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The Spiritual Background of World War I
GA 174b

26 April 1918, Stuttgart

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The Spiritual Background of World War I, tr. SOL
  1. Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band I

Fünfzehnter Vortrag

Fifteenth Lecture

[ 1 ] Eine Grundeigenschaft derjenigen geisteswissenschaftlichen Betrachtung, die unter uns gepflogen wird, wird auch unter uns selbst ihrer vollen Bedeutung nach wenig gewürdigt. Ja es liegt sogar vielen vielleicht auch unter uns nicht so fern, wenn man auf diese Grundeigenschaft unseres geisteswissenschaftlichen Strebens zunächst mit abstrakten Worten hinweist, zu denken: Das ist ja selbstverständlich, wie sollte das nicht sein! — Und dennoch ist es nicht so. Diese Grundeigenschaft, die ich meine, ist die, daß unsere Geisteswissenschaft bestrebt ist, nicht nur im allgemeinen darauf hinzuweisen, daß die geistige Welt eine Wirklichkeit ist, daß innerhalb der geistigen Welt einzelne Weltwesenheiten als Wirklichkeiten leben, sondern im einzelnen immer wieder und wiederum zu zeigen, wie das, was sich in unserem gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod um uns herum und in uns abspielt, eine Schöpfung der geistigen Welt ist. Ich sage: Es könnte die Meinung bestehen, daß, wenn man im Ernste das Geistesauge hinwendet auf die geistige Welt, es schon mitgegeben sei, dasjenige, was rings um uns herum ist, als eine Schöpfung der geistigen Welt anzusehen. Aber es ist weit, von diesen allgemeinen, ganz abstrakten, leeren, nichtssagenden Gedanken hinzudringen bis zu den Geistesorten, wo im einzelnen konkret erfaßt wird, wie die sinnenfällige Wirklichkeit eine Schöpfung des Geistes ist. An einem besonderen Beispiel soll sich uns das heute zeigen. An einem Beispiel, das zu gleicher Zeit den Beweis liefern kann, wie weit die gegenwärtige Menschheit davon entfernt ist, auch nur zu ahnen, was das bedeutet: Die sinnenfällige Schöpfung um uns herum, wie wir sie erleben zwischen Geburt und Tod, ist eine Schöpfung der geistigen Wirklichkeit.

[ 1 ] A fundamental characteristic of the humanities-based approach we practice is not fully appreciated, even among ourselves. Indeed, it may not be so far-fetched for many—perhaps even among us—when this fundamental characteristic of our spiritual scientific endeavor is first pointed out in abstract terms, to think: “That goes without saying; how could it be otherwise!” — And yet, that is not the case. This fundamental characteristic to which I refer is that our spiritual science strives not only to point out in general terms that the spiritual world is a reality, that within the spiritual world individual spiritual beings live as realities, but also to show, time and again in specific instances, how what takes place around us and within us in our ordinary life between birth and death is a creation of the spiritual world. I say: One might hold the view that if one seriously turns the spiritual eye toward the spiritual world, it is already a given that what is all around us should be regarded as a creation of the spiritual world. But it is a long way from these general, entirely abstract, empty, and meaningless thoughts to penetrating to those spiritual realms where one grasps concretely, in each individual instance, how sensory reality is a creation of the spirit. A specific example will illustrate this for us today. An example that can at the same time demonstrate just how far humanity today is from even beginning to grasp what this means: The sensory creation around us, as we experience it between birth and death, is a creation of spiritual reality.

[ 2 ] Um das besondere Beispiel, dem wir heute nahetreten wollen, im einzelnen auszuführen, möchte ich Sie erinnern an dasjenige, was ich genötigt war, schon gestern im Öffentlichen Vortrag zu sagen. Wir wollen die Sache heute eingehender und näher mit Bezug auf gewisse Nutzanwendungen vor unsere Seele führen.

[ 2 ] To explain in detail the specific example we wish to examine today, I would like to remind you of what I was compelled to say yesterday in my public lecture. Today, we want to consider the matter more thoroughly and closely, with reference to certain practical applications.

[ 3 ] Ich sprach gestern und auch schon früher hier in diesem Zweige von dem, was ich nennen möchte das Jüngerwerden der Menschheit im Laufe der Entwickelung. Wenn wir nämlich — rekapitulieren wir schnell, um was es sich handelt — zurückgehen in der Menschheitsentwickelung bis zu jener Katastrophe im Erdenwerden, die wir die atlantische Katastrophe nennen, wo der Kontinent, der einmal zwischen dem heutigen Europa und Amerika lag, unterging und dafür die westliche amerikanische und die östliche europäische Welt entstand, so finden wir, von unserer Epoche ausgehend, fünf Menschheitsepochen. Die erste nachatlantische Epoche, die unmittelbar als Kulturepoche auf die atlantische Katastrophe folgte, ist die urindische Kultur. Sie geht weit zurück hinter dasjenige, was man durch äußere historische Dokumente erkunden kann. Sie finden sie beschrieben, soweit das nötig ist, in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Das Wichtige aber ist für uns heute, daß wir uns klar vor die Seele führen: In jener Kulturepoche lebten die Menschen so, daß sie mit ihrem Geistig-Seelischen mitmachten ihre leibliche Entwickelung bis in die Fünfzigerjahre hinauf. Man versteht unter diesem Mitmachen nicht das, was man heute erlebt. Wenn man sich müde fühlt, wenn man sich alt fühlt, ist dies nicht so ein Mitmachen, wie das Kind die leiblich-körperliche Entwickelung in den ersten Lebensjahren mitmacht. Nein, das, was wir im späteren Alter heute körperlich-leiblich erleben, das wird von dem Geistig-Seelischen eigentlich nicht unmittelbar gewußt. Wir nehmen nicht teil an dem Abstieg unserer Entwickelung. Gerade dann, wenn wir leiblich-physisch teilnehmen könnten an dem Abstieg dieser Entwickelung, würden wir dadurch, daß wir eine Rückentwickelung durchmachen — ein Zusammensinken, ein Mineralisieren der Gehirnmasse, ein Sklerotisieren des Leibes —, ungeheuer viel über die geistige Welt erfahren. Wir würden durch unseren Leib erfahren, was wir heute durch die Geisteswissenschaft erfahren müssen, wenn wir überhaupt an dasselbe herankommen wollen. In der altindischen Kultur machte man diese absteigende Entwickelung bis in die fünfziger Jahre hinein mit. Man war bis in die Fünfzigerjahre hinein Kind, nur eben altwerdendes Kind.

[ 3 ] Yesterday, and on previous occasions here in this thread, I spoke about what I would like to call humanity’s journey toward discipleship in the course of its evolution. For if we—let us quickly recap what this is about—trace human evolution back to that catastrophe in the Earth’s formation which we call the Atlantean catastrophe, when the continent that once lay between present-day Europe and America sank, giving rise to the Western American and Eastern European worlds, we find, starting from our own epoch, five epochs of human history. The first post-Atlantean epoch, which immediately followed the Atlantean catastrophe as a cultural epoch, is the Proto-Indian culture. It extends far back beyond what can be ascertained through external historical documents. You will find it described, to the extent necessary, in my *Outline of Esoteric Science*. What is important for us today, however, is that we clearly bring to mind the following: In that cultural epoch, people lived in such a way that their spiritual and soul life actively participated in their physical development right up to their fifties. This “participation” is not to be understood in the same way as what we experience today. When one feels tired or old, this is not the kind of participation that a child experiences in its physical development during the first years of life. No, what we experience physically in later life today is not actually directly perceived by the spiritual and soul aspects of our being. We do not participate in the decline of our development. Precisely if we could physically participate in this decline, we would—by undergoing a process of regression—a collapsing, a mineralization of brain matter, a sclerosis of the body—learn an immense amount about the spiritual world. We would experience through our bodies what we must today experience through spiritual science if we are to approach it at all. In ancient Indian culture, people went through this downward phase of development well into their fifties. They remained children well into their fifties—only children who were growing old.

[ 4 ] Dann kam die zweite nachatlantische Kultur, die urpersische, wiederum eine vorgeschichtliche; in der machten die Menschen dasjenige, was sie seelisch-geistig durchmachten in Abhängigkeit von dem Leibe, noch bis zum Ende der Vierzigerjahre mit. Dann, in der dritten Kulturperiode, war die Menschheit als ganze wieder jünger geworden. In der ägyptisch-chaldäischen Zeit emanzipierten sich die Seelen vom Leibe ungefähr vom fünfunddreißigsten bis zum zweiundvierzigsten Jahre. Dann kam das Zeitalter der griechisch-lateinischen Kultur, in die das Mysterium von Golgatha fiel. Da machten die Menschen mit dem Leibe eine solche Entwickelung durch, wie sie heute nur das Kind durchmacht, bis in das fünfunddreißigste Jahr hinein. Und heute sind wir in der fünften nachatlantischen Kulturepoche — wir sind ja nun schon seit dem 15. Jahrhundert fortgeschritten in dieser Kulturepoche —, da machen wir bis zum Ende der Zwanzigerjahre das mit, was der Leib erlebt; da erleben wir überhaupt die absteigende Entwickelung nicht mehr. Daher ist der Mensch durch seine natürliche Anlage heute so wenig geneigt, das Geistige als solches in seine Seele aufzunehmen. In alten Zeiten hat das Körperlich-Physische selber den Geist gegeben; heute gibt das Körperlich-Physische den Geist nicht mehr. Daher muß der Geist durch die Seele selbst aufgenommen werden. Das zu tun, weigert sich die Seele. In alten Zeiten war es ein Unsinn für den Menschen, nicht an den Geist zu glauben. Um nicht an den Geist zu glauben, hätte er sterben müssen vor dem fünfunddreißigsten Jahr. Erlebte er die Zeit nach dem fünfunddreißigsten Jahr, so erlebte er durch das, was in seinem Leibe in absteigender Entwickelung vorging, etwas, das sich unmittelbar als Geist darstellte. Es war gar nicht denkbar, daß die Menschen in alten Zeiten nicht an den Geist glaubten. Aber indem sich die Sachen so entwickelt haben, ist ein moralischer Impuls, ein großartiger moralischer Impuls der Menschheit, insofern ihre natürliche Entwickelung in Betracht kommt, verlorengegangen. Ich bitte, nicht zu unterschätzen diesen großartigen moralischen Impuls, der verlorengegangen ist auf naturgemäße Weise, und der auf geistigethische Weise, auf spirituell-ethische Weise wieder gefunden werden muß. In jenen alten Zeiten wußten die Kinder von den Älteren: Wenn man das fünfunddreißigste Jahr überschritten hat, dann erfährt man etwas als Mensch, was man im jüngeren Alter nicht erfahren kann. — Versetzen Sie sich lebendig in dieses Gefühl, daß die Kinder und jungen Menschen unter dem Eindruck heranwuchsen: Ich habe etwas zu erwarten, wenn ich in die absteigende Entwickelung hereinkomme; ich habe dann etwas zu erfahren, was ich jetzt nicht wissen kann, was einfach jetzt mein Leiblich-Physisches nicht hergibt. — Denken Sie sich die Empfindung, die ganz anders war als die heutige, in der man das Altern unter solchen Voraussetzungen erwartete. Es ist ja etwas von dem Heutigen ungeheuer Verschiedenes im Leben, wenn man so das Altern erwartet, daß man weiß: Da kommt etwas, was früher gar nicht kommen kann.

