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Die geistigen Hinter des Ersten Weltkrieges
GA 174b

23 April 1918, Stuttgart

Vierzehnter Vortrag

[ 1 ] Ich habe hier schon aufmerksam gemacht darauf, daß man immer wieder und wiederum einen Einwand gegen die Beschäftigung mit geisteswissenschaftlichen Wahrheiten hören kann, einen Einwand übrigens, der es von vorneherein an der Stirn trägt, daß er aus der Überbequemlichkeit der menschlichen Seele entspringt. Es ist der Einwand derer, die da sagen: Ich weise es ja nicht ab, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, in eine andere, eine geistige Welt eintritt; aber wie diese geistige Welt beschaffen ist, wie es mit dieser geistigen Welt steht, das will ich abwarten! Hier auf dieser Erde muß man sich seinen materiellen Pflichten widmen, man wird dann schon sehen, wie es in einer anderen Welt zugeht, wenn man in diese andere Welt versetzt wird. — Es kann nicht bestritten werden, daß dieser Einwand sehr bequem ist. Allein, ihn sorgfältig zu prüfen, das geziemt dem, der sich für geisteswissenschaftliche Wahrheiten interessiert, denn durch solche Prüfung kann er bestärkt werden in der Anschauung von der Notwendigkeit, sich wirklich mit geisteswissenschaftlichen Wahrheiten zu befassen. Um diese Prüfung Ihnen einmal, ich möchte sagen, vor die Seele hinzulegen, wollen wir von einem gewissen Gesichtspunkte aus heute wiederum die Beziehungen uns vergegenwärtigen, die da bestehen zwischen dem Menschenleben hier und dem Menschenleben, das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließt.

[ 2 ] Seien wir uns doch klar darüber, daß der Mensch, indem er hier im physischen Leibe durch das Leben wandelt, nur einen Teil von dem, was mit seinem Leben zusammenhängt, wirklich in das gewöhnliche Bewußtsein aufnimmt, denn fortwährend gehen Dinge vor, welche mit unserem Leben zusammenhängen, die aber nicht so an diesem unserem Leben vorüberrauschen, daß wir sie uns klar und deutlich vor das gewöhnliche Bewußtsein brächten. Wir bringen uns manchmal die Tatsachen halb und halb zum Bewußtsein, nicht aber die ganze Tragweite, die diese Tatsachen des alltäglichen Lebens für uns haben. Denken Sie einmal am Abend über Ihr Tagwerk nach, denken Sie vor allen Dingen darüber nach, welche Orte — wir könnten auch etwas anderes auswählen, aber wir wollen einmal dies nehmen — Sie betreten haben, und welchen Menschen Sie dadurch nahegekommen sind. Das alles hat ja für Sie eine große Bedeutung, denn Ihre unmittelbare Umgebung spiegelt sich in Ihrer Seele. Und von vielen Dingen, die sich so spiegeln in der Seele, kommt wirklich das allerwenigste zum deutlichen Bewußtsein im alltäglichen Leben. Es ist doch ein großer Unterschied, ob wir, sagen wir, heute um neun Uhr morgens in der Nähe des Stuttgarter Bahnhofes waren, oder ob wir draußen im Wald waren, denn in beiden Fällen hat sich etwas ganz anderes in Ihrer Seele gespiegelt; etwas ganz anderes lebt in Ihrer Seele in beiden Fällen. Wir machen uns gewöhnlich nicht klar, daß das eine tiefgehende Bedeutung hat. Nur aus, ich möchte sagen, leisen Andeutungen des Lebens können wir die Bedeutung solcher Sachen oftmals entnehmen. Nehmen wir nur einmal das Folgende; Sie können es konstatieren — natürlich nicht in diesem Falle, sondern in anderen Fällen —, wenn Sie ein wenig auf das Leben achten. Nehmen Sie an, Sie sind heute abend hergekommen. Irgend jemand in der ersten Sitzreihe hätte Veranlassung, den Saal, bevor ich hier zu Ende geredet habe, zu verlassen; er steht auf, bewegt sich durch den Gang und geht hinaus. Jemand in der dritten Sitzreihe hat ihn gesehen, aber, ich nehme das wenigstens so an, dieser in der dritten Sitzreihe hat aufmerksam zugehört — was ja auch vorkommt, nicht wahr —, und er hat an seinem gewöhnlichen Bewußtsein diese Persönlichkeit, die da hinausgegangen ist, eigentlich nur so halb, so ein bißchen vorübergehen lassen. Er wird bemerken können, daß er vielleicht außerordentlich wenig träumt von dem, was ich hier gesprochen habe. Denn wahrscheinlich würden, wenn man darüber eine Statistik aufnehmen könnte, diejenigen der verehrten Zuhörer, die furchtbar viel träumen von dem, was hier gesprochen worden ist, doch nicht allzu zahlreich sein. Aber Sie werden leicht sehen können — vielleicht nicht an diesem Beispiel, aber an einem ähnlichen —, daß Sie träumen von dem, der da aufgestanden und hinausgegangen ist. Das heißt: Sie werden in zahlreichen Fällen des Lebens bemerken können, daß Sie gerade im Schlafbewußtsein auf diejenigen Dinge zurückgreifen, die während des Tages flüchtig an Ihrem Bewußtsein vorübergehen.

[ 3 ] Darauf beruht es, daß die Menschen so wenig wissen, wovon sie geträumt haben. Denn das meiste von dem, was geträumt wird, ist von solcher Art, daß es bei Tage ziemlich unvermerkt vorübergeht. Dasjenige, was ganz klar im Bewußtsein aufgefaßt wird, von dem wird zumeist sehr wenig geträumt. Nur dann wird davon geträumt, wenn es verknüpft ist mit gewissen Empfindungen, gewissen Gefühlen, die man sich auch wiederum nicht klar und deutlich zum Bewußtsein bringt. Und beim Aufwachen erinnert sich der Mensch so wenig an die Träume, weil er eben das, was er geträumt hat, in der vorhergehenden Lebenszeit wenig beachtet. Es hängt das mit der geringen Erinnerungsfähigkeit an die Träume doch auch zusammen. Kurz, was ich sagen will, ist dieses, daß Unzähliges an dem Menschenleben vorüberrauscht, das nur ganz flüchtig in das Bewußtsein hereinkommt, das aber eine große Bedeutung hat, wenn es auch im Unbewußten oder Unterbewußten bleibt, für das menschliche Seelenleben. Alles, was so, ich möchte sagen, zwischen den Zeilen des Lebens verläuft, hat zunächst große Bedeutung, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist.

