The Spiritual Background of World War I
GA 174b
23 April 1918, Stuttgart
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The Spiritual Background of World War I, tr. SOL
Vierzehnter Vortrag
Fourteenth Lecture
[ 1 ] Ich habe hier schon aufmerksam gemacht darauf, daß man immer wieder und wiederum einen Einwand gegen die Beschäftigung mit geisteswissenschaftlichen Wahrheiten hören kann, einen Einwand übrigens, der es von vorneherein an der Stirn trägt, daß er aus der Überbequemlichkeit der menschlichen Seele entspringt. Es ist der Einwand derer, die da sagen: Ich weise es ja nicht ab, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, in eine andere, eine geistige Welt eintritt; aber wie diese geistige Welt beschaffen ist, wie es mit dieser geistigen Welt steht, das will ich abwarten! Hier auf dieser Erde muß man sich seinen materiellen Pflichten widmen, man wird dann schon sehen, wie es in einer anderen Welt zugeht, wenn man in diese andere Welt versetzt wird. — Es kann nicht bestritten werden, daß dieser Einwand sehr bequem ist. Allein, ihn sorgfältig zu prüfen, das geziemt dem, der sich für geisteswissenschaftliche Wahrheiten interessiert, denn durch solche Prüfung kann er bestärkt werden in der Anschauung von der Notwendigkeit, sich wirklich mit geisteswissenschaftlichen Wahrheiten zu befassen. Um diese Prüfung Ihnen einmal, ich möchte sagen, vor die Seele hinzulegen, wollen wir von einem gewissen Gesichtspunkte aus heute wiederum die Beziehungen uns vergegenwärtigen, die da bestehen zwischen dem Menschenleben hier und dem Menschenleben, das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließt.
[ 1 ] I have already pointed out here that one repeatedly hears an objection to engaging with spiritual truths—an objection, incidentally, that is clearly marked from the outset as stemming from the human soul’s excessive complacency. It is the objection of those who say: I do not deny that when a person has passed through the gate of death, they enter another, spiritual world; but as for what this spiritual world is like, as for the state of this spiritual world—I’ll wait and see! Here on this earth, one must devote oneself to one’s material duties; one will then see what life is like in another world when one is transported to that other world. — It cannot be denied that this objection is very convenient. However, it is fitting for anyone interested in spiritual scientific truths to examine it carefully, for such an examination can strengthen their conviction of the necessity of truly engaging with spiritual scientific truths. To present this examination to you—I would say, before your very soul—let us once again today, from a certain perspective, bring to mind the relationships that exist between human life here and the human life that elapses between death and a new birth.
[ 2 ] Seien wir uns doch klar darüber, daß der Mensch, indem er hier im physischen Leibe durch das Leben wandelt, nur einen Teil von dem, was mit seinem Leben zusammenhängt, wirklich in das gewöhnliche Bewußtsein aufnimmt, denn fortwährend gehen Dinge vor, welche mit unserem Leben zusammenhängen, die aber nicht so an diesem unserem Leben vorüberrauschen, daß wir sie uns klar und deutlich vor das gewöhnliche Bewußtsein brächten. Wir bringen uns manchmal die Tatsachen halb und halb zum Bewußtsein, nicht aber die ganze Tragweite, die diese Tatsachen des alltäglichen Lebens für uns haben. Denken Sie einmal am Abend über Ihr Tagwerk nach, denken Sie vor allen Dingen darüber nach, welche Orte — wir könnten auch etwas anderes auswählen, aber wir wollen einmal dies nehmen — Sie betreten haben, und welchen Menschen Sie dadurch nahegekommen sind. Das alles hat ja für Sie eine große Bedeutung, denn Ihre unmittelbare Umgebung spiegelt sich in Ihrer Seele. Und von vielen Dingen, die sich so spiegeln in der Seele, kommt wirklich das allerwenigste zum deutlichen Bewußtsein im alltäglichen Leben. Es ist doch ein großer Unterschied, ob wir, sagen wir, heute um neun Uhr morgens in der Nähe des Stuttgarter Bahnhofes waren, oder ob wir draußen im Wald waren, denn in beiden Fällen hat sich etwas ganz anderes in Ihrer Seele gespiegelt; etwas ganz anderes lebt in Ihrer Seele in beiden Fällen. Wir machen uns gewöhnlich nicht klar, daß das eine tiefgehende Bedeutung hat. Nur aus, ich möchte sagen, leisen Andeutungen des Lebens können wir die Bedeutung solcher Sachen oftmals entnehmen. Nehmen wir nur einmal das Folgende; Sie können es konstatieren — natürlich nicht in diesem Falle, sondern in anderen Fällen —, wenn Sie ein wenig auf das Leben achten. Nehmen Sie an, Sie sind heute abend hergekommen. Irgend jemand in der ersten Sitzreihe hätte Veranlassung, den Saal, bevor ich hier zu Ende geredet habe, zu verlassen; er steht auf, bewegt sich durch den Gang und geht hinaus. Jemand in der dritten Sitzreihe hat ihn gesehen, aber, ich nehme das wenigstens so an, dieser in der dritten Sitzreihe hat aufmerksam zugehört — was ja auch vorkommt, nicht wahr —, und er hat an seinem gewöhnlichen Bewußtsein diese Persönlichkeit, die da hinausgegangen ist, eigentlich nur so halb, so ein bißchen vorübergehen lassen. Er wird bemerken können, daß er vielleicht außerordentlich wenig träumt von dem, was ich hier gesprochen habe. Denn wahrscheinlich würden, wenn man darüber eine Statistik aufnehmen könnte, diejenigen der verehrten Zuhörer, die furchtbar viel träumen von dem, was hier gesprochen worden ist, doch nicht allzu zahlreich sein. Aber Sie werden leicht sehen können — vielleicht nicht an diesem Beispiel, aber an einem ähnlichen —, daß Sie träumen von dem, der da aufgestanden und hinausgegangen ist. Das heißt: Sie werden in zahlreichen Fällen des Lebens bemerken können, daß Sie gerade im Schlafbewußtsein auf diejenigen Dinge zurückgreifen, die während des Tages flüchtig an Ihrem Bewußtsein vorübergehen.
[ 2 ] Let us be clear about this: as human beings go through life here in their physical bodies, they truly take in only a part of what is connected to their lives into their ordinary consciousness, for things related to our lives are constantly taking place, yet they do not rush past us in such a way that we can bring them clearly and distinctly into our ordinary consciousness. We sometimes bring the facts only partially into our consciousness, but not the full significance that these facts of everyday life hold for us. Try reflecting on your day’s work in the evening; above all, think about which places—we could choose something else, but let’s take this as an example—you have visited, and which people you have come into close contact with as a result. All of this is of great significance to you, for your immediate surroundings are reflected in your soul. And of the many things that are thus reflected in the soul, only the very least actually comes into clear consciousness in everyday life. There is, after all, a great difference between, say, being near the Stuttgart train station at nine o’clock this morning and being out in the woods, for in both cases something entirely different has been reflected in your soul; something entirely different lives in your soul in both cases. We usually do not realize that this has a profound significance. It is only from, I would say, subtle hints in life that we can often discern the significance of such things. Let us just consider the following: You can observe it—not in this particular case, of course, but in other cases—if you pay a little attention to life. Suppose you came here this evening. Someone in the front row might have a reason to leave the hall before I have finished speaking; he stands up, makes his way down the aisle, and walks out. Someone in the third row saw him, but—at least I assume so—this person in the third row has been listening attentively—which does happen, doesn’t it?—and in his ordinary state of consciousness, he has actually only let this person who walked out pass by him half-heartedly, just a little bit. He will be able to notice that he perhaps dreams very little about what I have spoken of here. For if one could compile statistics on this, those among the esteemed audience who dream an awful lot about what has been spoken of here would probably not be all that numerous. But you will easily be able to see—perhaps not from this example, but from a similar one—that you dream about the person who stood up and walked out. That is to say: in numerous situations in life, you will be able to notice that it is precisely in your sleep consciousness that you draw upon those things that fleetingly pass through your consciousness during the day.
[ 3 ] Darauf beruht es, daß die Menschen so wenig wissen, wovon sie geträumt haben. Denn das meiste von dem, was geträumt wird, ist von solcher Art, daß es bei Tage ziemlich unvermerkt vorübergeht. Dasjenige, was ganz klar im Bewußtsein aufgefaßt wird, von dem wird zumeist sehr wenig geträumt. Nur dann wird davon geträumt, wenn es verknüpft ist mit gewissen Empfindungen, gewissen Gefühlen, die man sich auch wiederum nicht klar und deutlich zum Bewußtsein bringt. Und beim Aufwachen erinnert sich der Mensch so wenig an die Träume, weil er eben das, was er geträumt hat, in der vorhergehenden Lebenszeit wenig beachtet. Es hängt das mit der geringen Erinnerungsfähigkeit an die Träume doch auch zusammen. Kurz, was ich sagen will, ist dieses, daß Unzähliges an dem Menschenleben vorüberrauscht, das nur ganz flüchtig in das Bewußtsein hereinkommt, das aber eine große Bedeutung hat, wenn es auch im Unbewußten oder Unterbewußten bleibt, für das menschliche Seelenleben. Alles, was so, ich möchte sagen, zwischen den Zeilen des Lebens verläuft, hat zunächst große Bedeutung, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist.
[ 3 ] This is why people know so little about what they have dreamed. For most of what is dreamed is of such a nature that it passes by quite unnoticed during the day. The things that are perceived quite clearly in consciousness are usually rarely dreamed about. People only dream about such things when they are linked to certain sensations, certain feelings, which, in turn, they do not bring clearly and distinctly into their consciousness. And upon waking, people remember so little of their dreams because they paid little attention to what they dreamed about in their previous lifetime. This is also connected to the limited ability to remember dreams. In short, what I mean to say is this: countless things rush past in human life that enter consciousness only very fleetingly, yet which have great significance for the life of the human soul, even if they remain in the unconscious or subconscious. Everything that, I might say, takes place between the lines of life has great significance once a person has passed through the gate of death.
[ 4 ] Wir haben ja diese Zeit, die der Mensch zunächst zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verbringt, öfter zu beschreiben gehabt von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. So mischt sich immer eines in das andere hinein, und nur dadurch, daß man die verschiedensten Gesichtspunkte wählt, kommt man zu einer gewissen Vollständigkeit auf diesem Gebiet. Alles, was unvermerkt am gewöhnlichen Bewußtsein vorübergeht, das wird dann entrollt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und ich möchte dasjenige, was da der Mensch zunächst durch lange Zeit hindurch erlebt, nennen das Entrollen der Bilder. Es ist im wesentlichen ein Durchmachen von Erlebnissen des imaginativen Bewußtseins, was da der Mensch durchmacht. Eine große, große Anzahl von Bildern wird entrollt über Lebensszenen, die wir uns sehr wenig zum Bewußtsein gebracht haben. Und von dem wiederum, was wir uns hier zum Bewußtsein gebracht haben, wird dasjenige entrollt, was hier vom Bewußtsein auch wenig berührt worden ist. Das andere, was hier deutliches Bewußtsein war, das tritt mehr als Erinnerung nach dem Tode auf, wie Gedächtnisbilder, wie Erinnerung; aber das, was hier wenig beachtet worden ist, entrollt sich wie in Gegenwartsbildern.