[ 4 ] Then came the second post-Atlantean culture, the Proto-Persian, which was also prehistoric; in this culture, people continued to experience physically what they were undergoing spiritually and psychologically until the end of their forties. Then, in the third cultural period, humanity as a whole had become younger again. During the Egyptian-Chaldean period, souls emancipated themselves from the body roughly between the ages of thirty-five and forty-two. Then came the age of Greco-Roman culture, during which the Mystery of Golgotha took place. During that time, human beings underwent a development with the body—up until the age of thirty-five—that today is experienced only by children. And today we are in the fifth post-Atlantean cultural epoch—we have, after all, been progressing through this cultural epoch since the fifteenth century—and up until the end of our twenties, we share in what the body experiences; we no longer experience that downward development at all. That is why human beings today, due to their natural disposition, are so little inclined to take the spiritual as such into their souls. In ancient times, the physical body itself provided the spirit; today, the physical body no longer provides the spirit. Therefore, the spirit must be taken in by the soul itself. The soul refuses to do this. In ancient times, it was absurd for a person not to believe in the spirit. To disbelieve in the spirit, one would have had to die before the age of thirty-five. If one lived past the age of thirty-five, one experienced—through the processes of descending development taking place within one’s body—something that presented itself directly as spirit. It was simply inconceivable that people in ancient times would not believe in the spirit. But as things have developed in this way, a moral impulse—a magnificent moral impulse of humanity—has been lost, insofar as its natural development is concerned. I ask that you not underestimate this magnificent moral impulse, which has been lost in a natural way and which must be rediscovered in a spiritual-ethical way. In those ancient times, children learned from their elders: Once one has passed the age of thirty-five, one experiences something as a human being that one cannot experience at a younger age. — Try to vividly imagine this feeling that children and young people grew up with: I have something to look forward to as I enter the phase of decline; I will then experience something I cannot know now, something my physical body simply cannot yet provide. — Imagine the feeling, which was quite different from today’s, in which one anticipated aging under such circumstances. There is, after all, something in life that is immensely different from today’s reality when one anticipates aging in such a way that one knows: “Something is coming that could not have come before.”

[ 5 ] Das ist anders geworden, aber doch nicht in so schroffer Weise, wie man sich vielleicht vorstellt. Nicht wahr, wenn man eine solche Wahrheit ausspricht, wie die eben angedeutete, dann hat die heutige denkerische Unart sogleich das Bedürfnis nach einem Entweder-Oder. So liegen aber die Sachen in Wirklichkeit nie, daß man es mit Entweder-Oder zu tun hat, sondern man hat es in der Regel mit Sowohl-als-auch zu tun. Von selbst kommt es nicht, das Geistige, wenn man jetzt wieder aufsteigt in die Altersentwickelung. Aber wenn der Funke des Geistigen auf die Weise, wie es in der Geisteswissenschaft gemeint ist, in der Seele erregt wird, dann kommt einem doch das zugute, daß man alt wird, dann steigt doch aus dem niedergehenden Leibe etwas auf, was sich besonders hineinlebt in das, was man auf geisteswissenschaftlichem Wege wissen gelernt hat, kennengelernt hat. Wenn Sie heute ohne eine wissenschaftliche Berührung mit dem Geiste bleiben — diese wissenschaftliche Berührung ist ja nicht in fachmännischer Weise gemeint, sondern so; daß sie jedem, auch dem einfachsten Gemüte zugänglich werden kann, denn die Geisteswissenschaft kann populär werden, wenn die Menschheit will —, dann werden Sie nichts Besonderes erleben, wenn Sie alt werden; Sie werden nicht zu schätzen wissen das Altwerden. Sie werden auch gar keine besondere Erwartung hegen in der Kindheit und in der Jugend für das Altwerden. Anders ist es, wenn der Funke der Geist-Erkenntnis in der Seele jetzt nicht durch naturgemäße, sondern durch erzieherische Entwickelung, durch eine an die Seelen der menschlichen Gemeinschaft herantretende Entwickelung, erregt wird. Da wird, wenn recht verstanden wird dasjenige, was Geisteswissenschaft in lebendiger Weise für die Seele sein kann, gerade durch diese Geisteswissenschaft die Stimmung, jetzt in bewußter Weise, wieder erzeugt werden: Ich habe etwas zu erwarten, wenn ich alt werde. Das Altwerden bedeutet etwas. Wenn ich fünfunddreißig Jahre alt sein werde, wird mir dasjenige, was in mir selber lebt, ein anderes sein als jetzt, da ich ein junger Dachs von zwanzig Jahren bin. — Diese Stimmung ist etwas Ungeheures für die Menschenseele, diese Stimmung, die ich als die Stimmung des erwartungsvollen Lebens bezeichnen möchte, des Lebens, das einfach weiß: Die Schöpfung, die du an dir selbst erlebst, die mußt du im Ernste als eine Schöpfung aus dem Geiste betrachten.

[ 5 ] Things have changed, but not in as abrupt a way as one might imagine. Isn’t it true that when one states a truth such as the one just alluded to, today’s intellectual habit immediately demands an “either-or” answer? But in reality, things are never such that one is dealing with an “either-or”; rather, one is generally dealing with a “both-and.” The spiritual does not arise of its own accord when one ascends once more into the development of old age. But when the spark of the spiritual is kindled in the soul in the way intended by spiritual science, then one does indeed benefit from growing old; then something does rise up from the declining body that particularly immerses itself in what one has learned and come to know through the path of spiritual science. If you remain today without any scientific contact with the spirit—and by “scientific contact” I do not mean in a technical sense, but rather in a way that makes it accessible to everyone, even the simplest of minds, for spiritual science can become popular if humanity so desires—then you will experience nothing special as you grow old; you will not know how to appreciate the process of growing old. Nor will you harbor any particular anticipation of growing old during your childhood and youth. The situation is different if the spark of spiritual insight is kindled in the soul not through natural development, but through educational development—a development that reaches out to the souls of the human community. Then, if what spiritual science can be for the soul in a living way is properly understood, it is precisely through this spiritual science that the feeling will be rekindled—now in a conscious way: I have something to look forward to as I grow old. Growing old means something. When I am thirty-five years old, what lives within me will be different from what it is now, when I am a young man of twenty. — This mood is something immense for the human soul—this mood that I would like to describe as the mood of a life filled with expectation, a life that simply knows: The creation that you experience within yourself—you must seriously regard it as a creation of the spirit.

[ 6 ] Betrachtet man heute, wo man sich von dem Wissen vom Geiste nicht berühren lassen will, die Menschenschöpfung — selbst wenn man es in phrasenhafter Weise ausspricht — ernsthaft als Schöpfung des Geistes? Nein, in Praxis tut man das durchaus nicht. Denn wenn man es täte, würde man sich sagen: Es hat einen Sinn, daß man alt wird. Der ganze menschliche Lebenslauf ist eine geistige Schöpfung; man wird nicht umsonst alt, es lebt sich das Geistige immer neu in uns aus. Dasjenige, was da in uns ersteht, was sich in uns offenbart von innen heraus, das wird immer neue Seiten zeigen. — Erwartungsvoll leben, etwas erwarten vom Älter- und Älterwerden mit jedem Jahr, das ist eine Konsequenz, die sich ergibt aus dem Ernstnehmen des Satzes, daß dasjenige, was um uns und in uns ist, eine Schöpfung des Geistes ist. Das ist eine Stimmung, dieses Erwartungsvoll-Leben, die sich einbürgern muß in alles Erziehungswesen, die hineinströmen muß in die ganze Verfassung, die dem Erziehungswesen gegeben wird. So daß die Kinder von klein auf und wenn sie Jünglinge und Jungfrauen werden, und noch später, das Gefühl bekommen: Solange wir jung sind, gibt uns der Geist noch nicht alles; aber indem man alt wird, offenbart er immer Neues und Neues, das in der Seele aufsteigt. — Man braucht nur die Anregung vom Wissen des Geistes, um nicht zu übersehen, um nicht unberücksichtigt zu lassen dasjenige, was da herauf will aus den Tiefen unseres Wesens, weil es nicht sinnlos, sondern weil es sinnvoll ist, daß wir alt werden. Heute ärgert es die jüngsten Leute schon, wenn man ihnen eine solche Empfindung noch zumutet; denn die jüngsten Leute schon fühlen sich heute reif, in Parlamente und in die Staatsvertretungen gewählt zu werden, selbstverständlich, obwohl sie da nicht hingehören, weil es sich darum handelt, daß man nur aus der reifen Lebensüberschau heraus über menschliche soziale Strukturverhältnisse ein Urteil fällen kann. Hat man überhaupt die Stimmung des erwartungsvollen Lebens, dann weiß man: Das, was man von den äußeren Einrichtungen voraussetzt, das kann man noch nicht lebendig wissen, noch nicht empfindend wissen, wenn man nicht ein gewisses Alter erreicht hat.

[ 6 ] In today’s world, where people are unwilling to be moved by knowledge of the spirit, is human creation—even if one expresses it in a clichéd way—seriously regarded as a creation of the spirit? No, in practice, people certainly do not. For if they did, they would say to themselves: There is a purpose in growing old. The entire course of human life is a spiritual creation; we do not grow old in vain—the spiritual is constantly unfolding anew within us. That which arises within us, that which reveals itself from within, will always reveal new facets. — Living with anticipation, expecting something from growing older and older with each passing year—this is a consequence that arises from taking seriously the statement that what is around us and within us is a creation of the spirit. This is a state of mind—this life of anticipation—that must become ingrained in the entire educational system; it must flow into the very constitution that governs education. So that children, from an early age and as they become young men and women, and even later, come to feel: As long as we are young, the spirit does not yet give us everything; but as we grow old, it reveals more and more that which rises up in the soul. — We need only the inspiration from the knowledge of the spirit so as not to overlook, so as not to disregard that which seeks to rise up from the depths of our being—not because it is meaningless, but because it is meaningful that we grow old. Today, even the youngest people are annoyed when one still expects them to have such a feeling; for even the youngest people today feel ready to be elected to parliaments and state representative bodies—as a matter of course—even though they do not belong there, because the point is that one can only pass judgment on human social structures from the vantage point of a mature outlook on life. If one possesses even a hint of that spirit of expectant living, then one knows: what one takes for granted about external institutions, one cannot yet know vividly, nor can one know it intuitively, until one has reached a certain age.