[ 4 ] Wir haben ja diese Zeit, die der Mensch zunächst zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verbringt, öfter zu beschreiben gehabt von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. So mischt sich immer eines in das andere hinein, und nur dadurch, daß man die verschiedensten Gesichtspunkte wählt, kommt man zu einer gewissen Vollständigkeit auf diesem Gebiet. Alles, was unvermerkt am gewöhnlichen Bewußtsein vorübergeht, das wird dann entrollt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und ich möchte dasjenige, was da der Mensch zunächst durch lange Zeit hindurch erlebt, nennen das Entrollen der Bilder. Es ist im wesentlichen ein Durchmachen von Erlebnissen des imaginativen Bewußtseins, was da der Mensch durchmacht. Eine große, große Anzahl von Bildern wird entrollt über Lebensszenen, die wir uns sehr wenig zum Bewußtsein gebracht haben. Und von dem wiederum, was wir uns hier zum Bewußtsein gebracht haben, wird dasjenige entrollt, was hier vom Bewußtsein auch wenig berührt worden ist. Das andere, was hier deutliches Bewußtsein war, das tritt mehr als Erinnerung nach dem Tode auf, wie Gedächtnisbilder, wie Erinnerung; aber das, was hier wenig beachtet worden ist, entrollt sich wie in Gegenwartsbildern.

[ 5 ] Heute ist es mir besonders wichtig darauf hinzuweisen, daß das erste Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt im wesentlichen zu tun hat mit diesem Entrollen der Bilder, im wesentlichen zu tun hat mit einem Leben in Imaginationen. Diesen Imaginationen können wir ja dadurch zu Hilfe kommen, daß wir eine Verbindung herstellen zwischen uns, die wir hier übriggeblieben sind, und denen, die als mit uns karmisch verbunden durch des Todes Pforte gegangen sind. — Dann kommt das zweite Drittel, in dem dieses geistig-seelische Menschenleben mehr ausgefüllt ist mit Inspirationen. Da findet das statt, daß dem Menschen klar wird, welche Bedeutung die Bilder, die er zuerst erlebt hat, im ganzen Weltzusammenhange haben, wie er sich durch diese Bilder in den Weltenzusammenhang hineinstellt. Denn alles, was der Mensch erlebt, hat Bedeutung für den Weltenzusammenhang. Man darf nicht glauben, daß es gleichgültig ist, einen Menschen einmal begegnet zu haben, den man vielleicht wenig beachtet hat, in seiner Nähe gewesen zu sein. Es wird in Bildern entrollt, und das, was es im gesamten Weltengeschehen für eine Bedeutung hat, das kommt in Inspirationen in dem zweiten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt zur Offenbarung.

[ 6 ] Im letzten Drittel ist das Leben hauptsächlich ein solches in Intuitionen. Da hat sich der Mensch hineinzuversetzen in dasjenige, was in seiner geistig-seelischen Umgebung ist. Da lebt der Mensch wie untergetaucht mit seinem Bewußtsein in das, was in seiner geistig-seelischen Umgebung ist. Und gerade in diesem letzten Drittel, durch dieses Untertauchen, bereitet er vor das Untertauchen in den physischen Leib nach der Geburt beziehungsweise der Empfängnis. Die Intuitionen im letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sind die Einleitung jener Intuition, die dann natürlich unterbewußt oder unbewußt ist, die darin besteht, daß der Mensch in den Leib untertaucht, der ihm überliefert wird in der Vererbungsströmung von EItern, Großeltern und so weiter. Und es bleibt dem Menschen etwas, wenn er nun aus der geistig-seelischen Welt in die physische Welt übergetreten ist. Denken Sie, wenn Sie das ins Auge fassen, daß der Mensch eigentlich durch lange Zeit in geistig-seelischen Intuitionen lebt, gewöhnt ist, in solchen zu leben, so wird er an dieser Gewohnheit noch etwas festhalten wollen, wenn er in den physischen Leib hineingegangen ist. Das tut er in der Tat. Denn was ist denn — lesen Sie es nach in dem Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» — die hauptsächliche Seelenbestrebung in den ersten sieben Lebensjahren bis zum Zahnwechsel? Ich habe gesagt: Nachahmungssucht. Das Kind versucht immer dasjenige zu tun, was in seiner Umgebung getan wird; es geht nicht von eigenen Intentionen aus; es versetzt sich in die Handlungen derjenigen, die in seiner Umgebung leben und ahmt diese nach. Das ist der Nachklang der Intuitionen im letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wir werden deshalb als nachahmende Wesen geboren, weil wir ins physische Leben übersetzen dasjenige, was wir lange Zeit in geistig-seelischer Weise in der anderen Welt drüben getan haben. Und man versteht das, wie der Mensch hereinwächst in dieses physische Leben, indem man den Blick zurückwendet auf das, was der Mensch gewohnt geworden ist in der geistigen Welt zu treiben.

[ 7 ] Sie sehen hier einen Gedanken aus der Geisteswissenschaft vor Sie hingestellt, der von solcher Art ist, wie viele kommen müssen für die nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende des menschlichen Geisteslebens. Diese Gedanken werden sich ja viel, viel ändern müssen gegenüber dem, was bis jetzt die Menschen geistig beschäftigt hat. Bedenken Sie, daß es seit den letzten Jahrhunderten üblich geworden ist, wenn der Unsterblichkeitsfrage nachgedacht wird, hauptsächlich an das zu denken, was nach dem Tode ist. Man denkt immer: Kann der Mensch dasjenige, was er im physischen Leben entwickelt, über den Tod hinaus halten? — Das ist den Menschen vor allen Dingen wichtig. Diese Unsterblichkeitsfrage ist gewiß wichtig, aber sie wird ein anderes Gesicht bekommen, wenn man, ich möchte sagen, die andere Hälfte der Unsterblichkeitsfrage ins Auge faßt, wenn man sich nicht interessieren wird: Was schließt sich an den Tod an und wie stellt sich das als Folge des Lebens hier auf der Erde heraus? — sondern wenn man fragen wird: Wie schließt sich das, was wir hier im physischen Leibe erleben, an das an, was wir vorher erlebt haben? — Für das Leben, das wir vorher erlebt haben, ist unser Leben hier das Jenseits. Vorzugsweise diese Richtung wird der Gedanke nach dieser Seite hin empfangen. Die Menschen werden einsehen, daß sie das Leben auf der Erde hier nur verstehen können, wenn sie es als Fortsetzung begreifen des geistigen Lebens, aus dem sie gekommen sind. Sie werden sich wieder zu interessieren anfangen für jenes Leben, das dem Erdenleben vorangegangen ist. Man kann ja sagen, mit Ausnahme des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts haben sich die Menschen im geistigen Leben doch noch etwas für die Unsterblichkeitsfrage interessiert, aber sie haben sich nur interessiert für die Unsterblichkeitsfrage, insofern das geistige Leben in der Unsterblichkeit eine Fortsetzung des Erdenlebens ist. Die philosophischen Gelehrten haben es so getan, aber diese philosophischen Gelehrten waren ja im Grunde genommen, trotzdem sie behaupten, vorurteilslose Wissenschaft zu treiben, in vieler Beziehung rechte Jammermenschen, die, während sie glaubten vorurteilslose Wissenschaft zu treiben, doch nichts anderes getan haben, als die Vorurteile fortzusetzen, die aus gewissen Strömungen heraus gekommen sind. Bedenken Sie, daß die Kirche zur Zeit des Origenes die Präexistenz der Seele verdammt hat, daß sie den Origenes deshalb verdammt hat, weil er diese Präexistenz gelehrt hat, so daß die Kirche in einer gewissen Zwangslage war: Da war Origenes, der größte Kirchenlehrer, und es war nicht zu leugnen, daß Origenes die Präexistenz gelehrt hat. Das ist aber in der Kirche verboten. Da war man in einer großen Zwangslage. Man ist gewöhnt worden, das ganze Mittelalter hindurch, von der Präexistenz nichts zu lehren. Das haben die Professoren der Philosophie fein fortgesetzt, und die Schriftsteller der Philosophie auch, aber sie haben geglaubt, voraussetzungslos zu denken. In anderen Fragen haben sie es auch so gemacht, in Fragen, für die ich Beispiele ja schon hier angeführt habe. Nun muß man sich vor allen Dingen klarmachen, daß die Richtung der Gedanken, die Richtung des menschlichen Anschauens durch Geisteswissenschaft eine ernste Änderung erfahren muß. Dieses Erdenleben wird erst mit dem rechten Werte erscheinen, wenn man sich bewußt werden wird, daß es eine Fortsetzung ist eines geistigen Lebens. Und es kann nur verstanden werden, wenn es als solches aufgefaßt wird. Dann aber wird man, wenn man die Sache so betrachtet, auch für die andere Seite der Frage ein gesünderes Urteil gewinnen. Wenn man sich klarer darüber wird, daß dieses Erdenleben eine Bedeutung für das Leben im Jenseits hat, daß der Mensch im Jenseits danach strebt, hier auf die Erde zu kommen, um dieses Erdenleben zu haben, weil er es braucht, dann wird man viel mehr gerade aus solchen Voraussetzungen heraus nach dem Werte dieses Erdenlebens fragen, als man es bisher getan hat.