[ 4 ] We have, after all, often had occasion to describe this period that a person initially spends between death and a new birth from a wide variety of perspectives. Thus, one aspect always blends into another, and it is only by adopting a wide variety of perspectives that one can achieve a certain completeness in this field. Everything that passes unnoticed by ordinary consciousness is then unrolled once a person has passed through the gate of death. And I would like to call what a person initially experiences over a long period of time “the unrolling of images.” Essentially, what a person goes through there is a process of experiencing the imaginative consciousness. A vast, vast number of images are revealed, depicting scenes from life that we have brought very little into our consciousness. And of what we have brought into our consciousness here, that which was scarcely touched by consciousness is revealed. The other aspects—those that were clearly conscious here—appear more as memories after death, like mental images or recollections; but what was given little attention here unfolds as if in images of the present.
[ 5 ] Heute ist es mir besonders wichtig darauf hinzuweisen, daß das erste Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt im wesentlichen zu tun hat mit diesem Entrollen der Bilder, im wesentlichen zu tun hat mit einem Leben in Imaginationen. Diesen Imaginationen können wir ja dadurch zu Hilfe kommen, daß wir eine Verbindung herstellen zwischen uns, die wir hier übriggeblieben sind, und denen, die als mit uns karmisch verbunden durch des Todes Pforte gegangen sind. — Dann kommt das zweite Drittel, in dem dieses geistig-seelische Menschenleben mehr ausgefüllt ist mit Inspirationen. Da findet das statt, daß dem Menschen klar wird, welche Bedeutung die Bilder, die er zuerst erlebt hat, im ganzen Weltzusammenhange haben, wie er sich durch diese Bilder in den Weltenzusammenhang hineinstellt. Denn alles, was der Mensch erlebt, hat Bedeutung für den Weltenzusammenhang. Man darf nicht glauben, daß es gleichgültig ist, einen Menschen einmal begegnet zu haben, den man vielleicht wenig beachtet hat, in seiner Nähe gewesen zu sein. Es wird in Bildern entrollt, und das, was es im gesamten Weltengeschehen für eine Bedeutung hat, das kommt in Inspirationen in dem zweiten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt zur Offenbarung.
[ 5 ] Today, it is particularly important to me to point out that the first third of life—the period between death and a new birth—is essentially about the unfolding of these images; it is essentially a life lived in the realm of the imagination. We can support these imaginations by establishing a connection between ourselves—those of us who remain here—and those who, being karmically linked to us, have passed through the gate of death. — Then comes the second third, in which this spiritual-soul life is more fully filled with inspirations. This is when it becomes clear to the human being what significance the images they first experienced have within the context of the whole world, and how they position themselves within this world context through these images. For everything a human being experiences has significance for the context of the world. One must not believe that it is insignificant to have once encountered a person—whom one may have paid little attention to—or to have been in their presence. It unfolds in images, and the significance it holds within the totality of world events is revealed through inspirations in the second third of life, between death and a new birth.
[ 6 ] Im letzten Drittel ist das Leben hauptsächlich ein solches in Intuitionen. Da hat sich der Mensch hineinzuversetzen in dasjenige, was in seiner geistig-seelischen Umgebung ist. Da lebt der Mensch wie untergetaucht mit seinem Bewußtsein in das, was in seiner geistig-seelischen Umgebung ist. Und gerade in diesem letzten Drittel, durch dieses Untertauchen, bereitet er vor das Untertauchen in den physischen Leib nach der Geburt beziehungsweise der Empfängnis. Die Intuitionen im letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sind die Einleitung jener Intuition, die dann natürlich unterbewußt oder unbewußt ist, die darin besteht, daß der Mensch in den Leib untertaucht, der ihm überliefert wird in der Vererbungsströmung von EItern, Großeltern und so weiter. Und es bleibt dem Menschen etwas, wenn er nun aus der geistig-seelischen Welt in die physische Welt übergetreten ist. Denken Sie, wenn Sie das ins Auge fassen, daß der Mensch eigentlich durch lange Zeit in geistig-seelischen Intuitionen lebt, gewöhnt ist, in solchen zu leben, so wird er an dieser Gewohnheit noch etwas festhalten wollen, wenn er in den physischen Leib hineingegangen ist. Das tut er in der Tat. Denn was ist denn — lesen Sie es nach in dem Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» — die hauptsächliche Seelenbestrebung in den ersten sieben Lebensjahren bis zum Zahnwechsel? Ich habe gesagt: Nachahmungssucht. Das Kind versucht immer dasjenige zu tun, was in seiner Umgebung getan wird; es geht nicht von eigenen Intentionen aus; es versetzt sich in die Handlungen derjenigen, die in seiner Umgebung leben und ahmt diese nach. Das ist der Nachklang der Intuitionen im letzten Drittel des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wir werden deshalb als nachahmende Wesen geboren, weil wir ins physische Leben übersetzen dasjenige, was wir lange Zeit in geistig-seelischer Weise in der anderen Welt drüben getan haben. Und man versteht das, wie der Mensch hereinwächst in dieses physische Leben, indem man den Blick zurückwendet auf das, was der Mensch gewohnt geworden ist in der geistigen Welt zu treiben.
[ 6 ] In the last third of life, existence consists mainly of intuitions. Here, the human being must immerse themselves in what is present in their spiritual and soul environment. There, the human being lives as if immersed, with their consciousness, in what is present in their spiritual-soul environment. And it is precisely in this final third, through this immersion, that they prepare for the immersion into the physical body following birth or conception. The intuitions in the final third of life, between death and a new birth, are the prelude to that intuition—which is then, of course, subconscious or unconscious—that consists of the human being immersing themselves in the body handed down to them through the hereditary stream of parents, grandparents, and so on. And something remains with the human being once he has passed from the spiritual-soul world into the physical world. Consider this: since the human being has actually lived for a long time in spiritual-soul intuitions and is accustomed to living in them, he will still want to hold on to this habit to some extent once he has entered the physical body. And indeed they do. For what is—as you can read in the little book *The Education of the Child from the Point of View of Spiritual Science*—the primary striving of the soul during the first seven years of life, up until the change of teeth? I have said: a craving to imitate. The child always tries to do what is being done in its surroundings; it does not act on its own intentions; it puts itself in the shoes of those living in its environment and imitates them. This is the echo of the intuitions from the last third of life between death and a new birth. We are therefore born as imitative beings because we translate into physical life what we have been doing for a long time in a spiritual-soul manner in the other world over there. And one understands this—how the human being grows into this physical life—by looking back at what the human being has become accustomed to doing in the spiritual world.
[ 7 ] Sie sehen hier einen Gedanken aus der Geisteswissenschaft vor Sie hingestellt, der von solcher Art ist, wie viele kommen müssen für die nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende des menschlichen Geisteslebens. Diese Gedanken werden sich ja viel, viel ändern müssen gegenüber dem, was bis jetzt die Menschen geistig beschäftigt hat. Bedenken Sie, daß es seit den letzten Jahrhunderten üblich geworden ist, wenn der Unsterblichkeitsfrage nachgedacht wird, hauptsächlich an das zu denken, was nach dem Tode ist. Man denkt immer: Kann der Mensch dasjenige, was er im physischen Leben entwickelt, über den Tod hinaus halten? — Das ist den Menschen vor allen Dingen wichtig. Diese Unsterblichkeitsfrage ist gewiß wichtig, aber sie wird ein anderes Gesicht bekommen, wenn man, ich möchte sagen, die andere Hälfte der Unsterblichkeitsfrage ins Auge faßt, wenn man sich nicht interessieren wird: Was schließt sich an den Tod an und wie stellt sich das als Folge des Lebens hier auf der Erde heraus? — sondern wenn man fragen wird: Wie schließt sich das, was wir hier im physischen Leibe erleben, an das an, was wir vorher erlebt haben? — Für das Leben, das wir vorher erlebt haben, ist unser Leben hier das Jenseits. Vorzugsweise diese Richtung wird der Gedanke nach dieser Seite hin empfangen. Die Menschen werden einsehen, daß sie das Leben auf der Erde hier nur verstehen können, wenn sie es als Fortsetzung begreifen des geistigen Lebens, aus dem sie gekommen sind. Sie werden sich wieder zu interessieren anfangen für jenes Leben, das dem Erdenleben vorangegangen ist. Man kann ja sagen, mit Ausnahme des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts haben sich die Menschen im geistigen Leben doch noch etwas für die Unsterblichkeitsfrage interessiert, aber sie haben sich nur interessiert für die Unsterblichkeitsfrage, insofern das geistige Leben in der Unsterblichkeit eine Fortsetzung des Erdenlebens ist. Die philosophischen Gelehrten haben es so getan, aber diese philosophischen Gelehrten waren ja im Grunde genommen, trotzdem sie behaupten, vorurteilslose Wissenschaft zu treiben, in vieler Beziehung rechte Jammermenschen, die, während sie glaubten vorurteilslose Wissenschaft zu treiben, doch nichts anderes getan haben, als die Vorurteile fortzusetzen, die aus gewissen Strömungen heraus gekommen sind. Bedenken Sie, daß die Kirche zur Zeit des Origenes die Präexistenz der Seele verdammt hat, daß sie den Origenes deshalb verdammt hat, weil er diese Präexistenz gelehrt hat, so daß die Kirche in einer gewissen Zwangslage war: Da war Origenes, der größte Kirchenlehrer, und es war nicht zu leugnen, daß Origenes die Präexistenz gelehrt hat. Das ist aber in der Kirche verboten. Da war man in einer großen Zwangslage. Man ist gewöhnt worden, das ganze Mittelalter hindurch, von der Präexistenz nichts zu lehren. Das haben die Professoren der Philosophie fein fortgesetzt, und die Schriftsteller der Philosophie auch, aber sie haben geglaubt, voraussetzungslos zu denken. In anderen Fragen haben sie es auch so gemacht, in Fragen, für die ich Beispiele ja schon hier angeführt habe. Nun muß man sich vor allen Dingen klarmachen, daß die Richtung der Gedanken, die Richtung des menschlichen Anschauens durch Geisteswissenschaft eine ernste Änderung erfahren muß. Dieses Erdenleben wird erst mit dem rechten Werte erscheinen, wenn man sich bewußt werden wird, daß es eine Fortsetzung ist eines geistigen Lebens. Und es kann nur verstanden werden, wenn es als solches aufgefaßt wird. Dann aber wird man, wenn man die Sache so betrachtet, auch für die andere Seite der Frage ein gesünderes Urteil gewinnen. Wenn man sich klarer darüber wird, daß dieses Erdenleben eine Bedeutung für das Leben im Jenseits hat, daß der Mensch im Jenseits danach strebt, hier auf die Erde zu kommen, um dieses Erdenleben zu haben, weil er es braucht, dann wird man viel mehr gerade aus solchen Voraussetzungen heraus nach dem Werte dieses Erdenlebens fragen, als man es bisher getan hat.