[ 7 ] Man sage nicht, daß Geisteswissenschaft, wenn sie richtig verstanden wird, irgend etwas Abstraktes ist, das nicht ins praktische Leben eingreift. Geisteswissenschaft wird, wenn sie immer mehr und richtiger verstanden wird, gar sehr ins praktische Leben eingreifen, denn sie wird sich bis in die konkreten Empfindungen einleben; sie wird bewirken, daß der Mensch anders heranwächst, anders das erwartet, was ihm jedes neue Jahr seines Lebens wieder bringen kann. Geisteswissenschaft enthält die energischsten Erziehungsfermente, die energischsten Erziehungsimpulse. Sie enthält moralische Impulse, die noch ganz anders auf das Menschengemüt wirken als diejenigen moralischen Impulse, deren sich die Menschen der Gegenwart rühmen; denn sie enthält Impulse, die aus dem ganzen Sinn des Lebens, aus dem universellen Sinn des Lebens der Menschenseele zuströmen. Damit will ich selbstverständlich nicht sagen, daß bei jedem, der Geisteswissenschaft kennt, auch gleich alle Ideale erfüllt sein müßten. Aber so ist es ja überhaupt mit dem Moralischen, daß es zunächst als ein Ideal über dem Menschen hängt, und daß er es sich selbst einzuverleiben hat nach seinem freien Willensimpuls. Aber Geisteswissenschaft als solche enthält diese bedeutsamen moralischen Impulse. Sie ist nicht nur eine Pflegerin irdischer Moral, sondern sie ist eine Pflegerin universeller Moral. Diese Dinge muß man nur in entsprechender Weise durchschauen. Das aber ist außerordentlich notwendig, daß eine Gesinnung, die mit dem zusammenhängt, was ich jetzt ausgeführt habe, durch die Geisteswissenschaft in die Menschengemüter hinein Zugang gewinne. Denn was unsere Zeit in eine solche verhängnisvolle Katastrophe hineingeführt hat, das ist eben, daß wir in jenem Übergang leben, der da Neues in die Menschenseele hineingießen will, und daß die Menschen das Hängen am Alten noch nicht verloren haben, daß sie nicht solche neuen Empfindungen aufnehmen wollen, insbesondere nicht in die Erziehungsprinzipien solche Empfindungen aufnehmen wollen. Im äußeren, aus der materialistischen Kultur hervorgehenden Leben findet man vielfach geradezu das Entgegengesetzte gepflegt von dem, was die Zukunft so energisch von der Menschheit fordert. Es ist notwendig, daß vor allen Dingen den heranwachsenden Menschen einverleibt werde dieses Hinschauen auf den Sinn des werdenden Lebens. Und heute ist in dieser Beziehung jeder noch ein heranwachsender Mensch, denn Geisteswissenschaft hat sich noch so wenig einverleibt, daß jeder sich erst mit dem durchdringen muß, was Geisteswissenschaft an Erziehung der menschlichen Seele geben kann. Denn heraus muß aus der Menschheit der Glaube, man sei mit dem zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Jahr ein fertiger Mensch, der alles entwickelt hat und der nur noch loszuleben braucht, und für den das Leben höchstens insofern noch einen Sinn hat, als man dasjenige anwendet, was man gelernt hat, oder indem man das Leben genießt, und dergleichen mehr.

[ 7 ] Let it not be said that spiritual science, when properly understood, is something abstract that has no bearing on practical life. As spiritual science is understood more and more deeply and accurately, it will have a profound impact on practical life, for it will become ingrained in our concrete experiences; it will cause people to grow up differently and to anticipate differently what each new year of their lives may bring. Spiritual science contains the most powerful educational catalysts, the most powerful educational impulses. It contains moral impulses that affect the human mind in a way quite different from the moral impulses of which people today boast; for it contains impulses that flow into the human soul from the whole meaning of life, from the universal meaning of life. By this I do not, of course, mean to say that everyone who knows spiritual science must immediately have all their ideals fulfilled. But that is how it is with morality in general: it hangs over a person initially as an ideal, and the person must incorporate it into themselves according to the impulse of their free will. But spiritual science as such contains these significant moral impulses. It is not merely a guardian of earthly morality, but a guardian of universal morality. One need only perceive these things in the proper light. Yet it is of the utmost necessity that a mindset connected to what I have just outlined gain access to people’s minds through spiritual science. For what has led our time into such a disastrous catastrophe is precisely that we are living in that transitional period which seeks to infuse something new into the human soul, and that people have not yet let go of their attachment to the old, that they are unwilling to embrace such new feelings—especially in the principles of education. In outward life, which springs from materialistic culture, one often finds that the very opposite of what the future so urgently demands of humanity is being cultivated. It is essential, above all, that this focus on the meaning of life as it unfolds be instilled in young people. And today, in this regard, everyone is still a young person, for spiritual science has been so little internalized that each person must first immerse themselves in what spiritual science can offer for the education of the human soul. For humanity must rid itself of the belief that by the age of twenty or twenty-five one is a fully formed human being who has developed everything and need only set out to live, and for whom life has meaning at most insofar as one applies what one has learned, or by enjoying life, and the like.

[ 8 ] Schaut man tiefer hinein in die Lebenszusammenhänge, so tritt einem das Gesagte in einer sehr, sehr tiefen Weise vor die Seele. Es ist das etwas, was im Menschen in alten Zeiten von selbst sich entwickelt hat, was in neueren Zeiten durch die erzieherische Pflege in dem menschlichen Gefühl sich entwickeln soll: das erwartungsvolle Leben. Oh, es ist etwas Bedeutendes, wenn der Mensch sich mit dreißig Jahren sagt: In der Zukunft werden sich mir rein dadurch, daß ich um fünf, um zehn Jahre älter werde, Geheimnisse durch dieses Älterwerden enthüllen; ich habe etwas zu erwarten. — Bedenken Sie nur, was das ist und was es heißt, solches in die Erziehung einzuführen! Aber es ist auch etwas Reales. Es ist ein strömendes Wesen, das da im Menschen zur Geltung kommt, das in alten Zeiten von selbst zur Geltung kam, das in der neueren Zeit gepflegt werden soll. Denn da ist es ja, was im Menschen auftritt; dadurch daß wir nicht darauf achtgeben, uns nicht darum kümmern, dadurch ist es ja nicht etwa nicht da. Glauben Sie nicht, daß Sie dem Weiserwerden, dem Empfangen von Geheimnissen, indem Sie älter werden, entgehen, wenn Sie diese Geheimnisse nicht beachten. Der Geist wirkt in Ihnen. Alle werden Sie geist-reich! Der Unterschied ist nur der, daß der eine es willentlich aufnimmt, und der andere, wenn er sich dazu entschlossen hat, ein gescheiter Mann schon in den Zwanzigerjahren zu werden — heute ist man das ja insbesondere auch in der sogenannten Welt der Intelligenz —, weist es ab, irgend etwas später in seine Entwickelung aufzunehmen. Die jüngsten Leute heute, sie schreiben, sie dichten, sie machen noch ganz andere Sachen. Und was hat man diesen Dingen gegenüber alles für Gefühle! Wie wenig hat man Empfindung für den Sinn des Lebens, der in dem Hervorgehen des Menschwerdens als einer Schöpfung aus dem Geiste besteht. Aber der Geist läßt nicht locker, selbst wenn die jüngsten Leute heute Dramen dichten oder Feuilletons schreiben und dergleichen. Es kann trotzdem sein, daß sie noch Geist haben, nur wissen sie von dem Geiste, der sich in ihnen entwickelt, nichts.

[ 8 ] If one looks more deeply into the context of life, what has been said strikes a very, very deep chord in the soul. It is that which developed naturally within human beings in ancient times, and which in more recent times is meant to develop within human sentiment through educational nurturing: a life filled with anticipation. Oh, it is a significant thing when a person, at the age of thirty, says to himself: In the future, simply by becoming five or ten years older, mysteries will be revealed to me through this process of aging; I have something to look forward to. — Just consider what this is and what it means to incorporate such a concept into education! But it is also something real. It is a flowing essence that comes to the fore in human beings, one that came to the fore of its own accord in ancient times and that must be nurtured in more recent times. For it is indeed there, emerging within the human being; just because we do not pay attention to it or care about it does not mean it is not there. Do not believe that you can escape becoming wiser—or receiving mysteries—as you grow older simply by ignoring these mysteries. The spirit is at work within you. You will all become spiritually rich! The only difference is that one person willingly embraces it, while another—having resolved to become a wise man as early as his twenties (which is especially common today in the so-called world of the intelligentsia)—rejects the idea of incorporating anything into his development at a later stage. The youngest people today—they write, they compose poetry, they do all sorts of other things. And what a range of feelings one has toward these things! How little sense do they have of the meaning of life, which consists in the emergence of human becoming as a creation of the Spirit. But the Spirit does not let up, even when the youngest people today write plays or feature articles and the like. It may still be the case that they possess the spirit; they simply know nothing of the spirit that is developing within them.

[ 9 ] Was geschieht mit diesem Geiste, mit dem wirklichen Geiste, der in alten Zeiten sich von selbst entwickelt hat? Ja, meine lieben Freunde, dieser Geist muß zerstäuben. Wahrhaftig, er zerstäubt. Er verbreitet sich in der geistigen Atmosphäre, er verbreitet sich in der Menschheitsaura. Und das ist etwas, was unserer heutigen Zeit immer wieder und wiederum gesagt werden muß, woran sie aber natürlich nicht glaubt aus dem einfachen Grunde, weil sie es natürlich als Phantasie ansieht, wenn man ihr sagt: Nun, da ist ein junger Feuilletonschreiber, der sich für sehr gescheit hält. Er weiß nichts von dem Geiste, aber der Geist geht in die Menschheitsaura über, er zerstäubt. Sein Geist ist trotzdem da. — Ganz imprägniert von solchem zerstäubtem Geiste ist heute die Menschheitsaura. Dieser Geist muß wieder zusammengehalten werden von den Menschen, eben durch die Stimmung, von der ich gesprochen habe. Denn wir sind heute schon hart an dem Punkte, wo ein furchtbares Übel entstehen müßte, wenn dieser zerstäubende Geist weiter und immer weiter entwickelt würde. Denn es ist ein bedeutsames Gesetz des geistigen Lebens, daß ein Geist etwas ganz anderes wird, als er ursprünglich ist, wenn er seinen Träger verläßt. Fassen Sie das nur genau auf: Ein Geist, der seinen Träger verläßt, der zerstäubt, der wird etwas ganz anderes, als wenn er von seinem Träger zusammengehalten bleibt. Er wird im wesentlichen verschlechtert, verschlimmert, er wird in ahrimanischer Art umgestaltet. Und dasjenige, was herauskommen muß, was heute noch nicht deutlich herauskommt, weil wir im Anfange dessen stehen, was furchtbar werden kann, wenn man es nicht berücksichtigt, das ist eine furchtbare Geistesöde. Die Menschen werden suchen nach etwas, das sie beschäftigt, weil sie den Geist haben zerstäuben lassen, der sie eigentlich beschäftigen sollte. Ein Suchen nach etwas, ohne daß man weiß, was man sucht, das ist etwas, was sich immer mehr verbreiten muß, wenn dem Übel nicht gesteuert wird. Wir sehen heute schon die Anfänge in mancherlei von dem, was ich auch schon erwähnt habe.

[ 9 ] What happens to this spirit, to the true spirit that developed of its own accord in ancient times? Yes, my dear friends, this spirit must dissipate. Truly, it does dissipate. It spreads throughout the spiritual atmosphere; it spreads throughout the aura of humanity. And this is something that must be repeated time and again to our present age, though of course it does not believe it—for the simple reason that it naturally regards it as fantasy when someone tells it: “Well, there is a young feature writer who thinks he is very clever. He knows nothing of the spirit, but the spirit passes into the aura of humanity; it dissipates. Yet his spirit is still there.” — The human aura today is completely imbued with such a dispersed spirit. This spirit must be held together again by human beings, precisely through the mood I have spoken of. For we are already very close to the point today where a terrible evil would inevitably arise if this dispersing spirit were to continue developing further and further. For it is a significant law of spiritual life that a spirit becomes something entirely different from what it originally was when it leaves its bearer. Please take this to heart: A spirit that leaves its bearer—that dissipates—becomes something entirely different than if it were held together by its bearer. It is essentially degraded, worsened; it is transformed in an Ahrimanic manner. And what is bound to emerge—what is not yet clearly evident today because we are at the very beginning of what could become terrible if we fail to take it into account—is a dreadful spiritual wasteland. People will search for something to occupy them, because they have allowed the spirit that should actually occupy them to be scattered. A search for something without knowing what one is seeking—this is something that is bound to spread more and more if this evil is not curbed. We can already see the beginnings of this today in many of the things I have already mentioned.