[ 8 ] Aber eine Sache wird Sie besonders darauf hinweisen können, wie bedeutsam es ist, nach dem Werte dieses Erdenlebens zu fragen. Zwei Dinge werden ja häufig nicht sehr voneinander unterschieden, nämlich: Der Mensch denkt — und: Der Mensch hat Gedanken. — Aber die beiden Dinge sind wirklich sehr voneinander verschieden. Denken ist eine Kraft, die der Mensch hat, eine Tätigkeit; und diese Tätigkeit führt erst zu den Gedanken. Nun, die Tätigkeit des Denkens, diese Kraft, die im Denken lebt, bringen wir uns aus dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in dieses Erdenleben herein. Diese Kraft des Denkens betätigen wir an den äußeren Wahrnehmungen durch die Sinne und machen uns die Gedanken über die Umgebung, die wir hier haben. Aber diese Dinge in unserer Umgebung haben ja keine Bedeutung für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, denn dort sind sie nichts. Sie sind nur hier für die Sinne. Deshalb haben auch die Gedanken, die wir uns hier machen über diejenigen Dinge, die vor unseren Sinnen ausgebreitet sind, keine Bedeutung für das Leben nach dem Tode; aber eine Bedeutung für das Leben nach dem Tode hat es, daß wir der Denkkraft überhaupt etwas zuführen, denn diese Denkkraft, die bleibt uns für das ganze Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die Gedanken, die wir von den sinnlichen Wahrnehmungen hinnehmen, die können uns nichts fruchten nach dem Tode. Die dienen da nur, um Anhaltspunkte zu haben zur Erinnerung an das Ich während des Lebens zwischen Geburt und Tod.

[ 9 ] Denken Sie sich zwei Menschen. Der eine kümmert sich gar nicht um dasjenige, was man durch so etwas wie Geisteswissenschaft über das Leben in den geistigen Welten erfahren kann. Er macht sich nur Gedanken über das, was die Sinne darbieten und das, was die gewöhnliche Wissenschaft lehrt; das ist aber auch nichts anderes, als was die Sinne darbieten. Und er sagt: Ich will warten, wie es mit der geistigen Welt steht, bis ich in sie eindringe. — Es sind das die, ich möchte sagen, weniger Schlimmen von einem gewissen Gesichtspunkte aus, gegenüber denjenigen, die im 19. Jahrhundert aufgetreten sind und glaubten, mit aller Kraft der Wissenschaft überhaupt eine geistige Welt leugnen zu müssen, nach dem Ausspruche, den der Dichter einen solchen Menschen tun läßt: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist! — Ungefähr aus solcher Gesinnung heraus war ja der Atheismus des 19. Jahrhunderts zuweilen geboren, aus solchen «gedankenvollen Seeleninhalten» heraus. Aber nehmen wir einen Menschen, der sich einfach nicht einläßt darauf, hier etwas an Gedanken sich zu bilden über die geistigen Welten. Das wäre der eine Mensch. Der andere läßt sich darauf ein, sich Gedanken zu bilden über die geistige Welt. Das sind andere Gedanken als diejenigen, die man durch die Sinne aufnimmt. Nicht wahr, daß es andere Gedanken sind, ist ja nicht zu leugnen. Denn das zeigt sich schon darin: Die Gedanken, durch die nicht aufgenommen wird eine geistige Welt, die sind nach der Ansicht der meisten heute lebenden Menschen die gescheiten Gedanken, die realen Gedanken; die Gedanken, welche die Geisteswissenschaft beschreibt, sind die verrückten, die phantastischen, die tollen Gedanken und so weiter.