[ 7 ] Here you see a thought from spiritual science presented to you—one of the many that are bound to emerge over the coming centuries and millennia of human spiritual life. These thoughts will, of course, have to change greatly from what has occupied people spiritually up to now. Consider that in recent centuries it has become customary, when reflecting on the question of immortality, to think primarily of what lies beyond death. People always ask: Can a human being preserve beyond death what they have developed in physical life? — That is what matters most to people. This question of immortality is certainly important, but it will take on a different aspect when one, I would say, considers the other half of the question of immortality—when one is no longer interested in: What follows death, and how does that manifest as a consequence of life here on Earth?—but rather when one asks: How does what we experience here in the physical body connect to what we have experienced before?—For the life we have experienced before, our life here is the afterlife. It is primarily in this direction that thought will turn toward this aspect. People will come to realize that they can only understand life here on Earth if they conceive of it as a continuation of the spiritual life from which they came. They will begin to take an interest once more in that life which preceded their earthly existence. One could say that, with the exception of the last third of the 19th century, people have still shown some interest in the question of immortality in the context of spiritual life; but they have been interested in the question of immortality only insofar as spiritual life in immortality is a continuation of earthly life. The philosophical scholars took this approach, but these philosophical scholars were, in essence—despite their claims to pursue unbiased science—in many respects truly pitiable people who, while believing they were pursuing unbiased science, did nothing more than perpetuate the prejudices that had arisen from certain intellectual currents. Consider that at the time of Origen, the Church condemned the pre-existence of the soul; that it condemned Origen precisely because he taught this pre-existence, so that the Church found itself in a certain dilemma: there was Origen, the greatest Church Father, and it could not be denied that Origen taught pre-existence. But this is forbidden in the Church. They found themselves in a major dilemma. Throughout the entire Middle Ages, people had become accustomed to teaching nothing about pre-existence. The professors of philosophy continued this practice, as did the writers on philosophy, but they believed they were thinking without any preconceptions. They did the same in other matters as well—matters for which I have already cited examples here. Now, above all, one must realize that the direction of thought, the direction of human perception, must undergo a profound change through spiritual science. This earthly life will only appear in its true light when one becomes aware that it is a continuation of a spiritual life. And it can only be understood if it is conceived of as such. But then, when one views the matter in this way, one will also arrive at a sounder judgment regarding the other side of the question. When one becomes more clearly aware that this earthly life has significance for life in the hereafter—that in the hereafter, human beings strive to come here to Earth to experience this earthly life because they need it—then, precisely on the basis of such premises, one will inquire much more deeply into the value of this earthly life than has been done so far.
[ 8 ] Aber eine Sache wird Sie besonders darauf hinweisen können, wie bedeutsam es ist, nach dem Werte dieses Erdenlebens zu fragen. Zwei Dinge werden ja häufig nicht sehr voneinander unterschieden, nämlich: Der Mensch denkt — und: Der Mensch hat Gedanken. — Aber die beiden Dinge sind wirklich sehr voneinander verschieden. Denken ist eine Kraft, die der Mensch hat, eine Tätigkeit; und diese Tätigkeit führt erst zu den Gedanken. Nun, die Tätigkeit des Denkens, diese Kraft, die im Denken lebt, bringen wir uns aus dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in dieses Erdenleben herein. Diese Kraft des Denkens betätigen wir an den äußeren Wahrnehmungen durch die Sinne und machen uns die Gedanken über die Umgebung, die wir hier haben. Aber diese Dinge in unserer Umgebung haben ja keine Bedeutung für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, denn dort sind sie nichts. Sie sind nur hier für die Sinne. Deshalb haben auch die Gedanken, die wir uns hier machen über diejenigen Dinge, die vor unseren Sinnen ausgebreitet sind, keine Bedeutung für das Leben nach dem Tode; aber eine Bedeutung für das Leben nach dem Tode hat es, daß wir der Denkkraft überhaupt etwas zuführen, denn diese Denkkraft, die bleibt uns für das ganze Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die Gedanken, die wir von den sinnlichen Wahrnehmungen hinnehmen, die können uns nichts fruchten nach dem Tode. Die dienen da nur, um Anhaltspunkte zu haben zur Erinnerung an das Ich während des Lebens zwischen Geburt und Tod.
[ 8 ] But one thing in particular will help you see just how important it is to ask about the value of this earthly life. Two things are often not clearly distinguished from one another, namely: a person thinks — and: a person has thoughts. — But these two things are actually very different from one another. Thinking is a power that human beings possess, an activity; and it is this activity that gives rise to thoughts. Now, the activity of thinking—this power that lives in thinking—we bring with us into this earthly life from the life between death and a new birth. We apply this power of thinking to the external perceptions received through the senses and form thoughts about the environment we have here. But these things in our surroundings have no significance for the life between death and a new birth, for there they are nothing. They exist only here for the senses. That is why the thoughts we form here about the things that lie before our senses have no significance for life after death; but what does have significance for life after death is that we feed our power of thought with anything at all, for this power of thought remains with us throughout the entire life between death and a new birth. The thoughts we derive from sensory perceptions cannot benefit us in any way after death. They serve only to provide points of reference for remembering the “I” during the life between birth and death.
[ 9 ] Denken Sie sich zwei Menschen. Der eine kümmert sich gar nicht um dasjenige, was man durch so etwas wie Geisteswissenschaft über das Leben in den geistigen Welten erfahren kann. Er macht sich nur Gedanken über das, was die Sinne darbieten und das, was die gewöhnliche Wissenschaft lehrt; das ist aber auch nichts anderes, als was die Sinne darbieten. Und er sagt: Ich will warten, wie es mit der geistigen Welt steht, bis ich in sie eindringe. — Es sind das die, ich möchte sagen, weniger Schlimmen von einem gewissen Gesichtspunkte aus, gegenüber denjenigen, die im 19. Jahrhundert aufgetreten sind und glaubten, mit aller Kraft der Wissenschaft überhaupt eine geistige Welt leugnen zu müssen, nach dem Ausspruche, den der Dichter einen solchen Menschen tun läßt: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist! — Ungefähr aus solcher Gesinnung heraus war ja der Atheismus des 19. Jahrhunderts zuweilen geboren, aus solchen «gedankenvollen Seeleninhalten» heraus. Aber nehmen wir einen Menschen, der sich einfach nicht einläßt darauf, hier etwas an Gedanken sich zu bilden über die geistigen Welten. Das wäre der eine Mensch. Der andere läßt sich darauf ein, sich Gedanken zu bilden über die geistige Welt. Das sind andere Gedanken als diejenigen, die man durch die Sinne aufnimmt. Nicht wahr, daß es andere Gedanken sind, ist ja nicht zu leugnen. Denn das zeigt sich schon darin: Die Gedanken, durch die nicht aufgenommen wird eine geistige Welt, die sind nach der Ansicht der meisten heute lebenden Menschen die gescheiten Gedanken, die realen Gedanken; die Gedanken, welche die Geisteswissenschaft beschreibt, sind die verrückten, die phantastischen, die tollen Gedanken und so weiter.
[ 9 ] Imagine two people. One of them is not at all concerned with what can be learned about life in the spiritual worlds through something like spiritual science. He thinks only about what the senses present and what ordinary science teaches; but that is nothing other than what the senses present. And they say: I will wait to see what the spiritual world is like until I enter it. — These are, I would say, the less serious cases—from a certain point of view—compared to those who emerged in the 19th century and believed they had to deny the existence of a spiritual world with all the might of science, in accordance with the statement the poet has such a person utter: “As surely as there is a God in heaven, I am an atheist!” — It was precisely out of such a mindset that 19th-century atheism was sometimes born, out of such “thoughtful inner states.” But let us consider a person who simply refuses to engage in forming any thoughts here about the spiritual worlds. That would be one type of person. The other person is willing to form thoughts about the spiritual world. These are different thoughts from those we take in through the senses. Isn’t it true that these are different thoughts? There’s no denying it. For this is already evident in the fact that, in the view of most people living today, the thoughts through which a spiritual world is not perceived are considered the sensible thoughts, the real thoughts; whereas the thoughts described by spiritual science are regarded as the crazy, the fantastical, the wild thoughts, and so on.
[ 10 ] Aber nehmen wir diese beiden Menschen. In welcher Lage sind diese beiden Menschen, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten sind? Derjenige, der hier keine Gedanken aufgenommen hat über die geistigen Welten, der also nichts hat durch seine Seele ziehen lassen von Gedanken über die geistigen Welten, der ist als seelisches Wesen nach dem Tode in derselben Lage wie einer, der einen physischen Organismus hat, aber nichts zu essen, der hungern muß. Denn die Gedanken, die wir uns hier machen über die geistigen Welten, sie sind die Nahrung für eine der hauptsächlichsten Kräfte, die uns bleiben nach dem Tode: für die Denkkraft. Die Denkkraft haben wir, wie wir hier die Hungerkraft haben, aber genährt werden kann diese Hungerkraft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gar nicht. Wir können zwischen dem Tode und einer neuen Geburt Imagination haben, Inspiration und Intuition, aber wir können nicht Gedanken als solche haben. Die müssen wir uns hier erwerben. Wir müssen eintreten in das Leben zwischen Geburt und Tod, damit wir uns hier Gedanken erwerben. Von diesen Gedanken, die wir uns hier erworben haben, zehren wir die ganze Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und wir hungern nach diesen Gedanken, wenn wir sie nicht haben. Das ist der Unterschied. Ein geistiger Hungerleider zu werden, dazu ist derjenige verurteilt, der sich hier keine Gedanken machen will über die geistigen Welten. Und ein solcher, der sich zu sättigen und dadurch zu leben vermag zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, ist derjenige, den ich als zweiten angeführt habe, der sich solche Gedanken macht, wie wir sie hier treiben. Würde daher der Materialismus einzig und allein die Anschauung der Menschen werden, dann würden die Menschen, wenn ich den Ausdruck brauchen darf, in der Zukunft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt immer mehr und mehr dem geistigen Hungertyphus verfallen. Die Folge davon wäre, daß sie durch die folgende Inkarnation verkümmert hereintreten würden in die physische Welt. Die geistige Welt würde verkümmern, und mit der geistigen Welt würde die physische Welt verkümmern in der Zukunft, die die Menschheit noch durchzumachen hat während dieser Erdenwelt. Es ist gelungen, das «Nach uns die Sintflut» zu einer gewissen Gesinnung zu machen für die ahnungslose Menschheit, die nicht weiß, worauf es ankommt. Dieser Ausspruch: Nach uns die Sintflut —, wenn er auch nicht getan wird, er liegt auf dem Grunde der Seele in einer materialistischen Zeit. Dieser Ausspruch hat gar keinen Sinn für denjenigen, der die Wirklichkeit kennt. Denn dasjenige, was die Menschheit in der Gegenwart tut, ob sie die Seelen in die geistigen Welten eintauchen will oder nicht, das ist dasjenige, was die Grundlage legt auch für die Zukunft der Entwickelung. Das Heil der Erde selber hängt davon ab, daß die Menschheit in der Gegenwart nicht davon abläßt, sich Gedanken zu machen über die geistigen Welten. Diejenigen, die in der Gegenwart leben, müßten dieses immer mehr und mehr einsehen. Denn daß der Gang der Menschheitsentwickelung geistig begriffen werde, davon hängt ungeheuer viel ab.