[ 10 ] Was tut heute der Mensch, wenn er es unterlassen hat, auf seinen Geist aufmerksam zu sein? Da sucht er vorzugsweise nach irgend etwas; nur kommt dieses Suchen in einer sonderbaren Weise zum Austrag auf den verschiedensten Gebieten. Ein sehr gebräuchliches Gebiet ist: Man gründet Vereine, Vereine mit guten Programmen. Man setzt vor die Menschen allerlei Forderungen hin. Das können recht gescheite Sachen sein, aber es sind zumeist solche Sachen, welche nur dadurch entstehen, daß man stehengeblieben ist bei dem Kindheitsstandpunkt und dann die Kindheitsidee verknöchert, bis man sie in einem spätern Lebensalter in Form von Vereinsprogrammen auf die Welt losläßt. Auf diesem Gebiet wissen ja die Menschen heute ungeheuer viel zu tun. Sie wissen aber wenig davon, real im Geiste zu wirken, von kleinem Kerne der Geisteswirksamkeit auszugehen, die Menschen von selbst sich angliedern zu lassen und lebendig und rege zu erhalten so etwas, was eine Menschengemeinschaft ist.

[ 10 ] What does a person do today if they have failed to pay attention to their spirit? They tend to search for something; only this search plays out in a peculiar way in a wide variety of areas. One very common area is this: people found associations—associations with good programs. All sorts of demands are placed before people. These may be quite sensible things, but they are mostly things that arise simply because one has remained stuck at the childhood stage and then allowed childhood ideas to become ossified, until, later in life, one unleashes them upon the world in the form of club programs. In this area, people today know an immense amount about what to do. But they know little about working spiritually in a real sense, about starting from a small core of spiritual activity, allowing people to join of their own accord, and keeping alive and vibrant that which is a human community.

[ 11 ] Sehen Sie, davon rührt es her, daß so viele Konflikte entstehen in unserer Gesellschaft, die ja latent bleiben aus gewissen Gründen und die ich jetzt hier nicht erörtern will. Überall da, wo ich selber irgendwie einen Impuls ausüben kann, da möchte ich, daß so ferne wie möglich alle Statuten, alle Regeln, alle Gesetze bleiben. Denn schließlich, wozu braucht man Statuten, wenn sich eine Anzahl von Menschen zur Pflege des geistigen Lebens vereinigen? Man kann solche Statuten aufstellen, um sie den Behörden zu zeigen; das ist eine andere Sache, das hat nichts zu tun mit der Sache selbst, aber worauf es ankommt, das ist, was uns selber solche Statuten sind. Da handelt es sich darum, daß eine solche Gemeinschaft leben soll, daß jeder neue Mensch Neues hineinbringen kann. Eine solche Gemeinschaft soll leben, sie kann sich nicht festlegen durch irgendwelche Statuten, sie muß, wenn sie fünf Jahre bestanden hat, geradeso gut etwas anderes sein, wie ein Kind etwas anderes ist mit zwölf Jahren, als es war mit sieben. Aber das ist nicht eine Denkweise der heutigen Zeit. Die Denkweise der heutigen Zeit ist, möglichst unlebendig zu leben, möglichst alles einzuschnüren in Abstraktionen. Das ist eines. Man könnte viele Beispiele anführen, die alle aus dem hervorgehen, daß man kein Bewußtsein hat von dem zerstäubenden Geistesleben. Man sucht, man sucht auf alle mögliche Weise. Denken Sie nur, wie viele Frauen- und andere Vereine es heute schon in einer einigermaßen größeren Stadt gibt! Man sucht und sucht, weil man nicht weiß, daß das, was man halten soll, zerstäubt. Also sucht man, weil man das nicht hat, worauf man eben keine Aufmerksamkeit verwendet. Dieses Suchen bedeutet Lebensöde. Diese Lebensöde würde furchtbar überhandnehmen, wenn es nicht begriffen würde von der Menschheit, daß die Stimmung des Lebens entstehen muß, von der ich eben gesprochen habe.

[ 11 ] You see, this is the root cause of so many conflicts arising in our society—conflicts that remain latent for certain reasons, which I do not wish to discuss here. Wherever I myself can exert some kind of influence, I would like all statutes, all rules, and all laws to remain as far removed as possible. After all, why do we need statutes when a group of people comes together to cultivate spiritual life? One can draw up such statutes to present to the authorities; that is a different matter, it has nothing to do with the matter itself, but what really matters is what such statutes mean to us. The point is that such a community should be alive, so that every new person can bring something new into it. Such a community is meant to be alive; it cannot be defined by any set of statutes. After five years of existence, it may just as well be something different, just as a child at twelve is different from what he or she was at seven. But that is not the way of thinking in today’s world. The mindset of our time is to live as lifelessly as possible, to constrain everything as much as possible within abstractions. That is one thing. One could cite many examples, all of which stem from a lack of awareness of the disintegrating spiritual life. People search and search in every possible way. Just think how many women’s and other associations there are today in even a moderately large city! People search and search because they do not know that what they are supposed to hold onto is disintegrating. So they search because they lack precisely what they are not paying attention to. This searching means a desolation of life. This desolation of life would become terribly rampant if humanity did not come to understand that the mood of life I have just spoken of must arise.

[ 12 ] Nicht wahr, das ist es ja, was man heute nicht verstehen will: das unmittelbare Leben! Das Prinzip, daß dasjenige, was da ist, eine Schöpfung des lebendigen Geistes ist, das fordert allerdings Beweglichkeit des Erlebens. Daß man sich nie für abgeschlossen, nie für fertig erklärt, das ist in gewisser Beziehung unbequem. Aber das ist eine Notwendigkeit, wenn die Geistesentwickelung der Menschheit vorwärtsschreiten soll. Und so die Geisteswissenschaft zu verstehen, daß sie die Anregerin ist für ein lebendiges Leben, daß sie sich wirklich hineinfindet in das, was die Zeit im gegenwärtigen Entwickelungspunkte der Menschheit fordert, das ist eben die Aufgabe derjenigen, die sich der Geisteswissenschaft wirklich widmen: mit der Menschheit zu leben und zu erkennen, was sie im Laufe der Zeitenentwickelung durchzumachen hat, was ihr durchzumachen vorgesetzt ist.

[ 12 ] Isn’t that right? That’s exactly what people don’t want to understand today: life as it is! The principle that what exists is a creation of the living spirit certainly demands flexibility of experience. Never declaring oneself complete or finished is, in a certain sense, uncomfortable. But this is a necessity if humanity’s spiritual development is to move forward. And to understand spiritual science in such a way that it serves as the inspiration for a living life—that it truly attunes itself to what the times demand at humanity’s present stage of development—that is precisely the task of those who truly devote themselves to spiritual science: to live with humanity and to recognize what it must go through in the course of historical development, what it is destined to undergo.

[ 13 ] Versuchen Sie eine unbefangene Ansicht zu gewinnen über das, was Sie heute als Ereignisse umgibt. Eigentlich verschlafen ja die meisten Menschen dasjenige, was heute um uns herum vorgeht. Sie denken nur, es müsse wieder ein solcher Zustand kommen, wie er vor 1914 war, und warten darauf, bis ein solcher Zustand kommt. Sie begreifen gar nicht, wie tief einschneidend dasjenige ist, um was es sich eigentlich handelt, und wie notwendig es ist, daß sich die Menschheit zu ganz neuen Begriffen durcharbeitet, die vorher nicht da waren. Das Leben begreifen auch im geschichtlichen Werden, das ist vor allen Dingen die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Denkrichtung.

[ 13 ] Try to gain an unbiased perspective on the events unfolding around you today. In fact, most people are oblivious to what is actually happening around us today. They simply think that conditions must return to what they were before 1914, and they wait for that to happen. They do not realize at all how profoundly significant the actual issue is, nor how necessary it is for humanity to work its way toward entirely new concepts that did not exist before. Understanding life within the context of historical development—that is, above all, the task of the spiritual scientific school of thought.

[ 14 ] Das ist das eine: daß der Geist zerstäubt, indem er von den Menschen nicht beachtet wird, wie es so vielfach heute geschieht. Aber nur ein Teil zerstäubt, der andere bleibt zurück, der staut sich im menschlichen Organismus, aber er tritt nicht ins Bewußtsein. Er imprägniert unbewußt den Organismus. Er geht ins Blut, ins Fleisch; im Unbewußten wirkt er. Teilweise zerstäubt das, dessen sich der Mensch bewußt sein soll im Laufe seines Lebens, teilweise wird es ins Unterbewußte hinuntergetrieben. Was tut es denn in diesem Unterbewußten?

[ 14 ] This is one aspect: that the spirit dissipates because people pay no attention to it, as so often happens today. But only a part of it dissipates; the other part remains behind, accumulating in the human organism, yet it does not enter consciousness. It unconsciously permeates the organism. It enters the blood, the flesh; it works in the unconscious. Part of what a person is meant to become aware of in the course of their life dissipates, while part of it is driven down into the subconscious. What does it do in this subconscious?

