrenched in the prejudices of the physical world will, from the outset, naturally find something like what I have just described to be utter nonsense. But the fact is this: One cannot enter the spiritual world unless one familiarizes oneself with the fact that, in the spiritual world, many things—I say many, not all—actually behave in a manner directly opposite to the habits we have acquired here in the physical world. And what I have just explained is precisely such a fundamental contrast. Only when one has found one’s way into such an unfamiliar realm through very intimate practice can one form a judgment about the nature of every person’s ordinary relationships with certain deceased individuals, and how these relationships take shape.
[ 11 ] Wie gesagt, diese Beziehungen sind fortwährend vorhanden. Wir müssen nur, wenn wir den Blick werfen wollen auf diese Beziehungen, nicht außer acht lassen, daß wir zu den gewöhnlichen polarisch entgegengesetzten Erlebnissen des Tages: Wachen und Schlafen —, noch zwei andere hinzuzurechnen haben, die ganz besonders wichtig sind für die Beziehungen der sogenannten Lebenden zu den sogenannten Toten, die aber bewußt zu erleben wiederum gegen die üblichen Gewohnheiten des Menschen geht. Außer dem gewöhnlichen Wachen und Schlafen gibt es nämlich das Einschlafen und das Aufwachen. Diese im Augenblick vorüberhuschenden Zustände des Einschlafens und Aufwachens sind für das gesamte seelische Leben des Menschen ebenso wichtig wie das langdauernde Schlafen und Wachen, aber sie huschen eben vorüber. Den Moment des Aufwachens erlebt der Mensch aus dem Grunde nicht, weil ja gerade darauf das volle Erwachen folgt, und der Mensch nicht geneigt ist, so schnell wahrzunehmen, wie er wahrnehmen müßte, wenn er den vorüberhuschenden Augenblick des Erwachens ergreifen wollte; der wird übertönt, übertäubt, durch das nachherige Wachleben. In naiveren Menschheitsverhältnissen, wo man von solchen Dingen manches gewußt hat, hat man auch angedeutet, was es in dieser Beziehung mit der menschlichen Seele für eine Bewandtnis hat. Nur verlieren sich nach und nach, je mehr der Materialismus fortschreitet, diese Dinge. Bei naiven, primitiven Menschen auf dem Lande draußen hört man es öfters noch sagen: Man soll, wenn man aufwacht, nicht gleich ins helle Fenster schauen, man soll nicht gleich die Augen aufmachen. — Solch eine Rede geht aus einem sehr tiefen Instinkte hervor, aus dem Instinkte, nicht sogleich durch das wache Tagesleben den Moment des Aufwachens zu übertäuben, um etwas festhalten zu können von dem, was im Moment des Aufwachens da ist.
[ 11 ] As I said, these relationships are constantly present. If we wish to examine these relationships, we must not overlook the fact that, in addition to the usual polar opposites of daily experience—waking and sleeping—we must include two others that are particularly important for the relationships between the so-called living and the so-called dead, but which, when experienced consciously, run counter to human habits. In addition to the usual waking and sleeping, there is, in fact, falling asleep and waking up. These fleeting states of falling asleep and waking up are just as important for the entire spiritual life of a human being as prolonged sleeping and waking, but they simply flit by. The reason people do not experience the moment of waking is that full awakening follows immediately afterward, and people are not inclined to perceive it as quickly as they would have to if they wanted to grasp the fleeting moment of waking; it is drowned out and drowned in by the waking life that follows. In more naive societies, where people knew a great deal about such things, they also hinted at what this means for the human soul in this regard. But as materialism advances, these insights are gradually lost. Among naive, primitive people out in the countryside, one still often hears them say: When you wake up, you shouldn’t look straight into a bright window; you shouldn’t open your eyes right away. — Such talk springs from a very deep instinct—the instinct not to immediately let waking daily life drown out the moment of waking, so as to be able to hold on to something of what is present at the moment of waking.
[ 12 ] Ebenso wichtig aber ist der Moment des Einschlafens, nur schläft man meist gleich hinterher ein. Das Bewußtsein hört dann auf. Und daher wird der Moment des Einschlafens für das gewöhnliche Bewußtsein auch nicht in gehöriger Weise beachtet.
[ 12 ] Equally important, however, is the moment of falling asleep, though one usually drifts off immediately afterward. Consciousness then ceases. And for this reason, the moment of falling asleep is not given due attention by ordinary consciousness.
[ 13 ] Gerade wichtig für die Beziehungen des Menschen, der hier in der physischen Welt verkörpert ist, zu den Toten, erweist sich aber dasjenige, was erlebt werden kann und auch wirklich erlebt wird im Momente des Einschlafens und im Momente des Aufwachens. Solche Dinge können ja natürlich nur beobachtet werden mit dem schauenden Bewußtsein. Wenn aber das schauende Bewußtsein es dahin gebracht hat, solche Beziehungen zu gewissen Toten herzustellen, die nur hergestellt werden können durch die angeführte vollständige Umwandlung, Umgewöhnung der Seelenverfassung, dann kann es auch beurteilen, wie die wirklichen, aber unbewußten Verhältnisse der sogenannten Lebenden zu den sogenannten Toten sind. Am günstigsten, um allerlei, was wir selber in der Seele an Beziehungen zu bestimmten Toten entwickelt haben, an die Toten heranzubringen, ist der Moment des Einschlafens. Und am günstigsten, um Antworten, um Mitteilungen von den Toten ins physische Erdenleben hereinzubekommen, ist der Moment des Aufwachens.
[ 13 ] What can be experienced—and is indeed experienced—at the moment of falling asleep and at the moment of waking up proves to be particularly important for the relationships of the human being, who is incarnated here in the physical world, with the dead. Such things can, of course, only be observed with the contemplative consciousness. But once the observing consciousness has succeeded in establishing such relationships with certain deceased individuals—relationships that can only be established through the aforementioned complete transformation and readjustment of the soul’s state—then it can also assess what the actual, though unconscious, relationships of the so-called living to the so-called dead are like. The most favorable time to convey to the dead all manner of relationships we ourselves have developed in our souls toward certain deceased individuals is the moment of falling asleep. And the most favorable time to receive answers and messages from the dead into physical earthly life is the moment of waking up.
[ 14 ] Sie müssen sich nicht daran stoßen, daß dasjenige, was ich jetzt gesagt habe, ja bedingt, daß der Mensch im Einschlafen irgendeine Frage an den T'oten richtet, eine Mitteilung an den Toten gelangen läßt, und erst im Moment des Aufwachens eine Antwort oder eine Rückmitteilung bekommt. Mit Bezug auf die übersinnliche Welt sind die Zeitverhältnisse ganz anders. Was durch Stunden auseinandergerückt ist hier für die physische Welt, braucht nicht auch auseinandergerückt zu sein im wirklichen übersinnlichen Leben. Man kann durchaus sagen: Während man hier im physischen Leben, wenn man jemand fragt, sogleich eine Antwort erwartet, empfindet man dort das Verhältnis gerade so, daß, wenn man mit dem Einschlafen Fragen an den Toten richtet, man die Antwort mit dem Aufwachen erhält. Diese Beziehung ist wirklich zwischen Lebenden und Toten immer vorhanden. Eigentlich hat jeder Mensch, der ihm zugehörige andere Menschen für den physischen Plan dadurch verloren hat, daß sie durch die Pforte des Todes gegangen sind, solche Beziehungen, die ihre wichtigste Entfaltung im Einschlafen und Aufwachen erleben. Sie werden nur aus dem Grunde nicht in das Bewußtsein heraufgebracht, weil eben diese günstigen Momente schnell vorüberhuschen und der Mensch nicht gewöhnt ist, das ins Bewußtsein aufzunehmen, was in diesen schnell vorüberhuschenden Momenten an seine Seele herantritt. Um das, was in solchen vorüberhuschenden Momenten an uns herankommt, festzuhalten, ist ja nichts geeigneter als die Beschäftigung mit den feineren, subtileren Gedanken der Geisteswissenschaft. Wer Geisteswissenschaft sich so aneignet, daß sie nicht ein bloßes Kopfwissen, sondern eine innere Substanz der Seele selbst ist, etwas, das nicht nur mit Klugheit, sondern mit Liebe ergriffen wird, so daß es ganz in die Seele übergeht, wer nicht nur mit wissenschaftlicher Neugierde oder mit Wißbegierde an den Gedanken der Geisteswissenschaft hängt, sondern mit Liebe ihnen nachgeht, dem senkt gerade diese Liebe in die Seele solche Kraft, daß er bei einiger Aufmerksamkeit schon nach und nach der hier angeführten großen Bedeutung der Momente des Einschlafens und des Aufwachens gewahr wird. Und je mehr Geisteswissenschaft in die Seelen der Menschen sich senken wird, desto mehr werden die Menschen in das reale Leben nicht nur das aufnehmen, was sie im Wachen erleben, sondern auch dasjenige, was ihnen aus einer übersinnlichen Welt zukommt im Einschlafen, namentlich aber im Aufwachen. Wir müssen uns nur klar sein, daß wir solche realen Beziehungen, wie ich sie jetzt meine, eigentlich nur immer zu solchen Toten herstellen können, mit denen wir irgendwie karmisch verbunden sind. Aber wir sind mit viel mehr Seelen karmisch verbunden, als wir glauben. Für den bewußten oder unbewußten Verkehr zwischen Lebenden und Toten ist allerdings die karmische Verbindung etwas so Notwendiges, wie es notwendig ist, das Auge auf ein Sinnesobjekt zu richten, um es wahrzunehmen. Wie da die Sinnesbeziehung hergestellt werden muß, so ist eine Voraussetzung für einen Verkehr zwischen Lebenden und Toten, daß gewisse karmische Beziehungen zwischen ihnen herrschen oder wenigstens hergestellt werden.