[ 10 ] But let’s consider these two people. What is the situation of these two people once they have passed through the gate of death? The one who has not given any thought here to the spiritual worlds—who has thus allowed no thoughts about the spiritual worlds to pass through his soul—is, as a spiritual being after death, in the same situation as someone who has a physical body but nothing to eat, who must go hungry. For the thoughts we form here about the spiritual worlds are the nourishment for one of the most essential powers that remain with us after death: the power of thought. We possess the power of thought just as we possess the power of hunger here, but this power of thought cannot be nourished at all between death and a new birth. Between death and a new birth, we can have imagination, inspiration, and intuition, but we cannot have thoughts as such. We must acquire them here. We must enter into the life between birth and death so that we may acquire these thoughts here. We draw sustenance from these thoughts that we have acquired here for the entire time between death and a new birth, and we hunger for these thoughts when we do not have them. That is the difference. Anyone who refuses to engage in thoughts about the spiritual worlds here is doomed to become spiritually starved. And the one who is able to satisfy himself and thereby live between death and a new birth is the person I mentioned second—the one who engages in thoughts such as those we pursue here. If, therefore, materialism were to become the sole worldview of humanity, then—if I may use the expression—people would, in the future, between death and a new birth, increasingly succumb to spiritual starvation. The consequence of this would be that they would enter the physical world in a withered state through their next incarnation. The spiritual world would wither away, and along with the spiritual world, the physical world would wither away in the future—a future that humanity still has to endure during this earthly existence. The saying “After us, the deluge” has succeeded in becoming a certain mindset for unsuspecting humanity, which does not know what truly matters. This saying—“After us, the deluge”—even if it is not put into practice, lies deep within the soul in a materialistic age. This saying makes no sense at all to those who know reality. For what humanity does in the present—whether it wishes to immerse souls in the spiritual worlds or not—is precisely what lays the foundation for the future of evolution as well. The very salvation of the Earth depends on humanity not ceasing to reflect on the spiritual worlds in the present. Those who live in the present must come to realize this more and more. For an immense amount depends on the course of human development being understood spiritually.
[ 11 ] Wir haben versucht, wichtige Begriffe zu entwickeln über die geistigen Welten, denn schließlich ragen ja die geistigen Welten in unsere physische Welt herein, und man kann auch die physische Welt nicht verstehen, wenn man nicht die geistigen Welten versteht. Und wir haben die mannigfaltigsten Begriffe entwickelt. Nun, ein wirklich denkender Mensch wird schon dazu kommen, gerade das für die Wirklichkeit bedeutsame Moment dieses geisteswissenschaftlichen Denkens einzusehen. Man kann einfach die gesamte Wirklichkeit nicht verstehen, wenn man nur naturwissenschaftlich denken will, wie man auch das materielle Dasein nicht verstehen kann, wenn man nur naturwissenschaftlich und nicht geisteswissenschaftlich denkt. Ich will Ihnen dafür ein sehr paradoxes, ein sonderbares Beispiel sagen.
[ 11 ] We have attempted to develop key concepts regarding the spiritual worlds, for after all, the spiritual worlds extend into our physical world, and one cannot understand the physical world without understanding the spiritual worlds. And we have developed a wide variety of concepts. Well, a truly thinking person will come to recognize precisely that aspect of spiritual scientific thinking which is significant for reality. One simply cannot understand reality as a whole if one thinks solely in terms of the natural sciences, just as one cannot understand material existence if one thinks only in terms of the natural sciences and not in terms of the spiritual sciences. I would like to give you a very paradoxical, a strange example of this.
[ 12 ] Ich glaube, ich habe ja auch hier vor einiger Zeit hervorgehoben, daß etwa vor anderthalb Jahren ein recht bedeutsames dickes Buch erschienen ist von einem ausgezeichneten Naturforscher der Gegenwart, von Oscar Hertwig, einem Haeckel-Schüler, «Das Werden der Organismen; eine Widerlegung der Darwinschen Zufallstheorie». Das ist ein ausgezeichnetes Buch, das ganz auf der Höhe der naturwissenschaftlichen Forschung der Gegenwart steht. Und ich habe viele Gelegenheiten ergriffen, in der letzten Zeit, um da und dort das Bedeutsame, das Tonangebende darin hervorzuheben. Denn auch kulturhistorisch ist es ein merkwürdiges Buch. Sie wissen, daß im Jahre 1869 Eduard von Hartmann aufgetreten ist mit seiner «Philosophie des Unbewußten», damals in der Blütezeit des Darwinismus, der seine materialistische Deutung damals gefunden hat. Eduard von Hartmann hat sich dagegen gewendet. Da haben die Naturforscher geschrien: Nun, es ist ein dilettantischer Philosoph, der von Geist redet und der nichts versteht von Naturwissenschaft! — Die Sache kam so, wie ich es ja schon öfter beschrieben habe. Es erschien eines Tages ein Buch, von dem sogar der Haeckel-Schüler Oskar Schmidt schrieb: Da ist einmal einer aufgetreten, der versteht etwas von Naturwissenschaft. Der hat es dem Hartmann einmal gegeben! Wir selber könnten es nicht besser sagen; er nenne sich uns, und wir werden ihn als einen der unsrigen begrüßen! — Sie haben furchtbar Reklame gemacht. Eine zweite Auflage wurde notwendig. Da nannte sich der Verfasser: es war Eduard von Hartmann! Da haben sie aufgehört, dafür Reklame zu machen. Es mußte einmal eine solche Abfuhr geschehen, um den Leuten zu zeigen, daß diejenigen, die vom Geiste reden, noch immer so gescheit sind wie diejenigen, die den Geist leugnen. Eduard von Hartmann hat noch verschiedenes geschrieben und hingewiesen darauf, wie einseitig der Darwinismus denkt. Er hat damit nicht viel Anklang gefunden. Aber man kann sagen: Nach ruhiger, gut geschulter Forschung ist gerade ein Mann wie Oscar Hertwig dazu gekommen, nun so zu denken, wie Eduard von Hartmann schon 1869 gesprochen hat. Er zitiert ihn sogar in seinem Werke häufig. Und es ist alles in mustergültiger Weise aufgebaut in diesem Buch «Das Werden der Organismen». Man kann da tatsächlich einmal ein Musterbeispiel studieren einer Sache, die aus der naturwissenschaftlichen Methode der Gegenwart herauswachsen konnte, herausgewachsen ist.
[ 12 ] I believe I also pointed out here some time ago that about a year and a half ago, a quite significant, substantial book was published by an outstanding contemporary naturalist, Oscar Hertwig, a student of Haeckel: *The Development of Organisms: A Refutation of Darwin’s Theory of Chance* . It is an excellent book that is entirely in line with the current state of scientific research. And I have taken many opportunities recently to highlight here and there the significant and defining aspects of it. For it is also a remarkable book from a cultural-historical perspective. You know that in 1869 Eduard von Hartmann came forward with his *Philosophy of the Unconscious*, at a time when Darwinism was in its heyday and had found its materialistic interpretation. Eduard von Hartmann opposed this. The natural scientists cried out: “Well, he’s just an amateur philosopher who talks about the spirit and understands nothing about the natural sciences!” — The story unfolded just as I have described it many times before. One day a book appeared about which even Oskar Schmidt, a student of Haeckel, wrote: “Here is someone who actually understands natural science. He really gave Hartmann a run for his money! We ourselves could not have put it better; let him come forward, and we will welcome him as one of our own!” — They promoted it like crazy. A second edition became necessary. Then the author revealed his name: it was Eduard von Hartmann! That’s when they stopped promoting it. Such a rebuke had to happen at some point to show people that those who speak of the spirit are still just as clever as those who deny the spirit. Eduard von Hartmann wrote various other works and pointed out how one-sided Darwinism’s thinking is. He did not find much resonance with this. But one can say: After calm, well-grounded research, a man like Oscar Hertwig has now come to think exactly as Eduard von Hartmann had already expressed in 1869. He even quotes him frequently in his own work. And everything is structured in an exemplary manner in this book, *Das Werden der Organismen* (*The Development of Organisms*). There, one can indeed study a prime example of something that was able to—and has—grown out of the contemporary scientific method.
[ 13 ] Nun sehen Sie, vor einigen Wochen ist von demselben Manne eine Art Fortsetzung dieses Buches erschienen: «Zur Abwehr des sozialen, des ethischen und des politischen Darwinismus.» Man kann sich kaum ein dümmeres Buch denken als dieses, das Oscar Hertwig seinem ersten, epochemachenden Werk hat folgen lassen. Man kann sich nichts Ungenügenderes, nichts Blechigeres denken als dieses Buch. Sie sehen, auf dem Boden unserer Geisteswissenschaft ist es schon notwendig, einiges an Autoritätslosigkeit sich anzuerziehen, denn wenn unsere lieben Freunde, nachdem ich das wirklich epochemachende Buch in alle Himmel gehoben habe und es auch immer tun werde, jetzt auf die Autorität hin das zweite Buch kaufen und sich sagen würden: Also müssen wir das als etwas Großes ansehen —, so werden sie sich sehr täuschen. Dasjenige, wozu uns Geisteswissenschaft dient, das ist: uns wirklich ein freies Urteil anzueignen; nach jeder Richtung und in jedem Augenblick bereit zu sein, frei den Erscheinungen gegenüberzustehen, die uns entgegenkommen. Autoritätsglauben kann selbst bis in diese Ecken hinein innerhalb des geisteswissenschaftlichen Strebens durchaus nicht irgendwie gepflegt werden, sonst kommt nicht Geisteswissenschaft, sondern eine Karikatur der Geisteswissenschaft heraus. Woher rührt das, was ich geschildert habe? Das rührt davon her, daß man heute ein großer, epochemachender Naturforscher sein kann, das heißt in der Lage sein kann, alles, was das materielle Geschehen und seine Erscheinungen betrifft, nach den Methoden des 19. und 20. Jahrhunderts zu entwickeln; sobald man dann aber anfängt nachzudenken über dasjenige, was in der Menschensphäre liegt, was im Menschen lebt, wenn die Menschen sozial zueinander stehen, wenn sie ethisch-sittlich miteinander leben, wenn sie politisch sich entwickeln wollen, politische Ideen entwickeln wollen, in dem Augenblick, wo man anfängt über diejenigen Dinge nachzudenken, in die das geistige Element hineinspielt, kann man, trotzdem man ein genialer Naturforscher ist, ein absolut dummer Kopf sein, denn da dient einem die Naturwissenschaft eben gar nicht. Und gerade ein solches literarisches Beispiel ist in unserer Zeit aufgetreten, um dieses, was man ja einsehen kann aus der Geisteswissenschaft heraus, auch wirklich zu erhärten; wirklich in der Realität hinzustellen. Denn man lese dieses zweite Buch von Oscar Hertwig, und man wird bemerken, daß man eigentlich keinen einzigen Gedanken findet über das, was sich auf das soziale, das ethische, das politische Leben bezieht, wie es sich ja ganz gut gehört in der Gegenwart, denn die Gegenwart ist eben wirklich nicht gerade allzu reich an fruchtbaren sozialen, ethischen und namentlich politischen Ideen. Aber das rührt auch wiederum davon her, daß eben das rein naturwissenschaftliche Denken völlig überschätzt worden ist. Und dabei liegt bei Oscar Hertwig der beste Wille vor; er möchte dieses naturwissenschaftliche Denken wegbringen von dem sozialen, ethischen und politischen Denken. Da er aber über das letztere gar nichts hat, nützt es nichts, wenn er das andere abwehrt. In diesem Buche finden sich die kuriosesten geistigen Purzelbäume. Ich will nur auf eines aufmerksam machen, immer unter der Voraussetzung, daß das erste Buch, das ich angeführt habe, ein ausgezeichnetes ist.
