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Die geistigen Hinter des Ersten Weltkrieges
GA 174b

23 Februar 1918, Stuttgart

Zwölfter Vortrag

[ 1 ] In kaum einer Zeit der Menschheitsentwickelung war es so notwendig wie in dieser gegenwärtigen, sich in die Rätsel des übersinnlichen Lebens zu vertiefen, wenn auch kaum eine Zeit so viel Ablehnung hatte gegen dieses Vertiefen in die übersinnlichen Probleme wie wiederum diese gegenwärtige. Gerade die scheinbar entlegensten Fragen müssen der heutigen Menschenseele ganz besonders naheliegen. Und so lassen Sie uns heute zunächst dasjenige betrachten, was die materialistische Gesinnung der Gegenwart glaubt, dem menschlichen Bewußtsein möglichst fernrücken zu müssen, was aber doch dem Menschenleben unendlich nahe ist. Und zu wissen, daß das Gemeinte dem menschlichen Leben unendlich nahe ist, das gehört eben zu den besonderen Aufgaben unserer Zeit. Wir wollen von uns gut Bekanntem mit ein paar Bemerkungen ausgehen, um uns einen Stoff, den wir auch schon öfters von diesem oder jenem Gesichtspunkte aus betrachtet haben, heute wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus nahe zu führen.

[ 2 ] Wir wissen ja alle, daß es für die geisteswissenschaftliche Betrachtung eine besondere Bedeutung hat, das gesamte menschliche Leben nach seinen zwei großen Gegensätzen, die in den Alltag hineinspielen, immer wieder und wiederum zu betrachten, es zu betrachten nach der besonderen Wesenheit der abwechselnden Zustände des Schlafens und des Wachens. Gerade diese polarischen Gegensätze von Schlafen und Wachen haben wir ja von den verschiedensten Gesichtspunkten aus immer wieder und wiederum durch unsere geisteswissenschaftliche Untersuchung ins Auge fassen müssen.

[ 3 ] Nun ist Ihnen ja schon aus den verschiedensten Mitteilungen bekannt, daß diese Unterscheidung, wie man sie gewöhnlich macht zwischen Schlafen und Wachen, wonach sich das menschliche Leben eben so einteilt, daß man etwa zwei Drittel oder mehr des Tages im wachen Bewußtsein lebt — oder auch weniger — und ein Drittel in dem schlafenden Bewußtsein verbringt, eine zunächst nur äußerliche und oberflächliche Betrachtung ist. Auch wenn man die Sache, so wie sie unmittelbar in dieser Art gegeben ist, weiter ausführt, um hinter den Charakter des Schlafens und Wachens zu kommen, bleibt sie doch gegenüber den Tiefen, die hier erreicht werden können, für geisteswissenschaftliche Anschauungen noch immer etwas oberflächlich. Denn wir müssen uns klar sein darüber, daß der Schlafzustand nicht nur dann in unserem Seelenleben vorhanden ist, wenn wir im oberflächlichen Sinne schlafen, nicht nur in der Zeit, die zwischen Einschlafen und Aufwachen vergeht, sondern daß unsere Seele den Schlafzustand in einem gewissen Grade auch hineinträgt in den sogenannten Wachzustand. Wir sind ja eigentlich in Wahrheit auch dann, wenn wir für das gewöhnliche Bewußtsein wachen, nur zum Teil wach. Wir sind in diesem gewöhnlichen Bewußtseinszustand niemals vollständig wachend. Und wenn wir uns vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus fragen: Inwiefern sind wir vollständig wach? — so müssen wir uns die Antwort geben: Wach sind wir mit Bezug auf alles dasjenige, was wir Wahrnehmung der äußeren Sinneswelt nennen sowie Verarbeitung dieser Wahrnehmungen der äußeren Sinneswelt durch die Vorstellungen. In unserem Wahrnehmungs- und Vorstellungsleben, in unserem Denkleben also sind wir zweifellos wach. Wir würden gar nicht darauf kommen, von unserem Wachzustand zu sprechen, wenn wir nicht eben als solchen Wachzustand bezeichnen wollten eine gewisse innere Seelenverfassung, die vorhanden ist, wenn wir die äußere Welt wahrnehmen im vollbewußten Zustand und über sie denken, über sie Vorstellungen bilden.

[ 4 ] Aber wir können nicht sagen, daß wir für unser Gefühlsleben in demselben Sinne wach sind wie für unser Wahrnehmungs- und Vorstellungsleben. Es ist nur eine Täuschung, wenn der Mensch glaubt, daß er mit Bezug auf sein Gefühlsleben, sein Affektleben, sein Emotionsleben so wach ist vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wie er es ist in bezug auf sein Wahrnehmen und Denken oder Vorstellen. Wer sich dieser Täuschung hingibt, der tut das deshalb, weil wir ja unsere Gefühle immer mit Vorstellungen begleiten. Wir stellen uns nicht nur die äußeren Dinge vor, stellen uns nicht nur Tisch und Stuhl und Baum und Wolke vor, sondern wir stellen uns auch unsere Gefühle vor; und indem wir uns unsere Gefühle vorstellen, wachen wir in den Vorstellungen der Gefühle. Aber die Gefühle selbst wogen aus unterbewußten Seelentiefen herauf. Für den, der die inneren Seelenvorgänge beobachten kann, wogen die Gefühle, die Affekte, die Emotionen, auch die Leidenschaften nicht in einer größeren inneren Wachheit herauf als die Eindrücke des Traumes. Die Eindrücke des Traumes sind bildhaft. Wir wissen sie ganz genau zu unterscheiden für das gewöhnliche Bewußtsein von den äußeren Wahrnehmungen. Unser Bewußtsein ist den wirklichen Gefühlen gegenüber nicht wacher als dem Traume gegenüber. Würden wir zu jedem Traum gleich beim Erwachen, ohne daß wir zwischen dem Traume und der Vorstellung des Traumes unterscheiden könnten, ebenso eine Vorstellung hinzufügen, wie wir zu unseren Gefühlen einen Gedanken, eine Vorstellung immer hinzufügen, so würden wir auch unsere Träume für Inhalt eines wachen Erlebens halten. An sich selbst sind unsere Gefühle nicht in einem wacheren Zustand erlebt als unsere Träume.

[ 5 ] Und noch weniger werden unsere Willensimpulse in einem Wachzustand erlebt. Mit Bezug auf den Willen schläft der Mensch fortwährend. Er stellt sich etwas vor, wenn er etwas will; er hat eine Vorstellung, wenn er — nehmen wir einen einfachen Willensimpuls —, um etwas zu ergreifen, die Hand ausstreckt. Aber was da eigentlich vorgeht im Seelenleben und im Leibesleben, wenn wir eine Hand ausstrecken, um irgend etwas heranzuziehen, das bleibt so im Unbewußten wie der traumlose Schlaf. Während wir unsere Gefühle verträumen, verschlafen wir in Wirklichkeit unsere Willensimpulse. Als Gefühlsmensch träumen wir, als Willensmensch schlafen wir auch im sogenannten Wachzustand, so daß wir eigentlich auch dann, wenn wir im Wachzustand sind, also vom Aufwachen bis zum Einschlafen, nur mit der Hälfte unseres Wesens wach sind, während wir mit der anderen Hälfte unseres Wesens fortschlafen. Wir wachen in bezug auf unsere Wahrnehmungen und auf unser Gedankenleben, wir schlafen und träumen fort mit Bezug auf unser Willensleben und unser Gefühlsleben. Solche Dinge lassen sich kaum durch Stärkeres beweisen, erhärten, als durch dasjenige, was jetzt eben schon andeutend gesagt worden ist. Denn daß man solche Dinge anerkennt, das hängt davon ab, ob man das Seelenleben richtig beobachten kann. Wer dieses Seelenleben richtig beobachten kann, der wird unbedingt die innere seelische Gleichheit von Gefühlen, Affekten, Leidenschaften und Träumen herausfinden. Es gibt eine sehr schöne Abhandlung von Friedrich Theodor Vischer, dem ja besonders in dieser Stadt sehr bekannten sogenannten V-Vischer, über die «Traumphantasie», worin er diese richtige Beobachtung von der Verwandtschaft des Gefühls-, des Leidenschaftslebens mit der Traumwelt in sehr schöner Weise hervorgehoben hat.