[ 14 ] You need not take offense at the fact that what I have just said does indeed imply that, when falling asleep, a person asks the dead some question, sends a message to the dead, and only receives an answer or a reply at the moment of waking up. With regard to the supersensible world, the temporal relationships are quite different. What is separated by hours here in the physical world need not necessarily be separated in actual supersensible life. One can certainly say: Whereas here in physical life, when one asks someone a question, one expects an immediate answer, there the relationship is such that when one addresses questions to the dead as one falls asleep, one receives the answer upon waking. This connection truly always exists between the living and the dead. In fact, every person who has lost loved ones on the physical plane because they have passed through the gate of death has such relationships, which find their most significant expression in the moments of falling asleep and waking up. They are not brought into consciousness simply because these favorable moments pass by so quickly, and people are not accustomed to taking into consciousness what approaches their soul during these fleeting moments. To grasp what approaches us in such fleeting moments, nothing is more suitable than engaging with the finer, more subtle thoughts of spiritual science. Whoever makes spiritual science their own in such a way that it is not merely intellectual knowledge but an inner substance of the soul itself—something grasped not only with intelligence but with love, so that it passes entirely into the soul— who does not merely cling to the ideas of spiritual science out of scientific curiosity or a thirst for knowledge, but pursues them with love—it is precisely this love that instills such power into the soul that, with a little attention, he gradually becomes aware of the great significance, as mentioned here, of the moments of falling asleep and waking up. And the more spiritual science sinks into people’s souls, the more people will take into their real lives not only what they experience while awake, but also what comes to them from a supersensible world as they fall asleep, and especially as they wake up. We must simply be clear that we can actually establish such real connections—as I mean them now—only with those who have passed away with whom we are somehow karmically connected. But we are karmically connected to far more souls than we realize. For conscious or unconscious communication between the living and the dead, however, the karmic connection is as necessary as it is necessary to direct one’s gaze toward a sensory object in order to perceive it. Just as the sensory connection must be established in that case, so too is it a prerequisite for communication between the living and the dead that certain karmic relationships exist between them—or at least are established.
[ 15 ] Wenn wir nun den Moment des Einschlafens zunächst ins Auge fassen, so ist das derjenige Augenblick, der besonders günstig ist, um an irgendeinen, der hinweggegangen ist, und der uns lieb und wert war, der mit uns sonst karmisch verbunden war, dasjenige heranzubringen, was wir zu ihm an Beziehungen entwickelt haben. Der Augenblick des Einschlafens ist dafür besonders gut. Wir entwickeln natürlich unsere Beziehungen zu den Toten, mit denen wir karmisch verbunden sind, in dem wachen Tagesleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Wir gedenken der Toten. Alles dasjenige, was wir in der Weise im Verhältnis zu den Toten denken, daß wir es etwa gerne an sie heranbringen möchten, daß wir es ihnen gerne sagen möchten, das drängt sich dann im Moment des Einschlafens zusammen und gelangt, wenn es uns auch unbewußt bleibt, für das gewöhnliche Bewußtsein, zu den Toten hin. Nur ist eine gewisse Seelenverfassung für diese Mitteilungen ganz besonders günstig, eine andere Seelenverfassung ungünstig.
[ 15 ] If we now consider the moment of falling asleep, this is the moment that is particularly favorable for bringing to mind—in relation to someone who has passed away, who was dear and precious to us, and who was otherwise karmically connected to us—the bonds we developed with that person. The moment of falling asleep is particularly well-suited for this. Naturally, we develop our relationships with the dead to whom we are karmically connected during our waking daily life, from the moment we wake up until we fall asleep. We remember the dead. Everything we think about the dead—things we would like to convey to them, things we would like to tell them—comes together at the moment of falling asleep and, even if it remains unconscious to us and beyond the reach of ordinary consciousness, reaches the dead. However, a certain state of mind is particularly conducive to these communications, while another state of mind is not.
[ 16 ] Sehen Sie, ein bloß trockenes, kaltes Denken an die Toten, das ist wenig geeignet, zu den Toten wirklich hinzugelangen, als Mitteilung an sie heranzukommen. Wollen wir, daß gewissermaßen der Moment des Einschlafens wirklich ein Tor wird, durch das unsere eigenen Seelenerlebnisse, die zu den Toten Beziehungen haben, zu den Toten hindringen, dann müssen wir uns mit den Toten in anderer Weise wachend beschäftigen als durch kalte, trockene Gedanken. Wir müssen versuchen, Gedanken rege zu machen, welche uns mit dem Toten, während er noch selbst hier unter den sogenannten Lebenden weilte, verbunden haben. Aber wir müssen in die Gedanken dann besonders dasjenige hineinlegen, was eine gemüthafte Verbindung herstellen kann. In gleichgültiger Weise an den Toten denken hilft nicht viel. Alles dasjenige aber, was einen gemüthaft mit ihm verbunden hält, das ist gut, sich vor die Seele zu rufen: Wie man mit dem Toten da oder dort war, wie man gerade sich mit ihm unterhalten hat, dadurch daß man für etwas, was ihn besonders interessierte, aus dem Gefühl heraus selber ein reges Interesse entwickelte; oder eine Situation in sich wachzurufen, wie man einmal mit dem Toten zusammen war hier im Leben und etwas, was ihm nahegegangen ist, einem auch naheging, oder umgekehrt; wie man versucht war, etwas, was man erlebt hat, weil man den anderen gerne hatte, dem anderen mitzuteilen, um es mit ihm gemeinsam zu erleben. Nicht trockene Gedanken, sondern von Liebe, von Gemüthaftigkeit durchsetzte Gedanken! Diese Gedanken, die bleiben dann in unserer Seele bis zum Moment des Einschlafens. Und da findet sich dann das Tor, durch das sie als Mitteilung sicher zu dem Toten kommen.
[ 16 ] You see, a mere dry, cold way of thinking about the dead is hardly suitable for truly reaching the dead or for communicating with them. If we want the moment of falling asleep, so to speak, to truly become a gateway through which our own soul experiences—those connected to the dead—can reach the dead, then we must engage with the dead while awake in a different way than through cold, dry thoughts. We must try to bring to life the thoughts that connected us to the deceased while he was still here among the so-called living. But we must then infuse those thoughts especially with what can establish a heartfelt connection. Thinking of the deceased in an indifferent manner does not help much. But everything that keeps us connected to him in a heartfelt way—it is good to recall such things to our soul: How one was with the deceased here or there, how one was just conversing with him, by developing a lively interest of one’s own—out of genuine feeling—in something that particularly interested him; or recalling a situation in which one was once together with the deceased here in life, and something that touched him also touched one, or vice versa; how one was tempted to share something one had experienced with the other—simply because one cared for them—in order to experience it together with them. Not dry thoughts, but thoughts imbued with love and warmth! These thoughts then remain in our soul until the moment we fall asleep. And there we find the gateway through which they are safely conveyed to the deceased.
[ 17 ] Wir sollten uns über diese Dinge eigentlich nicht täuschen. Wir träumen von einem Toten. Wenn wir von einem Toten träumen, so ist das schon in sehr vielen Fällen — natürlich nicht in allen Fällen — herrührend von einer realen Beziehung zu dem Toten. Aber das, was wir träumen, insofern es dem Moment des Einschlafens folgt, ist eigentlich nur eine traumartige, bildhafte Umgestaltung desjenigen, was wir dem Toten mitteilen. Wir erleben nicht den Moment des Einschlafens, wo wirklich solche Gedanken, wie eben charakterisiert, zu dem Toten hinübergehen, weil dieser Moment des Einschlafens so schnell vorüberhuscht. Aber dieser Moment des Einschlafens klingt eigentlich nach in dem folgenden Schlafe, klingt in dem Traume aus. Wenn wir die Sache richtig verstehen, so werden wir Träume von Toten nicht auslegen als Botschaften von den Toten. Sie könnten es sein, werden es aber in der Regel nicht sein. Es sind halb uns zum Bewußtsein kommende Impulse, die uns das Folgende besagen. Träumen wir von einem Toten, so bedeutet das: Wir haben an einem vorhergehenden Tage einen solchen Gedanken an den Toten willkürlich oder unwillkürlich gerichtet, wie ich ihn charakterisiert habe. Dieser Gedanke hat den Weg zu dem Toten gefunden, und der Traum zeigt uns an, daß wir eigentlich zu dem Toten gesprochen haben. Das, was der Tote uns dann antwortet, was der Tote uns mitteilt, diese Botschaften vom Toten, die kommen besonders leicht herein im Moment des Aufwachens. Und sie würden sich viel leichter einstellen für die sogenannten Lebenden, wenn diese in unserer gegenwärtigen Zeit nur überhaupt Zeit hätten, Neigung hätten, ein wenig achtzugeben auf dasjenige, was zwischen den Zeilen des Lebens aus tiefen Untergründen des Bewußtseins heraufkommt.