[ 13 ] Now, you see, a few weeks ago the same man published a sort of sequel to this book: “In Defense Against Social, Ethical, and Political Darwinism.” One can hardly imagine a more foolish book than this one, which Oscar Hertwig has published as a follow-up to his first, epoch-making work. One can imagine nothing more inadequate, nothing more tinny than this book. You see, within the realm of our spiritual science, it is indeed necessary to cultivate a certain lack of authority; for if our dear friends—after I have praised that truly epoch-making book to the skies, and will always continue to do so—were now to buy the second book out of a sense of authority and say to themselves, “So we must regard this as something great,” they would be greatly mistaken. The purpose of spiritual science is this: to truly cultivate a free judgment; to be ready, in every direction and at every moment, to face the phenomena that come our way with a free spirit. Belief in authority cannot be cultivated in any way, even in these very corners of spiritual scientific endeavor; otherwise, the result will not be spiritual science, but a caricature of it. Where does what I have described come from? It stems from the fact that today one can be a great, epoch-making natural scientist—that is, one can be capable of developing everything concerning material processes and their phenomena according to the methods of the 19th and 20th centuries; but as soon as one begins to reflect on what lies within the human sphere—what lives within human beings, how people relate to one another socially, how they live together ethically and morally, how they seek to develop politically and formulate political ideas—at the very moment one begins to reflect on those matters in which the spiritual element plays a role, one can, even though one is a brilliant natural scientist, be an absolutely foolish person, for in this regard, natural science is of no use at all. And precisely such a literary example has emerged in our time to truly substantiate what one can indeed grasp through spiritual science—to truly bring it into reality. For if one reads this second book by Oscar Hertwig, one will notice that one actually finds not a single thought concerning social, ethical, or political life—as is quite fitting in the present day, since the present is, after all, not exactly rich in fruitful social, ethical, and especially political ideas. But this, in turn, stems from the fact that purely scientific thinking has been completely overestimated. And yet Oscar Hertwig has the best of intentions; he wants to separate this scientific thinking from social, ethical, and political thinking. But since he has nothing to offer regarding the latter, it does no good for him to reject the former. This book contains the most curious intellectual somersaults. I would like to draw attention to just one thing, always on the assumption that the first book I cited is an excellent one.
[ 14 ] Die Menschen bemerken es nicht: Oscar Hertwig ist eine Autorität; unsere Zeit ist nicht autoritätsgläubig, aber sie fällt auf jede Autorität herein, die ihr offiziell hingestellt wird. Da lassen sich die Leute belehren; manches fällt ihnen gar nicht auf. Aber Oscar Hertwig will in dem zweiten Buche dem Menschen klarmachen, was man tun muß, um richtig naturwissenschaftlich zu denken. Er kann es, aber er versteht nicht, was es ist. Man kann es ja auch instinktiv. Die Methoden sind großartig; man braucht nur dazu erzogen zu sein, braucht nicht in Gedanken entwickeln zu müssen, was man tut. Daher kommt Oscar Hertwig zu folgendem sonderbarem Denken. Er spricht darüber, wie man eigentlich naturwissenschaftlich forschen soll, um die Dinge in der Umgebung zu erkennen. Da sagt er: Das große Vorbild für das physikalische, chemische und biologische Denken haben die Astronomen geliefert, und es käme darauf an, daß die Menschen lernen, über physikalische, chemische und eigentliche Lebenserscheinungen so zu denken, wie die Astronomen über die Himmelserscheinungen denken. — Es ist sehr suggestiv, wenn man dann sagt: Ahmt die Größe des Denkens bei Kepler, bei Kopernikus, bei Newton nach, um die Erscheinungen, die um euch herum sind, zu verstehen! — Aber denken Sie einmal, was dahinter steckt! Die Erscheinungen des Lebens, die physikalischen, die chemischen Erscheinungen, die Lebenserscheinungen sind um uns herum; die Tatsachen sind uns ganz nahe, und wir stoßen fortwährend darauf. Und nun sollen wir Wissenschaft erhalten dadurch, daß wir uns auf die Tatsachen richten, die uns so fern wie möglich liegen; also, weil wir den Tatsachen der Himmelserscheinungen so fern wie möglich stehen, sollen wir uns davon die Kenntnisse ausbilden für dasjenige, was uns tatsächlich umgibt. Man kann sich keinen tolleren Gedanken bilden als so etwas. Aber Tausende und Tausende von Menschen lesen über eine solche Tollheit hinweg und ahnen nichts davon, daß solche Tollheiten das ganze Denken der Gegenwart korrumpieren, daß, wenn es sich hineinfrißt, es die Menschen wirklichkeitsfremd und immer wirklichkeitsfremder machen muß. Da kann man dann auch nicht in irgendeine soziale oder ethische oder politische Struktur hineinschauen, wenn man von solchem Denken und solchen Sätzen ausgeht. Es gehört schon mit zu den Aufgaben unserer Geisteswissenschaft, mit klaren Blicken dasjenige zu durchschauen, was im sogenannten Geistesleben der Gegenwart ist.
[ 14 ] People don’t realize it: Oscar Hertwig is an authority; our age does not blindly trust authority, but it falls for any authority that is officially presented to it. People allow themselves to be taught; there are some things they don’t even notice. But in his second book, Oscar Hertwig wants to make it clear to people what one must do to think scientifically correctly. He can do it, but he doesn’t understand what it is. One can, after all, do it instinctively. The methods are magnificent; one just needs to have been trained in them—there’s no need to have to develop in one’s mind what one is doing. That is why Oscar Hertwig arrives at the following strange line of thought. He discusses how one should actually conduct scientific research in order to understand the things in one’s surroundings. He says: Astronomers have provided the great model for physical, chemical, and biological thinking, and what matters is that people learn to think about physical, chemical, and biological phenomena in the same way that astronomers think about celestial phenomena. — It’s very evocative when one then says: Emulate the grandeur of thought found in Kepler, Copernicus, and Newton in order to understand the phenomena around you! — But just think for a moment about what lies behind this! The phenomena of life—the physical, the chemical, and the biological phenomena—are all around us; the facts are very close to us, and we encounter them constantly. And now we are supposed to gain scientific knowledge by focusing on facts that are as far removed from us as possible; that is, because we are as far removed as possible from the facts of celestial phenomena, we are supposed to derive from them the knowledge needed for what actually surrounds us. One cannot conceive of a more absurd idea than this. But thousands upon thousands of people read right past such folly and have no inkling that such follies are corrupting the entire thinking of the present, that, once it takes root, it must make people increasingly detached from reality. One cannot then gain insight into any social, ethical, or political structure if one proceeds from such thinking and such propositions. It is indeed one of the tasks of our spiritual science to see through, with clear eyes, what is present in the so-called spiritual life of the present.
[ 15 ] Ich sagte, wir haben uns damit befassen müssen, auf die geistigen Kräfte hinzuweisen, die ja in die gewöhnliche physische Welt hineinragen. Und wir haben immer wieder und wiederum davon gesprochen, daß der Mensch gewissermaßen in drei Kraftströmungen darinnensteht mit seinem Leben, in der luziferischen, in der ahrimanischen und in derjenigen, welche die eigentlich der Menschheitsentwickelung angemessene ist. Ich habe ja auch öfter darauf hingewiesen, daß man nicht sagen darf: Ich meide das luziferische, ich meide das ahrimanische — wenn man es meidet, wird man erst recht hineintauchen, sondern man muß sich darüber klar sein, muß das Drinnenstehen des Menschen in diesen drei Strömungen wirklich studieren, kennenlernen. Das Wissen von Luzifer und Ahriman muß man in das Leben hineinnehmen.
[ 15 ] I said that we had to address the spiritual forces that, after all, extend into the ordinary physical world. And we have spoken time and again about how human life is, so to speak, situated within three currents of force: the Luciferic, the Ahrimanic, and the one that is truly appropriate to human evolution. I have also pointed out on several occasions that one must not say: “I will avoid the Luciferic, I will avoid the Ahrimanic”—for if one avoids them, one will only plunge into them all the more deeply; rather, one must be clear about this and must truly study and come to know how human beings are situated within these three currents. One must incorporate the knowledge of Lucifer and Ahriman into one’s life.
[ 16 ] Nun war gerade vieles in der sozialen, der historischen Struktur der Menschheit in den letzten Jahrhunderten oder Jahrtausenden sehr stark unter luziferischen Impulsen, die aus dem Menschen herauskamen. Man könnte vieles, vieles anführen, was unter luziferischen Impulsen stand, aber ich will nur eines anführen, bei dem ja jeder das luziferische sogleich durchschauen wird.
[ 16 ] Now, much of the social and historical structure of humanity over the past centuries or millennia has been strongly influenced by Luciferic impulses that originated within human beings. One could cite many, many examples of things influenced by Luciferic impulses, but I will mention just one, in which everyone will immediately recognize the Luciferic element.