[ 6 ] Wir gehen also auch wachend durchs Leben, indem wir nicht nur umgeben sind von der Welt, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen, von der Welt, die wir denken, sondern indem wir umgeben sind von einer Welt, von der wir eigentlich in unseren Gefühlen nur träumen können, von der wir, als mit unseren Willensimpulsen drinnenstehend, nicht mehr erleben, als wir von unserer Umgebung im Schlafe erleben, nämlich eigentlich nichts. Aber eine Welt, von der man schlafend nichts erlebt, ist doch eben um uns herum. So wie die Tische und Stühle und die anderen Gegenstände in dem Zimmer sind, in dem ein Schlafender ist, der aber von ihnen, während er schläft, nichts weiß, so weiß der Mensch nichts von derjenigen Welt, aus der seine Gefühls- und Willensimpulse kommen, weil er mit Bezug auf diese Welt fortwährend schläft. Nun ist aber gerade diese Welt, mit Bezug auf welche wir so fortwährend schlafen, diejenige, die wir gemeinsam haben mit Menschenseelen, die nicht mehr im Leibe verkörpert sind.

[ 7 ] Wir haben von den verschiedensten Gesichtspunkten aus versucht, geisteswissenschaftlich die Brücke zu schlagen zwischen den sogenannten Lebenden und den sogenannten Toten. Wir können diese Brücke vorstellungsgemäß auch schlagen, indem wir uns bewußt werden, daß wir mit den im physischen Leibe verkörperten Menschen, weil diese unserem Wahrnehmungsvermögen und unserem Gedankenleben zugänglich sind, in unserem gewöhnlichen Wachzustand verbunden sind. Mit den sogenannten Toten sind wir im gewöhnlichen Wachzustand nicht verbunden, weil wir einen Teil der uns umgebenden Welt ja fortwährend verschlafen. Würden wir eindringen in diese Welt, die wir so verschlafen, so wären wir nicht mehr getrennt von der Welt, in welcher der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt. So wie wir umgeben sind von der Luft, so sind wir umgeben von der Welt, in der der Mensch sich zwischen dem Tod und einer neuen Geburt befindet, nur wissen wir von dieser Welt nichts, eben aus dem angeführten Grunde: weil wir sie verschlafen. Das hellsichtige Bewußtsein, in der Art, wie wir es öfters charakterisiert haben, führt dazu, diese Welt, die sonst verschlafen wird, anzuerkennen, diese Welt, in der der Mensch sich befindet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. In diese Welt so einzudringen, daß man zu einer gewissen Sicherheit darüber kommt, daß die eigene Seele durch des Todes Pforte seelisch lebendig geht, um in eine andere Welt einzutreten und in einem neuen Erdenleben wiederzukehren, das ist ja verhältnismäßig nicht schwierig, wenn man sorgfältig dasjenige auf die Seele wirken läßt, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in ähnlichen Büchern enthalten ist.

[ 8 ] Schon viel schwieriger ist es, in diese Welt, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so einzudringen, daß konkrete, bestimmte Beziehungen sich herstellen können zwischen dem Menschen hier im physischen Leibe und konkreten Toten. Diese Beziehungen, sie sind in einer gewissen Weise immer da, wenigstens zwischen gewissen Lebenden und gewissen Toten. Aber gerade in dem, was ich heute schon gesagt habe, kann man die Gründe sehen, weshalb sich der Mensch nicht bewußt ist, daß Beziehungen zwischen ihm und gewissen sogenannten Toten immer vorhanden sind. Und gerade dasjenige, was das schauende Bewußtsein erlebt, wenn es sich in Beziehung bringen kann zu einzelnen Toten, gerade das kann uns Belehrung darüber bringen, warum der Mensch im gewöhnlichen Wachbewußtsein nichts kennenlernt von seinen Beziehungen zu den Toten, die als wirkliche Beziehungen, wie gesagt, immer vorhanden sind. Man muß, wenn solche bewußten Beziehungen hergestellt werden sollen zwischen dem schauenden, dem aufwachenden Bewußtsein und gewissen Toten, sich gewisse Seelenerlebnisse aneignen, die ganz anders sind als die Seelenerlebnisse, an die wir uns einmal im Wachbewußtsein gewöhnt haben. Gerade auf diesem Gebiet zeigt es sich, wie man alle Gewohnheiten, die man ausgebildet hat für das Erkennen der physischen Umwelt, ablegen und durch andere ersetzen muß, wenn man mit schauendem Bewußtsein in die konkrete geistige Welt eindringen will. Wenn der Schauende einem ganz bestimmten einzelnen sogenannten Toten gegenübersteht, dann kann er sich allerdings mit ihm richtig verständigen, aber er muß eben über gewisse Seelengewohnheiten hinauskommen. Die Art, wie man in einem solchen Falle seelisch erlebt, ruft in dem, dem solche Vorstellungen ganz ungewohnt sind, naturgemäß Befremden hervor.

[ 9 ] Indem wir hier in der physischen Welt einem anderen Menschen gegenüberstehen und uns mit ihm besprechen, ist es so, daß wir wissen: Wenn wir zu dem anderen Menschen etwas sagen, dann kommt das Gesagte aus unseren eigenen Stimmorganen, es strahlt gewissermaßen von uns aus und geht zu dem anderen hin. Und wenn er uns antwortet oder uns wiederum etwas mitteilt, so strahlt das von seinen Stimmorganen aus und strahlt zu uns herüber. — Ganz anders ist es, wenn man konkrete Beziehungen zwischen dem schauenden Bewußtsein und einem ganz bestimmten Toten hat. Da ist es so, daß man sich vollständig umgewöhnen muß. Wenn wir selbst dem "Toten etwas mitteilen, wenn wir den Toten fragen, wenn wir ihm etwas sagen, dann müssen wir — so sonderbar das klingt — uns die Fähigkeit angeeignet haben, daß dasjenige, was wir selbst sagen, uns von ihm entgegenkommt, daß es von ihm ausgeht und zu uns herstrahlt. Wir müssen in der Lage sein, um einem Toten eine Mitteilung machen zu können, daß wir uns selber so ausschalten und so in ihm leben, daß er eigentlich dann spricht, wenn wir ihn fragen, wenn wir ihm eine Mitteilung machen. Und wiederum, wenn er uns antwortet, wenn er uns eine Mitteilung machen will, dann dringt das aus unserer eigenen Seele heraus, dann kündigt das sich so an, daß wir wissen: von uns strahlt es gewissermaßen aus. Also wir müssen uns völlig wenden, umkehren, wenn wir in ein reales Verhältnis zu einem konkreten Toten kommen wollen. Das ist, wenn es sich auch in einfacher Weise charakterisieren läßt, im seelischen Erleben eine außerordentlich schwierige Sache. Sich geradezu entgegengesetzt zu verhalten zur Umwelt, als man es gewohnt ist in der physischen Welt, das eignet man sich außerordentlich schwer an. Ein echter Verkehr mit den sogenannten Toten ist aber nur unter diesen Voraussetzungen möglich.