[ 17 ] We really shouldn’t delude ourselves about these things. We dream of a dead person. When we dream of a dead person, in very many cases—though of course not in all cases—this stems from a real relationship with that person. But what we dream—insofar as it follows the moment of falling asleep—is really just a dreamlike, pictorial transformation of what we communicate to the deceased. We do not experience the moment of falling asleep, when thoughts such as those just described are actually transmitted to the deceased, because that moment of falling asleep passes so quickly. But this moment of falling asleep actually lingers on into the sleep that follows, finding its resolution in the dream. If we understand the matter correctly, we will not interpret dreams about the dead as messages from the dead. They could be, but as a rule they are not. They are impulses that come half-way into our consciousness, telling us what follows. If we dream of a deceased person, it means: On a previous day, we directed a thought toward the deceased—whether voluntarily or involuntarily—of the kind I have described. This thought found its way to the deceased, and the dream indicates to us that we were actually speaking to the deceased. What the deceased then answers us, what the deceased communicates to us—these messages from the deceased—come through particularly easily at the moment of waking. And they would occur much more easily for the so-called living if, in our present time, they only had the time—or the inclination—to pay a little attention to what rises up from the deep recesses of consciousness between the lines of life.
[ 18 ] Ja, der heutige Mensch ist eitel und selbstsüchtig, und wenn irgend etwas in seiner Seele aufsteigt, dann ist er sich zumeist klar darüber, daß es seine Genialität ist, die das hat aufsteigen lassen. Bescheiden sein, das ist ja eine ins Leben hineingestellte Ermahnung; im Inneren seines Wesens bescheiden zu sein ist für den Menschen nicht so ganz leicht. Bescheiden zu sein bedeutet auch, daß man wirklich unterscheiden lernt zwischen dem, was aus der eigenen Kraft der Seele heraufkommt, und dem, was von fremden, übersinnlichen Impulsen aus der eigenen Seele heraufkommt. Wie derjenige, der das schauende Bewußtsein hat, die Antwort des Toten von der eigenen Seele aus aufsteigend empfindet und wahrnimmt, so kommen diese Antworten der Toten, diese Botschaften von den Toten in der Zeit des Wachens vom Aufwachen bis zum Einschlafen aus den Tiefen der Seele herauf. Allein, man kann sagen: Ebensowenig wie der Mensch während des Tages die Sterne sieht — trotzdem sie fortwährend am Himmel stehen —, weil das Sonnenlicht sie übertönt, ebensowenig nimmt der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein wahr, was da von dem Grunde seiner Seele fortwährend heraufkommt, weil das äußere Leben, das durch die Eindrücke der Sinne veranlaßt wird, das eben übertönt. Wird man intim, möchte ich sagen, mit seiner eigenen Seele bekannt, lernt man unterscheiden dasjenige, von dem wir selbst der Ursprung sind, von dem, was als Fremdes herauftönt aus der eigenen Seele, dann lernt man nach und nach auch im wachen Tagesleben Botschaften der Toten erkennen. Dann aber verbindet man mit dieser Erkenntnis etwas außerordentlich Wichtiges. Dann sagt man sich: Wir sind ja eigentlich nicht von den Toten getrennt, die Toten leben unter uns. Sie kündigen sich eben nicht an so wie andere sinnliche Wesen, die uns von außen her ihre Impulse senden, sondern sie kündigen sich von innen heraus an, sie sprechen durch unser eigenes Innere zu uns, sie tragen uns.
[ 18 ] Yes, people today are vain and selfish, and when something stirs within their soul, they are usually well aware that it is their own genius that has brought it about. To be humble—that is, after all, an admonition set before us in life; but to be humble at the core of one’s being is not all that easy for human beings. To be humble also means learning to truly distinguish between what arises from the soul’s own power and what arises from foreign, supersensory impulses within one’s own soul. Just as the person who possesses the contemplative consciousness feels and perceives the dead person’s response rising up from their own soul, so do these responses from the dead—these messages from the dead—rise up from the depths of the soul during waking hours, from the moment of waking until falling asleep. Yet one can say: Just as a person does not see the stars during the day—even though they are constantly in the sky—because the sunlight drowns them out, so too does a person in ordinary consciousness fail to perceive what is constantly rising from the depths of their soul, because external life, driven by sensory impressions, drowns it out. If one becomes, I would say, intimately acquainted with one’s own soul—if one learns to distinguish that which originates from within oneself from that which resounds as something foreign from one’s own soul—then, little by little, one learns to recognize messages from the dead even in waking daily life. But then one associates something extraordinarily important with this realization. Then one says to oneself: We are not actually separated from the dead; the dead live among us. They simply do not announce themselves in the same way as other sensory beings who send us their impulses from the outside; rather, they announce themselves from within, they speak to us through our own inner being, they carry us.
[ 19 ] Allerdings, die Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft wird sich, so notwendig sie es hat, schwer daran gewöhnen, nicht mehr zu glauben, daß die Impulse, unter denen sie handelt, nur von der sinnlichen Außenwelt kommen, zu erkennen, daß in dem, was wir unser soziales, unser sonstiges Leben nennen, nicht nur der sogenannte Lebende lebt, sondern auch der sogenannte Verstorbene, daß die Toten immer da sind und in uns und mit uns wirken. In mythischer Form haben es die alten Menschen gewußt. Wenn die alten Menschen werte Dahingestorbene als Stammesherren, als Ahnengötter verehrt haben, so rührte das davon her, daß die alten Menschen im atavistischen Bewußtsein Erkenntnisse davon hatten, daß die Toten immer da sind, daß sie durch die Lebenden immer wirken. Dieses Bewußtsein mußte allerdings aus guten Gründen für die Menschheit verlorengehen, aber es muß wiederkommen! Man wird wieder wissen müssen, daß in unserer Umgebung die Toten sind, daß durch unsere Seele die Toten sprechen, daß wir Gemeinschaft mit den Toten haben. Man wird anerkennen müssen, daß die Geisteswissenschaft gefragt werden muß, wie das Leben eigentlich beschaffen ist, und daß die äußere Wissenschaft über das Leben irreführen muß, weil sie nicht zu unterscheiden weiß zwischen dem, was aus der sinnlichen Welt kommt, und dem, was aus der übersinnlichen Welt kommt. Unsere Geschichtsschreibung ist ja im Grunde genommen allmählich zu etwas ganz grotesk Unsinnigem geworden. Man spricht von Ideen, die in der Geschichte leben sollen, als wenn die Ideen heranflögen wie Kolibris oder andere Vögel, während in Wahrheit die Impulse, die vielfach als geschichtliche Impulse da sind, eben die Impulse der Toten sind.
[ 19 ] However, humanity today and in the near future—as necessary as it may be—will find it difficult to get used to no longer believing that the impulses driving its actions come solely from the external sensory world; to recognize that in what we call our social and other aspects of life, not only the so-called living exist, but also the so-called dead—that the dead are always present and work within us and alongside us. The ancient peoples knew this in mythical form. When the ancient people revered the departed as tribal leaders or ancestral gods, this stemmed from the fact that, in their atavistic consciousness, they had an insight into the fact that the dead are always present, that they are always at work through the living. This consciousness, however, had to be lost to humanity for good reasons, but it must return! We will have to realize once more that the dead are present in our surroundings, that the dead speak through our souls, and that we are in communion with the dead. We will have to acknowledge that spiritual science must be consulted to understand the true nature of life, and that external science must lead us astray regarding life because it cannot distinguish between what comes from the sensory world and what comes from the supersensory world. Our historiography has, after all, gradually become something quite grotesquely nonsensical. People speak of ideas that are supposed to live on in history, as if these ideas were fluttering in like hummingbirds or other birds, whereas in truth the impulses that are often present as historical impulses are precisely the impulses of the dead.