[ 10 ] Aber nehmen wir diese beiden Menschen. In welcher Lage sind diese beiden Menschen, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten sind? Derjenige, der hier keine Gedanken aufgenommen hat über die geistigen Welten, der also nichts hat durch seine Seele ziehen lassen von Gedanken über die geistigen Welten, der ist als seelisches Wesen nach dem Tode in derselben Lage wie einer, der einen physischen Organismus hat, aber nichts zu essen, der hungern muß. Denn die Gedanken, die wir uns hier machen über die geistigen Welten, sie sind die Nahrung für eine der hauptsächlichsten Kräfte, die uns bleiben nach dem Tode: für die Denkkraft. Die Denkkraft haben wir, wie wir hier die Hungerkraft haben, aber genährt werden kann diese Hungerkraft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gar nicht. Wir können zwischen dem Tode und einer neuen Geburt Imagination haben, Inspiration und Intuition, aber wir können nicht Gedanken als solche haben. Die müssen wir uns hier erwerben. Wir müssen eintreten in das Leben zwischen Geburt und Tod, damit wir uns hier Gedanken erwerben. Von diesen Gedanken, die wir uns hier erworben haben, zehren wir die ganze Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und wir hungern nach diesen Gedanken, wenn wir sie nicht haben. Das ist der Unterschied. Ein geistiger Hungerleider zu werden, dazu ist derjenige verurteilt, der sich hier keine Gedanken machen will über die geistigen Welten. Und ein solcher, der sich zu sättigen und dadurch zu leben vermag zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, ist derjenige, den ich als zweiten angeführt habe, der sich solche Gedanken macht, wie wir sie hier treiben. Würde daher der Materialismus einzig und allein die Anschauung der Menschen werden, dann würden die Menschen, wenn ich den Ausdruck brauchen darf, in der Zukunft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt immer mehr und mehr dem geistigen Hungertyphus verfallen. Die Folge davon wäre, daß sie durch die folgende Inkarnation verkümmert hereintreten würden in die physische Welt. Die geistige Welt würde verkümmern, und mit der geistigen Welt würde die physische Welt verkümmern in der Zukunft, die die Menschheit noch durchzumachen hat während dieser Erdenwelt. Es ist gelungen, das «Nach uns die Sintflut» zu einer gewissen Gesinnung zu machen für die ahnungslose Menschheit, die nicht weiß, worauf es ankommt. Dieser Ausspruch: Nach uns die Sintflut —, wenn er auch nicht getan wird, er liegt auf dem Grunde der Seele in einer materialistischen Zeit. Dieser Ausspruch hat gar keinen Sinn für denjenigen, der die Wirklichkeit kennt. Denn dasjenige, was die Menschheit in der Gegenwart tut, ob sie die Seelen in die geistigen Welten eintauchen will oder nicht, das ist dasjenige, was die Grundlage legt auch für die Zukunft der Entwickelung. Das Heil der Erde selber hängt davon ab, daß die Menschheit in der Gegenwart nicht davon abläßt, sich Gedanken zu machen über die geistigen Welten. Diejenigen, die in der Gegenwart leben, müßten dieses immer mehr und mehr einsehen. Denn daß der Gang der Menschheitsentwickelung geistig begriffen werde, davon hängt ungeheuer viel ab.

[ 11 ] Wir haben versucht, wichtige Begriffe zu entwickeln über die geistigen Welten, denn schließlich ragen ja die geistigen Welten in unsere physische Welt herein, und man kann auch die physische Welt nicht verstehen, wenn man nicht die geistigen Welten versteht. Und wir haben die mannigfaltigsten Begriffe entwickelt. Nun, ein wirklich denkender Mensch wird schon dazu kommen, gerade das für die Wirklichkeit bedeutsame Moment dieses geisteswissenschaftlichen Denkens einzusehen. Man kann einfach die gesamte Wirklichkeit nicht verstehen, wenn man nur naturwissenschaftlich denken will, wie man auch das materielle Dasein nicht verstehen kann, wenn man nur naturwissenschaftlich und nicht geisteswissenschaftlich denkt. Ich will Ihnen dafür ein sehr paradoxes, ein sonderbares Beispiel sagen.

[ 12 ] Ich glaube, ich habe ja auch hier vor einiger Zeit hervorgehoben, daß etwa vor anderthalb Jahren ein recht bedeutsames dickes Buch erschienen ist von einem ausgezeichneten Naturforscher der Gegenwart, von Oscar Hertwig, einem Haeckel-Schüler, «Das Werden der Organismen; eine Widerlegung der Darwinschen Zufallstheorie». Das ist ein ausgezeichnetes Buch, das ganz auf der Höhe der naturwissenschaftlichen Forschung der Gegenwart steht. Und ich habe viele Gelegenheiten ergriffen, in der letzten Zeit, um da und dort das Bedeutsame, das Tonangebende darin hervorzuheben. Denn auch kulturhistorisch ist es ein merkwürdiges Buch. Sie wissen, daß im Jahre 1869 Eduard von Hartmann aufgetreten ist mit seiner «Philosophie des Unbewußten», damals in der Blütezeit des Darwinismus, der seine materialistische Deutung damals gefunden hat. Eduard von Hartmann hat sich dagegen gewendet. Da haben die Naturforscher geschrien: Nun, es ist ein dilettantischer Philosoph, der von Geist redet und der nichts versteht von Naturwissenschaft! — Die Sache kam so, wie ich es ja schon öfter beschrieben habe. Es erschien eines Tages ein Buch, von dem sogar der Haeckel-Schüler Oskar Schmidt schrieb: Da ist einmal einer aufgetreten, der versteht etwas von Naturwissenschaft. Der hat es dem Hartmann einmal gegeben! Wir selber könnten es nicht besser sagen; er nenne sich uns, und wir werden ihn als einen der unsrigen begrüßen! — Sie haben furchtbar Reklame gemacht. Eine zweite Auflage wurde notwendig. Da nannte sich der Verfasser: es war Eduard von Hartmann! Da haben sie aufgehört, dafür Reklame zu machen. Es mußte einmal eine solche Abfuhr geschehen, um den Leuten zu zeigen, daß diejenigen, die vom Geiste reden, noch immer so gescheit sind wie diejenigen, die den Geist leugnen. Eduard von Hartmann hat noch verschiedenes geschrieben und hingewiesen darauf, wie einseitig der Darwinismus denkt. Er hat damit nicht viel Anklang gefunden. Aber man kann sagen: Nach ruhiger, gut geschulter Forschung ist gerade ein Mann wie Oscar Hertwig dazu gekommen, nun so zu denken, wie Eduard von Hartmann schon 1869 gesprochen hat. Er zitiert ihn sogar in seinem Werke häufig. Und es ist alles in mustergültiger Weise aufgebaut in diesem Buch «Das Werden der Organismen». Man kann da tatsächlich einmal ein Musterbeispiel studieren einer Sache, die aus der naturwissenschaftlichen Methode der Gegenwart herauswachsen konnte, herausgewachsen ist.