[ 10 ] Wenn Sie aber andererseits dies bedenken, daß man innerlich vollständig umlernen muß, so werden Sie begreifen, daß Beziehungen immer da sein können zwischen den sogenannten Lebenden und den sogenannten Toten, daß aber die sogenannten Lebenden wenig Neigung zeigen werden, diese Beziehungen anzuerkennen. Denn die Lebenden sind gewöhnt — und eine solche Gewöhnung bedeutet mehr, als man gewöhnlich denkt —, wenn sie selber etwas sagen, es von sich ausstrahlend wahrzunehmen; wenn der andere etwas sagt, es von dem anderen ausstrahlend wahrzunehmen. Und wer ganz eingerostet ist in die Vorurteile der physischen Welt, der wird von vorneherein so etwas, wie ich es jetzt ausgesprochen habe, selbstverständlich ganz töricht finden müssen. Aber es ist einmal so: In die geistige Welt kann man nicht eindringen, wenn man sich nicht damit vertraut macht, daß eigentlich in der geistigen Welt vieles — ich sage vieles, nicht alles — sich gerade entgegengesetzt verhält zu den Gewohnheiten, die wir uns hier in der physischen Welt angeeignet haben. Und ein so gründlich Entgegengesetztes ist dasjenige, was ich eben auseinandergesetzt habe. Erst wenn man sich durch eine sehr intime Übung in ein solch Ungewohntes hineingefunden hat, kann man ein Urteil darüber haben, wie beschaffen die gewöhnlichen Beziehungen eines jeden Menschen zu gewissen Toten sind, wie sich diese Beziehungen gestalten.

[ 11 ] Wie gesagt, diese Beziehungen sind fortwährend vorhanden. Wir müssen nur, wenn wir den Blick werfen wollen auf diese Beziehungen, nicht außer acht lassen, daß wir zu den gewöhnlichen polarisch entgegengesetzten Erlebnissen des Tages: Wachen und Schlafen —, noch zwei andere hinzuzurechnen haben, die ganz besonders wichtig sind für die Beziehungen der sogenannten Lebenden zu den sogenannten Toten, die aber bewußt zu erleben wiederum gegen die üblichen Gewohnheiten des Menschen geht. Außer dem gewöhnlichen Wachen und Schlafen gibt es nämlich das Einschlafen und das Aufwachen. Diese im Augenblick vorüberhuschenden Zustände des Einschlafens und Aufwachens sind für das gesamte seelische Leben des Menschen ebenso wichtig wie das langdauernde Schlafen und Wachen, aber sie huschen eben vorüber. Den Moment des Aufwachens erlebt der Mensch aus dem Grunde nicht, weil ja gerade darauf das volle Erwachen folgt, und der Mensch nicht geneigt ist, so schnell wahrzunehmen, wie er wahrnehmen müßte, wenn er den vorüberhuschenden Augenblick des Erwachens ergreifen wollte; der wird übertönt, übertäubt, durch das nachherige Wachleben. In naiveren Menschheitsverhältnissen, wo man von solchen Dingen manches gewußt hat, hat man auch angedeutet, was es in dieser Beziehung mit der menschlichen Seele für eine Bewandtnis hat. Nur verlieren sich nach und nach, je mehr der Materialismus fortschreitet, diese Dinge. Bei naiven, primitiven Menschen auf dem Lande draußen hört man es öfters noch sagen: Man soll, wenn man aufwacht, nicht gleich ins helle Fenster schauen, man soll nicht gleich die Augen aufmachen. — Solch eine Rede geht aus einem sehr tiefen Instinkte hervor, aus dem Instinkte, nicht sogleich durch das wache Tagesleben den Moment des Aufwachens zu übertäuben, um etwas festhalten zu können von dem, was im Moment des Aufwachens da ist.

[ 12 ] Ebenso wichtig aber ist der Moment des Einschlafens, nur schläft man meist gleich hinterher ein. Das Bewußtsein hört dann auf. Und daher wird der Moment des Einschlafens für das gewöhnliche Bewußtsein auch nicht in gehöriger Weise beachtet.

[ 13 ] Gerade wichtig für die Beziehungen des Menschen, der hier in der physischen Welt verkörpert ist, zu den Toten, erweist sich aber dasjenige, was erlebt werden kann und auch wirklich erlebt wird im Momente des Einschlafens und im Momente des Aufwachens. Solche Dinge können ja natürlich nur beobachtet werden mit dem schauenden Bewußtsein. Wenn aber das schauende Bewußtsein es dahin gebracht hat, solche Beziehungen zu gewissen Toten herzustellen, die nur hergestellt werden können durch die angeführte vollständige Umwandlung, Umgewöhnung der Seelenverfassung, dann kann es auch beurteilen, wie die wirklichen, aber unbewußten Verhältnisse der sogenannten Lebenden zu den sogenannten Toten sind. Am günstigsten, um allerlei, was wir selber in der Seele an Beziehungen zu bestimmten Toten entwickelt haben, an die Toten heranzubringen, ist der Moment des Einschlafens. Und am günstigsten, um Antworten, um Mitteilungen von den Toten ins physische Erdenleben hereinzubekommen, ist der Moment des Aufwachens.

[ 14 ] Sie müssen sich nicht daran stoßen, daß dasjenige, was ich jetzt gesagt habe, ja bedingt, daß der Mensch im Einschlafen irgendeine Frage an den T'oten richtet, eine Mitteilung an den Toten gelangen läßt, und erst im Moment des Aufwachens eine Antwort oder eine Rückmitteilung bekommt. Mit Bezug auf die übersinnliche Welt sind die Zeitverhältnisse ganz anders. Was durch Stunden auseinandergerückt ist hier für die physische Welt, braucht nicht auch auseinandergerückt zu sein im wirklichen übersinnlichen Leben. Man kann durchaus sagen: Während man hier im physischen Leben, wenn man jemand fragt, sogleich eine Antwort erwartet, empfindet man dort das Verhältnis gerade so, daß, wenn man mit dem Einschlafen Fragen an den Toten richtet, man die Antwort mit dem Aufwachen erhält. Diese Beziehung ist wirklich zwischen Lebenden und Toten immer vorhanden. Eigentlich hat jeder Mensch, der ihm zugehörige andere Menschen für den physischen Plan dadurch verloren hat, daß sie durch die Pforte des Todes gegangen sind, solche Beziehungen, die ihre wichtigste Entfaltung im Einschlafen und Aufwachen erleben. Sie werden nur aus dem Grunde nicht in das Bewußtsein heraufgebracht, weil eben diese günstigen Momente schnell vorüberhuschen und der Mensch nicht gewöhnt ist, das ins Bewußtsein aufzunehmen, was in diesen schnell vorüberhuschenden Momenten an seine Seele herantritt. Um das, was in solchen vorüberhuschenden Momenten an uns herankommt, festzuhalten, ist ja nichts geeigneter als die Beschäftigung mit den feineren, subtileren Gedanken der Geisteswissenschaft. Wer Geisteswissenschaft sich so aneignet, daß sie nicht ein bloßes Kopfwissen, sondern eine innere Substanz der Seele selbst ist, etwas, das nicht nur mit Klugheit, sondern mit Liebe ergriffen wird, so daß es ganz in die Seele übergeht, wer nicht nur mit wissenschaftlicher Neugierde oder mit Wißbegierde an den Gedanken der Geisteswissenschaft hängt, sondern mit Liebe ihnen nachgeht, dem senkt gerade diese Liebe in die Seele solche Kraft, daß er bei einiger Aufmerksamkeit schon nach und nach der hier angeführten großen Bedeutung der Momente des Einschlafens und des Aufwachens gewahr wird. Und je mehr Geisteswissenschaft in die Seelen der Menschen sich senken wird, desto mehr werden die Menschen in das reale Leben nicht nur das aufnehmen, was sie im Wachen erleben, sondern auch dasjenige, was ihnen aus einer übersinnlichen Welt zukommt im Einschlafen, namentlich aber im Aufwachen. Wir müssen uns nur klar sein, daß wir solche realen Beziehungen, wie ich sie jetzt meine, eigentlich nur immer zu solchen Toten herstellen können, mit denen wir irgendwie karmisch verbunden sind. Aber wir sind mit viel mehr Seelen karmisch verbunden, als wir glauben. Für den bewußten oder unbewußten Verkehr zwischen Lebenden und Toten ist allerdings die karmische Verbindung etwas so Notwendiges, wie es notwendig ist, das Auge auf ein Sinnesobjekt zu richten, um es wahrzunehmen. Wie da die Sinnesbeziehung hergestellt werden muß, so ist eine Voraussetzung für einen Verkehr zwischen Lebenden und Toten, daß gewisse karmische Beziehungen zwischen ihnen herrschen oder wenigstens hergestellt werden.