[ 20 ] Dieses Bewußtsein von dem Gemeinschaftsleben mit den Toten, das muß sich ausbilden. Und indem sich das Bewußtsein ausbildet, und indem dann das menschliche Seelenleben verfeinert wird durch die Begriffe der Geisteswissenschaft, die nur dann das menschliche Leben nicht verfeinern, wenn sie theoretisch und nicht liebevoll gefaßt werden — indem das alles eintritt, werden gewissermaßen die Toten auch für das Bewußtsein der Menschheit gegenwärtig werden. Dann wird derjenige große Teil der Wirklichkeit, der heute unbewußt bleibt und unberücksichtigt bleibt, mitberücksichtigt werden. Man wird dann erst mit der vollen Wirklichkeit und in der vollen Wirklichkeit leben. Das ist eine Aufgabe für die Menschheit von dieser Zeit an. Denn die Menschheit lebt gegenwärtig in einer großen Katastrophe. Die tieferen Gründe, warum diese Katastrophe entstanden ist, sind die, daß die Menschen verlernt haben, in der Wirklichkeit zu leben. Die Menschen sind durch das materialistische Bewußtsein weit getrennt von der Wirklichkeit. Sie glauben der Wirklichkeit nahe zu sein, weil sie nur den einen Teil der Wirklichkeit, die sinnliche Wirklichkeit gelten lassen und das andere für einen Gegenstand der bloßen Phantasterei ansehen; aber gerade dadurch trennt man sich von der Wirklichkeit, daß man die eine Hälfte der Wirklichkeit nicht anerkennt. Dadurch kommt man nicht zu eindringlichen Begriffen von der Wirklichkeit. Wenn man nur einsehen würde, daß mit so etwas, was ich eben jetzt ausgesprochen habe, sehr, sehr viel und wirklich Praktisches für die Gegenwart gesagt ist!
[ 20 ] This awareness of our shared life with the dead must develop. And as this awareness develops, and as human soul life is refined through the concepts of spiritual science—which fail to refine human life only when they are approached theoretically rather than lovingly—as all this takes place, the dead will, in a sense, also become present to the consciousness of humanity. Then that large part of reality which today remains unconscious and unaccounted for will be taken into account. Only then will people live with the full reality and within the full reality. This is a task for humanity from this time onward. For humanity is currently living through a great catastrophe. The deeper reasons why this catastrophe has arisen are that people have forgotten how to live in reality. Through materialistic consciousness, people are far removed from reality. They believe they are close to reality because they acknowledge only one part of reality—sensory reality—and regard the other as a mere figment of the imagination; but it is precisely by failing to acknowledge one half of reality that one separates oneself from it. As a result, one fails to arrive at profound understandings of reality. If only people would realize that what I have just said contains a great deal of truly practical insight for the present!
[ 21 ] Unsere Kinder und jungen Leute lernen heute Geschichte. In der heutigen Zeit und schon seit langem haben sich die Menschen daran gewöhnt, Geschichte zu lernen, das heißt das, was sie als Geschichte ansehen. Aber wieviel haben die Menschen von der Geschichte gelernt? Nun ja, die Menschen sind heute sehr häufig aufgerufen gegenüber den Ereignissen, die als Elementarereignisse in jeder Stunde eintreten, sich zu fragen: Was lehrt uns darüber die Geschichte? — Die Phrase kann man ja immer wieder und wiederum lesen: Aus der Geschichte kann man dies oder jenes lernen. — Die Menschen lernen eben nichts von der Wirklichkeit. Noch nie hätte man von der Wirklichkeit so viel lernen können wie in den letzten dreieinhalb Jahren. Aber unzählige Menschen verschlafen diese unendlich bedeutungsvolle Wirklichkeit. Als diese katastrophalen Ereignisse begonnen haben, da haben sich sehr gescheite Leute, die geglaubt haben, gerade von der Geschichte viel gelernt zu haben, darüber ausgesprochen, wie lange diese Kriegsereignisse, wie sie sie nennen, dauern könnten. Mit den Gründen, die sie haben konnten, haben sie auch das belegen können, was sie ausgesprochen haben; sie haben gesagt: Vier bis sechs Monate; länger kann nach den Kenntnissen, die man haben kann, diese Kriegskatastrophe gar nicht dauern. — Es waren durchaus Fachleute, die sich so ausgesprochen haben. Nun, die Tatsachen kamen anders. Und man braucht wahrhaftig kein unbedeutender Geist zu sein, um, verführt durch das, was man in der neueren Zeit Geschichte nennt, so zu urteilen. Ein wahrhaftig nicht unbedeutender Mensch hat im Jahre 1789 seine Geschichtsprofessur an der Universität angetreten und eine Antrittsrede gehalten, in der dieser wahrhaftig gar nicht unbedeutende Mensch dazumal gesagt hat, die Geschichte lehre, es sei sehr wahrscheinlich, daß in der Zukunft die Völker Europas zwar allerlei Händel miteinander haben werden, aber daß sie sich nicht mehr zerfleischen können; dazu sei doch die Menschheit zu fortgeschritten. 1789 hat ein nicht unbedeutender Mensch, hat Friedrich Schiller diesen Ausspruch bei Antritt seiner Professur getan aus der Geschichtsbetrachtung heraus, der sich selbst Schiller hingeben konnte, mit Recht. Aber was folgte auf dasjenige, was Schiller da gesagt hat? Die Französische Revolution; die großen Kriege im Anfang des 19. Jahrhunderts. Und wenn es eine Lehre der Geschichte wäre, daß die Menschen Europas als Mitglieder einer großen Familie sich niemals wieder zerfleischen könnten, dann wären alle Ereignisse der Gegenwart erst recht unmöglich.
[ 21 ] Our children and young people are learning history today. In this day and age—and for a long time now—people have become accustomed to learning history, that is, what they regard as history. But how much have people actually learned from history? Well, people today are very often called upon, in the face of events that occur as fundamental occurrences at every moment, to ask themselves: What does history teach us about this? — One can read this phrase over and over again: “From history, one can learn this or that.” — People simply learn nothing from reality. Never before could one have learned so much from reality as in the last three and a half years. But countless people are sleeping through this infinitely significant reality. When these catastrophic events began, very intelligent people—who believed they had learned a great deal from history—spoke out about how long these “war events,” as they call them, might last. Based on the evidence they had at the time, they were able to substantiate their claims; they said: four to six months; according to the knowledge available, this war catastrophe could not possibly last any longer. — These were, without a doubt, experts who made such statements. Well, the facts turned out differently. And one truly need not be a man of little intellect to make such a judgment, seduced by what is called “history” in modern times. A truly not insignificant man took up his professorship of history at the university in 1789 and delivered an inaugural address in which this truly not insignificant man said at the time that history teaches us it is very likely that, in the future, the peoples of Europe will indeed have all sorts of disputes with one another, but that they will no longer be able to tear one another apart; for humanity had, after all, progressed too far for that. In 1789, a man of no small significance—Friedrich Schiller—made this statement upon assuming his professorship, based on his own interpretation of history, to which Schiller himself was rightly devoted. But what followed what Schiller said there? The French Revolution; the great wars at the beginning of the 19th century. And if the lesson of history were that the peoples of Europe, as members of one great family, could never again tear one another apart, then all the events of the present would be all the more impossible.
[ 22 ] So sonderbar es klingt, notwendig ist es, über diese Dinge umzulernen. Dasjenige, was man Geschichte genannt hat, ist eben gar nicht Geschichte. Im geschichtlichen Leben der Menschen wirken die Kräfte mit, die die übersinnlichen sind. In das geschichtliche Leben wirken die Toten herein, und ein Urteil aus der Geschichte wird sich erst dann ergeben, wenn dieses Urteil auf geisteswissenschaftlicher Grundlage gefaßt wird. Solange dies nicht geschieht, wird die Geschichte niemals etwas lehren, wird die Geschichte niemals eine praktische Wissenschaft, wird sie niemals geeignet sein, Maximen abzugeben für dasjenige, was zu geschehen hat. Daher steht der Mensch heute so hilflos den Ereignissen gegenüber, weil es notwendig ist in unserer Zeit, daß geisteswissenschaftliche Maximen zu praktischen Lebensgrundlagen gemacht werden. Solange dies nicht geschieht, werden die katastrophalen Ereignisse nicht in Wahrheit überwunden werden können.
[ 22 ] As strange as it may sound, it is necessary to rethink these things. What has been called “history” is, in fact, not history at all. Supernatural forces are at work in the historical life of humankind. The dead influence historical life, and a judgment of history will only emerge when that judgment is based on spiritual science. As long as this does not happen, history will never teach us anything; history will never become a practical science; it will never be capable of providing guiding principles for what must happen. This is why people today stand so helpless in the face of events, because it is necessary in our time for spiritual scientific principles to be made into practical foundations for life. As long as this does not happen, catastrophic events cannot truly be overcome.
[ 23 ] Ich habe gesagt: Besonders günstig, um an den Toten heranzukommen, sind die Gedanken, welche aus einer Gemütsbeziehung zu dem Toten heraus entsprungen sind, und die so erinnert werden, daß man sich an diese Gemütsbeziehung miterinnert. Besonders günstig, um Antwort von dem Toten zu bekommen, besonders günstig dafür, daß der Tote in unser Leben hereinwirkt, ist es, wenn wir den Toten wirklich kennen, wenn wir die Möglichkeit haben, uns in seine Wesenheit zu vertiefen. Sich in das Wesen anderer Menschen zu vertiefen, dazu wird auch Geisteswissenschaft die Impulse geben können. Denn heute ist es gerade durch die materialistische Seelenverfassung wenig möglich, daß sich die Menschen im Leben kennen. Sie glauben einander zu kennen, aber sie gehen nur aneinander vorbei, reden aneinander vorbei. Man kann heute dreißig oder mehr Jahre mit jemandem verheiratet sein — und ihn sehr wenig kennen. Es gehört eine gewisse Verfeinerung der Seele dazu, um das Wesen eines anderen zu kennen. Wenn man des anderen Wesen kennen kann wie sein eigenes, dann ist die Voraussetzung gegeben, sich sein Wesen vor die Seele zu rufen. Wenn wir das Wesen eines Toten, an den wir Fragen stellen wollen, uns dadurch vor die Seele rufen, daß wir uns etwas vergegenwärtigen, was uns gemüthaft mit ihm verbindet, und sein Wesen recht lebendig uns dazu vorstellen, dann bekommen wir sicher auch Antwort; dann ist es nur an uns, die nötige Aufmerksamkeit zu entwickeln für das Zusammenspiel dessen, was wir an den Toten richten, mit dem, was sicher von dem Toten zurückkommt, wenn die angeführten gemütvollen Beziehungen erinnert werden. Es ist dann möglich, daß das, was wir an den Toten heranbringen, seine Antwort findet von dem Toten, wenn wir uns lebendig vor die Seele stellen können, was wir von seinem Wesen wirklich verständnisvoll aufgenommen haben.