[ 13 ] Nun sehen Sie, vor einigen Wochen ist von demselben Manne eine Art Fortsetzung dieses Buches erschienen: «Zur Abwehr des sozialen, des ethischen und des politischen Darwinismus.» Man kann sich kaum ein dümmeres Buch denken als dieses, das Oscar Hertwig seinem ersten, epochemachenden Werk hat folgen lassen. Man kann sich nichts Ungenügenderes, nichts Blechigeres denken als dieses Buch. Sie sehen, auf dem Boden unserer Geisteswissenschaft ist es schon notwendig, einiges an Autoritätslosigkeit sich anzuerziehen, denn wenn unsere lieben Freunde, nachdem ich das wirklich epochemachende Buch in alle Himmel gehoben habe und es auch immer tun werde, jetzt auf die Autorität hin das zweite Buch kaufen und sich sagen würden: Also müssen wir das als etwas Großes ansehen —, so werden sie sich sehr täuschen. Dasjenige, wozu uns Geisteswissenschaft dient, das ist: uns wirklich ein freies Urteil anzueignen; nach jeder Richtung und in jedem Augenblick bereit zu sein, frei den Erscheinungen gegenüberzustehen, die uns entgegenkommen. Autoritätsglauben kann selbst bis in diese Ecken hinein innerhalb des geisteswissenschaftlichen Strebens durchaus nicht irgendwie gepflegt werden, sonst kommt nicht Geisteswissenschaft, sondern eine Karikatur der Geisteswissenschaft heraus. Woher rührt das, was ich geschildert habe? Das rührt davon her, daß man heute ein großer, epochemachender Naturforscher sein kann, das heißt in der Lage sein kann, alles, was das materielle Geschehen und seine Erscheinungen betrifft, nach den Methoden des 19. und 20. Jahrhunderts zu entwickeln; sobald man dann aber anfängt nachzudenken über dasjenige, was in der Menschensphäre liegt, was im Menschen lebt, wenn die Menschen sozial zueinander stehen, wenn sie ethisch-sittlich miteinander leben, wenn sie politisch sich entwickeln wollen, politische Ideen entwickeln wollen, in dem Augenblick, wo man anfängt über diejenigen Dinge nachzudenken, in die das geistige Element hineinspielt, kann man, trotzdem man ein genialer Naturforscher ist, ein absolut dummer Kopf sein, denn da dient einem die Naturwissenschaft eben gar nicht. Und gerade ein solches literarisches Beispiel ist in unserer Zeit aufgetreten, um dieses, was man ja einsehen kann aus der Geisteswissenschaft heraus, auch wirklich zu erhärten; wirklich in der Realität hinzustellen. Denn man lese dieses zweite Buch von Oscar Hertwig, und man wird bemerken, daß man eigentlich keinen einzigen Gedanken findet über das, was sich auf das soziale, das ethische, das politische Leben bezieht, wie es sich ja ganz gut gehört in der Gegenwart, denn die Gegenwart ist eben wirklich nicht gerade allzu reich an fruchtbaren sozialen, ethischen und namentlich politischen Ideen. Aber das rührt auch wiederum davon her, daß eben das rein naturwissenschaftliche Denken völlig überschätzt worden ist. Und dabei liegt bei Oscar Hertwig der beste Wille vor; er möchte dieses naturwissenschaftliche Denken wegbringen von dem sozialen, ethischen und politischen Denken. Da er aber über das letztere gar nichts hat, nützt es nichts, wenn er das andere abwehrt. In diesem Buche finden sich die kuriosesten geistigen Purzelbäume. Ich will nur auf eines aufmerksam machen, immer unter der Voraussetzung, daß das erste Buch, das ich angeführt habe, ein ausgezeichnetes ist.

[ 14 ] Die Menschen bemerken es nicht: Oscar Hertwig ist eine Autorität; unsere Zeit ist nicht autoritätsgläubig, aber sie fällt auf jede Autorität herein, die ihr offiziell hingestellt wird. Da lassen sich die Leute belehren; manches fällt ihnen gar nicht auf. Aber Oscar Hertwig will in dem zweiten Buche dem Menschen klarmachen, was man tun muß, um richtig naturwissenschaftlich zu denken. Er kann es, aber er versteht nicht, was es ist. Man kann es ja auch instinktiv. Die Methoden sind großartig; man braucht nur dazu erzogen zu sein, braucht nicht in Gedanken entwickeln zu müssen, was man tut. Daher kommt Oscar Hertwig zu folgendem sonderbarem Denken. Er spricht darüber, wie man eigentlich naturwissenschaftlich forschen soll, um die Dinge in der Umgebung zu erkennen. Da sagt er: Das große Vorbild für das physikalische, chemische und biologische Denken haben die Astronomen geliefert, und es käme darauf an, daß die Menschen lernen, über physikalische, chemische und eigentliche Lebenserscheinungen so zu denken, wie die Astronomen über die Himmelserscheinungen denken. — Es ist sehr suggestiv, wenn man dann sagt: Ahmt die Größe des Denkens bei Kepler, bei Kopernikus, bei Newton nach, um die Erscheinungen, die um euch herum sind, zu verstehen! — Aber denken Sie einmal, was dahinter steckt! Die Erscheinungen des Lebens, die physikalischen, die chemischen Erscheinungen, die Lebenserscheinungen sind um uns herum; die Tatsachen sind uns ganz nahe, und wir stoßen fortwährend darauf. Und nun sollen wir Wissenschaft erhalten dadurch, daß wir uns auf die Tatsachen richten, die uns so fern wie möglich liegen; also, weil wir den Tatsachen der Himmelserscheinungen so fern wie möglich stehen, sollen wir uns davon die Kenntnisse ausbilden für dasjenige, was uns tatsächlich umgibt. Man kann sich keinen tolleren Gedanken bilden als so etwas. Aber Tausende und Tausende von Menschen lesen über eine solche Tollheit hinweg und ahnen nichts davon, daß solche Tollheiten das ganze Denken der Gegenwart korrumpieren, daß, wenn es sich hineinfrißt, es die Menschen wirklichkeitsfremd und immer wirklichkeitsfremder machen muß. Da kann man dann auch nicht in irgendeine soziale oder ethische oder politische Struktur hineinschauen, wenn man von solchem Denken und solchen Sätzen ausgeht. Es gehört schon mit zu den Aufgaben unserer Geisteswissenschaft, mit klaren Blicken dasjenige zu durchschauen, was im sogenannten Geistesleben der Gegenwart ist.

[ 15 ] Ich sagte, wir haben uns damit befassen müssen, auf die geistigen Kräfte hinzuweisen, die ja in die gewöhnliche physische Welt hineinragen. Und wir haben immer wieder und wiederum davon gesprochen, daß der Mensch gewissermaßen in drei Kraftströmungen darinnensteht mit seinem Leben, in der luziferischen, in der ahrimanischen und in derjenigen, welche die eigentlich der Menschheitsentwickelung angemessene ist. Ich habe ja auch öfter darauf hingewiesen, daß man nicht sagen darf: Ich meide das luziferische, ich meide das ahrimanische — wenn man es meidet, wird man erst recht hineintauchen, sondern man muß sich darüber klar sein, muß das Drinnenstehen des Menschen in diesen drei Strömungen wirklich studieren, kennenlernen. Das Wissen von Luzifer und Ahriman muß man in das Leben hineinnehmen.

[ 16 ] Nun war gerade vieles in der sozialen, der historischen Struktur der Menschheit in den letzten Jahrhunderten oder Jahrtausenden sehr stark unter luziferischen Impulsen, die aus dem Menschen herauskamen. Man könnte vieles, vieles anführen, was unter luziferischen Impulsen stand, aber ich will nur eines anführen, bei dem ja jeder das luziferische sogleich durchschauen wird.