[ 15 ] Wenn wir nun den Moment des Einschlafens zunächst ins Auge fassen, so ist das derjenige Augenblick, der besonders günstig ist, um an irgendeinen, der hinweggegangen ist, und der uns lieb und wert war, der mit uns sonst karmisch verbunden war, dasjenige heranzubringen, was wir zu ihm an Beziehungen entwickelt haben. Der Augenblick des Einschlafens ist dafür besonders gut. Wir entwickeln natürlich unsere Beziehungen zu den Toten, mit denen wir karmisch verbunden sind, in dem wachen Tagesleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Wir gedenken der Toten. Alles dasjenige, was wir in der Weise im Verhältnis zu den Toten denken, daß wir es etwa gerne an sie heranbringen möchten, daß wir es ihnen gerne sagen möchten, das drängt sich dann im Moment des Einschlafens zusammen und gelangt, wenn es uns auch unbewußt bleibt, für das gewöhnliche Bewußtsein, zu den Toten hin. Nur ist eine gewisse Seelenverfassung für diese Mitteilungen ganz besonders günstig, eine andere Seelenverfassung ungünstig.

[ 16 ] Sehen Sie, ein bloß trockenes, kaltes Denken an die Toten, das ist wenig geeignet, zu den Toten wirklich hinzugelangen, als Mitteilung an sie heranzukommen. Wollen wir, daß gewissermaßen der Moment des Einschlafens wirklich ein Tor wird, durch das unsere eigenen Seelenerlebnisse, die zu den Toten Beziehungen haben, zu den Toten hindringen, dann müssen wir uns mit den Toten in anderer Weise wachend beschäftigen als durch kalte, trockene Gedanken. Wir müssen versuchen, Gedanken rege zu machen, welche uns mit dem Toten, während er noch selbst hier unter den sogenannten Lebenden weilte, verbunden haben. Aber wir müssen in die Gedanken dann besonders dasjenige hineinlegen, was eine gemüthafte Verbindung herstellen kann. In gleichgültiger Weise an den Toten denken hilft nicht viel. Alles dasjenige aber, was einen gemüthaft mit ihm verbunden hält, das ist gut, sich vor die Seele zu rufen: Wie man mit dem Toten da oder dort war, wie man gerade sich mit ihm unterhalten hat, dadurch daß man für etwas, was ihn besonders interessierte, aus dem Gefühl heraus selber ein reges Interesse entwickelte; oder eine Situation in sich wachzurufen, wie man einmal mit dem Toten zusammen war hier im Leben und etwas, was ihm nahegegangen ist, einem auch naheging, oder umgekehrt; wie man versucht war, etwas, was man erlebt hat, weil man den anderen gerne hatte, dem anderen mitzuteilen, um es mit ihm gemeinsam zu erleben. Nicht trockene Gedanken, sondern von Liebe, von Gemüthaftigkeit durchsetzte Gedanken! Diese Gedanken, die bleiben dann in unserer Seele bis zum Moment des Einschlafens. Und da findet sich dann das Tor, durch das sie als Mitteilung sicher zu dem Toten kommen.

[ 17 ] Wir sollten uns über diese Dinge eigentlich nicht täuschen. Wir träumen von einem Toten. Wenn wir von einem Toten träumen, so ist das schon in sehr vielen Fällen — natürlich nicht in allen Fällen — herrührend von einer realen Beziehung zu dem Toten. Aber das, was wir träumen, insofern es dem Moment des Einschlafens folgt, ist eigentlich nur eine traumartige, bildhafte Umgestaltung desjenigen, was wir dem Toten mitteilen. Wir erleben nicht den Moment des Einschlafens, wo wirklich solche Gedanken, wie eben charakterisiert, zu dem Toten hinübergehen, weil dieser Moment des Einschlafens so schnell vorüberhuscht. Aber dieser Moment des Einschlafens klingt eigentlich nach in dem folgenden Schlafe, klingt in dem Traume aus. Wenn wir die Sache richtig verstehen, so werden wir Träume von Toten nicht auslegen als Botschaften von den Toten. Sie könnten es sein, werden es aber in der Regel nicht sein. Es sind halb uns zum Bewußtsein kommende Impulse, die uns das Folgende besagen. Träumen wir von einem Toten, so bedeutet das: Wir haben an einem vorhergehenden Tage einen solchen Gedanken an den Toten willkürlich oder unwillkürlich gerichtet, wie ich ihn charakterisiert habe. Dieser Gedanke hat den Weg zu dem Toten gefunden, und der Traum zeigt uns an, daß wir eigentlich zu dem Toten gesprochen haben. Das, was der Tote uns dann antwortet, was der Tote uns mitteilt, diese Botschaften vom Toten, die kommen besonders leicht herein im Moment des Aufwachens. Und sie würden sich viel leichter einstellen für die sogenannten Lebenden, wenn diese in unserer gegenwärtigen Zeit nur überhaupt Zeit hätten, Neigung hätten, ein wenig achtzugeben auf dasjenige, was zwischen den Zeilen des Lebens aus tiefen Untergründen des Bewußtseins heraufkommt.

[ 18 ] Ja, der heutige Mensch ist eitel und selbstsüchtig, und wenn irgend etwas in seiner Seele aufsteigt, dann ist er sich zumeist klar darüber, daß es seine Genialität ist, die das hat aufsteigen lassen. Bescheiden sein, das ist ja eine ins Leben hineingestellte Ermahnung; im Inneren seines Wesens bescheiden zu sein ist für den Menschen nicht so ganz leicht. Bescheiden zu sein bedeutet auch, daß man wirklich unterscheiden lernt zwischen dem, was aus der eigenen Kraft der Seele heraufkommt, und dem, was von fremden, übersinnlichen Impulsen aus der eigenen Seele heraufkommt. Wie derjenige, der das schauende Bewußtsein hat, die Antwort des Toten von der eigenen Seele aus aufsteigend empfindet und wahrnimmt, so kommen diese Antworten der Toten, diese Botschaften von den Toten in der Zeit des Wachens vom Aufwachen bis zum Einschlafen aus den Tiefen der Seele herauf. Allein, man kann sagen: Ebensowenig wie der Mensch während des Tages die Sterne sieht — trotzdem sie fortwährend am Himmel stehen —, weil das Sonnenlicht sie übertönt, ebensowenig nimmt der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein wahr, was da von dem Grunde seiner Seele fortwährend heraufkommt, weil das äußere Leben, das durch die Eindrücke der Sinne veranlaßt wird, das eben übertönt. Wird man intim, möchte ich sagen, mit seiner eigenen Seele bekannt, lernt man unterscheiden dasjenige, von dem wir selbst der Ursprung sind, von dem, was als Fremdes herauftönt aus der eigenen Seele, dann lernt man nach und nach auch im wachen Tagesleben Botschaften der Toten erkennen. Dann aber verbindet man mit dieser Erkenntnis etwas außerordentlich Wichtiges. Dann sagt man sich: Wir sind ja eigentlich nicht von den Toten getrennt, die Toten leben unter uns. Sie kündigen sich eben nicht an so wie andere sinnliche Wesen, die uns von außen her ihre Impulse senden, sondern sie kündigen sich von innen heraus an, sie sprechen durch unser eigenes Innere zu uns, sie tragen uns.