[ 23 ] I have said: Thoughts that have arisen from an emotional connection to the deceased, and that are recalled in such a way that one also remembers this emotional connection, are particularly conducive to reaching the deceased. It is particularly conducive to receiving a response from the deceased—and particularly conducive to the deceased influencing our lives—when we truly know the deceased, when we have the opportunity to delve deeply into their being. Spiritual science will also be able to provide the impetus for delving into the being of other people. For today, precisely because of the materialistic state of the soul, it is hardly possible for people to truly know one another in life. They believe they know one another, but they merely pass each other by, talking past one another. Today, one can be married to someone for thirty or more years—and know very little about them. It requires a certain refinement of the soul to know the essence of another. If one can know another’s essence as well as one’s own, then the prerequisite is met to summon that essence before one’s soul. If we summon the essence of a deceased person—to whom we wish to ask questions—before our soul by recalling something that connects us to them in a heartfelt way, and by vividly imagining their essence, then we will surely receive an answer; then it is solely up to us to develop the necessary attentiveness to the interplay between what we direct toward the deceased and what surely returns from the deceased when the aforementioned heartfelt connections are recalled. It is then possible that what we bring to the deceased will find its answer from the deceased if we can vividly bring before our soul what we have truly and comprehensively absorbed of their nature.
[ 24 ] Über manche andere konkrete Beziehung zu den Toten kann das schauende Bewußtsein Aufschluß geben. Ich will zunächst heute von einer noch sprechen. Sehen Sie, diejenigen, die als unsere Angehörigen oder unsere Freunde oder sonstwie karmisch zu uns gehörige Menschen durch die Pforte des Todes gehen, sie gehen entweder als Kinder oder junge Menschen dahin oder als ältere Menschen. Wenn man mit dem schauenden Bewußtsein beobachtet, wie die Beziehungen zu den verschiedenen Toten sind, so kann man in bezug auf dieses Hinweggehen in verschiedenen Lebensaltern das Folgende sagen. Wenn Kinder oder jüngere Menschen durch die Pforte des Todes gehen, so kann man das Verhältnis, das sie zu den Zurückgebliebenen behalten, mit den Worten bezeichnen: Kinder oder jüngere Menschen haben diejenigen, die hier ihre Angehörigen waren, nicht verloren, sie bleiben eigentlich unmittelbar da in der Umgebung. Und das, was wir als Schmerz, als Trauer empfinden, bekommt dadurch seinen Charakter. Wenn der Mensch, der mit schauendem Bewußtsein ausgestattet ist, den Seelenschmerz beobachtet, den eine Mutter oder ein Vater über ein hinweggegangenes Kind haben, so ist dieser Seelenschmerz ein ganz anderer als der Schmerz, den man empfindet als junger Mensch, wenn einem ein Älterer hinwegstirbt. Gewiß, in oberflächlicher, äußerer Beziehung sind diese Seelenerlebnisse mehr oder weniger gleich, aber wenn man sie intimer auffaßt, sind sie grundverschieden. Die jünger dahingestorbenen Menschen gehen nicht weg, sie bleiben eigentlich da — so kann man das Verhältnis bezeichnen —, und sie leben mit unseren Seelen weiter, leben in unseren Seelen weiter. Und es ist eigentlich der Schmerz, den wir empfinden, die Trauer, die wir empfinden, dasjenige, was die jünger verstorbenen Toten selber in uns erleben. Das überträgt sich in unseren Schmerz, in unsere Trauer. Sie bleiben bei uns. Es ist eine Umsetzung ihres eigenen Schmerzes, der nicht Schmerz sein muß, aber bei uns dann Schmerz wird, wenn er sich umsetzt in unseren Seelen.
[ 24 ] The observing consciousness can shed light on some other specific relationships with the dead. Today, I would like to speak first about one more. You see, those who pass through the gate of death—whether they are our relatives, friends, or people connected to us karmically in some other way—do so either as children or young people, or as older people. When one observes with the clairvoyant consciousness the nature of the relationships with the various deceased, one can say the following regarding this passing at different stages of life. When children or younger people pass through the gate of death, the relationship they maintain with those left behind can be described as follows: children or younger people have not lost those who were their loved ones here; they actually remain right there in the immediate vicinity. And this is what gives what we experience as pain and grief its character. When a person endowed with a contemplative consciousness observes the soul-pain that a mother or father feels over a child who has passed away, this soul-pain is quite different from the pain one feels as a young person when an older person dies. Certainly, on a superficial, external level, these soul experiences are more or less the same, but when viewed more intimately, they are fundamentally different. Those who have died at a younger age do not leave; they actually remain here—that is how one might describe the relationship—and they continue to live with our souls, continue to live within our souls. And it is actually the pain we feel, the grief we feel, that is what the recently deceased themselves experience within us. This is transferred into our pain, into our grief. They remain with us. It is a transformation of their own pain, which need not be pain, but which then becomes pain for us when it is transformed within our souls.
[ 25 ] Die Trauer, die man empfindet einem älteren Menschen gegenüber, die ist eigentlich persönlich empfundener Schmerz. Ich möchte sagen, es ist weniger Mitgefühlsschmerz, mehr egoistischer Schmerz, eigener egoistischer Schmerz. Denn wenn man vom Gesichtspunkte des schauenden Bewußtseins aus das Verhältnis des hier zurückgebliebenen jüngeren Menschen zu dem älteren Abgeschiedenen bezeichnen will, so kann man sagen: Der ältere Abgeschiedene verliert uns nicht. Wir verlieren nicht den jüngeren Abgeschiedenen; der ältere Abgeschiedene verliert uns, den Zurückgebliebenen, nicht, er nimmt in gewissem Grade die Seele mit, er trägt sie auf seinem weiteren Weg in ihren Kräften mit sich. Er verliert die Hiergebliebenen nicht. Und daher ist dieses Verhältnis zu einem solchen älteren Dahingeschiedenen auch ein ganz anderes als zu einem jünger Dahingeschiedenen. Der älter Dahingeschiedene hat nicht die Tendenz, in der Seele des Hiergebliebenen zu leben, weil er die innere Wesenheit, die Abprägung der inneren Wesenheit mitnimmt.
[ 25 ] The grief one feels for an elderly person is actually pain felt on a personal level. I would say it is less a pain born of compassion and more a selfish pain—one’s own selfish pain. For if one wishes to describe, from the perspective of observing consciousness, the relationship between the younger person left behind here and the older person who has passed away, one can say: The older person who has passed away does not lose us. We do not lose the younger departed; the older departed does not lose us, those left behind; to a certain degree, he takes the soul with him, carrying it along on his further journey with its powers intact. He does not lose those left behind. And therefore, this relationship to such an older departed person is also quite different from that to a younger departed person. The older departed soul does not tend to live on in the soul of those left behind, because it takes with it the inner essence—the imprint of the inner essence.
[ 26 ] Was ich eben sagte, zu wissen, das ist gar nicht unbedeutend im Leben, denn dasjenige, was wir das Andenken an die Toten nennen, bekommt dadurch eine ganz bestimmte Beleuchtung. Beim jüngeren Menschen ist es gut, dieses Andenken — ich möchte sagen, den Totenkultus — so zu beleben, so auszugestalten, daß wir mehr im Allgemeinen bleiben, daß wir die Gedanken oder die Kulthandlungen oder sonstige Dinge, welche das Andenken pflegen sollen, so einrichten, daß wir weniger auf das Individuelle, auf das Persönliche des Toten eingehen, sondern im Hinblick auf den Toten große Weltempfindungen, Weltgedanken haben. Da drinnen fühlt sich dann derjenige, der ja als junger Hingestorbener bei uns geblieben ist, wohl. Bei einem älter Dahingestorbenen ist es besonders gut, wenn man auf sein Individuelles eingehen kann, wenn die Gedanken, die man an ihn richtet, so gestaltet sind, daß sie mit seiner Persönlichkeit etwas zu tun haben, auf seine Persönlichkeit hin geprägt sind. Bei einem jünger Hingestorbenen, da ist es besonders gut, wenn die Totenfeier so eingerichtet wird, daß man eine Art Kultus, einen allgemein festgesetzten Kultus, der eine symbolische Bedeutung hat, entwickelt. Für jünger dahingestorbene Menschen ist die katholische Totenfeier besonders geeignet, die in den meisten Ländern weniger auf die individuellen Verhältnisse oder gar nicht darauf eingeht, sondern eine symbolische allgemeine Totenfeier für jeden ist. Für die jung verstorbenen Seelen, die ja dableiben, ist es das beste, mit Riten, die für alle gleich gelten, allgemeine Weltsymbole, allgemeine Weltempfindungen im Hinblick auf sie zu entwickeln. Für älter Hingestorbene ist die protestantische Totenfeier, wo man mehr auf den individuellen Lebensgang eingeht, sich mehr auf das Persönliche des Dahingegangenen bezieht, das bessere. Und auch im individuellen Andenken, das man einem solchen Toten widmet, ist dasjenige für den älter Dahingestorbenen vorzuziehen, was mit ihm persönlich zusammenhängt, was nicht auf jeden Toten anwendbar ist, sondern nur auf ihn.