[ 15 ] Sehen wir uns noch ein bißchen genauer an, was die besondere Veranlassung ist, daß der Geist teilweise ins Unterbewußte hinuntergetrieben wird. Die Veranlassung dazu sind meist jene falschen Erziehungsprinzipien, welche bei den Kindern und jungen Menschen nach dem Altklugwerden hinarbeiten, darauf hinarbeiten, daß die Kinder möglichst wenig kindlich bleiben. Wieviel tut man sich doch heute zugute, das Kind möglichst früh zu einem eigenen Urteil zu bringen, das Kind möglichst früh in anderer Weise zu erziehen, als wie es dargestellt ist in meinem Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Es ist notwendig, daß das Kind vor allen Dingen in bildlichen Vorstellungen lebe, daß das Verstandesmäßige so spät wie möglich an das Kind herantrete. Dafür hat man ja heute recht wenig Sinn. Schon die Kultur selbst hat dafür wenig Sinn. Aber diese Kultur soll man nicht zurückstauen wollen, reaktionär wird Geisteswissenschaft niemals werden. Sie wird selbstverständlich mit dem äußeren, materiellen Kulturfortschritt rechnen; aber dieser äußere, materielle Kulturfortschritt fordert eben gerade, daß man ein Gegengewicht schaffe. Anders war es mit dem Menschen in den Zeiten, in denen man nicht in den Jugendjahren lesen und schreiben gelernt hat. Ich will nicht dem Analphabetismus das Wort reden, mißverstehen Sie mich nicht in der Weise, aber heute betrachtet man es als ein Unglück, wenn die Leute Analphabeten sind, denn man sieht den Wert des Menschen nicht in dem, was in der Seele lebendig lebt, sondern in dem, was an den Menschen herangebracht wird, was schließlich mit der eigentlichen Menschenseele furchtbar wenig zu tun hat. In jenen alten Zeiten, als die Schrift noch eine Bilderschrift war, als der Buchstabe wiedergab ein Wortgeheimnis, da war die Schrift etwas. Aber heute: Jene kleinen Geister, die auf weißem Papier vor die Augen der jüngsten Kinder treten und enträtselt werden müssen, jene kleinen Geister, die die Kinder selber auf das Papier zaubern, was haben sie denn für eine Beziehung zur Seele? Zeichen sind sie doch nur, willkürliche Zeichen. Man könnte sich denken, daß das ganze, was man da als Schriftwerk hat, ganz anders angeordnet wäre. Manche Leute haben ja heute schon die Tendenz, daß dies anders eingerichtet werde. Man hat ja auch die Stenographie eingerichtet. Keine Notwendigkeit besteht, daß das, was da ist, so an die Menschen herantritt, es könnte auch ganz anders sein. Aber das ist ein notwendiges Erfordernis der Erdenkultur; gegen das wendet sich der Reaktionär, nicht der Geisteswissenschafter. Das mußte kommen, selbstverständlich. Aber ein Gegengewicht wird kommen. Geisteswissenschaft wird es nicht als ein Ideal betrachten, die Schule abzuschaffen; aber ein Gegengewicht wird sein, daß die Kinder bildhaften Unterricht bekommen, jenen Unterricht, welcher Hinweis über Hinweis auf die Weltengeheimnisse enthält, einen Unterricht, welcher das Gemüt durch alles dasjenige, was man lernt, in Zusammenhang bringt mit den Weltengeheimnissen. Jedes Tier, jede Pflanze in ihren Formen, sie drücken etwas aus, was in geheimnisvoller Weise mit der ganzen Schöpfung zusammenhängt. Die rechte Frische des Gemütes, um solchen Ausdruck zu empfinden, hat man nur in einem gewissen Lebensalter. Man muß in einem gewissen Lebensalter zusammenwachsen mit der Schöpfung.

[ 15 ] Let’s take a closer look at what specifically causes the mind to be driven, at least in part, into the subconscious. The cause of this is usually those flawed educational principles that encourage children and young people to become precocious, working toward ensuring that children remain as childlike as possible. How much credit do people give themselves today for encouraging a child to form their own judgments as early as possible, for raising the child in a manner different from that described in my booklet *The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science*? It is essential that the child live, above all, in pictorial imagery, and that intellectual concepts be introduced to the child as late as possible. Yet people today have very little appreciation for this. Even culture itself has little appreciation for this. But one should not seek to hold back this culture; spiritual science will never become reactionary. It will, of course, take external, material cultural progress into account; but this very external, material cultural progress demands that a counterbalance be created. Things were different for people in times when one did not learn to read and write in one’s youth. I do not wish to advocate illiteracy—please do not misunderstand me in that way—but today it is considered a misfortune when people are illiterate, for one sees the value of a human being not in what lives within the soul, but in what is imparted to the person, which ultimately has very little to do with the human soul itself. In those olden days, when writing was still a pictographic script, when each letter conveyed the mystery of a word, writing was something. But today: those little spirits that appear on white paper before the eyes of the youngest children and must be deciphered, those little spirits that the children themselves conjure up on the paper—what connection do they have to the soul? They are merely signs, arbitrary signs. One might imagine that the whole body of written work we have here could be arranged quite differently. Some people today already have a tendency to want this to be organized differently. After all, shorthand has also been developed. There is no necessity for what exists to approach people in this way; it could just as easily be entirely different. But this is a necessary requirement of earthly culture; it is the reactionary who opposes this, not the spiritual scientist. This was bound to happen, of course. But a counterbalance will emerge. Spiritual science will not regard the abolition of school as an ideal; but there will be a counterbalance in that children will receive pictorial instruction—the kind of instruction that contains hint after hint about the mysteries of the worlds, an instruction that connects the soul to the mysteries of the worlds through everything that is learned. Every animal, every plant, in its form, expresses something that is mysteriously connected to the whole of creation. The true freshness of spirit needed to perceive such expression is found only at a certain age. One must grow together with creation at a certain age.

[ 16 ] Nehmen wir auch da ein Beispiel. Ich habe schon früher erinnert an ein Wort, das mein alter Freund Vinzenz Knauer, der Geschichtsschreiber der Philosophie, öfter gebraucht hat. Er sagte aus seinem gut mittelalterlichen Scholastikerbewußtsein heraus denen gegenüber, die da behaupten, alles ist in gleichartiger Materie: Nun, man soll nur einmal anschauen die gleiche Materie, wie sie in einem Wolf und in einem Lamm ist; man sperre einmal einen Wolf ein, so daß er keine andere Nahrung bekommen kann, und gebe ihm nur Lämmer. Wenn wirklich die Lamm-Materie dieselbe ist wie die Wolf-Materie, so müßte der Wolf ja ein Lamm werden nach und nach, wenigstens müßte er lammfromm werden. — Das bezeichnet ganz klar, daß in demjenigen, was den Wolf formt — wir nennen es die Gruppenseele —, in jenem Lebendigen, das die Struktur des Wolfes bestimmt, etwas anderes liegt als die Struktur des Lammes. Auf die bloße Materie hinzuschauen, nicht auf die geformte Materie, nicht auf die durchgeistigte Materie, das führt nicht in die Schöpfung hinein, sondern aus ihr hinaus. Die Tiere um uns herum sind in den mannigfaltigsten Formen aufgebaut. Man schaue nur einmal hin, wie in dieser Beziehung der Mensch anders ist als die Tiere. Man bedenke das recht genau, was da eigentlich vorliegt. Die Menschen sind, von kleinen Unterschieden abgesehen, die in den verschiedenen Rassencharakteren liegen, die groß sein können, aber nicht heranreichen an die Unterschiede der Tiergattungen, gleichgeformt über die Erde hin. Warum? Weil die Gleichgewichtsverhältnisse in ihnen anders liegen als bei den Tieren. Das Tier ist ein Ergebnis der Gleichgewichtsverhältnisse, die in bezug auf die Erde sich ausbilden. Beim Affen, der nahezu aufrecht sich gestaltet, können Sie das sehen. Das Tier ist so gestaltet, daß sein Rückgrat eigentlich dazu veranlagt ist, parallel der Erdoberfläche zu sein, daß sein Hinterleib in der gleichen Höhe liegt wie der Vorderleib. Das allerbedeutsamste ist, daß der Mensch von vorneherein so veranlagt ist, daß dasjenige, was beim Tier neben dem Hinterleib ist, über den Hinterleib gebaut ist, daß es den Hinterleib überdeckt. Beim Menschen fällt die Linie, welche durch den Kopf zur Erde geht, in die Schwerpunktslinie hinein, beim Tier aber nicht. Dadurch, daß der Mensch dazu berufen ist, sich seine eigene Gleichgewichtslage zur Erde zu geben, die im Affen zur Karikatur wird, im Menschen die selbstverständliche Wesenheit ist, dadurch hebt er sich hinaus aus der bestimmten Gestalt, die jede Tiergattung hat. Der Mensch hat deshalb nicht eine so bestimmte Konfiguration wie die Tiergattungen, weil er sich hinaushebt, weil er die Gestalt aufhebt, den Kopf über den Hinterleib setzen kann. Das ist etwas ungeheuer Bedeutsames. Die Darwinisten haben daran noch gar nicht gedacht. Das ist es aber, worauf es ankommt.

[ 16 ] Let’s take an example here as well. I have previously recalled a phrase that my old friend Vinzenz Knauer, the historian of philosophy, often used. Speaking from his thoroughly medieval scholastic perspective, he said to those who claim that everything is made of the same kind of matter: Well, just look at the same matter as it exists in a wolf and in a lamb; lock up a wolf so that it cannot get any other food, and feed it only lambs. If the matter of the lamb were truly the same as the matter of the wolf, then the wolf would gradually have to become a lamb—or at least it would have to become as docile as a lamb. — This clearly indicates that in that which forms the wolf—we call it the group soul—in that living essence that determines the wolf’s structure, there lies something different from the structure of the lamb. To look merely at matter, not at formed matter, not at matter imbued with spirit, does not lead into creation but away from it. The animals around us are structured in the most diverse forms. Just look at how, in this respect, human beings differ from animals. Consider very carefully what is actually at work here. Human beings, apart from minor differences that lie in the various racial characteristics—which can be significant but do not come close to the differences between animal genera—are uniformly formed across the earth. Why? Because the balance within them is different from that in animals. The animal is the result of the balance that develops in relation to the Earth. You can see this in the monkey, which is almost upright in its posture. Animals are designed such that their spine is actually predisposed to run parallel to the Earth’s surface, so that their hindquarters are at the same height as their forequarters. The most significant point is that humans are predisposed from the very beginning such that what is located next to the hindquarters in animals is built above the hindquarters, covering them. In humans, the line running from the head to the earth coincides with the line of the center of gravity, whereas in animals it does not. Because humans are called upon to establish their own position of equilibrium in relation to the earth—a capacity that becomes a caricature in apes but is a natural essence in humans—they rise above the specific form characteristic of every animal species. Humans therefore do not have a configuration as fixed as that of animal species because they transcend it—because they transcend form and are able to place the head above the abdomen. This is something of immense significance. The Darwinists have not even considered this yet. Yet this is what really matters.

[ 17 ] Ich kann es heute nur andeuten; wenn ich es weiter ausführen wollte, müßte ich viele Vorträge halten, und es würde die tief bedeutsame Frage nach dem Unterschied der Tiere von dem Menschen beleuchten. Aber das interessiert uns heute weniger, uns interessiert heute, daß der Mensch die Tiergestalt in sich überwindet, indem er sich seine aufrechte Stellung gibt, indem er sich eine andere Gleichgewichtslage auf der Erde gibt. Er macht sich dadurch von der Erde unabhängig. Aber das ist er nur als physischer Mensch. Gehen wir zum Ätherleibe hin, da ist das anders. Dieser Ätherleib ist in sich beweglich; der ist alle Augenblicke in jedem einzelnen Menschen anders gestaltet. Wenn jemand einen Löwen anschaut: hellsichtig sehen Sie die Löwengestalt an dem anschauenden Menschen. Sehen Sie eine Hyäne an, so werden Sie im Übersinnlichen selber hyänenartig. Der Mensch überwindet im Physischen die äußeren Gestaltungen, aber im Ätherleibe paßt er sich dem an, was in seiner Umgebung auftritt. Das ist gerade wiederum dasjenige, was den Menschen so bedeutsam vom Tiere unterscheidet: das Tier hat seine bestimmte Gestalt; der Löwe, der dem Hund gegenübertritt, kann in seinem Ätherleibe die Gestalt des Hundes nicht nachahmen, er bleibt immer, auch innerlich, der Löwe, er erkennt in Wahrheit nur einen anderen Löwen. Schauen Sie hin, wie das gleichartige Tier dem gleichartigen Tier ganz anders gegenübersteht als dem ungleichartigen. Der Mensch ist aber versatil, er ist vielseitig, er paßt sich in bezug auf den Ätherleib seiner Umgebung an. Aber darum handelt es sich, ob diese Anpassung eine regelmäßige oder eine unregelmäßige wird, ob diese Anpassung sinnlos oder sinnvoll ins Leben eingreift. Daß die Tiere so mannigfaltig gestaltet sind, daß die Tiere festhalten in ihrer physischen Gestalt das, was der Mensch, immer wieder, sich verwandelnd, werden kann, das macht, daß das ganze Tierreich nicht nur das ist, was der heutige Zoologe sieht, sondern daß jede Tiergestalt einen bestimmten Sinn hat, und die Zusammenhänge unter den Tieren einen bestimmten Sinn ergeben. Man kann in einer gewissen Weise diesen Sinn des ganzen Tierreiches lesen. Dadurch aber baut man eine Brücke zwischen sich und der geistigen Welt, daß einem der Sinn desjenigen aufgeht, was draußen in fester Gestalt ist, und was man dann sinnvoll nacherlebt, indem man es selber wird.