[ 19 ] Allerdings, die Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft wird sich, so notwendig sie es hat, schwer daran gewöhnen, nicht mehr zu glauben, daß die Impulse, unter denen sie handelt, nur von der sinnlichen Außenwelt kommen, zu erkennen, daß in dem, was wir unser soziales, unser sonstiges Leben nennen, nicht nur der sogenannte Lebende lebt, sondern auch der sogenannte Verstorbene, daß die Toten immer da sind und in uns und mit uns wirken. In mythischer Form haben es die alten Menschen gewußt. Wenn die alten Menschen werte Dahingestorbene als Stammesherren, als Ahnengötter verehrt haben, so rührte das davon her, daß die alten Menschen im atavistischen Bewußtsein Erkenntnisse davon hatten, daß die Toten immer da sind, daß sie durch die Lebenden immer wirken. Dieses Bewußtsein mußte allerdings aus guten Gründen für die Menschheit verlorengehen, aber es muß wiederkommen! Man wird wieder wissen müssen, daß in unserer Umgebung die Toten sind, daß durch unsere Seele die Toten sprechen, daß wir Gemeinschaft mit den Toten haben. Man wird anerkennen müssen, daß die Geisteswissenschaft gefragt werden muß, wie das Leben eigentlich beschaffen ist, und daß die äußere Wissenschaft über das Leben irreführen muß, weil sie nicht zu unterscheiden weiß zwischen dem, was aus der sinnlichen Welt kommt, und dem, was aus der übersinnlichen Welt kommt. Unsere Geschichtsschreibung ist ja im Grunde genommen allmählich zu etwas ganz grotesk Unsinnigem geworden. Man spricht von Ideen, die in der Geschichte leben sollen, als wenn die Ideen heranflögen wie Kolibris oder andere Vögel, während in Wahrheit die Impulse, die vielfach als geschichtliche Impulse da sind, eben die Impulse der Toten sind.

[ 20 ] Dieses Bewußtsein von dem Gemeinschaftsleben mit den Toten, das muß sich ausbilden. Und indem sich das Bewußtsein ausbildet, und indem dann das menschliche Seelenleben verfeinert wird durch die Begriffe der Geisteswissenschaft, die nur dann das menschliche Leben nicht verfeinern, wenn sie theoretisch und nicht liebevoll gefaßt werden — indem das alles eintritt, werden gewissermaßen die Toten auch für das Bewußtsein der Menschheit gegenwärtig werden. Dann wird derjenige große Teil der Wirklichkeit, der heute unbewußt bleibt und unberücksichtigt bleibt, mitberücksichtigt werden. Man wird dann erst mit der vollen Wirklichkeit und in der vollen Wirklichkeit leben. Das ist eine Aufgabe für die Menschheit von dieser Zeit an. Denn die Menschheit lebt gegenwärtig in einer großen Katastrophe. Die tieferen Gründe, warum diese Katastrophe entstanden ist, sind die, daß die Menschen verlernt haben, in der Wirklichkeit zu leben. Die Menschen sind durch das materialistische Bewußtsein weit getrennt von der Wirklichkeit. Sie glauben der Wirklichkeit nahe zu sein, weil sie nur den einen Teil der Wirklichkeit, die sinnliche Wirklichkeit gelten lassen und das andere für einen Gegenstand der bloßen Phantasterei ansehen; aber gerade dadurch trennt man sich von der Wirklichkeit, daß man die eine Hälfte der Wirklichkeit nicht anerkennt. Dadurch kommt man nicht zu eindringlichen Begriffen von der Wirklichkeit. Wenn man nur einsehen würde, daß mit so etwas, was ich eben jetzt ausgesprochen habe, sehr, sehr viel und wirklich Praktisches für die Gegenwart gesagt ist!

[ 21 ] Unsere Kinder und jungen Leute lernen heute Geschichte. In der heutigen Zeit und schon seit langem haben sich die Menschen daran gewöhnt, Geschichte zu lernen, das heißt das, was sie als Geschichte ansehen. Aber wieviel haben die Menschen von der Geschichte gelernt? Nun ja, die Menschen sind heute sehr häufig aufgerufen gegenüber den Ereignissen, die als Elementarereignisse in jeder Stunde eintreten, sich zu fragen: Was lehrt uns darüber die Geschichte? — Die Phrase kann man ja immer wieder und wiederum lesen: Aus der Geschichte kann man dies oder jenes lernen. — Die Menschen lernen eben nichts von der Wirklichkeit. Noch nie hätte man von der Wirklichkeit so viel lernen können wie in den letzten dreieinhalb Jahren. Aber unzählige Menschen verschlafen diese unendlich bedeutungsvolle Wirklichkeit. Als diese katastrophalen Ereignisse begonnen haben, da haben sich sehr gescheite Leute, die geglaubt haben, gerade von der Geschichte viel gelernt zu haben, darüber ausgesprochen, wie lange diese Kriegsereignisse, wie sie sie nennen, dauern könnten. Mit den Gründen, die sie haben konnten, haben sie auch das belegen können, was sie ausgesprochen haben; sie haben gesagt: Vier bis sechs Monate; länger kann nach den Kenntnissen, die man haben kann, diese Kriegskatastrophe gar nicht dauern. — Es waren durchaus Fachleute, die sich so ausgesprochen haben. Nun, die Tatsachen kamen anders. Und man braucht wahrhaftig kein unbedeutender Geist zu sein, um, verführt durch das, was man in der neueren Zeit Geschichte nennt, so zu urteilen. Ein wahrhaftig nicht unbedeutender Mensch hat im Jahre 1789 seine Geschichtsprofessur an der Universität angetreten und eine Antrittsrede gehalten, in der dieser wahrhaftig gar nicht unbedeutende Mensch dazumal gesagt hat, die Geschichte lehre, es sei sehr wahrscheinlich, daß in der Zukunft die Völker Europas zwar allerlei Händel miteinander haben werden, aber daß sie sich nicht mehr zerfleischen können; dazu sei doch die Menschheit zu fortgeschritten. 1789 hat ein nicht unbedeutender Mensch, hat Friedrich Schiller diesen Ausspruch bei Antritt seiner Professur getan aus der Geschichtsbetrachtung heraus, der sich selbst Schiller hingeben konnte, mit Recht. Aber was folgte auf dasjenige, was Schiller da gesagt hat? Die Französische Revolution; die großen Kriege im Anfang des 19. Jahrhunderts. Und wenn es eine Lehre der Geschichte wäre, daß die Menschen Europas als Mitglieder einer großen Familie sich niemals wieder zerfleischen könnten, dann wären alle Ereignisse der Gegenwart erst recht unmöglich.

[ 22 ] So sonderbar es klingt, notwendig ist es, über diese Dinge umzulernen. Dasjenige, was man Geschichte genannt hat, ist eben gar nicht Geschichte. Im geschichtlichen Leben der Menschen wirken die Kräfte mit, die die übersinnlichen sind. In das geschichtliche Leben wirken die Toten herein, und ein Urteil aus der Geschichte wird sich erst dann ergeben, wenn dieses Urteil auf geisteswissenschaftlicher Grundlage gefaßt wird. Solange dies nicht geschieht, wird die Geschichte niemals etwas lehren, wird die Geschichte niemals eine praktische Wissenschaft, wird sie niemals geeignet sein, Maximen abzugeben für dasjenige, was zu geschehen hat. Daher steht der Mensch heute so hilflos den Ereignissen gegenüber, weil es notwendig ist in unserer Zeit, daß geisteswissenschaftliche Maximen zu praktischen Lebensgrundlagen gemacht werden. Solange dies nicht geschieht, werden die katastrophalen Ereignisse nicht in Wahrheit überwunden werden können.