[ 17 ] Nicht wahr, eine große Rolle in der Art und Weise, wie die Menschen sich hinstellen auf die verschiedenen Pole ihres Lebens, die verschiedenen Standpunkte des Lebens, spielt der Ehrgeiz, die Eitelkeit. Es hätte ja mancher niemals diesen oder jenen Posten angestrebt, wenn nicht die soziale Struktur Veranlassung gewesen wäre, daß diese Eitelkeit nach der einen oder anderen Richtung aufgestachelt wird. Alles Titelwesen, alles Rangwesen und Ordenswesen ruht ja schließlich auf dem luziferischen Element. Und versuchen Sie nur einmal, sich unbefangen darüber Gedanken zu machen, wieviel in dem, wie die Menschen im Leben stehen, rein dadurch bewirkt worden ist, daß sie strebten nach diesen Fischangeln des Ehrgeizes, nach diesen Ködern. Versuchen Sie einmal zu bedenken, wie die Menschen, der eine über den anderen, der eine unter den anderen gestellt werden; wie die sozialen Einrichtungen mit diesem Ehrgeiz rechnen. Versuchen Sie sich klarzumachen, wie das die soziale Struktur aufgebaut hat. Auf diesem Gebiet hat Luzifer eine außerordentlich große Rolle gespielt.

[ 18 ] Betrachten wir eine andere Erscheinung, die jetzt anfängt geübt und bewundert zu werden. Und hier, innerhalb der geisteswissenschaftlichen Arbeit ist die Stätte, solche Dinge in ordentlicher Art sachgemäß, wirklichkeitsgemäß ins Auge zu fassen. Achten Sie unter den verschiedenen jetzt in der Gegenwart beliebt werdenden Dingen auf manches, so werden Sie unter diesem Manchen das finden, was man jetzt die «Begabtenprüfungen» nennt. Begabtenprüfungen dienen dazu, aus der Reihe der Kinder und jungen Leute die begabten auszusondern. Es droht der wahre Götzendienst mit diesen Begabtenprüfungen entwikkelt zu werden. Wie macht man das? Man hat geschulte Psychologen, die zwar nichts von der Seele verstehen, die aber die Psychologie um so besser verstehen; Psychologen, die nach den Methoden der Gegenwart ausgebildet sind, und die befähigt sind, dadurch aus einer Reihe von jungen Leuten oder Kindern die begabten auszusuchen, damit der rechte Mann später am rechten Platz stehen kann, selbstverständlich. Man ködert nun weniger, glaubt man, in der Zukunft mit dem Ehrgeiz, mit der Eitelkeit, aber man macht Begabtenprüfungen. Diese Begabtenprüfungen beziehen sich auf die Schnelligkeit des Auffassens, auf das Gedächtnis. Es werden sinnlose Wörter hingeschrieben, und derjenige, der sie schneller behalten kann, hat ein besseres Gedächtnis als derjenige, welcher sie weniger schnell behalten kann. Intelligenzprüfungen macht man. Ein Wort, ein zweites, ein drittes Wort, die keinen Zusammenhang haben, gibt man, und dann läßt man die Schüler einen Zusammenhang finden. Also man schreibt zum Beispiel auf: «Räuber» und «Spiegel» und sagt: Nun denke du dir einmal etwas zwischen Räuber und Spiegel. — Der eine denkt nun: Der Räuber sieht sich im Spiegel. Der andere denkt: Ich habe einen Spiegel in meinem Zimmer, ein Räuber schleicht sich herein, und ich sehe dies im Spiegel. — Der letztere hat komplizierter gedacht, der ist also begabter. Dann wird die Sache noch statistisch gemacht, und es werden diejenigen ausgefischt, welche am allerintelligentesten sind; die werden dann als diejenigen genommen, welche als die richtigen Menschen an den richtigen Platz gestellt werden.

[ 19 ] Sehen Sie, derjenige, welcher von solchen Voraussetzungen aus, wie sie jetzt hier gemacht werden, gegen diese großartige Errungenschaft der Gegenwart etwas einwendet, der gilt doch als ganz plumper Narr, der nichts weiß von alledem, um was es sich handelt.

[ 20 ] Nun, rücken wir einmal diese ganze Sache in unsere Erkenntnis herein. Was prüft man denn, indem man so den Menschen prüft? Nichts prüft man, was mit seiner Seele wirklich zu tun hat. Man braucht sich ja nur eines zu überlegen: daß wahrscheinlich die bedeutendsten Menschen der Vergangenheit, die das Höchste geleistet haben, nach solchen Prüfungen als die unbegabten hätten gelten müssen. Denken Sie sich sogar den von den heutigen Menschen als Zelebrität angesehenen Helmholtz; wenn er so einer Begabtenprüfung unterzogen worden wäre, würde er ganz sicher nicht auf den Posten gekommen sein, auf dem er später gestanden hat. Mit der Entwickelung der Seelenfähigkeiten der menschlichen Individualität haben diese Begabtenprüfungen gar nichts zu tun, wohl aber mit der Summe der ahrimanischen Kräfte, die im Menschen liegen. Man prüft nicht den Menschen, sondern das, was als ahrimanische Kräfte in ihm steckt, indem man diese Prüfung macht. Und so, wie man bisher mit luziferischen Kräften gerechnet hat, so beginnt man jetzt auf ahrimanische Kräfte zu zählen und eine soziale Struktur zu begründen, die rein auf Ahrimanischem aufgebaut ist. Allerdings werden solche Dinge nur diejenigen durchschauen können, die wirklich auf geisteswissenschaftliche Inhalte eingehen, die die Welt werden geistig durchschauen wollen. Denn das, was ich Ihnen jetzt erzählt habe von den Begabtenprüfungen, das wird von einer großen Anzahl von Leuten und ihrem journalistischen Nachläufertum geradezu als eine der bedeutsamsten Errungenschaften der Gegenwart hingestellt, so hingestellt, daß sich auf Grundlage dieser Prüfung die soziale Struktur der Zukunft aufbauen kann. Und das Publikum, das ja nicht autoritätsgläubig ist, dieses arme Publikum hat gar nicht die Möglichkeit nachzudenken über das, um was es sich bei einer solchen Sache eigentlich handelt. Es hat nicht die Möglichkeit, sich klare Begriffe über eine solche Sache zu bilden. Das ist es aber, worauf es ankommt.