[ 26 ] What I just said—to know this—is by no means insignificant in life, for it sheds a very specific light on what we call the remembrance of the dead. For younger people, it is good to revive this remembrance—I would say, the cult of the dead—and to shape it in such a way that we remain more in the general realm, that we arrange the thoughts, ritual acts, or other things intended to preserve the memory are arranged in such a way that we focus less on the individual, on the personal aspects of the deceased, and instead, in regard to the deceased, have broad, universal feelings and thoughts. Within that context, the one who has remained with us as a young person who has passed away feels at ease. In the case of someone who has passed away at an older age, it is particularly good to be able to focus on their individuality—when the thoughts directed toward them are shaped in such a way that they relate to their personality and are imbued with it. In the case of a younger person who has passed away, it is particularly good if the funeral service is organized in such a way that a kind of ritual—a generally established ritual with symbolic meaning—is developed. For those who have died young, the Catholic funeral service is particularly suitable; in most countries, it focuses less on individual circumstances—or not at all—but rather serves as a symbolic, universal funeral service for everyone. For the souls of those who have died young—who, after all, remain with us—it is best to develop, through rites that apply equally to all, universal symbols and universal sensibilities with regard to them. For those who have passed away at an older age, the Protestant funeral service—which focuses more on the individual life story and relates more to the personal aspects of the deceased—is the better option. And even in the individual remembrance dedicated to such a deceased person, what is preferable for those who have passed away at an older age is that which is personally connected to them—that which does not apply to every deceased person, but only to them.
[ 27 ] Weiß man diese Dinge, dann wird auch unser Gefühlsleben mit Bezug auf die dahingegangenen Toten abgestuft, differenziert. Wir wissen zu unterscheiden, wie sich die Seele verhalten soll gegenüber einem jünger oder einem älter dahingegangenen Toten. Das Leben wird in seinen intimsten Verhältnissen bereichert, wenn man so aus der Geisteswissenschaft den Gedanken aufnimmt, daß einem nicht nur die in den physischen Leibern lebenden Seelen angehören, sondern auch die entkörperten Seelen. Der Mensch taucht dann erst ein in die volle Wirklichkeit. Es muß ja immer wieder und wiederum gesagt werden: Vom Geiste im allgemeinen zu sprechen, das führt nicht sehr weit. Vom geistigen Leben im allgemeinen zu sprechen, wie es gewisse Philosophen tun, oder wie es solche Menschen tun, die heute auch glauben, den Materialismus dadurch zu überwinden, daß sie im allgemeinen von Geist und Geist und Geist sprechen: das führt eben nicht allzu weit. Es muß schon der Mut aufgebracht werden — und es gehört ja heute ein gewisser Mut dazu —, in das konkrete geistige Leben einzudringen. Es muß der Mut dazu aufgebracht werden, solche Verhältnisse, wie wir sie auch heute wiederum besprochen haben, rückhaltlos vor der Mitwelt zu bekennen, so groß auch der Hohn der materialistisch Denkenden gegenwärtig noch sein mag. Man kann es ja heute gar nicht sehen, wieviel unendlich Fatales für die Menschheit, unendlich Katastrophales damit zusammenhängt, daß die Menschen gerade in den wichtigsten Teilen der Welt von diesen Dingen nichts wissen und deshalb nicht darüber denken, und deshalb der Wirklichkeit so fernestehen, welche dann verheerend über sie hereinbrechen muß. Allen möglichen Impulsen wird man die gegenwärtige Erdkatastrophe zuschreiben, nur nicht denjenigen, in denen sie wirklich im tiefsten Sinne ihren Ursprung hat.
[ 27 ] Once we know these things, our emotional life with regard to the departed dead also becomes more nuanced and differentiated. We learn to distinguish how the soul should relate to someone who passed away at a younger or older age. Life is enriched in its most intimate aspects when we take up from spiritual science the idea that not only the souls living in physical bodies belong to us, but also the disembodied souls. Only then does a person truly immerse themselves in full reality. It must be said again and again: Speaking of the spirit in general does not get us very far. To speak of spiritual life in general, as certain philosophers do, or as do those people who today believe they can overcome materialism simply by speaking generally of spirit, spirit, and spirit—that does not take us very far. One must summon the courage—and it does indeed require a certain amount of courage today—to penetrate into concrete spiritual life. We must summon the courage to acknowledge such circumstances—as we have discussed once again today—unreservedly before the world around us, no matter how great the scorn of materialistic thinkers may still be at present. It is impossible to see today just how infinitely fatal for humanity, how infinitely catastrophic, it is that people—precisely in the most important parts of the world—know nothing of these things and therefore do not think about them, and are thus so far removed from reality, which must then descend upon them with devastating force. People will attribute the current global catastrophe to all manner of causes—anything but those in which it truly has its origin in the deepest sense.
[ 28 ] Hier ist schon der Ort, sich einmal zu besinnen auf die ganze Bedeutung, die eigentlich im europäischen Geistesleben eine anthroposophisch orientierte geisteswissenschaftliche Weltanschauung haben muß wie die, die wir hier meinen. Wie die Menschen sich zum Geiste und zum Geistesinhalte stellen, das wird schon eine große Bedeutung haben in einer wahrhaftig gar nicht fernen Zukunft. Denn es bereiten sich wichtige, bedeutungsvolle Dinge im Leben der Erdenmenschheit vor. Man kann ja wirklich nicht umhin, wenn man nur ein wenig aus dem schläfrigen Zustande herauskommt, in dem leider so viele Menschen sind, über gewisse Dinge tiefer nachzudenken, als durch Jahrhunderte in Europa nachgedacht worden ist. Die Zeiten drängen dazu, daß die Menschen umdenken lernen. Eigentlich sieht man ja, daß die Menschen umdenken; es frägt sich nur, ob sie dieses Umdenken in einer wirklich tiefen Weise besorgen oder ganz unterlassen, oder ob sie es in jener Art besorgen, wie es jetzt sehr viele Menschen tun. Man sieht schon, daß die Menschen umdenken, nur kommt es manchmal ganz merkwürdig heraus. Man könnte da nicht Hunderte, sondern Tausende von Beispielen angeben.
[ 28 ] This is indeed the place to reflect on the full significance that an anthroposophically oriented spiritual-scientific worldview—such as the one we have in mind here—must actually have in European intellectual life. The way people relate to the spirit and to spiritual content will be of great significance in a future that is truly not far off. For important, significant events are taking shape in the life of humanity on Earth. Indeed, one really cannot help but—if one emerges even slightly from the slumbering state in which, unfortunately, so many people find themselves—to reflect more deeply on certain matters than has been done in Europe for centuries. The times are urging people to learn to think anew. In fact, one can see that people are rethinking things; the question is simply whether they are doing so in a truly profound way, or not at all, or whether they are doing it in the manner that so many people are doing now. One can already see that people are rethinking things, but sometimes the results are quite peculiar. One could cite not hundreds, but thousands of examples.