[ 17 ] I can only touch on this today; if I were to elaborate further, I would have to give many lectures, and it would shed light on the profoundly significant question of the difference between animals and human beings. But that is of less interest to us today; what interests us today is that human beings overcome the animal form within themselves by assuming an upright posture, by establishing a different center of balance on Earth. In this way, they make themselves independent of the Earth. But this is true only of the physical human being. Let us turn to the etheric body; there, things are different. This etheric body is mobile in itself; its form changes from moment to moment in every single human being. If someone looks at a lion, a clairvoyant will see the form of a lion in the person looking at it. If you look at a hyena, you yourself become hyena-like in the supersensible realm. In the physical realm, human beings transcend external forms, but in the etheric body they adapt to whatever appears in their surroundings. This, in turn, is precisely what distinguishes human beings so significantly from animals: the animal has its specific form; the lion facing a dog cannot imitate the dog’s form in its etheric body—it always remains, even inwardly, a lion; in truth, it recognizes only another lion. Observe how an animal of the same kind relates to another of its own kind quite differently than to one of a different kind. Human beings, however, are versatile; they are multifaceted; they adapt their etheric body to their surroundings. But the crucial question is whether this adaptation is regular or irregular, whether it intervenes in life in a meaningless or meaningful way. The fact that animals are so diversely formed—that they embody in their physical form what human beings, through constant transformation, can become—means that the entire animal kingdom is not merely what today’s zoologist sees, but that every animal form has a specific meaning, and the relationships among animals make a specific sense. In a certain way, one can discern this meaning of the entire animal kingdom. In doing so, however, one builds a bridge between oneself and the spiritual world, such that the meaning of what exists out there in fixed form becomes clear, and one then meaningfully relives it by becoming that thing oneself.

[ 18 ] In alten Zeiten haben die Menschen versucht, den Sinn der Umwelt instinktiv zu empfinden. Dasjenige, was in historische Zeiten davon hereinragt, sind die verschiedenen sinnbildlichen Erzählungen über die Tiere: die Tiermärchen, die Tiersagen, die Tierfabeln und ähnliches. Zu dem können wir nicht wieder zurückkehren. Aber etwas anderes muß dafür ausgebildet werden, so daß die Menschen nicht nur das lernen, was sie sich jetzt in ganz abstrakter Weise einochsen über die Tiergestalt. Wie sind solche Tiere beschrieben in den heutigen Schulbüchern! Die Beschreibungen wirken ja auf die Kinder deshalb so langweilig, weil sie ganz äußerliche sind. Lassen Sie die Beschreibung eine sinnvolle sein, lassen Sie den Löwen wieder etwas werden, was sich herausgestaltet in der Schöpfung in anderer Weise als die Hyäne, als das Känguruh. Dann wird der Mensch sich auch wiederum sinnvoll in die Schöpfung hineinleben, dann wird er die Schöpfung lebendig aufnehmen. Es wird allerdings eine bestimmte Folge haben, denn der Geist wird beweglich, der Geist wird inhaltvoll, wenn er so sich in die Schöpfung vertieft. Dann ist er nicht zufrieden mit dem, was ihm die offizielle Wissenschaft heute vielfach gibt. Da können Sie ja heute mancherlei erleben. Wenn man die Entwickelung der Tierreihe verfolgt, so wie sich die heutige offizielle Wissenschaft sie vorstellt, selbst da, wo sie etwas unbefangener ist, können Sie sonderbare Dinge erleben. Man braucht nicht einmal bis zum Darwinismus zu gehen, man kann bei Zamarck bleiben, der noch viel gescheiter ist, als was sich in materialistischer Weise aus dem Darwinismus entwickelt hat. Da können Sie auch dargestellt finden, wie sich die verschiedenen Tierformen durch Anpassung an die Lebensverhältnisse gebildet haben. Gewisse Tiere haben sich Schwimmfüße gebildet, indem sich für sie die Lebensverhältnisse herausgestaltet haben, im Wasser zu leben. Andere Tiere haben Greiforgane bekommen, weil sie ihre Nahrung finden mußten oben an den Bäumen und dergleichen. Ja, wenn sich durch solche Gewohnheiten die Organe ausgebildet haben, müssen sie doch vorher anders gewesen sein. Tiere, die Schwimmfüße gekriegt haben, müssen vorher keine gehabt haben, müssen andere gehabt haben; die späteren haben sie dann durch ihre Lebensverhältnisse gebildet. Man kommt allmählich darauf, daß diejenigen Tiere, denen Schwimmfüße eigen sind, sich diese aus anderen Füßen gebildet haben, und die keine Schwimmfüße haben, die haben aus den früheren sich die andersgestalteten gebildet. — Das ist schon so. Man merkt es nur nicht, man lernt fleißig, aber man merkt es nicht. Wenn die Giraffe einen langen Hals hat, erklärt man: Aus einem kurzen ist er so geworden, weil die Giraffe auf den Baum langen mußte. — Wenn die Giraffe einen kurzen Hals hätte, würde er aus einem langen Halse zum kurzen Halse geworden sein durch andere Lebensgewohnheiten. Man merkt gar nicht, daß man die Dinge herumkugelt und herumkollert. In welchen Wirrnissen, in welchem wirrnisvollen Denken eine Weltanschauung lebt, die nicht die sinnvolle Brücke herstellt zu dem, was in der menschlichen Umgebung ist, davon macht man sich heute gar keine Vorstellung.

[ 18 ] In ancient times, people tried to intuitively grasp the meaning of the world around them. What has survived into historical times are the various symbolic stories about animals: animal tales, animal legends, animal fables, and the like. We cannot return to that. But something else must be developed in its place, so that people do not merely learn, in a completely abstract way, about the forms of animals. How such animals are described in today’s schoolbooks! The descriptions seem so boring to children precisely because they are entirely superficial. Let the description be meaningful; let the lion once again become something that manifests itself in creation in a different way than the hyena or the kangaroo. Then human beings will once again live meaningfully within creation; then they will take creation in with a living sense. This will, however, have a certain consequence, for the spirit becomes agile and rich in content when it immerses itself in creation in this way. Then it will no longer be satisfied with what official science often offers today. You can indeed experience all sorts of things in this regard today. If one traces the evolution of the animal kingdom as today’s official science conceives it—even where it is somewhat more open-minded—you can encounter strange things. You don’t even need to go as far as Darwinism; you can stick with Zamarck, who is far more insightful than what has developed in a materialistic way from Darwinism. There, too, you can find descriptions of how the various animal forms have developed through adaptation to their living conditions. Certain animals have developed webbed feet as their living conditions evolved to require life in water. Other animals have acquired grasping organs because they had to find their food high up in trees and the like. Indeed, if such habits led to the development of these organs, they must have been different beforehand. Animals that have acquired webbed feet must not have had them before; they must have had different ones. Their current feet then developed as a result of their living conditions. One gradually comes to realize that those animals with webbed feet developed them from different types of feet, and those without webbed feet developed their differently shaped feet from their earlier ones. — That is indeed the case. It’s just that we don’t notice it; we study diligently, but we don’t notice it. If the giraffe has a long neck, we explain: It evolved from a short one because the giraffe had to reach the tree. — If the giraffe had a short neck, it would have evolved from a long neck to a short one through different lifestyle habits. You don’t even realize that you’re tossing things around and letting them tumble about. Today, people have absolutely no idea of the confusion, the bewildering thinking, in which a worldview exists that fails to build a meaningful bridge to what is in the human environment.

[ 19 ] Aber das ist es, was der Erziehung einverleibt werden muß, um nur eines zu erwähnen: dieses sinnvolle Miterleben der Umgebung; nicht bloß verstandesmäßig die Umgebung auffassen, sondern sinnvoll miterleben, so daß man wirklich mit der ganzen Seele die Formen des Tierreiches, des Pflanzenreiches und des Mineralreiches in sich aufnimmt. Was würde man so einem vierzehn-, fünfzehnjährigen Jungen oder Mädchen für eine Wohltat tun, wenn man sie einmal auf einen Spaziergang mitnimmt und sagt: Sieh einmal diese Wolkenbildungen an! — Dann wieder auf einem nächsten Spaziergang, wo die Wolken anders gebildet sind: Nun sieh dir diese Wolken an. Präge dir das ein, so daß du ein Bild hast von diesen Formen! — Nachdem man das Kind eine Zeitlang das Ganze hat anschauen lassen, geht man zu seinem Regal und nimmt Goethes «Naturwissenschaftliche Schriften» heraus, wo er die verschiedenen Wolkenformen, wie sie ineinander und auseinander entstehen, in sinnvoller Weise darstellt. Das Kind wird das sogleich verstehen, wird sogleich in dieses lebendige, sinnvolle Vorstellen der Wolkenformen sich einleben, wird etwas Wunderbares durchmachen.

[ 19 ] But this is what must be incorporated into education, to mention just one thing: this meaningful experience of the surroundings; not merely comprehending the surroundings intellectually, but experiencing them meaningfully, so that one truly takes in, with one’s whole soul, the forms of the animal, plant, and mineral kingdoms. What a blessing it would be for a fourteen- or fifteen-year-old boy or girl if you were to take them for a walk and say: “Look at these cloud formations!” — Then again on the next walk, where the clouds are shaped differently: “Now look at these clouds. Commit them to memory so that you have a picture of these forms!” — After letting the child observe the whole scene for a while, go to their bookshelf and take out Goethe’s *Natural Science Writings*, where he describes the various cloud forms—how they emerge from one another and disperse—in a meaningful way. The child will understand this immediately, will immediately become immersed in this vivid, meaningful visualization of the cloud forms, and will experience something wonderful.

[ 20 ] Oder man lasse das Kind im Garten eine Pflanze beobachten, wie sie im Frühling, im Sommer, im Herbste ist, und lese ihm dann aus Goethes Gedichten die «Metamorphose der Pflanzen» vor. Da hat man etwas, was sinnvoll in die Natur hineinführt.

[ 20 ] Or let the child observe a plant in the garden—how it looks in spring, summer, and fall—and then read to them Goethe’s poem “The Metamorphosis of Plants.” That’s a meaningful way to introduce them to nature.