[ 23 ] Ich habe gesagt: Besonders günstig, um an den Toten heranzukommen, sind die Gedanken, welche aus einer Gemütsbeziehung zu dem Toten heraus entsprungen sind, und die so erinnert werden, daß man sich an diese Gemütsbeziehung miterinnert. Besonders günstig, um Antwort von dem Toten zu bekommen, besonders günstig dafür, daß der Tote in unser Leben hereinwirkt, ist es, wenn wir den Toten wirklich kennen, wenn wir die Möglichkeit haben, uns in seine Wesenheit zu vertiefen. Sich in das Wesen anderer Menschen zu vertiefen, dazu wird auch Geisteswissenschaft die Impulse geben können. Denn heute ist es gerade durch die materialistische Seelenverfassung wenig möglich, daß sich die Menschen im Leben kennen. Sie glauben einander zu kennen, aber sie gehen nur aneinander vorbei, reden aneinander vorbei. Man kann heute dreißig oder mehr Jahre mit jemandem verheiratet sein — und ihn sehr wenig kennen. Es gehört eine gewisse Verfeinerung der Seele dazu, um das Wesen eines anderen zu kennen. Wenn man des anderen Wesen kennen kann wie sein eigenes, dann ist die Voraussetzung gegeben, sich sein Wesen vor die Seele zu rufen. Wenn wir das Wesen eines Toten, an den wir Fragen stellen wollen, uns dadurch vor die Seele rufen, daß wir uns etwas vergegenwärtigen, was uns gemüthaft mit ihm verbindet, und sein Wesen recht lebendig uns dazu vorstellen, dann bekommen wir sicher auch Antwort; dann ist es nur an uns, die nötige Aufmerksamkeit zu entwickeln für das Zusammenspiel dessen, was wir an den Toten richten, mit dem, was sicher von dem Toten zurückkommt, wenn die angeführten gemütvollen Beziehungen erinnert werden. Es ist dann möglich, daß das, was wir an den Toten heranbringen, seine Antwort findet von dem Toten, wenn wir uns lebendig vor die Seele stellen können, was wir von seinem Wesen wirklich verständnisvoll aufgenommen haben.

[ 24 ] Über manche andere konkrete Beziehung zu den Toten kann das schauende Bewußtsein Aufschluß geben. Ich will zunächst heute von einer noch sprechen. Sehen Sie, diejenigen, die als unsere Angehörigen oder unsere Freunde oder sonstwie karmisch zu uns gehörige Menschen durch die Pforte des Todes gehen, sie gehen entweder als Kinder oder junge Menschen dahin oder als ältere Menschen. Wenn man mit dem schauenden Bewußtsein beobachtet, wie die Beziehungen zu den verschiedenen Toten sind, so kann man in bezug auf dieses Hinweggehen in verschiedenen Lebensaltern das Folgende sagen. Wenn Kinder oder jüngere Menschen durch die Pforte des Todes gehen, so kann man das Verhältnis, das sie zu den Zurückgebliebenen behalten, mit den Worten bezeichnen: Kinder oder jüngere Menschen haben diejenigen, die hier ihre Angehörigen waren, nicht verloren, sie bleiben eigentlich unmittelbar da in der Umgebung. Und das, was wir als Schmerz, als Trauer empfinden, bekommt dadurch seinen Charakter. Wenn der Mensch, der mit schauendem Bewußtsein ausgestattet ist, den Seelenschmerz beobachtet, den eine Mutter oder ein Vater über ein hinweggegangenes Kind haben, so ist dieser Seelenschmerz ein ganz anderer als der Schmerz, den man empfindet als junger Mensch, wenn einem ein Älterer hinwegstirbt. Gewiß, in oberflächlicher, äußerer Beziehung sind diese Seelenerlebnisse mehr oder weniger gleich, aber wenn man sie intimer auffaßt, sind sie grundverschieden. Die jünger dahingestorbenen Menschen gehen nicht weg, sie bleiben eigentlich da — so kann man das Verhältnis bezeichnen —, und sie leben mit unseren Seelen weiter, leben in unseren Seelen weiter. Und es ist eigentlich der Schmerz, den wir empfinden, die Trauer, die wir empfinden, dasjenige, was die jünger verstorbenen Toten selber in uns erleben. Das überträgt sich in unseren Schmerz, in unsere Trauer. Sie bleiben bei uns. Es ist eine Umsetzung ihres eigenen Schmerzes, der nicht Schmerz sein muß, aber bei uns dann Schmerz wird, wenn er sich umsetzt in unseren Seelen.

[ 25 ] Die Trauer, die man empfindet einem älteren Menschen gegenüber, die ist eigentlich persönlich empfundener Schmerz. Ich möchte sagen, es ist weniger Mitgefühlsschmerz, mehr egoistischer Schmerz, eigener egoistischer Schmerz. Denn wenn man vom Gesichtspunkte des schauenden Bewußtseins aus das Verhältnis des hier zurückgebliebenen jüngeren Menschen zu dem älteren Abgeschiedenen bezeichnen will, so kann man sagen: Der ältere Abgeschiedene verliert uns nicht. Wir verlieren nicht den jüngeren Abgeschiedenen; der ältere Abgeschiedene verliert uns, den Zurückgebliebenen, nicht, er nimmt in gewissem Grade die Seele mit, er trägt sie auf seinem weiteren Weg in ihren Kräften mit sich. Er verliert die Hiergebliebenen nicht. Und daher ist dieses Verhältnis zu einem solchen älteren Dahingeschiedenen auch ein ganz anderes als zu einem jünger Dahingeschiedenen. Der älter Dahingeschiedene hat nicht die Tendenz, in der Seele des Hiergebliebenen zu leben, weil er die innere Wesenheit, die Abprägung der inneren Wesenheit mitnimmt.

[ 26 ] Was ich eben sagte, zu wissen, das ist gar nicht unbedeutend im Leben, denn dasjenige, was wir das Andenken an die Toten nennen, bekommt dadurch eine ganz bestimmte Beleuchtung. Beim jüngeren Menschen ist es gut, dieses Andenken — ich möchte sagen, den Totenkultus — so zu beleben, so auszugestalten, daß wir mehr im Allgemeinen bleiben, daß wir die Gedanken oder die Kulthandlungen oder sonstige Dinge, welche das Andenken pflegen sollen, so einrichten, daß wir weniger auf das Individuelle, auf das Persönliche des Toten eingehen, sondern im Hinblick auf den Toten große Weltempfindungen, Weltgedanken haben. Da drinnen fühlt sich dann derjenige, der ja als junger Hingestorbener bei uns geblieben ist, wohl. Bei einem älter Dahingestorbenen ist es besonders gut, wenn man auf sein Individuelles eingehen kann, wenn die Gedanken, die man an ihn richtet, so gestaltet sind, daß sie mit seiner Persönlichkeit etwas zu tun haben, auf seine Persönlichkeit hin geprägt sind. Bei einem jünger Hingestorbenen, da ist es besonders gut, wenn die Totenfeier so eingerichtet wird, daß man eine Art Kultus, einen allgemein festgesetzten Kultus, der eine symbolische Bedeutung hat, entwickelt. Für jünger dahingestorbene Menschen ist die katholische Totenfeier besonders geeignet, die in den meisten Ländern weniger auf die individuellen Verhältnisse oder gar nicht darauf eingeht, sondern eine symbolische allgemeine Totenfeier für jeden ist. Für die jung verstorbenen Seelen, die ja dableiben, ist es das beste, mit Riten, die für alle gleich gelten, allgemeine Weltsymbole, allgemeine Weltempfindungen im Hinblick auf sie zu entwickeln. Für älter Hingestorbene ist die protestantische Totenfeier, wo man mehr auf den individuellen Lebensgang eingeht, sich mehr auf das Persönliche des Dahingegangenen bezieht, das bessere. Und auch im individuellen Andenken, das man einem solchen Toten widmet, ist dasjenige für den älter Dahingestorbenen vorzuziehen, was mit ihm persönlich zusammenhängt, was nicht auf jeden Toten anwendbar ist, sondern nur auf ihn.