[ 21 ] Wenn Sie sich heute aus mancherlei von dem, was wir auf unsere Seele haben wirken lassen, Begriffe davon bilden, was zunächst zu geschehen hat für die Menschheit, was im Sinne des geistigen Entwickelungsstromes zu geschehen hat, dann fragen Sie das Richtige. Dann werden Sie aber bemüht sein, die menschlichen Individualitäten zu erfassen, um ihnen dasjenige, wofür Interesse sein muß, beizubringen. Da werden Sie nicht dazu kommen, die ahrimanischen Fähigkeiten zu prüfen, denn diese ahrimanischen Fähigkeiten werden ja dahin führen, daß die Menschheit vollständig nur noch als eine Summe von Maschinen behandelt würde. Man prüft ja nur den Geist in der äußeren Leiblichkeit. Man prüft den Menschen nur, sofern er Maschine ist, wenn man ihn dieser Begabtenprüfung unterzieht. Und man stellt eine soziale Auslese her, die nur die besten Arten der physischen Maschine zu Leitern der Menschheit macht. Man reflektiert nirgends auf dasjenige, was im Grunde der Seele ruht, und was bei solchen Prüfungen niemals an die Oberfläche kommen kann. Aber ich werfe niemandem vor, wenn er heute geradezu götzendienerisch solchen Dingen nachläuft, denn derjenige, der sich gar nicht mit Geisteswissenschaft befaßt, kann ja nichts anderes tun, als sich dem Urteil hinzugeben, das sei das Gescheiteste, was man in der Gegenwart machen kann. Aber dieses führt allmählich ganz weg von der realen menschlichen Lebendigkeit, von der menschlichen Wirklichkeit. Es führt in abstrakte Gebiete, in dasjenige, was im Menschenleben tot ist und nur von der Geistigkeit des Ahriman beherrscht wird. Man muß schon den vollen Ernst solcher Sachen durchschauen, wie die Menschen abgezogen werden von dem Wirklichen. Und das ist etwas, was einem in der Gegenwart mit besonderer Intensität entgegentritt: das Abgezogenwerden der Menschen von der Wirklichkeit. Wer nämlich keinen Sinn hat für die geistige Wirklichkeit, der verliert nach und nach auch den Sinn für die gewöhnliche äußere Wirklichkeit, die ihn alltäglich umgibt, wenn er nicht durch seinen Beruf oder anderes gezwungen wird, die Wirklichkeit zu beachten.

[ 22 ] Ich will Ihnen auch dafür ein Beispiel geben: Da ist etwas sehr Niedliches in den letzten Tagen passiert. In einer sehr gelesenen Zeitung erscheint ein Artikel von Fritz Mauthner, dem Kritiker der Sprache. In diesem Artikel schimpft dieser Fritz Mauthner, der ein außerordentlich gescheiter Mensch ist, über ein Büchelchen, das in der Sammlung «Aus Natur und Geisteswelt» erschienen ist, und das in einer ganz im Sinne der gegenwärtigen materialistischen Wissenschaft gehaltenen Weise entwickelt — und zwar so, wie es ein heutiger Universitätsprofessor macht —, wie die astrologischen Vorstellungen sind, die sich so ergeben haben. Am Schlusse entwickelt der Betreffende das Horoskop von Goethe und setzt dabei auseinander, daß man an diesem zeigen könne, wie die Dinge in Goethes Leben verlaufen sind. Aber eigentlich macht sich der gute Professor nur lustig über diejenigen, die auf Horoskope etwas geben. Er will sie hinstellen als etwas, was so oder so gedeutet werden kann. Fritz Mauthner schimpft und schimpft durch drei Spalten des «Berliner Tageblattes» hindurch. Man konnte nicht verstehen, warum er denn eigentlich schimpft. Es bestand nicht die geringste Veranlassung zu schimpfen. Er hat eigentlich die gleiche Meinung wie der, der das Büchelchen geschrieben hat, beide betrachten die Astrologie von demselben Standpunkte aus. Und sehr bald hat auch das Tageblatt eine Berichtigung des Verfassers gebracht, worin dieser sagt, er verstehe Mauthner nicht, er habe zwar nicht auf jeder dritten Zeile ausdrücklich gesagt: Ich schimpfe auf Astrologie —, aber er habe eigentlich nicht mehr Interesse an der Astrologie als Fritz Mauthner auch; er sei ganz einverstanden mit ihm. Das «Berliner Tageblatt» — Zeitungen sind sehr gescheit — setzt hinzu, daß es keine Veranlassung habe, sich des Verfassers anzunehmen und etwa Fritz Mauthner Mißverständnisse vorzuwerfen. Fritz Mauthner war nämlich langjähriger Theaterkritiker des «Berliner Tageblattes» und schreibt jetzt eine Art Theaterbriefe für diese Zeitung.

[ 23 ] Fritz Mauthner seinerseits sagt, er habe auch nichts zu sagen zu dieser Antikritik des Autors. Man stand vor der sonderbaren Tatsache, daß da zwei Leute eigentlich ganz miteinander einverstanden sind, aber der eine haut auf den anderen drauf. Fritz Mauthner wird also schon wild, wenn er nur etwas hört von Astrologie, oder wenn einer von Horoskop etwas schreibt. Es wäre sonst nicht denkbar, daß er diesen Artikel geschrieben hätte. Er schreibt so, als wenn der andere der furchtbarste Astrologe wäre, der den Leuten die Gültigkeit des Goetheschen Horoskopes an den Kopf werfen wollte. Da haben Sie also ein Beispiel, wie zwei Leute sich gegenseitig bekämpfen, der eine freiwillig, der Fritz Mauthner, der andere notgedrungen, weil Fritz Mauthner ihn zuerst angegriffen hat, zwei Leute, zwischen denen nicht die geringste Differenz ist. Wie kann das sein? So etwas kann doch nur dann eintreten, wenn zwei überhaupt mit der selbst engbegrenzten Wirklichkeit, um die es sich handelt, nichts zu tun haben, wenn beide aus etwas anderem heraus leben als aus der Wirklichkeit. Das glorioseste Beispiel, daß man heute redet und redet, und sehr gescheit redet — Fritz Mauthner ist ein sehr gescheiter Mensch —, aber hinter dem Gerede steckt gar nichts. Es ist nicht die geringste Veranlassung dazu, daß man so redet.