[ 21 ] Solche Dinge gehören dazu, die Stimmung des erwartungsvollen Lebens zu erzeugen, solche Dinge gehören dazu, wenn erreicht werden soll, daß nicht der Geist zurückgestaut wird und ins Blut, ins Fleisch hineingeht, sondern in entsprechender Weise im Inneren von der Seele ergriffen wird. Gewisse Dinge dürfen eben nicht im Laufe der Entwickelung ins Fleisch gehen, sondern müssen in der Seele bleiben. Was geschieht denn, wenn sie ins Fleisch, ins Blut gehen? Dann begründen sie im Unterbewußten Affekte, Leidenschaften, denen Namen gegeben werden, denen Masken gegeben werden, und die manchmal etwas ganz anderes sind als die Masken, die ihnen gegeben werden. Heute lebt so vieles — und es kommt in der menschlichen Entwickelung zum Ausdruck —, was dadurch entstanden ist, daß ins Blut, ins Fleisch übergegangen ist, was in der Seele hätte bleiben sollen. Und was wird dadurch begründet? Es begründet Streit, Zwietracht, Disharmonie über die Erde hin. Das maskiert sich in allen möglichen Formen, das maskiert sich darin, daß der Italiener den Germanen, daß der Engländer den Deutschen, daß der Germane den Romanen nicht ausstehen kann; das maskiert sich in diesen Leidenschaften, die über die Erde hin wüten. Man muß für diese Dinge nur die tieferen Gründe wissen, und man muß einsehen, was der Menschheit obliegt, was der Menschheit Mission ist, um dasjenige zu erreichen, was unbedingt erreicht werden muß.

[ 21 ] Such things are essential for creating the atmosphere of a life filled with anticipation; such things are essential if we are to ensure that the spirit is not held back and does not enter the blood and the flesh, but is instead appropriately embraced within by the soul. Certain things must not, in the course of development, pass into the flesh, but must remain in the soul. What happens, then, when they pass into the flesh, into the blood? Then they give rise in the subconscious to emotions and passions that are given names and masks, and which are sometimes something entirely different from the masks given to them. So much of what exists today—and finds expression in human development—has arisen because what should have remained in the soul has passed into the blood and the flesh. And what does this give rise to? It gives rise to strife, discord, and disharmony across the earth. This masks itself in all manner of forms; it masks itself in the fact that the Italian cannot stand the German, that the Englishman cannot stand the German, that the German cannot stand the Romance peoples; it masks itself in these passions that rage across the earth. One need only understand the deeper reasons behind these things and realize what is incumbent upon humanity—what humanity’s mission is—in order to achieve what absolutely must be achieved.

[ 22 ] Was in der Gegenwart ist, sollen nur deutliche Zeichen sein für das, was wir lernen sollen, um die Menschheit einer gedeihlichen Zukunft entgegenzuführen. Man soll nicht an der Oberfläche bleiben, wie es die Menschen heute tun, sondern in die Tiefen der Menschenseelen hineinschauen. Daß das 19. Jahrhundert einen Erziehungsfehler gemacht hat, weil es eine Übergangszeit war, weil es ins Fleisch, ins Blut hat gehen lassen, was in die Seelen hätte gehen sollen, das wird heute auf den Schlachtfeldern ausgekämpft. Das Blut, das aufgenommen hat dasjenige, was hätte in die Seelen gehen sollen, waltet heute in den wild über die Erde hinstürmenden Leidenschaften. Das macht, daß sich die Menschen nicht verstehen können. Das macht, daß die Menschen aneinander vorbeireden. Das macht, daß sie so wenig Sinn haben für das Miteinander-Empfinden, das Miteinander-Leben.

[ 22 ] What exists in the present should serve only as clear signs of what we must learn in order to lead humanity toward a prosperous future. We must not remain on the surface, as people do today, but look into the depths of the human soul. The fact that the 19th century made a mistake in education—because it was a time of transition, because it allowed what should have entered the soul to instead enter the flesh and blood—is being fought out today on the battlefields. The blood that absorbed what should have entered the souls now reigns in the passions raging wildly across the earth. This is why people cannot understand one another. This is why people talk past one another. This is why they have so little sense of shared feeling and shared life.

[ 23 ] Die Zeichen der Zeit sind ernst, sehr ernst, aber sie sind eine Aufforderung, in die Tiefen des Weltenwerdens hineinzuschauen, um aus diesen Tiefen zu erkennen, was unsere Aufgabe ist. Ich habe schon das vorige Mal gesagt: Das ist nicht ein Einwand gegen die Weltenweisheit, gegen die göttliche Weisheit. Die göttliche Weisheit muß diese Zeichen über die Menschheit hinführen, weil die Menschheit nicht eine Automaten-Wesenheit, sondern selbständig werden soll. Es handelt sich nicht darum, zu fragen: Warum ist die Menschheit in dieses alles hineingekommen? — sondern: Was ist zu tun zum Heile der Menschheit? — Um die Tat und um die großen universalistisch-ethischen Impulse handelt es sich. Das ist dasjenige, was uns von Woche zu Woche, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute obliegt: uns einzulassen darauf, was zu geschehen hat. Und derjenige, der in solcher Weise, wie es heute angedeutet worden ist, erwartet hat, daß ihm jedes neue Lebensjahr etwas bringt, was ihm vorher Geheimnis war, der entzündet in seiner Seele das, was die Menschheit auch in der Zukunft brauchen wird: den lebendigen, nicht den toten Unsterblichkeitssinn. Derjenige, der weiß, daß ihm jedes neue Jahr neue Geheimnisse bringt, weiß auch, daß ihm das Leben nach dem Tode neue Geheimnisse bringt; für ihn hat der Zweifel an dem Fortbestehen dessen, was der Entwickelung des Leibes entgegen Neues bringt, keinen Sinn. Für ihn wird aber auch dieses Leben nach dem Tode real, recht real: es wird nicht nur jenes egoistische Prinzip, als was es heute so vielfach auftritt, sondern es wird Menschheitsprinzip.

[ 23 ] The signs of the times are serious, very serious, but they are a call to look into the depths of the unfolding of the world, so that from these depths we may recognize what our task is. I already said last time: This is not an objection to the wisdom of the world, to divine wisdom. Divine wisdom must guide humanity through these signs, because humanity is not meant to be an automaton but is meant to become self-determined. The question is not: Why has humanity fallen into all this? — but rather: What must be done for the salvation of humanity? — It is a matter of action and of the great universal ethical impulses. This is what is incumbent upon us from week to week, from hour to hour, from minute to minute: to engage with what must happen. And the one who, in the manner suggested today, has expected each new year of life to bring him something that was previously a mystery to him, kindles within his soul what humanity will also need in the future: a living, not a dead, sense of immortality. The person who knows that every new year brings new mysteries also knows that life after death brings new mysteries; for them, doubting the continued existence of what brings something new in contrast to the development of the body makes no sense. For him, however, this life after death also becomes real—truly real: it becomes not merely that egoistic principle as it so often appears today, but rather a principle of humanity.

[ 24 ] Wir treten heute durch die Pforte des Todes und bringen vieles mit an Lebensbeobachtungen, was wir hier nicht verarbeitet haben. Das aber hat noch eine Bedeutung für die Erde. Es kommt unsere Weisheit, die wir uns hier angeeignet haben, der Erde auch noch zugute, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Aber hier auf der Erde müssen Menschen da sein, die sie brauchen wollen. Jene, die Erfahrungen haben, wissen von diesen Erfahrungen zu berichten. Öffentlich muß man, um sich nicht ganz und gar lächerlich zu machen, diese Dinge noch so sagen, wie ich es zum Beispiel gestern tat: daß Planck heute anders denken würde, als er in den achtziger Jahren gedacht hat. Man meint damit als Geisteswissenschafter eigentlich noch etwas anderes. Man weiß: Die Seele dieses Menschen hat so vieles durch die Pforte des Todes hindurchgetragen, daß reichlich vorhanden ist, was der Erde noch nützlich sein kann. Ja, derjenige, der weiß, daß sein lebendiges Gefühl für die lebendige Seele durch die Pforte des Todes nicht beeinträchtigt wird, weiß auch, daß die sogenannten Toten mit uns in fortwährender Verbindung stehen, daß wir nur entgegenzunehmen haben dasjenige, was von ihnen gewirkt wird. Wer Erfahrung darin hat, darf vielleicht auch aus der persönlichen Erfahrung in bescheidener Weise von diesen Dingen sprechen. Ich weiß, daß ich nicht nur an Goethes Weltanschauung angeknüpft habe, sondern daß ich dasjenige, was ich über Goethes Weltanschauung in der verschiedensten Weise geschrieben habe, nur deshalb geschrieben habe, weil ich wußte, daß es aus der Inspiration der Goetheseele selber herrührt, natürlich soweit man es als schwacher Nachkomme aufnehmen kann.

[ 24 ] Today we pass through the gate of death, bringing with us many observations about life that we have not yet processed here. But this still has significance for the Earth. The wisdom we have acquired here will continue to benefit the Earth even after we have passed through the gate of death. But here on Earth, there must be people who are willing to make use of it. Those who have had these experiences know how to speak of them. In public, to avoid making oneself look completely ridiculous, one must still speak of these things as I did, for example, yesterday: that Planck would think differently today than he did in the 1880s. As a spiritual scientist, one actually means something else by this. One knows: This person’s soul has carried so much through the gate of death that there is an abundance of what can still be useful to the Earth. Yes, anyone who knows that their living sense of the living soul is not diminished by the gateway of death also knows that the so-called dead are in constant connection with us, that we need only receive what is brought to us by them. Those who have experience in this matter may perhaps also speak of these things in a modest way, drawing on their personal experience. I know that I have not merely built upon Goethe’s worldview, but that I have written what I have written about Goethe’s worldview in various ways solely because I knew it sprang from the inspiration of Goethe’s soul itself—naturally, to the extent that a feeble descendant can grasp it.

[ 25 ] Aber dazu gehört das lebendige Sich-in-ein-Verhältnis-Setzen mit der lebendiggebliebenen Seele, nicht bloß jenes abstrakte Verehren der Toten, sondern das Aufnehmen der lebendigen Wesenheit der Toten in unsere Seelen, die hier im physischen Leibe verkörpert sind. Oh, es wird viel, sehr viel Fruchtbringendes, bedeutungsvoll Wesenhaftes hereinfließen in die Erdenentwickelung, wenn die Toten durch die Gesinnung der Lebenden werden die Ratgeber sein können der Menschheit. Ich weiß, wie weit unsere Gesinnung noch davon entfernt ist. Ich weiß, daß man zwar heute frägt: Was sagt der Zweiundzwanzigjährige, der Dreiundzwanzigjährige — oder was sonst die Altersgrenze für die verschiedenen Parlamente sein mag —, was sagt der Vierundzwanzigjährige zu irgend etwas, was Gesetz werden soll? — Aber man frägt nicht: Was sagt Goethe heute zu dem, was Gesetz werden soll? — Das wird aber auch noch kommen. Die Toten werden unsere Mitbürger sein. Wenn man die Stimmung in die Seele aufnimmt, daß jedes Jahr ein neues Geheimnis für uns enthüllt werden kann, dann wird man auch noch weitergehen: dann wird man auch wissen, was es bedeutet, mit der Summe der Erdenentwickelung den großen Übergang zu machen durch die Pforte des Todes hindurch. Dann werden die Toten die Mitberater der Lebenden sein. Denn nicht auf den Glauben an die Unsterblichkeit kommt es bloß an, sondern darauf kommt es an, daß dasjenige, was unsterblich ist, auf all den Feldern fruchtbar werden kann, wo es wirklich fruchtbar werden soll. Kraft braucht der Mensch, um durchzudrücken die Decke, die ihn heute trennt von dem, was die geistige Welt noch in sich birgt.