[ 27 ] Weiß man diese Dinge, dann wird auch unser Gefühlsleben mit Bezug auf die dahingegangenen Toten abgestuft, differenziert. Wir wissen zu unterscheiden, wie sich die Seele verhalten soll gegenüber einem jünger oder einem älter dahingegangenen Toten. Das Leben wird in seinen intimsten Verhältnissen bereichert, wenn man so aus der Geisteswissenschaft den Gedanken aufnimmt, daß einem nicht nur die in den physischen Leibern lebenden Seelen angehören, sondern auch die entkörperten Seelen. Der Mensch taucht dann erst ein in die volle Wirklichkeit. Es muß ja immer wieder und wiederum gesagt werden: Vom Geiste im allgemeinen zu sprechen, das führt nicht sehr weit. Vom geistigen Leben im allgemeinen zu sprechen, wie es gewisse Philosophen tun, oder wie es solche Menschen tun, die heute auch glauben, den Materialismus dadurch zu überwinden, daß sie im allgemeinen von Geist und Geist und Geist sprechen: das führt eben nicht allzu weit. Es muß schon der Mut aufgebracht werden — und es gehört ja heute ein gewisser Mut dazu —, in das konkrete geistige Leben einzudringen. Es muß der Mut dazu aufgebracht werden, solche Verhältnisse, wie wir sie auch heute wiederum besprochen haben, rückhaltlos vor der Mitwelt zu bekennen, so groß auch der Hohn der materialistisch Denkenden gegenwärtig noch sein mag. Man kann es ja heute gar nicht sehen, wieviel unendlich Fatales für die Menschheit, unendlich Katastrophales damit zusammenhängt, daß die Menschen gerade in den wichtigsten Teilen der Welt von diesen Dingen nichts wissen und deshalb nicht darüber denken, und deshalb der Wirklichkeit so fernestehen, welche dann verheerend über sie hereinbrechen muß. Allen möglichen Impulsen wird man die gegenwärtige Erdkatastrophe zuschreiben, nur nicht denjenigen, in denen sie wirklich im tiefsten Sinne ihren Ursprung hat.

[ 28 ] Hier ist schon der Ort, sich einmal zu besinnen auf die ganze Bedeutung, die eigentlich im europäischen Geistesleben eine anthroposophisch orientierte geisteswissenschaftliche Weltanschauung haben muß wie die, die wir hier meinen. Wie die Menschen sich zum Geiste und zum Geistesinhalte stellen, das wird schon eine große Bedeutung haben in einer wahrhaftig gar nicht fernen Zukunft. Denn es bereiten sich wichtige, bedeutungsvolle Dinge im Leben der Erdenmenschheit vor. Man kann ja wirklich nicht umhin, wenn man nur ein wenig aus dem schläfrigen Zustande herauskommt, in dem leider so viele Menschen sind, über gewisse Dinge tiefer nachzudenken, als durch Jahrhunderte in Europa nachgedacht worden ist. Die Zeiten drängen dazu, daß die Menschen umdenken lernen. Eigentlich sieht man ja, daß die Menschen umdenken; es frägt sich nur, ob sie dieses Umdenken in einer wirklich tiefen Weise besorgen oder ganz unterlassen, oder ob sie es in jener Art besorgen, wie es jetzt sehr viele Menschen tun. Man sieht schon, daß die Menschen umdenken, nur kommt es manchmal ganz merkwürdig heraus. Man könnte da nicht Hunderte, sondern Tausende von Beispielen angeben.