[ 24 ] Da haben Sie ein Beispiel für ein ganz logisches Aufbauen von Gedanken, die überhaupt gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Dahin kommen Gedanken, die sich abgewöhnen, mit der geistigen Wirklichkeit etwas zu tun zu haben, denn dann verliert der Gedanke allmählich überhaupt seine Beziehungen zur Wirklichkeit. Das ist wichtig, so etwas einzusehen. Das ist auch der furchtbare Ernst der Sache. Denn schließlich, ob der Fritz Mauthner und der Heidelberger Professor aufeinander loshacken und ihre Worte überhaupt keine Bedeutung haben, weil keine Realität dahinter steckt, oder ob es zwei Politiker sind, von denen der eine in Amerika und der andere in Europa redet, und die vielleicht auch einmal einig reden, trotzdem sie total verschieden sind, darauf kommt es nicht an. Wenn alle Leute, die so reden, absolut fremd sind der Wirklichkeit, nichts zu tun haben mit dem, was real in den Dingen lebt, dann kommt eben dieses der Wirklichkeit Entfremdetwerden, das breitet sich dann aus. Es hat sich ausgebreitet. Denn das ist nur ein groteskes Beispiel, das ich angeführt habe, dieses Beispiel von Fritz Mauthner und dem Professor Boll. Aber das ist überall vorhanden. So wird es heute überhaupt gemacht. Und wozu führt es? Zum Streit führt es. Einig kann man verhältnismäßig leicht sein, wenn man sich mit der Wirklichkeit befaßt; wenn man aber so zur Wirklichkeit steht, führt das zum Streit. Nach und nach werden die Menschen einsehen, wieviel von unseren katastrophalen Ereignissen mit dieser Grundstimmung der Gegenwart zusammenhängt, was das für eine ernste Sache ist. Denn gehen Sie einmal hinaus — es handelt sich um eine der gelesensten Zeitungen in Deutschland —, fragen Sie bei den zahlreichen Lesern, ob sie überhaupt auf das Groteske kommen, auf das Paradoxe, das da zutage tritt! Das geht alles an den Menschen vorüber. Aber an den Ereignissen geht es nicht vorüber; da hat es seine bitterbösen Wirkungen. Denn dasjenige, was da gemacht wird, ist ja nichts anderes als der Mißbrauch menschlicher Geisteskraft. Denken Sie, wenn diese Geisteskräfte, die da für nichts verbraucht werden, weil sie wirklichkeitsfremd sind, in richtigem Sinne angewendet würden, dann würde die Wirklichkeit gefördert, dann würde das in der normalen Strömung drinnen stehen; so aber kommt es Ahriman zugute. Wirklichkeitsfremd ist es für die mittlere Strömung, aber es geschieht, es rutscht in eine Sphäre, und das ist es, worauf es ankommt. Das ist der Ernst der Sache. Es geht nicht wie null vorüber, sondern es rutscht in eine andere Sphäre und schafft Tatsachen. Tatsachen schafft es, die nicht den wahren Verhältnissen entsprechen. Denn, schon äußerlich, rein rationalistisch, rein denkerisch läßt sich ja ausmalen, wie das Tatsachen schafft.

[ 25 ] Nicht wahr, unsere Zeit ist ja nicht autoritätsgläubig. Die Leute prüfen alles, und das Beste behalten sie! Dennoch kommt es natürlich vor, daß Menschen autoritätsgläubig sind. Ein Mensch wie Fritz Mauthner hat unzählige Anhänger, die aufs Wort glauben, was er sagt. Die werden natürlich durch solch einen Artikel beeindruckt. Denken Sie, wie viele Gedanken angeregt werden durch solch einen Artikel. Die werden alle mit hineingezogen in die ahrimanische Sphäre, in der der Artikel fließt. Die Sache ist unwirklich, und die Dinge werden in eine Unwirklichkeit dadurch gestoßen. Das ist es, worauf es ankommt.

[ 26 ] Was man möchte mit solchen Dingen, meine lieben Freunde, ist dies: auf den ungeheuren Ernst, der hinter solchen Betrachtungen steht, immer wieder und wieder hinzuweisen. Denn es ist schon so: Dasjenige, was ich in einzelnen Fällen charakterisierte, Sie treffen es heute auf Schritt und Tritt. Wir sind in der Zeit, in der wir nur das Richtige wirken, wenn wir uns dazu entschließen, unbedingt klar zu sehen, vorurteilslos, unbefangen zu sehen, dem Leben uns unbefangen gegenüberzustellen. Das ist unsere Aufgabe. Und dazu soll eben Geisteswissenschaft führen dadurch, daß sie in einer richtigen Weise die Brücke baut zwischen dem menschlichen Innenleben und der Wirklichkeit. Denn in dieser Beziehung leben die Menschen in den fürchterlichsten Nebeldünsten. Man kann gar nicht sagen, wenn man sich darauf einläßt, was da zutage tritt, wie die Menschen in dieser Beziehung heute in Nebeldünsten leben. Es muß so sein, denn die Menschen müssen lernen, sich auf sich selbst zu stellen. Die Menschen müssen lernen, sich durch sich selbst Klarheit zu schaffen, nicht auf Autorität hin Klarheit zu bekommen. Das muß eine der besten, eine der wichtigsten Errungenschaften der geisteswissenschaftlichen Beschäftigungen für die einzelne Menschenseele werden, ein freies, klares, unbefangenes Urteil zu gewinnen über dasjenige, was das Leben ringsherum bietet; sich abgewöhnen dasjenige, was heute im Grunde genommen die ganze Menschheit beherrscht: das Schlafen gegenüber den Ereignissen. Die Menschen verschlafen dasjenige, was sie vor Augen haben. Und sie in Nebeldünste einzuhüllen ist ja gerade das Bestreben derjenigen, die einseitig mit allerlei monistischen oder «naturwissenschaftlich fundierten» — wie sie sagen — Ideen kommen, die aber doch nichts weiter sind als Materialisten. Denn die prätendieren, behaupten ja, daß sie gerade die Brücke zur Wirklichkeit bauen. Sie führen von der Wirklichkeit hinweg. Sagen Sie dem Oscar Hertwig, daß er auf unreale Art die Dinge betrachte, er wird Sie auslachen, und er kann gar nicht einsehen, daß er das tut. Aber als Geisteswissenschafter müssen Sie etwas wie einen Stich bekommen, wenn Sie lesen, es sollen die nächsten Tatsachen des Lebens nach dem Muster der Himmelserscheinungen betrachtet werden, wo einem die Tatsachen so ferne wie möglich liegen. So durch das Leben hindurch zu gehen: auf das zu achten, was wir nicht in Büchern, sondern was wir vom Morgen bis zum Abend vor unserer Nase erleben — selbstverständlich nicht, wenn wir unter Anthroposophen sind —, das bietet lauter solche Dinge, die wir unbefangen heute beachten müssen. Denn die Menschheit steht an einem bedeutungsvollen Wendepunkte. Und was ich sagte, ist ja nicht eine Kritik der Zeit, sondern nur eine Betonung desjenigen, was notwendig ist, indem man sagt: Dieses ist so. — Es ist gut, daß es so gekommen ist, denn dadurch sind die Menschen aufgerufen, sich auf ihre eigenen Füße zu stellen, selbständig zu werden. Die Gottheit hat sich nicht die Aufgabe gesetzt, die Menschen als unselbständige geistig-seelische Automaten durch die Entwickelung zu führen, deshalb mußte sie sie auch in Lagen kommen lassen, wie die jetzige ist. Weise und gut ist es, aber es muß auch in der richtigen Weise erkannt und danach gehandelt werden.

[ 27 ] Diese Gesinnung hervorgehen zu lassen aus den tiefsten Impulsen unseres Wesens als den innersten Stachel unserer Kraft für das Leben, das muß eines der Ergebnisse unserer geisteswissenschaftlichen Beschäftigung werden. Dann begründen wir vielleicht nicht ein wollüstiges, behagliches Schwelgen in weltfremden Ideen, was so gut tut, wenn man das Leben verschlafen will; aber man begründet jenen echten Gottesdienst des Lebens, der die göttlich-geistigen Kräfte, die die Grundlage aller Wirklichkeit sind, durch das für diese Erde bedeutsamste

[ 28 ] Instrument hinführt zur Verwirklichung dieses Göttlich-Geistigen in diesem Erdenleben.

[ 29 ] Davon dann das nächste Mal.