[ 17 ] Nicht wahr, eine große Rolle in der Art und Weise, wie die Menschen sich hinstellen auf die verschiedenen Pole ihres Lebens, die verschiedenen Standpunkte des Lebens, spielt der Ehrgeiz, die Eitelkeit. Es hätte ja mancher niemals diesen oder jenen Posten angestrebt, wenn nicht die soziale Struktur Veranlassung gewesen wäre, daß diese Eitelkeit nach der einen oder anderen Richtung aufgestachelt wird. Alles Titelwesen, alles Rangwesen und Ordenswesen ruht ja schließlich auf dem luziferischen Element. Und versuchen Sie nur einmal, sich unbefangen darüber Gedanken zu machen, wieviel in dem, wie die Menschen im Leben stehen, rein dadurch bewirkt worden ist, daß sie strebten nach diesen Fischangeln des Ehrgeizes, nach diesen Ködern. Versuchen Sie einmal zu bedenken, wie die Menschen, der eine über den anderen, der eine unter den anderen gestellt werden; wie die sozialen Einrichtungen mit diesem Ehrgeiz rechnen. Versuchen Sie sich klarzumachen, wie das die soziale Struktur aufgebaut hat. Auf diesem Gebiet hat Luzifer eine außerordentlich große Rolle gespielt.
[ 17 ] Isn’t it true that ambition and vanity play a major role in the way people position themselves at the various poles of their lives, the various perspectives on life? After all, many people would never have aspired to this or that position if the social structure hadn’t been the cause of this vanity being stirred up in one direction or another. After all, the entire system of titles, ranks, and orders ultimately rests on the Luciferic element. And just try, without bias, to reflect on how much of the way people position themselves in life has been brought about purely by their striving for these “fishing hooks” of ambition, for these baits. Try to consider how people are placed above or below one another; how social institutions rely on this ambition. Try to realize how this has shaped the social structure. In this area, Lucifer has played an extraordinarily significant role.
[ 18 ] Betrachten wir eine andere Erscheinung, die jetzt anfängt geübt und bewundert zu werden. Und hier, innerhalb der geisteswissenschaftlichen Arbeit ist die Stätte, solche Dinge in ordentlicher Art sachgemäß, wirklichkeitsgemäß ins Auge zu fassen. Achten Sie unter den verschiedenen jetzt in der Gegenwart beliebt werdenden Dingen auf manches, so werden Sie unter diesem Manchen das finden, was man jetzt die «Begabtenprüfungen» nennt. Begabtenprüfungen dienen dazu, aus der Reihe der Kinder und jungen Leute die begabten auszusondern. Es droht der wahre Götzendienst mit diesen Begabtenprüfungen entwikkelt zu werden. Wie macht man das? Man hat geschulte Psychologen, die zwar nichts von der Seele verstehen, die aber die Psychologie um so besser verstehen; Psychologen, die nach den Methoden der Gegenwart ausgebildet sind, und die befähigt sind, dadurch aus einer Reihe von jungen Leuten oder Kindern die begabten auszusuchen, damit der rechte Mann später am rechten Platz stehen kann, selbstverständlich. Man ködert nun weniger, glaubt man, in der Zukunft mit dem Ehrgeiz, mit der Eitelkeit, aber man macht Begabtenprüfungen. Diese Begabtenprüfungen beziehen sich auf die Schnelligkeit des Auffassens, auf das Gedächtnis. Es werden sinnlose Wörter hingeschrieben, und derjenige, der sie schneller behalten kann, hat ein besseres Gedächtnis als derjenige, welcher sie weniger schnell behalten kann. Intelligenzprüfungen macht man. Ein Wort, ein zweites, ein drittes Wort, die keinen Zusammenhang haben, gibt man, und dann läßt man die Schüler einen Zusammenhang finden. Also man schreibt zum Beispiel auf: «Räuber» und «Spiegel» und sagt: Nun denke du dir einmal etwas zwischen Räuber und Spiegel. — Der eine denkt nun: Der Räuber sieht sich im Spiegel. Der andere denkt: Ich habe einen Spiegel in meinem Zimmer, ein Räuber schleicht sich herein, und ich sehe dies im Spiegel. — Der letztere hat komplizierter gedacht, der ist also begabter. Dann wird die Sache noch statistisch gemacht, und es werden diejenigen ausgefischt, welche am allerintelligentesten sind; die werden dann als diejenigen genommen, welche als die richtigen Menschen an den richtigen Platz gestellt werden.
[ 18 ] Let us consider another phenomenon that is now beginning to be practiced and admired. And here, within the work of spiritual science, is the place to examine such things in an orderly, appropriate, and realistic manner. If you pay attention to some of the various things that are becoming popular today, you will find among them what are now called “giftedness tests.” Giftedness tests serve to single out the gifted from among children and young people. There is a danger that true idolatry will develop in connection with these giftedness tests. How is this done? There are trained psychologists who, while they understand nothing of the soul, understand psychology all the better; psychologists trained in contemporary methods and capable of selecting the gifted from among a group of young people or children so that, naturally, the right person can later be in the right place. It is believed that in the future, one will rely less on luring them with ambition or vanity, but instead conduct giftedness tests. These giftedness tests focus on the speed of comprehension and on memory. Meaningless words are jotted down, and the one who can remember them faster has a better memory than the one who can remember them less quickly. They administer intelligence tests. They give one word, then a second, then a third—words that have no connection—and then they have the students find a connection. For example, they write down “robber” and “mirror” and say: Now think of something that connects a robber and a mirror. — One student thinks: The robber sees himself in the mirror. Another thinks: “I have a mirror in my room; a robber sneaks in, and I see this in the mirror.” — The latter has thought more complexly and is therefore more gifted. Then the process is applied statistically, and those who are the most intelligent are singled out; they are then selected as the right people to be placed in the right positions.
[ 19 ] Sehen Sie, derjenige, welcher von solchen Voraussetzungen aus, wie sie jetzt hier gemacht werden, gegen diese großartige Errungenschaft der Gegenwart etwas einwendet, der gilt doch als ganz plumper Narr, der nichts weiß von alledem, um was es sich handelt.
[ 19 ] You see, anyone who, based on assumptions such as those being made here, objects to this magnificent achievement of our time is considered a complete fool who knows nothing about what is at stake.
[ 20 ] Nun, rücken wir einmal diese ganze Sache in unsere Erkenntnis herein. Was prüft man denn, indem man so den Menschen prüft? Nichts prüft man, was mit seiner Seele wirklich zu tun hat. Man braucht sich ja nur eines zu überlegen: daß wahrscheinlich die bedeutendsten Menschen der Vergangenheit, die das Höchste geleistet haben, nach solchen Prüfungen als die unbegabten hätten gelten müssen. Denken Sie sich sogar den von den heutigen Menschen als Zelebrität angesehenen Helmholtz; wenn er so einer Begabtenprüfung unterzogen worden wäre, würde er ganz sicher nicht auf den Posten gekommen sein, auf dem er später gestanden hat. Mit der Entwickelung der Seelenfähigkeiten der menschlichen Individualität haben diese Begabtenprüfungen gar nichts zu tun, wohl aber mit der Summe der ahrimanischen Kräfte, die im Menschen liegen. Man prüft nicht den Menschen, sondern das, was als ahrimanische Kräfte in ihm steckt, indem man diese Prüfung macht. Und so, wie man bisher mit luziferischen Kräften gerechnet hat, so beginnt man jetzt auf ahrimanische Kräfte zu zählen und eine soziale Struktur zu begründen, die rein auf Ahrimanischem aufgebaut ist. Allerdings werden solche Dinge nur diejenigen durchschauen können, die wirklich auf geisteswissenschaftliche Inhalte eingehen, die die Welt werden geistig durchschauen wollen. Denn das, was ich Ihnen jetzt erzählt habe von den Begabtenprüfungen, das wird von einer großen Anzahl von Leuten und ihrem journalistischen Nachläufertum geradezu als eine der bedeutsamsten Errungenschaften der Gegenwart hingestellt, so hingestellt, daß sich auf Grundlage dieser Prüfung die soziale Struktur der Zukunft aufbauen kann. Und das Publikum, das ja nicht autoritätsgläubig ist, dieses arme Publikum hat gar nicht die Möglichkeit nachzudenken über das, um was es sich bei einer solchen Sache eigentlich handelt. Es hat nicht die Möglichkeit, sich klare Begriffe über eine solche Sache zu bilden. Das ist es aber, worauf es ankommt.
[ 20 ] Well, let’s bring this whole matter into the realm of our understanding. What, exactly, are we testing when we examine people in this way? We are not testing anything that truly has to do with their soul. One need only consider this: that the most significant figures of the past—those who achieved the highest—would likely have been deemed untalented according to such tests. Consider even Helmholtz, regarded by people today as a celebrity; if he had been subjected to such a test of aptitude, he would most certainly not have attained the position he later held. These aptitude tests have absolutely nothing to do with the development of the soul’s capacities within the human individual, but rather with the sum of the Ahrimanic forces present within the human being. It is not the human being who is being tested, but rather the Ahrimanic forces within him, through the very act of administering this test. And just as one has hitherto relied on Luciferic forces, one is now beginning to rely on Ahrimanic forces and to establish a social structure built purely on the Ahrimanic. However, only those who truly engage with the content of spiritual science—those who wish to gain spiritual insight into the world—will be able to see through such things. For what I have just told you about the aptitude tests is being presented by a large number of people—and their journalistic sycophants—as one of the most significant achievements of our time, presented in such a way that the social structure of the future can be built upon the basis of this test. And the public—which, after all, does not blindly trust authority—this poor public has no opportunity at all to reflect on what such a matter is actually about. It has no opportunity to form clear concepts about such a matter. Yet that is precisely what matters.
[ 21 ] Wenn Sie sich heute aus mancherlei von dem, was wir auf unsere Seele haben wirken lassen, Begriffe davon bilden, was zunächst zu geschehen hat für die Menschheit, was im Sinne des geistigen Entwickelungsstromes zu geschehen hat, dann fragen Sie das Richtige. Dann werden Sie aber bemüht sein, die menschlichen Individualitäten zu erfassen, um ihnen dasjenige, wofür Interesse sein muß, beizubringen. Da werden Sie nicht dazu kommen, die ahrimanischen Fähigkeiten zu prüfen, denn diese ahrimanischen Fähigkeiten werden ja dahin führen, daß die Menschheit vollständig nur noch als eine Summe von Maschinen behandelt würde. Man prüft ja nur den Geist in der äußeren Leiblichkeit. Man prüft den Menschen nur, sofern er Maschine ist, wenn man ihn dieser Begabtenprüfung unterzieht. Und man stellt eine soziale Auslese her, die nur die besten Arten der physischen Maschine zu Leitern der Menschheit macht. Man reflektiert nirgends auf dasjenige, was im Grunde der Seele ruht, und was bei solchen Prüfungen niemals an die Oberfläche kommen kann. Aber ich werfe niemandem vor, wenn er heute geradezu götzendienerisch solchen Dingen nachläuft, denn derjenige, der sich gar nicht mit Geisteswissenschaft befaßt, kann ja nichts anderes tun, als sich dem Urteil hinzugeben, das sei das Gescheiteste, was man in der Gegenwart machen kann. Aber dieses führt allmählich ganz weg von der realen menschlichen Lebendigkeit, von der menschlichen Wirklichkeit. Es führt in abstrakte Gebiete, in dasjenige, was im Menschenleben tot ist und nur von der Geistigkeit des Ahriman beherrscht wird. Man muß schon den vollen Ernst solcher Sachen durchschauen, wie die Menschen abgezogen werden von dem Wirklichen. Und das ist etwas, was einem in der Gegenwart mit besonderer Intensität entgegentritt: das Abgezogenwerden der Menschen von der Wirklichkeit. Wer nämlich keinen Sinn hat für die geistige Wirklichkeit, der verliert nach und nach auch den Sinn für die gewöhnliche äußere Wirklichkeit, die ihn alltäglich umgibt, wenn er nicht durch seinen Beruf oder anderes gezwungen wird, die Wirklichkeit zu beachten.