[ 29 ] Sehen Sie, einer derjenigen Menschen, die furchtbar umgedacht haben im Laufe der letzten dreieinhalb Jahre, ist der französische frühere Sozialist und Journalist Gustave Herve. Er gibt eine Zeitung heraus, «Gloire» nennt er sie, was auch umgenannt ist aus einem weniger provozierenden Namen. Dieser Hervé ist eigentlich einer derjenigen, die gegenwärtig im Sinne des allerwütendsten französischen Chauvinismus schreiben. Man kann sagen, selbst gegenüber einem solchen tigerhaften, stierhaften chauvinistischen Menschen wie Clemenceau ist Herve eigentlich noch mehr französisch-chauvinistisch — und der hat umgedacht. Der war vor vier Jahren noch ganz Kosmopolit, hat jeden noch ausgelacht dazumal, der irgendwie, ich will gar nicht sagen, französisch chauvinistisch war, sondern der nur irgendwie französisch national gesinnt war. Er war ganz Kosmopolit, dieser Hervé. Jetzt ist dasjenige, was er schreibt, so giftig, daß man aus jeder Zeile, die man von ihm liest, herauslesen kann: er möchte eigentlich am liebsten, daß die französische Trikolore zu einem Instrument würde, um alles dem Französischen Gegnerische zu erschlagen. Dennoch rührt von Hervé ein bedeutsamer Ausspruch her, den er allerdings vor diesem Kriege getan hat. Dieser Ausspruch ist der folgende: Die Trikolore gehört auf den Misthaufen! — So wenig war dieser Mann, der jetzt einer der allerchauvinistischsten Franzosen ist, französisch national gesinnt, daß er sich dazu aufgeschwungen hat zu sagen: Die Trikolore — die französische meint er — gehört auf den Misthaufen. — So verachtete er alles Nationale. — Er hat schon umgelernt, umgedacht, nur natürlich in einer Weise, die nicht gerade sehr tiefsinnig ist. Dasjenige, was in einer Zeit geschehen soll, es geschieht — es ist wichtig, daß man das beachtet —; es frägt sich nur, wie es bei dem einen oder anderen herauskommt, wie der eine oder andere seine Menschheitsaufgabe wirklich beachtet. Das vor allen Dingen ist bei diesem Umlernen notwendig, daß der europäische Mensch nicht die bedeutsamen Dinge verschläft, die sich für die ganze Erdenmenschheit gegenwärtig vorbereiten. Drüben in Asien, überhaupt im Orient, bereitet sich eine Summe von Urteilen über Europa, namentlich über Mitteleuropa vor — uns interessiert ja in der gegenwärtigen Zeit vorzugsweise Mitteleuropa —, Urteile bereiten sich vor, die nach und nach tatsächlich sich zu historischen Impulsen verbinden werden. Der Orientale, der Japaner, der Inder, der Chinese fühlt sich nach und nach herausgefordert, gewisse Impulse bei sich auszubilden. Und bis zu einem hohen Grade haben sich schon solche Impulse herausgebildet. Bis zu einem gewissen Grade gibt es gerade bei führenden Orientalen Urteile, namentlich über mitteleuropäisches, über deutsches Wesen, die wohl beachtet werden sollten, denn was da in diesen Impulsen lebt, wird Geschichte in gar nicht zu ferner Zeit. Es sieht sehr sonderbar aus, aber man sollte eine feine Empfindlichkeit heute sich ausbilden für solche Dinge; man sollte wissen, daß es heute notwendig ist, ein wenig vorauszusehen, was kommen muß, um mit der Wirklichkeit einherzugehen. Die Orientalen, die sich anschicken, mit Europa in ein Verhältnis zu kommen, die sich ihre Urteile bilden, welche künftig Weltpolitik werden, diese Orientalen haben ihre uralten Anschauungen über das geistige Leben. Sie sehen, was in Europa seit Jahrhunderten vorgegangen ist, aber sie sehen es nur in einer einseitigen Weise, weil ihnen dieses Europa, namentlich dieses Mitteleuropa, in einer einseitigen Weise das eigene Wesen zeigt. Ja, was glauben die führenden Orientalen zum Beispiel über dieses mitteleuropäische Wesen? Sie glauben dasjenige, was sie glauben müssen nach dem, was sie eigentlich vorzüglich sehen. Sie glauben daran, daß dieses Mitteleuropa besonders begabt ist, staatliche, kommerzielle und andere Verhältnisse zu organisieren; daß dieses Mitteleuropa besonders begabt ist, sich der äußeren Wissenschaft, wie sie die Schulen in Europa lehren, zu unterwerfen, der Autorität dieser Wissenschaft sich hinzugeben. Diese Orientalen können das nicht besonders schätzen, weder was aus dieser Organisation noch was aus der Wissenschaft stammt, denn dem gegenüber sind die sich bewußt, daß sie, aus ganz anderen Impulsen heraus als wir Europäer es haben können, eine uralte Geistigkeit haben. Gerade dem führenden Orientalen wird niemals imponieren, was die europäische Naturwissenschaft zum Beispiel gibt; es wird ihm niemals imponieren, was die europäische Industrie hervorbringt, wenn er es auch in äußerlicher Weise, wie der Japaner, annehmen wird; es wird ihm niemals imponieren dasjenige, was die europäische Organisation zu bewirken vermag. Denn er ist sich bewußt: das alles stellt zum wirklichen Wesen der Dinge kein Verhältnis her. Dieses Verhältnis fühlt er hergestellt zwischen seiner Seele und der Seele des Weltenalls. Er fühlt sich der Seele des Weltenalls geistig verwandt. Dessen seien wir uns nur ganz klar. Mit demjenigen, was gleichkommt solcher Betrachtungsweise, wie wir sie heute hier oder sonst gepflogen haben, würde sich der Orientale ganz anders zu stellen wissen als mit dem europäischen Maschinenwesen, mit der europäischen Organisation, mit der europäischen äußeren Verstandeswissenschaft. Und man darf schon einmal, so sonderbar es aussieht, auch den Sinn darauf lenken: Was würde der Orient sagen, wenn er wissen könnte, daß aus dem, was das Geistesleben in Europa hervorgebracht hat durch Herder, Schiller, Goethe, durch die Romantiker, eine wahre, konkrete geistige Betrachtung der Welt werden kann, die zu der orientalischen Geistesbetrachtung etwas Besonderes hinzugibt, das der Orientale durch seine Anlage nicht finden kann, das er aber schätzen könnte, mit dem er zusammengehen könnte? — Gewiß, Sie können sagen: Goethe ist ja genügend der ganzen Welt bekannt, und die Führer des orientalischen Geisteslebens können auch Goethe kennenlernen, und Goethe ist ein Quell, ein unendlicher Quell für das geistige Leben Mitteleuropas. — Wahr ist das alles, durchaus wahr. Aber hat es Mitteleuropa schon dahin gebracht, Goethe wirklich als solchen Quell anzuerkennen? Man könnte vieles über diesen Punkt reden. Der Orientale sieht auf dasjenige, was Mitteleuropa aus Goethe hat machen können. Nun könnte vieles angeführt werden; nur als Beispiel will ich eines anführen: Mitteleuropa hat gewußt, die wichtigsten Impulse Goethes mit Stillschweigen zu übergehen, aber es hat eine Goethe-Gesellschaft. In einem wahrhaft höchst günstigen Zeitpunkte ist diese Goethe-Gesellschaft begründet worden. Der Ausgangspunkt war ein vorzüglicher. Man kann sagen, wenige Konstellationen waren für solche Dinge so günstig wie diese am Ende der achtziger Jahre. Als der letzte Nachkomme Goethes einer Fürstin den Nachlaß übergab, da hätte alles gut eingeleitet werden können, wäre auch gut in Angriff genommen worden, gab einen Anfangsimpuls, von dem man hätte glauben können: jetzt wird man die geistigen Quellen aus Goethe herausholen! Es ist vieles geschehen, auch die Goethe-Gesellschaft ist dazumal gegründet worden. Aber nehmen wir einmal den Orientalen, der da frägt: Wir haben im Orient ein Leben, welches die Seele unmittelbar an die Weltenseele anschließt. Da drüben haben sie Organisationen von staatlichen, von gesellschaftlichen Verhältnissen, da drüben haben sie Maschinen und eine Industrie, haben eine Wissenschaft, die in der Schule gelehrt wird und mit ungeheurer Autorität auf die Seelen drückt; aber sie haben keine Beziehung der Seele des Menschen zur Seele des Weltenalls. — Wüßte er, welche Beziehungen latent daliegen, wüßte er, was sein könnte nach dem, was an Goethe erlebt werden könnte, er würde anders reden und denken und empfinden. Aber was sieht er? Nun, er frägt sich vielleicht: Ja, dieses Mitteleuropa hat es dahin gebracht, eine Goethe-Gesellschaft zu begründen, um einen seiner allergrößten Geister zu ehren. Es hat es aber auch dahin gebracht, zum Präsidenten dieser Goethe-Gesellschaft heute einen ehemaligen Finanzminister zu haben. — Es ist nur symbolisch für vieles. Man kann sagen: Es muß in unserer Seele der Impuls leben, die Welt wissen zu machen: Aus dem Quell des deutschen Geistes kann dasjenige hervorgehen, was die Impulse der Geisteswissenschaft sind. Die werden nicht übersehen werden drüben im Orient. Würden sie übersehen, dann würde sich als historischer Impuls im Orient bilden müssen das Urteil: Diese mitteleuropäische Kultur ist eigentlich der Menschheit schädlich. — Und dieses Urteil hat sich in hohem Grade festgesetzt. Es würde ganz gewiß korrigiert, wenn gewußt würde, daß dieses mitteleuropäische Geistesleben imstande ist, selbst das Mechanischste des Mechanismus in Schönheit, in Seele umzugießen durch jene Impulse, die es in sich hat, und die es zum wirklichen Erkennen und zum wirklichen Verarbeiten des Übersinnlichen ausgestalten kann. So könnte es eigentlich nach der einen Seite hin wirken.