[ 25 ] But this involves a living engagement with the soul that remains alive—not merely an abstract veneration of the dead, but the absorption of the living essence of the dead into our own souls, which are embodied here in the physical body. Oh, much—very much—that is fruitful, meaningful, and essential will flow into the development of the Earth when the dead, through the attitude of the living, can become humanity’s guides. I know how far our attitude still is from this. I know that people today ask: What does the twenty-two-year-old say, the twenty-three-year-old—or whatever the age limit may be for the various parliaments—what does the twenty-four-year-old say about anything that is to become law?—But they do not ask: What does Goethe say today about what is to become law?—But that, too, will come. The dead will be our fellow citizens. If one takes to heart the feeling that every year a new mystery can be revealed to us, then one will go even further: then one will also know what it means to make the great transition, together with the sum total of Earth’s evolution, through the gate of death. Then the dead will be the co-advisors of the living. For it is not merely a matter of belief in immortality, but rather that which is immortal may bear fruit in all the fields where it is truly meant to bear fruit. Human beings need strength to break through the barrier that today separates them from what the spiritual world still holds within itself.

[ 26 ] Sehen Sie, die heutige Denkweise ist eigentlich mehr oder weniger dazu da, daß wir in ihr die starke Kraft entwickeln, um zum Geiste durchzudringen. Aber es ist heute schon der Zeitpunkt gekommen, wo die Menschen manches in klarer Weise durchdringen müssen, weil sie es selbst verstehen sollen. Daher sind die Zeichen vor die Menschenseele hingestellt, weil die Menschen lernen müssen: Dieses darf ganz und gar nicht da sein, jenes muß ganz und gar überwunden werden. Und weil sie es selbst überwinden sollen, deshalb mußte es unter ihnen auftreten.

[ 26 ] You see, today’s way of thinking is actually more or less intended to help us develop within it the strong power needed to penetrate to the spirit. But the time has already come when people must clearly grasp certain things, because they are meant to understand them for themselves. That is why these signs are set before the human soul—because people must learn: This must not be there at all; that must be completely overcome. And because they are meant to overcome it themselves, that is why it had to arise among them.

[ 27 ] Zwei Extreme stehen im äußeren Leben — aber es gibt viele solche Extreme — einander gegenüber: der Wilsonismus und ihm gegenüber der Trotzkismus oder Leninismus, nennen Sie ihn, wie Sie wollen. Die beiden Dinge stehen da, herausgeboren aus einer ungeistigen Weltanschauung, der ungeistigsten Weltanschauung, die sich denken läßt. Aufgabe der Menschheit ist es, zu sehen, daß ausgelöscht werde alles dasjenige, was in den letzten Konsequenzen zum Leninismus oder zum Wilsonismus führt. Aber viel Wilsonismus, viel Leninismus ist überall zu finden; sie sind sehr, sehr verbreitet, man merkt es nur nicht. Man muß den Dingen nur ins Auge schauen. Derjenige aber, der sich ein wenig mit Geisteswissenschaft befaßt, der weiß, daß ihm diese Geisteswissenschaft das Seelenauge gibt, um auch auf diesem Gebiet den Dingen klar ins Auge zu schauen. Heute ist es für die Menschen eine Lebensnotwendigkeit, klar in die Welt zu schauen, sich die Dinge anzuschauen, sie nicht zu verschlafen. Denn nur allzuviel Grund haben die Menschen, vielfach Masken über das zu breiten, was wahr ist. Und allzu leichtgläubig sind die Menschen; deshalb glauben sie an die Masken und sehen nicht auf dasjenige, was hinter den Masken verborgen ist. Man kann nicht jene Denkweise entwickeln, die eine gewisse Beweglichkeit des Geistes möglich macht, welche für Geisteswissenschaft notwendig ist, ohne in einer gewissen Zeit, wenn man sich wirklich in diese Beweglichkeit hineinfindet, sich eine klare, ruhige Anschauungsweise zu verschaffen über das, was in der Welt vorgeht. Man darf nicht die Dinge verschlafen, man muß aufwachen durch die Geisteswissenschaft, wenn man sich nicht selber aus einer gewissen Lebensbequemlichkeit heraus einlullen will. Bedürfnis ist viel vorhanden, solche Geistesart in die Seele hineinströmen zu lassen, aber der Wille, namentlich vieler, die sich als Führer der Menschheit fühlen, mit diesem Bedürfnis zu rechnen, ist nicht vorhanden. Der Wille zum Geiste ist heute in den einfachsten Naturen vorhanden; sie verstehen sich nur selbst noch nicht, weil sie irregeführt sind durch dasjenige, was heute vielfach als «öffentliche Meinung» — Schopenhauer nannte sie «private Dummheit» — verbreitet wird. Die Führenden sind vielfach geneigt, da von Grenzen des menschlichen Wesens zu sprechen, wo sie die Menschen über die Grenzen nicht hinausführen wollen. Auf allen Gebieten finden Sie das heute. Wie wohl tut es den Menschen — um nur das eine Beispiel zu erwähnen —, wenn so etwas geschehen kann, wie es jetzt mit dem französischen "Theologen Loisy geschieht, der auch so eine merkwürdig schwankende Stellung zwischen Modernismus und Nichtmodernismus eingenommen hat, obwohl er sich scheinbar eine Zeitlang auf eigene Beine gestellt hatte. Jetzt aber, gegenüber den katastrophalen Ereignissen, hat er sich die Frage vorgelegt: Ja, was ist denn eigentlich mit dem Christentum geworden bei den Ereignissen der heute geschaffenen Weltenlage? Hat dieses Christentum vielleicht nicht versagt? — Nicht den Christus als solchen, meint Loisy, aber er frägt sich: Hat dieses Christentum vielleicht nicht manches versäumt? — Es haben einige über diese Gewissensfrage des Loisy etwas geschrieben. Einer hat gesagt: Nun ja, man muß eben rechnen mit der Unvollkommenheit der Menschen. Das Christentum will zwar etwas anderes, als was jetzt über die Erde hin geschieht, aber das, was geschieht, das muß geschehen, weil die Menschen unvollkommen sind. — Darüber nachzudenken, das ist nicht dasjenige, um was es sich handelt, sondern das, um was es sich handelt, ist: nachzudenken und nachzusinnen und nachzuempfinden, wie der Mensch vollkommener werden kann, wie der Mensch sich veredeln kann, wie der Mensch ethisch höher kommen kann dadurch, daß er sich dem universellen Weltenwesen immer mehr und mehr eingliedert. Die Fragen müssen vielfach ganz anders gestellt werden, als man heute geneigt ist, diese Fragen zu stellen.

[ 27 ] Two extremes stand in opposition to one another in external life—though there are many such extremes: Wilsonism, and, in opposition to it, Trotskyism or Leninism, call it what you will. These two things stand there, born of a non-spiritual worldview—the most non-spiritual worldview conceivable. It is humanity’s task to ensure that everything which, in its ultimate consequences, leads to Leninism or Wilsonism is eradicated. But much Wilsonism and much Leninism can be found everywhere; they are very, very widespread—one simply does not notice it. One need only look things squarely in the eye. But anyone who has studied spiritual science even a little knows that this spiritual science gives them the eye of the soul to look things squarely in the eye in this realm as well. Today, it is a vital necessity for people to look clearly at the world, to observe things, and not to let them pass them by. For people have all too many reasons to often drape masks over what is true. And people are all too gullible; that is why they believe in the masks and do not see what is hidden behind them. One cannot develop the kind of thinking that enables a certain flexibility of mind—which is necessary for spiritual science—without, after a certain time, once one has truly found one’s way into this flexibility, acquiring a clear, calm perspective on what is happening in the world. One must not let things pass one by; one must awaken through spiritual science if one does not wish to be lulled into a certain complacency in life. There is a great need to allow such a spirit to flow into the soul, but the will—especially among many who see themselves as leaders of humanity—to take this need into account is lacking. The will toward the spirit is present today even in the simplest of natures; they simply do not yet understand themselves because they are misled by what is widely disseminated today as “public opinion”—Schopenhauer called it “private stupidity.” Leaders are often inclined to speak of the limits of human nature where they do not wish to lead people beyond those limits. You find this in all areas today. How comforting it is for people—to mention just one example—when something like what is now happening to the French “theologian Loisy” can occur, who has also taken such a strangely vacillating position between modernism and non-modernism, even though he had apparently stood on his own two feet for a time. But now, in the face of these catastrophic events, he has asked himself: Yes, what has actually become of Christianity in light of the events shaping the world situation today? Has this Christianity perhaps failed? — Not Christ as such, Loisy says, but he asks himself: Has this Christianity perhaps neglected certain things? — Some have written about this moral dilemma raised by Loisy. One person said: Well, one simply has to reckon with human imperfection. Christianity certainly wants something different from what is now happening across the earth, but what is happening must happen because human beings are imperfect. — Reflecting on that is not the point at all; rather, the point is to reflect, ponder, and empathize with how human beings can become more perfect, how they can ennoble themselves, and how they can rise to a higher ethical level by integrating themselves more and more into the universal order of the world. In many cases, the questions must be posed quite differently than people tend to ask them today.

[ 28 ] Das sind die Empfindungen, die ich während unseres diesmaligen Zusammenseins in Ihre Seelen legen wollte. Mehr noch als früher kommt es mir diesmal darauf an, daß meine Worte nicht nur mit dem Verstand begriffen, sondern daß sie so aufgefaßt werden, wie sie gemeint sind: daß sie unser Gemüt anregen, damit sie in unserem Gemüte die Keime werden für verständnisvolles Eindringen in das, was in der Menschheitsentwickelung, im Menschheitslaufe zu geschehen hat. Denn jeder wird in vielleicht nicht gar zu langer Zeit, nach seiner Art und nach seinem Karma, auf diesem oder jenem Posten sich umringt sehen von wichtigen Lebensfragen, denen er nicht gewachsen ist, wenn er nur bei den alten bequemen Vorstellungen bleiben will. Lernen müssen wir, neue Vorstellungen uns anzueignen. Geisteswissenschaft wird uns eine Führerin sein können zu solch neuen Vorstellungen. Zum Wachsein die Seelen anzuregen, das haben meine Worte gewollt. Wenn sie auch scheinbar von Tatsachen ausgegangen sind, so waren die Tatsachen so gewählt, daß sie gerade dasjenige berührten, was mit Bezug auf das Empfindungsleben, mit Bezug auf das ganze Gemütsleben im gegenwärtigen Augenblick für den Menschen das Allerwichtigste ist.

[ 28 ] These are the feelings I wanted to instill in your souls during our time together this time. Even more than before, it is important to me this time that my words not only be understood intellectually, but that they be taken as they are meant: that they stir our hearts, so that they may become the seeds within our hearts for a profound understanding of what is to happen in the course of human development and the course of human history. For each of you will, perhaps before too long—according to your own nature and karma—find yourselves, in one position or another, confronted with important questions of life that you will not be able to handle if you insist on clinging to old, comfortable notions. We must learn to adopt new ideas. Spiritual science can serve as a guide to such new ideas. My words were intended to stir the souls to wakefulness. Even if they seemed to be based on facts, those facts were chosen precisely to touch upon what is most important for human beings at this very moment—in relation to their emotional life and their entire inner life.