[ 21 ] If, based on some of what we have allowed to take effect upon our souls, you form concepts today of what must first happen for humanity—what must happen in accordance with the current of spiritual development—then you are asking the right question. But then you will strive to understand human individualities in order to teach them what is truly of interest. You will not get around to testing the Ahrimanic faculties, for these Ahrimanic faculties would lead to humanity being treated entirely as nothing more than a collection of machines. After all, one tests only the spirit within the outer physical body. When people are subjected to these aptitude tests, they are assessed only insofar as they are machines. And a social selection is created that elevates only the best types of physical machines to positions of leadership over humanity. Nowhere is any consideration given to what lies at the very core of the soul—and what can never come to the surface in such tests. But I do not reproach anyone who today pursues such things with downright idolatrous zeal, for those who do not engage with spiritual science at all can do nothing else but submit to the judgment that this is the wisest thing one can do at present. But this gradually leads one completely away from real human vitality, from human reality. It leads into abstract realms, into that which is dead in human life and is ruled solely by the spirit of Ahriman. One must truly see through the full gravity of such matters—how people are being drawn away from what is real. And this is something that confronts us with particular intensity in the present: the drawing away of people from reality. For whoever has no sense of spiritual reality gradually loses, too, a sense of the ordinary external reality that surrounds them every day—unless they are compelled by their profession or other circumstances to pay attention to reality.
[ 22 ] Ich will Ihnen auch dafür ein Beispiel geben: Da ist etwas sehr Niedliches in den letzten Tagen passiert. In einer sehr gelesenen Zeitung erscheint ein Artikel von Fritz Mauthner, dem Kritiker der Sprache. In diesem Artikel schimpft dieser Fritz Mauthner, der ein außerordentlich gescheiter Mensch ist, über ein Büchelchen, das in der Sammlung «Aus Natur und Geisteswelt» erschienen ist, und das in einer ganz im Sinne der gegenwärtigen materialistischen Wissenschaft gehaltenen Weise entwickelt — und zwar so, wie es ein heutiger Universitätsprofessor macht —, wie die astrologischen Vorstellungen sind, die sich so ergeben haben. Am Schlusse entwickelt der Betreffende das Horoskop von Goethe und setzt dabei auseinander, daß man an diesem zeigen könne, wie die Dinge in Goethes Leben verlaufen sind. Aber eigentlich macht sich der gute Professor nur lustig über diejenigen, die auf Horoskope etwas geben. Er will sie hinstellen als etwas, was so oder so gedeutet werden kann. Fritz Mauthner schimpft und schimpft durch drei Spalten des «Berliner Tageblattes» hindurch. Man konnte nicht verstehen, warum er denn eigentlich schimpft. Es bestand nicht die geringste Veranlassung zu schimpfen. Er hat eigentlich die gleiche Meinung wie der, der das Büchelchen geschrieben hat, beide betrachten die Astrologie von demselben Standpunkte aus. Und sehr bald hat auch das Tageblatt eine Berichtigung des Verfassers gebracht, worin dieser sagt, er verstehe Mauthner nicht, er habe zwar nicht auf jeder dritten Zeile ausdrücklich gesagt: Ich schimpfe auf Astrologie —, aber er habe eigentlich nicht mehr Interesse an der Astrologie als Fritz Mauthner auch; er sei ganz einverstanden mit ihm. Das «Berliner Tageblatt» — Zeitungen sind sehr gescheit — setzt hinzu, daß es keine Veranlassung habe, sich des Verfassers anzunehmen und etwa Fritz Mauthner Mißverständnisse vorzuwerfen. Fritz Mauthner war nämlich langjähriger Theaterkritiker des «Berliner Tageblattes» und schreibt jetzt eine Art Theaterbriefe für diese Zeitung.
[ 22 ] I’d like to give you an example of this as well: Something very charming happened in the last few days. An article by Fritz Mauthner, the language critic, appeared in a widely read newspaper. In this article, Fritz Mauthner—who is an extraordinarily intelligent man—lashes out at a little book published in the series “Aus Natur und Geisteswelt” [From Nature and the Spiritual World], which explains—in a manner entirely in keeping with contemporary materialistic science, just as a modern university professor would—how astrological concepts have come about. At the end, the author analyzes Goethe’s horoscope and argues that it can be used to illustrate how events unfolded in Goethe’s life. But in reality, the good professor is merely mocking those who place any stock in horoscopes. He wants to portray them as something that can be interpreted one way or another. Fritz Mauthner rants and raves across three columns of the *Berliner Tageblatt*. It was impossible to understand why he was actually ranting. There was not the slightest cause for ranting. He actually shares the same opinion as the author of the little book; both view astrology from the same standpoint. And very soon, the *Tageblatt* also published a correction from the author, in which he states that he does not understand Mauthner; although he did not explicitly say in every third line, “I am railing against astrology,” he actually has no more interest in astrology than Fritz Mauthner does; he is in complete agreement with him. The *Berliner Tageblatt*—newspapers are very astute—adds that it has no reason to take the author’s side or to accuse Fritz Mauthner of any misunderstandings. Fritz Mauthner was, in fact, a long-time theater critic for the *Berliner Tageblatt* and now writes a sort of theater column for this newspaper.
[ 23 ] Fritz Mauthner seinerseits sagt, er habe auch nichts zu sagen zu dieser Antikritik des Autors. Man stand vor der sonderbaren Tatsache, daß da zwei Leute eigentlich ganz miteinander einverstanden sind, aber der eine haut auf den anderen drauf. Fritz Mauthner wird also schon wild, wenn er nur etwas hört von Astrologie, oder wenn einer von Horoskop etwas schreibt. Es wäre sonst nicht denkbar, daß er diesen Artikel geschrieben hätte. Er schreibt so, als wenn der andere der furchtbarste Astrologe wäre, der den Leuten die Gültigkeit des Goetheschen Horoskopes an den Kopf werfen wollte. Da haben Sie also ein Beispiel, wie zwei Leute sich gegenseitig bekämpfen, der eine freiwillig, der Fritz Mauthner, der andere notgedrungen, weil Fritz Mauthner ihn zuerst angegriffen hat, zwei Leute, zwischen denen nicht die geringste Differenz ist. Wie kann das sein? So etwas kann doch nur dann eintreten, wenn zwei überhaupt mit der selbst engbegrenzten Wirklichkeit, um die es sich handelt, nichts zu tun haben, wenn beide aus etwas anderem heraus leben als aus der Wirklichkeit. Das glorioseste Beispiel, daß man heute redet und redet, und sehr gescheit redet — Fritz Mauthner ist ein sehr gescheiter Mensch —, aber hinter dem Gerede steckt gar nichts. Es ist nicht die geringste Veranlassung dazu, daß man so redet.
[ 23 ] Fritz Mauthner, for his part, says he has nothing to say about the author’s counter-criticism either. We were faced with the strange fact that two people actually agree with each other completely, yet one is lashing out at the other. Fritz Mauthner, it seems, flies into a rage the moment he hears anything about astrology, or when someone writes about horoscopes. Otherwise, it would be inconceivable that he would have written this article. He writes as if the other man were the most dreadful astrologer imaginable, intent on forcing the validity of Goethe’s horoscope down people’s throats. So there you have an example of how two people fight each other—one voluntarily, Fritz Mauthner; the other out of necessity, because Fritz Mauthner attacked him first—two people between whom there isn’t the slightest difference. How can that be? Something like this can only happen when two people have absolutely nothing to do with the—already narrowly defined—reality in question, when both live out of something other than reality. The most striking example is that people today talk and talk, and talk very intelligently—Fritz Mauthner is a very intelligent person—but there is absolutely nothing behind the talk. There is not the slightest reason to speak this way.
[ 24 ] Da haben Sie ein Beispiel für ein ganz logisches Aufbauen von Gedanken, die überhaupt gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Dahin kommen Gedanken, die sich abgewöhnen, mit der geistigen Wirklichkeit etwas zu tun zu haben, denn dann verliert der Gedanke allmählich überhaupt seine Beziehungen zur Wirklichkeit. Das ist wichtig, so etwas einzusehen. Das ist auch der furchtbare Ernst der Sache. Denn schließlich, ob der Fritz Mauthner und der Heidelberger Professor aufeinander loshacken und ihre Worte überhaupt keine Bedeutung haben, weil keine Realität dahinter steckt, oder ob es zwei Politiker sind, von denen der eine in Amerika und der andere in Europa redet, und die vielleicht auch einmal einig reden, trotzdem sie total verschieden sind, darauf kommt es nicht an. Wenn alle Leute, die so reden, absolut fremd sind der Wirklichkeit, nichts zu tun haben mit dem, was real in den Dingen lebt, dann kommt eben dieses der Wirklichkeit Entfremdetwerden, das breitet sich dann aus. Es hat sich ausgebreitet. Denn das ist nur ein groteskes Beispiel, das ich angeführt habe, dieses Beispiel von Fritz Mauthner und dem Professor Boll. Aber das ist überall vorhanden. So wird es heute überhaupt gemacht. Und wozu führt es? Zum Streit führt es. Einig kann man verhältnismäßig leicht sein, wenn man sich mit der Wirklichkeit befaßt; wenn man aber so zur Wirklichkeit steht, führt das zum Streit. Nach und nach werden die Menschen einsehen, wieviel von unseren katastrophalen Ereignissen mit dieser Grundstimmung der Gegenwart zusammenhängt, was das für eine ernste Sache ist. Denn gehen Sie einmal hinaus — es handelt sich um eine der gelesensten Zeitungen in Deutschland —, fragen Sie bei den zahlreichen Lesern, ob sie überhaupt auf das Groteske kommen, auf das Paradoxe, das da zutage tritt! Das geht alles an den Menschen vorüber. Aber an den Ereignissen geht es nicht vorüber; da hat es seine bitterbösen Wirkungen. Denn dasjenige, was da gemacht wird, ist ja nichts anderes als der Mißbrauch menschlicher Geisteskraft. Denken Sie, wenn diese Geisteskräfte, die da für nichts verbraucht werden, weil sie wirklichkeitsfremd sind, in richtigem Sinne angewendet würden, dann würde die Wirklichkeit gefördert, dann würde das in der normalen Strömung drinnen stehen; so aber kommt es Ahriman zugute. Wirklichkeitsfremd ist es für die mittlere Strömung, aber es geschieht, es rutscht in eine Sphäre, und das ist es, worauf es ankommt. Das ist der Ernst der Sache. Es geht nicht wie null vorüber, sondern es rutscht in eine andere Sphäre und schafft Tatsachen. Tatsachen schafft es, die nicht den wahren Verhältnissen entsprechen. Denn, schon äußerlich, rein rationalistisch, rein denkerisch läßt sich ja ausmalen, wie das Tatsachen schafft.