[ 29 ] You see, one of the people who has undergone a dramatic change of heart over the past three and a half years is the former French socialist and journalist Gustave Hervé. He publishes a newspaper called *Gloire*, which was itself renamed from a less provocative title. This Hervé is actually one of those who currently write in the spirit of the most rabid French chauvinism. One could say that even compared to a tiger-like, bull-like chauvinist such as Clemenceau, Hervé is actually even more French-chauvinistic—and Clemenceau had already changed his views. Four years ago, he was still a complete cosmopolitan; back then, he used to laugh at anyone who was in any way—I don’t even want to say French chauvinist—but simply had any kind of French nationalist sentiment. He was a complete cosmopolitan, this Hervé. Now what he writes is so venomous that you can read between the lines of everything he writes: what he would really like most is for the French tricolor to become a weapon to crush everything that opposes France. Nevertheless, a significant statement originated with Hervé—one he made, admittedly, before this war. That statement is as follows: “The tricolor belongs on the dung heap!” — So little was this man—who is now one of the most chauvinistic Frenchmen—imbued with French nationalist sentiment that he went so far as to say: The tricolor—he means the French one—belongs on the dung heap. — That is how much he despised everything national. — He has already changed his views and rethought his position, though naturally in a way that is not exactly very profound. What is meant to happen in a given era will happen—it is important to bear this in mind—; the only question is how it plays out for one person or another, how one person or another truly fulfills their human mission. Above all, in this process of re-learning, it is essential that Europeans not miss the significant events that are currently unfolding for all of humanity on Earth. Over in Asia, and in the Orient in general, a body of judgments is taking shape regarding Europe—specifically Central Europe, which is of particular interest to us at the present time—judgments that will gradually coalesce into historical impulses. People in the East—the Japanese, the Indians, the Chinese—are gradually feeling challenged to develop certain impulses within themselves. And to a significant degree, such impulses have already emerged. To a certain extent, there are judgments—particularly among leading Orientals—regarding Central European and German character that should be taken seriously, for what lives within these impulses will become history in the not-too-distant future. It may seem very strange, but one should cultivate a keen sensitivity to such matters today; one should realize that it is necessary today to foresee to some extent what is bound to come in order to keep pace with reality. The Orientals who are preparing to enter into a relationship with Europe, who are forming their judgments—which will become world politics in the future—these Orientals have their age-old views on spiritual life. They see what has been happening in Europe for centuries, but they see it only in a one-sided way, because this Europe—namely, Central Europe—reveals its own nature to them in a one-sided way. Indeed, what do leading Easterners believe, for example, about this Central European nature? They believe what they must believe based on what they actually perceive most clearly. They believe that this Central Europe is particularly gifted at organizing governmental, commercial, and other affairs; that this Central Europe is particularly gifted at submitting to external science, as taught in European schools, and surrendering to the authority of that science. These Easterners cannot particularly appreciate this—neither what stems from this organization nor what stems from this science—for in contrast, they are aware that they possess an ancient spirituality, born of impulses entirely different from those we Europeans can have. A leading Eastern figure, in particular, will never be impressed by what European natural science has to offer, for example; he will never be impressed by what European industry produces, even if he accepts it outwardly, as the Japanese do; he will never be impressed by what European organization is capable of accomplishing. For he is aware that none of this bears any relation to the true nature of things. He feels this relationship established between his soul and the soul of the universe. He feels a spiritual kinship with the soul of the universe. Let us be perfectly clear about this. The Oriental would relate quite differently to that which corresponds to the kind of contemplation we have practiced here today or elsewhere than to European machinery, European organization, or European external intellectual science. And one may well, strange as it may seem, direct one’s attention to this: What would the East say if it could know that what European spiritual life has produced through Herder, Schiller, Goethe, and the Romantics could become a true, concrete spiritual contemplation of the world—one that adds something special to Eastern spiritual contemplation, something that Easterners, by their very nature, cannot find on their own, but which they could appreciate and with which they could harmonize? — Certainly, you might say: Goethe is, after all, well known throughout the world, and the leaders of Eastern intellectual life can also come to know Goethe, and Goethe is a source—an infinite source—for the intellectual life of Central Europe. — All of that is true, absolutely true. But has Central Europe already reached the point of truly recognizing Goethe as such a source? One could say a great deal on this point. The Oriental looks at what Central Europe has been able to make of Goethe. Now, much could be cited; I will mention just one example: Central Europe has known how to pass over Goethe’s most important impulses in silence, yet it has a Goethe Society. This Goethe Society was founded at a truly most opportune moment. The starting point was an excellent one. One could say that few circumstances were as favorable for such endeavors as those at the end of the 1880s. When Goethe’s last descendant handed over his estate to a princess, everything could have been set in motion properly—and indeed was—providing an initial impetus that led one to believe: now we will draw upon Goethe’s spiritual sources! Much has happened since then, and the Goethe Society was also founded at that time. But let us consider the Oriental scholar who asks: “In the East, we have a way of life that connects the soul directly to the soul of the world.” Over there they have organizations based on state and social structures; over there they have machines and industry; they have a science that is taught in schools and weighs upon souls with immense authority; but they have no connection between the human soul and the soul of the universe. — If he knew what latent connections lie there, if he knew what might be possible based on what could be experienced through Goethe, he would speak, think, and feel differently. But what does he see? Well, he might ask himself: Yes, this Central Europe has managed to establish a Goethe Society to honor one of its greatest minds. But it has also managed to have a former finance minister as the president of this Goethe Society today. — This is merely symbolic of many things. One might say: The impulse to make the world aware must live within our souls: From the wellspring of the German spirit can emerge that which constitutes the impulses of spiritual science. These will not go unnoticed over in the East. If they were to be overlooked, then the judgment would inevitably take shape in the East as a historical impulse: This Central European culture is actually harmful to humanity. — And this judgment has become firmly established to a great extent. It would most certainly be corrected if it were known that this Central European spiritual life is capable of transforming even the most mechanical aspects of mechanism into beauty and soul through the very impulses it possesses—impulses that enable it to develop a true understanding of and a true assimilation of the supersensible. This is how it could actually exert its influence in one direction.
[ 30 ] Und blicken wir nach der anderen Seite: Im Westen, in Amerika betrachtet man nicht nur das mitteleuropäische, sondern das ganze europäische Leben auch so, wie man es nur von der Außenseite kennenlernen kann, weil man natürlich nicht nur die Goethe-Gesellschaft mit dem gewesenen Finanzminister an der Spitze, sondern auch die anderen Dinge in einer ähnlichen Weise sieht, nicht aber, was in den Seelen so leben kann wie das, was heute durch unsere Seelen gezogen ist. Während man im Orient sagt: Dieses Europa, dieses europäische Leben ist schädlich —, findet man es drüben in Amerika überflüssig. Denn Maschinen bauen, Industrieorganisation treiben, Goethe-Gesellschaften begründen mit Leuten, die von Goethe-Wissenschaft so viel verstehen, wie dasjenige ist, was man beim Zusammenstellen von Finanzbudgets nötig hat, das können die Amerikaner auch. Aber das, was aus Goethe als tiefster Quell spirituellen Lebens fließt, das können die Amerikaner nicht; das können sie nur dann haben, wenn sie es von den Mitteleuropäern nehmen.
[ 30 ] And let’s look at the other side: In the West, in America, people view not only Central European life but all of European life in a way that can only be known from the outside, because, of course, they see not only the Goethe Society—headed by the former finance minister—but also other things in a similar light; yet they do not perceive what lives in people’s souls—such as what has moved through our souls today. While in the East people say, “This Europe, this European way of life, is harmful,” over in America they find it superfluous. For building machines, managing industrial organizations, and founding Goethe Societies with people who understand as much about Goethe studies as is necessary for compiling financial budgets—the Americans can do that too. But what flows from Goethe as the deepest source of spiritual life—that the Americans cannot do; they can only have it if they take it from the Central Europeans.
[ 31 ] Es ist nicht bloß irgendeine mystische Verschrobenheit, meine lieben Freunde, es ist eine mit den praktischen Lebensbedürfnissen der Gegenwart tief zusammenhängende Frage, wie wir uns stellen zu den Impulsen, um möglichst, was an uns ist, zu tun, die Welt wissen zu lassen, fühlen zu lassen, was innerhalb der europäischen Kultur an Geistigkeit leben könnte, welche Wege sie zum Übersinnlichen gegenwärtig haben könnte. Heute mehr als je ist es notwendig, sich darauf zu besinnen, daß Geisteswissenschaft in unserem Sinn nicht nur etwas ist, womit wir unserer eigenen Seele wohl tun wollen, sondern daß Geisteswissenschaft etwas werden muß, wodurch wir als Menschen im rechten Sinne, als Menschen Mitteleuropas, unsere Aufgabe in der Entwickelung der Menschheit erfüllen können.
[ 31 ] It is not merely some kind of mystical eccentricity, my dear friends; it is a question deeply connected to the practical needs of life today—how we respond to the impulses to do, as far as we are able, what lies within our power to let the world know and feel what spiritual life might be alive within European culture, and what paths it might currently have toward the supersensible. Today more than ever, it is necessary to reflect on the fact that spiritual science, as we understand it, is not merely something through which we seek to do our own souls good, but that spiritual science must become something through which we, as human beings in the true sense—as people of Central Europe—can fulfill our task in the development of humanity.