[ 29 ] Sehen Sie, einer derjenigen Menschen, die furchtbar umgedacht haben im Laufe der letzten dreieinhalb Jahre, ist der französische frühere Sozialist und Journalist Gustave Herve. Er gibt eine Zeitung heraus, «Gloire» nennt er sie, was auch umgenannt ist aus einem weniger provozierenden Namen. Dieser Hervé ist eigentlich einer derjenigen, die gegenwärtig im Sinne des allerwütendsten französischen Chauvinismus schreiben. Man kann sagen, selbst gegenüber einem solchen tigerhaften, stierhaften chauvinistischen Menschen wie Clemenceau ist Herve eigentlich noch mehr französisch-chauvinistisch — und der hat umgedacht. Der war vor vier Jahren noch ganz Kosmopolit, hat jeden noch ausgelacht dazumal, der irgendwie, ich will gar nicht sagen, französisch chauvinistisch war, sondern der nur irgendwie französisch national gesinnt war. Er war ganz Kosmopolit, dieser Hervé. Jetzt ist dasjenige, was er schreibt, so giftig, daß man aus jeder Zeile, die man von ihm liest, herauslesen kann: er möchte eigentlich am liebsten, daß die französische Trikolore zu einem Instrument würde, um alles dem Französischen Gegnerische zu erschlagen. Dennoch rührt von Hervé ein bedeutsamer Ausspruch her, den er allerdings vor diesem Kriege getan hat. Dieser Ausspruch ist der folgende: Die Trikolore gehört auf den Misthaufen! — So wenig war dieser Mann, der jetzt einer der allerchauvinistischsten Franzosen ist, französisch national gesinnt, daß er sich dazu aufgeschwungen hat zu sagen: Die Trikolore — die französische meint er — gehört auf den Misthaufen. — So verachtete er alles Nationale. — Er hat schon umgelernt, umgedacht, nur natürlich in einer Weise, die nicht gerade sehr tiefsinnig ist. Dasjenige, was in einer Zeit geschehen soll, es geschieht — es ist wichtig, daß man das beachtet —; es frägt sich nur, wie es bei dem einen oder anderen herauskommt, wie der eine oder andere seine Menschheitsaufgabe wirklich beachtet. Das vor allen Dingen ist bei diesem Umlernen notwendig, daß der europäische Mensch nicht die bedeutsamen Dinge verschläft, die sich für die ganze Erdenmenschheit gegenwärtig vorbereiten. Drüben in Asien, überhaupt im Orient, bereitet sich eine Summe von Urteilen über Europa, namentlich über Mitteleuropa vor — uns interessiert ja in der gegenwärtigen Zeit vorzugsweise Mitteleuropa —, Urteile bereiten sich vor, die nach und nach tatsächlich sich zu historischen Impulsen verbinden werden. Der Orientale, der Japaner, der Inder, der Chinese fühlt sich nach und nach herausgefordert, gewisse Impulse bei sich auszubilden. Und bis zu einem hohen Grade haben sich schon solche Impulse herausgebildet. Bis zu einem gewissen Grade gibt es gerade bei führenden Orientalen Urteile, namentlich über mitteleuropäisches, über deutsches Wesen, die wohl beachtet werden sollten, denn was da in diesen Impulsen lebt, wird Geschichte in gar nicht zu ferner Zeit. Es sieht sehr sonderbar aus, aber man sollte eine feine Empfindlichkeit heute sich ausbilden für solche Dinge; man sollte wissen, daß es heute notwendig ist, ein wenig vorauszusehen, was kommen muß, um mit der Wirklichkeit einherzugehen. Die Orientalen, die sich anschicken, mit Europa in ein Verhältnis zu kommen, die sich ihre Urteile bilden, welche künftig Weltpolitik werden, diese Orientalen haben ihre uralten Anschauungen über das geistige Leben. Sie sehen, was in Europa seit Jahrhunderten vorgegangen ist, aber sie sehen es nur in einer einseitigen Weise, weil ihnen dieses Europa, namentlich dieses Mitteleuropa, in einer einseitigen Weise das eigene Wesen zeigt. Ja, was glauben die führenden Orientalen zum Beispiel über dieses mitteleuropäische Wesen? Sie glauben dasjenige, was sie glauben müssen nach dem, was sie eigentlich vorzüglich sehen. Sie glauben daran, daß dieses Mitteleuropa besonders begabt ist, staatliche, kommerzielle und andere Verhältnisse zu organisieren; daß dieses Mitteleuropa besonders begabt ist, sich der äußeren Wissenschaft, wie sie die Schulen in Europa lehren, zu unterwerfen, der Autorität dieser Wissenschaft sich hinzugeben. Diese Orientalen können das nicht besonders schätzen, weder was aus dieser Organisation noch was aus der Wissenschaft stammt, denn dem gegenüber sind die sich bewußt, daß sie, aus ganz anderen Impulsen heraus als wir Europäer es haben können, eine uralte Geistigkeit haben. Gerade dem führenden Orientalen wird niemals imponieren, was die europäische Naturwissenschaft zum Beispiel gibt; es wird ihm niemals imponieren, was die europäische Industrie hervorbringt, wenn er es auch in äußerlicher Weise, wie der Japaner, annehmen wird; es wird ihm niemals imponieren dasjenige, was die europäische Organisation zu bewirken vermag. Denn er ist sich bewußt: das alles stellt zum wirklichen Wesen der Dinge kein Verhältnis her. Dieses Verhältnis fühlt er hergestellt zwischen seiner Seele und der Seele des Weltenalls. Er fühlt sich der Seele des Weltenalls geistig verwandt. Dessen seien wir uns nur ganz klar. Mit demjenigen, was gleichkommt solcher Betrachtungsweise, wie wir sie heute hier oder sonst gepflogen haben, würde sich der Orientale ganz anders zu stellen wissen als mit dem europäischen Maschinenwesen, mit der europäischen Organisation, mit der europäischen äußeren Verstandeswissenschaft. Und man darf schon einmal, so sonderbar es aussieht, auch den Sinn darauf lenken: Was würde der Orient sagen, wenn er wissen könnte, daß aus dem, was das Geistesleben in Europa hervorgebracht hat durch Herder, Schiller, Goethe, durch die Romantiker, eine wahre, konkrete geistige Betrachtung der Welt werden kann, die zu der orientalischen Geistesbetrachtung etwas Besonderes hinzugibt, das der Orientale durch seine Anlage nicht finden kann, das er aber schätzen könnte, mit dem er zusammengehen könnte? — Gewiß, Sie können sagen: Goethe ist ja genügend der ganzen Welt bekannt, und die Führer des orientalischen Geisteslebens können auch Goethe kennenlernen, und Goethe ist ein Quell, ein unendlicher Quell für das geistige Leben Mitteleuropas. — Wahr ist das alles, durchaus wahr. Aber hat es Mitteleuropa schon dahin gebracht, Goethe wirklich als solchen Quell anzuerkennen? Man könnte vieles über diesen Punkt reden. Der Orientale sieht auf dasjenige, was Mitteleuropa aus Goethe hat machen können. Nun könnte vieles angeführt werden; nur als Beispiel will ich eines anführen: Mitteleuropa hat gewußt, die wichtigsten Impulse Goethes mit Stillschweigen zu übergehen, aber es hat eine Goethe-Gesellschaft. In einem wahrhaft höchst günstigen Zeitpunkte ist diese Goethe-Gesellschaft begründet worden. Der Ausgangspunkt war ein vorzüglicher. Man kann sagen, wenige Konstellationen waren für solche Dinge so günstig wie diese am Ende der achtziger Jahre. Als der letzte Nachkomme Goethes einer Fürstin den Nachlaß übergab, da hätte alles gut eingeleitet werden können, wäre auch gut in Angriff genommen worden, gab einen Anfangsimpuls, von dem man hätte glauben können: jetzt wird man die geistigen Quellen aus Goethe herausholen! Es ist vieles geschehen, auch die Goethe-Gesellschaft ist dazumal gegründet worden. Aber nehmen wir einmal den Orientalen, der da frägt: Wir haben im Orient ein Leben, welches die Seele unmittelbar an die Weltenseele anschließt. Da drüben haben sie Organisationen von staatlichen, von gesellschaftlichen Verhältnissen, da drüben haben sie Maschinen und eine Industrie, haben eine Wissenschaft, die in der Schule gelehrt wird und mit ungeheurer Autorität auf die Seelen drückt; aber sie haben keine Beziehung der Seele des Menschen zur Seele des Weltenalls. — Wüßte er, welche Beziehungen latent daliegen, wüßte er, was sein könnte nach dem, was an Goethe erlebt werden könnte, er würde anders reden und denken und empfinden. Aber was sieht er? Nun, er frägt sich vielleicht: Ja, dieses Mitteleuropa hat es dahin gebracht, eine Goethe-Gesellschaft zu begründen, um einen seiner allergrößten Geister zu ehren. Es hat es aber auch dahin gebracht, zum Präsidenten dieser Goethe-Gesellschaft heute einen ehemaligen Finanzminister zu haben. — Es ist nur symbolisch für vieles. Man kann sagen: Es muß in unserer Seele der Impuls leben, die Welt wissen zu machen: Aus dem Quell des deutschen Geistes kann dasjenige hervorgehen, was die Impulse der Geisteswissenschaft sind. Die werden nicht übersehen werden drüben im Orient. Würden sie übersehen, dann würde sich als historischer Impuls im Orient bilden müssen das Urteil: Diese mitteleuropäische Kultur ist eigentlich der Menschheit schädlich. — Und dieses Urteil hat sich in hohem Grade festgesetzt. Es würde ganz gewiß korrigiert, wenn gewußt würde, daß dieses mitteleuropäische Geistesleben imstande ist, selbst das Mechanischste des Mechanismus in Schönheit, in Seele umzugießen durch jene Impulse, die es in sich hat, und die es zum wirklichen Erkennen und zum wirklichen Verarbeiten des Übersinnlichen ausgestalten kann. So könnte es eigentlich nach der einen Seite hin wirken.

[ 30 ] Und blicken wir nach der anderen Seite: Im Westen, in Amerika betrachtet man nicht nur das mitteleuropäische, sondern das ganze europäische Leben auch so, wie man es nur von der Außenseite kennenlernen kann, weil man natürlich nicht nur die Goethe-Gesellschaft mit dem gewesenen Finanzminister an der Spitze, sondern auch die anderen Dinge in einer ähnlichen Weise sieht, nicht aber, was in den Seelen so leben kann wie das, was heute durch unsere Seelen gezogen ist. Während man im Orient sagt: Dieses Europa, dieses europäische Leben ist schädlich —, findet man es drüben in Amerika überflüssig. Denn Maschinen bauen, Industrieorganisation treiben, Goethe-Gesellschaften begründen mit Leuten, die von Goethe-Wissenschaft so viel verstehen, wie dasjenige ist, was man beim Zusammenstellen von Finanzbudgets nötig hat, das können die Amerikaner auch. Aber das, was aus Goethe als tiefster Quell spirituellen Lebens fließt, das können die Amerikaner nicht; das können sie nur dann haben, wenn sie es von den Mitteleuropäern nehmen.

[ 31 ] Es ist nicht bloß irgendeine mystische Verschrobenheit, meine lieben Freunde, es ist eine mit den praktischen Lebensbedürfnissen der Gegenwart tief zusammenhängende Frage, wie wir uns stellen zu den Impulsen, um möglichst, was an uns ist, zu tun, die Welt wissen zu lassen, fühlen zu lassen, was innerhalb der europäischen Kultur an Geistigkeit leben könnte, welche Wege sie zum Übersinnlichen gegenwärtig haben könnte. Heute mehr als je ist es notwendig, sich darauf zu besinnen, daß Geisteswissenschaft in unserem Sinn nicht nur etwas ist, womit wir unserer eigenen Seele wohl tun wollen, sondern daß Geisteswissenschaft etwas werden muß, wodurch wir als Menschen im rechten Sinne, als Menschen Mitteleuropas, unsere Aufgabe in der Entwickelung der Menschheit erfüllen können.