[ 24 ] Here you have an example of a completely logical chain of thought that has absolutely nothing to do with reality. This is where thoughts end up that have lost touch with spiritual reality, for then the thought gradually loses all connection to reality. It is important to recognize this. That is also the terrible gravity of the matter. For ultimately, it makes no difference whether Fritz Mauthner and the Heidelberg professor are attacking each other and their words have no meaning at all because there is no reality behind them, or whether they are two politicians—one speaking in America and the other in Europe—who may even speak in unison at times, despite being completely different. If all the people who speak this way are completely alienated from reality, have nothing to do with what is truly alive in things, then this very alienation from reality sets in and spreads. It has spread. For the example I cited—that of Fritz Mauthner and Professor Boll—is merely a grotesque one. But it is present everywhere. That’s how things are done today. And where does it lead? It leads to conflict. It’s relatively easy to agree when one engages with reality; but when one takes this kind of stance toward reality, it leads to conflict. Little by little, people will come to realize how much of our catastrophic events is connected to this prevailing mood of the present, and what a serious matter it is. Just go out there—this is one of the most widely read newspapers in Germany—and ask its numerous readers whether they even notice the grotesque, the paradoxical nature of what is unfolding there! All of this passes people by. But it does not pass by the events themselves; there it has its bitterly harmful effects. For what is being done there is nothing other than the abuse of human intellectual power. Just think: if these intellectual powers—which are being wasted on nothing because they are detached from reality—were applied in the proper sense, then reality would be advanced, and this would be part of the normal current of life; but as it is, it benefits Ahriman. It is detached from reality for the middle current, but it happens; it slips into another sphere, and that is what matters. That is the gravity of the matter. It does not pass by as if it were nothing; rather, it slips into another sphere and creates facts. It creates facts that do not correspond to the true circumstances. For even outwardly, from a purely rationalistic, purely intellectual perspective, one can imagine how this creates facts.
[ 25 ] Nicht wahr, unsere Zeit ist ja nicht autoritätsgläubig. Die Leute prüfen alles, und das Beste behalten sie! Dennoch kommt es natürlich vor, daß Menschen autoritätsgläubig sind. Ein Mensch wie Fritz Mauthner hat unzählige Anhänger, die aufs Wort glauben, was er sagt. Die werden natürlich durch solch einen Artikel beeindruckt. Denken Sie, wie viele Gedanken angeregt werden durch solch einen Artikel. Die werden alle mit hineingezogen in die ahrimanische Sphäre, in der der Artikel fließt. Die Sache ist unwirklich, und die Dinge werden in eine Unwirklichkeit dadurch gestoßen. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 25 ] Isn’t it true that our age doesn’t blindly follow authority? People examine everything, and they keep the best of it! Nevertheless, it naturally happens that people do follow authority. A person like Fritz Mauthner has countless followers who believe everything he says without question. They are, of course, impressed by an article like this. Just think how many thoughts are stirred by an article like this. They are all drawn into the Ahrimanic sphere in which the article flows. The whole thing is unreal, and things are thrust into unreality as a result. That is what matters.
[ 26 ] Was man möchte mit solchen Dingen, meine lieben Freunde, ist dies: auf den ungeheuren Ernst, der hinter solchen Betrachtungen steht, immer wieder und wieder hinzuweisen. Denn es ist schon so: Dasjenige, was ich in einzelnen Fällen charakterisierte, Sie treffen es heute auf Schritt und Tritt. Wir sind in der Zeit, in der wir nur das Richtige wirken, wenn wir uns dazu entschließen, unbedingt klar zu sehen, vorurteilslos, unbefangen zu sehen, dem Leben uns unbefangen gegenüberzustellen. Das ist unsere Aufgabe. Und dazu soll eben Geisteswissenschaft führen dadurch, daß sie in einer richtigen Weise die Brücke baut zwischen dem menschlichen Innenleben und der Wirklichkeit. Denn in dieser Beziehung leben die Menschen in den fürchterlichsten Nebeldünsten. Man kann gar nicht sagen, wenn man sich darauf einläßt, was da zutage tritt, wie die Menschen in dieser Beziehung heute in Nebeldünsten leben. Es muß so sein, denn die Menschen müssen lernen, sich auf sich selbst zu stellen. Die Menschen müssen lernen, sich durch sich selbst Klarheit zu schaffen, nicht auf Autorität hin Klarheit zu bekommen. Das muß eine der besten, eine der wichtigsten Errungenschaften der geisteswissenschaftlichen Beschäftigungen für die einzelne Menschenseele werden, ein freies, klares, unbefangenes Urteil zu gewinnen über dasjenige, was das Leben ringsherum bietet; sich abgewöhnen dasjenige, was heute im Grunde genommen die ganze Menschheit beherrscht: das Schlafen gegenüber den Ereignissen. Die Menschen verschlafen dasjenige, was sie vor Augen haben. Und sie in Nebeldünste einzuhüllen ist ja gerade das Bestreben derjenigen, die einseitig mit allerlei monistischen oder «naturwissenschaftlich fundierten» — wie sie sagen — Ideen kommen, die aber doch nichts weiter sind als Materialisten. Denn die prätendieren, behaupten ja, daß sie gerade die Brücke zur Wirklichkeit bauen. Sie führen von der Wirklichkeit hinweg. Sagen Sie dem Oscar Hertwig, daß er auf unreale Art die Dinge betrachte, er wird Sie auslachen, und er kann gar nicht einsehen, daß er das tut. Aber als Geisteswissenschafter müssen Sie etwas wie einen Stich bekommen, wenn Sie lesen, es sollen die nächsten Tatsachen des Lebens nach dem Muster der Himmelserscheinungen betrachtet werden, wo einem die Tatsachen so ferne wie möglich liegen. So durch das Leben hindurch zu gehen: auf das zu achten, was wir nicht in Büchern, sondern was wir vom Morgen bis zum Abend vor unserer Nase erleben — selbstverständlich nicht, wenn wir unter Anthroposophen sind —, das bietet lauter solche Dinge, die wir unbefangen heute beachten müssen. Denn die Menschheit steht an einem bedeutungsvollen Wendepunkte. Und was ich sagte, ist ja nicht eine Kritik der Zeit, sondern nur eine Betonung desjenigen, was notwendig ist, indem man sagt: Dieses ist so. — Es ist gut, daß es so gekommen ist, denn dadurch sind die Menschen aufgerufen, sich auf ihre eigenen Füße zu stellen, selbständig zu werden. Die Gottheit hat sich nicht die Aufgabe gesetzt, die Menschen als unselbständige geistig-seelische Automaten durch die Entwickelung zu führen, deshalb mußte sie sie auch in Lagen kommen lassen, wie die jetzige ist. Weise und gut ist es, aber es muß auch in der richtigen Weise erkannt und danach gehandelt werden.
[ 26 ] What we wish to achieve with such matters, my dear friends, is this: to point out, again and again, the immense seriousness that lies behind such reflections. For it is indeed true: what I have described in specific cases, you encounter today at every turn. We are living in a time when we can only do what is right if we resolve to see things with absolute clarity—to see without prejudice, without bias—and to face life with an open mind. That is our task. And this is precisely what spiritual science is meant to lead us toward, by building a proper bridge between the human inner life and reality. For in this regard, people live in the most terrible mists of confusion. Once you begin to explore what comes to light, it is impossible to describe just how deeply people are shrouded in these mists today. It must be so, for people must learn to stand on their own two feet. People must learn to create clarity for themselves, not to rely on authority for clarity. This must become one of the greatest, one of the most important achievements of spiritual scientific endeavors for the individual human soul: to gain a free, clear, and unbiased judgment of what life offers all around us; to break the habit of what, in essence, dominates all of humanity today—namely, remaining asleep in the face of events. People sleep through what is right before their eyes. And shrouding them in a mist of confusion is precisely the aim of those who come forward one-sidedly with all sorts of monistic or “scientifically grounded”—as they say—ideas, but who are, in fact, nothing more than materialists. For they pretend, indeed claim, that they are building the very bridge to reality. They lead people away from reality. Tell Oscar Hertwig that he views things in an unrealistic way, and he’ll laugh at you; he can’t even see that he’s doing it. But as a scholar of the humanities, you must feel a kind of pang when you read that the next facts of life are to be viewed according to the pattern of celestial phenomena, where the facts lie as far away as possible. To go through life in this way—paying attention not to what we find in books, but to what we experience right before our eyes from morning to night—though of course not when we are among anthroposophists—offers nothing but the very things we must observe impartially today. For humanity stands at a significant turning point. And what I said is not a criticism of the times, but merely an emphasis on what is necessary, by stating: This is how it is. — It is good that things have turned out this way, for this calls upon people to stand on their own two feet and become independent. Divinity has not set itself the task of guiding human beings through evolution as dependent spiritual-psychic automatons; therefore, it had to allow them to find themselves in situations such as the present one. This is wise and good, but it must also be recognized in the right way and acted upon accordingly.
[ 27 ] Diese Gesinnung hervorgehen zu lassen aus den tiefsten Impulsen unseres Wesens als den innersten Stachel unserer Kraft für das Leben, das muß eines der Ergebnisse unserer geisteswissenschaftlichen Beschäftigung werden. Dann begründen wir vielleicht nicht ein wollüstiges, behagliches Schwelgen in weltfremden Ideen, was so gut tut, wenn man das Leben verschlafen will; aber man begründet jenen echten Gottesdienst des Lebens, der die göttlich-geistigen Kräfte, die die Grundlage aller Wirklichkeit sind, durch das für diese Erde bedeutsamste
[ 27 ] To allow this attitude to emerge from the deepest impulses of our being as the innermost source of our vitality—that must be one of the outcomes of our study of spiritual science. Then perhaps we will not be indulging in a sensuous, comfortable revelry in otherworldly ideas—which feels so good when one wants to sleep through life—but rather we will be establishing that genuine worship of life which, through the most significant force for this Earth,
[ 28 ] Instrument hinführt zur Verwirklichung dieses Göttlich-Geistigen in diesem Erdenleben.
[ 28 ] It serves as a means to realize this divine-spiritual aspect in this earthly life.
[ 29 ] Davon dann das nächste Mal.
[ 29 ] More on that next time.
